Monate
Fabrik-Arbeiterin.

Von
Frau Dr. Minna Wettstein-Adelt.

Berlin 1893.
Verlag von J. Leiser
N.O. Barnimstraße 20.

Meinem geliebten Mann, Herrn Dr. jur. Oscar Wettstein, gewidmet in herzlichem Dankgefühl für seine selbstlose Unterstützung in meinem Unternehmen.

Die Verfasserin.

Inhaltsverzeichnis.

Seite
Vorwort[1]
Einleitung[5]
1. Kapitel. Die materielle Lage der Arbeiterinnen[8]
2."Nahrung und Kleidung der Arbeiterin [13]
3."Arbeit, Beruf, Vergangenheit[18]
4."Sittliche Zustände[24]
5."Sparsamkeit und Ehrlichkeit[35]
6."Die Ehe[42]
7."Die Stellung des Mädchens[48]
8."Seßhaftigkeit und Versicherung[52]
9."Wohnungen und Schlafstellen[56]
10."Religion[68]
11."Sozialdemokratie und Frauenfrage[71]
12."Vergnügungen[80]
13."Die Hausindustrie[88]
14."Stellenlos[91]
15."Verschiedenes[102]
Betrachtungen[106]

Vorwort.

Meine nachstehenden Mitteilungen sind einem andern Motiv entsprungen, denn man annehmen wird; sie sollen lediglich ein Beitrag zur Frauenfrage sein, sie sollen die Bewegung auch in den unteren Schichten fördern.

Als eifrige Kämpferin für unser gutes Recht habe ich vielfach Gelegenheit gehabt zu sehen, daß fast alle deutschen Frauen unter den Kämpferinnen, auch die tüchtigsten, die Kirche am Turm anfangen zu bauen, d. h., sie berücksichtigen bei ihrem Streben immer nur das Frauenstudium und die Gleichberechtigung mit dem Mann, ohne in die unteren Kreise hinabzusteigen, um die Frauen dort kennen zu lernen. Auch ich will Gleichberechtigung mit dem Mann; aber so lange Tausend und aber Tausend von Frauen in Elend, Knechtschaft und Verrohung schmachten, muß erst diesen geholfen werden, ehe man die verhältnißmäßig noch gut dastehenden Oberen unterstützt.

In meinen Bestrebungen hat mir, zwar indirekt, aber dennoch als Bahnbrecher, Paul Göhre, der Verfasser von »3 Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche«, Verlag von Grunow, Leipzig, den Weg gewiesen; ihm verdanke ich die Idee, er war mein Pionier. Sobald der Plan in mir gereift war, gleich Göhre als Arbeiterin unter Arbeiterinnen zu leben, machte ich mich ans Werk, um ihn auszuführen. Da für mich – in Berlin – Spandau die nächste Fabrikstadt ist, so wandte ich mich an die Direktion der fiskalischen Betriebe, an eine Gewehr- und eine Pulverfabrik, mit der Bitte, mir daselbst Arbeit zu geben; allein mein Verlangen, ebenso ein Gesuch an den Herrn Kriegsminister, blieb unberücksichtigt. Aus welchen Gründen mir der Eintritt in jene Betriebe nicht gestattet wurde, kann ich nicht begreifen; daß die fiskalischen Betriebe irgend etwas in der Behandlung ihrer Arbeiterinnen zu verheimlichen hätten, kann ich mir nicht denken.

Ich erhielt endlich, nach langen Bemühungen, Arbeit in einer Berliner Fabrik; allein dort konnte ich nicht das gewünschte Material finden, mir war es um eine typische Arbeiterbevölkerung zu thun.

Herrn Louis Gr. (Inhaber der Firma Gebrüder Gr.), dem Besitzer eines großen Strumpf- und Trikotagengeschäftes in der Königstraße, den ich als seine Kundin kennen und schätzen gelernt hatte, vertraute ich mich an, weil ich wußte, daß dieser Herr mit den größten Chemnitzer Fabriken in Geschäftsverbindung steht, und mir infolge dessen wohl ein Unterkommen vermitteln würde. Ich hatte mich nicht geirrt. In Herrn Grs. Empfehlungen hatte ich ein »Sesam, öffne Dich!« gefunden, das mir den Eintritt in die meisten Chemnitzer Fabriken verschaffte, sodaß ich nur zu wählen brauchte.

Ich habe, im Gegensatze zu Paul Göhre, in vier Fabriken verschiedener Branchen gearbeitet, sowie in einer Fabrik auf dem Lande, um die Landarbeiterbevölkerung und die Hausindustrie kennen zu lernen.

Ich kann mit gutem Gewissen sagen, daß ich jede Minute des Tages zur Arbeit verwandte, daß ich meine Gedanken beständig koncentrierte, um möglichst viel zu erfahren. Ich bin Abend um Abend, Sonntag um Sonntag mit meinen Arbeits-Genossinnen zusammengewesen, ich habe mit ihnen fast alle Vergnügungs- und Tanzlokale besucht.

Trotzdem aber bitte ich, meine Betrachtungen nicht als ein apodiktisches Urteil über die Arbeiterinnen anzusehen; ich werde versuchen, stets objektiv zu bleiben, alles so zu schildern, wie ich es vielfach, nicht nur hie und da, gefunden habe, und bemerke noch, daß ich hier nur von der sächsischen Arbeiterin spreche.

Wenn auch mein Buch einen Sturm von Entrüstung bei denen hervorrufen wird, die seinerzeit Göhres Werk angriffen als »ein feiges Sicheinschleichen in das Vertrauen des harmlosen Arbeiters«, so bin ich doch getrost; ich habe jene schweren Monate nur zum Wohle meiner leidenden Geschlechtsgenossinnen durchgemacht. Ich allein kann es beurteilen, was ich in jenen Verhältnissen, die mir bis dahin gänzlich fremd gewesen, gelitten, wie bitter schwer es mir oft wurde, den traurigen Vergnügungen nachzugehen.

Ich allein weiß es, wie manche Nacht ich vor Erschöpfung, vor übergroßer Ermüdung nicht einschlafen konnte, wie ich bei der schweren körperlichen Maschinenarbeit oft glaubte zusammenzubrechen.

Nur die aufopfernde, treue Pflege meines Mannes, der mir als Beschützer stets in angemessener Entfernung folgte, nur sein aufmunternder Zuspruch, sein Anspornen, schützten mich oft vor der Rückkehr; ihm verdanke ich es, daß ich das Unternehmen bis ans Ende ausführte.

Heute, wo ich diese Blätter hinaussenden kann in die Welt, erfüllt mich nur die reine Freude nach gethaner Arbeit, der lebhafte Wunsch, daß meine Mühe nicht umsonst gewesen sei.

An meine gleichgestellten Mitschwestern aber richte ich die dringende Bitte: Erseht aus dem, was ich anführe, wo Hilfe am dringendsten Not thut, laßt Euch diese Zeilen ein Wegweiser sein, um vorzudringen im Dunkel des Elendes, der teilweisen Verkommenheit jener Kreise. Ihr, die Ihr im Luxus und im Reichthum schwelgt, helft jenen, die das gleiche Recht auf die Lebensgenüsse haben, als Ihr, die aber oft ein Dasein führen, das eines Menschen unwürdig ist. Macht Euch auf und thut einmal wirklich Gutes, das mehr Segen bringen wird, denn Bazare und Wohlthätigkeitskonzerte! Denn:

»Nur der erringt sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß!«

Einleitung.

Schon von Berlin aus hatte ich in einer der größten Chemnitzer Strumpffabriken Arbeit gefunden; nur der Besitzer und der Direktor des Betriebes wußten, wer ich war.

An einem schönen Frühlingsmorgen machte ich mich zum ersten Mal, als Arbeiterin gekleidet, auf den Weg zur Fabrik. Hochklopfenden Herzens betrat ich die Comtoirräume, dem jungen Mann, der herablassend nach meinem Begehr frug, antwortend, ich sei vom Direktor als Arbeiterin engagiert worden. Der alsbald hinzugerufene Direktor führte mich durch mehrere Zwischengebäude in einen Saal im ersten Stockwerk der Hinterfront, wo die Hefterinnen beschäftigt sind.

Ich wurde vom Aufseher, einem großen, hageren, aber noch ganz jungen Manne, an einen Tisch gewiesen, an welchem etwa fünfzehn Mädchen saßen und Herrensocken hefteten; der einen derselben wurde ich als Lehrmädchen übergeben. Meine Lehrmeisterin war äußerst wortkarg; sobald sie sah, daß ich ordentlich nähte, kümmerte sie sich nicht mehr um mich. Ich ließ die Dinge einfach an mich herantreten, weil ich nicht wußte, wie ich mich zu benehmen hatte.

Mir gegenüber saß ein bildhübsches Mädchen – übrigens die Hübscheste aus der ganzen Fabrik – aber mit unsagbar frechem Gesichtsausdruck. Sie war die erste, die das Wort an mich richtete; sie frug mich, wie ich heiße, woher ich sei, wo ich wohne, was ich bis jetzt gearbeitet. Ich hatte mir ein Märchen schon vorher zusammengestellt. Als sie hörten, ich sei bis jetzt Putzmacherin gewesen, drängte sich jede freundschaftlich an mich, eine jede hatte einen Hut, den sie modernisiert haben wollte. Dieser Umstand hat mir Zutritt in alle Arbeiterfamilien verschafft, da ich manchmal an einem Abend zu vier oder fünf Mädchen ging, ihnen ihre Hüte ausputzte und dabei Einblick in ihre intimste Häuslichkeit gewinnen konnte.

Schon nach Ablauf eines Vormittags hatte mir eine jede an unserm Tisch ihre Lebensgeschichte erzählt, alle Details über ihren Schatz gegeben. In der Mittagspause saßen wir bereits einträchtig zusammen; und die Freundschaft wurde noch größer, als ich für die ganze Corona zwei Flaschen Bier kommen ließ.

Meine Arbeit war hier eine sehr leichte und angenehme, die Mädchen durchwegs reinlich, selbst hübsch gekleidet, der Ton ein derb-fröhlicher, ohne die Würze jener Roheiten und schamlosen Zoten, wie ich sie in allen anderen Fabriken noch hören mußte. Ich fand die ganze Art des Verkehrs der Arbeiterinnen untereinander und mit den Vorgesetzten besser und höflicher, denn man ihn in den Ateliers von Schneiderinnen, Weißnäherinnen und Putzmacherinnen zu finden gewohnt ist.

Glücklicher Weise erging es mir in der ersten Fabrik so gut, denn wenn ich gewußt hätte, was ich in den anderen Fabriken an Roheit und Gemeinheit in den Kauf nehmen mußte, wer weiß, ob ich die Flinte nicht doch noch ins Korn geworfen hätte.

Ich habe aber, und das will ich gleich zu Anfang betonen, gefunden, daß, je gröber und schwerer die Arbeit, je roher auch die Menschen waren. Alle die Mädchen, mit denen ich in Handschuh- und Strumpffabriken arbeitete, waren grundverschieden im Benehmen, wie in der Kleidung gegenüber denjenigen, die Maschinenarbeit verrichteten.

Die Krone der Verkörperung aller sittlichen Roheit aber fand ich bei den Arbeiterinnen in Spinnereien; solch unglaubliche Dinge, wie ich sie dort erlebt und gehört habe, hatte ich bis jetzt nicht für möglich gehalten.

Die zweite Fabrik in die ich eintrat, war eine Weberei, wo die Mädchen ausschließlich an Maschinen, und zwar an großen, schweren Maschinen arbeiteten. Hier, wie auch in den beiden Spinnereien, in die ich nachher kam, fand ich die eigentliche typische Fabrikarbeiterin mit allen den schlechten Seiten, die man ihr im Volksmund anhängt. Die Landarbeiterinnen waren wieder grundverschieden von den letzteren, es war eine eigene Spezies mit dem lockeren Sittenbegriff der Spinnereiarbeiterinnen und dem besseren Benehmen und der besseren Kleidung der Strumpfarbeiterin. Auch diejenigen, die die Hausindustrie vertreten, sind wieder ganz besondere Klassen von Arbeiterinnen, umsomehr als es lediglich Familienmütter, überhaupt verheiratete Frauen sind.

Erstes Kapitel.
Die materielle Lage der Arbeiterinnen.

Auch hier muß ich betonen, daß ich im Gegensatz zu Göhre, nicht in einer Fabrik und noch weniger in einem Saal gearbeitet habe; so oft ich die Arbeiterinnen der einen Abteilung gründlich kannte und von ihnen nichts Weiteres zu »lernen« war, verständigte ich den Direktor, der mich alsbald in einer anderen Abteilung unterbrachte. So kam es, daß ich in 3½ Monaten mehr sah und hörte, als andere Arbeiterinnen in einem Jahre erfahren würden.

Fast alle meine Arbeitsgenossinnen waren aus Chemnitz gebürtig oder doch wenigstens aus Sachsen; in der ganzen langen Zeit fand ich nicht eine, die aus einer andern Provinz Deutschlands stammte. Deswegen auch betonte ich in meinem Vorwort, daß ich nur von der sächsischen Arbeiterin spreche.

Ich fand ganze Familien in derselben Fabrik, den Vater als Maschinenmeister, Portier oder Hausknecht, Söhne und Töchter, Neffen, Nichten und Tanten als Fabrikarbeiter.

Am schlechtesten wurden die Frauen in der Strumpffabrik gezahlt, wo man überall auf Accord arbeitete. Hier verdienten die Hefterinnen z. B. wöchentlich 5-6 Mark im Durchschnitt, und wenn viel sogenannte Brechwaare (Strümpfe, die zusammengefaltet, nicht zusammengeheftet werden) in einer Woche hergestellt wurden, so verdienten wir wöchentlich 2,50-3 Mark. Natürlicher Weise saßen wir dann stundenlang müßig da; die meisten aber schienen für solche Fälle gewappnet zu sein, denn sie führten eine Handarbeit bei sich, meist Häkeleien oder Spitzen in schmutzigstem Zustande.

In der großen Saison sollen aber die tüchtigen Hefterinnen bis zu 9 Mark pro Woche verdienen. Für 10 Dutzend Strümpfe erhielten wir 19 Pfennige; wer am frechsten war und den aus der Appretur kommenden Mädchen die meisten Strümpfe abnahm, hatte immer Arbeit. An meinem Tische z. B. gab es ein bleiches, mageres, eben erst aus der Schule entlassenes Mädchen, das wegen seiner Habgier allgemein verhaßt war; sie hatte immer einige Dutzend Strümpfe vor sich liegen, von denen sie aber auch nicht ein Dutzend den andern abgetreten hätte; und doch vernaschte diese ihren halben Verdienst. Eine junge Wittwe dagegen, die unmittelbar neben mir saß und zwei kleine Kinder zu Hause hatte, trat mir oft ein oder zwei Dutzend ihrer Strümpfe ab, weil sie glaubte, ich sei in großer Not.

An einem Mittwoch Nachmittag kam der Aufseher an unsern Tisch und erklärte uns in dürren Worten, wir seien für diese Woche entlassen, da nur Brechware in Arbeit sei. Ach, welcher Jammer herrschte da! Die meisten hatten erst 60 Pfennige bis zu 1,20 Mark verdient und sollten ihre 4 bis 6 Mark Kostgeld wöchentlich entrichten. Besonders jene Wittwe war äußerst unglücklich; sie hatte seit vierzehn Tagen nur Kommisbrot und schwarzen, bitteren Kaffee genossen, der den Namen Kaffee mit Unrecht führte, und nun fehlte ihr selbst dies.

Auch ich spielte die Niedergeschlagene, so gut ich konnte; und da will ich gleich einer kleinen rührenden Episode gedenken, die ich an jenem Tage erlebte. Die Mädchen in den andern Sälen hatten von der Entlassung der Hefterinnen gehört und standen nun gruppenweise beisammen, über die schlechten Zeiten schimpfend, die auch ihnen den Erwerb nehmen konnten. Als ich an ihnen vorüber die Treppe hinunterging, rief mich die eine, ein mir bis dahin gänzlich fremdes Mädchen, an: »Sie sind wohl jetzt auch in Not?« meinte sie teilnehmend; »Sie haben gewiß Ihr letztes Geld ausgegeben, um hierher zu kommen, und nun finden Sie nicht einmal Verdienst, das ist hart! Ich habe selber nicht viel, aber etwas kann ich Ihnen schon borgen, vielleicht giebt Ihnen eine andere auch noch was dazu.« Damit griff sie in ihre Kleidertasche und reichte mir – einen Nickel! Ich war sprachlos vor Rührung und nahm nur stumm das Geldstück, das ich ihr am nächsten Zahltag wieder zurückgab. –

Gleich darauf traf ich im Hofe mit einer anderen Hefterin zusammen, die mir den Vorschlag machte, mit ihr zu gehen und uns auf Zeitungsinserate hin Arbeit zu suchen. Ich willigte nur zu gern ein; allein in beiden Strumpfgeschäften, wo wir anfrugen, erhielt ich – glücklicherweise – abschlägigen Bescheid, während meine Begleiterin im zweiten Geschäft zur Aushülfe angenommen wurde.

Die Hefterinnen waren diejenigen, die am schlechtesten standen; die übrigen: Sortiererinnen, Wäscherinnen und Stopferinnen verdienten im Durchschnitt 8 Mark in der Woche, die Mädchen, die in der Appretur beschäftigt waren, bis zu 10 Mark; das war aber das höchste und selten anzutreffende, da die Arbeiterinnen in der Appretur meist jahrelang dort arbeiten müssen, ehe sie diesen Lohn erhalten. Allgemein aber wurde auf Akkord gearbeitet, was die Fleißigen lebhaft befürworteten, die Faulen murrend in den Kauf nahmen.

Unter diesen Umständen natürlich herrschte eine ewige Borgerei unter den Mädchen; mehr als 15 Pfennige aber verborgte keine. In vielen Fällen verborgten sie auch ihr Mittag- oder Vesperbrot, d. h. wer zu viel hatte, borgte einer andern Brot oder Kartoffeln, wofür diese am nächsten Zahltage 3 bis 7 Pfennige entrichtete.

In der Weberei, in welcher ich Beschäftigung gefunden hatte, herrschte erst seit kurzer Zeit das System der Akkordarbeit; es schien bei allen lebhaften Beifall zu finden, weil die Mädchen dadurch bedeutend mehr verdienen konnten; merkwürdigerweise waren eben diese rohen und frechen Weberinnen ganz bedeutend fleißiger, denn die gesitteteren Handarbeiterinnen.

Es wurde dort an jedem Dienstag ausgezahlt, immer aber nur für die vollendete Arbeit, d. h. für den Ballen gewebten Stoffes, der meist eine Länge von 3, 9 oder 12 Metern hat. Fehlte auch nur ¼ Meter am fertigen Ballen, so mußte die Arbeiterin bis zum nächsten Zahltag warten. Hierüber herrschte Erbitterung, zeitweise sogar offene Rebellion; dann gingen die Kecksten zum Aufseher, und wenn dieses nichts fruchtete, zum Direktor, dem sie schimpfend und schreiend ihre Sache vortrugen. Gewöhnlich wurde ihnen dann mit Kündigung gedroht, sie gingen murrend zur Arbeit zurück – und alles blieb beim alten! An einen Streik dachten sie gar nicht; so oft ich auch den Wütendsten zu streiken vorschlug, es war nichts mit ihnen zu machen. Sie knirschten in ihrem Joch, aber sie hatten nicht den Mut, offen vorzugehen.

Und das eben mache ich den arbeitenden und erwerbenden Frauen Deutschlands zum schweren Vorwurf, daß sie sich alles bieten lassen, daß sie wohl einzeln, nicht aber alle vereint offen gegen unhaltbare Zustände auftreten. Und doch macht nur die Einigkeit stark.

In den Webereien verdienten die Mädchen durchschnittlich 10 bis 12 Mark pro Woche, ja, meine Nachbarin auf der Webemaschine, die außerordentlich geschickt und fleißig war, verdiente bis zu 18 Mark wöchentlich. Sie webte gewöhnlich Teppiche von 1 Meter Breite nach türkischem Muster, und davon im Tage 4 bis 5 Meter, je nach der Einfachheit des Musters. Sie war aber auch stets die letzte, die den Saal verließ und die erste, die wieder arbeitete. Die Landarbeiterinnen sind merklich besser daran, denn die andern; fast alle Mädchen nehmen hier 10 bis 18 Mark pro Woche ein und geben gewöhnlich den Eltern 2 Mark Kostgeld. Die meisten dieser Arbeiterfamilien besitzen ein eigenes Häuschen, aus 2 Stuben, 1 Kammer und 1 Küche bestehend; so fällt die Sorge für den teuren Mietszins weg und erleichtert wesentlich das Budget des Haushaltes.

Die Hausarbeiterinnen sind gewöhnlich Handschuhstepperinnen, die bei 6- bis 8stündiger Arbeit 2 bis 8 Mark verdienen. Meist sind es Frauen, die schon als Mädchen in der Fabrik gearbeitet haben und nun, durch eine Horde hungriger Kinder zum Erwerben wieder gezwungen sind. Fleißige Frauen unterhalten den Haushalt oft auf diese Weise zur Hälfte, ja im Winter, wenn die Männer zeitweise arbeitslos sind, vollständig allein.

Zweites Kapitel.
Nahrung und Kleidung der Arbeiterin.

Wir hatten in allen Fabriken einen sogenannten Speisesaal, einen großen, im Souterrain gelegenen feuchtkalten Raum mit nackten Wänden und Steinboden, in dem eine Reihe der primitivsten hölzernen Bänke vor ebensolchen Tischen standen. Im Hintergrunde dieses »Saales« steht ein riesiger alter Herd, auf dem eine meist sehr unappetitlich aussehende Frau den Arbeiterinnen das von Hause mitgebrachte Essen wärmt. Die meisten bleiben über Mittag in der Fabrik, nur wenige der verheirateten Frauen, wohl solche mit kleinen Kindern, eilen heim, um Punkt 1 Uhr abgehetzt und weniger erholt als vor der Mittagspause an die Arbeit zu gehen.

Kaum ertönt die Fabrikuhr in ihren so heiß ersehnten zwölf Schlägen, so wird wie durch einen Zauberschlag alles still; mit einem letzten keuchenden Aufpusten stehen die Maschinen und die Triebräder unbeweglich da. In den ersten Tagen erschrak ich jedesmal von der Stille, die im Saale herrscht, nach jenem nervenzerrüttendem sechsstündigen Gerassel, Gepolter und Geschrei.

Dann eilen alle hinab, um ihr Essen zuerst aus dem heißen Herd heraus zu erbeuten; bei schönem, sonnigen Wetter setzten wir uns zur Mittagsmahlzeit in den Hof, auf den Erdboden, auf eine Wagendeichsel, eine alte Tonne oder Kiste, kurzum auf das, was uns gerade erreichbar war.

Der Hauptkontingent hatte nichts weiter, denn einen Topf Kartoffeln oder Reisbrei mit, etliche hatten Nudeln, Graupen oder Erbsen; Fleisch habe ich in der ganzen Zeit auch nicht bei einer einzigen gesehen. Diejenigen, die den größten Luxus trieben, aßen zu ihren Kartoffeln zwei Eier oder einen Häring, aber auch dies nur am Zahltag. Ein sehr beliebtes Essen bildete ferner trockenes Kommisbrot und eine saure Gurke; die Mädchen verzehrten unglaubliche Quantitäten dieses Brotes und teilten die Gurke gewöhnlich so ein, daß sie noch zur Vesper langte; auch wurde viel Kartoffelsalat gegessen, der keine weiteren Zuthaten aufweisen konnte, denn Essig und Zwiebeln. Als Getränk figurirte Milch, Buttermilch und Kaffee, ein gräulich riechender grünlicher Aufguß von Cichorie. In den letzten Tagen vor der Löhnung wurde zur Mittagsnahrung vielfach nur solcher Kaffee mit Kommisbrot genossen, auf das die meisten ungeheure Quantitäten Salz streuten.

Merkwürdig aber ist es, daß die meisten ihr Brot lieber trocken essen, ehe sie Schmalz darauf streichen, wie es doch in den besten Berliner Bürgerkreisen Sitte ist. Wenn sie das Geld zur Butter nicht erschwingen können, so essen sie ihr Brot, wie schon erwähnt, mit Salz oder Zucker bestreut. Bei solcher Nahrungsweise und bei der schweren Arbeit ist es nicht zu verwundern, daß die Mädchen in der Frühstücks- und in der Vesperpause die gleiche Menge Brot verzehren, wie Mittags.

Ich habe auch in Arbeiterfamilien gegessen; die Nahrungsweise war die gleiche, wie im Fabriksaal bei den Mädchen, womöglich wurde sie noch hastiger, mürrischer und unzufriedener eingenommen, je mehr Kinder vorhanden waren, die nicht genug bekommen konnten.

In den sogenannten Arbeiterkneipen fand ich niemals eine Arbeiterin, nur arbeitsloses, verkommenes weibliches Gesindel.

Auch in der städtischen Speiseanstalt, wohin ich öfter ging, waren sehr wenig Arbeiterinnen zu finden, größtentheils Hausiererinnen, Bettlerinnen und Landstreicherinnen. Es herrscht unter den Frauen eine Art Schamgefühl, das städtische Speisehaus zu betreten, trotzdem dort die besten männlichen Arbeiter gern verkehren.

Man erhält daselbst für 10 Pfennige eine Schüssel Graupen oder Erbsen, ungefähr 1 Liter im Inhalt, für 15 Pfennige ein Stück Corned beef dazu, für 20 Pfennige außerdem einen Teller Suppe. Die Portionen sind außerordentlich reich bemessen, werden aber von den Besuchern unglaublich schnell verschlungen.

Keine Arbeiterin bekennt sich zum Vegetarismus, sie würden alle gern Fleisch essen, wenn sie die Mittel dazu hätten.

Ich habe das mit Genugthuung beobachtet; denn wenn die Arbeitenden zur Mittagsmahlzeit eine Fleischquantität bekämen, derjenigen der Soldaten gleich, so würden sie nicht beständig so hungrig sein, immer bereit, neue Berge von Brot und Kartoffeln zu verzehren.

Vielfach holen die Arbeiterfrauen, deren Männer zur Mittagszeit nach Hause kommen, in den Hotels sogenannte Abfälle, meist noch recht gute Fleisch- und Geflügelreste, mit Kartoffeln und Sauce vermengt, die sie gleich gewärmt erhalten, und direkt zum Arbeitsplatz des Mannes tragen, wo sich inzwischen auch die Kinder eingefunden haben. Diese Art der Mittagsmahlzeit hat insofern ihr Gutes, als die Leute Fleisch bekommen, zusammen speisen können und die ganze Familie beisammen ist.

Dabei muß ich aber hervorheben, daß die Arbeiterinnen bedeutend besser essen könnten, wenn sie nicht alles an ihre Kleidung wenden würden, aber sie verzichten lieber auf jede menschenwürdige Nahrung, um sich einen modernen Hut, ein hübsches Kleid oder einen Sonnenschirm zu kaufen, ja, am Sonntag tragen die meisten Glacéhandschuhe!

Während der Woche sind sie ganz einfach gekleidet, Rock und Bluse, Sonntags aber unterscheidet man sie größtentheils in nichts von den Bürgermädchen, da sie dann auch ein ganz anderes Benehmen zur Schau tragen, denn in der Woche. Sie sehen auf gutes Schuhwerk, leider aber gar nicht auf gute Wäsche. Sehr viele besitzen überhaupt nur zwei Hemden, wovon das eine immer in der Wäsche ist, während sie das andere tragen.

Es fiel mir ferner auf, daß sie nicht viel auf Schmuck geben, dafür aber um so mehr auf Haarpfeile und Kämme; so manche, die ich näher kannte, aß sich die ganze Woche hindurch nicht satt, um sich einen Haarpfeil aus Aluminium kaufen zu können. Selbstverständlich darf man hier den Mädchen weder mit Vorwürfen, noch mit Indignation oder stummem Mitleid über ihre Dummheit entgegentreten; hier ist allein thatkräftige Aufklärung am Platze.

In den Handschuh- und Strumpffabriken kommen und gehen die Mädchen in derselben Kleidung, die sie während der Arbeit tragen; in den Webereien jedoch, wo Staub und Schmutz regieren, ziehen sich die Mädchen vollständig um; Röcke, Taillen, Schürzen und Schuhe werden gewechselt, um die Haare schlingen sie ein Tuch. Obgleich die Bestimmung in jeder Fabrikordung aufgenommen ist, daß die Arbeiterinnen sich nur im »Garderobenzimmer« anziehen dürfen, thun es die Wenigsten. Mit der größten Ungeniertheit entkleiden sich viele bis aufs Hemd, über ihre eigene Kleidung Witze machend.

Schon um ½12 und um ½6 Uhr fängt eine jede an, Toilette zu machen; jede einzelne ist im Besitz eines Spiegels und eines Kammes. Die Mädchen geben alle sehr viel auf die Frisur, vor Feierabend kämmen sie ihr Haar, stecken es vor dem Spiegel sorgfältig auf und harren, meist mit dem Körbchen in der Hand, des Glockenschlages sechs; gewöhnlich sind sie schon zum Thor hinaus, wenn die Maschinen anfangen still zu stehen. Kommt zufällig der Aufseher oder der Direktor noch durch die Räume, so huschen sie schnell an ihre Maschinen und heucheln die Fleißigen; dieser aber kennt seine Getreuen und ohne Verweis geht es selten ab.

Ich kam im Anfang in meiner gewöhnlichen Arbeitertracht zur Fabrik, aber schon am ersten Abend hatte ich wunde Füße, dermaßen strengte mich das Stehen vor den Maschinen an; Pantoffeln sind hier einfach unentbehrlich. –

Im höchsten Grade überrascht aber war ich bei meinem Eintritt in die Fabrik auf dem Lande. Die Mädchen sind hier gut, ja teilweise so hübsch und adrett gekleidet, daß die Städterinnen nimmer einen Vergleich mit jenen aushalten könnten. Abgesehen von den hübschen, oft zartfarbigen Blousen, von den gutgearbeiteten, modernen Röcken, den kleinen Schürzchen, haben die meisten fein frisierte Haare und Locken-Devants, Kämme und Spangen, ja, viele tragen zur Taille passende Schleifen im Haar.

Auch ihr Benehmen ist ein viel besseres, denn das der Chemnitzerinnen, der Ton ein feinerer; es machte mir den Eindruck, als sei ich mit einer Schar Ballettänzerinnen zusammen, die arm aber doch gutgekleidet sind und frivole, wenn auch nicht roh gemeine Witze machen. Einen besseren Vergleich konnte ich nicht finden.

Überhaupt bildete die Unterhaltung der Landmädchen eine Kette von pikanten Abenteuern, zweideutigen Witzen, wie sie in den Kasinos der Herren Lieutenants Mode sind, und von Abenteuern der Kameradinnen, die sich durchwegs im Gebiet des Zweideutigen bewegten.

Drittes Kapitel.
Arbeit, Beruf, Vergangenheit.

Die Arbeiterinnen in allen Fabriken, in denen ich war, hatten entweder vom 14. Jahre an in der Fabrik gearbeitet, das waren die tüchtigen, ordentlichen Mädchen, oder es waren entlassene Dienstmädchen; eine andere Vergangenheit hatten die wenigsten.

Diejenigen, die früher gedient hatten, waren meist durch unsittlichen Lebenswandel, Faulheit oder andere schlechte Eigenschaften zur Fabrikarbeit gelangt, die ihnen, wenn auch ein elenderes, so doch ein freieres Leben gestaltete; sie lieferten das Heer der verkommenen, rohen Arbeiterinnen. Diejenigen, die, ich möchte sagen aus traditionellen Arbeiterfamilien stammten, arbeiteten sich oftmals auf, so daß sie eine Art Carriere machten; sie fingen in der niedrigsten Stellung an und endeten schließlich als Directrice mit Monatsbesoldung von 100 bis 120 Mark. Dann spielen sie die Damen, behandeln ihre früheren Kolleginnen herablassend und hochmütig, und scheinen durch nichts an ihre frühere »Niedrigkeit« erinnert werden zu können. Im allgemeinen herrscht zwischen den beiden Parteien offene Feindschaft; die echte Arbeiterin sieht das frühere Dienstmädchen größtenteils als eine verkommene Existenz an, über die sie sich erhaben fühlt. Das Dienstmädchen wieder hat beständig die »feinen« Leute im Mund, bei denen sie gedient und durch welche sie alles besser wissen will, was »feine« Leute thun. Aus diesem Grunde kam es öfters zu Streitigkeiten, ja, selbst zu Thätlichkeiten.

Die Maschinenarbeiterinnen sehen mit gewisser Geringschätzung auf die Strumpf- und Handarbeiterinnen herab; sie sehen in ihnen mehr Näherinnen und Stopferinnen, denn richtige Arbeiterinnen. Diese wieder reden verächtlich von der Maschinenarbeiterin, die die schwere und schmutzige Arbeit verrichten muß; selbst wenn sie Stellung in einer Weberei fänden, sie würden sie nicht annehmen.

Thatsache aber ist es, daß die Strumpf- und Handschuharbeiterinnen bei weitem nicht so viel und so schwer zu schaffen haben, als die andern, daß sie bequemer und fauler sind und lieber wochenlang stellenlos bleiben, denn eine andere Arbeit annehmen.

In den Strumpf- und Handschuhfabriken arbeiteten wir in schönen, luftigen und hellen Sälen; jede hatte ihren Tisch und ihren Platz, die Arbeit war leicht, teilweise sogar unterhaltend. Wir unterhielten und neckten uns, die Zeit verging schnell und, den Verhältnissen angemessen, angenehm. Ganz anders aber ist es in den Webereien. Hier arbeiten die Mädchen elf Stunden täglich in einer Staubatmosphäre, die mir am dritten Tage meines dortigen Aufenthaltes einen tüchtigen Lungenkatarrh verschaffte; kleine Flocken von der aufgedrehten Wolle füllen die Luft, setzen sich auf Kleider und Haare, fliegen in Nase und Mund; die Maschinen müssen alle 2 Stunden abgekehrt werden; der Staub wird von den Mädchen eingeatmet, da sie die Fenster nicht öffnen dürfen. Dazu kommt der fürchterliche, nervenzerrüttende Lärm der rasselnden Maschinen, daß der Sprecher sein eigenes Wort nicht hört. Wer nicht in den höchsten Tönen schreit, kann sich nicht mit seiner Nachbarin verständigen. Die Mädchen haben aber auch durchweg schreiende, nervösmachende Stimmen; selbst wenn im Saale alles still wird, nach Feierabend, auf den Straßen, zu Hause, nie sprechen sie ruhig zusammen wie andere Leute, ihre Unterhaltung ist ein ewiges Geschrei, das bei Uneingeweihten den Eindruck hervorruft, als stritten sie miteinander.

Es ist wirklich ein Wunder, daß so manche der Mädchen noch so blühend und frisch aussehen, daß sie noch Lust haben, während der Arbeit laut zu singen, und zwar innige Volkslieder.

Mit unglaublicher Keckheit greifen die Mädchen mitten ins Getriebe der Maschinen, holen das blitzschnell hervorschießende Schiffchen heraus und legen ebenso schnell das volle Schiff hinein; Unglücksfälle kamen, so lange ich dort war, nicht vor und sollen auch seit Menschengedenken nicht vorgekommen sein.

Viele jener Mädchen arbeiten mit Lust an der Sache, besonders solche, die kleinere Teppiche oder einzelne abgepaßte Vorhänge weben und den Fortgang des vollendeten Musters verfolgen können. Ihre Maschine lieben sie, wie man einen treuen Hund liebt; sie putzen sie glänzend rein, binden an die Seitenbarren bunte Bänder, Heiligenbildchen und allerlei Flitterkram, den sie während des Sommers auf dem Schützenplatz vom Schatze bekommen haben.

Die Mädchen arbeiten schwer, sehr schwer, so manche erzählte mir, wie sie in den ersten vier Wochen ihrer Arbeitszeit zusammengebrochen ist vor Anstrengung, wie die meisten monatelang an Lungen- und Halskrankheiten leiden, bis sie den Staub gewöhnt sind. Dazu kommt die schlechte, erbärmliche Nahrung, die kurzen Ruhestunden in Räumen, die den Namen »Wohnung« nicht verdienen – und trotz allem bleiben die Mädchen fröhlich, gesund, munter, lebenslustig!

Ich habe das immer mit Bewunderung gesehen; ich hätte das nicht auf die Dauer ausgehalten. Ich konnte meistenteils von Morgens bis Abends nichts zu mir nehmen, denn Kaffee; erst am Abend eilte ich, zu Tode erschöpft, ins Hotel, um mit Mühe und Not etwas kräftige Nahrung zu genießen. Ich fand das Leben jener Mädchen so entsetzlich traurig, so monoton, Jahr aus, Jahr ein dasselbe Einerlei, dieselbe Arbeit bei schlechtem Lohn, das gleiche schlechte Essen – und doch die zähe Zuversicht zum Leben, die Freudigkeit auf die Zukunft!

Es durfte keine daran denken, bei heftigem Kopf- oder Zahnweh die Arbeit einzustellen und sich auszuruhen, auch nicht eine viertel Stunde Verspätung wurde geduldet, wollte sich die Betreffende nicht einen sehr empfindlichen Strafabzug am Wochenlohn gefallen lassen.

Hier sollten sie einmal eingreifen ins volle Menschenleben, jene Gegner, die da behaupten, die »schwachen« Frauen könnten nichts leisten und würden niemals andauernd und hingebend einen Beruf erfüllen! Hier werden ihre Behauptungen glänzend zu Schanden! Oder gelten diese überhaupt nur für die Berufe, wo die Konkurrenz der Frau dem Manne gefährlich werden kann?

Man unterschätze aber auch nicht die Arbeit der Teppichweberinnen, sie ist nichts weniger, denn eintönig und schablonenhaft. Bei den komplizierten türkischen Mustern muß die Weberin die Sekunde erfassen, wo die Spulen in verschiedenen Farben gewechselt werden, sie muß denken und kombinieren, berechnen und aufpassen und alle ihre Gedanken konzentrieren. Diese Arbeit erfordert weit mehr Gedankenarbeit und Pflichtbewußtsein, denn die Häkelarbeiten und Stickereien, die Hunderte von Mädchen der besseren Kreise Jahr aus, Jahr ein anfertigen in Erwartung des erlösenden Ritters.

In den meisten Fabriken fängt die Arbeit um ½7 Uhr an, von 8-8½ Uhr ist Frühstücks-, von 12-1 Uhr Mittagspause; um 4 Uhr wird 20-30 Minuten Vesperpause gehalten, um dann bis zum Feierabend um 7 Uhr zu arbeiten. Sonnabends ½6 Uhr wird die Arbeit eingestellt, um den Arbeiterinnen bis 6 Uhr Zeit zu lassen ihre Maschinen gründlich zu reinigen und zu ölen; am Montage wird eine halbe Stunde später angetreten, wohl weil die Mädchen durchwegs Katzenjammer vom Sonntag her haben.

Wie ich schon erwähnte, sind Unglücksfälle eine Seltenheit, Unfälle bei der Arbeit dagegen sehr häufig. So passierte es meiner Nachbarin, daß ihr infolge zu schwachen Andrückens der Spule in das Schiff, dieses im vollsten Betriebe heraussprang und sämtliche Fäden, die Grundlage zum Teppich, zerriß; sie war zu Schadenersatz verpflichtet, d. h. sie mußte sämtliche Fäden wieder anknüpfen, eine Arbeit, die sie drei volle Tage in Anspruch nahm und wofür sie keinen Lohn erhielt. Ihre Verzweiflung war eine grenzenlose, alle Mädchen, die im gleichen Saale beschäftigt waren, sprangen herbei und halfen der fassungslos Schluchzenden. Ein ander Mal zerbrach die eine die Feder ihres Betriebes; durch die freundliche Hilfe des Aufsehers aber wurde der Schaden repariert, ehe der Direktor ihn bemerkt hatte. Auch die Handschuh- und Strumpfarbeiterinnen müssen manchmal Schadenersatz zahlen, doch ist dies hier ein selten vorkommender Fall, da ruinierte Sachen sich leicht unter der guten Ware verbergen lassen.

Was jedoch an Fabrikeigenthum ruiniert wird, ist unglaublich; die Spulerinnen ruinieren täglich eine Menge Wollsträhnen; sobald ein Strang sich ein klein wenig verwickelt hat, werfen sie ihn in den Lumpen- und Abfallsack, der an jeder Maschine hängt, und greifen zu einem neuen Strang. Auch die Tricotarbeiterinnen verschneiden eine Masse schönen Stoffes, der dann einfach beseitigt wird. So kam es kürzlich in einer Chemnitzer Weberei vor, daß die Aborte der Fabrik durch hineingeworfene Spulen verstopft waren, und die Landwirte den Inhalt als Dung zurückwiesen, weil er zu viel Tricotstoff enthielt. Eine einzige dortige Fabrik verkaufte im vorigen Jahre allein für 15.000 Mark Lumpen, die, wenn die Stoffe nicht leichtsinnig verschnitten würden, kaum auf die halbe Höhe des Preises kämen. Leider muß ich gestehen, daß sehr viele der Mädchen mit einer schlecht unterdrückten Schadenfreude das Fabrikeigenthum ruinieren, und daß das nicht die Anfängerinnen, sondern mehr die besseren Arbeiterinnen, teilweise die Directricen sind. Als ich anfangs jeden Stoff- und Wollfetzen ausnutzen wollte, wurde ich mit Schimpf und Spott als »fabrikfreundlich« verlacht und von der jeweiligen Directrice sogar grob angefahren; wie zuckte es mir oft in den Fingern, wenn ich ein Stück Tricotstoff nutzlos zerschneiden mußte, aus dem man einem dreijährigen Kinde ein Unterkleid hätte anfertigen können!

Und hier komme ich auf das, was ich schon häufig in Aufsätzen und Artikeln betonte: wenn Mädchen mit guter Bildung, aus guter Familie und mit disciplinarischem Ordnungssinn eine passende Ausbildung fänden, die sie befähigt, die Stellung einer Fabrikdirectrice oder Inspektorin anzunehmen, es würde nicht allein einer Menge stickender und häkelnder Mädchen, elend verkümmernder Gesellschafterinnen und Erzieherinnen geholfen, sondern die Fabrikanten selber hätten in jenen Damen wirkliche Stützen. Dann würde vielleicht der schmachvolle Zustand aufhören, daß Männer Frauen beaufsichtigen, leiten, auszahlen – und unterdrücken. Das ist es eben, was meine Genossinnen im Kampfe um Gleichberechtigung von Mann und Frau vergessen: daß die Frau der oberen Stände nicht frei werden kann, so lange die Frau der unteren Kreise durch Männer geleitet, befehligt und »beaufsichtigt« wird! –

Viertes Kapitel.
Sittliche Zustände.

Ich habe in Bezug auf die Sittlichkeit in vielen Punkten gerade das Gegenteil von dem gefunden, was Göhre fand. Ich halte hauptsächlich seine Behauptung von der freien Liebe der Männer, der notwendigen Treue aber der Frauen, für unrichtig. Gerade die Sittenzustände habe ich auf das eingehendste studiert, weil sie mir das wichtigste Kapitel erschienen.

Wenn von Treue der Frauen und Liebesfreiheit der Männer gesprochen wird, so ist damit selbstverständlich das verheiratete Contingent gemeint; fast überall – und ich habe genaue Informationen angestellt – bleiben sich Mann und Frau beide in der Ehe treu oder ein jedes geht seiner Wege. Daß es natürlich auch Ausnahmen giebt, will ich nicht bestreiten, aber diese sind thatsächlich so selten, daß sie kaum der Erwähnung bedürfen.

Die Frauen bringen häufig ein uneheliches Kind mit in die Ehe, oft auch zwei; fast immer aber sind es Kinder desjenigen, den sie heiraten. Die Mädchen erzählen in der Fabrik ganz harmlos von ihrem Kinde, wenn es ein Zähnchen bekommen hat oder krank ist; teilnehmend hören die anderen zu, es fiele keiner ein, darin eine Unsittlichkeit zu sehen. Man verkehrt zwar nicht mehr gern mit jenen männerlosen Müttern, aber lediglich deswegen, weil die Mütter unehelicher Kinder, und seien sie noch so jung, ernster, weniger vergnügungs- und putzsüchtig sind und einen Hang zum solideren Leben zeigen. Sonntags gehen sie vielfach mit dem nett geputzten Kinde und dem Schatze spazieren, stolz sieht ihnen von der Hausthür aus die Mutter nach.

Die Arbeiterinnen leben vielfach im Concubinat mit Arbeitern; so war die eine in unserm Saal drei Jahre mit einem Webermeister in Dresden, ein Jahr mit einem Heizer in Zwickau und zur Zeit ein halbes Jahr mit einem Spinner in Chemnitz vereint; Kinder waren jedoch nicht vorhanden.

Ebenso frei und derb, wie die Arbeiterinnen in der Liebe sind, zeigen sie tiefe und ernste Empörung für jede gewerbsmäßig betriebene Unzucht, und ganz speziell für solche Mädchen, die sich an »feine Herren« vergeben. Der Schatz schenkt ihnen Garderobe, Schmuck, Wäsche, bezahlen aber lassen sie sich ihre Liebe nicht, es muß bei freiwilligen Geschenken bleiben.

Hierin liegt ein Zeichen, daß diese Leute den geschlechtlichen freien Verkehr aus Liebe nicht für unsittlich, sondern für natürlich halten, für Befriedigung eines Naturtriebes, der nie zum Erwerb herabsinken darf.

Ich kannte eine, die bis vor kurzem bei einem Arzt gedient hatte, wegen nächtlichen Umhertreibens mit Soldaten jedoch entlassen worden war; sie war stets hübsch gekleidet, trug echte silberne Schmucksachen und aß besser, denn alle anderen. Auch auf Accordarbeit angestellt, kam es ihr nicht darauf an, ein oder zwei Tage zu fehlen, sie arbeitete mit sichtlicher Nonchalance. Es war mir gleich am ersten Tage aufgefallen, daß alle mehr oder minder grob mit jener Blonden waren; sie tranken nicht aus dem gleichen Krug mit ihr und wollten nie etwas von deren Speisen, trotzdem gerade diese immer reichlich damit versehen war. Ich frug meine Nachbarin nach der Ursache dieses sonderbaren Benehmens. »Ach,« meinte sie geringschätzend, »die Lydia ist ein Lumpenmensch, die geht mit Lieutenants, der ist's nicht ums Arbeiten zu thun!«

Ueberhaupt herrschte eine allgemeine Abneigung gegen das Militär, ganz speziell gegen gemeine Soldaten und Lieutenants; was dazwischen liegt, wird weniger scheel angesehen, weil die Möglichkeit vorliegt, von einem Unteroffizier oder Sergeanten geheiratet zu werden.

Geradezu fanatisch aber ist ihr Haß gegen »Tintenwischer«, wie sie Schreiber und in Bureaux arbeitende Kaufleute nennen.

Ich erinnere mich, daß uns eines Morgens eine ältere, etwa 30jährige Arbeiterin eine zündende Moralpredigt hielt und mit den Worten schloß: »Aber das sag' ich Euch, ein ordentliches Fabrikmädel weiß, was sie sich schuldig ist, die giebt sich mit keinem solch verdammten Tintenschlecker ab; nicht einmal aufgucken müßt Ihr, wenn Ihr sie auf der Straße seht, Eure Röcke müßt Ihr zusammenhalten, damit Ihr nicht Tinte von den Lausbuben d'ran bekommt. Waschen thun sie sich nicht, die Tinte schleckern die Hungerleider von ihren Pfoten, aber einen Klemmer tragen sie doch. Ich sag's Euch, lieber den schmutzigsten, schwärzesten Arbeiter, als solch einen niederträchtigen Faullenzer und Schleicher!«

Ich konnte die Abneigung jener Mädchen gegen die jungen Kaufleute recht wohl begreifen, ja, so lange ich Arbeiterin war, teilte ich sie voll und ganz. Ich mache jenen Leuten hier den Vorwurf, daß sie größtenteils Schuld an der Demoralisation der Arbeiterinnen sind und daß sie, wenn die Arbeiterin ihnen nicht zu Willen sein will, diese durch Intrigue, heimtückische Verleumdung beim Direktor, boshafte Unterdrückung und Chikanen der Sozialdemokratie in die Arme treiben, umsomehr, als das gesamte sozialdemokratische männliche Fabrikpersonal die Mädchen besser, höflicher und menschenwürdiger behandelt, als es die anderen thun.

Am fünften oder sechsten Tage meiner Arbeit in einer der Fabriken kam es vor, daß eine der Directricen eine Unregelmäßigkeit im Notieren der fertigen Ware gemacht hatte; alsbald erschien ein Angestellter des Comptoirs, einer der besseren Buchhalter, um die Sache zu untersuchen. Er war ein großer, wohlgenährter Mann anfangs der Dreißiger, mit rotblondem Haar und kühn aufgewirbeltem »Lieutenantsschnurrbart«, mit goldenem Zwicker und goldener Uhrkette. Seine glasigen, wasserblauen Augen musterten mit »Kennerblick« jedes einzelne Mädchen auf empörend freche Weise; er mußte aber auch, was ich zu meiner Freude bemerkte, so manche nichts weniger denn schmeichelhafte Bemerkung über seine Person in den Kauf nehmen.

Als er an meinem Platz angelangt war, blieb er stehen, stemmte die Hände in die Seiten und betrachtete mich auf das eingehendste; ich fühlte, wie mir das Blut heiß zu Kopfe stieg, ich bebte. Plötzlich drehte er sich um und sagte in befehlendem Tone zur Directrice: »Suchen Sie in Ihrem Buche nach, wie es mit dem Fehlen der Sachen steht, und schicken Sie mir dann den Bescheid durch dieses Mädel ins Comptoir.« Damit deutete er auf mich und ging.

Nun brach's von allen Seiten los, Arbeiterinnen und Directricen hielten mit der Arbeit inne, eine jede erging sich in lebhaften Beschimpfungen über den Buchhalter.

»Na,« sagte mir die eine, »der hat jetzt ein Auge auf Sie geworfen, der wird's Ihnen unten schon sagen, was er will. Aber haben Sie nur keine Angst, sagen Sie ihm, daß Sie eine ordentliche Arbeiterin und keine Ladenmamsell sind, daß Sie so einen, wie er ist, alle Tag' bekämen und daß Sie mit Ihrem Schatz spazieren gehen wollen, nicht aber nur zu ihm in die Wohnung kommen. So hat er's jeder gemacht, die neu hierher kam und die nicht gerade ausschaut, wie eine Nachteule!«

Ich stimmte lebhaft bei und erging mich in allerlei Erörterungen, was ich ihm alles sagen würde.

»Was,« schrie eine erbost dazwischen, »so fein berlinisch dürfen Sie nicht sein! Mir hat er's auch 'mal so gemacht! Sauhund, verdammter, hab' ich ihm g'sagt, paß auf, daß ich dich Nachts nicht mal erwisch! Aber dem Direktor hat er doch nichts gesagt!«

»Und mir,« rief eine hübsche Brünette, »mir hat er fünfzig Pfennig geben wollen! Ich hab' sie aber hingelegt und hab' ihm g'sagt, daß es mir auch ohne ihn zu 'ner Bemme langt!«

Mir war bei der ganzen Sache nichts weniger denn angenehm zu Mut, es war mir zu peinlich, mit jenem Menschen mich einlassen zu müssen; ich machte mich auf gemeine Zumutungen gefaßt und traute mir selber nicht recht, daß ich nicht doch aus der Rolle fallen und grob werden würde.

Eine halbe Stunde später trat ich ins Comptoir; der Blonde saß vor einem Schreibtisch, sah sich nur flüchtig um und kommandierte: »Kommen Sie 'mal her!« Ich trat näher; er kniff mich leicht in die Wange und sagte herablassend: »Sie hatten wohl noch keinen Schatz, daß Sie so erröten; ich will es einmal mit Ihnen probieren, Sie können mein Schatz werden. Sie können mich Sonntag Nachmittag um 2 Uhr in meiner Wohnung, S–straße, besuchen; wir machen dann einen Ausflug nach der Pelzmühle. Sie können doch Nachts von Hause wegbleiben?«

Ich bejahte.

»Gut,« meinte er, »dann kommen Sie pünktlich, ziehen Sie sich hübsch an, wenn möglich eine etwas dekolletierte Taille. Wo wohnen Sie denn?«

Ich nannte, bebend vor Zorn und kaum fähig, länger stehen zu bleiben, irgend einen Straßennamen, der mir einfiel.

»Um Himmels Willen, das ist ja verrückt weit,« sagte er ärgerlich, »da müssen Sie in meine Nähe ziehen, ich werde dafür sorgen. Gehen Sie jetzt, aber sagen Sie den andern nichts davon, die sind neidisch

Er wollte mich um die Taille fassen, aber ich war schon zur Thür hinaus; draußen lehnte ich mich an die Wand, Thränen traten mir in die Augen vor Scham und Zorn.

Ganz geschäftsmäßig hatte er die Sache behandelt, er frug nicht einmal, ob ich sein Schatz werden wolle, er beorderte mich einfach zu sich, wie eine Sklavin.

Es tobte in mir, ich zitterte an allen Gliedern, es war mir unmöglich, gleich hinauf zu gehen; schließlich schlich ich in den Hof und setzte mich auf einen Schutthaufen. Wenn er da drinnen geahnt hätte, wie ich hier mit geballten Fäusten saß, in ohnmächtigem Zorn, nur darauf sinnend, wie ich mich rächen könne an ihm im Namen aller meiner Genossinnen. Ich ahnte damals nicht, daß ich ihm zurückgeben würde mit Zinseszinsen, was er mir gethan; hoffentlich zehrt er an dieser Erinnerung!

Als ich mich endlich aufraffte und wieder den Arbeitssaal betrat, wurde ich mit lautem Hurra empfangen.

»Na,« spöttelte die eine, »Sie sind aber lange geblieben, Sie haben wohl gleich einen Abstecher in seine Wohnung gemacht!«

Ich erzählte ihnen den Sachverhalt.

»Der Lump, der Hund, der erbärmliche Tropf!« hieß es an allen Ecken und Enden. »Hätten Sie ihm ins Gesicht gespuckt,« rief ein rabiater bisheriger Küchendragoner, »der Kerl meint, jede thät sich die Finger darnach lecken, wenn er einem 'nen Schmatz giebt mit seiner Lieutenantsschnauz! Reservelieutenant ist er wohl auch!«

Und nun ging's wieder über das Militär und die Kaufleute los in unglaublichen Ausdrücken der Wut und Geringschätzung. Man denke sich nun ein armes, alleinstehendes Fabrikmädchen, das in die Hände eines solchen Schurken gegeben ist! Folgt sie ihm nicht, so kann sie sicher sein, in wenigen Tagen durch Intriguen so zu leiden, daß sie gehen muß, wird sie nicht gleich entlassen. Wo sollen jene Mädchen die moralische Kraft hernehmen, um mit mutiger Stirn dem Elenden zu widerstehen? Wer unterstützt sie, wenn sie aus Moral brotlos geworden sind? Der Staat sicherlich nicht!

Man spricht so viel, hauptsächlich die Gegner der Frauenbewegung, daß die Frau von der Natur aus schon unter den Schutz des Mannes gestellt sei. O, über dies heuchlerische Glaubensdogma des männlichen Schutzes! Wer schützt die armen Fabrikmädchen vor Ausbeutung, Überanstrengung und vor der Willkür ihrer Vorgesetzten? Hier mögen sie einmal antreten, jene heldenhaften Cavaliere, jene Männer, die da der Frau als dem »schwachen Geschlecht« ihren »männlichen Schutz« angedeihen lassen wollen, die es aber nur dann thun, wenn die Frau hübsch, jung und reich ist, mit einem Wort, wenn ihr »Schutz« ihnen die Möglichkeit bietet, eine »gute« Partie zu machen! Merkwürdig, daß die Herren Theologen, die ihren Nächsten lieben wollen wie sich selbst, nicht hier reformierend eingreifen, statt für die Negerkinder in Afrika zu wirken. »Warum in die Ferne schweifen, sieh', das »Schlechte« ist so nah!« –

Ein ähnliches Abenteuer hatte ich in der letzten Fabrik, in der ich arbeitete; dort war ein junger Prokurist, der wußte, wer ich war und infolge dessen freundlicher mit mir war, als mit den anderen Mädchen. Am dritten Tage frugen mich ein paar in der Mittagspause: »Haben Sie schon Kost und Logis?« Ich verneinte. »Na,« meinten sie dann, »der X. ist ja so freundlich mit Ihnen, der wird Sie wahrscheinlich in seinem möblierten Zimmer aufnehmen, dann sparen Sie viel, denn dem kommts auf ein paar Mark nicht an.«

Sie waren darüber auch nicht etwa empört, sondern ganz traurig, daß ihnen nicht dies »Glück« zu Teil wurde; und das waren Arbeiterinnen auf dem Lande. –

Ein jedes Mädchen, sei es nun lahm oder hinkend, hat einen Schatz, schon mit sechzehn Jahren gewöhnlich; wer keinen Schatz hat, muß ganz unsagbar häßlich sein oder irgend ein körperliches Gebrechen aufweisen, das ihm dies verbietet; sonst sind Mädchen »ohne Anhang« ein Ding der Unmöglichkeit.

Treue in der Liebe ist ihnen ein unbekannter Begriff; ist der Schatz beim Militär, verreist oder längere Zeit krank, so nehmen sie flugs einen anderen.

Sie sehen eben im Schatz nur den Begleiter zu Vergnügungen, zum Tanz, den Beschützer und vor allem – denjenigen, der ihnen Schmuck, Bänder und andere Dinge schenkt und bei allen Vergnügungen für sie zahlen muß.

An Heirat von Seiten des Schatzes denken sie gar nicht, trotzdem dies oft vorkommt.

So rief es allgemeines Erstaunen hervor, daß einer der Inspektoren eine Arbeiterin heiratete, kurze Zeit ehe er Vater werden sollte; man sah dabei in ihm weniger den Ehrenmann, als den Gutmütigen. –

Bei den Handarbeiterinnen wurden selten rohe, d. h. gemeine Witze gemacht; es waren mehr derbe Scherze, die auf naive Art angebracht wurden.

In den Webereien hingegen überboten sich die Arbeiterinnen in schamlosen, wahrhaft bestialisch rohen Witzen und Erzählungen, wie ich zuvor in meinem ganzen Leben nichts ähnliches gehört hatte.

Größtenteils waren diese Vorkommnisse derart, daß sie nicht wiederzugeben sind; und wer hier am cynischsten und schmutzigsten war, das waren die verheirateten Frauen. Neben mir saß eine etwa 30jährige, kinderlose Frau, die so unglaublich verkommen war, daß sie, sobald ihr etwas von Seiten ihrer Gefährtinnen nicht paßte, aufstand, ihre Röcke emporschlug und einen gewissen Körperteil zeigte, während sie dazu ganz unglaubliche Redensarten führte.

Dieses Vorkommnis war noch eines der alleranständigsten! Ich fand hier eine sittliche Verkommenheit und Roheit, die nicht zu beschreiben ist, die meisten dieser Mädchen schienen jedes Schamgefühles bar.

Alle die, in denen ein besserer Funke steckt, halten es hier nicht lange aus, gewöhnlich kehren sie in Dienste zurück oder sie suchen andere Arbeit.

Man kann sich ein Bild von der Sittlichkeit der Mädchen aus folgendem Vorkommnis machen.

Mir war an einem der Tage nicht ganz wohl und suchte ich mehrere Male die Retirade auf. Als ich zum dritten Mal eintreten will, stürmt eine der Directricen auf mich zu, reißt mich am Arm herum und fährt mich an: »Sie S..... Sie, was haben Sie den ganzen Tag auf dem Abort zu thun, Sie haben wohl von Ihrem Schatz von gestern noch nicht genug!« (Der vorhergehende Tag war ein Sonntag gewesen.)

Wenn ich je in meinem Leben vollständig jede Geistesgegenwart verloren habe, so war es da; ich starrte die Person entsetzt an und war so vollständig verblüfft, daß ich mich nicht vom Fleck rühren konnte. Ich hatte nur ein Gefühl unsäglichen Ekels vor der Directrice, die sich nicht entblödete, als Mädchen, vor allen umstehenden Arbeitern, so etwas zu sagen.

Dies passierte mir am letzten Tage meiner Arbeiterinnenzeit, gerade da, als ich glaubte, alles was es an Gemeinheit und Verkommenheit giebt, erlebt zu haben. Ich danke dem Himmel, daß es nicht am ersten Tage war!

Auf dem Lande waren die Arbeiterinnen wieder manierlicher und keineswegs roh, was ich auch wieder in Einklang bringe mit meiner Behauptung, daß die Maschinenarbeit verrohend und entsittlichend wirkt, die Handarbeiterinnen jedoch immer sanfter, äußerlich wenigstens gesitteter bleiben. –

Ich hatte, um mir das Vertrauen und die Zuneigung der Mädchen zu erwerben, ab und zu zwei zu irgend einer Volksbelustigung eingeladen. Die Mädchen benahmen sich nett, unauffällig und ruhig, waren in Essen und Trinken bescheiden und dankten mir jedesmal herzlich. Sie drängten sich vielfach an mich, um eingeladen zu werden; hinterher aber erfuhr ich, daß sie sich geäußert hatten: »Die Hertzog (Minna Hertzog war mein Name als Arbeiterin) muß einen reichen Schatz bei den Lieutenants haben oder sie geht mit allen; wenn wir das wüßten, gingen wir nicht mehr mit ihr!« Auch nur annähernd die Wahrheit aber ahnte keine einzige. – Schon der Umstand, daß ich eine Uhr besaß, war in ihren Augen ein Beweis für meine zweifelhafte Moral.

Sie hatten sich natürlich sofort darnach erkundigt, ob ich einen Schatz besitze.

»Ich hatte einen,« erklärte ich.

»Ach, bei den Soldaten?« frug eine Neugierige.

»Nein,« meinte ich, um als Gattin eines Doctor juris wenigstens in der »Branche« zu bleiben, »er war Gerichtsschreiber.«

Aber da kam ich gut an.

»Uh,« schrieen alle, »ein Federfuchser, ein geschniegelter Laffe! Na, da nimmt's uns nicht Wunder, daß Sie auch so die Feine spielen! Wollen Sie sich hier keinen neuen Schatz suchen?«

Ich bejahte ziemlich unsicher, weil ich nicht wußte, ob und wie sie das aufnehmen würden. Aber das schien ihnen zu passen; eine jede hatte in ihrer Verwandtschaft einen Bruder, Vetter oder Schwager, der »schatzlos« war, der zu mir »prächtig« paßte, mit dem ich schon auskommen würde, der nicht knauserte u. s. w., und den sie mir nun in der verlockendsten Weise beschrieben, mir seine Vorzüge schilderten und sich freuten, daß ich ihnen bald so »nahe« treten würde.

Eine Frau, eben jene Witwe, von der ich schon zu Anfang meiner Broschüre sprach, hatte einen Bruder, der Schönfärber war, und den ich schon oft bei ihr gesehen und gesprochen hatte. Den schlug sie mir nun auch vor und fügte hinzu: »Gleich, wie er Sie das erste Mal sah, meinte er, Sie könnten sein Schatz werden. Und mein Bruder ist kein solcher, der Sie sitzen läßt, er hat noch kein Mädel gehabt, und wenn Sie es schlau anfangen, heiratet er Sie vielleicht.« Dann erzählte sie mir von seinem Einkommen, von seiner Solidität, und schien zuletzt schon die Gewißheit zu haben, daß ich ihre Schwägerin würde.

Arme Frau! Diejenige, die einmal Deine Schwägerin wird, erwartet wohl ein gleich elendes Dasein, wie das Deine! –

Teilweise wurde ich auch gefragt, ob ich ein Kind habe; ich hatte es immer verneint, bis zu meinem Aufenthalt in der letzten Fabrik, wo ich der Wahrheit gemäß von meinem dreijährigen Töchterchen berichtete. Als ich angab, daß es in Kost sei, waren die meisten sehr ungehalten darüber; eine gute Mutter, sagten sie, behielte ihr Kind bei sich, und wenn sie es auch nur am Abend zu Gesicht bekäme. Gerade bei einem unehelichen Kinde, wo der Vater fehle, müsse man es doch erst recht bei sich behalten. –

An der einen Fabrik, in der ich arbeitete, hatten wir die Kaserne als nächsten Nachbarn; natürlich war die Mannschaft immer bereit, uns ihre Aufmerksamkeiten zuzuwenden, trotzdem meine Genossinnen sie gar nicht beachteten; gewöhnlich fiel unsere Frühstückspause mit irgend einer Pause in der Kaserne zusammen. Die Soldaten, und noch mehr die Unteroffiziere, standen dann am Gitter mit einigen irgendwo erbeuteten Nelken oder anderen Blumen in der Hand, die sie derjenigen reichten, die ihnen am besten gefiel; so bot mir einmal drei Tage nacheinander ein schwarzlockiger Unteroffizier Nelken an, die ich ebenso oft zurückwies. Es war mir äußerst unangenehm, in den Leuten den Glauben zu erwecken, als könnten sie mit der Zeit von mir Begünstigungen erfahren; ich wies sie deswegen ab, so oft es von vornherein anging, ohne den Argwohn der Mädchen zu erregen.

Am Abend desselben Tages suchte mich eines der Mädchen aus der Appretur auf und bat mich, ihr doch den Unteroffizier abzutreten, falls ich ihn nicht wolle; ihr bisheriger Schatz sei jetzt in Dresden Soldat und sie möchte doch gern bis zum nächsten Schützenfest einen neuen Begleiter haben. Ich habe sie auch Tags darauf dem Unteroffizier »vorgestellt«, aber seit der Zeit ließ er sich nicht mehr blicken. –

Im allgemeinen aber will ich auch hier wiederholen: man muß die Arbeiterinnen nicht alle auf einen Haufen werfen, man muß sie streng, je nach ihrem Beruf, trennen. Hier giebt es keine goldene Mittelstraße, nur entweder grenzenlose sittliche Verkommenheit oder ein Benehmen, das bei dem Mangel an Bildung und gutem Umgang der Mädchen geradezu bewunderungswürdig anständig zu nennen ist.

Fünftes Kapitel.
Sparsamkeit und Ehrlichkeit.

»Sparen bringt ein goldnes Alter«, heißt ein altes Sprüchwort; wenn wir dies auf die Fabrikarbeiter anwenden wollten, so müßten diese in ihren alten Tagen durchwegs betteln gehen; denn sie kennen den Begriff Sparsamkeit überhaupt nicht.

Die Mädchen leben eigentlich nur für den Sonntag, sie sparen sich die ganze Woche alles Notwendige am Essen ab, um sich ein hübsches Kleid zu kaufen, sie essen lieber die ganze Woche trocknes Brot, um des Sonntags Bier zu trinken.

Trotzdem sprechen sie mit großer Begeisterung vom Sparen, sie wollen alle einmal damit anfangen, aber keine einzige führt es aus. Sie haben auch nicht den geringsten häuslichen Sinn, sie leben in den Tag hinein, unbekümmert um das, was die Zukunft ihnen bringen wird; haben sie Geld, so geben sie aus, haben sie keins, so hungern sie.

Der Sonntag ist für sie ein Tag des Geldausgebens, mit einem Spaziergang ins Feld hinaus würden sie sich in keinem Fall begnügen. So kam ich einmal zu einer sehr armen Arbeiterfamilie, von der ich genau wußte, daß sie seit Wochen kein Fleisch gekostet hatten; es war herrliches Maiwetter, ich frug den Mann erstaunt, weshalb sie nicht alle ausgingen.

»Pah,« meinte er, »wir haben kein Geld! Ehe ich mit Frau und Kindern vor einem Glase Bier sitze, bleibe ich zu Hause. Die Kinder wollen trinken, man kriegt Durst vom Weg, am Automaten wollen sie auch nicht vorüber, ohne einen Nickel hineingeworfen zu haben; wenn man nur Luft kneipen will, kann man zu Hause bleiben, da hat man 's ebenso!«

Und triumphierend ob dieser philosophischen Weisheit, sah er sich in dem engen, übelriechenden, feuchten Hof um.

Auch bei den Mädchen ist es Norm, daß sie lieber zu Hause bleiben, als nur spazieren zu gehen.

Es ist natürlich kein Wunder, daß die Mädchen, wenn sie in die Ehe treten, schlechte Hausfrauen werden; sie konnten sich als Mädchen mit ihrem Verdienst nicht genug thun, wie viel weniger erst, wenn sie für andere mitsorgen sollen!

Es ist dies ein großes, wichtiges Kapitel in der Frauenbewegung, die Mädchen jener Kreise, die am schnellsten, häufigsten und in größter Armut heiraten, zur Sparsamkeit, zur Ordnung und zur Häuslichkeit anzuhalten; hier müßten überall, nicht nur vereinzelt, Abendschulen gegründet werden, in denen die Mädchen in allen häuslichen Arbeiten unterrichtet werden und wo sie vor allem bei sparsamer Einteilung ordentlich kochen lernen; denn nirgends hängt der eheliche Frieden so sehr vom Magen des Mannes ab, als gerade in jenen Kreisen; man bedenke nur einmal, wie die verheirateten Arbeiter oft essen, lediglich durch die völlige Kochunkenntnis der Frauen, die dem Manne, der elf Stunden schwer gearbeitet hat, einen halbgaren Brei ohne Salz und Schmalz vorsetzt, den der wohlgenährte Hofhund der Fabrik verschmähen würde.

Die guten, sparsamen Familienväter rauchen Pfeifen aus Billigkeitsrücksichten; wer weniger darauf sieht, raucht Cigarren, meist zu 3 Pfennige pro Stück, was trotzdem aber die Haushaltungskasse stark in Anspruch nimmt.

Der Mann behält in den meisten Fällen 2-3 Mark vom Wochenlohn für sich zurück, d. h. er deckt damit seine Bedürfnisse an Bier und Cigarren. In diesen Kreisen ist das Rauchen ein sozialer Schaden; es hemmt zuweilen den Aufschwung einer ganzen Familie.

So unglaublich das auch klingen mag, so will ich es hier doch durch ein kleines Beispiel beweisen.

In einer Familie, wo das dritte Kind eingetroffen war, sollte für die beiden größeren ein gemeinsames Bett angeschafft werden zum Preise (Bettgestell mit allem Bettzeug) von Mk. 12. Allein die Mittel langten nicht, trotzdem der Händler wöchentliche Abzahlung von nur Mk. 3 beanspruchte. Der Mann aber rauchte auf Abzahlung Cigarren, wofür er wöchentlich Mk. 2 (!!) brauchte.

»Aber so rauchen Sie doch einmal den dritten Teil von dem, was Sie rauchen, oder Pfeifen,« riet ich dem Manne. »Dann könnten Sie ganz gut jede Woche 2 Mark abzahlen, wenn Sie obendrein nur Wasser und kein Bier trinken!«

Der Mann liebte seine Kinder, wie wenige Arbeiter, aber das Rauchen konnte er doch nicht lassen – und das Bett wurde nicht gekauft. Kurze Zeit darauf bekam das älteste Kind Diphteritis, dann das jüngste, das die Krankheit erhalten hatte, weil es in demselben Bett mit den anderen liegen mußte. Beide Kinder starben, nur das mittelste konnte erhalten bleiben; jetzt hat es sein eigenes Bettchen, das die Geschwister ihm eingeräumt, die nun unter der Erde schlafen. Der Mann aber, dem der Arzt wiederholt zum Vorwurf machte, daß die Kinder bei Isolierung hätten gerettet werden können, hat sich aus Schmerz hierüber dem Trunk ergeben; jetzt, wo es zu spät ist, raucht er nicht mehr. –

Ein anderes Mal forderte mich eine Witwe auf, ihr beim Einkauf von Kinderkleidern behülflich zu sein; sie wollte für ihre drei Kinder Tricotkleider kaufen, die ersten bunten nach der Trauer um den Vater. Sie wählte im Geschäfte hübsche, geschmackvolle Kleider zu 6 Mark pro Stück für die beiden größeren, zu 5 Mark für das kleinere Kind.

Die Frau selbst, die ich ganz flüchtig durch eine andere Arbeiterin kannte, schien mir nicht arm zu sein; sie trug ein hübsches schwarzes Kleid, Handschuhe und einen recht netten Strohhut mit schwarzer Perlengarnitur; selbstverständlich war das ihre Sonntagstoilette. Ich wußte, daß sie in einer Fabrik arbeitete, aber ich hielt sie für eine der bestangestellten Frauen.

Nachdem wir die Kleider gekauft, zählte sie ihr Geld und sagte dann: »Na, es langt gerade noch zu einem Hut für mich, am nächsten Sonntag ist Pfingsten, da will ich doch die Trauer ablegen!«

Wir kauften eine Hutform und Band und Spitzen zur Garnitur; sie bat mich (es war überall herumgekommen, daß ich Putzmacherin sei), mit ihr nach Hause zu kommen und ihr den Hut gleich zu garnieren.

Als wir daselbst angelangt waren, fanden wir das jüngste Kind heulend in seinem Bettchen, die beiden ältesten balgten sich am Fußboden herum. Das erste Begrüßungswort der Kinder war: »Mutter, eine Bemme, wir haben so Hunger!« Die Frau verteilte trockenes Kommisbrot unter die Kinder, langte dann in ihre Tasche und sagte: »Ach, ich hab' nur noch sieben Pfennige, geh', Gustel, und hole Zichorie, daß wir Kaffee machen können.«

Dann wandte sie sich an mich: »Ich hab' eben die ganze Woche wenig verdient; mein Bruder, der wohlhabend ist, schenkte mir zwanzig Mark, da mußte ich doch erst die Kinder und mich ordentlich kleiden. Die Leute reden gleich, lieber hungere ich und kleide mich und die Kinder gut.«

Sie zeigte mir den Kleidervorrat ihrer Kinder, alles hübsche Tricot- und Sommerkleider, Trauerhütchen und schwarze Mäntel. Ich hätte ihr mit der gleichen Quantität Kleider meines Töchterchens nicht aufwarten können; die ältesten, sechsjährigen Zwillingsmädchen hatten fünf noch vollkommen intakte Stoffkleider und ebenso viele aus Kattun. Das jüngste Kind war schon weniger reich bedacht, hatte aber immer noch im Ueberfluß Garderobe. Die Frau verdiente wirklich Prügel, die Kinder hatten mehr denn auf zwei Jahre hinaus Kleider, sie kaufte ihnen neue, und sie hatten nichts zu essen! Und was sah ich noch alles! Kein Fädchen Zwirn war im Hause, ich mußte erst Zwirn holen, ehe ich den Hut garnieren konnte. Die Lampe war ungefüllt, Petroleum nicht vorhanden, der Cylinder zerschlagen. Es fehlte an allem, was selbst für primitivste Verhältnisse notwendig ist, während Unnötiges reichlich vorhanden war. Dieselbe Frau saß zu Hause und häkelte kleine Kragen für die Kinder, während diese hungernd nach einem Teller Suppe lechzten. Und diese Zustände habe ich nicht einmal, sondern oft getroffen.

Eine solche Verschwendung mit dem Erworbenen, ein solches trauriges in den Tag hinein leben zeitigt mehr oder minder die Unehrlichkeit, wenn nicht gar direkten Diebstahl. Wo nichts ist, soll etwas hinkommen, die Gelegenheit ist vielleicht günstig, warum lassen, was auch andere thun – so kommt es, daß das Stehlen in kleinem Maßstabe bei den Arbeiterinnen en vogue ist, und ganz speziell bei den verheirateten Frauen.

Ein Diebstahl von solch kleinen Dingen gilt nicht als Schande, man stiehlt offen vor den anderen Mädchen, denn sie klatschen nicht und spielen nicht die Verräterin. Es wurde massenhaft Garn gestohlen, immer in kleinen Docken; die Frauen verstricken es zu Strümpfen, die sie oft in zehnerlei Farben tragen. Auch das Heftgarn und die Heftseide werden von den Hefterinnen zu Privatarbeiten verwendet, sie häkeln bunte Spitzen davon, die sie in ihre Sonntagskleider heften.

In einer der Handschuhfabriken auf dem Lande wurden sehr oft Handschuhe entwendet, bald seidene Damen- oder Ballhandschuhe, schwarze oder Tricothandschuhe, vor allem aber Militärhandschuhe; man glaube aber nicht, daß diese Handschuhe dem jeweiligen Schatze der Diebin zu gute kommen. Im Dorfe wohnt eine Frau, die den Mädchen die gestohlenen Handschuhe, gleichviel welcher Farbe, welcher Qualität und welcher Größe, zum »Honorar« von 20 Pfennig pro Paar abnimmt; sie selber fährt alle Monate einmal nach Chemnitz, wo sie die Handschuhe in Soldatenkneipen losschlägt, da die Marssöhne auch ihrer Begleiterin ein Paar dedizieren; sie verkauft sie weit unter dem Ladenpreis, macht wahrscheinlich aber doch ein gutes Geschäft dabei. Dieser »guten Geschäftsverbindung« können sich nur die Zuschneiderinnen, Sortiererinnen und solche Arbeiterinnen erfreuen, die die fertigen Handschuhe in die Hände bekommen.

Am meisten aber geben sich die Mädchen mit dem Stehlen von Eßwaren ab; sie trinken einander den Kaffee weg, sie leeren die Suppentöpfe der Nachbarin, sie entwenden ihr das Brot und sie verzehren diese gemausten Dinge meist auf der Retirade.

Eines Morgens bemerkte ich gleich beim Eintritt in den Saal, daß ich weniger liebenswürdig als sonst empfangen wurde; im Laufe des Vormittags erfuhr ich denn, daß man der einen mit unglaublicher Dreistigkeit den Topf Kartoffeln gestohlen hatte, den sie zur Mittagsmahlzeit verzehren wollte; am empörtesten war man darüber, daß die Diebin den leeren Topf nicht zurückgebracht, sondern ihn entweder vernichtet oder als Beute mitgenommen hatte. Der Verdacht hatte sich auf mich gelenkt!!! Die Diebin wurde indes noch am selben Tage entdeckt, als sie, wohl von Furcht gepeinigt, den leeren und sorgfältig gereinigten Topf wieder an Ort und Stelle brachte. Die Bestohlene machte der Diebin keinerlei Vorwürfe; allein diese wurde von den 500 Fabrikmädchen mit solchem Spott überschüttet, daß diese Strafe mich die härteste dünkte, die man ihr hätte auferlegen können. Am anderen Tag erschien die Diebin nicht mehr in der Fabrik, sie hatte an einem anderen Ort Arbeit gesucht.

Diese Art der moralischen Lynchjustiz wurde fast durchwegs ausgeführt; mir persönlich wäre sie schrecklicher gewesen, denn Knutenhiebe; sie erstreckte sich nicht auf einen Tag, sondern auf Wochen hinaus. Es ist unglaublich, wo diese ungebildeten Mädchen diese Art feinen Nadelstiche herhaben, diese moralischen Hiebe, die die Gequälte zur Raserei treiben müssen. Ich glaube, daß diese unbewußte Grausamkeit in Verbindung zu bringen ist mit dem Mutterwitz, den die meisten von ihnen besitzen.

Hinterher gestand man mir freimütig, daß man mich für die Diebin gehalten, weil ich »neu« sei und suchte mich dann durch größte Liebenswürdigkeit für das zugefügte Unrecht zu entschädigen.

Die meisten Familien hatten Schulden, die aber größtenteils am Lohntage ganz oder zur Hälfte beglichen wurden; ich habe nur sehr wenige gefunden, die in längerem Rückstand mit der Miete zum Beispiel blieben, wenn nicht Unglücksfälle in der Familie eine außergewöhnliche Not zeitigten. Wer aber in diesen Kreisen ins Schulden machen gerät, ist rettungslos verloren.

Die Mädchen haben auch untereinander eine gewaltige Scheu vor dem Geldborgen; sie thun dies nur, wie ich schon erwähnte, im Betrage bis zu 15 Pfennigen, weil sie hier allein wissen, daß sie in der Lage sind, diese Summe am Zahltag mühelos zurückzuerstatten.

Man ersieht daraus, daß die Mädchen, wenn sie durch praktischen Anschauungsunterricht von dem Muß des Sparens überzeugt würden, sehr wohl sparsame Frauen werden könnten. Wie soll aber ein ungepfropfter Baum edle Früchte tragen?

Eines habe ich unter den Arbeiterinnen mit Genugthuung bemerkt: die Enthaltsamkeit und die Gleichgültigkeit gegen alle Spirituosen; wenn ich vorher bemerkte, daß die Mädchen lieber während der ganzen Woche trockenes Brot essen, um am Sonntage Bier trinken zu können, so geschieht dies keineswegs aus Liebe zum Bier, sondern im Glauben, daß, wer nicht ganz ordinär sein will, in einem Gartenlokal Bier vor sich stehen haben müsse; so oft ich auch mit den Mädchen zusammen war, und so sehr ich sie auch zum Trinken animierte, mehr denn ein Glas Lagerbier trank keine. Schnapstrinkerinnen waren überhaupt, so lange die Anwesenden sich erinnern konnten, in der Fabrik nicht beschäftigt.

Sechstes Kapitel.
Die Ehe.

Wenn man die Ehe im allgemeinen als ein Lotteriespiel betrachtet, so muß man sie in den Kreisen der Fabrikbevölkerung ein Hazardspiel nennen.

Die Männer, die des Alleinseins müde, ihren Schatz heiraten, wagen viel; entweder, sie finden das, was sie erhofften, oder sie kommen ins Elend, aus dem es kein Entrinnen mehr giebt. Die Ehen sind größtenteils Gegensätze; entweder wird die Frau geachtet und gut behandelt, oder sie wird als Lasttier, als Arbeitssklavin, als Mittel zur Befriedigung geschlechtlicher Genüsse angesehen.

In kinderlosen und mit einem oder zwei Kindern gesegneten Ehen, herrschen gewöhnlich schlichte, aber geregelte Verhältnisse, eheliche Einigkeit. Wo viel Kinder sind, herrscht meist Unfriede, Elend, Schmutz und Not, Untreue von Seiten des Mannes ist hier viel häufiger.

Man kann dreist behaupten, daß mehr als drei Kinder in einer Familie, Schuld zum Ruin derselben sind. Leider aber, und ich werde es immer wieder tief beklagen, herrscht keinerlei Verständnis für eine geregelte, beschränkte Kindererzeugung; hier würde der Segen ein unberechenbarer sein, wenn man die Leute darauf hinführen könnte, daß nicht die Quantität, sondern die Qualität der Nachkommen für die Menschheit von Bedeutung ist, daß ein oder zwei Kinder in geistiger und körperlicher Beziehung gesund, mehr Wert haben, denn zehn elende Geschöpfe und Krüppel.

Die schwangeren Frauen arbeiten vielfach bis zum letzten Tage vor ihrer Niederkunft in der Fabrik, in entsetzlicher Luft und bei schwerer Arbeit; eine normal gesunde Frau setzt hier täglich – in Anbetracht der elenden Nahrung – einen Teil ihrer Lebenskraft zu; wo soll da eine Frau Kraft und Lebensstoff für ein zweites Wesen sammeln, das womöglich das sechste oder achte der Reihenfolge ist?

Beim ersten Kinde und auch beim zweiten, wenn die vernünftige Zeit von 3-4 Jahren dazwischen liegt, pflegen sich die Arbeiterfrauen, d. h. sie besuchen nicht die Fabrik, gehen an die Luft und bringen infolge dessen ein kräftigeres und intelligenteres Kind zur Welt; sie können ihnen die Brust reichen, sie können es pflegen und hüten und ihm wirklich Mutter sein. Beim dritten, günstigen Falls beim vierten Kinde aber tritt die Not leise in die Familien, die Arbeit des Mannes ernährt nicht mehr alle, die Frau muß mitverdienen, und erst recht, wenn ein weiteres Menschenkind zu erwarten ist. Die allgemeine Nahrung wird, je reichlicher sie sein muß, je schlechter, an Säugen des Weltbürgers kann die Frau nicht denken, sie muß, kaum genesen, von neuem in die Fabrik eilen, um zu erwerben; der Säugling liegt indessen zu Hause im Schmutz, den Lutschpfropfen im Munde, während die anderen noch nicht schulpflichtigen Kinder auf der Straße ihre »Erziehung« finden. Zwei auch drei Kinder können jene unteren Klassen pflegen und erziehen, was darüber ist, liefert in den weitaus meisten Fällen Proletariat und Dummköpfe.

Die Ärzte aber trifft hier der Vorwurf, daß sie es sind, die der vernünftigen Beschränkung der Kindererzeugung im Wege stehen. Oder halten sie es vielleicht für sittlicher, bei Geburt eines Kindes die Hoffnung auszusprechen, daß es nicht lange lebe, daß es durch erbärmliche Pflege thatsächlich bald stirbt und die Familie schädigt, als daß wenige, aber kräftige Kinder erzeugt werden, die mit Freuden begrüßt und gut gezogen werden?

Hier richte ich eine Anfrage an die Gegner unserer Bestrebungen, die da behaupten, die Frau sei zur Gattin und Mutter bestimmt und gehöre ins Haus, sie könne nur so ihre natürliche Pflichten erfüllen. Warum sorgen diese Schreier nicht dafür, daß die Arbeitergattinnen ihre »natürlichen« Pflichten auf natürliche Weise erfüllen können und in ihren vier Wänden bleiben, statt die unnatürliche, schwere Maschinenarbeit zu verrichten?

Oder haben die Frauen nur dann natürliche Pflichten als Gattin und Mutter, wenn sie befähigt sind, den Männern Konkurrenz zu machen?

Diese Frauen blieben so gern im Hause um ihre »natürlichen« Pflichten zu erfüllen, warum verhilft ihnen der Trotz jener weisen, menschenfreundlichen Gegner nicht dazu?

Und der Staat, der die Gesetze schafft, die Schmach und Unterdrückung für die Frau bedeuten, die sie zum Kindergebärapparat macht, warum hilft dieser Staat der Frau nicht bei Ausübung ihrer »natürlichen« Pflichten?

Oder teilt der Staat die Ansicht Balzacs, die zu den Gesetzen, die die Frau unterjochen, passen dürfte: »Ne vous inquiétez en rien des murmures de la femme, de ses cris, de ses douleurs; la nature l'a faite à notre usage et pour tout porter: enfants, chagrins, coups et peines de l'homme.«

Ich spreche hier mit Bebel, dem ich voll und ganz zustimme, wenn er sagt: »Der Maßstab für die Kultur eines Volkes ist die Stellung, welche die Frau daselbst einnimmt.« Wie muß aber dann der deutsche Kulturzustand sein?

Ich habe übrigens bei vielen Mädchen in der Fabrik den Ausspruch gehört, daß sie nicht heiraten mögen, aus Angst, viel Kinder zu bekommen.

Die Sozialdemokratinnen sind unter den Arbeiterinnen die Einzigen, die vernünftigere Kinderproduktion kennen; in deren Haushaltungen herrscht auch durchwegs bessere Wohlhabenheit, Ordnung, Reinlichkeit und vor allem innigere eheliche Gemeinschaft. Am Abend stehen die Frauen mit den Männern vor den Hausthüren und unterhalten sich über politische und andere Tagesereignisse, während die nichtsozialdemokratischen Männer vielfach die Kneipen aufsuchen und die Frauen zu Hause bleiben müssen. Auch sind die Kinder der Sozialdemokraten besser erzogen, folgsamer und gesitteter. In diesen Schichten, d. h. in den guten Ehen, ist eheliche Untreue ein unbekanntes Ding, die höheren Kreise könnten sich daran ein Beispiel nehmen.

Die Kinder lieben fast alle mehr den Vater, denn die Mutter; jene sind auch liebevoller mit ihnen als die Mutter, die sie den ganzen Tag um sich hat und oft die Geduld verliert. Der Abend vereinigt gewöhnlich Vater und Kinder; das Wirtshauslaufen des Bürgerstandes z. B. wird vom Arbeiter nicht stark nachgeahmt. Es fiel mir auch auf, daß in den Chemnitzer Arbeitervierteln wenig Kneipen bestehen, und daß die wenigen am Abend schlecht besucht sind, meist von Aufsehern, Inspektoren oder ledigen Arbeitern.

Kinderlose Frauen arbeiten fast ausnahmslos in einer Fabrik; die Wohnung wird jedoch immer in der Nähe der Fabrik des Mannes, nicht der Frau gewählt.

Auch darin findet man wieder einen merkwürdigen Beweis für die »körperliche Unfähigkeit« des schwachen Geschlechtes, das in Strapazen das aushalten kann, was, wie es scheint, für den Mann zu viel wäre.

Vielfach heiraten die Leute ohne die geringsten Mittel, sie kaufen Wäsche und Möbel auf Abzahlung; stellen sich keine Kinder ein oder nur ein bis zwei, so ist die Existenz der Leute gesichert; sie zahlen die Schulden ab, fangen dann mit dem Sparen an und können einem gesicherten Alter entgegensehen. Wo natürlich jedes Jahr ein Kind in den Kauf genommen wird, vergrößern sich die Schulden, die halb bezahlten Sachen werden womöglich heimlich verkauft und der Untergang der Familie ist fertig. Ich kannte Familien, die jede in ihrer Art diese These zur Wahrheit machten. Die Mädchen sind im allgemeinen bei weitem nicht so versessen aufs Heiraten als die Töchter des Mittelstandes; sie wissen, daß es ihnen in der Ehe größtenteils schlechter, selten aber besser geht. Sie sind mit ihrem Schatz zufrieden, ihre Arbeit ist leichter, als sie als Frau werden arbeiten müssen, wo ihnen der aufmerksame, geduldige Schatz in Gestalt eines herrschsüchtigen Mannes entgegentritt.

Die Witwen dagegen brennen aufs Heiraten, sie lassen kein Mittel unversucht, je mehr Kinder sie haben; ich kannte eine, die sich das Notwendigste am Munde absparte, um allwöchentlich ein Heiratsgesuch in die Zeitung setzen zu können. Überhaupt sind die Witwen für das »Heiraten durch die Presse« sehr eingenommen.

Es kamen auch Fälle vor, wo die Frau zwei uneheliche Kinder verschiedener Väter mit in die Ehe brachte; in dieser blieb sie kinderlos. Mann und Frau pflegten die absonderlichen »Geschwister« rührend, es hätte keiner geahnt, daß der Mann von keinem der Vater war.

Entgegengesetzte Fälle sind natürlich häufiger, hauptsächlich da, wo eheliche Kinder vorhanden. –

Im ganzen genommen aber halte ich die Ehe in diesen Kreisen für sittlicher, denn diejenige der höchsten Gesellschaftskreise, wo die Frau Geldsack, Repräsentantin und Gebärerin eines Stammhalters sein muß, weiter aber auch nichts. –

Was die Stellung der Frau als Herrin im Haushalt anbelangt, so kann sie meist nach Gutdünken einkaufen, schalten und walten. Sie ist vom Manne weniger unterjocht, als die Frau des Kleinbürgers, die sich oft keinen Weg erlaubt, ohne den Mann um Rat zu fragen. Aber auch hier herrscht, wie überall in Europa den Frauen gegenüber, das Motto: Vae victis!

Merkwürdig ist noch das Vorkommnis, daß in den meisten Familien, wo mehr als sechs Kinder sind, eine Stiefmutter zu finden ist; man könnte hier beinahe die These aufstellen, daß die Frauen dieser Kreise durchschnittlich sechs Kinder auf die Welt bringen können, ehe ihre Kräfte erschöpft und sie dem Tode verfallen sind, ein Triumph für den Philosophen Eduard von Hartmann, der da behauptet, die ganze Frauenfrage sei gelöst, wenn die Frauen mehr Kinder zur Welt brächten, weil sie dann schneller sterben, und einer andern zur Ehe Platz machen würden. Er hat Recht; würden die Frauen im allgemeinen so viel Kinder zur Welt bringen, als sie, unbekümmert um die Qualität derselben, gebären könnten, so würden sie schneller sterben. – Gott sei Dank, daß es aber noch Frauen giebt, und glücklicher Weise viele, die nicht Sklavinnen, sondern Herrinnen ihres Körpers sind!

Siebentes Kapitel.
Die Stellung des Mädchens.

Das vielgeschmähte Fabrikmädchen ist in mancher Beziehung, verglichen mit den Töchtern des Mittelstandes, zu beneiden, denn es erfreut sich eines Gutes, das jene nicht besitzt: der Freiheit.

Die Mädchen, die sich ihr Brod seit dem 14. Jahre selbst verdienen, sind wenig von den Eltern abhängig; sie zahlen ihr regelmäßiges Kostgeld, das für die Eltern meist mit kleinem Gewinn verbunden ist, und leben im übrigen unbekümmert um diese.

Viele der Töchter helfen in den Abendstunden beim Waschen der Wäsche, beim Reinigen der Zimmer u. s. w.; allein das sind die ganz gutmütigen oder diejenigen, die in friedlichen Familienverhältnissen leben.

Ich habe auch nie gefunden, daß die Mädchen durch diese Selbständigkeit Schaden an Körper und Seele genommen hätten, wenigstens nicht mehr, als es auch unter Egide der Eltern geschehen wäre. Ich fand, daß dadurch die Energie und das ganze Bewußtsein der eigenen Persönlichkeit, die sich selbst erhält, gehoben wird, daß die Mädchen weniger unselbständig und weniger blasiert sind, als die bei der Mutter sitzenden »besseren« Mädchen, deren »Erlöser« stündlich erwartet wird.

Gott sei Dank, daß man unter jenen Arbeiterinnen nicht auch noch ein Heer von Dornröschen findet, die von Rosenduft und Morgentau zu leben glauben, deren einzige Arbeit spinnwebenartige Stickereien sind, und die da von dem Bedauernswerten, der sie in Hymens Tempel einführt, erwarten, daß er ihren Fuß auf Blumen setze und sie über alle irdischen Dinge hinwegtrage auf seinen starken »Ritterarmen«. Von solcher »Poesie« des zu erwartenden Freiers wissen jene Mädchen nichts; im Gegenteil, sie fassen die Ehe keineswegs als einen glücklichen Tausch mit ihrer Mädchenzeit auf, sie haben zu viel traurige Beispiele vor Augen. Ich kannte mehrere, deren Schätze sie jederzeit geheiratet hätten, gutgestellte, fleißige Mädchen mit 12 Mark Wochenlohn. »Ach,« sagten sie, »wir sind noch zu jung zum Heiraten, wir warten noch ein paar Jahre, in Sorgen und Krankheit kommt man früh genug.«

Ich freute mich dieser gesunden Philosophie, die so manches Mädchen vor Elend und Jammer bewahrt hat; trotzdem aber machte ich sie darauf aufmerksam, daß der Schatz ihnen auf diese Weise untreu würde.

»Na,« meinten sie, »dann ist auch nicht viel verloren, dann wäre er so wie so kein guter Mann geworden; wir finden schon wieder einen anderen.«

Thatsache aber ist es, daß die meisten dieser »Bräutigame« wirklich auf ihr Mädchen warten und 8-10 Jahre lang »verlobt« bleiben; sehr viele unserer 24jährigen Arbeiterinnen hatten schon seit ihrem 16. Jahre denselben Schatz, heiraten aber wollten sie immer noch nicht.

Viele der Mädchen sind jahrelang bleichsüchtig und unterleibsleidend; die Arbeiterinnen in sitzenden Stellungen laborieren fast durchwegs am Magen, auf fünf kommen immer vier, die am chronischen Magenkatarrh, Beschwerden, immerwährende Verstopfung und Bruststichen leiden. Es kam fast täglich vor, daß die eine oder die andere auf eine halbe Stunde entlassen wurde, um zum Arzt zu gehen.

Die Maschinenarbeiterinnen sind selten bleichsüchtig und magenkrank; dafür altern sie aber – wahrscheinlich durch die angestrengte Thätigkeit – sehr schnell, ihre Gesichtsfarbe ist schmutzig grau, ihr Gang schlaff und müde, fast durchweg sind sie sehr mager, während ich bei den Strumpf- und Handschuharbeiterinnen wahre Monstra an Beleibtheit fand.

Traurig, sehr traurig aber sieht es mit der wirtschaftlichen Ausbildung der Mädchen aus; sie haben davon meist keinen Begriff. Wenn die Mädchen heiraten, so treten sie in diesen wichtigen Lebensabschnitt ein, ohne die geringsten Vorkenntnisse der gerade in diesen Kreisen so notwendigen hauswirtschaftlichen Kenntnisse; in allen andern Schichten der Bevölkerung kann die Frau durch eine Dienstmagd ihre Unkenntnis ersetzen, oder sie braucht nicht derart mit dem Pfennige zu rechnen und kann eher einmal etwas verderben. In Arbeiterkreisen hängt das Wohl der ganzen Familie von der Frau ab, denn da wird der Vers zur vollsten Wahrheit »..... Ist der Mann auch noch so fleißig Und die Frau ist liederlich, Geht die Wirtschaft hinter sich.«

Die praktische und sittliche Forderung aber richtet sich an die vorbauende und rettende Wohlthätigkeit: Hier ist ein Feld, das die Menschenliebe nimmer fertig bebauen kann, hier gilt das Wirken nicht für die Stunde, es erhält das körperliche und sittliche Wohl Tausender, es ist eine Arbeit, die dem Staat zu gute kommt, es ist ein Wirken für die Nation.

Die Erziehung der weiblichen Jugend bringt, je nach der Art, wie sie betrieben, der Gesamtheit Vorwärtskommen oder Untergang. Wenn wir dem Arbeiterstande tüchtige Frauen und Mütter geben, so wird sich die moralische Stellung des Mannes bessern, er wird ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft werden, als er es je an der Seite einer schlechten Frau werden könnte.

Es existiert eine große Zahl von Fortbildungs- und Haushaltungsschulen, von Arbeiterinnenheimen und Arbeiterinnenasylen; aber alle diese Einrichtungen der Menschenliebe erreichen noch nicht das Gewünschte, erfüllen noch nicht voll und ganz ihren Zweck. So lange die Mädchen zum Besuch einer solchen Anstalt gezwungen werden, können wir nicht segensreich wirken; wir müssen vorerst moralisch auf die Mädchen einwirken, wir müssen in ihnen die Überzeugung wecken, daß sie selber sich ihr Glück und ihre materielle Besserstellung schaffen durch hauswirtschaftliche Kenntnisse.

Die Frauen der höheren Stände, die gebildeten Frauen, die Kämpferinnen für Frauenrecht und Frauenwürde müssen dafür eintreten, sie sind die Berufenen, Segen zu bringen in jene Kreise.

Ich kann hier den ganzen Ernst dieser Frage nicht eingehend hervorheben, es würde mich in Gebiete drängen, die nicht hierher gehören. Aber ehe ich dies Kapitel schließe, möchte ich noch einmal die dringende Bitte an alle edlen Menschen richten: Helft diese Zustände bessern, wartet nicht ab, bis die Sozialdemokratie euch den Weg versperrt hat, denkt daran, daß die Ausbildung der weiblichen Jugend eine hohe Pflicht der Gemeinschaft ist, dazu angethan, das Familienleben der unteren Stände auf feste Grundbahnen zu lenken, die Heiligkeit des häuslichen Herdes zu sichern!

Vergeßt nicht, daß die mangelhafte häusliche Erziehung die Mädchen der Prostitution in die Arme treibt, daß ihr euch durch strenges Abschließen von jenen Kreisen versündigt. Die überhand nehmende Prostitution ist der Ruin des Familienlebens, der Ruin der Generationen, der Felsen, an dem jeder Fortschritt der Frau, an dem die Würde des ganzen Geschlechtes strandet!

Achtes Kapitel.
Seßhaftigkeit und Versicherung.

Ich hatte mich bemüht, so schlecht deutsch zu sprechen als möglich; trotzdem aber hatten sie aus meinem Deutsch den Berliner »Ton« herausgehört, den ich mir angewöhnt habe.

Sobald die Arbeiterinnen vernahmen, daß ich direkt von Berlin nach Chemnitz gekommen sei, bildete ich den Mittelpunkt ihres Interesses.

Berlin! Für sie ein Eldorado, das Ziel ihrer Wünsche, und dennoch eine Stadt ohne Zucht und Sitte, von der sie glauben, man würde am hellen Tage auf offener Straße ermordet, ohne daß ein Hahn darnach kräht. Die Mädchen hatten mit großem Interesse die Chronik der in diesem Frühjahr gerade in Berlin sehr zahlreichen Morde gelesen und – schnell fertig war die Jugend mit dem Wort!

Ich wurde von allen Seiten mit Fragen bestürmt, wie es in Berlin aussehe, was man treibe, was der Kaiser mache und ob ich ihn schon gesehen. Dabei sprechen sie ausnahmslos mit nicht näher zu beschreibendem Tone absichtlich stets vom »deutschen Kaiser«, während sie ostentativ »unser König« von Sachsens Herrscher sagen. Es ließe sich hier gar vieles sagen, aber ich will mir lieber die Finger nicht verbrennen. –

Unter den soliden tüchtigen Arbeiterinnen gilt der Grundsatz: Bleibe im Land und nähre dich redlich. Unter dem »im Land bleiben« verstehen sie aber immer Sachsen, meist sogar nur Chemnitz. Der größte Teil von ihnen ist nie über Chemnitz hinausgekommen; diejenigen die in Dresden gewesen waren, erzählten mit bewundernswerter Unverschämtheit von den Beschwerden und Gefahren dieser »großen Reise«, während die minder Glücklichen, die noch keine Reise gethan, andächtig zuhörten, und sich Dinge aufbinden ließen, die ein zehnjähriges Berliner Kind nicht glauben würde. Die gewesenen Dienstmädchen hingegen hatten nur ein Ziel vor Augen: möglichst bald in Berlin eine Stellung zu erhalten. Ich mußte ihnen Berliner Stellenvermittlerinnen nennen, an die sie noch am selben Tage schrieben. In Chemnitz erhalten die Dienstmädchen sehr wenig Lohn, d. h. mit Berliner Löhnen verglichen. Gute und tüchtige Mädchen für alles bekommen 7-8 Mark pro Monat, während in Berlin 17-18jährige Mädchen schon 15 Mark pro Monat erhalten. Dieser geringe Lohn und der Umstand, daß die Mädchen häufig in den Familien wenig und schlecht zu essen bekommen, ist mit ein wesentliches Motiv, warum die Mädchen alle in die Fabrik gehen.

Ich wurde auch eingehend nach hübschen Herren gefragt, ob es weniger Mädchen als Herren in Berlin gäbe, und ob die Chancen, recht bald einen Schatz zu bekommen, gut seien. Ich habe sehr viele dieser Abenteuerlustigen im Verdacht, daß sie nicht der gute Lohn und eine gute Stellung, sondern ganz andere Dinge nach Berlin lockten.

Und das bestätigt von neuem meine Aussage im vorhergehenden Kapitel. Jene Mädchen sind jeder häuslichen Arbeit fremd, sie sprechen ein schlechtes, sächsisches Deutsch, so daß keine Berliner Familie sie als Kindermädchen engagieren würde und für andere Stellen taugen sie absolut nichts. Ihre hochgeschraubten Erwartungen veranlassen sie jedoch, keine Stelle als gewöhnliches Aushülfsmädchen zu nehmen, sie werden stellenlos in Erwartung der »prächtigen« Stelle, das ungewohnte, glänzende Berliner Leben lockt und winkt, Bekanntschaften sind schnell gemacht und nach wenigen Wochen schon zieht der größte Teil dieser Mädchen als Prostituierte durch Berlins Straßen.

Man wundert sich über die fürchterliche Menge öffentlicher Dirnen, die in Berlin leben; man wundert sich, daß die Zahl von 40.000 überschritten ist, aber man forscht nicht nach den Ursachen, man philosophiert, aber man handelt nicht.

Man denkt nicht daran, daß ein großer Teil jener Fabrikmädchen, die in Berlin Stellung suchen durch Mangel an hauswirtschaftlichen Kenntnissen der Prostitution in die Arme getrieben werden müssen. Man sehe einmal die Statistik an, die uns zeigt, daß der größte Teil der öffentlichen Mädchen aus bisherigen Näherinnen, Dienstmädchen und Fabrikmädchen besteht.

Im Anfange finden diese stellenlosen Mädchen in Berlin einen »Schatz«, irgend einen Herrn Lieutenant oder Referendar, der mit ihnen zu Kroll geht, sie frei hält – und verführt. Das Sittlichkeitsgefühl im Mädchen, das durch das Fabrikleben wohl an Sitten, nicht aber an Sittlichkeit gewöhnt ist, empört sich nicht allzusehr gegen diese Art des männlichen Schutzes; zudem ist es geblendet durch die Wunderdinge irgend eines Tingeltangels, den es gesehen, und das der schlaue Verführer je nach dem Grad der Naivität seiner Begünstigten, recht raffiniert wählt, so geblendet, daß ihm ein Leben, das täglich solche Freuden gewährt, als das Herrlichste dünkt. Der erste »Schatz« geht ein-, zwei-, auch dreimal mit ihr aus; sie findet einen andern, ihm folgt der dritte, und schließlich ist sie so abgestumpft gegen jedes Schamgefühl, daß sie sich nicht mehr suchen läßt, sie sucht.

Das sind die Resultate des heuchlerischen Satzes des männlichen Schutzes, den sie einem anständig bleibenden Mädchen nicht angedeihen lassen wollen.

Die Fabrikarbeiterinnen sind merkwürdige Egoistinnen; sie gewähren ihrem Körper nicht das geringste an Schonung oder Kräftigung, aber sie schmücken ihn, wie einen Götzen. Dieser originelle Geiz für das Wohlbefinden der eignen Persönlichkeit äußert sich auch der Alters- und Invaliditätsversicherung gegenüber. Sie sind so naiv, zu glauben, der Fabrikbesitzer sei verpflichtet, für sie zu zahlen, da sie ja bei ihm ihre Gesundheit ruinieren; dem reichen Fabrikanten käme es nicht darauf an, meinen sie, ihnen aber thun die wenigen Pfennige jede Woche sehr weh. Sie denken nicht daran, diese wenigen Pfennige an irgend einem dummen Schmuckgegenstand oder an einem schädlichen Vergnügen abzusparen.

Nur ganz wenige waren mit der Versicherungs-Einrichtung einverstanden, sie sprachen sogar davon, wie von einer Erbschaft. Begeisterung aber fand ich bei keiner einzigen; diese Mädchen leben, wie ich schon gesagt, so sehr für den Augenblick, daß sie keine Zeit finden, an die Zukunft zu denken. In einer der Fabriken, in der ich weilte, war der Besitzer ein herzensguter, menschenfreundlicher Mann, der sich persönlich nach dem Ergehen der einzelnen Mädchen erkundigte. Mit leuchtenden Augen erzählten alle von seiner Güte, und wie sie bei ganz geringem Lohn lieber hier blieben, denn bei hohem Lohn bei anderen zu arbeiten.

Ich hörte auch später thatsächlich diese Fabrik von den andern Fabrikmädchen als eine Art Elysium nennen, mit dem Stoßseufzer: »Hätten wir's nur auch so!«

Dieser Fabrikherr borgte seinen Arbeiterinnen öfters das Geld zur Versicherung, d. h. er ließ es ihnen am Lohn abziehen oder vorausgeben, sodaß das Auszahlen der wenigen Pfennige den Mädchen weniger schwer fiel. Leider aber sind die Arbeiterinnen sich nicht bewußt, wie segensreich die Einrichtung dieser Versicherungen für sie ist; sie sehen sie als eine Art moderner staatlicher Unterdrückung an, weil sie im Glauben leben, der Staat verbrauche das Geld in der Erwartung, daß die Mädchen das Alter nicht erreichen, wo sie es ausgezahlt bekommen sollten.

Neuntes Kapitel.
Wohnungen und Schlafstellen.

»Sage mir, wo Du wohnst, und ich sage Dir, wer Du bist!« bin ich immer versucht zu rufen. Ach, aber wenn man dies auf die Arbeiterinnen anwenden würde, so dürften sie größtenteils nicht mehr Menschen genannt werden.

Bei den meisten meiner Gefährtinnen wohnte die ganze Familie in einer Stube und einer Kammer, günstigsten Falls in zwei Stuben. Die Leute ziehen bei ihrer Verheiratung in solch kleine Wohnung, die dann langen mag; kommen aber die Kinder, so scheuen sie die Kosten und Mühen des Umzugs, um eine größere Wohnung aufzusuchen, ja, meistens müssen sie wegen der Mehrausgaben für die Kinder auf Beschränkung des Mietzinses, statt auf Vergrößerung der Wohnung sehen.

Die nach Berliner Art gebauten Mietskasernen liefern ein Heer von Wohnungen, die der bescheidenste Mensch schon kaum mehr »Wohnungen« nennen würde; oft wohnen bis zu 35 Familien in solch einem Hause der Vorstadt. Die Arbeiterinnen, die in den umliegenden Dörfern wohnen, haben freundliche, bessere Wohnungen, meist im eigenen Häuschen.

Die meisten Mädchen wohnten bei ihren Eltern, die wenigsten in Schlafstellen. Ich will gleich hier bemerken, daß ich die Wohnräume meiner Genossinnen in der wärmeren Jahreszeit sah; ich glaube, daß es im Winter bei ungenügender Ventilation und Dunst der Kohlen in diesen Räumen noch viel schrecklicher sein muß.

Es ist sehr zu bedauern, daß die ärmsten Arbeiterfamilien auf eine »gute Stube« halten, daß sie lieber sechs bis acht Personen in einer Kammer schlafen, um die geräumige und luftige Stube nicht mit Betten zu verunstalten. So kommt es, daß das Mißverhältnis zwischen der Enge des Raumes und der Anzahl seiner Bewohner ein himmelschreiendes ist, daß die Kinder in diesen Räumen verkommen müssen, daß die Erwachsenen keinen erquickenden Schlaf finden und Morgens elender und geschwächter aufstehen, denn sie sich Abends niedergelegt haben.

Fast durchwegs zeigte das bessere Zimmer kleinbürgerlichen Komfort, ein Sopha, ein hübsches Nähtischchen, Spiegel mit Konsole und allerlei unnütze kleine Dinge, als da sind Deckchen, Gipsfiguren, Stehrahmen und Truhen. Die Schlafkammer dagegen sah meist einer Trödelkammer ähnlich; abgesehen von den elenden Betten mit schlechten Strohsäcken, die einen widerwärtigen Geruch verbreiteten, lag in einer Ecke die schmutzige Wäsche der ganzen Familie, Windeln der Kinder, daneben Kartoffel- und Zwiebelvorräte, Kochgeschirr, Flaschen, Besen und Lampen; auf einem Tischchen steht übrig gebliebenes Essen, Milch, Kaffee und Brot, daneben Kämme und Seife und allerlei Denkbares und Undenkbares. Ich habe bei keiner der gewöhnlichen Arbeiterfamilien eine Küche gesehen, man kocht in der Schlafkammer, wenn diese nicht ganz dunkel und zu eng ist, sonst in der Stube; aber hierzu entschließen sich die wenigsten gern.

Gewöhnlich schläft der Vater mit zwei Söhnen, die Mutter mit zwei Töchtern in einem Bett, oder Vater und Mutter mit einem Kinde und die übrigen Kinder zusammen je in einem Bett; auf die Geschlechtsangehörigkeit wird wenig Rücksicht genommen. Jungen schlafen mit Mädchen, erwachsene Schwestern mit erwachsenen Brüdern – aber natürlich, die Polizei kann nichts drein reden, denn es ist eben alles »Familie«.

Und in all' dem Elend ist dies immer noch die rosigste Seite des Bildes, selbst wenn sechs Personen in einem Raume schlafen; erst da, wo Schlafburschen oder Schlafmädchen gehalten werden, fängt die grenzenlose sittliche Verkommenheit aller Familienverhältnisse an. Wohl hat die Polizei das Halten von Schlafleuten beider Geschlechter verboten; aber dies Verbot ist dehnbar, und wenn ein lediger »Schwager« in der Familie ist, so kann man doch ruhig ein oder zwei Schlafmädchen nehmen.

Eine Witwe mit zwei Kindern z. B. bewohnte eine einzige große und ganz hübsche Stube mit Aussicht nach den Feldern; Sopha, Konsolspiegel und Wanduhr fehlten nicht. Oben im vierten Stockwerk der Mietskaserne hatte sie noch Zutritt in eine Bodenkammer mit schräg abfallendem Dach, mit Balken und einem einzigen winzigen Fensterchen. Hier schliefen die drei Personen, die Mutter in einem ordentlichen Bett, das eine der Kinder in einer langen Kiste, das andere auf dem Fußboden zwischen Kiste und Bett. Die Luft war hier entsetzlich, die Hitze unerträglich, wie in einem Photographenatelier, der Raum so eng, daß die Frau auf ihr Bett stieg, um die Kinder zu betten, und von ihrem Bette aus erst die Thür schließen konnte. Währenddem stand das geräumige Zimmer im Erdgeschoß leer, nur um eine gute Stube zu haben.

Ähnliches habe ich oft gesehen; das tollste jedoch an »Familienwohnungen«, was ich sah, war die Behausung einer Webereiarbeiterin; das Mädchen bewohnte mit einer Tante, der »Herrin des Hauses«, zwei Stuben und eine Dachkammer. In der Dachkammer, die womöglich noch fürchterlicher aussah, als die vorher beschriebene, schlief die Tante nebst 14jährigem Sohn auf einem Strohsack. Die Webereiarbeiterin schlief im hinteren Zimmer auf einem Feldbett, in einem ebensolchen lagen zwei andere Schlafmädchen, eine 60jährige Sortiererin und eine 15jährige Wäscherin. In dem Vorderzimmer, das man passieren mußte, um in die Schlafkammer der Mädchen zu kommen, schlief auf dem Sopha ein Bruder der Tante und in einer Hängematte (!!!), die vom Fenster zur Thür gespannt wurde, ein Bruder der Nichte; dieser zahlte wöchentlich 2 Mark Schlafgeld mit der Vergünstigung, seinen Koffer mit Effekten im Zimmer aufzustellen. Der Sophaschläfer zahlte 2,80 Mark, jedoch ohne Koffer; ich habe mir nie erklären können, wo diese Leute ihre Sachen lassen.

Eine alte Frau, die halb taub und lahm war, hatte eine Wohnung von Stube und Kammer inne; in letzterer, die stockdunkel war, schlief sie, in der Stube lagen nächtlich vier Personen auf Strohsäcken, zwei Dienstmänner und zwei Fabriklehrlinge. Diese vier »Herren« durften sich jedoch nicht vor ½9 Uhr abends einstellen und mußten die Schlafstelle wieder um ½6 Uhr morgens verlassen. Triumphierend erzählte mir die alte Frau, daß die Lehrlinge anfangs am Sonntage länger schliefen; da habe sie dieselben so lange gekitzelt, bis sie aufgestanden seien; für den Sonntag Vormittag vermietete sie das Vorderzimmer einer Wahrsagerin, die dafür monatlich 3 Mark bezahlt, die Alte sorgt ihr für Kundschaft und bekommt dann Tantièmen.

Einige meiner Gefährtinnen und speziell die auf dem Lande wohnten ganz hübsch; Vater und Mutter schliefen dann mit dem jüngsten Kinde in einem Zimmer, die übrigen Töchter in einer und die Söhne in der anderen Kammer.

Die Art, wie die Mädchen schliefen, zeigte sich in ihrem ganzen Wesen, im Benehmen, wie in der Kleidung. Die Schlafgängerinnen und jene, die in erbärmlichen Klausen mit anderen zusammenschliefen, waren roh, schamlos und körperlich schmutzig, oft mit Ungeziefer behaftet. Die Mädchen, die bei den Eltern oder als einzige Fremde bei einer Verwandten wohnen, sind gesitteter, manierlicher, reinlicher.

Bei ersteren findet man nicht viel von der vielbesprochenen »edlen Weiblichkeit«, von ihrer Stellung als »Hüterin der Ehre und Sitte, als Trägerin des Schönen, des Guten, der Ideale!« Es ist ein sonderbares Ding um die Logik unserer männlichen Gegner! Sie weisen die Frau zurück, wenn sie ins öffentliche Leben treten will, sie sagen ihr, um sie einzulullen gar süße Worte von Frauenanmut und Frauenberuf, von dem unvergleichlichen, schönen Wirken in der Familie, das ihr der Mann durch Verehrung und Achtung vergilt. Diese Paradoxe suche ich nicht zu widerlegen; ich sage einfach: je mehr die Frau im Hause arbeitet, je mehr sie Kinder gebiert und wäscht und kocht, je mehr isoliert sie sich vom Mann, je mehr sucht er Geselligkeiten außer dem Hause, je mehr wird sie ihm Magd und Geschlechtswerkzeug, je mehr mißachtet er sie.

Wir Anhängerinnen der Frauenbewegung sind in unserm Vorgehen konsequenter, denn unsere Gegner; wir legen uns Opfer auf, um für unsere Ideeen zu wirken; wir gründen Vereine, richten Unterrichtskurse, Schulen und Heime für alleinstehende Mädchen ein, alles aus eigenen, freiwillig gespendeten Mitteln.

Warum thun unsere Gegner nichts für ihre Bestrebungen, warum bauen sie jenen Arbeiterinnen, die da verkommen in Unweiblichkeit und Unmoral, warum bauen sie ihnen nicht gemeinsame Wohnhäuser, wo die »edle Weiblichkeit« nicht gefährdet wird, wo die Mädchen sich mit »echt weiblichen Arbeiten« beschäftigen und »mit schamhafter Sitte in ihrer Hütte« bleiben?

Warum arbeiten die Herren Gegner nur mit dem Munde, nicht mit der That? Warum sind wir unweibliche Frauen diejenigen, die Arbeiterinnenschulen und Heime gründen, die Kochkurse und Flickstunden den Armen verschaffen?

Warum suchen denn die »weiblichen« Frauen, deren größtes Vergnügen ein Kaffeeklatsch ist, warum suchen sie nicht die Wohnungen der Arbeiterinnen, der Verkommenen auf, um ihnen vorzuleuchten als Muster tugendhafter Weiblichkeit, als »verehrte und geliebte Gattin« eines sie hochschätzenden Gatten? Wir unweiblichen Geschöpfe können das doch nicht!

Warum tragen die »Pflegerinnen der Kindheit«, die »Samariterinnen«, die »sanften Gattinnen mit den Taubenaugen«, warum tragen sie nicht Hygiene, Lehren zur Erziehung der Kinder und die edle Kochkunst in die Wohnungen jener Unwissenden?

Oder ist auch solches Wirken unweiblich und in der Theorie Sache der Männer, nur in der Praxis Frauenpflicht?

Ja, ja, es ist ein eigen Ding um die Logik! –

Um das Schlafstellenunwesen gründlich zu studieren, bin ich während fünf Tagen, von Morgens bis Abends, Trepp auf, Trepp ab, in allen Teilen von Chemnitz, auf Wohnungs- resp. Schlafstellensuche gewesen.

Ich möchte hier gleich all' den Damen der Gesellschaft, die sich »mit Ekel von der häßlichen Genußsucht der Mädchen aus dem Volke abwenden«, raten, doch auch einmal solch eine Wanderung anzutreten; vielleicht daß sie ihr parfümiertes Taschentuch dann öfters gebrauchen werden, um ihren aristokratisch-weiblichen »Ekel« zu verbergen.

Ich will, um das Chaos der schrecklichen Dinge, die ich da gesehen, in meinem Kopfe zu ordnen, meine Wanderung von Anfang bis zu Ende erzählen, dabei aber nur die besten und die schlechtesten Schlafstellen berücksichtigen.

Ich hatte, um recht krasse Zustände kennen zu lernen, ein Inserat erlassen, wonach »eine arme und hier gänzlich fremde Arbeiterin eine Schlafstelle suchte«. Fast alle Offerten, die ich erhielt, trugen auf einem Fetzen Papier nur Angabe der Straße und Hausnummer; von den 17 Antworten, die auf mein Gesuch einliefen, waren nur zwei ausführlich, und die will ich hier wortgetreu wiedergeben:

1.

Wir haben ein logi für sie, es ist eine schöne kamer im driten stock aber nich sehr haiß, aber weil wier fünf Kinter haben und eine schlaafstehle abgeben könen möchten sie doch komen um sie anzusehn, das der preis ist 2 Mark für die Woche mit dem kafee und wäsche können sie hir waschen. Mannsleute haben wier nich in der wohnung allens für uns allein. Es grüßt sie

Frau .......

2.

Vorgestern hat meine schlafgengerin gekündigt und sie ist mit einem hern gegangen und in das Zimer gekomen was ich nicht leide, weil ich mit meine Frau und Kindern drin schlafe. Ich hab ihr gekündigt Sie können kommen, es kostet 1,50 für 7 Tage und eine kaffeschänke ist nebenan, ein früstük kostet 10 fennige.

Alexander ........
Maschinist.

Ich suchte diese beiden »Schriftkundigen« zuerst auf, ich war wirklich gespannt, ihre Bekanntschaft zu machen. Die erste Schlafstelle befand sich im Erdgeschoß, in einer kleinen, halbzerfallenen Hütte, die jedenfalls bald abgerissen werden mußte; der kellerartige Raum hatte steinernen Fußboden und ungetünchte Wände. Unmittelbar über dem verhältnismäßig guten Bett hing ein Spinnennetz, eine große, graue Mauerspinne glotzte mich feindselig an, als fürchte sie, daß ich ihr das Bewohnerrecht des Raumes streitig machen könne. Ich sollte in dieser Behausung mit der Frau und dem 4jährigen Töchterchen schlafen, der Mann, die vier Jungen und der Vater des Mannes schliefen im Vorraum. Das Ganze war noch nicht eins der schlimmsten Logis, denn die Leute hielten keine weiteren Schlafleute, die fünf Kinder sahen nett und manierlich aus, Vater und Mutter machten einen guten, wenn auch sehr gedrückten Eindruck. Ich merkte gar bald heraus, daß ihnen 2 Mark pro Woche außerordentlich viel ausmachen würden. So mietete ich denn die Schlafstelle, die ich im voraus bezahlte; sie haben mich aber nie wiedergesehen.

Die zweite Schlafstelle war in jeder Beziehung ein Gegenstück zu der ersten. Sie befand sich im vierten Stock einer fürchterlichen Mietskaserne; aus allen Zimmern der Stockwerke, die ich passieren mußte, ertönte Kindergeschrei, Flüche und Gekeife von gellenden Weiberstimmen. Windeln und elende Frauenunterkleider hingen zum Trocknen vor jedem Fenster, ein entsetzlicher Zwiebel- und Essensgeruch erfüllte das Haus. Es war gerade Mittagszeit, die Arbeiter und Arbeiterinnen kehrten eben zurück, einer nach dem andern verschwand hinter den Thüren. Ich klopfte an die Thür, die den Namen des Briefes trug; wüstes Stimmengeschrei tönte mir entgegen, ein sechsjähriger Bengel riß die Thür auf, im Hintergrund erschien die Frau. Sie wußte gleich, was ich wollte, ich trat ein; das Gemach, in dem ich stand, war klein, viereckig, an den Wänden standen drei Betten, in der Mitte des Zimmers ein Tisch, an dem fünf Männer saßen, die aus einer gemeinsamen großen Blechschüssel löffelten. Wohin ich blickte, lagen, standen, saßen und schliefen Kinder, Kinder in allen Größen, Knaben und Mädchen, eines verlumpter als das andere.

Und in diesem Raume bot man mir an, mit Mann, Frau und zehn Kindern zu schlafen, von denen das älteste etwa acht Jahre, das jüngste ein halbes alt sein konnte; zwei Zwillingspärchen kauerten am Fußboden, das eine mit blödsinnigem Gesichtsausdruck, das andere verwachsen.

Die Männer, Kostgänger zum Mittagstisch, betrachteten mich schon als die Ihre, mit zweideutigen Witzen und dummen Redensarten suchten sie mich zu fesseln; die Frau, die wieder schwanger war, bot einen ekelerregenden Anblick, wie sie mit kurzem Rock, Nachtjacke und bloßen Füßen ein zustimmendes, freches Gejohle ausstieß, so oft einer der Männer eine recht gemeine Zote ausließ. Ich blieb etwa fünf Minuten, schien mit der Schlafstelle einverstanden zu sein, benutzte aber den ersten unbewachten Moment, um die Thür zu öffnen und hinunter zu eilen; ich hatte zum ersten Male Angst. Ich dankte Gott, als ich wohlbehalten unten bei meinem Manne anlangte, der mich überall hin in angemessener Entfernung begleitete; ich glaubte unter jenem Gesindel beinahe einer Hülfe zu bedürfen.

Ich sah in den nächsten Tagen noch eine große Anzahl Schlafstellen, teils in Bodenverschlägen, kellerartigen Räumen oder in Zimmern, bevölkert von 4-10 Personen, die mehr oder minder vertiert waren, und wo speziell die Frauen Unglaubliches an Gemeinheit und Roheit leisteten. Die Preise der Schlafstellen variierten zwischen 1-3 Mark wöchentlich, inklusive Kaffee. Manchmal fand ich auch winzig kleine Stübchen mit Tisch, Bett und Stuhl, in denen die Bewohnerin sich kaum drehen und wenden konnte, die aber reinlich und nett aussahen; blühende Blumen vor dem Fenster, weiße Vorhänge, kleine Bildchen und Statuetten verliehen diesem Stübchen etwas anmutendes. Solch ein Zimmerchen bezahlte man mit 6-8 Mark monatlich; meist wurde es von Näherinnen oder Ladenmädchen bewohnt. Die es vermieteten, waren kleine Beamten, Zug- und Lokomotivführer, Schutzleute und Aufseher; man sah dem ganzen Heim das Walten des früheren Dienstmädchens aus feinen Häusern an, das gewohnt war, Ordnung zu halten.

Auch in den Arbeiterfamilien, wo die Frau Dienstmädchen gewesen ist und nie in der Fabrik gearbeitet hat, fand ich Reinlichkeit, Ordnung, Schönheitssinn, mehr ein Nachahmen bürgerlicher Kreise; Schlafstellen vergaben diese Familien in den seltensten Fällen.

Von einer originellen Schlafstelle will ich noch berichten.

In einem der Arbeiterviertel, draußen bei der Zschopauerstraße, von wo ich mehrere Offerten erhalten hatte, zeigte mir eine Frau die zu vermietende Schlafstelle, die 1 Mark pro Woche kosten sollte.

Die Frau öffnete eine Wandthür im Korridor, deutete in den dunklen Schrank und sagte: »Das is hier!« Ich sah hinein; sobald sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah ich, daß eine Kommode in dem Raume stand.

»Ja, was denn?« stammelte ich in höchstem Erstaunen.

»Na,« meinte die Frau, »das ist eine Bettkommode, die wird am Abend ausgezogen bis in den Korridor hinein!«

Ich war starr; bis zur Mitte der Brust lag man also im dunklen Wandschrank, die übrigen Körperteile schliefen im Korridor. Es war zu naiv köstlich, ich konnte mich des Lachens kaum erwehren.

Jeder, der den Korridor passierte, sah natürlich den Schläfer; und wenn auch vielleicht nur zwei Familien Zutritt zu diesem Gang hatten, so konnte man immerhin nicht wissen, wer da alles aus- und einging.

Als ich der Frau von vornherein meine Abneigung gegen solch einen Schlafraum kund that (ich habe die Leute niemals im Glauben gelassen, daß ich mieten wolle), sagte sie wütend spöttisch: »Ja, wenn Sie Ihren Schatz im Hotel empfangen wollen, dann müssen Sie eben nicht nach einer Schlafstelle suchen!« –

Nach allem, was ich gesehen, muß ich sagen, daß es ein Wunder zu nennen wäre, wenn die Mädchen, die in solchen Räumen wohnen und schlafen, sittlich und moralisch wären. Vom frühesten Kindesalter an wird das Schamgefühl in der jungen Seele systematisch zu grunde gerichtet, der Geschlechtsunterschied nicht mehr inne gehalten. Jung verheiratete Leute schlafen mit Burschen und Mädchen in einem Raum, Frauen bringen Kinder zur Welt im gleichen Zimmer, wo junge Lehrlinge wohnen.

Es kommen Dinge vor, die hier nicht wiederzugeben sind, Scenen, die nicht mehr gemein, sondern bestialisch zu nennen sind.

Unsere Gegner befürchten die schrecklichsten Zustände, wenn Männer und Frauen in gemeinsamen Hörsälen studieren; sie glauben, oder, was mir richtiger scheint, sie wollen glauben, daß dann jedes Schamgefühl im Mädchen ersterbe, ersterben müsse, trotz der hohen Bildung, die es erhalten, und die immer ein Schutzmantel gegen Immoralität ist; ich möchte sagen: Bildung, tiefes, reiches Wissen bedingt Sittlichkeit!

Warum aber fürchtet das Heer der Gegner nicht das ewige Zusammensein und Zusammenleben jener Kreise, wo die Bildung ein unbekannter Begriff und der Mensch eher zum Laster geneigt ist, denn bei sittlichgebildeten Menschen? Hier wird das Zusammensein der beiden Geschlechter verhängnisvoll, weil sie hier keine gemeinsamen höheren Interessen haben, weil sie hier nichts zusammenführt, denn Sinnlichkeit!

Oder ist die männliche deutsche Jugend so verkommen, daß sie mit keinem anständigen Mädchen mehr anständig verkehren kann, schützt die akademische Bildung, die Erziehung unter Ägide einer echt weiblichen Mutter die jungen Männer so wenig, daß sie im Mädchen nicht mehr die »edle Weiblichkeit« erkennen, sondern nur das Werkzeug zur Befriedigung geschlechtlicher Ausschweifungen?