SAMOAFAHRTEN von Dr. O. FINSCH.

SAMOAFAHRTEN.

REISEN IN KAISER WILHELMS-LAND

UND

ENGLISCH-NEU-GUINEA

IN DEN JAHREN 1884 U. 1885

AN BORD DES DEUTSCHEN DAMPFERS »SAMOA«

VON

Dr. OTTO FINSCH.


MIT 85 ABBILDUNGEN NACH ORIGINALSKIZZEN VON Dr. FINSCH, GEZEICHNET VON
M. HOFFMANN UND A. von ROESSLER, UND 6 KARTENSKIZZEN.


HIERZU EIN EINZELN KÄUFLICHER
»ETHNOLOGISCHER ATLAS, TYPEN AUS DER STEINZEIT NEU-GUINEAS«,
24 LITHOGR. TAFELN NACH ORIGINALEN GEZEICHNET VON O. UND E. FINSCH.
MIT TEXT VON Dr. O. FINSCH.

LEIPZIG,
FERDINAND HIRT & SOHN.
1888.

ALLE RECHTE VORBEHALTEN.


[Einleitung.]

Nur wenige Jahre sind es her, daß die früher vereinzelten Bestrebungen für Deutschlands Kolonialbesitz immer mehr Anhänger fanden und sich, in den verschiedensten Kreisen der Nation, wie in allen Teilen des Reichs, eine lebhafte und ernstgemeinte Bewegung dafür organisierte. Noch war es nicht ganz zu spät! Und als, wie auf ein gegebenes Zeichen, europäische Großmächte die letzten Reste sogenannten herrenlosen Landes zu verteilen begannen, da ging Deutschland nicht leer aus. Dank der hervorragenden Machtstellung durfte es seine Hand auf gewisse Gebiete legen, in denen der deutsche Handel längst Fuß gefaßt und eine zum Teil dominierende Stellung errungen hatte. Zu diesen Gebieten gehörte auch die Südsee, wo die Plantagen Samoas und zahlreiche Stationen auf meist herrenlosen Inseln beredtes Zeugnis von der Energie deutscher Kaufleute ablegten, die an gar manchen Plätzen im friedlichen Wettstreit der Konkurrenz Sieger geblieben waren und das Feld allein beherrschten. Aber bei dem besten Willen konnte der, mit sich selbst schon zur Genüge beschäftigte, Handel nicht auch zugleich für ausgedehnteren Kolonialerwerb sorgen, sondern mußte sich darauf beschränken, solchen mit anbahnen zu helfen. Wenn daher in dieser Richtung die Lösung der schwierigsten Aufgabe überhaupt versucht wurde, so ist dies vor allem einem Manne zu verdanken, der sich schon längst mit Plänen dafür beschäftigte, dem Geheimen Kommerzienrat Adolph von Hansemann in Berlin, und einigen Gleichgesinnten, die mit für das nationale Unternehmen eintraten.

Die Samoa.

Bald nach der Heimkehr von meiner fast vierjährigen Südseereise (Ende 1882) an den Vorarbeiten mitwirkend, wurde mir 1884 der ehrenvolle Auftrag, die inzwischen zur Reife gediehenen Pläne auszuführen, als Leiter einer ersten Untersuchungs-Expedition. Zu dem Zwecke war per Kabel in Sydney der britische Schraubendampfer »Sophia Ann« erworben worden, welcher unter der neuen Flagge den Namen »Samoa«[1] erhielt. Zur Führung desselben konnte ich einen erprobten Vertreter unserer Handelsmarine empfehlen, den Kapitän Eduard Dallmann aus Blumenthal bei Bremen, rühmlichst bekannt durch seine glücklichen Fahrten als Whaler im Pacific, wie in unbekannten Gewässern des arctischen und antarctischen Ozeans. Der vielerfahrene Schiffer bewährte auch auf diesen Reisen seinen alten Ruf, und wenn die »Samoa« mancherlei Fährlichkeiten, an riffreichen unbekannten Küsten, entging, so ist dies, wie die Erfolge der Expedition überhaupt, der geschickten und vorsichtigen Führung von Kpt. Dallmann zu danken[2]. Mit ihm langte ich am 29. Juli (1884) in der Hauptstadt von Neu-Süd-Wales an, wo unser erster Besuch natürlich der Samoa in Johnsons Bai galt. Da der Dampfer bisher Passagierdienst versehen hatte, mußten mancherlei Veränderungen vorgenommen werden, so daß wir erst am 11. September Sydney verlassen konnten. Nachdem wir zunächst Mioko, in der Herzog-York-Gruppe (Neu Lauenburg) erreicht und hier das schwer beladene Schiff von Vorräten erleichtert hatten, waren wir endlich so weit, um mit den eigentlichen Zwecken und Zielen der Expedition zu beginnen. Sie gipfelten in den folgenden Hauptpunkten: »Untersuchung der unbekannten oder weniger bekannten Küsten Neu Britanniens, sowie der Nordküste Neu Guineas bis zum 141. Meridian, um Häfen ausfindig zu machen, mit den Eingeborenen freundlichsten Verkehr anzuknüpfen und Land im weitesten Umfange zu erwerben«. Diesen, gewiß nicht ganz so leichten Aufgaben ist, soweit es Mittel und Umstände erlaubten, nach besten Kräften entsprochen worden. In Zeit von neun Monaten unternahmen wir sechs Reisen nach Neu Guinea, dampften längs des größten Teiles der Nord- und Südküste Neu Britanniens und besuchten Neu Irland vier mal. Von den nahezu tausend Meilen Küste, welche die Samoa, allein in Neu Guinea befuhr, gehörten nur 260 Meilen zu den besser bekannten. Aber eine fast ebenso lange noch unbekannte Strecke konnte als frei für Schiffahrt, für letztere außerdem sieben Häfen und ein schiffbarer Strom, nachgewiesen werden. Ausgedehnte Striche fruchtbaren Landes, für Kulturen, Viehzucht, wie Ansiedelung überhaupt geschickt, wurden aufgefunden, zum Teil gleich erworben und überall mit den Eingeborenen friedlicher und freundlicher Verkehr eröffnet. Als daher deutsche Kriegsschiffe Anfang November 1884 im Archipel von Neu Britannien im Namen Seiner Majestät des deutschen Kaisers die Reichsflagge hißten, konnten sie diesen feierlichen Akt auch gleich in Neu Guinea vollziehen. Die weitere Entwickelung ist bekannt. Wie zu erwarten, einigten sich Deutschland und Großbritannien über die Grenzen, und »Kaiser Wilhelms-Land« und der »Bismarck-Archipel« gingen laut Kaiserlichen Schutzbrief vom 17. Mai 1885 in die Verwaltung und den Besitz der »Neu Guinea Kompagnie« in Berlin über. Diese neuen Schutzgebiete, die später noch durch einige der westlichen Salomons-Inseln Zuwachs erhielten, umfassen (ohne die letzteren) ein Areal von 231,427 qkm (= 4203,13 d. g. ☐M.), repräsentieren daher ein respektables Besitztum, wenig kleiner als die alten Provinzen des Königreichs Preußen (ohne Schlesien).

ÜBERSICHTSKARTE VON OST-NEU-GUINEA & dem BISMARCK-ARCHIPEL.

Geograph. Anstalt von Wagner & Debes, Leipzig.

Die Erlebnisse der »Samoafahrten«, ihre Ergebnisse und Entdeckungen in zusammenhängender Form in Wort und Bild zu schildern ist der Zweck dieses Buches. Es wird, nach den unmittelbaren Eindrücken und Beobachtungen, wie ich sie an Ort und Stelle niederschrieb, ausgearbeitet zum erstenmale[3], über Land und Leute längs wenig bekannter, zum Teil neu erschlossener Küsten eingehendere Kunde bringen, und so manches Stück ernsten und heiteren Südseelebens kennen lehren. Die reiche illustrative Ausstattung, durchaus auf Grundlage eigener Aufnahmen beruhend, ist der besonderen Fürsorge des Herrn Verlegers zu danken, und wird gewiß willkommen sein. Wenn die Rekognoszierungsfahrten der Samoa somit wesentliche Lücken der Kenntnis Neu Guineas ausfüllen helfen und schon dadurch allgemeines Interesse bieten, so im besonderen für Deutschland, das bisher über die drittgrößte Insel der Welt und ihr dortiges Besitztum kein Originalwerk besaß.

Als ein weiterer Beitrag und zur Ergänzung des erzählenden Teiles ist ein ethnologischer Atlas beigegeben, welcher uns »Typen der Steinzeit« vorführt, jener hochinteressanten Periode, die auch in Neu-Guinea unaufhaltsam ihrem Ende entgegengeht. Denn überall, wo sich der Weiße dauernd festigt, verschwindet die Originalität der Eingeborenen. Durch eigene Erfahrung von dieser Thatsache überzeugt, bemühte ich mich, überall wo es anging, Belegstücke für die Wissenschaft zu sichern. Die »Samoafahrten« sind daher auch für die Völkerkunde ersprießlich geworden und führten u. A. dem Kön. Museum in Berlin[4] über 2000 Stücke zu. Die ausgewählten Typen des Atlas veranschaulichen Erzeugnisse, die für die Intelligenz, den Kunstfleiß und den Schönheitssinn der Papuas beredtes Zeugnis ablegen, und, in Anbetracht der geringen Hilfsmittel der Steinperiode, ganz besonderes Interesse, nicht selten Bewunderung verdienen.


[Inhaltsverzeichnis.]

Seite
Einleitung[5]
Erstes Kapitel.
Von Sydney nach Mioko[17]
Zweites Kapitel.
Astrolabe-Bai[28]
Drittes Kapitel.
Friedrich-Wilhelms-Hafen[70]
Viertes Kapitel.
Längs der Maclayküste[112]
Fünftes Kapitel.
Vom Mitrafels bis Finschhafen[136]
Sechstes Kapitel.
Englisches Gebiet[194]
I.Trobriand[205]
II.D'Entrecasteaux-Inseln[210]
III.Ostkap bis Mitrafels[230]
IV.Milne-Bai bis Teste-Insel[262]
Siebentes Kapitel.
Kaiser Wilhelmsland[288]
I.Längs der unbekannten Nordküste [288]
II.Humboldt-Bai und heimwärts[347]
Register[380]

[Verzeichnis der Illustrationen.]

Seite
1.Dr. Otto Finsch (Titelbild)
2.Die Samoa (Separatbild)[6]
3.Ausguck[17]
4.Frauen von Bongu (Astrolabe Bai)[40]
5.Häuser mit Barla in Bongu[46]
6.Telum Mul in Bongu[49]
7.Papuaschweine[52]
8.Papuahund[53]
9.Aufbruch zum Feste (Astrolabe-Bai)[55]
10.Aimaka, am Dschelum auf Bilibili[73]
11.Dschelum, Tabuhaus auf Bilibili (Separatbild)[74]
12.Krieger von Bilibili[76]
13.Töpferin auf Bilibili[82]
14.Handels-Kanu, von Bilibili[84]
15.Stutzer von Grager, Friedrich Wilhelms-Hafen[87]
16.Hansemann-Berge, aus Nordost[100]
17.Haus auf Tiar, Prinz Heinrich-Hafen[101]
18.Tabuplatz auf Tiar, Prinz Heinrich-Hafen[103]
19.Junges Mädchen, Friedrich Wilhelms-Hafen[108]
20.Terrassenland mit Basiliskschlucht, Maclayküste[122]
21.Kanzel und Bienenkorb, Maclayküste[126]
22.Festungshuk, Maclayküste[128]
23.Aufhissen der Reichsflagge in Mioko (Separatbild)[140]
24.Herkulesfluß, Herkules-Bai[146]
25.Mitrafels aus Nordwest[151]
26.Adolphshafen mit Ottilienberg[153]
27.Mann von Parsihuk, Huon-Golf[155]
28.Häuptlings-Haar, Huon-Golf[157]
29.Finschhafen aus Süd[161]
30.Moru in Finschhafen (Separatbild)[162]
31.Haus mit Grab (Vorderseite), Finschhafen[173]
32.Haus (Rückseite), Finschhafen[174]
33.Gabiang (Vorderseite), Holzfigur in Ssuam[175]
34.Gabiang (Rückseite), Holzfigur in Ssuam[176]
35.Im Dorf Ssuam, Finschhafen (Separatbild)[176]
36.Scheinangriff, Finschhafen[178]
37.Häuptling von Finschhafen[179]
38.Kanu von Weihnachtsbucht, Normanby[214]
39.Häuser in Weihnachtsbucht, Normanby[217]
40.Kanuhaus auf Goulvain, Dawsonstraße[224]
41.Häuser auf Fergusson-Insel[227]
42.Ostkap aus Nordwest[231]
43.Catamarans (Ostkap)[232]
44.Junger Mann von Bentley-Bai[235]
45.Haus in Bentley-Bai[237]
46.Fingerspitze, Chads-Bai[241]
47.Drachenfels in Bartle-Bai[244]
48.Pyramidenhügel in Goodenough-Bai[245]
49.Kap Vogel aus Süd[248]
50.Trafalgar-Berg (bei Kap Nelson)[249]
51.Familienhaus in Hihiaura, (bei Ostkap) (Separatbild)[250]
52.Station Blumenthal, (bei Ostkap)[256]
53.Missionsstation Aroani, Killerton-Inseln (Separatbild)[262]
54.Vor der Kirche Aroani (Separatbild)[266]
55.Kirärauchen, Dinner-Insel (Samarai)[268]
56.Baumhaus in Milne-Bai[272]
57.Tätowierte Frau von Rogia (Heath-Insel)[278]
58.Glockenfels[279]
59.Häuser und Grab auf Teste-Insel[280]
60.Junges Mädchen von Teste-Insel[283]
61.Junger Mann von Teste-Insel[283]
62.Aufgezeichnete Tätowierung, Teste-Insel[284]
63.Mann im Kanu, Venushuk[292]
64.Bewohner der Hansemannküste (Hammacherfluß)[299]
65.Häuptling vom Caprivifluß[302]
66.Kopfbedeckung in Dallmannhafen[306]
67.Haus in Gaußbucht[308]
68.Tabuhaus in Rabun, Gaußbucht[310]
69.Mann von Guap-Insel[317]
70.Auf Palmblättern in See (Tagai)[323]
71.Haartracht eines Häuptlings von Tagai[325]
72.Gefesseltes Schwein[327]
73.Langenburg-Spitze, Torricelli-Gebirge[329]
74.Eingeborener von Massilia, Finschküste[333]
75.Ziernarben[334]
76.Kap Concordia und Berg Bougainville[335]
77.Krieger von Angriffshafen[337]
78.Auf Baumwurzeln am Sechstroh[344]
79.Einfahrt in Humboldt-Bai, aus Ost[349]
80.Pfahldorf Tobadi, Humboldt-Bai (Separatbild)[352]
81.Damen von Humboldt-Bai[354]
82.Tabuhaus in Tobadi (Separatbild)[358]
83.Tätowierte Frau, Humboldt-Bai[362]
84.Insel Blosseville aus West[365]
85.Hansa-Vulkan aus West (Separatbild)[366]

[Karten.]

1. Übersichtskarte von Neu-Guinea und dem Bismarck-Archipel [8]
2. Astrolabe-Bai und Maclayküste [30]
3. Friedrich Wilhelm- und Prinz Heinrich-Hafen [93]
4. Kartenskizze vom Huon-Golf [143]
5. Finschhafen [163]
6. Nordküste von Kaiser Wilhelms-Land [290]

Abbildungen des Ethnologischen Atlas:
»Typen aus der Steinzeit Neu-Guineas«.

TafelFig.
I1–8.Steingerät (Äxte und Axtklingen).
II1–3.Häuser (Grundrisse).
III1–4.Hausgerät (Kopfstütze, Haken, Schüsseln).
IV1–10.Töpferei (Töpfe, Töpfebrennen, Werkzeuge).
V1–8.Verschiedenes Gerät (Kalkkalebasse, Spatel, Schaber).
VI1–8.Kanus (Konstruktion, Ruder).
VII1–9. " (Schnitzerei, Verzierungen).
VIII1–10. " (Segel, Mastverzierungen).
IX1–9.Fischereigerät (Falle, Haken, Schwimmer).
X1–4.Strickereien (Tragbeutel und Muster).
XI1–7.Waffen (Speerspitzen, Wurfstock, Keulen, Dolch).
XII1–2. " (Schilde).
XIII1–5.Musikinstrumente (Trommeln, Flöte).
XIV1–4.Masken (und Amuletmasken).
XV1–8.Tabu (geschnitzte Figuren, sogenannte »Götzen«).
XVI1–9.Bekleidung (Tapabinden von Männern, Grasröcke für Frauen).
XVII1–8.Schmuck (Kämme, Haarbinden, Ohrringe).
XVIII1–5. " (Haarkörbchen, Kniebinde, Armbänder).
XIX1–4. " (Gravierungen von Schildpatt- und Muschelarmbändern).
XX1–8. " (für die Nase).
XXI1–5. " (für Hals und Brust).
XXII1–6. " (Brust-Kampfschmuck).
XXIII1–2. " ( " " ).
XXIV1–8. " (Leibschnüre).

☛ Dieser Atlas ist gebunden in Halbfranz zum
Preise von 16 M. einzeln käuflich. ☚


[Erstes Kapitel.]
Von Sydney nach Mioko.

Abreise von Sydney. — Schlechter Willkomm in See. — Tierleben. — Schwalbensturmvogel. — Der ausdauerndste Flieger. — Temperaturveränderungen. — Mioko. — Ralum-Plantation. — Handel im Bismarck-Archipel. — Traderstationen. — »Labourtrade«. — Massacres. — Kopra. — Handelsflotte. — Rückschritte der Eingeborenen.

Ausguck.

Es war fast dunkel geworden, als wir aus dem gewaltigen und imposanten Felsenthor des Sydney-Hafens, den »Heads«, in den »Stillen Ozean« eintraten, der sich indes gar nicht still zeigte. Mächtige Wogenberge, deren weiße Schaumköpfe, auch im Zwielicht erkennbar, unheimlich leuchteten, empfingen den kleinen Wagehals Samoa recht unwirsch, als wollten sie ihm den Garaus machen. Welle über Welle ergoß sich über das ohnehin fast zu schwer beladene Schiff, dessen Deck schon bei ruhiger See den Wasserspiegel kaum sechs Fuß überragte und fast fortwährend überschwemmt wurde. Oft schien das Schiff mehr unter als über Wasser zu gehen. Unsere Schafe mußten in der kleinen Kajüte untergebracht werden, um sie vor dem Schicksal der Insassen des Hühnerkastens, dem Ertrinken, und für die Tafel zu retten. In der Kajüte selbst ging es drüber und drunter: überall Bewegung und Geklapper! Waffen und andere an den Wänden aufgehängte, aber noch nicht seeklar befestigte Gegenstände pendelten hin und her, Schubladen öffneten und entleerten ihren Inhalt von selbst, ja schwere Kisten tanzten lustig von einer Seite zur anderen, kurzum es war eine heillose Wirtschaft.

Da hatte ich denn alle Hände voll zu thun, um wenigstens den Inhalt der Pantry, Porzellan und Glas, vor völligem Untergange zu sichern, denn unser Steward lag hilflos an der Seekrankheit danieder, und die übrige Mannschaft hatte andere, wichtigere Dinge zu thun. Es stellte sich nämlich heraus, daß die Luke zur Maschine nicht dicht hielt und jede Welle diesem Raum Wasser zuführte, das selbst durch angestrengtes Pumpen sich nicht verminderte, weil die letzteren verstopft, ihren Dienst versagten. Da mußten denn Eimer zu Hilfe genommen werden, bis es nach achtzehnstündiger harter Arbeit gelang, des Wassers im Raume Herr zu werden.

Im übrigen verlief die Reise ohne besondere Zufälle in gewohnter Einförmigkeit des Seelebens und der See selbst, die wie ich schon aus Erfahrung wußte, in diesen Breiten wenig bietet und je näher dem Äquator immer ärmer wird. Vergebens späht man nach Waltieren und ist schon zufrieden, wenn gelegentlich Scharen lustiger Delphine das Schiff eine Zeitlang umspielen, oder fliegende Fische ihr Element verlassen, um nach kurzer Luftreise wieder in dasselbe einzutauchen.

Am häufigsten zeigte sich noch die Vogelwelt; aber auch von ihr ließ sich oft einen ganzen Tag lang kaum ein Vertreter sehen. Albatrosse, die charakteristischen Erscheinungen des südlichen Halbrunds, welche in drei Arten (Diomedea melanophrys, culminata und exulans) noch außerhalb Sydney-Hafens das Meer belebten, waren immer seltener geworden und verließen uns mit etwa dem 25. Breitengrade Süd ganz. Dunkle Meerschwalben (Sterna fuliginosa) und Noddies (Anous stolidus), von welchen einzelne der letzteren zuweilen nächtlich auf den Schiffsmasten einen Ruheplatz suchten, waren im ganzen nicht häufig, wie Tropikvögel, jene charakteristischen Vogelgestalten der Meere zwischen den Wendekreisen. Wir hatten den des Steinbocks längst passiert ohne einen Tropikvogel gesehen zu haben, und erst unterm 12. Breitengrade wurde ein einzelner (Phaëton aethereus) beobachtet, der wie fast immer durch seine eigentümlichen kreischenden Stimmlaute die Aufmerksamkeit erregte. Aus der artenreichen Familie der Sturmvögel (Procellariidae) ließ sich nur selten ein Puffinus oder Tauchersturmvogel blicken, der, meist in weiter Ferne einsam über die Wogen streifte, bald in einem Wogenthale verschwindend, bald über dem Scheitel der Welle schwebend, dieselben gleichsam mähend, wie dies der englische Name »shearwater« so treffend bezeichnet. Nur einer der kleinsten Vertreter der Familie, ein Schwalbensturm- oder Petersvögelchen (engl. Petrel) blieb der fast stete Begleiter des Schiffes, und wenigstens einige Pärchen desselben konnte man immer im Kielwasser beobachten. Es war dies die weit über die Südsee verbreitete Thalassidroma grallaria, ein kaum stargroßes, dunkelgefärbtes Vögelchen, eine gar liebliche Erscheinung jener ozeanen Breiten. Mit ausgebreiteten Flügeln, fast ohne dieselben zu bewegen, schweben diese Vögel so nahe über der Woge, daß sie auf derselben scheinbar hüpfen und man sie jeden Augenblick erfaßt glaubt. Aber nur zuweilen berühren die Zehenspitzen der ausgestreckten Ständer das Wasser, während die Flügel demselben stets mit bewundernswerter Geschicklichkeit auszuweichen wissen. Ja, diese Sturmvögelchen tragen die Beziehung zum Namen »Schwalbe« mit Recht. Denn ähneln sie den letzteren auch nur scheinbar in der Form ihrer Flugwerkzeuge, so übertreffen sie dieselben doch noch bedeutend in Flugkraft und Ausdauer. Nie, so oft ich auch früher und später Gelegenheit hatte, diese Vöglein zu beobachten, nie sah ich sie ausruhen, stets waren sie lebendig und je mehr die See unruhig, um so lebhafter, ja soweit die einbrechende Dunkelheit dem Auge zu sehen erlaubte, immer noch erschaute es die lieblichen Gestalten über die Wogen hüpfend. Ich wüßte in der That keinen Vogel, der sich in Ausdauer des Flugvermögens mit diesem zu messen vermöchte, denn selbst der gewaltige Albatross scheint ihm gegenüber ein Stümper. Und von was nähren sich diese kleinen Ozeanbewohner? Zwar versammeln sie sich an über Bord geworfenen Küchenresten, aber nie sah ich sie wirklich mit dem Schnäbelchen etwas aufpicken, und Exemplare selbst erhielt ich nicht. Wer wollte auch diesen trauten Begleitern über das unendliche Wogenmeer des Ozeans ein Leid anthun? Sind sie es doch, die in die Meeresöde wenigstens einiges Leben bringen und deren bewundernswerten Spielen man nicht müde wird zuzuschauen.

Die angenehme bekömmliche Temperatur des australischen Winters hatte sich allmählich geändert und die Tropen fingen an, sich bemerkbar zu machen. Unterm 25. Grade (südlicher Breite) zeigte das Thermometer in der Kabine noch 15° Reaum.; drei Tage später war es schon um 4 Grad gestiegen und nach weiteren fünf Tagen um 6 Grad mehr, so daß es in der kleinen Kajüte recht ungemütlich warm wurde. Wir kamen eben immer tiefer in die Tropen hinein, und bald zeigten sich die mir wohlbekannten Landmarken unseres Reisezieles: zuerst die hohen in Wolken gehüllten Berge der Südspitze Neu-Irlands, später Neu-Britannien mit dem Berg Beautemps-Beaupré, der Südtochter und Mutter. Wir waren somit im St. Georgs-Kanal, der breiten Meeresstraße, welche die beiden Hauptinseln des Bismarck-Archipel, Neu-Britannien und Neu-Irland, oder wie sie jetzt heißen: Neu-Pommern und Neu-Mecklenburg, trennt, und näherten uns dem ersten Haltepunkte, der Insel Mioko. Am fünfzehnten Tage ihrer Abreise von Sydney ging die Samoa hier glücklich zu Anker und hatte mit dieser ersten Reise von ca. 2000 Meilen[5] zwar ihre Seetüchtigkeit bewiesen, zugleich aber auch, daß sie kein solcher Schnelldampfer war, wie sie nach dem Certifikat sein sollte und wie es für ein Expeditionsschiff zu wünschen gewesen wäre. Statt der angeblichen 11 Meilen in der Stunde waren im günstigsten Falle mit Dampf und Segeln zusammen kaum acht erzielt worden, aber immerhin kamen wir, auch bei ungünstigen Verhältnissen, vorwärts, wenn auch langsam. Solche ungünstige Verhältnisse bietet gerade der St. Georgs-Kanal sehr häufig in Windstillen und Strom, welche Segelschiffe hier zuweilen über Gebühr zurückhalten. So brauchte z. B. das deutsche Schiff »Sophie« von Sydney bis zum Kap St. George, der Südspitze Neu-Irlands, nur 18 Tage, von hier bis Mioko, eine Strecke, die nur 45 Meilen beträgt und die wir mit der Samoa schlimmsten Falls in 8 Stunden zurücklegten, 21, schreibe einundzwanzig Tage! Anderen Schiffen erging es noch schlechter! Die Bark »Etienne«[6] kreuzte Ende 1877 30 Tage im Kanal und ein Schuner mußte schließlich wieder nach Mioko zurückkehren, weil der Proviant zu Ende ging.

Mioko ist eine der kleineren Inseln von den dreizehn, welche die Herzog York-Gruppe, neuerdings »Neu-Lauenburg« umgetauft, bilden und kaum mehr als einen Quadratkilometer groß, aber wegen seines trefflichen Hafens wichtig. Es hatte sich seit meinem letzten Hiersein, kaum zwei und ein halbes Jahr her, gar manches verändert. Ich vermißte zunächst die frühere Godeffroysche Station an der gewohnten Stelle; kaum daß sich noch erkennen ließ, wo die Häuser gestanden. Die letzteren waren mit der früheren Station des Engländers Thomas Farrell vereint von der »Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südsee-Inseln zu Hamburg« übernommen worden, welche das Farrellsche Besitztum gekauft und es diesem ermöglicht hatte, 1883 in Blanche-Bai, auf dem Festlande Neu-Britanniens, die »Ralum-Plantation« zu gründen, das erste derartige Unternehmen im Bismarck-Archipel überhaupt. Ich besuchte die sehr gut gehaltene, freundliche Anlage, die mancherlei Reminiscenzen an das abenteuerliche Kolonialunternehmen des Marquis de Rays (1879 bis 1883) aufzuweisen hat. Das stattliche aus Wellblech errichtete Koprahaus stand früher in der „Baie Française‟, das Büffet im Wohnhause war der einstige Altar der Kirche in Port Breton, zu welcher fromme Gemüter in Frankreich die Mittel hergaben. Dieser Altar hatte indes nie seinem heiligen Zwecke gedient, denn die Kirche war nicht gebaut worden und figurierte nur auf dem Papier. Statt Meßgefäßen zeigte der Altar jetzt in äußerst profaner Weise Gin- und Whiskyflaschen, eine Bestimmung welche die gläubigen Stifterinnen gewiß niemals für möglich gehalten haben würden.

Was die Pflanzung selbst anbelangt, so fand ich eine ziemliche Fläche mit bereits tragender Baumwolle bestellt, sowie den Versuch einer Kaffeeplantage in ein paar Beeten mit wenigen Zoll hohen Kaffeepflänzchen. In dem etwas früher von Farrell ausgegebenen Prospekt der: »Western Pacific Plantation and Trading Co.«, welche in Australien mit einem Grundkapital von 40000 £ in shares von 500 £, auf seinem Besitztum gegründet werden sollte, wurden 100 Acres mit »Sea-Island-Cotton« und als neu gepflanzt 5 Acres Kaffee und 2 Acres Aloë angegeben. Späteren Nachrichten zufolge hat die Ralum-Plantage jetzt »200 bis 250 preußische Morgen unter Baumwollenkultur und 8 Morgen mit Kaffeepflanzungen besetzt«, über Erträge verlautet aber noch nichts. Der unermüdliche Farrell war übrigens abwesend und in San Francisco, um diesmal in Amerika Interesse für seine Unternehmungen zu gewinnen. Er kehrte von dort im folgenden Jahre nicht allein mit einem Dampfer (120 Tons) und zahlreichen Tradern (Kleinhändlern) zurück, sondern war überdies »amerikanischer Bürger« geworden, um den Plackereien der englischen Gesetze bezüglich der Arbeiteranwerbungen zu entgehen. Die anglo-amerikanische Firma machte also den deutschen bedeutend Konkurrenz, wenigstens damals, aber inzwischen mögen sich die Verhältnisse wohl geändert haben, wie dies namentlich in der Südsee so häufig der Fall ist. Mit Ausnahme der eben genannten Firma ist der Handel im Bismarck-Archipel, wie dem westlichen Pacific überhaupt, lediglich in deutschen Händen und zwar der beiden Hamburger Häuser: »Robertson u. Hernsheim« und der schon erwähnten »Handels- und Plantagen-Gesellschaft«, sowie Friedrich Schulle in Neu-Irland. Dem seiner Zeit so mächtigen Hause Johann Cesar Godeffroy u. Sohn in Hamburg gebührt übrigens das Verdienst, 1874 zuerst Stationen in diesem Gebiete gegründet zu haben. Wie überall in der Südsee machte nur allein der Reichtum an Kokosnüssen, welche geschnitten und getrocknet den jetzt bekannten Exportartikel Kopra liefern, die Gründung solcher Stationen überhaupt möglich, und dieses Naturprodukt ist immer noch das einzige von Bedeutung geblieben. Wie Mioko für die Handels- und Plantagen-Gesellschaft, so ist Matupi, auf der kleinen Henderson-Insel in Blanche-Bai, die Centralstation für das Konkurrenzhaus. Zweigstationen sind an der Küste errichtet, aber gegenüber dem Ganzen hat der Handel übrigens nur in engbegrenzten Gebieten Fuß gefaßt. In Neu-Britannien sind es die Küsten von Blanche-Bai etwas südlich über Kap Gazelle hinaus, die äußerste Nordostküste westlich bis Weberhafen, in Neu-Irland die äußerste Nordwestecke von der Insel Nusa bis Langunebange, ein Strich von ca. 25 Meilen, welche eine beschränkte Anzahl solcher kleinen Handelsplätze, Traderstationen genannt, aufweisen. Im Jahre 1885 besaßen die beiden deutschen Firmen in Neu-Britannien je 6 bis 7 Traderstationen, Farrell vier, in Neu-Irland gab es drei, gegenüber 10 im Jahre 1881. Das letztere Gebiet war fast ausschließend in Händen von Friedrich Schulle auf Nusa, der früher als Geschäftsführer von Hernsheim zuerst mit Stationen in Neu-Irland gründete. Gerade in diesem Gebiete wechseln die Stationen, wie ihre Leiter, die Kleinhändler oder Trader, welche den Einkauf von Kopra besorgen, am meisten, und eine kurze Spanne Zeit bringt oft große Veränderungen. Hier muß eine Station aufgegeben werden, weil der Trader am Klimafieber starb, erschlagen oder verjagt wurde, dort wird eine andere von den Eingeborenen angezündet, als Repressalie gegen »gekochte«, d. h. seitens Weißer niedergebrannter Hütten, oder sie wird freiwillig verlassen, weil sie sich nicht bezahlt macht. Das klingt freilich ziemlich entmutigend, ist aber in Wahrheit nicht so schlimm, denn eine Traderstation ist leicht errichtet und man muß sich von einer solchen keine großen Vorstellungen machen. Mit Proviant im Werte von 300 Mark zu Sydney-Preisen und ebensoviel für Tauschwaren ist sie meist ausgerüstet, und zum Aufbau läßt sich einheimisches Material trefflich verwenden. Handelt es sich doch im wesentlichen um ein kleineres, höchst bescheidenes Wohn- und größeres Koprahaus, einen Zaun und ein paar eiserne Wasserbehälter (tanks), da alle diese Stationen, die Hauptstationen in Matupi und Mioko nicht ausgeschlossen, für ihren Bedarf an Trinkwasser, sowie zum Schiffsgebrauch, nur auf Regen angewiesen sind. Als Trader eignen sich am besten Seeleute, die an Salzfleisch gewöhnt, keine großen Ansprüche machen und mit einem Segelboot umzugehen verstehen, da sich nur mit solchen die Küste erfolgreich bearbeiten läßt. Der Handel ist selbstredend nur Tauschhandel, und amerikanischer Stangentabak (Nigger-head), Beile, Messer, Angelhaken, Glasperlen und einige andere Kleinigkeiten sind die Hauptartikel zum Ankauf von Kokosnüssen oder Kopra, da jetzt Gewehre und Schießbedarf, welche früher am meisten begehrt waren, verboten sind. Dieses Verbot erstreckt sich glücklicherweise auch auf das Anwerben von Eingeborenen als Arbeiter, die sogenannte „Labourtrade‟, welche in diesen Gebieten wie überall, soviel Unheil anrichtete und wesentlich mit zu den blutigen Zwisten mit den Eingeborenen beitrug, an denen keineswegs immer die letzteren schuld waren. Während meines früheren achtmonatlichen Aufenthaltes[7] in Neu-Britannien wurden in meiner Nachbarschaft allein fünf Weiße erschlagen, die wie später Theodor Kleinschmidt auf Mioko ihr Schicksal provoziert hatten. Nachweislich ist übrigens bis jetzt im Bismarck-Archipel kein Weißer verzehrt worden, wenn auch die Eingeborenen noch heut Kannibalen sind, wie ich noch 1881 mit eigenen Augen sah[8]. Seitdem der erste Trader den Boden Neu-Britanniens betrat und den ersten Eingeborenen erschoß, um damit die hier geltenden Rechte der Blutrache einzusetzen, ist gar viel Blut im Bismarck-Archipel geflossen und Mord von beiden Seiten verübt worden. Der im Jahre 1878 unter der Ägide der Wesleyanischen Mission, oder vielmehr des Rev. George Brown, unternommene Vergeltungskrieg forderte allein zahlreiche Opfer unter den Eingeborenen, die nicht vergessen wurden. Wer die Verhältnisse draußen kennt, weiß wie schwer es ist zu strafen, und zwar so, daß wirklich die Schuldigen getroffen werden. Man kann sich daher nur freuen, daß die neue deutsche Ära auch hierin Wandel schaffen und dem willkürlichen Eingreifen einzelner gegen Leben und Eigentum von beiden Seiten strenge Schranken setzen wird. Denn erst dadurch kann die neue Kolonie zu gedeihlicher Entwickelung, namentlich der Plantagenwirtschaft, gelangen. Wie bereits erwähnt, ist in letzterer Richtung bis jetzt nur ein Versuch zu verzeichnen und der Handel, der Koprahandel,[9] der einzige Vermittler zwischen Weißen und Eingeborenen. Der Gesamtertrag an Kopra im Bismarck-Archipel bewegt sich, um dies noch zu erwähnen, zwischen 1000 bis 1500 Tonnen (à 200 Pfd. engl. pro Jahr) und ist nicht minder Schwankungen unterworfen als die Koprapreise selbst, welche in Europa je nach der Konjunktur zwischen 280 und 370 Mark variieren. Die im Bismarck-Archipel beschäftigte Handelsflotte weist unter deutscher Flagge zwei Schuner (von zusammen 180 Tons) und einen Kutter (30 Tons) von Hernsheim und einen Schuner (60 Tons) der Handels- und Plantagen-Gesellschaft, unter amerikanischer Flagge der Firma Farell einen Schuner (70 Tons) und einen Dampfer auf. Bis zum Jahre 1882 unterhielten die beiden deutschen Häuser auch je einen kleinen Dampfer, gaben dieselben aber auf, da sich trotz der geringen Größe (ca. 70 Tons) die Unkosten zu hoch stellten. Seitdem haben sich die Verhältnisse jedenfalls schon dadurch bedeutend verändert, daß die Neu-Guinea-Compagnie ihre drei Dampfer nach dem Bismarck-Archipel schickt.

Wer in der Südsee reist, muß vor allem Geduld besitzen! Dies erfuhren wir gleich in Mioko, wo das Löschen und Laden viel mehr Zeit erforderte, als wir wünschten. Denn auch in dieser Richtung hatten sich die Verhältnisse, nur nicht zum Besseren, geändert. Die Eingeborenen, welche früher gegen einen Tagelohn von einem Stück Tabak im Wert von vier Pfennigen willig bei solchen Arbeiten halfen, waren bei weitem anspruchsvoller geworden und verlangten andere und bessere Tauschartikel. Ja, was weit schlimmer war, es hielt, trotz der höheren Preise, überhaupt schwer Arbeiter zu erlangen, deren Zahl sich durch die rücksichtslose Ausfuhr der Werbeschiffe[10] ohnehin vermindert hatte. Wie in Faulheit, so waren die guten Neu-Lauenburger, wie sie jetzt heißen sollen, auch im übrigen dieselben geblieben, und Fortschritte in der Civilisation nicht bemerkbar, außer in gewissen Tauschartikeln. Statt der gewöhnlichen weißen Thonpfeifen verlangte man jetzt schwarze »Negerköpfe« (negro-heads), statt ordinärer Äxte (Fan-tails) teure amerikanische u. s. w. Perkussions-Musketen, früher das Ziel des höchsten Wunsches eines Kanaker, waren kaum mehr begehrt. Dagegen Hinterladerbüchsen (Snider-Rifles) sehr gefragt, weit mehr als z. B. Bekleidungsgegenstände. Letztere werden eben nur von einzelnen, an den Hauptstationen beschäftigten Kanakern zuweilen getragen. Aber die große Masse unserer neuen Landsleute in Neu-Lauenburg, Neu-Pommern und Neu-Mecklenburg läuft noch jetzt, und zwar in beiden Geschlechtern, im adamitischen Kostüm umher und findet dasselbe bei weitem einfacher und bequemer, wogegen sich bei einigem Verständnis mit dem Leben und Wesen der Eingeborenen nichts einwenden läßt. Auch die Mission (australische Wesleyan) hat in der von ihr so sehr protegierten Bekleidungsfrage, außer bei ihren unmittelbaren Zöglingen, die sich nach mehr als zehnjähriger Thätigkeit auf kaum 200 Bekehrte[11] belaufen, keinen Einfluß ausgeübt, ja schien überhaupt Rückschritte gemacht zu haben. So wenigstens auf Mioko und der Insel Utuan, der York-Gruppe, wo die beiden samoanischen Lehrer (Teachers) nur noch wenige Eingeborene als Mitglieder der Kirche besaßen. Außer der allgemeinen Lauheit gegenüber der christlichen Lehre, wie jeder Lehre überhaupt, mochte hieran auch der unter der Leitung von Thomas Farrell 1883 wirkungsvoll geführte Feldzug mit schuld sein, der die Eingeborenen für die Ermordung von Theodor Kleinschmidt und seiner beiden weißen Genossen strafte und einer großen Anzahl Eingeborenen, darunter auch Kirchengängern, das Leben kostete.


[Zweites Kapitel.]
Astrolabe-Bai.

Abreise nach Neu-Guinea. — French-Inseln. — Forestier-Insel. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Fregattvögel und Tölpel. — Spärliche Nachrichten über Astrolabe-Bai. — Von Miklucho-Maclay. — Herrliche Küste. — Gelbe Bäume. — Der mysteriöse Deutsche. — Eine Südsee-Aventure. — Berthold und der Marquis de Rays. — »Nouvelle France.« — Herr Canar. — Eine wahre Robinsoniade. — Unter Menschenfressern. — In Port Constantin. — Erstes Zusammentreffen mit Eingeborenen. — Sa-ulo. — Vermeintlicher Überfall. — Besuch in Bongu. — Die Damenwelt. — Haartrachten. — Anthropologisches über Papuas. — Haar — wächst nicht büschelförmig. — Hautfärbung. — Individuelle Verschiedenheit. — Bewohner von Bongu. — Krankheiten. — Pockennarben. — Bekleidung und sonstiger Ausputz. — Gestrickte Beutel. — Das Dorf Bongu. — Bauart der Häuser — innere Einrichtung. — Die Barla. — Buambrambra oder Versammlungshaus. — Barum, Signaltrommel. — Telum-Mul, ein Kunstwerk der Steinzeit. — Ahnen, keine Götzen. — Beschneidung. — Reminiscenzen an Maclay. — Eingeführtes Rindvieh. — eine Plage der Eingeborenen. — Schweine. — Hund — rätselhafte Herkunft desselben — sowie des Haushuhnes. — Plantagen. — Urbarmachung. — Kulturpflanzen der Papuas — zugleich Zeugnis der höheren Gesittung. — Genußmittel. — Tabak. — Cigarren. — Betel. — Freundschaftszeichen. — Zierpflanzen. — Keu, gleich Kawa. — Eingeführte Kulturpflanzen. — Russisch in Port Constantin. — Bemerkungen über Tauschhandel. — Eisen- und Steinbeil. — Fischerei und Kanus. — Einfluß des ersten Weißen. — Der Mann des Mondes. — Erster Landerwerb. — Begründung der deutschen Schutzherrschaft. — Geringe Bevölkerung. — Beschränkte Landeskunde der Eingeborenen. — Gutes Einvernehmen mit denselben. — Abschieds-»Mun«.

In den ersten Tagen des Oktober war die Samoa endlich seeklar und dampfte ihrem Ziele, Astrolabe-Bai, an der Nordostküste von Neu-Guinea, entgegen. Wir gingen um die Nordostspitze Neu-Britanniens und näherten uns am zweiten Tage der French- oder Französischen-Gruppe, die aus einer Anzahl kleiner Inseln besteht und gleichsam eine nordwestliche Fortsetzung des unbenannten Archipels bildet, in welchem Willaumez die bedeutendste Insel ist. Wie Neu-Britannien selbst, so sind auch diese Inseln offenbar vulkanischen Ursprungs, ihre kegelförmigen Berge erloschene Krater, die jetzt mit üppiger Baumvegetation bedeckt, hie und da größere kahle Flächen, Plantagen der Eingeborenen zeigen. Auf Forestier-Insel sahen wir größere Bestände Kokospalmen, unter denen es sich zu regen begann. Mit dem Glase erkannte man Menschen, und bald kamen etliche Kanus ab, um leider nur zu bald in weiter Ferne eine beobachtende Stellung einzunehmen. Die Leutchen trauten uns eben nicht, und so gelang es uns nur mit großer Mühe, sie wenigstens so weit heranzulocken, daß wir mittelst eines langen Bambus in allerdings beschränkter Weise in Tauschverkehr treten konnten. Leere Flaschen und Streifen roten Zeuges[12] fanden den meisten Beifall, weniger Glasperlen, und Tabak wurde ganz verschmäht. An Bord wagte sich trotz aller Verlockungen keine der vor Furcht zitternden Gestalten, im Gegenteil, man suchte in unverkennbarer Weise klar zu machen, uns zu entfernen und sie ungeschoren zu lassen. Die Leutchen mochten daher wohl üble Erfahrungen mit den ersten Civilisatoren gemacht haben, welche kurze Zeit vor uns hier vorgesprochen und »rekrutiert« hatten, wie die sehr passende Südseebenennung dafür lautet. Denn bekanntlich handelt es sich bei der sogenannten »Labourtrade«, wie das Anwerben von Eingeborenen als Arbeiter kurzweg heißt, nicht immer um Freiwillige.

Die Eingeborenen selbst unterschieden sich im Rassentypus übrigens durchaus nicht von Neu-Britanniern, gingen wie diese völlig nackt, sprachen aber eine ganz andere Sprache. Im Ausputz war mir manches neu, darunter ein Brustkampfschmuck und sehr elegante Armbänder mit einem zweiblättrigen Anhängsel, Formen, die, wie ich später kennen lernte, für die ganze Nordostküste Neu-Guineas (vergl. Atlas T. XXII) charakteristisch sind und so die enge Zusammengehörigkeit dieser Völkerstämme bekunden. Die an der Basis mit knochenförmiger Schnitzerei versehenen, im übrigen glatten Wurfspeere, die einzige Waffe, welche diese Eingeborenen mit sich führten, ähnelten ganz denen in Blanche-Bai, aber ihre Kanus waren viel armseliger und für weitere Reisen jedenfalls ungeeignet.

Astrolabe-Bai und Maclayküste.

Nach diesem kleinen Intermezzo dampften wir in westlichem Kurs weiter, sichteten die Nordwestspitze Neu-Britanniens mit der Insel Rook und gingen später ganz nahe unter der Nordküste von Crown-Insel hin, ohne irgend eine Spur von Eingeborenen zu bemerken. Alle diese Inseln, wie Rich und Dampier, sind gebirgig, dicht bewaldet und offenbar erloschene Vulkane, die sich in einer Reihe von Neu-Britannien bis zu den Le Maire-Inseln erstrecken. Wie so häufig in diesen Breiten, war die See glatt wie ein Spiegel und nur selten ließen sich schwarze Meerschwalben, (Anous, Sterna anasthaeta), Tölpel oder Fregattvögel (Tachypetes) blicken. Größere Flüge der letzteren pflegen nicht selten, nach Art unserer Störche weite Kreise beschreibend, in der Luft zu schweben, ein gar hübsches Schauspiel, während Tölpel (Sula fusca) es hauptsächlich auf Treibholzstämme abgesehen haben. Auf solchen ruhend, ähneln sie zuweilen einem Kanu mit Eingeborenen in weiter Ferne so auffallend, daß wir hier, wie für die Folge, öfters getäuscht wurden.

Mächtiger Feuerschein hatte uns schon in der Nacht die Nähe des Festlandes von Neu-Guinea angedeutet und zum Abhalten genötigt. Der anbrechende Morgen, des vierten Tages, seitdem wir Mioko verließen, zeigte uns die Küste sehr nahe: wir befanden uns bereits in Astrolabe-Bai! So heißt eine an 15 Meilen breite Buchtung südlich vom 5. Breitengrade, die im Jahre 1827 von Dumont d'Urville mit der französischen Korvette »Astrolabe« zuerst gesichtet wurde. Erst 44 Jahre später landete der russische Reisende Nikolaus von Miklucho-Maclay mit dem russischen Kriegsschiff »Vitiaz« in »Port Constantin« und brachte mit zwei Begleitern (einem weißen Matrosen und einem Samoaner) 15 Monate hier zu, bis ihn das russische Kriegsschiff »Izumrud« wieder abholte. Die wenigen, hauptsächlich anthropologischen und ethnologischen Mitteilungen,[13] welche der Reisende veröffentlichte, sind sehr schwer zugänglich, zählen aber mit zu den besten wissenschaftlichen Arbeiten, die wir über Papuas überhaupt besitzen. Eine eingehendere Darstellung[14] des interessanten Gebietes fehlte bis jetzt noch.

Der Anblick der Küste von Astrolabe-Bai überraschte und befriedigte uns alle gar sehr. Das waren nicht die langweiligen, in gleichmäßiges Grün gekleideten Berge, wie wir sie aus dem Bismarck-Archipel gewohnt waren, sondern die Landschaft wurde je weiter wir in die Bai hineinkamen um so ansprechender. Sie ist rings von hübschen, dicht bewaldeten Bergreihen umschlossen, hinter denen gegen Süden stattliche Gebirgszüge hervorragen, von denen die höchsten an 10000 Fuß hoch sein mögen und wohl zum System des Finisterre-Gebirges gehören. Die in den Schluchten lagernden weißen Wolkenmassen, welche so sehr weißen Schneeflecken ähnelten, gaben diesem schönen Gebirgsbilde einen erhöhten Reiz. Wir passierten die kleine Insel Bilibili, deren Bewohner in großen, kunstvoll gebauten Kanus herbeieilten und in freundlicher Weise Verkehr anzuknüpfen suchten. Aber wir mußten diesmal ihren Versuchungen ausweichen, galt es doch zunächst Port Constantin aufzusuchen, wie sich später zeigte, keineswegs ein Hafen, sondern eine kleine Buchtung, welche wenig Sicherheit gewährt. — Vergebens spähten wir nach Siedelungen, aber das mit dichtem Urwald bekleidete Ufer war wie ausgestorben! Wie sich später zeigte, liegen die Dörfer im Dickicht des Urwaldes versteckt und verraten sich dem Kenner meist durch nichts als kleine Gruppen Kokospalmen und eine besondere Baumart, welche sich durch die einfarbig, lebhaft gelbe Belaubung auszeichnet. Diese »gelben Bäume«, welche sich übrigens an der ganzen Ostküste Neu-Guineas finden, markieren sich in dem dunklen Grün des Urwaldes sehr auffallend und erregen schon von weitem Aufmerksamkeit. So wurde von unseren Seeleuten die besonders hohe und dichte Gruppe gelber Bäume bei dem Dorfe Bogati oder Bogadschi, welches die Karten deshalb als »gelbes Dorf« bezeichnen, anfänglich für ein Segel gehalten.

»Wem konnte es angehören?« war eine Frage, die zu allerlei Betrachtungen führte, denn einem »on dit« zufolge, durften wir möglicherweise einen Weißen, ja einen Landsmann hier treffen. Es sollte nämlich in Astrolabe-Bai ein deutscher Händler (Trader), »Schmidt geheißen«, leben, von dem man in Mioko aber nichts wußte. Die mysteriöse Existenz dieses Schmidt löste sich später in eine jener hübschen Aventuren auf, die in der Südsee mehr als anderwärts vorkommen und die deshalb hier mitgeteilt werden soll, weil dieselbe so sehr das Leben und den Charakter gewisser hier lebender Weißen kennzeichnet. Im Jahre 1882 hatte ich in Neu-Britannien unter anderen unglücklichen Opfern, welche sich von dem gewissenlosen Schwindler de Rays zur Gründung einer Kolonie in Neu-Irland verleiten ließen, auch einen Deutschen gesehen. Er war mit der ersten Expedition im »Chandernagor« 1880 herausgekommen, hieß Berthold und stammte aus Berlin. Wie so viele andere, darunter eine Menge Deutsche, hatte sich auch Berthold, trotz der Warnung des deutschen Konsuls in Antwerpen, auf fünf Jahre verpflichtet. Freilich mochten wohl manche der hoffnungsvollen »Kolonisten« gewisse Gründe haben, um der Alten Welt überhaupt den Rücken zu kehren. Berthold, seines Zeichens ein Kellner, trat als »terrassier cultivateur« ein. Dieser Kategorie von Kolonisten war bei freier Station ein Monats-»Taschengeld« von fünf Frank zugesichert. Nach Ablauf von fünf Jahren erhielten sie aber 15 Hektaren Land, die je nach den guten Diensten des Individuums bis auf 50 gesteigert werden konnten. Alle hatten also die Aussicht, glückliche Grundbesitzer in einem Lande zu werden, das selbst die Leiter des Unternehmens nur nach der Karte kannten. Außerdem hatte die Gnade des Marquis allen Gliedern des Freistaates »Nouvelle France« pro Rata ihres Grades Anteil am Reingewinn versprochen; denn schon aus Naturprodukten, wie Schildpatt, Perlschalen, wertvollen Hölzern u. s. w., erwartete man mit Zuversicht reiche Erträge. So lauten die Bestimmungen des mir vorliegenden Kontraktes, eines in der Kolonialgeschichte merkwürdigen Dokumentes,[15] das die eigene Unterschrift des »Monsieur Ch. du Breil, Marquis de Rays, Fondateur-Directeur de la Colonie libre du Port Breton, Océanie« trägt und am 21. August 1879 zu Antwerpen unterzeichnet wurde. Bekanntlich ging gleich dieses erste ebenso leichtsinnige als gewissenlose Unternehmen[16] des Marquis elend in die Brüche, indem der Leiter desselben »le Baron P. Titeu de la Croix de Villebranche, Aide de camp du Marquis de Rays, Commandant de Port Breton« eines schönen Tages sich mit dem Chandernagor auf und davon machte und die etwa 70 unglücklichen Kolonisten sitzen ließ. Ende Juli 1880 besuchte ich sie in Lakiliki-Bai an der Ostseite von Kap St. Georg, dem damaligen Sitze des Freistaates, in einer Gegend die mit ihren steilen Bergen für Ziegen, aber nicht für Menschen paßt. Eine Baracke und Teile einer Dampfmaschine das war alles, außer etwa zwanzig, meist von Fieber und Krankheiten entkräfteten Männer. Die übrigen waren von Kapitän Ferguson, der noch in demselben Jahre in den Salomons von den Eingeborenen erschlagen wurde, gegen Bezahlung von je einem Winchester-Rifle (damals ca. 140 Mark Wert) nach der nahen Missionsstation in Port Hunter auf der Herzog York-Insel gebracht worden und hatten sich von hier aus in alle Winde zerstreut. Eine Anzahl fanden Stellung als Händler (Trader), und unter diesen auch der erwähnte Berthold, für den sich also, kaum dem Hunger und Elend entronnen, plötzlich glänzende Aussichten eröffneten. Nach einer der neuen, von Friedrich Schulle an der Nordostspitze von Neu-Irland errichteten Koprastationen versetzt, verdiente er schönes Geld. Aber die Freude dauerte nicht lange, denn bald wurde Berthold aus triftigen Gründen entlassen und verbannt, das heißt nach Australien geschickt. Von hier begab er sich unter dem neuen Namen Canar nach Samoa und erhielt Stellung bei einem deutschen Hause, dessen Chef leichtgläubig genug war, seinen Erzählungen Glauben zu schenken. Freilich klangen seine Berichte von dem selbstgesehenen Koprareichtum Neu-Guineas gar zu verlockend, und als er vollends Briefe seines Freundes Schmidt aus Astrolabe-Bai aufwies, der dort in Kopra u. Perlschalen schier erstickte, da war die Ausbeutung dieser Schätze eine beschlossene Sache. Glücklicherweise fand sich gerade kein Schiff disponibel, als Berthold, jetzt Herr Canar, Neu-Britannien wiederum beglückte, und so mußte er sich bis zu passender Gelegenheit mit einer Traderstelle begnügen. Diese Verzögerung war für ihn natürlich sehr fatal, denn es konnte nicht ausbleiben, daß sein wahrer Name und seine Vergangenheit in Samoa bekannt werden mußten; wußte man doch bereits in Neu-Britannien, daß er nie in Astrolabe-Bai gewesen war! Harmlose Fragen nach dem einen oder anderen Häuptling u. s. w. von jemandem, der Neu-Guinea ebenfalls nur nach der Karte kannte, hatten auf leichte Weise den Beweis geliefert. Es fing also an, ungemütlich auszusehen, und Canar zog es vor, die Entwickelung der Dinge nicht abzuwarten, sondern drückte sich eines schönen Tages. Dieses Ereignis war kurz vor unserer Ankunft passiert und bildete noch das Tagesgespräch. Denn der brave Berthold hatte das Boot und Tauschwaren der ihm anvertrauten Station im Betrage von 400 Dollars mitgenommen, außerdem einen anderen deutschen Trader, Namens Freudenthal, zu überreden gewußt. Wie es hieß, wollten die Ausreißer nach Neu-Guinea zu Freund Schmidt gehen. Das schien unglaublich! Denn nur Wahnsinnige konnten in einem offenen kleinen Boot, ohne Kenntnis und Hilfsmittel von Navigation, eine Reise von 450 Meilen wagen. Wie sich später herausstellte, war Berthold natürlich nicht nach Neu-Guinea gegangen, sondern hatte die immerhin abenteuerliche und gefährliche Fahrt nach dem früheren Schauplatz seiner Thaten, dem ihm wohlbekannten Neu-Irland, angetreten. Das kleine Boot mit seinen zwei Insassen war allen Gefahren, auch den Kannibalen auf Sandwich-Insel, die selbst vor dem Angriff eines Dampfers nicht zurückschreckten, glücklich entgangen und näherte sich der Mausoleum-Insel, dem Szelambiu der Eingeborenen, wo Canar bekannt war. Damit schien den Flüchtigen, die auf einer Reise von über 140 Meilen, in offenem Boot unter Tropenglut, gewiß nicht wenig ausgestanden hatten, sichere Rettung zu winken. Aber das Schicksal hatte es anders beschlossen! Beim Landen kenterte das Boot in der Brandung, wobei Freudenthal seinen Tod fand, und Berthold rettete nur das Leben, und zwar buchstäblich das nackte Leben. Denn die Eingeborenen zogen ihm die Kleider aus, und nur dem Umstande, daß er bei ihnen als »Sullis lik«, d. h. der kleine Schulle, bekannt war, schützte ihn vor dem Erschlagenwerden. Aber vor dem Namen Schulle haben die Eingeborenen hier herum großen Respekt, und so wurde Berthold geschont. Freilich so einige Wochen nackend mit in den Plantagen der Eingeborenen arbeiten und wie diese leben zu müssen, unter der nicht eben erbaulichen Voraussicht, eines Tages doch noch erschlagen zu werden, mag eben keine angenehme Sache sein. Das Schicksal dieses wirklichen Robinson stellt daher das seines fingierten Vorgängers jedenfalls in den Schatten. Es dauerte nämlich einige Zeit, ehe Friedrich Schulle in Nusa Kunde von einem schiffbrüchigen, unter den Eingeborenen lebenden Weißen erhielt, zu dessen Rettung er sich sogleich aufmachte. Das Wiedersehen soll freilich kein allzufreudiges gewesen sein, aber was blieb Schulle übrig, als Canar, den ihm nicht eben angenehmen Bekannten, zu befreien. Drei Stück Bandeisen im Werte von 15 Pfennigen genügten übrigens, den Todeskandidaten einzulösen, denn so hoch taxierten die Eingeborenen diesen Träger der Civilisation. — Daß die Briefe von dem angeblichen Schmidt gefälscht waren und von letzterem in Astrolabe-Bai sich auch nicht eine Spur fand, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen? Mir war es sehr lieb, weder diesen noch einen anderen jener zweifelhaften Weißen anzutreffen, deren Auftreten gewöhnlich das Vertrauen der Eingeborenen gleich im Anfang erschütterte und für Nachfolgende ein friedliches Einvernehmen meist erschwert.

Aber wo steckten die Eingeborenen, nach denen uns am meisten verlangte? Schon geraume Zeit lagen wir in Port Constantin wenige Kabellängen vom Ufer vor Anker, aber immer noch blieb es still. Nur einige Vogelstimmen tönten aus dem Gelaube der Urwaldsbäume und auch diese noch spärlich genug. Denn die heiße Nachmittagssonne brannte mächtig herab, und dann schweigt die Vogelwelt meist: nur das Schäckern des nimmermüden Lederkopfes (Tropidorhynchus), die tiefe Baßstimme des Raben (Corvus orru), kreischende Papageien und Kakadus lassen sich vernehmen. — Plötzlich wird die Ruhe durch den Ruf »Kanaka! Kanaka!« unterbrochen! Die scharfen Augen unserer Neu-Britannier hatten ihre schwarzen Brüder im Dunkel des Uferdickichts entdeckt. Und wirklich! Da hockte eine lange Reihe dunkler Gestalten, laut- und bewegungslos wie Bildsäulen, die uns wahrscheinlich schon lange beobachtet hatten. Jetzt wurde es lebendig! Ich nahm meinen ganzen Sprachschatz des hiesigen Idioms zusammen, und bald schallte es: »Korvetta!« oh! aba! (Freund), oh! tamole! (Männer), oh! mem! (Vater), oh! »Maclay« hin und wieder. Die hiesigen Eingeborenen scheinen nämlich seit der Anwesenheit des russischen Reisenden in jedem seiner Nachfolger einen »Maclay« zu erblicken. Herr Romilly, der englische Regierungs-Kommissar, war so genannt und als Bruder behandelt worden und mir widerfuhr dieselbe Ehre. Ich ließ sogleich das Boot klar machen und mich ans Ufer rudern. Aber unsere Schwarzen hatten keine Eile, denn sie fürchteten sich, wie stets bei solchen Gelegenheiten, und unseren Matrosen ging es nicht besser, nachdem sich die Krieger im vollen Waffenschmucke zeigten, der hier neben dem Wurfspeere, auch in Pfeil und Bogen besteht. »Es ist doch nicht egal, ob man in die Brust oder den Rücken gespeert wird«! meinte Peter und drehte seine Vorderseite den gefürchteten »Wilden« zu, als wir ihnen längst in Pfeilschussweite nahe waren. Und den »Wilden« ging es ebenso, das heißt, sie fürchteten sich nicht minder! Kaum stieß das Boot auf Grund, so sprang ich ins Wasser, ging unter unsere neuen Freunde, verteilte allerlei Kleinigkeiten, schüttelte dem und jenem die Hand und hatte in kurzer Zeit ihr Vertrauen so gewonnen, daß ich gleich eine ganze Bootsladung Eingeborener mit an Bord brachte. Bald erschien auch Sa-ulo, der sogenannte »König« von Bongu, eine nichts weniger als königliche Erscheinung, der sich von seinem Gefolge nur durch Korpulenz und Elephantiasis im rechten Bein auszeichnete. Der schwarze Anstrich des Gesichtes und Körpers, welcher wie bei allen Papuanen Trauer bezeichnete, machte sein Äußeres nicht anmutiger, aber der alte Herr hatte ein so gemütliches, freundliches Gesicht, daß man ihn gleich liebgewinnen mußte. Einige Geschenke machten ihn und die Seinigen noch glücklicher, und so schieden sie bei einbrechender Dunkelheit in der Überzeugung, daß der neue »Maclay-Germania« wie ich später zum Unterschied von dem russischen »Maclay-Ruschia« und Romilly dem »Maclay-inglese« hieß, am Ende doch kein so übler Mensch sei, mit dem sich wohl umgehen lasse, dieselbe Ansicht, welche ich bezüglich der Eingeborenen gewonnen hatte. Aber unsere Leute teilten dieselbe nicht, sondern fühlten sich keineswegs behaglich, zumal da unsere Schwarzen allerlei Schaudergeschichten aus ihrem Leben am Bord von Labourtradern zu erzählen wußten, welche die Gemüter erhitzten. Das scharfe Ohr eines Schwarzen wollte Ruderschläge gehört haben und bald kam die Meldung, daß sich eine ganze Flotte von Kanus in der Dunkelheit der Nacht genähert und unter den überragenden Zweigen der Uferbäume verborgen habe. Die furchterregte Phantasie unserer Schwarzen konnte sich von der Überzeugung, daß wir überfallen werden würden und müßten, nicht freimachen und hatte diesen Spuk auf unsere Leute übertragen, von denen sich einige schon mit Koffernägeln bewaffneten. Die angestellten Untersuchungen ergaben, daß es sich nur um Hirngespinste handelte, denn auch nicht ein Kanu war vorhanden und nur der glucksende Ton des Scharrhuhnes (Talegallus), das Kreischen fliegender Hunde, das Klappern der Laubfrösche und Gezirpe der Cikaden tönte in die Nacht hinein.

Gleich am andern Morgen besuchten wir unsere neuen Freunde in ihrem Dorfe Bongu, dem größten in diesem Teile von Astrolabe-Bai, das wie fast stets hinter dem Uferwaldsaume versteckt liegt. Eine Anzahl Männer erwartete uns auf dem schmalen Sandstrande niederhockend, schweigend wie es die Landessitte erheischt, und half erst auf meinen Wunsch das Boot mit aufs Ufer schieben, da die Landung unbequem ist, wie überhaupt an dieser Küste. Unsere Ankunft im Dorfe brachte zuerst unter den Weibern große Aufregung hervor, von denen nur wenige alte beherzt genug waren zurückzubleiben, aber durch einige kleine Geschenke beruhigt, die übrigen bald zurückriefen. Der Reisende wird stets wohl thun, sich zunächst die Gunst der alten Damen zu erwerben; sie haben oft einen sehr erheblichen Einfluss, der von großer Wichtigkeit werden kann. Freilich ist das nicht immer eine angenehme Sache, denn Papuafrauen in vorgerückten Jahren sind freilich keine Schönheiten mehr und nichts weniger als appetitlich, aber deswegen braucht Häßlichkeit der Weiber nicht als Rassencharakter hingestellt zu werden, wie dies meist in allen Lehrbüchern geschieht. Man muß eben fremde Menschenrassen nicht nach unseren Begriffen von Schönheit messen, und dann wird man Papuaninnen sehr passabel finden. Junge Mädchen sind, wenn auch im ganzen klein und schmächtig, häufig von sehr angenehmer Gestalt und zeigen zuweilen tadellose Formen, aber sie verblühen schnell, wie alle Tropenbewohnerinnen. Schon mit der ersten Niederkunft verschwindet die Jugendfrische, die meist wohlgeformte Büste verliert sich, und mit weiterem Kindersegen geht es rasch abwärts. Frauen, die bei uns noch als in guten Jahren gelten, sind dort bereits alt, mager und runzlig, was sich leider nicht wie bei Kulturvölkern durch Kleidung und Toilettenkünste verbergen und auffrischen läßt. Nach unseren Schönheitsbegriffen verunziert auch die Haartracht das weibliche Geschlecht noch mehr. Das Haar wird von älteren Personen meist kurz abgeschnitten und mit schwarzer Farbe eingeschmiert. Bei jüngeren Frauen und Mädchen gelten dicht verfilzte Locken, die von Farbe, Schmutz und Fett starren und an der Stirn oft bis über die Augen herabfallen, als besonders elegant, wie dies die beigegebene Abbildung ([S. 40]) zweier Frauen von Bongu mit ihren unzertrennlichen Begleitern, Hund und Schweinchen zeigt.

Weit größere Sorgfalt verwendet das putzsüchtigere männliche Geschlecht auf das Haar, namentlich die noch unverheirateten »Malassi«, und einem Papuastutzer kostet die Frisur seines Haares allein mehr Zeit als einer Modedame bei uns. Das Haar wird mittelst eines langzinkigen Instruments aus Bambus, einem sogenannten Kamme, sorgfältig bearbeitet und aufgezaust, so daß es eine weitabstehende Wolke bildet, außerdem mit Farbe, Erde u. dergl. eingerieben, sowie mit Blumen und Federn geschmückt. Tamos oder ältere Männer sind weniger eitel, legen aber Wert auf ihre Gatessi d. h. in den Nacken herabhängende, durch Schmutz und andere Mittel künstlich erzeugte, dichtverfilzte Haarzotteln. Kunst hat also auch hier ihren Einfluß auf das Haar ausgeübt, wie dies mehr oder minder bei allen Völkern der Fall ist. Die Textabbildungen veranschaulichen eine ganze Reihe künstlicher Papua-Haartouren.

Frauen von Bongu.

Dies führt mich zu einigen allgemeinen Bemerkungen über die anthropologisch meist noch sehr verkannte Rasse der Papuas oder Melanesier,[17] für welche gerade die Haarbildung besonders wichtig wird. Das Haar wächst beim Papua anfangs gerade wie bei uns und fängt erst an, sich nach einiger Zeit, wenn es etwas länger wird, zu krümmen, d. h. mehr oder minder eng spiralig zu drehen, ähnlich den Windungen eines Korkenziehers. Bei gewisser Länge verfilzen sich die einzelnen Haare leicht in- und untereinander, namentlich an den Enden, wo sich Klümpchen bilden, und so entstehen eine Art Locken, aus denen sich je nach der Behandlung dichte Strähne, Zotteln oder die eben beschriebene Wolke entwickeln. Die letztere ist aber keineswegs ein Rassencharakter des Papua, wie so häufig angegeben wird, sondern höchstens die Neigung zur spiraligen Drehung des einzelnen Haares, wodurch die Gesamtheit ein kräusliches Ansehen erhält, das zuweilen bei dichtem und kurzem Haare an den Wollkopf eines echten Negers erinnert. Wenn in unseren neuesten Lehrbüchern die büschelweise Anordnung des Papuahaares, das ähnlich wie bei einer Bürste gruppiert verteilt sein soll, als ein Hauptcharakter der Papua-Rasse hervorgehoben wird, so ist dies ein völliger Irrtum, der leider, gegenüber berichtigenden neueren Untersuchungen, noch heut dem Engländer Windsor Earl gedankenlos nachgeschrieben wird. Ich habe so viele Papuaköpfe untersucht, solche eigens zu dem Zwecke rasiert, um das Wachstum zu beobachten und weiß daher zur Genüge, daß die Haare beim Papua in gleicher Weise wie bei Europäern hervorsprießen. Aber meine Untersuchungen haben mich auch gelehrt, daß es schwierig ist, einen durchgreifenden diagnostischen Charakter des Papuahaares zu finden, da gar so viele individuelle Abweichungen vorkommen, sowohl in Haarbildung als Färbung. So sind Locken- und Krausköpfe nichts Ungewöhnliches, ja ich habe unter reinen Papuas sowohl in Neu-Guinea als anderwärts sanft gewelltes wie schlichtes Haar angetroffen, hinsichtlich der Färbung natürlich fuchsrotes. Nächst dem Haare ist es besonders die Hautfärbung, welche für diese Menschenrasse wichtig, aber bisher meist so sehr mißverstanden wurde, daß ein paar Worte hierüber nicht schaden können. Wenn hervorragende Anthropologen, die freilich Papuas nicht aus eigener Anschauung kennen, diesen eine schwarze, ja »bläulich schwarze« Färbung zuschreiben, so ist dies eben falsch. Man kann sich noch nicht daran gewöhnen, innerhalb einer Rasse so erhebliche Färbungsverschiedenheiten zu finden, die gerade bei der papuanischen mehr als bei anderen vorzukommen scheinen. Wenn auch im allgemeinen eine dunkle Färbung vorherrscht, so kann Schwarz doch keineswegs als ein Charakter der ganzen Rasse gelten. Wie das vorzugsweis vorhandene satte Braun sich durch Tiefbraun bis zur Schwärze des typischen Negers steigert, so geht es andrerseits bis zu den lichten Tönen des Polynesier und selbst des Malayen herab. Auch weiße Papuas[18] lernte ich kennen, so weiß als Europäer, und insofern nicht Albinos im gewöhnlichen Sinn, als manche auch am Tage scharf zu sehen vermochten. Zu diesen Verschiedenheiten in Hautfärbung wie Haar tritt noch eine große individuelle der Physiognomie, wie die mit besonderer Sorgfalt ausgewählten, naturgetreuen Illustrationen von papuanischen Charakterköpfen am besten zeigen werden. So ist es daher schwer, auch in dieser Richtung einen durchgreifenden Rassencharakter zu fixieren. Jedenfalls stehen die Papuas den echten Negern am nächsten, und wenn auch im allgemeinen der negerähnliche Typus vorherrscht, so finden sich doch so vielerlei Abweichungen, nicht nur in derselben Landschaft, sondern demselben Dorfe, ja Familie, daß gerade dieses Unbeständige mit charakteristisch wird. Man darf daraus auf eine stattgehabte Vermischung mit anderen Rassen, zunächst den benachbarten Ozeaniern und Malayen, schließen, aber historisch nachweisbar ist dies nicht. Selbst in solchen Küstenstrichen, wo schwerlich solche Nachbarvölker eingedrungen sein können, ja auch bei den Bergstämmen, die ich an der Südküste von Neu-Guinea kennen lernte, tritt diese Verschiedenheit in der Färbung hervor, bald einzeln, bald häufiger; hier trifft man eine vorwiegend dunkle, dort eine hellere Bevölkerung, die man anfänglich für eine ganz andere Menschenrasse hält. Aber es darf nicht vergessen werden, daß sich helle Individuen in allen melanesischen Gebieten finden, einzeln nicht selten in dunklen Familien, ähnlich wie bei uns blonde und brünette Individuen in ein und derselben Familie vorkommen. Die Gelehrten werden sich daher daran gewöhnen müssen, an den früheren Auffassungen von Stabilität der Färbung nicht allzustarr festzuhalten und wohlthun, geistreiche Betrachtungen über die Entstehung solcher Abweichungen durch Mischung lieber zu unterlassen, da dieselben doch nur ins Gebiet der Spekulation verfallen und die exakte Wissenschaft nicht weiterbringen. Daß bei farbigen Völkern Färbungsnüancierungen viel stärker hervortreten als bei sogenannten weißen, darf nicht verwundern, aber sie sind sehr häufig rein individueller Natur, und wer lange unter Papuas gelebt hat, wird die oft erheblichen Färbungsverschiedenheiten als etwas Gewöhnliches und Selbstverständliches betrachten, welche eben mit zum Charakter der Rasse gehören.

Da unsere Reisen uns nur mit Papuas zusammenführen, so war es notwendig, über diese Rasse einige Mitteilungen zu machen, die zum besseren Verständnis derselben beitragen dürften.

Auch die Bewohner von Astrolabe-Bai sind echte Papuas, im ganzen ziemlich lichtdunkelbraun, oder hellchocolatbraun gefärbt und von nicht sehr kräftigem Körperbau. Stattlichere Männer zählten zu den Ausnahmen, aber gerade die Bevölkerung von Bongu schien überhaupt schwächlicher und armseliger. Ringwurm (Psoriasis), jene Hautkrankheit, welche sich in Schnörkeln oft über den ganzen Körper einfrißt, war ziemlich häufig vertreten, genierte aber ebenso wenig als Schuppenkrankheit (Ichthyosis) und selbst Elephantiasis. Letztere hindert die Bewegung gar nicht, und der brave Sa-ulo lief trotz seines Alters und dicken Beines (vom Knie bis zu den Zehen) so schnell wie ein junger. Diese mehr oder minder bei allen Südseevölkern verbreiteten Krankheiten überraschten mich natürlich nicht, umsomehr aber Pockennarben, welche ich hier zum erstenmale, später aber wiederholt an der Küste Neu-Guineas beobachtete. Wie mochte diese Krankheit hierher gekommen sein? Jedenfalls hat sie viele Opfer gefordert und wesentlich mit zu der im allgemeinen so geringen Bevölkerung beigetragen.

Im Vergleich mit Neu-Britanniern war die äußere Erscheinung der Bewohner von Konstantinhafen schon deshalb ansprechender, weil sie alle wenigstens eine gewisse Bedeckung haben, während jene völlig nackend einhergehen, wie wir dies zuletzt auf den French-Inseln sahen.

Die Männer tragen den Mal, d. h. ein oft mehrere Meter langes Stück Zeug aus geschlagener Baumrinde, ähnlich der Tapa der Polynesier, sorgfältig um die Hüften und zwischen den Beinen durchgezogen (vergl. Atlas T. XVI 3.), und nur kleine Knaben gehen völlig nackt. Dagegen sind noch sehr kleine Mädchen bereits mit einem Lendenschurz bekleidet, der ebenfalls Mal heißt und sich in dieser Form über ganz Neu-Guinea als das einzige Bekleidungsstück des weiblichen Geschlechtes (vergl. Abbild. [S. 40]) verbreitet. Als Material dient die gespaltene Blattfaser der Kokos-, für feinere die der Sagopalme. Letztere werden häufig buntgefärbt, meist rot oder mit roten, schwarzen und gelben Längsstreifen und kleiden junge Mädchen sehr artig. Der Lendenschurz geht entweder um den ganzen Körper und bildet dann eine Art bis über die Knie herabreichendes Röckchen, oder er bedeckt nur gewisse Teile vorder- und hinterseits und ist dann mehr Schürzen zu vergleichen.

Hinsichtlich des übrigen Ausputzes der hiesigen Papuas ist wenig zu bemerken, da sie im ganzen arm zu sein scheinen. Armbänder, aus einer Art Gras oder Liane (Lynosia) geflochten, Sagiu, zieren wie überall den Oberarm bei beiden Geschlechtern; die Männer tragen zuweilen noch ähnliche Bänder fest unter dem Kniee umgeflochten. Diese Arm- und Kniebänder sind zuweilen hübsch mit kleinen Kaurimuscheln (vergl. Atlas XX. 4) verziert, wie Muscheln hauptsächlich zu Schmuck- und Zieraten verwendet werden. So namentlich die zu Scheiben geschliffenen Basisteile der Conusmuscheln, aus denen man Halsketten verfertigt. Weit wertvoller sind Hundezähne, die überhaupt bei allen melanesischen Stämmen als Material zu Schmuck eine so hervorragende Stelle einnehmen und bereits bei unseren Vorfahren gleichen Zwecken dienten. Die Weiber müssen sich gewöhnlich mit ein paar Hundezähnen als Zierat der Ohren begnügen, während die Männer breite Ringe aus Schildpatt (Atlas XVII. 4) tragen, wie außerdem eine Menge anderer Dinge. Aber bei allen Naturvölkern schmückt sich das männliche Geschlecht eben weit mehr als das weibliche. Tätowierung, die, da wo sie Sitte ist, vorherrschend den Körper des Weibes verziert, ist hier, wie an der ganzen Küste unbekannt. Dagegen bemerkte ich zuweilen, und zwar an beiden Geschlechtern, Ziernarben, die, wie in den Gilberts-Inseln und anderswo, durch kleine Brandwunden hervorgebracht werden. Kämme (Atlas XVII. 1) dienen nur dem Haare des Mannes als Schmuck und werden von den Frauen nicht getragen. Wie erwähnt, benutzt man diese Kämme (Gatiassem) übrigens nicht zum Kämmen, sondern zum Aufzausen der Haare, als Kopfkratzer und gelegentlich als — Gabel, an welche das schmale, langzinkige Instrument am meisten erinnert. — Der kostbarste Brustschmuck der Männer besteht aus Eberhauern (Atlas XXI. 2), während die Frauen mit einer Eiermuschel (Ovula ovum) zufrieden sind. Aber für gewöhnlich sieht man außer den erwähnten Armbändern wenig Zieraten bei der hiesigen Bevölkerung, dagegen scheinen kleinere oder größere Beutel, zierlich aus festem Bindfaden in Filetmanier gestrickt, unzertrennliche Begleiter. Die Männer tragen kleine, dicht gestrickte Brustbeutel, Jambi, in welchen sie meist Tabak, Talismane, Betelnüsse und sonstige Kleinigkeiten verwahren, und größere, Gumbutu, auf der Schulter, die für die Kalkbüchse (Atlas V. 1) zum Betel, Löffel, Betelnußbrecher aus Knochen (Atl. V. 7), Muscheln zum Schneiden und Schaben (Atl. V. 8) dienen, Requisiten, welche jeder Papua als unentbehrlich stets bei sich trägt. Die Beutel der Weiber, Nangeli-Gun, sind viel größer, sackartig und werden an einem Tragbande auf dem Vorderkopfe getragen, wie dies die Papuafrauen meist thun. Sie sind diese Methode schon von so früher Jugend an gewöhnt, daß sie ohne Mühe beträchtliche Lasten aufladen. Denn nur die Weiber sind es, denen der Transport der Feldfrüchte von den Pflanzungen nach dem Dorfe obliegt, die Wasser und Holz herbeitragen, wie sie außerdem in kleineren Beuteln noch häufig Säuglinge, sowie junge Hunde und Schweinchen mit umherschleppen.

Häuser mit Barla.

Nach dieser Bekanntschaft mit der äußeren Erscheinung der Papuas im allgemeinen und der hiesigen im besonderen, wollen wir uns nach Bongu zurückwenden, um auch Siedelungen und Häuser kennen zu lernen. Wie fast alle Papuadörfer in Neu-Guinea, verteilen sich die etwa 30 Häuser unregelmäßig über einen freien Platz, der unmittelbar vom Urwald eingeschlossen ist. Bei den Häusern stehen spärliche Kokospalmen, sowie einige Bananen, Zierpflanzen und Cayennepfeffersträucher (jau). Gewöhnlich teilen sich die Dörfer in mehrere Häusergruppen, die durch schmale Pfade durch den Urwald miteinander verbunden sind und eigene Namen haben. Die Plantagen, auf welche ich später zurückkommen werde, sind oft in beträchtlicher Entfernung von den Siedelungen angelegt. Was die Häuser in Bongu selbst anbetrifft, so unterscheiden sie sich im Baustil von den meisten Papuahäusern dadurch, daß sie auf dem Erdboden stehen, daher richtiger als Hütten zu bezeichnen sind. Sie bestehen, wie die Abbildung zeigt, im wesentlichen aus einem seitlich etwas gerundeten, breiten stumpfwinkeligen Dache, mit gerader Firste, das bis zum Erdboden herabreicht. An der vorderen Giebelseite befindet sich die kleine Thür, die zuweilen überdacht und mit einer schmalen Plattform versehen ist. Da die Häuser hauptsächlich nur zum Aufenthalt während der Nacht sowie bei schlechtem Wetter dienen, ist die innere Einrichtung sehr einfach. Ein paar Bänke aus gespaltenem Bambus, Barla genannt, dienen als Schlafstätten der Männer sowie zur Aufnahme des wenigen Hausrates (Töpfe, hölzerne Schüsseln), Lebensmitteln u. s. w. An den Dachbalken hängen gewöhnlich Körbe und Bündel, welche, in Blätter eingepackt, feinere Sachen (z. B. Federschmuck) enthalten. Zum besseren Schutz gegen Mäuse, sind oft Horden darüber errichtet, namentlich auch für Speisen. In der Mitte des Hauses befindet sich die Feuerstätte, weniger zum Kochen, was meist im Freien geschieht, als um überhaupt Feuer zu erhalten. Denn sonderbarerweise scheinen die hiesigen Eingeborenen kein Mittel zu besitzen, um Feuer zu erzeugen. In den Hütten werden daher stets glimmende Kohlen eines sehr langsam brennenden Holzes erhalten, so daß in einem Papuadorfe das Feuer nie ausgeht. Sollte es dennoch geschehen, so holen die hiesigen Küstenbewohner aus den Bergdörfern Feuer, deren Bewohner die Kunst, Feuer zu machen, verstehen. Bei dem sorglosen Umgehen mit Feuer muß man sich nur wundern, daß nicht alle Augenblicke die so leicht entzündbaren Häuser in Flammen aufgehen, aber merkwürdigerweise scheinen Brandunglücke im ganzen selten zu sein.

Freund Sa-ul hatte uns am Eingang des Dorfes begrüßt und geleitete uns mit den übrigen Männern nach der Barla (vergl. Abbild. [S. 46]), einem großen, auf vier Pfählen ruhenden Gerüst, ähnlich einem großen Tisch, das in keinem dieser Dörfer, ja fast vor keinem Hause, fehlt. Die Barla bildet den beliebten Ruhe- und zugleich Eßplatz der Männer, die hier, unbehelligt von den zudringlichen Schweinen, ihre Mahlzeiten und darauf ihr Schläfchen halten. Frauen dürfen die Barla nicht benutzen, sondern höchstens unter derselben hocken. Wie die meisten Papuadörfer, besitzt Bongu auch ein Versammlungshaus, hier Buambrambra genannt, das als Schlafstätte für die unverheirateten Männer, wie als Empfangshaus fremder Gäste dient. Dieses Gebäude, in der Form der gewöhnlichen Häuser, aber viel größer und an beiden Giebelseiten offen, schien erst seit kurzem fertig geworden zu sein. Außer einigen Unterkiefern von Schweinen, zur Erinnerung an Festlichkeiten, und einigen Eierschalen (von Megapodien), enthielt es keinerlei Ausputz, aber einige Barum waren hier untergebracht. So heißen die großen Holztrommeln (vergl. Atl. XIII 1.), welche dickwandigen Trögen ähneln und, mit einem dicken Knüppel geschlagen, als Signalinstrumente dienen. Ihr dumpfer Ton ist, namentlich in der Stille der Nacht weit, oft mehrere Meilen (engl.), hörbar und teilt alle Begebenheiten den Nachbardörfern mit, die an der Art der Schläge sogleich erkennen, ob es sich um einen Angriff, einen Todesfall oder eine Festlichkeit handelt. Die Samoa hat später gar oft das Barum in Thätigkeit gesetzt, wie unsere Ankunft ebenso durch Rauchsäulen, in der Nacht durch Feuer signalisiert wurde.

Telum Mul.

An dem soeben erwähnten Buambrambra war übrigens keinerlei Verzierung in Holzschnitzerei angebracht, aber ich entdeckte bei meinem Durchstöbern der Hütten zufällig ein hervorragendes Werk des Kunstfleißes in Holzbildnerei, einen sogenannten Telum oder Tselum. So heißen hier besondere, meist aus Holz gefertigte Figuren, die in der Regel einen Menschen darstellen. Ich sah in Bongu übrigens auch kleine, aus einer erdigen aber festen Masse geschnitzte Telum. Das erwähnte Holzbildnis verdiente schon wegen seiner Größe Bewunderung, denn es war an 8 Fuß hoch und aus einem Stück Holz geschnitzt, soweit sich dieser Ausdruck für die Steinzeit anwenden läßt, die ja keine Messer, also auch nicht eigentliches Schnitzen kennt. Diese Kolossalfigur, von der die Abbildung ([S. 49]) eine getreue Vorstellung giebt, wurde »Telum Mul« genannt. Sie repräsentierte einen Papua, dessen Kopf allein über die Hälfte der ganzen Länge einnahm, aber trotz den groben Fehlern in den Proportionen doch ein Kunstwerk ersten Ranges und eine Leistung, welche dem Alter der Steinzeit zur höchsten Ehre gereicht. Man staunt, unter voller Berücksichtigung der primitiven Werkzeuge, nicht nur über den Fleiß und die Ausdauer, sondern fast noch mehr über den idealen Zug im Geiste des Papua, welcher selbst vor einer solchen Riesenarbeit nicht zurückschreckte. Denn ohne Zweifel waren es geistige Interessen, welche die sonst so lässigen Menschen zur Verkörperung einer Idee begeisterte, die keinen praktischen Hintergrund hat. Missionäre, welche in den unschuldigsten bildlichen Darstellungen meist Zeichen des Heidentums erblicken, würden eine solche wie hier jedenfalls als einen besonders schrecklichen Götzen deuten, dessen Vernichtung als Gott wohlgefällig betrachten. Aber ohne Zweifel haben die Telums nichts mit Religion, wohl aber mit Geschichte der Papuas zu thun, da sie ähnlich wie unsere Denkmäler berühmte Personen, Ahnen, darstellen und somit nur für die Wissenschaft von höchster Bedeutung sind. Wer es verstünde die Geschichte dieser Telums zu ergründen, von denen es in den Dörfern von Astrolabe-Bai eine ganze Menge giebt, die alle durch Eigennamen unterschieden werden, würde möglicherweise Aufschluß über die Herkunft des Volkes oder Stammes geben können. Aber wahrscheinlich ist die Geschichte vieler Telums bei der jetzt lebenden Bevölkerung bereits verloren gegangen, denn manche scheinen sehr alt zu sein. Auch der Telum-Mul hatte wahrscheinlich schon Generationen gesehen und nur dem festen, den weißen Ameisen widerstehenden Holze seine Erhaltung zu danken. Die gegenwärtige Generation sorgte übrigens schlecht für ihn, denn er war in einer fast verfallenen Hütte untergebracht, in welcher sich nur noch wenig altes Gerümpel befand, darunter ein paar alte Blechgefäße und Fäßchen, die noch von Maclay herrührten. Unter dem Gerümpel befand sich übrigens noch ein sehr interessanter, an 12 Fuß langer Balken mit kunstvollem Schnitzwerk, der am Boden lag und so mit Schmutz und Staub bedeckt war, daß ich ihn in dem ohnehin dunklen Räume erst nach geraumer Zeit entdeckte. Jedenfalls diente der Telum nicht als »Götze« der öffentlichen Verehrung, und der Umstand, daß die Bevölkerung ihn so sehr vernachlässigte, deutete das geringe Interesse überhaupt an. Meine Bemühungen, diesen Schatz für das Berliner Museum zu erstehen, scheiterten an der Uneinigkeit der Männer. Denn ohne Zweifel war der Telum Mul Gemeindeeigentum nicht nur von Bongu, sondern die Männer von Korendu und Gumbu hatten ebenfalls mitzubeschließen.

Wir werden für die Folge mehr solcher wunderbaren Erzeugnisse des Kunstfleißes der Papua kennen lernen, die meist auf Ahnen zurückzuführen sind und höchstens mit einem gewissen »Tabu«, aber nichts mit Religion zu thun haben. Dies gilt auch in Bezug auf die Beschneidung, welche bei der Bevölkerung von Astrolabe-Bai herrscht und selbstredend keinerlei Beziehungen zum Rituale des Judentums hat, da sich diese Sitte ja auch anderwärts bei Naturvölkern findet.

Die Bewohner von Bongu, wie Astrolabe-Bai überhaupt, lebten übrigens bei unserem Dortsein noch völlig im Alter der Steinzeit, denn das von Maclay zuerst hierhergebrachte Eisen hatte in keiner Weise Veränderungen hervorgerufen. Im ganzen war auch blutwenig von Gerätschaften zu sehen, welche der russische Reisende hier zurückließ. Einige alte Stemm- und Hobeleisen, Blechgefäße, russische Uniformknöpfe sowie wenig Glasperlen blieb alles, was wir bemerkten, obwohl uns die Eingeborenen auf jedes Stück mit dem Ausruf »Maclay« aufmerksam machten.

Papuaschweine.

Auch eine Nangeli (Frau) oder Kringa (Mädchen) »Maclay«, wurde uns gezeigt, ein kleines, pockennarbiges Frauenzimmer von ca. 16 Jahren, bei welchem Maclay jedenfalls Pate gestanden, d. h. ihr als Kind den Namen gegeben hatte, eine Gunst, um welche die Eingeborenen den Reisenden öfters ersuchten. Was unsere Aufmerksamkeit übrigens am meisten erregte, war etwas, das wir hier am allerwenigsten erwartet haben würden, nämlich etwas Lebendes in Gestalt von Rindvieh! Ein Bulle und eine Kuh der indischen Zeburasse glotzten uns erstaunt über den fremden Besuch eine Weile an und nahmen dann Reißaus. Miklucho-Maclay hatte diese Tiere im Jahre 1883 an Bord des russischen Kriegsschiffes »Skobeleff« hierhergebracht und den Eingeborenen geschenkt. Auf der Reise nach Sydney begriffen, traf er dieses Kriegsschiff zufällig in Batavia und ließ sich trotz der späten Stunde beim Kommandanten, einem Admiral, melden. Derselbe war auch gleich bereit, einen Abstecher nach Neu-Guinea zu machen, und brachte seinen gelehrten Landsmann, noch in den Admiralitätsinseln und Palau vorsprechend, nach Luçon, von wo das Kriegsschiff die Reise nach dem Amur fortsetzte. Die bei dieser Gelegenheit eingeführten Ziegen waren spurlos verschwunden; das Rindvieh aber für die Eingeborenen ein rechtes Danaergeschenk. Bekanntlich sind Wildschweine und Kängurus die größten Vierfüßler, welche Neu-Guinea aufweist, und diese machen schon die Umzäunung der Plantagen notwendig, den Eingeborenen also Mühe und Last genug. Aber diese Zäune erweisen sich Rindern gegenüber natürlich als unzureichend, und so haben die Tiere nur die Arbeitslast der Eingeborenen Bongus vermehrt, ohne ihnen irgend welchen Nutzen zu bringen. Denn was sollen Vegetarianer mit Haustieren anfangen, deren Pflege sie nicht verstehen und deren Verwertung ihren Bedürfnissen nicht entspricht! Menschen, die in erster Linie und fast ausschließend von dem Ertrage ihrer Plantagen leben, also Ackerbauer sind, können sich nicht mit einemmale zu einem Hirtenvolke aufschwingen. Die einzigen Haustiere, welche von den Eingeborenen hier, wie überhaupt, gehalten resp. gezüchtet werden, sind Schweine und Hunde. Die ersteren, in der Bongusprache »Bul-bul« genannt, sind Abkömmlinge der Wildschweine, von welchen Neu-Guinea zwei eigentümliche Arten besitzt: Sus papuensis und Sus niger. Erstere Art (unten linke Figur) kennen wir nur nach der ungenügenden Darstellung Lessons. Sie ist rostbräunlich gefärbt, an der Unterkinnlade, Brust, Bauch, Innenseite der Beine und Fesseln weißfahl, an Schnauze und ums Auge schwärzlich; die Jungen sind ähnlich wie Frischlinge unseres Wildschweines braun und rostgelb längsgestreift. Die zweite von mir (Proc. Zool. Soc. London 1886 S. 217) beschriebene Art (oben rechte Figur) zeichnet sich, auch in der Jugend, durch die einfarbig schwärzliche Färbung aus. Beide Arten werden im Alter gewaltige Tiere mit mächtigen Hauern, die bei den Papuas als Schmuck sehr geschätzt sind. Die beigegebene Abbildung wurde nach den lebenden Exemplaren gezeichnet, welche ich für den Zoologischen Garten in Berlin mitbrachte, bisher die ersten, welche Europa erreichten, und stellen Tiere in noch jugendlichem Alter dar. Ferkel sind nebst jungen Hunden die erklärten Lieblinge der papuanischen Damenwelt, und ich sah nicht selten Frauen außer ihrem Kinde noch ein kleines Schweinchen säugen. Die Tierchen werden daher auch bewundernswert zahm, folgen, sofern sie nicht im Tragbeutel mitgeschleppt werden, ihren Pflegerinnen auf Tritt und Schritt, und eine Papuafrau würde sich von ihrem Lieblinge ebensowenig trennen, als eine Dame von ihrem Schoßhündchen.

Papuahund.

Die Abstammung des Papuahundes bleibt auf einer Insel, wo kein einziges Raubtier vorkommt, ein Rätsel, dessen Lösung innigst mit der Herkunft des hier lebenden Menschen zusammenhängt, eine Frage, welche eine viel größere Bedeutsamkeit hat, als es vielen scheinen dürfte. Auf Grund des Vorhandenseins von Hunden als Haustier hat die Annahme Berechtigung, daß die Papuas überhaupt ein eingewandertes Volk sind. Über das »Woher?« will ich hier indes weiter keine Betrachtungen aufstellen. Der Papuahund, in Bongu »Ssa« genannt, gehört übrigens jener eigentümlichen Rasse an, wie sie sich allenthalben in Neu-Guinea findet, und die sich am meisten mit einem kleinen Dingo vergleichen läßt. Er ist glatthaarig, von kleiner unansehnlicher Statur, hat einen fuchsähnlichen Kopf, aber mit stumpfer Schnauze und aufrechtstehenden, spitzgerundeten Ohren. Der Schwanz ist stark nach links gedreht, wird aber beim Anblick eines Fremden aus Furchtsamkeit meist hängend getragen. Die Färbung variiert außerordentlich, und schon hieraus spricht die lange Domestikation am deutlichsten. Im allgemeinen herrscht eine rostfahle Färbung vor, mit weißer Schnauze, Stirnmitte, Kehle, Bauch und Schwanzspitze, aber es giebt auch dunkelbraune Exemplare, solche mit weißem Kopfe und schwarzgefleckte, kurzum nicht zwei Exemplare sind völlig gleich. Die Abbildung ist nach einem jungen Exemplare gezeichnet. Eine besondere Eigentümlichkeit des Papuahundes ist, daß er nicht bellt, sondern nur heult, aber ich hörte die Hunde in Astrolabe-Bai nicht jene regelmäßigen Heulkonzerte aufführen, bei dem sich alle Hunde vereinigen, und welche nicht gerade zu den Annehmlichkeiten von Port Moresby gehören. Der Papuahund ist übrigens von scheuem, feigen Wesen, sehr diebisch und schon wegen seiner geringen Größe nicht zur Jagd geeignet, wie er kein guter Wächter ist. Gewöhnlich pflegen sich bei Annäherung von Fremden die Hunde des Dorfes lautlos wegzuschleichen. »Wie der Hund, so der Herr« gilt auch für Neu-Guinea, insofern als beide keine Jäger, wohl aber Vegetarianer sind. Wie sein Herr nährt sich der Papuahund vorzugsweise von Pflanzenstoffen, frißt z. B. mit Vorliebe Kokosnuß, und sein bei den Papuas so sehr beliebtes Fleisch mag infolge dessen wohl nicht übel schmecken. Man hält den Hund eben des Essens wegen. Hunde und Schweine werden übrigens nur bei Festen aufgetischt, welche die Papua sehr lieben und mit großer Beharrlichkeit, oft mehrere Tage lang, feiern. Da wird gar manchem Borstentiere der Garaus gemacht und die Festteilnehmer bringen oft von weither ihren Anteil zu dem Picknick herbeigeschleppt. Wie die Abbildung zeigt, wird dabei mit den Schweinen nicht gerade glimpflich und im Sinne unserer Tierschutzvereine verfahren, aber jedenfalls ist die Befestigung mit Lianen praktisch. Ländlich, sittlich! Transportieren doch, was weit empörender ist, die Neu-Irländer oder jetzigen Neu-Mecklenburger ihre Kriegsgefangenen, wie Schulle auf Nusa mit eigenen Augen sah, in derselben brutalen Weise und zu der gleichen Bestimmung des Aufessens!

Wie die Abstammung und Herkunft des Hundes, so ist die des Haushuhnes eine noch ungelöste Frage, die nur wie jene erklärt werden kann. Hühner sind an dieser Küste, wie in Neu-Guinea überhaupt, nicht Haustiere im Sinne der unseren, werden auch nicht des Fleisches und der Eier, sondern hauptsächlich, übrigens immer in sehr beschränkter Anzahl, der Federn wegen gehalten. Hahnenfedern, namentlich weiße, sind nämlich ein beliebter Kopfputz der Malassi oder jungen Leute. In manchen Dörfern sah ich an Geflügel nur ein paar weiße Hähne (Kakaru). In der Färbung neigen sie häufig zu Albinismus, während die meist im Walde versteckt lebenden Hennen (Tutu) mehr dem wilden Bankivahuhn ähneln. Ich will hier noch bemerken, daß das Halten von Vögeln bei den hiesigen Papuas, wie an der ganzen Nordostküste, nur ausnahmsweise vorkommt. Es überraschte mich dies, weil an der Südostküste zahme Papageien (Eclectus) und Kakadus, schon der Federn wegen, fast in jedem Dorfe gehalten werden.

Aufbruch zum Feste.

Auf unseren Ausflügen lernten wir auch die Plantagen der Eingeborenen kennen, die, wie erwähnt und wie dies fast überall in Neu-Guinea und Melanesien überhaupt der Fall ist, weit von den Dörfern, meist an Berghängen oder mitten im Urwalde angelegt sind. Die Urbarmachung eines oft mehrere Hektaren großen Stück Landes ist für Menschen, die noch in der Steinperiode leben, gewiß eine höchst mühevolle und gewaltige Arbeit, nicht minder die Einzäunung desselben. Soviel das Feuer auch hilft, einen Urwald kann es nicht vernichten, und so bleibt noch viel Arbeit für die Steinäxte der Männer übrig, welche die kleineren Bäume umhauen, von den großen, zum Teil von Feuer gefällten, die Äste abhacken, so daß nur die Stämme übrig bleiben, die dem Klima nicht allzulange Widerstand leisten. Wie bei der groben Arbeit des Umhauens und eigentlichen Urbarmachens, so vereinigen sich sämtliche Dorfbewohner beim Bau der Einzäunung. Sie wird in dem hiesigen Distrikte aus etwa mannshohen Stäben des wilden Zuckerrohres gefertigt, die durch ihr späteres teilweises Ausschlagen der Wurzeln dem Ganzen besondere Festigkeit verleihen. Thore oder Thüren sind aus Rücksicht auf das Eindringen der wilden Schweine nicht freigelassen, aber gewisse Vorrichtungen zum leichteren Überklettern angebracht. Das von der Einfriedigung umschlossene Land ist nach Größe der Familien verteilt, deren weibliche Glieder die Bearbeitung zu besorgen haben. Das eigentliche Umgraben, wozu man sich nur eines spitzen Stockes, Udja (Udscha) bedient, geschieht durch die Männer, die feinere Bearbeitung des Bodens durch die Weiber, die dazu eine Art schmaler Schaufeln (Udja-sab) benutzen. Ich fand in den Plantagen dieselbe musterhafte Wirtschaft, wie ich sie schon von der Südküste Neu-Guineas und aus Neu-Britannien kannte. Das Erdreich sah, sorgfältig aufgelockert, wie gesiebt aus. Die Ranken des Jams wanden sich an regelmäßig eingesteckten Stangen, zwischen denen andere Pflanzen wuchsen, wie in einem Hopfenfelde empor. Es war jetzt gerade die Zeit der Jamsreife, da der Landbau der Papuas eine Reihe von Feldfrüchten in abwechselnder Aufeinanderfolge zeitigt. Das Hauptnahrungsmittel bildet übrigens der am meisten beliebte Taro, »Bau« (Collocasia), von März bis August, demnächst Jams, »Ajan« (Diascorea), von August bis November. Außerdem werden noch süße Kartoffeln, »Degargol« (Convulvulus), Zuckerrohr, »Den«, Bananen, »Moga«, eine Art kleiner Bohnen, »Mogar« und Tabak »Kas« kultiviert. Ein ebenfalls nur infolge von Kultur vorhandener Nutzbaum ist die Kokospalme, die in ganz Astrolabe-Bai spärlich vorhanden, besonders in diesem Teile rar ist und manchen Dörfern z. B. Gumbu ganz fehlt. Kokosnüsse, »Munki« sowie Sago »Bom« haben daher für dieses Gebiet nur untergeordnete Bedeutung, während sie in anderen mit zu den Hauptnährmitteln gehören. Damit sind ungefähr alle Kulturpflanzen der Papuas in ganz Neu-Guinea, wie Melanesien überhaupt, genannt, und ich werde hierüber, wie über Bodenbearbeitung selbst wenig mehr zu sagen haben, da sich dieselbe im wesentlichen überall gleich bleibt.

Man ersieht aus dem Vorhergehenden, daß die so oft gepriesenen Tropen nicht dem Garten Edens zu vergleichen sind, in welchem der Mensch ohne alle Mühe und Sorge herrlich und in Freuden lebt, sondern daß er sich überall im Kampfe ums Dasein bemühen und quälen muß. Selbst diejenigen vereinzelten Menschenstämme, welche, wie z. B. die Australier, gar keinen Anbau kennen, und lediglich auf die Erzeugnisse der Natur angewiesen sind, müssen sich ihren Lebensunterhalt mühselig erwerben und werden, wie schon ihr Äußeres zeigt, nicht fett dabei.

Für die Papuas liegt übrigens schon in der Bodenbearbeitung ein charakteristischer Zug der ganzen Rasse, durch welche sie die höhere Stufe ihrer Gesittung so vorteilhaft bekundet, und die weder durch Nacktheit noch Kannibalismus gewisser Stämme abgeschwächt werden kann. Letztere beiden Übel sind ja nur in unseren Augen solche, in Wirklichkeit aber durch Usus überkommene Gewohnheiten unabhängig von Gesittung wie Moral.

Selbstredend benutzen, wie alle Papuas und Menschen überhaupt, auch diejenigen von Astrolabe-Bai einige Pflanzen, welche die Natur selbst bietet, als Nahrung. So verschiedene Früchte, Nüsse, ja selbst Knospen und Blätter gewisser Gewächse. Sie spielen indes, wie der in Astrolabe-Bai überhaupt nur spärlich vorkommende Brotfruchtbaum, Boli, eine untergeordnete Rolle.

Um Wiederholungen zu vermeiden, will ich gleich an dieser Stelle zweier Genußmittel gedenken, die mit wenig Ausnahmen über ganz Melanesien verbreitet und eng mit dem Leben des Papua verbunden sind, nämlich: Tabak und Betelnuß! Der erstere ist entweder, wie Hund und Haushuhn, bei der Einwanderung der Papuas mitgebracht worden oder eine einheimische Pflanze, war aber in jedem Falle vor der Ankunft von Weißen den Eingeborenen schon bekannt. Wie Maclay in Konstantinhafen bereits Tabak vorfand, so ging es uns später an Plätzen, die wir zuerst berührten. Die früher von mir von der Südküste mitgebrachten Herbarproben zeigten die Identität der von den Papuas kultivierten Pflanze mit dem gewöhnlichen Bauerntabak (Nicotiana tabacum), mit dem sie in Aussehen wie Blüte durchaus übereinstimmt. In allen von mir besuchten Gebieten an der Nord- und Südostküste Neu-Guineas, fand ich Tabakbau, deren Erträge selbst einem Teil des Tauschhandels der Eingeborenen untereinander bilden. Auch die armen Bergdörfer im Innern von Port Moresby besaßen ihre sorgfältig eingezäunten Gärtchen mit Tabakspflanzen, während an der Küste selbst diese Kultur durch eingeführten Tabak im Verschwinden begriffen oder wie in Port Moresby so gut als verschwunden ist. Hier hat der bekannte Twist, (Niggerhead) oder amerikanische Stangentabak, das gangbarste und unentbehrliche Tauschmittel[19] im Verkehr mit allen Südseestämmen überhaupt, bereits Wert und lebhafte Nachfrage. Die Eingeborenen der Südostküste besitzen auch ein eigenes Rauchgerät, den »Baubau«, auf den wir noch zurückkommen werden, welches die sonst überall beliebte und begehrte Thonpfeife nicht zu verdrängen vermochte. Die Eingeborenen an der ganzen Nordostküste kennen kein Rauchgerät und wiesen aus diesem Grunde auch unsere Thonpfeifen zurück. Sie wickeln aus den unfermentierten, etwas getrockneten Blättern eine rohe Zigarre oder Zigarette, der ein grünes Baumblatt als Decker dient. Diese Zigarren glimmen selbstredend sehr schlecht, und es bedarf immer glühender Kohlen, um sie in Brand zu halten. Aber die Papuas sind keine Raucher in unserem Sinne; ein paar volle Züge genügen, und die Zigarre wandert von Mund zu Mund. Wir konnten uns mit dieser Sitte unserer neuen Freunde in Konstantinhafen natürlich nicht befreunden, die in oft ergötzlicherweise dem einen oder anderen von uns die brennende Zigarre aus dem Munde nahmen, um sich an ein paar Zügen zu erlaben. Wir vertrösteten die Leutchen daher immer auf die Stummel, die bald ein gesuchter Artikel und den Eingeborenen lieber als der harte Stangentabak waren, obwohl sie diesen bereits durch Maclay kannten. Wie in Port Moresby »Kuku lassi?« (keinen Tabak haben?) die stehende Redensart, gleichsam Begrüßungsformel bei Begegnung mit Eingeborenen ist, so hier »kas! kas!« (Tabak, Tabak!). Aber die Leute waren lange nicht so bettelhaft und zudringlich als in dem von Civilisation schon zu sehr übertünchten Port Moresby.

Nächst dem Tabak ist der Genuß des Betel über ganz Melanesien verbreitet und wird von Mann und Frau, alt wie jung, leidenschaftlich geliebt, ja scheint fast unentbehrlich. Betel ist bekanntlich die Frucht der Betelpalme (Areca), der schönsten der hier vorkommenden Palmen, deren gerade Stämme sich auch trefflich als Baumaterial eignen. Die Betelpalme zeitigt traubenförmige Büschel grüner bis gelber Früchte, von der Größe einer kleinen Walnuß oder Mirabelle. Nach Entfernung der äußeren dichten Faserhülle, mittelst eines meißelförmigen Instruments (Dongan) aus Knochen, kommt ein fester Kern zum Vorschein, der in Aussehen und Form einer Muskatnuß ähnelt. Dieser Kern oder Nuß ist es, welcher gegessen wird, aber nicht allein, sondern im Verein mit pulverisierten Kalk (aus gebrannten Korallen gewonnen) und den Blättern oder Blüten einer Pfefferpflanze, in derselben Weise also, wie dies überall geschieht. So verbreitet sich der Betelgenuß bekanntlich weit über Ostindien und die malaiischen Inseln, hier Sirie genannt. Aber es würde voreilig sein auf dieses gemeinsame Genußmittel, die ursprüngliche malaiische Herkunft der Papuas abzuleiten, da kein Grund vorliegt zu bezweifeln, warum die letzteren nicht selbst auf den Betelgenuß gekommen sein sollten. Für Europäer ist Betel übrigens eben kein Genuß! Er schmeckt beißend-säuerlich, zieht das Zahnfleisch zusammen, hinterläßt aber einen erfrischenden Nachgeschmack und erleichtert das Atmen. Irgend eine betäubende Wirkung hat Betel übrigens nicht, dagegen eine färbende, indem er Zunge, Lippen, Speichel und Zähne rot, bei längerem Gebrauch letztere braun bis schwarz färbt. Aus welchen Gründen die Betelnuß überall nur im Verein mit Pfeffer und Kalk gegessen wird, wäre interessant zu erfahren, scheint aber noch nicht wissenschaftlich aufgeklärt. Die gewöhnliche Bezeichnung »Betelkauen« rührt übrigens daher, daß erst nachdem die Nuß mit den Zähnen zerkaut ist, derselben Kalk und Pfeffer zugesetzt wird. Zum Aufbewahren des Kalks benutzt man hier, wie fast überall in Neu-Guinea, flaschenförmige, unten zugerundete Kalebassen (Atlas V. 1), die wir zuerst auf den French-Inseln fanden. Es verdient dies deswegen Beachtung, weil man im Bismarck-Archipel diese Art Kalkbehälter nicht kennt. Die Kalkkalebassen sind übrigens oft kunstvoll verziert, wie die dazu gehörigen sogenannten »Löffel«, welche diese Bezeichnung sehr mit Unrecht tragen. Sie stellen vielmehr einen langen, schmalen Spatel aus Holz oder Knochen dar, an dessen abgeflachter, im Munde befeuchteter Spitze der Kalk hängen bleibt. Das hindert die Eingeborenen natürlich nicht, den Spatel gemeinschaftlich zu benutzen, ja es ist selbstverständlich, fremden Gästen vor allem Betel und die Kalkbüchse als Zeichen der Freundschaft anzubieten. Wenn ich dasselbe hier wie überall höflich zurückwies, so wurde dies übrigens nirgends als eine Beleidigung aufgenommen, und die Leute wunderten sich nur über die Dummheit des Fremdlinges, einen so köstlichen Genuß zu verschmähen. Die Betelpalme ist übrigens in Konstantinhafen sehr selten, und hier wie anderwärts bilden Betelnüsse »Pinang« einen Tauschartikel.

Die Palme selbst gehört hie und da mit zu den Kulturgewächsen, von der man einzelne Exemplare, sorgfältig eingezäunt, in vielen Dörfern findet. Dasselbe gilt bezüglich gewisser Zierpflanzen, von denen hauptsächlich buntblättrige Croton, Draceen und Euphorbiaceen und Hibiscus angepflanzt werden. Die schönen roten Blumen des letzteren werden in das Haar, die bunten Blätter in die Arm-, Hals- und Kniebänder gesteckt und bilden den gewöhnlichen Aufputz der jungen Leute, zumeist der Männer.

Wie der Betel auf Malaiasien hindeutet, so die Kawa auf Ozeanien. Aber in beiden Fällen würde eine etwaige Schlußfolgerung auf die dadurch angedeutete Herkunft der Papuas eine irrige sein. Denn Kawa ist bis jetzt nur in diesem beschränkten Teile von Neu-Guinea beobachtet, also sicherlich nicht aus Ozeanien herübergebracht worden. Die Pflanze aus welcher der »Keu« und zwar in derselben Weise wie in Ozeanien bereitet wird, ist wie Kawa eine Pfefferart und wohl identisch mit Piper methysticum. Auch die Gebräuche und Zeremonien beim Keutrinken, über die Maclay ausführlich berichtet, sind ganz ähnlich wie in Ozeanien. Aber statt junger Mädchen kauen junge Burschen die Zweige, Blätter und Wurzeln der Pflanze; und Keu wird nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten und allein von den Tamos, Männern, getrunken, das widerliche, durch seine Bereitung vollends ekelhafte Getränk, aber nicht Fremden als besondere Auszeichnung kredenzt. In Astrolabe-Bai sahen wir auch den Melonenbaum (Carica papaya), »Papaia«, Zuckermelonen und Kürbisse, beide »Arbus« genannt, an deren Namen man schon den fremden Ursprung erkennen konnte. Auf Befragen hieß es gleich »Maclay«, denn dieser war es, der zuerst Kulturgewächse, (darunter auch Mais, »Kukurus«) einführte, Geschenke, welche übrigens nicht in der Weise, wie der Philanthrop erwartete, von den Eingeborenen gewürdigt wurden. Jedenfalls nützen sie ihnen aber mehr als die Rinder, nach dem russischen »Bika« genannt. Nie wäre es mir in den Sinn gekommen zu glauben, daß mir die wenigen russischen Wörter, welche ich auf meiner sibirischen Reise gelernt hatte, unter den sogenannten Wilden in Neu-Guinea noch einmal nützlich werden könnten, aber es war doch so! »Gleba« (Chljeb = Brot), »Taporr« (= Beil), »Schirau« (Ssjekrá = Axt), Noscha (Nosh = Messer) lauteten die sich stets wiederholenden Wörter im Sprachschatze der Papuas, welche aber auch zugleich ihre Kenntnis des Russischen erschöpften. Als Leute, die genug zu leben haben, verlangten sie indes kein Brot, ja kosteten dasselbe kaum, sondern nur Eisen, und für alles, auch die geringsten Dinge, wollten sie »Taporr« oder »Schirau« haben. Um »Noscha« gaben sie weniger, und andere Tauschartikel wie Spiegel, Glasperlen, Fingerringe u. dergl. machten eigentlich nur Frauen und jungen Leuten Spaß. Die Naturkinder, obwohl in vieler Hinsicht Kinder, sind meist doch viel praktischer als Kinder, und schon der kleine Papuaknabe wird unbedenklich ein Stück gewöhnliches Bandeisen einer Handvoll Glasperlen vorziehen. Da ich für die Folge noch sehr oft von dem Tauschhandel oder besser Schacher mit den Eingeborenen zu sprechen habe, so will ich gleich hier einige allgemein gültige Bemerkungen vorausschicken. Bunter oder glänzender europäischer Tand, wie man ihn sich bei uns als höchst wirkungsvoll denkt, erregt bei den sogenannten »Wilden« vielleicht Aufmerksamkeit, bildet aber gewiß nur für kurze Zeit Nachfrage. Ihr Sinn richtet sich eben auf Praktisches, und was könnte daher wohl Menschen, die noch tief im Steinalter leben, willkommener sein als Eisen! — Nicht Roheisen u. dergl., da sie keine Idee von schmelzen oder schmieden haben, sondern Eisen in irgend einer passenden Form. So ist z. B. schon ein großer Nagel ein begehrter Gegenstand, aus ihm läßt sich ein brauchbares Gerät herstellen und zwar mittelst Schleifen, das allen Eingeborenen von ihren Stein- und Muscheläxten wohlbekannt ist. Da letztere nun bei allen Stämmen der Steinperiode das wichtigste Gerät bilden, so paßt ihnen zum Ersatze der Steinklinge ein Stück flaches Eisen am besten. Am begehrtesten von allen europäischen Tauschartikeln sind daher ca. sechs Zoll lange, zwei Zoll breite und ca. zwei Linien dicke Stücke sogenannten Flacheisens, in Ermangelung Hobeleisen, ja selbst starkes Bandeisen. Solche Eisenstücke lassen sich ganz in derselben Weise an die knieförmigen Holzstiele ihrer Steinbeile befestigen, wie die selbstgefertigten Steinklingen und werden unbedenklich europäischen Beilen überall da vorgezogen, wo die Eingeborenen zuerst mit Weißen in Verkehr treten. Die Klinge der meisten Steinäxte ist nämlich mit der Schärfe quer zum Stiele befestigt (vergl. Atlas I 3), ganz wie bei den Beiteln der Schiffszimmerleute, und steht nicht in gleicher Flucht mit dem Stiele, wie bei gewöhnlichen Beilen. Aus diesem Grunde verstehen daher die Eingeborenen mit den letzteren nicht umzugehen, und erst wenn sie dies gelernt haben, ziehen sie gewöhnliche Äxte den in ihrer Weise mit einer Eisenklinge montierten vor. Übrigens ist das Steinbeil keineswegs ein so ganz primitives Gerät, wie wir meist annehmen, dafür legen die vielen ebenso gewaltigen als zum Teil kunstvollen Arbeiten der Papuas das beste Zeugnis ab. Ich habe an der Südküste Neu-Guineas in bewundernswert kurzer Zeit Kanus nur mit Steinbeilen anfertigen sehen und fand es noch in der Hand solcher Eingeborenen, welche eiserne Äxte längst kannten und besaßen. So offerierte ich einst einem Häuptlinge in Neu-Irland vergebens eine gute amerikanische Axt für sein mit einer Klinge von Mitramuschel versehenes Beil, mit welchem er gerade an einem Kanu zimmerte. — Die in Port Konstantin erhaltenen Steinbeile (Angam) waren übrigens ziemlich roh und klein (Atlas I, 1, 2, 3), denn die großen, welche meist Gemeindeeigentum sind, brachten sie schlauerweise nicht an den Tag. Wir werden solche übrigens später kennen lernen. — Messer, um dies noch zu erwähnen, sind bei noch wenig berührten Eingeborenen viel minder begehrt und führen sich erst nach und nach ein. Zum Schneiden von Fleisch leistet ein scharfkantiges Stück Bambu treffliche Dienste; im übrigen genügen Muscheln. Letztere, sowie Steinsplitter und scharfe Zähne bilden, außer Steinbeilen und meißelartig zugeschliffenen Steinstücken, den ganzen Reichtum der Papuas an Werkzeugen. Als Raspeln bedient man sich überall der Rochenhaut; sägeartige Instrumente sind unbekannt.

Wie alle Küstenbewohner betreiben auch die von Konstantinhafen Fischfang, sowohl mit Netzen, als Haken und Speeren, scheinen aber in diesem Gewerbe minder bewandert, als dies sonst meist der Fall ist. Dasselbe gilt in Bezug auf Schiffahrt, denn ich bemerkte nur kleine Kanus. Dieselben bestehen, wie fast überall, aus einem ausgehöhlten Baumstamme, mit einem Auslegerbalken, der von zwei dünnen Querbalken getragen wird, wie dies ein Blick auf Taf. VI (Fig. 1) des ethnolog. Atlas am besten zeigt. Zuweilen ist auf den Baumstamm jederseits ein Brett aufgelascht, d. h. festgebunden, was dann an Stern wie Bug ebenfalls ein Querbrett erfordert. Dasselbe ist zuweilen mit Schnitzerei in durchbrochener Arbeit verziert (vergl. Atlas VI, 7), ebenso die Ruder (VI, 8).

Wie die wenigen russischen Wörter bei den Bewohnern von Port Konstantin noch lange fortleben werden, so namentlich auch die Erinnerung an den ersten Weißen, Maclay selbst, dessen Name uns noch auf Dampier-Insel (Karkar) genannt wurde. Es ist nicht so schwer, mit den Eingeborenen umzugehen, als es scheint, wie ich früher und später zur Genüge selbst erfuhr, und es läßt sich mit den gefürchteten »Wilden« überall da gut verkehren, wo nicht bereits die Begegnung mit Weißen unliebsame Erinnerungen zurückließ. Wie die letzteren Haß und Rachsucht, so erzeugt eine gute Behandlung Freundschaft für die Weißen. Das Auftreten des ersten Fremdlings ist daher von nachhaltiger Bedeutung, wie er selbst bei klugem Betragen bald großen Einfluß gewinnt. Und diesen hat Maclay, der »Kaaram-Tamo« (Mann des Mondes), wie er in der Umgebung von Konstantinhafen hieß, ohne Zweifel gehabt. Irgend ein Feuerwerkskörper, ein Blaufeuer oder dergleichen, für die Eingeborenen eine neue und unerklärbare Erscheinung, gab die Veranlassung zu diesem mysteriösen Namen. Das Wesen des Sonderlings selbst trug noch mehr dazu bei, den geheimnisvollen Schleier, der sich nach und nach um seine Person hüllte, immer dichter zu weben. So herrschte bald allgemein der Glaube, Maclay besitze übernatürliche Macht, könne Regen machen, wenn er nur wolle, ja selbst fliegen! Wie mir der Reisende selbst erzählte, kam das so! Maclay pflegte stets unbewaffnet, nur mit einem Stocke zum Abwehren der oft bösartigen Schweine versehen, die Umgegend allein und möglichst ungesehen zu durchstreifen. Hörte er auf den einsamen Pfaden des Urwaldes das Herannahen von Eingeborenen, so suchte er sich zu verbergen und erschien dann oft so unversehens im Kreise der überraschten Dorfbewohner, daß diese nur in einem übernatürlichen Wesen Deutung zu finden vermochten. Alle abwehrenden Versicherungen konnten diesen Glauben nicht erschüttern.

»Einsiedelei-Point«, nicht weit von Konstantinhafen, und ca. eine halbe Stunde von dem nächsten Dorfe Bongu, muß in der That eine rechte Einsiedelei gewesen sein. Hier hatte das Haus gestanden, ein Besitztum, das auf der Landseite durch eine feste Umzäunung, gegen die Wasserfront durch Korallfelsen vor der Zudringlichkeit der Eingeborenen geschützt war. Mit Blattstreifen verzierte Stangen, welche auf den Wipfeln einiger hohen Bäume angebracht waren, hatten uns schon bei der Ankunft auf diesen Platz als etwas Besonderes, aufmerksam gemacht, der sich als die frühere Besitzung Maclays erwies. Vom Hause selbst war natürlich keine Spur mehr zu sehen, aber eine Wildnis von süßen Kartoffeln, einige Bananen und Melonenbäume zeigten die Stelle, deren Umfang die Eingeborenen noch sehr wohl zu bezeichnen wußten und die sie als fremdes Eigentum noch jetzt respektierten.

Es herrschte also volles Verständnis, als auch ich ein Stück Land von den Eingeborenen erwarb, auf dem wir ein Haus oder vielmehr einen Schuppen zum Lagern von Kohlen errichteten. Die Bewohner der drei Dörfer Bongu, Korendu und Gumbu, welche durch Verwandtschaft eng verbunden, auch politisch zusammengehören und dieses Gebiet beherrschen, halfen redlich dabei und sahen es nur ungern, wenn Fremde sich auch mit beteiligen wollten. Der alte Sa-ulo nützte uns übrigens wenig und schien wegen seines Alters obwohl nicht gebrechlich, viel an Einfluß verloren zu haben. Dagegen unterstützten uns Jago und Dam am meisten und schienen die angesehensten Häuptlinge von Bongu zu sein. Es herrschte ein geschäftiges und fröhliches Treiben. Unter den wuchtigen Axthieben unserer Schwarzen fielen Bäume. Weiber und Kinder reinigten den Platz von Unkraut und Steinen, schleppten Riedgras (Tura) und Lianen (Mangau), die sich trefflich zum Festbinden eignen, herbei, während die Männer Stangen fällten und Kokospalmblätter, ein für die hiesige Gegend rares Material, in Kanus heranbrachten. Auch ohne besondere Sprachkenntnis ließ sich, wie dies überall der Fall ist, mit den sehr anstelligen Eingeborenen, die alle Absichten leicht begriffen, trefflich auskommen. Aber man muß sie vor allem gut behandeln, immer ein freundliches Gesicht machen und ihren Gewohnheiten Rechnung tragen. Die Arbeit wird oft unterbrochen; einige müssen rauchen, Betel essen, kochen oder ein bißchen schlafen, wie sie dies bei ihren eigenen Arbeiten gewohnt sind, und daran muß man sich gewöhnen, wenn überhaupt etwas geschehen soll. Denn diese Naturkinder kennen anhaltende Arbeit in unserem Sinne natürlich nicht, und bei allen Papuas und Kanakas überhaupt lodert der erste Eifer mächtig auf, erlischt aber eben so schnell.

Als das »Buam« (Haus) fertig war, schleppten die Eingeborenen einen mächtigen an 20 Fuß langen Bambu herbei, an welchem die deutsche Handelsflagge befestigt, bald lustig an der Spitze eines hohen Baumes im Winde flatterte. Die erste deutsche Station an der Küste von Neu-Guinea war somit begründet und damit zugleich die spätere deutsche Schutzherrschaft, die sich jetzt allein im Kaiser Wilhelms-Land über ein Gebiet von 179250 qkm (= 3255 d. g. qm) oder größer als die Hälfte des Königreichs Preußen erstreckt. Der 17. Oktober 1884 wird also in der Kolonialgeschichte Deutschlands für immer ein denkwürdiger Tag bleiben! Hatten auch die Eingeborenen über die Tragweite dieses Vorganges nicht die entfernteste Ahnung, so begriffen sie doch sehr gut, daß derselbe auch für sie etwas zu bedeuten habe, wie die neue Flagge selbst, deren Farben (kum = schwarz, aubi = weiß, suru = rot) sie wohl zu unterscheiden wußten. Und daß dieser Vorgang auf das engste mit der Wiederkehr der neuen weißen Freunde, wofür schon das Haus gewährleistete, zusammenhing, wußten sie ebenfalls. In jedem Gesichte sprach sich daher Freude darüber aus, und das »kerre-kerre« (sehr gut) wollte kein Ende nehmen. War doch nach dem praktischem Urteil der Leute das Erscheinen der Weißen identisch mit viel »Taporr«, »Schirau«, »Nosche«, sowie anderen nützlichen und begehrten Dingen, und das konnte ja nur mit Freuden begrüßt werden. Der Besitz eiserner Werkzeuge hat notwendigerweise größeren Reichtum und somit Überlegenheit zur Folge, und deshalb ist jeder Stamm so sehr bemüht, diese Vorteile für sich allein zu erlangen. Unsere neuen Verbündeten huldigten dieser bekannten Eingeborenen-Maxime und warnten uns, wie dies stets der Fall ist, vor ihren Nachbarn, die von Bilibili, Bogadschi und anderen Küstenplätzen in Kanus herbeikamen, um uns zu sehen und zu schachern. Als besonders schlecht (borle-borle) wurden die Bewohner weiter im Inneren bezeichnet. Kein Bongumann wollte z. B. mit nach dem Dorfe Eglam mana gehen, obwohl sonst gegenseitiger Verkehr stattfindet und das Dorf wenig mehr als eine deutsche Meile entfernt liegt. Aber die schlauen Küstenleute waren nur darauf bedacht, den Absatz der erhaltenen Tauschwaren für sich nach dorthin zu sichern.

Das Wort »Mana« heißt im Bongudialekt Berg und bezeichnet dem Ortsnamen angehängt, eines jener kleinen Dörfer, die in den Bergen bis zu einer Erhebung von 1200–1500 Fuß verstreut liegen. Sie sind, wie ich dies auch im Inneren von Port Moresby fand, armseliger und kleiner als die Küstendörfer und zählen oft kaum mehr als 10–20 Hütten mit 40 bis 50 Einwohnern, während z. B. Bongu an 150 bis 180 Seelen haben mag. Aber die ganze Bevölkerung von Astrolabe-Bai ist überhaupt nicht bedeutend und wird von Maclay auf nicht mehr als 3500–4000 geschätzt, die sich auf einige 80 Siedelungen verteilt. Ich erfuhr die Namen von etwa 15 Dörfern, aber wie bereits erwähnt, werden alle kleineren Häusergruppen eines Dorfes, die oft nur aus drei bis vier Häusern bestehen, besonders benannt.

Der Urwald, welcher sich längs dem Ufer dieses Teiles der Küste hinzieht, ist weniger dicht, als ich ihn sonst meist in Neu-Guinea fand, und besitzt weniger Unterholz und Gestrüppdickichte. Auch ist die Ausdehnung dieses Waldgürtels in der Breite nicht bedeutend, und man stößt nach kurzer Wanderung auf den schmalen aber gut gangbaren Pfaden bald auf offenes, mehr oder minder hügliges bis ebenes Land, das sich bis zu der dichtbewaldeten Gebirgskette erstreckt, welche sich parallel mit der Küste hinzieht. Wie von Maclay mitteilt, ist diese steile Gebirgskette unbewohnt und bildet für die Eingeborenen die äußerste Verbreitungsgrenze nach dem Inneren, welche sie niemals überschritten. Es giebt dies einen neuen Beweis von der äußerst beschränkten Kenntnis des Landes seitens der Eingeborenen selbst, die, abgesehen von gewissen Küstenstrichen, ihre nächste Umgebung selten weiter als etliche Stunden weit kennen, Verhältnisse, wie ich sie auch an der Südostküste fand und auf welche ich noch zurückzukommen habe.

Der erste günstige Eindruck, welchen die Umgegend von Port Konstantin landschaftlich auf uns gemacht hatte, war bei näherer Bekanntschaft nur befestigt worden. Das von verschiedenen kleinen Wasserläufen durchzogene Land zeigte überall fruchtbaren Boden und für Niederlassungen geeignete Lokalitäten, so daß ich schon damals dieses Gebiet als sehr günstig für eine Station[20] nach Berlin empfehlen konnte. Aber etwas mangelte und zwar ein guter Hafen, denn Kapitän Dallmann war mit Port Konstantin gar nicht zufrieden; unsere nächste Aufgabe galt also der Aufsuchung eines solchen.

Der zuerst durch von Maclay angebahnte freundschaftliche Verkehr mit den Eingeborenen war von uns in derselben Weise fortgesetzt worden und ließ nichts zu wünschen übrig: noch nie hatte ich so gutmütige und anstellige Leute als hier getroffen! Das Verständnis mit ihnen wurde von Tag zu Tag leichter, und es gelang mir ohne Schwierigkeit sie am Abend vor unserer Abreise zu einem »Mun« zu vereinigen. So heißen hier jene aus Tanz und Gesang bestehenden Aufführungen, welche den Glanzpunkt der Feste bilden und sich in ähnlicher Weise überall in Neu-Guinea, ja ganz Melanesien wiederholen. Nach unseren Begriffen ist freilich der Tanz nichts als eine arge Trampelei, und mit dem Gesang ist es nicht besser bestellt als mit der Musik, bei welcher die sanduhrförmige Holztrommel, Okam, (vergl. Atlas XIII. 2), eine so große Hauptrolle spielt, aber es war mir doch interessant, auch hier diese Gebräuche kennen zu lernen. Die Bereitwilligkeit, uns auch in außergewöhnlicher Zeit einen »Mun« zum besten zu geben, zeugte überdies von dem guten Einvernehmen mit den Eingeborenen und war als eine besondere Auszeichnung und Ehre für uns anzusehen.

Wenn es sonst Sitte bei den Papuas ist, scheidenden Freunden Geschenke mit auf den Weg zu geben, so machten die braven Konstantiner bei uns eine Ausnahme. »Nehmen ist seliger denn Geben« lautet auch ihre Lebensregel, wie fast bei allen Papuas, und selbst der biedere König Sa-ul ließ sich jede Kokosnuß, mit der er uns in seiner Residenz bewirtete redlich bezahlen, ja, auch der Junge, welcher die Nüsse pflückte, verlangte ein Trinkgeld. »Backschisch, Backschisch!« hier wie überall.


[Drittes Kapitel.]
Friedrich-Wilhelms-Hafen.

Bogadschi und seine Bewohner. — Ein Dieb. — Hansemann-Berge. — Schönes Kulturland. — Gorimafluß. — Insel Bilibili. — Besuch derselben. — Dschelum, das große Versammlungshaus. — Hochinteressanter Kunstbau der Steinzeit. — Kein Tempel. — Häuser. — Wir sollen Krieg führen. — Waffen. — Wurfspeere. — Pfeil und Bogen. — Kein Pfeilgift. — Keulen. — Schilde. — Exkursion an der Küste. — Zuckerrohr. — Musterhafter Landbau. — Sago. — Geologisches. — »Gold«-Flimmern. — Lobenswerte Moralität. — Töpferei. — Kanus und Schiffahrt. — Bilibili sehr versprechend — namentlich für Mission. — Jambom (Colomb-Insel). — »Dreißig« Inseln. — Im »Archipel der zufriedenen Menschen«. — Grager (Fischel-Insel). — Unruhige Nacht in Elisabeth-Bucht. — Marsap, großes Fest. — Festschmuck der Männer. — Bemalen. — Hundezähne. — Kunstvolle Zieraten. — Kampf-Brustschmuck. — Physiognomische Verschiedenheit. — Wir entdecken Friedrich-Wilhelms-Hafen. — Beschaffenheit desselben. — Vogelleben. — Exkursionen. — Armut an Blumen. — Urwaldbild. — Prinz Heinrich-Hafen. — Ausdehnung des Archipels. — Port Alexis. — Tiar (Aly-Insel). — Dasem, Versammlungshaus. — Sonderbare Schnitzereien. — Fischerei. — Bilia (Eickstedt-Insel). — Ein Verrückter. — Szirit, Versammlungshaus. — »Tohn«, ein verehrtes Instrument. — Tabugebrauch aus Schlauheit. — Verkehr mit den Eingeborenen. — Große Schamhaftigkeit. — Festschmuck der Frauen. — Tabir, Schüsseln. — Sprachgewirr. — Bäumefällen. — Geringe Körperkräfte der Eingeborenen. — Wir hissen die deutsche Handelsflagge. — Abschied von Friedrich- Wilhelms-Hafen.

Die Samoa dampfte längs der Küste von Astrolabe-Bai langsam vorwärts. Sie gleicht einer weiten offenen Rhede[21], rings von einem Sandstrande eingefaßt, an welchem auch bei ruhigem Wetter Dünung das Landen erschwert, z. T. ganz hindert. Die Bewohner des »gelben Dorfes« Bogadschi (Bogati) eilten in ihren Kanus herbei, um zu schachern und brachten allerlei neue und interessante Sächelchen, darunter breite, hübsch mit eingraviertem Muster ornamentierte Armbänder aus Schildpatt, (vergl. Atlas XIX 2), Brustschmucke aus Cymbiummuschel (Koambim), sehr eigentümliche Leibschnüre aus aufgereihten Abschnitten einer Septariamuschel, Gogu genannt, (Atl. XXIV 1.), die äußerst wertvoll schienen, sogar ein paar Telum, (Atl. XV. 1) jene Holzfiguren, die meist als »Götzen« gedeutet werden. Schon an den Namen gewisser gewöhnlicher Tauschsachen ließ sich die Verschiedenheit des hiesigen Dialekts mit dem von Bongu leicht erkennen. So hieß der Bogen statt Aral hier »Manembu«, Pfeil statt Gé »Kolle«, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Obwohl manche Eingeborene sich nur mit Zittern und Zagen an Bord wagten, fand doch bald ein reger Verkehr statt und die Leute zeigten sich dabei minder gut als in Konstantinhafen. Dort war uns nicht das Geringste abhanden gekommen, hier wurde gleich ein Dieb in flagranti erwischt. Er hatte soeben seinen Genossen im Kanu ein Hobeleisen zugesteckt, natürlich nicht mit den Händen, sondern mit den — Zehen. Ich kannte diese beliebte Manier, mit der fast nackte Menschen trotz strengster Aufsicht zu eskamotieren wissen, schon längst, drehte dem jungen Mann, der sich unbemerkt glaubte, in sein Halsstrickchen fassend, sanft die Kehle zu, und das gestohlene Gut wurde sogleich zurückgegeben. Der vor Schreck erbleichte Sünder (denn auch farbige Menschen erbleichen sichtbar) drückte sich nach diesem mißglückten Versuche stillschweigend unter Spott und Gelächter seiner Landsleute.

Hinter Bogadschi treten die Berge weiter zurück, es zeigt sich mehr mit dichtem Urwald bestandenes Vorland, das hinter Gorima-Huk sich zu ebenfalls dicht bewaldetem Flachland, einer Art Ebene, ausdehnt, die nördlich von einer niedrigeren Bergkette begrenzt wird. Es ist die etwa 1200[22] Fuß hohe von mir »Hansemann-Berge« benannte Kette, die Guntowa Mana der russischen Karte, inland des »Archipels der zufriedenen Menschen«. Allem Anschein nach wird dieses flachere Land zwischen Gorima und Bilibili das schönste Kulturland in Astrolabe-Bai abgeben und von Wichtigkeit werden, zumal da es nicht an Wasser fehlt. Wir bemerkten mehrere kleine Flüsse, von denen der Gorima der größte und die erwähnte Ebene zu bewässern scheint. Seine Mündung wurde jetzt durch ausgedehntes Röhricht angedeutet, aber bei einem späteren Besuche im Monat Mai sehen wir das Wasser der Bai auf eine ziemliche Strecke trüb grün gefärbt.

Wir steuerten Bilibili zu, einer kleinen ca. eine halbe Seemeile langen Insel, etwa vier Meilen nördlich von Gorima-Huk, die gleichsam den Anfang des »Archipels der zufriedenen Menschen« bildet, wie derselbe von dem Entdecker Maclay benannt wurde. Hervorragend hohe, mächtige Bäume, deren dichte Belaubung fast die ganze Insel wie mit einem Dache überdeckt, kennzeichnet dieselbe schon von weitem. Sie besteht, wie fast die ganze Küste von Astrolabe-Bai aus gehobenem Korallfels, der an der Ost- und Nordseite z. T. Steilufer bildet, an welchem das Meer mächtig bricht. Aber an der Westseite dehnt sich ein flacher weißer Sandstrand aus, auf dem nicht weniger als 13 stattliche Kanus, bunt bewimpelt und mit allerlei Ausputz verziert, lagen. Das gab im Verein mit den idyllisch unter dem Gelaube mächtiger Bäume versteckten und von Kokospalmen beschatteten Häusern des Dorfes ein gar liebliches Bild. Dazu das Gewimmel fröhlicher brauner Menschen, die mit grünen Zweigen winkten und bald in Kanus abkamen und uns an Land einluden.

Wir eilten ihnen zu folgen und waren überrascht von der Fülle neuer und interessanter Eindrücke. Alles zeugte hier von Wohlhabenheit und Reichtum. Die Häuser waren größer und stattlicher als die bisher gesehenen, wie die mit reichem Ausputz versehenen Eingeborenen selbst. Sie zeigten sich anfangs ziemlich scheu und zurückhaltend. Namentlich kostete es Mühe, die schlanken, braunen Mädchen heranzulocken, die in ihren bunten Grasschürzchen und reich mit Schmuck aus Muscheln und Hundezähnen behangen, das Haar mit brennendroten Hibiscusblumen geschmückt, gar niedlich aussahen. Einige kleine Geschenke machten sie bald zutraulicher und eine um die andere kam zögernd heran, um ihre Gabe an Glasperlen oder rotem Zeugstreifen in Empfang zu nehmen und dem weißen Fremdlinge schüchtern die Hand zu geben. Unter diesen Mädchen gab es übrigens viele recht hübsche Gestalten von tadellosem Körperbau und mit recht artigen Gesichtchen.

Aimaka.

Unsere Aufmerksamkeit wurde aber bald von allem andern abgelenkt, als wir das große Versammlungshaus erblickten, von welchem das beigegebene, nach meiner Skizze gezeichnete Separatbild ([S. 74]) eine gute Vorstellung giebt. Ähnlich dem Buambrambra von Bongu besteht auch dieses Haus, Dschelum genannt, im wesentlichen aus einem bis zum Boden herabreichenden Dache, dessen offene Vorderseite von einer an 25 Fuß hohen, durchaus in durchbrochenem Schnitzwerk ausgearbeiteten Mittelsäule[23] getragen wird. Diese Schnitzerei, Aimaka genannt, repräsentiert vier männliche und zwei weibliche übereinanderstehende nackte Papuafiguren, die auf weißem Grunde rot und schwarz bemalt sind, und von denen die beigegebene Abbildung die auf einem Kopfe stehende unterste zeigt. Sie wurde wie die übrigen männlichen Figuren »Mini« d. h. Mann genannt (A); die angegebenen Buchstaben bezeichnen nur die verschiedenen Körperteile (a, Tingilan, Ohr, b Mal, Auge, c Uina, Nase, d Bule, Mund, e Balan Zunge, f Niän, Bein). An den Querbalken des Giebels hingen aus Holz geschnitzte Tiergestalten, die in kenntlicher Weise Fische, Vögel, Eidechsen und Schildkröten, ebenfalls bunt, darunter auch mit Grün bemalt, darstellten. Die an 30 Fuß langen Balken, welche jederseits das Dach trugen, waren jedenfalls der kunstvollste Teil des merkwürdigen Gebäudes. Jeden dieser beiden Balken zierte die an vier Fuß hohe Figur eines Papua, die in staunenswerter Weise aus dem Balken selbst gezimmert war und an diesem gleich dem Gliede einer Kette hing. In der That ein wahres Kunstwerk für Steinäxte und Muschelwerkzeuge, wie ich es in dieser Weise weder vor noch nachher in Neu-Guinea wieder zu sehen bekam, und das nur derjenige zu würdigen wissen wird, der sich in vollem Verständnis der Steinzeit ganz in dieselbe hineinzudenken versteht. Ob unsere prähistorischen Vorfahren wohl auch auf einer so hohen Stufe standen? Die Überreste der Pfahlbauten geben darüber keine Auskunft! Aber es wäre im Interesse der Wissenschaft von ungeheurer Bedeutung, wenn wenigstens eins dieser nur noch so spärlich vorhandenen Denkmäler der Baukunst der Steinperiode gerettet würde. Ich konnte es leider nicht und mußte mich mit der Skizze begnügen, deren Aufzeichnung die Eingeborenen mit Staunen zusahen. Wie sie mir, so spendete ich ihnen Lob, das sie sehr wohl verstanden, denn jeder deutete mit Stolz an, daß er am Bau mitgeholfen habe.

[(S. 74.)]

Dschelum, Tabuhaus auf Bilibili.

Der untere Teil der Giebelseite war etwa in Mannshöhe durch eine Mattenwand geschlossen, durch welche nur eine kleine Öffnung als Thür diente. Man gestattete uns den Eintritt gern; aber wie üblich zeigte das Innere nur wenige Gegenstände. So die großen und kleinen Trommeln, die wir schon von Bongu her kennen. Bemerkenswert waren große runde, mit Schnitzerei und Malerei verzierte Schilde (Atlas XII. 1.) und sehr roh aus Baumästen gefertigte niedrige Bänkchen, die beim Schlafen dem Kopfe als Unterlage dienen, aber mit »Kopfkissen« in unserem Sinne nichts zu thun haben. Zahlreiche Unterkiefer von Schweinen waren auch hier wie allenthalben in Melanesien als Erinnerungszeichen großer Feste aufgehangen. Den Hauptteil des Inneren bildete eine an acht Fuß hohe Plattform aus gespaltenem Bambu, welche als Schlafstätte für die unverheirateten jungen Männer, wie für fremde Gäste dient. Auch Maclay hatte hier geschlafen, so wurde mir angedeutet. Denn diese großen Häuser sind nicht nur Junggesellenhäuser, sondern überhaupt die Klubhäuser der Männer. Aus diesem Grunde ist dem weiblichen Geschlecht der Zutritt verwehrt, ein Verbot, das durch besondere Tabuform erhöhte Bedeutung erhält und so leicht zu mythischen und religiösen Deutungen verleitet. Aber ein Tempel war dieses Gebäude ebensowenig als die Holzschnitzereien Götzen, wie jeder Missionär sogleich interpretiert haben würde. Wenn die Deutung eines Telum, d. h. einer einzelnen menschlichen Figur als Repräsentant eines Ahnen richtig ist, so stellte dieser »Aimaka« vermutlich eine ganze Ahnenreihe dar, wie sich dies bei den Maoris Neu-Seelands und anderen Naturvölkern in ähnlicher Weise wiederfindet. Beachtenswert ist die völlige Nacktheit aller dieser menschlichen Darstellungen, der Telum und wie sie sonst heißen, gegenüber der sorgfältigen Lendenbekleidung ihrer Verfertiger.

Wir wenden uns zu dem Dorfe zurück, das aus 20 bis 25 Häusern besteht, die viel größer als die in Port Konstantin, auch eine etwas abweichende Bauart zeigten und mich am meisten an die in dem Dorfe Keräpuno in Hoodbai erinnerten. Wie diese sind sie auf starken Pfählen etwas über dem Erdboden errichtet, besitzen ein Vestibüle mit Plattform an der Vorderfront, zu der ein angelehnter Baumstamm als Aufgang dient und sind überhaupt sehr solide gebaut. Im Inneren, das offenbar mehreren Familien Unterkunft giebt, ist ein Bodenraum, zu dem eine rohe Leiter führt. An den Häusern selbst findet sich keinerlei Schnitzwerk, und nur vor der Thür eines Hauses sah ich eine an vier Fuß hohe, buntbemalte menschliche Figur, ähnlich den Telums in Konstantinhafen. Die Häuser des Dorfes waren, wie immer, in kleinen Gruppen verstreut und bei einer derselben entdeckten wir ein zweites Versammlungshaus der Männer mit ganz ähnlichen Schnitzereien, aber kleiner.

Krieger von Bilibili.

Nachdem ich mit der Besichtigung und dem Studium des Dorfes, fertig war, machten wir einen Spaziergang durch die Insel, die einem malerischen Park der Tropen zu vergleichen ist. Aus den gewaltigen Baumriesen, darunter viele und sehr große Brotfruchtbäume, tönte der dumpfe brummende Ruf der weißen Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa), von denen uns bald eine Menge zur Beute fielen. Wie überall bei diesen Naturkindern, hatte der erste Schuß immer dieselbe Wirkung: allgemeines Geschrei und wilde Flucht! Aber bald gewöhnte sich die reifere Jugend an den Knall und bewunderte staunend die Wirkung der ihnen unbekannten, unheimlichen Waffe. Bei einem späteren Ausfluge an der Küste bemühten sich die schlauen Bilibiliten bereits unsere Überlegenheit in ihrem Interesse nutzbar zu machen: wir sollten einen ihnen feindlichen Stamm bekämpfen und vernichten! Das oft geäußerte Wort »mate« oder »imate«, soviel wie »tot«, oder »töten«, das wie einige andere Wörter[24] vielen polynesischen und melanesischen Sprachen gemeinschaftlich angehört, ließ diese Absicht nur zu deutlich erkennen. Zahlreiche kampfgerüstete Krieger hatten sich unserem Zuge angeschlossen, und ihnen verdanke ich die Skizzen, welche dem vorhergehenden Bilde als Grundlage dienen.

Wir wurden bei dieser Gelegenheit auch mit den Waffen der hiesigen Eingeborenen bekannt, die im wesentlichen mit denen in Bongu, wie in Neu-Guinea überhaupt gebräuchlichen übereinstimmen. Die Hauptwaffe ist auch hier, wie in ganz Melanesien, der Wurfspeer, eine runde sieben bis zehn Fuß lange, oft ziemlich schwere Stange, meist: aus Palmenholz gefertigt. Das Basisende ist verdünnt, das Spitzenende etwas verdickt und hier zuweilen ein paar Kerbzähne oder eine Furche eingeschnitten. Solche Wurfspeere heißen in Konstantinhafen »Schadga« und sind die gewöhnlichste im Kriege gebrauchte Art Waffen. Eine zweite Art Wurfspeere, Serwaru genannt, besteht ebenfalls aus einem langen Holzstocke, ist aber mit einer breiten lanzettförmigen (ca. 70 cm langen) Spitze aus Bambu versehen, und dadurch eine sehr gefährliche Waffe. Die Bambuspitze ist mit feingespaltenem Rohr festgebunden und die Verbindungsstelle oft sehr kunstvoll mit Federn, Kuskusfell und dergl. verziert. Wirkung und Tragweite dieser Wurfspeere werden meist sehr übertrieben geschildert, denn nach meinen Beobachtungen sind sie wohl selten über 40 bis 50 Schritt hinaus gefährlich. Dasselbe gilt in Betreff von Pfeil und Bogen, die wie überall, eine minder wichtige Rolle als der Wurfspeer spielen. Der Bogen ist aus Palmenholz gefertigt ca. sechs Fuß lang, meist glatt, ohne allen Ausputz und mit einer Sehne aus gespaltenem Rotang versehen. Dagegen zeigen die Pfeile oder vielmehr die Spitze derselben mancherlei Verschiedenheit. Sie sind fast ausnahmslos aus leichtem Rohr gefertigt, mit einem runden Spitzenteile, der ca. ein Drittel oder Viertel der ganzen Länge (1,30 bis 1,40 m) beträgt. Die im Feuer gehärtete Spitze ist öfters mit verschiedenartig geschnitzten Kerb-, Sägezähnen oder Widerhaken verziert, und besteht selten aus einem zugespitzten Flügelknochen eines Vogels. Eine andere sehr bestimmte Art von Pfeilen, zeichnet sich durch eine breite, lanzettförmige Bambuspitze aus und findet sich in dieser Form über ganz Neu-Guinea. Ebenso die sechs bis siebenspitzigen Pfeile, welche zum Schießen von Fischen benutzt werden. Vergiften der Pfeil- oder Speerspitze kennt man, wie überhaupt in ganz Neu-Guinea, nicht. Schleudern, sonst eine so beliebte Waffe der Südseevölker, habe ich nicht wahrgenommen. Aber es giebt, jedoch im ganzen selten, Keulen. Sie sind aus schwerem, meist Palmenholz gefertigte, ein bis ein einhalb Meter lange, flache, schmale, Latten, unten meist etwas verbreitert, am Handgriff etwas verschmälert und zuweilen mit vertieften Mustern ornamentiert. Auch diese Form der Holzkeulen findet sich fast über ganz Neu-Guinea, dagegen sind die mit durchbohrten, oft sehr kunstvollen, Steinknaufen bewehrten Keulen nur gewissen Gebieten der Südostküste eigen und fehlen hier wie an der ganzen Nordostküste durchaus. Es verdient dies ganz besonders erwähnt zu werden, namentlich weil Steinkeulen sonst nur noch im Osten Neu-Britanniens auftreten. — Die mächtigen runden Schilde auf Bilibili »Dimu« genannt, habe ich bereits angeführt. Sie scheinen wohl nur ausnahmsweis den Krieger in den Kampf zu begleiten, da sie dafür schon viel zu schwer sind. Manche haben einen Durchmesser von 90 cm und ein Gewicht von 10 Kilo. Wahrscheinlich dienen sie mehr zur Verteidigung des Dorfes selbst bei feindlichen Überfällen und werden deshalb meist in den Versammlungshäusern aufbewahrt, vermutlich auch weil sie Gemeindeeigentum sind. Ich sah übrigens auch kleine Schilde von nur 40 cm Durchmesser, die in einen Filetbeutel eingestrickt waren, um sie leichter tragen zu können.

Unsere Küstenexkursion verlief durchaus friedlich und machte uns vor allem mit der außerordentlichen Fruchtbarkeit des Bodens bekannt. Das Land gegenüber Bilibili ist meist flach, von niedrigen Hügelreihen eingefaßt und mit Urwald bedeckt. Im Dickicht desselben liegen die ausgedehnten und trefflichen Plantagen der Bilibiliten, in denen jetzt hauptsächlich Jams und Zuckerrohr gedieh. Von letzterem fanden sich oft größere Bestände in ausgezeichneter Entwickelung. Rohr von 2½ Zoll Durchmesser, in Knotenabständen von 4½ Zoll und einer Länge von 12–14 Fuß war nichts Seltenes! Solches Zuckerrohr ist jedenfalls doch erst durch fortgesetzte Kultivation veredelt worden und diese den Eingeborenen und ihrem Fleiß zu danken. Auch die Bananen standen trefflich, wie der sorgfältig aufgehäufelte Jams, zwischen dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren; alles zeigte eine musterhafte Ordnung, wie man sie bei uns nicht besser verlangen konnte. Ja, ja! diese »Wilden« verstehen Feldbau ganz ausgezeichnet, und was mehr ist, trotz ihren primitiven Werkzeugen auch mit dem Urwalde fertig zu werden. Wir sahen dies am besten an solchen Stellen, wo mit Urbarmachen erst begonnen worden war. Mächtige Bäume lagen am Boden, um zu verfaulen. Die abgehackten Äste waren verbrannt worden, die Stämme selbst hatte man etwa in Mannshöhe stehen lassen, und diese ganze Riesenarbeit war nur mit Steinäxten geschehen, die in der Hand des Eingeborenen gar nicht so primitiv sind, als man meint. Über den Fleiß der Bewohner wird man daher nicht mehr so absprechend urteilen, als dies meist geschieht, wenn man solche Anlagen mit eigenen Augen sehen und bewundern konnte. Freilich dürfte dieser Fleiß dem einstigen Ansiedler wohl kaum zu statten kommen, denn der Eingeborene wird wohl nur schwer als Arbeiter für andere zu erziehen sein.

Eigentliche Dörfer trafen wir auf unserer Wanderung nicht, sondern nur eine kleine Siedelung von fünf Häusern, die unbewohnt zu sein und den Bilibiliten zu gehören schienen. Sie dienten offenbar zum Aufenthalt und Schutz der Insulaner während der Bearbeitung und Ernte in den Plantagen, in welchen überhaupt fast stets kleine Hütten errichtet sind. Gerade während der Feldarbeit pflegen am ersten Überfälle stattzufinden, weil sich dann in der allgemeinen Verwirrnis am leichtesten ein paar Frauen oder Kinder erschlagen lassen, was jeder Papuakrieger als sehr ruhm- und ehrenvoll betrachtet. Die Männer pflegen daher, wie fast stets, ihre Waffen bei sich zu tragen, um sie auch in den Plantagen immer bereit zu halten. Eine der großen hölzernen Trommeln war auch in dieser kleinen Siedelung vorhanden, um bei einem feindlichen Überfall die Inselbewohner zu alarmieren und herbeizurufen. Kokospalmen fanden sich wie überhaupt nur wenig; aber wir sahen ein paar Melonenbäume (Carica) und Kürbisse; gleich hieß es auch hier »Maclay!« Wir trafen einen hübschen Bach mit klarem fließenden Wasser, an welchem die Sagopalme vorzukommen scheint. Wenigstens stießen wir auf eine Stelle, wo Sago gemacht worden war. Die von Mark entleerten Stämme lagen umher; Rippen des Basisteiles des Blattes hatten als Tröge zum Auswaschen des mehlhaltigen Markes gedient, das Fabrikat selbst hing in ca. zehn Pfund schweren runden, in Bananenblättern eingehüllten Klumpen im Schatten der Bäume zum Trocknen. Dieser Papua-Sago hat aber, um dies noch zu erwähnen, nichts mit dem, wie wir ihn aus unseren Suppen u. dergl. kennen, gemein. Statt rundlicher Körner bildet er eine weißliche, mehlartige, fest zusammengebackene Masse, die beim Gebrauch erst zerklopft werden muß. Die Eingeborenen bereiten den Sago meist in Form von Klößen, die in Wasser gekocht nichts weniger als zart werden. Aber ein Papuamagen kann ungeheure Quantitäten dieser harten Klöße vertragen, und »Bom« gilt in solchen Distrikten, wo er rar ist, als eine besondere Delikatesse.

Als wir nach unserem Boote zurückkehrten atmete der Schwarze den ich dabei, vorsichtigerweise mit ungeladenem Gewehr, zurückgelassen hatte, wieder auf, denn diese Neu-Britannier konnten sich von dem weit besseren Charakter ihrer dunklen Brüder in Neu-Guinea noch immer nicht überzeugen.

Der Strand besteht hier, wie fast überall an der Küste von Astrolabe-Bai, aus feinem Sande, auf welchem es in der Sonne zuweilen wie Gold flimmerte. Leider rührte das Flimmern nicht von Gold, sondern Eisenglimmer her. Sonst fanden sich nur kleine runde Rollsteinchen, Jaspis, Hornstein u. dergl., offenbar durch Regenbäche weiter aus dem Innern angeschwemmt, denn die geologische Beschaffenheit der Küste weist auf korallinische Bildungen hin. Überall kann man, gleich erratischen Blöcken, isolierte Madreporenstücke beobachten, wie dies auch in Konstantinhafen der Fall ist und die wahrscheinlich, wie die ganze Küste, vulkanischen Hebungen des Meeresbodens ihr Dasein verdanken.

Zahlreiche Kanus gaben uns das Geleit, als wir nach dem Dampfer zurückkehrten, der keinen Ankerplatz gefunden hatte und daher an- und ablegen mußte, wobei er beinah auf Riff geraten wäre. Die etwa zwei Meilen breite Meeresstraße zwischen Bilibili und dem Festlande, scheint nicht ganz »rein«, wie der Seemann sagt, d. h. frei von Korallriffen.

Die Eingeborenen waren inzwischen noch zutraulicher geworden und brachten sogar ihre Frauen mit, um ihnen die Fremden zu zeigen und Geschenke zu empfangen, die sie mit einer Würde entgegennahmen, als sprächen täglich Dampfer hier vor. Aber an Bord kam natürlich keine, denn hier, wie in Bongu oder wohin ich sonst in Neu-Guinea kam überall zeigte sich die größte Moral und Decenz, in welchen Papuas vielen Kulturmenschen als leuchtende Beispiele dienen könnten. Ein Mann brachte seine ganze Familie mit, die aus einer Frau und drei Kindern bestand, niedliche Geschöpfe, wie die meisten Papuakinder — und dabei so artig! Da könnten viele unserer Mütter etwas lernen! Mit den Gegengeschenken sah es wie immer äußerst dürftig aus, obwohl Kanus voll Bananen und Zuckerrohr das Schiff umlagerten. Wie gewöhnlich fielen nur einige Kokosnüsse ab, aber vergebens bemühte ich mich, ein Schwein zu erhandeln, mit denen das Dorf so gesegnet war als mit Kindern.

Ja, dieses Bilibili ist eine reiche Insel und ihre Bewohner, die ich auf ca. 200 bis 250 schätze, sind die Patrizier von Astrolabe-Bai, die sich ihre Stellung jedenfalls oft zu erkämpfen hatten. Davon zeugten die oft häßlichen Speer- und Pfeilwunden, die ich am Körper so manches Kriegers bemerkte. Wenn die Wehrhaftigkeit, die aus dem ganzen Aussehen dieser Männer spricht, ihnen die dominierende Stellung über die Küstenstämme verschaffte, so haben sie diese auch der geschützten Lage ihrer Insel zu verdanken, die behagliche Wohlhabenheit aber ihrem Fleiße und ihrer Betriebsamkeit. Denn nicht nur als treffliche Ackerbauer lernten wir die Bilibiliten kennen, sondern auch als ausgezeichnete Schiffsbauer und Industrielle. Die Insel ist nämlich berühmt wegen ihrer Töpferei. Das Gewerbe ruht wie überall in Neu-Guinea ausschließend in den Händen der Frauen und geschieht in derselben einfachen Weise als an der Südostküste. Die Töpfe werden nur mit Hilfe eines flachen Steines und eines kleinen Holzschlegels verfertigt, gleichsam aus dem Klumpen Lehm getrieben, was ein ganz wunderbares Augenmaß erfordert. Das Brennen geschieht in derselben einfachen Weise wie in Port Moresby im Freien, indem die sorgfältig im Schatten getrockneten Töpfe leicht mit Holz überdeckt und beim Anzünden desselben kurze Zeit einer scharfen Glut ausgesetzt werden. Aber das Fabrikat scheint im ganzen besser und haltbarer, z. T. eleganter, als das an der Südostküste. So sah ich unter anderem mit Buckeln ornamentierte Töpfe. Aber die unbedeutenden, häufig durch Nägeleindrücke hervorgebrachten, Muster sind wohl kein Ornament, sondern wie in Port Moresby Handelsmarke. Wie meine Skizze eine Töpferin in der Arbeit zeigt, so auch die eigentümliche kugelige Form der Töpfe, die fast über ganz Neu-Guinea dieselbe ist. Auch hier werden vorzugsweis zwei Sorten Töpfe angefertigt, eine mit weiter Öffnung zum Kochen (Bodi) und eine mit enger, als Wassergefäße (Io). Wie Port Moresby an der Südostküste Neu-Guineas das Centrum der Töpferei und des Topfhandels bildet, so Bilibili für Astrolabe-Bai und wahrscheinlich weiter darüber hinaus. Die »Wab« (Töpfe), welche wir in Konstantinhafen sahen, stammten von hier, wie die unternehmenden Bilibiliten, als sie uns dort wiederholt besuchten, gleich ganze Kanuladungen ihres Fabrikates mitbrachten.

Töpferin auf Bilibili.

Zum Vertriebe desselben dienen ihre trefflichen Kanus, die besten in ganz Astrolabe-Bai. Sie bestehen wie überall im wesentlichen aus einem 20 bis 30 Fuß langen ausgehöhlten Baumstamm, dem aber jederseits ein oft zwei Bretter aufgelascht sind, so daß das Fahrzeug dadurch bedeutend höher und tragfähiger wird. Diese Seitenborde schmückt öfters bunte Malerei, Figuren von Fischen, Schildkröten, Vögeln darstellend. Der Baumstamm, welcher den Hauptteil des Fahrzeuges bildet, läuft jederseits in eine Spitze aus, die Bordplanken in einen S förmig gebogenen Schnabel. Das Auslegergerüst besteht aus zwei langen Querhölzern und einem ca. 14 Fuß langen, ziemlich schwachen Auslegerbalken (Balancier). In der Mitte des Kanu ist eine Plattform angebracht, auf welcher sich zuweilen ein Aufbau, gleich einem großen Käfig erhebt, und der nicht selten überdeckt, eine Art kleiner Hütte bildet. Hier werden Waren (Töpfe), Vorräte und Waffen untergebracht; auch steht hier ein Topfscherben mit glimmenden Kohlen. Das Fahrzeug besitzt einen, zuweilen zwei Maste, mit mächtigem Segel aus Mattengeflecht. Die Spitze des Mastes ist häufig mit einem roh aus Holz geschnitzten Vogel verziert oder mit rotbemalten Nautilusmuscheln, sonst ist kein Schnitzwerk vorhanden. Der Anker besteht aus einem Stück Baumstamm, an welchem die abgehackten Äste die Haken bilden, und wird mit Steinen beschwert; als Ankertau dient ein starker Rotang. Diese Fahrzeuge segeln sehr gut, und halten sich selbst bei unruhiger See trefflich, aber die Bilibiliten sind im ganzen wie alle Papuas keine großen Seefahrer, obwohl sie ihre Fahrten bis Karkar (Dampier-Insel) ausdehnen. Sie verlieren aber auch bei dieser nur 40 Meilen weiten Fahrt Land nie aus Sicht und pflegen bei unruhigem oder drohendem Wetter überhaupt nicht auszugehen. Überdies ist ja das Meer hier im ganzen meist ruhig. Kleine Kanus sind übrigens, um dies noch beiläufig zu erwähnen, ganz so wie in Bongu (Taf. VI, 1).

Handels-Kanu.

Nur zu schnell mußten wir von dem schönen und interessanten Bilibili scheiden, zum größten Leidwesen der Bewohner selbst, mit denen wir die beste Freundschaft geschlossen hatten, was ja auch zu den Aufgaben unserer Expedition gehörte. Zwei weitere Besuche auf der Insel bewiesen uns dies am deutlichsten und unsere Freunde Ur und Kaschom, die mit zu den ersten Häuptlingen Bilibilis zu gehören scheinen, werden uns in so gutem Andenken behalten, wie wir sie. Für Missionsunternehmen giebt es übrigens keinen besseren Platz als Bilibili, aus Gründen, die ich hier nicht weiter erörtern will, und so kann ich die Insel der deutschen Mission, die am ersten dazu berufen ist, Licht in jene Regionen zu bringen, nur bestens empfehlen.

Nordwärts von Bilibili passierten wir drei kleinere, dichtbewaldete Inseln, von denen nur die mittlere, Jambom der Eingeborenen (Colomb-Insel[25] der deutschen Karten), bewohnt ist, und deren Bewohner uns durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Wir konnten uns aber nicht aufhalten, sondern dampften längs der Küste weiter, die mit dichtem Urwald bedeckt ist und wenig bewohnt scheint, denn wir sahen nur ein Dorf und auch sonst keinen Rauch oder Anzeichen von Menschen. Wir näherten uns den »Dreißig Inseln oder dem Archipel der zufriedenen Menschen« ein Labyrinth von Inseln und Wasserstraßen, von dessen Charakter man erst bei näherer Untersuchung Kunde erhält. Gleich hinter der ersten etwas vorspringenden Ecke, die ich später Kap Kusserow nannte, öffnet sich eine Meeresstraße, die uns sehr der Untersuchung wert schien. Das Whaleboot wurde daher rasch klar gemacht, und Kapitän Dallmann und ich ließen uns, vorsichtig das Lot werfend, hineinrudern. Bald zeigte es sich, daß das rechte nördliche Ufer nicht Festland, sondern eine Insel war, deren Bewohner in nicht geringe Aufregung gerieten. Die großen Signaltrommeln ließen bald ihren dumpfen Klang ertönen, dazwischen rief die Muscheltrompete die Krieger herbei und bald nahten sich bewaffnete Kanus. Obwohl hier eine ganz andere Sprache gesprochen wird als bei Port Konstantin und selbst auf dem kaum sieben Meilen entfernten Bilibili, machte ich den Leuten unsere friedlichen Zwecke bald klar, und mittelst einiger Geschenke hatte ich mir schnell neue Freunde erworben. Wir fanden an der Westseite der Insel, Grager oder Gragr der Eingeborenen (»Fischel-Insel« der deutschen Karten), eine hübsche Bucht, vollkommen geschützt und weit besser als Konstantinhafen, die ich nach einer lieben Freundin Elisabeth-Bucht nannte. Wir eilten mit dieser froher Kunde nach der Samoa zurück, die gerade noch vor Dunkelwerden glücklich hier in 4½ Faden Tiefe zu Anker gebracht wurde. Wir hatten übrigens eine sehr unruhige Nacht in Elisabeth-Bucht und unsere Schwarzen fürchteten sich vorn zu schlafen. Auch die Eingeborenen waren die ganze Nacht auf den Beinen; wir konnten sie beim Scheine großer Feuer sehen und sogar sprechen hören, dazu der Lärm großer und kleiner Trommeln, Muscheltrompeten dazwischen und von oben herab mächtiger Donner! Schwere, schwarze Wolken schienen sich fast auf die Mastspitzen herabzusenken, jeden Augenblick erwarteten wir den Ausbruch des heftigsten Platzregens, aber wie so oft in den Tropen blieb es nur bei Donner und Wetterleuchten, das letztere in so intensiver Stärke, wie man es selten anderswo sehen wird. Fast ununterbrochen zuckten die grellen Lichter, so daß momentan das Dorf deutlich sichtbar war; in der That eine großartig schauerlich schöne Erscheinung, die Neulingen wohl Furcht einflößen konnte. Da man Eingeborenen nie trauen darf, so waren Vorsichtsmaßregeln getroffen, besonders Blaufeuer und Raketen zurecht gelegt, die allemal den gewünschten Erfolg haben. Am anderen Morgen setzten die Eingeborenen ihre Trommelei und Singerei unverdrossen fort, denn sie feierten, wie uns ein Besuch an Land sogleich lehrte, eines jener Feste, die oft mehrere Tage und Nächte dauern. Wie alle Inseln des Archipel der zufriedenen Menschen besteht auch Grager aus dichtem Korallfels und ist dicht bewaldet, hat aber nur wenig Kokospalmen aufzuweisen; ich zählte nur 70. Die Insel besitzt zwei kleine Dörfer, von je 12 bis 15 kleinen Häusern, Grager und Tebog, von denen die erstere etwas größere der Insel den Namen verschaffte. Denn gewöhnlich haben die Eingeborenen keine Eigennamen für Landstriche oder Inseln, sondern benennen solche nach den hervorragendsten Siedelungen. In jedem Dorfe war ein Versammlungshaus, klein, unbedeutend und ohne allen Schmuck von Schnitzereien. Im Inneren befanden sich nur die bekannten Lagerstätten, Holztrommeln, Schilde und Schweinekinnladen. Ein paar der letzteren dienten, wie einige Stücke gekochten fetten Schweinefleisches, sorgfältig in Blätter eingepackt aufgehangen, als Erinnerung des soeben begangenen Festes, eines »Marsap«, wie diese Feste hier statt des »Ai« in Konstantinhafen heißen. Da an solchen die Frauen nicht teilnehmen, ja kaum die Töne der dabei gebrauchten Instrumente hören dürfen, so verwunderte mich deren Abwesenheit nicht im geringsten, aber die Bewaffnung der Männer erschien außergewöhnlich und als eine Vorsichtsmaßregel angesichts des ungewöhnlichen Besuches. Das Fest hatte übrigens viel Teilnehmer von den Nachbarinseln versammelt, die mit reichgefüllten Schüsseln sich in ihren Kanus heimwärts begaben und gewiß viel über die Fremdlinge zu erzählen wußten. Wie überall giebt nur ein Fest Gelegenheit, Papuas in vollem Aufputz zu sehen; ich ließ dieselbe nicht ungenützt vorübergehen. Hier einige Aufzeichnungen, welche zugleich für den ganzen Archipel, ja Astrolabe-Bai allgemein gültig sind und junge Stutzer (wie [S. 87]) in vollem Staate betreffen. Das Haar, sorgfältig in eine weit abstehende Wolke aufgezaust, ist rot gefärbt und wird von zwei »Dedal« festgehalten. So heißen ca. 3–5 mm schmale zierlich durchbrochen gearbeitete Bändchen, aus fein gespaltener Pflanzenfaser oder dergl., mittelst Kalk weiß gefärbt, die ganz wie gehäkelt aussehen und mit zu den reizendsten Zieraten der Papuas gehören (vergl. Atl. XVII 7, 8). Ich fand sie nur in diesem Gebiet. Jederseits hinter dem Ohr steckt ein Kamm (XVII. 1) aus Bambu, »Gatentaun«, in der Form dem unserer Frauen ganz ähnlich, dessen ca. 5–6 cm breiter Rand zierlich durchbrochen gearbeitet und rot bemalt ist. Dieser Kamm wird hinterseits mit einem Büschel Kasuarfedern (Tuar), frischen, grünen, feinen Farn, wohlriechenden Kräutern oder mit dem »Ssi« geschmückt. Letzterer ist ein zierlich mit abwechselnd gelb, rot und schwarz gefärbtem Gras umwundenes kurzes, dünnes Stäbchen, zuweilen mit einer weißen Hahnenfeder versehen, das auch sonst im Haare getragen und für die hiesige Jugend charakteristisch wird. Im Ohr hängt ein aus Schildpatt gebogener breiter Reif, »Damala«, (XVII 4) häufig mit eingraviertem Ornament, rotem Anstrich und besonderen, sehr hübschen Anhängseln aus Schnüren feiner dünner Muschelplättchen, einem halbdurchgeschnittenem Fruchtkern und einigen Hundezähnen als Bommel. Ein paar der letzteren dienen auch als seltener Schmuck durch die Nasenscheidewand, für gewöhnlich steckt aber nur ein bleistiftdickes rundes kurzes Stückchen Holz in derselben oder ein aus Tridacna geschliffener Stift, »Gin«, genannt. Am seltensten ist ein sehr kunstvoll aus Perlmutter geschnitzter Nasenschmuck (wie Taf. XX 5). Junge Leute lieben ein glattes Gesicht und reißen daher die hervorsprießenden Barthaare sorgfältig aus wie die Augenbrauen. Sie rasieren auch (mit einem scharfen Bambu oder Muschelstück) das Stirn- wie Nackenhaar ab, damit recht viel rote Farbe, »Bähm«, zur Geltung kommen kann, denn diese ist zum Festschmuck eines Papua-Swell unbedingt erforderlich. Gewöhnlich genügt ein Längsstrich über Stirn und Nase und ein paar Querstreifen über die Backen, zuweilen wird noch ein weißer Ring ums Auge gemalt. Wo man aber recht viel der teuren roten Farbe übrig hat, da wird nicht gespart, und das ganze Gesicht, zuweilen auch der Rücken erhalten den beliebten roten Anstrich. Ja, auch Armbänder, Ohrringe, Pfeil- und Speerspitzen werden noch bemalt, denn Rot ist die Freudenfarbe der Papuas und nur ausnahmsweis Zeichen des Krieges. Der gewöhnlichste Halsschmuck für junge Leute sind Schnüre, mit zierlich aufgereihten, kleinen weißen Kauris (einer Art Nassamuschel), »Darr« genannt, die als Material zu Schmucksachen hier, wie fast überall in Neu-Guinea, eine so hervorragende Bedeutung haben. Aus gleichem Material werden auch Stirnbinden getragen, da solche aus den kostbaren Hundezähnen für junge Leute meist zu teuer sind. Kleine schon bei Bongu erwähnte filetgestrickte Brusttäschchen sind auch hier unzertrennlich mit dem Ausputz eines jeden Mannes und werden in sehr hübscher Weise mit zierlich eingestrickten Querschnitten der Samenkerne von Coix lacrymae angefertigt und mit Troddeln von gleichem Material behangen. Selten kann sich ein junger Mann einen Brustschmuck aus Hundezähnen erlauben, die in der Form eines Triangels (vergl. Abbild. [S. 87]) aufgereiht, an einem Strickchen um den Hals getragen werden. — Ich will gleich hier bemerken, daß wenn von »Hundezähnen« die Rede ist, damit allemal nur die Eckzähne gemeint sind, wovon jeder Hund nur vier besitzt, daß also dieses Material mit Recht als wertvoll gilt, wie dies in ganz Melanesien der Fall ist und bei unseren prähistorischen Vorfahren der Fall war. Sehr reich und geschmackvoll wird der Oberarm geschmückt. Statt der gewöhnlichen Grasbänder werden bei Festen die wertvollen »Ari« getragen (Atlas XVIII, 3). Sie bestehen ebenfalls aus rotgefärbtem feinem Grasgeflecht, sind aber sehr breit (bis 14 cm) und am Rande mit Kauris, sowie flachen Ringen, aus dem Basisteile eines Conus geschliffen, sehr geschmackvoll besetzt. »Suar« heißen die breiten Armbänder aus einem gebogenem Stück Schildpatt, die in der That mit zu den feinsten Kunstarbeiten (Atl. XIX. 2) der Papuas überhaupt zählen. Wie mir ein tüchtiger Fachmann versicherte, erfordert schon das gleichmäßige Rundbiegen eines bis 14 cm langen und 7 bis 8 cm Durchmesser haltenden Stück Schildpatts mittelst Erhitzen eine große Sorgfalt und Geschicklichkeit, die bei uns nicht jeder Arbeiter besitzt. Diese Armbänder sind nun überdies mit sehr verschiedenartig eingravierten Ornamenten in geschmackvoller und schwungvoller Zeichnung verziert, die bei uns Beifall finden würden und denselben weit mehr verdienen, wenn man bedenkt, daß nur Muschelbruchstücke, spitze Steine oder scharfe Eberzähne als Werkzeuge dienten. Aber die »Wilden« schrecken selbst nicht vor härterem Material als Schildpatt zurück, wie die schmalen Armringe, »Bio« genannt, kaum 7 mm breite Basisabschnitte von Trochus niloticus zeigen, deren Außenrand zuweilen schöne Gravierung tragen (XIX. 4). Um die letztere besser hervortreten zu lassen, ist das Vertiefte mit roter Farbe, bei den Schildpattarmbändern mit weißer (Kalk) eingerieben, was trefflich wirkt und gewiß für den guten Geschmack dieser Künstler des Steinalters spricht. Ich glaube kaum, daß unsere Pfahlbauer derartige Kunstsachen anfertigten, wozu ihnen ja auch schon das Material fehlte. — Wie um das Fesselgelenk, so ist zuweilen unterm Knie ein breites Band von rotem Stroh umgeflochten, seltener das Fußgelenk bis zur halben Wade herauf. Letzteren Schmuck sieht man kaum bei jungen Leuten, die dagegen mit Vorliebe einen ca. 10 cm breiten Leibgurt, »Ja sigilon«, aus gleichem Material tragen (ähnlich Atlas XVI. 3 a). Derselbe wird so fest als möglich gleich um den Leib geflochten und schnürt die Taille in unnatürlicher und nach unseren Begriffen in gesundheitsschädlicher Weise ein. Ich schnitt einem kräftigen jungen Manne von ca. 27 Jahren einen solchen Gurt vom Leibe, der nur 65 cm Umfang zeigte. Aber dieses Einschnüren ist auch an der Südostküste Neu-Guineas beliebt und gilt als äußerst »fesch«. Außer diesen Leibgurten werden zuweilen aber selten noch schmale Leibschnüre getragen, unter denen solche aus Delphinzähnen, »Bali«, und die schon bei Bogadschi erwähnten Gogu, die hier »Popok« heißen, am wertvollsten sind. Daß bei einem Feste wie dem soeben gefeierten besonders feine, rotgefärbte, zum Teil hübsch gemusterte Mal in der Weise, wie dies Fig. 1 (Taf. XVI des Atlas) zeigt, angelegt werden, ist selbstverständlich; auch an buntem Blätterschmuck in Armband und Haar fehlt es nicht. Dagegen war Federschmuck (»Kalun«) seltener; am häufigsten weiße Hahnenfedern, sowie Kakaduhaubenfedern oder rote Schwanzfedern vom Weibchen und grüne vom Männchen des Edelpapageis (Eclectus polychlorus). Schmuck aus Kasuarfedern sieht man hier wenig, vermutlich weil der Kasuar (Tuar) selten ist. Die jungen Leute müssen sich meist mit einer Hahnenfeder begnügen, denn nur den Männern scheint reicherer Federschmuck zuzukommen, wie einige besondere Schmuckgegenstände. Darunter steht für alle Krieger ein eigentümlicher Brustschmuck (vergl. Atlas Taf. XXII. 4, 5) oben an, sehr geschmackvoll aus zwei Ovulamuscheln und einem fein geflochtenem blatt- oder herzförmigen, mit Kauris besetzten Anhängsel gefertigt. Er ist gleichsam ein Attribut des waffenfähigen Mannes und verbreitet sich in dieser Form weit über gewisse Teile Neu-Guineas, für welche dieselbe charakteristisch ist. Dieser Brustschmuck wird beim Kampf vom Krieger in den Zähnen gehalten, um den Gegner herauszufordern und schrecklicher zu erscheinen, ein Gebrauch, der sich in allen von mir bereisten Gegenden von Neu-Guineas wiederfindet. Ein weit seltenerer und kostbarer Schmuck ist ein fast zirkelrund gebogener Eberhauer[26] »Sual«, so kostbar, daß ihn eigentlich nur Häuptlinge erschwingen können. Minder reiche Leute begnügen sich mit einer Imitation aus Tridacnamuschel geschliffen oder zwei gewöhnlichen großen Eberzähnen. Wie erwähnt schmücken sich ältere Leute weniger als junge, ganz wie dies bei uns der Fall ist, und wie überall der Mensch mit dem Vorrücken der Jahre immer weniger Gefallen an den Eitelkeiten dieser Welt findet. So bedienen sich ältere Männer kaum mehr roter Bemalung und schwärzen höchstens das Kopfhaar (comme chez nous!).

Stutzer von Grager.

Eine größere Versammlung von Eingeborenen giebt auch am besten Gelegenheit zu anthropologischen Studien. Ich überzeugte mich auch hier aufs neue von der großen Verschiedenheit in den Gesichtszügen und doch waren diese Papuas gewiß frei vom Einfluß fremder Beimischung. Aber auch bei diesem Naturvölkchen ist es wie bei uns, und es herrscht eine ebenso große individuelle Abweichung! So waren typische Judengesichter nichts Seltenes; andere erinnerten durch ihre gebogenen Nasen an Indianer und einzelne unterschieden sich, abgerechnet Hautfärbung und Haar, kaum von Europäern.

Wahrscheinlich noch in Festesstimmung zeigten sich übrigens die neuen Freunde recht dreist, erkletterten in hellen Haufen das Schiff, so daß ich genug zu thun hatte, um Ordnung zu halten und die Überzahl sanft von Bord zu spedieren. Sie hatten wie immer wenig zu vertauschen und Bananen und Schweine, nach denen uns am meisten gelüstete, selbst aufgezehrt.

Dem Gewimmel der Eingeborenen wurde übrigens ein jähes Ende gemacht, als Kapitän Dallmann gegen Mittag von seiner Bootexkursion mit der frohen Kunde zurückkehrte, daß der bislang vergebens gesuchte Hafen gefunden sei, und zwar ein ganz vortrefflicher. Schnell wurde Anker gehievt, und kaum eine halbe Stunde später lagen wir in dem herrlichen Bassin, das wir zu Ehren Seiner Kaiserlich und Königlichen Hoheit dem Kronprinzen »Friedrich-Wilhelms-Hafen« benannten. Das war am 19. Oktober! Die Erinnerungen, welche sich an den vorhergehenden Tag knüpfen (Geburtstag des Kronprinzen, Schlacht bei Leipzig), durften dem neuen deutschen Hafen als gutes Omen gelten, das demselben hoffentlich dauernd günstig bleiben wird. Denn, wenn erst Kaiser-Wilhelms-Land denjenigen Aufschwung nimmt, den wir alle wünschen, wird auch »Friedrich-Wilhelms-Hafen« diejenige Bedeutung erlangen, welche er so sehr verdient. Jedenfalls gehört er mit zu den besten Häfen in Deutsch-Neu-Guinea, ist aber leider mehr mit Fieber behaftet als andere Gebiete, Verhältnisse, die sich bei der einstigen Urbarmachung ebensogut bessern werden, als dies z. B. bei Soerabaja und anderen tropischen Häfen der Fall war. Friedrich-Wilhelms-Hafen ist, wie die vorhergehende Kartenskizze zeigt, eigentlich eine langgestreckte Lagune, von 1½ bis 2 Meilen Breite und 8 Meilen Länge, die von der Dallmann-Einfahrt, wie ich die Straße zwischen Grager und der Schering-Halbinsel benannte, knieförmig tief ins Land nach Südwest einschneidet. Sie ist, was der Amerikaner »land-locked« nennt, d. h. rings von dichtem Urwald umschlossen, also vollkommen gegen alle Winde geschützt. Dabei sind keine »Patches« d. h. untiefe Korallstellen vorhanden und selbst das größte Panzerschiff kann sicher einlaufen, ankern und schwingen. Die von der Samoa gemachten Lotungen hatten dieses günstige Resultat schon ergeben, welches später durch die sorgfältigen Aufnahmen der deutschen Kriegsschiffe (Elisabeth und Hyäne) nur Bestätigung fanden. Die Tiefen halten sich in der Mehrzahl der Lotungen zwischen zwanzig und einigen Meter und fallen nur an wenigen Stellen bis zu vierzehn; die Dallmann-Einfahrt bewegt sich meist in den dreißigen. Der Observationspunkt der Kriegsschiffe auf der Schering-Halbinsel liegt unter Breite 5°, 14,5′ Süd; Länge: 145,47 Ost; der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser beträgt ¾ Meter.

Friedrich-Wilhelm- und Prinz Heinrich-Hafen.

Die Samoa war das erste Schiff, welches in diesem Hafen ankerte, dessen erhabene Ruhe uns allen wohlthat. Und als die Nacht sich herniedersenkte und die Kakadus mit ihrem widerlichen Gekreisch zur Ruhe gebracht hatte, schlief auch ich unter dem eintönigen Gezirp der Cikaden und dem Kastagnettengeklapper der Laubfrösche so schön wie lange nicht; wozu die Befriedigung über die neue Entdeckung nicht wenig beitrug. War es doch der erste Hafen, den wir gefunden hatten, und somit die Begeisterung verzeihlich.

Vogelstimmen verkündeten den anbrechenden Tag, denn um diese Zeit sind auch die Tropenvögel wie die unsrigen am lebhaftesten. Sie waren mir alle alte Bekannte von der Südostküste. Den meisten Lärm machten wie immer weiße Kakadus (Cacatua Triton) und Papageien (Eclectus polychlorus); Loris (Lorius erythrothorax) und Sittiche (Trichoglossus Massenae) ließen pfeilschnell die Luft durchschießend ihren schrillen Lockruf vernehmen; dazwischen tönte das tiefe: arr, arr, raab, raab, aai, aai des Raben (Corvus orru), und das dumpfe Brummen der weißen Fruchttaube (Carpophaga spilorrhoa), das tiefe »balebakú« ihrer grünen Base (Carpophaga poliura); das mannigfach modulierte Geschwätz des nimmer müden Lederkopf (Tropidorhynchus Novae Guineae). Aber nicht alle Teilnehmer dieses tropischen Vogelkonzerts tönen dem Ohre unangenehm entgegen, manche lassen Wohllaute erklingen, die sehr ansprechend sind. So die reinen, wie abgestimmten Pfiffe, welche das Gegurgel und Geplärr der Krähenwürger durchsetzen, von denen sich der einfarbig schwarze Cracticus Quoyi am meisten hervorthut, so der melodische Glockenton einer Pirolart (Mimeta), und vor allem die vollen und abwechselnden drosselartigen Strophen einer Pinarolestesart, die den Namen »Neu-Guinea-Nachtigall« verdient und wie diese ein unscheinbares, braunes Vögelchen ist, das freilich zu einer ganz anderen Familie gehört. Mächtiges Rauschen, ähnlich dem Brausen einer Lokomotive, übertönt zuweilen das Gesamtkonzert und verwundert schaut der Neuling umher. Ein paar Nashornvögel (Buceros ruficollis) durcheilen die Luft und erzeugen durch die mächtigen Schläge ihrer kurzen Flügel jenes fremdartige, fast erschreckende Geräusch, so laut wie es kein Adler hervorbringt. Aber Raubvögel sind selten: einige schwarzohrige Milane (Milvus melanotis), ebenso träge als ihre schön gefärbten Vettern, Haliastur girrinera, sitzen hie und da auf dem dürren Aste eines Urwaldriesen, noch seltener sieht man einen weißbauchigen Seeadler (Haliaetus leucogaster), den größten Raubvogel Neu-Guineas, hoch in den Lüften seine Kreise beschreiben. Das ist so ungefähr alles, was sich von der Vogelwelt bemerkbar macht, denn wie der geschlossene Hochwald bei uns, so ist auch der Urwald ärmer als freieres Terrain. Aber wo bleiben die Paradiesvögel? höre ich fragen, von denen man sich in Neu-Guinea jeden Baum voll träumt. Ja! die hatte ich schon in Konstantinhafen gehört und gesehen, aber ich konnte sie so wenig erlangen als hier, denn es gab eben Wichtigeres zu thun. Übrigens ist es eine der Paradisea apoda und papuana verwandte Art mit gelben Seitenbüscheln, wie mir die wenigen von den Eingeborenen gebrachten schlechten Bälge zeigten, bei denen der Vogel hier »Do« heißt.

Wie zu erwarten, dauerte die wohlthuende Ruhe infolge des Fehlens der Eingeborenen nicht lange, denn fast mit den ersten Vogelstimmen, früh 5½ Uhr, hörten wir auch die unserer Freunde und Gönner von Grager, und bald hatte sich eine Anzahl Kanus um den Dampfer gesammelt. Ich konnte mich aber zu ihrem großen Leidwesen weniger mit ihnen beschäftigen, denn vor allem war uns an einer näheren Untersuchung des Hafens, seiner Dependenzen und Umgebung zu thun. In der letzteren Richtung ließ sich wenig thun, da ein Gürtel dichter Mangrove (Rhizophoren), welcher den Strand bildet, undurchdringliche Schranken setzt. In dem äußersten westlichen verschmälerten zipfeligen Ende des Hafens, der hier Korallriff zeigt und nur mit Boot passierbar ist, setzt ein schmaler Kanal in die Tiefe des Urwalds hinein. Wir befuhren ihn im Boot, blieben aber bald sitzen und überzeugten uns, daß hier keine Flußmündung sei. Das Wasser war brackig und in dem Dickicht der Nipapalmen, deren Wedel überall den Weg versperrten, kaum durchzudringen. Dabei rührte in dem fast stagnierendem Wasser jeder Ruderschlag neue moderige Dünste verfaulender Pflanzenstoffe auf; eine rechte echte Fieberluft, die man förmlich riechen konnte. Übrigens fanden wir die Spuren der Eingeborenen in betretenen Pfaden, die uns später zu wohlgepflegten Plantagen führten. Sie gehören den Inselbewohnern, denn das Festland um Friedrich-Wilhelms-Hafen scheint ganz unbewohnt zu sein. Der Boden ist auch in diesem Gebiet ein sehr fruchtbarer, dessen korallinische Bildung die allenthalben umherliegenden Koralltrümmer deutlich erkennen lassen. Die Baumvegetation war eine entsprechend üppige, aber das Auge sucht vergebens nach jenen lieblichen Kindern Floras, den Blumen, die so mannigfach abwechselnd unsere Wälder zieren. Hie und da sieht man ein lilienartiges Staudengewächs mit plumper Blume, oder hoch in dem Gelaube die schön roten Blumen gewisser Schlingpflanzen guirlandenartig von Baum zu Baum ranken; seltener eine Orchidee. Diese Blumenarmut ist eben für alle Urwälder dieser Tropenregion charakteristisch, wie der Reichtum an Lianen und anderen Schlingpflanzen. Letztere umstricken große Bäume häufig so dicht, daß die sonst schönen Formen bizarr und phantastisch aussehen. Die zahllos herabhängenden, oft armsdicken Enden, und die dünnen, mit häßlichen feinen Dornen besetzten Ranken bereiten häufig unüberwindliche Hindernisse. Diese rankenden Lianen, die sich anfangs, unschuldig wie unser Epheu, gleichsam schutzsuchend, an dem Baumstamme emporwinden, saugen an seinem Lebensmark bis sie ihn schließlich ganz ersticken. Hunderte von Parasitenarmen, zu gewaltiger Dicke angewachsen, umklammern und halten den morschen Riesen noch zusammen, an dessen Zerstörung Milliarden geschäftiger Ameisen mithelfen, bis ihn ein Windstoß ganz zu Boden streckt. Das ist so in wenigen Strichen das Bild eines Urwaldes, wie ich es im großen und ganzen überall in jenen Regionen fand, und das meist sehr von den Vorstellungen abweicht, welche sich der Laie macht. Ja, diese Urwälder sind großartig, interessant durch die Menge neuer Eindrücke, welche sie dem Neuling bieten, der manche Begriffe von Baumwuchs, Üppigkeit und Vegetationsfülle zu verbessern haben wird, aber ein harmonisches Ganzes wie unsere Hochwälder bieten sie nicht. Wer so lange, wie ich, in diesen Urwäldern lebte, unter ihnen seine Hütte aufschlug und täglich mit Schling- und Rankengewächsen zu kämpfen hatte, wie dies bei meinem früheren Aufenthalte an der Südostküste Neu-Guineas und der Kap Yorkhalbinsel der Fall war, dem werden die heimischen Wälder erst recht lieb geworden sein und nach allen meinen Welterfahrungen muß ich offen bekennen: »Der deutsche Wald ist der schönste!« Freilich ist das ein individuell-nationales Urteil, in welches nicht alle einstimmen werden und brauchen. Ich erinnere mich hierbei eines geborenen Australiers, eines Kolonisten aus Neu-Süd-Wales, mit dem ich von Melbourne nach Sydney reiste. Er kam eben von einer Vergnügungstour aus Europa, und war auch in Deutschland gewesen. Aber unsere schönen Eichen und Buchen hatten keinen Eindruck auf ihn gemacht; das Herz ging ihm erst auf, als er die unschönen Eukalypten mit ihren sperrigen Ästen, der zerfetzten Rinde und graugrünlichen dünnen Belaubung sah, — »the finest trees in the world!« —

Es war sehr schwer, sich über die hydrographische Beschaffenheit unseres neuen Gebietes zu orientieren, und wir vermißten schon hier, wie später noch so oft, den Mangel einer Dampfbarkasse auf das schmerzlichste. Aber die meist unter Führung von Kapitän Dallmann unternommenen Bootfahrten machten uns mit den Gewässern nördlich bis über die Insel Tiar hinaus bekannt und zeigten uns die unrichtige Lage der »Thirty Islands« nach der flüchtigen Aufnahme der russischen Kriegsschiffe (Admirality Chart No. 1084), bis dahin dem einzigen kartographischen Hilfsmittel. Nördlich von unserer nächsten Insel Bilia (Eickstedt-Insel der deutschen Karte), die durch eine so schmale Bootspassage vom Festlande getrennt ist, daß die Zweige der beiderseitigen Bäume ein förmliches Dach bilden, öffnet sich ein zweites geräumiges Bassin, welches sich trefflich als Hafen eignet und später von unseren Kriegsschiffen »Prinz-Heinrich-Hafen« genannt wurde. Dieser Hafen erhält nordöstlich durch eine etwas größere Insel (Götz-Insel) und eine ganz kleine (Koch-Insel), beide dichtbewaldet und unbewohnt, und das dieselbe verbindende Korallriff, vollkommenen Schutz und ist nur durch die Dallmann-Einfahrt zugänglich. Beide Häfen bilden prächtige Verstecke, in welchen sich viele Schiffe verbergen können. Nördlich von der Koch-Insel bis Tiar (Aly-Insel der deutschen Karten) sind viele flache Stellen; östlich ziehen sich Riffe hin, mit heftiger Brandung, sichtbaren Treibholzstämmen und einem schwarzen Felsen, wodurch unseren beiden Häfen eine zweite Schutzmauer gesichert ist. Zugleich wird dadurch eine Einfahrt nördlich von Grager kaum möglich, in welcher Richtung noch zwei weitere Inseln zu folgen scheinen, die aber nach den Aufnahmen unserer Kriegsschiffe nur Teile der ersteren sind. Im übrigen haben die Dampfbarkassen der Kriegsschiffe sich ungefähr in denselben Grenzen gehalten, welche wir mit unserem Segelboot erreichten und ebensowenig als wir eine Flußmündung entdeckt. Übrigens fehlt es nicht ganz an Frischwasser, und es sind wenigstens Tümpel mit solchen vorhanden. Ein Fluß könnte möglicherweise etwas westlich von Tiar münden; wenigstens deuten dichte Bestände von Nipapalmen darauf hin. Wir konnten aber die seichte Bucht nicht näher untersuchen, in der wir, wie schon vorher in einer Seitenbucht von Friedrich-Wilhelms-Hafen, Vorrichtungen zum Fischfang bemerkten, die wir nicht zerstören wollten. Ein dichtes Rickelwerk von eingesteckten Pfählen hinderte den Durchgang, wie für uns so für Fische, und führte die letzteren in Reusen, mit welchen die freigelassenen Öffnungen versehen waren, ganz in der Weise, wie dies allenthalben geschieht.

Nach von Maclay besteht der Archipel aus etlichen dreißig Inseln, aber ich vermochte mir auch bei den Eingeborenen keine Aufklärung zu verschaffen. Ein jedenfalls sehr bewanderter Mann nannte mir zweiundvierzig Namen, die wohl aber weniger Inseln, sondern die oft sehr kleinen, nur aus ein paar Häusern bestehenden Siedelungen betreffen. Ein anderer wußte siebenundzwanzig, ein dritter nur sechs Namen aufzuzählen, die ich aber ohne weiteres übergehen kann, da sie hier doch keinerlei Interesse haben. Aus den Nachrichten der Eingeborenen schien übrigens hervorzugehen, daß die unmittelbare Umgebung der beiden Häfen nicht bewohnt ist, daß aber weiter nördlich »Panu«, Dörfer vorkommen. Nach unseren Erfahrungen dürfte der die Häfen einfassende Urwaldgürtel nicht allzubreit sein und dahinter sich vermutlich schönes Land finden. Wenigstens sahen wir auf den Hansemann-Bergen, die eine gute Landmarke für ansegelnde Schiffe bilden, zahlreiche »Kulturflecke«, d. h. Plantagen. Dies war bei einem späteren Besuch (Mai 1885), bei welchem wir ganz nahe unter der Küste dampfend einen besseren Einblick in diese so schwierigen hydrographischen Verhältnisse erlangten. Der Archipel der zufriedenen Menschen scheint sich von Kap Kusserow ca. 10 Meilen nördlich zu erstrecken, bis zu dem sogenannten Kap Juno von d'Urville, das sich nur schwer erkennen läßt. In diesem Gebiete zählte ich sechzehn kleine Inseln, die alle niedrig, anscheinend unbewohnt und dicht bewaldet sind, wie die Festlandsküste selbst, welche oft schwer zu unterscheiden ist. Verschiedene dieser Inseln sind durch Riff verbunden und dürften bei näherer Untersuchung vielleicht brauchbare Ankerplätze geben. Die Einfahrt zu einem anscheinend sehr geräumigen, trefflichen Hafen sah ich südlich von Juno-Point, wir hatten aber keine Zeit, denselben zu untersuchen, und mußten dies schon aus Mangel an einer Dampfbarkasse aufgeben. Wie ich später durch Güte von Herrn Friederichsen erfuhr, ist dieser Hafen im Jahre 1883 von dem russischen Kriegsschiff »Skobeleff« besucht und »Port Alexis«[27], die davor liegende Insel »Skobeleff« benannt worden. Ihr nördlichster Punkt wurde zu 5°, 4′, 6″ Süd und 145°, 48′, 21″ Ost bestimmt.

Hansemann-Berge (aus Nordost).

Haus auf Tiar.

Auf den von unserer Admiralität publizierten Karten sind nördlich von Grager (Fischel-Insel) nur zwei größere Inseln: Örtzen und Follenius, und zwischen beiden etwas westlich, eine kleine, Franz-Insel, verzeichnet, alle übrigen Inseln weiter nördlich aber weggelassen. Tiár, oder Dsiár, wie es manche Eingeborene aussprechen, (Aly-Insel der deutschen Karten) ist bedeutend kleiner als Grager, dicht bewaldet, mit wenig Kokospalmen, hat aber eine zahlreiche Bevölkerung, welche im Archipel eine dominierende Stellung zu behaupten scheint, denn auch die Grageriten fürchteten sich vor Tiar. An dem Sandstrande der Westseite landeten wir und besichtigten das Dorf. Die Häuser desselben liegen wie immer sehr zerstreut, sind groß, sehr gut gebaut und stehen niedrig auf Pfählen. Vor der Thür ist ein breiter, von dem seitlich weit herabhängenden Dach mit bedeckter Vorplatz, wie dies die beigegebene Abbildung am besten zeigen wird. Ich entdeckte auch das etwas abseits unter Bäumen versteckte Versammlungshaus der Männer, »Dasem« genannt. Es enthielt ein paar Holz-Signaltrommeln, hier »Do«, von kolossaler Größe (vergl. Atlas XIII. 1.), dadurch neu, daß an dem einen Ende ein großes Loch durchgebohrt war, um, wie die Männer andeuteten, einen Strick durchziehen und so das schwere Instrument leichter bewegen zu können. Außer den üblichen Unterkiefern von Schweinen, hing an einem der Querbalken eine Holzschnitzerei, wie ich sie bisher nicht gesehen hatte. Sie war ziemlich groß, aus einem Stück geschnitzt und stellte einen an den zusammengebundenen Vorderbeinen aufgehangenen, schwarz und weißen Hund oder vielmehr eine Hündin dar, wie drei Reihen Säugewarzen zeigten. Das Tier wurde »Agaun« genannt (Taf. XV. 2), aber wie ich erwartet hatte, nicht verkauft. Die Eingeborenen sahen es aber gern, daß ich ihr Kunstwerk abzeichnete. Die Bedeutung dieser merkwürdigen Figur, die nicht wohl im Zusammenhang mit Ahnenkultus stehen kann, vermochte ich natürlich nicht zu ergründen, aber Laune und Phantasie der Papuas schaffen zuweilen Werke der Holzbildnerei, die ihr Entstehen Zufälligkeiten zu verdanken haben und denen keine tiefere Bedeutung zu Grunde liegt. So sah ich in Neu-Britannien einmal ein Stammstück, auf welchem sehr kenntlich ein Haifisch in Relief ausgezimmert war. Ich dachte natürlich an Haifisch-Verehrung und dergl., erfuhr aber, daß bei Gelegenheit des Fanges eines großen Hais ein Kanaker zum Spaß dessen Bildnis gezimmert hatte, um für seinen Fleiß »Diwarra« (Muschelgeld) einzusammeln. Ähnlichen Ursprunges waren vielleicht die aus Holz geschnitzten Fische, welche wir auf Tiar nicht weit vom Versammlungshause entdeckten, und die, wie die Abbildung zeigt, ebenso sehr durch die Ausführung als namentlich auch die sonderbare Art der Aufstellung überraschten. Sie steckten oder hingen nämlich an langen und dicken Bamburohren, die einen freien Platz schmückten, der unter gewissem »Tabu« zu stehen schien, denn anfänglich wollten die Eingeborenen nicht dulden, daß ich mir das merkwürdige Denkmal näher betrachtete. Als sie aber sahen, daß ich nichts mitnahm, was sie vielleicht gefürchtet hatten, ließen sie mich ruhig zeichnen und verkauften mir sogar einen der Fische. Diese »Ji«, (= Fisch) (XV. 3) waren zum Teil in beträchtlicher Größe (60 cm bis 1 m 80 cm), aus einem Stück Holz gezimmert, bemalt und so natürlich nachgebildet, daß man an einzelnen die Gattung erkennen konnte. So unter anderen Makrele, Hemiramphus, Chaetodon, Pagrus — auch ein Delphin (Phocaena) war dabei. Eine solche, sehr deutlich wiedergegebene, Makrele, hielt einen anderen kleinen Fisch im Maul, eine andere einen Menschenkopf. Auch die Bemalung war im ganzen ziemlich naturgetreu; unter den benutzten Farben Grün bemerkenswert, weil es sonst so selten im Malkasten der Papuas vorkommt und metallischen Ursprungs zu sein scheint. — Holzschnitzereien von Fischen, die wir ja schon in Bilibili sahen, sind übrigens im ganzen Archipel häufig und offenbar Wahrzeichen des Fischereigewerbes, welches hier so sehr floriert. Dafür sprachen die schon erwähnten Reusen, die großen Fischnetze, welche besonders Tiar auszeichneten sowie hübsche Fischhaken »Aule«. Sie bestehen aus einem rundgeschliffenem Stifte aus Tridacna, an welchem mittelst Bindfaden ein Haken aus Schildpatt oder Bein befestigt ist, oder sind ganz aus Schildpatt. Diese Art Fischhaken (vergl. Atlas T. IX, 3–7) finden sich in derselben Weise an der ganzen Nordostküste Neu-Guineas und weichen sehr erheblich von den in Mikronesien gebräuchlichen aus Perlmutter ab. Aber ich erhielt von Banab (Ocean-Island) Fischhaken, die sonderbarerweise in der Form ganz mit denen von Neu-Guinea übereinstimmen, nur daß der Stiel aus Kalkspat besteht, ein Beweis, wie unabhängig voneinander in verschiedenen Lokalitäten dieselben Erfindungen gemacht werden. Eiserne Angelhaken fanden übrigens nicht den Beifall der Eingeborenen, wie dies überall zuerst der Fall ist, wo sie den Vorteil derselben noch nicht kennen. Die Bewohner Tiars scheinen in Bezug auf Schiffsbau und Schiffahrt übrigens mit Bilibili zu rivalisieren, wie die am Strande liegenden Kanus zeigten. Sie stimmen in der Bauart ganz mit denen Bilibilis überein, haben aber keine S-förmig gebogenen Schnäbel, sondern an der Spitze ist ein gekrümmter Stock angebracht, an welchem Nautilus-Muscheln befestigt sind. Dieser letztere Schmuck soll übrigens nur Kanus von Häuptlingen zukommen.

Tabuplatz auf Tiar.

Bilia (Eickstedt-Insel) obwohl größer als Tiar, hat eine viel geringere Bevölkerung und ist in jeder Weise ärmer. Eine Gruppe Kokospalmen zeigte, wie immer, das Bewohntsein an, aber in dem dichten Walde, welcher die ganze Insel bekleidet, fanden wir das Dorf erst als wir die enge Einfahrt an der Nordostspitze entdeckten. Sie führt zu einer hübschen Lagune, welche das Centrum der Insel bildet, die dadurch ganz zu einem Miniatur-Atoll wird; nur daß das Festland viel höher als bei eigentlichen Atolls und mit gutem Boden bedeckt ist. An der Ostseite des inneren Lagunenrandes stehen die wenigen, ziemlich ärmlichen und kleinen Häuser (Aab) die nichts Bemerkenswertes zeigten. Die Leute waren sehr freundlich; nur ein Mann stellte sich sehr ungebärdig und schrie wie ein Verrückter — und war in der That ein solcher, übrigens eine seltene Erscheinung unter Eingeborenen, die mir nur wenigemal vorkam. — Töpferei wird auch auf Bilia betrieben, aber das Fabrikat ist nicht so schön als auf Bilibili. Ein Versammlungshaus war ebenfalls vorhanden, und hier entdeckte ich etwas Neues. Dieses Haus, Szirit genannt, war den Verhältnissen des Dorfes entsprechend klein, im Baustil gleich den großen auf Bilibili. Die beiden Giebelseiten waren fast ganz mit Mattengeflecht aus Kokosblatt zugedeckt, so daß nur eine kleine Thür zum Hineinkriechen frei blieb. In der offenen Giebelspitze hingen aus Holz geschnitzte Fische (hier Ing), ähnlich denen von Tiar, aber schlechter und kleiner. Im Inneren fehlte das bekannte Schlafgerüst (Barim) und die große Trommel (Do) nicht, aber ich entdeckte zufällig ein Gerät, welches die Eingeborenen sehr hochzuhalten schienen und das sie offenbar nur ungern in meinen Händen sahen. Es war dies ein ca. 30 cm langes flaches, spatelförmiges Stück Bambu, in der Form ganz wie ein Falzbein, auf der einen Seite mit fein eingraviertem, zierlichem Muster ornamentiert, von welchen ich schon früher an Bord eine ganze Menge eingehandelt hatte. Ich hielt diese »Tonde« genannten Spatel (vergl. Atlas V, 5, 6) anfänglich für sogenannte Kalklöffel; da sie aber nicht zu diesem Zweck benutzt wurden, glaubte ich, daß sie zum Aufbrechen von Betelnüssen oder dergleichen dienten. Angesichts der Geheimnisthuerei, mit welcher die hier aufbewahrten Spatel, »Tohn« genannt, behandelt wurden, erschien auch diese Deutung unzutreffend, denn niemals sind mir Gegenstände vorgekommen, die von den Eingeborenen offenbar so hoch verehrt wurden als diese. Trotz hoher Gebote wurde nicht einer der zwölf Tohn abgegeben, obwohl dieselben Instrumente außerhalb des Szirit von Bilia kaum von Wert schienen. Zweck und Bedeutung sind mir daher nie recht klar geworden, und erst später fiel es mir ein, daß die Tohn vielleicht mit der Beschneidung, welche auch auf einigen Inseln dieses Archipels herrscht, in Beziehung stehen mögen, obwohl dies aus verschiedenen anderen Gründen kaum glaublich scheint. Wahrscheinlicher dürfte sein, daß sie gleich unseren Spachteln zum Bereiten der roten Farbe (Behm), resp. zum Bemalen dienen, wie das vertiefte Muster in Wahrheit als Stempel benutzt wird, um mit Kalk bepudert als Festschmuck auf die Backen gedruckt zu werden. Rote Farbe, Federschmuck und andere Putzrequisiten waren neben den Tohn im Szirit vorhanden, das ja wie alle diese Versammlungshäuser den Vorbereitungen, zum Teil den Festen der Männer selbst gilt. Wenn die Papuas Neu-Guineas auch kein rechtes Wort für das »Tabu« der Ozeanier zu haben scheinen, so ist die Sitte doch vorhanden. Nicht nur Gegenstände, sondern Häuser, Bäume, ja gewisse Distrikte können für kürzere oder längere Zeit unter »Tabu« gestellt, d. h. unantastbar gemacht werden, wie z. B. zeitweilig die Kokospalmen. Für das weibliche Geschlecht sind die Versammlungshäuser stets tabu, wie das meiste, was sie enthalten. So dürfen, wie ich dies schon in Neu-Britannien beobachtete, gewisse Musikinstrumente der Männer, vor allem die großen Signaltrommeln, nie von einem Weiberauge gesehen werden. Wenn daher auch Frauen ungescheut beim Versammlungshause vorübergehen oder vor demselben stehen bleiben, das Innere betreten sie nicht. Man hat ihnen davor eine so große Furcht eingeflößt, daß jede Frau glaubt, der bloße Anblick einer Trommel würde genügen, sie zu töten, ja selbst der Ton wirkt schon erschreckend und treibt die Weiber in das Innere ihrer Hütten. Diese Furcht hat nichts mit Götzenkultus, Heilighaltung und dergleichen zu thun, sondern ist von den Männern nur aus Klugheit ersonnen worden, damit sie ungestört von den Frauen und Kindern ihre Feste feiern und ihre Schmausereien halten können. Damit erklärt sich das mysteriöse Dunkel sehr einfach und praktisch. Und vergessen wir doch nicht, daß im Leben der Kulturmenschen die Männerwelt vielfach bevorzugt ist und in ihren Klubs, Logen u. s. w. heitere und ernste Versammlungen abhält, an denen die Damen nicht teilnehmen dürfen und die für sie ebenfalls »tabu« sind.

Trotz des von Siedelungen abgelegenen Ankerplatzes war es doch stets lebendig um die Samoa; das Kommen und Gehen von Kanus nahm kein Ende. Alle wollten gern schachern, aber an Lebensmitteln (Taro, Jams, Kokosnüssen) wurde trotz des anscheinenden Überflusses kaum Nennenswertes gebracht. Dabei zeigte sich, wie dies stets der Fall ist, die gegenseitige Eifersucht der Insulaner untereinander; die Grageriten warnten vor Tiar, die Tiariten vor Grager, alle machten sich gegenseitig schlecht und keiner gönnte dem anderen etwas. Ja, auch diese »zufriedenen« Menschen schienen öfters recht unzufrieden, und Streitigkeiten, die mit den Waffen ausgefochten werden, kommen ebenfalls vor. Lebt doch nirgends der Naturmensch in jener paradiesischen Unschuld und Glückseligkeit, in welcher Rousseau und andere Schwärmer denselben schildern, und überall hat der Mensch im Kampfe ums Dasein zu streiten.

Die zufriedenen Menschen sind übrigens in ihren Rassencharakteren echte Papuas, erschienen aber, wie die Bilibiliten, kräftiger und ein feinerer Menschenschlag als die Bewohner von Port Konstantin, hauptsächlich wohl infolge der besseren Ernährungsverhältnisse. Die Höhe der von mir gemessenen Männer bewegte sich zwischen 1,47 und 1,62 Meter. Wir kamen übrigens trefflich mit den Leuten aus, und wie wir sie an Bord der Samoa gut behandelten, so erwiderten sie dies in ihren Dörfern. Freilich zeigten sich die Frauen (Pein) nur verstohlen, aber nach und nach kamen sie mit ihren Männern längsseit, um sich das fremde Ungeheuer und dessen Bewohner anzusehen. Wie ich dies schon in Astrolabe-Bai bemerkt hatte, scheint auch hier, dem sonstigen Brauch vieler Melanesier entgegen, keine Vielweiberei zu herrschen, denn immer stellte uns der Mann nur eine bessere Hälfte vor. Die Leute führen also einen sehr moralischen Lebenswandel, wie ich dies bei allen von der Civilisation noch unberührten Eingeborenen gefunden habe. Dabei herrscht eine Decenz, die vielen Kulturmenschen zum Muster dienen könnte. Als sich einst einer unserer Leute beim Baden unbekleidet zeigte, verbargen alle Frauen und Mädchen scheu ihre Gesichter, und ich will diesen einen Fall nur deshalb anführen, weil man gewöhnlich geneigt ist, von sogenannten Wilden gerade ein entgegengesetztes Betragen vorauszusetzen.

Junges Mädchen.

Die Eitelkeit des weiblichen Geschlechts verleugnete sich auch bei diesen Naturkindern nicht, die in ihrem schönsten Staat erschienen, wovon die nachfolgende Abbildung eines jungen Mädchens eine Probe giebt. Die Frauen trugen ihre besten Grasröcke, »Nai«, junge Mädchen vorn und hinten ein buntes Schürzchen (ähnlich T. XVI 9) zuweilen mehrere volantartig übereinander, welche die hübschen braunen Gestalten in der That gut kleideten. Und so ein bißchen Kokettieren verstehen selbst Papuamädchen, das ist ein Erbteil des ganzen weiblichen Geschlechts! Das Haar hing in sorgfältig gedrehten dünnen Strähnen, gleich Polkalöckchen, vorn bis zu den Augen, hinten bis in den Nacken herab und glänzte im schönsten Rot. Schon daran konnte man die Wohlhabenheit erkennen, an dem sonstigen Ausputz aber Reichtum. Den Hals zierten lange Schnüre aufgereihter Samenkerne von Coix lacryma, die an matte Schmelzperlen erinnern, die Brust mehrere große flache Ringe aus dem Basisteil eines Conus, ebensolche waren an den breiten Arm- und Kniebändern aus rotem oder gelbem Grasgeflecht befestigt. Ich habe selten in Neu-Guinea so reich geschmückte Mädchen gesehen als hier, aber es war nur eine Ausnahme, die der besonderen feierlichen Gelegenheit galt. Die Männer hatten mit Beendigung der Feste bereits wieder ihr Alltagsgewand angelegt, d. h. einen gewöhnlichen Lendenschurz, Mal, umgebunden; Armband und Halsstrickchen vollendeten das einfache Kostüm. Ein etwa fingerdicker Halsstrick bezeichnete übrigens einen Häuptling oder angesehenen Mann überhaupt und war unverkäuflich. An Waffen hatten sie Überfluß und verkauften davon am liebsten. Ihre Waffen sind übrigens dieselben als in ganz Astrolabe-Bai (Wurfspeer, Bogen »Fi«, Pfeil »Tu«), aber besser gearbeitet als z. B. in Bongu. Ungern gaben sie dagegen die schön mit erhabener Schnitzerei verzierten runden Schilde her, die ganz so sind, wie die auf Bilibili, die aber hier »Gubir« oder »Gubil« (Taf. XII, 1) heißen, da r und l meist gleichlauten wie in allen Papuasprachen. Die Kunstfertigkeit in Holzarbeiten zeigten besonders die sanduhrförmigen Handtrommeln (Dubuag oder Dugag), deren Henkel zuweilen sehr geschmackvoll durchbrochen gearbeitet waren (vergl. T. XIII 2 u. 3), und kahnförmige oder ovale Schüsseln, Tabir, die mit zu den Wertgegenständen gehören, z. B. den Brautpreis hauptsächlich mit ausmachen. Diese Tabir sind sehr sauber gefertigt, am Rande mit erhabener Schnitzerei verziert und mit einer glänzenden metallischen Masse geschwärzt, die Mangan oder Graphit zu sein scheint. Alle diese Gegenstände waren Repräsentanten der Steinperiode, welche bei unserem Besuche in Friedrich-Wilhelms-Hafen noch voll und ganz herrschte. Von dem durch die Russen zurückgelassenen Eisen sahen wir nichts mehr. Die hiesigen Steinäxte, »Ihr«, sind übrigens ganz so wie die in Bongu.

An Lebensmitteln war kaum etwas zu erlangen, und ohne eigene Vorräte kann der Fremde in diesen reichen Tropengebieten beinahe verhungern. Diese überall in Neu-Guinea herrschende Knappheit an Nahrungsmitteln des Landes ist auch für Inlandexpeditionen, namentlich im Hinblick auf das eingeborene Trägerpersonal, sehr hinderlich und erschwert solche ungemein. Jams heißt in Friedrich-Wilhelms-Hafen »Dabel«, Banane »Fud«, Betel »Jeb«, Schwein »Bor« oder »Bol«, Kokosnuß »Niu«, letzteres ein polynesisches Wort, aber weit über Neu-Guinea verbreitet. Ich führe diese wenigen Wörter nur an, um die große Verschiedenheit der Sprache von Grager und Bongu zu zeigen, Lokalitäten, die kaum 20 Meilen entfernt voneinander liegen und zwischen denen noch fünf oder sechs verschiedene Dialekte gesprochen werden; zugleich ein Beispiel des heillosen Sprachgewirrs in Neu-Guinea und Melanesien überhaupt.

Um für die etwa nachfolgenden Kriegsschiffe Zeichen unseres Besuches zu hinterlassen, beschlossen wir eine Flagge aufzuhissen und klärten zu diesem Zweck eine Stelle auf der die Südseite von Friedrich-Wilhelms-Hafen bildenden Halbinsel, die später auch von den deutschen Kriegsschiffen benutzt und »Flaggenhalbinsel« benannt wurde. Die Eingeborenen sahen diesen Arbeiten mit Vergnügen zu, denn nichts imponierte ihnen mehr als die Wirkung der eisernen Haugeräte. Ja, das ging freilich schneller als mit ihren Steinäxten, und es gab allemal ein lautes Freudengeschrei, wenn unter den Schlägen der schweren amerikanischen Äxte ein großer Baum sich neigte und krachend zusammenbrach, mit seinem Falle andere Bäume niederschmetternd. Wir hatten zu thun, um die Kanus in gehöriger Entfernung zu halten. Denn daß Bäume so schnell gefällt werden konnten, schien den Eingeborenen unglaublich, und sie stoben erst in wilder Flucht auseinander, wenn das erste Geknister das baldige Fallen signalisierte. Als eine besondere Auszeichnung wurde es betrachtet, wenn ich dem einen oder anderen ein Beil anvertraute, denn alle wollten sich gern mit an dem Vernichtungswerk beteiligen. Aber die Kräfte der Eingeborenen reichten nur hin, um dünneres Unterholz, Äste und dergleichen abzuhauen, denn abgesehen, daß sie ein Beil überhaupt nur schlecht zu hantieren verstanden, so fehlte es ihnen namentlich an physischer Stärke, denn alle diese Naturmenschen haben ihre Muskeln wenig ausgebildet und sind infolgedessen nur schwach. Mit betrübtem Gesicht legten die meisten nach wenigen Schlägen die Äxte nieder und deuteten an, daß diese ihnen zu schwer seien. Ja, die Eingeborenen selbst werden bei der einstigen Urbarmachung und Klärung dieses Landes wohl wenig nützen, und man wird, wie überall, auf ihre Hilfe nicht sehr zu rechnen haben. Romillys drastische Neubenennung des »Archipel der zufriedenen Menschen« in »Archipelago of useless idle men« trifft mit wenig Worten das Richtige, und er kennt Kanaker besser als irgend jemand. Große Freude erregte das Aufhissen der Flagge selbst, deren Farben (schwarz »sed«, weiß »ruo«, rot »fiar«) den Eingeborenen besonders zu gefallen schienen, weil es dieselben sind, welche sie kennen. Bald sollten sie ganz unter den Schutz dieser mächtigen Trikolore gestellt werden, denn gerade einen Monat später (am 20. November 1884) entfaltete sich an derselben Stelle die Flagge der deutschen Kriegsmarine.

Wir hatten zum großen Leidwesen das von den Eingeborenen so sehr gewünschte und erwartete Panu (Dorf) nicht gebaut, und mußten sie auf »Wiederkommen« vertrösten, wofür schon die Flagge bürgte, die ich den ersten Häuptlingen Malbag, Szebog, Telom von Grager, Kuram von Bilia, Karun und Amang von Tiar übergab, welche, wie wir später sehen werden, in vollem Verständnis trefflich für die Erhaltung sorgten. So verließen wir denn Friedrich-Wilhelms-Hafen, eine Kanuflottille mit fröhlichen Eingeborenen im Schlepptau, die alle »o! Maclay! ujan-ujan« (sehr gut) riefen und uns erst in der Dallmann-Einfahrt verließen.


[Viertes Kapitel.]
Längs der Maclayküste.

Küste bis Kap Croissilles. — Es giebt kein Kap Duperrey. — Karkar, oder Dampier-Insel. — Wir umschiffen dieselbe. — Neues »Giebacht-Inselchen«. — Eingeborene. — Zusammentreffen mit denselben. — Treffliche Lokalitäten für Deportation. — Bismarck-Gebirge. — Längs der Maclayküste. — Geringe Kenntnis derselben. — Gabinafluß. — Vulkanische Anzeichen. — Küstengebirge. — Schönes Land. — Spärlich bevölkert. — Kleine und verlassene Dörfer. — Sareuak-Buchtung. — Erste Begegnung mit Eingeborenen. — Finisterre-Gebirge. — Heimatliche Landschaft. — Pfahldörfer. — Teliata-Huk. — Das merkwürdige Terrassenland. — Exkursion dahin. — Dallmannfluß. — Die Terrassen sind gehobener Korallfels — haben ausgezeichneten Boden — trefflich für Weiden. — Temperatur. — Geringes Tierleben. — Basilisk-Gorge — Rook und Lottin. — Cape King William nicht aufzufinden. — Auffallende Schluchten. — »Meerfall«. — »Kanzel«. — »Bienenkorb«. — Festungs-Huk. — Siedelungen schwer bemerkbar. — Geringe Bevölkerung. — Zusammentreffen mit derselben — deren Verwandtschaft mit Huon-Golf. — Keine Menschenfresser. — Andenken Verstorbener. — Rückblick auf die Maclayküste. — Vorzüge derselben. — Keine Häfen. — Hinüber nach Neu-Britannien. — Unrichtigkeit der Karten. — Längs der unbekannten Südküste — verspricht wenig. — »Hansabucht«. — Eingeborene. — Rückkehr nach Mioko.

Karkar, Dampiers »Isle Brûlante«, die später den Namen dieses großen Seefahrers erhielt, war unser nächstes Ziel und schien angesichts der so kärglichen Nachrichten über dieselbe wohl einer Rekognoszierung wert. Wir dampften nordwärts bis Kap Croissilles hinauf, längs einer Küste, die einen ganz anderen Charakter als die bisher gesehene von Astrolabe-Bai zeigte. Sie erscheint wie ein ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, an welches sich weiter inland niedrigere Bergketten anschließen. Kokospalmen fehlen diesem Gebiete leider fast ganz und damit auch der Mensch, dessen Existenz mit dem Vorkommen und der Häufigkeit der ersteren in so innigem Zusammenhange steht. Nur gegen das Kap zu bemerkten wir unter dem Schatten einiger Kokospalmen ein Dorf; die Bevölkerung dieses ca. 15 Meilen langen Küstenstriches ist daher jedenfalls nur sehr spärlich. Die Ungenauigkeit der vorhandenen Karten wurde uns schon auf dieser kurzen Strecke klar. Vergebens suchten wir Kap Duperrey[28] und auch Kap Croissilles markiert sich in der gleichförmigen Küstenlandschaft nur wenig.

Dampier-Insel erscheint vom Süden aus gesehen wie ein mächtiger, dicht bewaldeter, stumpfer Kegel, dessen Höhe auf 5000 Fuß angegeben wird und der schon in weiter Ferne die vulkanische Bildung deutlich erkennen läßt. Als Dampier Anfang 1700 die Insel entdeckte, fand er den Vulkan in voller Thätigkeit und gab der Insel deshalb den Namen die »brennende«. Jetzt ist der Krater längst erloschen; nur die den Spitzenteil verhüllenden Wolken, welche meist hier lagern, erinnern zuweilen an mächtigen Rauch.

Wie es scheint ist die Insel seit Dampier nicht mehr betreten worden, und auch wir mußten uns auf eine Umschiffung derselben beschränken, denn nirgends fanden wir einen Hafen- oder Ankerplatz, noch sonst eine Stelle, welche aus praktischen Gründen zu einer Landung verleiten konnte. Überall zeigte sich dichter Urwald, von der Wasserkante des Ufers bis zur höchsten Spitze, in einer Üppigkeit wie man selten Urwald zu sehen bekommt, nirgends geklärte Stellen mit Plantagen, selten flacheres Vorland und dann nur in geringerer Ausdehnung. An der Nordwestseite der Insel sahen wir hie und da felsiges Steilufer, Basalt, aus dem die Insel zu bestehen scheint. Nur wenige Male hatten wir Korallriffen auszuweichen, aber an der Nordspitze entdeckten wir kaum eine halbe Seemeile von der Küste ein kleines Inselchen, das keine Karte verzeichnet, und von welchem sich ca. 3 Seemeilen ein Riff mit Brandung und einem einzelnen kahlen schwarzen Fels nach Ost hinzieht. Ich benannte das Inselchen, immerhin groß genug um das größte Schiff zum Scheitern zu bringen, »Giebacht-Insel«. Vom Norden aus gesehen, bietet Dampier übrigens ein ganz anderes Bild als vom Süden und erscheint als ein langgestreckter Gebirgsrücken mit zwei hohen stumpfen Kegeln, beides erloschene Vulkane.

Wir waren an der Leeseite, also von West nach Ost um die Insel gegangen und beobachteten nur an dieser unbedeutende Siedelungen der Eingeborenen; die Ostseite schien unbewohnt. Die größte der westlichen Siedelungen zählte etwa 10 Häuser, die übrigen zehn je 2–4 Häuser, verdienten also kaum den Namen von Dörfern. Aus der geringen Anzahl von Kokospalmen konnte man schon mit ziemlicher Sicherheit auf die geringe Bevölkerung schließen, wie sich das meist überall wiederholt. Einzelne Siedelungen besaßen kaum mehr als etliche, die größte nur 30 Kokospalmen, das war alles!

Die wenigen Eingeborenen, welche uns am Ufer mit Staunen betrachteten, gaben sich durch Schreien alle erdenkliche Mühe uns an Land einzuladen, aber nur bei dem einen Dorfe kamen etliche Kanus ab, so daß wir die Maschine stoppten, um die Leutchen kennen zu lernen. »Oh! Maclay« war ihr erstes Wort und »Kai« (Eisen) ihr zweites, dies aber auch alles was ich verstand, denn auf Karkar wird eine ganz andere Sprache gesprochen. Sie klang viel rauher als in Astrolabe; dabei schrieen und spektakelten die Leute sehr viel, so daß man oft kaum das eigene Wort verstehen konnte.

Armselig wie ihre, roh aus einem Baumstamm gezimmerten, Kanus waren die Insassen selbst. Sie brachten nichts als ein paar alte vertrocknete Kokosnüsse, einige Betelnüsse und Tabakblätter, hatten aber keinerlei Waffen und von sonstigen Arbeiten nicht viel mehr. Dabei wollten sie für jeden schlechten Bambukamm oder Kalkkalebasse nur Hobeleisen haben. Einer hatte es auf meinen Feldstecher abgesehen und verlangte, daß ich ihm denselben ins Kanu reichen sollte, denn an Bord wagte sich keiner. Nun habe ich Eingeborenen stets gern Spaß gemacht, und mir war auch wegen des Zurückgebens nicht bange, aber ich wußte auch, daß diese Freundlichkeit nur unnützen Zeitverlust bereiten würde. Hat nämlich der eine durchgesehen und wirklich etwas gesehen, denn gewöhnlich wird das Glas soweit ab oder so dicht gehalten, daß überhaupt nichts gesehen werden kann, dann will jeder in das geheimnisvolle Ding gucken und die Sache nimmt kein Ende. Zudem lassen die meist nicht sehr reinlichen Finger Spuren zurück, an deren Vertilgung man lange putzen kann.

Äußerlich unterschieden sich übrigens diese Insulaner durch nichts von den Bewohnern des Festlandes; es gab dunkle und hellgefärbte, und auch hier schienen die Gatessi, d. h. lang in den Nacken herabhängende Zottelstränge, eine besondere Zier. Außer dieser besaßen sie aber nicht viel: ein schlechter Lendengurt (Mal), dito Armband, ein dünner Nasenpflock aus einem Rohrstäbchen, etliche Schildpattohrringe, nebst Bambukamm und der Ausputz ist fertig. Einzelne hatten die Haarkämme mit Büscheln Kasuarfedern verziert, ein Beweis, daß die Insulaner mit den Küstenbewohnern in Verkehr stehen, wofür auch drei große Kanus, in der Bauart ganz mit solchen von Bilibili übereinstimmend, sprachen, die ich am Ufer bemerkte.

Wir hatten ca. 6 Stunden Zeit gebraucht, um von der Südspitze bis zur Mitte der Ostseite zu dampfen, und schon daraus wird man ersehen, daß Dampier-Insel nicht ganz so klein ist. In der That beträgt ihr Längsdurchmesser ca. 20 Meilen (= 5 deutsche M.) ihr Flächeninhalt 272 qkm., ist also immerhin noch etwas bedeutender als der der Freien- und Hansestadt Bremen. Letztere zählt aber über 150000 Bewohner, Dampier nach meiner allerdings nur oberflächlichen Schätzung, denn Volkszählungen sind in allen diesen Gebieten noch nie gemacht worden, wenn's hoch kommt — 500! Da können allerdings noch viel Menschen Platz und ausreichend Nahrung finden, denn ohne Zweifel ist die Insel äußerst fruchtbar, und in gewisser Höhe auch gesund. Aber schwerlich werden sich freiwillige Zuzügler finden, um die Urwälder zu lichten; eben kein kleines Stück Arbeit! — Und doch könnte es gehen, — so meditierte ich angesichts der Insel, — wenn man jene Freiwilligen aufforderte, welche die unfreiwillige Arbeit in Kerkermauern gern mit solcher in Gottes freier Natur vertauschen würden. »Eine Verbrecherkolonie«? höre ich viele im stillen ausrufen! — Nun ja denn! eine Verbrecherkolonie oder besser Deportation solcher Freiwilligen unserer überfüllten Zuchthäuser, die für den Rest ihres Lebens dem Kulturstaate nur eine Last sind, in solchen neuen Gebieten aber noch ganz nützlich werden könnten, sowohl dem großen Ganzen, als sich selbst. Wer die Geschichte der Gründung Australiens kennt, wird wissen, welchen gewichtigen Faktor das Deportationssystem in den ersten Jahrzehnten der Kolonien durch die Beschickung mit billigen Arbeitskräften einnahm. In der That so wichtig, daß die jüngste Kolonie, West-Australien, noch in den vierziger Jahren beim Parlament[29] um Deportierte petitionierte, weil es eben an Arbeitern mangelte. Und diese werden für jedes neue Kolonisationsgebiet stets die Lebensfrage bleiben, am dringendsten jedoch für ein Land mit so geringer und für Arbeit in unserem Sinne nicht geeigneter Bevölkerung als Neu Guinea. Da würde ein Depot brauchbarer Arbeiter recht am Platze sein, und Dampier-Insel oder Rook, oder eine andere jener isolierten fruchtbaren Inseln unserer neuen Schutzgebiete, geeignete Localitäten zur Gründung eines solchen abgeben.

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung auf die Samoa zurück, die in früher Morgenstunde wieder nach der Küste zu dampft, in Sicht von Bilibili und Astrolabe-Bai, deren herrliche Landschaftsbilder gerade jetzt so schön hervortraten, wie noch nie. Die Kammlinien der Gebirge erschienen in derjenigen Klarheit, auf welche man in diesen Breiten meist nur gegen Sonnenaufgang, so gegen 6 Uhr, rechnen darf. Heut sahen wir alles in seltener Deutlichkeit vor uns liegen, ja dieselbe brachte eine unerwartete Überraschung. Weit hinter den uns schon bekannten Gebirgen ragte nämlich im Süden eine gewaltige Gebirgskette hervor, die wir früher nicht gesehen hatten und die wahrscheinlich überhaupt nur wenige[30] erblickt haben. Wir befanden uns damals noch ca. 25 Meilen von der Küste, aber dieses Gebirge mußte noch weit im Inneren, nach Schätzung an 70 bis 80 Meilen von uns abliegen, und dementsprechend taxierten wir die Höhe auf 14000–16000 Fuß! Wie unsere späteren Reisen zeigten ist diese Gebirgskette, die wir nur noch einmal zu sehen bekamen, die höchste an der ganzen Nordostküste von Neu-Guinea, und ich erlaubte mir deshalb sie zu Ehren unseres großen Reichskanzlers »Bismarck-Gebirge« zu benennen. Die Frage: »wie mag es dort aussehen«? drängte sich unwillkürlich in die Gedankenflut des stummen Bewunderers; ja, wer das beantworten könnte! Denn wie viele Zeit wird noch darüber hingehen, ehe der weiße Mann nur bis zum Fuße jener gewaltigen Gebirgskette vordringt, geschweige auf deren Scheitel gelangt.

Wir passierten Port Konstantin, nahe genug um unsere Flagge lustig winken zu sehen, und steuerten in östlichen Cours längs der Maclayküste (vergl. Karte [S. 30]). Sie erstreckt sich von Astrolabe-Bai bis Teliata-Huk, ca. 100 Meilen weit und wurde zuerst 1871 von dem russischen Reisenden von Miklucho-Maclay mit dem russischen Kriegsschiffe »Vitiaz« befahren, fünf Jahre später bei seinem zweiten siebzehnmonatlichen Aufenthalte näher durchforscht, trägt also seinen Namen mit Recht. Leider hat aber der Reisende selbst kaum mehr als eine flüchtige Notiz über seine Forschungen publiziert und Kapt. Moresby[31], der 1874 längs dieser Küste westwärts dampfte, sagt nicht mehr über dieselbe. Die folgenden Nachrichten dürften daher als die ersten ausführlicheren willkommen sein.

Gleich ostwärts von dem Dorfe Gumbu und Novosilsky-Point nimmt die Gegend einen total verschiedenen Charakter an. Der Urwald verschwindet vom Ufer und eine spärlich mit Krüppelholz bestandene Ebene tritt an die Stelle, welche treffliches Land für Kultur wie Viehzucht zu bieten und sehr der Beachtung wert scheint. In dieser Niederung sahen wir die Mündung zweier Flüsse, die jetzt in der trockenen Jahreszeit indes nur schmale Rinnsale bis ins Meer führten, in der Regenzeit aber sehr ansehnlich sind. So fanden wir bei einem spätern Besuch im Mai den westlichsten und größten Gabinafluß, gleich ost von Novosilsky-Huk, weithin das Meer trübend. Mit Maragum-Huk beginnen wieder Hügel und Berge, die gegen das, übrigens nur schwer erkennbare, Kap Rigny (Tevalib) und weiterhin bedeutend höher werden und zugleich einen sehr eigentümlichen Charakter bieten. Die Berge zeigen Schluchten, zuweilen jähe Spalten, mit senkrecht abfallenden Wänden, wie Erdrutsche; eine wilde, malerische Landschaft. Dabei fehlt an manchen Bergabhängen fast alle Vegetation und das Ganze macht den Eindruck, als wenn hier gewaltsame Veränderungen durch Erdbeben[32] stattgefunden hätten.

Wir waren am Abend bis etwa 6 Meilen ost von Cap Rigny gekommen und begannen unsere Fahrt mit Anbruch des folgenden Tages an derselben Stelle, eine Methode, die stets an unbekannten oder wenigbekannten Küsten von uns befolgt wurde, damit kein Teil derselben uns entgehen konnte. Die Landschaft blieb im ganzen dieselbe, aber das Gebirge wurde höher und zeigte bis auf die Kammhöhe dichte Baumvegetation. Diese Hauptkette ist sehr steil, von fast senkrechten Schlürfen und Rinnen durchsetzt und mag eine Höhe von 6000–7000 Fuß erreichen. Aber man sieht die Kammlinie auch an sonnenhellen Tagen selten frei, denn gewöhnlich sammeln sich schon gegen 8 Uhr die kleinen weißen Nebelflecke zu großen Wolken, die in weniger als einer Stunde den Scheitel des ganzen Gebirges ziemlich weit herab vollständig einhüllen. Häufig bleibt nur die Basis des Hauptstockes frei, aber an denselben lehnt sich ein dichtbewaldetes Mittelgebirge, das in ansehnliche grüne, mit Gras bedeckte Vorberge ausläuft, die sich sanft bis zum Meere herabsenken, dessen Ufer von einem schmalen dichten Baumgürtel eingefaßt wird. Dies ist so im wesentlichen der Hauptcharakter dieser Küstenlandschaft östlich von Kap Rigny und 10 Meilen über Lemtshug Point hinaus. Sie macht mit ihren ausgedehnten, infolge Abbrennens hie und da braun und schwarz gefleckten, grünen Matten, ihren mit Baumstreifen bestandenen Schluchten ganz den Eindruck kultivierten Landes und würde offenbar ausgezeichnetes Weideland abgeben. Aber diesem ganzen Küstenstrich schienen wie Kokospalmen so auch Menschen zu fehlen. Erst ca. 4 Meilen ost von Iris Point, das wir, ohne es mit Sicherheit ausmachen zu können, passiert hatten, sahen wir seit Gumbu das erste Haus, weiterhin die ersten Dörfer, wie alle Siedelungen stets schon von weitem an einer kleinen Gruppe Kokospalmen und jenen gelben Bäumen kenntlich, die ich bereits in Astrolabe-Bai erwähnte. Von nun an waren fast in jeder der sanften Buchtungen, die ohne bedeutendere Vorsprünge das Ufer bilden und charakteristisch für diese ganze Küste sind, Siedelungen bemerkbar, meist nur aus wenigen Häusern bestehend, überdies mehrere in Verfall oder bereits ganz verlassen. Da, wo sich bei den Häusern Menschen zeigten, schienen sie keine Kanus zu besitzen, denn erst in der Sareuak-Buchtung, einige 60 Meilen östlich von Port Konstantin, kam ein Kanu mit sieben Männern ab, deren: »oh! Maclay« schon von weitem entgegenschallte und die Bekanntschaft mit dem Reisenden bewies, dessen Namen wir übrigens weiter ostwärts nicht mehr nennen hörten.

Die Leute boten uns wahrscheinlich als Friedenszeichen ein paar kleine Kokosnüsse an und schienen überhaupt sehr ärmlich und schlecht genährt. Im Armband trugen sie Blätter des gelben Baumes, vermutlich auch Zeichen des Friedens, sonst nur Halsstrickchen und schlechte Schamgürtel (Mal). Sie führten Pfeil und Bogen mit sich, betrugen sich aber sehr still und bescheiden. Das einzige Interessante, was ich bei ihnen bemerkte, war ein mit Hundezähnen garnierter filetgestrickter Tragbeutel, der meinen begehrlichen Blicken aber gleich entzogen und selbst für ein Beil nicht hergegeben wurde. Ihr Kanu führte Mast und ein schlechtes Mattensegel; als Feuerplatz diente ein Topfscherben.

Wie Wolken die Hauptkette des an 7000 Fuß hohen Küstengebirges verhüllten, so verdeckte das letztere die mächtige Kette des Finisterre-Gebirges (Moresby's) selbst, das bei einem Abstande von 20 Meilen so nahe unter der Küste überhaupt nicht zu sehen ist. Aber als wir uns bei einem spätern Besuche in Astrolabe noch ca. 30 Meilen von der Küste befanden, da lag das Gebirge in voller Klarheit vor uns, zeigte aber in der ziemlich gleichmäßig verlaufenden Kammlinie so wenig Abwechselung, daß wir die höchsten über 11000 Fuß hohen Spitzen Kant und Schopenhauer Maclay's (resp. Gladstone und Disraeli von Moresby[33]) nur mit Mühe ausmachen konnten.

Westlich von der Sareuak-Buchtung beginnt wieder niedrigeres Vorland, das sich stellenweis zu Ebenen ausdehnt, die, wie die oft bis zum Meere herabreichenden 1000 bis 1200 Fuß hohen Vorberge, reich mit Gras bedeckt sind; alles sehr versprechendes Land von ganz europäischem Gepräge. In der That, es fehlen bloß Dörfer, Viehherden, Wege, und man könnte sich in die Heimat versetzt fühlen.

Auch an Wasser mangelt es nicht. In der jetzigen trockenen Jahreszeit zeigten sich die in den Schluchten herabkommenden Wasserläufe freilich nur als Bäche, aber immerhin war Wasser vorhanden, und das ist von größter Wichtigkeit. Wie schön würde sich dieses Land im Besitz von viehzüchtenden Stämmen entwickelt haben, aber die armen Papuas fanden außer dem Schwein kein zur Domestikation brauchbares Tier vor und mußten sich mit Anbau des Bodens begnügen. Bei der zweifellosen Fruchtbarkeit desselben überrascht die Spärlichkeit der Bevölkerung gerade dieses Gebietes und mag in besonderen außergewöhnlichen Ursachen ihren Grund haben. Angesichts der verfallenen und verlassenen Dörfer dachte ich an Verheerungen durch Erdbeben oder Epidemien und die in Konstantinhafen gesehenen Spuren von Pocken machen diese letztere Annahme nicht unwahrscheinlich.

Die bisher gesehenen Häuser waren ansehnlich groß, in der Bauart denen in Astrolabe-Bai ähnelnd, aber mit dem Dorfe Singor, ca. 90 Meilen ost von Port Konstantin, begegneten wir einem ganz anderen Baustile. Die schmalen Häuser, dicht aneinander gebaut, standen auf hohen Pfählen, glichen also ganz den Pfahldörfern, wie ich sie von Port Moresby her bereits kannte, nur daß sie nicht im Wasser, sondern auf dem Trockenen errichtet waren. Das größte derselben, Teliata, (Village Island der englischen Admiralitätskarte), vielleicht 20 Häuser zählend und überhaupt das größte an der ganzen Maclayküste, liegt auf einer kleinen, aus kahlem Korallfels gebildeten Insel, der ersten, die wir seit Bilibili trafen, die durch Riff mit der naheliegenden Teliata-Huk verbunden ist. Letztere (etwas über 100 Meilen ost von Port Konstantin) bildet den am meisten bemerkbaren Vorsprung, von welchem die Küste sich mehr O. S. O. wendet und wenige Meilen davon einen durchaus verschiedenen Landschaftscharakter annimmt, den der Terrassenbildung. Hinter dem mit Buschwerk, seltener einem Baumgürtel begrenzten, nicht sehr ausgedehntem Ufersaume, erhebt sich das Land in drei bis vier horizontalen, scharf abgesetzten Terrassen[34], die auf ihrem Scheitel breite Grasflächen bilden, deren oberste sanft ansteigend, allmählich mit dem Hauptstock des Küstengebirges verläuft. Das letztere ist sehr steil, dicht bewaldet, aber an seiner Basis, zuweilen weit hinauf, mit Gras bekleidet, wie die Terrassen selbst, die von zahlreichen Schluchten durchschnitten, nur längs diesen Baumpartien, oft längere bewaldete Säume zeigen. Die Höhe der Terrassen mag zwischen 800 bis 1000 Fuß betragen, sinkt aber an manchen Stellen bedeutend herab, so daß die erste Terrasse zuweilen das Meeresufer selbst bildet. Wir hatten schon einige Meilen westlich von Teliata-Huk Anfänge dieser merkwürdigen Bildung bemerkt, aber ein paar Meilen östlich davon zeigte sie sich wie mit einem Schlage in der prägnantesten Weise und setzte sich ununterbrochen über 20 Meilen weit nach Osten fort, ein Amphitheater, wie ich es nirgends in Neu Guinea, ja überhaupt der Welt zu sehen bekam.

Terrassenland mit Basiliskschlucht.

Eine Rekognoszierung dieses merkwürdigen Terrassenlandes schien schon deshalb sehr wünschenswert, um die geologische Beschaffenheit festzustellen, und so machten wir uns mit dem Notwendigsten ausgerüstet auf den Weg. Eine Sandbank nahe dem Ufer ließ auf eine Flußmündung schließen und versprach die Möglichkeit zu landen, was sonst an dieser Küste nicht immer leicht, oft ganz unmöglich ist. Wie erwartet, mündete gleich hinter der Sandbank der Fluß, auf dem unser Boot aber nur eine kurze Strecke vorwärts kam, denn bald befanden wir uns in einer Felsschlucht, in welcher der Fluß über mächtige Korallblöcke in Kaskaden herabbrauste, ein gar liebliches Rauschen, das wir lange nicht gehört hatten und welches nach dem fortwährenden Meeresbrausen gar sehr anheimelte. Dazu die malerische Umgebung. Zu beiden Seiten der Schlucht üppige Baumvegetation mit undurchdringlichen Lianen- und Unterholzdickichten und zuerst wieder Tierleben. Auf der ganzen Meerfahrt hatten sich nur einzelne Meerschwalben (Sterna Bergii) und braune Tölpel (Sula fusca) gezeigt, sonst nichts. Hier entwickelte sich ein ziemlich reiches Vogelleben; Kakadu und Edelpapageien (Eclectus) ließen sich hören, ein Seeadlerpärchen (Haliaetus leucogaster) erhob sich von dem Baume, auf dem das mächtige Nest stand, das Gurren der niedlichen Flaumfußtauben (Ptilopus) tönte aus dem Gelaube und auch an Kleingevögel fehlte es nicht. Wir füllten ein Fäßchen des herrlichen kühlen Wassers, um es dem guten Kapitän Dallmann mitzunehmen, dem zu Ehren ich den Fluß benannte, und gingen dann wieder zurück, um einen besseren Aufstieg der Terrassen aufzufinden. Vom Flusse mit seinen fast senkrechten Felswänden war dies eben nicht möglich; er bildete ein Chaos von Rollsteinen und Geschiebe, die Regengüsse mit herabgebracht hatten, und angespülte Baumstämme zeigten den beträchtlichen Hochwasserstand in der Regenzeit. Wie die Wände der Schlucht, so ließ gleich die erste, ca. 10 Fuß hohe Terrasse die geologische Beschaffenheit erkennen: dichten Korallfels! Ganz ebenso verhielt es sich mit der zweiten, an 30–40 Fuß hohen, schwieriger zu erklimmenden Terrassenstufe und soweit wir überhaupt kamen, vielleicht 400–500 Fuß.

Wie am Fuße Lager großer Austernschalen (Ostrea), so zeigten die auf den Flächen der Terrassen verstreuten Fragmente von Marinemuscheln überall den gehobenen Meeresboden, jedenfalls infolge vulkanischer Vorgänge. Derjenige, welcher diese merkwürdigen Terrassen selbst kennen lernte, wird kaum begreifen, wie Wilfred Powell hier Basaltformation und die großen Anhäufungen von Bimsstein gefunden haben will und wird auch in Bezug auf andere seiner Nachrichten[35] immer ernstere Bedenken nicht zu unterdrücken vermögen. An der korallinischen Felsbildung kann gar kein Zweifel sein. Sie unterschied sich in nichts von der, wie ich sie zur Genüge von den Atollen her kannte. Aber hier war der Fels nicht wie bei den letzteren von einer nur wenige Zoll hohen Humusschicht überzogen, sondern die Flächen der Terrassen trugen eine Bodenschicht, die bei mehr als zwei Fuß tiefen Graben kein Ende zeigte, und wie die später gemachten chemischen Untersuchungen[36] erwiesen, von ausgezeichneter Beschaffenheit ist. Dabei wurde der Boden, je höher wir kamen, um so besser und feiner und mit ihm das Gras. Letzteres erreicht im Ufervorlande fast Mannshöhe und ist von grober Beschaffenheit, eignet sich also nur für Rindvieh, während das kurze feinhalmige Gras der Terrassen trefflich für Schafe paßt. Er bildet übrigens keinen ununterbrochenen Rasenteppich, sondern steht büschelweis wie das sogenannte »Buffalogras« der Prairien, oder wie ich es am Haleakala auf der Insel Maui sah, wo Tausende von Schafen weiden. Wenn hier die unzähligen scharfkantigen Lavatrümmer das Begängnis der Schafe nicht hindern, so würden sich dieselben auch auf den Terrassen mit den vielen verwitterten Korallknollen, die dem Fußgänger zuweilen recht hinderlich sind, abzufinden wissen. Außer einer Schlingpflanze, ein paar anderen bescheidenen Blumen, und einzelnen Cycaspalmen, zeigte die Flora nichts Bemerkenswertes, aber die Ränder der Schluchten sind häufig mit Gebüsch und kleinen Baumgruppen gesäumt, welche Schafen trefflichen Schutz gegen die Mittagshitze bieten würden. Obwohl dieselbe 28° R. betrug, so war sie unter dem mildernden Einfluß einer hübschen Brise doch erträglich, aber als wir wieder in die Uferebene herab in die schwüle Luft einer Temperatur von 32° R. kamen, da war es schier zum Ersticken. Wir fanden hier einen kleinen Teich mit einem Dickicht von Schraubenbaum (Pandanus), in welchem weiße Fruchttauben (Carpophaga spilorrhoa) und bunte Sittiche (Eos fuscata) zu einem leider vergeblichen Jagdversuch reizten und somit die Hoffnung auf einen frischen Braten vereitelten. Das Jagen in den Tropen hat eben seine großen Schwierigkeiten, von denen man sich daheim schwer eine Vorstellung machen kann. Einige Wachteln (Coturnix sinensis), die unser Tritt aus dem Grase aufscheuchte, war alles Lebende, was wir auf den Terrassen erblickten. Außerdem bemerkten wir nur noch Fährten wilder Schweine, sahen uns aber vergebens nach Kängurus um, die übrigens hier nicht wohl zu erwarten waren. Sie lieben, soweit meine Erfahrungen in Neu-Guinea reichen, keine offenen Ebenen, sondern mehr kupiertes Terrain, während gewisse Arten (z. B. Dorcopsis luctuosus) nur den dichtesten Urwald bewohnen.

Nahe dem Teiche stießen wir auf einen Pfad und bemerkten später elf Eingeborene, die uns wahrscheinlich schon lange beobachtet hatten, aber keine Lust zeigten heranzukommen. Ich ließ einige kleine Geschenke zurück, um sie unserer guten Absichten zu versichern, und sie werden später wahrscheinlich ihre Zurückhaltung sehr bedauert haben.

Kanzel und Bienenkorb.

An Bord zurückgekehrt und wieder unter Dampf, wurde das Auge nicht müde, das malerische Terrassenland mit seinen braunen und grünen Stufen zu bewundern, die sich mit einer Regelmäßigkeit, wie mit der Meßkette gezogen, für Meilen und Meilen nach Ost fortsetzen. Der Reiz dieser Landschaft wird durch wild romantische Schluchten noch erhöht, unter denen sich ganz besonders eine auszeichnete, die gleich wie ein gewaltiger Messerschnitt das Gebirge trennt und offenbar durch Erdbeben hervorgebracht wurde. Diese Schlucht, von der unsere Abbildung ([S. 122]) nur eine schwache Vorstellung giebt, ist jedenfalls die »Basilisk-Gorge« von Moresby dessen Beschreibung »huge break in the mountains« auf keine Stelle der Küste besser als auf diese paßt und mit wenigen Worten das Richtige trifft. Auch Backbord (links) zeigten sich anziehende Bilder, und der Blick wandte sich oft von der packenden Küstenlandschaft ab und schweifte über das Meer hinüber nach Rook- und Lottin-Insel, die wir schon lange sichteten. Die erstere lag einigemal klar vor uns; ein mächtiger, mehrere tausend Fuß hoher Kegel mit drei Kuppen und wie das kleine Lottin erloschene Vulkane. Letztere Insel, obwohl viel niedriger als Rook, war meist in Wolken gehüllt, wie die ganze Kammlinie des Küstengebirges selbst, trotz des vollkommen klaren Himmels, eine Erscheinung, die bei allen Gebirgen dieser Breiten fast zur Regel wird. Wie spätere Besuche lehrten nimmt die Höhe des Küstengebirges von West nach Ost allmählich ab, mag aber längs dem Terrassenlande immer noch an 4000 bis 5000 Fuß betragen. Den 7700 Fuß hohen Berg Cromwell von Moresby suchten wir bei dieser wie bei späteren Gelegenheiten vergebens, nicht minder Dampiers »Cape King William«, das noch heut auf allen Karten figuriert, aber, wie schon Moresby erwähnt, nicht auszumachen und für die Folge besser ganz wegzulassen ist: es giebt an dieser Küste überhaupt kein Kap! —

Längs dem Terrassenlande sahen wir noch vier armselige Dörfer, Pfahldörfer wie das vorher beschriebene Singor, die sich durch ihre Lage auf kahlem Korallufer (das eine, Sus, auf einer kleinen Felsinsel) auszeichneten. So frei und bar von allem Sonnenschutz hatte ich noch niemals Siedelungen von Eingeborenen gesehen, und es wäre interessant gewesen, die Gründe zur Wahl dieser anscheinend so ungünstigen Lokalitäten zu erfahren. Aber die Bewohner sahen das dampfende Ungetüm stumm vorüber gleiten, und machten keinerlei Zeichen, ja erhoben sich nicht einmal. Ich erwähne dies deshalb besonders, weil dieses Betragen sehr im Widerspruch mit der sonst üblichen Gewohnheit der Eingeborenen steht, die eine so seltene Erscheinung mindestens mit lauten Rufen begrüßen. Jedenfalls besaßen aber diese Pfahlbauer keine Kanus, und auch wir mußten uns einen Besuch versagen, weil der steile, felsige Uferrand kaum zu landen erlaubt haben würde und wir überdies Eile hatten.

Festungshuk.

Ungefähr fünf Meilen ost von dem kleinen Inselpfahldorf Sus wird die Terrassenbildung undeutlicher, das Küstengebirge tritt näher ans Ufer und das Landschaftsbild erhält einen ganz anderen Charakter, der hauptsächlich in wild zerklüfteten Schluchten der Vorberge gipfelt. Den Anfang dieser wildromantischen Küste bildet die sanfte Waldbucht, wo der dichte Wald des Küstengebirges sich fast bis ans Gestade herabzieht. Über das ca. 10 Fuß hohe Steilufer, fällt hier ein kleiner Wasserfall direkt ins Meer, eine sehr kenntliche Stelle und die einzige derartige an der ganzen Küste, welche ich deshalb »Meerfall« benannte. Weiter nach Ost erregt eine besonders merkwürdig markierte Schlucht Aufmerksamkeit, deren fast senkrechten Wänden ein mehrere hundert Fuß hoher Berg vorliegt, als wäre er aus dem Gebirge herausgeschnitten ([S. 126]). Sein Gipfel ist horizontal, seine Westseite schroff bis zur Thalsohle abfallend, während die in der oberen Hälfte ebenfalls fast rechtwinkelig abgesetzte Ostseite sich an einen spitzwinkeligen Berg anlehnt und mit diesem gleichsam ein Ganzes bildet, dem ich den Namen »Kanzel« gab. Mit dieser sonderbaren Küstenmarke rivalisiert etwas weiter östlich der »Bienenkorb«, ein sehr hoher steiler, stumpfer Kegel, welcher ebenfalls aus dem Gebirge herausgeschnitten scheint. An dem letzteren bemerkt man, höher als die Spitze des Bienenkorbes, inmitten der dichten Vegetation eine senkrechte, kahle, weißliche Felswand. Die beiden soeben genannten Schluchten sind die interessantesten dieses ganzen Gebietes und ohne Mühe zu erkennen. Sie waren auch in der jetzt trockenen Jahreszeit wie die übrigen Einschnitte und Vorberge mit dichtem frisch grünem Graswuchs bekleidet, was den malerischen Effekt ungemein erhöhte. Manche dieser Schluchten sind übrigens ansehnlich breit und bilden schmale grüne Thäler, die sich vielleicht weit ins Gebirge hineinziehen mögen. Da wo die interessanten Schluchten aufhören, wird das grasige Vorland breiter und an den fast baumlosen, ebenfalls in saftiges Grün gekleideten Bergen machen sich wiederum terrassenförmige Absätze bemerkbar, die mit Festungshuk in prägnantester Weise ihren Abschluß finden. In der That bildet dasselbe den kenntlichsten Punkt an der ganzen Küste, und Moresby hätte keinen passenderen Namen als »Fortification-Point« wählen können. Die einige hundert Fuß hohe grüne Pyramide, zugleich der letzte Ausläufer des Küstengebirges, wird von mehreren horizontalen, kahlen, stufenförmigen Absätzen, Resten der Terrassenbildung, durchzogen, die frappant Fortifikationen ähneln, ja bei lebhafter Phantasie vermag man mit leichter Mühe in einigen schwarzen Felsstücken, die am Rande der Terrassen hie und da verstreut liegen, Geschütze zu erkennen. Etwas Baumgestrüpp bedeckt die kuppig abgesetzte Spitze, wie dichtester Baumwuchs die Basis des Berges umgürtet, die von 10 bis 20 Fuß hohem Steilufer gebildet wird. Eine größere kahle Stelle des letzteren mit nacktem weißlichen Korallfels ist die »white Cliff« der Karten, welche sich aber bei weitem nicht so deutlich markiert, als man erwarten durfte. Von der Westseite gesehen zeigt Festungshuk übrigens die eigentümliche Bildung, welche ihr den Namen verschaffte, bedeutend geringer. Die ungefähre Lage dieses kennbaren Küstenpunktes wird von Moresby zu 6° 20′ S., 147° 48′ O. angegeben. Er bildet übrigens kein Kap, sondern nur eine sanft vorspringende Huk (Ecke), von welcher die Küste südlich verläuft.

Mit dem Schluchtengebiet waren auch Dörfer oder Siedelungen überhaupt verschwunden, und die ganze Küste erschien menschenleer; nur gegen Festungshuk hin bemerkten wir einige Bananenplantagen, sahen uns aber vergebens nach Häusern um. Erst bei einem späteren Besuche entdeckte ich, aufmerksam gemacht durch die erwähnten gelben Bäume, die überall Begleiter der Menschen zu sein scheinen, zwei Häuser, die unter Bäumen hart am Rande einer Schlucht so versteckt standen, daß sie nur schwer zu erkennen waren. Bei meinen späteren Fahrten längs dieser Küste, welche ich noch fünfmal passierte, richtete sich daher mein ganzes Augenmerk auf Siedelungen, aber es gelang mir nur noch zwei weitere von je zwei bis drei Häusern zu erspähen. Um so ausgedehnter sind aber die Plantagen, welche sich sowohl im Ufervorland als an den Hängen der Schluchten hinziehen, und die erkennbar mit Jams und Bananen bestellt, oft mehrere Morgen groß sein mochten. Sie waren, wie immer, sorgfältig eingezäunt, zuweilen stand eine Hütte dabei. Angesichts dieser Plantagen[37] muß die Bevölkerung auch zahlreicher sein und die Siedelungen liegen vermutlich in den Schluchten, unsichtbar von der Küste aus, versteckt. Aber nennenswerte Dichtigkeit der Bevölkerung fehlt auch hier; denn mehr als ein Dutzend Eingeborene sahen wir niemals zusammen und fünfzig blieb die höchste Ziffer während eines ganzen Tages. Es wurden zweimal Buchtungen westlich von Festungshuk untersucht, schon um Ankerung zu finden, aber das steile Felsufer verhinderte das Landen. Das Steilufer schneidet hie und da etwas tiefer ein und bildet durch vorgelagerte Felsen, an denen das Meer bricht, zuweilen Buchten, welche Kanus Schutz gewähren. In solchen bemühten sich auch einigemal die Eingeborenen im Kanu abzukommen, aber hoher Seegang ermöglichte ihnen überhaupt nur in zwei Fällen die Brandung zu passieren, obwohl sie recht gute Segelboote besaßen. Die letzteren zeichneten sich durch Schnitzwerk am Seitenrande der Plattform, am Vorder- und Hintersteven und durch zierliche Malerei der Bordplanken aus. Die im allgemeinen ziemlich dunkel gefärbten Leute, waren so still[38] und bescheiden, wie ich selten Eingeborene fand, und der Tauschhandel mit ihnen ging ruhig wie noch nie. Sie brachten nur einige Betelnüsse, schlechte Bananen, aber keine Kokosnüsse, da sie solche wahrscheinlich selbst nicht besitzen, denn diese Palme ist, wie an der ganzen Küste, eine seltene Erscheinung. Neu für uns war, daß sie unter Gesang und Trommelschlag abkamen, wahrscheinlich um sich selbst Mut zu machen, wie dies später noch öfter vorkam. Auch ethnologisch boten sie neben Bekanntem, wie z. B. Kampfbrustschmuck (P. XXII. 3) mancherlei Neues, Sachen, die wir später erst in Huon-Golf kennen lernten, wie z. B. schön geschnitzte Holztrommeln (Onge), Ruder mit kunstvoll geschnitztem Griff, Zieraten und Tragbeutel, reich mit Hundezähnen ornamentiert, und dergleichen, alles Gegenstände, welche für die nahe Verwandtschaft mit den Bewohnern Finschhafens und weiter südlich sprechen. Am deutlichsten zeigten dies jene hohen Kopfbedeckungen aus rotgefärbtem Baumbast (Tapa), die für Huon-Golf so charakteristisch sind, und welche wir hier zuerst sahen. Im Tausch waren ihnen, wie stets, Hobeleisen am liebsten; aus Tabak, den sie kannten, machten sie sich so wenig als aus Spiegeln, die, obwohl neu für sie, kaum des An- resp. Hineinsehens wert schienen. Interessant war es mir, hier eine Art feines Muschelgeld aus dünngeschliffenen aufgereihten Muschelplättchen zu finden, welches ganz mit dem sogenannten »Miokogeld« in Neu-Britannien übereinstimmt. Es gelang mir mit vieler Mühe, einen alten Mann, wie die hohe Tapamütze zeigte, den Häuptling, an Bord zu locken, wo einige kleine Geschenke seine Furcht bald zerstreuten. Er getraute sich sogar in die Kajüte und gab seine stumme Verwunderung über die vielen nie gesehenen Dinge dadurch zu erkennen, daß er den Daumen der einen Hand zwischen die Zähne nahm und sich mit der anderen auf den Bauch klopfte. Die letztere Pantomime sollte übrigens keineswegs menschenfresserischen Gelüsten Ausdruck geben, wie Unkundige leicht glauben würden, denn auf der ganzen Reise habe ich nirgends nur die leisesten Anzeichen von Kannibalismus[39] beobachten können. In Bongu sah ich einmal ein paar Menschenschädel an einem Hause aufgehangen und in Gumbu wurde mir ein menschlicher Unterkiefer zum Kauf angeboten, gewiß für viele deutliche Beweise von Menschenfresserei! Aber dieser Schluß würde sehr irrig sein; denn solche Reliquien sind nicht Siegestrophäen erschlagener Feinde, sondern Andenken lieber Verstorbener, da die Pietät gegen Tote bei allen diesen Stämmen sehr groß ist. Wenn oberflächliche Beobachter an dem Fehlen sichtbarer Grabstätten sich gleich zu kühnen Schlüssen verstiegen, daß die menschenfressenden Papuas sogar ihre eigenen Toten nicht verschonen, so liegt die Sache in Wahrheit ganz anders. Man bestattet nämlich die Toten sehr oft in der Hütte, um nach ca. 10 Monaten die Knochen wieder auszugraben, ganz wie ich dies schon von Neu-Britannien her kannte. Wie man dort die Schädel als teure Andenken verwahrt, so legt man in Astrolabe-Bai besonders auf den Unterkiefer Wert, der, wie wir dies später sehen werden, nicht selten als Armband dient.

Der freundlichen Einladung des alten Häuptlings, ihn und die Seinen an Land zu besuchen, konnten wir leider nicht folgen, denn unsere Kohlen gingen zu Ende, und so mußten wir ca. 6 M. südlich von Festungshuk für diesmal Abschied von der Küste Neu-Guineas nehmen.

Wir hatten zu der ca. 140 M. langen Strecke von Port Konstantin bis hierher ca. 2½ Tag gebraucht und dabei einen Landstrich kennen gelernt, der mit zu den besten in Neu-Guinea zählt, und für Agrikultur wie Viehzucht gleich versprechend ist. Vor allem fehlt es, wie ich bereits erwähnte, nicht an Wasser. Ich zählte in der trockenen Jahreszeit allein die Mündungen von 19 Flüssen oder besser Flüßchen, die alle den Charakter von Gebirgswässern tragen, und deren es gewiß in diesem ausgesprochenen Gebirgslande viel mehr giebt. Die höher gelegenen Flächen dürften sich namentlich für Schafzucht eignen und werden voraussichtlich ein für Europäer günstiges Klima besitzen. Die Bevölkerung fanden wir allenthalben sehr spärlich, denn ich zählte im ganzen 24 meist sehr kleine z. T. verlassene Siedelungen, deren Bewohner zusammen mit 1500 Seelen hoch geschätzt sind. Das ganze Küstengebirge scheint kaum bewohnt zu sein, denn nirgends fanden wir jene Kulturflecke urbargemachten Landes, die sich sonst schon so weit hin markieren. Für Schiffahrt ist die ganze Küste rein, d. h. frei von Korallriffen, Inseln und Sandbänken, aber das Meer fällt in wenig Abstand in bedeutende Tiefen zwischen 300 bis 400 Faden ab, und was das schlimmste ist, nirgends findet sich eine geeignete Ankerung[40], geschweige denn ein Hafen. Die ganze Küste besteht aus sanften Einbuchtungen, meist Flachufer mit Waldrand, hie und da Sandstrand oder mäßigem Felssteilufer. Freilich zeigte sich überall nur schwache Brandung, aber wir befanden uns im Südostmonsun, und während des Nordwest wird dies wahrscheinlich anders sein. Glücklicherweise ist das Meer meist ruhig und frei von jenen häßlichen Böen die z. B. das Marshallmeer so ungemütlich machen. Die Verhältnisse sind daher im ganzen recht günstige und weit besser als an vielen anderen Küsten, wo trotz Ungunst sich ein reges koloniales Leben entwickelte.

In der Nacht wurde nach der schon am Tage sichtbaren Küste von Neu-Britannien hinübergedampft, die wir am andern Morgen in der Gegend von Kap Anns, der südwestlichen Spitze, erreichten. Gleich hier zeigte sich die vollständige Unzuverlässigkeit der Karten, die freilich noch von Dampier (1700) und d'Urville (1827) herrühren, welche mit ihren Segelschiffen weit von der Küste abhalten mußten und so eine Menge Kaps[41] benannten, ohne sie astronomisch festzulegen, die gar nicht existieren. Das war freilich sehr mißlich, denn gar keine Karte ist immer noch besser als eine unrichtige, aber der trefflichen Führung von Kapitän Dallmann gelang es die erste Rekognoszierungsfahrt längs dieser ca. 240 Meilen langen, unbekannten Küste bis Kap Orford glücklich durchzuführen, wozu die Samoa freilich drei Tage brauchte. Es zeigte sich dabei, daß die angeblichen Kaps meist aus vorgelagerten Inseln bestehen, die von weitem wie Vorsprünge aussehen, denn selbst Südkap vermochten wir nicht mit Sicherheit auszumachen. An Riffs war übrigens kein Mangel, und da uns leider eine Dampfbarkasse fehlte, so mußten wir manche, vielleicht praktikable Buchten ununtersucht lassen. Aber das ganze Land schien überhaupt zu wenig einladend; nichts als dicht bewaldete, steile, vulkanische Berge, mangrovereiches, dichtbewaldetes Vorland, unzählige Inseln, die mit ihren Riffs zuweilen zum Abbiegen nötigten, wenig Kokospalmen und somit auch Menschen, das sind so die Hauptzüge dieser Küste, wie ich hier nur mit wenigen Strichen skizzieren will. Die kleinen Siedelungen schienen meist auf den Inseln zu liegen, und da wir Eile hatten, konnten wir sie nicht besichtigen. Nur einmal kamen Eingeborene in Kanus ab, in einer Bucht, die zwischen Süd-Kap und Kap Roebuck der Karten liegt und die ich »Hansabucht« benannte. Ich zählte acht bis neun kleine Siedelungen in dieser Bucht, den bevölkertsten Distrikt an der ganzen Küste bis Spacious-Bai. Die Leute waren sehr scheu, und kamen erst nach und nach näher, als ich ihnen leere Flaschen mit einem daran gebundenen Streifen roten Zeuges zuwerfen ließ, wagten sich aber längsseit gekommen nicht an Bord. Anthropologisch echte Papuas zeigten sie ethnologisch die meiste Zusammengehörigkeit mit Neu-Guinea, so in ihren Schamschurzen, Kalkkalebassen, Schmuck aus Schweinezähnen, filetgestrickten Tragbeuteln, breiten Schildpattarmbändern und dergleichen. Einige trugen Kopfbinden aus einer Art Flachs, ganz wie ich solche bei Festungshuk gesehen hatte. Muschelgeld, ganz wie das Diwarra von Blanche-Bai, schien auch eine große Rolle zu spielen, und sie gaben es nur ungern her. Sie führten keinerlei Waffen mit sich und waren ruhige Leute, mit denen sich sehr gut handeln ließ, bekamen aber oft untereinander Streit. Sie besaßen einige sehr eigentümliche Sachen, darunter besonders einen hübschen Kampfbrustschmuck aus zwei Eberhauern und Muschelgeld. Ihre Kanus waren sehr roh, alles Schmuckes bar, aber zum Teil sehr lang. Das eine mochte über 40 Fuß messen und trug 16 Mann. Interessant war es mir zuerst wieder bei einigen Männern schwache Tätowierung, schmale Strichelchen über Stirn und Backen, zu sehen; bei einigen machte sich künstliche Deformation des Schädels bemerkbar. An Produkten besaßen sie außer Betelnüssen und Tabakblättern nichts, nicht einmal Kokosnüsse.

In den letzten Tagen des Oktober trafen wir glücklich wieder in Mioko ein, nicht wie es in Schiffsberichten gewöhnlich heißt »an Bord alles wohl«!, sondern sieben Mann lagen am Fieber darnieder, darunter der Schreiber dieser Zeilen, ein Andenken, das uns wahrscheinlich Friedrich-Wilhelms-Hafen mit auf den Weg gegeben hatte. Nun, war es doch nicht mein erstes Tropenfieber! Masqui!


[Fünftes Kapitel.]
Vom Mitrafels bis Finschhafen.

Massacre der »Mioko«. — Ursachen. — Ein schwarzer Kriegsgefangener. — Strafexpedition der »Hyäne«. — Ankunft der »Elisabeth«. — Aufhissen der deutschen Reichsflagge in Matupi und Mioko. — Fieberträume. — Abreise nach Neu-Guinea. — Luard-Inseln. — Fliegende Hunde. — Herkulesfluß. — Scheue Eingeborene. — Menschenleer. — Basiliskbucht. — »Bleichröder«-Fluß. — Verräter-Bai. — Spreefahrt. — Kasuarinen. — Mitrafels. — Eine verlassene Niederlassung. — Owen Stanley. — Adolphshafen. — In Huon-Golf. — Parsi-Huk. — Verkehr mit Eingeborenen. — Eine seltene Haarlocke. — Markhamfluß. — Rawlinson-Gebirge. — Kap Cretin. — Herrliches Land. — Ich entdecke einen Hafen. — Finschhafen. — Trefflich geeignet zur Niederlassung. — Ankunft der »Hyäne«. — Flaggenhissen. — Betrachtungen über die Eingeborenen. — Diebstähle. — Ist Civilisation möglich? — Freiheitstrieb unvereinbar mit derselben. — Dorf Ssuam. — Häuser. — Abumtau Gabiang. — Gräber. — Ethnologisches. — Kanus. — Kakadus. — Jagd und Tierleben. — Exkursion auf dem Bumifluß. — Eine Krokodiljagd. — Abschied von Finschhafen. — Eine Explosion. — Mohrenkönig und Krone. — Long-Insel. — Begegnung mit Eingeborenen. — Wasserhose. — Schönes Land bei Kap Raoul. — Längs der Nordküste Neu-Britanniens. — Nusa in Neu-Irland. — Friedrich Schulle. — Rückkunft nach Mioko. — Rückblicke in Betreff der Entwickelung von Finschhafen.

In dem sonst so stillen Hafen von Mioko herrschte ungewohntes Leben; das deutsche Kanonenboot »Hyäne« (Kommandant Kapt.-Lt. Langemack) und ein Hamburger Dreimastschuner lagen bei unserer Rückkehr vor Anker und wechselten mit der Samoa die üblichen Grüße durch dreimaliges Senken der Flaggen.

Das Kriegsschiff verließ uns aber sehr bald wieder, um eine jener Strafexpeditionen auszuführen, die in der letzten Zeit unsere Kriegsschiffe in diesen Gebieten so häufig beschäftigten und zu denen oft längst geschehene Vorfälle die Veranlassung sind. Auch hier war dies der Fall, denn es galt die Eingeborenen zu züchtigen, welche im vorhergehenden Jahre in Metelik, an der Südostspitze Neu-Irlands, den deutschen Schuner »Mioko« überfallen und nach Niedermetzelung der Mannschaft verbrannten. In Metelik oder Likelike-Bai hatten schon die berüchtigten Unternehmungen des Marquis des Rays bei den Eingeborenen die bösesten Erinnerungen an Weiße zurückgelassen und spätere Besuche von Werbeschiffen, die hier rekrutierten, d. h. Menschen wegführten, diese Eindrücke nur zu lebhaft wieder aufgefrischt.

Die sogenannten »nackten Wilden« sind eben Menschen wie wir, und es ist ihnen selbstredend nicht gleichgültig, wenn Familien- und Stammesangehörige, nicht immer in legaler Weise, entführt werden, die zu häufig ihre Heimat niemals wiedersehen. Die »Labourtrade«, Arbeitshandel, hat daher überall, wo sie betrieben wurde, den nachteiligsten Einfluß ausgeübt und so häufig die Veranlassung zu jenen Massacres gegeben, welche fast ausnahmslos der Blutgier und Wildheit der Eingeborenen zugeschrieben werden und für die gewöhnlich Unschuldige auf beiden Seiten zu büßen haben. Die »Mioko« war eins dieser unglücklichen Opfer der Vergeltung der Eingeborenen, die selbstverständlich alle Weiße für identisch halten und an dem ersten besten, der in ihre Hände fällt, ihre Rache für ihnen durch Weiße zugefügtes Leid zu kühlen suchen. Da kein Papua ein großer Held ist und offenen Kampf stets zu vermeiden sucht, so handelt es sich gewöhnlich um den, mit Hinterlist und Verräterei gepaarten, überlegten Mord. In Gegenden, wo Werbeschiffe ihr Wesen trieben, heißt es daher doppelt auf der Hut sein. Denn gar oft ist das freundliche Wesen der Eingeborenen nur Maske, und in den meisten Fällen gelingt der Handstreich nur infolge zu großer Sorglosigkeit. So erging es leider auch der »Mioko«. Das kleine, ca. 50 Tons große Fahrzeug, mit nur fünf Mann an Bord, war auf der Reise von Sydney nach Mioko durch Windstillen und Strömungen im St. Georgs-Kanal aufgehalten worden und hatte in Metelikhafen vorgesprochen, dessen Eingeborene sich sehr freundlich zeigten. Dabei ist jedenfalls vom Kapitän, der in jenen Gebieten durchaus Neuling war, die nötige Vorsicht außer acht gelassen worden. Als die Eingeborenen vollends merkten, daß keine Waffen an Bord waren, welche das Schiff unbegreiflicherweise erst am Bestimmungsort erhalten sollte, hatten sie leichtes Spiel. Man kann es ihnen nicht verdenken, wenn sie eine so günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen ließen. Daß dabei die Habsucht durch Plünderung des Schiffes mit befriedigt wurde, ist ebenfalls leicht erklärlich. Deshalb sind die Eingeborenen noch lange nicht jene notorischen Räuber und Mörder[42], für welche sie nach einem solchen Vorgange meist erklärt werden, da ja nach der gewöhnlichen Auffassung Raub und Mord gleichsam in ihrem Blute liegen, denn dafür sind es ja eben »Wilde«! Ein solches Urteil würde aber kein gerechtes sein! Ich kann aus meinen eigenen Erfahrungen Fälle anführen, wo Eingeborene eben so menschlich als wir handelten. So brachte im Jahre 1881 ein deutsches Schiff einen jungen Franzosen nach Matupi mit, den es bei Cap Hunter an der Südwestküste Neu-Irlands aufgenommen hatte. Der Genannte war »Soldat« der Colonie libre des Marquis des Rays gewesen, mit einem anderen Vaterlandsverteidiger desertiert und hatte bereits mehrere Wochen unter den Eingeborenen gelebt, bis ihn zufällig dieses Schiff erlöste.

Aus Furcht vor Strafe waren die Übelthäter von Metelik verzogen und zwar nach Lombom oder der kleinen Wallis-Insel bei Port Praslin, und dahin ging nun die Expedition der »Hyäne«. An Bord befand sich bereits ein Eingeborener, welcher der Teilnahme an dem Massacre der »Mioko« bezichtigt war, wohl verwahrt in Eisen. Der arme Schächer konnte einem wirklich leid thun, denn wurde er auch an Bord gut behandelt, so machten sich doch häufig Schiffsleute den Spaß, ihm durch Pantomimen des Hängens oder Erschießens sein mutmaßliches Schicksal vorauszusagen. Es war kein Wunder, wenn ihm aus Furcht Appetit wie Schlaf verging. Dabei behauptete er durchaus unschuldig zu sein und gar nicht in Lombom, sondern in Lamassa oder Coconut-Island, ca. 10 Meilen weiter nördlich, zu Haus zu gehören und bat flehentlich, ihn nach dort zu bringen, wo sich seine Behauptung durch seine Familie von selbst als richtig erweisen werde. Aber man hatte »einen Löffel« von der Mioko bei ihm gefunden, und dann — fürchtete er sich so! Kein Wunder! War der Mann doch sehr unfreiwillig in die Handschellen geraten und zwar durch die Verräterei eines schwarzen Bruders, eines Salomon-Eingeborenen, der für ein deutsches Haus an der Küste von Blanche-Bai Kopra einkaufte. Dieser Brave hatte den Arglosen zu einem freundschaftlichen Besuche bei sich eingeladen, ihn statt dessen aber gefesselt nach Mioko gebracht, Beweis, daß auch Europäer zuweilen jene Mittel billigen, welche sie bei den Eingeborenen so sehr verabscheuen. Aber das ist Südseeleben! Während sonst kaum auf das Zeugnis eines Schwarzen Wert gelegt wird, wurde es in diesem Falle als vollgültig angenommen, denn der Salomonsmann war ja wohl der einzige Belastungszeuge. Die Expedition der »Hyäne« verlief übrigens in der gewöhnlichen Weise. Trotz aller Vorsicht waren die Vögel in Lombom ausgeflogen! Pulver und Blei konnten also diesmal gespart werden, denn Streichhölzer genügten um die Häuser anzuzünden, die, im Verein mit vernichteten Kanus und Plantagen, den Eingeborenen in üblicher Weise zur Warnung dienen sollten, obwohl damit der beabsichtigte Zweck ernstlicher Schädigung nur sehr unvollkommen erreicht wird. Für Muschelgeld lassen sich leicht Kanus wieder anschaffen, und der Aufbau solcher Häuser, als wie die hiesigen, macht auch nicht sonderliche Mühe. In der That fand ich einige Zeit später die Bewohner des devastierten Dorfes ganz gemütlich an einer anderen Stelle wieder angesiedelt.

Die »Hyäne« kam viel schneller, als erwartet wurde, wieder zurück und zwar ohne Coconut-Island besucht zu haben, was jener arme Gefangene gewiß am meisten zu beklagen hatte. Denn dadurch unterblieb die ihm versprochene Untersuchung in seiner Heimat und er wurde später mit einem Arbeiter-Transportschiff nach Samoa geschickt. Dort ist er wahrscheinlich auch nicht aufgehangen worden, sondern verrichtet vermutlich noch heut Zwangsarbeit in Plantagen, wenn ihn nicht inzwischen das Heimweh, wie so manchen Kanaker hingerafft hat. Die Lamassaner werden aber dort vorsprechende Weiße wahrscheinlich nicht sonderlich höflich aufnehmen und dem Andenken des entführten Löffelmannes bei Gelegenheit ein Opfer bringen; denn das ist der Fluch der bösen That, der sich namentlich in der Südsee so anhaltend fortspinnt.

Ein besonderes Ereignis hatte übrigens die »Hyäne« so plötzlich zurückbeordert und zwar das unerwartete Eintreffen eines großen Kriegsschiffes, das wir zu unserem Erstaunen plötzlich, im Kanal Matupihafen zudampfend, erblickten. Durch die bald darauf ankommende »Hyäne« erfuhren wir, daß das Schiff S. M. gedeckte Korvette »Elisabeth« sei und begaben uns sogleich an Bord der »Hyäne« nach Matupi, um den Kommandanten Kapitän z. S. Schering zu begrüßen. Wir hörten frohe Botschaft: die deutschen Besitzungen im Archipel von Neu-Britannien sollten unter den Schutz des Reiches gestellt werden, welcher feierliche Akt am 3. November in Matupi unter den entsprechenden Ceremonien vor sich ging. Es war ein schönes Schauspiel, als 250 Mann in bewundernswerter Eile und Ordnung landeten und in dem weiten Hofe des Hernsheim'schen Etablissements Aufstellung nahmen. Kapitän Schering verlas dann auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers die kurze Proklamation, die Truppen präsentierten und unter den Klängen des »Heil dir im Siegerkranz«, dem Donner der Geschütze und einem dreimaligen Hoch auf Seine Majestät ging die Reichsflagge der deutschen Kriegsmarine in die Höhe! Am folgenden Tage wiederholte sich dieselbe Feierlichkeit in dem Etablissement der Handels- und Plantagen-Gesellschaft auf Mioko, wohin diesmal auch die verschiedenen Häuptlinge der Herzog York-Inseln eingeladen waren, denen die Bedeutung der Handlung klar gemacht wurde. »Bye and bye you kill white man, man of war kill you« (wenn du einen Weißen tötest, tötet dich das Kriegsschiff), ein Argument, das die Eingeborenen sehr wohl verstanden, wenn es ihnen auch weniger begreiflich scheinen mochte, daß sie sich fortan der eigenen Gerichtsbarkeit Weißen gegenüber gänzlich enthalten sollten. Jedenfalls hatten sie darüber ihre eigenen Ansichten und zwar auf Grund unliebsamer Erfahrungen, die ihnen lehrten, daß der schwarze Mann wohl selten Recht erhält, und konnten sich nicht gleich zu dem Glauben aufschwingen, daß dies nun mit einem Schlage anders, besser werden sollte. Natürlich versprachen sie alles, wie das Kanaker stets thun, und der Frieden schien für ewige Zeit besiegelt. Freilich mit der Handvoll Eingeborenen der Herzog-York-Insel hat es keine Not, denen ist die blutige Sühne für die Ermordung Kleinschmidts noch in gutem Gedächtnis. Aber in Neu-Britannien und Neu-Irland, da liegen die Verhältnisse ganz anders, und es wird wohl noch lange dauern, ehe die Eingeborenen sich jener Botmäßigkeit bewußt sind, welche für gute Unterthanen selbstverständlich ist. In der That wurde nicht lange nach dem Aufhissen der Kriegsflagge an der Nordküste der Gazelle-Halbinsel ein Eingeborener, der für ein deutsches Haus handelte, umgebracht, seine Vorräte geplündert. Die Kriegsmarine bekam dadurch wieder zu strafen, was durch die bekannten Vorgänge des Kanonenbootes »Albatross«, unter dem Kommando des energischen Graf von Baudissin, gründlich besorgt wurde. Aber seitdem hat sich wohl kein weißer Händler mehr in den verrufenen Gebieten von Kabakadai und Kabaira niedergelassen, wo der mächtige Häuptling Toberinge (Tuberingai) herrscht; denn wegen ein oder zwei Koprahändler kann doch nicht immer ein Kriegsschiff zur Stelle sein.

Mit dem Aufhissen der deutschen Kriegsflagge war übrigens der Grundstein zu unseren jetzigen Südsee-Kolonien gelegt und ein Akt vollzogen worden, der die lebhafteste Freude hervorrief, in der Heimat gewiß mehr als im Kreise gewisser Kolonisten.

Das neue deutsche Besitztum gefiel Kommandant Schering, wie den Herren der Elisabeth überhaupt, unendlich viel besser als dasjenige, welches sie kaum drei Monate früher (am 7. August) erworben hatten, und von wo das Kriegsschiff mit kurzem Aufenthalt in Kapstadt und Sydney direkt herkam: Angra Pequeña! »Lüderitzland«! die vielbesprochene und besungene erste deutsche Kolonie, welche den neuesten Berichten zufolge hoffentlich bald durch ihren »Goldreichtum« thatsächlich den so oft getäuschten Erwartungen entspricht. Die ersten Besucher konnten davon freilich keine Ahnung haben und Dr. Nachtigals Ausruf beim Betreten des gelobten Landes: »Oh! meine Sahara!« war jedenfalls berechtigt.

Die Erfolge der Samoa in Astrolabe-Bai machten die Anwesenheit der deutschen Kriegsschiffe zu demselben Zwecke als in Neu-Britannien und Neu-Irland auch in Neu-Guinea nötig, und auf Wunsch des Kommandanten begleitete Kapitän Dallmann dieselben als Lotse für Friedrich-Wilhelms-Hafen. Unter der Behandlung von Dr. Frerichs von der »Hyäne« hatten sich unsere Kranken soweit erholt, um wieder Dienst zu thun, und so konnten wir in der ersten Hälfte des November die zweite Reise nach Neu-Guinea antreten, um hier verabredetermaßen mit den Kriegsschiffen wieder zusammenzutreffen. Mir selbst war, schon des Fiebers wegen, am meisten daran gelegen, wieder in See zu kommen, weil ich aus Erfahrung wußte, daß Luftveränderung das beste Mittel ist, wenn auch Seeluft nicht allemal gegen das Fieber hilft, welches mir diesmal bös zugesetzt hatte. In meinen phantastischen Träumen spielte die zuletzt befahrene Küste Neu-Britanniens die Hauptrolle. Ich sah stets neue Kaps voraus, welche sich in Inseln auflösten und so rasch aufeinander folgten, daß ich nicht mehr im stande war alle aufzuzeichnen, und dies beängstigte mich außerordentlich. Ja! ja! das Fieber vermag gar wunderliche Bilder hervorzuzaubern, und ich freute mich, daß ich sie los war und die Küste diesmal in Wirklichkeit vor Augen hatte. Sie blieb, häufig durch Wolken und Regenböen verschleiert, mit ihren eintönigen Bergrücken und anscheinenden Kaps fast drei Tage lang in Sicht, denn die Samoa machte infolge von Gegenströmungen und Böen nur langsam Fortgang.

Kartenskizze
vom
HUON GOLF.

In der Frühe des vierten Tages kam Neu-Guinea, wie immer, beim Annähern von Land, in wechselnden Bildern, zum Vorschein. Zuerst zeigte sich eine mäßig hohe, blaue Bergkette, über eine dichte weiße Wolkenschicht vorragend, welche unmittelbar auf der Wasserfläche zu lagern schien, aus welcher nach und nach Inseln auftauchten. Letztere verflossen allmählich ineinander und erwiesen sich als der eigentliche, flache, dichtbewaldete Küstensaum, vor dem aber später thatsächlich kleine Inseln sichtbar wurden. Welche mochten es wohl sein? war eine Frage, die uns zunächst am lebhaftesten beschäftigte. Daß wir uns in Huon-Golf befanden wußten wir freilich, aber hier erstrecken sich eine ganze Reihe solcher kleinen Inseln längs der Küste und ohne Ortsbestimmung ließ sich die Frage eben nicht ausmachen. Glücklicherweise brachte der Mittag klaren Himmel und nach den Beobachtungen erwiesen sich die vor uns liegenden Inseln als die Luard-Gruppe von Moresby. Ich ging sogleich mit Hinrich Sechstroh, dem ersten Offizier der Samoa, welcher während der Abwesenheit von Kapitän Dallmann den Dampfer führte, im Walboot ab, um eine Untersuchung vorzunehmen. Die acht Inseln sind alle klein, dichtbewaldet und haben zum Teile eine Sohle felsigen Steilufers, welches aus einem ganz anderen Gestein als dem bisher gesehenen besteht. Es ist eine Art Konglomerat oder Breccie, aber die Korallformation ebenfalls vertreten. So lag der Strand der kleinen Insel, auf welcher wir landeten, voll von Koralltrümmern, Rollstücken von Madreporen u. s. w. Ein halb im Sande verwehtes Kanu, sowie eine Kokospalme, mit leider verkrüppelten Nüssen, deuteten an, daß früher Menschen hier verkehrt hatten; sonst bemerkten wir keine Spur von ihnen.

Aber eine andere unerwartete Erscheinung überraschte uns: Hunderte fliegender Hunde erhoben sich aus dem Gelaube der Bäume und unsere Schüsse scheuchten weitere Scharen derselben auf. Mit Ausnahme einer Lokalität auf der Karolineninsel Kuschai hatte ich in der That nie soviele fliegende Hunde beisammen gesehen. Sie schienen hier einen gesicherten Platz für die Tagesruhe gefunden zu haben, von wo aus sie bei Einbruch der Dunkelheit ihre Streifzüge unternehmen, um die Plantagen zu plündern, für die sie eine wahre Plage werden. In manchem Baume hingen mehr als zwanzig dieser Tiere, in der üblichen Weise mit dem Kopfe nach unten und mit den Hinterfüßen an einem Aste festgeklammert, so daß sie bei der Dunkelheit der dichten Belaubung nicht immer leicht zu sehen waren. Die Jagd hat also gewisse Schwierigkeiten, umsomehr als die fliegenden Hunde ein sehr zähes Leben haben und angeschossen meist in den Zweigen hängen bleiben. Zur Freude unserer Schwarzen wurde aber bald eine Anzahl erlegt, denn fliegende Hunde sind bei diesen sehr beliebt und sollen auch, nach der Versicherung englischer Marineoffiziere, in der That sehr gut schmecken. Da sich die Tiere nur von Vegetabilien, am liebsten Brotfrucht und Bananen nähren, ist dies sehr erklärlich. Aber trotzdem konnte ich mich niemals entschließen, das Fleisch zu kosten, weil die Tiere einen so widerwärtigen iltisartigen Geruch haben, der selbst den präparierten Häuten noch anhaftet, durch Einlegen in Essig aber ganz verschwinden soll. Die Art ähnelt übrigens dem »Anganau« Neu-Britanniens (Pteropus melanopogon) am meisten und erreicht eine Flügelspannung von mehr als 4½ Fuß, ist also mit eins der gewaltigsten Flugsäugetiere.

Die Untersuchung der Inseln hatte übrigens keinen Ankerplatz ergeben, und einen solchen, oder besser einen Hafen, zu finden, war unsere erste Aufgabe. Freilich weist Moresbys Karte, dessen treffliche Aufnahmen damals die einzige Quelle für das Gebiet von Huon-Golf und der Nachbarschaft bildeten, nicht einmal einen solchen auf. Aber deswegen brauchte die Suche noch nicht aufgegeben zu werden, denn Moresby konnte in diesem Teile nur oberflächliche, mehr fliegende Aufnahmen machen und mußte manches übersehen.

Es wurde beschlossen, zunächst bis zum Mitrafels längs der Küste von Herkules-Bai zu gehen, die sich sehr gebirgig zeigte. Neue, am vorhergehenden Tage nicht gesehene Gebirge traten hervor, von denen sich nach und nach drei Ketten unterscheiden ließen, deren innerste und höchste an 6000 Fuß erreichen mochte, sich aber bald mit Wolken bedeckte. Schon in einer Entfernung von mehr als zehn Meilen von der Küste hatte uns wiederholt trübgefärbtes, ganz wie Riff aussehendes Wasser, zum Stoppen und Loten veranlaßt, wobei sich indes zeigte, daß dasselbe nur von Süßwasser herrühren konnte. Dafür sprachen auch die häufigen, in der Nacht übrigens nicht ungefährlichen, Treibholzstämme, welche sich mehrten, je mehr wir uns der Küste näherten. Daß also ein Fluß und zwar ein größerer irgendwo in der Nähe münden mußte, daran war kein Zweifel. Wirklich fanden wir ihn bald darauf ca. 5 Meilen Südost von den Luard-Inseln, leider aber durch eine Barre gesperrt, über die es mächtig brandete. Als wir uns bei einer späteren Gelegenheit dieser Flußmündung bis auf eine halbe Seemeile näherten, ließ sich selbst hier noch kein Grund zum Ankern finden, so daß die Barre jedenfalls außerordentlich steil in die Tiefe abfällt. Die Breite des Flusses mochte 100 bis 150 Schritt betragen; seine Ufer waren, wie die Abbildung zeigt, von dichtem Urwald eingerahmt, die Strömung sehr ansehnlich. Innerhalb der Barre schien das Wasser ganz ruhig, aber durch Treibholzstämme unklar, so daß der Fluß wohl nur für Boote praktikabel sein dürfte. Er wurde Herkulesfluß genannt, nach der Bai, welche Kapitän Moresby nicht nach dem mythologischen Helden, sondern nach Sir Herkules Robinson, S. C. M. G., so benannte.

Herkulesfluß.

Am linken Ufer des Herkulesflusses standen ca. ein Dutzend Kokospalmen, die ersten welche wir, seit der einzigen auf der Insel der fliegenden Hunde, an dieser Küste sahen. Das ließ auf Menschen schließen, und wirklich zeigten sich bald Eingeborene, deren Zahl nach und nach Hundert und mehr betragen mochte. Sie liefen anscheinend in großer Aufregung hin und her, und es dauerte lange, ehe zwei Kanus abkamen mit ca. einem Dutzend beherzter Männer. Sie trugen sonderbaren Ausputz von Kasuarfedern, Ovulamuscheln, Arm- und Kniebänder, um den Leib Rotangstreifen, führten aber keinerlei Waffen mit sich. Leider waren sie so furchtsam, daß sie sich nicht bis an den Dampfer heranwagten, sondern plötzlich Reißaus nahmen und selbst die roten an Flaschen gebundenen Zeugstreifen, welche ich ihnen zuwerfen ließ, nicht beachteten. Dies sonderbare Benehmen hatte sicherlich nicht in früheren Besuchen von Arbeiterschiffen seinen Grund, wie dies sonst meist der Fall ist, sondern die Leutchen mochten überhaupt noch kein Schiff und Weiße gesehen haben, da sie allem Anschein nach nicht an der Küste, sondern weiter im Inneren zu Haus gehörten. Dafür sprachen die Form der schlechten Kanus und Paddel, die nur für Flußfahrten tauglich schienen, sowie die Armseligkeit der schuppenartigen Hütten am Ufer, die nur einem vorübergehenden Aufenthalt dienen mochten. Diese Ansicht wurde ziemlich zur Gewißheit, als wir ein paar Tage später den Platz wieder besuchten und zu unserem Erstaunen denselben völlig verlassen fanden; nur unsere Stimmen machten den Urwald widerhallen! So entging mir leider die Bekanntschaft dieser gewiß interessanten Eingeborenen; wiederum ein Beweis, daß ein Reisender jede Gelegenheit benutzen soll. Aber bei unserem ersten Besuche konnten wir uns aus Rücksicht für die Weiterreise nicht lange aufhalten und damals natürlich nicht voraussehen, das Nest später leer zu finden. Jedenfalls wohnen diese Eingeborenen weiter aufwärts am Flusse und kommen nur gelegentlich der Fischerei wegen bis ans Meer. In der That fanden wir die Küste von Herkules-Bai bis zum Mitrafels total unbewohnt, selbst solche Lokalitäten wie Kriegsgesang-Huk (Warsong-Point) und Verräter-Bai (Traitors-Bay), wo der »Basilisk« vor zehn Jahren noch zahlreich bevölkerte Dörfer angetroffen hatte. Die herausfordernde Haltung der Eingeborenen, welche Moresby damals zwang auf dieselben zu schießen, war die Veranlassung des odiösen Namens, zu dem übrigens bemerkt sein mag, daß niemand zu Schaden kam, und daß ein einziger Schuß die Krieger in wilde Flucht jagte. Wie ein zweiter Besuch dieses Gebietes lehrte, ist die von Moresby beschriebene Verräter-Bai, in welcher der Basilisk ein paar Tage verweilte, um Feuerholz zu schlagen, wohl nicht identisch mit der großen, gleichnamigen der Karten, sondern nur eine sanfte Buchtung wenige Meilen westlich vom Clydefluß. Sie verdient einen eigenen Namen und mag als »Basilisk-Bucht« unterschieden werden. Die südöstliche flache Huk ist Ambush-Point von Moresby und 5½ Meilen W. bei N. von Kap Ward-Hunt. Wir lagen hier im April des folgenden Jahres (1885) mit der Samoa zu Anker, an einer Stelle, die ganz mit Moresbys Beschreibung übereinstimmt. Ich machte von hier eine Bootexkursion, die ich gleich an dieser Stelle mit einfügen will. Wie der Clyde östlich von Basilisk-Bucht, so mündet ein ähnlicher durch eine Barre versperrter Fluß westlich von derselben, den ich »Bleichröder« benannte. Beide Flüsse sind übrigens möglicherweise nur Arme eines weit größeren, in der eigentlichen Verräter-Bai mündenden Flusses, den ich »Spree« benannte, denn dieses ganze Mündungsgebiet scheint ein Delta zu sein. Das niedrige Land hat ein sumpfiges Ansehen und ist vegetativ durch vorherrschende Bestände von Kasuarinen ausgezeichnet, welche meist den unmittelbaren Ufersaum bilden. Dieser durch seine schwarzgrüne Belaubung am meisten an Nadelholz, zumal an unsere Lärchen, erinnernde Baum, wird für dieses Gebiet besonders charakteristisch und scheint in sumpfigem Terrain heimisch. Die Bäume selbst standen übrigens keineswegs dicht, waren nicht sehr hoch und hatten ein kränkliches Aussehen, wahrscheinlich infolge der Lianen, welche die meisten Bäume bedeckten und sie nach und nach töten. Je tiefer wir in die Bai hineinkamen, die an fünf Meilen breit sein mag, um so großartiger gestaltete sich das Vegetations- und Landschaftsbild. Eine breite Barre, auf der mächtige Treibholzstämme die Untiefen, gleich Schiffahrtszeichen, markierten, versperrte den größten Teil des Mündungsgebietes und ließ nur einzelne für Boote passierbare Kanäle frei. Wir gingen den östlichsten, hart am rechten Flußufer laufenden hinauf, der für sich selbst einem kleinen Fluß glich und wenigstens im Anfange eine beträchtlich starke Strömung zeigte. Gewaltige Laubbäume, die oft so dicht mit großblättrigen Schlingpflanzen bedeckt waren, daß sie förmliche Waldkulissen darstellten, untermischt mit einer nicht sehr hohen schlankstämmigen Palme, einer Cycasart ähnlich, bildeten den Hauptteil der üppigen Urwaldsvegetation. Selbstverständlich fehlte es nicht an der im Wasser wachsenden Nipapalme, die mit ihren gewaltigen Wedeln und kolossalen Früchten sich oft zu großen, boskettartigen, grotesken Gruppen vereinte, während anscheinend grüne Wiesenufersäume oder Inseln sich bei näherer Untersuchung als eine acht bis zehn Fuß hohe, das Wasser ca. zwei Fuß überragende, Grasart erwiesen. Der zwischen 30 bis 50 Fuß breite Flußarm breitete sich zuweilen zu weiten, teichartigen Wasserbecken aus, in welche verschiedene Kanäle mündeten, und es war bei der allmählichen Strömungsabnahme nicht leicht in der Hauptader zu bleiben. Der Gedanke, in vorher nie betretene Gebiete einzudringen, erzeugt selbst bei Erfahrenen ein seltsames, prickelndes Gefühl, das sich beim Befahren eines neuen Flusses noch bedeutend erhöht.

Bei jeder Biegung hofft man auf etwas Neues, erschaut aber fast ausnahmslos dieselbe Einförmigkeit, denn beinahe alle solche, durch urwaldbedeckte Ebenen, fließenden Wässer zeigen denselben Charakter. Wie sehr schien nicht gerade dieses Flußgebiet zum Aufenthalt von Krokodilen geeignet; aber auch hier blieb mein sehnlichster Jägerwunsch, ein solches Ungetüm zu erlegen, unerfüllt. Lautlos glitt unser Boot über den Wasserspiegel, auf dem sich nicht einmal Reiher, Purpurhühner oder anderes hier zu erwartendes Geflügel zeigte. Wie gewöhnlich blieb es bei Papageien, Tauben, Glanzstaren und Raben, welche den Uferwald, übrigens auch unerreichbar für unsere Gewehre, belebten, mich aber nicht reizten, denn alles waren bekannte Arten. Auf Paradiesvögel darf man im Flachland kaum rechnen, da sie den Bergen angehören. Weiterhin schienen solche das Delta zu begrenzen, und hier wohnen jedenfalls auch die Menschen, von welchen wir am Fluß auch nicht eine Spur bemerkten, denn mit dem Glase sah man an den Bergen deutlich Kokospalmen, und wo diese, sind auch Menschen.

Leider konnten wir nicht bis zu ihnen vordringen und mußten uns mit dieser flüchtigen Rekognoszierung begnügen, zu der in ausgedehnterer Weise eine Dampfbarkasse nötig gewesen wäre. Jedenfalls ist dieser Fluß, von dem wir nur einen unbedeutenden Nebenarm kennen lernten, recht ansehnlich. Eine genauere Erforschung desselben dürfte sich sehr nützlich erweisen und vielleicht für kleine Fahrzeuge eine Wasserstraße ergeben.

Als wir mit Einbruch der Dunkelheit an Bord zurückkehrten, bereiteten uns abermals fliegende Hunde, aber einer anderen Art als der auf der Insel gesehenen angehörend, ein seltenes Schauspiel, das namentlich für den Zoologen interessant und neu war. In großer Anzahl umschwärmten sie das Schiff und schossen zuweilen aus der Luft bis zur Wasserfläche herab, wie Seeschwalben die nach Fischen stoßen. Fliegende Hunde (Pteropen), welche fischen? Davon ist wohl noch nie berichtet worden, und ich will die Gewähr dafür auch nicht übernehmen. Denn jedenfalls hatte das auffallende Gebaren der Tiere nichts mit Fischen zu thun. Es gelang uns leider nicht ein Exemplar zu erbeuten, um durch Untersuchung des Magens die Sache aufzuklären. Vermutlich nippten die Tiere nur Seewasser, um zu trinken.

Doch kehren wir wieder zu unserer Reise auf die Samoa zurück, welche sich dem südöstlichen Endziele, dem Mitrafels nähert. Er ähnelt von weitem einem Pfeiler und besteht aus einem isoliert aus dem Meere aufsteigenden, etwa 40–50 Fuß hohen, kegelförmigen Felsen, der auf dem Scheitel mit grünem Buschwerk bewachsen ist. Riff verbindet ihn mit der etwa eine Meile entfernten Küste, dem Kap Ward-Hunt[43] Moresbys. Es wird von einem etliche hundert Fuß hohen Bergrücken gebildet, der steil bis zum Meere abfällt, und dessen dichte Bewaldung sich durch den Mangel von Kasuarinen auszeichnet. Sehr nahe der Küste steht ein zweiter, weit niedriger Felsenpfeiler, gleichsam als Wächter des großen. Es giebt wohl kaum einen so charakteristischen, leicht zu erkennenden Punkt als Mitrafels, der wie eine natürliche Bake weithin sichtbar ist. Die Kommission, welche später die deutsch-englischen Grenzen feststellte, hätte keinen besseren Markstein wählen können, dessen Wichtigkeit als solcher mir schon bei diesem ersten Besuche klar war. Mitrafels bezeichnet übrigens mit ziemlicher Genauigkeit den 8. Grad südlicher Breite, ist also auch deswegen interessant. Was wir westlich vom Grenzfelsen sahen erschien nicht sehr verlockend, soweit das Auge reicht steil abfallende, bewaldete Bergketten, und wie wir später sehen werden, hat Deutschland jedenfalls den besseren Teil erwählt. Das Deltagebiet zwischen Clyde und Spree scheint gutes Land, aber ziemlich sumpfig zu sein, obwohl sich darüber nach einem flüchtigen Besuche nicht entfernt entscheiden läßt.

Mitrafels aus Nordwest.

Ich landete diesmal in der Nähe von Alligator-Point Moresbys, an einer Stelle, wo anscheinend verlassene Hütten die Neugier besonders rege machten; vielleicht konnten wir dennoch Eingeborene hier antreffen! Heftige Dünung erschwerte das Landen und nötigte das Boot wieder vom Ufer abzuhalten, welches wir nur zu zweien, von einem schwarzen Jungen begleitet, durchstreiften. Ängstlich prüfte das scharfe Auge des letzteren den schwarzen Ufersand nach Menschenspuren, aber nirgend zeigte sich ein Fußtritt, und nur Eidechsen und Krabben hatten ihre bekannten Schlängelspuren zurückgelassen. Die etwa neun Hütten ähnelten in der Form ganz den am Herkulesflusse gesehenen und waren nichts als rohe, mit Blättern der Nipapalme bedeckte Stangengerüste, 10 bis 30 Fuß lang und etwa mannshoch. Niedrige Bänke aus gespaltenen Stangen deuteten an, daß diese Hütten als Schlafstätten benutzt worden waren; sonst fand sich nichts bei denselben als ein paar verkohlte Holzstücke und Fetzen alter Kokosnußfaser. Da diese Palme selbst an dieser ganzen Küste nicht vorkommt, so sprachen diese Reste nur zu deutlich von gelegentlichen Besuchen der Inlandsbewohner, wie ich dies schon im Vorhergehenden erwähnte. Aber wo mochten die Menschen, welche Moresby vor 10 Jahren noch so zahlreich hier antraf, hingekommen sein, und von deren Dörfern wir selbst keine Spur mehr entdeckten? Schon das Fehlen von Kokospalmen schien diese Frage zu beantworten, noch mehr der Charakter des uns vorliegenden Landes, das eben nicht sehr versprechend aussah. Das was uns von weitem als Gras erschien, erwies sich als dichtes, auf dem Sande hinkriechendes Windengeranke, der Uferwaldsaum als sehr schmal, und hinter ihm dehnte sich sumpfiges, reichlich mit Nipapalmen und anderen Bäumen bestandenes Land aus, das zu betreten durchaus nutzlos gewesen wäre.

Wiederum hatten wir auf unserer Reise nordwestwärts imposante Gebirgsbilder, mit grellen Tinten in Schwarz, Violettschwarz, Dunkelblau und zartem Grün vor uns, ja eine frühe Morgenstunde zeigte uns einmal in der Gegend von Traitors-Bay, fern, fern in Südwest ein Hochgebirge, das wohl kein anderes als die Owen-Stanleykette sein konnte. Trotz der Entfernung von etlichen 60 Meilen in der Luftlinie scheint bei der bedeutenden Höhe von über 13000 Fuß eine solche Annahme wohl möglich. Ich kannte zwar den Owen-Stanley von der Südostküste her sehr gut, aber wer vermöchte aus so großer Entfernung ein Gebirge wiederzuerkennen?

Adolphshafen mit Ottilienberg.

Wir hatten die Luard-Inseln wieder erreicht und versuchten es nochmals wenigstens einen Ankerplatz zu finden, und wurden diesmal durch die Entdeckung eines hübschen Hafens belohnt, (18. November 1884). Er bildet ein geräumiges, länglich rundes Becken mit gutem Ankergrund von 10 bis 20 Faden Tiefe, das rings von steilen bewaldeten Bergen umschlossen wird. Unter diesen zeichnet sich, wie die Skizze unten zeigt, besonders eine ca. 1000 bis 1200 Fuß hohe, pyramidenförmige Kuppe aus, welche W. S. W. die Einfahrt giebt. Ich benannte sie »Ottilienberg« nach Frau von, den Hafen selbst »Adolphshafen«, nach Herrn von Hansemann in Berlin, der bekanntlich die Samoa-Expedition ins Leben rief. Nach den Ortsbestimmungen Sechstrohs liegt Adolphshafen unter 7° 44′ Süd und 147° 44′ Ost. Wie sich schon die Einfahrt durch schmutzig gefärbtes Süßwasser auszeichnet, so der Hafen selbst, eine Eigentümlichkeit, die zur Reinigung eiserner Schiffe wichtig werden kann. Im übrigen ist die Umgebung des Hafens für Ansiedelung wenig versprechend. Das Vorland des westlichen Ufers erwies sich als sumpfiges, mit Pandanus, Kasuarinen, Ried und Binsen bestandenes Terrain, die zum Teil stagnierende Mündung eines Flusses, dessen Hauptarm nördlich von einer Landzunge herauszukommen schien. Auf der letzteren zeigten sich plötzlich etliche Eingeborene, von denen wir im Hafen selbst keine andere Spur als ein paar verfallene Gerüste gefunden hatten. Es waren sieben, anscheinend total nackte Männer, die gewaltige Schilde und Speere mit sich führten, uns aber durch Winken mit grünen Zweigen ans Land einluden. Das ging nun leider nicht, da um die Spitze der Landzunge eine gewaltige Strömung schoß und der einbrechende Abend uns zur Rückkehr an Bord nötigte, wo wir noch eben vor Eintritt der Dunkelheit eintrafen. Auf diese Weise profitierten leider die Entdecker des neuen Hafens selbst nicht einmal die Nachtruhe in demselben, sondern mußten wie gewöhnlich von der Küste abhalten, um sich recht gründlich durchschütteln und durchrütteln zu lassen, Eigenschaften, welche die kleine Samoa in schadenfroher Weise gerade diese Nacht mehr als je zum Ausdruck brachte.

Mit den Luard-Inseln beginnt jene tiefeinschneidende westliche Einbuchtung der Küste, welche 1793 von d'Entrecasteaux, nach seinem berühmten Landsmann Huon Kermadec, »Huon-Golf« benannt wurde, in welcher aber erst Moresby einige Punkte bestimmte und benannte. Er hielt sich hauptsächlich drei Tage lang in einer von ihm »Death-Adder-Bay«[44] benannten Bucht (7° 29′ S., 147° 25′ O.) auf, um Feuerholz zu schlagen, und schloß damit seine unvergleichlich wichtigen, für Neu-Guinea epochemachenden Küstenaufnahmen. Wir konnten denselben kaum etwas hinzufügen, denn böiges Wetter und trübgrün gefärbtes Wasser ließ es Steuermann Sechstroh rätlich erscheinen, außerhalb jener Reihe von Inselgruppen zu halten, welche sich von den Luard-Inseln bis Solitary-Island, in einem Abstande von drei bis sechs Meilen, über 40 Meilen parallel mit der Küste hinziehen. Sie sind alle klein, hügelig, dichtbewaldet, manche nur mit Buschwerk begrünte Felsen, und scheinen alle unbewohnt. Nur bei Saddel-Island (»Longuerue« von d'Entrecasteaux), der größten dieser Inseln, zwei ein halb Meilen lang und ca. 700 Fuß hoch, versuchten uns vergeblich ein paar Segelkanus einzuholen, und auf Solitary-Island bemerkte ich Kokospalmen, so daß vermutlich hier Menschen wohnen. Soweit wir die Küste zu sehen bekamen, besteht dieselbe aus steilabfallenden, dichtbewaldeten Bergen mit wenig Vorland, hie und da scheinen Buchten[45] einzuschneiden. Wie gern hätte ich dieselben untersucht! Aber Steuermann Sechstroh, auf dem die Verantwortung der Schiffsführung doppelt lastete, wollte von dem Insellabyrinth um so weniger etwas wissen, als sich nicht selten Brandung zeigte. Und unter unseren Verhältnissen war Vorsicht jedenfalls besonders geboten. Mit Solitary-Island hatten wir uns der Küste wieder genähert und bald Rawlins-Point von Moresby vor uns, wo eine schöne Bucht einschneidet, die ich Ki-Bucht benannte. Dieselbe wird nördlich von einer langgestreckten, bergigen, bewaldeten Insel begrenzt, die, wie wir später bemerkten, aber durch einen schmalen, dichtbewaldeten Streifen niedrigen Landes mit der Küste zusammenhängt und somit eine Landzunge bildet. Es ist Parsi-Point, von Moresby nach der eigentümlichen Kopfbedeckung der hiesigen Eingeborenen benannt, welche an die hohen Mützen der Parsis oder Feueranbeter erinnert, und welche die Abbildung veranschaulicht.

Mann von Parsi-Point.

Schon von weitem hatten wir an den Bergen Kulturflecke, d. h. Stellen urbar gemachten Landes, am Ufer endlich wieder einmal Kokospalmen bemerkt, und bald umringten uns die Eingeborenen selbst in zahlreichen, zum Teil mit Segeln versehenen, Kanus (Atlas VIII 6). Es waren nicht sehr dunkle Leute, von weniger negerartigem Typus als z. B. Neu-Britannier oder Salomons-Insulaner, die sich sehr manierlich betrugen, aber schon wegen ihrer geringen Bekleidung (vergl. Atlas XVI 4, 5) keinen guten Eindruck machten. Sie kamen singend und handelten singend, wahrscheinlich um sich Mut zu machen, denn viele zitterten vor Angst. Freilich mochten wohl die wenigsten je einen Weißen gesehen haben, denn keiner verstand nur ein Wort Englisch oder besaß irgend etwas von europäischem Tande. Aber Eisen schienen sie zu kennen, und als ich Hobeleisen zum Vorschein brachte, da erschallte einstimmiges Freudengeschrei, und »Ki, ki« (Eisen) war die Losung. Für die geringste Kleinigkeit verlangte man jetzt nur Eisen. Die braven sogenannten »Wilden« sind in der Regel sehr praktisch und im Handel nicht minder gewandt; auch bei ihnen gilt das Prinzip viel für wenig zu erhalten.

Die Parsen hatten übrigens allerlei hübsche Sächelchen, darunter oben anstehend breite Armbänder von Schildpatt mit zierlich eingravierten, sehr eleganten Mustern, wie ich dieselben schon ([S. 90]) von Astrolabe-Bai erwähnte, hübsche mit Muscheln besetzte Armbänder, Brustschmucke von Flechtwerk, zum Teil reich mit Hundezähnen verziert, und eigentümliche Schildpattohrringe (Atlas XVII. 5, 6). Von besonderer Kunstfertigkeit zeugten auch die in bunten Mustern filetgestrickten Tragbeutel (vergl. Atlas X. 3), wie Holzschnitzerei bei ihnen auf einer hohen Stufe steht. So z. B. die Verzierungen an den stattlichen, seetüchtigen Kanus, deren Seitenborde zuweilen buntbemalt waren (Atlas VII. 9). Die feingeschnitzten »Kopfkissen«, welche freilich wenig mit den unseren zu thun haben, verdienen ebenfalls besondere Beachtung. Sie bestehen nämlich nur aus einem soliden Stück Holz, das beim Schlafen als Stütze dient (vergl. Atlas III, 1), und sich in ähnlicher Weise bei vielen Völkern, z. B. auch in Afrika und China wiederfindet. Wie die zahlreichen, sehr gut gearbeiteten Fischhaken, die übrigens ganz mit solchen von Astrolabe-Bai übereinstimmen, und Netze zeigten, scheinen diese Eingeborenen tüchtige Fischer zu sein. Sie brachten aber auch etwas grünen Blättertabak, Bananen, wenige Kokosnüsse und boten mir als Freundschaftszeichen einen Hund an, den ich aber dankend ablehnte. Ich kannte die nächtlichen Heulkonzerte dieser lieben Tiere eben zur Genüge, um die ohnehin knapp bemessene Nachtruhe nicht noch durch einen solchen Störenfried schmälern zu lassen. Und bei allem Verlangen nach frischem Fleisch konnte mich doch Hundebraten, zu welchem Zweck das Geschenk bestimmt war, nicht reizen. — Merkwürdigerweise führten die Leute keinerlei Waffen mit sich.

Häuptlings-Haar.

Übrigens trugen nur die wenigsten die sonderbaren Parsenmützen aus Tapa (geschlagenem Baumbast), sondern die meisten das Haar unbedeckt, in allen möglichen Stadien der Entwickelung, von ganz kurz geschorenem, bis zu dem gewaltigen Zottellockenkopfe meiner Skizze. Derartiges Haar hatte ich noch nie bei Papuas gesehen! Es hing in 18 Zoll langen, bleistiftdicken, dichtverfilzten Strähnen, wie ungezupftes Roßhaar, bis zur Brustmitte herab, und die wenigen Träger solcher Haarmassen schienen große Leute, Häuptlinge, zu sein, wie ich dies noch öfters in Neu-Guinea bemerkte. Was war erklärlicher als der Wunsch ein paar dieser Locken des hehren Hauptes zu besitzen! Der Eigentümer hatte meine Pantomime richtig begriffen und trennte, noch ehe ich ihm eine Schere reichen konnte, mit eigener Hand einige seiner Staatslocken mit einem Steinbeil ab, das ich sogleich dazu kaufte. Im Museum für Völkerkunde zu Berlin sind diese Schätze jetzt zu sehen, für solche, die sich etwa dafür interessieren sollten.

Wie die Ki-Bucht[46] südlich, so begrenzt die Ungimé-Bucht nördlich die Parsi-Landzunge; aber wir konnten von beiden nur Einblicke gewinnen, denn zu einer Untersuchung fehlte uns die Zeit, und es drängte uns vor allen den Nordrand von Huon-Golf zu erreichen. Und daran war Moresby schuld, welcher diese Gegend, allerdings nur mit wenigen Worten, als gut bevölkert, reich an Palmen und Wasserläufen beschreibt. Wir fanden von all dem so gut wie nichts und unsere Erwartungen gar sehr enttäuscht. Der Charakter der Küste bleibt sich im großen und ganzen gleich: Berge und Gebirge, von der Sohle bis zum Gipfel dichtbewaldet, wie das Vorland, welches durch Zurücktreten der Berge zuweilen sich ansehnlich weit ausbreitet. In diesem Vorlande oder der Thalsohle bemerkt man gewöhnlich auch einen oder mehrere Flußläufe; es fehlt also nicht an Wasser. Allein alle diese Flüsse scheinen reißende Gebirgswässer, und ihre Mündung ist meist durch Barren oder andere Hindernisse versperrt. So wurde eine Meile von der Mündung des von Moresby »Markham« benannten Flusses viereinhalb bis fünf Faden Tiefe gefunden, wogegen an anderen Stellen der Dampfer oft so nahe dem Ufer ging, daß man fast Zweige von den Bäumen pflücken konnte, ohne daß Ankergrund zu finden war. Das Rawlinson-Gebirge[47] am Nordrande des Golfes ist übrigens wenig höher als die »Kuper-Kette« längs dem westlichen Ufer und mag zwischen 3000 bis 4000 Fuß ansteigen. Wir sahen die Kammlinie übrigens, selbst beim hellsten Sonnenschein, nur selten frei, dann aber drei hintereinander liegende Gebirgszüge, alle dichtbewaldet, wie dies fast ausnahmslos bei den Gebirgen der Fall ist. Das eintönige, dunkle Grün ermüdet durch seine Einförmigkeit sehr bald, denn vergebens forscht das Auge nach grotesken und malerischen Felspartien, steilen Schründen und Schluchten und dergleichen Abwechselung.

Wenn das Vorherrschen von Wäldern übrigens Kultivationen in Huon-Golf zu erschweren scheint, so dürfte möglicherweise diese Fülle an Holz zu verwerten sein und, sofern dasselbe Brauchbares liefert, sich vielleicht die vorhandenen Wasserkräfte zur Anlage von Sägemühlen gut verwenden lassen.

Was die Bevölkerung anbelangt, so ist dieselbe, wie wir gesehen haben, eine sehr geringe und Parsi-Landzunge scheint das Hauptcentrum nicht nur für Huon-Golf, sondern bis Mitrafels, innerhalb eines Küstengebietes von ca. 150 Meilen. Möglicherweise ist aber das Inland bevölkert. Abgesehen von einzelnen Hütten, mehrten sich die Anzeichen des Vorhandenseins von Eingeborenen, erst als wir uns im östlichen Ende des Nordrandes von Huon-Golf, False-Island, näherten. Hie und da zeigten sich kleine Gruppen, meist kränklich aussehender, Kokospalmen, zuweilen Häuser unter denselben, an den steilen Berghängen eingezäunte Plantagen. An einer Stelle kamen auch eine Menge Kanus mit Eingeborenen ab, die im Aussehen und allem was sie besaßen, ganz mit den gestern bei Parsi-Landzunge gesehenen übereinstimmten. Wie diese boten sie vorzugsweis gut gearbeitete Fischhaken (ganz mit denen auf Tafel IX des Atlas übereinstimmend) zum Kauf an, sprachen aber eine ganz andere Sprache, in welcher das Wort »Kas« wie in Port Konstantin Tabak bezeichnete. Ein Mann trug drei Ringe kleiner grüner krystallfarbener Glasperlen in der Nase, das Erste was ich auf dieser ganzen Reise an europäischen Erzeugnissen bemerkte.

Die Ostspitze von Huon-Golf bildet das von d'Entrecasteaux benannte »Kap Cretin«, ein schwierig auszumachender Punkt, indem gerade hier einige kleine, dichtbewaldete Inseln hart an der Küste liegen, von denen wahrscheinlich die südlichste das bewußte Kap ist. Aber die Bestimmungen der älteren Seefahrer sind meist sehr oberflächlich und unzuverlässig.

Mit Kap Cretin erhält die Landschaft übrigens wie mit einem Schlage ein anderes Ansehen. Statt der höheren, dichtbewaldeten Gebirge in Huon-Golf begrenzen hier niedrige, nur etliche hundert Fuß hohe Hügelreihen das Ufer, auf denen hellgrüne Hänge und Matten mit größeren und kleineren, dunkelgrünen Wäldern, Hainen und Baumpartien in der mannigfachsten Weise abwechseln. In der That eine gar liebliche und versprechende Gegend, wie wir sie bisher in Neu-Guinea nicht erschauten. Sie macht ganz den Eindruck eines verwilderten Parkes, und es fehlen nur Villen, geebnete Wege und Viehherden, um sich an die Ufer eines heimischen Sees versetzt zu fühlen, denn der Charakter der Vegetation hat gar nichts Tropisches. Nur hie und da sieht man eine kleine Gruppe Kokospalmen am Ufer, aber keine Niederlassungen dabei. Dagegen zeigen die zahlreichen und oft ausgedehnten Pflanzungen in den Bergen, daß die Gegend ziemlich gut bevölkert sein muß, wenn sich auch nur selten ein Haus erkennen läßt. Interessant war es mir, auch hier Baumhäuser, in der Art der Kohoros an der Südostküste, wahrzunehmen. Die Dörfer mögen eben versteckt in den Schluchten und Buchtungen liegen und sind von See aus nicht sichtbar. Dagegen erkennt man deutlich schon die Anfänge jener Terrassenbildung, welche westlich von Festungshuk so prägnant hervortritt, und die ich bereits eingehend beschrieb. Auch das zum Teil steile Felsufer zeigt unverkennbar die korallinische Bildung, welche ich in Huon-Golf nirgends beobachtete, wo überhaupt ganz andere geologische Verhältnisse zu herrschen scheinen.

Finschhafen aus Süd.

Gleichwie in einem Zaubermärchen eine neckische Fee die verheißene Prinzessin erst nach vielen Prüfungen erringen läßt, so erging es uns an dieser Küste bezüglich eines Hafens oder Ankerplatzes überhaupt. Denn wir alle sehnten uns nach wenigstens einer ruhigen Nacht, die wir nach anstrengender Tagesarbeit wohl bedurften. So an dreizehn Stunden, oft länger, auf Deck zu stehen, unausgesetzt durchs Fernrohr zu sehen, Notizen zu machen, und diese dann noch ins Reine zu schreiben, ist eben kein Kinderspiel. Und das Sprichwort »nach gethaner Arbeit ist gut ruhen« war der kleinen »Samoa« durchaus unbekannt, die ohnehin aufgeregt und nervös, sich von der leisesten Dünung zum wildesten Tanze verleiten ließ. Sie rollte und schlingerte eben ganz fürchterlich, zumal wenn abends Dampf abgeblasen und die Schraube außer Thätigkeit gesetzt worden war. Kein Wunder, daß selbst dem Seemann diese kontinuierliche Nachtschunkelei zuviel wurde, denn die »Samoa« machte es wirklich oft zu arg. Und dann wollten wir doch auch gern den Kriegsschiffen einen guten Hafen anbieten, da Adolphshafen zu weit ablag und uns überhaupt nicht genügend erschien. Wir hatten daher unsere ganze Hoffnung gerade auf diese Küste gesetzt, die allerdings sehr wenig aussichtsvoll schien. Hinter False-Island geht zwar eine Bucht hinein, aber sie ist zu klein und die Untersuchung der weit versprechenderen Inseln von Kap Cretin[48] konnte nicht ausgeführt werden, denn entweder fiel gerade eine Bö ein oder wir vermochten dieselben überhaupt nicht zu erreichen. Und daran war der Nordweststrom schuld, welcher sich gerade an dieser Küste, namentlich bei Festungshuk, in einer Stärke von zwei bis drei Meilen die Stunde so sehr bemerkbar macht. Er versetzte uns in der einen Nacht bis hinter Festungshuk, in der folgenden gar bis in die Nähe der Low-Islands bei Rook, 30 Meilen zu Nord von dem Punkte, an welchem wir bei Anbruch des Tages zu sein hofften. Da hatten wir freilich ein unvergleichlich prächtiges Panorama der Küste mit dem Terrassenlande vor uns, aber es dauerte immer lange, ehe dieselbe wieder erreicht wurde. So gelangten wir erst am vierten Tage an eine bestimmte Stelle, etwas Nord von Kap Cretin, wo sich eine Öffnung, oder wie der Seemann sagt, ein »Loch«, in der Küste zeigte, welche der Untersuchung wert schien. Ich hatte es schon bemerkt und skizziert, als wir diese Küste zum erstenmale passierten, aber nicht gedacht, daß es die Einfahrt zu einem später bekannten Hafen (vergl. Abbild. [S. 161]) sein würde.

(S. 162.)

Moru in Finschhafen.

Infolge der Enttäuschungen der letzten Tage war mein Zutrauen freilich gering, als ich mit Obersteuermann Sechstroh ins Boot stieg, aber kaum waren wir etwas tiefer in die weite sackartige Bucht gekommen, da tönte es häufiger hin und wieder: »Sieh! nicht übel! — tein Fam! — ganz famos! nich? — twalf Fam! — wer hätte das gedacht? — sestein Fam!« u. s. w. Vor uns lag eine Landzunge mit einem Hause ganz wie dies meine Skizze zeigt, wie wir später erfuhren Moru genannt, wo wir zunächst landeten. Aber die Eingeborenen, mit denen ich noch kurz zuvor in See gehandelt hatte, waren uns in ihren Kanus vorausgeeilt, nicht uns festlich zu empfangen, sondern um schleunigst auszureißen. Das mußte in gar großer Eile geschehen sein, denn hier stand noch ein Topf mit Essen auf dem Feuer, dort quiekte ein Ferkelchen oder knurrte ein junger Hund, da selbst diese erkorenen Lieblinge der Damen in der Eile vergessen worden waren. Wir fanden noch ein paar Häuser im Dickicht der Halbinsel, aber alles Rufen und Schreien nach ihren Insassen blieb erfolglos. Sie hatten sich rückwärts konzentriert, und zwar zu Wasser; denn hinter der Halbinsel setzte sich das äußere Hafenbassin in ein zweites schmäleres fort. So begnügte ich mich damit hie und da bei den Häusern kleine Geschenke niederzulegen, nicht wie es sonst so häufig von sammelnden Forschern geschieht, als Entgelt für mitgenommene Ethnologica, sondern nur, um den Leutchen unsere guten Absichten zu zeigen. Und dafür mußten auch die roten Bändchen sprechen, mit denen ich verschiedene der kleinen Borstentiere geschmückt hatte, was die gute Wirkung nicht verfehlte. »Wer unsere Schweinchen liebt, liebt uns« mochten die Papuas denken; und so war gleich von Anfang an das beste Einvernehmen hergestellt. Für jetzt hatten wir keine Zeit uns mit den neuen Freunden abzugeben, denn wir mußten wieder hinaus, um die »Samoa« zu holen, die noch an demselben Abend (Sonntag den 23. November 1884) in den neuen Hafen in 11½ Faden Mudd zu Anker ging.

Finschhafen.

Ich hatte denselben in meinem Tagebuch »Deutschland-Hafen« genannt, aber die Herren Kommandanten unserer Kriegsschiffe erwiesen mir die Ehre, ihn nach mir »Finschhafen« zu taufen, so daß auch mein Name[49] mit einem Punkte in Deutsch Neu-Guinea verknüpft ist.

Die beigegebene Kartenskizze nach den Aufnahmen S. M. Kanonenboot »Hyäne« (Kommandant Kapt.-Lt. Langemack) überhebt mich einer weiteren Beschreibung. Es genügt zu sagen, daß der Hafen ringsum von einem Mangrove-Waldgürtel eingefaßt wird, die Umgebung aber aus sanft ansteigenden Hügeln und Bergen bis vielleicht 1200 Fuß Höhe mit parkartigem Charakter und gutem Boden besteht, wie die Plantagen der Eingeborenen am besten zeigten. Auch an Süßwasser und zwar murmelnden Gebirgsbächen mit trefflichem Trinkwasser fehlt es nicht, so daß sich hier eine Menge günstiger Verhältnisse zur Niederlassung von Europäern in seltener Weise vereinen. Dazu gehörten auch vor allen Dingen die klimatischen Vorzüge dieses Platzes, die mir selbst bei dem kurzen Aufenthalte anderen Plätzen gegenüber sehr günstig erschienen und sich in der That seither trefflich bewährt haben. Ja, wo würde sich am besten anfangen lassen? »Die kleine Insel Madang ist jedenfalls der am meisten gesicherte und am leichtesten gegen die Angriffe der »Wilden« zu verteidigende Punkt« denkt der Neuling. »Ach was! Wilde!« antwortet der Praktiker, »mit denen wollen wir schon fertig werden! botter the natives! Oben am Berge ist es jedenfalls besser und gesunder! Und wenn die Eingeborenen auch sonst nicht viel taugen, einen Weg werden sie schon noch mit anlegen helfen, dazu ist ihnen Bandeisen noch zu verlockend. Und später wird man doch gleich Pferde herbringen müssen.« — »Pferde? Und die sollen das harte mannshohe Gras fressen?« frägt wieder der Neuling. »Natürlich! und gern dazu!« antwortet der Praktiker, welcher das treffliche Gedeihen dieser Tiere unter schlechteren Verhältnissen bei Port Moresby kennen lernte. »Freilich, das »Regierungsgebäude« wird am besten auf der Halbinsel liegen, die Arbeiterwohnungen auf der Insel — und« — so und in ähnlicher Weise gingen mir die Gedanken durch den Kopf. Hatte ich doch zunächst über Brauchbarkeit des Platzes nicht nur als Hafen, sondern überhaupt zu berichten. Und je mehr ich denselben kennen lernte, um so mehr wurde es bei mir zur Gewißheit: »hier laßt uns Hütten — und Häuser bauen«! Aber aus recht gutem Holz, damit sie nicht gleich von den weißen Ameisen gefressen werden. Denn »billig und schlecht« rächt sich in den Tropen am meisten und in jeder Weise. Freilich am Hafen als solchen fand Kapitän Dallmann später einiges auszusetzen, namentlich, daß er gegen den Nordwest völlig offen sei, aber da konnten ja gewisse Verbesserungen geschehen, und dann bot ja, schon nach unseren ersten Auslotungen, das hintere Hafenbassin für kleinere Fahrzeuge mit ca. 9 Fuß Tiefgang vollkommene Sicherheit. Dasselbe zeigte bei näherer Untersuchung südlich noch ein drittes sackartiges, kleineres Endbassin, welches, wie andere seichte Stellen des Hafens, durch ein Fischwehr der Eingeborenen abgesperrt war. Hier zeigte, bei geringer Tiefe von ein bis zwei Faden, der Meeresgrund ein reiches Tierleben: weiße, bräunliche und rötliche Korallen, zwischen deren Verästelungen herrlich saphirblaue und schwarz und weiß gestreifte Fischchen spielten, häßliche, schmutzig grüne, gelbgestreifte Seewalzen (Holothurien) ihren plumpen Körper ausstreckten und große stachlige Seeigel neben schön buntgefärbten kleinen Seesternen ein friedliches Dasein führten. In der That ein natürliches Aquarium, wie man es sich schöner nicht denken konnte, obwohl es immer noch weit hinter jenen Schilderungen überschwenglicher Beschreiber zurückblieb, die wahrscheinlich selbst lebende Korallriffe wohl nicht gesehen haben.

Den meist aus Mangrove bestehenden Uferwaldsaum fanden wir glücklicherweise überall nur schmal. Gleich hinter ihm dehnt sich schönes Land mit fettem schwarzen Boden aus. Hier liegen die Plantagen, in welchen hauptsächlich Taro, Bananen und Zuckerrohr, auch etwas Tabak gezogen wurde, und die auch hier die musterhafte Ordnung und den Fleiß der Eingeborenen bekundeten. Die Ostseite des Hafens wird, wie ich später vom Berge aus sehen konnte, von einer schmalen Halbinsel, Salankaua, gebildet, hinter der sich südlich noch eine zweite Bucht zeigte. Das flache Uferland hat übrigens nirgends bedeutende Ausdehnung, sondern steigt bald zu Hügeln an, welche aus gehobenem Korallfels oder Kalkstein überhaupt bestehen und deutlich terrassenförmige Bildung erkennen lassen. Wie im eigentlichen Terrassenlande sind auch diese Erhebungen mit schwarzer Erde und Büschelgras bedeckt, das je höher nach oben, um so feiner wird. »Ja, hier müßten Pferde, noch besser Esel oder Maultiere, trefflich leben und sich mit solchen überall leicht hinkommen lassen können! Und wie wäre es mit Zebus, den leichtfüßigen, leicht zu ernährenden Zwerg-Zebus, die ich von Ceylon her kannte? Ja, die wären noch besser und billiger; hier!« — »Hier wird nicht in Zukunftsmusik gemacht, sondern aufs Meer geschaut«, unterbrach der mich begleitende Eingeborene meine Reflexionen, nicht mit Worten, sondern Pantomimen, indem er mit der Hand aufs Meer hinauswies. Und richtig: ein kleines schwarzes Pünktchen mit Rauch; kein Zweifel, unsere Kriegsschiffe! Hurra!

Selbstredend eilten wir so schnell als möglich den Berg hinab an Bord, und bald dampfte die Samoa mit 150 Schraubendrehungen in der Minute in See, als gälte es die Konkurrenz von Bugsierdampfern zu schlagen. Die »Hyäne« kam übrigens allein, denn eine Menge Fieberfälle hatten es Kommandant Schering rätlich erscheinen lassen, Friedrich-Wilhelms-Hafen wie Neu-Guinea überhaupt möglichst rasch wieder zu verlassen und nach Mioko zurückzukehren. Von hier setzte die Elisabeth, an deren Bord sich allein etliche vierzig Kadetten befanden, die Reise nach Japan fort.

Kapt.-Lt. Langemack, der uns Kapitän Dallmann wieder mitbrachte, war natürlich über den funkelnagelneuen Hafen sehr erfreut, denn er brauchte gerade einen solchen, um Feuerholz zu schlagen, da seine Kohlen sehr auf die Neige gingen. Nun, Holz gab es ja, Gott sei Dank, in Hülle und Fülle und umsonst! Gleich auf der Halbinsel gegenüber dem Ankerplatz der »Hyäne« lagen bereits einige alte Waldriesen am Boden, die nur zersägt und zerhauen zu werden brauchten. Aber mit etlichen Kappbeilen läßt sich nicht viel schaffen, und anderes hatte S. M. Kanonenboot nicht an Bord. Glücklicherweise konnte die Samoa mit schweren amerikanischen Äxten und großen Sägen aushelfen, und bald ging es an ein fröhliches Baumfällen und Holzspalten, wobei sich »all hands«, auch die Herren Offiziere beteiligten, daß es eine Lust und Freude war.

Da hatten die biederen Eingeborenen, nachdem sie sich über den ersten Schreck des großen neuen Schiffes und die vielen weißen Menschen beruhigt, wieder etwas zu sehen und wohl noch nie eine so bewegte Zeit als diese erlebt; fast wußten sie nicht, wo zuerst anfangen. Und nun gar, als eine stattliche Abteilung Matrosen in Waffen auf der Flaggenhalbinsel, dem sonst so stillen Moru, landete und die Feierlichkeit des Aufhissens der deutschen Reichsflagge stattfand (27. November), wozu ich schon die vorgehenden Tage eingeladen hatte. »Nur ruhig, Kinder! es geschieht euch ja nichts! recht so! immer ran und hiergeblieben!« Und sie blieben, bis das Kommando zum Aufpflanzen der Seitengewehre gegeben wurde. Das konnten sie nicht vertragen und es kostete mir viele Mühe wenigstens die Beherzteren wieder zusammenzubringen, da setzte der Hornist sein Instrument an den Mund, ein »teterädä«! und weg waren meine Helden wie weggeblasen. Ja freilich, ich habe Eingeborene auch vor dem ausgespreizten Stativ mit der Camera obscura ausreißen sehen! Und die Furcht der hiesigen Eingeborenen war um so erklärlicher, da sie wohl kaum vor uns einen Weißen bei sich gesehen hatten. Wenigstens fand ich nie nur eine Glasperle bei ihnen, wie außerdem nur in dem einen erwähnten Falle in Huon-Golf. Diese Glasperlen waren jedenfalls nicht durch Labourtrader hierher gelangt, welche jene ungangbaren Sorten wohl nie führen. Denn auch in dieser Richtung herrscht bei den Eingeborenen ein sehr verschiedener Geschmack, und oftmals finden solche Sorten, welche wir für die besten und teuersten halten, bei den guten Naturkindern gar keinen Beifall.

Ja, Naturkinder! und zwar solche der besten Sorte, die noch unbeleckt von der Civilisation, ja ungewohnt des weißen Mannes, dennoch in kürzester Zeit gelernt haben, mit ihm umzugehen, zu feilschen, zu schachern, aber nicht für ihn zu arbeiten, als solche zeigten sich die Bewohner von Finschhafen damals voll und ganz. Der Verkehr mit ihnen war also nicht schwer, denn sie begriffen leicht, wo sie begreifen wollten, und wurden bald so zutraulich, daß sie uns in ihren Dörfern nach und nach das schöne Geschlecht zeigten, weil dabei doch stets einige Glasperlen (Gemgem) und andere Kleinigkeiten abfielen. Denn »Nehmen ist seliger als Geben« scheint auch dem Kanaker in der Schule des Naturmenschen die eigentliche Lebensweisheit; ein Spruch, der sich ja wie ein roter Faden durch das ganze Kanakertum der Menschheit zieht, wie das Nehmen überhaupt. »Fehlt Ihnen vielleicht eine Ölkanne?« fragte ich den Maschinisten, als ich eine solche auf dem breiten Schnabel eines längsseit liegenden Kanus stehen sah. »Nee! — ja doch! der Kerl hat sie gestohlen!« lautete die Antwort. »Gott bewahre! nur mitgenommen, vermutlich als Andenken, denn wäre dieser Sohn der Natur ein bewußter Dieb, er würde das Corpus delicti doch nicht so offen hinstellen«. Natürlich langte der freundliche Mann die Ölkanne gleich wieder herauf mit einer Miene, als wenn er sagen wollte: »Entschuldigen Sie gütigst! Ich wußte nicht, was das Ding war und erlaubte mir nur, es etwas näher ansehen«! Noch ein anderer Fall. Ich vermißte eines schönen Morgens mein Etui mit Bleistiften. Natürlich konnte es ja nur gestohlen worden sein und zwar am Abend zuvor in dem Dorfe Ssuam, wo ich unter der andächtigen Zusicht der Bewohner skizziert hatte. Als nun all die Kanus der Ssuamiten mit Anbruch des Tages versammelt waren, da sprach ich zu dem Volke: — »Ja, konnten Sie denn in den paar Tagen schon mit ihnen sprechen«? Natürlich! ich hatte bereits an 150 Wörter aufgeschrieben, und das bedeutet für eine Kanakersprache, in welcher man mit 350 bis 400 Wörtern schon einen Roman schreiben kann, immerhin etwas, und dann wo bliebe das Volapük, die Zeichensprache? Also das macht man so: man zeigt einen Bleistift und einen Finger; dann fünf Bleistifte und fünf Finger; öffnet und schließt im Geiste ein Kästchen, ganz wie es die Leute gestern gesehen hatten. Dann deutet man an, daß dieses Kästchen mit den fünf Bleistiften verschwunden sei, und sieht dabei einen recht scharf an, der wieder zurückblickt, als wollte er sagen: »Ich? nein, ich habe es nicht!« Das geht nun so die Reihe herum; Keiner hat es. Also das Kästchen muß im Dorf sein. »Er wird es irgendwo haben stehen lassen«, denken die Leute und zischeln miteinander; »sie werden sich untereinander verraten«, denke ich; und schon gehen ein paar Kanus nach dem Dorfe ab. Aber sie kommen mit leeren Händen zurück, deuten an, daß ein fremder Besucher das Ding mitgenommen haben müsse, denn bei ihnen sei es nicht, und alle scheinen sehr bestürzt über den Fall. »Heuchelei!« denke ich wieder, unter Meditationen über die Erbsünde, — da finde ich das Kästchen zufällig unter ein paar Büchern in der Kajüte, wohin es verlegt worden war. Ja, ja! Jedenfalls wissen diese Menschen recht gut, daß Stehlen immerhin unrecht ist, aber sie besitzen darin noch längst nicht das Raffinement des Weißen und lernten dasselbe erst. Denn Menschen bleiben Menschen und sind sich überall im großen und ganzen gleich. Jedenfalls haben diese Naturkinder so gut ihre Licht- und Schattenseiten, wie wir, doch merkt man von beidem weniger. Aber was diese Menschen vor allem so vorteilhaft auszeichnet ist ihre große Moral, wie ich dies bei allen noch unberührten Völkern gefunden habe. So kennen sie z. B. nichts von Trunkenheit und jenen bösen Krankheiten, welche unter anderem Cook als erstes, leider bleibendes Geschenk der Civilisation den guten Hawaiiern mitbrachte. Leidenschaftsloser als wir, sind sie auch glücklicher, das ist gar kein Zweifel, und ich muß immer über das Bedauern der civilisierten Welt lächeln, welche alle Menschen durch unsere Civilisation glücklich zu machen meint. Das geht eben nicht überall; am wenigsten können diese Naturmenschen mit einem Satze in die Civilisation, und dankbar für die Wohlthaten derselben, hineinspringen, wie man dies so häufig erwartet. Freilich den Tand des weißen Mannes nehmen sie gern, besonders das ihnen neue und so nützliche Eisen, aber das ist auch alles. Daß der weiße Mann, sofern er die Eingeborenen gut behandelt, gern gesehen ist, daß man ihm willig einen Platz zur Ansiedelung verkauft, um ihn festzuhalten, ist ja sehr erklärlich. Deshalb sind einzelne Missionäre und Händler die willkommensten und begehrtesten Fremden und werden in weit aus den meisten Fällen gut behandelt. Sie inkommodieren die Eingeborenen nicht, bringen stets etwas ein, und deshalb ist der »Schrei nach dem Evangelium« ein oft so lebhafter. Das bißchen Kirchegehen lernt sich bald, da braucht man nichts zu thun; und dazu ist der Kanaker stets bereit, denn so sehr pressiert ist er ja nie in seiner Zeit. Ganz anders verhält sich aber die Sache, wenn es sich um Arbeit handelt. Freilich, im Anfang da hilft der Eingeborene stets gern, freiwillig, fast ohne Entgelt. Es macht ihm Spaß mit neuen Werkzeugen zu hantieren, und alles arbeitet plötzlich mit einem Eifer, der leider nur zu schnell verfliegt. Bald verlangt der Eingeborene Bezahlung, wobei er auch gern auf Akkordarbeit eingeht, aber auch diese Periode geht rasch vorüber. Und warum? Hat nicht der Kanaker inzwischen an der Arbeit und dem daraus erzielten Gewinn Vergnügen gefunden, ist es ihm nicht zum Bedürfnis geworden? I Gott bewahre! Er hat eben bereits leere Bierflaschen, Glasperlen, Messer, Beile und dergleichen genug, und weiß sie selbst in dem engen Kreis seines Verkehrs nicht mehr unterzubringen, wozu sollte er mehr zusammenscharren? Fehlt es ihm doch eben an Bedürfnissen, und ehe sich nicht solche herausbilden, ist an ein Handinhandarbeiten des schwarzen und weißen Mannes in jenen Gegenden nicht zu denken. Auch das Gefühl der größeren Sicherheit unter den Fittichen des Weißen, mit seinen Schießgewehren und anderen energischen Waffen wird wohl nur in seltenen Ausnahmefällen ein Argument von Bedeutung für den Kanaker sein. Denn jede kleine Gemeinschaft derselben ist sich selbst genug, um ihr Besitztum wie die Vorfahren zu verteidigen — oder sie verändert eben den Wohnplatz. Und dann scheint ihnen so ein bißchen Kriegführen auch Spaß zu machen, ja, wie bei uns mangelt es auch ohne Zeitungen nicht an alarmierenden Nachrichten, und wie bei uns, kann es täglich losgehen. Freilich handelt es sich nicht um große Kriege, wobei Tausende ihr Leben einbüßen, wie bei uns, sondern nur um kleine Fehden, am liebsten Überfälle, wobei auf leichte Weise ein paar Menschen, ganz gleich ob Frauen oder Kinder, erschlagen werden. Denn das macht den Papua zum Mann, zum Krieger, und dieser regiert die Welt. Warum sollte es nicht auch im Kanakertum so ein bißchen Chauvinismus geben? sind die Leute doch so gut Menschen als wir, wenn es auch bei ihnen im großen und ganzen bei weitem friedlicher hergeht als bei uns. Denn auch Kanaker können nur im Frieden gedeihen oder sich wenigstens dann in einer gewissen Stärke erhalten und sind daher mehr friedliebend als kriegerisch. So leben sie, der Mehrzahl nach, ein stilles, ruhiges Völkchen, nach der Weise ihrer Väter, fleißig im Feld wie Handel, soweit es ihre Verhältnisse erheischen. Und diese bedingen wohl stets eine mäßige, unter Umständen vielleicht sogar angestrengte Thätigkeit, aber niemals das, was wir unter Arbeit verstehen. Der Kanaker, welcher noch nie einen Menschen vom frühen Morgen bis zur späten Abendstunde fast unausgesetzt arbeiten sah, wird einen solchen als Sklaven höchstens bemitleiden, — bewundern und ihm nacheifern nie! Wozu auch? Dazu ist er von seiner frühesten Jugend an viel zu sehr diejenige persönliche Freiheit gewöhnt, die ihn schon zeitig selbständig machte und auf eigenen Füßen stehen lehrte, und die für den Naturmenschen ein Gut ist, dessen Wert wir ebensowenig kennen, als er unseren rastlosen, nie ermüdenden Fleiß zu schätzen und würdigen versteht. »So wird sich also aus dem jetzigen Eingeborenen nie ein brauchbarer Mensch in unserem Sinne erziehen lassen?« Ja, wer das beantworten könnte? Erziehen vielleicht wohl, aber nur in der Jugend, und welche Zeit wird darüber hingehen! Denn selbst die redlichen und aufopfernden Arbeiten der Mission haben in jenen Gebieten nicht entfernt den Wandel geschafft, den man mit Recht gerade von diesem segensreichen Institut erwarten durfte. Darüber kann, trotz aller gegenteiligen Behauptungen, kein Zweifel[50] herrschen, am allerwenigsten bei denen, welche die Verhältnisse eingehender kennen zu lernen Gelegenheit hatten. Wirkliche Arbeiterschulen werden statt des nutzlosen sogenannten Schulunterrichtes jedenfalls besser wirken, aber auch hier stellen sich eine Menge Hindernisse entgegen, deren Erörterung mich hier zu weit führen würde.

Ja, so sehr sich auch die Eingeborenen über uns freuten und zum Bleiben aufforderten, mit ihrer alten Gemütlichkeit ging es zu Ende, sobald erst unser Nachschub dauernd hier Fuß gefaßt hatte, das war mir schon damals klar; aber das ist einmal so der Welt Lauf. Überall muß der sogenannte Naturmensch sich der Civilisation unterordnen oder derselben weichen, wenn ihm das erstere, wie dies fast ausnahmslos der Fall ist, nicht möglich ist. Deswegen braucht es noch nicht zu blutigen Kämpfen und einem Vernichtungskriege zu kommen, wenn auch kleine Reibereien stattfinden mögen, denn in diesem Lande ist noch gar viel Raum für Menschen. Wenn daher den eigentlichen Besitzern die neuen Eindringlinge unbequem zu werden anfangen, da giebt es ein einfaches Mittel, welches die Papuas Neu-Guineas gar wohl kennen und anwenden: auszuwandern! Sie gehen mit Sack und Pack, Kind und Kegel weiter inland oder in ihren Kanus nach einem anderen passenden Platze der Küste und die Sache ist zu beiderseitiger Befriedigung erledigt. Um große Völkerwanderungen handelt es sich ja dabei nicht, denn was bedeutet die ganze Bewohnerschaft eines Gebietes wie das von Finschhafen, obwohl es mit zu den besser bevölkerten in Neu-Guinea gehört.

Die unmittelbare Umgebung zeigte nur wenige kleine Siedelungen von zwei bis sechs Häusern, und die Eingeborenen wußten mir überhaupt nur etwa ein Dutzend Namen aufzuzählen, womit ihre Ortskenntnis erschöpft war. Das Hauptbevölkerungs-Centrum bildete offenbar das schon erwähnte Dorf Ssuam, außerhalb des eigentlichen Hafens am nordwestlichen Eingange der Buchtung im Dickicht des Urwaldes versteckt. Es mochte an 25 Häuser zählen, und ihre Bewohner waren jedenfalls in diesem ganzen Gebiete am dominierendsten. Aber weiter nach Nordwesten sollen noch zwei Buchtungen mit je einer Flußmündung und ansehnlichem Dorfe vorhanden sein, mit deren Bewohnern die Ssuamiten trotz der unbedeutenden Entfernung in Fehde zu leben schienen, wie dies so häufig vorkommt.

Haus mit Grab.

Haus (Rückseite).

Die Häuser sind im ganzen recht stattliche Pfahlbauten und ähneln so ziemlich denen der Motu an der Südostküste, nur daß sie durchgehends viel sorgfältiger und mit Wänden aus Brettern erbaut sind, wie dies z. B. meine Abbildung ([S. 180]) zeigt. Nicht selten sind diese Bretter mit Malerei verziert, rühren aber dann von Kanu-Seitenborden her, die so gern zu diesem Zwecke benutzt werden. Ein besonders großes Haus, welches meinem Freunde dem Häuptling Makiri in Ssuam, einem alten würdigen Greise, gehörte, stellen meine Abbildungen und zwar von der Vorder- und Rückfront ([S. 174]) dar, den Grundplan des Hauses giebt der Atlas (T. II, 3). An der Rückseite ist die nur für Papuas praktikable Stiege, aus einem mit Kerben versehenen Baumstamme, bemerkenswert, welche zum ersten Stockwerk dieses soliden und in seiner Art einzigen Bauwerkes führt. Die Seitenwände bestehen aus Mattenflechtwerk von Kokospalmblatt und lassen sich in praktischer Weise je nach dem Wetter leicht versetzen oder ganz entfernen. Eine besondere Zier im hiesigen Baustil sind die langen, vom Dachrande herabhängenden Franzen aus zerschlissener Pflanzenfaser. Schnitzereien waren übrigens an dem Hause nicht angebracht, das offenbar als Versammlungslokal der Männer, im oberen Stockwerk als Schlafraum für die jungen Leute diente. Übrigens fehlten die freistehenden Plattformen, wie ich dieselben von Port Konstantin beschrieb, und die dort Barla heißen, auch hier nicht. Auch etwas dem Telum Mul von Bongu Äquivalentes war in Ssuam vorhanden und erregte meine vollste Bewunderung. Es waren dies zwei weit übermannshohe menschliche Figuren, und mußten schon deshalb ein besonderes Interesse erregen, weil sie gleich aus den noch in der Erde wurzelnden Baumstämmen gezimmert waren, Denkmäler der Steinaxtperiode, wie ich sie weder vor noch nachher zu sehen bekam. Die beigegebenen Abbildungen werden die beste Vorstellung dieser hochinteressanten Bildhauereien geben, wobei besonders auf die trefflich gelungene Darstellung des Krokodils (Oa) auf der Rückseite ([S. 176]) aufmerksam gemacht werden muß. An der Basis der Vorderansicht ist der Kopf einer Eidechse (Monitor) deutlich kennbar. Diese beiden, übrigens so ziemlich gleichen Figuren wurden »Abumtau Gabiang« genannt und lassen, da Abumtau »Häuptling« heißt, keinen Zweifel, daß es sich hier nicht im entferntesten um Götzenbilder, sondern Ahnenfiguren handelt, wie ich dies schon bei den Telums in Konstantinhafen annahm. Freilich würde wohl jeder Missionär diese Gabiang für mächtige Idole der »Heiden« und in Verbindung mit Krokodilkultus u. s. w. gedeutet haben, und es ließe sich da in der That ein artiges Geschichtchen zusammenreimen.

Gabiang.

Gabiang (Rückseite).

Daß, wie fast bei allen Melanesiern, die Ahnen- resp. Totenverehrung auf einer hohen Stufe steht bekundeten auch die hiesigen Eingeborenen durch die Art der Gräber. Gleich neben den Bildsäulen ([S. 180]) sieht man einen viereckigen Holzrahmen, der mit weißem Sand ausgefüllt ist und eine Grabstätte bezeichnet. Vielleicht ist es die des berühmten Häuptling Gabiang, wahrscheinlich eines gewaltigen Helden, dessen Andenken das Volk der Ssuamiten durch diese bewundernswerten Denkmäler ehrte. Ein anderes Grab, in der Form eines Miniaturhauses, zeigt die Abbildung des Hauses ([S. 173]) rings von einem Zaune aus Steinen umgeben, innerhalb dem buntblättrige Ziersträucher angepflanzt waren. Jedenfalls sind Menschen, welche ihren Toten solche Pietät beweisen, keine Wilde. Aber ich habe manchem großen Kanakerbegräbnis beigewohnt und will gleich hier einfügen, daß es sich in einem solchen Falle stets um Vornehme, Reiche handelte. Mit Unbemittelten und Armen macht man, wie bei uns, nicht viel Federlesens, um sie unter die Erde zu bringen; deswegen gehen die Dorfbewohner nicht wochenlang mit geschwärztem Gesicht oder wie es sonst die Trauergebräuche der Papuas erheischen.

(S. 176.)

Im Dorfe Ssuam, Finschhafen.

Ich fand bei den Bewohnern Finschhafens so ziemlich dieselben Gegenstände, welche ich schon früher in Huon-Golf, ja selbst Astrolabe-Bai, gekauft hatte, und von denen sich viele durch außerordentlich kunstvolle Arbeit und geschmackvolle Ornamentierung auszeichneten. So u. a. ein Kampfbrustschmuck (T. XXII 6), die breiten, zum Teil durchbrochen gearbeiteten Armbänder aus gebogenem Schildpatt, Simassim, (Atl. XIX), die fein eingravierten Armringe aus Trochus niloticus, Bii, (XVIII 5, und XIX 4), die schwungvoll geschnitzten hölzernen Kopfkissen, Palim, (Taf. III 1), und länglich-ovalen, mit einer Art Metall (Graphit oder Mangan) geschwärzten Holzschüsseln, Ssu, (III 3), alles Dinge, welche außerordentlich mit den in Astrolabe-Bai üblichen übereinstimmen oder identisch sind. Besonders schön waren auch die Schnitzereien der Ruder, Holztrommeln, Ong, (XIII 4) und Doppelhaken zum Aufhängen von Gegenständen über dem Feuer oder im Hause, letztere zum Teil menschliche Figuren, Buam, (Taf. III 2), darstellend. Sehr reich sind die verschiedenen Schmuckgegenstände, zu denen neben Scheiben aus dem Spitzenteil von Conusmuscheln, besonders kleine Kaurimuscheln, Ssanem, eine Art Cypraea, und Hundezähne das hauptsächlichste Material bilden. Jabo, d. h. fast kreisrunde Eberhauer galten auch hier als der kostbarste Schmuck (vergl. Atl. XXI 2). Neu war mir eine, jedenfalls künstlich, hochgelb gefärbte Grasart, Ssemu, aus welcher elegante Armbänder, Stirn- und Leibbinden (XXIV 5), zum Teil mit Hundezähnen garniert, geflochten werden, die wenn neu, wie Goldbrokat leuchten. Als ich am 20. Dezember 1885 die hohe Ehre hatte unserem erhabenem Kaiserpaar eine Auswahl von Gegenständen der Eingeborenen Neu-Guineas zu zeigen und zu erläutern, waren die Allerhöchsten Herrschaften auf das äußerste überrascht[51]. Und in der That, diese Arbeiten sind staunenswert, und ich freue mich wenigstens einige derselben im Bilde bringen zu können.

Die Waffen sind die gewöhnlichen und im ganzen schlecht. So kleine Bogen (Talam) mit Sehne (Teko) von gespaltenem Rotang, und Pfeile (Sob), ziemlich rohe Speere (Gim) und flache lange Holzkeulen (Ssing). Aber es gab Schilde von sehr eigentümlicher Form, wie ich dieselben nur hier gesehen habe. Sie bestehen aus einem konkav gebogenem Stück Holz, so lang und breit, daß es fast einen Mann zu decken vermag, wie dies am besten aus der beigegebenen Abbildung eines Kriegers beim Scheinangriff ersichtlich ist, welche auch die eigentümliche Verzierung in bunter Malerei andeutet.

Scheinangriff.

Sehr geschickt sind auch die in bunten Mustern (Atl. X. 2), oft mit Hundezähnen garnierten, Beutel gestrickt, in welchen verschiedene Kleinigkeiten aufbewahrt werden, darunter kleine Büchschen aus Bambu mit einem graulichen Pulver (Da), — Zahnpulver! Man sieht, daß die Finschhafener bereits sogar in Toilettenkünsten entwickelt sind, wenn sie sich auch äußerlich wenig von ihren sonstigen Stammesgenossen unterscheiden und ebenso schmierig als die ganze Papuagesellschaft erscheinen. Dazu trägt hauptsächlich eine schmutzige Halsstrickelei bei, welche die meisten tragen, und der häufig sehr unzureichende Schamschurz aus Tapa (Opo), die ganz denen von Huon-Golf (Atlas XVI, 4, 5) ähneln. Tapa wird auch zu eigentümlichen Kopfbedeckungen der Männer benutzt. Der ehrenwerte Herr auf meiner Abbildung mit dem kostbaren Brustschmuck aus Hundezähnen zeigt eine solche Mütze (Opo), welche zugleich den Abumtau oder Häuptling bezeichnet. Andere Kappen von kegelförmiger Gestalt, Parung genannt, werden ganz aus Menschenhaar hergestellt und ähneln durchaus einer Derwischkappe. In der That, kein Anthropolog würde auf einem Bazar in Stambul oder Alexandrien einen Ssuamiten in solcher Kopfbedeckung für einen Papua, sondern ohne allen Anstand für einen frommen Moslem und Mekkapilger halten. Das bringt mich auf die äußere Gestalt! Und da will ich nur erwähnen, daß auch die hiesige Bevölkerung so erheblich individuell abweichend ist, wie überall in Neu-Guinea. Aber jedenfalls findet sich der negroide Typus weniger als sonst, dagegen trifft man nicht selten echt semitische Gesichter, wozu der Bart, welchen die meisten älteren Männer stehen lassen, nicht wenig beiträgt.