Hausbücherei
60
Hiervon erschien
das
1.-20. Tausend 1917
Signet der Hausbücherei
Für diese während des großen Krieges hergestellte Auflage mußte holzhaltiges Papier benutzt werden.
Hausbücherei
der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
60. Band
Verlagssignet
Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
Deutsche Humoristen
8. Band
Otto Julius Bierbaum
Gorch Fock
Rudolf Presber
Wilhelm Schäfer
Karl Schönherr
Ludwig Thoma
Herausgegeben und eingeleitet
von Professor Dr. Max Goos
Mit 26 Bildern von Theodor Herrmann
Verlagssignet
Hamburg-Großborstel
Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung
Inhaltsverzeichnis
zu den übrigen Bänden der „Deutschen Humoristen“ Preis jedes dauerhaft gebundenen Bandes 1.20 Mark.
Band 1: Friedr. Theodor Vischer: Humorist. Gedicht. Peter Rosegger: Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß. Wie wir die Gürtelsprenge haben gehalten. Wilhelm Raabe: Der Marsch nach Hause. Fritz Reuter: Woans ick tau ’ne Fru kamm. Albert Roderich: Nemesis. 71.-90. Tausend.
Band 2: Clemens Brentano: Die mehreren Wehmüller oder ungarische Nationalgesichter. E. Th. A. Hoffmann: Die Königsbraut. Heinrich Zschokke: Die Nacht in Brczwezmcisl. 46.-55. Tausend.
Band 3: Hans Hoffmann: Eistrug. Otto Ernst: Die Gemeinschaft der Brüder vom geruhigen Leben. Max Eyth: Der blinde Passagier. Helene Böhlau: Die Ratsmädel gehen einem Spuk zu Leibe. 56–70. Tausend.
Band 4/5 (Doppelband): Humoristische Gedichte. Eine hervorragende Sammlung der schönsten heiteren Gedichte bis auf die neueste Zeit. 352 Seiten. 21.-30. Tausend.
Band 6: E. Th. A. Hoffmann: Aus „Klein Zaches genannt Zinnober“. Bettina von Arnim: Die Reise nach Darmstadt. Fr. Th. Vischer: Die Tücke des Objekts. Ad. Bayersdorfer: Die militärpflichtige Tante. Henry F. Urban: Der Eishund. Ludwig Thoma: Besserung. 31.-50. Tausend.
Band 7: Ottomar Enking: Das Kriegerfest in Wettorp. Rud. Greinz: Das Hennendiandl. Sophus Bonde: Jochen Appelbaums Galion. Wilh. Schussen: Pilgrime. Ludwig Thoma: Unser guater alter Herzog Karl is a Rindviech. Wilhelm Fischer: Die Rebenbäckerin. Anna Croissant-Rust: Der Herr Buchhalter. 11.-20. Tausend.
Inhaltsverzeichnis
Seite
Bierbaum, Otto Julius
: Der mutige Revierförster
7– 26
Fock, Gorch
: Schalotte
27– 54
Presber, Rudolf
: Die 74. Nacht
55– 79
Schäfer, Wilhelm
: Béarnaise
81– 97
Schönherr, Karl
: Die erste Beicht’
99–115
Thoma, Ludwig
: Kabale und Liebe
117–137
Vorbemerkungen
zum 8. Bande.
Für die Abdruckserlaubnis der Erzählungen dieses Bandes schulden wir den hier genannten Verlagsbuchhandlungen und nicht weniger den Herren Verfassern oder ihren Erben Dank. Die Erzählungen sind entnommen:
1. Otto Julius Bierbaum’s „Der mutige Revierförster“ seinem Buche „Sonderbare Geschichten“ (München, Verlag von Georg Müller).
2. Gorch Fock’s „Schalotte“ dem Bande „Hamborger Janmooten, een lustig Book“ (Hamburg, M. Glogau jr., Verlag).
3. Rudolf Presber’s „Die 74. Nacht“ seinem Buche „Von Torheit und Freude“ (Stuttgart, Deutsche Verlagsanstalt).
4. Wilhelm Schäfer’s „Die Béarnaise“ seinen „33 Anekdoten“ (Georg Müller, Verlag in München).
5. Karl Schönherr’s „Die erste Beicht’“ seinem Bande „Aus meinem Merkbuch“ (Leipzig, L. Staackmann, Verlag).
6. Ludwig Thoma’s „Kabale und Liebe“ seinem Buche „Kleinstadtgeschichten“ (München, Albert Langen, Verlag).
Otto Julius Bierbaum:
Der mutige Revierförster.
Otto Julius Bierbaum, geboren 1865 in Grünberg in Schlesien, gestorben 1910 in Dresden, war der vielseitige, rastlos fleißige Weggenosse von Otto Erich Hartleben. Nach behaglichen Studien auf breiter Grundlage gab er sich in München und anderen deutschen Kunststädten strengster Arbeit hin. Er war ein großer Anreger, dem wir den „ Pan “, die freie Bühne, den Goethe-Kalender und andere künstlerische Taten verdanken. Stets war er ein teilnehmender Freund junger Talente und neuer Zeitrichtungen. Aber auch rückwärts gewendet gehörte sein Interesse älteren Dichtern von Walther von der Vogelweide bis Liliencron, an die er sich in seiner Lyrik so gern anlehnte. Während er uns hier als formgewandter, freilich nicht immer ganz origineller Spielmann des Überbrettl entgegentritt, ist er in seinen Romanen wie Stilpe und Prinz Kuckuck ein strenger Beobachter und Darsteller seiner Zeit- und Weggenossen. Seine kraftstrotzenden, oft reichlich selbstbewußten Schöpfungen enthalten treffende Bildnisse und Umweltschilderungen aus der Bohème um die Jahrhundertwende. Sein Humor ist oft recht gallig und streift an die Stimmung moderner Witzblätter.
Diesem Gedankenkreise entstammt auch die meisterhafte kleine Erzählung vom mutigen Revierförster. In ihrem Mittelpunkt steht Serenissimus, ein Fürst von heiteren, freundlichen Sitten, mehr menschenfreundlich als geistreich, eingezwängt in das Zeremoniell seines Standes, das er mit Würde erträgt. Der harmlose Zusammenstoß in der kleinen Humoreske entsteht aus dem Gegensatz zwischen höfischem Zwange und freiem Naturburschentum. Über die fürstliche Hosenklappe stolpern die höchsten Würdenträger, der schlichte Förster löst den Knoten durch ein mutiges Manneswort.
M. G.
Revierförster
Der mutige Revierförster.
K
König Leberecht, der schon in vorgerückten Jahren befindliche, aber immer noch recht rüstige Beherrscher eines angenehm im Gebiete der mittleren Zone gelegenen Landes, liebte es, die Büchse im Arm, auf hohe Berge zu steigen und dort all das Wild zu erlegen, das man mit viel Mühe und Kunst in die unmittelbare Nähe seines Feuerrohres brachte.
Auf diesen Jagdzügen begleitete ihn, der gerne Menschen um sich hatte, weil er wohl wußte, daß es für Fürsten nicht gut ist, allein zu sein, nicht nur eine Schar bevorzugter Männer des Hof- und Staatsdienstes, sondern auch eine wohlausgewählte Mustergarnitur[1] solcher Leute, die sich durch sachgemäße Überdeckung größerer Leinwandflächen mit Farbe oder durch andere Hantierungen von gewissermaßen künstlerischem Charakter in der Leute Mund gebracht und überdies durch die Annahme des Titels von Professoren bewiesen hatten, daß sie, obwohl keiner ernsthaften Beschäftigung obliegend, doch Sinn für das bürgerlich Reputierliche[2] besaßen.
Es war, und dessen war sich ein jeder in des Königs Jagdgefolge wohl bewußt, eine große Ehre, mit Seiner Majestät durch die Felder und die Auen zu streifen, sowie auf schmalen Pfaden die erhabenen Gipfel der Bergwelt zu erklimmen, die wie wenig anderes dazu angetan erscheint, dem Menschen einen Begriff davon zu geben, wie großartig die Welt ist. Indessen, wie die meisten Ehren, so war auch diese mit Anstrengungen und Unbequemlichkeiten verbunden. Schon das Klettern allein erschien den älteren Ministern, vortragenden Räten, Kammerherren und Kunstprofessoren als eine im Grunde nicht ganz erfreuliche Muskelübung.
Denn, abgesehen davon, daß der königliche Bergsteiger schon an und für sich in seiner Eigenschaft als Fürst jenen elastischen[3] und lebhaften Gang hatte, von dem wir immer in den Zeitungen lesen, wenn von einem in Bewegung befindlichen Landesvater die Rede ist, war König Leberecht auch noch besonders auf diesen Sport trainiert[4], da er Zeit seines Lebens die meisten freien Stunden, die ihm die Regierungsgeschäfte ließen, hauptsächlich dazu verwandt hatte, sich in der ebenso gesunden wie vornehmen Kunst des Kletterns auszubilden. Er wäre, wenn ihm die Schicksalsgöttinnen statt einer Krone einen Gamsbarthut und statt des Zepters einen Bergstock in die Wiege gelegt hätten, zweifellos ein ebenso vortrefflicher Bergführer geworden, wie er nun in Wirklichkeit ein scharmanter[5] König geworden war.
Aber die böse Notwendigkeit, mit den untrainierten Beinen des Untertanen den trainierten Beinen des Souveräns[6] in gleichem Schritt und Tritt zu folgen, war noch nicht einmal die fatalste Begleiterscheinung jener ehrenvollen Jagdpartien. Das Unangenehmste waren die kalten Bäder, die die höchst badelustige Majestät auf luftigster Höhe im schneekühlen Gewässer munterer Gebirgsbäche zu nehmen liebte, und von denen sich keiner ihrer Begleiter ausschließen konnte, da sich der Wasserscheue sonst dem Verdachte ausgesetzt hätte, daß er nicht unter allen Umständen gesonnen sei, seinem höchsten Herrn überallhin zu folgen.
Kaltes Bad
Wie viele ministerielle, geheimrätliche, kammerherrliche, kunstprofessorale Schnupfen die Erfüllung dieser harten Untertanenpflicht im Laufe der Jahre zur Folge hatte, darüber besteht keine Statistik, doch darf ruhig angenommen werden, daß ihrer viele und die meisten davon hartnäckiger Natur waren. Denn nicht jeder verträgt zehn Grad Reaumur im Wasser. Die Loyalität[7] ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
Nach einem solchen Bade in der Höhe von 1500 Metern bei entsprechender Wassertemperatur begab es sich nun einmal, daß der König, dem von der genossenen Wasserkühle selber die Finger etwas klamm geworden waren, seine Toilette (mit gebotener Delikatesse zu sprechen) nicht ganz zu Ende führte. Anfangs bemerkte niemand diesen Umstand, da ein jeder nur von dem einen Wunsche beseelt war, die eigene gesunkene Blutwärme durch allseitig luftdichten Verschluß der Kleider wieder in die Höhe zu bringen. Als sich aber später die königliche Jagdgesellschaft auf einem angenehmen Wiesenplane zur Rast niedergelassen hatte, nahm man den kleinen, aber durch seine Örtlichkeit fatal[8] auffälligen Mangel wahr.
Nun ist eine solche Wahrnehmung selbst unter gewöhnlichen Menschen, wenn der eine nicht gerade die Frau des andern ist, mit einer gewissen Peinlichkeit verbunden. Denn es handelt sich hier, wenn man der Sache auf den Grund geht, um einen Umstand, der geeignet ist, das sittliche Gefühl zu verletzen, um einen dolus eventualis[9] auf dem besonders heiklen Gebiete der Erbsünde sozusagen. Indessen, schließlich gibt sich doch immer einer den gewissen Ruck, nimmt den betreffenden (in den meisten Fällen ist es ein alter Professor oder ein Dichter) beiseite und flüstert (wenn er das Wort „geradezu“ im Wappen führt): „Sie, Ihr Hosentürl ist offen“, oder (wenn er delikater ist) mit einem schnellen orientierenden[10] Blicke: „Es ist etwas bei Ihnen nicht in Ordnung.“ Ja, es gibt sogar Leute, die selbst bei so peinlichen Gelegenheiten zu frivolen[11] Scherzen aufgelegt sind und etwa die Bemerkung machen: „Sie, verlier’n S’ fei’ nix!“
Kann man aber so etwas einem Fürsten, einem Könige sagen? Nein: Man kann nicht! Der höfische Stil versagt hier vollkommen. Es gibt durchaus keine Redewendung in der Phraseologie[12] des Umganges mit Majestäten, die es ermöglichte, derlei vor ein allerhöchstes Ohr zu bringen, als über welchem bei feierlichen Anlässen nur durch ein paar Zentimeter getrennt eine Krone zu sitzen kommt. Nicht einmal der mit allen Essenzen[13] höfischer Eleganz[14] und Wortbiegungskunst gewaschene Zeremonienmeister[15] Baron von Bemsl, der doch eine anerkannte Autorität[16] auf dem Gebiet höfischer Linguistik[17] ist und von dem man hoffte, er werde die schwierige Mission[18] übernehmen und so seinem dichten Lorbeerkranze als königlicher Hausdiplomat ein neues leuch tendes Blatt einverleiben, erklärte, dies überschreite seine Fähigkeiten: dieser Fall sei von einer Heiklichkeit, daß man seine Lösung nicht einer Menschenzunge, sondern der Vorsehung selber überlassen müsse, die übrigens, so fügte er mit anmutiger Zuversicht hinzu, noch immer bewiesen habe, daß sie über das königliche Haus mit besonderer Aufmerksamkeit wache. Sohin (er liebte dieses kuriale[19] Wort) werde ihr auch dieser Umstand nicht entgehen, und sie werde zweifellos Mittel und Wege finden, ihn zu beheben, ohne daß sich ein schwacher Mensch den Mund zu verbrennen brauche.
— „Das ist alles sehr schön und sehr gut, und ich bin schon von Ressorts[20] wegen der letzte, der an der Vorsehung zu zweifeln wagt,“ bemerkte der Kultusminister, dem es trotz eines kaum überstandenen Schüttelfrostes jetzt sehr heiß zumute wurde, „aber sie müßte äußerst schnell eingreifen. Bedenken Sie, lieber Baron, daß uns am Fuße dieses Berges eine Deputation[21] der ländlichen Bevölkerung erwartet, darunter vier weißgekleidete Jungfrauen, von denen die jüngste ein Huldigungsgedicht auswendig gelernt hat. Ich wette meinen Kopf, daß die Jungfrau aus dem Konzept[22] kommt, wenn ihr Blick zufällig auf die derangierte[23] Gegend fällt, und diese infamen Bauernlackel werden dem höchsten Herrn sämtlich, ich sage Ihnen: sämtlich nicht ins Gesicht sehen, sondern — ebendorthin. Mein Gott, mein Gott: die Situation[24] ist von einer märchenhaften Scheußlichkeit. Wir können uns, so gern wir sonst dazu bereit sind, hier nicht auf höhere Mächte verlassen; wir müssen selber handeln. Wozu sind Sie denn Zeremonienmeister, wenn Sie sofort versagen, wo es einmal gilt, die durch einen tückischen Zufall bedrohte Würde des Königtums zu retten! Hic Rhodus! Hic salta![25] Walten Sie Ihres Amtes!“
Der Zeremonienmeister, der es bisher immer zu vermeiden gewußt hatte, in Anwesenheit des Königs Schweiß abzusondern, war nicht imstande, die plebejische Feuchtigkeit zurückzudrängen, die ihm angesichts dieser grauenerregenden Perspektive[26] auf die Stirne trat. Er fühlte die ganze furchtbare Verantwortung, die ihm diese entsetzliche Situation[27] aufbürdete: er sah das Ansehen des Hofes in Gefahr, die Regierung wanken, den Staat konvulsivischen[28] Zuckungen preisgegeben. Vor seinem inneren Auge jagten sich Feuer, Pulverdampf und blutigrote Wogen der Rebellion[29]. Vor allem aber bebte sein ganzes Gemüt und schoß molkig zusammen wie Milch, wenn’s wittert, bei dem Gedanken, daß seine Stellung auf dem Spiele stand. Denn in der Tat, dieser Toilettenmangel gehörte in sein Ressort[30], da kein Kammerdiener zugegen war.
Sollte er vielleicht doch?... Sollte er nicht doch vielleicht mit dem Anstand, den er hatte, diskret[31] sich in den Hüften wiegend, an den König heran treten und mit delikatem[32] Augenniederschlag lispeln: „Majestät haben allerhöchst geruht, zu vergessen, sich die...“
Aber bei allen Heiligen und Nothelfern, das geht ja doch nicht! Niemals noch, so lange es Zeremonienmeister gibt, haben Zeremonienmeisterlippen derartiges zu einem König zu sagen sich erkühnt.
In seiner fassungslosen Verwirrung überfiel ihn die phantastische Idee[33], zu den Mitteln der Mimik[34] zu greifen und, sich dicht vor Seine Majestät postierend, an sich selbst, gewissermaßen wie an einem Lehrphantom, scheinbar die Handlung vorzunehmen, die der König an seiner Kleidung tatsächlich unterlassen hatte.
Aber das war ja grotesk[35], skurril[36], Wahnsinn! Ebenso hätte er direkt hingehen und, an das respektive Kleidungsstück der allerhöchsten Person Hand anlegend, den Mangel brevi manu reparieren[37] können, — eine Vorstellung, bei der er fast in Tränen der Verzweiflung ausgebrochen wäre.
Aber Verzweiflung ist ein zu gelindes Wort, um auszudrücken, in welchem Zustande sich das zeremonienmeisterliche Gemüt befand. Er war der Auf lösung nahe. Schon konnte er kaum mehr seine Augen regieren, die immer nur den einen, sich zu einem ungeheuren Schlund und Abgrund klaffend erweiternden Punkt suchten, der die schauderhafte Quelle dieser unsäglich grausamen Prüfung für ihn war. Gewaltsam mußte er seine Blicke von dort wegwenden, um sie ziellos im Kreise herumirren zu lassen. —
Ob denn nicht doch irgendeiner der Anwesenden es wagen würde?
An die Staats- und Hoffunktionäre[38] sich zu wenden, war ganz aussichtslos; das fühlte er mit der Gewißheit des Erfahrenen. Aber vielleicht einer dieser Kunstprofessoren?! Unter ihnen, die ja auch sonst zu seinem Entsetzen oft genug gegen den höfischen Ton verstießen, mußte doch einer zu finden sein, der, wenn man ihm einen Orden oder einen Auftrag oder schließlich den persönlichen Adel versprach, das unerhörte, kaum auszudenkende Wagstück unternahm.
Er zog jeden einzelnen beiseite, bat, flehte, rang die Hände, versprach schließlich den gebührenfreien Freiherrntitel und die Erblichkeit der Professur in der Familie, eingeschlossen die weibliche Nachkommenschaft, — nichts half. Alle erklärten, lieber täglich eine Literflasche Mastixfirnis auf das Wohl des erhabenen Landesherrn leeren zu wollen.
Der Zeremonienmeister hatte das absolut sichere Gefühl, daß der jüngste Tag herangebrochen sei; in seinen Ohren dröhnten deutlich die Posaunen. Da fiel sein Blick auf den Revierförster Meier, der hinter einem Baum saß und mit Mißmut konstatierte[39], daß sein Enzianschnaps zu Ende war.
Ein letzter Hoffnungsstrahl flackerte, aber nur ganz schwach, im Ingenium[40] des halbtoten Hofmanns auf. Der Meister des höfischen Parketts trat zum Meister des gebirgigen Forstes und entwickelte ihm, indem er sich bemühte, durch leise Dialektfärbung seiner Sprechweise etwas Volkstümliches zu verleihen, den ganzen Komplex[41] der verhängnisvollen Verlegenheit, hinzufügend, daß er, der biedere Mann aus dem Volke, allein befähigt und berufen sei, den Hof, die Regierung, den Staat zu retten, indem er den König auf jenen Punkt aufmerksam machte, auf jenen Punkt...
„Das Hosentürl? Wenn’s weiter nix is?!“ meinte Meier.
„Aber Sie dürfen natürlich nicht so geradezu, lieber Meier,“ flüsterte der Zeremonienmeister, dem doch etwas bange wurde bei dieser schnellen Entschlossenheit des offenbar ganz ungeleckten Bären... „Sie müssen durch die Blume gewissermaßen... von hinten herum sozusagen... abstrakt[42]...“ Er fand durchaus nicht die populären Akzente[43]. Das lag zu weit weg von seinem Ressort.
„Versteh schon! Natürlich! Ich kenn’ mich aus. Von der Schleichseitn zuweripürschen[44] muß ich mich. Nicht gleich mit dem Hosentürl ins Haus fallen. Beileib! Beileib! Fein andrehn muß man so was. So, in der Art, daß der König meinen könnt’, es wär einem andern sein Hosentürl!... Schwer is schon. Aber ich hab’ schon andere Füchse gefangen.“
Nach diesen Worten überzeugte sich der Revierförster nochmals, daß seine Flasche vollkommen leer war, schob sie resigniert[45] in seinen Rucksack und stand mit der Miene eines Mannes auf, der heftig nachdenkt und zu allem entschlossen ist.
Der Zeremonienmeister sah ein, daß dieser Mann, wenn nicht vorher der Himmel einfiel, binnen zwei Minuten das Unglaubliche zum Ereignis machen werde. Ihm ward zumute, als ob plötzlich der feste Boden unter ihm zu wanken begänne; eine grauslich hohe Woge hob ihn, senkte ihn und führte ihn aufs hohe Meer hinaus, einem ungewissen Schicksal entgegen, das irgendwo den Rachen aufsperrte, ihn zu verschlingen. Wie er bemerkte, daß der Revierförster sich in Bewegung setzte, fühlte er alle Schrecken der Seekrankheit in seinen Eingeweiden. Nur wie durch einen Schleier, einen gelbgrauen Nebel sah und hörte er, was sich nun begab.
Der Revierförster Meier ging gerade auf den König zu, sah ihn aus seinen katzengrauen Augen zutraulich von unten an, nahm seinen bis ins Zeiserl farbene verschossenen, vor sehr langer Zeit einmal dunkelgrün gewesenen Hut ab und — machte eine Verbeugung. Sodann aber setzte er seinen Hut wieder auf und stand stramm.
Mit dem scharfen Blicke, der ihn stets auszeichnete, bemerkte König Leberecht, daß dieses durchaus reglementswidrige[46] Gebahren seinen Grund in etwas besonderem haben müsse, und er fragte mit dem huldvollen Tone, der das erste ist, was ein jeder richtige König sich anzueignen keine Mühe und Übung scheut:
„Na, Meier, was gibt’s?“
(In diesem Augenblicke gab es dem Zeremonienmeister einen schmerzlichen Ruck, und er sah sich direkt vis-à-vis[47] dem Rachen des Ungeheuers, das ihn verschlingen wollte. Sein Herzschlag setzte aus. Ein überlebensgroßer Knödel kroch in seiner Speiseröhre mit einer unangenehm schlickernden Abart des Rollens empor und versetzte ihm auch den Atem. Sein letzter Gedanke war der Orden vom heiligen Kajetan, von dem er schon lange träumte. Dann: Nacht und Vernichtung.)
Meier aber trat einen Schritt vor und sprach mit der markig festen Stimme des deutschen Mannes, der keine Menschenfurcht kennt: „Ich möchte bloß die hohen Herrschaften was fragen.“
Alles war starr. Keiner begriff. Auch König Leberecht nicht. Aber sein Ton war doch noch immer huldvollst, als er sagte: „Fragen Sie nur zu, Meier.“
Und Meier ließ seine Stimme fröhlich erschallen und sprach: „Wie wär’s denn, meine Herrschaften, wenn wir alle miteinander unsere Hosentürln zumachten?“
Eine Reflexbewegung[48] seiner Hände belehrte den König über den Sinn dieser rhetorischen[49] Frage. Er richtete, was zu richten war, und lachte dann so herzlich laut auf, daß seine Umgebung überzeugt sein konnte, es sei durchaus im Sinne der Etikette[50] gehandelt, wenn sie mitlachte. Und da es zugleich ein Lachen der Befreiung war, war es ein brausendes, dröhnendes, herzerfreuendes Lachen.
Selbst die Spechte, die die hohen Stämme der Fichten bepochten, hielten mit Hämmern inne und lachten mit.
Der Zeremonienmeister aber erwachte unter diesem Ensemblesatz[51] des Vergnügens zu neuem Leben und fand sogleich, daß es unschicklich sei, in der allerhöchsten Nähe zu wiehern, wie unerzogene Rösser. Wäre ihm nicht gleichzeitig jener fatale Knödel gottlob zergangen und verschwunden, so daß er wieder frei atmen und sich im Vollbesitze seiner Kontenanz[52] fühlen konnte, hätte er noch einen schlimmeren Vergleich gewählt.
König Leberecht aber sprach, indem er dem Revierförster eine Zigarre anbot (die dieser jetzt noch und mit der ausgesprochenen Absicht, daß sie bis ans Ende der Tage dort bleiben soll in seinem Glaskasten aufbewahrt): „Meier, Sie sind ein ganzer Kerl. Schade, daß ich Sie nicht in der Regierung verwenden kann. — Ja, meine Herren,“ und damit wandte er sich zu den übrigen: „das Volk, das Volk!... Es ist eine schöne Sache um das Volk!...“
Dann stieg er, langsamer, als es sonst seine Art war, in tiefes Sinnen versunken, den Berg hinab, an dessen Fuße ihn ein junges Mädchen in weißen, gestärkten Kleidern mit den Worten begrüßte:
„Wir jauchzen laut mit Herz und Mund
in dieser gnadenvollen Stund’,
wo uns das Glück geschieht,
daß seinen König Leberecht
das biedre Landvolk, treu und echt,
in seiner Nähe sieht.
Es steht sein hochberühmter Thron
seit mehr als tausend Jahren schon
in unserer Mitte fest.
Drum lieben wir ihn auch so sehr,
wie wenn er unser Vater wär’,
der keinen je verläßt.
Er weiß, daß in der Landwirtschaft
beruht des Staates stärkste Kraft,
drum liebt ihn für und für
der schwergeprüfte Bauersmann
und hält als treuer Untertan
ihm offen jede Tür.“
König Leberecht und das Mädchen
Bei diesen Worten stellte sich bei Seiner Majestät eine Ideenassoziation[53] ein, die ein Lächeln des königlichen Mundes zur Folge hatte, woraus alle anwesenden Gemeindevorstände aufs neue die Überzeugung gewannen, daß der hohe Herr nach wie vor den Interessen des Nährstandes seine besondere Huld zuwendete.
Melkende Magd
Fußnoten:[1] Musterauswahl[2] für anständig Gehaltene[3] federnden[4] eingeübt[5] liebenswürdiger[6] Herrschers[7] Treue gegen den Herrscher[8] unangenehm[9] beabsichtigte Erfolgsberechnung[10] sich unterrichtenden[11] schlüpfrigen[12] Wortschatz[13] Feinheiten[14] Vornehmheit[15] Vorsteher der Hoffestlichkeiten[16] Persönlichkeit von Ansehen[17] Sprachschatz[18] Auftrag[19] höfische[20] von Amts wegen[21] Abordnung[22] aus der Fassung[23] in Unordnung gebracht[24] Lage[25] Hier mußt du deine Geschicklichkeit auf der Stelle beweisen, wenn man dir glauben soll.[26] Aussicht[27] Lage[28] krampfhaften[29] Empörung[30] Amtsbereich[31] vorsichtig[32] zartem[33] überspannter Gedanke[34] Gebärdenspiel[35] possenhaft[36] verrückt[37] kurzerhand in Ordnung bringen[38] Hofwürdenträger[39] feststellte[40] Geist[41] Inbegriff[42] begrifflich[43] volkstümlichen Ausdrücke[44] heranpürschen[45] entsagend[46] vorschriftswidrige[47] gegenüber[48] unwillkürliche Bewegung[49] schönrednerischen[50] höfische Form[51] Gesamtwirkung[52] Haltung[53] Gedankenverbindung
Gorch Fock:
Schalotte.
Gorch Fock (Johann Kinau) — ist am 22. August 1880 auf dem hamburgischen Eiland Finkenwärder geboren, 1916 verschlang ihn die See auf S. M. S. Wiesbaden in der Skagerrak-Schlacht. Welchen Norddeutschen, welchen Hamburger ergreift nicht Stolz und Trauer zugleich, wenn er den Namen des Frühvollendeten hört! Ein zweiter Körner, zu hohen Hoffnungen berechtigend, mitten aus dem Leben und Schaffen gerissen auf dem Felde der Ehre, vom Meere verschlungen, dem er so manches gute Wort und Werk gewidmet hatte. Gorch Fock war ein Seemannskind, dem Meere blieb seine ganze Sehnsucht gewidmet, wenn ihn sein Kaufmannsberuf auch tief bis nach Mitteldeutschland verschlug und zeitlebens an den Kontorbock fesselte, bis ihn der Weltkrieg ins Heer rief. Tief verankert ist sein Dasein wie seine Dichtung in der deutschen Familie, wo Gott und Vaterland, Natur und Heimat keine leeren Begriffe sind.
So wurde er der Dichter der Heimat. Aber nicht in behaglichem Schaffen und im Fluge rascher Erfolge. Selten hat sich ein Dichter die Zeit für seine Werke so mühsam abringen müssen vom Frohndienst des Tages. Die Not hat ihm die Feder geführt, die Sorge um Eltern und Kinder, der drohende Untergang seiner geliebten Heimatinsel, deren idyllische Einsamkeit der Erweiterung des Hamburger Hafens zum Opfer fiel. Und endlich in seinen letzten Jahren ist es das gewaltige furchtbare Schicksal seines geliebten Vaterlandes gewesen, das er wie kaum einer mit allen Fasern durchlebte. Als Mensch eher einsam als gesellig, gießt er in seine niederdeutsche Dichtung den ganzen goldenen Humor seiner urgesunden norddeutschen Natur hinein. Mit Recht hat Aline Bußmann, seine feinsinnige Biographin, ihn einen lachenden Philosophen, einen wahren Lebenskünstler genannt, aber auch einen weltabgewandten durchglühten Schwärmer. Das ist die echte Mischung, aus der deutsche Humoristen entstehen. Auf Lebensbejahung ruht sein einziger, großer Roman: „ Seefahrt ist not “. Von Freude durchtränkt sind auch eine ganze Reihe von jenen prächtigen kleinen Geschichten aus dem Seemannsleben. Vielleicht lag es in der Rastlosigkeit seines Daseins begründet, daß ihm knappe, prächtig angeschaute Stimmungsbilder in Menge gelungen sind, während er größere Novellen selten schuf. Auch die vorliegende kleine Erzählung vom lebensfrohen Steuermann und seiner koketten alten Braut bietet rein stofflich kaum etwas Neues. Aber was hat Gorch Focks Meisterhand daraus zu machen gewußt!
M. G.
Charlotte
Schalotte[54].
T
Tees Sanner kem mit sien Dreemastschuner „Charlotte“ mit een Lodung Holt von Sweden, un as he dorch den Nordostseeknol dorch weur, nehm he sik een Damper an un leet sik de Elw[55] rop bet no Brunshusen un de Swing rop bet no Stood slepen, wo he sien Balken un Breeder to löschen harr. As he sik oppen Kontor von den Holthändler mellen dä, geef de em een Breef ut Hamborg. Tees sien Froo schreef em, dat dat nu sowiet weur mit jemehr Deern[56], wenn he afkomen kunn, denn sull he man herreisen, denn wullen se Hochtied fiern. Dübel ok: Hochtied fiern, dat weur wat for Tees Sanner un bi de Hochtied von sien lütte Schalotte wull he öberhaupt un op jeden Fall mit bi sien: he öbergeef dorum Schipp un Kru[57] un Holt un dat Löschen an sien Stürmann Odje[58] Klütenmeyer un reis no Hamborg rop, as he sä, op dree Dog[59]. De Stürmann sä ober, he sull sik bi de Botterkoken[60] un bi den Grog man ornlich plegen un sull den Brand[61], wenn he een kriegen dä, wat jo doch licht moleurn[62] kunn, man geruhig utslopen un man gern acht Dog wegblieben: he wull mit dat Holt un mit de Lüd woll alleen klor warrn.
Un den annern Morgen Klock soß[63] kreg Odje Klütenmeyer, de Stürmann, sien Lüd vortüg[64], un de Lüd von Land keemen jem tor Hölp[65], un se löschen jemehr Lodung. Alltogau[66] gung dat jo nich: Odje sä, Schippsarbeit weur keen Hosenjagd un sweeten[67] kunn een genog unner de Lien[68], hier in uns Breetengroden[69] dä dat nich neutig[70], — ober dat gung doch. Son grot Schipp as den Dreemastschuner schienen de Stooders noch gornich sehn to hebben: wenigstens keemen nomiddags een ganz Deel Schoolkinner mit jemehrn Lehrer un Borgerslüd an un bekeken sik den lütten Schuner, as wennt de Potosi[71] weur. Unner de Bäum bitten achterto stunn[72] een Bank un dor sett sik halber Nomiddag een ol Fräulein oder Witfroo op dol[73] un bleef dor bet obends op sitten un kek ümmer stief no dat Schipp hen. Un wenn Odje Klütenmeyer mol opkek, denn mok se ümmer een seuten[74] Mund un nick em to. Odje kreg dat bald rut: Junge, sull dat Kieken un Nicken em gellen? He kek nochmol stief röber: woraftig, de Olsch[75] lach wedder un nick. Wat geiht di dat Wiefstück[76] an, dach he, ober he streek[77] doch all mol ober sien strubbeligen Bort un feuhl[78] mol no, of sien Slips ok noch sitten dä. Un he kunn dat Röberkieken ok nich loten. De Olsch harr woll ehr fiefunveertig[79] Johr oppen Puckel, kunnen ok söbenunveertig[80] sien, ober se harr noch goden Schick[81] un weur ok ganz god optokelt[82] un denn harr se jo een Og[83] op em smeeten[84], dat mok den besten Indruck op Odje, de all[85] seit dree Wochen keen anner Froo mehr sehn harr, as de dicke Olsch von een hollandsche Jalk[86], de ehr tweehunnert Pund weug[87] un em nich reizen kunn.
„Du, Hannes, wat is dat dor forn Froo op de Bank?“ freug[88] he toletzt, as he dat nich mehr uthollen kunn, een von de Arbeitslüd, dä ober ganz gliekgüllig[89], as wenn he blot mol een Word bi de Arbeit snacken[90] wull.
Hannes wisch sik den Sweet vorn Kopp weg un kek op. Denn lach he: „Dat is Schalotte.“
„Schalotte?“
„Jo, de heet jüst so as jon[91] Schipp. Dat is een Witfroo, hett een scheun[92] Hus buten[93] de Stadt mit Land un scheunen Gorn[94] un Geld hett se ok un verheiroten will se sik ok gern wedder, jo.“
Odje de Stürmann schul[95] gau nochmol innen Winkel von 45 Grod no de Bank röber. Mein Gott, de Froo harr doch allens, wat to een Froo geheurn[96] dä, meen he denn, of dor denn keen Rot[97] to weur, dat se noch wedder een Mann kriegen dä. Of se denn woll so krüsch[98] worden weur.
„Dat will ik nich seggen, dat se krüsch is,“ antwor Hannes, „ober erstmol is se bannig gebüldet, schrift sogor Gedichten un Geschichten for de Zeitung un all son Schiet[99] un denn hett se een Splien un drüttens will se bloß een Koptein ton Mann hebben. Ehr erst Mann is Stürmann west un se hett sik dat nu fast innen Kopp sett, dat se bloß noch een Koptein freen[100] kann.“
„So, so,“ sä de Stürmann un arger sik, dat he blot Stürmann weur.
„De Sook[101] hett bloß den Hoken, dat se keen Koptein kriegen kann,“ fung Hannes wedder an, „all de Kopteins, de hier mit jemehr Schep komt, sünd ümmer verheirot, un Schalotte, de bald jeden Dag dor op de Bank sitt, lurt[102] ümmer noch op een Koptein ohne Ring un verdreugt[103] dor woll so bi lütten bi.“
Dormit nehm Hannes sien Balken op un slep em no de Kai röber.
Odje ober fung dat Simuleern[104] an. Op een Koptein ohne Ring lur de rieke, scheune Froo dor un em nick se to. He kek no sien Hand: dor seet keen Ring op. Sull se em for den Koptein von dat Schipp hollen[105] un em dorum so tolachen? He kek nochmol röber: verdori, se lach wedder un wink sogor son bitten mit de Hand.
Junge, dat weur toveel for Odje Klütenmeyer. Wat Stürmann, wat Koptein, dach he, reep[106] gau: „Nu kiek doch mol, wat dor forn groten Fisch int Woter swemmt!“ — un as se olltosom öder de Reeling keken, do plier[107] he gau no Schalotte röber un lach un wink mit de Hand. Un se dank em mit Lachen.
Noher keemen poor annere Froonslüd an den Hoben[108] lang, de mit de Witfroo bekannt weurn. Se selten sik bi ehr[109] dol un snacken mit ehr, son unglücklich Gesicht se ok moken much. Un toletzt nehmen se ehr mit. Odje kek ehr no, as wennt een Afschied op ewig weur, un se dreih sik nochmol un nochmol no em um.
Obends no Fierobend sleug[110] Odje dat Hart doch son bitten, wenn he doran dach, dat se em for den Koptein hollen dä, ober he gung doch hen un koff sik een reinen Krogen un leet sik roseeren un de Hoor snieden.
De Nacht weur sternklor un scheun, blot een mol leep een Schatten öber dat Holt un de Lantüchte[111] von den Nachtwächter beschien de Wanten[112] von de Charlotte, denn weur wedder allens still.
Morgens stunn een Blomenstruß vor de Kojüt un twüschen de roten un blauen Blomen steek een rosa Breef. De Jung worr den Struß toerst gewohr, de so scheun in de Sünn stunn un von de Daudruppens blenkern[113] dä. He rok[114] mol an de Blomen rum mit sien smuttelige[115] Nees un sä: hm, hm, un denn trock he den Breef vorsichtig ut de Kornblomen rut un lees de Adreß.
Herrn Kapitän Tees Sanner
Segelschiff Charlotte
hier
stunn dor op. He schüttel den Kopp, sowat harr he noch nich beleeft[116]. Nu keemen de Matrosen ut den Roof[117] un bekeken de Bescheerung, beroken de Blomen un besnacken den Breef. „Markst Müs[118]?“ sä de een. „Ne, ober Rotten[119],“ sä de anner, „du, dat hett een Deern schreeben, kiek mol de Schrift an. Sull de Ol hier een Liebe hebben in Stood?“
„Wat is hier forn Volksversammlung von wegen Liebe.“ Dormit keem Odje ut de Kajüt rut. „Mokt de Winsch[120] klor!“
Blumen für den Kapitän
He kek de Blomen an, sä[121] ober keen Word, denn fot[122] he den Putt[123] an un broch em no de Kojüt dol. Dor sett he em op den Disch. As he an to rüken fung, worr he den Breef gewohr. „Herrn Kapitän Tees Senner“ lees he: du, Stürmann, de is nich for di, dor blief von weg! Odje besunn[124] sik een Ogenblick von wegen dat Geweten[125], denn mok he den Breef ober getrost open: he wuß to swor Bescheed, wo de herkeem. Un denn lees he.
„An meinen Freund!“
Dat is for mi, dach Odje, sowat ward den dreugen Tees Sanner keen Minsch schrieben! He lees wieder:
„Ich konnt’ den Blick nicht von dir wenden,
ich mußt’ dich anschaun immerdar!“
De hett würklich Poesie in de Knoken, dach Odje, un lees den Satz nochmol mit Smolt[126] un Andacht. Denn gungt wieder:
„Und schicke dir aus meinem Gärtchen
die schönsten Grüße wunderbar.“
As wenn Schiller dat schrieben harr, dach Odje un mok een klok Neeslock[127] op de Backbordsiet.
„Charlotte heißt dein stolzes Schifflein,
du blonder, kühner Kapitän!“
Nu ist rut: se hollt mi for Tees Sanner, dach Odje un kek in den Spiegel: sull ik wirklich so as Tees Rugstoppel[128] utsehn? Denn lees he wieder:
„Charlotte heißt auch deine Freundin,
die du wirst heute wiedersehn!“
Schalotte, is egentlich gor keen slechten Nom, dach Odje, wenn ik dorbi bloß nich ümmer an Zippeln[129] un Schalotten denken muß, de ik nich uteenanner kennen kann! Denn lees he wieder:
„O sprich nicht nur mit Meer und Woge,
nicht nur mit den Matrosen dein,
sprich auch mit mir ein traulich Wörtchen,
die Blumen flüstern: Denke mein!!
Stade, 19. Juni 1913.
Charlotte G.“
Odje kek den Breef nochmol dorch un dach, is jo allens heugste[130] Poesie un is jo woll allens god meent, de Blomen sünd jo rein een Stoot, ober ik mark doch gliek, dat ik hier oppen Lannen[131] bün: wo kummt de Froo dorto, mi gliek[132] mit Du antoreden? Mit de Bildung is dat doch woll nich so wiet her, as Hannes meent!
As he Kaffe drunken harr, gung he mit de Lud an de Arbeit, ober dor weur doch all son bitten Unnerscheed[133] gegen gestern to spören: he fot[134] all lang nich mehr so veel sülm[135] mit an un kummandeer all veel mehr mit de Lüd rum. Un de reine Krogen, den he um harr, de muß jo opfallen.
„Markst Rotten?“ freug de een Matros.
„Ne, Katten[136],“ sä de anner, „he will sik hier as Käppen opspelen, uns Stürmann, dor fall he sik ober fix bi innen Finger snieden.“
Charlotte und der Kapitän
Eben no de Middagsstunn keem Charlotte G. richtig wedder an. Odje worr ganz rot, so rot, as en Jantje[137] warrn kann, as he seh, dat se all von wieten winken dä, ober he kunn doch nich anners, he muß wedder winken. De Matrosen harrn dat woll sehn un wenn Odje wegkek, denn steeken se een smeerigen Grientje[138] op.
„Markst Katten?“
„Ne, Hunnen[139], dor spinnt sik wat an, Mandus! Un weest du wat? De Olsch meent, Odje is de Käppen!“
„Sall ik mol röber loopen un ehr seggen, dat he bloß de Stürmann is?“
„Ne, du, lot em man erstmol ornlich anbieten[140], lot de Olsch man erstmol fein an Bord komen, denn verrot wi den ganzen Kuddelmuddel.“
„Junge, Junge, jo!“
Den ganzen Nomiddag gung dat mit drohtlose Telegrophie twüschen Odje un Schalotte, bald worr winkt un bald worr nickt un bald worr lacht.
Toletzt wink Schalotte so dull, dat Odje ganz schomvigolett[141] warrn dä, wiel ok Hannes all wat marken kunn. Do stunn he op un gung no de Bank hen un sä de Witfroo Goden Dag un bedank sik for de scheunen Blomen un dat herrliche Gedicht. He sä würklich herrlich. Un se snack so seut un hochdütsch mit em, as se man kunn, un Herr Kapitän vorn un Herr Kapitän achtern un Herr Kapitän in de Midd, so gung dat man ümmerto as bi son Pepermöhl[142] un ehr Odje ehr noch sien Nom seggt harr, do harr se em all ehr ganz Leben von der Wiege bis zur Bahre verklort[143] un em von ehr Eensomkeit dor buten de Stadt vertellt un as Odje wedder an Bord gung, do harr he ehr all versprooken, obends in de Schummeree[144] bi ehr to Beseuk[145] to komen.
Büst doch een slechten Kerl, Odje Klütenmeyer, sä he to sik sülm, leitst di as Koptein inloden un büst doch blot een Stürmann! Dat slok[146] he ober bald dol, fleut[147]: Pflücke die Rosen kühn, die dir am Wege blühn! — un kek von Bord wedder no sien Schalotte röber.
Obends no Fierobend mok he sik landfein, as wenn he een Hochtied mitmoken wull un boß[148] dor rum as unklok[149].
„Markst Hunnen?“ freug de een Jantje.
„Ne, Ossen[150],“ sä de anner un lach, „ik gläuf[151], he will Schalotte beseuken!“
Odje ober de stebel[152] los, koff sik unnerwegens een veddel[153] Pund Rosen un keem in de Schummeree bi Schalotte an. Dübel ok, wat wohn se dor fein innen Greunen[154], wat seh dat Hus fein ut un wat lach de Gorn! Schalotte keem em in de Meut[155], geef em beide Hannen un gung mit em in den Gorn rin, dor weur een Läuw[156] mit een Disch un een Bank un dor sett se sik mit em hen. Een lütte nüdliche Köksch[157] keem un hung twee Lanternen op un broch dat Obendbrot for jem.
„Itoljeensche Nacht,“ sä Odje un meen wunner, wat he seggt harr. Denn hau he erst mol ornlich in: son Eten[158] kreg he an Bord nich to sehn. Schalotte weur selig, dat se een Koptein bi sik harr. „Noch immer keinen Ring, mein Freund?“ freug se un ei[159] sien grote brune Hand ümmer wedder von frischen. „Ne,“ sä Odje: wat sull he ok wieder seggen? He muß ehr noher ober doch Geschichten von sien Seefohrt vertellen, un de he nich beleeft harr, de muß he sik utdenken. Un wenn dat so recht gefährlich weur, denn keem se so ganz dicht bi em ran un krop[160] meist mit de Nees in sien Rocktasch rin un sä: „Ich fürchte mich sonst so sehr, Teseus!“ „Teseus,“ sä Odje, „wer is dat denn?“ „Das sind Sie, Herr Kapitän! Ich weiß wohl aus meiner Zeitung, daß Sie Tees heißen, aber ik kann mir bei Tees nichts denken und habe Ihnen darum in meinen Gedanken einen antüken Namen gegeben: ‚Teseus.‘“
„Ik dank ok for de Ehr,“ sä Odje un leet sik de Pannkoken god smecken.
Noher drunken se Wien, de beiden, un as Odje ton Adjüstseggen[161] keem, do weurn de Lanternen utbrennt un in de Düsterheit kreg he Schalotte hol mi de Dübel um den Hals to foten un geef ehr een Seuten. Do kriesch se ober op as son Küken, dat pett worden is, un leep gau int Hus rin. Odje stunn noch twüschen de Stickbeern[162] un dach, dor hest du scheun wat mokt, do worr dat Fenster boben open mokt un Schalotte flüster: „Ich bin Ihnen böse, Herr Kapitän, aber morgen komme ich an Bord, dann sollen Sie Abbitte tun.“
Abend in der Laube
Dat is jo een scheune Taß Tee, dach Odje, as he in sien Koje krupen[163] da, dat kann jo god warrn! Den annern Morgen weur he bannig gnatterig[164] un snauz an Bord rum as son Harm-mok-Larm.
„Markst Ossen?“ freug de een Jantje.
„Ne, ober Perd,“ sä de anner, „he hett woll een Poor Scheuh[165] kregen un will sien Wut nu an uns utloten.“
Nomiddag sä Odje ton Kock[166]: „Mok man een Taß Kaffe mehr, is meuglich, dat wie Beseuk kriegt!“
„Wi kriegt Beseuk? Wer kummt denn?“ freug de Kock.
„Een Bekannte von mi,“ sä de Stürmann kort un mok een Gesicht, as wenn he den ersten opfreeten[167] harr un bi den tweeten anfangen wull.
Un Schalotte keem! Ganz in Witt[168] keem se, mit een roten Sünnschirm boben den Kopp un danz as son Lustkutter op See.
De Stürmann kreg son Kopp.
„Markst Perd?“ freug de een Jantje.
„Ne, ober Elefanten,“ sä de anner, „nu paß mol op, wat he forn Angst hett, dat wi Stürmann to em seggt. Ober dat segg ik jo in Goden: seggt nu no Koptein to em, wi wöllt em erst noch mehr rinseilen loten.“
„Minsch, wat een Hitt[169]!“ stöhn Odje, as dat witte Kleed neuger[170] keem, un wisch sik den Sweet af.
Charlotte und der Steuermann
Do reep dat ok all von de Kai her:
„Guten Tag, Herr Kapitän, Sie sehen, ich halte mein Wort!“
„Gewiß, dat seh ik,“ sä de Stürmann un dach, wenn doch blot de Dübel keem un de ganze Kru[171] hier holen dä: „Komen Se rop!“
„Ogenblick, Herr Koptein,“ reep de een Jantje do, „ik will eben de Brügg for de gnädige Froo bitten beter henleggen. So, Herr Koptein, so geiht dat woll!“
De Stürmann kek em an, as wenn he den Fleegen Hollanner[172] vor sik harr, Schalotte reep ober: „O danke, es geht. Eine Seemannsfrau darf nicht ängstlich sein!“
Un se keem röbertrippelt as son Geescha[173]. „So, jetzt die Strafe, mein Freund, zeigen Sie mir Ihr Schiff!“
Odje wuß bald nich mehr, of he hochdütsch oder plattdütsch mit ehr snaken sull, so verlegen weur he den ersten Ogenblick. Denn dach he dor ober an, dat he een Hamborger Jung weur un dat elfte Gebot lehrt harr, un gung mit sien Beseuk stolz not Achterdeck.
As he an de Kombüs[174] vorbikeem, freug he: „Is de Kaffe klor, Kock?“
„Jowoll, Herr Koptein,“ reep de Kock un mok een dumm Gesicht, as Odje em scheef[175] ankek.
Schalotte sä: „Höfliche Leute haben Sie, mein Freund.“
„Dat liggt in jemehr Notur,“ sä Odje, „sünd all vonnen greunen Soot[176]!“
Schalotte leet sik dat ganze Schipp wiesen, drunk Kaffe in de Kojüt, vergeef Odje den Seuten von gestern un leet sik dorfor twee frische op de Backen backen[177] un lach as son Lachduw[178].
As se weggung, lod[179] se Odje wedder ton Obendeten in un denn sweef[180] se dor hen, as wenn se fleegen lehren wull.
Odje gung wedder an sien Törn[181].
„ Stürmann, sölt nu erst de langen Stücken rut?“ freug de een Jantje.
„Jo, man to,“ sä Odje un weur de Fründlichkeit sülm, leet sogor for fief Groschen innen Buddel[182] holen un spendeer een Pund Kasbeern[183].
„Prost!“ reep de een Jantje, „prost Stürmann, dorfor seggt wi gern mol een halbe Stunn Koptein.“
„Wat sünd ji dor op komen?“ freug Odje.
„Na, as wi sehn dän, dat de Dame Se for den Koptein hollen dä, do droffen[184] wi Se doch nich in Verlegenheit bringen, Stürmann! Hamborger Jungens möt sik doch helpen!“
„Dat is recht, Jungens,“ sä Odje un reef[185] sik de Hannen. Un obends mok he sik wedder landfein un stebel wedder no sien Schalotte rut. Dütmol dreep he dor grote Sellschopp an: Schalotte harr all ehr Fründinnen inlodt un stell em vor as den Koptein „von dat grote Dreemastschiff, dat in unsen Hoben liggt“. Minsch, dach de Stürmann, weurst hier man erst wedder rut, ober dat holp em nix, he muß vertellen un snacken un Schalotte seet ümmer so dicht bi em, dat jedereen sehn muß: de beiden heurn tosomen. Dat weur een beusen Törn for Odje un as he wedder an Bord gung, dach he: wenn bloß dat Holt erst rut weur, dat wi wedder no See hen keemen.
Den annern Dag besoch Schalotte em mit dree Fründinnen an Bord. De Matrosen wullen sik dotlachen un reepen eenen Herr Koptein no den annern öbert Deck. Obends nehm Schalotte em mit in de Stadt rin, wo Konzert weur, un stell em de Honorotschoren von Stood[186] vor. As Odje ehr noher an de Husdör wedder aflebern[187] dä, sä se, as he ehr wedder een Seuten geben wull: se wull em gewiß nich drängen, ober von wegen ehr Fründinnen un von wegen de Lüd weur dat doch woll beter, wenn he sik bald erklären dä, ober se wull em nich drängeln.
Junge, Junge, nu weurt so wiet, nu seet de Stürmann Odje Klütenmeyer fast. He sull sik erklären, dat heet, he sull sik mit Schalotte verloben! Minsch, wat mok ik bloß, dach he, as he an Bord sleek, wat kom ik von de leege Wall[188] wedder af?
In de Kojüt stunn Tees Sanner, de Koptein, un trock grod de Unnerbüx ut: he wull tor Klapp[189] gohn.
„Hallo, Stürmann, wat geiht uns dat?“ reep he.
„Wat, Koptein, ji sünd all wedder hier?“ freug Odje.
„Jo, dat fule Leben dor in Hamborg is mi öber worden,“ sä Tees Sanner. „Allens in Trümm?“
„Jo, allens all right[190], Käppen!“
„Stürmann, ji seggt dat mit een Gesicht, as wenn jo dat Potent[191] nohmen weur. Dor is wat nich in Ornung, gläuf[192] ik.“
„Doch, Koptein, is allens in Ornung,“ antwor Odje.
„Ne, ne, is nich wohr,“ reep de Koptein, „un ik will weten, wat dor los is.“
To weten kriegt he dat morgen jo doch, dach Odje, sallst em man leber nu all vertellen.
Un he schroof[193] de Lamp dol un vertell de Geschichte von Schalotte. Erst lach Tees, wat he man kunn, toletzt sä he ober: „Is doch een beusen Streich, Stürmann. Wat hefft ji forn Entschuldigung dorfor?“
„De Liebe,“ sä de Stürmann.
„Och wat, Liebe,“ lach de Koptein, „wat sall dor nu von warrn?“
„Dat wet ik nich.“
„Un wenn se morgen nomiddag hier mit söben von ehr Fründinnen ankomen deit?“
„Dat wet ik nich.“
„Jä, dat wet ik nich, heet dat nu, wat, Stürmann? Ji harrn den ganzen Heunerkrom man noloten sullt.“
„Ik harr Schalotte man to leew,“ sä Odje un kek deepsinnig in de Lamp rin.
„Dat beste is, ji goht morgen hen un seggt ehr, dat ji keen Koptein sünd, un frogt ehr, of se jo as Stürmann hebben will.“
„Ne, dat do ik nich, Koptein, leber lop ik von Bord,“ sä Odje.
„Na, denn wöllt wi uns de Sook erst mol besloopen,“ sä de Koptein un puß em de Lamp vor de Nees ut.
Den annern Morgen, as se Kaffe drunken, mok Odje noch son Gesicht as een Putt vull Müs, dat den Koptein dat duern dä. He sä: „Ich much dien seute Schalotte ok woll mol sehn, Odje Klütenmeyer: wat meent ji, Stürmann, wenn ik mi mol rutpett un mit ehr snacken do: vullicht dat ik den Krom denn wedder in de Reeg[194] krieg. Oder wöllt ji mit?“
„Ne, Koptein, goht man erstmol alleen hen,“ sä Odje un gung no de Luk hen.
As Tees Sanner gegen Middag wedder keem, sä he keen Word to sien Stürmann, gung still an em vorbi un pett sik no de Kojüt rin. Dor sett he sik dol un lur, dat Odje komen sull.
Odje keem ok bald an.
„Na, Koptein, wat ist worden?“
„Slechten Kerl sünd ji doch, Stürmann, slechten Kerl. Son mooi[195] Wief so to bedreegen! Wat is dat noch forn feine Froo, de Schalotte, un wat hett se forn fein Hus! Un wat forn Gorn! Dor heff ik mit ehr in seten, eenfach herrlich, kann ik di seggen.“
„Ik ok,“ sä de Stürmann, de ganz lütt worden weur. „Will se mi nu noch hebben, Koptein?“
„Ne, ober de Ogen will se di utkratzen. Odje Klütenmeyer,“ reep de Koptein, „se bedankt sik for de Ehr, Froo Klütenmeyer to warrn!“
„Will se würklich nix mehr von mi weten?“
„Ne, den Koptein Tees Sanner, den harr se leew hatt, sä se, ober mit den Stürmann Odje Klütenmeyer wull se nix mehr to kriegen hebben. All ehr Gedichten, de se for di trechtschostert[196] hett, Odje, son Hümpel[197], hett se vor mien Ogen verbrennt. Hier werfe ich die Gluten in die Gluten, reep se, hest du een Ohnung, wat se dormit seggen wullt hett?“
„Se hett mi nich mehr leew,“ sä Odje, „vullicht hett se mi öberhaupt nich leew hatt. Droff ik ehr nochmol beseuken, Koptein?“
„Wen? Schalotte? Du, de is all lang weg, ik heff ehr noch no de Bohn henbrocht, se wull erst mol veer Wochen in de Eensomkeit, sä se, bet de Snackeree[198] von de Lüd vorbi weur.“
„Un bet wi no See hen sünd,“ sä de Stürmann un nick mit den Kopp.
„Richtig,“ reep de Koptein, „di Swinnelmeier, sä se, wull se nich wedder vor Ogen sehn!“
„Swinnelmeier, weur dat erst letzt Word?“ freug Odje.
„Ne,“ sä Tees Sanner, „dat letzte Word is düt Gedicht hier, dat hett se noch gau innen Wortesool klor mokt. Dichten un riemeln kann de Froo as de Dübel. Heur to:
Letztes Wort.
Leb’ schlecht, sollt ich sagen,
ich sage: Leb’ wohl!
Fahr hin denn zum Meere,
ich fahr nach Tirol!
Se fohrt no den Horz hen, Stürmann, ober dor kunn se inne Gang[199] keen Riem op sinnen, sä se, dorum hett se Tirol schreeben. Kummt ok jo nich so genau op an, sä se, is jo bloß forn Stürmann, wennt forn Koptein weur, denn weur dat wat anners. Se wull dor noch een Vers to moken, ober do fleut de Tog un se muß moken, dat se man mitkeem. Wat seggt ji dorto?“
„Nix,“ sä de Stürmann.
„Feuhlt ji denn nu gorkeen Reue?“ frog de Koptein.
„Ne,“ sä de Stürmann, „mi freit, dat ik ehr jeden Obend een opdrückt heff.“
„Wat dat anbelangt, Stürmann,“ antwor de Koptein, „ik heff ok een Seuten von ehr kregen.“
„Dat is nich wohr!“
„Doch ist wohr. Se sä, se harr den falschen Tees Sanner so veel Seute geben, nu wull se ok eenmol mol den richtigen küssen. Se wull ok eenmol mol een Kopteinsseuten hebben. Un den hett se kregen, Stürmann, Junge, dat weur een Seuten.“
„Verdori,“ reep de Stürmann, „wenn dat wohr is, denn lot ehr man reisen, de ole Zippel de.“
„Schalotte heet se.“
„Och wat, Schalotten un Zippeln[200] heff ik noch nie uteenannerkennen kennt,“ sä Odje, denn kek he sien Koptein ernsthaftig an: „Von eenen verheiroten Mann, de bald Großvadder warrn will, harr ik sowat egentlich nich dacht.“
„Ik ok nich,“ lach Tees Sanner, „ober scheun weurt doch, Stürmann. Segg dor man bloß mien Froo nix von, wenn wi no Hus komt. Un nu lot uns man wedder Holt löschen.“
„Jo, jo,“ sä Odje un gung wedder an Deck. „De ole Zippel,“ brumm he in sik rin un spee öber de Reeling, gliek noher dä em dat ober leed un he kek no de leddige Bank unner de Bäum hen un flüster: „Schalotte!“
Un he wisch sik öber de Ogen un nehm dat Löschen wedder op den Kieker.
„Markst Elefanten?“ freug de een Jantje den annern.
„Ne, Müs,“ sä de anner, „ik gläuf, uns Stürmann is eben kielholt[201] worden.“
„Wat hefft ji dor ümmer to preestern[202]?“ schull[203] de Stürmann, „arbein, arbein, dat wi klor ward un ut düt verdreihte Lock rut komt! Hier kann een jo verrückt warrn!“
Lachende Matrosen
Fußnoten:[54] Aus „Hamborger Janmooten, een lustig Book“ von Gorch Fock. Geh. 2.50 M., geb. in Leinen 3.50 M. (Verlag M. Glogau jr. Hamburg)[55] Elbe[56] ihrer Tochter[57] engl. Crew-Mannschaft[58] Koseform von Adolf[59] Tag[60] Butterkuchen[61] Rausch[62] geschehen[63] sechs Uhr[64] vor Zeug (ließ ans Werk gehen)[65] kamen ihnen zur Hilfe[66] allzuschnell[67] schwitzen[68] Äquator[69] Breitengrad[70] nötig[71] Name des größten Segelschiffes der Welt (deutsches Schiff)[72] ein bißchen im Hintergrund stand[73] nieder[74] süßen[75] Alte[76] Weibsbild[77] strich[78] fühlte[79] fünfundvierzig[80] siebenundvierzig[81] gutes Aussehen[82] aufgeputzt[83] Auge[84] geworfen[85] schon[86] kleines Küstenfrachtfahrzeug[87] wog[88] fragte[89] gleichgültig[90] reden[91] Euer[92] schön[93] außerhalb[94] Garten[95] schielte[96] gehören[97] Rat[98] wählerisch[99] hier: Unsinn[100] freien[101] Sache[102] lauert[103] vertrocknet[104] Nachdenken[105] halten[106] rief[107] blinzelte[108] Hafen[109] ihr[110] schlug[111] Laterne[112] Stahltrossen oder Taue, die die Masten seitlich halten[113] blinken[114] roch[115] unsaubere[116] erlebt[117] Wohnraum[118] „Merkst du was?“ (wörtlich: „Merkst du Mäuse?“)[119] Ratten[120] Winde[121] sagte[122] faßte[123] Topf[124] besann[125] Gewissen[126] Schmelz[127] Nasenloch[128] rug = rauh[129] Zwiebeln[130] höchste[131] an Land[132] gleich[133] Unterschied[134] faßte[135] selbst[136] Katzen[137] Kosenamen für Janmaat = Matrose[138] gutmütig-spöttisches Lächeln[139] Hunde[140] anbeißen[141] schamrot[142] Pfeffermühle[143] erklärt[144] Dämmerung[145] Besuch[146] schlug[147] flötete[148] rannte[149] verrückt[150] Ochsen[151] glaube[152] stiefelte[153] viertel[154] Grünen[155] entgegen[156] Laube[157] Köchin[158] Essen[159] streichelte[160] kroch[161] Abschiednehmen[162] Stachelbeeren[163] kriechen[164] sehr kratzbürstig[165] entlassen worden[166] Koch[167] auffressen[168] Weiß[169] Hitze[170] näher[171] engl. Crew = Mannschaft[172] fliegenden Holländer[173] japanische Tänzerin[174] Schiffsküche[175] schief[176] Straße im Hamburger Hafenviertel[177] kleben[178] Lachtaube[179] lud[180] schwebte[181] Reihe (Arbeit)[182] Flasche[183] Kirschen[184] durften[185] rieb[186] Standespersonen von Stade[187] abliefern[188] niedrige Küste (gefährliche Stelle für die Seefahrt)[189] Bett[190] in Ordnung[191] Patent[192] glaube[193] schraubte[194] Reihe[195] gut[196] zurechtgeschustert[197] Haufen[198] Geschwätz[199] Eile[200] Zwiebeln[201] es ist ihm der Kopf zurecht gesetzt worden[202] predigen[203] schalt
Rudolf Presber:
Die vierundsiebzigste Nacht.
Rudolf Presber ist am 4. Juli 1868 in Frankfurt a. M. geboren und lebt heute in Berlin-Grunewald. Wie sein großer Landsmann Goethe entstammt er einem literarisch gebildeten Hause. Früh waren beide als Dichter tätig, auch sind sie lebenslang Verehrer des schönen Geschlechtes gewesen. Aber darin ist der liebenswürdige Rudolf Presber doch himmelweit verschieden von seinem großen Landsmann, daß 90 Prozent seiner Werke humoristisch sind. Zweifellos besitzt er ein starkes Formtalent. Die fröhlichen Kinder seiner Muse danken ihren großen Erfolg dem flotten, frischen Erzählungston, der warmherzigen Gesinnung und nicht zum wenigsten jenem goldenen Humor, der ihm „Lebensäußerung und nicht Geschäft ist“, wie es in einer seiner Novellen heißt. Manches feine, kluge Wort ist ihm in Vers und Prosa gelungen.
Im Mittelpunkte seiner Novellen steht oft ein wunderlicher Kauz, vom Schicksal arg zerzaust, vom Dichter mit Liebe und Nachsicht behandelt. Eine solche Figur ist auch der unbekannte „berühmte“ Dichter unserer Novelle. Mit feinsinniger Satire geißelt er die Durchschnittsverehrung deutscher Dichter im sinnigen Stil unserer Zeit und verfolgt da mit Gedanken und Ziele, wie sie der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung besonders nahe liegen. Das Studentische ist mit Behagen und leichter Ironie dargestellt. Fast möchte man annehmen, daß ein persönliches Erlebnis des Dichters dahintersteht. Und köstlich wird das Ganze umrahmt von dem Gedanken aus der 74ten Nacht im orientalischen Märchen.
M. G.
Harun al Raschid
Die vierundsiebzigste Nacht.
D
Der fünfte Kalif aus dem ruhmreichen Geschlechte der Abassiden war Mehdis kluger Sohn Harun al Raschid.
Im Morgenland wissen sie noch viel von ihm zu berichten. Alle erzählen von ihm, von dem simplen[204] Kameltreiber bis hinauf zum Statthalter, der im Namen des Schattens Gottes Recht spricht.
Aber auch im Abendlande, das er selbst nie gesehen, nur mit Gesandschaften beglückt hat, kennt man ihn. Nicht als mächtiger Herr von Bagdad, nicht als gewaltiger Kriegsheld, der dem byzanti nischen Kaiser den Tribut[205] abtrotzte, nicht als Freund Karls des Großen wäre sein Bild auf unsere Tage gekommen, wenn nicht jene schönen arabischen Erzählungen so gern von ihm handelten, jene wunderbare Sammlung von Märchen voll Geist, Witz und Farbenpracht, die unter dem Namen „Tausend und eine Nacht“ bekannt ist.
In den seltsamen Geschichten, die die liebliche Sultanin Schehersad dem grausamen Sultan Scheherban erzählt, die Mordlust des Tyrannen einzuschläfern, kehrt sie immer wieder, die sympathische[206] Gestalt des großen Kalifen, der so gerecht wie klug war. Typisch[207] für die Art, wie sich die braunen Wüstensöhne unter den schattenden Palmen der Oase bei Datteln und Hirsebrot gern das Bild ihres größten Fürsten heraufbeschwören, ist Schehersads Erzählung in der vierundsiebzigsten Nacht, in der das wunderliche Märchen von den drei Äpfeln und der zerstückelten Frau beginnt.
„Man behauptet, o König der Zeit und Herr der Äonen“[208], so fängt Schehersad in jener Nacht ihre Geschichte an — „der Kalif Harun al Raschid habe in der Nacht einmal seinen Wesir Djafar rufen lassen und ihm gesagt: Wir wollen miteinander in die Stadt gehen und hören, was es in der Welt Neues gibt. Wir wollen die Leute über die Urteile der Richter ausfragen und den absetzen, über wel chen man sich beklagt, und den belohnen, den man lobt....“
— — — Mir fällt dabei nur eine kleine Geschichte ein, die einige Ähnlichkeit hat mit manchem Abenteuer des großen Kalifen Harun al Raschid, der unerkannt als geringer Mann verkleidet durch die Straßen von Bagdad ging und lauschte und erfuhr, was das Volk über ihn dachte.
Und wenn ich so lächelnd an jenes seltsame Begebnis zurückdenke, dann will’s mir vorkommen, als ob jeder von uns, wenn er nur lange genug atmet, seine vierundsiebzigste Nacht erleben könnte.
Man muß das für keine Absurdität[209] halten, was ich da sage. Ich weiß sehr wohl, daß — schlicht arithmetisch[210] genommen — die „vierundsiebzigste Nacht“ den Menschen noch als Säugling trifft, der mehr oder minder rasch und reinlich seine Milch verdaut und für die Geschehnisse der Außenwelt stumpf, blöd und ohne Teilnahme ist; obschon die Mutter — aber auch nur die Mutter — bereits ein gewinnendes, verständnisinniges Lächeln zuweilen bei ihm bemerken will. Ich fasse also die vierundsiebzigste Nacht — das sei allen Wortreitern und Silbenstechern angemerkt — im übertragenen Sinne, im Geist des Märchens vom Kalifen Harun al Raschid...
Es werden jetzt bald zehn Jahre, da stand ich an einem beträchtlich kalten Novemberabend auf dem Perron[211] des Bahnhofs meiner süddeutschen Vater stadt und wartete auf den würdigen Hans Eduard Meßmann, wartete auf ihn mit dem ganzen freudigen Enthusiasmus[212], den meine Jugend und zwei Glas eben in der Restauration genossenen Grogs mir verliehen.
Hans Eduard Meßmann stand damals — so sagten die Zeitungen — auf der Höhe seines Ruhmes.
Er selbst sah die Sache anders an. Er wußte, daß sich bald vier arbeitsreiche Jahrzehnte sein liebes Vaterland und dessen gebildetes Publikum, für das er seine formvollendeten Epen und seine gedankenreiche Lyrik geschaffen, herzlich wenig um ihn bekümmert hatte. Besonders kluge und belesene Leute hatten ihn „stets geschätzt“. Er hatte glühende Verehrer, aber sie glühten im stillen. Die Buchhändler bliesen den Staub von den Bücherreihen auf den höchsten Regalen unter der Decke, wenn man nach ihm fragte. Die Inhaber von Leihbibliotheken zuckten bedauernd die Achseln: „Wird zu wenig gefragt.“ Und Professoren der neueren Literaturgeschichte schrieben seinen Namen nicht immer richtig, wenn sie ihn zu irgend einer Denkmalsspende oder einem patriotischen Aufruf heranziehen wollten.
Da kam sein siebzigster Geburtstag.
Wer es war, der Jahreszahl und Datum richtig entdeckte, bleibt dahingestellt. Jedenfalls es stimmte, Hans Eduard Meßmann wurde in jenem November siebzig Jahre alt.
Es bildete sich rasch ein Komitee[213].
Das ist das Schöne und Zuversichtliche bei uns Deutschen: man kann nicht immer wissen, was sich etwa sonst noch in der Zukunft bilden wird. Aber eins ist sicher: Komitees werden sich bilden. Mit einem ersten Vorsitzenden, einem zweiten Vorsitzenden und einem Schriftführer. Mit Leuten, die viel reden und wenig bezahlen; und mit anderen Leuten, die sehr viel bezahlen und den Mund zu halten haben.
Nach diesem altbewährten Rezept, das der Deutsche mindestens so heilig hält, wie die frommen Karthäuser der Grande Chartreuse[214] das ihrige, bildete sich auch ein Komitee für die Feier des siebzigsten Geburtstages Hans Eduard Meßmanns, der, wie der schwungvolle Aufruf zur Teilnahme besagte, „in einem arbeitsreichen Leben die geistigen Schätze der Nation liebevoll gemehrt und durch seine unvergleichliche, echt deutsche Kunst, durch den Wohllaut seiner Lieder und die tiefe Bedeutsamkeit seiner epischen Gesänge sich die dauernde, heiße Dankbarkeit des Volkes erworben, das ihn voll Stolz aus seiner Mitte hervorgehen sah“.