Th. M. Dostojewsky.

Eine biographische Studie
von
N. Hoffmann.

Mit Bildnis.

Berlin.
Ernst Hofmann & Co.
1899.

Nachdruck verboten.
Übersetzungsrecht vorbehalten.

Meinen russischen Freunden
gewidmet.

Δαίμων.

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Grusse der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Goethe.

Inhalts-Übersicht.

Seite
I. Das Milieu [1]
II. Kindheit und Jugend [17]
III. Katastrophe [59]
IV. Semipalatinsk [130]
V. Petersburg [171]
VI. Publizistik [191]
VII. Zweite Vermählung. Schuld und Sühne. Abreise [252]
VIII. Vierjähriger Aufenthalt im Auslande [276]
IX. Briefwechsel aus der Fremde [300]
X. Petersburg; die letzten zehn Jahre [405]
Anhang. Bibliographische Übersicht [443]
Personen- und Sach-Verzeichnis [446]

An meine Leser.

„Vorreden sind immer Entschuldigungen“, hat jüngst ein geistvoller Schriftsteller in einer der seinigen gesagt. Der Verfasser des vorliegenden Buches geht weiter. Er erhebt Einspruch dagegen, dass seine Arbeit als ein litterarhistorisches Werk angesehen werde; er will sie durchaus nur als Lebensdokument einer ungeheuren Persönlichkeit betrachtet wissen, und wünscht als einzigen Erfolg dieses Buches, dass etwas von dem zwingenden und zugleich versöhnenden Geiste des grossen Dichters durch seine Blätter wehe und die Gemüter in seinem Sinne erfasse. Eine Entschuldigung allerdings wäre am Platze: dem Dichter und dem unerschöpflichen Material gegenüber, das ganz zu bewältigen dereinst die Arbeit Vieler ausmachen wird.

Einige orientierende Bemerkungen sollen jedoch hier ihre Stelle finden. Im grossen Ganzen habe ich den Stoff chronologisch geordnet. An einigen Stellen indes schien es mir notwendig, um ein Ereignis von allen Seiten plastisch hervortreten zu lassen, spätere briefliche Äusserungen des Dichters sofort heranzuziehen.

Die Werke der ersten Periode, welche ich, mit Ausnahme der „Armen Leute“, in die Periode des Tastens und der Nachahmungen einreihen muss, habe ich nicht im Einzelnen besprochen, da sie mir unter denselben Gesichtswinkel zu fallen scheinen und sich, bei aller Vortrefflichkeit und Feinheit psychologischer Einzelheiten — vom Standpunkt der russischen breiten Ethik aus, den allein ich festhielt —, nicht allzusehr von einander differenzieren.

Die Werke der zweiten, nachsibirischen Periode, ebensoviele Etappen auf dem Wege zur Vollendung seines Apostolats, habe ich nach Massgabe ihrer Ausgeprägtheit und ihres Verstandenseins durch den westeuropäischen Leser mehr oder weniger breit behandelt.

Inbetreff der Fussnoten, welche eine Arbeit haben muss, die aus vielfachem Material geschöpft hat und auf Glaubwürdigkeit Anspruch erheben darf, befand ich mich in einiger Verlegenheit. Für den deutschen Leser wären Orts- und Seitenangabe meiner Quellen wertlos gewesen, da ich aus unübersetzten russischen Autoren schöpfte. Auch die den Werken des Dichters entnommenen Stellen könnte der deutsche Leser nicht in den umlaufenden Ausgaben nachschlagen, da ich sie selbst nach meinem Verständnisse aus dem Original übersetzte. Der russische Leser aber kennt alles, was über Dostojewsky geschrieben worden, sofern er sich für diesen Dichter und seine Richtung interessiert, vortrefflich und findet in den Namen und Quellen, die ich im Texte reichlich angab, genug Anhaltspunkte zum Nachschlagen. So verzichtete ich denn auf Nachweise, die mir in diesem Falle als eine Spiegelfechterei erscheinen mussten.

Wien, Januar 1899.

N. Hoffmann.

I.
Das Milieu.

Über Theodor Michailowitsch Dostojewsky in seiner Gesamt-Erscheinung als Dichter, Psychologe, als Ethiker und Mensch zu sprechen, ein erschöpfendes Bild seines Lebens und seiner künstlerischen, sowie vor allem seiner seelenzwingenden Wirksamkeit zu geben, das wäre heute, sogar in Russland unter seinen Landsleuten, ein gewagtes Unternehmen. Einerseits ist er der gegenwärtigen Generation noch zu nahe; alles was über ihn gesagt werden könnte, stünde noch im Zeichen des Kampfes. Er hat ja, wie alle mächtig ausgeprägten Individualitäten, im Leben bis zu seinem letzten Atemzuge heftig gekämpft und Kampf erzeugt.

Anderseits leben seine nächsten Angehörigen, seine Freunde noch, und diese sind im Besitze der intimeren Erinnerungen und Äusserungen seines persönlichen Lebens, die sie begreiflicherweise heute schon preiszugeben nicht geneigt sein können; ganz abgesehen davon, dass die Ausnützung intimer Lebensverhältnisse zum Zwecke des Litteraturklatsches, ohne Hinblick auf die inneren Zusammenhänge und die Einheitlichkeit des Wesens, dem man nahe zu kommen trachtet, nicht scharf genug als müssige Indiskretionen gebrandmarkt und verpönt werden können.

Wir Europäer hinwieder bringen dem Dichter eines uns in hohem Grade interessierenden Volkes eine Art unbehaglicher, verblüffter Neugierde entgegen, zu der uns der grosse Seelen- und Krankheitskenner und Maler wohl zwingt, lehnen aber die nähere Bekanntschaft seines tiefen Zusammenhanges mit jenem Volke aus Bequemlichkeit, aus Furcht vor dem Fremdartigen dieses Volkes ab, das, wie Nietzsche sagt, „die allerstärkste und erstaunlichste Kraft, zu wollen, in sich aufgespeichert hat, mit der ein Denker der Zukunft wird rechnen müssen“. Dazu tritt noch, dass unser grosses Publikum alles, was von Russland kommt, unserer heutigen Ideenrichtung nach nur dann besonders fesselt, wenn es die Äusserungen sozialistischer, revolutionärer, atheistischer Anschauungen einer unter harter Despotie seufzenden Intelligenz vermittelt. Äusserungen, deren Intensität im Gegensatze zu den sie hervorrufenden Zuständen, es fast als litterarische Pikanterie geniesst.

Aber mit der eigentümlichen Erscheinung eines Dichters, der zugleich lebensvoll (nicht asketisch wie Tolstoi) und mystisch religiös, der durchaus demokratisch und dabei durchaus konservativ ist, wissen wir nichts anzufangen.

Dostojewsky ist, wenn nicht der einzige, so doch der grösste Repräsentant dieser merkwürdigen Konstellation, und wir müssen die scheinbaren Widersprüche, die darin liegen, in der Grösse seines Genies und seines Herzens auflösen und etwa so ansehen, wie wir die Widersprüche der Natur ansehen, welche Tag und Nacht, Ost und West mit einem grossen Ringe umspannt. Vor allem dürfen wir Dostojewsky nicht litteraturmässig auffassen, sondern als einen grossen, seelenbewegenden Schöpfer „in einem ungeheuern Reich, mit einem ungeheuern Willen“. Unter uns hört man oft den Ausspruch: „Dostojewsky ist ein grosser Künstler, aber sein mystisches Christentum ist sehr störend“. So angesehen zerfällt sein Bild sofort in einzelne Teile. Man muss vielmehr sagen: er ist ein Apostel des Glaubens an die Mission der Volksseele, an die Läuterung auch Europas durch das russische Volk, und er kann, vermöge seines unvergleichlichen Dichtergenius, seine Wahrheiten nicht anders hinausrufen, als in Werken von hohem künstlerischen Werte.

So gefasst bleibt uns seine Erscheinung eine Einheit, die wir in allen seinen Werken wiederfinden, so fest und kompakt wie etwa ein Urgestein, das bei dem kleinsten Bruch dieselbe Krystallgestalt zeigt.

Wir werden also vor allem diese ethische Einheit im Auge haben, wenn wir es versuchen, an der Hand lückenhafter russischer Biographieen, sowie des Materials, das uns seine Tagebücher, die Aufzeichnungen seiner Gattin, seiner Freunde und Mitarbeiter und vor allem seine Werke vermitteln, ein, soweit es möglich ist, getreues Bild seines Lebens und Wirkens einem deutschen Leserkreis zu geben.

Ehe wir aber das biographische Material ausgestalten, müssen wir einige Vorbemerkungen über das Milieu einschalten, dem der Dichter entsprossen ist.

Wenn wir nämlich die Werke französischer, englischer, italienischer, kurz europäischer Schriftsteller lesen, so bringen wir ihrem Milieu so viel Kenntnis und Anpassungsvermögen entgegen, dass wir ohne weiteres sagen, der oder jener schildere die Menschen so oder so. Lesen wir indes russische Werke, so ist unser Urteil steuerlos; wir sehen ein fremdartiges, uns sehr unbequemes Milieu und darin — einen Russen, den wir uns erst in unser Menschliches übersetzen müssen, wobei wir oft unsere liebe Not haben. Das hat seine tiefe Bedeutung. Wir haben da wohl mit Halbbarbaren zu thun, aber mit jungen, ungebrochenen Kräften, mit einem Volke, das wir erst kennen lernen, demgegenüber wir manches „umlernen“ müssen.

Allerdings kann ein Nichtrusse, namentlich, wenn er sich nicht eine lange Zeit im Lande selbst umgesehen hat, kein lebendiges und ganz zutreffendes Bild von Russland und seinem Volke entwerfen. Lässt ja Dostojewsky selbst in einem seiner Romane zwei gute Patrioten ein Gespräch miteinander führen, in dem der eine ungefähr sagt: „Der M. N. giebt vor, zu wissen, was Russland ist — ja wissen wir es denn selbst?“

Nun aber kann ein Fremder, der sich die Sprache so zu eigen gemacht, dass er ihre intimen Nüancen, die familienhafte Unmittelbarkeit ihrer Laute nachempfindet, ein solcher Fremder kann wohl mit frischem Blicke und ganz unbefangen gewisse Hauptmerkmale der Volksseele, die diese Sprache ausdrückt, gewahr werden. Dies ist hier um so leichter der Fall, als alles Russische ein so durchaus uneuropäisches Gepräge an sich trägt.

Was uns als ein durch alle Schichten dieses Volkes gehender Zug vor allem auffallen muss, ist die familienhafte Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit aller mit allen. Dies drückt sich schon in der Sprache aus: Väterchen, Mütterchen, du mein Verwandter, oder: du meine Verwandte sind die gebräuchlichsten Formen der Anrede. Dieses Familiengefühl geht von unten hinauf, nicht umgekehrt, allein das ist es, was ihm ewige Dauer sichert. Dadurch, dass der Sprachgebrauch in der direkten Anrede keine Titel und keinen Geschlechtsnamen, nur Taufnamen mit dem höflichen Zusatz des Vatersnamens zulässt, geht eine, wenigstens formale Intimität durch die ganze Nation, von welcher sich kein modern „demokratisches“ Volk etwas träumen lässt. Nicht nur der Bauer, sondern auch der Hoflakai führt für den Kaiser oder Grossfürsten keine andere Benennung oder Anrede im Munde als etwa: „Nikolai Alexandrowitsch, Helene Pawlowna lässt Euch bitten“ oder ähnliches. Für das Volk ist diese Form eine intime Herzenssache, für die „Gesellschaft“ hat sie nur den Wert einer patriarchalischen Reminiscenz, und das Volk selbst als „Brüder“ zu betrachten, ja einen wie immer beschaffenen Massstab an seine Leiden und Freuden zu legen, hat die Gesellschaft der oberen Zehntausend bis heute noch nicht geträumt. Darin liegt wohl, wie es scheint, die scharfe Trennung der konservativen russischen Kreise von den neueren liberalen. Allerdings wachsen auf diesem Gebiete Missverständnisse wie die Disteln empor. Denn, indem sich viele energische Liberale nicht auf die Vermenschlichung ihrer Beziehungen zum Volke, auf den guten Einfluss der Bildung allein beschränken, die sie diesem hochintelligenten, aber in tiefe, abergläubische Religiosität eingesponnenen Kinde vermitteln, so fallen ihnen andere Wohlmeinende in die Hände, welche von der Vernichtung der Unwissenheit und des Aberglaubens auch jene des Glaubens und der Ehrfurcht befürchten; so wird die Beziehung der Intelligenz zum Volke in ein Gebiet übergeleitet, das sich von den ursprünglichen Absichten allmählich und unbemerkt entfernt.

Ein anderer Zug, welcher durch alle Schichten des russischen Volkes geht (die Gesellschaft als solche aus dem Spiel gelassen), ist eine Fähigkeit zum Leiden und Mit-Leiden, das sich auf den Schuldigen und Verbrecher erstreckt. Auch hier giebt uns die Sprache bedeutsame Fingerzeige; das Volk nennt jeden Verbrecher einen „Unglücklichen“, und die Sprache selbst, welche für das Menschliche drei Ausdrücke streng unterscheidet, nämlich: „Menschlich“, „Allgemeinmenschlich“ und „Allmenschlich“, sie hat für die Nüancen der Schuld, die wir dreifach besitzen: „Übertretung“, „Vergehen“, „Verbrechen“, ausser dem Worte Schuld nur das eine Wort „Übertretung“ (Prestupljenie).

Wir sehen hier, dass wir es mit etwas anderem zu thun haben, als mit unserem europäischen Mitleid, das die Franzosen unter anderem „une fonction purement cérébrale“ nennen, eine reine Gehirnangelegenheit, im Gegensatze zur allmächtigen und allberechtigten „passion“. Hier ist eine Kluft zwischen den Ausgangspunkten der ethischen Anschauungen von Ost und West, die man nicht ernst genug betrachten kann.

Ein anderer auffallender Zug der russischen Natur ist die mit tiefer Religiosität verbundene Demut des Russen, die auch da erhalten bleibt, wo, wie in den Kreisen der dem Westen nachstrebenden Intelligenz, jede Spur von Glauben gewichen ist. Der Russe ist sehr schnell bereit, sein Unrecht einzusehen und auch einzugestehen, sowie sich um deswillen vor Freund und Feind zu demütigen oder anzuklagen. Da nun ein solcher Einsichtswechsel bei seiner nervösen, grübelnden und immerfort „die Wahrheit“ suchenden Natur sehr oft vorkommt, so bietet er uns Westländern, die wir Dekadenten, d. h. mit unseren Gebrechen kokettirende Menschen sind, ein Bild feiger Selbsterniedrigung. Denn der Westen versteht heute zumeist unter dem Begriff „Charakter haben“, dass man nichts verzeihen und nichts zugeben solle, und es ist ihm um viel realere Güter zu thun, als um die bei den Russen in jeder Lebenslage auftauchende Sorge und Frage „wie soll mein Leben sein?“

Ein dritter, hervorstechender Zug, der uns bei dem Russen auffällt, ist das, was wir Deutsche Unzuverlässigkeit, Unpünktlichkeit, Regellosigkeit nennen müssen. Wenn man die Unmöglichkeit erprobt hat, ein echtes Kind der russischen Erde zu einer festgesetzten Zeit an einen bestimmten Ort zu bekommen, oder in seinem Hause, seiner Tageseinteilung auch nur das geringste System oder die geringste Ordnung zu finden oder zu schaffen, so möchte man fast das bekannte Sprichwort erweitern und sagen: „Dem Glücklichen, sowie dem Russen, schlägt keine Stunde“. Russen können zu jeder Stunde des Tages ihr Lager aufsuchen, wenn sie etwa verstimmt sind, zu jeder Stunde der Nacht Thee trinken und Freunde besuchen. (Dabei spielt wohl der Einfluss der hellen, den Schlaf bannenden Nächte eine grosse Rolle.) Aber nicht das allein. Sie bringen ihre Freunde zu anderen Freunden, ohne Anfrage, ohne Umstände, zu allen Mahlzeiten, mitten in der Nacht. Diese Freunde der Freunde sind etwa krank, erkranken dort in fremdem Hause, oder sie erhalten dort eine schwere Nachricht — so ist das ganze fremde Haus, das nun nicht mehr ein fremdes ist, in Mitleidenschaft gezogen. Man bleibt zusammen auf, man quartiert den Freund des Freundes und sich im eigenen Hause wie in einem Bivouac ein, das man zum erstenmal bezogen, kurz es ist eine selbstverständliche Lebensgemeinschaft. Ein Russe, dem man einmal seine absolute Unpünktlichkeit vorwarf, erwiderte mit vielem Ernste: „Ja, das Leben ist eine schwere Kunst! es giebt Augenblicke, die richtig gelebt sein wollen und viel wichtiger sind, als das pünktlichste Worthalten.“

Und nun die russischen Frauen. Sie leben und weben von innen heraus, sie haben grosse Ziele, ernste Interessen, ein offenes Auge für die Aussenwelt, für das, was sie umgiebt und was not thut. Die russische Frau verbindet die Reinheit und den Enthusiasmus eines jungen Mädchens mit der Klarheit und der Vorurteilslosigkeit des Mannes; sie hat etwas Jünglinghaftes an sich. Dabei nimmt sie es allerdings mit der bis ins kleinste gehenden Akkuratesse einer deutschen Hausfrau, oder mit der bis in die feinste Abschattung durchgeführten Eindrucks-Delikatesse der Französin nicht auf. Das Daheim einer echten Russin wird mitunter ein Chaos aufweisen, das unsere Landsmänninnen, namentlich jene des Nordens, abschrecken müsste. Doch auch die Russin wird uns auf unsere Vorstellungen über Genauigkeit und Ordnung antworten: „Ja, jeder Augenblick will richtig gelebt werden, das Kleine darf das Grosse, das Detail nicht das Allgemeine verbauen“, und wir hörten einmal eine Russin sagen, dass die Petersburger Frauen und Mädchen auf der Strasse sehr eilig gehen und in die Ferne schauen, so dass man sehen könne, wie sie einem Ziele entgegen gehen, während die Frauen europäischer Grossstädte so gehen, als wäre die Strasse selbst das Ziel. Es ist eben die „breite russische Natur“ („schirokaia russkaia natura“), wie sie es nennen, was sich überall geltend macht, und wir möchten uns, gerade auf diese so unharmonisch scheinende Verbindung gestützt, der Anschauung Dostojewskys anschliessen, welcher sagt, dass die nächste Zukunft des Menschengeschlechtes in der Hand der Russin liegt.

Hier muss jedoch sofort betont werden, dass diese Umgestaltung nicht auf dem Wege der Frauenbewegung als vor sich gehend gedacht werden darf. — Die russische Frau hat ihre ethische und soziale Befreiung längst vollzogen und zwar — wenn wir die Spezies Nihilistin ausnehmen — ganz organisch, von einem rein natürlichen Standpunkt aus in Angriff genommen, von dem der Mütterlichkeit. Sie will und muss die Gefährtin, ja Führerin ihrer männlichen Hausgenossen sein, ihre Interessen teilen, in ihrem Rate eine vollwichtige Stimme haben. Ferner wirkt im Gemüte der russischen, von Vorurteilen befreiten Frau vor allem der Wunsch, nützlich zu sein, ihrem Volke zu dienen. So ist es gekommen, dass die Russin heute ihre Fähigkeit zu Freiheit und Kultur schon durch ihr Leben bewiesen hat, während die europäische bewegte Frau ihre Freiheit und Kultur mittels des Beweises anstrebt, dass sie fähig sei, abseits von der Familie zum Leben zu gelangen. Dies ist ein grundlegender Unterschied.

Den genannten Hauptcharakterzügen des Russen gesellt sich ein unausrottbares Misstrauen in allen seinen Beziehungen zum Nebenmenschen bei, allein ein Misstrauen, das viel mehr dem immerwachen Gefühle der eigenen Unzulänglichkeit und „Sündhaftigkeit“ entspringt, als dass es sich auf den Unwert des anderen bezöge. Es ist das Misstrauen der Demut im Gegensatze zum Misstrauen der Routine.

Sehen wir uns dazu den geographischen und historischen Hintergrund an, aus dem heraus sich diese Volkspersönlichkeit entwickelte, so finden wir ein ungeheures, kompaktes Reich mit uferlosen Steppen und einem unermesslichen Horizont, wo das träumende Auge des Steppenbewohners in eine grenzenlose Einsamkeit hinausblickt, dünn bevölkert, ohne bedeutende Küstenentwicklung, ohne namhaften Welthafen — „ein Riese in einer grossen, niedern Stube“, wie Dostojewsky sagt. Diese kolossale Einheit ist einer Sprache, eines Glaubens, sie hat keine durchgreifenden Mischungen und sprachlichen Umbeugungen erlitten, kein fremdes Blut, es sei denn finnisches, hat diesen Riesenkörper durchädert. Sein „weisser Kaiser“ ist ihm Vater, hoher Priester, Herr, zu dem es als zu dem Helfer in aller Not blind vertrauend aufblickt. Dieses Volk macht seine Entwickelungsprozesse langsam durch, steht heute in seiner Kindheit und wandelt seinem Mittelalter zu. Ackerbau und Viehzucht sind noch heute seine vornehmlichen Lebensquellen, die Städte sind dünn gesäet, der Kleinhandel ist in den Händen des moskowitischen Kleinbürgers, Grosshandel und Industrie ebenfalls in den Händen des grossen Moskauer Kaufherrn, sowie in denen des Ausländers und des Juden. So giebt es denn kein eigentliches grosses Bürgertum, und die Gesellschaft, die wir heute Bourgeois nennen, setzt sich aus dem kleinen Landsassen — Gutsbesitzer — und dem Beamtenstande zusammen.

Dieses höchst langsame, doch organische Wesen der Volksentwickelung hat Peter der Grosse mit seinen Reformen durchrissen. Ein mit unermesslichen Mühen und Opfern dem Meere abgerungenes Stadtgebiet ist der Beginn und gleichsam das Symbol seiner zivilisatorischen Thätigkeit. Petersburg, das „ausgebrochene Fensterchen“ gegen Europa zu, hat europäische Luft und europäisches Wesen, Europas Sitten und Unsitten, Europas Philosophie, Aufklärung und Dekadenz, kurz den „Europäismus“, wie sich Dostojewsky ausdrückt, hereindringen lassen. Die kompakte Masse des Volkes indessen ist von diesen Neuerungen nicht berührt worden, und wenn auch hie und da in den Städten der altrussische Bart der europäischen Schere, und der Zipun, der altrussische Kittel, dem europäischen Kleide zum Opfer gefallen ist, so ist doch der Bauer bis auf den heutigen Tag nicht zum Bewusstsein seiner Bürgerrechte im europäischen Sinne erwacht. Gleichwohl ist er im Besitze gewisser alter Gemeinderechte und -freiheiten (Obščina, Mir), welche in den Augen vieler zeitgenössischer Agrarier als die einzige Lösung aller Schwierigkeiten des Grundbesitzes und als das einzige Arcanum gegen die Proletarisierung des Bauernstandes erscheinen. Ob dies eine richtige Anschauung sei, können wir hier nicht untersuchen.[1] Auch über die wichtigste Streitfrage, welche die führenden Geister Russlands seit der nachpetrinischen Zeit bewegt hat und noch heute bewegt, wiewohl sie im Erlöschen zu sein scheint, können wir hier nur ganz kurz sprechen, müssen sie jedoch berühren, weil die zwei Hauptströmungen des russischen Lebens aus ihr entspringen und dem Europäer nur durch den Einblick in diese Frage das Verständnis für Russland und sein künftiges Werden aufzugehen vermag. Es ist dies die Frage, die v. Reinholdt in seiner „Geschichte der russischen Litteratur“ folgendermassen formuliert: „Wie verhält sich die orthodoxe Kirche zur römischen und protestantischen? als ursprüngliche Gemeinschaft anfänglicher Unterschiedslosigkeit, aus welcher, auf dem Wege späterer Entwickelung und des Fortschritts andere, höhere Formen religiöser Weltanschauung sich entwickelten, oder als ewig dauernde und ungeschmälerte Vollkommenheit der Offenbarung, welche in der occidentalen Welt der römisch-germanischen Anschauungen sich unterworfen, und infolgedessen in entgegengesetzte Pole sich spaltete“? Endlich: „Worin besteht der Gegensatz zwischen der russischen und der westeuropäischen Zivilisation? — bloss in der Entwickelungsstufe oder in der Eigentümlichkeit der Bildungselemente? Steht es der russischen Zivilisation bevor, nicht allein von den äusseren Resultaten, sondern auch von den Grundlagen der westeuropäischen Bildung durchdrungen zu werden? — oder wird sie, nachdem sie ihr eigenes orthodox-russisches geistiges Leben tiefer erfasst, die Grundlagen einer neuen, künftigen Phase allgemein menschlicher Bildung abgeben?“

Die Anhänger der westlichen Einflüsse bejahen den ersten Teil dieser Frage, die Slavophilen den zweiten. Einige Slavophilen, darunter J. Kirejewsky, erwarten von einer Synthese beider, einander so widersprechender Bildungsformen das Heil künftiger Menschheitsentwickelung und zwar so, dass die westliche Kultur die Gedankenwelt des Ostens entwickele und kläre, die östliche tiefe Seeleneinheitlichkeit hinwieder die Gefühlswelt und Ethik des Westens mit ihrer „Allmenschlichkeit“ befruchte. Und in der That, wer seine Hoffnungen und Schlüsse für die Zukunft des grossen Volkes mit der „erstaunlichen Kraft zu wollen“ nicht nur auf seine Historie, sondern auf diese in jedem Russen zu findende latente und eigenartige Menschheitskraft und Fähigkeit aufbaut, der muss, unbefangen urteilend, finden, dass nicht sowohl Russland von unserer Zivilisation etwas Umgestaltendes zu erwarten hat, als dass vielmehr wir von seiner Kraft eine Rückkehr zur Natur, eine Neu-Vermenschlichung zu empfangen gewärtig sein können.

Es ist hier, wie angedeutet, nicht der Ort, die bedeutenden Führer im Streite ihre Sache selbst führen zu lassen. Die slavophile Richtung wurde zum erstenmale theoretisch formuliert durch den unter Katharina II. lebenden Geschichtschreiber, Fürsten Michael Schtscherbatow, um das Ende des 18. Jahrhunderts herum; die bedeutendsten späteren Vertreter dieser Richtung sind Kirejewsky,[2] Chomjakow, die Brüder Aksakow u. a. Die westlichen Einflüsse vertreten vornehmlich Belinsky, A. Herzen, Granowsky u. a.

Am eindringlichsten und tiefsten ward diese Frage durch Dostojewsky behandelt, wie wir dies in seinem Leben und seinen Werken erkennen. Indessen geht schon durch die ganze russische Litteratur neben der Frage nach dem Werte der westlich-östlichen Kultur, ja als Wurzel dieser Frage die Sorge des russischen Menschen hindurch: „wie soll mein Leben sein?“ — Dostojewsky hat in seiner berühmten Puschkin-Rede im Jahre 1880 in Moskau die Bedeutung Puschkins, dessen Standbild man eben enthüllte, dahin erklärt, dass dieser Dichter — nachdem mehr als ein Jahrhundert nach Peters Reformen verflossen war, ehe sich der Keim einer russischen Litteratur entwickelte — nicht nur, wie Gogol gesagt hatte, des russischen Geistes grösste und einzige, sondern auch seine prophetische Offenbarung gewesen sei. Dostojewsky führt in dieser Rede den Gedanken aus, dass Puschkin schon in seiner früheren Periode der Nachahmung André Cheniers und Byrons plötzlich einen neuen, ganz und nur russischen Ton gefunden hat, die echt russische Antwort auf die Frage, die „verfluchte Frage“, wie er sie anführend nennt, „nach dem Glauben und der Wahrheit des Volkes“. Diese Antwort laute: „Demütige dich, stolzer Mensch, und vor allem brich deinen Hochmut, demütige dich, eitler Mensch, und vor allem mühe dich auf heimatlichem Boden“ — und weiter: „nicht ausser dir ist deine Wahrheit, sondern in dir selbst; finde dich in dir und du wirst die Wahrheit schauen“.

Wir haben diese Stelle wörtlich angeführt, weil sie für Dostojewskys Stellung in der Litteratur und seine Auffassung vom Apostolat des Dichters und namentlich des Publizisten von grosser Wichtigkeit ist.

Der Herausgeber von Dostojewskys gesammelten Werken, K. Slutschewsky, sagt in seiner Vorrede ganz im Sinne Dostojewskys: „Mit ganz besonderer Schärfe treten in unserem Volke drei grundlegende, wesentliche, ausschliesslich ihm zukommende Züge hervor. Schon im Jahre 1861, in der Anzeige von der Ausgabe der „Wremja“ hat Dostojewsky gesagt, dass vielleicht die russische Idee die Synthesis aller jener Ideen sein werde, welche Europa entwickelt hat, weil wir nicht umsonst alle Sprachen sprechen, alle Zivilisationen begreifen, an den Interessen aller europäischen Nationen Anteil nehmen, was unbedingt bei keiner anderen Nation vorkommt. Unser zweiter, ausschliesslich uns gehöriger Zug, den Dostojewsky wiederholt dargelegt und mit Zähigkeit in That und Wort durchgeführt hat, das ist die in unserem Volke lebendige Erkenntnis seiner „Sündigkeit“, eine Erkenntnis, welche es sehr gut erklärt, warum wir so leicht verzeihen, so geneigt zur Selbstgeisselung sind, warum wir unsere Unvollkommenheit nicht in ein Gesetz zu bringen, die sogenannten „Rechtsverhältnisse“ nicht anzuerkennen vermögen und gerne das Kreuz innerer Reinigung und äusserer schwerer That tragen mögen, sei es auch unserem eigensten Ich zum Trotz. Der dritte Zug ist unsere rechtgläubige Religion, die niemals und nirgends, wie etwa der Katholizismus und Protestantismus (von den anderen zu schweigen), als streitende Kirche aufgetreten ist.“

Fügen wir noch zwei kleine, sehr bezeichnende Episoden aus Dostojewskys Erlebnissen hinzu, die hierher gehören, so haben wir annähernd ein Bild von dem Milieu gewonnen, aus dem heraus sich dieser Dichter-Genius entwickelt und auf das er hinwieder gewirkt hat.

K. Aksakow erzählt im März 1881, schon nach Dostojewskys Tode, folgendes: Auf einer Durchreise Dostojewskys geschah es, dass er sich in Moskau aufhielt und uns besuchte. Er begann unter anderem mit einer Art Begeisterung von dem verstorbenen Kaiser Nikolaus Pawlowitsch zu sprechen; davon, wie sich auf dem Hintergrunde der Vergangenheit das historische Bild dieses Monarchen grossartig abhebt, eines Monarchen, der fest an seine Würde, an sein Recht glaubte, und wie sympathisch ihm, Dostojewsky, dieses Bild sei. Während unseres Gespräches trat der englische Reisende Mackenzie Wallace bei uns ein, welcher schon einmal drei Jahre in Russland gelebt hatte, das Russische vortrefflich sprach und mit der russischen Litteratur sehr vertraut war. Als er erfuhr, dass er Dostojewsky vor sich habe, entbrannte seine Neugierde und er lauschte gespannt dem bei seinem Eintritte unterbrochenen und von Dostojewsky wieder aufgenommenen Gespräch über Nikolaus Pawlowitsch. Dostojewsky führte seine Rede zu Ende, ohne den Engländer im geringsten zu beachten, und entfernte sich bald darauf.

„Sie sagen, dies sei Dostojewsky,“ fragte uns der Engländer. „Ja wohl.“ „Der Verfasser des ‚Totenhauses‘?“ „Derselbe.“ „Das kann nicht sein; er ist ja doch zur Zwangsarbeit verschickt gewesen.“ „Ganz richtig, was weiter?“ „Ja, wie kann er denn einen Menschen loben, der ihn zur Zwangsarbeit verurteilt hat?“ „Euch Ausländern ist das schwer zu begreifen,“ antworteten wir, — „uns aber ist es als ein durchaus nationaler Zug begreiflich.“

Als zweites, den nationalen Zug bezeichnendes Erlebnis erzählt K. Slutschewsky, Dostojewsky sei einige Monate vor seinem Tode auf einen Ball in irgend eine höhere Schule gekommen. Die Jugend, auf die er damals schon grossen Einfluss gewonnen hatte und die er immer aufrichtig liebte, war hoch erfreut und drängte sich dicht um ihn.

„Wir fingen zu plaudern an,“ erzählt er selbst, „und sie begannen eine Diskussion. Sie baten mich, ich solle von Christus reden. Ich fing an zu sprechen und sie lauschten mit grosser Aufmerksamkeit.“ „Eine Predigt über Christus auf einem Balle und nicht im geringsten durch die Musik und den Tanz zurückgeschreckt — fährt Slutschewsky fort — das Lob des Machthabers, der uns zur Zwangsarbeit verurteilte — wo könnte das jemals vorkommen als in Russland?“

Und nun wenden wir uns dem Lebenslauf des Dichters zu. Wir verdanken, was wir davon wissen, den zu einem Buche vereinigten Aufzeichnungen zweier seiner nächsten Bekannten, welchen die Witwe des Dichters die Durchsicht seiner Papiere und Briefe anvertraute, dem Litterarhistoriker Orest Miller, welchem auch ein bedingter Einblick in die Papiere des Prozesses Petraschewsky zugestanden wurde (was er jedoch nicht auszunutzen verstand) und dem mehrjährigen publizistischen Mitarbeiter Dostojewskys, Kritiker Nikolai Nikolaiewitch Strachow, ferner den Erzählungen seiner Witwe, Anna Grigorjewna Dostojewskaia, alter Bekannter, guter Freunde und Feinde, vor allem aber dem „Tagebuch eines Schriftstellers“, jenem Blatte, das der Dichter in seinen letzten Lebensjahren allein besorgte und das sehr viel autobiographisches Material enthält.

Orest Miller und Nik. Strachow haben sicher mit grosser Pietät alles zusammengetragen, was sie teils selbst miterlebten, teils durch Mitteilungen anderer, namentlich eines jüngeren Bruders, Andreas, sowie der Gattin des Dichters erlangten. Allein es will uns, besonders nach einigem Einblick in die intimere Korrespondenz des Dichters scheinen, als ob sie bei der Wahl jener Briefe, die sie der Öffentlichkeit übergaben, schlecht beraten gewesen seien und manchen intimen Brief ganz unbeschadet der Diskretion mit anderen hätten vertauschen sollen, die sich in immerwährenden Wiederholungen der Geldnot und Schuldenkalamitäten bewegen. Es ist, als hätte ein neidischer Geist heimlich da seinen Spuk getrieben, um einen Dichter, dessen Tod von Hunderttausenden öffentlich betrauert wurde, dessen Leichenzug ganz Petersburg war, dessen Hülle 63 Deputationen Kränze brachten und der Hof die letzte Ehre erwies, nicht allzusehr aufkommen zu lassen, sondern all diese Teilnahme lieber als einzelnes, die Leiden eines Kämpfenden verherrlichendes Faktum hinzustellen, als sie zu Ungunsten lebender Dichter auch noch durch eine bedeutende Korrespondenz zu bestätigen. Indessen sind auch die veröffentlichten Briefe interessant genug, um auszugsweise daraus Lebensdokumente herzuholen, was im weiteren Verlaufe unserer Aufzeichnungen an seiner Stelle geschehen wird. Die erwähnten Wiederholungen schildern, wie schon gesagt, unzählige immer wiederkehrende Sorgen, zeugen von Geldverlegenheiten, von einer unglaublich sich fortspinnenden Misere, einem ewigen Ringen um die Bestreitung des täglichen Unterhaltes für sich und die Seinen. Wir bekommen durch sie einen Blick in die unaufhörlichen Kämpfe mit Not, Krankheit, Widerwärtigkeiten aller Art, und staunen immer wieder über die ausserordentliche Kraft, die das alles überwand.

II.
Kindheit und Jugend.
(1821-1849.)

Theodor Michailowitsch Dostojewsky war der Sohn eines in Civildienste übergetretenen Militär-Arztes, welcher unter dem Titel eines Stabsarztes im Moskauer Armenspital angestellt war, wo er mit seiner zahlreichen Familie eine aus zwei, später drei Zimmern, einem Vorzimmer und einer Küche bestehende Wohnung einnahm. Bei der Knappheit der Räumlichkeiten half man sich, wie man sich in den minder wohlhabenden Familien in Russland zu helfen pflegt, mit dem Holzverschlag. Ein solcher Holzverschlag teilte das Vorzimmer in zwei Teile, wovon der vordere, mit dem Fenster versehene als Entrée, der rückwärtige, halb finstere Teil als Schlafzimmer der beiden ältesten Kinder, Michael und Theodor, diente.

Theodor M. Dostojewsky wurde am 30. Oktober 1821 geboren. Zu seinen ersten Erinnerungen gehört jene aus seinem dritten Lebensjahre, dass er einmal von der Kinderfrau in die gute Stube geführt und veranlasst worden war, hier, vor der „heiligen Ecke“ kniend, in Gegenwart einiger Freunde der Eltern sein tägliches Abendgebet aufzusagen. Das Gebet lautete: „Alle Zuversicht, Herr, lege ich auf dich, Mutter Gottes, nimm mich unter deinen Schutz.“ Den Wortlaut dieses Gebets hat er sein Leben lang bewahrt und dieses später seinen Kindern übermittelt. Vier Jahre alt wurde er schon ans Buch gesetzt. Den ersten Unterricht im Buchstabieren nach alter Methode besorgte die Mutter, später bekamen die Knaben einen Lehrer für französische Sprache und die üblichen Schulgegenstände, sowie als Religionslehrer einen Diakon, welcher ihnen „die hundertundvier Geschichten des alten und neuen Bundes“ vortrug und damit den grössten Eindruck auf sie machte.

Man muss hier beide Brüder immer zusammen nennen, denn es verband sie ausser der Kameradschaft so naher Altersgenossen (sie waren nämlich nur um ein Jahr im Alter von einander getrennt) ein Band innigster Freundschaft, das ihr ganzes Leben hindurch währte. Der ältere, Michael, war jedoch durchaus anders veranlagt als Theodor, welcher überschäumend von Temperament war, „das reine Feuer“, wie ihn die Eltern nannten. Er war natürlich Angeber und Anführer in allen Spielen, während sich Michael ihm widerstandslos unterwarf. An Winterabenden war es zumeist ein Kartenspiel, das sie nach ihrem streng verbrachten Arbeitstage vornahmen, wobei Theodor, in seiner Ungeduld zu gewinnen, sehr oft betrog.

Im Sommer spielten sie, wenn die Familie ihr kleines Landgütchen bezogen hatte, im nahegelegenen Birkenwäldchen meist „Indianer“; sie kleideten sich dazu ganz aus, tättowierten sich, schmückten sich mit Laubgürteln und Hahnenfedern, fabrizierten Pfeile und Bogen und führten erbitterte Kämpfe. Der Gipfel des Vergnügens war erreicht, wenn die Mutter an einem heissen Sommertage ihnen erlaubte zu Mittag im Walde zu bleiben, und ihnen unter irgend ein Gebüsch ihr Essen stellen liess, das sie ohne Benutzung von Gabel und Messer verzehrten, sodass sie bis in den späten Abend hinein „wild“ bleiben durften. Ein Übernachten im Walde jedoch, das sie so sehr wünschten, wurde ihnen niemals gestattet. Als die Knaben grösser wurden, übernahm der Vater den vorbereitenden Lateinunterricht für das Gymnasium. Das war eine harte Plage. Der Vater nahm sie gewöhnlich abends nach seiner zweiten Runde bei den Patienten vor. Der Unterricht währte meistens eine Stunde, wobei die Schüler, nicht nur sich nicht setzen, sondern sich auch nicht einmal an den Tisch lehnen durften. In dieser Zeit verschlang Theodor viele Bücher. Namentlich begeisterte ihn Walter Scott, dessen Quentin Durvard er unzählige Male las. Als sie dann in ein vortrefflich geleitetes Privat-Pensionat kamen (die Eltern zogen dies, obwohl es sie grosse Opfer kostete, dem übel beleumundeten Gymnasium vor), wurden sie an jedem Sonnabend nach Hause gebracht und kramten sofort bei Tische den ganzen Schulklatsch aus; namentlich erzählten sie gerne die schlechten Streiche ihrer Kameraden. „Dabei gab unser Vater,“ so erzählt Andreas Dostojewski, „den Brüdern keinerlei Lehren. Bei der Erzählung verschiedener Streiche, die in der Klasse verübt worden waren, sagte er nur: ‚Ei, der Nichtsnutz, ei, der Elende‘ — — —, allein er sagte nicht ein einziges Mal: ‚sehet zu, dass ihr es nicht auch so macht.‘ Damit sollte angedeutet werden, dass der Vater solche Schelmenstücke auch nicht im entferntesten von ihnen erwartete.“

Die Brüder lasen fortwährend sehr viel. Michael, der zumeist Gedichte las, versuchte sich auch poetisch, Theodor war zu ungeduldig, um jemals etwas in gebundener Rede auszuarbeiten. Er zog auch im Lesen die Prosa vor und las, wenn nichts Neues da war, Karamsins russische Geschichte immer wieder. In Puschkin aber einigten sich die Brüder und es gab keine damals bekannte Dichtung Puschkins, welche sie nicht auswendig gekannt hätten, wie denn auch Theodor überhaupt ein leidenschaftlicher Deklamator war, dessen Vortrag die Grenzen künstlerischer Mässigung immer überschritt. Im Jahre 1837 starb die Mutter, und die Söhne verliessen die Vaterstadt, um in die höhere Militär-Ingenieurschule in Petersburg einzutreten. Der Vater rechnete hierbei auf die Protektion eines Verwandten, der Generallieutenant im Armee-Inspektorat war und so den Jünglingen zu einer, bei ihren geringen Mitteln sehr wünschenswerten, schnelleren Karriere helfen konnte.

Nun traf es sich aber, dass der sie untersuchende Arzt den älteren Bruder, der kerngesund war, für krank erklärte, während er Theodor, der von Kindheit an kränklich und schwächlich war, für tauglich annahm. Das führte die Trennung der Brüder herbei. Michael kam in die medizinische Akademie nach Reval, während Theodor in Petersburg blieb. Um diese Zeit besuchte ihn ein Freund des Hauses, Dr. Riesenkampf, der uns sein Äusseres folgendermassen schildert: „Ein ziemlich runder, voller, heller Blondin mit einem runden Gesicht und etwas aufgestülpter Nase ... die hellkastanienfarbigen Haare waren kurz geschoren. Unter einer hohen Stirne und schwachen Augenbrauen waren kleine, tiefliegende graue Augen wie verborgen; die Wangen waren bleich, mit Sommersprossen besäet, die Gesichtsfarbe war krankhaft, erdig, der Mund etwas wulstig. Theodor war bedeutend lebhafter, beweglicher, heftiger als sein gesetzter Bruder.“ ... Die kränkliche Gesichtsfarbe war das Begleitsymptom einer sehr früh gesteigerten nervösen Reizbarkeit, die, wie wir wissen, noch vor seiner Gefängniszeit in Epilepsie ausartete. Schon als Kind hatte er manchmal Hallucinationen gehabt, an deren eine er die Erinnerung an den Bauer Marej knüpft. Er erzählt diese Geschichte in seinem „Totenhause“, und ein zweites Mal im Januarheft 1876 seines „Tagebuchs eines Schriftstellers“ mit derselben Betonung der „Volkswahrheit“ wie dort.

Wir fügen hier diese kleine Begebenheit samt den Betrachtungen ein, welche der Dichter 46 Jahre später daran knüpft. Er beginnt damit, wie er in der Strafkaserne in Sibirien oft von Erinnerungen an die Kinderzeit heimgesucht worden war, und fährt fort: „Ich erinnerte mich an einen August in unserem Dorfe. Der Tag war hell und trocken, doch etwas kühl und windig; der Sommer ging zur Neige und nun hiess es: bald nach Moskau zurück und wieder den ganzen Winter hindurch über den französischen Lektionen sitzen. Und mir wars so leid, das Dorf zu verlassen. Ich ging um die Scheunen herum, stieg in den Hohlweg hinab und wieder durch die „Schlucht“ hinauf; so wurde ein dichtes Strauchwerk von uns genannt, das jenseits des Hohlweges bis zum Wäldchen hinanstieg. Da verlor ich mich tiefer ins Gebüsch und hörte, wie, ungefähr 30 Schritte von mir, auf einer Waldwiese ein Bauer ganz allein die Pflugschar führte. Ich erkenne, dass er gegen die steile Höhe hinauf pflügt, dass das Pferd mühsam hinaufklimmt, und höre, wie hie und da des Bauern Zuruf „Nu, nu!“ zu mir herüberklingt. Ich kenne fast alle unsere Bauern, nur weiss ich nicht, welcher von ihnen eben pflügt. Aber es ist mir ganz gleich, denn ich bin ganz in meine Arbeit vertieft, denn auch ich bin beschäftigt; ich breche mir eine Haselnuss-Staude, um damit die Frösche zu peitschen. Die Haselstauden sind so schön, aber so unhaltbar — ganz anders als die Weidengerten! Auch die hartgeflügelten Käferchen interessieren mich, ich sammle sie, es giebt sehr zierliche darunter. Ich liebe auch die kleinen, behenden, hellgelben Eidechsen mit den schwarzen Fleckchen, aber die kleinen Schlangen fürchte ich. Übrigens trifft man die Schlänglein bei weitem seltener an als die Eidechsen. Schwämme giebt es hier wenige. Nach Schwämmen muss man ins Birkenwäldchen gehen und ich mache mich auf den Weg dahin. Nichts in der Welt liebe ich so sehr, wie den Wald mit seinen Schwämmen und wilden Beeren, mit seinen Käfern und Vögelchen, den Igelchen und Eichhörnchen und dem mir so angenehmen feuchten Geruch verwesender Blätter. Und jetzt auch, da ich dieses schreibe, habe ich den Duft unseres Birkenwäldchens leibhaftig verspürt. Diese Eindrücke bleiben fürs Leben. Plötzlich, mitten in das tiefe Schweigen hörte ich laut und deutlich einen Schrei: „Der Wolf kommt“. Ich schrie auf und lief ausser mir und schreiend geradeaus nach der Wiese auf den pflügenden Bauer los.

Das war unser Bauer Marej. Ich weiss nicht, ob es einen solchen Namen giebt, aber alle nannten ihn Marej. Es war ein Bauer von etwa fünfzig Jahren, stämmig, ziemlich gross, mit einem breiten, stark gesprenkelten dunkelblonden Barte. Ich kannte ihn, doch hatte es sich bis dahin nicht ereignet, dass ich mit ihm gesprochen hätte. Er brachte sein Pferdchen zum Stehen, als er mein Schreien gehört hatte, und als ich im vollen Anlauf mit einer Hand mich an die Pflugschar, mit der zweiten an seinen Ärmel hing, da erkannte er mein Entsetzen.

„Der Wolf kommt,“ schrie ich atemlos.

Er wendete den Kopf und sah sich unwillkürlich ein wenig im Kreise um, mir einen Augenblick fast glaubend.

„Wo ist der Wolf?“

„Man hat gerufen ... jemand hat eben gerufen: der Wolf kommt,“ stammelte ich.

„Was sagst du, was sagst du, was für ein Wolf — geschienen hat es dir, geh! Was soll hier für ein Wolf sein!“ murmelte er, mich beruhigend. Allein ich zitterte noch immer und klammerte mich noch fester an seinen Zipun und muss sehr blass gewesen sein. Er sah mich mit einem beunruhigten Lächeln an und war offenbar um mich in Angst und Sorge.

„Geh, schau, bist erschrocken, aj, aj!“ sagte er kopfschüttelnd. „Genug, mein Trauter. Geh, Kleiner, aj!“

Er streckte die Hand aus und streichelte mir plötzlich die Wange.

„Nu, genug doch, nu, Christus ist mit dir, mach das Kreuz.“ Allein ich bekreuzte mich nicht; meine Mundwinkel zuckten und das scheint ihn besonders ergriffen zu haben. Er streckte seinen dicken, mit Erde beschmutzten Daumen mit dem schwarzen Nagel leise aus und berührte damit ganz leise meine zuckenden Lippen.

„Geh doch, aj,“ lächelte er mich mit einem mütterlichen, auf seinen Lippen verweilenden Lächeln an. „Herrgott, was ist denn das, geh doch, aj, aj!“

Ich begriff endlich, dass kein Wolf da war, und dass mir etwas wie ein Schrei „der Wolf kommt“ nur so geklungen hatte. Der Schrei war übrigens sehr laut und deutlich gewesen, allein solche Schreie (nicht nur von Wölfen) hatte ich schon früher ein- oder zweimal zu vernehmen geglaubt und ich wusste davon. (Später vergingen diese Hallucinationen mit den Kinderjahren.)

„Nun werde ich gehen,“ sagte ich fragend und schaute ihn furchtsam an.

„Geh du nur, ich werde dir schon nachschauen. Ich werde dich schon dem Wolf nicht geben!“ fügte er hinzu, indem er mir immer noch mütterlich zulächelte, „nu, Christus sei mit dir, nu geh,“ und er machte das Zeichen des Kreuzes über mich, dann über sich selbst.

Ich ging weiter und schaute mich fast bei jedem zehnten Schritte um. Marej blieb, so lange ich ging, mit seinem Pferdchen immer da stehen und schaute mir nach, mir, so oft ich mich umsah, mit dem Kopfe zunickend. Offen gestanden schämte ich mich ein wenig vor ihm, darüber, dass ich solche Furcht gehabt hatte, allein sie erfasste mich auch im Gehen noch hie und da, ehe ich nicht zur ersten Riege des Abhanges gelangt war. Hier verliess mich die Angst schon ganz; und plötzlich, wie vom Boden heraus, sprang mir unser Hofhund Wölfchen entgegen. Mit ihm an meiner Seite wurde ich schon ganz mutig und wendete mich zum letzten Male nach Marej um. Sein Gesicht konnte ich nicht mehr genau unterscheiden, aber ich fühlte, dass er mich noch immer mit demselben zärtlichen Lächeln ansah und mit dem Kopfe nickte. Ich winkte ihm mit der Hand, auch er winkte mir zu und dann trieb er sein Pferdchen an.

„Nu, nu!“ hörte man in der Ferne wieder seinen Zuspruch, das Pferdchen zog wieder an seiner Pflugschar. —

Als ich damals von Marej nach Hause kam, erzählte ich niemand mein Erlebnis. Ja, was war es denn auch für ein Erlebnis? Auch Marej habe ich damals sehr bald vergessen. Wenn ich ihn später seltene Male traf, so sprach ich gar nie mit ihm, weder vom Wolf, noch überhaupt. Und plötzlich jetzt, zwanzig Jahre später in Sibirien, fiel mir diese ganze Begegnung mit einer solchen Klarheit, bis in das kleinste Detail ein. Das heisst also, dass sie sich in meine Seele festgesetzt hatte, unbewusst, ganz allein und ohne meinen Willen, und plötzlich ist sie dann aufgetaucht, wann sie nötig war.

Es tauchte dieses sanfte, mütterliche Lächeln des armen leibeigenen Bauern in mir auf; seine Kreuze, sein Kopfschütteln, sein „Geh schon, bist erschrocken, Kleiner!“ Und besonders sein dicker, mit Erde beklebter Finger, mit welchem er still und mit sanfter Zärtlichkeit meine zuckenden Lippen berührt hatte. Gewiss hätte ein jeder einem kleinen Kinde Mut zugesprochen, allein hier in dieser einsamen Begegnung geschah etwas von gleichsam ganz anderer Art, und wenn ich sein leiblicher Sohn gewesen wäre, so hätte er mich nicht mit einem von hellerer Liebe leuchtenden Blicke ansehen können — wer aber hat ihn dazu genötigt? Er war unser eigener Höriger, ich aber war immerhin sein junges Herrchen; das hätte niemand erkannt, als er mich streichelte und mich es nicht fühlen liess. Liebte er etwa so sehr die kleinen Kinder? Solche giebt es. Die Begegnung war in völliger Abgeschiedenheit erfolgt, auf einem öden Feld, und nur Gott sah vielleicht von oben, mit welchem tiefen und heiligen Menschheitsgefühl, und mit welcher feinen, fast weiblichen Zartheit das Herz manches groben, tierisch unwissenden, leibeigenen russischen Bauern erfüllt sein kann, eines solchen, der seine Befreiung auch nicht einmal erwartete, nicht ahnte. — Sagt mir, ist es nicht das, was Konstantin Aksakow verstand, als er von der hohen Bildung unseres Volkes sprach?

Und sieh da, als ich von meiner Pritsche herunterstieg und mich rings umsah, da, ich erinnere mich dessen, fühlte ich plötzlich, dass ich mit ganz anderen Blicken auf diese Unglücklichen zu schauen vermochte, und dass mit einem Male, wie durch ein Wunder, jeder Hass und jeder Zorn in meinem Herzen ausgelöscht war. Ich ging umher und schaute in die Gesichter der mir Begegnenden. Jener geschorene und entehrte Bauer, gebrandmarkt, berauscht, der da sein betrunkenes heiseres Lied brüllte, das kann ja ebenfalls der nämliche Marej sein; ich kann ja nicht in sein Herz hineinschauen.“

Bald nach dem Tode der Mutter gelangte zu den Jünglingen die Nachricht vom tragischen Ende Puschkins. Hätten sie nicht schon Trauergewänder getragen, so hätten sie um die Erlaubnis gebeten, solche nach Puschkin anlegen zu dürfen. In jedem Falle verabredeten sie sich auf der Reise nach Petersburg, sofort nach ihrer Ankunft den Ort aufzusuchen, wo das Duell stattgefunden, und die Stube, wo der Dichter seinen Geist ausgehaucht hatte.

Diese Fahrt in langen Tagereisen, mit unterlegten Pferden und wechselnden Fuhrleuten, war reich an Hoffnungen und poetischen Stimmungen, namentlich des älteren Bruders, der: „täglich etwa drei Gedichte machte, auch unterwegs“ —, wie Theodor in seinem Tagebuche 1876 erzählt. Er selbst dachte wohl ebenfalls nicht an die Aufnahmeprüfung in der Mathematik: er deklamierte, disputierte und ereiferte sich über poetische Fragen, hatte aber doch offene Sinne für alles, was um ihn her vorging. So machte ihm eine Scene Eindruck, die er vom Fenster des Einkehrhauses eines kleinen Dorfes beobachtete. Es war an das Stationsgebäude eine Kurier-Trojka herangeflogen, ein betresster und befiederter Feldjäger sprang herab, trank ein Gläschen Schnaps und schwang sich auf die Telega zurück, wo indessen der neue Kutscher, ein junger Bursche, ein neues armseliges Dreigespann angebracht hatte. Kaum hatte sich dieser Junge auf seinen Platz geschwungen, als der Feldjäger aufstand und ihm ohne jegliche Erregung, ohne ein Wort zu reden, mit der Faust einen wuchtigen Hieb in den Nacken verabfolgte. Unmittelbar darauf setzte der Kutscher diesen Hieb in einen Knutenstreich auf die Pferde um. Das wiederholte sich so lange, als der Zuschauer das Gefährt nicht aus dem Auge verlor, so dass gleichsam aus jedem Faustschlag, wie durch eine Feder geschnellt, der Knutenhieb hervorsprang. Dostojewsky erwähnt in späten Jahren diese Begebenheit gelegentlich eines Artikels über den Petersburger Tierschutzverein, dem er diesen Vorgang als Emblem auf das Petschaft gravieren lassen möchte.

Die Trennung vom Hause und dem Bruder ruft die erste Korrespondenz hervor. Wir finden darin die erste reale Misère um einiger Kopeken willen und den ersten philosophischen Weltschmerz, der sich jedoch schon in der, Dostojewsky eigentümlichen, mystischen Weise ausdrückt. So sagt er in einem Briefe an den Bruder: „Ich weiss nicht, ob meine traurigen Gedanken je verstummen werden — mir scheint unsere Welt ist ein Fegefeuer himmlischer Seelen — die ein sündiger Gedanke verwirrt hat — aus der hohen, herrlichen Seelenhaftigkeit ist — eine Satire herausgekommen.“ — — — Weiter sagt er: „Sehen, wie unter einer spröden Hülle sich eine Welt in Qualen windet, wissen, dass ein Willensausbruch genügt, sie zu zerbrechen, und mit der Ewigkeit zusammenzufliessen, das wissen und dem niedersten der Geschöpfe gleich sein — — schrecklich! Wie armselig ist doch der Mensch! Hamlet, Hamlet!“ Weiter heisst es: „Pascal sagt einmal: Wer gegen die Philosophie protestiert, ist selber ein Philosoph“ — eine traurige Philosophie das!“ —

Wir sehen unter anderem aus diesem Briefe, dass seine Lektüre sich den Franzosen zugewendet hat; er zählt einmal auf, was er im Übungslager alles gelesen hat: „Mindestens nicht weniger, als Du“, ruft er dem Bruder zu. Den ganzen Hoffmann, den ganzen Victor Hugo, den er unter anderem mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit mit Homer vergleicht, einen Homer in „christlichem, engelhaftem Sinne“ nennt. Einen ganz ausserordentlichen Eindruck macht auf ihn George Sand, „eine der hellsehendsten Ahnenden, einer die Menschheit erwartenden glücklichen Zukunft.“ So drückt er sich im Jahre 1876 im Junihefte seines Tagebuches aus. In der Nachschrift eines Briefes finden wir eine Verteidigung der französischen Klassiker in folgenden hitzigen Worten: „Hast du Cinna gelesen? Armseliger, wenn du ihn nicht gelesen hast! Besonders das Gespräch Augusts mit Cinna, wo er ihm den Verrat verzeiht ... Du wirst sehen, so sprechen nur beleidigte Engel ... Hast du Le Cid gelesen? Lies ihn, erbärmlicher Mensch, und sinke in den Staub vor Corneille ..... Übrigens“, schliesst er begütigend, „sei mir um meiner beleidigenden Ausdrücke nicht böse .....“

Sehr merkwürdig ist seine Beurteilung des Vaters. „Mir ist leid um den armen Vater. Ein seltsamer Charakter! Ach, wieviel Unglück hat er nicht schon ertragen! Es ist bis zu Thränen bitter, dass man ihn mit nichts erfreuen kann! — Und, weisst du? — Papachen kennt die Welt ganz und gar nicht; er hat fünfzig Jahre darin gelebt und ist bei der Meinung über die Menschen geblieben, die er dreissig Jahre vorher von ihnen gehabt hat. Glückliche Unwissenheit! — Allein er fühlt sich sehr enttäuscht, das scheint unser allgemeines Los zu sein.“ Hier bietet sich schon ein Stück echt Dostojewskyscher psychologischer Feinheit, welche im Vater die Enttäuschung über die Welt und zugleich die Unfähigkeit sieht, daraus Nutzen zu ziehen und anderer Meinung über die Menschen zu werden.

Übrigens finden wir nur in den Jugendbriefen und erst wieder in den Briefen aus des Dichters letzten Jahren Ausbrüche persönlichster Innerlichkeit, wie wir das nennen möchten. Dies ist indessen zum grossen Teil auf die unglückliche Auswahl der zu publizierenden Briefe zurückzuführen, deren wir oben erwähnten. Es ist da, als ob die Herausgeber durch diese Zusammenstellung die Armut und die ewigen Nahrungssorgen des Dichters so recht herauskehren wollten. Sein späterer Briefwechsel mit seiner Gattin Anna Grigorjewna (er schrieb ihr während seiner kleinsten Abwesenheiten täglich, so dass sie, die immer nur sehr kurz von ihm getrennt war, 464 Briefe von ihm besitzt), den die Witwe aus begreiflichen Gründen zurückhält, ist voll von solchen Ausbrüchen. Allein wir würden irren, wenn wir annähmen, dass es schwunghafte Dichterbriefe seien. Nein, so schlicht, dabei gegenständlich bis ins kleinste, so voll von Zweifeln an sich selbst, berauschtem Stolz über einen Erfolg, Kleinmut und Zerknirschung, wenn er wieder so nichtswürdig schwach gewesen, alles zu verspielen, mit einem Wort, so unlitterarisch sind sie, wie jene, die wir vor uns haben. Auch so naiv in einem gewissen Sinne. So frägt er in einem Briefe aus Moskau, wohin er zur Puschkinfeier gereist ist, am Tage dieser Feier: Was meinst du, soll ich im Frack erscheinen oder im Gehrock? Doch von dieser Korrespondenz später.

Eine andere sehr wertvolle Korrespondenz, welche mir vom Besitzer zur Verfügung gestellt wurde, ist leider im Schlosse des Grafen Alexis Tolstoi, dessen Gast jener war, bei einem Brande, dem das ganze Schloss zum Opfer fiel, zu Grunde gegangen. In dieser Korrespondenz hätten wir wohl viel Polemisches, vieles über des Dichters politische Anschauungen ausgedrückt gefunden, allein sicher nicht mehr Andeutungen über Arbeitspläne, als jene Briefe enthalten, die wir vor uns haben. Dostojewsky hatte eine Art darüber in Briefen zu schweigen, welche die Annahme nicht zulässt, als habe er dies nur je nach der Person und dem Augenblick gethan. Zur Zeit seiner grössten litterarischen Thätigkeit bewegen sich viele seiner Briefe zumeist um Äusserliches. Doch auch davon später.

Auch im Verkehr mit den Kameraden war Dostojewsky sehr zurückhaltend; er schloss sich immer ab, mischte sich nicht in die gemeinsamen Unternehmungen und teilte sich niemand mit. Die Schwächeren, namentlich die Neueintretenden, welche Spott und Unbill zu erleiden hatten, verteidigte er energisch. In den Unterrichtsfächern blieb er im geometrischen Zeichnen und im Reglement zurück, so dass er ein Jahr wiederholen musste, was ihn um des Vaters willen sehr kränkte. Seine Briefe an diesen letzteren sind zumeist Schulberichte, Bitten um Geld und Aufzählung seiner notwendigsten Ausgaben. An den Bruder schreibt er einmal: „Du beklagst dich über deine Armut — — auch ich bin nicht reich — da ist nichts zu sagen — wirst du mir glauben, dass ich, als wir das Lager verliessen, nicht eine Kopeke hatte? Auf dem Marsche erkrankte ich infolge Erkältung und Hunger (es regnete den ganzen Tag und wir gingen blank) und ich hatte keinen Groschen, um mir die Kehle mit einem Schluck warmen Thees anzufeuchten. Aber ich wurde wieder gesund. Doch auch im Lager war mein Zustand ein erbärmlicher, bis ich Väterchens Geld bekam. Da bezahlte ich die Schulden und behielt das Übrige zurück. Aber die Beschreibung deines Zustandes übersteigt alles. Kann man denn wirklich fünf Kopeken nicht haben, sich mit Gott was füttern müssen, und nur mit lüsternen Blicken die herrlichen Beeren betrachten, die du sehr liebst!“ Er hat eben erst erzählt, dass er, hungrig und krank, keinen Groschen zu einem Schluck warmen Thees gehabt; dies scheint er aber in der Entrüstung darüber, dass sich der Bruder die geliebten Beeren nicht kaufen kann, ganz zu vergessen.

Um diese Zeit liest er viel Schiller und schreibt einmal an den Bruder, der ihm vorwirft, Schiller nicht zu kennen: er habe ihn mit einem teuern Freunde gelesen, der nun fort sei, und dies sei der Grund, warum auch der Name Schiller ihm wehe thue, nicht über seine Lippen komme. Er bearbeitet Maria Stuart in seinem Sinne, ebenso auch Puschkins Boris Godunow; beide Manuskripte sind in Verlust geraten. Überhaupt sieht man ihn viel heimlich schreiben, Nächte hindurch, und einige seiner Biographen sind der Meinung, er habe seinen am sorgfältigsten ausgearbeiteten Roman „Arme Leute“ in der ersten Fassung schon in der Akademie begonnen.

Am 5. August 1841 wurde er zum Unteroffizier ernannt, mit Belassung in der Anstalt, um den Offizierskurs zu vollenden, und am 11. August 1842 wird er nach bestandener Prüfung in die Offiziersklasse versetzt. In dieser Zeit scheint er schon auswärts gewohnt, nach dem Tode des Vaters seine Erbschaft angetreten und den jüngeren Bruder Andreas bei sich beherbergt zu haben, was ihn sehr einengt und worüber er sich gegen Michael beklagt.

Im Jahre 1843 trat Dostojewsky aus dem höheren Offizierskurs aus und wurde dem Petersburger Kommando des Ingenieurkorps zugeteilt. Nun scheint ein freies, genusssüchtiges und sehr kostspieliges Leben für ihn begonnen zu haben. Seine Jahreseinkünfte waren durchaus nicht gering; er bezog eine jährliche Rente und einen Offiziersgehalt, die zusammen 5000 Rubel ausmachten. Allein, da er einerseits seinen Neigungen lebte, andererseits ausserordentlich unpraktisch in der Einteilung seiner Finanzen war, geriet er bald in Schulden. Er besuchte sehr fleissig das Theater, „auch das Ballett“, sagt Orest Miller, alle kostspieligen Konzerte etc. Zudem mietete er eine geräumige Wohnung, nur weil ihm das Gesicht des Hausherrn sympathisch war und er sah, dass ihn dieser Mann nie stören würde. Freilich standen in der grossen Wohnung nur ein Bett, ein Divan, ein Tisch und einige Stühle. Dazu zeigte sichs bald, dass nur sein Arbeitskabinett heizbar war, also lebte er in diesem, behielt jedoch die ganze Wohnung weiter. Eine andere Ursache der Verwirrung seiner Geldangelegenheiten war die, dass er einen Diener bei sich behielt, der ihm auch so sympathisch war, dass keine Mahnung, er solle ihn weggeben, da er ihn bestehle, bei ihm Eingang finden konnte. „Mag er mich doch bestehlen,“ sagte Dostojewsky, „er wird mich nicht ruinieren.“ Thatsächlich, erzählt O. Miller, ruinierte dieser Diener ihn doch, denn er hatte eine Geliebte mit grosser Familie, die schliesslich alle auf Kosten seines Herrn lebten, bis es nicht mehr weiter ging, dieser in Schulden geriet und endlich doch die Wohnung aufgeben musste. Als es anfing schief zu gehen, zog sich Dostojewsky von allem zurück, schloss sich in sein Arbeitszimmer ein und verkehrte mit niemand. Nach den Mitteilungen des Doktors Riesenkampf, der ihn zu jener Zeit oft besuchte, war er sehr in sich gekehrt, verschlossen, sehr leidend, ohne es zugeben zu wollen. Seine Stimme war infolge einer schweren Halskrankheit, die er noch im Elternhause durchgemacht hatte, beständig heiser, seine Gesichtsfarbe erdfahl.

Hier beginnt seine intensive Beschäftigung mit der Litteratur; er liest viel französisch: Balzac, George Sand, Victor Hugo, Lamartine, Soulié. Entwürfe zu Erzählungen jagten einander nur in seinem Kopfe. Bei diesen Beschäftigungen war ihm sein militärischer Beruf eine grosse Last, die er indes nicht abzuschütteln wagte, weil der Vormund ihm mit Entziehung seiner Rente drohte.

Wie wechselnd Schicksal und Laune des Dichters zu jener Zeit waren, davon giebt uns die Erzählung Dr. Riesenkampfs ein drastisches Bild. Zur Zeit der grossen Fasten im Jahre 1842 sei plötzlich ein Geldzufluss bei Dostojewsky sichtbar geworden. Er besuchte die Konzerte Liszts, der eben angekommen war, sowie die des Sängers Rubini und eines berühmten Klarinettisten. Nach Ostern traf ihn Riesenkampf in einer Aufführung von Puschkins „Ruslan und Ludmila“. Im Mai aber schloss er sich abermals ein und versagte sich jedes Vergnügen, um sich zur letzten Prüfung vorzubereiten. Zu gleicher Zeit hatte sich Riesenkampf zur medizinischen Prüfung vorbereitet, erkrankte infolge zu grosser Anstrengung und hütete noch am 30. Juni das Bett. Da erscheint plötzlich Dostojewsky an seinem Lager, bis zur Unkenntlichkeit verändert; strahlend, gesund aussehend, mit sich und dem Schicksal zufrieden, denn er hatte eben die Prüfung sehr gut bestanden, war als Lieutenant aus der Anstalt entlassen; hatte überdies vom Vormund eine so grosse Geldsumme erhalten, dass er imstande war, seine Schulden zu bezahlen. Zudem hatte er einen längeren Urlaub bekommen, den er benutzen wollte, um seinen Bruder, welcher sich inzwischen verheiratet hatte, in Reval zu besuchen, was er am folgenden Morgen zu unternehmen gedachte. Nun zerrt er den Freund aus dem Bette, kleidet ihn an, setzt ihn auf einen Wagen und führt ihn in eines der ersten Restaurants am Newsky Prospekt. Hier verlangt er ein gesondertes Zimmer mit einem Flügel, bestellt ein lukullisches Mahl mit kostbaren Weinen und nötigt den kranken Freund, mit ihm zu essen und zu trinken. Diese zwingende Heiterkeit wirkte wohlthätig auf den Kranken; er ass und trank, musizierte und — wurde gesund. Am anderen Morgen begleitete er den Freund zum Dampfer!

In Reval scheint Dostojewsky durch Herrnhutersche Unduldsamkeit einen sehr üblen Eindruck empfangen zu haben, der ihn Zeit seines Lebens gegen die Deutschen, denen er höhere Kultur zugeschrieben hatte, verstimmt liess.

Der Bruder Michael hatte indessen mit Hilfe seiner Frau Theodor mit neuer Wäsche und Kleidern ausgestattet und bat nun Riesenkampf, welcher auch nach Reval gekommen war, er möge, da er sich in Petersburg niederlasse, gemeinschaftlich mit dem Bruder wohnen, damit er, der niemals etwas über den Stand seiner Habe wisse, sich an dessen deutscher Ordnungsliebe ein Beispiel nehme. Als Riesenkampf im September 1843 nach Petersburg zurückkam, erfüllte er diesen Wunsch. Er fand Theodor ohne eine Kopeke, von Milch und Brot, und das sogar auf Kredit, lebend. „Theodor Michailowitsch,“ schliesst er den Bericht, „gehört zu jenen Personen, neben denen zu leben allen wohl wird, die aber selbst immer in Not sind.“ Man bestahl ihn unbarmherzig, allein bei seiner Vertrauensseligkeit und Güte wollte er den Dingen weder auf den Grund gehen noch seine Diener samt Anhang beschuldigen, die sich seine Harmlosigkeit zu nutze machten. Ja, sogar das Zusammenleben mit dem Arzte war ein neuer Anlass zu vergrösserten Auslagen. „Jeden armen Teufel nämlich, der um ärztlichen Rat zum Doktor kam, nahm er wie einen teuren Gast auf,“ erzählt Orest Miller. — Darüber zurecht gewiesen, antwortete er entschuldigend: „Da ich mich daran mache, die Lebensweise armer Leute zu beschreiben, so bin ich froh, dass ich Gelegenheit habe, das Proletariat der Hauptstadt näher kennen zu lernen.“ Bei Abschluss der Monatsrechnungen fand sich, dass eine ganze Herde von Menschen ihren Vorteil aus Dostojewskys Sorglosigkeit gezogen hatte; nicht nur Bäcker und Krämer, sondern auch Schneider und Schuster reichten unerhörte Rechnungen ein. Dazu war die Wäsche und Garderobe, die bei jedem Geldzufluss immer wieder neu hergestellt wurde, immer ganz zusammengeschmolzen. Seine äusserste Not dauerte um diese Zeit zwei Monate. Da plötzlich fand ihn der Doktor eines Tages laut, selbstbewusst und stolz im grossen Saale auf und ab gehen — er hatte aus Moskau 1000 Rubel erhalten. „Am anderen Morgen aber,“ erzählt Dr. Riesenkampf, „kam er wieder in seiner gewöhnlichen stillen, sanften Weise in mein Schlafzimmer und bat mich, ihm 5 Rubel zu leihen.“ Der grösste Teil des Geldes war zur Tilgung von Schulden aufgegangen, und das, was übrig blieb, hatte er zum Teil im Billardspiel verloren; die letzten 50 Rubel waren ihm von einem Fremden, den er zu sich gerufen und in seinem Zimmer allein gelassen hatte, gestohlen worden.

Im März 1844 musste Dr. Riesenkampf von Petersburg scheiden und Theodor Michailowitsch zurücklassen, ohne dass sein deutsches Beispiel etwas gefruchtet hätte.

Um diese Zeit herum beschäftigt sich der Dichter, um Geld zu verdienen, mit Übersetzungen. Er übersetzt Eugenie Grandet von Balzac, Schillers Don Carlos und George Sand, wofür er 25 Papierrubel für den Druckbogen erhält. Nun reicht er um Entlassung aus dem Militärdienst ein, „denn“, schreibt er an den Bruder, „ich bin des Dienstes überdrüssig, überdrüssig wie einer Kartoffel“ — — —

In einem Briefe vom 30. September 1844 sagte er: „Ich habe einen Roman geschrieben, im Umfange der Eugenie Grandet; bis zum 14. (der Termin seiner Dienstentlassung) werde ich gewiss schon Antwort darüber haben. Er ist ziemlich originell.“

Den Geldverlegenheiten hofft Theodor Michailowitsch so zu begegnen, dass er auf seinen Gutsanteil verzichtet, wenn man ihm 500 Silberrubel sofort, später abermals 500 in monatlichen Raten sendet. Er ist immer „verloren“, wenn man ihm nicht hilft, ihn nicht rettet, fleht um aller Heiligen willen, der Bruder möge ihm helfen, sonst müsse er ins Gefängnis. „Chlestakow“ (aus Gogols „Revisor“), sagt er, „erklärt sich bereit ins Gefängnis zu gehen, wenn nur in nobler Weise. Wie soll ich aber nobel ins Gefängnis gehen, wenn ich keine Hosen habe?“ Dabei ist der Brief noch immer aus der kostspieligen Wohnung datiert. In der Nachschrift heisst es: „ich bin mit meinem Roman ausserordentlich zufrieden“. Er blickt auf diesen Roman als auf seinen Rettungsanker. Er sieht in ihm den Probierstein seiner dichterischen Kraft, und nun, nachdem er ihn dem Dichter Njekrássow übergeben, welcher damals an der Redaktion des „Zeitgenossen“ teilnahm, kommt für ihn die bedeutende grosse Lebenswende, die er uns 30 Jahre später in seinem Tagebuch eines Schriftstellers folgendermassen erzählt, wobei begreiflicherweise im Gedächtnis des Dichters eine kleine Verschiebung bezüglich des Zeitpunktes stattfindet.

„Es geht manchmal eigentümlich zu mit den Menschen; wir haben einander [hier ist der Dichter und Njekrássow gemeint] nicht oft im Leben gesehen, es hat auch Missverständnisse zwischen uns gegeben — aber etwas hat sich doch mit uns ereignet, eine Begebenheit, die ich niemals habe vergessen können. Und nun, als ich unlängst Njekrássow besuchte, fing er, der Kranke und Erschöpfte, beim ersten Worte an, von diesen Tagen zu sprechen. Damals (es sind nun 30 Jahre her) geschah etwas so jugendliches, frisches, hübsches, eine der Begebenheiten, die für immer im Herzen der Beteiligten fortleben. Wir waren damals etwas über zwanzig Jahre alt. Ich lebte nach meinem Austritt aus dem Ingenieurkorps schon ein Jahr in Petersburg, ohne zu wissen, was ich anfangen würde, voll von dunklen, unbestimmten Zielen. Es war im Mai des Jahres 1845. Anfangs des Winters hatte ich plötzlich meine Erzählung „Arme Leute“ begonnen, ohne vorher je etwas geschrieben zu haben. Als ich diese Erzählung beendet hatte, wusste ich nicht, was ich damit anfangen, wem ich sie übergeben sollte. Litterarische Bekanntschaften hatte ich absolut gar keine, ausser etwa D. W. Grigorowitsch, aber dieser hatte damals selbst ausser einer kleinen Erzählung für eine Sammlung (die Erzählung hiess „Petersburger Leiermänner“) noch nichts geschrieben. Ich glaube, er war damals im Begriff nach seinem Landsitz hinauszufahren; vorläufig wohnte er für einige Zeit bei Njekrássow. Als er einmal zu mir kam, sagte er: „Bringen Sie doch Ihr Manuskript (er hatte es selbst noch nicht gelesen); Njekrássow will zum nächsten Jahr ein Sammelwerk herausgeben, und da will ich ihm das Manuskript zeigen.“ Ich brachte es ihm, sah Njekrássow etwa eine Minute — wir reichten einander die Hand. — Ich schämte mich bei dem Gedanken mit meinem Werke gekommen zu sein und ging so schnell als möglich fort, fast ohne mit Njekrássow ein Wort gesprochen zu haben. Ich dachte wenig an Erfolg und vor dieser „Partei der Vaterländischen Annalen“ (eine Zeitschrift, welche damals von einer Anzahl vortrefflicher und gesinnungstüchtiger Schriftsteller und Kritiker herausgegeben wurde), wie man sie damals nannte, fürchtete ich mich. Belinsky las ich schon seit einigen Jahren mit Bewunderung, aber er erschien mir fürchterlich, dräuend und — der wird meine „Armen Leute“ verlachen — dachte ich manchmal bei mir. Aber nur manchmal. Ich hatte die Erzählung mit leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Thränen geschrieben. Sollte denn alles dies, sollten all diese Augenblicke, die ich mit der Feder in der Hand bei dieser Erzählung verlebt hatte, sollte das alles Lüge, Gaukelei, unwahre Empfindung gewesen sein? Doch dachte ich nur für Augenblicke so, und die Zweifel kehrten immer gleich wieder.

Am Abend desselben Tages nun, da ich die Handschrift abgegeben hatte, ging ich irgendwo hin, weit fort, zu einem ehemaligen Kameraden; wir sprachen die ganze Nacht durch über die „toten Seelen“; wir lasen darin, ich weiss nicht zum wievieltenmale; das war damals so unter den jungen Leuten. Es kommen zwei, drei zusammen: „Wollen wir nicht etwas im Gogol lesen, meine Herren?“ Sie setzten sich und lasen — wohl meist die ganze Nacht durch. Damals gab es unter den jungen Leuten sehr, sehr viele, die von irgend etwas durchdrungen waren, die irgend etwas erwarteten. Ich kehrte nach Hause zurück — es war schon vier Uhr morgens, eine weisse, taghelle Petersburger Nacht. Es war herrlich warmes Wetter, und als ich in meine Wohnung gekommen war, legte ich mich nicht zu Bette, sondern öffnete das Fenster und setzte mich daran. Plötzlich höre ich zu meinem grössten Erstaunen die Thürklingel ertönen — und da stürzen auch schon Gregorowitsch und Njekrássow über mich her, umarmen mich in voller Entzückung, und es fehlt nur noch, dass sie beide zu weinen anfangen. Sie waren am Vorabend zeitig heimgekehrt, hatten mein Manuskript in die Hand genommen und zur Probe zu lesen angefangen — „nach zehn Seiten wird man schon sehen“. — Aber nachdem sie zehn Seiten gelesen hatten, beschlossen sie weitere zehn zu lesen, und darauf lasen sie schon ohne Unterbrechung die ganze Nacht durch, laut, einer den andern ablösend, wenn dieser ermüdet war. „Er liest vom Tode des Studenten“, erzählte mir später, als wir allein waren, Gregorowitsch, „und da, an der Stelle, da der Vater dem Sarge nachläuft, merke ich, wie Njekrássows Stimme umschlägt, einmal, das zweite Mal, und plötzlich hält er’s nicht aus und schlägt mit der flachen Hand auf das Manuskript „Ach! dass ihn doch! — damit meinte er Sie, und so gings die ganze Nacht“.

Als sie geendet hatten (es waren sieben Druckbogen!), da beschlossen sie einstimmig, sofort zu mir zu gehen. „Was liegt daran, dass er schläft, wir wecken ihn auf, das ist mehr wert als der Schlaf!“ — Wenn ich später den Charakter Njekrássows betrachtete, wunderte ich mich öfters über diesen Augenblick. Sein Charakter ist verschlossen, misstrauisch, vorsichtig, wenig mitteilsam. So wenigstens ist er mir immer erschienen, sodass dieser Augenblick unserer ersten Begegnung in Wahrheit die Offenbarung einer tiefen Empfindung bedeutete. Sie blieben damals etwa eine halbe Stunde bei mir. In dieser halben Stunde sprachen wir, weiss Gott was alles durch, einander in halben Worten verstehend, in Ausrufungen, hastig — — Wir sprachen von Poesie und Wahrheit, von der „damaligen Lage“, natürlich auch von Gogol, indem wir Stellen aus seinem Revisor, aus seinen „toten Seelen“ citierten. Aber hauptsächlich sprachen wir von Belinsky. „Noch heute bringe ich ihm Ihre Erzählung, und Sie werden sehen — ja das ist ein Mensch, o was für ein Mensch ist das!“ rief Njekrássow mit Entzücken, indem er mich mit beiden Händen an den Schultern fasste und schüttelte. „Nun aber gehen Sie schlafen, schlafen Sie, wir gehen fort und morgen — zu uns“. Wie hätte ich daraufhin einschlafen können! Welches Entzücken, was für ein Erfolg! und vor allem das kostbare Gefühl, ich erinnere mich dessen sehr gut: hat ein anderer Erfolg, nun man lobt ihn, man beglückwünscht ihn, man kommt ihm entgegen — aber seht, diese kommen mit Thränen in den Augen herbeigelaufen, um vier Uhr morgens, um mich zu wecken, „weil das mehr wert ist, als der Schlaf“! — Ach! wie schön! so dachte ich; wo wäre da Schlaf gekommen?

Njekrássow brachte das Manuskript den selben Tag zu Belinsky. Er betete Belinsky an und es scheint, dass er ihn sein lebenlang mehr geliebt hat, als alle andern. Damals hatte Njekrássow noch nichts von der Bedeutung geschrieben, wie dies ihm im nächstfolgenden Jahre gelingen sollte. Njekrássow befand sich, soviel mir bekannt ist, ungefähr sechzehn Jahre in Petersburg. Er schrieb ungefähr schon seit seinem sechzehnten Jahre. Über seine Bekanntschaft mit Belinsky weiss ich wenig, aber dieser hat ihn gleich anfangs richtig taxiert und hat wahrscheinlich grossen Einfluss auf seine Dichtung genommen. Ungeachtet des damals noch jugendlichen Alters Njekrássows und des grossen Altersunterschiedes, der zwischen ihnen bestand, waren sicherlich auch damals solche Augenblicke vorgekommen und solche Worte zwischen ihnen gefallen, welche auf das ganze Leben Einfluss nehmen und unlösbare Bande knüpfen.

„Ein neuer Gogol ist erstanden“, rief Njekrássow, als er, die „armen Leute“ in der Hand, bei Belinsky eintrat. „Bei Euch wachsen die Gogols wie die Pilze“, antwortete ihm strenge Belinsky, — aber er nahm das Manuskript. — Als Njekrássow wiederkam, da kam ihm Belinsky entgegen „geradezu bewegt“: bringen Sie ihn her, bringen Sie ihn schnell!

Und da brachten sie mich (schon am dritten Tage) zu ihm. Ich erinnere mich, dass mich beim ersten Anblick sein Äusseres sehr frappiert hat; seine Nase, sein Kinn — ich hatte mir ihn, Gott weiss warum, durchaus anders vorgestellt, diesen schrecklichen, diesen furchtbaren Kritiker. Er begegnete mir mit ausserordentlichem Ernst und grosser Zurückhaltung. „Nun es muss ja auch so sein“, dachte ich bei mir; allein es verging kaum eine Minute und alles hatte sich verwandelt. Es war nicht der Ernst einer bedeutenden Persönlichkeit, eines grossen Kritikers, welcher einem 22jährigen Jünglinge entgegen kam, der eben seine schriftstellerische Laufbahn betritt, sondern dieser Ernst floss sozusagen aus der Achtung vor jenen Gefühlen, die er so schnell als möglich in mich giessen wollte, vor jenen wichtigen Worten, die er mir zu sagen sich gedrängt fühlte. Er redete mich nun leidenschaftlich, mit leuchtenden Augen an: „Ja, verstehen Sie denn selbst — wiederholte er mehreremale, nach seiner Gewohnheit schreiend —, was Sie da geschrieben haben?“ Er schrie immer, wenn er in starker Bewegung sprach, „das haben Sie nur durch unmittelbares Gefühl, nur als Künstler schreiben können. Aber haben Sie denn selbst die schreckliche Wahrheit bedacht, auf die Sie uns hingewiesen haben? Es kann nicht sein, dass Sie mit Ihren 20 Jahren das verstehen könnten. Ja, dieser Ihr unglücklicher Beamte, ja, der ist schon dahin gekommen und hat sich selbst schon dahin gebracht, dass er sich selbst aus Erniedrigung sogar nicht mehr einen Unglücklichen zu nennen wagt und die geringste Klage als eine Freidenkerei ansieht; der es nicht einmal wagt, sich das Recht zuzusprechen, unglücklich zu sein, und als ihm der gute Mensch, der General, jene 100 Rubel giebt, ist er ganz zermalmt, ganz vernichtet vor Verwunderung, dass „ihre Excellenz haben“ einen solchen, wie er ist, bemitleiden können, „ihre Excellenz haben“, wie Sie ihn sich ausdrücken lassen, nicht „seine Excellenz hat“. Und der abgerissene Knopf, und der Augenblick, da er dem General das Händchen küsst, ja, da ist nicht mehr Mitleid mit einem Unglücklichen, da ist Grauen! Grauen! In dieser Dankbarkeit liegt etwas Grauenhaftes, das ist eine Tragödie. Sie haben das innerste Wesen der Sache getroffen, das allerwichtigste mit einem Strich gezeigt. Wir Publizisten und Kritiker beurteilen nur, wir trachten das Ding mit Worten zu erklären, aber Sie, der Künstler, stellen mit einem Strich die tiefste Wesenheit der Sache im Bilde hin, so dass man es auf einmal fassen kann, dass dem urteilslosesten Leser mit einem Male alles begreiflich werde. Da haben Sie das Geheimnis des Künstlertums, da haben Sie die Wahrheit in der Kunst. So dient Ihr der Wahrheit. Ihnen ist sie offenbart und verkündet als einem Künstler; Sie haben sie als ein Geschenk empfangen. — Schätzen Sie also diese Gabe hoch, bleiben Sie ihr treu, und Sie werden ein grosser Künstler werden!“

Alles dieses sagte er mir damals, alles dieses sagte er auch später über mich vielen anderen, die jetzt noch leben und es bezeugen können. Ganz berauscht ging ich von ihm fort; ich blieb an der Ecke seines Hauses stehen, sah den Himmel über mir, sah den hellen Tag, die Vorübergehenden, und fühlte mit meinem ganzen Wesen, dass in meinem Leben ein feierlicher Augenblick eingetreten war, ein Durchbruch nach der Ewigkeit, etwas ganz Neues; aber etwas, das ich damals auch in meinen leidenschaftlichsten Träumen nicht vermutet hatte (und ich war damals ein schrecklicher Träumer!). „Wär’ es möglich, bin ich in Wahrheit so gross?“ — dachte ich schamhaft, in einer Art schüchterner Entzückung, bei mir. O, lachet nicht! Niemals nachher habe ich gedacht, dass ich gross sei, aber damals — konnte man denn das ertragen! O, ich werde dieses Lobes würdig sein! — Und was für Menschen, was für Menschen! Ich werde es verdienen, ich werde trachten so prächtig zu werden wie sie, ich werde ausharren, getreu sein! O, wie bin ich doch leichtsinnig! Wenn Belinsky nur sähe, was für niedere, schändliche Dinge in mir sind! Übrigens giebt es solche Leute nur in Russland, sie stehen allein, aber bei ihnen allein ist Wahrheit; und diese, das Gute und Wahre siegen und triumphieren überall. — So werden wir über das Böse und das Laster siegen — o, zu ihnen also, mit ihnen! ......

Das alles dachte ich, ich erinnere mich des Augenblicks in seiner ganzen Klarheit, und niemals habe ich ihn später vergessen können; das war der hinreissendste Moment meines ganzen Lebens.

Mit dieser Erzählung „Arme Leute“, sagt N. Strachow, „hat Dostojewsky einen neuen Ton in die russische Litteratur gebracht. Die Situation und die Figur des armen Helden, welche eine gewisse Ähnlichkeit mit der Hauptfigur aus Gogols „Mantel“ hat, weist Züge rührender Schönheit und Herzenseinfalt auf, während Gogol nur das Factum, das Erniedrigende und Lächerliche desselben darstellt“. Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein diesen grossen Schritt gethan und diesen echt russischen Zug von Teilnahme und Liebe zu den Unbegabten und Erniedrigten in die Litteratur gebracht hat, beweist die Stelle, wo Makar Djewuschkin (der Held), dem das geliebte Mädchen Bücher leiht und einmal Gogols „Mantel“ zu lesen anrät, diese Erzählung als ein böswilliges Pasquill auf alle Armen aufnimmt, „die man ja jetzt auf der Strasse erkennen kann“, und sich in seiner Verzweiflung zum ersten Male im Leben — einen Rausch antrinkt. Es ist dies Dostojewskys schärfste Kritik Gogols, den er im übrigen unendlich bewundert und den er sich infolge ähnlicher Anlage zum Humor eine Zeit lang äusserlich zum Muster nimmt. — Wir mussten länger bei dieser Erzählung verweilen, weil sie eigentlich schon das „Leitmotiv“ der litterarischen Thätigkeit von Dostojewskys ganzem Leben anstimmt. Im Gegensatze zu anderen Dichtern, welche in ihren Erstlingswerken höchst unoriginal sind und erst später zu sich selbst kommen, setzt Dostojewsky kräftig und zielbewusst mit dem Ton an, der durch alle seine Werke geht, den er in der Seele hört, und um deswillen allein er schreibt. Seine Biographen und Arbeitsgenossen nennen vier Anlässe oder Anläufe des Dichters, welche seine vier, nach ihrer Grundidee bedeutendsten Werke hervorgerufen haben, gleichsam grosse Etappen auf seiner Dichterlaufbahn. N. N. Strachow, des Dichters Freund und Mitarbeiter, sagt in seinem Nachruf: „In seiner litterarischen Thätigkeit hat Dostojewsky eine Lebenskraft und Energie gezeigt, wie kein Zweiter. Er hatte Perioden der Erschlaffung, gleichsam des Verfalles — dann aber hat er sich immer wieder höher aufgeschwungen als je zuvor und sich immer wieder von einer neuen Seite gezeigt. Man kann vier solche neue Krafterhöhungen bei ihm nachweisen: 1. „Arme Leute“, 2. „Das Totenhaus“, 3. „Schuld und Sühne“ und endlich 4. „Das Tagebuch eines Schriftstellers“.

Uns scheint diese Einteilung eine ziemlich äusserliche zu sein. Die vier Grundideen, welche sich in diesen vier Werken äussern, sind durchaus einheitlich und nur verschiedene Äusserungen des in „Arme Leute“ angeschlagenen Themas. Hat man aber dieses Grundthema herausempfunden, so wird man, nämlich seiner Wirkung nach aussen nach, finden, dass zwei andere Werke es noch kräftiger, eindringlicher, zwingender durchführen. Diese Werke sind: „Der Idiot“ und „Die Brüder Karamasow“. Wir werden bei der Besprechung jedes einzelnen eingehender darauf zurückkommen. Gleichwohl wird der aufmerksame Leser von Dostojewskys Werken in Bezug auf seine litterarische Entwickelung zwei Epochen seiner schriftstellerischen Thätigkeit unterscheiden. Die erste Phase, welche gleich nach dem herrlich sicheren Ansetzen des Lebensthemas in „Arme Leute“ beginnt, hat etwas Tastendes, sowohl was die Wahl der Stoffe, als was die Wahl der Form anlangt. Unmittelbar nach dem Erfolge der „Armen Leute“, die indessen noch nicht im Druck erschienen waren, da Njekrássow die Sammlung, in welcher der Roman untergebracht werden sollte, erst 1846 herauszugeben dachte — also im Jahre 1845 macht sich Dostojewsky daran, den „Doppelgänger“, den er schon lange mit sich herumgetragen und von dem er sich anfangs viel versprochen hatte, auf Papier zu bringen. Durch das Auf und Ab seiner eigenen Verhältnisse gequält, schreibt er, wahrscheinlich nach seinem Besuch in Reval, an seinen Bruder:

.... „Wie traurig war es mir zu Mute, als ich nach Petersburg hineinfuhr ...... Wenn mein Leben in diesem Augenblicke abgerissen wäre, so wäre ich, scheint mir, mit Freuden gestorben .... Mein Diener hat sich zu Hause nicht gezeigt, der Hausmeister gab mir den verwaisten Schlüssel meines 600 Rubel-Quartiers, dessen Zins ich schuldig bin ... Gregorowitsch und Njekrássow sind nicht in Petersburg .... Sie werden kaum bis zum 15. September da sein ... Wie schade, dass man arbeiten muss, um zu leben. Meine Arbeit verträgt keinen Zwang ... Ich bin jetzt selbst der wahrhaftige Goljadkin, mit dem ich mich übrigens gleich morgen beschäftigen werde. Goljadkin, der abscheuliche Schuft, will durchaus nicht vorwärts, will durchaus vor der Hälfte November seine Carriere nicht vollenden“ ....

Am 16. November 1845 schreibt Dostojewsky: „Überall unglaubliche Ehrerbietung, überall eine schreckliche Neugierde in Bezug auf mich: Fürst Odojewsky bittet mich, ihn mit meinem Besuch zu beglücken, und Graf Sologub reisst sich in Verzweiflung die Haare aus; Panajew hat ihm gesagt, dass ein Talent da ist, welches sie alle in den Staub tritt“. Weiter schreibt er: „Dieser Tage war ich ohne einen Groschen; Njekrássow hat indessen „Zuboskala“, einen prächtigen humoristischen Almanach, ins Leben gerufen, dessen Vorrede ich geschrieben habe. Diese Vorrede hat Lärm gemacht ... Dieser Tage, als ich kein Geld hatte, ging ich zu Njekrássow, und als ich so bei ihm sass, kam mir die Idee eines Romans in neun Briefen. Nach Hause gekommen, schrieb ich diesen Roman in einer Nacht; er wird in der ersten Nummer der Zuboskala gedruckt werden. Du wirst schon selbst sehen, ob dies schlechter ist, als Gogol“. Weiter schreibt er: „Ich denke, ich werde Geld bekommen; Goljadkin wird vortrefflich — er wird mein chef d’oeuvre sein“. Als Nachschrift heisst es: „Belinsky schützt mich vor den Unternehmern“. Eine zweite Nachschrift lautet: „Ich habe meinen Brief überlesen und finde mich erstens ungrammatikalisch und zweitens einen Prahler“. Eine letzte Nachschrift sagt: „Die Minnuschkas, Claruschkas und Mariannen etc. sind unglaublich schöner geworden, kosten aber schrecklich viel Geld. Neulich waren Turgenjew und Belinsky da und haben mich über mein unordentliches Leben ausgescholten“. In einem Briefe vom 1. Februar 1846 teilt Dostojewsky seinem Bruder mit, dass er endlich am 28. des vorhergegangenen Monates „seinen Schuft Goljadkin“ vollendet habe. Dann weiter: „Für Goljadkin habe ich rund 600 Silberrubel bekommen; ausserdem erhielt ich noch einen Haufen Geld, so dass ich nach meinem Abschied von Dir schon 3000 ausgegeben habe. Ich lebe eben sehr unordentlich und das ist die ganze Geschichte. Ich bin ausgezogen und habe zwei sehr schön möblierte Zimmer bei Vermietern genommen. Ich lebe sehr gut“. (Folgt die Adresse, zufällig dasselbe Haus, in dem er starb.) Zum Schluss schreibt er: „Ich bin nervenkrank und fürchte ein Nervenfieber; regelmässig leben kann ich nicht, so sehr bin ich unordentlich“.

Zwei Monate später, am 1. April, schreibt er:

„In meinem Leben giebt es jeden Tag soviel Neues, so vieles, das für mich gut und angenehm ist, soviel Unangenehmes und Widerwärtiges auch, dass ich selbst nicht Zeit habe, darüber nachzudenken. Erstens bin ich sehr beschäftigt, Ideen eine Unzahl, und schreibe unaufhörlich. Denke nicht, ich sei auf Rosen gebettet, Unsinn. Erstens habe ich gerade 4500 Rubel verbraucht seit der Zeit, da wir uns trennten, und habe um 4000 Papierrubel von meiner Ware voraus verkauft; ... aber das ist nichts, mein Ruhm hat seinen Höhepunkt erreicht. Innerhalb zweier Monate wurde 35 mal in verschiedenen Werken von mir gesprochen ... aber was widrig und quälend ist, ist das: die Meinen, die Unsern, alle sind mit meinem Goljadkin unzufrieden. Der erste Eindruck war massloses Entzücken, Reden, Lärm, Auseinandersetzungen, dann Kritik: Alle, das heisst die Unsern und das ganze Publikum, haben gefunden, dass Goljadkin so langweilig und fade, so in die Länge gezogen ist, dass es unmöglich ist, ihn zu lesen.“ Weiter sagt er zu seinem eigenen Troste: „Alle sind zornig über diese Längen, und alle lesen es doch über Hals und Kopf und lesen es wieder über Hals und Kopf.“ Noch weiter sagt er: „Ich habe ein schreckliches Laster: eine unbegrenzte Eigenliebe und Ehrliebe ... mir ist jetzt Goljadkin widerwärtig; vieles darin ist in Hast und Ermüdung geschrieben. Die erste Hälfte ist besser als die letzte; auf glänzend geschriebene Seiten folgt ein abscheulicher Schund, dass es einem die Seele umdreht und man nicht weiter lesen will. Das ist es, was mir in der ersten Zeit zur Hölle wurde, und ich bin aus Kummer krank geworden.“

Man sieht aus diesen überschwänglichen Mitteilungen, wie sehr der erste Erfolg dem 24jährigen Dichter zu Kopf gestiegen war und seine Selbstkritik geschädigt hatte, da er den Roman in neun Briefen „eine Perle, nicht schlechter als Gogol“ und den Doppelgänger sein chef d’oeuvre nennt. Bald jedoch, und das wieder von aussen angestossen, fällt sein Selbstbewusstsein, da „Alle, alle, die Unsern, sowie das Publikum über den Doppelgänger losziehen.“

Es ist für den Dichter eben jetzt erst die Zeit der Nachahmung und des Suchens nach seinem Stil angebrochen, ein Herumtasten, das ihn einerseits auf die Wege Gogols und der Humoristen führte, denen er seiner Anlage nach sehr nahe stand, andererseits den Spuren Balzacs und George Sands nachgehen hiess, wozu ihn der überwuchernde Reichtum seiner ethischen Phantasie und namentlich die Lust an Scenen- und Situationenwechsel verführen mochte. Dieser Periode des Tastens entsprangen ausser dem Doppelgänger und dem Roman in neun Briefen sehr bemerkenswerte kleinere und grössere Erzählungen, auf die wir an ihrer Stelle im einzelnen zurückkommen werden. Ihre Hauptmerkmale sind: Eine unwiderstehliche Situationskomik, wie in der „Frau des Andern“, „Eine heikle Geschichte“, ferner ein kräftig satirischer Zug, wie in „Das Krokodil“, und eine unendliche Zartheit und ehrfürchtige Jugendlichkeit in der Zeichnung weiblicher Gestalten, wie in „Njetotschka Njezwanowa“ und „Helle Nächte“. Es ist sehr zu bedauern, dass es keine Gesamtausgabe von Dostojewskys Schöpfungen in deutscher Sprache giebt, welche sie in der Reihenfolge ihrer Entstehung und damit ein übersichtliches Bild der inneren und äusseren Entwickelung des Dichters brächte. Es würden daraus dem eindringenden Leser die zwei Phasen vor und nach Sibirien sofort erkennbar werden; es würde daraus erhellen, wie der Dichter allmählich sich wieder findet, auf die glänzendste Komik und die reichste Ausgestaltung der Fabel sehr oft, nicht nur aus Hast und Geldmangel, oder weil ihm der Humor ausgegangen wäre, verzichtet, und immer kräftiger, unentwegter auf das Ziel seiner Lebensaufgabe lossteuert, bis er zuletzt zum „Tagebuch eines Schriftstellers“ gelangt, das ihm ermöglicht, ganz subjektiv, ohne Umschweife und künstlerische Umwege, rein publizistisch „die Wahrheit“ zu verkünden. — „Denn“, sagt er immer wieder, „ein Journal ist eine grosse Sache“.

Wir haben diese Abschweifung für notwendig erachtet, weil mit dem Hinweis auf die einheitliche Grundidee seines ganzen Lebenswerkes, die sich so mächtig in seinen Arbeiten vor uns auslegt, ein Punkt gewonnen ist, von wo aus wir sowohl sein Leben, als seine Thätigkeit und sein Streben bis ans Ende klar überblicken können.

„Der Doppelgänger“ schildert den Zustand eines im Grunde mittelmässigen Menschen, welcher aus dem Unvermögen heraus, das wirklich darzustellen, zu thun, zu fordern, zu sein, was er darstellen, thun, sein und fordern will, wahnsinnig wird. Anfangs zwingt er sich zu allen jenen mutigen Lebensäusserungen, die seinem eigentlichen Wesen fehlen, da er sie aber an unrechtem Ort, zu unrechter Zeit und in unziemlicher Weise verübt, so ist Spott und Verachtung und niedrigste Entehrung sein Lohn, so dass er, nun in Wahnvorstellungen versunken, jenes andere Ich, das, er sein möchte, als Hallucination fortwährend an seiner Seite sieht, bis am Schluss sein Wahnsinn offenkundig und er in ein Irrenhaus gebracht wird. Nun wäre dieser Vorgang an sich verständlich und mit der feinen Dostojewskyschen Motivierung ergreifend, deutlich, wenn der Dichter hier nicht eine Gewaltsamkeit verübt hätte, welche die Einheit des Werkes und dadurch dessen Klarheit zerstört. Er stellt nämlich da, wo es zum Ausbruch der Katastrophe kommt, einen wirklichen, allen anderen sichtbaren Doppelgänger und zugleich Namensvetter des Herrn Goljadkin mitten in seine Karriere hinein, an Goljadkins Arbeitspult, unter Goljadkins Kollegen und Vorgesetzte und lässt in Wirklichkeit den Narren durch seinen klugen, streberhaften Doppelgänger verdrängen. Es ist, als ob der Dichter kein anderes Mittel gefunden hätte, um uns zu zeigen, dass oft kluge Routine allein sich an die Stelle dessen setzt, dessen Kraft nicht ausreicht, um in der Erscheinung ein Charakter zu werden. Man wüsste sonst nicht, warum dieser gewaltsam hingesetzte deus ex machina auftaucht, dessen es nicht bedurft hätte, um die Tragödie eines isolierten Charakters, wie ein geistvoller Essayist den Doppelgänger nennt, darzustellen.

In mehreren Briefen Dostojewskys finden wir Andeutungen darüber, dass das Buch ein „Bekenntnis“ und ein specifisch russisches Bekenntnis ist, dass es einem Grundfehler des „russischen Menschen“ an den Leib geht und dass es auch den Finger auf die Stelle legt, wo geistige Zerrüttung beginnt, die im Wahnsinn endet.

Der „Roman in neun Briefen“ entstand, wie wir gesehen haben, ebenfalls in der ersten Epoche von Dostojewskys schriftstellerischer Thätigkeit und, wie wir ja aus seinem Briefe an den Bruder sehen, in einer Nacht. Er ist nichts weiter, als eine psychologische Spielerei, in welcher der Dichter mit Meisterschaft die ebenbürtige, wenn auch sehr verschieden nuancierte Niederträchtigkeit von fünf Personen in knappster Weise in neun Briefen heraus arbeitet.

Im Dezember 1845 kommt der Dichter in einem Brief an den Bruder noch einmal auf den unglücklichen Goljadkin zurück und erzählt, Belinsky habe eigens einen Leseabend veranstaltet, zu welchem auch Turgenjew eingeladen gewesen sei, damit er einige Kapitel dieser Erzählung höre. Allein Turgenjew entfernte sich sehr bald nach Beginn der Vorlesung, äusserte sich sehr lobend, war aber sehr eilig fortzukommen. Drei oder vier Kapitel hätten Belinsky sehr gefallen, „obwohl sie es nicht wert waren“, wie Dostojewsky sich ausdrückt, worauf er sagt, dass diese Erzählung, der eine der ernstesten Ideen zu Grunde liege, welche der Dichter bis heute in die Litteratur eingeführt habe, dennoch misslungen sei. Er hat sie nach 15 Jahren einer gründlichen Umarbeitung unterzogen, sie aber dann noch als eine „völlig misslungene Sache“ bezeichnet. —

Des Dichters äussere Verhältnisse zeigen in dieser Zeit immer dasselbe Bild grösster Veränderlichkeit und Unordnung, dem immer auch ein Wechsel in der Stimmung entspricht. Eines aber ist bleibend: sein grosses Selbstgefühl. So sagt er in einem Briefe vom 1. April 1845: „Ein ganzer Schwarm neuer Schriftsteller ist aufgetaucht“. Die bedeutendsten darunter scheinen ihm Gontscharow und Herzen zu sein. „Man lobt sie ausserordentlich“, fährt er fort „der Vorrang aber bleibt vorläufig noch mir und wird wohl immer mir bleiben“.

Allerlei Pläne schwirren in seinem Kopfe herum. Er beginnt für Belinskys „Vaterländische Annalen“ zwei kleine Geschichten: „Der rasierte Backenbart“ und „Die zerstörten Kanzleien“. — Diese letztere dürfte wohl die unter dem Namen „Herr Prohartschin“ später erschienene Geschichte sein. „Beide“, sagt er, „haben ein erschütterndes, tragisches Interesse und sind — dafür stehe ich Dir gut — schneidig bis aufs äusserste“. Auch eine gemeinsame Übersetzung von Goethes Reineke Fuchs schlägt er dem Bruder vor.

Nach einem zweiten Besuch in Reval kündigt er dem Bruder an, dass er abermals ausziehen werde, zwei kleine, möblierte Zimmer in Aftermiete genommen habe, wohin er indes, wie wir später sehen werden, gar nicht übersiedelt. Er erzählt ferner, dass im „Zeitgenossen“, einer von Njekrássow redigierten Zeitschrift, Gogols geistiges Vermächtnis erscheine, worin dieser sich von allen seinen Werken lossage. „Also,“ fügt er hinzu, „ziehe selbst den Schluss daraus.“ — Dass man seinen Prohartschin in der Zeitschrift Njekrássows zu besprechen beginne, teilt er auch mit und schliesst abermals mit einem Ausbruch von Trauer und Melancholie, „wo es am besten sei zu schweigen“. Es ist diese Stimmung nämlich die Folge eines rivalisierenden Geplänkels der Redakteure, denen er sich abwechselnd verdingen muss, um schnell zu Geld zu kommen. Namentlich scheint Njekrássow immer in sehr kaufmännischer Weise alle Transaktionen geleitet zu haben. Ein bedeutendes Aufschnellen von Dostojewskys Stimmung tritt jedoch wieder ein, als der junge Dichter einen Kreis von Freunden findet, die festigend und ordnend in sein äusseres Leben eingreifen. Es sind die Brüder Beketow, vor allem aber S. D. Janowsky, mit dem er noch nach vielen Jahren in Korrespondenz stehen sollte. Nun schreibt er an den Bruder voll Vertrauen und Hoffnung, sich unabhängig zu machen, und voll Durst nach heiliger Kunst, nach einer reinen, heiligen Arbeit, mit der ganzen Aufrichtigkeit eines Herzens, „das noch nie in ihm so heftig erbebt habe, wie jetzt, da so viele neue Bilder in seiner Seele erstehen. Bruder,“ sagt er, „ich bin in einer Wiedergeburt begriffen, nicht nur geistig, sondern auch physisch; noch niemals habe ich eine solche Fülle und Klarheit in mir getragen, so viel Gleichmässigkeit des Charakters, so viel physische Gesundheit empfunden. Darin bin ich meinen teueren Freunden Beketow und — anderen tief verpflichtet, mit denen ich lebe. Das sind thätige, gescheite Menschen, Menschen, die ein vortreffliches Herz, Seelenadel, Charakter haben ... sie haben mich durch ihre Genossenschaft gesund gemacht. Zuletzt habe ich ihnen vorgeschlagen, dass wir miteinander wohnen sollten; wir haben eine grosse Wohnung aufgenommen, und die Gesamtauslagen für die Erhaltung jedes einzelnen übersteigen nicht 1200 Rubel jährlich. So gross ist die Wohlthat der Association.“

Dieser Schluss dürfte, wie Orest Miller richtig bemerkt, wohl schon im Zusammenhang mit Dostojewskys neuester Beschäftigung stehen, mit dem Sozialismus:

Ein tiefer gehendes Merkmal dieser Beschäftigung mit dem Sozialismus ist wohl der Umstand, dass sich der Dichter nachträglich in seiner eigenen Beurteilung der „Armen Leute“ von der rationalistischen Anschauung Belinskys beeinflussen lässt, welcher die positiven Schönheiten dieses Buches durchaus nicht in den weichen Schatten sieht, welche „Armut im Geiste“ über die Gestalt des Helden breitet, sondern ganz einfach in gewissen, schärfer hervortretenden, gleichsam das Mitleiden escomptierenden Zügen dieser missbrauchten, zertretenen Figur. Dostojewsky selbst schliesst sich, vermöge der seinen Geist jetzt beschäftigenden Ideen von Kollektivismus und Association, dieser flacheren Betrachtung an, und wir werden später sehen, wie er sich, seinem innersten Wesen nach, wieder davon lossagt.

Über des Dichters Leben in den Jahren 1846 und 47 geben uns sowohl die Berichte N. Strachows, Dr. Granowskys und anderer Freunde, als auch seine stets die Stimmung des Augenblicks malenden Briefe an den Bruder ein ziemlich klares Bild. Obwohl er noch immer im Verein mit den Freunden lebt, „angenehm und ökonomisch,“ wie er sagt, leidet seine nervöse Konstitution doch schwer unter den doppelten Qualen eines schöpferischen Dranges, die Probleme, die ihn förmlich bestürmen, auszulösen, sie mit allerfeinster analytischer Genauigkeit herauszuarbeiten, und der misstrauischen Ängstlichkeit, mit welcher er auf den Eindruck lauert, den seine Arbeiten hervorrufen; wobei seine Eigenliebe bald den Gipfel des entzückten Triumphes und der Selbstüberschätzung erklimmt, bald abgrundtief in Kränkung und melancholischen Unwillen versinkt. Zudem plagt ihn das Ungeordnete, das dem Schriftsteller-Handwerk durch die Zahlungs-Verhältnisse zwischen Dichter, Redakteur und Verleger an und für sich anhaftet, doppelt. Dennoch finden wir nicht einen Augenblick wirklicher Mutlosigkeit oder eines Nachlasses in der Arbeit, und wir sehen von hier an, wo sich sein schriftstellerischer Beruf ihm und aller Welt schon klar gezeigt hat, eine immer gesteigerte Arbeitskraft, die alle Widerwärtigkeiten, die schwere, sich entwickelnde Epilepsie und die daraus entstehende Gedächtnisschwäche überwindet und geradezu verblüffende Leistungen schafft. Im Dezember 1846 teilt er dem Bruder mit, dass er ganz in Arbeit versunken ist. Er schreibt Tag und Nacht, erholt sich nur hie und da, wie er gleichsam als Entschuldigung zufügt, an der italienischen Oper. Er schreibt an der Erzählung „Njetotschka Njezwánowa“ — „auch eine Beichte“, sagt er, „wie Goljadkin, wenn auch in einem andern Tone. Mir scheint immer“, fährt er fort, „als führte ich einen Prozess gegen unsere gesamte Litteratur; und mit den drei Teilen meines Romans, die in den Vaterländischen Annalen erscheinen werden, stelle ich auch für dieses Jahr meinen Vorrang gegenüber meinen Neidern fest.“ Anfangs 1847 drückt er dem Bruder sein Bedauern darüber aus, dass dieser „ohne Umgebung“ lebe. Wir haben oben gesehen, wie sehr ihm die Deutschen der Ostseeprovinzen missfielen. Doch tröstet er ihn mit Worten, welche gleichfalls die neue, seinem ursprünglichen Wesen widersprechende Richtung kennzeichnen. Weiter berichtet er in überschwenglichen Ausdrücken über seine „Wirtin“, die er eben schreibt, gerade so selbstzufrieden, als mit dem Roman in neun Briefen. „Diese Erzählung wird besser, als die „Armen Leute“, sie ist in derselben Art“, meint er. „Meine Feder treibt eine Quelle der Inspiration, nicht so wie bei Prohartschin, an dem ich mich einen ganzen Sommer lang herumquälte.“

„Herr Prohartschin“ ist eine jener Erzählungen aus der Zeit einer, wie wir oben gesagt, tastenden Nachahmung. Eine lächerliche, armselige Gestalt unter anderen armseligen und ungebildeten Menschen, bei einer armen Witwe „in Kost und Wohnung“ und von den anderen durch allerlei abgekartete Mystifikationen in die Flucht und dadurch in Krankheit und Tod geschreckt; dies wird namentlich durch die Angst Prohartschins gefördert, dass man sein durch zwanzig Jahre zusammengeknausertes Kapital von kleinen Münzen nicht in der schmutzigen Matratze vermute, die er in allen Mussestunden mit seinem Leibe deckt.

Die Aufhäufung menschlicher Schwächen und Lächerlichkeiten im Raum eines Druckbogens, dabei ein absichtliches Fernhalten aller jener Züge im Helden, welche Teilnahme erwecken müssten, also ein forcierter, bis ins Groteske gehender Humorismus mit Anklängen an Gogol und Dickens, und Stellen feiner Detailschilderung, die jener würdig wären, kennzeichnen diese Erzählung, an welcher sich der Dichter „einen Sommer lang herumquälte“.

„Die Wirtin“ wurde von Belinsky, wie wir später erfahren, sehr abfällig kritisiert. Es scheint uns diese Ablehnung gerade von Belinskys Seite erklärlich genug. Vor allem konnte dem scharfen Progressisten und Vertreter der sozialen Richtung in diesen Tagen der Bewegung ein Buch ohne Tendenz oder eine tendenziös auszunutzende Pointe nicht genügen. Andererseits war sein Geschmack zu fein, um jene Unebenheiten, jene Ungleichheiten im Ton derselben, sowie den jugendlich unrealen Romantismus, der im Hauptteil der Erzählung zu Tage tritt, nicht zu empfinden. Er hätte diese Mängel allenfalls milder beurteilen können, wenn sich dahinter eine zeitgemässe Forderung oder Anspielung verborgen hätte. Wie dem auch sei — wir sind trotz jener Fehler von diesem Jugendwerke hingerissen und erschüttert.

Die Gestalt des Alten, des eigentlichen Helden der Erzählung, wirkt auf den Leser mit derselben abstossenden Anziehung, wie sie nach der Schilderung Katharinas auf alle, die in seine Nähe kommen, wirkt. Wir begreifen seinen mystisch-verbrecherischen Sieg über das „schwache Herz“, das sich an seiner Seite vergeblich nach junger Liebe, jungem Leben sehnt, das sich losmachen möchte und ihm doch immer wieder anheimfällt. Ein Grauen durchbebt uns bei dem nächtlichen Bekenntnis Katjas, das in der geheimnisvoll-süssen Sprache der Primitiven mehr verschweigt als enthüllt, und die Schilderung der Brandnacht, jene der Flucht auf der Wolga mit dem Boot, das im Sturme „nicht dreie tragen kann“, hüllen uns, eine ossianische Ballade, in alle Schauer altnordischer Poesie. Die Herrlichkeit dieser Sprache, die Anschaulichkeit dieser Bilder, die ganz rein dichterisch wirken — das hat sich bei Dostojewsky nie mehr in dieser Art wiederholt. Was Belinsky darin gefehlt haben mochte, war wohl jene reife, frühreife Menschenkenntnis, die er in den „Armen Leuten“ so sehr bewundert hatte. Ihn mochte der Taumel des 26jährigen, „von einer Quelle der Inspiration getriebenen“ Dichters enttäuschen, dem Himmel und Hölle aus diesen zwei Menschenangesichtern entgegenschlugen. Auch konnte er unmöglich darüber hinwegsehen, dass Ordynow, der nominelle Held der Liebesgeschichte, nichts anderes ist, als ein Deus ex machina, eine Entladungsstelle für die elektrischen Pole Muryn und Katharina. Ordynow ist kein Mensch mit Fleisch und Knochen, sondern ein Bündel Nerven, an dem die Geschichte ausgeht. Auch könnte ein realistischer Kritiker durch die meisterhafte Zeichnung der Nebenfigur Jaroslaw Ilitsch, in welcher sich Dostojewskys ganze realistische Kraft mehr verrät als zeigt, nicht über das Schattenhafte alles übrigen ausgesöhnt werden. Wir aber finden in diesem Romantismus Stellen einer tiefen Seelenahnung auch vom Wesen der Frau — an welches der Dichter in der ersten Periode seines Schaffens überhaupt mit ehrfürchtiger Scheu herantritt. Am Schlusse der Erzählung spricht der Dichter durch den Mund Ordynows an folgender Stelle seinen Hauptgedanken aus:

„Es schien ihm (Ordynow), dass Katharinens Geist nicht gestört war, dass aber Muryn in seiner Weise Recht hatte, als er sie ein schwaches Herz nannte. Es schien ihm, dass ein Geheimnis sie mit dem Alten verbinde, dass aber Katharina, ohne ihre Schuld zu erkennen, so rein wie eine junge Taube, in seine Macht gekommen war. Wer waren sie? Er wusste es nicht; allein ihm träumte unaufhörlich von der tiefen, unentrinnbaren Tyrannei über ein armes, schutzloses Wesen. Und sein Herz wurde unruhig und pochte in ohnmächtiger Entrüstung in seiner Brust. Es schien ihm, dass man vor die erschreckten Augen der plötzlich erwachenden Seele hinterlistig ihren Fall hingestellt, in listiger Weise ihr armes, schwaches Herz gequält, Wahres und Falsches vor ihr vermengt hatte, da, wo es nötig schien, ihre Blindheit absichtlich unterhielt, in schlauer Weise den unerfahrenen Neigungen ihres aufstürmenden, beunruhigten Herzens schmeichelte; dass man nach und nach die Flügel ihrer fessellosen, freien Seele stutzte, so dass sie zuletzt nicht mehr fähig war, sich aufzurichten, noch ihren freien Schwung zu nehmen in das Leben der Wirklichkeit.“

Vielen Lesern dieser Erzählung hat sie unklar und unvollendet geschienen. Dies muss auch bei jenem französischen Übersetzer der Fall gewesen sein, welcher den Mut hatte, sie mit der 17 Jahre später geschriebenen Erzählung „Memoiren aus einem Souterrain“[3] (deutsch: Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt) zusammenzuschweissen und unter dem Titel „l’Esprit souterrain“ zu veröffentlichen. Derselbe französische Übersetzer hat es auch gewagt, die „Brüder Karamazow“ einer Verstümmelung zu unterziehen, indem er den Roman beim zweiten Buche beginnen lässt. Traduttori traditori!

Die „Wirtin“ wurde also von Belinsky sehr übel behandelt, was den Dichter tief kränkte, obwohl er sich gar nicht schriftlich darüber geäussert hat. Seine nächsten Mitteilungen an den Bruder sind wieder Berichte über angestrengte Thätigkeit, bestellte Arbeit, die man mit Vorschüssen sichert, „kurz eine Hölle“. Hier muss erwähnt werden, was er in allen seinen Briefen während der ganzen Dauer seiner Laufbahn immer wieder betont: „Auf Bestellung arbeiten werde ich niemals; ich habe es mir zugeschworen. Von solcher Arbeit würde ich zu Grunde gehen!“ — Der einzige Weg, den er einschlug, um durch seine Arbeit zu Gelde zu kommen, war der, dass er von den vielen Plänen und fertigen Entwürfen, die er immer mit sich herumtrug, einen oder den anderen den bekannten Redakteuren vorschlug und einen Termin angab, bis zu welchem er die Arbeit vollenden könnte. Meistens wusste er von vornherein fast ganz genau, wieviele Druckbogen sie ausmachen würde, und überschritt selten das selbst gestellte Mass. Um diese Zeit gestaltet sich Dostojewskys äusseres Leben sehr bewegt. Nach der einen Seite findet er im Hause des Malers Maikow, eines Bruders des bekannten Dichters dieses Namens, Anregung und Förderung durch den Verkehr mit Schriftstellern und bedeutenden Menschen, worunter Gontscharow, Dudyschkin, A. Maikow und andere. Er hat Gelegenheit, dort die Werke Gogols und Turgeniews bis in das kleinste Detail der Charakteristik analysierend zu besprechen, auch seinen Prohartschin herauszuarbeiten, welcher „den meisten Lesern unverständlich“ war, findet aber auch im Ehepaar Maikow thatkräftige Freunde, welche ihm bei seinen Geldkalamitäten hilfreich beispringen.

Nach der andern Seite tritt er in den Verkehr mit einem Kreis junger Leute, welche den neuen Ideen huldigen. Ein Brief aus dieser Epoche vom 9. September 1847 spricht nur eine energische Zustimmung zu des Bruders Absicht aus, seinen Abschied zu nehmen. Er rät ihm, gemeinsam eine Gesamtausgabe von Schillers Dramen, die er ja übersetzt habe, zu veranstalten, und schliesst mit den Worten: „Warte nur, Bruder, wir werden schon hinauf kommen; es ist unmöglich, dass wir beide uns nicht durchschlagen.“ Am Rande schreibt er: „Siehst Du, was Association bedeutet? Arbeiten wir getrennt, so gehen wir unter, zusammen aber gehen wir einem grossen Ziele entgegen — das ist etwas ganz anderes!“

Hier haben es die Herausgeber für angebracht befunden, eine Lücke von nahezu zwei Jahren in die Korrespondenz zu reissen, welche allerdings nicht sehr ausgiebig und nicht sehr expansiv gewesen sein dürfte. Die „neuen Ideen“ Sozialismus, Fourierismus hatten den Feuerkopf ergriffen. Er schloss sich um diese Zeit jenem Kreise sehr nahe an, in welchem über die künftigen Umgestaltungen Russlands, über eine Änderung der Staatsverfassung lebhaft debattiert wurde. Dies war aber zu einer Zeit, da es geradezu gefährlich sein mochte, sich eine Ansicht über den Umschlag des Wetters, eine Prognose zu erlauben. Sprach man schon im Kreise von Freunden und Gesinnungsgenossen, so hütete man sich wohl, die Worte, die gefallen waren, nach aussen auszusprechen oder aufzuschreiben; so kann es wohl sein, dass nicht viele Briefe Dostojewskys an seinen Bruder in Gang kamen. Theodor Michailowitsch war an und für sich nicht mitteilsam; wo er sich mitteilte, geschah es zumeist in nervöser, durch Gegensatz und Widerspruch oder durch eine aufgestachelte Lust am Paradoxen hervorgerufene Kampfstimmung.

Indessen sind aus dieser Zeit noch einige Briefe im Besitze der Rechtsnachfolger, welche sich noch heute in der schwierigen Lage befinden, den Dichter lavierend nach beiden Seiten hin schützen und immer fürchten zu müssen, ihn nach rechts oder nach links zu kompromittieren. Es wäre zu untersuchen, ob nicht ein kühnes Durchbrechen dieser Schwierigkeiten durch offene Darlegung des Sachverhalts, Veröffentlichung auch der „gravierendsten“ Briefe, mit einem Schlage die Luft um seine Erscheinung von allen Miasmen der Missgunst, des stillen Grolls und der Verurteilung zu reinigen vermöchte.

III.
Katastrophe.

Der Verkehr mit jenem Kreise junger Politiker, mit neuen Ideen führte Dostojewsky immer tiefer in dieselben ein, und die vielen, wenn auch sicher fruchtlosen, so doch von aufrichtiger Glut für Freiheit, Menschen- und Bürgerrechte beseelten Debatten im Hause des Ministerialbeamten Petraschewsky und dem des Kollegien-Assessors und Litteraten Durow beschleunigten die Katastrophe, welche für 23 Männer verschiedenen Alters und Berufs verhängnisvoll werden sollte. Für Dostojewskys Leben, seine weitere Charakter-Entwickelung, sowie für sein künstlerisches Lebenswerk sollte diese Katastrophe von den entscheidendsten Folgen sein.

In einem, wie O. Miller sagt, leider spurlos verschwundenen Artikel: „Meine erste Bekanntschaft mit Belinsky“, nennt der Dichter diese Epoche seines Lebens „eine schwere, schicksalsvolle Zeit.“ Es muss angenommen werden, dass er von Belinsky in die Lehre vom Sozialismus eingeführt worden sei, die er sich, wie er sich selbst ausdrückt, „leidenschaftlich zu eigen gemacht hat“, obwohl ihm Belinsky von vornherein das Axiom entgegenschleudert: „die Revolution hat vor allem das Christentum zu vernichten, denn sie ist vor allem auf den Atheismus gegründet“. Dostojewsky scheint sich der bestrickenden Persönlichkeit Belinskys doch so weit hingegeben zu haben, dass er den Bestrebungen jenes Kreises nahe trat; allein wir finden noch 22 Jahre später in einem Briefe an N. Strachow, sowie in einem Artikel seines „Dnewnik Pisatela“ (Tagebuch eines Schriftstellers) heftige Ausfälle gegen Belinsky, gleichsam unter dem unverwischten Eindruck der Entrüstung, welche jener Streit für und wider das Christentum im Dichter hervorgerufen hatte. „Dieser Mensch“ — sagt er da — „hat Christum vor mir beschimpft, dabei ist er doch niemals imstande gewesen, sich selbst oder irgend einen von allen Führern der ganzen Welt vergleichend an Christi Seite zu stellen; er vermochte nicht es zu sehen, wie viel kleinliche Eigensucht, Zorn, Ungeduld, Reizbarkeit, Kleinheit, vor allen aber Eigensucht in ihm selbst und in allen anderen vorhanden ist. Als er Christum beschimpfte, sagte er sich niemals: was werden wir denn an seine Stelle setzen? etwa uns, die wir so hässlich sind? — nein, er hat sich auch niemals darauf besonnen, dass er hässlich ist, er war im höchsten Grade mit sich zufrieden“.

Aus alledem können wir uns eine Vorstellung davon machen, wie Dostojewsky sich mit den Lehren der vierziger Jahre beschäftigte, und wie klar doch bei alledem in ihm die Grenze vorgezeichnet war, die er vermöge seiner innersten Wesenheit nicht zu überschreiten vermocht hätte, so dass er sich uns als das darstellt, was wir heute einen christlichen Sozialisten im reinsten Sinne nennen möchten.

Um diese Zeit, oder vielmehr einige Jahre früher, hatten sich aus dem Schosse der Universität heraus mehrere Studentenkreise gebildet, die ein ernsteres Streben vereinigte, als die Lust an Skandal, Mensuren etc. Sie bildeten Lesekreise, legten eine gesonderte Studenten-Bibliothek an, wobei wissenschaftliche Werke des In- und Auslandes, darunter nicht wenige eingeschmuggelte Bücher, erworben wurden. So machten sie sich mit den Werken L. Steins, Jaxthausens, sowie denen Fouriers, Louis Blancs, Proud’hons bekannt. Diese Lesekreise nun benutzt jener ehemalige Student, nunmehrige Angestellte im Ministerium des Äusseren Butaschewitsch-Petraschewsky dazu, um die sogenannte „Gesellschaft der Propaganda“ durch alle möglichen Elemente zu vergrössern. Es sollten die einzelnen Kreise wieder Kreise bilden, nach dem System der „Fünf“ eines, dem bei uns unter dem Namen „Schneeballen“ bekannten, ähnlichen Vorganges. Die Teilnehmer der einzelnen Kreise sollten einander nicht persönlich kennen, jedoch alle mit dem Leiter Petraschewsky in Fühlung sein. In den Notizen, welche Anna G. Dostojewskaja aus den letzten Lebensjahren ihres Gatten aufbewahrt hat, finden wir die Stelle: „die Sozialisten (die russischen nämlich) sind aus den Petraschewzen hervorgegangen; die Petraschewzen haben viele Samen ausgestreut“. „Ebenso glaubten sie“ — diktierte er weiter — „dass das Volk mit ihnen sei und“ — fügt er hinzu — „sie hatten eine Grundlage dafür, denn das Volk war leibeigen.“

Dieser letzte Satz scheint mir der Schlüssel dafür zu sein, warum sich Dostojewsky überhaupt an den Besprechungsabenden des Petraschewskyschen Kreises bei diesem und bei Durow beteiligte. Ihn interessierte von jeher das Volk, er nahm tiefen Anteil an seinem Schicksal und hoffte und wünschte nichts sehnlicher, als die Aufhebung der Leibeigenschaft. Alle seine Reden hatten vornehmlich dies zum Gegenstande, und so erzählt einer der Teilnehmer in einem dieses Thema behandelnden Roman von einem Genossen, dem er Dostojewskys Worte in den Mund legt. Er sagte still und langsam: „die Befreiung der Bauern wird unbedingt der erste Schritt in unsere grosse Zukunft sein“.

Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als einen, „dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe; still, einsilbig, nicht mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen auszusprechen“, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus, wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermöge der Macht seiner Persönlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises, sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise liess man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewähren, zum Teil darum, weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen besessen hätte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig teilnehmen zu können, und das über dem „Vorurteile“ erhaben wäre, welches den Namen eines Angebers brandmarkt. — Endlich fand man einen, diesen „erhabenen Standpunkt“ einnehmenden Menschen in einem Beamten des auswärtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem in keiner nahen persönlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt müsse von oben gemacht werden. „Wenn er aber nicht geschieht?“ warf man ein, — „ja dann meinetwegen mit Gewalt.“ Bei Durow hingegen wurde die Frage einer geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befürwortet, allein von der Versammlung abgelehnt.

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie irrtümlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt und nach dem Hause der „dritten Abteilung“ der geheimen Polizei abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, authentische Daten über diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden keine allzugrossen Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustände andere und andere Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol, welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, längst publiziert und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geöffnet, welche in einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie über den kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven vervollständigt.

Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten des Ministeriums des Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht übergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe von Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines „Verhaltens“ im Gefängnis, seine Befreiung, sein Avancement zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels und seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis nach Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, nachdem er 50 Jahre im Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung überlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer Stelle, hier im Anschluss.

Kopie.
III. Abteilung
von Sr. Majestät des
Kaisers Privatkanzlei. —
Expedition St. Petersburg,
22. April 1849.
No. 675.

Geheim.
Dem Herrn Major der Petersburger
Gendarmerie-Division
Tschudin.

Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren (Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht, den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu bringen.

Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu wachen, dass von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde.

Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse Menge von Papieren und Büchern vorfinden, so dass es nicht möglich sein wird, sie sofort in die dritte Abteilung zu befördern. In diesem Falle sind Sie gehalten, eines wie das andere in eine oder zwei Stuben, je nach dem es nötig ist, niederzulegen, diese Stuben zu versiegeln und Dostojewsky selbst unverweilt in der dritten Abteilung abzuliefern.

Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere und Bücher aussagen sollte, dass einige darunter irgend einer anderen Person gehören, so haben Sie dieser Aussage keine Beachtung zu schenken, sondern auch diese zu versiegeln.

In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste Achtsamkeit und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden.

Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps, General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei und die unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen.

Der General-Adjutant
Graf Orloff.

Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet:

Geheim 148/6.

Hochgeehrter Herr!
Iwan Alexandrowitsch!

Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere hat sich nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache hätte. Es wurde nur gefunden: ein Brief von Belinsky, enthaltend eine Einladung zu einer Gesellschaft bei einer Person, mit der er noch nicht bekannt war, ein Brief aus Moskau von Pleschtschejew, in welchem er von seinem Eindruck bei der Ankunft der kaiserlichen Familie in Moskau spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören. Zwei Bücher unter dem Titel: Le berger de Cravan und La consécration du Dimanche.

16. Mai 1849.

Fürst Alex. Galitzin.

Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission.

„In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre, Euer Excellenz den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher sich unter den bei Dostojewsky gefundenen Papieren befand, zu übermitteln.

17. Mai 1849.

Nabokow.“

Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript, d. h. der III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur der „Vaterländischen Annalen“ übergeben worden war, wo es im Maiheft 1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April) der III. Abteilung, „ohne Unterschrift des Verfassers“. Diese Erzählung, Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden.

Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere ins Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe des Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er nicht im geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, also nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische Schriften, namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener Zeit bei ihm gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der Zettel Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie diese Namen trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden und als wertlos in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei Schriftstücke zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose, Stellen aus dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir auch in Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die Dossiers gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen für uns nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen, es wäre denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte Freunde, die zu Durow kommen, „salut et fraternité“ entboten wird.

Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung mit einem gewissen Humor in einem Blatte, das er 1860 der Tochter seines Freundes, des Schriftstellers A. Miliukow, widmet:

„Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich gegen 4 Uhr morgens von Grigorjew nach Hause, legte mich zu Bette und schlief sofort ein. — Nicht später als nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf hindurch, dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige Leute in meine Stube getreten waren.

Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend etwas gestreift hatte. Was geht da Seltsames vor? Ich öffne mit Mühe die Augen und höre eine weiche, sympathische Stimme: „Stehen Sie auf!“ — Ich schaue: da steht der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders Kommandierter mit hübschem Backenbart. Allein er hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau gekleideter, mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr gesprochen.

„Was ist geschehen?“ frage ich, mich aufrichtend. — „Auf Befehl“ ... — Ich schaue: richtig „auf Befehl“. In der Thüre steht ein Soldat, ebenfalls blau. Sein Säbel war es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha! also das ist’s ... dachte ich bei mir.

„Erlauben Sie mir doch ...“ begann ich — „Macht nichts, macht nichts! kleiden Sie sich an. Wir werden warten,“ sagt der Oberstlieutenant mit noch sympathischerer Stimme. — Während ich mich ankleide, verlangen sie die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen — sie fanden nicht viel, wühlten aber alles durch. Die Bücher und Schriften banden sie ordentlich mit einem Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen und stöberte mit meinem Tschibuk in der kalten Asche herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier stieg auf sein Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf die Erde. Da überzeugten sich die umsichtigen Herren, dass sich nichts auf dem Ofen befand. Auf dem Tische lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der Pristaw betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem Oberstlieutenant zu: „Ist’s am Ende ein falsches?“ fragte ich. „Hm, das muss man doch auch untersuchen,“ murmelte der Pristaw und endigte damit, dass er auch dieses Stück dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten hinaus. Uns begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art stumpfer, dem Ereignis angemessener Feierlichkeit dreinschaute; übrigens einer nichts weniger als feiertägigen Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche, zuerst stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der Oberstlieutenant. Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke beim Sommergarten. Dort gab es viele Leute und ein bewegtes Kommen und Gehen. Es begegneten mir viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam. Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem Range, besorgte den Empfang ...... ununterbrochen kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein ...... Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand mit Bleistift geschrieben: „Agent der aufgedeckten Sache: Antonelli“. — So, also Antonelli ist es — dachten wir. — Man postierte uns in verschiedene Winkel, in der Erwartung der endgiltigen Anordnung, wohin man einen jeden unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), der Untersuchungs-Richter, herein — aber hier unterbreche ich meine Erzählung. Es wäre viel zu erzählen. Aber ich versichere Sie, dass Leonty Wassiljewitsch ein höchst angenehmer Mensch war.“

Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich des Dichters Bruder Andreas erzählen sehr eingehend den weiteren Verlauf der Haft, des Verhörs, der ganzen Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den oben erwähnten 34 Verhafteten wurden jene ausgewählt, welche auch zu Petraschewsky kamen — es waren 23, darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer — die übrigen waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller und Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky war, wie schon oben gesagt, nur irrtümlicherweise verhaftet worden und das anstatt des ältesten Bruders Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus dieser Gesellschaft entliehen hatte, was offenbar unter falschem Vornamen angegeben worden war. Andreas war also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft und ihn erstaunt fragt: „Was machst denn du da, Bruder?“ Allein er konnte nicht antworten, da ein Gendarm sie trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen warum, in Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt und fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl handeln mag.

Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, in was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky stehe, ganz naiv die Gegenfrage stellt: „Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn der zweite?“ bringt seine Unschuld an den Tag, und man hält ihn nur noch zurück, damit er in der Stadt nicht mit Leuten zusammen komme, „die er nicht zu treffen habe“. Es stellt sich heraus, dass man auf den Richtigen gekommen war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den man am 5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei gibt. Eine Stelle aus einem Briefe Theodor Michailowitschs an den Bruder Andreas drückt noch, nach einem Zeitraum von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser das Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. „Ich erinnere mich daran,“ sagt er, „du mein Teurer, erinnere mich, wie wir einander, es war wohl das letzte Mal, im weissen Saale begegneten. Es kostete dich damals nur ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen können, und du wärst sofort, als irrtümlich statt des älteren Bruders festgenommen, frei gelassen worden. Aber du folgtest meinen Vorstellungen und Bitten, du gingst grossmütig in die Thatsache ein, dass der Bruder in sehr engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben erst in den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt habe — du begriffst das alles und bliebst im Gefängnis, um den Bruder Zeit zu lassen, seine Frau vorzubereiten und sie nach Möglichkeit für eine vielleicht lange Zeit seiner Abwesenheit sicherzustellen.[4]

„Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt hast“, fährt Dostojewsky fort, „so konnte ich dich ja auch nicht vergessen und musste ich ja deiner, als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.“

Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt Orest Miller, dass der General Rostowzew Dostojewsky nahe gelegt habe, „alles zu erzählen“. Dieser beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. Da wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: „Ich kann nicht glauben, dass ein Mensch, welcher „Arme Leute“ geschrieben hat, mit diesen lasterhaften Menschen gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich. Sie sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im Namen des Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen, wenn Sie die ganze Sache erzählen.“ Ich schwieg, erzählte Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte General-Lieutenant Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen Rostowzew gewendet lächelnd: „Ich habe es Ihnen ja gesagt“, worauf dieser schrie: „Ich kann Dostojewsky nicht mehr sehen“, in die nächste Stube lief und von da heraus rief: „Ist Dostojewsky schon hinausgegangen? Sagt mir, wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen“. Dies alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein.

Aus den Protokollen in den Archiven der dritten Abteilung entnehmen wir, dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission unter Vorsitz des General-Adjutanten Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung dieser Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 neunzig Sitzungen widmete. Die Kapitalanklage gegen Petraschewsky lautete auf: „Verbrecherische Versuche, die bestehende Staats-Verfassung in Russland zu stürzen, Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften, Verbreitung schädlicher Ideen über die Religion, Erweckung von Hass gegen die Obrigkeit, und endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur Erreichung dieser verbrecherischen Ziele zu gründen“.

Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: „dass er ebenfalls (gleich Durow) an diesen verbrecherischen Plänen teilgenommen, dass er einen Brief Belinskys an Gogol verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und dass er den Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von Schriften gegen die Obrigkeit im Verein mit anderen eine geheime Lithographie herzustellen.“

Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der Arretierung ihm sehr beschwerlich gewesen war, wurde nach seiner acht Monate währenden Untersuchungshaft bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen und schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so dass er endlich, dessen müde, sich selbst einen bedeutend grösseren Anteil bei der Sache vindicierte, als er in der That daran genommen hatte, und so hoffte, dieselben Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken.

Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen lassen wir hier in getreuer Übersetzung des Original-Manuskripts folgen. Oberflächlichen Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt dieser, im August 1898 in der „N. Fr. Presse“ durch uns veröffentlichten Verteidigungsschrift lediglich ein „advokatorisches Meisterstück“. Wer des Dichters Grundnatur und seinen inneren Entwickelungsgang näher kennt, wird dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky „das Zeug zum Verschwörer“ haben mochte, wie man von ihm sagte, und so oft er selbst von einer „Umkehr“ spricht, lag doch der slavisch-mystische Wesenskeim zu tief in seiner Natur, um nicht bei der ersten Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden und endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der Atheismus, welchem er sicher um jene Zeit gehuldigt haben muss, und der sich dreissig Jahre später im herrlichen Kapitel „Der Grossinquisitor“ wiederspiegelt, dieser Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus in Glaubenssachen, wie er das endgiltige Merkmal des echten Revolutionärs ist. Wenn wir hier diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf hinweisen, dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit und berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche Wahrheit enthalten ist, namentlich an jener Stelle, wo Dostojewsky die bekannte Aksakowsche Geschichts-Anschauung entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht, um ihn „rein zu waschen“ oder „päpstlicher als der Papst“ zu sein, sondern um den Wendungen und Windungen dieser höchst komplizierten Natur nachzugehen, die sich oft „zur Wahrheit durchlog“, mit der Wahrheit spielte und der es doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig bewegte Geist nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede lautet wie folgt:

Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der Untersuchungs-Kommission unter dem Vorsitze des General-Adjutanten Nabokow am 20. Juni 1849.

„Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über Petraschewsky und über jene Leute, welche seine Freitags-Abende besuchten, weiss, aussagen soll, das heisst, man verlangt meine Aussage über Fakten und meine persönliche Meinung über diese Fakten.

Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre zusammenhalte, so schliesse ich, dass man von mir eine genaue Antwort auf folgende Punkte fordert:

1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky als Mensch im allgemeinen und als Politiker im besonderen hatte.

2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei Petraschewsky vorging, sowie meine Meinung über diese Abende.

3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der Gesellschaft Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky selbst ein für die Gesellschaft schädlicher Mensch und in welchem Grade er es war.

Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky gestanden, obwohl ich an Freitags-Abenden zu ihm kam und auch er mich besuchte.

Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir nicht allzu viel gelegen war, da ich weder im Charakter noch in vielen Anschauungen mit Petraschewsky übereinstimmte. Darum erhielt ich diese Beziehung nur insoweit, als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte ihn etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. Ihn aber vollständig aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; überdies war es mir manchmal interessant, seine Freitage zu besuchen.

Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten im Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere Bekanntschaft begann sogar damit, dass er bei der ersten Zusammenkunft durch seine Absonderlichkeiten meine Neugierde erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft zu ihm; es geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm war. Im vorigen Winter war ich vom September angefangen nicht mehr als achtmal bei ihm. Wir waren niemals intim mit einander, und ich glaube, dass wir während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals mehr als eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander gesprochen haben. Ich habe sogar entschieden bemerkt, dass er, indem er zu mir kam, gleichsam eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe der Fall, da wir, wie ich wiederhole, weder in den Ideen noch in den Charakteren Vereinigungspunkte hatten. Wir fürchteten beide, länger mit einander zu sprechen, da wir vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten, dies aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens weiss ich, dass ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft nicht sowohl um seiner selbst willen und wegen der „Freitage“ fuhr, als um dort manche Leute zu treffen, die ich, obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich selten sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen geachtet.

Über seine Excentrizitäten und Absonderlichkeiten sprechen viele, fast alle, welche ihn kennen oder von ihm gehört haben, und beurteilen ihn sogar danach. Ich habe mehreremale die Meinung äussern hören, dass Petraschewsky mehr Geist als Vernunft habe; thatsächlich wäre es sehr schwer, sich viele seiner Sonderbarkeiten zu erklären. Es geschah nicht selten, dass man ihn bei einer Begegnung auf der Strasse fragte, wohin er gehe und was er vorhabe, worauf er etwas so Absonderliches antwortete, einen so sonderbaren Plan mitteilte, den er soeben auszuführen ginge, dass man nicht wusste, was man vom Plan und von Petraschewsky selbst denken sollte. Um einer Sache willen, welche keinen Deut wert ist, machte er so viel Wesens, als ob es sich um sein ganzes Vermögen handle. Ein andermal eilt er auf eine halbe Stunde irgend wohin, um ein ganz kleines Geschäftchen abzumachen, beendet aber dieses „kleine Geschäftchen“ ungefähr in zwei Jahren. Er ist ein Mensch, der sich fortwährend etwas zu schaffen macht, immer in Bewegung ist, den immer irgend etwas treibt. Er liest viel, schätzt das System Fouriers und hat es sich bis ins Detail angeeignet. Ausserdem beschäftigt er sich hauptsächlich mit dem Studium der Gesetzgebung. Dies ist alles, was ich von ihm als Privatperson nach Daten weiss, welche zu unvollständig sind, um einen Charakter solcher Art vollkommen zu beurteilen. Denn das wiederhole ich noch einmal, ich habe niemals in all zu nahen Beziehungen zu ihm gestanden.

Es ist schwer zu sagen, dass Petraschewsky (als politische Person betrachtet) irgend ein bestimmtes System in seinen Meinungen, irgend eine bestimmte Anschauung in politischen Dingen gehabt hätte. Ich habe bei ihm nur Ein folgerichtiges System bemerkt, und dieses war nicht das seine, sondern das Fouriers. Es scheint mir, dass besonders Fourier es ist, welcher ihn daran hindert, die Dinge selbständig anzusehen. Ich kann übrigens unbedingt sagen, dass Petraschewsky weit entfernt von der Idee ist, dass eine unmittelbare Anwendung des Fourierschen Systems auf unsere gesellschaftlichen Zustände möglich sei. Davon war ich immer überzeugt.

Die Gesellschaft, welche sich an Freitag-Abenden bei ihm versammelte, bestand fast ausschliesslich aus seinen nahen Freunden oder alten Bekannten; so denke ich wenigstens. Übrigens tauchten auch manchmal neue Personen auf. Dies war jedoch, so viel ich bemerken konnte, ziemlich selten der Fall. Von diesen Leuten kenne ich nur einen sehr kleinen Teil genauer. Andere kenne ich nur darum, weil ich drei- bis viermal im Jahre Gelegenheit hatte, mit ihnen zu sprechen. Viele der Gäste Petraschewskys kenne ich fast gar nicht, obwohl ich schon seit einem oder zwei Jahren an Freitagen mit ihnen zusammenkomme. Allein, obwohl ich nicht alle Personen gut kenne, habe ich doch manche ihrer Meinungen gehört. Alle diese Meinungen zusammen bilden geradezu eine Dissonanz; die eine widerspricht der anderen. Ich habe keinerlei Einheit in der Gesellschaft Petraschewskys gefunden, keinerlei Richtung, keinerlei gemeinschaftliches Ziel. Man kann unbedingt sagen, dass man dort nicht drei Menschen fände, welche in irgend einem Punkte über ein beliebig aufgegebenes Thema übereinstimmten. Daher gab es viele Debatten, daher der ewige Streit, die ewigen Meinungsverschiedenheiten! An einigen dieser Streitigkeiten habe auch ich teilgenommen.

Allein ehe ich sage, aus welcher Ursache ich an diesen Streitigkeiten teilgenommen habe und über welches Thema ich hauptsächlich sprach, muss ich einige Worte über das sagen, wessen man mich anklagt. Eigentlich weiss ich bis heute noch nicht, wessen man mich beschuldigt. Man hat mir nur mitgeteilt, dass ich an den gemeinschaftlichen Besprechungen bei Petraschewsky teilgenommen, dass ich wie ein Freidenker gesprochen und zuletzt einen Artikel vorgelesen habe: „Briefwechsel Belinskys mit Gogol“. Ich sage aus reinem Herzen, dass es für mich bis heute das Schwerste auf der Welt war, das Wort Freidenker, Liberaler zu definieren. Was versteht man unter diesem Worte: Einen Menschen, welcher ungesetzlich spricht? Ich habe aber Menschen gesehen, für die es gesetzwidrig sprechen heisst, wenn sie bekennen, dass sie der Kopf schmerze, und ich weiss, dass es auch solche giebt, welche im stande sind, auf jedem Kreuzweg alles zu sprechen, was nur ihre Zunge herunterzudreschen vermag. Wer hat meine Seele gesehen? Wer hat den Grad von Treubruch, von schlechtem Einfluss und Aufhetzung bestimmt, dessen man mich beschuldigt? Nach welchem Massstab ist diese Bestimmung gemacht worden? Es kann sein, dass man nach einigen Worten urteilt, welche ich bei Petraschewsky gesagt habe. Ich habe dreimal gesprochen: zweimal habe ich über Litteratur und einmal über einen durchaus nicht politischen Gegenstand gesprochen: über Persönlichkeit und menschlichen Egoismus. Ich erinnere mich nicht, dass irgend etwas Politisches oder Freidenkerisches in meinen Worten gewesen sei. Ich erinnere mich nicht, dass ich mich irgend einmal bei Petraschewsky ganz ausgesprochen und mich gezeigt hätte, wie ich in der That bin. Allein ich kenne mich, und wenn man meine Anklage auf einige Worte gründet, die man im Fluge erhascht und auf einen Fetzen Papier geschrieben hat, so fürchte ich auch eine solche Anschuldigung nicht, obwohl sie von allen Beschuldigungen die gefährlichste ist; denn es giebt nichts Verderblicheres, Verwirrenderes und Ungerechteres als einige in der Geschwindigkeit aufgeschriebene Worte, welche von weiss Gott wo herausgerissen sind, sich auf weiss Gott was beziehen, im Fluge gehört und im Fluge verstanden worden, am alleröftesten jedoch gar nicht verstanden worden sind. Aber ich wiederhole, ich kenne mich und fürchte sogar eine solche Anschuldigung nicht.

Ja, wenn das Bessere wünschen Liberalismus, Freidenkerei ist, so bin ich vielleicht in diesem Sinne ein Freidenker. Ich bin ein Freidenker in dem Sinne, in welchem auch jeder Mensch ein Freidenker genannt werden kann, der in der Tiefe des Herzens sein Recht empfindet, ein Staatsbürger zu sein, das Recht empfindet, seines Vaterlandes Wohl zu wünschen, da er in seinem Herzen sowohl die Liebe zum Vaterlande als auch das Bewusstsein trägt, dass er es niemals und durch nichts schädigen werde.

Aber dieser Wunsch nach dem Besseren, bezog er sich auf das Mögliche oder das Unmögliche? Mag man mich auch beschuldigen, die Veränderung, den Umsturz auf gewaltsamem, revolutionärem Wege, durch Aufreizung zu Erbitterung und Hass gewünscht zu haben! Ich fürchte nicht, dessen überführt zu werden, denn keine Angeberei der Welt wird mir etwas geben oder etwas nehmen: keine Denunziation wird mich zwingen, ein anderer zu sein, als ich thatsächlich bin. Besteht meine Freidenkerei darin, dass ich laut von Dingen gesprochen habe, über welche zu schweigen andere als ihre Pflicht erachten, nicht etwa, weil sie sich fürchten, etwas gegen die Obrigkeit zu sagen (das kann man ja auch nicht im Gedanken!), sondern weil nach ihrer Meinung der Gegenstand ein solcher ist, von dem es einmal angenommen ist, dass man ihn nicht laut bespricht. Ist es das? Mich aber hat sie sogar immer verletzt, diese Furcht vor dem Worte, die eher imstande ist, die Obrigkeit zu beleidigen, als ihr angenehm zu sein. Das heisst ja annehmen, dass die Gesetze der Persönlichkeit nicht genügenden Schutz gewähren, und dass man um eines leeren Wortes, um einer unvorsichtigen Phrase willen verloren sein konnte.

Aber warum haben wir denn selbst alles so gestimmt, dass man ein lautes, offenes Wort, das halbwegs einer Meinung ähnlich sieht und geradaus, ohne Hinterhalt, ausgesprochen wurde, als eine Excentricität betrachtet! Meine Meinung ist, dass es für uns selbst bedeutend besser wäre, wenn wir alle der Obrigkeit gegenüber aufrichtiger wären. Es hat mir immer Kummer gemacht, dass wir alle gleichsam instinktiv uns vor irgend etwas fürchten, dass, wenn wir zum Beispiel als Menge auf öffentlichen Plätzen zusammenkommen, einer den anderen misstrauisch, finster anschaut, ihn von der Seite misst und wir immer irgend jemanden verdächtigen. Fängt zum Beispiel irgend wer von Politik zu reden an, so wird er unfehlbar flüsternd und mit geheimnisvoller Miene sprechen, läge auch die Republik seinen Gedanken so fern wie Frankreich. Man wird sagen: „Es ist auch besser, dass man bei uns nicht auf dem Markte schreit.“ Ohne Zweifel wird niemand ein Wort dagegen einzuwenden haben, allein ein übertriebenes Schweigen und eine übermässige Angst werfen auf unser Alltagsleben ein düsteres Kolorit, welches alles in einem freudlosen, unfreundlichen Lichte erscheinen lässt, und was das Beleidigendste ist, dieses Kolorit ist ein falsches, diese ganze Angst ist gegenstandslos, unnütz (ich glaube daran), alle diese Befürchtungen sind weiter nichts als unsere eigene Erdichtung, und wir beunruhigen nur selbst unnützerweise die Obrigkeit durch unsere Geheimthuerei und unser Misstrauen. Denn aus diesem gespannten Zustande entsteht oft viel Lärm um nichts. Da erhält das gewöhnlichste laut ausgesprochene Wort bedeutend mehr Gewicht, und das Faktum selbst nimmt durch die Excentricität, in der es da erscheint, manchmal kolossale Dimensionen an und wird unrichtigerweise anderen (ungewöhnlichen und nicht wirklichen) Ursachen zugeschrieben. Ich bin immer der Ansicht gewesen, dass eine bewusste Überzeugung besser, fester sei als eine unbewusste, die nicht widerstandsfähig, schwankend ist und von jedem Winde umgeworfen wird, der sich erhebt. Das Bewusstsein aber reift nicht, lebt sich nicht aus, wenn du schweigst. Wir gehen der Gemeinschaft aus dem Wege, wir zerbröckeln uns in kleine Zirkel oder vertrocknen in Vereinsamung. Wer trägt aber an diesem Zustande die Schuld? Wir, wir selbst und kein anderer — ich habe immer so gedacht.

Obwohl ich nun unsere gesellschaftlichen Gespräche als Beispiel angeführt habe, so bin ich doch selbst weit entfernt davon, ein Schreier zu sein; dies wird jeder von mir sagen, der mich kennt. Ich liebe es nicht, viel und laut zu sprechen, sei es auch mit Freunden, deren ich sehr wenige habe; umsoweniger rede ich in der Gesellschaft, wo ich auch den Ruf eines einsilbigen, schweigsamen, ungeselligen Menschen habe. Ich habe sehr wenig Bekanntschaften; die Hälfte meiner Zeit nimmt die Arbeit ein, welche mich ernährt, die zweite Hälfte raubt mir die Krankheit, die in hypochondrischen Anfällen besteht, an welchen ich schon nahezu drei Jahre leide. Es bleibt kaum ein wenig Zeit, um zu lesen und zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Für Freunde und Bekannte bleibt daher äusserst wenig Zeit übrig. Wenn ich daher jetzt gegen das System des allgemeinen, gleichsam systematischen Schweigens und Heimlichthuns schreibe, so geschieht es darum, weil ich den Wunsch hatte, meine Überzeugung auszusprechen, aber durchaus nicht, um mich zu verteidigen. Allein wessen klagt man mich denn an? Man klagt mich an, dass ich über Politik, über den Westen, über die Zensur usw. gesprochen habe. Aber wer spricht denn nicht in unserer Zeit über diese Fragen, wer denkt nicht an sie? Wozu habe ich denn gelernt, warum ist durch das Studium Wissbegierde in mir erweckt worden, wenn ich nicht das Recht haben soll, meine persönliche Ansicht auszusprechen, oder mich im Widerspruch zu einer anderen Ansicht zu befinden, welche von vornherein eine Autorität ist? Im Westen gehen schreckliche Dinge vor, spielt sich ein ungeheures Drama ab; es kracht und zerbröckelt sich die Jahrhunderte alte Ordnung der Dinge. Die allerwichtigsten Grundlagen der Gesellschaft drohen jeden Augenblick zusammenzubrechen und die ganze Nation bei ihrem Einsturz mit sich zu reissen. 36 Millionen Menschen stellen jeden Tag buchstäblich ihre ganze Zukunft, ihren Besitz, ihre und ihrer Kinder Existenz auf das Spiel! Und ist dieses Bild nicht ein solches, um Aufmerksamkeit, Interesse, Wissbegierde zu erwecken, die Seele zu erschüttern? Dies ist dasselbe Land, welches uns Wissenschaft, Bildung, europäische Zivilisation gegeben hat. Ein solcher Anblick ist eine Lehre! Das ist schliesslich Geschichte; die Geschichte aber ist die Lehre von der Zukunft. Kann man uns nach alledem beschuldigen, uns, denen man einen gewissen Grad von Bildung gegeben, in denen man den Durst nach Kenntnissen und Kultur geweckt hat — kann man uns denn dafür anklagen, dass wir so viel Interesse daran hatten, hie und da über den Westen, über die politischen Ereignisse zu sprechen, die Bücher vom Tage zu lesen, der Bewegung des Westens zuzusehen, ja sie nach Möglichkeit zu studieren? Kann man mich denn deswegen anklagen, dass ich mit einem gewissen Ernst diese Krisis betrachte, welche das unglückliche Frankreich in Trauer stürzt und zerreisst, dass ich vielleicht diese historische Krisis für unumgänglich halte, als einen Übergangszustand (wer kann es jetzt beurteilen?) im Leben dieses Volkes betrachte, welcher endlich eine bessere Zeit einleitet? Weiter als diese Meinung, weiter als solche Ideen hat sich meine Freidenkerei über den Westen und die Revolution niemals erstreckt.

Wenn ich nun über den französischen Umsturz gesprochen habe, wenn ich mir erlaubt habe, über die gegenwärtigen Ereignisse zu urteilen, folgt daraus, dass ich ein Freidenker bin, dass ich republikanische Ideen hege, dass ich ein Gegner der Alleinherrschaft bin, dass ich diese untergrabe? — Unmöglich! Für mich hat es niemals einen grösseren Unsinn gegeben, als die Idee einer republikanischen Staatsform in Russland. Allen, welche mich kennen, ist meine Meinung darüber bekannt; ja, endlich wird auch eine solche Anschuldigung allen meinen Überzeugungen, meiner ganzen Bildung entgegen sein. Es kann sein, dass ich mir noch die Revolution des Westens und die historische Unumgänglichkeit der Krisis, welche sich dort vollzogen hat, zurechtlege: Dort hat sich einige Jahrhunderte, mehr als ein Jahrtausend lang, ein hartnäckiger Kampf der Gesellschaft gegen eine Autorität hingezogen, welche sich durch Eroberung, Gewaltsamkeit und Unterdrückung auf einer Fremdkultur gründete. Und bei uns? Unser Land hat sich nicht wie der Westen gebildet, davon haben wir historische Beispiele vor Augen: 1. das Sinken Russlands vor der Tatarenherrschaft infolge der Schwächung und Zerbröckelung der Autorität; 2. die Missstände der Nowgorodschen Republik, einer Republik, welche sich durch mehrere Jahrhunderte auf slavischer Grundlage zu erhalten versuchte, und endlich 3. die zweimalige Rettung Russlands durch die Macht der Autorität, durch die Macht der Alleinherrschaft: das erste Mal durch die Vertreibung der Tataren, das zweite Mal in der Reform Peters des Grossen, da nur der warme kindliche Glaube an seinen grossen Lenker Russland in den Stand setzte, einen so starken Umschwung zu einem neuen Leben zu ertragen. Ja, und wer denkt denn bei uns an Republik? Wenn auch Reformen bevorstehen, so wird es sogar für jene, welche sie wünschen, klar sein wie der Tag, dass diese Reformen gerade von einer für diese Zeit noch kräftigeren Autorität ausgehen müssen, wenn sie nicht in revolutionärer Weise vor sich gehen sollen. Ich denke nicht, dass in Russland ein Liebhaber des russischen Aufstandes gefunden werden könnte. Es sind wohl Beispiele davon bekannt und bis heute erinnerlich, obwohl es schon lange her ist, dass sie sich zutrugen. Zum Schlusse habe ich mich jetzt an meine eigenen oft wiederholten Worte erinnert, dass alles Gute, das es nur jemals in Russland gegeben hat, von Peter dem Grossen angefangen, immer von oben herab, vom Throne ausgegangen ist, von unten aber noch nichts aufgetaucht ist als Eigensinn und Rohheit. Diese meine Meinung wissen viele, die mich kennen.

Ich habe über die Zensur gesprochen, über ihre masslose Strenge in unserer Zeit; ich habe darüber geklagt, denn ich habe gefühlt, dass da ein Missverständnis sich gebildet hat, aus welchem ein für die Litteratur schwerer und gespannter Zustand hervorgegangen ist. Es war mir ein Kummer, dass der Beruf eines Schriftstellers in unseren Tagen durch eine Art dumpfen Misstrauens vernichtet wird; dass die Zensur den Schriftsteller, noch ehe er etwas geschrieben hat, als eine Art natürlichen Feind der Obrigkeit ansieht und sich daran macht, seine Manuskripte mit einer offenbaren Voreingenommenheit zu zergliedern. Es macht mich traurig, zu hören, dass man manches Werk verbietet, nicht weil man darin irgend etwas Liberales, Freidenkerisches, der Obrigkeit Widerstreitendes fände, sondern zum Beispiel darum, weil die Erzählung oder der Roman allzu traurig endet, weil ein allzu düsteres Bild darin aufgerollt worden, obwohl dieses Bild niemanden in der Gesellschaft anklagt oder verdächtigt, und obwohl die Tragödie selbst auf eine durchaus zufällige und äusserliche Weise vor sich gegangen. Man möge doch alles durchsehen, was ich geschrieben, sei es gedruckt oder ungedruckt, man möge die Handschriften meiner schon gedruckten Werke durchlesen, da wird man sehen, wie sie vor der Übergabe an die Zensur beschaffen waren; man suche nur darin irgend ein Wort, das gegen die Sittlichkeit und die festgestellte Ordnung der Dinge gerichtet wäre. Und dennoch wurde ich einem solchen Zensurverbot unterworfen, einzig nur darum, weil das Bild, das ich entwarf, mit allzu düsteren Farben gemalt war. Wenn sie aber wüssten, in welche traurige Lage der Autor dieses verbotenen Werkes dadurch versetzt war! Er stand vor der Unvermeidlichkeit, volle drei Monate ohne Brot dazusitzen, schlimmer als das, denn die Arbeit gab mir die Mittel zu meiner Erhaltung.

Ja, überdies musste ich bei allen Entbehrungen, bei allem Harm, ja fast in Verzweiflung (denn von der Geldfrage ganz abgesehen, ist es bis zur Verzweiflung unerträglich, das Werk, das man geliebt hat, daran man Arbeit, Gesundheit, die besten Kräfte der Seele gewendet, aus Missverständnis, aus Misstrauen verboten zu sehen), ich musste also überdies bei Entbehrung, Traurigkeit, Verzweiflung so viele leichte, heitere Stunden finden, um in dieser Zeit eine litterarische Arbeit mit heiteren, rosenfarbigen, angenehmen Farben hinzumalen. Und schreiben musste ich unbedingt, weil ich leben musste. Wenn ich geredet habe, wenn ich mich ein wenig beschwert habe (und ich habe mich so wenig beklagt!) — war ich darum ein Freidenker? Und über was habe ich mich beschwert? Über ein Missverständnis! Gerade dagegen habe ich mich mit allen Kräften gewehrt, indem ich nachwies, dass jeder Schriftsteller schon von vornherein verdächtigt wird, dass man ihn ohne Verständnis, mit Misstrauen ansieht, und habe gegen die Schriftsteller selbst den Vorwurf erhoben, dass sie selbst nicht nach den Mitteln suchen, dieses verderbliche Missverständnis zu zerstören. Verderblich darum, weil es für die Litteratur schwer ist, in einer so gespannten Lage zu bestehen. Ganze Kunstarten müssen auf diese Weise verschwinden. Die Satire, die Tragödie können nicht mehr dabei aufkommen. Es können bei der Strenge unserer jetzigen Zensur keine Gribojedows, von Wisin, ja sogar keine Puschkins bestehen. Die Satire verspottet das Laster und meistens das Laster, das unter der Tugendmaske einhergeht. Wie kann man sich jetzt auch nur die geringste Freiheit herausnehmen! Der Zensor sieht in allem eine Anspielung, mutmaasst, dass etwas Galliges dahinter sei, dass das vielleicht vom Autor auf irgend eine Persönlichkeit, auf irgend eine Ordnung der Dinge gemünzt sei. Mir selbst ist es oft geschehen, dass ich, alles Harms vergessend, über das herzlich gelacht habe, was der Zensor in meinen oder anderer Autoren Schriften als für die Gesellschaft schädlich und für den Druck unzulässig erachtete. Ich lachte darum, weil in unserer Zeit ähnliche Verdachtsgründe gar niemandem als dem Zensor in den Kopf kommen konnten. Im unschuldigsten und reinsten Satze wittert man den verbrecherischesten Gedanken, dem der Zensor sichtlich mit der Anstrengung aller seiner geistigen Kräfte wie einer ewigen unwandelbaren Idee nachjagt, die sein Kopf nicht lassen kann, die er selbst erschaffen hat, die er, zwischen Furcht und Misstrauen schwankend, selbst in seiner Phantasie in Fleisch und Blut hat treten lassen, selbst mit furchtbaren, nie dagewesenen Farben ausgemalt hat, bis er zuletzt sein Phantom mitsamt der unschuldigen Ursache seines Schreckens, dem ersten harmlosen Satz des Autors, vernichtet. Es ist, als ob man, indem man das Laster und die traurige Seite des Lebens verdeckt, damit vor dem Leser auch das wirkliche Laster und die traurigen Seiten des Lebens verdeckte. Nein! Der Schriftsteller wird, wenn er auch diese traurige Seite des Lebens vor dem Leser systematisch verhüllt, diesem nichts verdecken, sondern vielmehr in ihm den Verdacht erwecken, dass er nicht aufrichtig, nicht gerecht sei. Ja, kann man denn mit hellen Farben allein malen? Wie kann denn die helle Seite des Bildes sichtbar werden ohne dunklen Hintergrund? Kann es ein Bild geben, das nicht zugleich Licht und Schatten hätte? Wir haben vom Lichte nur darum einen Begriff, weil auch Schatten vorhanden ist. Man sagt: man beschreibe nur Vorzüge und Tugenden. Aber wir erkennen ja die Tugend gar nicht ohne das Laster; die Begriffe selbst vom Guten und Bösen sind daraus entstanden, dass das Gute und das Böse immer nebeneinander dagewesen sind. Wollte ich aber nur daran denken, Rohheit, Laster, Missbrauch, Hochmut auf die Scene zu bringen, sofort wird der Zensor gegen mich Verdacht schöpfen, wird denken, dass ich dies alles überhaupt auf alles ohne Ausnahme anwende. Ich bin nicht auf die Schilderung des Lasters und der düsteren Seiten des Lebens erpicht! Diese sowie jenes sind mir nicht angenehm. Aber ich spreche einzig und allein im Interesse der Kunst; da ich sah und mich davon überzeugte, dass zwischen der Litteratur und der Zensur ein Missverständnis bestehe (nur Missverständnis, weiter nichts), habe ich darüber geklagt, habe inständig gebeten, dass dieses Missverständnis so schnell als möglich gehoben werde, weil ich die Litteratur liebe und nicht umhin kann, mich für sie zu interessieren, weil ich weiss, dass die Litteratur ein Ausdruck des Volkslebens, ein Spiegel der menschlichen Gesellschaft ist. Mit der Kultur und Zivilisation treten neue Begriffe auf, welche eine Bestimmung, eine russische Benennung brauchen, um dem Volke vermittelt zu werden; denn nicht das Volk ist es, das ihnen in diesem Falle einen Namen zu geben vermöchte, da die Zivilisation nicht von ihm ausgeht, sondern von oben. Nur jene Gesellschaft vermag den neuen Begriffen einen Namen zu geben, welche die Zivilisation vor dem Volke angenommen hat, das heisst jene Schichte der Gesellschaft, jene Klasse, welche schon durch diese Ideen kultiviert worden ist. Wer ist es denn, der die neuen Ideen in eine solche Form giesst, dass das Volk sie verstehe? Wer anders als die Litteratur! Ohne sie wird die Reform Peters des Grossen nicht so leicht vom Volke aufgenommen werden, welches auch nicht begriffe, was man von ihm will. Wie war die russische Sprache zur Zeit Peters des Grossen beschaffen? Halb russisch und halb deutsch, da deutsches Leben, deutsche Begriffe, deutsche Sitten die Hälfte des russischen Lebens ausmachten. Allein das russische Volk spricht nicht deutsch, und das Erscheinen Lomonossows sofort nach Peter dem Grossen ist kein Zufall. Ohne Litteratur kann die Gesellschaft nicht bestehen, und ich sah, dass sie im Erlöschen war, und ich wiederhole es zum zehntenmale: das Missverständnis, das zwischen der Litteratur und den Zensoren entstanden war, regte mich auf, quälte mich. Da redete ich — allein ich redete nie von Übereinstimmung, von Vereinigung, von der Vernichtung des Missverständnisses. Ich hetzte niemanden um mich herum auf, da ich ein Glaubender war. Ja, und ich sprach davon nur mit meinen nächsten Freunden, mit meinen litterarischen Berufsgenossen. Ist das eine schädliche Freidenkerei?

Man klagt mich an, dass ich an einem der Abende bei Petraschewsky den Artikel „Korrespondenz Belinskys mit Gogol“ vorgelesen habe. Ja, ich habe diesen Artikel gelesen, kann aber derjenige, welcher mich angezeigt hat, sagen, für welche der beiden korrespondierenden Personen ich Partei genommen habe? Er möge sich nur erinnern, ob etwa in meinen Ansichten (die ich übrigens zurückhielt), oder etwa in meiner Intonation, in meinen Gesten etwas lag, das kundgegeben hätte, ob ich mich der einen oder der anderen Person gegenüber parteiischer verhalten habe! Natürlich wird er das nicht sagen. Belinskys Brief ist allzu seltsam geschrieben, als dass er irgend welche Sympathie erwecken könnte. Schmähungen stossen die Herzen ab, anstatt sie uns zuzuwenden, der ganze Brief aber ist von Schmähungen und Galle erfüllt. Endlich ist der ganze Brief ein Beispiel ohne Beweiskraft — ein Mangel, den Belinsky in seinen kritischen Artikeln niemals ablegen konnte und der im Verhältnisse zur Erschöpfung seiner physischen und geistigen Kräfte durch die Krankheit immer zunimmt. Diese Briefe sind im letzten Jahre seines Lebens zur Zeit seines Aufenthaltes im Auslande geschrieben worden. Eine gewisse Zeit lang war ich ziemlich nahe mit Belinsky bekannt. Er war, als Mensch betrachtet, einer der vortrefflichsten. Allein die Krankheit, welche ihn niederwarf, hat auch den Menschen in ihm gebrochen. Sie hat seine Seele grausam und starr gemacht und sein Herz mit Galle erfüllt. Seine zerrüttete, überspannte Einbildungskraft vergrösserte alles ins Kolossale und zeigte ihm Dinge, die nur er allein zu sehen vermochte. Es traten bei ihm Mängel und Fehler auf, von welchen im gesunden Zustande auch keine Spur vorhanden war. Unter anderem zeigte sich eine äusserst reizbare und empfindliche Eigenliebe. In der Zeitschrift, zu deren Mitarbeitern er zählte und wo er seiner Krankheit wegen sehr wenig arbeitete, hatte ihm die Redaktion die Hände gebunden und liess ihn nicht allzu ernste Artikel schreiben. Das verletzte ihn. In dieser Stimmung nun war es, dass er seinen Brief an Gogol schrieb. In der Schriftstellerwelt ist sehr vielen mein Streit und meine endgiltige Entzweiung mit Belinsky im letzten Jahre seines Lebens nicht unbekannt. Es ist auch die Ursache dieser Auseinandersetzung bekannt: es handelte sich um Ideen über Litteratur und um die Richtung derselben. Meine Anschauung war derjenigen Belinskys diametral entgegengesetzt. Ich machte ihm den Vorwurf, dass er sich bemühe, der Litteratur eine besondere, ihrer nicht würdige Bestimmung zu geben, indem er sie nur zur Beschreibung — wenn man so sagen darf — von Zeitungsfakten oder skandalösen Vorkommnissen herabzog. Ich entgegnete ihm namentlich, dass man mit Galle niemanden an sich ziehe, sondern vielmehr alle und jeden tödlich langweilen werde, wenn man jeden erstbesten, der uns in den Weg läuft, anpackt, jeden Vorübergehenden am Knopfe seines Rockes festhält, ihm gewaltsam eine Predigt halten und ihn eines Besseren belehren will.

Belinsky wurde böse auf mich, und so gingen wir endlich von Erkältung zu förmlichem Bruch über, so dass wir uns im ganzen Verlaufe seines letzten Lebensjahres nicht mehr sahen. Ich hatte lange den Wunsch gehabt, diese Briefe zu lesen. In meinen Augen ist diese Korrespondenz ein ziemlich bemerkenswertes litterarisches Gedenkblatt. Sowohl Belinsky als Gogol sind höchst bedeutende Persönlichkeiten. Ihre Beziehungen zu einander sind sehr interessant — umsomehr für mich, da ich mit Belinsky bekannt gewesen war. Petraschewsky hatte diese Briefe zufällig in meiner Hand erblickt und gefragt: Was ist das? Da ich keine Zeit hatte, ihm sie sogleich zu zeigen, versprach ich ihm, sie ihm am Freitag zu bringen. Ich hatte mich selbst dazu angetragen und musste nun mein Wort halten. Ich habe diesen Artikel wie ein litterarisches Gedenkblatt, nicht mehr, nicht weniger, vorgelesen, fest überzeugt, dass er niemanden verlocken könne, obwohl er eines gewissen litterarischen Wertes nicht ermangelt. Was mich anbelangt, so bin ich buchstäblich nicht mit einer einzigen der Übertreibungen einverstanden, die sich darin befinden. Und nun bitte ich, folgenden Umstand in Erwägung zu ziehen: Würde ich es denn unternehmen, den Artikel eines Menschen vorzulesen, mit welchem ich gerade um seiner Ideen willen im Streite gelegen hatte (das ist kein Geheimnis, es ist vielen bekannt), ja noch dazu einen im kranken Zustande, in geistiger und seelischer Zerrüttung geschriebenen Artikel, würde ich es unternehmen, diesen Artikel zu lesen, ihn als ein Vorbild, eine Formel aufzustellen, der man nacheifern muss? Ich habe erst jetzt begriffen, dass ich damit einen Irrtum begangen habe, und dass es nicht in der Ordnung war, diesen Artikel laut vorzulesen; aber damals habe ich mich nicht besonnen, denn ich habe auch nicht geahnt, wessen man mich beschuldigen kann, habe keine Sünde darin vermutet. Aus Achtung für einen schon dahingeschiedenen, in seiner Zeit bedeutenden Menschen, dessen Urteil man um einiger litterarisch-ästhetischer Artikel willen schätzt, die thatsächlich mit grosser Kenntnis der Litteratur geschrieben sind; endlich aus dem heiklen Gefühl, welches gerade durch meine Entzweiung mit ihm um dieser Ideen willen (welche vielen bekannt sind) in mir verursacht wurde, las ich die ganze Korrespondenz, mich jeder Bemerkung enthaltend und mit vollständiger Unparteilichkeit.

Ich habe erwähnt, dass ich über Politik, über Zensur und anderes gesprochen habe; aber da habe ich unnütz über mich ausgesagt. Ich wollte damit nur ein Bild meiner Ideen entwerfen. Niemals habe ich bei Petraschewsky über diese Gegenstände gesprochen. Ich habe bei ihm nur dreimal oder, besser gesagt, zweimal gesprochen: einmal über Litteratur anlässlich eines Streites mit Petraschewsky über Krylow, und ein zweitesmal über Persönlichkeit und über Egoismus. Im allgemeinen bin ich kein redseliger Mensch und liebe nicht, an Orten laut zu sprechen, wo mir fremde Personen gegenwärtig sind. Meine Denkungsart, sowie meine ganze Person sind nur sehr wenigen, nur meinen Freunden bekannt. Grossen Streitigkeiten gehe ich aus dem Wege und gebe gern nach, nur um in Ruhe gelassen zu werden. Aber ich wurde zu diesem litterarischen Streite herausgefordert durch ein Thema, welches von meiner Seite aus hiess, dass die Kunst keiner Tendenzrichtung bedarf, dass die Kunst sich selbst Zweck ist, dass der Autor sich nur um das Künstlerische zu kümmern habe; die Idee werde schon selbst erscheinen, denn sie ist die unumgängliche Bedingung des Künstlerischen. Mit einem Worte: es ist bekannt, dass diese Richtung dem Zeitungswesen und der Brandstiftung diametral entgegengesetzt ist. Ebenso ist es vielen bekannt, dass ich diese Richtung schon durch mehrere Jahre vertrete. Endlich haben alle bei Petraschewsky unseren Streit gehört, alle können das bezeugen, was ich gesprochen habe. Es hat damit geendigt, dass es sich zeigte, dass Petraschewsky dieselben Ideen über Litteratur hatte, wie ich, dass wir einander aber nicht verstanden. Dieses Resultat unseres Streites haben viele gehört, und ich habe bemerkt, dass der ganze Streit teilweise aus Eigenliebe entstanden war, weil ich einmal Petraschewskys genaue Kenntnis dieses Gegenstandes bezweifelte. Was nun das zweite Thema anbelangt, über Persönlichkeit und Egoismus, so wollte ich darin nachweisen, dass unter uns mehr Ehrgeiz als wirkliche menschliche Würde vorhanden sei, dass wir in Selbstverkleinerung, in die Zerbröckelung der Persönlichkeit verfallen, und zwar aus kleinlicher Eigenliebe, aus Egoismus und aus der Ziellosigkeit unserer Arbeiten. Dies ist ein rein psychologisches Thema. Ich habe gesagt, dass in der Gesellschaft, welche bei Petraschewsky zusammenkam, nicht das geringste Zielbewusstsein, nicht die geringste Einheit, weder in den Gedanken noch in der Gedankenrichtung, vorhanden war. Das schien ein Streit zu sein, der einmal begann, um niemals beendet zu werden. Um dieses Streites willen kam auch die Gesellschaft zusammen, um sich durchzustreiten; denn fast jedesmal ging man auseinander, um das nächstemal den Streit wieder mit erneuerter Kraft aufzunehmen, da man fühlte, dass man auch nicht den zehnten Teil dessen gesagt habe, was man hätte sagen mögen. Ohne Debatten wäre es bei Petraschewsky höchst langweilig gewesen, weil nur Streit und Widerspruch diese Leute von so verschiedenem Charakter zu verbinden vermochten. Man sprach über alles, aber über nichts ausschliesslich, und man sprach so, wie man in jedem Kreise spricht, der sich zufällig zusammenfindet. Ich bin überzeugt davon. Und wenn ich manchmal an Streitigkeiten bei Petraschewsky teilgenommen habe, wenn ich zu ihm ging und nicht erschrak, wenn ein hitziges Wort gesprochen wurde, so geschah dies deshalb, weil ich vollkommen überzeugt war (und das bin ich noch heute), dass die Sache hier familienhaft, im Kreise gemeinschaftlicher Freunde Petraschewskys, aber nicht öffentlich vor sich ging. So war es thatsächlich, und wenn man jetzt eine so ausschliessliche Aufmerksamkeit dem zuwendet, was bei Petraschewsky vorging, so ist das darum der Fall, weil Petraschewsky durch seine Sonderbarkeiten und Excentricitäten fast ganz Petersburg bekannt war und daher auch seine Abende bekannt waren. Ich aber weiss unbedingt, dass das Gerede ihre Bedeutung übertrieb, obwohl im Gerede der Leute mehr Spott über Petraschewskys Abende enthalten war als Besorgnis.

Darüber, dass manchmal ziemlich offen gesprochen wurde (aber immer im Sinne des Zweifels und so, dass Streit daraus entstand), war ich nicht beunruhigt, weil es nach meiner Idee besser ist, dass irgend ein hitziges Paradoxon, irgend ein Zweifel vor das Urteil der anderen tritt (natürlich nicht auf dem Marktplatze, sondern im Freundeskreise), anstatt im Innern des Menschen ohne Ausgang zu bleiben, sich in seiner Seele zu verhärten und einzuwurzeln. Gemeinsamer Streit ist nützlicher als Vereinsamung. Die Wahrheit kommt immer zu Tage, und der gesunde Verstand wird den Sieg davontragen. So habe ich diese Versammlung betrachtet und bin auf Grund dieser Anschauung manchmal hingegangen. Die Erfahrung hat mir recht gegeben, da man z. B. ganz aufhörte, über den Fourierismus zu sprechen, denn dieser wurde, auch als Lehre betrachtet, von allen Seiten mit Spott überschüttet. Wenn aber bei Petraschewsky irgend jemand es unternommen hätte, über eine Anwendung des Fourierschen Systems auf unser gesellschaftliches Leben zu sprechen, so hätte man ihm sofort ohne alle Umstände ins Gesicht gelacht. Ich spreche so, weil ich von der Wahrheit meiner Aussage überzeugt bin.

Zur Beantwortung der Frage, ob nicht irgend ein geheimer Zweck von der Gesellschaft Petraschewskys verfolgt wurde, kann man auf das nachdrücklichste sagen, dass in Anbetracht dieses ganzen Durcheinanders von Meinungen, dieser ganzen Vermischung von Begriffen, Charakteren, Persönlichkeiten, Spezialitäten, dieser Streitigkeiten, welche fast bis zur Feindseligkeit gingen und nichtsdestoweniger nur Debatten blieben, in Anbetracht also alles dieses kann man auf das nachdrücklichste sagen, dass unmöglich ein geheimer, verborgener Zweck in diesem Chaos vorhanden sein konnte. Hier war auch nicht der Schatten einer Einheit und könnte auch keiner bis an das Ende aller Zeiten vorhanden sein. Und obwohl ich nicht alle Männer und Frauen der Gesellschaft Petraschewskys kannte, so kann ich unbedingt nach dem, was ich gesehen habe, sagen, dass ich mich nicht irre.

Jetzt komme ich zur Beantwortung der letzten Frage, zur Antwort, welche meine Rechtfertigung abschliesst; es ist diese: Ist Petraschewsky selbst ein gefährlicher Mensch und bis zu welchem Grade ist er der Gesellschaft schädlich?

Als man mir diese Frage das erste Mal vorlegte, konnte ich sie nicht geradeaus beantworten. Ich hätte vorher in mir eine ganze Reihe von Fragen und Zweifeln entscheiden müssen, welche sofort in meinem Geiste entstanden, welche ich aber nicht auf der Stelle beantworten konnte, welche einen bestimmten Grad von Sammlung forderten, und darum stand ich da, ohne zu wissen, was ich antworten sollte. Jetzt, da ich mir alles klargemacht habe, will ich sowohl meine vorausgegangenen Erwägungen, als auch schliesslich die Antwort auf die mir gestellte Frage als Schlussfolgerung dieser Erwägungen hier vorlegen.

Wenn man mich gefragt hat, ob Petraschewsky der Gesellschaft schädlich sei, so verstehe ich darunter vor allem, ob er es als Fourierist, als Anhänger und Verbreiter der Lehre Fouriers sei. Man hat mir ein eng beschriebenes Heft gezeigt und mir gesagt, dass ich wahrscheinlich die Schrift darin erkennen würde. Ich kenne Petraschewskys Handschrift nicht, ich habe nie mit ihm korrespondiert und ich habe unbedingt nicht vermutet, dass er sich mit Schriftstellerei befasst (ich spreche mit Überzeugung); darum weiss ich unbedingt nichts von ihm, als einem Verbreiter der Lehre Fouriers. Ich kenne nur seine theoretischen Überzeugungen, ja und diese kaum, da wir auch ein theoretisches Gespräch über Fourier selten, fast niemals anknüpften, da unsere Gespräche sich sofort in Streit verwandelten. Das wusste er sehr gut. Von Plänen aber und Anordnungen hat mir Petraschewsky niemals etwas mitgeteilt, und ich weiss endgiltig nicht, hat er solche gehabt oder nicht. Ausserdem, wenn er auch solche gehabt hätte, was ich durchaus nicht weiss, so würde er sie, da er mit mir in keinerlei nahen Beziehungen stand und keine grosse Freundschaft uns verband, sicherlich (ich bin davon überzeugt) alles vor mir verborgen und mir kein Wort mitgeteilt haben. Ich aber meinerseits hatte auch niemals den Wunsch, seine Geheimnisse kennen zu lernen. Deshalb kann ich unbedingt nichts über Petraschewsky als Fourieristen sagen, ausser in einem rein wissenschaftlichen Sinne.

Ich weiss, dass Petraschewsky das System Fouriers schätzt; als Fourierist kann er natürlich nichts anderes wünschen, als dass man mit ihm sympathisiere. Aber man hat mich gefragt, ob er Proselyten mache. Zieht er nicht Lehrer verschiedener Unterrichtsanstalten an sich in der Absicht, nachdem er sie bekehrt, durch sie die Verbreitung der Fourierschen Lehre in der Jugend zu bewirken? Ich erwidere: ich kann unbedingt nichts über diese Sache sagen, weil ich keine genügenden Daten habe und die Geheimnisse Petraschewskys durchaus nicht kenne. Man hat mir gesagt, dass unter Petraschewskys Freunden ein gewisser Lehrer Toll sich befinde. Allein Toll ist mir vollkommen unbekannt, und dass er ein Lehrer sei, habe ich erst kürzlich erfahren. Was aber Jastrzembski anbelangt, so habe ich erst erfahren, dass er Lehrer ist, als er über politische Ökonomie sprach. Sonst kenne ich keinen Lehrer. Da ich nicht nur in keinerlei nahen, sondern in sehr lockeren Beziehungen zu Toll stehe, so kenne ich weder die Geschichte seiner Bekanntschaft mit Petraschewsky noch den Zeitpunkt, wann sie einander kennen lernten, noch die Beziehungen, in welchen sie zu einander standen; mit einem Worte, es war mir ganz uninteressant, das zu wissen. Was nun Jastrzembski anbelangt, so habe ich keine Gelegenheit gehabt, die Art seiner ökonomischen Ideen kennen zu lernen, da ich nur zweimal in der Lage war, ihn zu hören. Er ist, so viel mir scheint, ein Ökonomist der neuesten Schule und lässt den Socialismus soweit zu, als dies die strengsten Professoren thun. Denn der Socialismus seinerseits hat durch seine kritischen Ausarbeitungen und den statistischen Teil seiner Arbeit viel wissenschaftlich Nützliches geleistet. Mit einem Worte, ich nehme an, dass Jastrzembski weit davon entfernt ist, ein Fourierist zu sein, und dass er von Petraschewsky nichts zu lernen hat. Ich muss aber bemerken, dass ich Jastrzembski als Menschen gar nicht kenne, dass ich niemals ein Gespräch mit ihm angeknüpft habe, und es scheint, dass auch er sich in der gleichen Beziehung zu mir befunden hat. Ein vollkommenes Bild seiner Ideen habe ich nicht, ebenso wie er keines von den meinen hat. Also kann ich über Petraschewsky als Verbreiter einer Lehre nur nach Mutmassungen und Vorstellungen urteilen.

Aber nach Mutmassungen kann ich nichts sagen. Ich weiss, dass meine Aussage nicht als eine endgiltige, grundlegende angenommen wird; immerhin wird sie eine Aussage bleiben. Wie nun, wenn ich mich irre? Der Irrtum wird schwer auf meinem Gewissen lasten. Man hat mir eine Handschrift gezeigt, von deren Vorhandensein ich früher nichts wusste. Ich habe einen Satz dieser Handschrift gelesen. In diesem Satze ist der heisse Wunsch ausgesprochen, dass das System Fouriers so schnell als möglich siegen möge. Wenn die ganze Handschrift in diesem Sinne geschrieben ist, wenn Petraschewsky sie als die seine anerkannt hat, so hat er natürlich die Verbreitung des Fourierschen Systems gewünscht. Ob er jedoch thatsächlich irgend welche Massnahmen dazu getroffen hat, ist mir bis zum heutigen Tage unbekannt. Mir sind seine Geheimnisse unbekannt. Ich denke, dass man mir endlich Glauben schenken kann. Niemand wird aussagen können, dass ich jemals mit Petraschewsky in sehr nahen Beziehungen gestanden hätte. Ich kam an Freitagen als Bekannter zu ihm, doch nicht mehr. Ich kenne keinen seiner Pläne und habe zum ersten Male diese Handschrift gesehen, deren Inhalt ich ausser einem Satze durchaus nicht kenne. Und so vermag ich nichts darüber zu sagen, ob er irgend etwas gethan, ob er Massnahmen getroffen habe. Allein man möge mir erlauben, einige meiner eigenen Gedanken darzulegen, welche meine tiefsten Überzeugungen ausmachen, über welche ich lange nachgesonnen habe, welche mir früher ebenso erschienen sind wie jetzt, und infolge welcher endlich ich bei der ersten Frage über die Strafbarkeit Petraschewskys keine endgiltige Antwort geben konnte. Ich begriff, wie wichtig in den Augen der Richter Petraschewskys solche Beweise sein müssen, wie Bücher, Handschriften und Reden, welche abrissweise niedergeschrieben worden sind. Da man mich aber über ihn befragt, so möge man mir erlauben, meine Ansichten über seine ganze Angelegenheit hier auszusprechen.

Petraschewsky glaubt an Fourier. Das System Fouriers ist ein friedliches; es bezaubert die Seele durch seine Schönheit, es bestrickt das Herz durch jene Menschenliebe, welche Fourier beseelte, als er sein System schuf, versetzt den Geist in Erstaunen durch seine Harmonie und zieht nicht durch bittere Ausfälle an sich, sondern beseelt jeden mit der Liebe zur Menschheit. In diesem System gibt es keinen Hass. Politische Reformen setzt sich Fourier nicht vor. Seine Reform ist eine ökonomische. Sie greift weder die Obrigkeit noch den Besitz an, und in einer der letzten Sitzungen der Kammer hat Victor Considérant, der Repräsentant der Fourieristen, feierlich jeden Angriff auf die Familie abgelehnt. Endlich ist dieses System ein theoretisches und wird niemals populär werden.

Die Fourieristen sind während der ganzen Zeit der Februar-Revolution nicht ein einziges Mal auf die Gasse herabgestiegen, sie sind in der Redaktion ihres Journals geblieben, wo sie ihre Zeit schon mehr als 20 Jahre mit Träumen von der zukünftigen Schönheit der Phalanstère zubringen. Allein dieses System ist zweifellos schädlich, erstens schon darum allein, weil es ein System ist; zweitens, wie schön es auch sei, bleibt es immer eine wesenlose Utopie, aber der Schaden, den diese Utopie anrichtet, ist, wenn man mir erlaubt, mich so auszudrücken, eher komisch als schreckenerregend. Es gibt kein sociales System, das in einem so hohen Grade unpopulär, das so belacht und ausgepfiffen worden wäre, wie das System Fouriers im Westen. Es ist schon lange tot, und seine Führer bemerken selbst nicht, dass sie nichts mehr sind als lebendig Tote. Im Westen, in Frankreich, ist in diesem Augenblicke jedes System, jede Theorie der Gesellschaft schädlich, denn die hungrigen Proletarier ergreifen in der Verzweiflung jedes Mittel, und aus jedem Mittel sind sie imstande, sich ein Panier zu machen. Man ist in diesem Augenblick dort beim Äussersten angelangt; dort treibt der Hunger die Leute auf die Gasse, den Fourierismus aber hat man aus Geringschätzung vergessen. Und sogar der Cabetismus, der das Unsinnigste auf der Welt ist, erweckt bedeutend mehr Sympathien. Was aber uns anbelangt, Russland, Petersburg, so braucht man nur zwanzig Schritte auf der Strasse zu machen, um sich zu überzeugen, dass der Fourierismus auf unserem Boden nur bestehen könnte: entweder in den unaufgeschnittenen Blättern eines Buches, oder in einer weichen, sanftmütigen, träumerischen Seele, aber nicht anders als in der Form einer Idylle, oder wie etwa ein Poem in vierundzwanzig Gesängen. Der Fourierismus kann keinen ernstlichen Schaden bringen. Erstens, wenn er auch ein ernstlicher Schaden wäre, so wäre seine Ausbreitung allein schon eine Utopie, denn sie würde sich bis zur Unglaublichkeit langsam vollziehen. Um das System Fouriers vollkommen zu begreifen, muss man es studieren; das aber ist eine ganze Wissenschaft: man muss etwa ein Dutzend Bände durchlesen. Kann denn ein solches System populär werden? Vom Katheder herunter durch die Lehrer? Das aber ist physisch unmöglich, schon wegen des Umfanges der Fourierschen Lehre. Aber ich wiederhole, ein ernstlicher Schaden kann nach meiner Meinung durch das System Fouriers nicht entstehen, und wenn ein Fourierist Schaden bringt, so thut er es höchstens sich selbst, in der öffentlichen Meinung, bei denen, welche gesunden Menschenverstand besitzen; denn für mich ist die höchste Komik — eine niemandem nützliche Thätigkeit. Der Fourierismus aber und mit ihm jedes System des Westens sind für unseren Boden so unbrauchbar, unseren Umständen so entgegen, dem Charakter unserer Nation so fremd, andererseits aber so sehr eine Geburt des Westens, so sehr ein Produkt des dortigen abendländischen Standes der Dinge, in welchem die proletarische Frage um jeden Preis entschieden wird, dass der Fourierismus mit seiner eindringlichen Unvermeidlichkeit jetzt bei uns, wo es kein Proletariat gibt, höchst lächerlich, seine Thätigkeit die allerunnützeste, in ihren Folgen die allerkomischeste wäre. Dies ist es, warum ich nach meiner Mutmassung Petraschewsky für gescheiter halte und ihm niemals ernstlich zugetraut hätte, weiter als bis zu einer theoretischen Schätzung des Fourierschen Systems gegangen zu sein. Alles übrige war ich thatsächlich bereit, für einen Scherz zu halten. Der Fourierist ist ein unglücklicher, kein strafbarer Mensch — das ist meine Meinung. Endlich hat meiner Ansicht nach auch nicht ein Paradoxon, so viele ihrer auch gewesen seien, sich von selbst, aus eigenen Kräften halten können; so lehrt uns die Geschichte. Ein Beweis davon ist, dass in Frankreich im Verlaufe eines Jahres fast alle Systeme fielen, und zwar durch sich selbst fielen, sowie die Sache nur an die geringste Bekräftigung herankam. Alles dieses zusammenfassend, muss ich sagen, dass ich, wenn ich auch wüsste (was ich nicht weiss, ich wiederhole es noch einmal), dass Petraschewsky, vor keinerlei Spott zurückschreckend, sich noch immer um die Verbreitung des Fourierschen Systems bemühe, mich dennoch davon zurückhalten würde, ihn für schädlich, der Gesellschaft Schrecken bringend, zu bezeichnen. Erstens, in welcher Weise könnte Petraschewsky als Verbreiter des Fourierismus schädlich sein? Das geht über meine Begriffe; lächerlich, aber nicht schädlich. Dies ist meine Meinung. Und dies ist, was ich nach meinem Gewissen auf die mir gestellte Frage antworten kann. Endlich ist in mir noch eine Erwägung aufgetaucht, die ich nicht verschweigen kann, eine Erwägung rein menschlicher Natur, wie sie das Leben mit sich bringt. Ich habe lange die Überzeugung in mir getragen, dass Petraschewsky von einer gewissen Art von Eigenliebe ergriffen sei. Es war Eigenliebe, die ihn veranlasste, die Freitagsabende einzurichten, es war auch Eigenliebe, dass ihm die Freitage nicht überdrüssig wurden. Aus Eigenliebe schaffte er viele Bücher an und gefiel es ihm offenbar, dass man wisse, er besitze seltene Bücher. Übrigens ist das nicht mehr als eine persönliche Beobachtung von mir, eine Mutmassung, denn, ich wiederhole es, alles, was ich über Petraschewsky weiss, weiss ich unvollständig, nicht vollkommen, sondern nur nach Vermutungen über das, was ich gesehen und gehört habe.

Dieses meine Antwort, ich habe die Wahrheit gesprochen.

Theodor Dostojewsky.

Als endlich das Todesurteil, welches am 19. Dezember vom Kaiser unterschrieben worden war, verlesen wurde, war keiner unter ihnen, der Reue empfunden hätte. Sein persönliches Verhalten in dieser „längst vergangenen Geschichte“, sagt er in seinem „Tagebuche“, änderte sich erst viel später.

Die Zeit im Gefängnisse während der achtmonatlichen Untersuchungshaft verlief verhältnismässig günstig, was die äusseren Umstände betrifft. Er war im Alexejschen Ravelin der Festung eingeschlossen, durfte täglich auf eine Viertelstunde im kleinen Hofe allein, aber unter Bedeckung, spazieren gehen, in den letzten Monaten schreiben und lesen. Seine Gesundheit wurde merkwürdigerweise gerade in dieser Zeit fester. Sein ganzes Wesen war durch das Ereignis so erschüttert und nach innen gekehrt, dass er, der in der vorhergegangenen Zeit eine fast bis zum Wahnsinn gehende Ängstlichkeit und Hypochondrie bekundete, — derart, dass nach den Aussagen seines Bruders Andreas fast jede Nacht auf seinem Tischchen ein Zettel lag, worauf geschrieben stand: „heute kann ich in lethargischen Schlaf verfallen; nicht vor so und so viel Tagen begraben!“ — jede Angst und Sorge um sein Leben und seine Gesundheit verlor und schon dadurch widerstandsfähiger wurde. Seine innere Stimmung war zwar wechselnd, doch siegte über alles sein aus der unerschöpflichen Arbeitskraft quellender Lebensmut. So schreibt er an den Bruder am 18. Juli: „Ich bin durchaus nicht herabgestimmt .... manchmal fühlst du sogar, als seist du an dieses Leben schon gewöhnt und es sei alles eins ... aber ... ein anderes Mal stürmt das frühere Leben mit allen seinen Eindrücken förmlich in die Seele ein ... jetzt sind helle Tage, und es ist etwas freundlicher geworden ... auch habe ich Beschäftigung. Ich habe die Zeit nicht vergeudet, habe drei Erzählungen und zwei Romane ausgedacht; an einem derselben schreibe ich jetzt.“

Dieser „Roman“ war nach Dostojewskys späteren Aufzeichnungen die Erzählung „Ein kleiner Held“, welche in den „Vaterländischen Annalen“ anonym erschien, und zwar erst im Jahre 1857, also zu einer Zeit, da der Dichter noch nicht aus Sibirien zurückgekehrt war. Bruder Michael hatte das Manuskript eingereicht. Theodor Michailowitsch fügt seinen Aufzeichnungen die Notiz bei: (dort konnte man nur das Unschuldigste schreiben). Der Biograph O. Miller fügt hier hinzu, dass der Dichter bei aller Unschuld dieser Erzählung doch eine ihm sehr antipathische Figur aus dem Petraschewskyschen Kreise hineingeflochten habe, und führt eine sehr charakteristische Stelle aus dieser Personalbeschreibung an. Sie lautet: „Auf alles hat er eine fertige Phrase in Bereitschaft ... ganz besonders versehen sich diese Leute mit Phrasen, um ihre tiefe Sympathie für die Menschheit darzulegen ... endlich, um unumstösslich die Romantik zu geisseln, d. h. zum öfteren alles Schöne und Wahre, von welchem jedes Atom kostbarer ist, als ihre schleimige Polypen-Natur.“

Von der Untersuchungskommission ging die Angelegenheit in die Hände einer eigenen, im Namen des Kaisers amtierenden Gerichtskommission unter dem Vorsitz des Generals Perowsky, welcher beschliessen wollte, alle Angeklagten aus Mangel an Beweisen freizusprechen. Die Sache ging jedoch an das General-Auditoriat über, wo sie kriegsrechtlich behandelt wurde. Sie wurde also kraft der kriegsrechtlichen Gesetze in der Weise beendet, dass alle Angeklagten, mit Ausnahme eines einzigen, Palm, ohne Unterscheidung ihrer Schuld, ob sie nun die Aufhebung der Leibeigenschaft auf gesetzlichem Wege oder mit revolutionären Mitteln angestrebt hatten, ob sie überhaupt einen Umsturz der Staatsverfassung angestrebt, oder, wie Dostojewsky, einen Brief „voll frecher Ausdrücke gegen Kirche und Staat“ vorgelesen hatten — zum Tode durch Füsilieren verurteilt wurden.

Keiner der Angeklagten hatte indes Kenntnis davon, wann das Urteil verlesen werden würde. Am frühen Morgen des 22. Dezember — so erzählt O. Miller — bemerkten sie eine lebhaftere Bewegung am Korridor und ahnten, dass irgend etwas Ungewöhnliches vorgehe. Einer der Gefangenen, Speschnew, erzählte mit Genauigkeit, dass dies um 6 Uhr war, und um 7 Uhr setzte man sie auf die Wagen und führte sie fort. Nach den Worten Dostojewskys hatte man sie vorher dazu verhalten, ihre eigenen Gewänder anzuziehen, wozu sie unter Begleitung eines Aufsehers geschickt wurden. Speschnew, welcher nicht begreifen konnte, wohin man sie führe, vermutete, man wolle ihnen den Urteilsspruch vorlesen, da man sie aber kriegsrechtlich aburteilte, setzte er voraus, dies werde im Ordonnanzhause geschehen.

Indessen war die Fahrt eine sehr langwierige. Speschnew fragte unterwegs den Soldaten: „wohin führt man uns?“ Dieser antwortete: „Es ist nicht befohlen zu sagen“. Es war starker Frost und so konnte man durch die beeisten Fenster der Wagen nicht gut unterscheiden, auf welcher Strasse man fahre .... Um sich davon zu überzeugen, wohin er geführt werde, versuchte Speschnew mit dem Finger das Fensterglas durchsichtig zu machen, allein der Soldat sagte: „Thun Sie das nicht, sonst schlägt man mich“. Da verzichtete Speschnew darauf, seine so begreifliche Neugierde zu befriedigen. Es wurde schon oben gesagt, dass der Gedanke an die Todesstrafe ihnen gar nicht in den Sinn gekommen war. Sie dachten auch daran nicht, dass der Urteilsspruch, welcher gefällt und durch den Kaiser abgeändert worden war, ihnen nichtsdestoweniger vorgelesen werden würde, zum Zwecke, ihnen einen tiefen Eindruck, einen Schrecken zu verursachen. Aber da, nach einer ihnen endlos scheinenden Fahrt, brachte man sie auf den Semenowskyschen Platz und führte sie in einer gewissen Ordnung hinaus. Darauf führte man sie auf das Schaffot, und wie Theodor Michailowitsch erzählt, stellte man neun von ihnen auf eine und elf auf die andere Seite.

Ich ziehe es vor, hier Stellen aus dem Briefe einzufügen, den Dostojewsky selbst sofort nach der Urteilsverkündigung an den Bruder schreibt. Es giebt nichts Charakteristischeres als diese knappe Darlegung des erschütterndsten Augenblicks in seinem Leben. Sie lautet:

„Heute, den 22. Dezember, hat man uns auf den Semenowsky-Platz hinausgeführt, dort hat man uns allen das Todesurteil vorgelesen und das Kreuz zu umfassen gestattet, hat über unseren Häuptern die Degen zerbrochen und uns mit der Sterbetoilette (dem weissen Hemde) bekleidet. Darauf hat man drei von uns zur Vollstreckung des Todesurteils an den Pfahl gestellt. Ich stand als sechster in der Reihe; man rief je drei und drei heraus, folglich sollte ich in der zweiten Abteilung daran kommen, und es blieb mir nicht mehr als eine Minute zum Leben. Ich dachte an dich, Bruder, an alle die Deinen. Im letzten Augenblicke warst du, du allein in meinem Geiste gegenwärtig; da erst erkannte ich, — wie sehr ich dich liebe, teurer Bruder! Ich konnte auch noch Speschnew, Durow, die neben mir standen, umarmen und mich mit ihnen verabschieden. Endlich blies man Retraite, die an den Pfahl Gebundenen führte man zurück und las uns vor, dass Seine kaiserliche Majestät uns das Leben schenkt. Dann folgten die eigentlichen Verurteilungen. Der einzige Palm ist begnadigt und behält seinen Rang in der Armee.“

In wie künstlerischer Weise der Dichter diese Scene nach Jahren verwertet hat, können wir in der Erzählung des Idioten, im Roman dieses Namens ersehen.

Die Abänderung des Todesurteils in grössere und geringere Kerkerstrafen war schon früher eigenhändig vom Kaiser bei jedem einzelnen Urteile an den Rand des Blattes geschrieben worden. Umso grausamer muss uns diese Komödie erscheinen. Die für Dostojewsky vorgeschlagene Strafumwendung in achtjährige Zwangsarbeit wurde in eine vierjährige Frist mit nachträglicher Einreihung in den Liniendienst umgewandelt.

Wir lassen hier die betreffenden Dokumente folgen.

No. 522.

24. Dezember 1849.

An den Herrn General-Adjutanten
Graf Orloff.

Rapport.

Die in der Festung St. Petersburg inhaftiert gewesenen Verbrecher wurden: laut der von Seiner Majestät beschlossenen Urteilsbestätigung nach Auslöschung ihrer Namen auf der Arrestantenliste heutigen Datums, abends, abgefertigt: Durow, Dostojewsky und Jastrzembski in Ketten geschmiedet nach Tobolsk[5] in Begleitung des Lieutenants Prokofjew vom Feldjäger-Corps und dreier Gendarmen, Pleschtschjew nach Orenburg in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Leiter, und Achscharumow nach Cherson in Begleitung des Fähnrichs im Feldjäger-Corps Wierander mit je einem Gendarm, wovon ich die Ehre habe Euer Durchlaucht Mitteilung zu machen.

Der Festungs-Kommandant,
General-Adjutant Nabokow,
der Kollegien-Sekretär Wassiljitsch.

Das Dokument, welches dem Moskauer Adel die Verurteilung Dostojewskys und den Verlust aller bürgerlichen Rechte mitteilt, befindet sich in den Moskauer Adelsarchiven und lautet:

Archiv des Moskauer Adels.
Journal der Deputaten-Versammlung 1850, No. 92, b, Z II
(September 1850).

Verordnung des Herrn Ministers des Innern, folgenden Inhalts: Der dirigierende Senat ordnet, nach Entgegennahme des Rapports des Herrn Kriegsministers vom 23. Dezember des vorigen Jahres — enthaltend den von Seiner kaiserlichen Majestät bestätigten Bericht über die, durch das Kriegsgericht als Kriminal-Feldkriegsrat wegen verbrecherischer Absichten gegen die Obrigkeit laut Ukas vom 30. Dezember desselben Jahres verurteilten Verbrecher — hiermit an: dass, unbeschadet der erflossenen Bestimmung über den Abdruck des obenerwähnten Allerhöchsten Befehls in den Senatsberichten (w Senatskich wjedomostjach), die Adelsmarschälle (natschalnik gubernii) jener Gubernien davon in Kenntnis zu setzen sind, welchen die genannten Verbrecher zugehörten. Aus der Zahl dieser Personen wurden verurteilt: der nicht gedient habende Edelmann (dworjanin) Alexei Pleschtschjew und der verabschiedete Ingenieur-Lieutenant Theodor Dostojewsky, welche durch das General-Auditoriat zum Tode durch Füsilieren verurteilt worden waren. Jedoch hat der Kaiser (Gossudar Imperator) am 19. Dezember 1849 den allerhöchsten Befehl zu erteilen geruht, dass anstatt der Todesstrafe Pleschtschjew nach Verlust aller seiner Standesrechte als Gemeiner in das Orenburgsche Linien-Infanterie-Bataillon eingereiht, Dostojewsky aber, nach Verlust seiner Standesrechte, auf vier Jahre Zwangsarbeit auf die Festung geschickt und danach als Gemeiner in den Felddienst eingereiht werde.

Echt Dostojewskysch ist jene Stelle in seinem „Tagebuche eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873, wo er, auf diesen Tag zurückkommend, sagt: „Wir Petraschewzen standen auf dem Schaffot und hörten unser Todesurteil an, ohne die geringste Reue. Ich kann natürlich nicht für alle Zeugnis ablegen, allein ich denke mich nicht darin zu irren, dass damals, in jener Minute, wenn nicht alle, so doch mindestens die grosse Mehrzahl der Unseren es als eine Ehrlosigkeit betrachtet hätte, seine Überzeugung zu verleugnen .... Das Urteil, das uns zum Tode durch Füsilieren verurteilte, wurde uns durchaus nicht zum Scherz vorgelesen. Fast alle Verurteilten waren fest überzeugt, dass es vollstreckt werden würde, und verlebten mindestens zehn furchtbare Minuten der Todeserwartung. In diesen letzten Minuten stiegen manche von uns instinktiv in die Tiefe ihrer Seele hinab (ich weiss das bestimmt), und indem sie ihr noch so junges Leben in einem Augenblicke prüften, mochten sie wohl manch ein schweres Vergehen bereuen (von jenen, welche bei jedem Menschen sein ganzes Leben hindurch in den Tiefen des Gewissens ruhen); aber die Sache, um derentwillen wir verurteilt wurden, die Gedanken, die Anschauungen, welche in unserem Geiste walteten — sie stellten sich uns nicht nur als keine Reue herausfordernd dar, sondern sogar als etwas Reinigendes, als ein Märtyrertum, um dessentwillen uns vieles verziehen würde.“ Uns scheint diese klare Bezugnahme auf die „längstvergangene Geschichte“ ein sehr wichtiger Beleg für die Freiheit und Reinheit seiner „Umkehr“; denn hätte ihn Feigheit, Opportunität oder irgend eine Schwäche zu dieser sogenannten Umsattelung, die ihm die ehemaligen Parteigenossen und jüngeren Propagandisten vorwarfen, veranlasst, so würde er nicht nach 24 Jahren so kühn und frei seines überzeugten Handelns gedenken können. Ebenso frei spricht er sich direkt und später in allen seinen Werken in unzweideutiger Weise über seine Umkehr aus, am prägnantesten, wo er sagt: „Es ist uns recht geschehen mit dieser Verurteilung, sonst hätte uns das Volk verurteilt.“

Dieser Ausspruch bedürfte eines Kommentars, um von europäischen Lesern richtig aufgefasst zu werden, eines längeren und eingehenderen Kommentars, als unser Versuch einer Lebens-Erzählung rechtfertigen könnte, ja als er ihn leisten dürfte. Man muss als Ausländer mit Russland so vertraut sein, wie etwa Anatole Leroy-Beaulieu, um jene Beobachtungen historisch und psychologisch zu erhärten, welche auch dem „Gast auf eine Weile“ nicht entgehen und geeignet sind, dies Wort Dostojewskys zu erklären. Indessen müssen wir hier doch mit einigen Worten andeuten, welches Missverständnis die Anschauungen des Westens in die Beurteilung des russischen Volkes, in seine Wünsche für dasselbe hineintragen. Das Volk „mit dem ungeheuren Willen, mit dem ein Denker der Zukunft wird zu rechnen haben“, dieses Volk im Namen unserer verbrauchten Ideen, unserer Speisehaus-Ideale revolutionieren zu wollen, ist wirklich mehr als ein Verbrechen, es ist lächerlich. Ja, auch Reformen, einschneidende, im europäischen Sinne wahrhaft befreiende, Reformen von jener Stelle aus, die dem russischen Volke die heiligste ist, vom Kaiserthrone aus, würde es nicht verstehen, und einem Kaiser Josef auf dem Throne würde es einen passiven Widerstand leisten, der dräuender und gefährlicher wäre, als jede Revolution. Einmal, in Jahrhunderten vielleicht, wenn die breiten, schweren Massen zum Bewusstsein dieser „Kraft zu wollen“ kommen werden, nach einem Kulturwege, der ausser unserer Berechnung liegt (denn es ist höchst intelligent und beharrlich, ja hartnäckig daneben), da wird es seine eigene Revolution machen, seine Revolution innerhalb des Glaubens, und dem staunenden Europa etwas neues, erdfrisches als Frucht seiner Kultur in den Schoss werfen. Das Volk, von dem ein grosser Teil, bei aller kindlichen Liebe für sein Väterchen, den Zar für den Antichrist hält, und die vom Staate anerkannte Kirche für zu neu ansieht[6], ein solches Volk wurzelt in anderem Boden, als in dem verwitternden missverstandener Historien, und es bedarf heute und für alle Zeiten (das bedingt seine Lage) anderer Lebensquellen, als es deren, vom Wissen abgesehen, je bei uns finden könnte, Quellen, die es sich in seiner reichen Erde wird selbst auffinden müssen. Dann wird es wohl in ganz selbstverständlicher Weise in das Staatsleben eintreten und ein Wort mitsprechen bei der Entscheidung seines eigenen Geschickes.

Am besten beleuchten Thatsachen. Dass das russische Volk heute revolutionäre Bestrebungen auch wirklich richtet, beleuchtet unter anderem auch die Geschichte jenes Aufruhrs in Moskau im Jahre 1877, als man eine Partie Staatsgefangener von Kiew dahin brachte, um sie von da weiter an ihre Bestimmungsorte zu bringen. Die Moskauer Studenten vereinigten sich zu einer grossen Demonstration zu Gunsten der Gefangenen. Sie holten diese auf dem Bahnhofe ein und gaben ihnen das Geleite durch die Stadt. Als sie auf den grossen Marktplatz, den Ochotnyi rjad (alte Jägerzeile) kamen, da rottete sich das Marktvolk zusammen und fiel über die Studenten her. Es entstand ein blutiger Kampf, ein Gemetzel, das zwei Stunden währte, sich bis an den Abfahrts-Bahnhof hinzog und nur durch das Einschreiten der Polizei niedergeschlagen werden konnte. Die Moskauer Studenten, welche Dostojewskys „Tagebuch eines Schriftstellers“ kannten, wohl wussten, dass der Herausgeber dieses Blattes ein ehemaliger Student und „abgestrafter Staatsverbrecher“ sei, und volles Vertrauen in sein Urteil setzten, wandten sich mit der Bitte an ihn, er möge ihnen seine Anschauung über diese Sache in einem offenen Briefe mitteilen.

Was Dostojewsky den jungen Leuten in seinem Briefe aus Petersburg antwortet, ist zu charakteristisch, um nicht hier seine Stelle zu finden. Der Brief lautet:

„Petersburg, am 18. April 1878.

Sehr geehrte Herren Studenten.

Verzeihen Sie mir, dass ich Ihnen so lange nicht antwortete; ausser meinem thatsächlichen Unwohlsein haben auch andere Umstände meine Antwort verzögert. Ich wollte Ihnen durch einen offenen Brief in den Tagesblättern antworten; allein es zeigte sich plötzlich, dass das aus Gründen, welche nicht von mir abhängen, unmöglich sei, wenigstens dass es unmöglich sei, ihn gebührend ausführlich zu beantworten. Zweitens dachte ich: wenn ich Euch nur schriftlich antworte, was kann ich Euch da beantworten? Eure Fragen umfassen alles — unbedingt das ganze interne Leben Russlands. Also ein ganzes Buch schreiben? — eine profession de foi?

Ich habe mich endlich entschieden, Euch dieses kleine Briefchen zu schreiben, auf die Gefahr hin, Euch im höchsten Grade unverständlich zu sein. Das aber wäre mir sehr unangenehm.

Ihr schreibt mir: Am allernötigsten ist es für uns, die Frage zu lösen, inwieweit wir selbst, die Studenten, schuldig sind, was für Schlüsse sowohl die Gesellschaft, als auch wir selbst aus diesem Geschehnis ziehen sollen?

Des weiteren habt Ihr die wesentlichsten Züge in den Beziehungen der heutigen russischen Presse zur Jugend sehr richtig und genau gekennzeichnet. In unserer Presse herrscht ersichtlich ein Ton „vorbeugender herablassender Entschuldigung“ (Euch gegenüber, heisst das). Das ist sehr richtig; ein namentlich vorbeugender, für alle Fälle nach einer gewissen Schablone vorher zurecht gelegter, schon sehr abgegriffener Occasionston.

Und weiter schreibt Ihr: Es ist klar, wir haben von diesen Leuten nichts zu erwarten, welche von uns nichts erwarten, sondern sich abwenden, um ihr unwiderrufliches Urteil den „wilden Völkern“ zu künden (dikim narotam).

Dies ist vollkommen richtig, namentlich sie wenden sich ab, ja und sie haben (die Mehrzahl wenigstens) gar nichts mit Euch zu schaffen. Allein es giebt Leute, und derer nicht wenige, sowohl in der Presse, als in der Gesellschaft, welche der Gedanke niederdrückt, dass die Jugend sich vom Volk entfernt hat (das ist die Hauptsache und das erste) und dann, d. h. jetzt, auch von der Gesellschaft. So ist es auch. Sie lebt in Träumereien und abstrakt, geht fremden Lehren nach, will nichts in Russland wissen und bemüht sich, ihrerseits Russland zu lehren. Zuletzt aber, jetzt, ist sie unzweifelhaft irgend einer ganz aussen stehenden (wnjeschnej) führenden, politischen Partei in die Hände geraten, die mit der Jugend schon so gut wie gar nichts zu schaffen hat und sie nur als Material und panurgische Herde für ihre äusserlichen und besonderen Ziele benutzt. Denkt nicht das zu leugnen, meine Herren; es ist so.

Ihr fraget, meine geehrten Herren: „inwiefern Ihr selbst, die Studenten, schuldig seid?“ Hier meine Antwort: Ihr seid, meiner Meinung nach, in gar nichts schuldig. Ihr seid nur Kinder derselben Gesellschaft, die Ihr jetzt hinter Euch lasset und welche „eine Lüge nach allen Seiten“ ist. Aber indem er sich von ihr losreisst und sie hinter sich lässt, wendet sich unser Student nicht zum Volke, sondern irgendwohin ins Ausland, in den „Europäismus“, in das abstrakteste Reich eines niemals dagewesenen Kosmopoliten, und bricht auf diese Weise auch mit dem Volke, indem er es verachtet und verkennt, als richtiger Sohn jener Gesellschaft, von der er sich ebenfalls losgerissen hat. Indessen aber ruht im Volke unser ganzes Heil (das ist aber ein langwieriges Thema) ... die Losreissung aber vom Volke kann ebenfalls nicht strenge in das Schuldbuch der Jugend gesetzt werden. Wie sollte sie denn, ehe sie lebte, das Volk erdenken (dodumatsoja do nawka)?

Dabei aber ist das allerschlimmste, dass das Volk die Losreissung der intelligenten russischen Jugend gesehen und bemerkt hat; und das schlimmere dabei ist, dass es die von ihm bemerkten jungen Leute Studenten nennt. Es hat schon lange begonnen sie zu beachten, schon zu Anfang der 60er Jahre; darum hat all dieses Ins-Volk-gehen beim Volke selbst nur Widerwillen erweckt.

„Junge Herrchen“, sagt das Volk (diese Benennung kenne ich; ich garantiere es Euch, es nannte sie so). Dabei aber besteht im wesentlichen ja ein Irrtum auch von Seite des Volkes, weil es noch niemals bei uns, in unserem russischen Leben eine solche Epoche gegeben hat, da die Jugend (gleichsam ahnend, dass ganz Russland auf einem Wendepunkt, über einem Abgrund schwankend stehe) in ihrer ungeheueren Mehrzahl mehr als jetzt aufrichtig, reinen Herzens, mehr nach Wahrheit dürstend, mehr als jetzt bereit war, alles, sogar das Leben für die Wahrheit und das Wort der Wahrheit hinzugeben; die wirkliche, die echte grosse Hoffnung Russlands. Dies fühle ich schon lange und habe schon seit langem begonnen darüber zu schreiben. Da, plötzlich, was kommt heraus? Dieses Wort der Wahrheit, wonach die Jugend dürstet, das sucht sie weiss Gott wo, auf seltsamen Stätten (darin ebenfalls mit der angefaulten Gesellschaft, die sie erzeugte, zusammentreffend), aber nicht im Volke, nicht im Heimatsboden. Es endigt damit, dass in einem gegebenen Augenblicke weder die Jugend, noch die Gesellschaft das Volk kennen werden. Anstatt mit seinem Leben zu leben, gehen die jungen Leute, nichts im Volke kennend, sondern, im Gegenteil, seine Grundlagen tief verachtend, zum Beispiel den Glauben, in das Volk — nicht um es zu studieren, sondern um es zu lehren, von oben herab, mit Geringschätzung — ein rein aristokratischer Herrenstreich! „Junge Herrchen“, sagt das Volk und es hat recht. Seltsam: überall und immer sind die Demokraten fürs Volk gewesen; nur bei uns hat sich unser intelligenter russischer Demokratismus mit den Aristokraten gegen das Volk verbündet; sie gehen ins Volk, „um ihnen Gutes zu thun“, und verachten dabei seine Sitten und seine Grundlagen. Geringschätzung führt nicht zur Liebe!

Im vorigen Winter, in Kasan, beschimpft ein Haufen junger Leute den Tempel des Volkes, raucht darin Zigarretten, macht Skandal. „Höret, würde ich diesen Kasanern sagen (ja ich habe es auch einigen ins Gesicht gesagt), Ihr glaubt nicht an Gott, das ist Euere Sache; warum aber kränkt Ihr das Volk, indem Ihr seinen Tempel beschimpft? Und das Volk nannte sie noch einmal „Jungherrchen“ (Bartschenki) und, schlimmer als das, gab ihnen den Namen „Studenty“, obwohl viele Hebräer und Armenier darunter waren (die Demonstration war, wie es sich erwies, eine politische, von aussen hineingetragene). So hat, nach der That der Sassúlitsch, unser Volk abermals die Revolvermänner der Strasse „Studenten“ genannt. Das ist hässlich, wenn auch ohne Zweifel Studenten dabei waren. Hässlich ist es, dass das Volk sich schon merkt, dass Hass und Zwietracht begonnen haben. Nun, und jetzt nennt Ihr selbst, meine Herren, das Moskauer Volk „Fleischer“, sowie die ganze intelligente Presse sie nennt. Was heisst denn das? Warum gehören Fleischer nicht zum Volk? Das ist Volk, wirkliches Volk, auch Minin war ein Fleischer.[7] Die Entrüstung lodert nur über die Art auf, wie sich das Volk geäussert hat. Aber wisset, meine Herren, dass, wenn das Volk gekränkt wird, es sich immer so äussert. Es ist ungehobelt, es ist ein Bauer. Gerade hier lag die Lösung des Missverständnisses, allerdings eines alten, angehäuften Missverständnisses (was sie nicht merkten) zwischen dem Volke und der Gesellschaft, d. h. jenem Teile der Gesellschaft, der am hitzigsten und flinksten zu seiner Lösung ginge — der Jugend. Die Sache ging allzu hässlich und durchaus nicht so regelrecht, wie sie hätte ausgehen sollen; denn mit den Fäusten kann man nie und nirgends etwas beweisen. So aber war es immer und überall, in der ganzen Welt beim Volke. Das englische Volk setzt auf seinen meetings gar oft die Fäuste gegen seine Gegner in Aktion, und in der französischen Revolution brüllte das Volk vor Freude und tanzte vor der Guillotine, während sie thätig war. Das ist alles, das versteht sich, abscheulich. Allein das Faktum ist dieses, dass das Volk (das Volk und nicht nur die Fleischer; da giebt es kein Sichtrösten mit einem oder dem anderen Wörtchen) gegen die Jugend aufgestanden ist und sich die Studenten angemerkt hatte; andererseits aber ist das Elend das (und das ist bezeichnend), dass die Presse, die Gesellschaft und die Jugend sich dazu vereinigt haben, das Volk nicht zu erkennen (ne usnatj naroda): „das ist ja nicht Volk, das ist Pöbel!“

Meine Herren, wenn etwas in meinen Worten ist, das nicht mit Euch übereinstimmt, so werdet Ihr besser daran thun, nicht böse zu werden. Es giebt ohnedies des Kummers genug. In der verfaulten Gesellschaft ist Lüge nach allen Seiten. Allein kann sie sich nicht halten. Fest und mächtig ist nur das Volk; allein im Volk hat sich seit den letzten zwei Jahren eine Dissonanz mit uns (raslad) gezeigt. Unsere Sentimentalen haben, indem sie das Volk vom Zustande der Hörigkeit befreiten, mit Rührung daran gedacht, dass es nun auch sofort in ihre europäische Lüge eintreten werde, in die Aufklärung, wie sie es nannten. Aber das Volk hat sich selbständig gezeigt und, was die Hauptsache ist, es beginnt mit Bewusstsein die Lüge der oberen Schichten des russischen Lebens zu begreifen. Die Ereignisse der letzten zwei Jahre haben es erleuchtet und neu gestärkt. Aber es macht einen Unterschied nicht nur unter seinen Feinden, sondern auch unter seinen Freunden. Es kamen traurige, quälende Fakten, die herzliche, ehrliche Jugend ging, nach Wahrheit strebend, ins Volk, um seine Leiden zu erleichtern. Aber was geschieht? Das Volk treibt sie fort und anerkennt ihre redlichen Bemühungen nicht, weil diese Jugend das Volk nicht für das nimmt was es ist, seine Grundlagen hasst und geringschätzt und ihm Arzneien reicht, die in seinen Augen roh und sinnlos sind.

Bei uns hier in Petersburg geht es zu, der Teufel weiss wie. Unter der Jugend wird der Revolver gepredigt und herrscht die Überzeugung, dass die Obrigkeit sie fürchtet. Indem sie das Volk aber nach wie vor gering schätzen, halten sie es für gar nichts und merken nicht, dass dieses sie wenigstens nicht fürchtet und niemals den Kopf verlieren wird. Was dann, wenn weitere Zusammenstösse erfolgen? Wir leben in einer schweren Zeit, meine Herren!

Meine Herren! Ich habe Ihnen geschrieben, was ich konnte. Wenigstens antworte ich offen, wenn auch nicht vollständig auf Euere Frage: nach meiner Meinung sind nicht die Studenten schuldig; im Gegenteil, niemals ist unsere Jugend aufrichtiger und ehrlicher gewesen (was kein kleines Faktum, sondern ein wunderbares, grosses, ein historisches ist). Allein das Übel liegt darin, dass unsere Jugend die Lüge der ganzen zwei Jahrhunderte unserer Geschichte auf sich trägt. Es fehlt ihr folglich die Kraft, die Sache in ihrer Ganzheit zu untersuchen, und man kann ihr keine Schuld beimessen; um so weniger, wenn sie plötzlich selbst als parteiische (und schon beleidigte) Teilnehmerin der Sache aufgetaucht ist. Allein, wenn auch die Kraft fehlt, glücklich sei derjenige, glücklich diejenigen, denen es auch jetzt noch gelingt, den rechten Weg zu finden! Die Losreissung vom Milieu muss bei weitem stärker sein, als z. B. nach der socialistischen Lehre die Trennung der künftigen Gesellschaft von der heutigen. Stärker, denn um in das Volk zu gehen und mit ihm zu bleiben, dazu gehört vor allem, dass man verlerne es zu verachten, und das ist unserer oberen Gesellschaftsschicht bei ihren Beziehungen zum Volke fast unmöglich. Zweitens muss man zum Beispiel auch den Glauben an Gott gewinnen, und das ist nun schon endgiltig unserem Europäismus nicht möglich (obgleich man in Europa an Gott glaubt).

Ich grüsse Euch, meine Herren, und wenn Ihr es gestattet, so schüttele ich Euch die Hand. Wenn Ihr mir ein grosses Vergnügen machen wollt, so haltet mich um Gotteswillen nicht für irgend einen Lehrer oder Prediger von oben herab. Ihr habt mich herausgefordert, die Wahrheit nach meinem Herzen und Gewissen zu sagen: ich habe sie ausgesprochen, wie ich sie dachte, wie ich sie zu denken vermag. Es kann ja niemand mehr thun, als seine Kräfte und Fähigkeiten es erlauben.

Ganz der Ihre
Theodor Dostojewsky.

Der Gedanke an eine so lange Zeit der Zwangsarbeit muss für Dostojewsky anfangs etwas Furchtbares gehabt haben. Eine andere Stelle des oben zitierten ersten Briefes nach seiner Verurteilung, der leider in Verlust geraten ist und nur in einzelnen Abrissen im Jahre 1881 in einer Zeitschrift abgedruckt wurde, lautet: „Besser wär’s, 15 Jahre mit der Feder in der Hand in den Kasematten; der Kopf, welcher geschaffen hat, welcher ein höheres Leben der Kunst in sich getragen, welcher sich an die erhöhten Bedürfnisse des Geistes gewöhnt hatte, er ist mir jetzt schon von den Schultern geschlagen.“ Beim Abschied vom Bruder, wozu man ihnen eine halbe Stunde gestattet hatte, war er der Ruhigere von Beiden, wie ein Freund berichtet, und sagte zum Bruder: „Auch im Strafhaus sind nicht wilde Tiere, sondern Menschen, vielleicht bessere als ich, vielleicht würdigere als ich ... Ja, wir werden uns noch sehen, ich hoffe es, ich zweifle nicht daran ... Schreibt ihr mir nur und schickt mir Bücher, ich werde euch schon schreiben welche; man wird ja lesen können. (Dies war wohl eine fromme Lüge, um den Bruder zu trösten.) Wenn ich aber heraus komme, so fange ich zu schreiben an ... in diesen Monaten habe ich viel durchlebt, und was werde ich erst in der Zeit, die vor mir ist, sehen und durchleben! es wird genug Stoff zum schreiben geben“.

Über die Beschwerden des langwierigen Transports nach Sibirien bei vierziggradigem Frost, über erfrorene Hände und Füsse, einen bösen Ausschlag, welcher infolge der verpesteten Luft im Kasematten-Gefängnis auf des Dichters Gesicht und in seinem Munde herausgetreten war, über die Unmöglichkeit, auf diesem langen Leidenswege einen Schluck Thee zur Erwärmung zu beschaffen, über das Benehmen der Aufseher und Zugführer, die schmutzigen, finsteren, engen Räume, in denen sie mit allerlei schimpfenden und fluchenden Verbrechern auf den Etappen zusammengepfercht waren, davon erfahren wir nichts durch ihn selbst — erst viele Jahre später bezieht er sich auf diese Zeit in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“, und nur in seinem Buche „Memoiren aus einem Totenhause“ hat er diese Leidensgeschichte mit künstlerischer Vollendung, als die Erzählung einer dritten Person herausgearbeitet. Tolstoj nennt in einem Briefe dieses Buch „das beste, das bis nun in Russland geschrieben worden, Gogol nicht ausgenommen.“ Der Dichter wurde später in Russland oftmals aufgefordert, einige Kapitel aus diesem Buche in Gesellschaft vorzulesen. Er that es immer sehr ungern und lehnte es ab, wo es nur anging, weil es ihm peinlich war, dass man dies „als eine Anklage betrachten könnte“.

Von den oben erwähnten Mühsalen haben wir durch einen Leidensgenossen Kunde, J. L. Jastrzembski, welcher sehr eingehend über diese Erlebnisse berichtet hat. Er fügt das Bekenntnis hinzu, er habe schon in Petersburg gewisse Vorbereitungen getroffen, allen Qualen ein Ende zu machen, und sei fest entschlossen gewesen, dieses Vorhaben auszuführen. Die nähere Bekanntschaft mit Dostojewsky aber, sein sanftes Wesen, der stille, eindringliche Ton seiner Stimme habe so heilend auf ihn gewirkt, dass er seine selbstmörderischen Gedanken von da an für immer von sich gewiesen habe.

Eine Episode vom Etappenwege erwähnt Dostojewsky ausser in den „Memoiren aus einem Totenhause“ in seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ aus dem Jahre 1873 eingehender, weil sie einen sehr nachhaltigen Einfluss auf ihn ausgeübt hat. Es heisst da: „Als wir in Tobolsk in Erwartung einer nachkommenden Partie im Festungshofe sassen, erbaten sich die Frauen der Dezembristen (der Teilnehmer an der 1825 von Netschajew geleiteten Verschwörung) beim Gefängnis-Direktor die Erlaubnis, in seiner Wohnung eine Zusammenkunft mit uns zu veranstalten. (Es waren dies, nach den Worten Jastrzembskis, die Frauen Murawiew, Annenkow mit ihrer Tochter und von Wisin, welche den Sträflingen auch ein ausgesuchtes Mittagessen mit Weinen vorsetzten.) Da sahen wir also diese grossen Dulderinnen, welche ihren Gatten freiwillig nach Sibirien gefolgt waren ... Selbst in gar keine Schuld verwickelt, haben sie in langen 25 Jahren alles ertragen, was ihre verurteilten Gatten hatten ertragen müssen. Unser Beisammensein dauerte eine Stunde. Sie segneten uns zu unserem weiteren Weg, machten das Zeichen des Kreuzes über uns und beschenkten jeden von uns mit einem Evangelium — dem einzigen Buche, welches im Gefängnis erlaubt war. Vier Jahre hat es unter meinem Kopfkissen im Strafhaus gelegen. Ich habe darin gelesen, manchmal auch anderen daraus vorgelesen. Ich habe auch einen Sträfling aus diesem Buche lesen gelehrt.“

Wenn wir uns ein genaues Bild von dem äusseren Leben des Dichters während der vier Jahre der Zwangsarbeit machen wollen, müssen wir uns eben an die detaillierten Schilderungen halten, welche in den „Memoiren aus einem Totenhause“ niedergelegt sind. Sie sind bis in alle Einzelheiten so drastisch, so klar und zwingend, dass wir sofort wissen: all dies ist wirklich erlebt; dabei sind sie so vollendet künstlerisch und objektiv, ja fast feindesliebevoll herausgearbeitet, dass wir sofort empfinden, das ist eigenartig, es ist echt Dostojewskysch erlebt. Hier drängt sich uns Deutschen unwillkürlich eine Parallele auf, die sich wie ein Einwand geberdet. Wir denken an Fritz Reuters Schilderungen seiner siebenjährigen Festungszeit, eine Schilderung, die sich zum Humor erhebt, und sind geneigt, ein solches Fertigwerden mit schweren persönlichen Erlebnissen künstlerisch, ja ethisch höher zu stellen. Bei tieferer Fassung des Problems stellt sich die Sache jedoch durchaus anders dar. Ganz abgesehen davon, dass Fritz Reuter nur mit Seinesgleichen eingeschlossen war, Stunden des Alleinseins und wieder solche des Gedankenaustausches mit Gleichgesinnten hatte, während Dostojewsky mit ungefähr 200 Verbrechern aller Kategorien vom Falschspieler und Falschmünzer angefangen bis zum achtfachen Mörder in ununterbrochener Gemeinschaft lebte und während seiner vierjährigen Haft auch nicht eine Stunde des Alleinseins haben konnte, liegt im inneren Erleben des ähnlichen äusseren Schicksals ein grosser Unterschied. Dostojewsky erlebte alles intensiv, ganz subjektiv, aber doch eigentlich gleichsam unpersönlich; für die Menschheit und zu ihrem Wohle. Er war sich selbst ein Gefäss für die grosse Wahrheit, die ihm das Leben offenbarte, ein Brunnen, der diese Wahrheit unaufhörlich hervorsprudeln musste. Da ihm aber nun, wie wir in seinen Aufzeichnungen sehen, gerade in dieser schwersten Lebenszeit die grosse Wahrheit, seine und „seines Volkes Wahrheit“ durch diese Verbrecherwelt aufgegangen war, sich erst da deutlich formuliert hatte, was als Ahnung von Anbeginn in ihm gelegen und sich in den „Armen Leuten“ ausgesprochen hatte, so handelte es sich für ihn gerade von da an um den heiligsten Ernst seines Apostolats, und wir sehen ihn gerade von da an seine humoristische Ader versiegen lassen, im Vollgefühl dessen, dass der Humor für die grössten Aufgaben und Probleme nicht ausreicht. Ganz charakteristisch ist es jedoch, wie sich diese reiche Ader jedesmal zu Tage drängt, wo der schweren Nötigung, seinen Hörern in Wort und Bild die Wahrheit aufzuzwingen, gleichsam Genüge geschehen ist, und sich der alte Schalk kichernd zwischen den schweren Falten der Wirklichkeit hervorwagt. Es ist eben die unbesiegbare Kraft und Macht seines künstlerischen Reichtums, der immer wieder hervorbricht.

Die Herausgeber der „Materialien“, namentlich O. Miller, schöpften bei der Schilderung dieses Lebensabschnittes des Dichters aus der einzig authentischen Quelle, die wir oben anführten: den „Memoiren aus einem Totenhause“. Sie schöpfen das Richtige heraus, mit Wärme, Bewunderung, Ehrlichkeit und — Geschick. Denn es ist wohl nicht leicht, heute als Russe ein erlaubtes Buch zu schreiben, das die krasse Barbarei russischer Zustände hervorhebt, das dem Dulder zugleich und dem Peiniger „gerecht“ wird. Es ist dies umso schwerer, als der Biograph, sowie er sich an die künstlerische Objektivität seines Gewährsmannes hält, welcher hier Dostojewsky heisst, sich leicht an dem Gepeinigten versündigt, in dessen Ton er nicht einfallen, dessen Objektivität er nicht zur seinen machen kann noch darf. O. Miller hat sich bei Beginn seiner Schilderung, wie schon gesagt, mit Geschick aus der Schwierigkeit gezogen, und wir fügen hier die Stelle ein, welche gleichsam als Passepartout für alles Gräuliche und Qualvolle gelten kann, dem er in derselben doch Eingang verschaffen will. Er erzählt, Dostojewsky habe auf eine Anfrage vom Auslande eine biographische Skizze diktiert, wo es unter anderem heisst: „Die „Memoiren aus einem Totenhause“ sind von ganz Russland gelesen worden und werden bis auf den heutigen Tag sehr hoch geschätzt, obwohl die Gepflogenheiten und Sitten, welche in diesen Memoiren beschrieben wurden, in Russland schon lange abgeändert sind.“ „Theodor Michailowitsch“ — fährt O. Miller fort — „fand es für nötig, im Auslande auf diese Veränderungen hinzuweisen und sie hier mit allen jenen mannigfaltigen Änderungen in Verbindung zu bringen, die wir dem Kaiser Alexander Nikolajewitsch verdanken. Schon allein die Drucklegung der „Memoiren aus einem Totenhause“ wäre vor der Regierung Alexanders II. undenkbar gewesen. Eine mit vernichtendem Realismus ausgeführte Beschreibung eines eben erst unter den Stockstreichen hervorgekommenen Menschenrückens, wie ihn Dostojewsky im Festungshospital gesehen, konnte man nur unter einem Kaiser wagen, welcher die Stockschläge abgeschafft hatte.“ Nach diesem Eingange, welcher für uns die Konjektur offen lässt, wie weit die Gepflogenheiten einer willkürlichen Bureaukraten-Verwaltung und die Handhabung auch des mildesten Gesetzes durch rohe Subalterne heute noch diesem thatsächlich entspricht,[8] ist es dem Biographen möglich geworden, die furchtbaren Episoden dieses Gefängnislebens aus den Schilderungen der Memoiren herauszuheben und dadurch die Wunden schärfer, brennender zu zeigen, die sie dem Dichter schlugen, als dieser selbst es je gethan hätte.

Wir können auch hier den Aufzeichnungen O. Millers folgen, der zumeist des Dichters eigene Worte anführt.

„Ich erinnere mich deutlich daran — sagt Dostojewsky — dass mir vom ersten Schritte in diesem Leben das auffiel, dass ich darin gleichsam nichts Auffallendes, nichts Aussergewöhnliches, oder besser gesagt, nichts Unerwartetes finden konnte .... es schien mir, als sei es viel leichter im Gefängnis zu leben, als ich mir dies auf dem Wege dahin vorgestellt hatte. Selbst die Arbeit erschien mir nicht so schwer, nicht so zwangsarbeitsmässig, und erst ziemlich viel später kam ich darauf, dass die Schwere und Zwangsarbeitsmässigkeit dieser Arbeit nicht so sehr in ihrer Mühsal und Ununterbrochenheit liege, als darin, dass sie eine gezwungene, aufgenötigte, vom Stock dirigierte Arbeit war.“

„Zur zweiten Kategorie von Strafarbeitern, in welcher sich Dostojewsky befand, gehörten Arrestanten“ — fährt O. Miller fort —, „welche unter kriegsrechtlicher Aufsicht standen, und diese Kategorie war, nach seinen eigenen Worten, unvergleichlich schwerer und strenger gehalten, als die anderen zwei Arbeits-Abteilungen, nämlich die dritte, die beim Bau, und die erste, die in den Bergwerken arbeiteten. Diese Arbeit war nicht nur für die Edelleute schwer, sondern für alle Arrestanten, besonders darum, weil Kommando und Organisation ganz militärisch und denjenigen der Arrestanten-Rotten in Russland sehr ähnlich waren ... immer in Ketten, immer unter Bedeckung, immer unter Schloss und Riegel. In den zwei anderen Abteilungen aber war das nicht in solchem Masse durchgeführt ... die ersten drei Tage stellte man die Neuangekommenen noch nicht an die Arbeit; später aber hatten sie viel unter dem Vorwurf zu leiden — und das nicht von der Obrigkeit, sondern von den Gefährten, dass sie diesen nicht ordentlich zu helfen vermochten, da sie nicht so viel Kraft besassen als sie.“ „Was mich anbelangt, erwähnt Theodor Michailowitsch, so habe ich einen besonderen Umstand bemerkt: wo immer ich auch zugriff, um ihnen bei der Arbeit zu helfen, überall war ich ihnen im Wege, überall störte ich sie, überall jagten sie mich mit Thätlichkeiten davon.“ Nichtsdestoweniger fühlte er, dass die Arbeit ihn retten, seine Gesundheit, seinen Körper stärken könne. Die Hauptarbeit, zu welcher Dostojewsky verwendet wurde, war das Brennen und Stossen des Alabasters, was ihm eigentlich leicht erschien. „Eine andere Arbeit, zu der man mich beorderte,“ sagt er weiter, „war in der Werkstätte das Drehen des Schleifsteines; das war schon eine schwerere Sache, aber sie verschaffte eine vortreffliche Motion.“ Eine Arbeit, die er besonders zu verrichten liebte, war das Schneeschaufeln, wie denn überhaupt die Winterbeschäftigungen leichter waren als jene, die man im Sommer vornahm. Im Sommer musste man durch ungefähr zwei Monate täglich von dem Ufer des Irtisch bis zu dem etwa siebzig Klafter davon entfernten Bau einer neuen Kaserne über den Festungswall hinüber Ziegel tragen. „Diese Arbeit,“ sagt Dostojewsky, „gefiel mir sogar, obwohl der Strick, an dem man die Ziegel tragen musste, mir immer die Schultern wund rieb. Aber mir gefiel das, dass sich meine Kraft in der Arbeit augenscheinlich entwickelte.“ Anfangs war er nur imstande, acht Ziegel zu zwölf Pfund ein jeder, zu tragen, später aber brachte er es zu zwölf und fünfzehn. „Physische Kraft“, fährt er fort, „ist im Gefängnis nicht weniger nötig, als moralische, um alle materiellen Beschwerden dieses verfluchten Lebens zu ertragen.“

Die Kost, meint Dostojewsky, war erträglich, das Brot sogar in der Stadt geschätzt; dafür war die Kohlsuppe sehr dünn und wimmelte von Küchenschaben. Wer ein paar Groschen eigenes Geld haben und es vor Diebereien der Mitgefangenen oder der Konfiskation durch die Aufseher schützen konnte, war in der Lage, sich seine Kost durch kleine Beigaben von Thee usw. aufzubessern.

Wenn die unmittelbar Vorgesetzten den Edelleuten unter den Sträflingen, da sie von Haus aus von zarter Konstitution und verwöhnter waren, gewisse Erleichterungen verschaffen wollten, sie zum Beispiel als Schreiber in die Kanzleien kommandierten, so gab es so viele Kabalen, Intriguen und Angebereien ringsherum, dass eine solche Besserung ihres Loses niemals länger als Tage anhielt.

Das ganze erste Jahr seines Eingeschlossenseins war nach den Worten des Dichters das furchtbarste Jahr seines Lebens. Jene Wandlung, welche sich in ihm der Anlage seines Wesens nach einheitlich vollziehen sollte, nämlich das völlige Aufgehen in der Volksseele, ging nicht ohne bittere Schmerzen, Enttäuschungen und Demütigungen gerade von Seiten jener vor sich, die er ans Herz drücken wollte. Die gemeinen Verbrecher rechneten ihn, den Edelmann, wie sehr er sich auch zu ihnen gesellte, wie sehr er aller Lasten dieses „verfluchten Lebens“ mit ihnen gleich teilhaftig war, nicht zu den ihrigen, sie begegneten ihm mit Widerwillen, Misstrauen. Als er mit einigen anderen „Politischen“ sich ihnen einmal anlässlich einer allgemeinen Pretensija, das heisst Generalklage, wegen der schlechten Kost anschloss, so sagte einer von ihnen, der ihm etwas geneigter war: „ja warum schliesst Ihr Euch denn der Klage an? Ihr esst ja doch vom Eigenen?“ — „Ach mein Gott! auch unter Euch giebt es ja solche, die vom Eigenen essen und haben sich doch angeschlossen — nun und da mussten wir doch auch — aus Kameradschaft.“

„Ja, was seid Ihr denn für Kameraden?“ fragte er erstaunt.

„Ich dachte“, fährt der Dichter fort, „ob nicht irgend eine Ironie, ein Zorn, ein Spott in diesen Worten liege — aber nein, einfach: keine Kameradschaft, weiter nichts.“

Dass aber Dostojewsky diese Kameradschaft mit gemeinen Verbrechern angestrebt hat, kann uns nicht wundernehmen, wenn wir seine sich immer vertiefende Überzeugung von der Generalschuld der Menschheit bedenken, an der er seinen eigenen Anteil immer klarer empfand, jenes echt russische, doch ihm allein in so hohem Masse eigene Schuldgefühl, das jedoch mit der greisenhaften Askese Tolstojs ebensowenig gemein hat, als mit einem jener Zustände, die sich beim Katholiken dem Schuldgefühl anschliessen: entweder fanatische Härte gegen sich und andere, oder die schwelgerische Zerknirschung, welche sich mit dem Bekenntnis loskauft, um aufs neue in Schuld und Schuldgefühl zu schwelgen. Dostojewskys „Schuld an allem und an allen“, wie er sich ausdrückt, ruft zum Leben, zur Liebe und zur That auf — das ist die grosse Trennungslinie zwischen seinem, dem russischen, Christentum und jenem aller anderen Völker, die auf diesen Namen hören. Er musste es also schwer empfinden, wenn die „Unglücklichen“, wie er seine Brüder nennt, seine Kameradschaft nicht anerkennen wollten. Auch fand er anfangs Hindernisse in sich selbst. „Ich schloss die Augen,“ sagt er, „und wollte nicht schauen; unter den bösen und gehässigen Gefährten des Strafhauses bemerkte ich die guten nicht, die, welche fähig waren zu denken und zu fühlen, ungeachtet der höchst widerwärtigen Rinde, die sie von aussen bedeckte. Unter den bissigen Worten bemerkte ich manchmal gar nicht das freundliche, entgegenkommende Wort, das um so kostbarer war, als es ja ohne jegliche Absichten ausgesprochen, manchmal direkt aus einer Seele kam, welche vielleicht mehr gelitten und ertragen hatte, als ich.“

Später erst, je tiefer er sich in sich selbst versenkt hatte, gewahrte er immer mehr die anderen. „Du meinst,“ sagt er an anderer Stelle, „das sei ein Tier und kein Mensch ... plötzlich aber kommt zufällig eine Minute, da sich seine Seele unwillkürlich, durch etwas hingerissen, nach aussen offenbart, und du erblickst einen solchen Reichtum, ein solches Gefühl, ein Herz, ein so klares Begreifen eigener und fremder Leiden, dass dir förmlich die Augen aufgehen und du im ersten Augenblicke sogar deinen Augen und Ohren nicht traust.“ In seinem „Tagebuch eines Schriftstellers“ des Jahrgangs 1873 bespricht er immer noch diese Epoche seiner Wiedergeburt, seiner „Umwandlung“, wie er es nennt, seines Fortschreitens in der in ihm von Anbeginn gezeichneten Richtung, wie wir es nennen müssen. Für ihn wurzelt diese Umwandlung im unmittelbaren Kontakt mit dem Volke, in der brüderlichen Vereinigung mit ihm, im Gleichwerden mit ihm, ja mit seiner niedersten Stufe. „Dies vollzog sich nicht so schnell,“ sagte er, „sondern allmählich und nach einer sehr langen Zeit. Es wäre mir sehr schwer, die Geschichte meiner Wiedergeburt zu erzählen.“ — Doch hat er sie uns ja ausführlich in seinen „Memoiren aus einem Totenhause“ erzählt.

Sehr bezeichnend für sein rein demokratisches Verhalten ist auch ein Ausspruch aus seinen letzten Lebensjahren, den wir in seinem Notizbuche finden. Es heisst da: „Liebet das Volk, aber nicht indem ihr es zu euch erhebt, sondern indem ihr selbst zu ihm hinabsteigt.“

Dass Dostojewsky nicht nur theoretisch diese Lehre verfocht, sondern sie in jedem Detail gelebt hat, beweisen tausend kleine Episoden aus seinem Gefangenenleben — so die seltsame Freude, von einem vorübergehenden Mädchen die milde Gabe von einer Kopeke zugesteckt zu bekommen, die durchgekostete Erniedrigung, wenn die Sträflinge, wie immer, in Ketten geschmiedet und geschoren zur Messe geführt wurden und nur gedrängt vor der Kirchenthüre bleiben durften, wo sie vor der übrigen Gemeinde als Gebrandmarkte dastanden, gefürchtet, gemieden, als die allerniedersten Geschöpfe bemitleidet, wie er es wohl in der Kinderzeit mit den Leibeigenen gehalten hatte, die sich auf dem väterlichen Gütchen vor die Kirchenthüre drängten, während er als „Herrschaft“ im Betstuhle sass. Die Qualen rein physischer Natur, die er selbst ertragen oder andere ertragen sehen musste, namentlich solche, die sich mit Ekel verbanden, waren wohl schwerer hinzunehmen: das Schlafen auf den harten Pritschen, oft zu hundert in die dumpfigen Säle gedrängt, wo die Luft durch die hier angebrachten Nachtstühle verpestet war; das gräuliche Dampfbad, in das sie auf Kommando gepfercht wurden und worin sie in erstickendem Qualm und ohne sich eigentlich bewegen zu können, sich kunstvoll ihrer Wäsche entledigen mussten, natürlich auch ohne die an die Beine geschmiedeten Ketten zu lösen. Diese Prozedur erinnert lebhaft an die sogenannten Geduldspiele, wo man eine Stahlschlinge aus einer Stahlkette herausbringen soll, ohne den dadurch gebildeten Ring zu zerstören. Wollten die Sträflinge nach Monaten solcher Qualen ein wenig aufatmen, so nahmen sie ihre Zuflucht zur Krankenmeldung, weil sie im Hospital doch gewisse Erleichterungen, etwas mehr physische Ruhe und einen gewissen Scenenwechsel hatten. Hier aber erwartete sie der furchtbare Schlafrock. Sie mussten nämlich das durch Krankheit, Alter und alle Unreinlichkeiten früherer Häftlinge besudelte und übelriechende, nie gereinigte Krankengewand anlegen. Sie wussten das sehr wohl und meldeten sich dennoch dazu. Aber noch Schwereres mussten sie im Spital ertragen: den Anblick der halbtot Hineingeschleppten, welche eben die schweren Körperstrafen hatten erdulden müssen, 50 — 100 — 150 Stockschläge, unter denen sie mit zerbrochenen Gliedern und zerfetztem Fleische zusammengesunken waren. Der grausame Platz-Major, welcher zu jener Zeit im Strafhaus amtierte und bei jeder Gelegenheit wutbebend kreischte: „Ich bin euer Kaiser, ich bin euer Gott,“ er verhängte die schwersten Körperstrafen für den leisesten Widerspruch. So liess er einem der Edelleute 100 Rutenstreiche geben, weil dieser gesagt hatte: „Wir sind keine Vagabunden, sondern politische Gefangene.“ „Hun — dert — Strei — che, gleich diesen Augenblick!“ schrie in wahnsinniger Wut der „Gott“ des Strafhauses. Der „alte Mann“ (er war über fünfzig Jahre alt) legte sich ohne Widerrede unter die Rutenstreiche, biss sich die Zähne in die Hand und ertrug die Strafe, ohne einen Laut von sich zu geben oder sich zu rühren. Das imponierte den gemeinen Sträflingen überaus und sie begannen von da ab, ihn hochzuschätzen, obwohl er ein Edelmann und noch dazu ein Pole war. Auch das gefiel ihnen, dass er sofort nach der Rutenstrafe zum Gebet ging.

Dessenungeachtet hebt Dostojewsky ganz besonders hervor, dass die Wirtschaft dieses Platz-Majors ein vereinzelter Fall gewesen sei; „man kann ja auch an einen schlechten Menschen kommen,“ meint er. „Die anderen, höheren Vorgesetzten benahmen sich meist human; erstens,“ erläutert er, „sind sie selbst Edelleute, zweitens war es schon früher manchmal vorgekommen, dass einige von den Edelleuten unter den Sträflingen sich nicht unter die Rutenhiebe legten, sondern sich auf die Vollstrecker warfen, worauf dann entsetzliche Dinge entstanden.“

Dass ein solches Leben, die selbstgetragenen Beschwerden und das Beiwohnen solch unmenschlicher Züchtigungen Dostojewskys Gesundheit, die schon vorher nicht sehr stark gewesen war, untergraben musste, ist ganz klar, auch ohne die Annahme, dass er selbst körperliche Züchtigungen hätte müssen über sich ergehen lassen. Diese Annahme wurde von vielen ausgesprochen, und die Entwickelung seines schweren Nervenleidens, der Epilepsie, davon hergeleitet. Indessen erklären seine Freunde und Bekannten aus jener Zeit, dass er niemals einer körperlichen Züchtigung unterworfen worden sei, und finden im Zusehen und inneren Erleben einen ganz genügenden Grund für die Steigerung seiner psychisch-physischen Krankheit, welche er selbst übrigens lange nicht als das hatte erkennen wollen, was sie war.

IV.
Semipalatinsk.
(1854-59.)

Das letzte Jahr seiner vierjährigen Haft verlebte er in fieberhafter Aufregung. Er hatte schon einige Erleichterungen erlangt, durfte Bücher lesen, an seine Angehörigen schreiben usw. Dennoch konnte er im Sommer den Herbst, im Herbst den Winter kaum erwarten. Da er nämlich zur Winterzeit angekommen war, so konnte seine Freilassung auch nur zur selben Jahreszeit stattfinden. „Mit welcher Ungeduld,“ sagt er, „erwartete ich den Winter, mit welcher Wonne sah ich zu Ende des Sommers, wie das Blatt auf dem Baume verwelkt und das Gras der Steppe verbleicht!“ Die allerletzte Zeit aber war wieder eine sehr ruhige für ihn; je näher der Tag der Befreiung herankam, um so geduldiger wurde er. Die letzten Stunden seines Aufenthaltes in der Strafkaserne brachte er damit zu, noch einmal um das Gebäude herumzugehen und die Pfähle des Pallisadenzauns zu zählen, wie er in den ersten Tagen seiner Gefangenschaft an diesen Pfählen die Tage seiner Haft abgezählt hatte. Der Abschied von den Genossen war ein sehr verschiedenartiger. Die einen drückten ihm herzlich die Hand, einige sogar freundschaftlich und gerührt, aber doch wie einem „Herrn“, manche wendeten sich ab, um einem Abschied auszuweichen, andere wieder blickten ihm gehässig nach; auf dem Antlitz aller aber lag unverhohlen der Gedanke ausgedrückt — „von morgen an bist du nie unter uns gewesen.“

Orest Miller setzt in seinen „Materialien“ die Enthaftung Dostojewskys auf den 2. März 1854. Indessen geht aus den Dokumenten, welche uns in den Archiven der III. Abteilung bereitwilligst vorgelegt wurden, hervor, dass Durow und Dostojewsky laut Verordnung des General-Adjutanten Grafen Orloff an das Kriegsministerium vom 17. November 1853 (No. 1920) „am Tage ihrer Enthaftung, dem 23. Januar 1854, in die Truppen des sibirischen Corps eingeteilt werden sollen.“

Auch in Bezug auf die ersten Briefe des Dichters an seine Angehörigen sind die „Materialien“ noch nicht genügend informiert. Seit der Abfassung derselben, 1883, also zwei Jahre nach des Dichters Tode, haben sich mehrere Briefe teils in den Händen der Familie vorgefunden, welche auch schon teilweise in verschiedenen Blättern durch die Witwe veröffentlicht worden sind; so ein Brief vom 22. Februar und, da dieser unbeantwortet blieb, ein zweiter vom 27. März. (Michael hatte ihm, nach Aussage der Witwe, während der ganzen Strafzeit nicht geschrieben, sowie sich die ganze Familie, wohl aus Furcht „sich zu kompromittieren“, die ersten Jahre seiner Strafzeit wenig um ihn kümmerte.) Ferner haben wir, gleichfalls in den Archiven der III. Abteilung die Belege dafür gefunden, dass vom 16. März 1854 bis zum 11. September 1856 neunzehn Briefe Theodor Michailowitschs an seinen Bruder, seine Angehörigen und andere Personen durch das Corps-Kommando in Sibirien an den nunmehrigen Chef der kaiserlichen Kanzlei, Generallieutenant Dubelt, zur Beförderung an ihre Adresse übermittelt worden sind. Ob die Witwe des Dichters, welcher diese Daten mit uns zur Verfügung gestellt wurden, in ihrer unermüdlichen Arbeit, ihres Gatten Briefe und Manuskripte zu sammeln, in diesem Falle durch Erfolg belohnt werden wird, das wird die Zeit lehren. Der erste Brief nach der Enthaftung und Einreihung Dostojewskys (in das 7. Linien-Infanterie-Bataillon des sibirischen Corps), den wir kennen, ist vom 27. März 1854 an den Bruder datiert. Wir entnehmen ihm folgende Stellen:

„Ich eile Dir mitzuteilen, mein teurer Freund, dass ich Deinen Brief samt der Einlage von 50 Rubeln in Silber erhalten habe, wofür ich Dir herzlich danke. Ich wollte Dir auch gleich antworten, habe aber die Post versäumt. Verzeihe und strafe mich nicht dafür. Ich hoffe, mein Teurer, dass Du mir jetzt öfter schreiben wirst. Wisse, dass Deine Briefe mir ein wahrer Feiertag sind; darum: sei nicht faul! Wir haben einander ja so lange nichts geschrieben! Hast Du mir denn nicht schreiben können? Das ist für mich sehr seltsam und bitter. Vielleicht hast Du nicht selbst um die Erlaubnis gebeten; Briefe sind aber erlaubt, ich weiss das sicher. Übrigens wirst Du jetzt nicht meiner vergessen, nicht wahr?“ Nach einer warmen Nachfrage um die Angehörigen und ihre Kinder, deren er jedes beim Namen nennt, spricht er seine Freude darüber aus, dass der Bruder einen Erwerbszweig gefunden habe, der ihn beschäftigt. Michael Dostojewsky hatte nämlich kurz vorher eine Zigarretten-Fabrik errichtet, wovon Theodor durch die Annoncen Nachricht erhalten hatte. „Du hast Familie, ein Auskommen ist Dir unumgänglich nötig, verdiene es Dir, verstärke Deine Thätigkeit, wenn Du kannst. Mit einem Wort, lass nicht fallen, was Du begonnen hast.“

„Du gratulierst mir zu meinem Austritt aus dem Strafhause und es bekümmert Dich, dass ich im Hinblick auf meine schlechte Gesundheit nicht um die Einreihung in die eigentliche Armee ansuchen kann. Meine Gesundheit würde ich indessen nicht beachten, darin liegt es nicht. Aber habe ich denn ein Recht anzusuchen? Die Versetzung in die Armee ist eine Allerhöchste Gnade und hängt vom Willen des Kaisers selbst ab. Darum kann ich nicht selbst darum bitten. Wenn das nur von mir abhinge! Vorläufig lerne ich den Dienst, gehe zum Unterricht und rufe mir das Alte zurück. Meine Gesundheit ist ziemlich gut und hat sich in diesen zwei Monaten sehr gebessert; da sieht man, was es heisst, aus der Enge, der Stickluft und der schweren Unfreiheit herauskommen; das Klima ist ziemlich gesund. Hier beginnt schon die kirgisische Steppe. Die Stadt ist ziemlich gross und bevölkert, Asiaten giebt es eine Menge. Rings die offene Steppe. Der Sommer ist lang und heiss, der Winter ist kürzer als in Tobolsk und Omsk, aber streng. Von Vegetation keine Spur, kein Bäumchen — die nackte Steppe. Einige Werst von der Stadt entfernt ist ein Fichtenwäldchen, eins auf viele Dutzend, ja hunderte von Werst. Da ist immer nur Tanne, Fichte oder Silberweide, andere Bäume giebt es da nicht. — Wild die Menge. Es giebt einen ordentlichen Markt, aber die europäischen Waren sind so teuer, dass man nicht an sie heran kann. Einmal werde ich Dir detaillierter über Semipalatinsk schreiben; es lohnt die Mühe. Jetzt aber will ich Dich um Bücher bitten, schicke mir welche, Bruder — keine Zeitungen; aber schicke mir europäische Historiker, Ökonomisten, Kirchenväter, womöglich alle alten (Herodot, Thukydides, Tacitus, Plinius, Flavius, Plutarch und Diodor usw.; sie sind alle ins Französische übersetzt). Endlich den Koran und ein deutsches Lexikon. Natürlich nicht alles auf einmal, sondern was Du eben kannst. Schicke mir auch Pissarews Physik und irgend eine Physiologie (sei’s auch eine französische, wenn sie russisch zu teuer ist). Suche die billigsten und gedrängtesten Ausgaben aus. Nicht alles auf einmal, langsam nach einander. Auch für weniges werde ich Dir dankbar sein. Begreife, wie nötig mir diese geistige Nahrung ist! Übrigens brauche ich Dir ja nichts zu sagen. Lebe wohl, mein Teurer! Schreibe öfter. Um Gottes willen vergiss nicht

Deinen Th. Dostojewsky.“

Diese Briefe aus Sibirien, welche in dem Zeitraume von 1854-1859 geschrieben wurden, deren Mehrzahl, wie wir sahen, durch das Corps-Kommando und die Generaladjutantur ihren Weg an die Adressaten nahmen, geben uns dennoch einige Auskunft über des Dichters Stimmung, über sein gegenwärtiges Leben und seine Zukunftspläne. Der nächste Brief an den Bruder ist vom 30. Juli 1854 datiert. Er entschuldigt sich über sein langes Schweigen in folgender Weise: „Ich versichere Dir, mein Teurer, dass ich bis auf diesen Augenblick fast gar keine Zeit zum Schreiben hatte; und schliesslich, wenn es auch einige freiere Minuten gab, so verschob ich das Schreiben absichtlich auf eine günstigere Zeit, immer hoffend, dass diese bald kommen werde, denn ich wollte Dir nicht in Abrissen und in Eile schreiben. Du weisst natürlich oder kannst es ja erraten, womit ich jetzt beschäftigt bin. Exerzieren, Musterungen der Brigade- und Divisions-Kommandanten und Vorbereitungen dazu. Ich bin im März hierher gekommen (nach Semipalatinsk). Vom Liniendienst hatte ich so gut wie gar nichts gewusst, bin aber doch im Juli bei der Musterung in Reih und Glied gestanden und habe meine Sache nicht schlimmer gemacht als die anderen.“

Weiter schreibt er: „Wie fremd Dir auch all dieses sein möge, so denke ich doch, Du wirst begreifen, dass das Soldatenleben kein Spass ist, dass es mit all seinen Verpflichtungen kein leichtes ist, für einen Menschen mit meiner Gesundheit und einen, der alles dessen so entwöhnt ist .... Ich murre nicht, dies ist mein Kreuz und ich habe es verdient“. Im weiteren Verlauf des Briefes spricht er liebevoll von den Schwestern (beide hatten sich inzwischen vermählt), beschwört den Bruder, doch nicht auf Antwort zu warten, damit es nicht immer drei Monate dauere, ehe einer vom anderen Nachricht habe. „Jetzt kennst Du ja meine Beschäftigungen“, führt er fort, „andere Erlebnisse hat es nicht gegeben, als dienstliche äussere Lebensumwälzungen, besondere Vorfälle ebenfalls nicht. Die Seele aber, das Herz, den Geist — was gewachsen, was herangereift ist, was mit allem Unkraut hinausgeworfen worden, das kann man nicht auf einem Stückchen Papier sagen und wiedergeben“ .... Weiter berührt er seine Krankheit, über welche er, wie oben gesagt worden, noch immer nicht im klaren ist, und fährt fort: „Übrigens sei so freundlich und denke nicht, dass ich etwa so melancholisch und voller Bedenken bin, wie ich es in den letzten Jahren in Petersburg gewesen bin. Dies alles ist vollkommen vergangen, wie weggeblasen. Im übrigen ist alles von Gott und in Gottes Hand.“ Zum Schluss meint er, der Bruder, der ihn gefragt hatte, ob er Geld brauche, sei seine einzige Rettung, er solle aber nur dann schicken, wann er etwas habe; er beschwört ihn, bald zu schreiben, obwohl es traurig genug sei, nur brieflich mit einander zu leben, wenn man einander fünf Jahre nicht gesehen habe.

Der zweite der, von der Witwe des Dichters im März 1898 dem Redakteur der Monatsschrift „Niva“, Herrn R. J. Sementkowsky, zur Veröffentlichung übergebenen drei Briefe Dostojewskys, welche im Aprilhefte desselben Jahres erschienen sind, ist vom 21. August 1855 datiert. Auch in diesem spricht sich das furchtbare Heimweh und Gefühl der Vereinsamung aus, das uns in den vorhergehenden Briefen entgegentritt.

„Mein teurer Freund, mein lieber Bruder Mischa!“ — heisst es darin — „da ist nun schon eine sehr lange Zeit vergangen, und es ist auch nicht ein Zeilchen von Dir da, und ich beginne, nach meiner Gewohnheit, mich zu beunruhigen und zu härmen. Es wird offenbar so werden, wie im vorigen Sommer. Mein Lieber, wenn Du nur wüsstest, in welcher bitteren Einsamkeit ich mich hier befinde, so würdest Du mich wahrlich nicht so lange schmachten lassen und würdest nicht so lange verziehen, mir wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Weisst Du was? Mir kommt manchmal ein schwerer Gedanke. Mir scheint, die Zeit nimmt sich nach und nach das ihre; eine alte Anhänglichkeit ermattet und frühere Eindrücke verblassen und verwischen sich. Es scheint mir, dass Du anfängst, mich zu vergessen. Wie könnte man anders so lange Pausen zwischen Deinen Briefen erklären? Auf mich sei nicht böse, wenn ich selbst Dir manchmal lange Zeit nicht schreibe. Aber erstens schreibe ich immer öfter, zweitens aber schwöre ich Dir, dass manchmal sehr schwere Arbeiten zu leisten sind; da ermüde ich und — versäume die Post, welche hier nur einmal wöchentlich abgeht. Bei Dir ist’s etwas anderes. Wenn auch zum Beispiel thatsächlich nichts zu schreiben wäre, so schreibe wenigstens was immer, seien’s auch zwei Zeilen. Mir käme dann nicht der Gedanke, dass Du mich verlässest. Lieber Freund, als ich im Oktober des vorigen Jahres[9] ähnliche Klagen an Dich schrieb, da antwortetest Du, es sei Dir sehr peinlich, sehr schwer gewesen, sie zu lesen. Mein teurer Mischa! sei mir um Gottes willen nicht böse, bedenke, dass ich einsam bin, wie ein dahingeworfener Stein, — dass mein Charakter immer schwermütig, krankhaft, empfindlich war. Bedenke das alles und verzeihe mir, wenn meine Klagen ungerecht, meine Voraussetzungen dumm waren; ich bin ja selbst überzeugt, dass ich unrecht habe. Allein Du weisst: auch ein Zweifel von der Grösse eines Mohnkörnchens ist schwer zu ertragen, und ich habe ja niemand, der mich eines besseren belehren könnte, als Dich selbst.“

Nach eindringlichen Fragen nach des Bruders materiellen Zuständen, nach der Familie, spricht er die Sorge aus, ob denn der Erfolg des kaufmännischen Unternehmens Michaels durch genügenden Unterhalt der Familie das Opfer aufwiege, das dieser gebracht habe, indem er sich von der Litteratur, dem Staatsdienste und allen Beschäftigungen lossagte, die seinem Charakter angemessener waren. „Was soll ich Dir über mein Leben sagen?“ heisst es weiter. „Bei mir ist alles im alten, alles im gleichen und es hat sich seit meinem letzten Briefe fast nichts verändert. Ich lebe ganz still. Im Sommer ist der Dienst schwerer, sind Musterungen. Mit meiner Gesundheit kann ich mich nicht brüsten, lieber Freund; sie ist nicht ganz gut. Je älter man wird, um so schlimmer wird es. Wenn Du aber meinst, dass noch so viel reizbare Empfindlichkeit, so viel Einbildung aller Krankheiten in mir steckt, wie in Petersburg, so rede Dir das gefälligst aus; auch nicht eine Mahnung davon ist vorhanden, wie von vielem anderen, Gewesenen.“ Der Brief schliesst mit hundert Fragen nach Verwandten und Grüssen an sie und verstärkt unseren Eindruck davon, dass Theodor Michailowitsch, ganz abgesehen von seinem durch die Einsamkeit gesteigerten Gefühl für die Familie, vor allem seinem Bruder Michael unendlich mehr Wärme entgegenbringt, als ihm erwidert wird. Michaels ganzes Verhalten gegen ihn während der Jahre der Haft und der Abwesenheit, der Umstand, dass er, als die Geschäfte der Fabrik schlecht gingen, sofort wieder zur Litteratur griff, da der Bruder zurückkam und mit ihm und für ihn arbeitete, das alles bestärkt uns mindestens in der Annahme, dass Theodor nicht der Empfangende von beiden sein mochte, eine Annahme, die vom weiteren Lauf der Ereignisse nur bestätigt wird.

In diesem Jahre, 1855, traten neue Personen in des Dichters Leben ein, Personen, welchen es bestimmt war, ihm sehr nahe zu stehen. Dies sind erstens ein Baron Alexander Jegorowitsch Wrangel, mit dem ihn eine enge Freundschaft verbindet, was zu einem langjährigen, wenn auch oft stockenden Briefwechsel führte. Die zweite dieser Personen ist Marja Dmitrjewna Issajew, die in Sibirien lebende Witwe eines dort an Lungentuberkulose verstorbenen Beamten.

Über Wrangel spricht sich der Dichter in einem an Apollon Maikow gerichteten Briefe vom 18. Januar 1856 folgendermassen aus: „Diesen Brief wird Ihnen Alexander Gregorowitsch Wrangel übergeben, ein sehr junger Mensch (Wrangel musste damals 23 Jahre alt sein), mit vortrefflichen Eigenschaften der Seele und des Herzens, der direkt aus dem Lyceum nach Sibirien gekommen ist, mit dem edeln Vorsatze, das Land kennen zu lernen, nützlich zu sein usw. Er hat in Semipalatinsk gedient, wir haben einander getroffen und ich habe ihn sehr lieb gewonnen. Da ich Sie ganz besonders bitten werde, ihm Ihre Aufmerksamkeit zu schenken und womöglich näher mit ihm bekannt zu werden, so will ich Ihnen zwei Worte über seinen Charakter sagen: Ausserordentlich viel Güte, ein sanftes Herz, obwohl sein Äusseres einen gewissen Anschein von Unnahbarkeit trägt. Ich wünschte sehr, um seines Vorteils willen, dass Sie näher mit ihm bekannt würden. Der halb oder dreiviertel aristokratische, freiherrliche Kreis, in welchem er aufgewachsen ist, gefällt mir nicht ganz, ja ihm selbst auch nicht, denn er besitzt vortreffliche Eigenschaften, und doch ist vieles an ihm ersichtlich, was von alten Einflüssen zeugt. Wirken Sie auf ihn, wenn es möglich ist, er ist es wert. Er hat mir sehr viel Gutes gethan, allein ich liebe ihn nicht nur für das erwiesene Gute. Schliesslich noch eins: Er ist etwas argwöhnisch, sehr eindrucksfähig, manchmal versteckt und etwas ungleich in seinen Stimmungen. Wenn Sie mit ihm zusammen kommen, sprechen Sie mit ihm offen, gerade heraus, und holen Sie nicht weit aus.“

Dieser Jüngling scheint, nach dem Briefwechsel zu urteilen, sehr viel Gelegenheit gehabt zu haben, dem Dichter sowohl in Sibirien als in Russland nützlich zu werden. Er hat durch seine Verbindungen manchem Gesuch Dostojewskys bei den betreffenden Persönlichkeiten Eingang verschafft und so an vielen Erleichterungen mitgewirkt, welche dem Dichter mit der Zeit geworden sind. Auch scheint er diesem in eigenen intimen Angelegenheiten volles Vertrauen geschenkt und ihn in seinen, wie man leicht herausfühlen kann, schwierigen Familien- und Herzens-Angelegenheiten zu Rate gezogen zu haben. Eine der ersten gemeinsamen Angelegenheiten beider scheint die gewesen zu sein, eben jenem sterbenden Issajew und seinen Angehörigen mit kleinen Geldmitteln auszuhelfen, da sich diese Familie in bitterer Not befand. In einem Briefe an Wrangel vom 14. August 1855 berichtet ihm der Dichter vom Tode des „unglücklichen Issajew“, spricht über die traurige Lage seiner Witwe Maria Dmitrjewna und bittet ihn, dieser die unter ihnen verabredete Summe zu senden. An der Wärme im Ton dieses Briefes ist leicht ersichtlich, wie nahe diese Menschen seinem Herzen stehen. So schreibt er: „Er starb unter entsetzlichen Leiden, aber wunderschön, wie Gott geben möge, dass wir andern dahingehen. Er starb kraftvoll, seine Gattin und sein Kind segnend und nur um ihr Los besorgt. Die unglückliche Marja Dmitrjewna erzählt mir seinen Heimgang bis in die kleinsten Details. Sie schreibt, diese Details wieder hervorzurufen, sei ihr einziger Trost. In den furchtbarsten Qualen (er kämpfte zwei Tage mit dem Tode) rief er sie zu sich, umarmte sie und wiederholte unaufhörlich: „Was wird mit Dir geschehen, was wird mit Dir geschehen?“ Erinnern Sie sich an ihren kleinen Jungen, den Pascha? er ist vom Weinen und von der Verzweiflung ganz von Sinnen gekommen. Mitten in der Nacht springt er aus dem Bette, läuft zum Bilde, mit welchem ihn der Vater zwei Stunden vor seinem Tode gesegnet hat, fällt auf die Kniee und betet nach ihren Worten um die ewige Ruhe der dahingeschiedenen Seele. ... Man hat ihn ärmlich begraben, auf fremde Kosten (es fanden sich gute Leute), sie aber war ganz besinnungslos .... Jetzt schreibt sie, dass sie krank ist, den Schlaf verloren hat und keinen Bissen zu essen vermag ... sie hat gar nichts, ausser Schulden im Kaufladen, irgend jemand hat ihr drei Silberrubel geschickt. „Die Not hat mir die Hand hingestossen, es anzunehmen,“ schreibt sie, „und ich habe ... das Almosen angenommen!“ — Nun folgt eine eingehende Belehrung an Wrangel, in welcher Weise dieser der Witwe Issajew die verabredete Summe schicken solle, mit den feinsten Details einer ausgesuchten Delikatesse eingeleitet und motiviert.