Ottokar Březina
Hymnen
1913
Kurt Wolff Verlag • Leipzig
Dies Buch wurde gedruckt
im Oktober 1913 als zwölfter
Band der Bücherei „Der jüngste Tag“ bei
Poeschel & Trepte in Leipzig
Berechtigte Übertragung von Otto Pick
Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Die Glücklichen
Gefährliches Schweigen fiel in unsere Einöden und in die Tiefen der Wälder,
wo die höchsten Wipfel der Bäume von den Wundern des Lichtes flüsterten,
ein langer Aufschrei erbebte — und es neigte sich Durst zu der Quelle des Blutes.
Zwischen uns und den Sternen ziehen die Wolken der Erde.
Mit tausend feurigen Augen in unsere Nächte blicken spöttisch die Städte
und in den klingenden Gärten, wohin die Sterne tropften wie Tau, entstieg den Düften Begier.
Jahrhunderte künftiger und vergangener Schuld begegnen sich im Wahnsinn der Menge
und die Hände, die, müde vom Recken zur Höhe und in Gebeten, sich senkten,
schwärmen von glühenden Berührungen und nicht gehorcht uns unser reineres Träumen.
Fahl wurden die lieben Gesichter in unserer Seele, die Worte erstickten in schmerzlichem Lachen,
unsere ätzende Atmosphäre machte die Blüte der Farben und Dinge zu Schatten.
Dampf raucht aus den Wassern, auf denen wir fahren, versteinert sind unsere Ruder in ihnen,
die schmerzlich gekrampften Hände halten sie kaum, so reglos hängt ihre Schwere in den Wellen,
und schwindelnd faßt uns die Suggestion der Tiefen.
So sprach zu euerer Seele das Dunkel, doch stumm eurem Schmerze
und eueren Blicken, die die Tiefe verloren, bleibet die Erde:
weit irrt, vor euch Schwachen, ihr Traum in Jahrtausenden,
duftend und bebend in den Strahlen des Höchsten.
O Glückliche, die ihr aus diesen Augenblicken frei und rein euch erhobet,
öffnend die Augen, die vom Sturmwind des Feindes geschloßnen.
Den Starken ähnlich, als sie am Tage des Todes auszogen, Gebet auf den Lippen:
Flügelschlag höherer Wesen gab ihren Schritten den Rhythmus,
und ihr magisches Lächeln, der Sonne befahl es:
Stehe still über unserem Tag und gehe nicht unter,
bis die Ernte der Saat reift und wir auf der Walstatt anstimmen ein Danklied!
Und die Sonne stand still über ihrem Tag und ging durch Jahrhunderte nicht unter,
denn der Tag der Sieger, der Tausenden Licht gibt, leuchtet auf ewig.
O Glückliche, die ihr aus diesen Augenblicken frei und rein euch erhobet
und durch euer Gebet mit einem Flügelschlag die duftenden Träume der Erde erreichtet:
aus den unsichtbaren Gärten, bepflanzt mit tausenden Toten, die eueres Werkes dort harren,
einatmet ihr tief die stärkenden Düfte.
Gebet für die Feinde
Deine Macht schuf, daß unsere Röte in die Wangen unserer Feinde hinüberfloß,
als unser Antlitz vor Bangen erblaßte,
und das Licht in den Blicken der Feinde machtest du klar wie Sterne durch unsere Bewölktheit.
Ihre freudigen Schreie entstiegen unserem Schweigen
und den Hauch unserer Grabblumen aus ihren Knospen einatmeten sie als lieblichen Duft.
Aber unser Gespenst schlich sich ein in ihr Träumen, knüpfte sich fest in ihrer Tanzlieder Kette,
und unsere stillsten Einsamkeiten waren der Ort unserer Begegnung.
Deines Geheimnisses schwerer Schatten seit ewig trennt ihre Seelen und uns.
Das mystische Licht, das du den Blicken entzündet, es brach sich anders in ihrer Brust
und der Sommer, in dem ihre Ernte reifte, als Feldbrand durchzog er unsere Fluren.
Aus ihren Stimmen brausen uns Winde, die hundertjährigen Sturm uns brachten,
das Leid vergessenen Weinens und auf den Ruinen verzweifeltes Schweigen.
Ihr Lächeln ist voller Gefahr und Erinnerung an die unbekannten Siege der Toten
und ihrer Stirne Düster ist der Schatten rätselhafter Tode vor Jahrhunderten.
In ihren und unsern Gedanken kämpft der stumme Wirbel der Stimmen aus der Tiefe der Seelen,
Echo der Gedanken der Väter, Vermächtnis der Trauer und Schuld erkalteter Blute:
deines Geheimnisses schwerer Schatten liegt zwischen ihren Seelen und uns.
Allgegenwärtiger! Du in Jahrhunderten unverwandeltes Lächeln!
Umarmung, umfassend die Unendlichkeit! Singendes Pochen tausender Herzen!
Flammen, entsprühend vor Lust verlöschenden Blicken!
Du, dessen Liebe wie brennender Schwefel fällt in die Gärten der irdischen Liebe!
Wir beten ein Gebet für die Feinde, die im Dämmern des Lebens uns nahen,
für sie, die außer uns gehn, unbekannt in der Ferne der Erde, des Todes,
und für jene, die an künftigen Morgen erwarten den Morgen unsres Geschlechts!
Deines Geheimnisses schwerer Schatten liegt zwischen ihren Seelen und uns.
Wege zu dir sind unsere Siege und unsichtbare Siege sind in unserer Überwindung.
Dem Zischen der Schwerter mischt sich das Rauschen der Ähren geheimnisvollen Reifens. Echo der Hiebe erklingt in der Ferne.
Im geschliffenen Stahl unserer Schwerter und der Schwerter der Feinde entzündest du eine Sonne aller Morgen,
und den Samen von blutenden Händen lässest du aufblühen als Lilien.
Zahllose Flammen seit ewig verzehren das Dunkel. Auch die Sonne und der geheimnisvolle Durst aller Welten,
doch immer erneut wälzt sich’s her aus kosmischen Höhen. Und doch wird am Ende Licht sein.
Und unsere schmerzlichen Schreie, einst werden sie tönen wie Bienen,
nahend den Stöcken mit der Süße des Honigs, den sie errafften auf den Fluten der Zeiten.
Wir kämpfen deinen geheimnisvollen Feldzug.
Du bestimmtest die Führer der Truppen und machtest ihre Höhe die Jahrtausende überblicken,
die Strahlen ihrer Blicke brachen nicht im Übergang von Mitte zu Mitte
und das Flüstern ihrer Befehle ward zum Donner im Echo der Tiefen.
Du gabst Kraft unserm Angriff, als die Landschaften des Lichtes von unseren Schritten erdröhnten,
und Kraft den Armen der Feinde, als wir die Siege des Tages
bei nächtlichen Fackeln entwarfen! —
Unsere Tage erstehen in Nebeln und bange und bange und bange!
Unser Ermatten sät Rosen auf die Felder der Feinde! Und es führt unser Weg zu den Grenzen der Zeit!
O Ewiger!
Im Azur künftiger Jahrhunderte raucht zu dir als ein Bittopfer der Schmerz aller Siege
und das Falten aller Hände, die von Tränen benetzt sind, nach mystischer Verzeihung ruft es!
Mache unsere Hiebe süß und die Zahl der Lebenden größer, nicht kleiner!
Und daß in der Stille unseres Schmerzes in der Seele die mystischen Quellen des Lichtes uns rauschen,
denn der Schmerz und das Licht sind der Vibration deines Geheimnisses einzige Formen!
Mögen im Mittag unseres Kampfes uns klingen die ätherischen Küsse der im Tode versöhnten Seelen,
und die von der ewigen Schuld entzündeten Wangen kühle der Tau eines neuen Schattens,
in dem auch wir die Seelen unserer Feinde dereinst im Grimme der Liebe durchdringen,
die wir leugneten weinend und im rosigen Regen der Küsse der Toten,
denen du befahlst, zu welken auf den Lippen des Kämpfers!
Die Stadt
Ich sah eine Stadt im Flor fremden Lichts. Und Sonne
hing bleich und des Glanzes beraubt über ihr,
nichts mehr als ein Stern inmitten von Sternen.
Tausend Türme wuchsen zu den Wolken und eines vor langem zerstörten
Turmes Schatten erhob sich. Zahllose Massen wälzten sich torwärts und hervor aus den Toren,
Musik zu unbekannten Festen ertönte, es kamen Züge von Büßern,
Soldaten kehrten vom Kampfplatz, Gefangene schritten in Ketten,
und den Gräbern entstiegene Schatten irrten inmitten der Menge,
und in die Stimme der Lebenden mischte sich ihre Stimme und herrschte:
Sie vereinigten Hände von Fremden und ihr Lachen fiel in der Liebenden Küsse,
wo sie durch Umarmungen schritten, sanken die geöffneten Arme,
und aus ihren im Vorwurf der Schuld unheimlich klaffenden Augen
brach eine geheimnisvolle Sonne und floß jenes Leuchten,
das die Stadt und tausend Lebende in sein melancholisches Zittern tauchte.
Und ich irrte allein durch die Menge, der Schlag meines Herzens
erstarb im Pochen zahlloser toter und lebendiger Herzen
und die magische Welle aller unserem Tage erloschenen Blicke
bestrahlte die Seele mir. Und dort traf ich dich:
deinem Odem entwehte der Duft meiner tiefsten Einsamkeiten,
der Heimaterde, der ätherischen Blüten im dunkelnden Laubgang,
erblüht in des Nachthimmels silbernem Regen,
und deine Stimme bebte von Stimmen, die ich im irrenden Winde erlauscht
bei meines einsamen Feuers Geprassel.
Ich bin wie ein Baum in Blüte . . .
Ich bin wie ein Baum in Blüte, tönend von Bienen, Insekten: Lachen und Ruh;
Blut: Aufgang der Sonne, Tag badet verjüngt im feurigen Schein;
in den Korridoren des Lichts habe ich Düfte gebreitet für meiner Liebhaber Schuh’
und in den Schoß der Frauen warf ich das Geheimnis der Nächte hinein.
Doch eifersüchtig, wenn ich nachts, matt von der Lenze Umarmung, im Schlummer denk’,
will ich nicht, daß du meine ätherischen Schwestern begehrst, die dich locken zum Tanz:
in Jahrtausenden häuft’ ich Schätze, ein Königsgeschenk,
und jenen, die nichts zu fordern verstehen, geb’ ich es ganz.
Für sie ist die Grausamkeit meiner Liebe,
Ermattens Grabesnacht,
meiner Blicke Tiefe, so seltsam
wie Sternenbilder entfacht,
Kelch meiner Sekunden, wo der Ewigkeit Licht
wie Blut sich ergießt,
und der Küsse Taumel
böse und süß.
Bin nicht wie die Schwestern: ewige Nacht
breitet sich rot hinter meinen Träumen aus,
mit der Hochzeitsfackel ob der Liebenden Haupt
anzünd’ ich das Haus:
Mit feuriger Sichel schnitt ich die Blüten, gesät von mir,
mit Flammen verjag’ ich, den ich lockte, der Vögel Zug;
doch die Seelen, harrend seit Jahrhunderten, kommen aus geheimnisvoller Nacht heran,
in tötlicher Stille auf rauschender Bahn,
ätherischer Falter funkelnder Flug,
die Fackeln umkreisend, entzündet von mir
um der Erde feurigen Bug.
Sklavin des Ewigen, Fürstin des Wahns, ich kenne der Masse tieferen Klang,
erster Sonne Pracht, Wolke des Tages, der sinkt;
ein Tränenstrom netzt meine herrlichen Wangen, entfließend der Wimper, die in Wollust sank,
in meinem Weinen spiegelt sich das Kreisen der Sterne, Musik der Nacht in ihm sich aufschwingt:
denn Fluch der geheimen Schuld und die Zeit schluchzt in meinem Lachen bang
und in meinem, vom Lachen des Lichtes tränenden Weinen
Hoffnung der Wiederkehr klingt.
Motiv aus Beethoven
Das war kein leiser Hauch aus ewigfernen Jahren,
vor meiner Seele Fenstern stieg zu mir
Klang deiner Töne: Komm, im wunderbaren
Goldregen unserer Sterne baden wir.
Duft in den Gärten schläft und Himmelsblau in Teichen,
künftiges Morgenrot schloß sich in Blüten und
die Lieder schlafen warm in Nestern; fern entweichen
siehst du den Farbenschaum, grau sinkend auf den Grund.
Dunstschleier wird sich wie ein Vorhang breiten,
silbern mit Licht verwebt, wie aus Asbest,
während in schwarzen Waldeseinsamkeiten
das Leid sich matt zu Boden gleiten läßt.
Das Dunkel der Gewölbe will die Sternenlüster überbauschen,
kosmischer Samenstaub, und still wie ein Gewicht
sinkt Dunkel auf den Raum, wo fern die Ruder rauschen
entglittner Zeit. O sage, fühlst du nicht,
wie sich der Atem engt, betäubt von Nacht und Düften?
Und vieler Träume Flug sich in der Runde hebt
und lachender Jasmin und Rosenhauch in Lüften
in seiner Schwingen Wehn aus seiner Hülle bebt?
Wie dir Erinnerung auflodert in der Seele,
verhaltener Kräfte Quell dir an die Schläfen schlägt,
der Küsse Heftigkeit verbrennt dir Mund und Kehle,
und toten Glanzes sich dein Blut in Adern regt?
Daß die Pupille dir ein innerer Brand entzündet,
den Schatten, deiner Schritte Kette, nahm und brach,
und daß meine Hypnose in der Seele Kammern bindet
dein Leid an des Gedankens Lager, wo es nie erwacht.
Und fühlst du, wie Sein Hauch dem Tau der Sternenwiesen
milchstraßenwärts hinwehend sich vereint,
und Sehnsucht nach dem Tod, wie wundersüßes Fließen,
und sieghaft Lust und der Begierden schwarzer Wein,
und zweier nackten Arme gieriges Beginnen,
auf Alabasterbrüsten, weich zur Ruh,
in dein erregt berauschtes Wesen rinnen,
als schlössen sich die matten Sinne zu?
Kristall der Lampe füllt’ ich mit dem Öle meiner Töne,
ich wölbte deine Gruft aus strahlendem Gestein.
O komm und auf der Zauberblumen Kissen lehne
in Falten matten Dufts dein müdes Haupt hinein.
Hörst meine Glocken du? Komm: ehe dir im kühlen
Erwachen sich das Leid aus deiner Seele schwingt,
sollst auf den Lippen du mein süßes Grablied fühlen,
und spüren wie sein Kuß dein Leben aus dir trinkt.
Und bis dir lohen wird der ewigen Tage Schimmer
(Regen von Feuerrosen), wird dir sein,
als wärst bei offenem Fenster du im Zimmer
und Morgenlieder still wehten zu dir herein.
Die Natur
Es tönten melodisch die verborgenen Quellen und mein Tag sang sein Lied zu dieser Musik
an den melancholischen Gestaden.
Die Trauer einstigen Lebens, aus dem ich hervorging, entstieg allen Düften
und dem Flüstern der Bäume und dem schweren Geläut der Insekten über den Wassern,
und ganze Jahrhunderte lagen zwischen ihnen und meiner blumenpflückenden Hand,
zwischen meinen Augen und der Welt voll Geheimnis,
die mit tausend fragenden Blicken stumm meine Seele durchforschte.
Gewölk verdunkelte die westliche Sonne. Und meine Seele befragte die Winde:
Sind dieses nahende oder fliehende Wolken?
Verstummten die Winde, zu gehorsamen Spiegeln glätteten sich die Wasser,
und die Sterne, wie Brände in den kalten Wogen strahlender Meere verlöschend,
erbrausten und rauschten über mir, unsichtbar:
Es schwindet das Licht nur beim Nahen größeren Lichtes,
eines noch größeren, größeren Lichtes.
Wo schon vernahm ich? . . .
Du erschlossest die Fenster der Nacht, o Erschließender! Da weht’ es herein voll Geheimnis
und riß die Flügel meines stärksten Gedankens mir aus dem Bereich meiner Blicke.
Im Taumel, als würde das ewige Kreisen der Erde in den Wolken der Welten
in der Seele bewußt mir, kam Gefühl des anderen Daseins in mich.
Von Erde zu Erde, von Sonne zu Sonne fiel Stille herab mit schwereren Schlägen
und neue Stille als Echo entstieg meinen Tiefen, andere Stille als die Stille der Erde:
Sie brauste vom Atemzug Tausender, von hundertjährigen Küssen, vom schwindligen Schweigen längst nicht mehr pochender Herzen,
vom Flug aller toten und künftigen Flügel, von den ewigen Symphonien der Strahlen,
vom melancholischen Läuten der Regen, die, fruchtbar, in hundertjähriges Reifen sich stürzen,
vom Aufschrei in Träumen, die das Morgenlicht fürchten, und von der Düfte mystischem Flüstern.
Sie bebte vom Sturme einstiger Meere in der künftigen Blitze Riesenorchester,
die letzten Kadenzen verklungener Lieder verschmolz sie dem Anfang unbeendeter Lieder.
Stumme Fragen von nimmermehr fragenden Lippen!
In den Ekstasen des Todes voll Durst in die Ferne geheftete Blicke!
Dumpfe Stille geheimer Suggestion von Leidenschaften, die schmerzlich reisen zu künftigem Aufblühn,
die Völker führend durch die Mittnacht der Zeiten, in dem blutigen Abglanz der nördlichen Lichter:
Worte gekuppelt aus dem Flackern der Lichter, die fahl in den irdischen Gedanken verlöschen,
und innere Stimmen, die in den Tiefen der Seelen, ungehört, den Jubel der Seelen aller Welten und eines neuen Lenzes Lächeln erwidern!
Rausch aller künftigen Träume, die mit flammenden Regenbogen
als neue Sonnen am Himmel deines unsterblichen Hauches erblühen!
Ewiger Wirbel der stummen Blitze, in dem deines heiligen Willens Gebote
fliegen vom Geheimnis der unsichtbaren Welt hinüber ins Reich der ersterbenden Farben.
O Ewiger! Jetzt, da machtlos, von Liebe geschwächt die Hände mir sanken,
erschaut’ ich mein Leben, von unbekanntem Lichte verwandelt:
das blasse Flimmern der Farben, von meiner Fenster eisigen Blumen aufspritzend,
zerschmolz, von deinem feurigen Hauche verwaschen und in der Pracht deiner Gärten tobt’ ich mit Blicken.
Und doch, o mein Vater! wo schon vernahm ich die Stimme deiner Stille, die mich so bekannt dünkt?
Wo schon gewahrt’ ich die Pracht deiner Länder, daß ich ihrer Düfte Geschmack wohl erkenne?
Und den Glanz deines Blicks, der meine Seele in Schlummer versenkte und sie erweckte zu diesem Träumen?
Auf meinen Lippen brennt die Süße deiner Trauben und die Küsse verbrüderter Seelen.
Die Feier deiner Glocken fällt in meine Träume und läßt mich träumen von der Musik
und die Morgenzeichen deiner Boten, mir im Traume begegnen sie der Ahnung des Todes.
Dein süßes Erinnern blieb mir in der Seele, wie duftiges Dunkel nach löschendem Lichte,
durchströmt meine Blutwärme, als hielte geliebt eine Hand, nächtens im Schlummer, gefaßt meine Hände
und ließe im langen innigen Drucke mich träumen von Liebe.
Deines mystischen Mondes Mitternacht reizt meinen Sang, im Traume sich durch Gefahren zu tummeln,
und wie aus nächtlich leuchtenden Steinen atmet mir Schönheit aus deiner täglichen Lichter Geheimnis,
und vor Liebe verstummt spricht meine Seele mit ihrer Stimme von einstmals.
— — — — — — — — — — — — — — —
Die ewige Nacht entschlief in den reifenden Feldern. Von oben erglänzten vertraut mir die Sterne.
Vom Morgen anhuben zu flüstern die Düfte, die Stimme der Stille tönte bekannt,
von der Sonne träumten die Apfelbäume, von der reinen Begegnung der Seelen die Knospen der Rosen,
meine Seele, glücklich und bang, von der Heimat.
Erde?
Es breitet Welt um Welt sich aus,
ein Stern am andern, bricht Mitternacht herein,
und einer darunter umkreist eine weiße Sonne,
und seinen Flug hüllt Musik geheimnisvoller Freude ein,
und die Seelen jener, die am meisten litten,
in ihn gehen sie ein.
Hundert Brüder sagten: Wir kennen sein Geheimnis,
in ihm stehn Tote vom Traum auf, Lebende schwinden im Traume dahin;
die Liebenden sagten: Die Blicke erblinden vor übermächtigem Glanze
und wie Duft fremder Blumen tötet die Zeit jeden darin;
und sie, die durch die Jahrtausende sahen,
fragen: Erde? mit heiterem Sinn.
Mit dem Tode reden die Schläfer . . .
Siehe, die Stunde, in der die Schwerkranken noch schlimmer sich fühlen
und die Liebe Allwissenheit erlangt.
Über alle Meere und Festländer fliegen tausend Stimmen herüber,
mit welchen, wie mit Psalmen eines einzigen Chores, die Brüder den Brüdern entgegnen.
— Der Westen verglühte, mit dem Tode reden die Schläfer und unsere Städte
sind still schon. Die Erde: ein verlorener Strand im Meer der Unendlichkeit,
darüber der kalte Azur, Baldachin einer offenen Basaltgrotte,
die ausgebrannt ist. Es klagt in ihr nur die Stimme deiner Meere
und ihre schäumenden Wellen schlagen her durch die tragische Stille
und funkeln höhnisch durchs Dunkel im Glanze herrlichen Goldes,
geschwemmt von den Inseln zahlloser entfernter Welten,
unerreichbarer. Und wir deine Gefangenen hier!
Im Sturm, der sich wälzt und unter gefallenen Sonnen hoch aufspritzt,
das Rauschen des Schilfs über blutigen Nestern . . .
Niemand totärmer als wir hat je sich der Zeiten Geheimnis genähert:
denn auch der Schmerz reift in Jahrhunderten zur Vollkommenheit
und sein Obst, voll mystischer Kerne, wird bitter durch vielerlei Sonnen.
Nichts, was sie ihren Kindern verhieß, hat uns die Erde gegeben:
zu sehr hat ein Unsichtbarer die Wage unserer Schicksale belastet
und die Last unserer Tränen schuf nicht das Gleichgewicht.
Inmitten des Reichtums des Lebens, zum Stillen der Dürste
war das strahlende Weiß unserer Beute wie Wolkenphantome,
die täuschend des Wassers Spiegeltiefen durchziehen.
Und es verfingen die Netze, gesponnen zur Jagd im Unendlichen, am Grund sich
im Aufgeschwemmten von tausenden Jahren.
Unsere süßesten Tage glichen dem drückenden Traum der Glücklichen anderer Welten,
aus dem sie blaß und mit Zittern erwachen
und Jahre hindurch sich seiner erinnern . . .
Jahrtausende lang harrten wir in deines Geheimnisses Dunkel,