Heil dir im Siegerkranz!
Erzählung
von
Ossip Schubin.
Zweite Auflage.
Braunschweig.
George Westermann.
1891.
Alle Rechte vorbehalten.
Ihrer Durchlaucht
Prinzessin Heinrich XXIV. Reuß
geb. Prinzessin Reuß
in dankbarer Erinnerung an schöne Herbsttage
in Ernstbrunn
zugeeignet.
Erstes Buch.
Sie war eine alte Jungfer, das heißt eine überzählige Kreatur in der Schöpfung, ein Gegenstand des Mitleids für reife – ein Gegenstand des Gespöttes für unreife Männer, für viele von Familiensorgen überbürdete, sich zwischen unharmonischen ehelichen Zuständen hinschleppende Frauen ein Gegenstand des Neides und Anlaß zu dem Ausruf: »Ach, wer's nur auch so bequem haben könnte auf der Welt!«
Nebenbei war sie eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Kaum ein Tag verging, an welchem, mochte sie sich auch wo immer befinden, die Post ihr nicht einen Brief gebracht hätte, welcher die Worte enthielt: »Wann können wir dich erwarten, wann kommst du zu uns?« – worauf sie fast jedesmal dieselbe Antwort zurückschrieb: »Ich freu mich sehr, daß ihr mich wollt, ich werde trachten es mir einzuteilen, aber vorläufig ...« und dann folgte ohne jedwede Prahlerei, nur als bescheidene Begründung ihres Ablehnens, eine lange Liste von Besuchsverpflichtungen, welche sie bereits auf sich genommen und welchen sie nachkommen mußte, ehe sie einer neuen Einladung folgen durfte.
Kritischere und gescheitere Menschen als sie zerbrachen sich bisweilen den Kopf über den Grund ihrer beständigen Umworbenheit und über das Wesen, welches man mit ihr trieb. Vermögen hatte sie nur gerade, was sie brauchte, um niemand zur Last fallen zu müssen – für eine österreichische Oberstentochter war das zwar sehr viel, aber um auch den mißtrauischsten unter ihren Bekannten auf den Gedanken zu bringen, die große Freundlichkeit, welche ihr bewiesen wurde, irgend einer Hab- oder Erbschaftsgier beizumessen, war es lange nicht genug. In der Wirtschaft war sie ein wenig umständlich, Whist spielte sie nicht besser als der Durchschnitt unverheirateter Damen. Eigentlich verstand sie sich nur auf zwei Dinge wirklich gut, und zwar darauf: Kranke zu pflegen und Tanzmusik zu spielen; aber ersteres hatten die wenigsten Menschen zu erproben die Gelegenheit gehabt, und letzteres versteht sich eigentlich bei einer Persönlichkeit ihrer Art, die geboren ist eine Begleitung zu der Fröhlichkeit der anderen zu trommeln, von selbst.
Ihre allgemeine Beliebtheit hatte einen anderen Grund. Man hatte sie lieb, weil sie keinen Neid kannte, nicht den Schatten davon! Das sagten ihr alle ihre jungen Vertrauten, deren Glücksgeständnissen sie stets dieselbe gerührte Teilnahme entgegenbrachte, und küßten sie dafür.
Das sagten ihr ebensogut die älteren unter ihren Bekannten und bewunderten sie dafür. Sie lächelte abwehrend zu dieser Bewunderung und erwiderte immer dasselbe:
»Ich begreife euch nicht, es ist ja kein Verdienst dabei!«
Wenn man aber fragte: »Wieso kein Verdienst?« da behielt sie die Antwort für sich.
Sie kannte keinen Neid, weil ihr jedes echte große Menschenglück Mitleid einflößte, weil sie hinter jedem übermütig zum Himmel aufjauchzenden Menschenkind, hinter jedem, dessen irdische Seligkeit die von der Vorsehung gesetzten Mittelmäßigkeitsgrenzen überstieg, und das des Beneidens wert gewesen wäre, das Unglück lauern sah, seine Zeit abwartend, kalt, ruhig und siegessicher!
Das Herz zog sich ihr jedesmal im Leibe zusammen, wenn sie einen Menschen es aussprechen hörte: »Ich bin glücklich!« Sie dachte dann sofort an alles mögliche, an allerhand knapp neben ihr zerschmetterte, für immer vernichtete Glückseligkeit, am häufigsten aber an das Schicksal ihrer kleinen Lieblingscousine Kitty.
Die Geschichte datierte schon ziemlich weit zurück, so weit, daß sie die meisten, welche sie mit erlebt, nicht mehr genau wußten. Aber Anna Marie pflegte ihre Erinnerungen wie ihre Gräber, letztere vergrasten und erstere verblaßten bei ihr nie!
* * *
Im Frühling 1870 war's. Anna Marie trug gerade Trauer für einen alten Onkel, den sie fünf Jahre lang Tag und Nacht gepflegt und der ihr zum Lohn für ihre Aufopferung das schön eingelegte Tricktrackspiel vermacht hatte, über dessen grünes Tuch sie alle Abend geduldig mit ihm die Würfel hingerollt. Dieses schäbige Legat hatte alle Welt in Verwunderung gesetzt, nur nicht Anna Marie. Anna fand es rührend und weinte dem Onkel aufrichtige Thränen nach. Sie befand sich damals in Pest, wo der geizige Tricktrackonkel – er hieß Graf Silvaschy und gehörte zur besten ungarischen Aristokratie – gestorben war, als sie einen Brief von einem anderen Onkel erhielt, von einem bürgerlichen diesmal, einem Bleistiftfabrikanten, welcher mit der bereits seit Jahren verstorbenen Tante Anna Maries verheiratet gewesen war und sich jetzt nach Abwickelung seiner ziemlich matten Geschäfte in das Privatleben zurückgezogen hatte, und zwar in ein Städtchen unweit von Hanau – Lindenbergen hieß es und stand mitten in der fetten, von ergiebigen Rübenfeldern und mächtigen Obstbaumalleen reich gesegneten Wetterau.
Herr Wißmuth, so hieß der Bleistiftonkel, brauchte, wie er es unumwunden erklärte, Anna Marie notwendig. Seine älteste Tochter Bertha hatte sich bereits vor zwei Jahren verheiratet, und Kitty, die zweite, war aus der Pension heimgekehrt. Sie war noch zu jung, um ohne ältere weibliche Stütze im Hause zu bleiben. Herr Wißmuth ersuchte nun Anna Marie, für einige Zeit zu ihm zu ziehen. »Es wird vielleicht nicht allzu lang dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben, dann kann ich dich freigeben,« schloß er sein Schreiben. Er sprach von Anna Marie gerade, als ob sie ein nützliches Möbel gewesen wäre, auf das er ein Recht hatte Beschlag zu legen. Das aber war Anna Marie gewohnt. Es fiel ihr nicht weiter auf; was ihr aber auffiel, das waren die Worte: »Es wird nicht lange dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben.« Was meinte er wohl damit? Wollte er ein zweites Mal heiraten, oder schwebte etwas in der Luft für Kitty?
Sie war noch nicht mit sich einig geworden darüber, und auch nicht darüber, ob sie der in einigermaßen zum Widerspruch reizendem, befehlendem Ton gehaltenen »Einmahnung« des Herrn Wißmuth Folge leisten sollte, oder der viel liebenswürdiger ausgedrückten Einladung einer Cousine in Wien, als der Postbote ihr einen zweiten Brief brachte, einen Brief, den Anna Marie sofort als von ihrer Cousine Kitty herrührend erkannte und infolgedessen hastig erbrach. Er lautete:
Liebe, liebe Anna Marie!
Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht. Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,
deine Cousine Kitty.
»Arme kleine Kitty,« murmelte Anna Marie, nachdem sie das Zettelchen durchgelesen, und plötzlich überkam sie jene mit Angst vermischte Rührung, welche sie jedesmal beschlich, wenn ein Menschenkind das Leben besonders schön finden wollte. »Mir scheint in der That, daß da die Verhältnisse Lust haben sich zu konsolidieren, aber – vielleicht in anderer Richtung, als mein Onkel Wißmuth sich's denkt. Wenn mich nicht alles irrt, so braucht die Kleine einen Bundesgenossen. Nun, wir müssen doch erst sehen, um wen sich's handelt.« Damit aber stand es in Anna Marie fest, daß Kitty momentan nicht sich selbst überlassen bleiben dürfe, weshalb sie sich entschloß, die Einladung Herrn Wißmuths anzunehmen, und sofort an die Cousine in Wien eine Absage sandte. Die Cousine in Wien hatte sie zwar aufgefordert, mit ihr eine Reise an die oberitalienischen Seen zu machen, welche kennen zu lernen schon lange zu Anna Maries Lieblingswünschen zählte. Aber das war Nebensache.
* * *
Kitty war immer Anna Maries besonderer Liebling gewesen, schon wie sie noch ein dickes, schwersprechendes Baby war. Das Ziel, welches sie sich gesteckt, als sie sich zum erstenmal selbständig auf die zarten Füßchen aufgestellt und mit weit ausgestreckten Händchen und kleinen, so zu sagen stammelnden Tritten über das Zimmer gewankt, das war Anna Marie gewesen – an Annas Knie hatte sie ihre kleinen Ellenbogen aufgestützt, als sie endlich atemlos und triumphierend ihre Wanderung beschloß.
Anna sah sie noch genau vor sich in dem gehäkelten weißen Kleidchen, das sie ihr selber fabriziert, und das Hals und Ärmchen frei ließ – was für einen Hals und was für Ärmchen! und dazu ein Gesichtchen! das reizendste Gesichtchen, das man sich ausdenken konnte, weiß, zart wie eine frisch entfaltete Frühlingsblüte und mit großen leuchtenden Augen drin.
Seit jenem Tag, wo das dicke Baby seine winzigen Ellenbogen so vertrauensvoll auf das Knie seiner Cousine gestützt, hatte eine Art Schutz- und Trutzbündnis bestanden zwischen der großen Anna und der kleinen Kitty, ein Bündnis, das trotz vielfacher Trennung der Alliierten weiter geführt worden war bis auf den heutigen Tag.
»Wie sich die Kleine nur herausgewachsen haben mag?« fragte sich Anna Marie, indem sie etwas vor Hanau ihr Handgepäck zusammenrückte und ihren Anzug zurechtschob. Sie war ohne Unterbrechung, außer mehrfachen Übersteigens, von Pest nach Hanau gefahren, dennoch sah sie weder besonders schmutzig noch besonders müde aus. Sie hatte die gerade Haltung und frische Hautfarbe, das heißt die prachtvolle Gesundheit einer geborenen Krankenpflegerin. Sie war noch immer eine schöne Person, obgleich ihre grauen Schläfen und vollen Schultern die Vierzigerin verrieten. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gestalt stattlich, wenn auch etwas zu stark, die Hände sehr zart. Sie trug einen grauen Staubmantel und einen glockenförmigen schwarzen Hut, den sie der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte und jetzt aus dem Netz herunterlangte, um ihn auf ihr tadellos geglättetes Haar zu setzen.
»Wie sie sich nur herausgewachsen haben mag?« fragte sie sich, indem sie an das Fenster des Coupés herantrat. Das letzte Mal hatte sie Kitty als hochaufgeschossenes, fünfzehnjähriges Mädchen in einem Dresdener Pensionat gesehen, sehr mager, mit sehr langen Armen und Beinen und fast ohne Körper, noch immer hübsch, aber offenbar in einem schwankenden Übergangsstadium, in dem man nicht recht wußte, welchen Weg ihre weitere Entwickelung einschlagen würde, den der Schönheit oder den der erträglichen Mittelmäßigkeit. Da hielt der Zug. Nicht ohne kleine Umständlichkeiten verließ Anna Marie von Hohleisen das Coupé.
Das kleine Häuflein Handgepäck neben sich, auf dem sandigen Bahndamm stehend, hielt sie ihr Lorgnon an die Augen und sah sich nach zwei Sachen um: nach einem Träger, und ob ihr jemand entgegengekommen war.
Ehe sie sich noch darüber klar geworden, rief ihr ein Stimmchen, das tief und weich wie das einer Amsel klang, entgegen: »Anna, Anna!« und zwei warme, junge Arme schlangen sich um ihren Hals.
Das war Kitty!
Nachdem Anna sie recht herzlich abgeküßt, schob sie sie etwas weiter von sich, um sie genauer zu betrachten, und lächelte zufrieden. Kitty war keine Schönheit, aber noch weniger hätte man sie ihrem Äußeren nach unter die erträglichen Mittelmäßigkeiten zählen können. Sie war ganz einfach reizend, entzückend, unbeschreiblich. Weiß der liebe Himmel, wie sie's angefangen, aber sie hatte jetzt wieder ihr altes Babygesicht, nur etwas größer und mit schmäleren Bäckchen, in allem Übrigen genau, die großen Augen, das Lächeln, die Grübchen, ja selbst die blumenfrische Hautfarbe, alles das war da; nur war der Blick in den Augen tiefer, und mitten zwischen die mutwilligen Grübchen hinein spielte ein Ausdruck gerührter Zärtlichkeit.
Kein Zweifel, die Zustände hatten eine Neigung sich zu konsolidieren, dachte Anna Marie.
Um weniges später war das Handgepäck zum drittenmal gezählt, die große Bagage ausgelöst und die beiden Damen saßen in dem Mietwagen, mit dem Kitty der Freundin entgegengekommen war, und fuhren an schönen, im ersten zartgrünen Frühlingsschimmer prangenden Gartenanlagen ihrem Ziel entgegen.
Der Weg von Hanau nach Lindenbergen ist reich an landschaftlichen Schönheiten. Man fährt an dem verlassenen Rokokoschloß eines längst verschollenen Duodez-Souveräns vorbei, an von schattigen Gärten umflossenen anderen weniger vornehmen, aber beinah ebenso stimmungsvollen Landhäusern, an glatten Teichen, in denen sich mächtige Bäume spiegeln, durch hochstämmige Lindenalleen, durch einen ernsten Fichtenwald – kurz durch allerhand was das Auge erfreut.
Die beiden Damen zeigten sich diesen Schönheiten gegenüber ungnädig – sie hatten keine Zeit, sich damit zu befassen.
Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander und blickten sich nur ab und zu lächelnd an. Endlich begann Anna: »Und nun, du Schalk, erzähle mir doch, zu was du mich jetzt, gerade jetzt so notwendig brauchst?«
»Ich dich?« Kitty machte große Augen, als ob sie nicht verstände, nein nicht im mindesten verstände.
»Du hast mir ja doch geschrieben,« drang Anna in sie.
»Ach! ... ja richtig – das war nur so Gerede – ich wollte dich durchaus herbekommen,« schwatzte Kitty, und als ihr Anna noch einmal, noch ernster in das entzückende Gesichtchen sah, da wurde sie plötzlich rot – dunkelrot. Aber anstatt eine deutliche Antwort zu geben, rieb sie ihre weiche Wange nur einschmeichelnd an der vollen Schulter der Freundin und murmelte einmal um das andere: »Du gute Anna, du liebe alte Anna, ich freue mich so, daß du da bist!« Und plötzlich sich weit über den Wagenschlag hinausbeugend, rief sie: »Ein Reh – dort – hast du's gesehen?«
Nein, es war nichts aus ihr herauszubringen. Sie wurde nur beständig rot und sah glücklich aus, und Anna Hohleisen seufzte.
* * *
Die landschaftlichen Schönheiten waren vorüber, zum wenigsten hatten sie ihren romantischen Charakter verloren. Was davon übrig blieb, war idyllischer Natur. Der Wagen fuhr jetzt durch eine Allee von krummstämmigen Apfelbäumen mit blütenbeladenen Ästen, die sich weit über die Straße hinstreckten. Die Sonne schien hell in die Blüten hinein, und zwischen den weißrosigen Zweigen sah man in den leuchtenden blauen Himmel hinauf, in dem sich ein paar Schwalben undeutlich wie rasch hinschwirrende schwarze Punkte tummelten; eine jede sah aus, als ob sie wenigstens sechs Flügel habe.
Rechts und links zogen sich saftig grüne Getreidefelder hin.
Der Frühlingsatem stieg wie ein berauschender Weihrauch zum Himmel, aus dem grünen Getreide rang er sich empor, aus den schwellenden Baumrinden, zwischen welchen hier und dort ein großer, durchsichtiger Tropfen gelben Harzes hervorquoll, aus den noch unentwickelten grünen Blättchen, aus den Apfelblüten, aus der Erde, ja selbst aus dem gärenden Wasser in den Gräben.
Der Wagen bog in einen Flecken ein. Mit Vergnügen ruhten die Augen der Österreicherin auf diesem anheimelnden deutschen Nest – auf den hochgiebeligen Häusern mit vorspringendem Oberstockwerk, mit grauen Balken in den Wänden und Blumentöpfen in den Fenstern. Klip klap ... rollte der Wagen über das unebene, aus großen flachen, willkürlich aneinander gefügten Steinen bestehende Pflaster.
Am äußersten Rande des Fleckens, in seltsamem Widerspruch zu dem bescheidenen Kleinleben, erhob sich hinter einem rostigen Eisengitter mit allerhand wilden Fratzen in seinen Schnörkeln ein großes Gebäude mit einem Mansardendach und Barockverzierungen, das Anna Maries Aufmerksamkeit fesselte.
Der Kutscher verlangsamte das Tempo. Offenbar stimmte sein Geschmack mit dem Wohlgefallen der Österreicherin überein, auch in seinen Augen war das Haus ein interessantes, eingehender Betrachtung durchaus würdiges Objekt.
»Schloß Ulmenhof,« bemerkte er mit Würde, indem er sich nach den beiden Damen umwendete.
»Wie heißt der Besitzer?« fragte Anna Marie.
»Förster,« erwiderte Kitty.
»Ach so, Förster,« murmelte Fräulein Anna.
»Du wunderst dich,« meinte etwas boshaft lächelnd Kitty, »findest offenbar, daß der Name schlecht zu dem alten Herrensitz paßt. Das ist richtig. 's ist auch für keinen Namens Förster erbaut worden. 's ist ein trauriges Haus, es hat in den letzten fünfzehn Jahren beständig den Besitzer gewechselt, jedem neuen Besitzer ist was drin zugestoßen. Der eine hat aus Zufall seinen eigenen Sohn erschossen, der andere hat sich selbst den Hals gebrochen. 's ist wie ein Pferd, das keinen anderen Reiter auf sich duldet als seinen ersten Herrn, alle anderen wirft es ab!«
»Dann wundere ich mich eigentlich, daß dieser Herr Förster den Mut hatte, es zu erwerben,« bemerkte Anna Marie nachdenklich.
»O, Herr Förster kennt keine Vorurteile – darüber ist er hinaus. Er gehört zu den Liberalen,« sagte Kitty, indem sie ihre feinen Mundwinkel mißbilligend herabzog.
»Steht ihr im Verkehr?«
»Ja!«
»Und ist er nett?« fragte Fräulein Anna, indem sie versuchte, dem jungen Mädchen in die Augen zu sehen.
»Papa findet's,« erwiderte Kitty, die Brauen zusammenschiebend, trotzig.
Anna Marie wußte jetzt genau die Hälfte von dem, was sie wissen wollte.
Das ominöse Haus, das sich mit seinen Besitzern nicht vertrug, war längst außer Sicht, wieder rechts und links nichts als grüne Saatfelder, die man zwischen den grauen Baumstämmen schimmern sah, die zarten Halme unermüdlich im leisen Atem des Frühlings erschauernd, zitternd, sonnendurchleuchtet und kleine winzige Schatten werfend, die ganzen Felder wie mit Goldsand bestreut, in den sich ein dunkler Staub hineinmischte, und über der Straße rosig weiße Blüten, zwischen denen man den Himmel sah.
Plötzlich war's Anna, als durchliefe das junge Mädchen neben ihr derselbe süße Schauer, der das junge Getreide durchbebte. Sie sah auf.
Ein Reiter trabte die Straße entlang, ein schöner, blonder, junger Offizier war's, dem die Uniform gut saß. Er legte die Hand an die Mütze. Kitty wurde unruhig, der Reiter parierte sein Pferd. »Halten Sie einen Augenblick,« rief Kitty dem Kutscher zu.
»Erlaube, daß ich dir Herrn von Altenried vorstelle,« rief Kitty verlegen und altklug zugleich. »Meine Cousine Fräulein von Hohleisen. Waren Sie bei uns, Herr von Altenried?«
»Ja, gnädiges Fräulein; da ich niemand getroffen, kehrte ich um. Ich habe mir erlaubt, Ihnen das Buch zu bringen, das Sie wünschten.«
»O ich danke – und wie geht es Ihrer Tante?«
»Recht gut ...« Das inhaltreiche Gespräch kam ins Stocken. Der Kutscher sah sich um – sollte er zufahren? Baron von Altenried legte die Hand an die Mütze.
»Werden Sie ... werden ...« begann Kitty stotternd und hastig.
»Gnädiges Fräulein ...!«
»Werden Sie morgen in Ulmenhof sein?«
»Darf ich fragen, ob Sie dort sein werden, gnädiges Fräulein?« erkundigte sich der junge Offizier, und dabei spielte ein Lächeln um seine frischen Lippen.
»Ja – glauben Sie denn, daß mir's der Papa erspart?« erwiderte Kitty mit komischer Verzweiflungsmiene.
Der Kutscher pendelte indessen leise mit seiner Peitsche auf und nieder, man sah's seinem breiten Rücken, ja selbst seinen roten Ohren an, wie verständnisvoll er die beiden jungen Leute beobachtete.
»Ich wollte eigentlich nicht kommen,« erwiderte Herr von Altenried, »aber ...« Das Lächeln um seinen Mund trat stärker hervor, der Ausdruck seiner Augen wurde ungewöhnlich innig, fast schwärmerisch.
»Fahren Sie zu, Kutscher,« rief Kitty, indem sie plötzlich eine würdige Miene annahm und sich mit einem herablassenden Kopfnicken verabschiedete.
»Ein netter Bursch,« bemerkte Fräulein von Hohleisen, indem sie ihm, sich aus dem zurückgeschlagenen Wagen herausbeugend, mit der Unbefangenheit ihrer grauen Haare, nachsah – »wie gut er zu Pferde sitzt – und er trägt doch die Infanteristenuniform.«
»Ja,« erwiderte Kitty, »es freut ihn nicht sehr, daß er bei der Infanterie dienen muß – aber er kann sich nicht helfen. Ich glaube, er ist sehr arm,« und Kitty seufzte.
»Nun, weißt du, liebe Kitty, gar so tragisch ist es schließlich nicht, bei der Infanterie dienen zu müssen,« entgegnete Fräulein von Hohleisen vernünftig. Ihr Vater war Oberst eines Ulanenregiments gewesen, infolgedessen hielt sie darauf, ihre Unparteilichkeit zu beweisen.
»Das sagt er selbst,« erwiderte Kitty lebhaft, »er findet es eher komisch. Er findet alles komisch, was ihm unangenehm ist. Er ist einer von denen, die immer über ihre Miseren lachen. Aber mag er darüber lachen oder nicht, es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß er eigentlich heute in Ulmenhof seine Heimat haben sollte. Vor fünfzehn Jahren war der Besitz noch in den Händen seines Vaters.«
»Das ist wirklich traurig,« gestand Anna Marie zu.
Kitty schwieg und sah bekümmert und zärtlich vor sich hin.
Nach einem Weilchen begann Anna Marie von neuem: »Findet den dein Vater auch nett?«
»Ob er Herrn von Altenried nett findet, meinst du?« fragte Kitty wie aus einem Traum heraus.
Anna Marie nickte.
»Ich weiß nicht, ich habe ihn nie danach gefragt,« sagte Kitty und zuckte die Achseln.
»Und findest du ihn nett?« fragte Anna Marie humoristisch.
Kitty runzelte die Stirn, fast schien's, als ob sie Anna die Antwort schuldig bleiben wolle. Mit einemmal warf sie das Köpfchen zurück, und Anna Marie aus großen, von Entschlossenheit und Thränen glänzenden Augen anblickend, rief sie: »Nun ja ... ich finde ihn nett, sehr nett – und er ist's auch – da hast du's.«
Anna Marie wußte jetzt genau, was sie wissen wollte.
Um weniges später hatte der Wagen Lindenbergen erreicht und hielt vor einem langen, schmalen Gebäude mit einem Mansardendach, wie das von Schloß Ulmenhof, aber ohne feudale Embleme und mit einem Kreuz über dem großen, angebröckelten Thorbogen, ein ernstes und stimmungsvolles Haus, das ehemals ein Kloster gewesen und dessen im übrigen sehr einfache Fassade leider durch eine Reihe von gotischen Spitzbogenfenstern, welche ein anspruchsvoller architektonischer Pfuscher in die Wand hatte einsetzen lassen, verunstaltet war. Solche Spitzbogen! Graugemalte Holzrahmen, ganz unorganisch in die alten Fensterlöcher hineingefügt und die leeren Ecken oben ein wenig ausgemauert.
Herr Wißmuth stand am Fuß der Treppe in der Einfahrt und hieß Anna Marie willkommen. »Seid ihr dem Altenried nicht begegnet?« wendete er sich an sein Töchterchen, nachdem er Anna Marie auf beide Wangen geküßt und sich galant ihres kleinsten Handgepäckstücks bemächtigte, um es selbst in ihr Logis hinaufzutragen.
»Ja,« erwiderte Kitty mit anerkennenswerter Gleichgültigkeit, »er sagte, daß er sich bei uns aufgehalten, doch habe er niemand zu Hause getroffen.«
»Niemand zu Hause getroffen?« rief Herr Wißmuth, die Brauen bis in die Mitte seiner übrigens ziemlich niedrigen Stirn hinaufschiebend. »Der gute Mann muß etwas dämlich sein im Kopf. Er ist ja eine halbe Stunde mit mir im Garten spazieren gegangen, dort bei den Pfirsichspalieren.«
»Wirklich, Papa?« bemerkte Kitty staunend und entsetzt – heimlich mutete sie die Sache eher humoristisch an, aber das brauchte der Papa nicht zu wissen.
»Ja, so wahr ich hier stehe!« versicherte Herr Wißmuth – »es ist offenbar nicht richtig mit ihm. In unseren alten Adelsfamilien kommt das häufig vor. Sehr alte Familie, die Altenrieds, ausgezeichnete Familie!« Diese Worte sprach Herr Wißmuth zu seiner Cousine, augenscheinlich in der Überzeugung, daß die Mitteilung sie besonders interessieren müsse, »aber sie haben nichts,« setzte er schadenfroh grinsend hinzu.
Sie hatten jetzt einen mit roten Ziegeln gepflasterten Gang, der das Haus in zwei Hälften teilte, erreicht, und Herr Wißmuth stellte die kleine Reisetasche Annas auf einen Strohsessel hin, wobei er aufächzte, als habe er soeben ein großes Unternehmen zu Ende geführt. Bis in das Gemach, welches er seiner jungfräulichen Anverwandten als Wohnung bestimmt hatte, vorzudringen, erschien ihm nicht passend.
* * *
Herr Wißmuth ist holländischer Abstammung, was er mit prahlerischer Vorliebe immer wieder erzählt und was im übrigen sein Äußeres deutlich verrät. Er ist ein Mann von mittleren Jahren und mittlerer Größe, mit kurzen, dicken Gliedern, kurzen Händen, kurzen Fingern und einem kreisrunden Gesicht, das bis auf den unternehmend aufgesträubten kleinen Schnurrbart glatt rasiert ist und aus dem zwei schmale, auffallend kleine Augen lebenslustig in die Welt hineinfunkeln.
Sein stark gekraustes rötliches Haar ist an der Seite gescheitelt und über der Stirn in ein mächtiges Toupet aufgekämmt. Man sieht es ihm sofort an, daß er zu denjenigen gehört, die mit sich selbst stets zufrieden sind und über die ihre Umgebung sich häufig ärgert.
Er ist nicht gerade dumm, sondern nur verwirrt im Kopfe, phlegmatisch, aber mit beständig aus seinem Phlegma aufsprühenden, fingerlangen Begeisterungen, von denen nie eine stark genug ist, seinen fetten und schweren Körper in die Höhe zu ziehen. Dazu noch gründlich faul, wo es sich um eine ernste und nutzbringende Thätigkeit handelt, hingegen freilich von einer gemeinschädlichen Betriebsamkeit in allerhand nebensächlichen Dingen, wie Veranstaltung schlechter musikalischer Produktionen, Marken sammeln, Altertümer aufstöbern, Inserate in Zeitungen einsenden behufs Abschaffung öffentlicher Übelstände, Verfassen von anonymen Briefen und massenhaftem Klavierspiel.
Nach all dem wird es niemand wunder nehmen, daß er es auf der Welt zu nichts gebracht als zum Bürgermeister von Lindenbergen, ein Ehrenamt, in dem er sich sehr wichtig vorkommt und das ihm Geld kostet.
Am allerschlechtesten ist's ihm mit der Bleistiftfabrikation geglückt, welche ihn auch bis an den Rand des finanziellen Abgrundes gebracht hat. Den verhältnismäßigen Wohlstand, in welchem er sich momentan befindet, hat er einer alten Anverwandten zu verdanken, welche ihm ein ansehnliches Vermögen unter der Bedingung vermacht hat, er möge sich für immer von seinem Geschäft zurückziehen.
Er ist ein unerquicklicher Familienvater und ein ermüdender Hausherr. Beides hat Anna Marie seit dem gestrigen Tage bereits genugsam zu konstatieren Gelegenheit gehabt. Seit gestern hat sie im ganzen ungefähr sechs Stunden vierhändig mit ihm spielen müssen, und selbst jetzt, wo – am Frühnachmittag nach ihrer Ankunft ist's – bereits alles so zu sagen mit einem Fuß in der Luft steht, um dem Fest entgegen zu eilen, welches Herr Förster behufs Einweihung von Ulmenhof veranstaltet, hat er die geduldige Österreicherin noch an seinen Lieblingsflügel, einen zugleich weich ansprechenden und sonoren Bechstein, festgenagelt, um »in aller Eile« ein letztes Mal die neunte Symphonie von Beethoven mit ihr zu spielen.
Da sie bereits Toilette gemacht hat und ihr kreppbesetztes schwarzes Paradekleid – sie trägt noch immer Trauer für den Tricktrackonkel – ihr etwas zu eng in den Ärmeln ist, so findet sie momentan diesen musikalischen Frondienst recht unbequem. Herrn Wißmuth ist das höchst gleichgültig.
Er spielt natürlich den Baß, weil er da mit großer Ungeniertheit falsch darauf lostrommeln kann. Wenn es irgendwie nicht klappt, so ist Anna Marie daran schuld, er rast darauf los, ob sie mitkommt oder nicht, und kräht, während sie verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, mit beständig ins Falsett umschnappender dünner Tenorstimme den Violinpart zu seinem Accompagnement.
»Es wird schon gehen mit der Zeit, aber du findest dich noch nicht in meine Auffassung hinein,« sagt er regelmäßig, wenn er endlich stehen bleibt, um sie mitzunehmen. »Eins, zwei, drei ...« und dabei wandern seine kurzen Finger, die Takte zählend, über die Noten hin.
Nachdem er vergeblich einen bequemen starting point gesucht, sagt er ruhig: »Das Beste ist, wir fangen von vorn an.«
Arme Anna Marie!
Inmitten seines energischen Gehämmers zieht er die Hände vom Klavier und sagt: »War das nicht ein Wagen?« Damit springt er an das Fenster und lehnt seinen fetten, schwammigen Oberkörper spähend auf die weltvergessene Straße hinaus.
Er sieht allerhand Anheimelndes, was ihn nicht interessiert: eine Reihe altväterischer Giebelhäuser, eine braune Mauer, über die eine Wirrnis von blühenden Frühlingsbäumen hinüberragt, einen Ziehbrunnen gerade in dem Winkel zwischen der braunen Mauer und einem vorspringenden Haus, eine Magd mit breitem, rotem, stumpfem und gutmütigem Gesicht, barhaupt mit im Genick aufgestecktem dünnem Zopf, die, die nackten Arme auf den Eimer gelehnt, einem Burschen nachblickt, der, ein Veilchenbüschel hinterm Ohr, trotzig an ihr vorübergeht, ohne ihren Blick zu erwidern – alles das sieht er; das aber, wonach er ausspäht, das sieht er nicht.
Unzufrieden brummend kehrt er zu dem Flügel zurück.
Da tritt Kitty in das Klavierzimmer herein, sehr hübsch, mit sehr roten Wangen und der etwas feierlichen Befangenheit, welche einem ganz jungen Mädchen das Bewußtsein verleiht, ein neues Kleid anzuhaben, das ihm besonders gut steht. Es ist aber auch ein wunderschönes Kleid, weiß vom Saum bis zum Hals hinauf, auch die Schärpe ist weiß, und Kitty sieht entzückend darin aus. Sie ist davon überzeugt, kann es aber nicht erwarten, daß ihr's jemand bestätigt.
»Sind Hildegard Mühlhausen und Emma Becker noch nicht gekommen?« fragt sie so obenhin, nur um zu beweisen, daß sie gewiß nicht hereingekommen ist, um sich loben zu lassen.
»Nein, ich begreife nicht,« sagt Herr Wißmuth, »ich habe ihnen so streng eingeschärft, pünktlich zu sein. Anna Marie kann ihren Part der Jubelkantate zwar, aber eine Ensembleprobe ist doch nötig!«
Herr Wißmuth hat nämlich zu der festlichen Gelegenheit ein kleines Quartett komponiert, das er mit dem klangvollen Titel »Jubelkantate« bezeichnet.
»Ich begreife die beiden nicht!« sagt Herr Wißmuth, noch immer aus dem Fenster spähend. »Ach, endlich, da sind sie!« ruft er, »endlich!« und eilt ihnen entgegen.
Indes hebt Anna Marie ihr Lorgnon an ihre schönen, etwas hervorstehenden grauen Augen und betrachtet Kitty.
»Allerliebst siehst du aus,« ruft sie, »charmant, zum Fressen herzig!«
Die Worte, welche bei der Österreicherin den höchsten Ausdruck der Bewunderung ausmachen, erfüllen Kitty mit Stolz. Sie eilt auf Anna zu, um sich abküssen und streicheln zu lassen, wozu sie eine große Neigung hat. Anna aber wehrt sie ab. »Um Gottes willen bleib, wo du bist, ich mach dich ja ganz schwarz – so ein Trauerrab wie ich und ein Schneeglöckerl wie du, das paßt nicht zusammen« – dabei streichelt sie, sich behutsam von der weißen Pracht der Kleinen fernhaltend, Kittys Wangen und flüstert ihr ins Ohr: »Hast du dich für Herrn Förster so schön gemacht?«
Herr Wißmuth reißt die Thür auf, glückstrahlend und mit dem Ausruf: »Da bring ich meine jungen Damen!« worauf zwei weibliche Wesen mit ihm in das Musikzimmer treten.
Die Jugend der beiden ist von verschiedener Beschaffenheit. Emma Becker steht im selben Alter wie Kitty, und Hildegard von Mühlhausen in dem von Anna Marie.
Über Emma Becker giebt's nicht viel zu sagen, als daß sie eine Pensionatsfreundin Kittys ist, eine Frankfurterin, Waise, von rheinländischen Eltern abstammend, klug und gesetzt über ihr Alter hinaus, lebenslustig, etwas schwerfällig, etwas anspruchsvoll, mit beiden Augen nach einer guten Partie ausspähend, und ohne ein Fünkchen Poesie im Leib, nicht reich – aber mit allen Gewohnheiten einer reichen Person behaftet, weshalb sie beständig darauf angewiesen ist, von einem ihrer sehr vermögenden Verwandten zum anderen zu reisen und ihre ganze Rente auf die Begleichung ihrer Schneiderrechnung zu verwenden.
Hildegard von Mühlhausens Charakteristik ist weniger leicht abzufertigen. Sie ist der letzte verarmte und verkümmerte Sproß eines alten Adelsgeschlechts. Ihre Mutter war in ihrer Jugend Hofdame und ihr Vater in seinem hohen Alter General, ihr Bruder war ein Taugenichts, hat sein und ihr kleines Vermögen verschlemmt und ist in Amerika elend zu Grunde gegangen. Gegen Hildegard ist nie etwas einzuwenden gewesen, jeder, der je mit ihr in Verkehr gestanden, versichert, »sie sei ein durch und durch nobles Wesen«. Keiner hat diesen Verkehr bis zu einem vertraulichen, freundschaftlichen Grad fortzusetzen gesucht, denn der Verkehr ist unerquicklich, wie der mit allen Menschen, die das Leben von einem allzu erhabenen Standpunkt aus betrachten und den anderen beständig ihre hohe Vollkommenheit unter die Nase reiben.
Hildegard von Mühlhausen leidet im höchsten Maße an Erhabenheit; sie ist ebenso neidlos wie Anna Marie – aus Erhabenheit, weil ihr gar nichts zu beneiden würdig dünkt, seitdem ihr das Schicksal das höchste Glück versagt, das es zu vergeben hat – das nämlich, als Mann auf die Welt gekommen zu sein. Sie ist fest überzeugt davon, daß ihre Seele eigentlich bestimmt war, in einem männlichen Körper zu wohnen, und daß, wenn sie ein Mann gewesen wäre, sie es wenigstens bis zu einem Napoleon oder Bismarck gebracht hätte. Neben dem Unglück, durch ihre Weiblichkeit verhindert worden zu sein, dies hohe Ziel zu erreichen, erscheinen ihr alle die zahlreichen Miseren ihres Lebens geringfügig.
Unter allen Umständen liegt's ihr am Herzen, zu beweisen, daß sie sich aus nichts etwas macht. Sie ist immer erhaben. Sie unterzieht sich den langweiligen Pflichten ihres armseligen kleinen Hausstandes (sie wohnt in kümmerlichen Verhältnissen allein) mit demselben, jedes Interesse an ihrer Beschäftigung verleugnenden Märtyrergesicht, mit dem sie bei einem Diner ihr Champagnerglas leert oder bei einem Hausball eine Quadrille tanzt. Ihr ganzes Wesen ist immer durchdrungen von sittlicher Herablassung.
Sie ist groß und sehr dünn, sehr brünett, mit braunen Augen in einem verkümmerten, scharfkantigen Rassegesicht und trägt ein weißes Musselinfähnchen, das Kitty recht gut kleiden würde, in dem sie sich aber wie eine Fliege im Milchtopf ausnimmt.
»Wie spät!« ruft Kitty.
»Ich bin seit einer Stunde bereit; ich bin immer verläßlich,« erklärt Hildegard von Mühlhausen, »aber Emma kam nicht.«
»Die Frank ließ mich so lange warten mit meinem Kleid,« erklärt Emma Becker, »ich war schon außer mir.«
»Wie kann man außer sich geraten über die Unpünktlichkeit einer Schneiderin!« bemerkt sinnend Hildegard von Mühlhausen.
»Aber ich bitte dich, Hildegard, wenn ich auf ein so hübsches Kleid zu lange hätte warten müssen, wär ich auch unruhig geworden,« versichert Kitty, und Emma mit Andacht betrachtend, setzt sie hinzu: »Dein Kleid ist wunderschön!«
»Wenn's nicht einmal hübsch wäre,« seufzt Emma Becker; »ich bitte dich« – wichtig auf das aus dem Atelier Albert Franks stammende Meisterwerk herabsehend – »ein einfaches Musselinkleid und kostet hundert Thaler! Geradezu unverschämt, nicht wahr!« Emma seufzt selbstgefällig in dem schmeichelhaften Bewußtsein, daß es zum höchsten Frankfurter Chik gehört, unter der Unverschämtheit Albert Franks zu leiden.
»Hundert Thaler!« lacht Kitty, »meins kostet kaum so viele Groschen, aber ich bin eben darauf angewiesen, mich billig einzurichten. Bis zu einer sehr reichen Frau werd ich's in diesem Leben nicht bringen!« Bei diesem Ausspruch schließt sie die Augen halb und lacht leise vor sich hin.
»Warum solltest du nicht eine gute Partie machen?« sagt die phlegmatische Emma (sie ist nämlich höchstens durch ihren Schneider in Harnisch zu bringen) protegierend.
»Warum?« – ein etwas mutwilliges Lächeln kräuselt Kittys Lippen – »vielleicht, weil mir's nicht allzusehr darauf ankommt.«
Hildegard und Emma haben ihre alte Bekanntschaft mit Anna Marie erneut, Herr Wißmuth die verschiedenen sauber abgeschriebenen Stimmen seiner »Jubelkantate« zusammengesucht (sie waren in die vierhändigen Noten geraten). »Ich bitte, meine Damen!« ruft er jetzt, beide Arme hoch in die Luft hebend.
A–ach, wie freuen wir uns,
D–aaaß zum Feste hier
U–uhns so froh vereint
Dieser Jubeltag!
Die Damen stellen sich in Positur. Emma Becker singt Sopran, Anna Marie Mezzosopran, Kitty den ersten, Hildegard den zweiten Alt.
»Ausgezeichnet!« ruft Herr Wißmuth begeistert. »Vergessen Sie nicht, meine Damen, kaum daß Sie die Halle betreten haben, gruppieren Sie sich um Herrn Förster; plötzlich stampfe ich mit dem Fuß und Sie schmettern los: ›A–aach, wie freuen wir uns‹, es wird großen Effekt machen!«
War das nicht ein Wagen?
»Ja, es ist Bertha!« sagt Kitty, aus dem Fenster blickend, »sie versprach sich aufzuhalten, um jemand von uns mitzunehmen.«
»Wer fährt mit uns!« ruft jetzt, etwas atemlos in das Musikzimmer hineinstürmend, ein kurzer breitschulteriger Mann mit einem stark gefärbten, selbstbewußt dreinschauenden Gesicht, sehr weißen Zähnen unter einem dicken, blonden Schnurrbart und einem herausfordernd funkelnden Brillantring an dem kleinen Finger seiner sorgfältig gepflegten linken Hand. Es ist Herr Walter Sadis, der Mann von Kittys älterer Schwester, ein wohlhabender Mensch, der sich eifrig bemüht, das Vermögen, welches bereits sein Vater auf der Börse gewonnen hat, zu vermehren.
»Wer fährt mit uns?« ruft er, »zu viel Luft und Platz darf man meiner Frau natürlich nicht wegnehmen – bei ihrem Zustand, aber für eine Person ...«
Herr Sadis verbringt seine ganze freie Zeit damit, die heiligen Rechte seiner Frau auf Luft und Platz zu verteidigen.
Kitty lacht ihn aus; ihr Vater, dem, wie allen beinahe bankerotten Geschäftsleuten, fremdes Geld imponiert, erteilt ihr einen Verweis; Herr Sadis schneidet Gesichter, worauf man sich schließlich dahin vereinigt, daß die vier unverheirateten Damen in Emma Beckers Landauer, oder vielmehr in dem Landauer, den der Onkel, bei dem sie zu Gast ist, ihr geborgt hat, fahren sollen, und daß Herr Wißmuth, als der am wenigsten Luft und Platz Raubende, sich dem Ehepaar anschließt.
* * *
»Auf was warten wir denn eigentlich?«
Es ist Herr Wißmuth, der diese Frage stellt. Die Jubelkantate ist längst vorüber. Kitty hat inmitten ihres Parts plötzlich angefangen zu lachen, was der Erhabenheit des Eindrucks etwas Eintrag gethan. Der angejubelte Hausherr hat sich aber sofort bereit erklärt, den Lachkrampf Kittys als eine Nervosität zu bezeichnen, und war tief gerührt von der Aufmerksamkeit. Die Gäste sind alle versammelt und stehen in der mit alten Bildern und Waffen ausgeschmückten Vorhalle des Schlosses, die während der guten Jahreszeit als Empfangsraum benutzt wird, auf das Zeichen harrend, daß angerichtet ist.
Etwa zwanzig Personen sind's; ein paar Offiziere aus Hanau und Homburg, eine Gutsbesitzersfamilie aus der Umgebung, der Rest Frankfurter, lauter wohlerzogene, sehr gut gekleidete, etwas zur Korpulenz neigende, fabelhaft reiche Leute, die alle sehr stolz darauf scheinen, Frankfurter zu sein. Man ist etwas vor der angesagten Dinerstunde gekommen, um den neuen Besitz Herrn Försters genau in Augenschein zu nehmen, sämtliche Räume mit ihm zu begehen und ihm Ratschläge betreffs der Ausschmückung derselben zu erteilen; jetzt hat man das Vergnügen ausgenossen. Man weiß nicht recht, was mit sich anzufangen.
Es ist sechs Uhr, man fängt an hungrig zu werden; am hungrigsten ist Herr Wißmuth, besonders deshalb, weil er ahnt, daß seinen Gaumen ein sehr großer Genuß erwartet. Herr Sadis steht neben dem Lehnstuhl, in dem sich seine hübsche, starke, rotblonde Frau ausgestreckt hat, und verteidigt wie gewöhnlich ihre Rechte auf Luft und Platz gegen jeden unbefugten Eingriff. Emma Becker sitzt zwischen zwei tadellos gekleideten Frankfurter Dandies und befleißigt sich, selbe eifersüchtig gegeneinander zu hetzen. Kitty sitzt mit einem ellenlangen Gesicht in einer Ecke allein und hat Lust zu weinen. Der Hausherr steht inmitten seiner Gäste und hält eine Abhandlung über moderne Kulturbedürfnisse und die Verbesserungen, welche er in Ulmenhof einzuführen gedenkt, wobei er nach Kitty schielt.
»Sie können sich gar nicht denken, wie mir zu Mute ist!« seufzt Hildegard Anna Marie von Hohleisen zu, an welche sie sich vielleicht nur aus dem Grunde geklettet hat, weil Anna Marie ihr als die einzige ebenbürtige Persönlichkeit unter den Anwesenden erscheint; denn, wenn Hildegard von Mühlhausen auch über alles mögliche erhaben ist, über Standesvorurteile ist sie's nicht. Sie spricht das Wort freilich »Standesüberzeugungen« aus.
»Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zu Mute ist!« klagt sie. »Ich bin eine nahe Verwandte der Altenrieds, meine ganze Kindheit habe ich in Ulmenhof verbracht, denken Sie sich in meine Lage hinein!«
Fräulein von Hohleisen versucht teilnehmend auszusehen, sieht aber nur zerstreut aus, was daher rührt, daß sie, anstatt sich in Hildegard von Mühlhausens Lage zu versetzen, sich mit der Beobachtung des Hausherrn beschäftigt, der während der langen Schloßbesichtigung Kitty durch auffallende Huldigungen ausgezeichnet hat. Er ist ein Mann mit einem breiten Nacken und einem roten vollen Gesicht, dessen ziemlich regelmäßige Züge durch einen Ausdruck latenter Roheit verunstaltet sind, etwa sechsunddreißig Jahre alt, groß, mit einer schwerfälligen, aber nicht von Comptoirbeschäftigungen beeinflußten Erscheinung. Als sehr junger Mann durch den Tod seines Vaters von jeglichem oberherrlichen Zwang befreit, hat er sich damals sofort vom Geschäft zurückgezogen, um das Leben zu genießen, und er hat es offenbar genossen bis auf die Neige. Dabei macht er einen sehr robusten, keineswegs abstrapazierten Eindruck, den Eindruck eines Menschen, der sich vieles gegönnt, nie etwas zum Fenster hinausgeworfen, der mit allem Haus gehalten hat, selbst mit seiner Gesundheit. Jetzt hat er das Leben hinter sich und scheint den Zeitpunkt günstig zu finden, eine Familie zu gründen und seine Junggesellenschiffe zu verbrennen.
Kitty gefällt ihm offenbar sehr, aber sein Gefühl für sie ist dasselbe, wie er es für so und so viele hübsche Tänzerinnen und Schauspielerinnen empfunden hat, nur ist er bereit, für ihren Besitz einen bedeutend höheren Preis zu zahlen. Summa Summarum ist er Anna Marie außerordentlich unsympathisch und dieselbe hat bereits längst entschieden, daß er nichts weniger als ein passender Lebensgefährte für ihren Liebling wäre.
»Aber auf was warten wir denn eigentlich,« wimmert Herr Wißmuth mit immer kläglicherer Betonung.
Diesmal hat der Wirt seine Frage gehört. Er zieht seinen tadellosen Chronometer und stellt etwas mißliebig fest, daß es bereits ein Viertel nach sechs geworden ist.
»Wir warten auf Altenried,« erklärt er hierauf in einer runden volltönenden Stimme, der Stimme eines Menschen, der sich sein lebenlang sehr wichtig vorgekommen ist. »Er hat mir keine Absage geschickt, infolgedessen kann ich nicht anders, als annehmen, daß er noch kommen wird.«
»Habe Sie de – Alteried eingelade?« fragt eine ziemlich umfangreiche Dame mit einem tiefen, herzförmigen Ausschnitt in einem burgunderroten Atlaskleid und mit sechs Reihen Perlen um den Hals. Sie heißt Frau von Manz, war einmal eine berühmte Schönheit und ist ebenso bekannt für ihren gemütlichen Frankfurter Dialekt, wie für ihre Bundestagsabenteuer und die unermüdliche Betriebsamkeit, mit der sie, jedem Widerstand Trotz bietend, auf der socialen Leiter eine Sprosse nach der anderen erklimmt. Sie modelt ihr Benehmen nach dem der Königin von Preußen, der sie ähnlich zu sehen glaubt. Ihre majestätische Haltung steht in ebenso komischem Widerspruch mit ihrem gemütlichen Dialekt, wie ihr Frankfurter Bürgerstolz mit ihrer Sehnsucht nach Hofluft.
»Ja, gnädige Frau, da ich mit Altenried im Verkehr stehe, ist das wohl selbstverständlich,« versichert Herr Förster. Sein Mienenspiel drückt bei diesen Worten eine großartige Bescheidenheit aus, so beiläufig, als ob man ihn mit Gewalt gezwungen hätte, eine verdienstvolle Handlung einzugestehen.
»Wie kommt er denn eigentlich in die Gegend?« fragt Frau von Manz weiter, indem sie sich mit einem stark klappernden Fächer Kühlung zuweht.
»Er ist bei seinem Vetter, dem Grafen Solingen in Ilmenau, zu Besuch,« erklärt Herr Förster.
»Und warum habe Se de Solinge nicht auch eingelade?« fragt die ehemalige Bundestagskoryphäe ziemlich indiskret.
»Ich habe ihn aufgefordert zu kommen, er hat aber abgelehnt wegen eines Unwohlseins,« erklärt Herr Förster.
»Sonderbar,« meint Frau von Manz – man nennt sie gewöhnlich die Rheinweinkönigin, weil ihr verstorbener Mann den größten Teil seines Vermögens in Johannisberger und Rüdesheimer gemacht haben soll – »ich möcht schwöre, daß ich dem Solinge heut auf der Zeil begegnet bin.«
»Solingen ist ein sehr armer Teufel, es demütigt ihn offenbar, mit wohlhabenden Leuten zusammenzukommen,« erklärt Herr Förster mit nicht zu beunruhigendem Selbstbewußtsein.
Die Rheinweinkönigin zuckt die Achseln. Sie ist nicht dumm, trotz ihrer zahlreichen Schrullen. »Hm!« macht sie ruhig, »wenn mich nicht alles täuscht, läßt Sie der Alteried auch im Stich. 's ist ihm nicht übel zu nehme. 's muß ein sonderbares Gefühl sein, so in ei' Haus zu trete, das einem Fremde gehört und von dem man sich sagt, das Haus sollt eigentlich mei Haus sein! Es hat überhaupt Mut dazu gehört, Ulmehof zu kaufe.«
»Wieso?« fragt etwas übellaunig Herr Förster.
Die Rheinweinkönigin klappert nur schläfrig mit ihrem Fächer, und einer der anwesenden Herren nimmt das Wort.
»Man behauptet, es spuke in Ulmenhof jedesmal, wenn ein neuer Besitzer darin auftaucht,« erklärt der Herr. »Der letztverstorbene Altenried geht dann in dem Schloß um und zwar so lange, als bis der jeweilige Besitzer durch einen Unglücksfall vertrieben wird. Das Haus will, wie es scheint, keinem anderen gehören als einem Altenried.«
»Thörichter Aberglaube!« brummt Herr Förster, dessen Stirn sich verfinstert hat. »Wenn Altenried sich übrigens nicht bald zeigt, werde ich servieren lassen.«
»Das denk ich auch,« versichert Herr Wißmuth mit Überzeugung.
»Ich kann nicht anders vermuten, als daß ihm etwas zugestoßen ist,« meint Herr Förster. Die arme Kitty hat nur gerade Zeit gehabt, totenblaß zu werden, als die Thür aufgeht und Altenried erscheint.
»Sie haben sich etwas verspätet,« bemerkt Herr Förster mit würdiger Zurechtweisung, und Herr Wißmuth setzt witzig hinzu: »Sind wahrscheinlich zu Fuß gegangen, Herr Baron.«
Der junge Mensch errötet ein wenig. »Sie haben's erraten,« sagt er ruhig.
»Nun, da müssen Sie ja todmüde sein!« bemitleidet ihn Herr Förster, »zwischen Ilmenau und Solingen liegt ja eine ganze Provinz.«
»Ach, lumpige zwei Stunden, für einen Infanteristen ist das nichts,« entgegnet Altenried; »wenn ich mich nur bald genug auf den Weg gemacht hätte, aber ich erfuhr erst im letzten Moment, daß das Reitpferd meines Vetters krumm sei, mit den Wagenpferden war er am Morgen nach Frankfurt gefahren. Ich bitte sehr, meine Unpünktlichkeit zu entschuldigen.«
»Es ist Ihnen unter den Umständen als hohes Verdienst anzurechnen, daß Sie überhaupt gekommen sind,« sagt Herr Förster in einem Ton, daß es Altenried in den Händen juckt. Da begegnen seine Augen dem Blick Kittys! Was für ein Blick! zärtlich, empört, begeistert, kindlich unbefangen! Es war doch der Mühe wert, zwei Stunden zu Fuß zu gehen für diesen Blick!
Indem meldet der Kammerdiener, daß angerichtet ist. Herr Förster führt die Rheinweinkönigin zu Tisch und fordert Herrn von Altenried auf, Fräulein von Hohleisen seinen Arm zu bieten. Arme Kitty! Sie beißt sich die Lippen. Ehe sie sich dessen versieht, hat sie sich am Arm eines der beiden Frankfurter Dandies, die soeben noch Emma Becker den Hof gemacht haben, dem Zuge angeschlossen. Man muß sich fügen! Der einzige, welcher das nicht einsieht, ist Herr Wißmuth, der triumphierend das allerjüngste und hübscheste der anwesenden Frankfurter Mädchen zu Tisch führt, was übrigens die ganze, sorgfältig kombinierte Tafelordnung Herrn Försters umstößt. Aber das ist Herrn Wißmuth trotz all seines Respekts für das Geld seines Wirtes gleichgültig.
* * *
Der Speisesaal war etwas kahl, wie vorläufig noch alle Räume des Schlosses, die Wände hell, in einer einzigen, längst verblaßten, kaum erkennbaren Farbe gemalt und oben längs der Zimmerdecke mit einer schmalen Weinlaubguirlande verziert, die auch an allen Ecken neben einem dunkelbraunen Streifen gerade herunterlief. Ein paar Empirebüffetts, lächerlich klein für das große Zimmer, machten außer dem Speisetisch, um den die Gäste saßen, die einzige Einrichtung aus. Dieser Tisch, reich und glänzend besetzt, stand im schreiendsten Widerspruch zu der puritanischen Einrichtung des übrigen. Wie viel Silber, Aufsätze, Kandelaber – alles ein wenig zu glänzend, überladen und geschmacklos verschnörkelt; die Blumen in den Jardinieren zu dicht aneinander gedrängt, aber reich und bunt und einen berauschenden Duft ausatmend, Rosen, Tazetten und Maiglöckchen mit leichtem Farnkraut vermischt! Dazu eine Batterie von Gläsern neben jedem Teller und das Speiseservice von buntgemaltem modernem Meißener Porzellan. Die Vorhänge waren zugezogen, um das lange Frühlingszwielicht hinauszusperren; die massenhaften Wachskerzen in den silbernen Armleuchtern, sowie in dem großen, mit geschliffenen Glaspendeloques behangenen venetianischen Luster, einem Luster, wie man ihn sonst nur in den Empfangsräumen alter Paläste sieht, strahlten hell.
Kitty sah wunderhübsch und etwas verdrießlich aus und gab ihrem jungen Nachbar – außer seinem Reichtum genoß er noch die Auszeichnung, mit den Abkömmlingen verschiedentlicher Frankfurter Berühmtheiten weitschichtig verwandt zu sein – einsilbige Antworten. Der Hausherr, welcher sie so nahe neben sich placiert hatte, als es die Etikette ihm gestattete, richtete von Zeit zu Zeit über die zwei Personen hinüber, die ihn von ihr trennten, an sie Bemerkungen. Fräulein von Hohleisen beobachtete indessen ihren jungen Nachbar. »Kein Wunder, daß sich die Kleine für ihn interessiert,« dachte sie bei sich.
Als echte Österreicherin vermochte sie noch immer nicht sich darüber zu trösten, daß dieser »charmante junge Mensch« verurteilt war, bei der Infanterie zu dienen, doch mußte sie gestehen, daß man ihm den Infanteristen nicht anmerkte. Sie bedauerte ihn nur immer aufrichtiger für diesen Beweis seiner Armut.
Er war groß, eher größer als der Hausherr, von kräftigem Wuchs, aber sehr schlank, mit der Schlankheit seiner fünfundzwanzig Jahre und seiner vornehmen Herkunft. Das schmale Gesicht, bis auf den leichten Schnurrbart glatt rasiert, hatte das etwas zu lange Kinn, welches Fräulein von Hohleisen auf allen Ahnenbildern der Altenrieds bemerkt hatte, ein sehr feines Profil, und unter der breiten, nicht allzu hohen Stirn, die im Gegensatz zu dem Rest des Gesichts schneeweiß war, blickten, von dichten horizontalen Brauen beschattet, ein Paar tiefliegende, mandelförmige dunkelblaue Augen. Diese Augen blieben immer ernst, selbst wenn die etwas vollen Lippen lachten. Die Haltung des jungen Menschen war stramm und frei zugleich, was in seiner abwechselnd zur Steifheit oder Schlaffheit neigenden Umgebung besonders auffiel, seine Manieren waren bescheiden und verbindlich ohne aufdringliche Dienstfertigkeit.
Er hatte das Herz Annas erobert, ehe er noch ein Wort zu ihr gesprochen. Mit dem Reden war's überhaupt schwach bei ihm bestellt. Sie begriff, warum es ihm schwer fiel. Und doch fühlte sie den Wunsch, in seinem Inneren etwas weiter vorzudringen, Kittys halber.
Nach einem Weilchen machte sie einen kühnen Angriff. »Wie alt waren Sie, als Sie Ulmenhof verließen?« fragte sie rund heraus.
Er schrak ein wenig zusammen, sah zu ihr auf. Die Frage hätte leicht etwas Unzartes haben können. Aber aus Annas grauen Augen sprach so viel Teilnahme, daß der junge Mann sofort merkte, er habe eine Freundin an dem grauhaarigen Mädchen gewonnen.
»Zehn Jahre,« sagte er.
»Und seit der Zeit haben Sie das Schloß nicht besucht?«
»Nein.«
»Dann muß es für Sie recht unangenehm sein, es das erste Mal unter so vielen Fremden wiederzusehen.«
Sie sprach in einem unbefangenen mütterlichen Tone zu ihm, als ob sie ihn sein lebenlang gekannt hätte. Ihre Stimme, ihr Blick, ihr ganzes Wesen that ihm wohl. Offenbar war die Sympathie zwischen ihm und ihr gegenseitig.
»Habe ich mir das so sehr anmerken lassen?« sagte er, indem ein Lächeln seine Mundwinkel hinaufkrümmte, das Lächeln, hinter dem ein Mensch seines Schlages eine peinliche Gemütsbewegung versteckt. »Es ist sonst nicht meine Art, aber ich bin heute etwas zerstreut. Ich bitte Sie sehr, mich zu entschuldigen, gnädiges Fräulein.«
»Man müßte ein Unmensch sein, um Ihnen Ihre Verstimmung übel zu nehmen,« erklärte Anna energisch; »ich hätte eigentlich gar nicht von diesem Thema anfangen sollen, aber ich kann Ihnen so gut nachempfinden. Ich habe etwas Ähnliches erlebt; auch unser Landgut, das, auf dem ich einen Teil meiner Mädchenjahre verbrachte, ist verkauft worden. Es war lange nicht so schön wie Ulmenhof, aber ich hatte es doch unbeschreiblich lieb. Zehn Jahre, nachdem ich Abschied davon genommen – unter wieviel Thränen! – schlich ich mich heimlich an den Gartenzaun heran, hinter dem ich fremde Kinder laufen hörte; die Frau des neuen Besitzers erblickte mich und forderte mich auf, einzutreten. Keine Möglichkeit, mich dem zu entziehen! Die neuen Menschen waren sehr nett gegen mich, selon leurs lumières!« – ohne ein bißchen Französisch kommt Anna nicht durch – »ich wurde gefeiert, bewirtet, dann schleppten sie mich zwei Stunden lang in Haus und Garten herum, um mir die von ihnen angebrachten Verbesserungen zu zeigen. Mein armer Garten! wie sah der aus! ich konnte ihn gar nicht finden zwischen all den neuen Teppichbeeten, Springbrünnlein und wohlgepflegten Bosketts. Das Haus erschien mir unter seiner neuen Tünche wie geschminkt. Als ich mich entfernte, hatte ich die Heimat verloren, selbst die Erinnerung daran war jetzt verzerrt und verzeichnet, ich konnte sie nicht mehr deutlich in mir wachrufen. Nun, zum wenigsten war ich für immer von meinem Heimweh geheilt.«
»Mich wird von meiner Liebe zu Ulmenhof nichts mehr heilen,« erklärte der junge Altenried immer noch lachend. »Wenn ich tot bin, geh ich in Ulmenhof um,« sich etwas zu Anna neigend. »Sie begreifen vielleicht, gnädiges Fräulein, daß es mir, alles Heimweh beiseite, eine unbeschreibliche Genugthuung wäre, den jetzigen Besitzer hinauszuquälen. Hm! im Leben dürfte mir's kaum beschieden sein!« Er schwieg einen Augenblick, dann hub er von neuem an: »Wissen Sie, woran ich dachte, als ich so stumm neben Ihnen saß, gnädiges Fräulein? Ich beschäftigte mich damit, die Möbel an ihre alten Plätze zu rücken. Hier fand ich mich anfänglich gar nicht zurecht. Die beiden Büffetts gehörten in unser altes Speisezimmer. Diesen Saal bewohnten wir eigentlich nicht, er war zu groß für unsere Verhältnisse, wie übrigens das ganze Schloß. Nur zu Weihnachten wurde er geheizt, der Christbaum wurde immer darin angezündet, dort unter dem Bild der Urgroßmutter – das ist meine Urgroßmutter, die Frau in dem weißen Kleide und mit dem Gürtel unter den Schultern. Mein Gott, an unserem ganzen Christbaum hing nicht ein Viertel von den Wachskerzen, die heute hier verbrannt werden. Er malte immer nur eine kleine Lichtinsel in den großen Raum hinein, alles übrige blieb dämmerig. Aber es war so schön, sich aus der Dämmerung heraus in diese Lichtinsel zu stürzen, man freute sich so an jedem bunten Bilderbuch, an jedem Spielzeug, jeder vergoldeten Nuß. Der Aufbau wurde alle Jahre ärmlicher, aber je ärmlicher er wurde, desto lauter freute man sich, schon um den Eltern ein Vergnügen zu machen. Es war doch schön,« setzte er leiser, wie zu sich selbst sprechend, hinzu, »bis in die Sorgen hinein war's schön!«
»Leben Ihre Eltern noch?« fragte Anna.
»Sie befehlen, gnädiges Fräulein?«
Altenried hatte nicht aufgehorcht.
»Ich fragte, ob Ihre Eltern noch leben.«
»Mein Vater starb bald, nachdem Ulmenhof verkauft war. Die Sorgen hatten zwar aufgehört, aber er konnte sich in das Stadtleben nicht hineingewöhnen. Wir thaten, was in unserer Macht lag, um's ihm lustig zu machen, wir sagten immer, daß wir Ulmenhof gar nicht entbehrten, daß es viel amüsanter sei in der Stadt. Aber er glaubte uns nicht. Er sah uns immer so ängstlich von der Seite an, als ob er uns um etwas gebracht hätte, der Arme, gerade als hätte er etwas dafür gekonnt. Als er Ulmenhof übernahm, war es bis zum Wetterhahn hinauf verschuldet. Wie hätte er sich da heraushauen sollen! Das einzige, was man ihm allenfalls zum Vorwurf machen konnte, war, daß er ein Mädchen ohne Mitgift geheiratet ... aber ... wir hätten keiner eine andere Mutter haben wollen!«
»Ihre Mutter lebt noch?«
»Ja, Gott sei Dank!«
»Und Sie haben mehrere Geschwister?«
»Zehn Stück.« Altenried lächelte, während er Anna von Hohleisen diese verblüffende Mitteilung machte, aber er zuckte munter die Achseln: »›'s ist kein Krüppel, kein Trottel, kein schlechter Kerl darunter,‹ damit entschuldigt sich meine Mutter jedesmal, wenn man ihr den allzu großen Kindersegen zur Last legt, mit dem sie meinen Vater beglückt hat.«
»Sie sind der Älteste?«
»Nein, ich stecke mitten drin.«
»Und Ihre Mutter ist noch wohlauf?«
»Ja, gottlob. Sie trägt ihr Schicksal rüstig und ist sogar sehr heiter, obgleich sie ihre Witwentrauer nie abgelegt hat. Meine Mutter ist eine wunderschöne alte Frau. Sie sieht Ihnen etwas ähnlich, gnädiges Fräulein.« Kaum waren die Worte gesprochen, so wurde er verlegen.
Anna lachte. »Ich hab's Ihnen nicht übel genommen,« versicherte sie dem jungen Mann gutmütig, »im Gegenteil, in meinem Alter freut man sich über jedes Kompliment.«
»Aber meine Mutter ist natürlich viel älter als Sie, gnädiges Fräulein,« beeiferte sich Altenried zu versichern.
»Ach, ich bitt Sie, auf ein graues Haar mehr oder weniger kommt's nicht an,« erwiderte die Österreicherin, »zu den jungen Hasen gehör ich ja auch schon längst nicht mehr. Wenn ich zur richtigen Zeit geheiratet hätte, könnte ich jetzt fast einen so großen Sohn haben, wie Sie sind, und unter uns gesagt, es wäre mir ganz recht.«
Das war ein sehr komischer Ausspruch. Anna von Hohleisen sagte manchmal unmögliche Dinge – sie war bekannt dafür –, aber immer so, daß es sie gut kleidete.
Während der junge Mensch sie etwas erstaunt ansah und noch keine Erwiderung auf ihre Worte gefunden hatte, fuhr sie lachend fort: »Es wäre gar nicht übel, sich für seine alten Tage eines solchen Verehrers zu versichern, wie ihn Ihre Mutter an Ihnen hat!« Und dabei griff sie nach ihrem Champagnerglas und sagte mit ihrem lieben Lächeln: »Stoßen wir auf gute Freundschaft an, Herr von Altenried.«
»Von Herzen gern, gnädiges Fräulein!« Während die Gläser der beiden aneinanderklangen, suchte Anna das Gesichtchen Kittys – sie merkte wohl, daß der Blick ihres Nachbarn denselben Weg genommen, doch blieb er nicht auf Kitty haften, sondern glitt sofort wieder ab.
»Gefällt sie ihm nicht, oder wagt er sich nicht an sie heran seiner Armut halber?« fragte sich Anna von Hohleisen. Und der Zweifel gab ihr einen Stich durchs Herz. Es war ihr sehr darum zu thun, daß Kitty diesem jungen Menschen gefallen solle.
Das Diner nahte seinem Ende. Die Diener trugen die Dessertaufsätze herum – Herr Wißmuth hatte ein sehr rotes Gesicht und wässerige Augen und riß unermüdlich Knallbonbons entzwei mit seiner jungen Nachbarin, der er dann schmunzelnd die Devisen vorlas.
Herr Förster hatte soeben einen Toast ausgebracht auf die »neuerblühte Rosenknospe in der Wetterau« und streckte dabei sein Champagnerglas Kitty entgegen.
»Herr Förster macht Fräulein Kitty den Hof,« bemerkte Altenried in einem Tone, von dem Anna sich fragte, ob er wirklich gleichgültig war oder nur so klingen sollte.
»Darüber kann kein Zweifel herrschen,« entgegnete ihm Anna.
»Er hat recht,« sagte Altenried, mit den Bonbonhülsen auf seinem Dessertteller spielend, »es läßt sich nicht leugnen, daß Fräulein Wißmuth prächtig nach Ulmenhof passen möchte.«
»Ja, sie gefällt ihm,« dachte Anna; »aber liebt er sie?«
Kitty hatte keinen Zweifel darüber, nein, nicht den geringsten Zweifel. Sie wußte, daß Altenried von ihr wegschaute, weil Herr Förster ihr Aufmerksamkeiten erwies, weil er ein armer Teufel war und Herr Förster eine gute Partie. Mit achtzehn Jahren fühlt man so etwas genau – später irrt man sich, quält sich mit mißtrauischen Zweifeln ab, oder macht sich lächerlich durch mühsam festgehaltene Illusionen – aber mit achtzehn Jahren irrt man sich nicht!
Kitty wußte ganz gut, wie es im Herzen Altenrieds aussah – der einzige dunkle Punkt in dieser Verwickelung war für sie, wie ihn dazu bekommen, ihr seine Liebe einzugestehen. Das Schlimmste war, daß er, wie er ihr selber mitgeteilt, noch dieselbe Woche abreisen sollte.
* * *
Jetzt war das Diner vorbei; man hatte sich von neuem in der Vorhalle versammelt. Die Stimmung war um ein bedeutendes gemütlicher geworden; alle Gäste sprachen lauter als vor dem Essen und waren stärker gefärbt. Man merkte, daß man sich nicht weit vom Rhein befand.
Man hatte sich nach gut deutscher Sitte die Kreuz und Quere die Hände gereicht, hatte Kaffee und Chartreuse getrunken, die Damen hatten den Herren gnädigst die Erlaubnis erteilt, in ihrer Gegenwart eine Cigarette zu rauchen.
Aus Kittys großen Kinderaugen blitzte ein Gewitter von Ungeduld, Herr Förster hatte sie eine volle Viertelstunde mit schönen Redensarten festgenagelt – Altenried stand indes mit einem verdrießlichen Gesicht am anderen Ende der Halle, und Kitty klopfte das Herz vor Angst, er könnte sich auf französisch aus dem Staube machen, ehe sie noch Gelegenheit gefunden haben würde, ein Wort mit ihm zu reden. Der Gedanke war unerträglich. Indessen hatte eine der Damen gefragt, ob denn nicht einer der Anwesenden einen Walzer spielen könne. Anna Marie hatte sich bereitwillig an den Flügel gesetzt und hämmerte mit Macht und dem österreichischen Walzerrhythmus, der ihr im Blut steckte, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« in die Tasten hinein.
Eine Minute später walzte alles. Herr Wißmuth sehr unternehmend und den Ellenbogen altmodisch zusammenknickend, natürlich mit dem blutjungen Mädchen, neben dem er bei Tisch gesessen und in das er augenscheinlich bis über die Ohren verliebt war, Hildegard von Mühlhausen mit einem Offizier, den sie um eine Kopflänge überragte und bei jedem Schritt vom Boden aufhob. Der Offizier tanzte offenbar aus Pflichtgefühl, und Hildegard gab sich den Anschein, ein Opfer zu bringen. Sie war nie erhabener, als wenn sie sich aus Gefälligkeit den kleinlichen Vergnügungen gewöhnlicher Menschen unterzog. Emma Becker tanzte – ja selbst die dicke Rheinweinkönigin schnaufte in den Armen eines höflichen Jünglings seelenvergnügt in der Halle herum. Herr Förster hatte natürlich sofort Kitty engagiert. Sie trachtete so schlecht zu tanzen als möglich, um ihn rasch los zu werden; da das keinen Eindruck auf ihn machte, schützte sie Atemlosigkeit vor. Ehe er sie widerwillig genug losließ, um sich als höflicher Hausherr einer anderen Dame zur Verfügung zu stellen, drückte er ihr zärtlich die Hand.
Kitty merkte es kaum und hatte keine Zeit sich darüber zu ärgern. An seiner sich entfernenden Gestalt vorbei blickte sie zu Altenried hinüber, so einschmeichelnd, als sie es überhaupt zu stande brachte, und das war nicht wenig. Einen Moment that Altenried, als ob er nichts merkte, dann – nun, dann ging er ruhig auf sie zu.
»Herr von Altenried, was haben Sie heute eigentlich gegen mich?« fragte sie ihn mit einer wundervoll altklugen Miene streng.
»Ich gegen Sie, gnädiges Fräulein?« Er lächelte unwillkürlich, und sie fuhr, die Achseln in die Höhe ziehend, mit einem komisch feierlichen Gesichtsausdruck fort: »Ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den Hof macht.«
»Können Sie wirklich nichts dafür?« sagte er etwas mutwillig. »Nun, da darf ich's Ihnen auch nicht weiter zur Last legen; ich dachte wirklich, Sie hätten plötzlich Ihre Meinung von ihm geändert.«
»Es dürfte doch noch einige Zeit dauern, ehe das geschieht,« entgegnete Kitty.
Anna Marie hämmerte noch immer gutmütig darauf los, die »Dorfschwalben« jetzt.
»Dürfte ich bitten,« sagte Altenried.
Kitty nickte, und schon wirbelte sie im Arm des jungen Mannes fort, von der süß hinschmachtenden Musik getragen in einem Meer von warm pochender Jugendseligkeit.
Anna Marie blickte ihnen nach, mitten aus ihrer Thätigkeit am Klavier heraus. Sie sahen sehr hübsch aus miteinander, wie nur zwei junge Menschen mit sich instinktiv einander anschmiegenden Bewegungen.
»Wie gut er walzt für einen Preußen!« dachte Anna, die von österreichischem Lokalpatriotismus nicht ganz frei war.
Dann standen sie zusammen in einer Fensternische. Das Fenster war offen, und man sah den Mond draußen am Himmel in einem Gewimmel von zahllosen Sternen. Die milde, von süßherbem Wohlgeruch geschwängerte Luft strich ihnen um die Wangen.
Einige der Gäste fuhren fort zu tanzen, einige andere gingen paarweise oder zu dreien in den Garten hinaus. Kitty sah ihnen sehnsüchtig nach. »Möchten Sie nicht auch mit mir hinaus?« flüsterte sie, »es muß wunderschön sein jetzt.« Altenried stockte einen Augenblick. Wie oft hatte er sich heute bereits vorgenommen, vernünftig zu sein, aber es wollte ihm nun einmal nicht recht glücken! Ehe er sich's versah, wandelte er draußen neben Kitty über die breiten, roten Sandwege, die vom langsam sinkenden Nachttau feucht waren und auf welche die Schatten der noch dünnbelaubten Fliederhecken zwischen das grelle Mondlicht fielen.
»Ich will Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen,« sagte er leise. Er hatte ganz vergessen, daß Ulmenhof einem Fremden gehörte.
Er führte Kitty an einen runden Platz, um den hohe, in der Manier des Lenotre verstutzte Laubmauern emporragten. Gegen diese Laubmauern hoben sich abwechselnd Statuen und steinerne Bänke ab. Die Mitte des Platzes nahm ein derzeit versiegter Springbrunnen ein, dessen Becken zwei vermooste Delphine schmückten. Der Mond schien grell und verlieh den Statuen ein quälend unbestimmtes Halbleben. Sie sahen auf ihren Sockeln wie verzauberte Menschen aus, die plötzlich von einer wahnwitzigen Sehnsucht befallen worden wären, auf die Erde herunterzusteigen und noch einmal hinauszujubeln in den Frühling.
»Wenn wir uns ein wenig niedersetzten, ein ganz klein wenig,« bettelte Kitty einschmeichelnd.
»Ist es nicht zu kalt?« murmelte er. »Ich will Ihnen einen Umwurf holen.«
»Ach nein!« bat sie, »allein fürchte ich mich,« und sie blickte sich schaudernd nach den Delphinen um. »Es ist nicht kalt. Übrigens –« und lachend schlug sie den Doppelrock ihres weißen Kleidchens über ihren bloßen Kopf, wie eine Wallfahrerin im Regen. Es ließ ihr entzückend, das zarte Blütengesicht sah doppelt verführerisch aus in der weißen Hülle, die sie mit einer Hand unter dem Kinn festhielt. Sie setzte sich auf eine Bank neben die Statue einer Flora mit einem leeren Füllhorn und tänzelnder Pose. Einen Augenblick blieb er stehen, dann setzte er sich auch. Das Blut pochte ihm in allen Fingerspitzen, sein Mund war trocken. Wie herrlich das alles war! Rings um ihn Mondschein und Frühling, und neben ihm Kitty so ruhig und unbefangen, offenbar ahnungslos von dem Gewitter in seinen Nerven. »Man möchte immer hier bleiben,« sagte sie aus einem längeren Schweigen heraus mit ihrem vollen, innigen Kinderstimmchen und blickte ihn aus großen, begeisterten Augen an.
Er sah mühsam von ihr weg. »Nach allem, was ich heute beobachten konnte, hängt es wohl von Ihnen ab, ob Sie für immer hier bleiben wollen oder nicht,« murmelte er heiser.
»Ich hab's Ihnen schon einmal gesagt, ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den Hof macht,« wies sie ihn humoristisch zurecht. »Wenn Sie auf jemanden böse sein wollen, so müssen Sie auf Herrn Förster böse sein, nicht auf mich.«
»Wie soll ich auf Herrn Förster böse sein,« murmelte Altenried, und plötzlich, fast auffahrend, setzte er hinzu: »Glauben Sie denn, ich würde Sie nicht auch neben mir festzuhalten trachten, wenn mir Ulmenhof gehörte?« So, da hatte er's! Sein armseliges bißchen Selbstbeherrschung war ihm gänzlich abhanden gekommen.
Was nun? ... Ja was? ... Kitty legte ihm ganz einfach die weiche kleine Hand auf den Arm und sagte: »Und jetzt wollen Sie weiter nichts von mir wissen, nur weil Ihnen Ulmenhof nicht gehört?«
Das weiße Röckchen, das sie noch immer mit der Linken unter dem Kinn festgehalten, war ihr von dem krausen Scheitel heruntergeglitten, der warme Duft ihres Haares streifte seine Wange, ihre großen Augen blickten zu ihm auf.
Was war da noch viel zu machen! Er nahm die kleine Hand, die sie auf seinen Arm gelegt, und küßte sie zwei-, dreimal. »Kitty, Kitty, mein Engel, mein Leben!« rief er. Dann hatte er plötzlich wieder einen Anfall von Vernunft. Sein Atem stockte. »Ich bete Sie ja an,« begann er, »Sie wissen's ja; wenn Sie es nicht gewußt hätten, so wären Sie nicht gegen mich gewesen, wie Sie gewesen sind ...«
»Wahrscheinlich,« sagte Kitty sehr ruhig.
Er mußte unwillkürlich lächeln, mitten in seine Vernunft hinein, dann fuhr er fort: »Aber sehen Sie, Sie sind ja ein Kind, und ich müßte ein ganz schlechter Kerl sein, wenn ich Sie beim Wort halten wollte, da Sie gar nicht wissen, was Sie auf sich nehmen. Sie kennen das Leben nicht, Sie haben mich lieb, weil Sie Mitleid mit mir haben. So etwas gilt nicht, es könnte Sie später gereuen, und dann würden Sie an Ihrer Verlobung schleppen wie an einer schweren Kette, weil Sie doch zu ehrenhaft wären, Ihr Wort zurückzunehmen. Nein, bewahren Sie Ihre Freiheit ungeschmälert. Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, um mir eine Existenz zu schaffen, die ich Sie auffordern dürfte mit mir zu teilen. Und sollten Sie dann wirklich noch frei sein und Ihre liebe Hand in die meine legen, dann will ich Ihnen auf den Knien danken dafür. Bis dahin ...« er stockte außer Atem. Er hatte sich selbst reden gehört und gestaunt über seine eigene Beredsamkeit. Alles, was er sagte, kam ihm so überaus stichhaltig vor, daß er selbst nicht begriff, was man dagegen einzuwenden vermöchte. Ein kalter Schauer überlief ihn, eine Angst, es wäre ihm wirklich gelungen, sein schönes Glück wegzuvernünfteln.
Einen Augenblick zögerte Kitty, dann sagte sie: »Bis dahin können wir beide graue Haare haben. Nun, mir ist recht, was Ihnen recht ist, ich warte auf Sie, wenn's sein muß, meinetwegen hundert Jahre. Aber meinen Sie wirklich, daß es der Mühe wert ist, unser Glück hinauszuschieben, bis wir ein Paar trockene alte Mumien geworden sind, nur weil wir dann ein bißchen mehr Geld haben werden?«
»Kitty! – und Sie könnten sich entschließen, mich jetzt zu heiraten, auf meine Lieutenantsgage und meine zehn Thaler Monatszulage hin?« rief Altenried.
»Ich würde Sie heiraten, wenn ich zugleich Ihre Frau und Ihre Scheuermagd sein müßte,« sagte Kitty, »das wär mir ganz gleich.«
»Kitty –!« Er legte den Arm um sie, ein kleiner, weicher, zitternder Schrei kam von ihren Lippen, halb wie das triumphierende Aufkichern eines Kindes, das seinen Willen durchgesetzt hat, halb wie das Schluchzen eines Weibes, das an der Grenze der höchsten Glückseligkeit steht. Sie schmiegte sich an seine Brust, er drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen, und der Frühling freute sich.
Unterdessen hatte man Anna Marie eine kurze Rast gegönnt, ein Leierkasten, den der Kammerdiener drehte, vertrat ihre Stelle. Fräulein von Mühlhausen forderte sie auf, mit ihr im Park spazieren zu gehen. Anna Marie zeigte sich immer bereit zu allem, was die anderen von ihr verlangten, diesmal um so mehr, als ihr selbst darum zu thun war, ein bißchen nach Kitty zu sehen, was die scharfsinnige Hildegard sofort bemerkte. »Sie suchen Kitty?« sagte sie, indem sie Anna Maries spähenden Blick beobachtete. »Die ist nicht weit, vor einem Augenblick habe ich sie mit meinem Vetter Altenried in den Garten verschwinden sehen. Herr Förster hat sie auch gesehen, er war wütend. Es ist komisch, Herr Förster ist in Kitty verliebt, die ihn nicht mag, und Kitty ist in meinen Vetter verliebt, der nun – der jedenfalls durchaus nicht daran denkt, sie zu heiraten. Als gewissenhafter Mensch hat er ihr das auch deutlich gezeigt, aber sie hat nicht verstehen wollen. Ich bin fest überzeugt, sie hat ihn aufgefordert, sie in den Garten zu begleiten.«
Anna Marie sah Hildegard sehr betreten an. Sie wußte noch nicht, daß Hildegards hervorragendste Eigenschaft (außer der Erhabenheit) die Wahrheitsliebe war, das heißt das, was sie für Wahrheitsliebe hielt, nämlich eine drängende Sucht, jedem Menschen so viel Unangenehmes ins Gesicht zu sagen als möglich. Ehe Anna noch eine Antwort bei der Hand hatte, fuhr die Mühlhausen fort: »Mir ist es immer komisch, was einige Mädchen alles daran wenden, um die Männer an sich zu locken; ich hatte immer genug zu thun, die Männer von mir abzuwehren.« Fräulein von Mühlhausen hatte eine schwarze Spitzenmantille um Kopf und Schultern geworfen und sah sehr malerisch und über die Maßen verlockend aus. »Mein Gott, hat sie vielleicht zu viel Champagner getrunken?« fragte sich Anna Marie. Aber der Champagner hatte nichts damit zu thun, Fräulein von Mühlhausen war einfach in jenem Zustand persönlicher Mitteilungswut, welcher jedesmal über sie kam, sobald sie sich mit einem halbwegs geduldigen Wesen im tête-à-tête befand. Sie leistete in solchen Fällen das Merkwürdigste an Anspielungen auf ihre geheimnisvollen Reize, auf ihre sehr hohe Begabung, ihre Verehrer und ihre Heiratsanträge. Welche Reihe von abgewiesenen Freiern! – ein Prinz von Geblüt, ein pensioniertes gekröntes Haupt – Fräulein von Hohleisen konnte nicht recht herausbringen, ob es der letzte Kaiser von Mexiko oder der vorletzte Prätendent des damals vakanten spanischen Königsthrons war – Berühmtheiten jeder Kategorie, deutsche Standesherren und einfache italienische Principi u. s. w. Anna Marie lauschte staunend, verblüfft, und sah zugleich etwas verwundert an der verkümmerten Gestalt des neben ihr herwandelnden alten Mädchens nieder. Erst allmählich dämmerte es in ihrer arglosen Seele auf, daß Hildegard von Mühlhausen im höchsten Maß von dem Verfolgungswahnsinn gewisser alter Jungfern geplagt war, die in jedem Mann einen Freier sehen und beständig Heiratsanträge abweisen, wo keine drohen. Sie war eine von den Persönlichkeiten, denen die Phantasie reichlich durch Illusionen ersetzt, was ihnen das Schicksal an wirklichen Glücksgütern vorenthalten hat. »Ja, ich hab mich von jeher tapfer halten müssen, um dem Ideal meines Lebens treu zu bleiben,« versicherte Hildegard nach einer Weile selbstgefällig.
»Was ist das Ideal Ihres Lebens?« fragte Anna Marie.
»Die heilige Unabhängigkeit meines Herzens und meiner Person.«
»Unter allen Umständen?« fragte Anna Marie etwas kopfschüttelnd und ungläubig.
»Unter allen Umständen,« versicherte Hildegard mit Überzeugung. »Die Ehe ist etwas so Unästhetisches. Was ist Ihre Ansicht?«
»Ich weiß nicht,« sagte Anna Marie gewissenhaft; »in meiner Jugend hatte ich keine Zeit, ans Heiraten zu denken, und es hat sich schließlich nie jemand viel um mich bekümmert. Als zum erstenmal die Frage ernstlich an mich herantrat, war ich zu alt.«
»Das ist ja ganz thöricht, Sie sind jetzt noch nicht zu alt,« versicherte Fräulein von Mühlhausen tröstend und höflich.
»Nun, vielleicht hätte es eine andere an meiner Stelle immerhin noch probiert,« meinte Anna Marie lachend, »aber ich – mit einem Wort, ich hatte ein zu romantisches Temperament, um mich in eine Ehe hineinzufügen, die zu meinen Jahren gepaßt hätte.« Kaum waren die Worte von ihren Lippen gefallen, so wurde sie dunkelrot, sie schämte sich, so viel von sich selbst gesprochen zu haben.
Auf Fräulein Hildegard hatte das naive Geständnis gar keinen Eindruck gemacht, die dachte immer nur an sich.
»Ich bin nicht im mindesten romantisch,« versicherte sie, »mir ist alle Liebe entsetzlich, ein jeder Mann wurde mir widerwärtig in dem Augenblick, wo ich merkte, daß er Lust bekam, mir einen Kuß zu geben. War das bei Ihnen nicht der Fall?« Die erhabene Hildegard forderte diese Vergleiche mit ihrer Umgebung natürlich immer nur heraus, um ihre eigene sittliche Höhe an der Kleinheit der anderen zu bemessen. Diesmal wurde selbst die gutmütige Anna Marie etwas ungeduldig. »Ich muß aufrichtig gestehen,« rief sie, »daß ich nicht oft –« doch ohne den Satz zu Ende zu sprechen, schlug sie die Hände zusammen und rief halb freudig halb erschrocken: »Jesus Maria!« worauf sie, ohne Hildegard weiter zu beachten, auf die beiden jungen Leute zueilte, die sie soeben neben der Flora sitzend erblickte, und ihren rätselhaften katholischen Ausruf in die Worte übersetzte: »Aber Kinder! was ist euch denn eingefallen?«
»Thue nur nicht so verzweifelt,« rief Kitty trotzig, »es geht dir doch nicht vom Herzen. Ich hab dir's ja angesehen, ganz genau hab ich dir's angesehen, daß du dir nichts Besseres für mich wünschtest. Wie solltest du auch!« Und Kitty heftete ihre von Glück und Liebe strahlenden Kinderaugen auf Altenried.
»Ich hoffe, daß wir Ihrer Sympathien sicher sind, gnädiges Fräulein,« sagte der junge Offizier, der, im Gegenteil zu Kitty, eher etwas verlegen war. »Mein Geständnis ist schneller gekommen, als ich gedacht hatte!«
»Daran bin ich allein schuld,« versicherte Kitty gelassen, »ich habe ihn gezwungen sich auszusprechen!«
Altenried sah erst Kitty, dann Anna Marie an, dann legte er den Arm um Kitty. »Gnädiges Fräulein, Sie haben keine Ahnung, wie lieb, wie –« Die Stimme brach ihm, er küßte Kitty auf die Stirn.
»Und das nennen die Menschen Liebe!« murmelte Fräulein von Mühlhausen, indem sie mit einem essigsauren Gesicht und vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in Erhabenheit danebenstand und zusah. »Ich begreife wirklich nicht, wie das zwei vernünftigen Wesen Freude machen kann.«
Um eine Stunde später war es still in Ulmenhof.
Am Rand der breiten Chaussee, die nach Ilmenau führte, ging ein junger Offizier, den Säbel unter dem Arm. Zwischen den blühenden Obstbäumen, die rechts und links die Straße umsäumen, zog sich hoch über seinem Haupt ein breiter blauer Streifen dicht mit Sternen besäet, und der junge Mensch wünschte sich die Sterne aus dem Himmel auf die Erde herunter, nur um sie seiner Braut als Spielzeug in den Schoß werfen zu können. Jeder Blick des Mädchens, jedes liebe, unschuldige, übereilte Wort tauchte aus seiner Seele auf, während er so dahinschritt durch die stille Nacht – rings um ihn die duftenden grünen Getreidefelder und die blühenden Bäume, über ihm der Himmel. Ein Wagen kam an ihm vorüber, rasch und leicht. Er trat in den Schatten, um nicht gesehen zu werden.
Er hatte sich bis dahin nicht viel aus seiner Armut gemacht und aller Neid war ihm fremd gewesen, aber heute gab's ihm einen Stich durchs Herz. Es demütigte ihn, daß er Kitty so gar nichts zu bieten vermochte. Und plötzlich fing seine Phantasie an zu arbeiten. Auf welche Weise wäre es denn möglich, seine Zukunft etwas glänzender zu gestalten? Er hatte einen sehr reichen Onkel, den er allenfalls beerben konnte, aber der Onkel war noch jung, er gönnte ihm sein Leben – und dann – eine Erbschaft, die man unter elf Personen teilt! Er konnte dem Militärdienst entsagen, in ein Comptoir eintreten und Unsummen an der Börse gewinnen. Aber von diesem Gedanken wendete er sich unmutig ab, nein, das lag ihm nicht im Blut, es würde doch nichts Gutes dabei herauskommen.
Was blieb übrig – ruhig seine nüchterne Werkeltagspflicht zu thun, genügsam von zehn Jahren zu zehn Jahren ein kümmerliches Avancement abwarten. – Er ballte die Faust und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Noch eins war möglich, es konnte Krieg kommen! Sein Blut pochte stärker. Krieg! Krieg! Das größte, edelste Hazardspiel der Welt! Er dachte nicht an das Furchtbare, das mit dem Krieg verbunden war, er dachte nur, daß der Krieg einen weiteren Spielraum bot für die Entwickelung seiner Fähigkeiten, eine Gelegenheit, seine Berufspflichten ernster, aufopfernder auszuüben, eine Möglichkeit, sich rascher emporzuschwingen, etwas zu erringen mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit. Eine tolle Begeisterung überkam ihn, ein gräßlicher, dringender Wunsch. In demselben Moment schwirrte eine Sternschnuppe aus dem blauen Himmel herunter.
Das Herz des jungen Menschen blieb stehen. Er kannte den Aberglauben, welcher behauptet, daß der Wunsch, auf den, kaum daß er aus unserem Herzen aufgestiegen ist, eine Sternschnuppe antwortet, vom Schicksal erfüllt werden soll. Und plötzlich wurde ihm kalt. Wie hatte er etwas so Entsetzliches wünschen können – entsetzlich nicht für ihn, aber für so viele andere.
Ihm war's, als bedeckten sich die Felder ringsum mit Leichen ... und doch! Er hatte echtes Soldatenblut in den Adern – das alte Raubritterblut der Altenrieds. Was bedeutete das denn eigentlich, unter den Fahnen zu stehen in nicht absehbarer Friedenszeit? Ein Offizier, der zu nichts anderem diente, als seiner Mannschaft den Ceremonien- und Tanzmeister abzugeben – ein Offizier, dem nie Gelegenheit geboten worden war, sein Leben in die Schanze zu schlagen, war doch ein recht armseliger Wicht!
Zur selben Zeit lag Kitty, die Arme unter dem Kopf, in ihrem Bettchen und träumte ihrerseits in die Zukunft hinein, glücklich bis in jede Fingerspitze, aber bescheiden und still – eine Zukunft, in der sie Hand in Hand mit ihm denselben Weg gehen würde, einen ganz schmalen Weg, aber rechts und links mit Blumen besetzt, nach denen sie sich bücken mußten, um sie zu pflücken – ja, sich tief bücken. Aber je tiefer sie sich danach bückten, um so mehr freuten sie sich daran.
Hand in Hand – Hand in Hand – bis in den Sonnenuntergang hinein!
* * *
Anna Marie sitzt in ihrem Zimmer und schreibt Briefe. Es ist die Beschäftigung, die ihr im Leben infolge ihres großen Bekanntenkreises am meisten Zeit wegnimmt. Ihre massenhafte Korrespondenz ist die Steuer, welche sie für ihre Beliebtheit zahlt.
Kitty kniet unten im Garten vor einem Gemüsebeet, in das sie abwechselnd mit einem spitzigen Stück Holz Löcher bohrt und aus einem blauen Papiersäckchen Samen streut. Sie trägt eine verwaschene, rot ausgenähte blaue Ärmelschürze, die noch von ihrer Pensionszeit herrührt und ihre biegsame, junge Gestalt völlig einhüllt, ein Paar hirschlederne Handschuhe, mit denen sie ungeniert in der Erde wühlen kann, und einen großmächtigen Strohhut. Ein dicker, brauner Dachshund, dem ihre kauernde Position befremdlich erscheint, springt laut bellend um sie herum und setzt seine dicken Vorderpfoten abwechselnd auf ihre Schultern und auf ihren Rücken. Das ist ihm gnädigst gestattet. Wenn er sich aber unterfängt, seine Pfoten in das schön geglättete, wie geriebene Schokolade aussehende Gemüsebeet zu pflanzen, das seine Herrin bearbeitet, dann – wird ihm eine fürchterliche Strafpredigt zu teil.
Mit dem herrschaftlichen Schloßgarten von Ulmenhof hat der Garten, in dem Kitty arbeitet, nichts gemein. Hinter dem Haus ziehen sich großmächtige, rechtwinklige Beete, von Salbei, Lavendel und Erdbeeren eingefaßt und in kleinere, von winzigen Pfaden getrennte Felder abgeteilt, aus denen hohe, alte Obstbäume aufragen, wahre Patriarchen von Obstbäumen; Birnbäume, etwas schwerfällig, mit umfangreichem Stamm und ziemlich regelmäßig gebauten Kronen, ganz übersäet von dichten Blütenbüscheln, weiß wie Engelsflügel, aber einen widerlichen Hauch ausatmend; Apfelbäume von viel unregelmäßigerem Wuchs mit graugrünen, flaumigen Blättchen, zwischen roten Knospen und rosigen Blüten, Blüten mit dunkelgelben Staubfäden und seinem scharfem Geruch; Pflaumenbäume, in kleinwinzige, betäubend süß duftende weiße Blüten eingehüllt; und zu Füßen der Obstbäume grelle Sonnenfünkchen mitten zwischen dem grauen Schattenteppich herumtanzend, und in ihren blühenden Kronen ein Heer von Finken, die lustig ein Loblied des Frühlings singen – so sieht es um Kitty herum aus.
Kitty singt mit den Finken um die Wette, nur viel weicher und süßer als sie. Mit einemmal verstummt sie – sieht auf. Ein langer Schatten zieht sich über den Kies bis zu ihren Füßen hin, und hinter dem Schatten steht ein junger Offizier, die Hand an der Mütze, lächelnd und von Glück und Lebenslust strahlend. Sie stößt einen kleinen Freudenschrei aus, dann ihren Blick in den seinen tauchend, murmelt sie nur: »Ach, wie lieb!« Bei ihrer raschen Wendung ist ihr der Hut vom Kopf gefallen. Waldmann, der Dachshund, ergreift sofort die Gelegenheit, ihn zwischen die Zähne zu nehmen und mit ihm davon zu galoppieren – der junge Offizier will ihm nach, um ihm seine Beute zu entreißen, aber Kitty ruft: »Laß ihn, es ist ein alter Hut,« und sie zuckt mit den Achseln.
»Verschwenderin!« bemerkt Altenried, ihr mit dem Finger drohend, »so bereitest du dich darauf vor, die Frau eines armen Lieutenants zu werden!«
Noch immer auf der Erde kauernd, mit der einen Hand auf den roten Kies gestützt, sieht sie zu dem jungen Mann auf und lacht: »Ob ich mich darauf vorbereite! Sieh nur« – sie deutet auf ein langes Stück Erde – »das habe ich alles mit Gemüse bepflanzt. Es ist reizend, sein eigenes Gemüse zu pflanzen, und es kommt so billig. Wenn wir verheiratet sind, werde ich den Gemüsegarten allein bestellen.«
Was für ein entzückendes Geschöpfchen! Ihr weiches, volles und doch durchdringendes Stimmchen allein könnte genügen, ihn um den Verstand zu bringen; jedes Wort, das sie spricht, thut ihm wie eine Liebkosung wohl und regt ihm zugleich alle Nerven auf. Am liebsten möchte er sie in die Arme schließen und mit ihr bis an das äußerste Ende der Welt fliehen – irgend wohin, wo ihn niemand mehr in der vollständigen, ungestörten Besitznahme ihrer bezaubernden kleinen Persönlichkeit stört. Und während ihm dieser wilde Traum in den Adern spukt, steht er wohlerzogen und ruhig vor ihr und sagt: »Wenn wir verheiratet sind, werden wir wahrscheinlich gar keinen Garten haben.«
»So!« meint Kitty, »das ist schade«; dann gleichmütig die Achseln zuckend, ruft sie: »aber wenigstens ein paar Blumentöpfe vor den Fenstern, das ist auch schön!«
»Hm! es scheint, daß nichts im stande ist, dir die Freude an unserer armseligen Zukunft zu verkümmern,« sagt Altenried und lacht gerührt, ohne jedoch den Schatten wegzulachen, der seine Augen verdunkelt.