NEIN UND JA
ROMAN
VON
OTTO FLAKE
1920
S. Fischer / Verlag
Berlin
Geschrieben 1919
Erste bis vierte Auflage
Alle Rechte vorbehalten, besonders das der Übersetzung
Copyright 1920 S. Fischer, Verlag
NEIN UND JA
I
Lauda kam am Nachmittag in Zürich an, Stadt die er nie betreten hatte, und erster neutraler, die er im Krieg betrat, seltsames Gefühl.
Er ertappte sich dabei, wie er gleich einem Zeitungsberichterstatter in fremdem Land, der seinen Artikel vorbereitet, kleinste Dinge notierte: Straße gefüllt mit jungen Männern, Straße gefüllt mit Auslagen entbehrter Dinge, Straße, in der Frühlingsbäume legitim blühten, denn Mensch darunter war im Einklang mit ihrer Freude, dachte nicht an Mord.
Folgend der grünen Avenue sah er die weiße Lohe, und als er die Brücke betrat, darunter der See zum stadtdurchziehenden Fluß ward, war es, als stehe er der Sonne so nah, wie man am äußersten Rand eines Kraters dem Erdfeuer nah steht; Silberebne lag zwischen Uferhügeln — gleich, ob man sie Wasser oder Licht nannte. Segel darauf waren regungslose Schmetterlinge, die mit senkrechten Flügeln eine Wiese aussaugen.
Da erhob sich ein Wind, erster Atemzug des Abends, und alsbald war die große Bewegung. Möwen warfen sich vom Gelände zum Spiegel, schreiend wie junge Hexen in der Walpurgisnacht der Bühne; die Schmetterlingsflügel blähten sich, begannen den dunklen Leib der Kajüte zu schleppen; Boote schaufelten vom Land, Wasserkäfer, die mit geknickten Beinen auf Flüssigem gingen — es ward der See zum Marktplatz inmitten der hügelbedeckenden Quartiere, Mittelpunkt, zu dem es aus allen Ecken schoß, als sei die Bucht ein Archipel, ferne Dörfer seine Inseln, von denen Ruderndes zur Versammlung der Insulaner eilte.
Lauda nahm ein Boot, war unter ihnen auf der Straße, worin Zeitungsjungen das Abendblatt ausriefen, der Photograph der Liebespaare vor dem Kasten stand, Kokotten kreuzten, wartend daß einer sie ins Schlepptau nahm. Belcanto Verdis mischte sich mit Dudelsack, und aus dem Kielraum einer Jacht quoll Foxtrott eines Grammophons, Unterwasserinstrument phantastisch. In dieser Jacht saß eine junge Miß, Lorelei in Mausgrau tailormade — zu unachtsam am Segelseil, sie rammte Lauda, ihm blieb nichts übrig, als aus dem umschlagenden Boot in ihren Kahn zu springen. Da er darin war, band er ruhig sein Fahrzeug an den Sporn und sagte lachend:
„All right, nun bringen Sie mich an Land.“
„Wo kommen Sie her?“ fragte sie, nasales Englisch verriet die Amerikanerin.
„Aus Brüssel,“ antwortete er und besann sich zu spät, daß das die schlechteste Empfehlung war, denn seit drei Monaten war Krieg zwischen ihrem Land und seinem. Es fiel schwer, ihr versteinertes Gesicht zu glätten; er erreichte es, indem er gewissenlos versicherte, er sei aus dem besetzten Brüssel entwichen, um an dem deutschen Irrsinn nicht länger teilzuhaben, obwohl nur soviel wahr gewesen wäre, daß er gekommen war, um Klarheit in der Frage der Schuld am Krieg zu erlangen. Beruhigung stellte ganz sich ein, als er erzählte, wie man ihn, den Nationalitätenlosen, zum Dienst gezwungen hatte; mit einem der Henker Miß Cavells hätte sie nichts zu tun haben wollen. Bestimmteste Vorstellungen in dem kleinen Köpfchen, das das eigenwillige amerikanische Kinn aufwies. Sie sprach geläufig deutsch, Studentin des Polytechnikums.
Unterdessen quoll aus dem Kielraum Twostep und Tango weiter, dort kauerte auch ein Seidenpinscher; Lauda lachte über solchen Zeitvertreib, mit Grammophon und Hund zu segeln. Sie sah erstaunt auf ihn herab, denn Schlanke stand am Segelbaum, hübsch, ein wenig flach und den Unterleib aus der Hüfte wölbend wie die gotische Figur des Christentums am Straßburger Münster.
Auf sie schauend achtete er nun seinerseits des Steuers nicht und ward aus einem Boot warnend angerufen, russisch und deutsch. Noch damit beschäftigt, rasch zu kreuzen, vernahm er seinen Namen, warf sich herum und sah Hannah Graumann, im Kreis schwarzhaariger Leute. Frage und Antwort flog hin und her, dann bestellte sie ihn zum Abend ins Café. Danach steuerte er ans Land, stieg aus und sah, daß Miß Lilians Jacht Caramba hieß — so schneidig, war es ihre Jacht?
Auf irgendeine Art mußte man in die Dinge springen; die eine, fröhliche, hatte sich von selbst gefunden; die andre, ernste, stand nun fest und entlockte — Widerstreben. Daß er Hannah sofort aufsuchen werde, war sein Plan gewesen; aber da er die Gesichter ihrer Begleiter gesehn hatte, wußte er, was er von ihr erfahren werde, die Auffassung russischer Sozialisten. Er wollte sich unterrichten, Weiß- und Gelbbücher lesen, und sein Gefühl für Helfferich und Ludendorff war böse, hart; doch überschüttet werden von der Worte Flut, drin Hochmut war und Eifer — nein. Ihm schien, es sei noch immer Zeit, das zu hören, und wichtiger, Tage der Einsamkeit, eben erst begonnener, zu verlängern. Es war so schön, in dem Land zu sein, das im Meer des Bluts wie eine Insel lag, und in sein Innres vorzustoßen. Vielleicht war es nur eigner Hochmut, selbst zu finden; wer kannte sich?
Er ging in das Café, das Hannah zugerufen hatte, schrieb, daß er erst zwei Wochen reisen wolle, gab den Brief dem Kellner. Am nächsten Morgen fuhr er nach Luzern, Billett nach Interlaken in der Tasche, und saß nach Mittag wieder im Zug, der durchs Wiesental von Lungern zum Brünig stieg. Der Paß erklommen lag Quertal von Meiringen bis Brienz wie erstes südländisches Frühlingsland vor ihm in Tiefe, und war ihm schöner, als hätte er die große Klimascheide des Gotthard in einem Loch durchkrochen.
Daß es Südland im Norden gab, mußte einer wissen; er wußte es und liebte diese Bahn, die mit Zahnrad und Adhäsion sich mühte, ehrlich im blauen Licht die Steigung zu überwinden. Es gab auch auf dem Brünig Palmen fünf oder sechs, und in dem Park des Grandhotels stand eine Tonfamilie, Schneewittchen mit den Zwergen — Kitsch, doch Erinnrung des Kinds. Er stieg aus, einen Zug zu überspringen; da berührte ihn eine Hand — Frau Hannahs.
„Es war nicht schwer,“ sagte sie, „Sie zu berechnen, Vorteil der ausfallenden Nachtzüge. Ich stand hinter Ihnen am Schalter, und Sie kamen mir unerwartet entgegen, denn mein Plan war, Sie an den Brienzer See zu leiten, Ort, wo ich ein Haus besitze.“
Er blickte forschend in Augen ihm vertraut, denn man konnte mit allem vertraut sein, was entgegentrat, und ihm fremd, denn drei Wochen heißer Begegnung waren nur Rausch gewesen, nicht Wunsch, sie zu verlängern. Warum? Vielleicht, weil diese Frau mit dem strahlenden Funken in brauner Pupille ihm zu verwandt war, die Sinnlichkeiten zu geschwisterlich ineinanderflossen, parallel, nicht gegenüberstehend. Das bot Möglichkeit einer Freundschaft, oft mahnend, etwas für ihre Verwirklichung zu tun, Vorsatz nie verwirklicht. Es waren jetzt zwei Jahre her, daß er im Begriff gewesen war, mit ihr von München nach der Schweiz zu fahren, da hatte man ihn angehalten und unter die Soldaten gesteckt; es wäre, wenn ihr Mann es so nennen wollte, eine Entführung geworden, aber er wußte nicht einmal, ob sie noch mit Graumann verheiratet war und ob das Kind, von dem sie in ihrer einzigen Mitteilung nach Brüssel geschrieben hatte, daß es sein eignes sei, Graumanns Namen trug.
Er führte sie an den Rand des Plateaus, wo unter Kastanien Strandkörbe standen, fünfhundert Meter über dem See, auf den sie wiesen.
„Ich bin Ihnen gefolgt,“ sagte sie, „nicht weil es mein ganzes Verlangen war, Sie in den Kreis einzuführen, den Sie nun fliehn, sondern weil Sie flohn und über mich wie schlimme Katastrophe plötzlich gleicher Wunsch hereinbrach. Erinnern Sie sich unsrer Gespräche in München, als ich erzählte, wie ich als Hannah von Cedernström in dem Augenblick, wo Ehe Haus Versorgung nicht mehr in Frage stand, Ehe Haus Versorgung aufgab, weiter zog?
Wäre es Lust am Neuen gewesen, hätte man wenigstens eine Erklärung gehabt; aber es kam aus Schichten der Erkenntnis, die eine Frau zu benennen scheut, weil sie zu fühlen glaubt, Erkenntnis sei Angelegenheit des Manns. Sie als Mann hatten eine Erklärung zur Hand, sprachen von Aufhebung, bekannten mutig, daß jede Wahrheit, die Sie erlebt haben, zwar nicht in Ihnen stirbt, aber ihre Dämonie über Sie verliert und vom Absoluten her zu einer relativen Wahrheit, kleiner Angelegenheit menschlichen Hirns wird, deren Wichtigkeit Sie einschränken.
Allen fühlte ich mich überlegen, weil ich das selbst empfand; Ihnen gegenüber mich schwächer, weil Sie sich in so männlicher Domäne legitim ergingen, ich nur tastend. Wir arbeiteten, diese Russen deklamierten nicht, wie Sie vielleicht glauben, sie dachten scharf, die einen verwarfen nur die Genossen der deutschen Partei, und ihnen war der Krieg ein deutsches Verbrechen; die andren verwarfen die Sozialisten aller Länder; die französischen taten in ihren Augen dasselbe wie die deutschen, und sie waren unter dem höheren Gesichtspunkt der großen Zersetzung damit einverstanden. Ich nahm an den Zusammenkünften in Kienthal und Zimmerwald teil und war Zeugin, wie eine neue Taktik entstand, die auf den Zusammenbruch wartet, um Sozialismus zu verwirklichen.
Die Russen, die Sie im Boot sahn, reisen in acht Tagen durch Deutschland nach Hause, um Kerenski zu stürzen; wenn man sie fragt, wie sie es mit ihrer Überzeugung vereinen, daß sie Ludendorffs Hilfe annehmen, lächeln sie, und ich weiß, was dieses Lächeln sagt. Wenn ich will, kann ich mit ihnen fahren; sie erwarten es, ich habe ihre Sprache gelernt, sie verheißen mir Wirkung, die noch keine Frau gehabt hat, und wissen nicht, daß ich zurückscheue, nicht weil ich nicht glaubte, nicht die große Verlockung fühlte, nicht die Energie hätte, in das Dunkel der Tat zu springen — sondern weil dieses Tödliche, Bohrende da in mir ist, daß, was Menschen tun, nur so lange Wert hat, wie man es will, nicht Gott ist, der unabhängig von seinen Gläubigen existiert. Ich trenne mich nicht von ihnen, fahre mit, nur eines muß sich erst erfüllen: daß ich noch einmal bis auf den Grund des Zweifels tauche, alles in mir zersetze, durch solchen Zweifel gerecht werde, durch solche Gerechtigkeit härtre Energie erlange.
Mich auszudrücken ist schwer — es ist ein Haß in mir gegen die Wichtigkeit, die ich mir beilege, wenn ich mich mit jenen sozialen Ideen beschäftige. Begegne ich nach irgendeinem heftigen Diskussionsabend wieder den Russen oder allgemein den Menschen, so finde ich sie gleich überzeugt, gleich bereitwillig; aber in mir zog sich eine Spannung zusammen, wie sich in den glücklichsten Tagen der Ehe mit Graumann eine Spannung zusammenzog, irgendeine Summierung von Begierden, die durch Güte des Partners nicht zu befriedigen waren; tat mir einer der Russen oder vorher Graumann den Gefallen, mich zu reizen, dann entlud ich mich und, zauberhaft, alles war verflogen, ich fühlte mich gut, und jeder Zweifel an den großen Ideen war unverständlich geworden. Antworten Sie nicht, das Weib in mir habe den Druck, den Willen, die Energie, den Herren gesucht. Im Fall der Russen war es nicht das Weib, sondern der geistige Mensch.
Was ich wissen möchte, ist: kennen auch andre den Wunsch, zu zerstören, was sie aufbaun, vollziehn auch sie die Gerechtigkeit, denn es ist eine Gerechtigkeit, indem sie so ungerecht sind, höhnen sie, was sie verehren, verehren sie nur um so inbrünstiger und bereuender, nachdem sie gehöhnt haben?“
„Erstaunliche Frau, die benennt, was ich wie mein letztes Geheimnis empfand, das zu entblättern mir erst die Nerven wachsen sollen. Vielleicht können Sie es, weil Sie stärker darunter leiden, ich widerstandsfähiger bin. Denn soviel ist mir klar, jenem Wunsch nach Zersetzung nachgeben, bedeutet große Widerstandslosigkeit. Früher beruhigte ich mich mit dieser Erklärung und fühlte mich überlegen, weil ich widerstehn konnte, das Dunkle in mir überdeckte; dann kam eine Zeit, wo ich feststellte, daß Abschließung gegen das Dunkle ärmer macht als die sind, die es suchen, Hingabe an das Dunkel reicher macht, weil es seelenhafter macht; das mag die Erklärung dafür sein, daß jedes helle Heidentum von einem Christentum bedroht wird, jede Männlichkeit den femininen Tag erlebt, jeder Diesseitige den Gott. Das ist heute mein Problem, wichtiger als das, was mir das Wichtigste war, die Kunst.“
„Und Lösung, ist sie möglich?“
„Nicht in dem Sinn, daß man im männlichen, heidnischen, diesseitigen Zustand endgültig beharren könnte. Weil wir immer endgültig sein wollen, tritt die innre Mahnung ein, Ihr Widerstreben, Ihre Spannung. Möglich ist nur, in dem Kampf zuletzt doch oben zu bleiben, vorausgesetzt, daß man überhaupt zu denen gehört, die ohne dauernden Aufenthalt im Dunkel, das zugleich das Warme, Schützende und Erregende ist, zu leben vermögen. Ja, ich glaube auf Ihre Frage antworten zu können.
Wenn Sie eine Wahrheit, eine Idee gefunden haben und an ihr festhalten wollen, ist das, als wiesen Sie die Erde an, sich nicht mehr zu drehn, da ihre Ruhelage nun feststehe; unmöglicher Befehl. Sie, ich, wir alle, sind Himmelskörper wie die Erde, rasend in Rotation — es läßt sich vermuten, welche Spannungen in ihnen entstehen, sich entladen, immerwährend. Die Spannung, von der Sie sprachen, ist Botschaft solchen Vorgangs, schwache Botschaft, gesandt aus den unbekannten Himmelsräumen in Ihrem Innern, darin Formung und Entformung unermüdlich sind. Denke ich daran, so stellt sich das heroische Gefühl ein, ich meine das der Tragödie, die auch Leben selbstzerstörerisch in den Rachen des Tods wirft. Ihr Grundbewußtsein von Ihnen selbst ist tragisch, es ist Tapferkeit, Hohn, Demut, Auflehnung darin. Sie neigen leichter als andre zu Spannungszuständen, deshalb suchen Sie den Druck, das Gebot, wie allgemein, aber auf dem engren Gebiet des Sinnlichen, Ihr Geschlecht.“
„Wenn es so ist,“ sagte sie, „wie halten dann andre, die Masse der Menschen, die Tragik, den Einbruch dessen, was die Ruhe stört, von sich fern, wie ist es möglich, daß sie überhaupt in Ruhe leben?“
„Wissen Sie das nicht? Indem sie sich einen Mittelpunkt geben, um den ihr Kosmos dreht, genau das, was Sie als Wahrheit oder Idee suchen. Und um den Mittelpunkt ganz unerreichbar zu machen, um vor einer Auflehnung wie der Ihrigen geschützt zu sein, die immer möglich ist, wenn man weiß, daß man einen solchen Gott selbst erfunden hat, geben sie ihm die Eigenschaft des absoluten Gotts, dem zu dienen nicht ehrenrührig ist, der Demut, das ist Willigkeit der Rotation, verlangen darf.
Lehnen sie sich auf, so gibt ihnen dieser Gott im religiösen Sinn den Druck, den ihre Atmosphäre braucht — das ist das letzte Geheimnis des menschlichen Gottesbegriffs, und er ist tief, denn er erklärt sich unmittelbar aus Energiezuständen, Gravitationsvorgängen unsrer innren Welt. Glaube ist der Druck, durch den die Milliarden Weltkörper, die mein Ich bilden, zu einer Einheit gezwungen werden. Auch wer glaubt, zersetzt sich wohl, aber er hat eine Gewißheit: daß die Zentralachse, um die er sich dreht, bleibt und stärker ist als er. Das Bedürfnis der Menschen nach Gehorsam und Unterordnung haben schon manche festgestellt, keiner als tiefste Beschaffenheit erklärt, denn wir treiben wohl Psychologie, aber nicht das, was uns noch zu entdecken bleibt, innre Physik, mathematische Seelengeographie — Seele ist ein Phänomen der kosmischen Physik.“
„Ihre Entdeckung, Lauda?“
„Mag sein, ich weiß es nicht, meine Entdeckung für mich jedenfalls.“
„Da Sie die Unterordnung für die tiefste Beschaffenheit des menschlichen Organismus ansehn, bleibt noch immer unerklärt, wie Sie und Ihresgleichen, die Sie so stolz Heiden nennen, ohne absoluten Glauben, Gott, Religion, nur mit relativem Glauben leben können.“
„Ziehn Sie selbst den Schluß: daß ich wie alle den tödlichsten Zersetzungen ausgesetzt bin, zwölfmal im Jahr den Tag habe, der mit Selbstmordgedanken entsetzlich gefüllt ist. Rettung ist immer wieder, daß der Wille, selbst Achse und Mittelpunkt zu sein, nicht zu unterliegen, suverän, männlich, ganz Energie zu bleiben, die Rolle des Gotts, also des Kristallisationspunkts, spielt.“
„Also kommen auch Sie nicht ohne Gott aus, sei es auch nur ein symbolischer?“
„So wahres Wort. Das Grundproblem, Hingabe oder Überlegenheit, Seelendunkel oder Klarheit, Feminität oder Männlichkeit nimmt Dimensionen an, in die alle Fragen stürzen.“
„Haben Sie in den zwei Jahren gearbeitet, Lauda?“
„Theaterstücke geschrieben? Nein. Auch Kunst stürzte in diesen Abgrund, denn sie beruht mehr als jede andre Tätigkeit auf Hingabe, Unterordnung, eifrigem Einheimsen der armen Ernte. Pathos, Leiden, Sentimentalität, Beredsamkeit, augenblickliche Lombardierung jeder kleinen Entdeckung auf seelischem Gebiet, das ist Kunst. Sie kommen nicht weiter, sie nehmen sich so ernst, sie glauben tief zu sein, und haften an der Oberfläche der Erde, denn sie variieren das Gegebne, die Einzelexistenz, die lügnerische Individualität, alles was nicht primär, nur Manifestation ist. Das alles soll stürzen; kommt keiner zuvor, durch mein Denken. O, wie verlogen Künstler sind. Sie fühlen wohl die Zersetzung der Einheit des Ichs, aber sie haben nicht den Mut, von ihr zu reden, vielleicht haben sie nur die Kraft nicht. Wenn eine Wahrheit in ihnen einstürzt, fürchten sie, nicht mehr produzieren zu können, deshalb kleistern sie und lassen am Ende die alten Götter wieder aufleben. Sie würden sich schämen, zu gestehn, daß ihnen die Weltanschauung unter den Händen zerfließt; statt ihre Zerrissenheit zu gestalten, retten sie sich in die bequeme Heiligkeit des Lebens.“
„Seltsam. Ich will Sie mit jungen Künstlern bekannt machen, die dasselbe zu fühlen scheinen, von ihrer Kunst bitter sprechen, Verächter jener Malerexistenz, die unermüdlich die Dinge variiert; ihr Haß gilt dem Gegenständlichen; sie malen nicht mehr Existierendes, befremdende abstrakte Gebilde. Und ich kann Sie, wenn Sie nur wollen, mit vielen zusammenbringen, die auf irgendeinem menschlichen Gebiet Opposition treiben. Es ist, als habe der Krieg sie von überall her in der Schweiz versammelt.“
Schlaf im Silberfall des Brunnens und Rauschen der Bäume war beglückend; als sich das Jubeln der Vögel hineinmischte, erwachte Lauda.
Sonne war noch nicht sichtbar; hinter dem Brienzer Horn am jenseitigen Ufer leckte Gold herauf. An der Wand hing Schwinds Bürgermädchen, das in kurzem Rock die Läden zur Sonne aufstößt; er tat wie es, fühlte sich nicht weniger kindlich. Doch dann kam Bewußtsein der Wirklichkeit; sie war nicht so reinlich, denn es war der Knabe da, sein Kind. Frau Hannah erhob zwar keinen Anspruch auf ihn, er war ihr Gast, der in keines Mannes Frieden einbrach, von Graumann war sie geschieden. Und doch war es geschmacklos, sich in diese Situation zu begeben, weil sie zu nah legte, das Familienleben fortzusetzen, sei es auch nur ein unverbindliches.
Hannah war sachlich genug gewesen, ihn dem Jungen nicht als Vater vorzustellen, ihm das Kind nicht als Sohn. Da sie also des Kinds froh war, und da sie unabhängig war, und da er an irgendeinem Tag seines Lebens zu ihnen verschlagen wurde, warum überempfindlich sein? Aber es war auch der Gedanke an Claire da, die ihm selbst gesagt hatte, daß er sie mit andren Frauen vergessen werde, und die ihm doch diese Situation nicht vergeben hätte, das gefälschte Idyll. Sie hätte ihm nicht einmal Begegnung mit Hannah allein, ohne das Kind und das Haus gestattet, denn sie hätte anerkennen müssen, daß Hannah das stärkre Temperament war und die Fähigkeit hatte, ihn in geistige Sphären zu begleiten, die nicht Claires waren.
Er fühlte Eifersucht der fernen Frau und wie sie höhnisch darauf wartete, daß auch diese Geistigkeit nur zu einer erotischen Begegnung führte — dann durfte sie sagen: Lüge, ihr gefallt euch in Umwegen, das ist schmutzig.
Er ging in den Garten, der eingelegt in Matten zum Fuß der Berge stieg. In sieben Fällen zerstäubte ein Bach von der Region des Schnees bis zu der des Segelboots. Im Garten fand er den Gärtner, sah ihm zu, wie er Bohnen pflanzte; mit einem tellerartigen Rund machte er Mulden, richtete in der Mitte eine Stange auf, legte darum die Bohnen; sein Messer schnitt den Regenwurm, Teil einer legitimen Handlung, Nahrung der Menschen betreffend.
Lauda sprach mit dem Eingebornen, ward respektvoll angehört, als sei er der Herr des Hauses — von diesem Haus brauchte nun noch Hannah zu kommen, in Wärme des Schlafs und loses Gewand gehüllt, an der Hand den Knaben, dann stand der Gärtner vielleicht auf, zog sich zurück, Diskretion eines Tölpels vor der Herrschaft.
Lauda ging ins Haus, brach in der Küche ein, sich Brot zu holen, nahm in der Bibliothek aufs Geratewohl zwei Bände und stieg bergan, zum ersten Wasserfall, dem dritten, vierten, bis er in Sicherheit sich fühlte, weil endlich keine Bank mehr stand.
Er aß das Brot, trank von dem Quell, öffnete ein Buch und lächelte, es war Fouqués „Undine“, das Märchen von den Wassergeistern, die überall sind, wo Bach hüpft, Wasser stäubt — traf ihn ein Stäubchen, war es, als neckte ihn die Nixe mit dem feuchten Saum. Gut, Märchen zu lesen; Märchen blieb, wenn Strindberg schon ermüdete. Zwar wurde im Verlauf das Märchen selbst zur Geschichte, die auf gelegtem Geleis lief; doch ging es leidlich aus, zerrann in Schaum des Donaustrudels, nicht Scheidung, nicht Versöhnung — Spiel wie eine Schleife geknüpft, gelöst; Schleife, die Beschäftigung für eine Stunde war, unbelastet von den Problemen und den dem Bürger so wichtigen Seelenkämpfen.
Als er aufhörte, stand die Sonne schon hoch; er dachte an den Mönch von Heisterbach, von dem Claire erzählt hatte: ein Jahrhundert war verflossen, als er zurückkehrte, alles fremd. Er hätte unbedenklich, ohne Zögern, seine Rolle übernehmen mögen, ausgenommen, daß er sofort in Staub zerfiel; Hannah wäre nicht mehr gewesen, das Kind nicht mehr, der Krieg nicht; nicht Claire — das allein würde ihn geschmerzt haben, denkend, wie sie ihn gesucht hätte. Er wäre unbefangen unter Menschen gegangen, nicht zweifelnd, daß er alles wiederfand, Frauen, Unterhalt und nicht unterliegendes Denken von den Zuständen Unabhängiger.
Am zweiten Wasserfall kam Absteigender in eine Schlucht. Da sah er vier Meter über dem Boden, vier Meter unter den oberen Bäumen, eine Gestalt, eingeschmiegt in eine Rinne, Plaid um die Hüften. Wurde das Märchen Wirklichkeit, lockte die Nixe? Darauf erkannte er ein blasses Gesicht, geschlossne Augen, die ohnmächtige Hannah. Sie hatte sich verstiegen, konnte nicht vorwärts, nicht zurück. Um ihren Mund lag ein bebender, entschlossen bittrer Zug, er mußte denken, daß sie schön war. Er rief sie an, sie erwachte. Er ließ sie das Plaid zuwerfen, legte es auf seine Brust, den Anprall zu mildern und befahl mit erhobnen Armen: „Springen Sie.“ Sie gehorchte, sie stürzten beide zu Boden, aber sie waren nicht verletzt.
„Wie lang standen Sie da’?“ fragte er.
„Ich weiß es nicht, eine Sekunde der Ewigkeit, die aus allem heraushob. Es war nicht anders, als wenn der Abgrund unter mir vierhundert Meter tief gewesen wäre, ich rechnete ab. Nicht mehr ich dachte, in mir dachte das Unbekannte, das sich nun enthüllte. Ich verstand, was Todesstunde ist, denn ich merkte nicht, daß ich gesichert war, solange ich mich in die Spalte schmiegte, ich fühlte nur, daß ich stürzen und den Kopf auf der Kante zerschmettern würde. Denken war zeitlos, ich erkannte mich: keine Furcht vor dem Tod; Mißachtung war seltsamer Stolz, ich hörte, daß die Berge tosend rauschen, und dieses Rauschen war der Fall der Zeit in die Ewigkeit, gleichmüßiger Donner. Ich begann mit unaussprechlicher Intensität eine Gestalt zu schaffen — Alkestis, die für Admet zum Hades ging; Admet erlangt die Erlaubnis, ihren Schatten zu sprechen, bewegt sie, zurückzukehren. Sie will nicht mehr, alles ist fern, die Liebe, die Kinder, das Licht. Wäre ihr Dialog niedergeschrieben, es wäre vielleicht gewaltig.“
Sie hatte das Pathos der Erschütterten, darnach war sie erschöpft; unmöglich zum Haus zu gelangen. Er breitete das Plaid auf einer Wiese aus, sie hatte Körbchen des Frühstücks mitgebracht. Danach schlief sie, er las; nach einer Weile sah er sie nach einem Buch greifen, ließ sie gewähren. Stunde des Mittagspans war vorüber, die hohe heiße Stunde des frühen Nachmittags kam. Da schloß sie das Buch und sagte:
„Es ist eine Szene darin, die Sie lesen sollen. Sie durchwühlt mich, führt zurück zu dem heute morgen Gefühlten.“
Er sah nach dem Titel, es war ein Roman, der die Erobrung Mexikos durch Cortez behandelte.
„Erzählen Sie aus Ihrer Erregung,“ sagte er. Sie:
„Im Land der Azteken herrscht unerhörter Luxus und unerhörte Grausamkeit. Sie reißen den Gefangnen das Herz aus der Brust, bieten sich selbst als Opfer dar. Sie essen das Fleisch der Geopferten in Mais gebacken, nicht mehr Kannibalismus, religiöse Handlung. Ein Krieger hat sein Leben verwirkt. Man schmückt ihn, läßt ihm eine Woche lang jede Freiheit, er wird nun strahlender Gott geheißen, der unter Menschen weilt, jede Frau, zu der er geht, muß ihm zu Willen sein; doch bei diesem ist sein junges Weib, die zärtlich Schöne. Am letzten Tag setzt man ihm ein Gemüse vor, darin sind die Geschlechtsteile seines Weibes gekocht, er ißt, unbeschreiblich Schmerz, Stolz, Demut in ihm. Danach geht er zum Tempel, um sich das Herz aus der Brust reißen zu lassen; Volk bewundert, liebt und bleibt doch mitleidlos. Ist diese Mitleidlosigkeit nicht Sinn für ein Gesetz über uns, Symbol einer Philosophie, in der das Heroische noch die Größe des Barbarischen hat, die Götter grausam sind? Welch tiefer, gerechter Sinn, den Todgeweihten zum Gott zu erheben, solang er noch im Licht lebt, denn das Jenseits ist unsicher. Ist das Schlachten der jungen Frau und der teuflische Einfall, ihr Weiblichstes dem Gatten vorzusetzen, kannibalisch?
Ich fühle die Idee, die denkende Verkettung, die Dämonie darin, die Inbrunst, die Menschen heißt, Reiche zu gründen und Blumenfeste zu feiern, und den Stoizismus, der von Tod und Schmerz als den elementaren Wirklichkeiten weiß. Ich mag nicht mehr denken, denn die nächste Frage ist: waren die Deutschen nur Dummköpfe und Verbrecher, als sie den Krieg zur Achse ihrer Zivilisation machten? Waren die Spanier, Herde von Abenteurern, besser als die Azteken, die sie ausrotteten, um des Glaubens und Gottes willen?“
„Verbrecher und Dummköpfe waren jene nicht,“ antwortete Lauda, „selbst ihr Einfall in Belgien war nicht schlimmer als der Krieg, den Engländer gegen Buren führten. Expansion und Imperialismus eines Volks sind biologisch oder philosophisch gesehn nichts als das Bestreben eines Kosmos, der in sich einheitlich rotiert, die Nachbarzellen in sein System einzubeziehn und zur Stoffwechselgemeinschaft zu zwingen. Es ist der Grundvorgang alles Geschehns, und diese Vitalität empfanden die Deutschen wohl, sie hatten eine Philosophie, die auf die ältesten Urzustände zurückgriff. Und doch ist diese Philosophie ein verlorner Posten, denn der Mensch ist, wie jeder Kosmos, dem Gesetz der Mutation unterworfen. Schon die Bildung eines in sich rotierenden Kosmos ist Überwindung des Urzustands, in dem Zelle Zelle auffrißt. Zelle und Zelle gehn bereits eine Gemeinschaft ein. Der Begriff der Brüderlichkeit, der als Idee Güte heißt, beginnt den Kosmos von sich aus umzuschichten. Das ist der Sinn des christlichen Begriffs und seine Überlegenheit, die auf die Dauer den Sieg über die grandiose Barbarei eines aztekischen Systems davonträgt. Flache Köpfe sagen, der Krieg sei eine Verirrung, klare leugnen nicht, daß er der Vater aller Dinge war, aber sie fügen hinzu, daß er veraltete Methode geworden ist. Es gibt ja zwei Grundtatsachen der Existenz, ich und die andren, deshalb sind Egoismus und Brüderlichkeit gleichberechtigt und der Brudergedanke zuletzt der stärkre. Die Deutschen werden den Krieg verlieren und büßen, wie nie in zivilisierter Zeit gebüßt wurde; sie werden nicht nur für sich büßen, sondern für alle andren, die erst im Begriff sind, das kriegerische Prinzip aus sich auszuscheiden — sie werden also für die Gesamtheit der Völker ein Problem, das ein wahres Menschheitsproblem ist, durchkämpfen, und die andren werden von diesem Bruderdienst nichts wissen, sondern nur rufen: kreuzige sie. Das wird die Ungerechtigkeit sein, gegen die Deutschland wehrlos ist, und es wird seine Entsühnung sein. Fühlt man das, so ist es schwer, noch zu der Schuldfrage in der Tagesform Stellung zu nehmen. Aber es wird gut sein, von dieser höchsten Betrachtungsweise gar nicht zu sprechen, weil es neben ihr, der elementaren Sphäre, die Fordrung der praktischen Welt gibt, in der man nicht anschaun, sondern Stellung nehmen muß.“
Hannah sagte, zärtlich für einen Augenblick das Sie verlassend:
„Du sprichst weise wie ein Gott, erhaben und unberührt. Sagen Sie mir, ob Sie nicht auch wie ich vorhin das Bedauern empfinden, daß die großen elementaren Perioden so in uns sterben müssen und nur noch in Büchern mühsam rekonstruiert werden, unverweilende Erregung einer Stunde.“
„Als ich gestern das Tal herauffuhr, beobachtete ich, daß mitten in Mulden, durch die nun die Eisenbahn läuft, Moränenreste, ungeheure Ablagrungen von Gletschern liegen, die auch die Wände des Tals bis zur äußersten Höhe ausgeschliffen haben. Ihre Zeit ist vorüber. Als ich heute auf der Höhe stand, bleichten zwischen Moosteppich und starrenden Tannen Blöcke wie ein entblößter Kirchhof von Mammutschädeln. Die Zeit der Mammutschädel ist vorüber. Auch die Natur ist an das Nacheinander gebunden, und was uns erlaubt wird, ist, als späte Nachkommen eine Erinnrung an das Elementare zu haben. Wir sind mehr als alles an das Nacheinander gebunden, und unsre Kunst ist in ihrer letzten Absicht ein Versuch, die Möglichkeit, die nicht mehr besteht, zu rekonstruieren; Kunst ist Ergänzung.
Aber wer sagt, daß darum ein aufwühlender Eindruck wie der Ihrige nur Unterhaltung einer Stunde sei? Er durchsetzt Sie ja, wird weiter wirken und vielleicht schon heute abend einen Einfluß auf die Gestaltung Ihres Lebens haben, der ohne diese Lektüre unmöglich gewesen wäre. Wenn es uns gelänge — vielleicht gelingt es einmal — eine einzige unsrer Ideen in ihrer Chemie darzustellen, dann würde sich zeigen, daß in einem Traum, einer Handlung, einer Vorstellung dieselben Elemente gebunden sind, die in irgendeinem heroischen Zeitalter ungebunden, elementar vorhanden waren. Um ganz weise zu sein und Ihr spöttisches Kompliment zu verdienen: alles ist Variation, fortwährende Verbindung und Scheidung, nur das Format wird immer kleiner und reduzierter.
Die innre Kosmogonie ist noch nicht gefunden, wäre sie es, würde ich sagen: Hannah, Sie sind ein Stern aus Milliarden Sternchen, ich neben Ihnen wie Jupiter neben dem Abendstern; das ist die neue Religion, des Himmelskörpers Mensch. Es gibt einen Grad von Identifikation mit den Mitmenschen, der mir manchmal wie Irrsinn erscheint. Ich sehe eine Frau und philosophiere von ihren Hüften aus, fühle, höre das Rasen ihrer Zellen, steige in ihren Säften, breite mich in ihren Ästchen aus, aufgehoben jede Fremdheit, jeder Ekel. Lust, nach ihr zu greifen, sie durch Akt des Eros in mich zu überführen, dieses kannibalische Stadium, das wir Liebe nennen, wird ersetzt durch das geistige und darum nicht weniger absolute, mich in ihr zu wissen, Blutkörperchen in ihrem Blut.“
Sie sah ihn unsicher an, ihr Mund öffnete sich, zweimaliger Ansatz zum Reden, und Lauda bereute ein wenig, das Gespräch in jene Region geführt zu haben, wo alles Geistige zur primären Sinnlichkeit zurückkehrt, aber sie bezwang sich, fragte ablenkend:
„Das Eingangskapitel von Eugenie Grandet. Es ist bewunderungswürdig. Das ist Diktatur des Geists, die einzige, die erlaubt ist, Architektur einer Intelligenz, die alle Erscheinungen der realen Welt in Bausteine auflöst, aus denen das Fundament aufgeführt wird. Es ist die anschauliche irdische Welt, die Welt der Anwendung, nicht der Ideen, in denen ich mich bewege. Aber in meiner Welt nicht weniger klar, fugenlos, überlegen zu sein, das ist das höchste Ziel, das noch locken kann. Nur ein Franzose kann Balzac sein, kein Franzose kann der Balzac der elementaren Welt sein, dem doch die lateinische Klarheit unentbehrlich wäre.“
Lauda lag im halben Schlaf und suchte den ganzen zu finden, indem er auf das Rauschen des Falls lauschte, der am Morgen wie der Silberbart Kühleborns gewesen war, da hörte er zweimal ein Steinchen durchs Fenster fallen.
„Auch Undine treibt ihr Wesen,“ dachte er und trat in die Öffnung; weißes Gewand schimmerte.
„Ich kann nicht schlafen,“ rief Hannah hinauf, „die Nacht ist warm wie im Juni, kommen Sie noch in den Garten?“
Sie hüllten sich in Mäntel und stiegen zur gemähten Wiese. Der Bär stand zwischen den Berghörnern, Venus leuchtete wie ein Hospiz auf dem höchsten Grat, die Milchstraße zog gleich Rauch eines Holzfeuers unter der Wölbung, als zwinge die Wölbung ihn, sich auszubreiten.
„Man muß es von unten sehn,“ sagte Hannah und legte wie am Mittag den Mantel, „ich konnte nicht schlafen. Es machte wohl froh, mit Ihnen zu reden, alles Wirre ordnete sich durch Gespräch, Gespräch ist Entspannung. Aber als ich allein war, kehrte alles verstärkt wieder. Es ist ein Unterschied zwischen uns, der des Geschlechts. Mann, der philosophiert, wohnt in seinem legitimen Reich, Frau fühlt nur ihre Tragik. Was haben wir? Die Sehnsucht nach dem Druck, der über uns komme; was sind wir? Die nicht in sich selbst Schwingenden, die Kosmen ohne eigne Achse, um mit Ihnen zu reden, diejenigen, die Geistiges, wie wir es heute sprachen, erst ganz begreifen, wenn es in die Feststellung der letzten Sinnlichkeit einmündet. Warum fügten Sie diesen seltsamen Schluß hinzu, dieses Wort vom Von-den-Hüften-Philosophieren? Ich bin so weich geworden, es widerstrebt nicht, einem Mann zu gestehn, daß ich ihn nicht erreiche. Ich habe in diesen zwei Jahren alle kennengelernt, die in diesem Land für die Selbständigkeit der Frau streiten. Das Höchste, auf das sie hoffen, ist Wahlrecht und Bankkonto ohne Unterschrift des Manns. Es ist eine Fordrung der praktischen Welt und der sanft gewordnen Zivilisation, in der Bahnen fahren. Dahinter liegt die elementare, wie ist ihr das Wahlrecht gleichgültig. Was bin ich? Ein Mensch, täglich dem Einbruch der elementaren Sphäre in die gesittete ausgesetzt. Ahnen Sie, wie er zerrissen sein muß? Was ich Ihnen von dem Verlangen sagte, die Wahrheit durch Zweifel und Haß zu erkaufen, ist nichts als die nie gestillte Begierde, des Elementaren teilhaftig zu werden, damit Existenz in Ordnung erträglich und nicht als feige Lüge empfunden werde. O Freund Lauda in schweigender Nacht, die Dinge des mexikanischen Romans haben mich tiefer aufgewühlt als das extremste Programm. Helfen Sie einem Stolz, der vor Ihnen das Visier öffnet. Sei mir Bruder, da Brüderlichkeit Gerechtigkeit ist.“
„Brüderlichkeit,“ antwortete er so leise, wie sie gesprochen hatte, und ihr so nah wie sie ihm, „ist ein andres Wort für Inzest. Bruder nimmt die Schwester, es vereinigen sich die Getrennten. Wenn wir anfangen, geistig zu sein, überwinden wir die Sinnlichkeit, wenn wir es ganz sind, kehren wir zu ihr zurück. Ich wehrte mich, es ist gleich, was geschieht. O warme, brennende Schwester.“
„Ich gebe hin allen Fortschritt des Jahrhunderts, könnte ich jene Prinzessin sein, deren Geliebter Gott wird, bevor er stirbt. Er wählt sie unter allen, die ihm erlaubt sind, er könnte in den Nächten sie töten, um sie der letzten Grausamkeit zu entziehn, er tut es nicht, man muß sein Schicksal erfüllen. Sie stirbt vor ihm, aber während man sie verstümmelt, fühlt sie die Lust, daß er von ihr essen wird, er Held, für den es keine Auferstehung nach dem Tod gibt.“
Am nächsten Tag erfüllte sich die Szene, die ihn am Morgen vorher imaginär zur Flucht getrieben hatte. Er stand beim Gärtner, da kam Hannah aus dem Haus, an der Hand das Kind. Kein Grund mehr, zu widerstreben, Tat ist gerecht, so einfach. Es war ihm fremd, beim Anblick einer Frau, die sich in der Nacht in seine Arme geflüchtet hatte, am Morgen zu denken, nun sei „alles geändert“, Recht oder Verpflichtung entstanden. Es war auch ihr fremd; Wärme, im Druck der Hand verspürt, war gewachsen, darum nur sachlicher geworden; zwangloser Stolz in ihr, gute Haltung.
Das Kind, abwechselnd zwischen aufrechtem Gang und Kriechen, war unbefangen zu ihm, er zu dem Kind. Seejungen nannte er es, Hannah sah ihn verwundert an, er sagte:
„Auf einem bayrischen See gezeugt, am Zürcher geboren, aufwachsend am Brienzer.“
Sie lächelte, führte ihn in die Ecke des Gartens, bog Gebüsch zurück, zeigte die Statuette eines Jünglings; in der wolligen Haarschur, die wie die eines Stiers war, leise Andeutung tierischer Ohren.
„Pan, von dem du an jenem Tag in Bayern sagtest, er sei nicht bocksbärtiger Faun, sondern Jüngling aus den olympischen Spielen. D’Arigo machte ihn, ein deutsch-spanischer Künstler, der Ähnlichkeit mit dir hat, ich lud ihn auf morgen, mit noch einigen.“
„Laß ihn in die andre Ecke Eros stellen, der die Spannung löst, froh macht, straff, untragisch, wie du heute bist.“
„Ja, seltsam ist es; heute nacht konstruierte ich mir die nächsten Tage mit dir, die letzten vor der Abreise: voll Dunkel, gewalttätig gegen mich selbst sein, gewalttätige Liebe suchen, dann wie eine aufgewühlte Schauspielerin, Gefäß des Tragischen, dorthin reisen, wo das Geschick ins Maßlose wächst, Untergang eines im Bürgerkrieg zerfleischten Volks ist — nichts von allem mehr heute morgen, klar, froh, so hell die Tage vor mir, hinter dem Gewitter.“
„Nein, wir sind nicht gemacht,“ bestätigte er, „im Dunkel zu weilen, seßhaft zu werden in Selbstzersetzung, letzte Heiden, erste wieder.“
Sie war ihm nah, wie nie vorher, es verband ihn mit ihr das Gefühl, Vorstadium der Annäherung, suchendes, zehnmal in Frage gestelltes, sei überwunden, durch Gespräch und durch Handlung; Abstimmung sei erreicht, die große Parallelität, jeder für sich, einer neben dem andren. Ritterlichkeit, die sich um den Freund kümmert, war nicht mehr lügnerische Galanterie — Herzlichkeit der Selbständigen.
Bukolischer Tag ward Belohnung solcher Harmonie; Villa im Sinn des Horaz lag am alpischen See unter Bergen, die am Abend rosig erglühten; Verse des Horaz waren nicht mehr gewärtig, aber ihre Rebe und Ulme; kühler Wein zu Mittag, Schatten zum Vesper, Forellen am Abend. Es formte sich das Ideal künftiger Lebensmöglichkeit: ein Haus zu haben in Landschaft, über die die Schauspiele des Himmels ziehn, Sitz der Ruhe und des bestellten Bodens; Gegengewicht gegen Geistigkeit, Obst züchten und Gemüse. Wandrer hätte einen Ort, wo seine Habseligkeiten, Bücher, Gesammeltes waren — Ort, von dem er aufbrechen, zu dem er zurückkehren konnte; Märkte beliefern oder auch nur den eignen Tisch; Fischfang treiben und ländlichen Wein keltern.
Lauda verriet Hannah nichts von ersten Gedanken, damit sie nicht Pläne machen würden; aber als sie sah, daß er sich vom Gärtner Sinn jedes Beets erklären und um den Bezirk des Guts führen ließ, sagte sie:
„Es bleibt ungenutzt, wenn ich fort bin, der Bonne, dem Mädchen und dem Gärtner überlassen; ich wage nicht, ihnen zu sagen, wie lang und wie weit ich fortgehe. Bleibe hier oder benutze es zu Aufenthalten. Mir wäre es ein Dienst und verringerte Sorge um das Kind, dir eine Annehmlichkeit.“
Er saß an ihrem Schreibtisch und dachte: „Ist es poetische Reminiszenz an Romane, ist es Atavismus aus Zeiten, in denen die Menschen nachts zusammenkrochen, ist es einfach Wirkung bürgerlicher Zustände, die die vierundzwanzig Stunden in beschäftigten Tag und freie Nacht teilen — Hannah zeigt wie alle den Wunsch, Liebesstunde in die Nacht zu verlegen. Vielleicht ist es auch der Reiz, eine doppelte Existenz zu führen, tagsüber die eine nichts von der andren wissen zu lassen, den Mann und sich selbst durch den geheimen Gegensatz zu erregen. Wie dem auch sei, mir ist Eros in Tag und Licht am nächsten.“
Er sah ein Heftchen liegen, seine Leere lockte ihn, es zu beschreiben. Unerwarteter Gedanke bot sich an, es mit Feststellungen zu füllen, die sich von allen andren seiner Selbstbeobachtungen durch die Überzeugung unterschieden, daß sie nicht nur halbwahr, sondern von diktatorischer Bestimmtheit seien. Er schrieb der rücksichtslosen Diagramme Laudas erstes:
„Er liebt die Liebesstunde im hellen Tag, denn er will nicht im Dunkel der Frau zerfließen. Sinn der Liebeshandlung ist wohl, daß vom Ganzen abgetrennte Partikelchen zum Ganzen, noch nicht Geteilten, zurückkehren; darum warten die meisten die Nacht ab, Symbol der Rückkehr ins Primäre. Er aber wollte, weil er diesen Sinn fühlte, die Selbständigkeit nicht aufgeben, darum liebte er den Nachmittag, der erlaubte, danach nicht in Schlaf zu versinken, sondern im Licht zu bleiben. Den Verzicht des Partikelchens auf seine Individualität erreichte er auf andrem Weg, indem er die Frau zwang, mit ihm dem dritten Gemeinsamen, der Körperlichkeit, zu opfern, und ersparte ihr dadurch die verlogne Sentimentalität, daß sie glaubte, er gehe in ihr auf, oder sie in ihm.
War aber die Frau von Natur aus sentimental, dann verstand sie solche Parallelität nicht, und stellte fest, daß er den ‚Mensch in ihr beschmutzte‘, denn um das körperliche Opfer, die Bereitwilligkeit zur sachlichen Lust, als reinliche Handlung zu empfinden, in der einer dem andren nur einen Dienst erweist, dazu gehörte das Vermögen, die Würde der Persönlichkeit als Fiktion zu erkennen, unpersönlich, herrisch, elementar zu sein. Aber auch feinfühlige Frauen litten durch ihn, weil sie fanden, daß er sie in sinnlichen Fordrungen, sinnlichen Deutlichkeiten zu weit führe, und sie wahrhaft nackt, seelisch nackt vor ihm waren, der ihnen nicht den Mantel der Scham ließ. Eine Frau mußte von äußerster Leidenschaftlichkeit, also individueller Begierde sein, also Hingabe nicht ‚nur um seinetwillen‘ vollziehn, und sie mußte die äußerste Gewißheit seiner Freundschaft besitzen, um nicht plötzlich in höchster Lust ihrer Einsamkeit bewußt zu werden oder ihre Sicherheit zu verlieren; sie hätte vielleicht weniger Deutlichkeit, weniger Sachlichkeit verlangt, denn wenn er von ihr ging, war ihr das Mysterium für alle Zeit entschleiert und es blieb eine Kenntnis ihrer Sinne, die zugleich wie ein brennendes Gift weiterwirkte und die Begegnung mit einem andren Mann matt erscheinen ließ, in dessen größrer Rücksicht sie die Klarheit Laudas vermißte.
Das fühlend litt er an sich selbst, nicht in dem Sinn, daß er sich für einen Zerstörer hielt, aber die Zerstörung feststellte. Gab sich ein junges Mädchen in seine Hände, wurde es unter ihnen reif — das war Zerstörung und doch nach seiner Auffassung Erfüllung ihres Schicksals. Löste sich eine Frau von ihm, fluchte sie ihm vielleicht und verleugnete ihn — es war zu ertragen.
Er sah durchaus, wie das Positive seines Naturells von einem andren Gesichtspunkt her negativ wirkte: zu wenig Güte, zu wenig Bereitschaft, in seelischen Bezirken zu weilen, zu kurze Behandlung des sogenannten Menschlichen. Er konnte nur sagen: Mensch wird dem Mensch Schicksal. Jene Männerauffassung, die in der Frau das Beßre, Höhre, Reinre suchte, war nicht in ihm, weil er sie Auslegung nannte, tiefer sah, wenn er dem unberührtesten jungen Geschöpf begegnete: die Zärtliche in weißen Mädchenstrümpfen war doch Gefäß aller Erregungen und forderte heraus, auf den Weg des Erlebens gestoßen zu werden — ihr unbewußt, aber er empfand es, dachte nicht wie andre Männer: sie muß geschont werden, sondern: sie will nicht zu sehr geschont sein.
War eine Frau ihm nicht restlos gut, nannte sie ihn sinnlich. Es war wahr und sagte doch nichts aus: er konnte ganz neutral mit ihr verkehren, mußte sie nicht ‚haben‘, aber solche Beziehung war eine Möglichkeit und das Gegenteil eine andre, jene nicht moralisch besser, denn Unsinnlichkeit ist kein ethisches, sondern ein geistiges Prinzip, Vorgang in einem, der manchmal die Sinnlichkeit aufheben muß, um nicht von ihr abhängig zu sein. Er glaubte also in dieser Frage ganz sachlich zu sein, was auch hieß, daß er ganz seinem Naturell treu war. Von andren her hatte sein Naturell Grenzen, von ihm, Lauda, her gab es sich Grenzen, indem es das ausschied, was nicht zu ihm paßte, zum Beispiel Übermaß des Seelischen.“
Nach dem Abendessen wollte Hannah auf dem See rudern, vorausgesetzt, daß er eine halbe Stunde wartete, bis das Kind zu Bett gebracht war. Sie forderte ihn auf, zugegen zu sein, aber es lockte ihn nicht. Er leugnete nicht, daß kleines Kind, rosig unter dem Schwamm strampelndes, hübsch anzusehn war, aber er mied noch die Sphäre des Kinds. Eine junge Frau hatte ihn einmal gefragt: Sind Kinder nicht das Wertvollste, was wir haben? Er verstand es von der Frau aus, aber nicht vom Mann. Die junge Frau, vor der noch das eigne Leben lag, fand das Wertvollste schon außerhalb ihrer selbst; vor fünf Jahren war sie noch selbst Kind gewesen — erwuchs sie, ging alsbald der Wert von ihr auf die Jüngren über. Sich in dieses Nacheinander einzuordnen, solche Verlegung auf die Zukunft der Rasse war ihm undenkbar. Der erwachsne Mensch war ebenso wertvoll.
Er rief Hannah zu, daß er vorausgehe, stieg zum See hinunter. Ein Igel lief über den Weg, er hob ihn auf, sah ein auf Märchenformat reduziertes verrunzeltes Menschengesicht zwischen winzigen Ärmchen, rückwärts in Urzeiten verzaubertes, nahm das Tier ins Boot und fuhr nun selbst rückwärts in Urzeiten. Düster der See, wie im Pfahlbaualter, feucht, vom Schatten der Berge belastet. Stärker mit jedem Tag wurde ihm die Fähigkeit, sich aus der Gegenwart zu lösen, fünfhundert Jahre rückwärts, fünfhundert auch vorwärts zu denken. Märchen des Mönchs von Heisterbach wurde dank Übung eines Hirnmuskels Wirklichkeit, und entspannte sich durch die Konträrfigur Chidhers, des ewig Jungen, der, wenn er wieder des Wegs gefahren kommt, Hirt mit dem Stab findet, wo eine Stadt gestanden war.
Aus dem Ablauf der Geschehnisse, aus der Kette der eignen Tage heraustreten können, sich dem Ablauf entgegenstellen, die Zeit aufheben, das gab das spezifische, ihm eigentümlichste Gefühl, in den Ereignissen seines Lebens nur Gast zu sein, der ganz da ist, danach ganz fort sein wird. Das hieß auch, daß eigentlich die andren das Leben ihm vorlebten, er nur Zuschauer war: er sah die Gefahr. Erhob er seine Wanderschaft zum Prinzip, dann schloß er sich nicht nur aus, das wäre das Geringste gewesen — er wurde auch abhängig vom Prinzip, sein Träger.
Ausweg war, zu wechseln; aber Wechsel war selbst wieder nur ein Prinzip, das von andren Möglichkeiten ausschloß. Andrer Ausweg: die Ergänzung im Geist vollziehn: entweder Wandrer bleiben und die Seßhaftigkeit der andren nicht mißachten, oder selbst seßhaft werden und den Vorbehalt, daß das nur eine Handlung der praktischen Existenz ist und durch die Idee des Wanderns relativ wird, frisch erhalten.
Immer schloß sich der Kreis, Ja und Nein gingen ineinander über. Das war die allgemeine Richtung seines Denkens, aber das Problem von Tat und Betrachtung, Praktisch und Elementar, Ja und Nein darum noch nicht gelöst. Er begann zu ahnen, daß er selbst in die Sphäre der Tat geführt werden mußte, daß er irgendwelchen großen Entscheidungen nicht entgehn konnte, daß er sich ganz in Bindung im Dienst eines menschlichen Glaubens begeben, in irdischer Tätigkeit verwachsen, und danach schmerzhaft sich losreißen mußte. Die Ehe mit Claire war eine solche Arena, in der Ja und Nein miteinander stritten, aber es gab wichtigre Angelegenheiten als die Ehe, sie lagen in der Sphäre des Sozialen. Hannah fuhr nach Rußland, und er fühlte: diese Sozialisten, die heimkehrten, um Revolution aus dem ersten Stadium ins zweite, dritte zu führen, wuchsen in Möglichkeiten, die das Problem der Tat geschichtliches Format annehmen ließen.
Er hörte Hannah vom Ufer rufen, nahm sie an Bord. Sie brachte ihren Dachshund mit, sechsjährigen, ältren, in dessen Augen, sprach Mensch mit ihm, so erstaunlicher Funke von Intelligenz trat, und der seine Eigenheiten so ausgebildet hatte, daß Lauda ihn nur mit Mynheer anredete. Der Hund stürzte unter den Sitz, zog sich verwandelt zurück, Lauda ward an den Igel erinnert, hob ihn zu Hannah empor und sagte:
„Tat wam asi, die einzigen indischen Worte, die ich kenne, man braucht nicht mehr.“
Sie lachte, es war ihm Ernst:
„Sieh ihn an, wie menschlich sein Gesicht ist, ein dumpfer verarbeiteter Proletarier. Sahst du jemals in einem Koben Schweine? Erschreckend, wie noch menschlicher sie sind. Wo ist der Unterschied? Die Tiere sind, der Mensch wird; die Mutationsfähigkeit ist der Unterschied, nicht die Seele; denn die Seele ist ein Phänomen der Mutation, eine Beunruhigung zwischen zwei Zuständen. Weil Tiere sind, Kinder aber verlangen, daß ich sie in mein Leben einordne, also eine Mutation vornehme, liebe ich Tier mehr als Kind. Daran wird mir klar, daß eine Abneigung gegen Mutation in mir oder uns besteht, also meine Eigenwilligkeit, meine Abneigung, Ideen und Gebote stärker als mich werden lassen, einem Beharrungsbestreben entspringt — Beharrungsbestreben, Trägheit im Gravitationssinn, ist die Definition von Egoismus. Mag sein, daß wer stolz auf seine Geschlossenheit ist, nur egoistisch ist, und daß, wer sich Vater- und Familienpflichten nicht entzieht, tapfrer ist, gehorsam dem Gebot der ewigen Umwandlung. Was mich zu Tieren zieht, ist die Gemeinsamkeit des Triebs, nur sein zu wollen, nicht zu werden — bei ihnen Gesetz, mir Wunsch. Nicht untertan werden, suverän bleiben: wahrlich, ich beginne auch da eine Gefahr zu sehn.
Seltsame Epopöe, die mein Denken heißt, ich umkreise mich von allen Seiten. Verzeih, du hast die Eigentümlichkeit, daß ich mit dir fessellos diskutiere; jeder, mit dem man zusammenkommt, veranlaßt so zu einer besondren Haltung, die man sofort, automatisch, einnimmt, sooft man ihn wiedersieht. Du wirst noch, an mich denkend, definieren, daß Lauda jemand sei, der mit Damen philosophiert, bevor er mit ihnen schläft. Es gibt niemand, der nicht komisch würde, denn komisch ist, was konsequent ist.“
„Dafür hast du ja deine Theorie und Taktik der Aufhebung,“ sagte Hannah.
Lauda: „Und laufe Gefahr, Don Quichotte zu werden, Wotan-Wandrer, der die große Arie vom ewigen Wechsel singt.“
Hannah: „So kritisch gegen dich selbst?“
Lauda: „Durchaus. Man muß sich selbst Wahrheiten sagen. Manchmal, wenn ich dir erkläre, wie ich etwas sehe, ist es, als sei ich der liebe Gott, der sich über seelische Probleme interviewen läßt, Besserwisser und Tyrann — einziger Unterschied, daß er einen langen Bart trägt, ich als bartloser Jüngling mit Faunsöhrchen in deinem Garten stehe.“
Hannah: „Wer sich selbst verspottet, ist der Gefahr des Hochmuts fern.“
Lauda: „Keineswegs, er spiegelt sich in dieser Verspottung. Die Wände in unserm Innern, Wände der Individualität, sind Spiegelglas, in dem wir uns beobachten und — gefällig finden. Daß mir jedes Ja in Nein umschlägt, Aufhebung, Schließung des Kreises wird, das erklärt sich daraus, daß wir buchstäblich in körperliche Wände eingeschlossen sind, in denen nur der Kreis möglich ist; ohne sie strahlten wir in das All hinaus, uns auflösend, materielle Erklärung eines Seelengesetzes. Je mehr ich in Seelisches eindringe, desto häufiger wird die Erkenntnis, daß es nicht Tiefres gibt als das Materielle, daß es das letzte Wort ist, hinter Seele und Metaphysik gelegen. Metaphysik ist die Zurückführung der seelischen Phänomene auf das Wunderbarste, nie zu Erklärende, die körperliche Existenz.“
Hannah: „Hast du noch nie daran gedacht, Komik, Humor, Satire als Ausdrucksmittel zu gebrauchen? Du liebst nicht Seele, sondern Unbelastung, nicht Dunkel, sondern Helle. Von Helle zu Heiterkeit ist nur ein Schritt.“
Lauda: „Daran habe ich gedacht, ja. Es ist nur eins gegen die komischen Gattungen zu sagen: daß sie im Grund die Fragen, die den Mensch beschäftigen, ebenso ernst nehmen wie die ernsten Gattungen selbst. Sie sind Ausgleich zwischen Ja und Nein, mittlere Linie, also zwar Vorbehalt dem Ja gegenüber, aber auch Verleugnung des Nein. Die komischen Gattungen sind beschaulich — ich fürchte, daß ich nie beschaulich werde, den Florettstoß ins Herz der Dinge vorziehe.“
Hannah: „Also setzt du dich immer mit einem Gegner auseinander, lebst von ihm?“
Lauda: „Wie wir alle. Man könnte wie ein Freisinnsmann von einer Theorie der Notwendigkeit des Gleichgewichts der Kräfte sprechen — drei Genitive.“
Hannah: „Gleichwohl wirst du auf die Dauer nicht umhin können, Ausgleich, mittlere Linie zu wählen, denn soviel glaube ich zu verstehn, daß Durchführung der Aufhebung in der Praxis zu einem reinen Nein führen muß, da Leben in einer fortlaufenden Reihe positiver Angebote besteht. Wenn du alles, woran Menschen glauben oder auch nur ihre Energie setzen, aufgehoben hast, bleibt nur noch übrig, die Existenz selbst aufzuheben, Nein zu ihr zu sagen.“
Lauda: „Gut Dialektik getrieben, Frau Hannah; du vergißt, daß danach Aufhebung des Nein sich automatisch einstellen, zum modifizierten, durchdachten Ja werden wird, und daß ich nicht ein solcher Pedant sein werde, von diesem zweiten Ja zum zweiten Nein und so fort in Ewigkeit weiter zu gehn.“
Hannah: „Und wenn die Bereitwilligkeit, Ja zu sagen, eines Tags versagt?“
Lauda: „Stürzt alles zusammen wie in jedem, der nicht an absolute Werte glaubt. Du selbst fandst ja an jenem aztekischen Paar schön, daß es für die, die zum Tod verurteilt sind, kein Wiedersehn im Jenseits gibt, und zogst daraus die wahre, einzig starke, heroische Stimmung der Tapferkeit.“
Hannah: „Wohl wahr. Für dich aber wünsche ich die Tat, mein Vorschlag ist nun nicht mehr, das Haus in meiner Abwesenheit zu beziehn, sondern — komm mit mir nach Rußland, stürze dich in den Strom, er trägt den, der nicht schwer ist.“
Lauda: „Was versprichst du?“
Hannah: „Alles, was auf der Linie der Tat liegt, die Dämonie der ersten Zustimmung, die zu Konsequenzen führen könnte, vor der unsre Menschlichkeit zurückschreckt, solange wir noch nicht Kausalität, Folgerichtigkeit, Unerbittlichkeit untertan werden. Oft in den Worten der Russen weht es mich wie Entsetzen an, weißt du, was Jakobiner waren?“
Lauda: „Menschen, die von der Idee der Gerechtigkeit und Gleichheit ausgingen, dank Macht der Logik und der Verhältnisse damit endeten, die Brüder aufs Schafott zu schicken. Darauf willst du doch wohl hinaus?“
Hannah: „Schreckt es dich?“
Lauda: „Nicht im persönlichen Sinn, warum soll man nicht sterben — ich kann es jederzeit. Wohl aber im geistigen. Ich will nicht Sklave der Logik werden, die ich die Hure nenne, nicht mehr weder vorwärts noch zurückkönnen, es sei denn durch Blut. Lockt es dich?“
Hannah: „Es lockt. Es ist in der neuen Taktik, von der die Russen reden, eine Größe, die sie selbst erst ahnen. Für sie ist die Frage Evolution oder Revolution nicht nach der lahmen Manier ihrer deutschen Genossen zu lösen, sondern nur durch die Antwort: Revolution in einem bisher unbekannten Grad von Entschlossenheit — Diktatur. Um mit dir zu reden, dieser Begriff ist Mittelpunkt, Achse, um den sich alles ordnet, die Mittel, die Ideen, die Argumente. Man fühlt sich körperlich, in seiner inneren Zusammensetzung, fester, gedrängter, rascher rotierend werden. Es war niemals da, daß ein Wagen voll Leute in ein Riesenreich fährt, um es zu erobern — es ist so kühn wie der Zug des Cortez, und sie wissen: keiner kommt zurück, es geht um ihr Leben.“
Lauda: „Also kommst auch du nicht zurück, wenn ihr nicht Erfolg habt?“
Hannah: „Nein. Eben darum gehe ich mit ihnen. Nenne es das Unterordnungsbedürfnis des Menschen, seinen Zwang, sich einen Gott zu schaffen und ihm gehorsam zu sein — wir wollen alle Erfüllung, Gesetz, Glauben, wir suchen alle die Achse.“
Lauda: „Und wenn ihr Rußland erobert habt?“
Hannah: „Wird zum erstenmal menschliche Gesellschaft radikal aus der Idee gestaltet, Weg der Natur verlassen, der ein Umweg, langsame Evolution mit allen Zwischenstufen und Kompromissen ist. Du, der von Mutation und Selbständigwerden eines Organs wie dem Hirn sprichst, sollst du nicht an die Möglichkeit solchen Versuchs glauben?“
Lauda: „Ich beginne die Tragweite eurer Fahrt zu begreifen. Sagtest du nicht, jedes Mittel sei ihnen recht, selbst Pakt mit Ludendorff, da sie nur ihr Ziel wollen? Unsympathischer Jesuitismus, doch verständlich. Es wird der Versuch sein, die Idee über die Geschichte zu setzen, den Intellektuellen zum Schöpfer zu machen. Fast könnte es mich verlocken, mitzufahren — laß, ich tue es nicht; warum? Mein Instinkt warnt mich, die Summe meiner Lebenskräfte. Schlösse ich mich an, könnte es sein, daß die Logik mich zwänge, Kriegsminister in Petersburg zu werden oder dem Standgericht zu präsidieren. Die Dämonie der Logik wird teuflisch sein. Hannah, wärst du bereit, Jakobinermegäre zu werden?“
Hannah: „Niemand weiß, was aus ihm wird, wenn die Hemmungen fallen. Im Anfang war die Tat, denn Existenz ist Eintritt in die Handlung, Gott ist die Tat, Nichthandlung ist Nichtexistenz.“
Später im Zimmer allein, dachte Lauda diesen Dingen weiter nach. Für Hannah gab es keine andre Möglichkeit als solche „Tat“, mochte sie nach Rußland führen oder in andre Sphäre, denn sie war Frau und das hieß, wenn der Ausweg, Hausfrau oder Lehrerin der heranwachsenden Generation zu sein, verschmäht wurde, tragisch sein, nicht in sich selbst Ziel finden. Das Jahrhundert verlangte die Emanzipation der Frau, aber das war Beglückung nur für diejenigen, die mit festen Füßen in der Irdischkeit standen. Für die andern, die den Instinkt des Absoluten hatten, also den Gegensatz zwischen Ego und Gesellschaft empfanden, Erfüllung des Ego für wichtiger hielten als Dienst in der Gesellschaft, gab es nicht den männlichen Ausweg, geistiger Kosmos zu sein, durch den alle Ströme, alle Existanzen der andren fluten.
Im Mann deckten sich Sinnlichkeit und geistige Energie, in der Frau nicht. Mann konnte Pantheist sein, Zusammenfassung der Welt — die Frau? Nein. Seltsame Erkenntnis im Zeitalter der siegreichen Demokratie, in dem angelsächsischer Feminismus die Welt eroberte. Aber daraus eine Apotheose des männlichen Primats machen, Geltung als Prophet der Virilität erlangen wie noch Nietzsche? Das war für ihn verlegter Weg, obwohl er die Möglichkeit sah, durch ihn Wirkung zu erreichen, denn das Geheimnis der Wirkung war, den Zeitgenossen einen Kristallisationspunkt zu bieten, um den sich das Chaos des Denkens lagern konnte.
Er war vielmehr unbedingt für Emanzipation der Frau; menschlichen Wesen nichts versagen, was ihnen das Gefühl gab, ausgeschlossen zu sein. Unmöglich, eine Lehre aufzustellen, die dem Schöngeist erlaubte, von der Überlegenheit des Manns zu reden, mochte diese Überlegenheit auch existieren. Es war einfach Einsicht in die Konsequenzen, was ihn abhielt. Was ausgesprochen wahr war, wurde gelehrt falsch, stieg in die Arena des Praktischen herab und diente nur der Reaktion, den Konservativen, den Vereinsrednern, die sich dumm in Männlichkeit spreizten, weil sie ahnten, was Männlichkeit war, und es doch nicht gereinigt sichtbar machten.
Er konnte es auch so ausdrücken, daß er die Ansicht, die Frau habe die schwächre Position, ursprünglich gar nicht mitgebracht hatte, vielmehr von der Tatsache ausgegangen war, daß Wesen der gleichen Gattung a priori Recht auf Gleichheit besaßen — seine Art von Ritterlichkeit, die auf dem Begriff Würde beruhte, eine geistige Ritterlichkeit. Erst empirisch war er gezwungen worden, diese Bereitwilligkeit aufzugeben und zwischen den Geschlechtern einen Unterschied der Denkenergie festzustellen, für die es dann Gründe konstitutioneller Art zu finden galt.
Wenn männliches Denken darin bestand, daß das Hirn ein Hemmungsapparat war, in dem sich die Weltkraft brach, also Sichtbarkeit erlangte, prismatisch in ihre sämtlichen Strahlen zerlegt wurde, sich gedanklich rekonstruierte, dann war der weibliche Kosmos diffuser, nicht imstand, die gesamte Sinnlichkeit der Existenz in sich aufzunehmen, ohne von ihr vergewaltigt zu werden — er war unfähig, das Material restlos zu verarbeiten, in Geist zu überführen; er war materieller.
Fragte sich nur, ob der so fruchtbare Gedanke der Mutation, die Möglichkeit, aus Funktion selbständiges Organ zu werden, nicht auch der Frau die Freiheit von der Funktion in Aussicht stellte. Kaum ein Zweifel, daß durch bewußte Züchtung und Vermeidung jenes Zustands von neun Monaten, in dem die Frau ins Geschlecht zurückkehrt, das Funktionelle reduziert werden konnte; aber das Ergebnis war — eine Karikatur des Manns; der Kopf eines alten Philosophen war machtvoll, der einer greisen Frau vielleicht klug, mild, gütig — alles Werte, die aufs praktische Leben verwiesen. Es war nicht einfach so, daß der Mensch in einen männlichen und weiblichen Teil zerfiel und der durch die Frau ergänzte Mann mit der durch den Mann ergänzten Frau identisch gewesen wäre.
Das alles vom Absoluten her; in der sozialen Sphäre spielte der Unterschied der Geschlechter eine so geringe Rolle, daß hier die Fordrung der Gleichberechtigung Postulat sein durfte. Daß es nicht weiblichen Plato und Kant gab, damit konnten sich die Frauen abfinden in einem Zeitalter, das von absoluten Ideen zu praktischen, wie denen der großen Revolution übergegangen war — der Mensch war bei seinem rationalen Stadium angelangt, die heimkehrenden Senegalneger würden die Keime einer Mutation mitbringen, die sogar Afrika aus der irrationalen Epoche des Kriegs herausführen mußte. Die letzten Irrationalisten in Europa waren die Deutschen, sie waren im Begriff, ihre Lehre zu empfangen.
Was blieb Hannah, wenn das russische Abenteuer erledigt war und sie dabei nicht das Leben verloren hatte? Der Sprung in ein neues Abenteuer — das eben war die weibliche Tragik. Er dachte an die Erzählung, die in Brüssel Leutnant Berger vorgelesen hatte, darin die Figur Nellys, die wie Schwester Hannahs war. Ihre Biographie ein fortlaufender Versuch, den Durchbruch des Absoluten zu erzwingen — am Ende heiratete sie den, den sie schon am Anfang hätte heiraten können, Rückkehr zum Gegebnen, der Arena.
Am nächsten Tag begleitete er Hannah nach Interlaken; sie machte Einkäufe für die zum Abend erwarteten Gäste.
Der Ort gefiel ihm, weil sein Aufbau so klar war, daß er sich beschreiben ließ. Gegebne Punkte waren Ende des einen Sees, Anfang des andren. Zog man dazwischen eine Gerade, so erhielt man die Linie der Hotel- und Geschäftssiedlung. In der Mitte war sie nur auf einer Seite bebaut, auf der andren der Promenadenweg mit dem Musiktempelchen, dahinter Wiesen, die bis zu den Bergen gingen, Grasebne, Sitz der melancholischen Frösche.
Wo die zweiseitige Bebauung wieder begann, stand ein Pavillon; Korbstühle, Spiegelscheibe vor Patisserie, heitre Tischchen. Einkäufe besorgt, lud er Hannah dahin ein, war zauberhaft versetzt in Kurortsommertage, wie es sie vor dem Krieg gegeben hatte: Kurgast der unbeschwerte Mensch, der Landschaft und Zivilisation freundlicher Gasthöfe genoß, als gebe es nicht Bergwerk, Armut, harte Fron, und Reisen sei die legitimste Handlung in einer Welt, die glücklicher Garten ist.
Er war froh an diesem Tag, leicht, so jung, Fähigkeit ganz, im Augenblick zu leben; die Freundin entspannt wie er, Gefährtin des Augenblicks; Rückkehr nachher zum Schiff schon frohe Erwartung, Versprechen für den Körper, sich spielerisch zu bewegen.
Da kam mit schleppendem Gang ein junger Mann daher, gebeugt der Nacken, als trage er die Last der Welt. Unlust in Lauda und zugleich ungläubiges Erkennen: so ging Thomas Schreiner.
„Der erste der Gäste“, sagte Hannah, rief ihn an. Lauda sah zum zweitenmal das Gesicht, das wie das eines war, der Sträfling in den Bergwerken gewesen ist und seinen Groll verwandelt hat in den gegen die arme Bestialität der Menschen, die nur durch Mitleid überwunden werden kann; in den Augen drohende Auffordrung, es mit ihm zu bekennen, die Verurteilung der Mächtigen.
Schreiner begrüßte ihn gleichgültig, als wollte er sagen: Du bist deren einer, die sich dem Einfluß meiner Ideen entziehn werden, darum existierst du nicht für mich; danach überreichte er Hannah einen Band:
„Mein Buch ist erschienen.“
Hannah war interessiert und höflich, Schreiner lächelte schwer:
„Ein Buch, das mehr sein wird als Literatur, Abschluß zweier entsetzlicher Jahre. Lesen Sie, lesen Sie; wenn Sie danach nicht zur Tat übergehn, war alle Qual umsonst.“
Explosion einer Düsterkeit in der Ehrgeiz und Fanatismus schwelten. Lauda nahm den Band, las folgende Stelle: ein Arbeitersohn, dank einem Mäzen der hohen Schule zugeführt, durch Einstellung der Zahlung plötzlich wieder von ihr ausgeschlossen, schleicht durch den lichten Tag, dumpfe Empörung der Erwachsnen in dem mißhandelten Kind. Er sieht in einer Kutsche ein Mädchen der Reichen vorüberfahren, Locken, nackte Beine, meergrüner Musselin. Da bricht in ihm ein Gefühl durch, das der Dichter mit dem Satz umschrieb: ihm, dem Proletarierkind, wurde klar, daß hier ein ungeheures Menschheitsverbrechen vorlag.
Lauda schloß den Band. Revolutionäre Gesinnung mochte stark sein; Fähigkeit, Gesinnung in anschauliche Form zu übertragen, war nach dieser Probe mäßig. Hätte der Knabe noch empfunden: dieses nackte Mädchenfleisch ist nicht für dich; wenn es das einer jungen Frau geworden ist, wird es sich einem Herrensohn entschleiern — nein, er mußte statt dessen die Notwendigkeit des Klassenkampfs empfinden. Lauda saß einem Menschen gegenüber, der, weil er nur Moralist sein wollte, in Wirklichkeit Dualist war, das Unmoralische nur dadurch aus der Welt schaffen konnte, daß er es totschlug — Zwangsmonismus. Er saß seinem Antipoden gegenüber, Feststellung, die er schon einmal vor zwei Jahren beim ersten Anblick Schreiners gemacht hatte.
Aber nun war auffällig, daß diese Feststellung nicht mehr genügte, verflogen seine beschwingte Laune. Als Hannah das Zeichen zum Aufbruch gab, schlug er ihr vor, mit Schreiner allein zu fahren, er werde das Abendschiff nehmen; und er bat sich Schreiners Buch aus. Sie gingen, er begann zu lesen.
Es waren bessre Stücke darin als jenes, in dem er geblättert hatte. Schreiners Leistung bestand darin, daß er für all diejenigen, die längst stumpf über die Todesangaben der Heeresberichte hinweglasen, weil ihnen die Anschauung auch nur eines Tods fehlte, solches Einzelsterben herausgriff und sie so zwang, sich vorzustellen, was da draußen an Grauen und in der Heimat, etwa im Herz einer Mutter, an Leid geschah. Man mußte anerkennen, hier stemmte sich mit allen Mitteln des anschaulichen Worts ein einzelner Mensch der Gleichgültigkeit, dem Gewährenlassen aus Hilflosigkeit, dem zynischen Optimismus entgegen, gestaltete die Idee der Menschlichkeit, deckte Qual der Erleidenden nicht mit pastoralem Trost zu, sondern riß sie auf, wühlte in ihr, damit der Aufschrei erzeugt wurde und der Haß gegen den Gehorsam.
Lauda zweifelte nicht mehr, daß das Buch den großen Erfolg haben und Kristallisierungspunkt aller unterirdischen und noch nicht zu benennenden Auflehnung sein werde; unausgesprochne Lehre des Buchs war: ein Anfang muß gemacht werden, ich will das schleichende Gift sein, das eure Bereitschaft, Kredite und Menschen zu bewilligen, lähmt. Daß jede Szene der beiden symbolisch einander gegenübergestellten Kinder verriet, wo solche Gesinnungskunst vermutlich endete, bei der direkten Tendenz, die künstlerische Ohnmacht hieß, war zunächst nebensächlich.
Einen Augenblick dachte Lauda: Es ist mir einer zuvorgekommen, stellt ein paar Monate früher als ich die grundsätzliche Frage; dann: diese Feststellung wirst du heute abend und fortan noch öfter machen, und ahnte, daß in dem seinem Willen nicht zugänglichen Dunkel der innren Vorgänge sich ein Plaidoyer des natürlichen Egoismus vollzog, einflüsternd, er möge auf den schon gewiesnen Weg nicht folgen.
Wichtiger als dieses Rudiment einer Versuchung war, daß ihm die Rückkehr aus der absoluten Sphäre, in der es keine Wertung gab, in die praktische, in der er, nach eignem Entschluß, Stellung nehmen mußte, als das Ende der schönen, naiven, überlegnen Zeit erschien; solang sie angedauert hatte, war der Krieg für ihn Verirrung der andren gewesen, die ihn nichts anging und erlaubte, abzuwarten, bis ein Geschehnis sich erschöpfte und nur eine Reihe neuer Zustände schuf, in denen es danach zu leben galt.
Es war nicht anders, als nehme er von seiner Jugend Abschied. Aber wie denn, dann war ja jene Zeit der Anschauung und der behaupteten Suveränität nur eine Vorbereitungsphase und er, Lauda, wie der Held eines Entwicklungsromans zu dem verurteilt, was er verwarf, dem System des Nacheinander, da dessen Wesen war, daß einer immer das letzte Erlebnis und die daraus gezogne Weltanschauung für die allein richtige hielt und seine Vergangenheit gering schätzte?
Was war mit ihm? Vorstellung von Klarheit, Helle, Heiterkeit, heidnischer Ablehnung der Feminität stand nicht mehr im Mittelpunkt, sondern entfernte sich wie ein Stern, der die Kulmination überschritten hat, stand seitlich. Und doch, wenn er an Thomas Schreiner oder die Russen auf dem See dachte, wußte er, daß seine Grundstellung den Dingen gegenüber bleiben würde — was also lag vor?
Ein Zustand kam in dieser Nachmittagsstunde über ihn gleich der Selbstversenkung eines Buddhisten; Zeit und Raumgefühl hoben sich auf wie im Schlaf — da erkannte er das Gesetz, nach dem er lebte: Rückkehr in die gestaltete Welt war der Preis, durch den er sich den Aufenthalt in der anschauenden Sphäre stets neu erkaufen mußte; und sie war die Rechtfertigung dieses Aufenthalts. Dauernder Aufenthalt, ein für allemal feststehendes Philosophiesystem hätte den menschlichen Angelegenheiten entfremdet: er mußte sie von Zeit zu Zeit so restlos miterleben, als gebe es nur diese Arena.
Das Seltsame war, daß dieser Wechsel seinem Willen sich entzog; das Gebot stieg aus dem innren Kosmos, war nichts als eine Meldung der bereits vollzognen Verschiebung — nie hatte er das Geheimnis der Vitalität stärker empfunden, fast war ein Grauen, als niste da unten in ihm ein zweites tierhaftes Lebewesen.
Und er ahnte, daß das Bewußtsein, auf die Dauer doch den Ideen, denen er sich nun hingeben mußte, überlegen zu sein, ihm nichts von den Kämpfen, nichts von den Qualen ersparen würde, die von denen, die er die Femininen nannte, erlitten wurden. Suveränität war ein Regulativ, kein dauernder Zustand des rotierenden Himmelskörpers Mensch. Ein Gefühl stellte sich ein ähnlich dem, als er von der Militärmaschine im Augenblick, als er die rettende Grenze hatte überschreiten wollen, gepackt worden war, Gefühl des Zwangs und vergewaltigender Monate, die unentrinnbar waren.
Suveränität war nicht behaglicher Landsitz eines, der klüger als die war, die sich in den Städten mühten; nicht Vorteil eines, der die andren für Narren erklären konnte, weil sie sich mit den Ideen herumschlugen; triumphierender Egoismus war nicht erlaubt.
II
Während Lauda sich zum Abend umzog, vernahm er im Garten die Stimmen der Gäste; man redete englisch, französisch und deutsch in reiner, schweizerischer und fremdländischer Aussprache. Als er ans Fenster trat, bemerkte er Graumann, den Mann, von dem Hannah geschieden war, so beleibt und lebhaft wie ehemals in München. Er war froh, ihn zu sehn, er hatte ihn gern, und es war ein bekanntes Gesicht.
Graumann unterhielt sich mit einem untersetzten Herrn, der Schweizer Dialekt sprach und aussah, als sei er gewöhnt, vor Volksversammlungen auf der Rednertribüne zu stehn, nicht eben wählerisch in Gesten und Argumenten. Da öffnete sich das Gebüsch, in dem d’Arigos Büste stand, und es trat ein junges Paar heraus, gleich durch herrenhafte Schlankheit — Volk mußte empfinden: sie sind schön.
Das Mädchen war Miß Lilian, die Lauda geentert hatte, der Mann gab ihm ein seltsames Wort ein: Bruder, nicht im übertragnen Sinn, sondern im physischen. Er sah seinen eignen Kopf, vielleicht war das Profil geschnittner, kameenhaft griechisch, und der Körper durch Sport durchgearbeiteter, aber am ähnlichsten der Hauch einer Geistigkeit, die untertan zu werden ablehnte — fast hochmütig bei diesem und in dem kleingeformten Kopf viel Eigensinn. Er vermutete, daß es d’Arigo war, und sich erinnernd, daß Miß Lilians Jacht Caramba hieß, reimte er Beziehung von ihr zu dem Künstler, von dem Hannah gesagt hatte, daß er Deutschspanier sei.
Lauda ging hinunter, begrüßte den Mann, der an dem Tag, an dem er mit Hannah auf dem bayrischen See gewesen war, den Browning vor ihn gelegt und gesagt hatte: „Damit könnte ich mich erschießen, oder Sie, oder erst Sie, dann mich, keins von den drei, ich hatte nur daran gedacht.“ Zeichen seiner Sachlichkeit auch, daß er im Haus seiner Frau verkehrte. Hannah trat hinzu, nahm Laudas Arm, ihn mit den Gästen bekannt zu machen.
„Es ist, Lilian als Freundin d’Arigos für sich gerechnet, eine einzige Frau dabei,“ sagte sie, „dort das ältliche Mädchen, Madeleine Betz, Elsässerin von deutscher Mutter, eingebornem Vater; solches Mischverhältnis bestimmte sie, war ihr vor dem Krieg Glück und Vorzug, jetzt ist es ihre Qual. Sie war in Paris und Berlin zu Haus, fand ihre Aufgabe darin, Fäden zu knüpfen, wurde als Pazifistin in Deutschland nur von literarischen und einigen bürgerlichen Kreisen aufgenommen, in Frankreich höflicher und mondainer behandelt, Männer der Öffentlichkeit schätzten sie dort.“
Lauda ließ Hannah ausreden, aber Madeleine Betz war ihm bekannt. Er empfand sich selbst nicht als Elsässer, obwohl er in Straßburg aufgewachsen war, vor der Auswandrung des Vaters nach Holland. Noch einmal danach hatte es eine Zeit gegeben, wo er sich für elsässische Möglichkeiten interessierte, und was Madeleine Betz zu einem Programm erhoben hatte, war für ihn Versuchung gewesen: Vermittlung zweier Völker zu dienen. Er hatte damals, ein Semester opfernd, die Straßburger Gesellschaft studiert; aber was er vorfand, war eine Bourgeosie, die Inzucht trieb, ein verblaßtes Salonideal pflegte, geistig in den Ideen aus der Zeit vor der Amputation lebend, sie durch gelegentliche Reisen nach Frankreich bestärkend.
Er hatte geurteilt, dieses Kleinbürgerland ohne eigne Tradition, von je dazu verurteilt, von einem Erobrer verwaltet zu werden, sei nicht geeignet, Pfeiler der Brücke von Frankreich nach Deutschland zu sein — Urteil, das vielleicht voreilig war, aber ihn bestimmte: er hatte darauf verzichtet, Wirkung in der Provinz zu werden, und war nach Berlin gegangen.
„Auch ein Lothringer ist anwesend,“ sagte Hannah, wies auf einen untersetzten Mann, der mit dem gleichgebauten Schweizer redete, „hast du Blick dafür, daß sie nicht nur dasselbe Format haben, sondern auch Gleichheit der Bewegungen und der lauten Sprache? Sie sind beide Sozialisten, beide Volksredner von erprobter Wirkung, die weniger geistig als elementar ist. Der Schweizer ist Doktor Nüßli vom Züricher Blatt, augenblicklich ein wichtiger Mann, weil er sich bemüht, die Partei für die Taktik der heimreisenden Russen zu gewinnen.
Der Lothringer ist Virgile Spieß, Vertreter eines Industriebezirks im Reichstag, wandte sich am vierten August sofort gegen den Beschluß der deutschen Sozialisten, die Kredite zu bewilligen, kam über die Grenze, erklärte, der Frankfurter Vertrag sei hinfällig geworden, Elsaß-Lothringen werde zu Frankreich zurückkehren — der erste Deserteur aus Grundsätzlichkeit, den du siehst. Um die Sozialisten gleich zu erledigen, ist noch Thomas Schreiner da, der zu den Unabhängigen gehört und schwankt, ob er nicht Kommunist im Sinn Kropotkins sei, dessen Bücher seine Bibel sind, sodann Doktor Shiller, ein Deutschamerikaner, der nun in Zürich Fühlung mit Mitgliedern der deutschen Opposition sucht, und Mitrofan, einer der heimreisenden Russen, der ohne Einladung kam, mit dem Auftrag, darüber zu wachen, daß ich mich meinem Versprechen nicht entziehe.“
Es war weder schwer, den blonden Amerikaner herauszufinden, noch den Russen mit dem Popenhaar. Blieben zwei Herrn, der eine magrer Methodist, der andre kleine ein Poet romanisch melancholischer Prägung.
„Der wie ein Methodist aussieht,“ sagte Hannah, „ist Fünfkorn, ein deutscher Journalist, der seiner Gesandtschaft unbequem ist, er ließ sich, um der drohenden Einziehung zu entgehn, von der militärischen Nachrichtenstelle hierher schicken, warf alsbald die Maske ab, machte Enthüllungen über diese Spionageeinrichtung, wurde Spezialist in den verschiednen Weiß- und Gelbbüchern, wies, Antipode Davids in Berlin, die Schuld Deutschlands am Krieg nach, vertritt bedingungslos die Ansicht, daß die Entente die Sache der Gerechtigkeit führt, wünscht Fortführung des Kriegs, bis der deutsche Militarismus wie ein Reptil ausgerottet ist, beginnt Mittelpunkt aller Bestrebungen zu werden, die ein Organ für nicht kaiserliche deutsche Demokraten schaffen wollen, und wird es vermutlich mit Hilfe Shillers, das heißt amerikanischen Propagandagelds gründen. Der Poet, wie du sagst, ist neben d’Arigo der einzige, der der Politik ganz fern steht, Haupt einer neuen Gruppe, von der ich dir neulich sprach, den sogenannten Ungegenständlichen. Er ist Portugiese, nennt sich Lisbao, und wird nach seiner Gewohnheit aus dem Manuskript vorlesen.“
Die Gastfreunde Hannahs blieben acht Tage versammelt, selbst Nüßli kehrte nicht in die Züricher Redaktion zurück, er ließ sich seine Post schicken. Da auch die andren Politiker die Verbindung mit der Welt organisierten — Graumann hatte seine Sekretärin mitgebracht und stellte sie und ihre Maschine zur Verfügung — konnte Virgile Spieß sagen, man habe sich zu einer dritten, privaten Zimmerwalder Konferenz vereinigt; die Tage waren mit Debatten gefüllt.
Spieß war der einzige, der sich den Ideen von Zimmerwald und Kiental von allem Anfang an entgegenstellte und ihre Notwendigkeit leugnete. Für ihn bedurfte die Haltung der französischen Sozialisten, bei denen er, die deutschen verlassend, Anschluß gefunden hatte, keiner Rechtfertigung: sie hatten die Kredite zur Landesverteidigung bewilligt, und Landesverteidigung im klaren, eindeutigen Fall eines Angriffs war, seit es Sozialismus gab, von allen Parteiprogrammen und Parteitagen anerkannt worden; er berief sich auf Jaurès, mit dem er bei ungezählten Pariser Aufenthalten verkehrt und jene Formel ausgearbeitet hatte, daß Frankreich auf den Revanchegedanken verzichte, wenn Elsaß Lothringen deutscher Bundesstaat mit allen Rechten der Autonomie werde.
Die deutschen Sozialisten, waren für Spieß nicht in der gleichen moralischen Lage wie die französischen; wohl wurde ihr Land von Rußland bedroht; aber es hatte die letzte Möglichkeit einer Verständigung vereitelt, weil es von dem Gedanken eines Präventivkriegs hypnotisiert war, und die Partei hatte die Kredite bewilligt, trotzdem sie bereits von dem Einfall in Belgien, also einer Völkerrechtsverletzung ersten Rangs, wußte, und sie hatte bedingungslos bewilligt, während die Minderheit der französischen Genossen sich nur bis zu dem Augenblick band, wo der Feind aus dem Land vertrieben war.
Spieß sah keine Notwendigkeit, eine Konferenz einzuberufen, um die Frage zu besprechen, wie die zerrißne Internationale auf neuer Grundlage wiederhergestellt werden konnte. Es gab für ihn neben der großen Schuldfrage eine sozialistische Schuldfrage; ihre Anerkennung durch die deutsche Partei bedeutete die Beilegung des Bruderzwists — sein Programm für die Zeit nach dem Krieg.
Er war den Argumenten unterlegen, die von den in der Schweiz lebenden russischen Sozialisten aufgestellt worden waren. Lenin, Trotzki, Radek, denen dann auch Axelrod zustimmte, erklärten, die Schuldfrage interessiere klardenkende Sozialisten nicht, der Krieg sei zugleich Produkt des Kapitalismus und Mittel ihn zu zersetzen. Die Zeit sei gekommen, die Antwort auf die alte Grundfrage, Evolution oder Revolution zu geben, sie heiße Revolution, saubre Abgrenzung der sozialistischen Gedankenwelt gegen die bürgerliche, zu der es keine Brücken gebe — radikale Gegnerschaft, Unversöhnlichkeit.
Daß das absolutistisch-kapitalistische Deutschland über das demokratisch-kapitalistische Frankreich siege oder umgekehrt, sei gleichgültig, auch die Landesverteidigung gegen einen Angreifer liege außerhalb des sozialistischen Denkens. Ob die Kosaken an der Oder ständen oder die Ulanen bei Noyon, habe nur den Sinn, daß jedes Mittel recht sei, um die Verhältnisse auf die Spitze zu treiben, Verteidigungs- oder Angriffskrieg sei für Sozialisten schlechthin Krieg, das Abzulehnende. Proklamation der abstrakten Idee, hinter der nicht mehr Weltfremdheit stand, sondern im Gegenteil die schärfste, logischste Berechnung, der entschlossne Wille, alle Wirren der bürgerlichen Welt auszunützen, das Ziel auf dem direktesten Weg zu erreichen.
Die Beschlüsse der Konferenzen hatten mit einer Verurteilung der französischen und deutschen Genossen geendigt und mit der Ablehnung des Prinzips der Landesverteidigung, diene sie zur Abwehr eines erfolgten Angriffs (Frankreich) oder der Wahrung der Neutralität (Schweiz). Dieser Proklamierung der nur revolutionären Taktik trat, zwischen Zimmerwald und Kiental, der schweizerische Parteitag von Aarau bei, erstaunlicher Beschluß, wie Spieß nun in Diskussionen mit Mitrofan ausführte.
Spieß war schlagfertig, angreiferisches Temperament, und in seinem Kopf stand mit erstaunlicher Klarheit jedes Datum, jeder Zeitungsartikel, jede grundsätzliche Äußrung eines der führenden Sozialisten gebucht, war gegenwärtig. Er trieb Mitrofan in die Enge, indem er nachwies, daß auch Lenin bei irgendeiner Gelegenheit das Selbstbestimmungsrecht anerkannt, der Schweizer Grimm, Präsident der Konferenzen, nach Kriegsausbruch die Verteidigung der Neutralität empfohlen hatte, der Schweizer Parteitag in Aarau sich über die Folgen seiner Resolution nicht klar war, in allen Hirnen Widerspruch herrschte, jeder zwischen der Frage Evolution oder Revolution hin- und herschwankte, die französische Minderheit, von Zimmerwald heimgekehrt, die Kredite weiter bewilligte.
Mitrofan gab sich nicht besiegt. Was er nicht leugnen konnte, leugnete er nicht, zog sich auf den Standpunkt zurück, daß eben eine radikale Umformung des Denkens begonnen habe, schöpfte aus diesem Gedanken Kraft, stieß vor, fanatisierte sich, entwickelte den ungeheuren Gewinn an Energie, wenn jede Verbindung mit dem evolutionistischen Prinzip aufgegeben wurde, ließ die Schönheit und Geschlossenheit logischer Kettenreihn aufblitzen: das Ziel ist alles; die Mittel nicht zu wollen, bürgerliche Sentimentalität; die Macht in der Hand des Proletariats die wahre Grundlage eines lückenlosen Aufbaus der neuen Gesellschaft.
Für Lauda ergab sich folgendes Bild: straffe Rotation um eine als Achse dienende Idee bei Spieß, dasselbe bei Mitrofan; die andren zersetzt in der Mitte. Fragte sich, welcher von beiden Ideenkosmen die Zukunft hatte. Spieß vertrat die alte Taktik, glaubte nicht, daß der Krieg nötige, sie zu ändern. Es war aber nicht schwer zu ahnen, daß dieser Krieg, ungeheuerste Erschüttrung bestehender Welt, nicht ohne Wirkung vorübergehn werde. Der Entschluß der deutschen Partei, sich mit dem kaiserlichen System zu verbünden, bedeutete eine Verschiebung, die nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte, und Lauda zweifelte, sich an Liebknechts Prozeß erinnernd, nicht daran, daß die Mehrheitssozialisten das von Spieß geforderte Bekenntnis zur Schuldfrage ablehnen würden.
Es vollzog sich in ihm, auf seine Weise, gereinigt, aber darum doch verwandt, dasselbe, was sich in Menschen vollzieht, wenn Feststehendes und Vertrautes angegriffen wird — Mensch geht zum Neuen über. Und er empfand die Lockung, die in der Proklamierung der absoluten Idee enthalten war. Ein Krieg mußte kommen, um das zu erleben; Ideologie wurde Möglichkeit, zum ersten Mal unternahm der Geist den Versuch, die Umwege der Natur abzuschneiden, langsame Entwicklung, die sich nach dem Gesetz des Gegensatzes vollzog, souverain zu überspringen. Er sprach mit Mitrofan, erfuhr, daß es die Partei der Bolschewiki schon seit Beginn des Jahrhunderts gab, wünschte zu hören, wie sich die heimreisenden Russen die Verwirklichung dachten.
„Es ist kein Zweifel,“ sagte Mitrofan, „daß wir Kerenski stürzen. Wir benutzen dabei einfach die Tatsache, daß er das des Kriegs müde Volk zwingt, den Krieg weiterzuführen. Eine Revolution, die den Zar stürzt, übernimmt nicht den vom Zarismus begonnenen Krieg. Ist die Macht in unsrer Hand, dann schließen wir Frieden um jeden Preis, es kann uns gleichgültig sein, ob Polen und die Ostgrenze an die Deutschen fällt, denn wir warten ab, bis diese Gebiete und mit ihnen Europa von unsrem Beispiel fortgerissen wird. Dieser Friede wird sehr einfach sein: dank unsrer Propaganda werden die Soldaten die Gräben verlassen und nach Hause gehn.
Danach, dritte Etappe, ordnen wir die neue Gesellschaft nach dem strengsten Zentralismus, womit ich natürlich den der Idee meine, die den der Verwaltung nach sich zieht. Wir sind nicht wie der Bourgeois oder mit ihm verbündete Nationalsozialisten an gegebne Verhältnisse gebunden, wir schaffen sie neu. Es ist klar, daß solche Erschaffung einer Welt nicht etwa aus dem Nichts, sondern, was schwerer ist, aus der Anarchie der kapitalistischen Privatwirtschaft, freien Konkurenz, Ständeverschiedenheit, nicht möglich sein wird ohne eine Übergangszeit der Diktatur, deren Sinn darin besteht, der Idee der Einheitlichkeit und der Ordnung zum Sieg zu verhelfen. Das Ziel heißt Abschaffung der Klassen, das Mittel ist, der bisher rechtlosen und zahlreichsten Klasse, also der Majorität, die Gewalt zu übertragen — eine Paradoxie, die doch nur das Mittelstück zwischen Vergangenheit und Zukunft darstellt. Wir werden also die Bürger entwaffnen, die Arbeiter und Bauern bewaffnen, und das Provisorium so lange durchführen, bis der Bürger freiwillig oder gezwungen die neuen Verhältnisse anerkennt.“
„Werden Sie die Nationalversammlung berufen?“ fragte Lauda.
„Es steht auf unsrem Programm, aber ich will Ihnen offen gestehn, daß ich nicht zu denen gehöre, die glauben, daß die kapitalistischen Kreise ohne Gewalt zu gewinnen sind.“
„Was würden Sie in diesem Fall tun?“ sagte Lauda und war auf die Antwort gefaßt, aber nicht auf die schneidende Unerbittlichkeit, mit der sie gegeben wurde und die für seine Vorstellungskraft wie ein Licht war, das rückwärts auf die Diskussion derer fiel, die, noch in der Fremde, schon in dem Augenblick lebten, in dem sie die Nachfolger des Zaren wurden — märchenhafter Wechsel im Schicksal hungernder Verbannter.
„In diesem Fall,“ antwortete Mitrofan, „werden die andren sich wie ich entschließen müssen, noch einmal die Mittel des alten Machtstaats zu benutzen, um den Staat der durchgeführten Gerechtigkeit zu gründen: Belagrungszustand, Armee und Terror. Für Schonung ist kein Raum, verwirklichen wir die Idee nicht, ist sie für hundert Jahre erledigt. Jetzt oder nie. Fühlen Sie, welcher Abgrund uns von Leuten wie Spieß trennt? Unsre Hirne sind verschieden wie zwei Weltkörper, in ihnen lebt das neue nicht, in uns erzeugt es Ketten von Assoziationen, es ist die größte geistige Stimmung, die je in Menschen war.“
Lauda verstand. Assoziationen bilden, mathematische Reihen entwickeln, Logik triumphieren lassen, war für das Lebewesen, dessen Hirn an die Kausalität geschmiedet war, der tiefste Genuß, so tief wie die Lust, die Achse Gott zu finden, um die sein Mikrokosmos schwingen konnte. Es kam vermutlich, Folge des Kriegs, eine Zeit, in der der Kausalitätsrausch elementar durchbrach, die freigewordnen Körperchen des alten Kosmos — als Beispiel eines solchen bot sich immer der preußischmilitaristische an — mit der Inbrunst von in das All geschleuderten Atomen den neuen Kristallisationspunkt suchten: religiöser Vorgang mit dem Triumph aller derer, die nicht in sich kreisen, sondern nach dem Zwang, dem Druck, dem Gebot ungeheurer Atmosphären lechzen.
Und schon fanden sie den Gott: die Logik, die zum Dämon wurde, stärker als sie, ihnen Gewalt antuend. Grundgesetz im Reich der Ideen: das Hirn erzeugt sie, der Gezeugte wächst dem Zeuger unter den Händen zum Herrn, ist er Herr, wird er Dämon; wer Ideen nicht mehr besitzt, wird von ihnen besessen. Die Zeit kam so der Beseßnen, in denen die dynamische Wut des in die Existenz schießenden Weltwillens war. Man konnte Weltuntergangsstimmung haben. Und in der Tat, die Mutation war Weltuntergang.
Es war nicht richtig, den Begriff Mutation auf die kleinen Störungen, fünfhundertmal am Tag, anzuwenden, die jedesmal eintraten, wenn der geringste Eingriff der Außenwelt in unsre Welt erfolgte — diese Schwankungen wurden rasch überwunden. Mutation war eine Störung der Lagrungsverhältnisse.
Wenn diese Russen die Macht erlangten, dann brach ein religiöser Wahnsinn aus, den die Psychologen nur darum nicht erkennen würden, weil das Wort Gott nicht fiel, dem aber alle zuströmten, die nicht so selbständig waren, daß sie auf den Krampf der Demut und Unterordnung verzichten konnten, alle, in denen die unterirdischen Spannungen zerrten — und wer war ohne solche Spannung, von der Hannah gesprochen hatte? Jakobiner, Terroristen, Inquisitionshenker, sie waren die Religiösen im primären Zustand, Zurückgekehrte zur Zeitlosigkeit vor aller Zivilisation.
Mitrofan und Lauda saßen sich an Hannahs türkischem Rauchtischchen gegenüber; es zog jeder, Auskunft erteilt, Gespräch beendet, seine innren Kreise. Madeleine Betz kam vom Klavier, wo sie Mitrofans Rede angehört hatte, zu ihnen; melancholisch ihr Versuch, den Pazifismus zu retten, für sie genügendes Heilmittel der kranken Menschheit.
„Pazifismus,“ sagte Mitrofan, „ist eine rein bürgerliche Angelegenheit; seine Ohnmacht besteht darin, daß dieselbe Gesellschaft, die aus der kapitalistisch-imperialistischen Idee der unbeschränkten Machtvergrößrung geboren ist, in Verabredungen einwilligen soll, die eine Hemmung dieses Triebs bedeuten. Jeder starrt in Waffen, aber man will vereinbaren, daß sie nicht benutzt werden; man will die auf Raub und Gewalt gegründete Existenz von Staaten verschiednen Rangs in einem gegebnen Augenblick zum status quo erklären: wer viel hat, behält es, wer wenig hat und klein ist, begnügt sich damit. Eine Horde hungriger Hunde kommt überein, friedlich nebeneinander zu leben — glauben Sie, daß Mißtrauen und Raubtiergelüste plötzlich unterdrückt werden können? Was machen Sie mit den Offizieren, den Diplomaten, dem ganzen Geist, mit dem die Gesellschaft durchsetzt ist? Fühlen Sie denn nicht, daß diese Ändrung so radikaler, grundsätzlicher Natur wäre, daß sie gar nicht durch materielle Verabredungen, sondern nur durch Auflösung der seelischen, moralischen Verfassung erzeugt werden kann?
Es ist seltsam, daß die Menschen immer flicken, immer überleiten wollen. Wenn sie noch eingeständen, daß sie so aus Angst vor der Unbequemlichkeit und der Schädigung persönlicher Interessen argumentieren — nein, sie stellen die Kulissen großer Ideen auf, sagen, Gleichheit und Gerechtigkeit verlangten, daß niemand Zwang erleide, die Ändrung freiwillig vollzogen werde. Da aber niemand freiwillig auf Macht und Geld verzichtet, so bedeutet das demokratische Prinzip der Friedlichkeit in Wahrheit nichts, als daß nichts Ganzes geschieht, alles beim alten bleibt. Reformen innerhalb der kapitalistischen Welt sind möglich, sogar Deutschland kann republikanisch werden, aber sie werden kapitalistisch bleiben. Ersetzung des kapitalistischen Fundaments durch das sozialistische ist nur durch das Eisen des Pflugs möglich.“
„Sagen Sie ruhig, durch Blut und Eisen,“ antwortete Madeleine Betz, „warum scheuen Sie, die Formel Bismarcks zu gebrauchen? Das Mittel, das Sie wählen, ist nichts andres als der variierte preußische Militarismus, das Ziel, das Sie wollen, nichts andres als eine Abart des zentralistischen Zwangsstaats, schlimmer als der Bismarcks.“
„Ich kann Ihnen zynisch zugeben, daß Sie recht haben, aber ich kann mit einem Herzenston der Not sagen, daß es keine andre Möglichkeit gibt, die Wirklichkeit nach einer Idee zu formen.“
Lauda dachte: „Wie, wenn bei diesen Dingen der Sozialismus, die Republik, die Demokratie, der Kapitalismus, also praktische Fragen, gar nicht Kern, sondern Projektion, Symbol, Veranschaulichung sind? Wenn es sich um ganz etwas andres handelt, um den Kampf dynamischer und unmaterieller Energien? Mit dem materiellen Begriff Atom kommt Wissenschaft nicht mehr aus, sieht sich widerwillig genug gezwungen, in ihnen, die doch das sichtbare System der Elemente ergeben, raum- und zeitlose Phänomene rein dynamischer Natur zu sehn.
Es ist erlaubt, in Ideen eine Analogie zu den sichtbaren Körpern zu ahnen, sie Manifestation von Kräfteverhältnissen, ihren Kampf Manifestation von Kräftekämpfen zu nennen — wir (als Körper) ein Vorwand unbekannter Vorgänge, unsre Ideen Vorwand von Machtkämpfen zwischen Entfeßlung und Bindung. Mitrofan sagt: der radikale Sozialismus und glaubt, er wolle damit das Glück der Gesellschaft, aber in Wahrheit muß er einem Gebot seines innren Kosmos gehorchen, der offenbar der geschloßnen Rotation widerstrebt, auf der Suche nach einer neuen ist. Madeleine Betz sagt: ungewalttätige Entwicklung und drückt damit aus, daß sie den elementaren Explosionen ausweicht. Ich von mir stelle fest, daß ich nach einigen Minuten gar nicht auf den materiellen Inhalt ihrer Worte acht gebe, sondern die Schwingungsvorgänge in ihnen empfinde, Gravitationsgesetze in ihnen fühle — meine alte Definition, daß Phantasie Fähigkeit ist, die Lagrungsgesetze eines fremden Organismus zu empfinden.
Welch eine phantastische und mehr, grauenhafte Sache ist also menschliche Geschichte und Geistigkeit: einer sucht den andren zu überzeugen, daß man zur definitiven Lagrung durch Entfeßlung des rasenden Drehns gelange, der andre ihn, daß man nur vorsichtige Modifikation vornehmen dürfe — Illusion beides, denn die Welt ist, als Schauplatz der rasenden Partikelchen, nie definitiv, Rasen ist Selbstzweck. Es steht frei, die beiden und mit ihnen alle andren, mich eingeschlossen, nach Belieben als arme Narren oder tragische Helden zu betrachten.“
Er hörte Madeleine Betz zu Mitrofan sagen:
„Wenn Sie so zu mir sprechen, funkelnd vor Energie, verbissen vor Entschlossenheit, empfinde ich etwas, was Sie nicht verstehn werden, die Abneigung der Frau vor der Vitalität des Manns, dieser triumphierenden, zu sinnlichen Herausforderung. Ich sah Offiziere auf Urlaub im Familienkreis, sie waren gütig gegen die Ihrigen, höflich gegen Fremde, aber wenn die Rede auf gewisse Augenblicke ihrer Tätigkeit im Feld kam, auf Exekutionen fremden Lebens, grauenhafte Verletzungen, dann trat in ihre Augen das Unheimliche: die Freimaurerei der Männer, die das Morden betreiben, von der sie zu den Frauen sagen: es ist nichts für euch. Dieser Ausdruck ist auch in Ihren Augen, Mitrofan, wenn Sie von der revolutionären Tat sprechen, und das beweist, daß Sie, Sozialist, für den es keinen Unterschied der Geschlechter gibt, männlicher Freimaurer sind, die Sphäre der männlichen Grausamkeit vor mir abschließen und das heißt vor allen, die menschlich sind.
Was Sie Diktatur zugunsten einer Idee nennen, ist der diktatorische Wille schlechthin, Sie richten nicht auf das neue Reich, sondern variieren nur das alte, in dem es Herrn und Sklaven gibt. Was Sie Paradoxie nannten und worin Sie eine eminente Überlegenheit sehn, ist nur die Volte, die Sie schlagen, um Ihr Spiel nicht aufzudecken, vor andren und vor sich. Menschen glauben so überlegen zu sein, daß sie den Punkt bestimmen können, wo eine Idee verabschiedet wird, in Ihrem Fall die Idee der zum letztenmal angewandten Gewalt — die Idee wird Ihnen über den Kopf wachsen, Sie immer weiter treiben, und am Ende werden Sie so blutbefleckt dastehn wie ein preußischer General, der in einem Dorf zweihundert Menschen niederschießen ließ. In Ihnen werden die Iwane Ihrer Geschichte wiedergeboren werden.“
Zum Berg steigend sah Lauda Fräulein Betz auf einer Bank, beobachtete, wie sie ein Buch öffnete, wieder sinken ließ.
„Ich kann nicht mehr lesen,“ sagte sie, „alles ist Lüge oder alles gemacht. Wer garantiert, daß in diesem zarten Dichter, den ich in der Hand halte, nicht wie in Mitrofan die Bestie erwacht, deren Triebe um so grausamer werden, desto geistiger die Form ist, in der sie auferstehn?“
Lauda gestand sich, daß sie zu den Frauen gehörte, die er unter gewöhnlichen Umständen nicht aufgesucht hätte. Physischer Charme der Frau fehlte ihr, es blieb nur übrig, den geistigen zu suchen. Daß nur Zufall dazu bewog, empfand er als Ungerechtigkeit, die sie gewohnt sein und dank ihrer Intelligenz festgestellt haben mußte. Er erriet Bitterkeit in ihrem Urteil über Leute, von denen sie sprachen; Bitterkeit wurde nicht selten zu kleiner Gehässigkeit, die ihr Genugtuung verschaffte — es war nebensächlich, er war sich unklar, welcher Grad von Energie dazu gehörte, so einsam zu sein, auf Herzensbeziehung zu verzichten, sie bei andren Frauen zu beobachten, Altjüngferlichkeit entgegenzusehn. Hinter solcher Energie stand wohl viel Güte, Glaube an Vermenschlichung, der nun durch den Krieg auf härteste Probe gestellt wurde. Er erinnerte sich, Artikel von ihr gelesen zu haben, Melancholie und Zähigkeit seltsam vermischt, geheime Ermahnungen an sich selbst, nicht verbittert zu werden.
Es war nicht leicht, ihr Vertrauen zu gewinnen, sie mochte mit differenzierten und mißtrauischen Nerven empfinden, daß Mann, der nicht ganz vom Reiz des Geschlechts absehn konnte, falsch vor ihr war, sein Interesse das einer Stunde.
„Die Welt ist vom Mann gemacht,“ sagte sie, „kein Vorwurf feministischer Art, Vorwurf erst, wenn er die Wahrheit leugnet. Männlicher Geist ist dem Götzen Tat untertan, er will durch Handlung und Umwandlung der Zustände reformieren. Nutzloses Beginnen, Umweg bloß, die Ändrung ist nur durch Umwandlung des Herzens möglich. Hängt das Glück der Menschheit vom Triumph des Sozialismus ab? Ich komme Ihrem Einwand zuvor und frage mich selbst, hängt es vom Pazifismus ab? Nicht vom äußren der Verabredung, nur von der innren Vorbereitung und Bereitwilligkeit, deren Symbol danach die Tat ist, nicht mehr. Sind Männer, männliche Männer, zu solcher Geistigkeit fähig? Ist Geist Wirkung des weiblichen Teils im Menschen? Wer sieht klar? Wir wissen nichts von den Mischungsverhältnissen in uns. Ist es überhaupt erlaubt, von einem weiblichen und männlichen Prinzip zu sprechen?“
„Gewiß nicht, es wäre ein Dualismus, der zwei absolute Regulative annimmt, eins ist schon zweifelhaft.“
Weitergeführtes Gespräch enthüllte das, was man die Stimmung nennen konnte, die diese Frau von sich selbst hatte. Sie stand in der internationalen Frauenbewegung, referierte, saß vor, schrieb, gehörte zur führenden Schar. Für ihre angelsächsischen Kolleginnen lag das Problem einfach, war praktischer Art: die Frau wurde von der Gleichberechtigung künstlich ferngehalten, es galt sie zu erzwingen, Zweifel über eine geistige Verschiedenheit der Geschlechter fochten nicht an. Die Kontinentale, Mitteleuropäerin, fühlte anders. Die Verschiedenheit war da, es war nicht nur Zufall oder Böswilligkeit, daß der Mann die Geschichte gemacht hatte. Sie gab es zu, aber was besagte es? Nichts. Sie war überzeugt, daß der Mann, der der eigentliche Schöpfer war, dieses Schöpferische von den Müttern erhielt, den Trägern des namenlosen und wesentlichen Funkens; nicht die Energie war geistig, sondern die Erregbarkeit, die Fähigkeit, beunruhigt zu werden, weiterzudenken, Sehnsucht zu haben, Phantasie und Vorstellungskraft im weitesten Sinn.
Die Frau war der stille Triumphator der Welt, nicht anerkannt, anonymer Mächtiger, Salz des Bluts. Es aussprechen, unendlich schwer, weil Aussprechen die Einheit zerstörte, mit dem Gegensatz arbeitete, denn Aussprechen hieß auch: angreifen, einen Gegner erfinden. Nah lag, solches Wissen um das Wesen der Frau wie ein schönes, tiefes Geheimnis zu hüten, aber das Leben zwang, aus der Anschauung in die Arena der Fordrung zu treten. Widerstreben in Madeleine, manchmal Müdigkeit angesichts der Worte und Proklamationen, und Einsamkeit in der, die kompliziert fühlte, vereinfacht handeln sollte.
„Die Liebesbereitschaft,“ dachte Lauda, „spricht so in ihr, sie möchte selbst Mutter sein, den Funken weiter geben. Es bleibt ihr versagt, weil — ihrem Arm und Busen ein paar Rundungen fehlen.“
Aber wenn man sich ganz in einen Mensch versenkte, stieß man immer auf den einen Grundkonflikt: Verhältnis von Tat und Beharren, Handeln und Sein; dieses Verhältnis war kein andres, als das primäre von Erzeugen und Erzeugtwordensein; das Erzeugte verlangte, etwas für sich zu werden, dem Prinzip, durch das es Leben erlangt hatte, Widerstand zu leisten, aus dem Kreislauf auszuscheiden.
Was wir Güte nannten, war die Anerkennung des Rechts auf eigne Existenz, von einem Lebewesen ausgesprochen, das doch keinen Einfluß auf die Tatsache seiner Existenz hatte. Wer Güte sagte, ging von der vollzognen Existenz aus; wer Energie sagte, von der noch nicht vollzognen.
Wer wie Mitrofan Energie, Rücksichtslosigkeit, Diktatur, Machtwille sagte, ging von der Tatsache des Urwillens aus, der Existenz erst schafft; darum war in ihm die Grausamkeit und Mißachtung der Einzelexistenz, dieses bereits selbständig Gewordnen.
Was war eine Lehre, die über die Einzelexistenz hinwegging, andres als ein Einbruch des Elementaren in das Geordnete: Ruhe einer Generation, Wunsch einer Generation, ihr kurzes Leben nicht selbst zu zerstören, wurde für nichts erachtet und die Natur, allerdings nur eine der Natur untergeschobne Absicht, künftiges Glück genannt, über den Augenblick gesetzt. Der letzte, äußerste Glaube dieser russischen Diktatoren mußte sein, sie seien Träger der Natur, Bevollmächtigte mit der Verfügung über Leben und Tod — Cäsarenstimmung, alle Mittel erlaubt um des höhren Zwecks willen.
Verborgenster Gedanke, von Lauda längst gesucht, begann sich zu enthüllen: das Leben, dort betrachtet, wo es in die Erscheinung schoß, verurteilte sich zu einem unlösbaren Konflikt: um sich zu manifestieren, brachte es Existenzen hervor, die ihm also nur Vorwand, Kristallisationspunkt, waren; die Existenzen wurden selbständig, waren da, traten in Gegensatz zu ihrem Erzeuger, dem nur an unaufhörlichen Weitermanifestationen gelegen war.
Banal ausgedrückt trat die Unvereinbarkeit von Tod und Leben ein, philosophisch ausgedrückt der Gegensatz von Monismus und Dualismus — dieser von jenem erzeugt. Wo ein unversöhnlicher Gegensatz war, war Leid, das Leben war Leid, Leid philosophisch erwiesen; die Paradoxie der Existenz ward sichtbar, was man auch so ausdrücken konnte, daß der „Wille“ sich selbst aus der Hand gab; die Tat war etwas andres als der Drang zu ihr.
Abends, allein, kam er auf die Auffassung zurück, die Fräulein Betz von der Frau und der Mutter hatte. Geistigkeit als femininer Zustand, das erinnerte ihn an Gedanken, die gelegentlich in ihm aufgetaucht waren. Aber Geist war auch nichts als verwandelte Energie, also das männlichste aller Phänomene. Dies wies darauf hin, daß die Unterschiede der Geschlechter nicht primärer Natur sein konnten. Zwei Gegensätze lösten sich auf, wenn man sie als Differenzierung eines dritten ansah, das besser das Erste, vor der Spaltung Gelegne genannt wurde.
Ging man davon aus, daß die Welt nur ein Ding im Fluß war, dann verschwand der letzte Rest jener Theologie, die zwei Extreme als feste Pole ansah — es gab nur Bewegung nach den Polen hin, nicht die Pole selbst, wie es nicht Seele, sondern nur Seelenhaftes gab.
Die Pole waren höchstens sekundärer, geschichtlicher Natur. Männlich und weiblich konnten nur Aggregatzustände sein, wie Wasser, Dampf, Eis Variationen waren, unterschiedlich nur an Dichtigkeit. Erhob sich die heikle Frage, ob Weiblichkeit der flüssigere oder komprimiertere Zustand war. Ohne Zweifel der undichtere, das paßte zu Laudas eigner Definition, daß Geist das Symptom einer Beunruhigung, das heißt einer Mutation zwischen zwei vorläufig definitiven Lagrungen war.
Soweit schien diese Frage gelöst. Wenn er nun daran dachte, wie er Mitrofan ideell, als energetisches Phänomen sah, wie ihm die männliche Energie in diesem Phänomen gerade Zerstörung des komprimierten Aggregatzustands war, dann schien sich Ja in Nein zu verwandeln, und die Tatsache, daß Frauen, noch eben Trägerinnen des Geistigen und Undefinitiven, konservativer, beharrender waren, verwickelte das Problem noch mehr.
Der Widerspruch war nur scheinbar, bot nur Schwierigkeit, wenn man dualistisch Weiblich und Männlich als getrennte Elemente behandelte. Man mußte den Begriff der Tat untersuchen, die Madeleine Betz dem Mann zuschrieb. Tat entsprang dem rasenden Trichter der Energie, ihr Ziel war, einen Zustand zu schaffen, das heißt ein Definitivum, die Ruhe; die Tat, das Geschaffne, suchte zu beharren, aber die nicht abstellbare Energie, dieser Taumel und Trieb zur ewigen Variation ihrer selbst, zersetzte das Produkt der ersten Tat, drängte zu neuen Lagrungen mit neuer Achse der Rotation. Die Überwindung der Trägheit verlangte eine äußerste Anstrengung der Energie, diese Anstrengung war genau so groß wie die Urenergie; nannte man die Fähigkeit zum Maximum dieser Energie männlich, so war verständlich, daß ein Mann mit derselben Kraft die erste Tat zersetzte, mit der er sie geschaffen hatte. Der undichtere Aggregatzustand des weiblichen Organismus erklärte dann sowohl dessen undefinitivre Lagrung, aus der das Unruhephänomen Geist geboren wurde, als seine größre Trägheit, wenn es galt, sich in Bewegung zu setzen.
Zunächst war der Mann beharrender, weil er komprimierter war (Energieleistung), dann wurde er Zerstörer (ebenfalls Energieleistung); zunächst war die Frau fluktuierender (geringre Energie), dann wurde sie konservativer (schwerere Trägheitsüberwindung).
Der erste Schritt zur innren Mathematik, zur dynamischen Geographie war getan, die Stadt des Hirns, schon längst Kosmos des Hirns geworden, begann ihre Pforten zu öffnen, hinter denen die Metaphysik lag, so nah.
D’Arigo hielt sich ein wenig fern; er lag den ganzen Tag mit Lilian auf dem See. Lilian war es, die zuerst entdeckte, was Lauda so stark empfunden hatte, daß d’Arigo ihm wie Bruder sei. Sie nahm an, Verwandtschaft des Äußren lasse auch Verwandtschaft der Ansichten vermuten, bemühte sich, sie zusammenzubringen, liebte es, beide nebeneinander sich gegenübersitzen zu sehn, zog Lauda in den Umkreis des auf den Freund gerichteten Lächelns ein, eines erstaunten, knabenhaften Lächelns, in dem immer Erwartung irgendeiner unerwarteten Handlung war — sie wußte wohl allein nicht viel mit ihrer Zeit anzufangen, brauchte Gesellschaft andrer dazu, den Ablauf von Spaziergang Rudern Teestunde Flirt; rätselhaft für Lauda die Nötigung zum Hochschulbesuch — Geheimnis der amerikanischen Seele. Reizend ihr Tailormade über den gotischen Hüften, leises Pariser Parfum darin, und siehe, die schmalen Puritanerlippen kannten den Rotstift.
D’Arigo war in Madrid aufgewachsen. Die Stadt: katholische Vergangenheit, die Schule: englisches Internat, das Haus: kosmopolitische Modernität — Gang durch sie drei wie Gang durch drei verschiedne von Dingen geworfne Schatten. Der Vater Spanier aus Ehe mit einer Norwegerin, die Mutter Deutsche. Die Elemente einer Seele schienen offen zu liegen, Verführung zu Konstruktion: Gestalt und Blondheit von der nordischen Großmutter oder der deutschen; Künstlertum im Sinn der Velasquez Greco Loyola vom Vater, die formale Energie darin durch englische Willenserziehung gestärkt bis zum Starrsinn: der Bildhauer erklärte sich und Gentleman mit Training.
Jugend zwischen zwanzig und dreißig ward in Paris und England verbracht, wo, in Salon und Landgut, gleiche Resultanten aus großer Vergangenheit und nervenbestimmender Schulung lebten, die Europäer, die Späten. Er trieb Sport, jeden denkbaren, empfand dabei Geistiges, Konzentration und Willen zur Bändigung. Ging von der Jacht zu Picasso ins Atelier, der gerade von seinen wunderbar gekonnten und aus Überlegenheit leidenschaftslosen Figuren den Vorstoß in die neue Welt des abstrakten Dahinter unternahm — keine Figur mehr, keine Landschaft, nichts vom Mensch, nur wunderbar gekonnte Statik aus Gerade, Tangente, Kreisabschnitt; Realität durch drei Spiegel gesehn, durch zehn gebrochen, mathematische Vegetation, aus Überlegenheit leidenschaftslos bis zur Zärtlichkeit.
Hier erhob sich erstmalig in d’Arigo die Stimme des Anteils deutschen Bluts; solche Vortreibung der Kunst in Sphären, die jenseits des Seelischen lagen — wenn man Seele die Sphäre nannte, woraus das Geschöpf Nahrung für seine Individualität, Trost, Erschüttrung, Rührung, Sehnsucht bezog — solche Neuerung war für germanisches Gefühl Überzüchtung, Artistentum, äußerster Gegensatz zu Rembrandts Menschlichkeit.
Der Lateiner in ihm widersprach, vermochte willig mitzugehn, empfand stolz die größre Geistigkeit, die späte Reife dieser Kunst, die nicht religiöse Kommunion mit dem All, sondern Florettstoß in das Herz des Erschaffnen war. Er schloß sich in seinem eignen Atelier ein, formte die Statue eines Gladiators, in dem nichts mehr vom anatomischen Muskelspiel des Modells war, nur vier in die Luft gestoßne Stümpfe, Muskellianen, in der Mitte ineinandergedreht um die Mutterfalte des Nabels; Mannequinkopf, Holzspeck des Nackens.
Ausstellung ergab die Paradoxie, daß dieselbe Gesellschaft, deren Verfeinerung Voraussetzung solcher nicht mehr realen Kunst war, hilflos nur den Maßstab der Salonkunst hatte, und ein Deutscher, in dessen Blut keine Tradition zu Greco führte, die Statue kaufte, den Künstler einlud, Aufträge gab. Als d’Arigo in Deutschland war, kam der Krieg. Ihm blieb der Sturm des Enthusiasmus fremd, aber es wuchs wie in einem versetzten Strauch ein Trieb nach; er empfand es als zweite Jugend, Bereichrung. Er begann Musik zu lieben; er, Anbeter des Sichtbaren, Künstler durchs Auge, stieß in den deutschen Kontinent vor, ward verwirrt, ging in die Schweiz, Klärung zu suchen — die deutsche Lockung blieb stärker. Er kehrte zur Gestaltung des weiblichen Körpers zurück und suchte wie alle, die Gegensätzliches in sich tragen, Ausgleich, indem er die Form, mit romanischster Männerhand herausgearbeitete, durch deutsche Musikalität beseelte.
D’Arigo betrachtend, während er von sich erzählte, empfand Lauda die Stockung, mit der es geschah, wohl als herrischste Straffheit, Willen zur Form, und empfing doch noch unbestimmten Eindruck einer der Produktion gefährlichen Verbissenheit, Ausgleich erzwingen zu wollen, etwa als überließe d’Arigo sich nicht fessellos genug dem deutschen Gefühl, führe zu früh die Bändigung ein.
Und die Zurückhaltung, mit der jener von der zärtlichen Keuschheit sprach, die er nun seinen Frauen zu geben versuchte, schien Lauda selbst Keuschheit zu sein, neue, unvereinbar mit diesem antiken Kameenkopf und den Liebeserfahrungen der Pariser Gesellschaft. Wie, wenn die deutsche Bereichrung nur eine Rückbildung war, zersetzend frühere Klarheit? Er wußte es nicht, hatte nur den Eindruck der Möglichkeit. Was hatte d’Arigo zu Lilian geführt, die neue Lockung oder die alte? Und sie selbst, auch zwischen die Rassen Gestellte, was war sie, Sweegirl, durch Paris Gegangne?
Manchmal begegnete man Lisbao, und das war, als sei man nicht in einem Privathaus, sondern im Hotel; er nickte unmerklich, ging weiter. Er schien flüchtige Bekanntschaften unter den Gästen zu haben, aber nie redete er sie an, sie nur ihn. Kleine, zierliche Gestalt, blasser Teerosenteint unter schwarzen Haaren, die Stimme so leise, daß sie unvernehmlich war, zwanzigjähriges Kind, gestern noch Kind in einem Stift mit mönchischen Brüdern.
„Er sieht aus,“ sagte Lauda, „als besinge er den Mond und die verheiratete Geliebte unzugänglich.“
„Sprich mit ihm,“ antwortete Hannah mit einem feinen Lächeln, „er liebt zwei Dinge nicht, Politik und Philosophie.“
Lauda tat, wie ihm geheißen war, bat Lisbao, ihm eins seiner Bücher zu leihn. Lisbao hatte kein Buch herausgegeben, kein Verleger war zu finden gewesen. Er veröffentlichte seine Gedichte in italienischen Zeitschriften, war Gast bei Futuristen, obwohl er die Achseln über sie zuckte, sie waren Naturalisten, denn sie stellten Fordrungen auf, mit dem Schmutzigen verbunden, dem Krieg, den sie als befreiende Barbarei priesen, kämpften gegen den Bürger und genossen seinen Zorn, wenn sie ihm vorschlugen, den Schatz der Sentimentalität, die Museen mit Inhalt von Raffael bis Tizian an noch Sentimentalre, die Amerikaner, zu verkaufen. Gegen den Bürger führte man nicht Krieg, der Bürger bestand nicht — Vakuum, über das man hinwegsah; die Welt der Realität war Vakuum.
Es beschäftigte sich diese Welt mit: Geschichte, Pädagogik, Philosophie, dreimaligen Sisyphuserfindungen, das Nichts der Hirne auszufüllen. Geschichte: man durchwühlte die Vergangenheit, das Gesetz der Kausalität zu finden. Kausalität bewies ihnen, daß ihre Existenz Zweck hatte — Geburt des Freisinns, der den Enkeln vermitteln will, was Väter erschaffen hatten, Zeugungskette von Wilhelm Tell bis Gottfried Keller. Wilhelm Tell war ihm Guillaume tel et tel, was ging er ihn an. Von allem, was gewesen war, gedacht, geschrieben, übernahm er einen Satz des Descartes: Ich will nicht einmal wissen, ob es Menschen vor mir gegeben hat, der Rest war ihm Papyrus, unverständliche Hieroglyphe, wohltätig tot — Tod war die einzige Gerechtigkeit, die es gab, das Gesetz, mit dem man sich identifizieren konnte, der große Würger: recht so, drücke mit zwei Knochenfingern die Kehle des Menschen zu, wie der Mensch die eines Vogels, écrasez l’infâme.
Pädagogik: denn Mensch in seiner Feigheit und Armseligkeit verwandelte sein Hirn in ein System von Schubladen, Apotheker des Daseins, der das sinnlos Seiende in sinnvoll Seinsollendes umzuschaffen glaubte, wenn er kann, soll und muß aufklebte. Verwesender Pedant, der durch Erfindung der Ideale Unsterblichkeit zu erlangen meinte, Schulmeister, der sich durch Gase des Gefühls aufblies und doch nur ein Ballon war, mit nichts gefüllt. Kunst die unreine Seßhaftigkeit in den eignen Exkrementen, statt daß er sie über Bord warf, leicht und vegetativ zu sein; Seele, die Selbstzufriedenheit der verseuchten Hure vor dem Spiegel, wenn sie sich schminkt und dreht. Vernahm er die Worte Ideal und Wissenschaft, vernahm er das Bumbum des großen Kalbfells der Jahrmärkte.
Es gab keine andre Kunst als die, die Beschäftigung mit sich selbst war, saubre, reinliche Angelegenheit, die andre nicht bekehren wollte. Es saß im Irrenhaus der Welt jeder in seiner Zelle — Korridor davor, auf dem man sich begegnen konnte, wenn er zugleich erlaubte, sich zurückzuziehn, und in der Zelle saß jeder, spann aus seinem Nabel. Kunst tat niemand weh, und wer sich damit abzugeben wußte, erfuhr Angenehmes und gute Gelegenheit, das Land der Unterhaltung zu bevölkern. Kunst war Privatangelegenheit, genau wie wenn einer Knöpfe sammelte oder Kaktus mit der Birne pfropfte — falls es ihm Spaß machte? Aber Kunst der Ausstellungen und Museen, Lehrstühle und Kritiker — o Freunde. Er löschte aus, was von Praxiteles bis vor Picasso gestaltet war, mit Picasso begann das Neue, darin nicht mehr Belehrung, Moralität, Gottsuchen, Gegenständlichkeit war. Philosophie war Bildungstrieb, Vermehrung der Qualligkeit des Hirns, das tönende Pathos, Sentimentalität, Rührung des armen Teufels über sich selbst.
„Und Sie wollen heute Abend,“ fragte Lauda, „Manifest und Verse vorlesen, die diesen Auffassungen entsprechen? Warum tun Sie das? Wenn der Bürger eine schleimige Kröte ist, bösartig, seßhaft in seinen Büros, vom eignen Gift vergiftet, wendet man sich nicht an ihn. Warum tun Sie es also? Denn selbst die hier Anwesenden, die sich für die fortgeschrittensten Europäer halten werden, da sie ja ebenfalls der Bourgeosie Todfeindschaft geschworen haben, sind für Sie nichts andres als Narren ihrer Ernsthaftigkeit, Moralisten und Pädagogen.“
„Um sie herauszufordern,“ antwortete Lisbao.
„Das Epatez le bourgeois ist nun ein Jahrhundert alt, die deutschen Romantiker übten es zuerst, die französische Boheme formulierte es.“
„Ein Stachel in ihrem Fleisch zu sein, ihre Sicherheit zu beunruhigen, aus sonst einem Grund, ich weiß es nicht, ich bin nicht Psychoanalytiker.“
Einem bürgerlichen Betrachter standen zur Erklärung eines Phänomens wie dieses Ungegenständlichen verschiedne Schlagworte bereit: Weltschmerz der zwanzig Jahre; Artistentum; geistige Ratlosigkeit gegenüber dem Ansturm des ersten Denkens; Irrsinn.
Weltschmerz war pathetischer Genuß des Leids, das nicht ganz der Überzeugung entsprach — in Lisbao war offenbar Haß gegen Pathos und eine Stimmung vom letzten her, als sei Seele ein Geschwür, krebshafte Wuchrung in entarteten Organismen. Ob damit ein Gott getroffen werden sollte oder er selbst, blieb unklar.
Die andren Erklärungen waren nicht wesentlicher; Vorwurf des Artistentums traf nicht, denn hier galt nur noch die kleine Sphäre, in der sich ein Individuum einspann, aus seinem Nabel zu spinnen. Warum aber verwarf er nicht auch diese letzte Beschäftigung? Um dem in der Zelle Eingesperrten nicht das letzte Vergnügen zu rauben, oder weil er eben persönlich — Künstler war? Es wäre ihm nichts übrig geblieben, als sich zu erschießen. Irrsinn, wenn auch nur in der mildren Form der Dämonie? Es gab Kunst, die Stammeln der unter dem Griff Aufstöhnenden war, oder Anklage der Gepeitschten, Flamme, die aus denen schlug, die verbrannten; aber das portugiesische Kind war von einer Ruhe, die eine sinnliche Empfindung gab: Körper wie der eines Pelztiers in Wärme gebettet, ruhig atmend in dieser Wärme. Radikalismus, der sich mit Ruhe verband, war hohe Geistigkeit, ja man konnte Geistigkeit schlechthin so definieren.
Lauda folgte Lisbao auf sein Zimmer, die italienischen Zeitschriften zu sehn. Er fand auch französische, spanische und erfuhr, daß ungegenständliche Kunst sich als eine übernationale Bewegung zu dokumentieren begann, der erweiterten westlichen, lateinischen Hemisphäre. Ein Vorstoß war bis Neuyork gedrungen, wo das erste Heft einer Zeitschrift erschienen war, das zweite darauf in Barcelona. Das war wie das Aufflackern anarchistischer Attentate — Gleichnis nur, durch irgendeine dem Wort Barcelona entspringende Assoziation bei Lauda sich meldend, aber im selben Augenblick durchfuhr ihn der Gedanke, diese Bewegung, die den Strich unter das Bürgerliche setzte, berge einen kalten Fanatismus, der dem der bolschewikischen Russen verwandt sei an Ursprung und Energie, gleich ihm vielleicht die Welt überziehn könne. Aus der Mutation des europäischen Kosmos, Weltkrieg genannt, brachen zwei Entladungen, elektrische Ströme, die über den Ball griffen, die soziale und die geistige Revolution.
War nicht in dem Haß gegen den Selbsternst des Bürgerlichen und seine gepachteten Domänen Kunst, Wissenschaft, Politik Möglichkeit eines Lachens, das im Zeitalter der Weltorganisation unbekannte Formen annehmen konnte? Lisbao lachte nicht, aber der nächste aus seinem Kreis schärfte vielleicht schon des Florett, das auf andre Art den Stoß ins Herz der Dinge führte.
Am Abend las Lisbao. Es war, als trete in einem Hotel der Herr, den man schon gelegentlich sah, auf und enthülle den Zweck seiner Anwesenheit, Engagement. Er las Italienisch, Französisch und Deutsch; seine eignen Arbeiten waren französisch geschrieben. Sein Manifest wandelte die Gedanken ab, die er Lauda vorgetragen hatte.
Ich suche, las er, eine Bezeichnung für unsre Auffassung, ein zugleich täglicheres und fanfarenhafteres Wort für das, was wir zu feierlich ungegenständlich nennen, ich habe es noch nicht. Nennen wir es vorläufig X, so lauten meine Sätze, die dem Ekel gewidmet sind, folgendermaßen:
Alles, was geeignet ist, das Ideal der Familie zu zerstören, ist X.
Protest mit allen Fäusten der Energie gegen tätliches Handeln ist X.
Abschaffung der Logik, Tanz der Ohnmächtigen ist X.
Ausschneiden des Gedächtnisses mit dem Messer der innren Chirurgie: X.
Verabschiedung der Propheten, der Zukunft und der geistigen Schubladen: X,
Freiheit, Taumel, der Widerspruch ist X; nur unkonsequent sein. An nichts glauben, auch nicht an X, ist X. Jeder schreie hinaus: es ist eine große Arbeit zu tun, ganz Negation: Wegfegen, Säubern, Ausmisten.
Moralisten sind Bauernfänger, Söhne Eisenbarts. Seht ihr den Jahrmarkt der menschlichen Gesellschaft, Pferch für Herdenvieh, von einem Kranz von Tribünen eingezäunt: darauf stehn sie im Kreis. Kopfbedeckung Magisterhut, rote phrygische Mütze, Schlapphut der Philosophen, demokratischer Zylinder, Berliner Sozenkappe, Pfaffenkrönchen, Frauenrechtlerins Strohhut mit der Nadel, und reden aus den zehn Ecken des ersten Mai auf das Vieh, ihm die Pillen des Glücks aufzuschwatzen, pinkpink bummbumm. Wer von Glück redet, ist ein Schwein, seien wir doch Schweine ohne Glück, nur Schweine, über die ich weine, es gibt im Koben kein Unten und Oben, kein Jenseits und Droben.
Er hatte unbewegt vorgetragen, den Blick aufs Manuskript gesenkt, als gehe ihn der Gegner, den er angriff, nichts an. Schreiner sprang auf, drängte mit geballten Fäusten auf Lisbao; Lilian lächelte ungläubig, das Unerwartete war eingetreten; d’Arigo gebot dem Portugiesen in seiner Heimatssprache zu schweigen; Madeleine Betz saß mißbilligend angewidert, der Schweizer schlug aufs Knie und begann zu jodeln, als Lisbao weiterreden wollte.
Ein Äderchen groß wie ein Regenwurm trat aus der Schläfe Lisbaos, er stieß den Stuhl zurück, schrie fast:
„Ich weiß, werte Herren, daß ich ein Majestätsverbrechen an dem Ernst Ihrer Würde begangen habe, bin bewußt, vor mir die Creme der europäischen Gesinnung zu haben. Nicht wahr, der Krieg, über den Sie zu Gericht sitzen, Sie segnen ihn im geheimen, denn er erst hat Sie zu Halbgöttern gemacht, Schiedsrichtern über Tölpel und Barbaren. Eure Selbstherrlichkeit reizte mich; wenn ihr so hoch steht, laßt mich unten im Staub euch in die Zehen beißen, kratzt euch und redet weiter vom Glück.“
Er setzte sich erschöpft, Augen waren Kohlenstückchen in Teerosenblätter gewickelt. Lauda trat zu ihm, roch den Atem eines jungen Kinds, sagte:
„Lesen Sie andres, nicht Manifest, Verse,“ gab ihm den Band in die Hand, der vor ihm lag. Lisbao schlug auf, las die Hymne Rimbauds auf die Vokale, nahm ein andres Heft und sagte:
„Hören Sie etwas Deutsches, Gedichte meines Freunds Hans Arp; wenn Sie nicht böswillig sind, werden Sie empfinden, wie rein, von Seelenproblemen unbeschwert, phantastisches Spiel hier die Welt geworden ist, ausgeschaltet Kausalität, übersprungen Zwischenglieder, gleichzeitig alles, Silberkugeln auf Fontänen.“
Obwohl der mond mir wie ein spiegel gegenüberhängt schmerzt mich der engel im auge / auf den tischen laufen die sämereien auf und pochst du an die pflanzen so springen ihre blumen hervor / die löwen verenden vor ihren schilderhäusern mit gießkannen voll diamanten zwischen den krallen / die führer tragen schürzen aus holz die vögel tragen schuhe aus holz die vögel sind voll widerhall / unaufhörlich rollen ihnen die eier aus ihren kleinen herzen / ihr scheitel trägt den himmelsmast ihre sohlen stehen auf schreitenden flammen / reißt die schneekette so rufen sie den herrgott an / senkt sich das himmelsrad so treten ihre hufe auf schwarze körner
die nachtvögel tragen brennende laternen im gebälk ihrer augen / sie lenken zarte gespenster und fahren auf zartadrigen wagen / der schwarze wagen ist vor den berg gespannt die schwarze glocke ist vor den Berg gespannt die toten tragen sägen und stämme zur mole herbei / aus den kröpfen der vögel stürzen die ernten auf die tennen aus eisen / die engel landen in körben aus luft / die fische ergreifen den wanderstab und rollen in sternen dem ausgang zu
verschlungene knaben blasen das wunderhorn / engel in goldenen schuhen leeren säcke voll roter steine in jedes glied / schon bilden sich maste und sternbilder / die schwestern zeigen spuren von luftschlössern geldkatzen findlingen dampfkuhbissen gesattelten hasen frisch gepolsterten löwen / auf flammenden speichen rollen vögel über den himmel sterne niesen aus ihren wachsnasen blumengarben / betrunken sind mann und maus und schwimmen an weichen Fingern / brennende löwen sausen über zitternde birken / wer einen schwanz hat bindet sich eine laterne daran / die ganze nacht wird auf dem kopf gestanden rittlings auf drachen getanzt / stangenklettern und leiblicher Ringkampf erfüllen die nacht mit wauwau
Die seraphim und cherubim steigen die weißen bauleitern auf und ab und wissen nicht warum / auf wattekugeln schreiten die starken tiere sie sieben glühende kohlen auf die betten werfen speere nach den befiederten höckern und häufen steine über die wegweiser / die kinder ziehen ihre totenstiefel an und warten auf die zeit die in kleine schwarze schlitten und kisten zerfällt und warten auf den kosmetischen Löwen mit dem schwanz aus dünnem draht voll feiner knötchen / in den schattensesseln sitzen die gekalkten toten sie klatschen in die hände und bellen / riesenvögel röhren in den holzschluchten keiner findet mehr die spur von seinen kinderschuhen / die pistille fallen aus den sternen die sterne verzucken in ihren volieren die sterne spalten sich und speien atrappen / die muskeln in den Sternen reißen entzwei die knochenlosen prinzen fließen wie Teig um die räder der mitternacht / in dem metallenen zelt aber sitzt die riesin eisenkopf mit den falschen waden die litfaßsäule und der uhu / die riesin stülpt sich ihren feuerzylinder ihren rauchzylinder aufs haupt verbeugt sich und spricht fröhlich fröhlich fröhlich / also wird der erdball durchsichtig und wie in einem fischglase schweben die magistri horti deliciarum darin / die welttore schlagen auf und zu die wachspuppezeit zerfließt unaufhörlich das übernichts das wohllautei beschießt.
Er las vor, wie man nach Laudas Gefühl vorlesen sollte, monoton, ohne Akzente von Erfassung oder Verarbeitung, nur das Material liefernd, nicht das Werteverhältnis, das dem Zuhörer überlassen blieb — nichts war so fern von der Konfektionstätigkeit des Schauspielers, der fix und fertig den Complet liefert, wie man in der Schneiderbranche sagte. Diese Einförmigkeit entsprach auch der Grundstimmung den Erscheinungen der Welt gegenüber: sie waren Erscheinungen, nicht mehr, rollend aus dem Ärmel das Magiers mit dem Zauberhut, stürzend in den Wasserfall der Zeit, drängend einander auf den Fersen, Foetuszug, keiner dem andern die Zeitspanne gönnend.
Nüssli war der einzige, der den Unterschied nicht merkte, wie beim Manifest zu jodeln versucht war; in den andren haftete wohl das eine oder das andre Bild aus phantastischer Verschlingung von Milchstraße und Baum, aber sie waren befremdet und fragten, welchen Wert solche Kunst habe für Denken und innre Not.
„Es sind Märchen,“ sagte d’Arigo, „aber schwaches Fundament für Revolutionierung der Kunst, und selbst die Phantasterei verliert sich fortschreitend in bloßen Worteinfällen ohne Beziehung.“
„Ganz recht,“ antwortete Lisbao, „Beziehungslosigkeit ist eine unsrer Fordrungen. Die Bilder, die mein Freund malt, denn er ist Maler, beziehn sich nicht mehr auf das, was abzumalen überflüssig ist, weil es ja schon existiert. Hängen Sie seine Bilder an die Wand, suchen Sie umsonst Kuh und Nymphe darauf. Halten Sie sich für bedeutender, ernster, weil Sie von dreißig bis siebzig unermüdlich Spargel und Mädchen malen? Ist das eine männlichere Beschäftigung? Spargel und Mädchen haben einen ganz andren Zweck, als in Ihrem Öl aufzuerstehn — gegessen und beschlafen zu werden. Welch eine Existanz führen Sie denn inmitten arbeitender Bürgerlichkeit? Wäre der Bürger nicht ein so feiger Dummkopf, dann würde er ehrlich sagen, was er von Ihrer Lebensweise hält: daß Künstler Tagediebe sind, vorredend, die Ölspargel seien so wichtig wie die echten und deshalb sei es nötig, Akademien zu unterhalten. Die Gesichte meines Freunds wollen wenigstens nichts sein als Spiel, ihm so ernst wie Ihnen der Pan im Garten, aber eben auf ihre Philosophie betrachtet Spiel, anmaßungslos, ohne das bedeutsame Mundzusammenkneifen.“
„Wo lebt er, wie?“ fragte Lauda.
„In Zürich, so reinlich, daß es im Zeitalter von Büro Bank Börse unwahrscheinlich ist, er hat keinem Kritiker einen Besuch gemacht, diniert nicht mit Sammlern, Einladung mit Schmeichelei abzahlend, liest Laotse und Jakob Böhme, hat Hände und Füße wie eine Frau, sein Organismus ist so unbrutal, daß er Ausschlag bekommt, wenn er Fleisch ißt.“ Zu d’Arigo gewandt: „Was ahnen Sie, was wissen Sie? Nichts, nicht einmal wie eingesponnen Sie in die kapitalistische Lüge der Kunst sind. Wenn ein Konsumverein Ihnen den Auftrag gibt, auf sein Verwaltungsgebäude die Symbole von Arbeit Handel Friede zu stellen, meißeln Sie Mann mit dem Hammer, Magd mit dem Rocken und als drittes wieder Mann oder Weib mit irgendeinem Spießeremblem — er täte es nicht, das ist der Unterschied. Und wenn der Kommerzienrat sich anmeldet, lassen wir nicht das Atelier aufwaschen, darum liefern wir ihm auch nicht Nymphen unter die Zimmerlinde zu stellen.“
D’Arigo maß ihn kalt, sagte: „Daran erlaube ich mir zu zweifeln. Mag sein, daß Ihr ein paar Jahre weder vom Konsumverein noch vom Kommerzienrat Bestellung erhaltet. Kommt sie aber, dann werdet Ihr verlogen, wie Ihr im Innersten seid, denn Ihr beeilt Euch zu liefern, was man verlangt. Darin sind wir ehrlicher, denen der Bürger die Akademie bezahlt.“
Er ließ ihn stehn und ging zu den Männern, die von dem sprachen, was sie interessierte. Lisbao blieb allein, sein Vortrag hatte keinen veranlaßt, ihn einzuladen. Da sah Lauda, der bei Hannah stand, daß Fräulein Betz zu Lisbao ging, ihm Gesellschaft zu leisten. Hübsch von ihr, er trat selbst hinzu, neugierig zu hören, was sie sagte:
„Wenn ich Sie recht verstanden habe, leugnen Sie, daß ein Künstler sich mit irgendwelchen Dingen abgeben soll, die den Mensch beschäftigen, Problemen, Konflikten?“
„Durchaus, ich lehne ab Theater Museen Konzerte.“
„Und lesen nicht, was vor Ihnen Geister gedacht und gestaltet haben?“
„Nein, es ist sich jeder selbst genug, die Geister vor mir interessieren mich nicht.“
„Selbst angenommen, Sie wären so reich, daß Sie sich selbst genügen können, glauben Sie nicht, daß Sie durch solches Prinzip zu einem Hochmut kämen, der Dürre würde? Sie hören nicht Musik, lesen nicht Bücher — wie bequem Sie sich die Verwerfung der andren machen. Oder: wenn Sie die Beschäftigung mit Fragen, die uns alle angehn, ablehnen, warum lassen Sie nicht den andren das Recht, sich mit ihnen zu beschäftigen? Sie sind ja genau dem verfallen, was Sie bekämpfen, dem Schulmeistern, dem Moralisieren, denn Sie wollen die Menschen dazu zwingen, die Welt mit Ihren Augen zu sehn. Proklamation des Egoismus erschiene mir nur in einem Fall zulänglich: wenn man schwiege und kein Manifest verfaßte. Manifeste sind Symptome des Pädagogischen. Sie wenden sich damit an Gleichgesinnte? Also wollen Sie eine neue Schule gründen, also sind Sie wie alle. Und drittens: wenn Sie den Menschen Theater Bücher Museen nehmen, was geben Sie ihnen dann? In welche Verdummung stürzte die Welt, wenn man jedem einredete, er brauche nichts mehr zu lernen. Sie schütten ihnen ja alle Quellen zu, Kunst ist nicht nur eine absolute Angelegenheit, sondern auch eine soziale in dem Sinn, daß sie die Menschen vor der Langeweile schützt. Ich sehe lauter Widersprüche in Ihnen.“
„Der größte ist,“ sagte Lauda, „daß die Theorie des Ungegenständlichen nur relativ standhält. Denn nicht nur Kuh Spargel Nymphe sind gegenständlich, auch die mathematischen und statischen Gesetze, deren direkte Darstellung Sie versuchen, sind es; sie sind Realität im philosophischen Sinn. Kunst, überhaupt alles, was aus dem innren Kosmos kommt, ist Nachahmung bestehender Zustände. Man kann wohl variieren, aber nicht neu erfinden. Man kann Menschen mit Fischschwänzen, Pferdeleibern und Flügeln erfinden, aber nichts Neues schaffen, das Groteske ist eine Variation des Seienden, nicht mehr.
In den Gedichten Ihres Freunds ist eine außerordentliche Phantasie: ‚unaufhörlich rollen den Vögeln die Eier aus den kleinen Herzen, ihr Scheitel trägt den Himmelsmast, ihre Sohlen stehn auf schreitenden Flammen, senkt sich das Himmelsrad, so treten ihre Hufe auf schwarze Körner.‘ Das sind freie Assoziationen über der Realität, aber die Elemente sind aus der Realität genommen; es sind Kombinationen, bei denen die Kausalität zärtlich ironisiert wird — bei andren wird sie vielleicht herausfordernd ironisiert. Ich vermute, daß Sie trotz Ihres Hasses auf überlieferte Kunst den ganzen unausgesprochnen Hochmut des Künstlers haben, schöpferischer als der Bürger zu sein, Absolutes zu fühlen — ich habe ihn nicht mehr, die Kunst legt sich in den Weg, wenn wir das Absolute suchen, ich bin entschloßnerer Empörer als Sie. Sie lassen Rimbaud gelten, rechnen ihn wohl mit Picasso zu ihren Vätern — Rimbaud ging, nachdem er Paris mit dem Ruhm seiner zwanzig Jahre gefüllt hatte, zu den Barbaren, fortan ein Anonymer; das war Tat, so fern den Manifesten. Ich würde Sie ganz verstehn, wenn Sie auch die Kunst auf die Liste setzten, über der steht Mes Haines.“
„Europa ist dekadent,“ sagte Shiller, „wenn es Erscheinungen wie diesen kleinen Portugiesen hervorbringen kann.“
Lauda hatte ihn beim Croquet beobachtet. Es gab in Hannahs Haus nichts dergleichen, keinen Spielplatz, keine Stöcke, keine Kugeln; Shiller hatte den Platz eingerichtet, Material in Interlaken telephonisch bestellt, danach zog er Fräulein Betz, Doktor Nüßli und Fünfkorn zu Partnern, nicht unlebhaft, aber zäh. Dem kindlichen Spiel oblag er mit einer Ausdauer, die wie Hypnose war, Hypnose des Willens, der ein Ziel sieht, es erreichen wird. So einfach wie die Spielregeln war Bild der Welt in ihm. Die Wahrheit hieß Demokratie, der Friedensstörer und Bedroher der Völker Preußen; die amerikanische Demokratie, ausgebildetste von allen, nahm den Kampf auf, würde ihn bis zum Sieg durchführen. Daß er Sozialist war, wurde für die Zeit dieser Aufgabe nebensächlich, zuerst galt es, die Demokratie in allen Ländern einzuführen.
Er war Sohn eines Achtundvierzigers, sprach Deutsch, war nach Europa gekommen, um die Opposition der deutschen Demokraten gegen das kaiserliche System zu organisieren. Sein Lieblingsdichter war der, dessen Namen er führte, ohne mit ihm verwandt zu sein, Schiller; bei Schiller war die Begeistrung für redliche Ideale, das Temperament des Redners, der große Massen führt, die Dreieinigkeit des Guten Schönen Wahren. Lauda erinnerte sich der Amerikaner, die er in Brüssel gesehn hatte; dieser gab ihm dieselbe Empfindung der großen Menschenmaschine jenseits des Ozeans, die gleichförmige Hirne in Millionen Exemplaren hervorbrachte — Banalität und prachtvolle Jugendlichkeit, zähe Frische, die die Welt nach ihrer Absicht formen wird.
Aber er konnte nicht mit Shiller sprechen. Klang das, was er sagte, nach dem Sinn des Amerikaners, war er sein Mann, Übereinstimmung der Ansichten auf der ganzen Linie; paßte es nicht in die Idee Shillers, hatte er einen Gang zu bestehn, in dem jener heiß und unbefangen mit den größten Gemeinplätzen argumentierte, wahre Boxerschläge austeilte. Sie sprachen vom preußischen System. Lauda, fern jeder Billigung, suchte klarzumachen, daß es eben ein System war, als solches geschlossen, klar, bewundrungswürdig durchdacht. Solche geistige Betrachtung eines Augenblicks war Shiller unverständlich, er wollte widerlegen, was nicht widerlegt zu werden brauchte, sprach Leitartikel.
Hinter ihm stand Geldkraft, er kam mit Vollmachten. Sein Plan war, eine deutsche Zeitung zu gründen, die Gefangnen in den Lagern mit diesem Blatt von ihrer Blindheit zu befrein. Herausgeber sollte Fünfkorn sein. Es kamen die ersten Korrekturen, Lauda las den Eröffnungsartikel Fünfkorns. Er war logisch und es war erlaubt, daß jemand, der aus Überzeugung glaubte, daß Deutschland die Schuld am Krieg allein trug und die Entente, selbst zugegeben, daß auch sie vom Imperialismus herkam, die Sache des Rechts vertrat — es war logisch, daß dieser Deutsche soweit ging, mit der Entente in einer und derselben geistigen Front zu kämpfen; aber es widerstrebte zu hören, daß er sich das Geld zu diesem Kampf von ihr geben ließ, von ihr Unterhalt bezog.
Diese Auffassung vertrat auch, mit aller Deutlichkeit, Graumann. Spieß ließ sich den Bundesgenossen gefallen, Mitrofan und Nüßli zuckten die Achsel über das bürgerliche Unternehmen. Fünfkorn hatte sich nicht auf das Studium der verschiednen Weißbücher beschränkt, er hatte auch gelesen, was in den Pariser Blättern über den deutschen Geist gesagt wurde, daraus nach dem Gesetz des Gegensatzes die französische Auffassung von Zivilisation kennengelernt.
Das Ergebnis war ein Versuch, das Gedankengebäude der deutschen Geistigkeit zu konstruieren, wie es seit der Reformation über Hegel bis zu Marx und Lassalle errichtet worden war. Die Reformation war der Abfall vom Prinzip der selbstgewählten Bindung des Menschen durch eine überreale Idee, sie war, im Keim, die Proklamierung der Souveränität des Denkens. An Stelle Gottes war der Begriff des Staats getreten, der profanen Bindung, die Freiheit war also illusorisch, die irdische Autorität schlug den Freigelaßnen in neue, härtre Bande — Geburt der deutschen Subalternität. Hegel erklärte sie als Geist der Weltgeschichte, Marx und Lassalle waren nicht minder protestantisch, bereiteten das Bündnis von 1914, zwischen dem Sozialismus, autoritärem Mikrokosmus im preußischen Makrokosmus, und dem Militarismus vor.