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Marcello Venusti pinx

DAS MUSEUM VIII.

Michelangelo
Gedichte und
Briefe

In Auswahl herausgegeben
von
R. A. Guardini


Pan-Verlag, Berlin 1907

Michelangelo hat fast nur Persönlichkeitsgedichte geschrieben. Was er in jenem Madrigal über sein bildnerisches Schaffen aussprach,

Mich deucht, stets bild' ich mich,

Und meine doch ihr Antlitz zu gestalten,

hätte er auch von seinem Dichten — er mehr als irgend einer — sagen können. Mit wenig Ausnahmen erzählen seine Verse, auch wenn er von anderen spricht, nur von seinem Empfinden, seinem Kämpfen, von den Werten und Idealen, die er suchte und in den geliebten Menschen verkörpert sah. Er war, zumal in reiferem Alter, stets mit sich allein, stets ein Mensch, der einsam mit der eigenen Seele zu ringen, sein edleres Selbst gegen Leidenschaften zu behaupten hatte, deren Wucht seine Schöpfungen ahnen lassen; und so liessen ihn die Spannungen in seinem Innern nicht zur Ruhe dessen kommen, der ein Geschautes schildert.

Er wusste in seinen Dichtungen fast nur unmittelbar von sich zu sprechen oder sehnsüchtig die Menschen anzuschauen, anzurufen, in denen er den Frieden und die Schönheit zu sehen glaubte. Und es will scheinen, als sei es ihm auch in seiner Liebe nicht gelungen, sich wirklich an den Anderen zu verlieren, wirklich diesen, wie er war, zu sehen, als habe er auch in ihr den Genossen eigentlich nicht gefunden. Selbst in den Gedichten an Vittoria, von der er doch am ehesten hoffen durfte, sie gehe mit ihm den gleichen Weg, konnten Gedanken wie diese auftauchen:

Sage mir, Liebe, ob ich die heissersehnte

Schönheit wirklich hier sehe, oder ob drinnen

In meiner Seele sie lebt, und ich der Herrin

Antlitz anschauend verkläre?

Es ist wie eine Ahnung, dass er auch in den geliebten Menschen nur Schönheiten sehe, die er ihnen erst verliehen, dass er nur von den Bildern seiner eigenen Vollkommenheitssehnsucht spreche, wenn er ihre Hoheit verehre.

Michelangelos eigene ringende Seele, mehr enthalten seine Dichtungen nicht.

Dieser Gedanke liegt der Anordnung zugrunde. Sie fasst die Gedichte zusammen, denen in der Seele ihres Schöpfers gleiche Voraussetzungen entsprechen, Grundkräfte, Anlagen seines Wesens, Ziele, die er erstrebte, Werte, die er bejahte und in denen er sein letztes Genügen fand. Die Ordnung dieser Gruppen untereinander versucht von der Wertung auszugehen, die Michelangelo selbst an ihrem Inhalt vollzogen hat, indem sie ihn an dem Bilde des Menschen misst, den er in sich zu verwirklichen strebte.

Ist dies gelungen, dann bilden die Gedichte eine Reihe, die von relativ Äusserlichem ausgehend immer mehr zu dem vordringt, was Michelangelo als sein Wertvollstes und Eigenstes beurteilte.

Dass bei diesem Versuch die Gefahr der Subjektivität nahe sei, habe ich mir nicht verhehlt; aber hier schien die beste Möglichkeit zu liegen, aus einer blossen Aneinanderreihung ein innerlich verbundenes Ganzes zu machen.

Die Briefe sind chronologisch geordnet. Aus der grossen Zahl mussten sehr wenige ausgewählt werden. Es sind besonders solche, in denen das eigenartige Verhältnis des Meisters zur Familie, sein stetes Sorgen und bereitwilliges Helfen, dann auch seine Stellung zu Freunden und Auftraggebern zum Ausdruck kommt.

Als Anhang sind die wenigen erhaltenen Briefe Vittorias an ihn beigefügt.

Die Übersetzungen der Gedichte sind teils schon vorliegende ältere, deren Wiederdruck von den Herren Verlegern in liebenswürdiger Weise gestattet wurde, teils Neuübertragungen von Bettina Jacobson.[1] Die Briefe wurden vom Herausgeber sämtlich neu übersetzt. Der Auswahl gehen einige Kapitel aus Ascanio Condivis „Leben Michelangelos“ voraus, die etwa zehn Jahre vor seinem Tode unter seinen Augen entstand: eine einfache Fassung, der sich „die geschnittenen Steine“ der Dichtungen vielleicht zu klarerem Schimmer einfügen.

Die wiedergegebenen älteren Übertragungen stammen aus:

Michelangelos Gedichte, übersetzt von Sophie Hasenclever, Leipzig, Dürr 1875.

Übersetzungen von Hermann Grimm in: Grimm, Leben Michelangelos, Berlin, Spemann.

Übersetzungen von Bodenstedt in: Nord und Süd. Bd. 34.

Übersetzungen von Karl Witte in: Romanische Studien 1871.

Übersetzungen von Hans Grasberger in: Le Rime di Michelangelo 1872.

R. A. Guardini.


„Michelangelo beschränkte sich in seiner Jugend nicht auf Skulptur und Malerei, sondern er widmete sich auch allen verwandten und ähnlichen Künsten; und das tat er mit solchem Eifer, dass er sich für einige Zeit fast völlig der Gemeinschaft der Menschen entzog und nur mit ganz wenigen Umgang pflegte. Dies brachte ihn in den Ruf eines hochmütigen oder seltsamen und phantastischen Menschen, und doch waren beide Fehler ihm gleich fremd. Es war die Liebe zur Tüchtigkeit und die treue Hingabe an die edlen Künste, die ihn — wie es vielen ausgezeichneten Männern geschah — einsam machten und ihn nur in deren Dienste Genüge und Ergötzung finden liessen. Darum war ihm die Geselligkeit keine Freude, ja verhasst, denn sie störte ihn in seiner Gedankenarbeit; war er doch, wie jener grosse Scipio zu sagen pflegte, nie weniger allein, als wenn er allein war.

Doch suchte er gerne die Freundschaft derer, die ihm in tüchtigen und weisen Gesprächen irgendwelche nützliche Frucht boten, oder in deren Seele ein Strahl des Aussergewöhnlichen aufblitzte … Eine besondere und grosse Liebe verband ihn mit der Marchesana von Pescara, deren hoher Geist ihn gefangen hielt, und die ihm mit ausserordentlicher Liebe vergalt. Von ihr bewahrt er noch viele Briefe, voll von reiner und süsser Liebe, wie sie aus so edlem Herzen kommen mussten, und er hat an sie viele gar kunstvolle Sonette gerichtet, in denen eine innige Sehnsucht lebt. Sie verliess oft Viterbo oder andere Orte, wohin sie sich zur geistigen Sammlung oder zum Sommeraufenthalt zurückgezogen hatte, und kam nach Rom, einzig um Michelangelo zu sehen; und er trug zu ihr solche Liebe, dass ich ihn einst sagen hörte, er habe nur den Schmerz, dass er sie nicht, als sie aus diesem Leben schied, auf die Stirn oder den Mund küsste, wie er ihre Hand geküsst hatte. Und der Gedanke an ihren Tod liess ihn oft im Schmerz gleichsam erstarren.

Wie er die Gespräche mit gelehrten Menschen sehr liebte, so fand er auch Ergötzen am Lesen der Schriftsteller, ob sie nun in Prosa oder in Versen schrieben, und besonders trägt er Verehrung für Dante, dessen wunderbares Genie ihn anzieht, und dessen Werke er fast ganz in treuem Gedächtnis bewahrt. Den Petrarca schätzt er vielleicht fast eben so hoch. Doch begnügte er sich nicht damit, sie zu lesen, sondern fand auch seine Lust daran, selbst zu dichten, und manche seiner Sonette legen für die grosse Kraft seiner Erfindung und seinen reinen Geschmack gutes Zeugnis ab … Aber all dies trieb er nur zu seinem Ergötzen und masste sich keinerlei Sachkenntnis darin an, setzte sich selbst vielmehr stets herab und betonte seine Unerfahrenheit in solcherlei Künsten.

Mit gleichem Eifer und gleicher Aufmerksamkeit las er die heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments und suchte mit stetem Bemühen in ihren Sinn einzudringen. Gleicherweise studierte er die Werke Savonarolas, zu dem er stets grosse Zuneigung hatte, und noch bewahrt er im Gedächtnis den lebendigen Klang seiner Stimme.

Auch liebt er die Schönheit des Körpers, ist er doch am tiefsten mit ihrem Wesen vertraut. Ja er liebt sie so sehr, dass sinnliche Menschen, die nur in unlauterer und unehrenhafter Weise die Schönheit zu lieben vermögen, Schlimmes von ihm dachten und sagten. Und doch wurde Alcibiades, der überaus schöne Jüngling, von Sokrates mit der keuschesten Liebe umfasst und er pflegte zu sagen, so oft er an dessen Seite geruht habe, sei er nie anders als wie ein Sohn von der Seite des Vaters aufgestanden. Ich habe oft Michelangelo über die Liebe reden und sich unterhalten hören, habe aber stets, auch von den übrigen, die dabei waren, vernommen, dass er nicht anders über die Liebe spreche, als wie bei Plato geschrieben steht. Ich weiss ja nun nicht, was Plato über diesen Gegenstand sagt; das aber weiss ich gewiss, dass ich lange seinen vertrauten Umgang genoss und aus seinem Munde stets nur Worte von strengster Lauterkeit vernahm, die in jedem Jüngling alle ungeordneten und zügellosen Wünsche niedergezwungen und ausgerottet hätten. Und dass sein Geist hässliche Gedanken nicht duldete, kann man auch daraus erkennen, dass er stets nicht nur die Menschenschönheit liebte, sondern alles Schöne, ein schönes Pferd und einen schönen Hund, die Schönheit einer Landschaft, eines Berges, eines Waldes, jede schöne Gegend und jegliches schöne und in seiner Art seltne Ding mit tiefer und wunderbarer Verehrung anschaute. So entnahm er überall der Natur das Schöne, wie die Bienen aus den Blüten den Honig sammeln, und legte es in seinen Werken nieder. Das haben aber alle die getan, die sich in der Kunst eines grösseren Rufes erfreuten. Jener Meister des Altertums begnügte sich, um die Venus zu bilden, nicht damit, nur eine Jungfrau zu sehen, sondern er wollte viele anschauen. Und indem er so von jeder das Schönste und Vollendetste nahm, schuf er daraus die Göttin. Und so viel steht fest: wer sich einbildet, er werde auf anderem, als auf diesem Wege, der allein zur rechten Anschauung führt, Grosses in der Kunst leisten, der täuscht sich in verhängnisvoller Weise.

In seinem ganzen Leben beobachtete Michelangelo eine grosse Mässigkeit und bediente sich, zumal wenn er arbeitete, mehr aus Notdurft als zum Genusse der Speise. Meist begnügte er sich dann mit einem Stück Brot, das er ass, ohne die Arbeit zu unterbrechen … Oft hörte ich ihn sagen: „Ascanio, wenn ich auch noch so reich war, stets habe ich arm gelebt.“ Und wie er nie viel ass, so schlief er auch wenig; pflegte er doch selbst zu sagen, der Schlummer habe ihm nie gut getan, habe ihm vielmehr fast immer, wenn er länger geschlafen habe, Kopfschmerzen verursacht. Als er noch von kräftigerer Gesundheit war, schlief er öfter in Kleidern und Stiefeln — dieser bediente er sich, weil er stets am Krampf litt und noch aus anderen Gründen — und manchmal liessen sie sich so schwer ausziehen, dass mit den Stiefeln auch die Haut mitging, so wie es bei der Schlange geschieht, wenn sie sich häutet.

Nie geizte er nach Geld, noch strebte er danach, Reichtümer aufzuhäufen; vielmehr war er zufrieden, wenn er genug besass, um ruhig leben zu können … Viele seiner Werke hat er verschenkt und hätte doch durch ihren Verkauf unermessliche Summen lösen können … Er war aber nicht nur mit seinen Werken freigebig, sondern hat auch oft einem armen, doch tüchtigen jungen Menschen, der sich den Künsten oder der Wissenschaft widmete, mit seiner Börse geholfen; ich kann das bezeugen, denn mir selbst ist so von ihm geschehen. Nie war er neidisch auf die Erfolge anderer in seiner Kunst, und das mehr aus natürlicher Herzensgüte, als weil er von sich selbst eine hohe Meinung hätte. Er lobte das Gute in allen, selbst in Raffael von Urbino, mit dem er doch, wie ich oben schrieb, im Felde der Malerei manchen Kampf ausgefochten hat. Nur hörte ich ihn sagen, Raffael habe seine Kunst nicht von der Natur erhalten, sondern sie sich durch langes Studium erworben …

Er besitzt ein ausserordentlich treues Gedächtnis, so dass er, der doch, wie man sehen kann, Tausende von Gestalten gemalt hat, nie auch nur zwei bildete, die sich ähnlich gesehen, oder die gleiche Haltung eingenommen hätten. Ich hörte ihn sagen, dass er keine Linie ziehe, ohne zu wissen, ob er sie bereits einmal gezogen habe; und wenn dies geschehen ist, lässt er sie nie stehen, falls das Werk für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Auch besitzt er eine ungeheure Kraft gestaltender Phantasie, und daher kommt es vor allem, dass er stets so unzufrieden mit seinen Werken ist, und sie stets herabsetzt, denn noch nie schien es ihm, als sei es seiner Hand gelungen, das Bild zu formen, wie es in seinem Innern aufstieg. Und aus den gleichen Gründen ist er schüchtern, wie es die sind, die sich in Musse einem beschauenden Leben hingeben. Nur wenn ihm oder anderen Unrecht zugefügt wird, oder man seine Rechte verletzt, flammt er in gerechtem Zorne auf. Dann aber ist die Wucht seiner Abwehr grösser, als bei denen, die man für mutig hält …“

Ascanio Condivi, Leben Michelangelos,
Kap. 62–68.


Dichtungen.

An Florenz.

Nur dich erfreut mein Gram! Sieh, welch Erbarmen

Die holden Frau'n bewegt, dass Qual und Sterben

Zu süss du noch erachtest für mich Armen.

Wo ist nun Mitleid? Wen zum Schützer werben

Vor Weibes Grimm, wenn Männer sich vernichten,

In Hass und Kampf sich stürzen ins Verderben?

Du, Amor, sollst wie immer heut auch richten!

Und reiche nur den Bogen ihren Händen;

Bin schuldig ich, dann mag sie mich vernichten.

Der, welcher schmachtet zwischen Kerkerwänden,

Der, den zum Tod man schleift in wilder Hetze,

An welch ein Tribunal soll der sich wenden?

Was nützen ihm und mir Recht und Gesetze?

Doch sag', warum lehrt dich mein Lieben hassen?

Wer fasst es, dass dich Fleh'n in Wut versetze?

Dem Schatten gleicht dein Reiz, in dem erblassen

Die dir sich nah'n; das Herz, das liebewarme,

Muss schauernd sein Verderben hier umfassen.

Ihr stolzen, stets zum Mord bereiten Arme,

Ihr Augen, spottend der im Netz Verstrickten,

Ihr Hände, höhnisch deutend auf uns Arme,

Ihr Gaben all, verliehen der Beglückten

Zu hohem Ruhm, nicht schuf euch Gottes Wille,

Um Tod und Schmach zu bringen uns Entzückten!

Ihr sollt im Spiegel eurer Schönheitsfülle

Den Glanz uns ahnen lassen jener Sphären,

Die noch uns birgt des Staubes Schleierhülle.

Die ird'sche Schönheit soll uns glauben lehren

An ew'ge Schönheit, göttliche Vollendung;

Und du lebst nur zu töten, zu verheeren!

Ein Himmelsbote, spottend seiner Sendung,

Verdient den Untergang noch mehr als jene,

Die ihm gefolgt in menschlicher Verblendung.

Die Liebe zeigt dein Ende mir, du Schöne,

Dass meine Warnung deinen Stolz vernichtet

Und dir ins Auge lockt die Reueträne.

O fühle doch der Welt dich auch verpflichtet,

Für die so schön geschaffen du; gefallen

Lass dir die Lieder, dir zum Ruhm gedichtet.

Die Tugend nützt sich selbst nicht nur, nein allen,

Dem Himmel gleich, der Licht am meisten spendet,

Wo sich am dunkelsten die Schatten ballen,

Du aber hast dich geizig abgewendet;

Wir sterben, du bleibst ungestraft auf Erden;

Nun seht ihr, dass nicht hier das Dasein endet,

Und dass Gerechtigkeit geübt muss werden

In andern Welten. Weh, dass treue Dienste

Man lohnt durch Qual und tödliche Gefährden!

— — — — — — — — — —

1.

Sophie Hasenclever.

Auf die „Nacht“ des Buonarroti von Giovanni Strozzi.

„Die Nacht, die wir in tiefem Schlummer sehen,

Ein Engel schuf sie hier aus diesem Stein,

Und weil sie schläft, muss sie lebendig sein,

Geh, wecke sie, sie wird dir Rede stehen.“

Entgegnung Michelangelos.

„Schlaf ist mein Glück; so lange Schmach und Kummer

Auf Erden dauern, besser Stein zu bleiben,

Nicht sehn, nicht hören bei so schnödem Treiben.

Sprich leise drum und stör' nicht meinen Schlummer.“

2.

Sophie Hasenclever.

Florenz und die Verbannten.

„Für tausend Liebende bist du geboren

In Engelsschönheit! Schläft der Himmel heute,

Dass du des einen Beute,

Du allen einst geschenkt und nun verloren?

Sind wir, ach fern geboren,

Nicht ganz verschmäht, so lass für uns auch tagen,

Für uns Verbannte deiner Augen Sonnen!“

„Wohlan, nicht sinke euer Mut, ihr Toren,

Denn nicht den grossen Raub lässt grosses Zagen

Geniessen den, der mich zum Schein gewonnen;

Und seht, ist nicht inmitten aller Wonnen

Unfähig zum Genusse sein, viel schlimmer,

Als dulden bei der Hoffnung fernstem Schimmer?“

3.

Sophie Hasenclever.

An Julius II.

Herr, hatte je ein altes Sprichwort Wert,

So hat es dies: Wer kann, der will noch nicht.

Auf hohle Reden legtest du Gewicht

Und hast mit Gunst der Wahrheit Feind geehrt.

Stets hab' ich mich in deinem Dienst bewährt,

Dein, wie der Sonne ihrer Strahlen Licht;

Doch, wenn ich Zeit verloren, rührt's dich nicht,

Und schaltest mehr, je mehr ich mühbeschwert.

Mein Hoffen hatt' ich ganz auf dich gestellt,

Nur war ein gutes Schwert und rechte Wage

Mehr angebracht als hohles Echowort.

Doch wahrer Tugend wert hält diese Welt

Der Himmel nicht, will er, dass Früchte trage

Ein hohler Baum für uns, der schon verdorrt.

4.

Bettina Jacobson.

An Giovanni di Pistoja.

Schon wuchs ein Kropf mir bei den Quälerei'n,

Wie's Katzen in der Lombardei geschieht

Vom Wasser, (oder wie man's sonst wo sieht),

Denn in den Bauch drückt schon das Kinn sich ein.

Der Bart starrt aufwärts, der Gedächtnisschrein

Liegt im Genick; wie bei Harpyien flieht

Die Brust, und übers Antlitz tröpfelnd zieht

Der Pinsel Mosaïken reich und fein.

Die Lenden sind mir in den Wanst gespannt,

Dagegen ward mein Hinterteil zur Kruppe;

Unsichern Schritts, ein Blinder, wanke ich.

Vorn nimmt die Haut in Falten überhand,

Und hinten spannt sie über harter Kuppe,

Denn wie ein Syrerbogen krümm' ich mich.

So geht auch wunderlich

Und falsch das Urteil aus dem Hirn hervor,

Denn schlecht nur fährt ein Schuss aus schiefem Rohr.

Such' nun, o Freund, hervor,

Was noch für meine toten Bilder spricht!

Schlecht ist mein Platz, zum Malen taug' ich nicht!

5.

Bettina Jacobson.

Spottgedicht.

So süss wie Mus ist dein Gesicht, o Schöne,

So glatt, als wär' ein Schnecklein drauf spaziert,

Wie Rüben zart; es gleichen deine Zähne

Den Pastinaken, und dein Auge stiert

So wie die Theriakpflanze grün; ich wähne,

Durch solchen Glanz wird selbst ein Papst verführt.

Wie Zwiebeln weiss und blond sind deine Haare!

Erbarm' dich schnell, sonst lieg' ich auf der Bahre!

6.

Sophie Hasenclever.

So rasch, so kühn, mit Lug und Trug im Bunde

Ist meine Freundin, dass sie Huld versprochen

Im Augenblick, da sie mein Herz durchstochen,

Und schon das Eisen steckte in der Wunde.

Ach, zu derselben Stunde

Durchwärmt mich Leben, da mich Tod durchschauert!

Die bange Seele trauert,

Denn wenn dies Schwanken dauert,

Besiegt der Tod das Leben. Mehr vernichtet

Das Böse, als das Gute heilt und schlichtet.

7.

Sophie Hasenclever.

Genöss' ich mindre Gnade,

Dann reichte wohl zum Leben meine Kraft,

Nun aber ist erschlafft

Durch Zähren, die in Doppelbächen fliessen,

Mein Herz und krank vom Tränenbade.

So muss das hohe Glück die Schwäche büssen!

Kein Weiser will geniessen,

Wozu die Kraft ihm fehlet,

Denn Wonne ohne Mass erdrückt hienieden.

Ein stilles Glück wird spriessen,

Vom Friedenshauch beseelet,

Dem Herzen, das in Demut sich beschieden.

Nicht bringt, was andern ziemt, auch mir den Frieden;

Giebst dem, der nur um kleinen Lohn gebeten,

Das Höchste du, so wird das Glück ihn töten.

8.

Sophie Hasenclever.

Wenn sich die Schmerzen, die mein Antlitz trüben,

Dir, teure Herrin, zeigen,

So scheinen sie zu steigen

In gleichem Mass, wie in dem deinen, lieben,

Das frei von Gram geblieben,

Die Reize sich erhöh'n; durch meine Leiden

Will Amor dich Geliebte noch verschönen;

Da Ruhm dir bringt solch Lieben,

So duld' ich denn mit Freuden.

Macht schon mein Gram dich schön, wie erst mein Sterben!

Und doch, wenn meine Tränen,

Die Glanz und Reiz erhöh'n in deinen Zügen,

Einst durch den Tod versiegen,

So bringt mein Tod statt Ehre dir Verderben.

Nun will ich nicht mehr sterben,

Nein, dulden will ich gern in deiner Nähe,

Denn süss ist Gram, der solche Schönheit nähret;

Wem sie zu schau'n bescheret,

Der trägt ja leicht zugleich ein grosses Wehe.

9.

Sophie Hasenclever.

Der goldne Kranz, sieh, wie er voll Entzücken

Das blonde Haar mit Blüten rings umfängt,

Es darf die Blume, die am tiefsten hängt,

Den ersten Kuss auf deine Stirne drücken.

Wie freudig das Gewand den langen Tag

Sich um die Schultern schliesst und wieder weitet

Am Hals, zu dem das Haar herniedergleitet,

Das dir die Wangen gern berühren mag.

Sieh aber hier, wie mit verschränkten Schnüren

Nachgiebig und doch eng das seidne Band

Beglückt ist, deinen Busen zu berühren.

Der Gürtel spricht: Lass mich die Lust geniessen,

Dass ewig meine Haft dich so umspannt —

Wie würden da erst Arme dich umschliessen!

10.

Hermann Grimm.

Weil man wie Seelenzwang,

Erscheint sie auch als Labe,

Die Gunst empfindet, sich gebunden glaubt,

So klagt mein Freiheitsdrang

Ob deiner werten Gabe

Mehr noch, als hätte mich ein Dieb beraubt.

Und kann zum Strahlenhaupt

Der Sonne ungeschwächt kein Auge dringen,

Das doch erstarken müsst' bei solchem Wagen,

So möchte kraftberaubt

Nicht mein Vermögen sein, dir Dank zu bringen.

Oft muss vorm Überfluss der Mangel zagen,

Und jener wieder über diesen klagen:

Denn Liebe will nur solche Freunde nennen,

(Wie selten ach)! die gleich an Glück und Können.

11.

Bettina Jacobson.

An Giorgio Vasari.

Mit deinem Griffel, deinen Farbentönen

Hast gleich die Kunst du der Natur gemacht,

Ja übertroffen sie zum Teil an Macht,

Da fähig du, ihr Schönes zu verschönen.

Doch heut erst wird vollständ'ger Sieg dich krönen,

Dich, der auf höh're Werke jetzt bedacht,

Denn deine Schrift erhellt des Grabes Nacht

Und gibt Unsterblichkeit den Erdensöhnen.

Ob auch die Kunst oft die Natur bezwungen,

Ob Jahre ihre Werke nicht verletzen,

Sie hindert's nicht, dass alle einst zerstäuben.

Du aber, Taten singend, die verklungen,

Du, Tote weckend trotz Naturgesetzen,

Wirst du und werden sie lebendig bleiben.

12.

Sophie Hasenclever.

An Giorgio Vasari.

Ein Maultier, Kerzen, wahre Zuckermassen!

So über mein Vermögen handelt Ihr,

Dazu die grosse Flasche Malvasier,

Dass ich Sankt Michael muss die Wage lassen.

Zu schönes Wetter lässt kein Lüftchen blasen:

Das Segel hängt, der Kurs entschwindet mir,

Mein schwaches Schifflein scheint ein Splitter schier,

Den wilden Meeresfluten überlassen.

Erwäg' ich Eure Gaben, Eure Güte

Und Speis' und Trank und freundliches Bedenken,

Dass man auf Reisen sorglich mich behüte, —

Dann würde sich mein Dank auf nichts beschränken,

Selbst wenn ich Euch mich selbst als solchen biete,

Denn eine Schuld bezahlen, heisst nicht schenken.

13.

Bettina Jacobson.

Aus den Stanzen zum Lob des Landlebens.