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Phot. Hugo Erfurth, Dresden.

Reife Früchte
vom
Bierbaum.

Aus den letzten Ernten ausgewählt und mit einem Vorspruch dargebracht

von

Fritz Droop.

Mit einem Bildnis Otto Julius Bierbaums.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.


Einleitung.

Von Zeit zu Zeit tut uns das Lachen not, das Lachen, das über den Alltag erhebt, die Freude, die uns stärkt und befreit; es gibt keinen besseren Arzt auf der Welt als den Humor, keinen besseren Führer durchs Leben als die Lebensfreude!

In der Erkenntnis dieses Grundsatzes ruht die Bedeutung Otto Julius Bierbaums, und wenn irgend etwas die Hoffnung stärken kann, daß wir wieder einer gesunderen künstlerischen Zeit entgegengehen, so ist es der Umschwung der öffentlichen Meinung zugunsten eines Liliencron, Bierbaum und Hartleben. Denn nicht immer war man so »tolerant«, und noch trennen uns keine zwei Jahrzehnte von der Zeit, da man weder von dem einen noch dem andern etwas wußte oder wissen wollte. Aber ein ungebärdiger Überschwang und eine brausende Zuversicht zu sich selbst gab diesen Dichtern die Kraft, sich durchzusetzen. Sie schlugen, wie Bierbaum in einem Aufsatz über Liliencron sich einmal ausdrückt, wie die Fohlen auf der Weide aus und vermieden es, artiger zu scheinen, als ihnen zumute war. Auf bürgerliche Reputation kam es ihnen durchaus nicht an, und sie empfanden es als eine große Genugtuung, wenn man mit dem Finger der Entrüstung auf sie hinwies als auf zügellose Frevler gegen alle Ordnung und Sitte. »Der allerorten gegen uns erhobene Schulmeisterbakel machte uns nur noch verwegener und vergnügter, und der Umstand, daß alle Argumente gegen uns schließlich darauf hinausliefen, uns unsere grüne Jugend vorzuwerfen, ließ uns eben diese, die wir als unseren Vorzug empfanden, erst recht auftrumpfen.« Sie nannten sich Realisten, waren aber weltfremde Feinde der Realität, Idealisten vom reinsten Wasser, mit so großer Vorliebe sie auch die Kunstmittel des Naturalismus anwandten, um als Gegensatz zum Bilde ihrer Sehnsucht, das rechtschaffen verschwommen war, ein Bild der »Wirklichkeit« zu machen, von der sie in Wirklichkeit noch bitter wenig Ahnung hatten. Es waren jene übermütig lebensfrohen Gesellen, wie Bierbaum sie in dem jüngst erschienenen Versbuch »Maultrommel und Flöte« so trefflich zeichnet, indem er sie als »junge Götter in Hemdsärmeln« singen läßt:

»Setzt euch, Brüder! Trinkt und schlemmt!
Winken auch bloß billige Pullen,
Schinken-, Wurst- und Käsestullen,
Und das Tischtuch ist ein Hemd:
Setzt euch, Brüder! Trinkt und schlemmt!

Denn wir sind die Herren: Wir
Garnichtshaber, Garnichtswoller,
Garnichtssucher, Garnichtssoller.
König, – heb dich weg von mir!
Denn wir sind die Herren: Wir!

Sind die Herren Götter! Frei,
Wie sonst niemand ist auf Erden.
Sollen wir erst selig werden?
Nein, wir sind's! Hör's, Menschenbrei:
Sind die Herren Götter: frei!«

Heute wissen wir, daß Bierbaum kein geringerer Lebenskünstler ist als Liliencron und erkennen es deshalb als einen Zug wohltuender Dankbarkeit, daß er zum Lobe des Dichters der »Adjutantenritte« die ehernen Worte fand: »Da kam Liliencron, und wir vernahmen aus seinem Munde in Versen von ganz der Art, um die wir rangen, Worte der Bejahung des Lebens ohne Sehnsucht nach Utopien, wohl aber verklärt durch Gesichte einer zweiten tieferen Realität: der des seherischen Künstlers. Zum ersten Male, und das entzückte uns besonders, sahen wir unter uns einen Dichter von ganz ursprünglicher und unverbildeter dichterischer Veranlagung, der kein Literat war, ja das Gegenteil eines Literaten, und der in seinen Gedichten, so voll sie der reinsten, echtesten, kräftigsten Poesie waren, auch nicht den Dichter hervorkehrte, dieses abstrakte X., das alles individuell Menschliche verbirgt, sondern eine ganz deutliche Persönlichkeit bekannte. Auch wir taten uns ja etwas darauf zugute, daß wir, nicht selten mit mehr Selbstbewußtsein als Geschmack unserem dichterischen Ich deutliche Persönlichkeitszüge mitgaben, wenn wir es zum Mittelpunkte einer lyrischen Konfession machten, aber es sah dennoch fast immer recht sehr allgemein aus, denn, so heftig wir nach dem höchsten Gute: der Persönlichkeit trachteten, so wenig konnten wir es im allgemeinen erreicht haben, da wir zu jung dazu waren und zu wenig wirklich erlebt hatten. Auch waren wir zu ausschließlich Dichter und betonten diesen Umstand sogar als etwas, das uns auszeichnete, – eigentlich ganz wie die von uns so sehr geschmähten ›Alten‹, die es nur in anderer Manier und aus anderen Gründen taten.«

Bereits vor zwanzig Jahren durfte er seine ersten Lorbeeren pflücken, als er mit seinen warmherzigen und geistvollen Abhandlungen über Arnold Böcklin, Detlev von Liliencron, Fritz von Uhde und Franz Stuck die Kreise der Künstler und Literaten entzückte. Außerhalb dieser Kreise war sein Name zunächst noch wenig bekannt, und erst die »Studentenbeichten« trugen seinen Ruhm hinaus auf den Markt, bis ihn der »Irrgarten der Liebe« und die vornehme Auswahl des »Seidenen Buches« geradezu volkstümlich machten. Jedenfalls gehört Bierbaum heute zu den meist- und bestkomponierten unter den lebenden Lyrikern; es sei nur an die Kompositionen von Richard Strauß und Max Reger oder an das vielgesungene Lied »Sommernacht« in der genialen Vertonung des Königsberger Kapellmeisters Paul Scheinpflug erinnert:

Laue Sommernacht; am Himmel
Stand kein Stern; im weiten Walde
Suchten wir uns tief im Dunkel,
Und wir fanden uns.

Fanden uns im tiefen Walde
In der Nacht, der sternenlosen,
Hielten staunend uns im Arme
In der dunklen Nacht.

War nicht unser ganzes Leben
So ein Tappen, so ein Suchen?
Da: in seine Finsternisse,
Liebe, fiel dein Licht.

Bierbaums Gedichte, Lieder und Sprüche haben fast durchweg etwas Schlichtes, Natürliches, etwas Einschmeichelndes und Herzgewinnendes, wie es unser Volk liebt; und wenn seine Versbücher auch eine Menge leichter Tändeleien mit sich führen, so enthalten sie doch alle eine stattliche Anzahl Gedichte, über denen ein wirklich echter, zarter Duft von Grazie und Anmut liegt.

Mit dem Schauspiel »Stella und Antonie« betrat der Dichter zum ersten Male den dornenreichen Pfad des Dramatikers. Das Stück, das an den vornehmsten deutschen Bühnen wiederholt mit glänzendem Erfolge aufgeführt worden ist, behandelt die Tragödie eines Mannes, der zwischen zwei leidenschaftliche Weiber gerät, von denen sich das eine an seine Sinne, das andere an sein Herz und seine Seele wendet; es ist der Konflikt zwischen der wildbegehrenden Natur und der edlen Sitte, ein heißer Kampf, in dem die Sitte siegt. Im Elberfelder Stadttheater erzielten außerdem vor einigen Jahren zwei mit allerlei Spitzen und Bosheiten gegen Pastor und Staatsanwalt gespickte »Stilpe-Komödien« einen allgemeinen Heiterkeitserfolg. Weiter schrieb er das graziös-tiefsinnige Märchenspiel »Lobetanz«, zu der Ludwig Thuille zarte lyrische Weisen fand. Er gab Kortums »Jobsiade« mit einer launigen Vorrede in Knittelversen neu heraus, schrieb eine willkommene Studie und Verteidigungsschrift über Meister Hans Thoma, dichtete als alter Korpsstudent aus Anlaß des Leipziger Universitätsjubiläums die Studentenkomödie »Der Musenkrieg« und ist Herausgeber des seit einigen Jahren im Verlage von Theodor Weicher (der auch die mit handschriftlichen Selbstbiographien der Dichter und ihren Porträts ausgestattete Sammlung »Deutsche Lyrik der Neuzeit« herausgebracht hat) in Leipzig erscheinenden Goethe-Kalenders. Er gründete die Monatsschrift »Insel«, gab den »Modernen Musenalmanach« heraus und rief mit Meier-Gräfe zusammen die kostbar ausgestattete Kunstzeitschrift »Pan« ins Leben. Was er aber auch begann, geschah in einer glücklichen Stunde, unter einem glücklichen Stern.

Daß seine Muse auch dem Zuge der Zeit zu folgen wußte, bewies er durch die »Empfindsame Reise im Automobil«. Mit offenen, wachen, allen Erscheinungen des Lebens und der Natur zugewandten Sinnen reisen, nennt er empfindsam reisen, und dieses Reisen allein erscheint ihm als das wirkliche Reisen, wert und dazu angetan, zur Kunst erhoben zu werden. In unserer Zeit hat man das Reisen ja verlernt; man läßt sich transportieren. Bierbaums Ziel war, mit dem modernsten aller Fahrzeuge auf recht altmodische Weise zu reisen; sein Leitspruch hieß: »Lerne reisen ohne zu rasen«, und die achtzehn Briefe, in denen der Dichter seinen Freunden Detlev von Liliencron, Hans Thoma, Franz Stuck, Max Schillings, Fritz von Uhde, Oskar von Chelius, Ludwig Thuille und anderen berichtet, beweisen, daß er seinen Spruch zu beherzigen verstand. Bierbaum hat sehen und genießen gelernt; das ist's, was ihn ebensosehr zum geistvollen Plauderer und Humoristen wie zum Sittenschilderer und Kunstkritiker stempelt. In der soeben bei Georg Müller in München erschienenen »Yankeedoodle-Fahrt« hat er diese Fähigkeit von neuem im schönsten Lichte entwickelt.

Eine besondere Betrachtung gebührt Otto Julius Bierbaum als Romancier. Was Schönheit und Weiberklugheit vermag, das erzählt Bibaomo, Baccalaureus der schönen Künste, in seinem Roman »Das schöne Mädchen von Pao«, in der »Schlangendame« geschieht nichts weniger, als daß die Serpentincancanöse Fräulein Paula Hollunder einen verbummelten Studenten, Herrn Ewald Brock, erzieht, bemuttert und nicht eher ruht, bis sie aus ihm einen wirklichen Doktor und ein braves und nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft gemacht hat. Die landläufige Moral bekommt hier also einen argen Stoß; für die Überzarten, Zimperlichen, Prüden ist die »Schlangendame« nichts, ebensowenig wie der »Pankratius Graunzer«.

Dasselbe gilt von »Stilpe«, dem Roman des verkommenen Genies, sowie von der dreibändigen Geschichte »Prinz Kuckuck, Leben, Taten, Meinungen und Höllenfahrt eines Wollüstlings«; beides Werke von ebenso groteskem Farbenspiel wie bitterem Ernst, aus denen nicht zuletzt der Berufserzieher eine Fülle von Anregungen und heilsamen Lehren ziehen kann. Was Bierbaum selbst über das Wesen des Romans denkt, hat er in seinem Widmungsbriefe an Holger Drachmann ausgedrückt, über seine besonderen Absichten mit dem Zeitroman »Prinz Kuckuck« sagt er in den von Professor Litzmann herausgegebenen Mitteilungen der Literarhistorischen Gesellschaft in Bonn:

»Die Grundabsicht meiner Arbeit ist satirischer Natur, aber die Satire wendet sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern gegen allgemeinere Zeiterscheinungen. Es lassen sich herausheben: Erziehungswesen, Übermenschentümlichkeit, Macht des Geldes (über den Besitzer wie über seine Umgebung), Rassenphrasen, künstlerische Galoppentwickelung, Erotomanieen aller Art, Snobismen auf verschiedenen Gebieten (selbst der Religion), Neigung zur Allüre und allem Äußerlichen. Dies alles wie in einem kochenden Nudeltopfe: ein ewiges Auf- und Nieder- und Durcheinanderwallen: eine Zeit ohne Helden und ohne Stil, aber mit heftig bewegter Tendenz danach.

Insofern erscheint eine Hauptfigur mit Zügen ausgestattet, die nicht bloß individuell gedacht sind: Der Erbe, der nicht zu erwerben weiß, um zu besitzen. Indessen ist er doch nicht wesentlich als Typus angelegt, wenngleich gewisse Besonderheiten an ihm (so sein ›antisemitisches‹ Halbjudentum, das Zufallhafte seines Reichtums und damit sein Mangel an Tradition) nicht ohne eine Art symbolisch allgemeiner Bedeutung sind. Denn neben der satirischen Absicht leitete mich das Interesse an gewissen psychologischen Problemen und, natürlich, die Lust am fabulierenden Gestalten.

Darüber aber ist nun wohl vom Verfasser nichts zu sagen. Erscheint das psychologische Problem, erscheinen die einzelnen Gestalten nicht mit aller Deutlichkeit, und entbehrt die (übrigens erfundene, nur in einzelnen Voraussetzungen der Anlage modifiziert dem Leben entnommene) Fabel der Geschichte des Reizes überzeugender Anziehungskraft, so hilft kein Kommentar und Wegweiser des Autors über den Umstand weg, daß sein Werk verfehlt ist. –

Im ersten Hefte des dritten Bandes ›Aus Kunst und Altertum‹ finden sich hintereinander zwei Axiome Goethes, die auf meinen Roman im allgemeinen wie im besonderen passen:

›Der Roman ist eine subjektive Epopöe, in welcher der Verfasser sich die Erlaubnis ausbittet, die Welt nach seiner Weise zu behandeln. Es fragt sich also nur, ob er eine Weise habe; das andere wird sich schon finden.‹ Und:

›Es gibt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.‹

Auf die Frage, ob ich eine Weise habe, kann nur der Roman selbst antworten; auf die, ob sie den anderen gefällt, nur die anderen; und schließlich auf die, ob sie künstlerisch wertvoll zum Ausdruck gebracht worden ist, mag die Kritik ihre Antwort geben. Ich glaube, daß Aufbau und Gliederung meiner subjektiven Epopöe für den ästhetischen Beurteiler literarischer Kunstwerke einiges Interesse haben werden. Bei aller Freiheit im einzelnen bin ich konstruktiv sehr streng zu Werke gegangen, – auch in Fällen, wo man mir am Ende nachsagen wird, daß ich mich aus reiner Lust am Fabulieren habe gehen lassen (z. B. in dem Zwischenstück aus dem XVIII. Jahrhundert im dritten Bande, das eine Art Rück- und Wiederspiegelung des Problems sein will). Die Vielfältigkeit des Stiles läßt sich, denk ich, durch die Anlage des Ganzen rechtfertigen, das ich mit einem weitläufigen Gebäudekomplex nach Art des bayrischen Nationalmuseums vergleichen möchte, das, als Ganzes eine ästhetische Einheit, im einzelnen die verschiedensten Stile aufweist (in der Architektur wie in der Inneneinrichtung). Wenn es mir wie Meister Gabriel von Seidl gelungen ist, mit verschiedenartigen Mitteln ein Gebäude aufzurichten, das dennoch als organisches Gebilde wirkt gleich alten Bauwerken, denen die Entwickelung der Zeit eine Vielfältigkeit des Stiles gegeben hat, ohne ihre konstruktive Einart zu verwischen, so glaube ich, daß der Wechsel des Duktus kein Fehler meines Romanes ist. Es geschah nicht aus Lust an stilistischer Spielerei, sondern stellte sich wie von selbst mit dem Wechsel der Szenerie, der Handlung, der Zeit innerhalb meiner Geschichte ein. Wäre sie (vergleichsweise) ein Dom, ein Palast, ein idyllisches Landhaus, so möchte das Nebeneinander von Stilen schwerer zu verteidigen sein. Sie ist aber eine Art Museum von allerhand, höflich ausgedrückt, Kuriositäten der Generation, zu der ich gehöre, und so durfte ich meiner Empfindung nach, die Geschichte der schönen Sara im Stile der Krinolinenzeit, die Erlebnisse des ›Helden‹ in der Ulrikusstraße zu Hamburg aber im Stile des Naturalismus vom Anfang der achtziger Jahre erzählen usw.

Das zweite Zitat aus Goethe, das, wenn ich nicht irre, bei dem bekannten Spielhagenschen Romane Pate gestanden hat, umschreibt das dominierende Problem im Leben meines sehr problematischen Wollüstlings aufs treffendste. Wie es mir nach Beendigung der ersten beiden Bände vor Augen kam, erschrak ich beinahe, als hätte ich mich selbst auf einem Plagiat ertappt. Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, daß das ›Wollüstling‹ im Titel eine ironische Nuance hat …

Nur wer des Sinnes für Nuance und Ironie entbehrt, dürfte überhaupt gut tun, sich eine weniger problematische Lektüre zu wählen, als den ›Prinzen Kuckuck‹. Damit ist gesagt, daß das Buch sich insbesondere nicht für junge Mädchen eignet, als welche fast ausnahmslos so glücklich sind, diesen gefährlichen Sinn nicht zu besitzen.

Es soll ja überdies auch unmoralisch sein und ist bereits als pornographisch denunziert worden. Demnach gibt es Leute, die Bücher mit der ausgesprochenen Absicht lesen, Anstoß zu nehmen. Es muß dies eine Art Perversität sein; geistiger Masochismus etwa. Denn, wenn ein Buch auf seinem Titel ausdrücklich bekennt, daß es vom Leben, den Taten, den Meinungen und der Höllenfahrt eines Wollüstlings handelt, so sollte ein (sozusagen) normal prüder Mensch sich hinlänglich gewarnt und abgestoßen fühlen, und er sollte sich den Stein des Anstoßes nicht geradezu ins Haus tragen. Tut er's dennoch, so wird man annehmen dürfen, daß ihm entweder das Ärgernisnehmen oder das Denunzieren vergnüglich ist. Jeder Staatsanwalt aber sollte mit Entschiedenheit erklären, daß die Organe des Staates nicht dazu da sind, derlei perversen Trieben zu dienen. Ich für mein Teil darf sagen, daß mir ebenso unerwünscht wie diese Art Leser die sind, denen das Wort Wollüstling etwa als Einladung erschienen ist. – Im übrigen glaube ich, daß mein Roman eine sehr schöne Moral hat. Sie steht bei Immanuel Kant mit diesen schönen Worten zu lesen: ›Durch die Einschränkung der Selbstliebe und Niederschlagung des Eigendünkels entsteht in uns jenes Gefühl, welches das Moralgesetz in uns bewirkt.‹«

Es kam Bierbaum bei der Niederschrift des »Prinzen Kuckuck« nicht allein darauf an, das Leben eines Menschen zu schildern; sein ungleich größeres Thema war die Zeit, in der sich der Held bewegt. Seltsame Gestalten tauchen vor uns auf, seltsam und doch so lebenswahr und psychologisch echt, und alles das ergänzt sich zu einem treuen Spiegelbild des unruhigen Getriebes unserer gegenwärtigen Epoche, deren Pulsschlag hastig und unsicher, voll Leidenschaft und Erregung ist. Wer die wahren Schäden unserer Zeit kennt und sich nicht fürchtet, dieses zu bekennen, der wird den »Prinzen Kuckuck« mit noch größerer Freude begrüßen, wie einst den »Stilpe«. Denn es geht, wie Felix Salten in der »Zeit« so treffend ausgeführt hat, von der Erzählung ein solcher Sturm des Geschehens, des Erfindens aus, daß es ist, als hätte man die Begebenheiten, die Menschen und die Schicksale eines ganzen Zeitalters zusammengeschüttelt, die Stoffe von zwanzig Romanen, von dreißig Komödien und von hundertfünfzig Novellen. Der Sohn der schönen Sara schreitet durch diesen Tumult von Gestalten und Ereignissen, durch dieses Zeitalter, welches das unserige ist. Er wächst auf, wandelt sich, genießt die Welt, taumelt durch die Brandung der Epoche, überall dort, wo sie am wildesten schäumt, ist der Liebling und der Narr des Glücks, und stirbt wie eine Flamme oder wie ein Gleichnis. Im »Prinzen Kuckuck« ist so ziemlich alles aufgefangen, was heute die germanisch-slawisch-gallisch-jüdische Menschheit des modernen Europa erlebt; ginge diese Welt jetzt durch eine Sintflut spurlos unter, sie fände sich mit all ihrem sonderbaren Getier in diesem Buch aufbewahrt, wie in Noahs Arche.

Dem Roman ließ Bierbaum sehr schnell das Essaybuch »Liliencron«, die »Sonderbaren Geschichten« und die »Yankeedoodle-Fahrt« folgen. In seinem Liliencron-Buch hat Bierbaum – neben Michael Georg Conrad ohne Frage der Berufenste unter allen »Biographen« Liliencrons – die bedeutendsten seiner zahlreichen Bekenntnisschriften über den Unvergeßlichen vereinigt. Nur wenigen hat sich der Dichter des »Poggfred« und der »Adjutantenritte« so unverhohlen mitgeteilt wie ihm; zudem war Bierbaum nächst dem großen Anreger und Vorkämpfer Michael Georg Conrad der erste, der die Bedeutung Liliencrons erkannte und mit glühender Begeisterung und offenem Freimut für ihn in die Schranken trat. Man versteht es und freut sich dessen, daß die Dankbarkeit den Verfasser veranlaßte, das Buch dem älteren Kameraden zuzueignen, und man braucht nur den Widmungsbrief an Michael Georg Conrad zu lesen, um den Grundakkord zu vernehmen, auf dem die Sinfonie des herrlichen Buches sich aufbaut: die Sinfonie der Schönheit und der Kraft.

Die »Sonderbaren Geschichten« erinnern uns in der Kunst der Prosa an den großen Roman, ja sie übertreffen ihn darin vielleicht insofern, als der Reichtum der Ausdrucksmittel hier in schärferer Zucht gehalten, klarer disponiert ist. Ein Stück wie »Samalio Pardulus« darf als Wortkunstwerk einen Rang beanspruchen, der oberhalb des meisten steht, was die künstlerische deutsche Belletristik hervorgebracht hat. Diese Sprache hat nicht bloß Anschaulichkeit und Wärme, sie hat auch Rhythmus und zwar, daß ich nicht mißverstanden werde: ohne sogenannte poetische Prosa zu sein. In ihr waltet die Ökonomie der Novelle, wie im »Prinzen Kuckuck« der mächtige Atem des künstlerischen Romans der Sprache das Gesetz: die künstlerische Struktur gibt. Man muß in Deutschland immer wieder auf derlei hinweisen, denn der Genuß von Kunstwerken des Wortes hängt nicht bloß vom Verständnis des Inhaltes, sondern fast noch mehr davon ab, daß der Leser seinen Sinn für die Form bilde und des Wohlgefühls teilhaftig werde, das in der Erkenntnis von Schönheiten liegt, die sich nur dem offenbaren, der das innere Ohr hat. Wir haben das erst durch Nietzsche wieder erlangt, von dem Bierbaum als Künstler viel mehr beeinflußt worden ist, als von irgendeinem Lebenden; wie denn überhaupt seine künstlerischen Nährväter hauptsächlich in der Vergangenheit zu suchen sind. So steht seine Lyrik keineswegs wesentlich unter Liliencronschem Einflusse, sondern unter dem von Goethe, Claudius, Bürger. Von den Modernen hat nur der große Nietzsche stark auf ihn eingewirkt.

Das Hauptmerkmal der »Sonderbaren Geschichten« ist ihr grotesker Zug. Wenn »Die Stimme des Blutes« wie »Samalio Pardulus« eine tragische, »Der mutige Revierförster« eine satirische Groteske ist, so findet sich für jedes andere Stück – die vorliegende Auswahl bringt außer den beiden letzten Geschichten noch aus der Sammlung das launige Epos »Der heilige Mine« und die von echter Raubritterromantik getragene Erzählung »Annemargret und die drei Junggesellen« – gleichfalls als Hauptzug der der Groteske im Sinne der Alten und der Renaissance. Es sind eigentlich alles Maskenspiele; aber unter der Maske, durch die Maske leuchtet das Leben. Alle diese »Sonderbaren Geschichten«, die sich so leicht lesen, sind im Grunde gar keine so leichte Ware; nur nachdenkliche Lektüre wird ihr gerecht. Und das ist überhaupt das unterscheidende Merkmal des Bierbaum der letzten Zeit, daß er zwar seine Leichtigkeit nicht verloren hat, auf seinen Flügeln aber mehr zur Höhe trägt, als früher. Auch die Gedichte von »Maultrommel und Flöte« zeigen das. Der Wein dieser Lyrik ist schwerer geworden, ohne an Bouquet verloren zu haben. Und wenn Bierbaum auch hier noch gerne tändelt, so ist es der frohmütige Spaß eines reifen Mannes, nicht mehr jugendliches Amüsement. So stehen auch die Stücke der »Yankeedoodle-Fahrt« über der »Empfindsamen Reise im Automobil«, weil diesmal das Gepäck reicher an den Reiseeffekten ist, die zur großen Lebensreise gehören, soll sie zu der höchsten Station: Weltanschauung führen. Trotzdem, nein: eben deswegen überglänzt alle drei Bücher echter Bierbaumscher Humor. Nur muß man das Wort wohl etwas tiefer zu nehmen beginnen, als man es bisher tat oder tun dürfte. So ist der Humor der »Yankeedoodle-Fahrt« wenn auch nicht bitter, so doch bittersüß. Aber sauer sind die Früchte von diesem Baume nie; Sonne und Leben hat sie gereift, es sind Sonnenfrüchte.


Im Frühjahr 1910 sollte außer dem Romanfresko »Die Päpstin« eine Novellensammlung »Die Schatulle des Grafen Trümmel« erscheinen, für den Herbst hatte Bierbaum die Veröffentlichung einer großen Selbstbiographie geplant. Er hat die Drucklegung dieser Werke ebensowenig erleben sollen wie das Erscheinen seiner »Reifen Früchte«, auf die er sich so gefreut hatte. Sein letztes abgeschlossenes Werk ist eine Dichtung für die Bühne; das mit Königsbrun-Schaup zusammen gearbeitete Stück führt den Titel »Fortuna. Abenteuer in 5 Akten« und wird noch in diesem Jahre zur Aufführung gelangen.

»Aus den letzten Ernten …«, so sollte es im Titel der »Reifen Früchte« heißen, dessen originelle Fassung des Dichters eigene Idee war; so war es – schon im Herbst 1909! – überlegt. Wer hätte gedacht, daß es wirklich letzte Früchte sein würden? Im Dezember vorigen Jahres warf ein chronisches Nierenleiden den Dichter auf das Krankenlager, von dem er sich, allem Sträuben zum Trotz, nicht wieder erheben sollte, obgleich sein Zustand sich vorübergehend gebessert hatte. Ein Brief, den ich am 2. Februar frühmorgens von seinen Angehörigen aus Dresden erhielt, klang sehr besorgt. Doch fielen mir allerlei Sätze aus seinen eigenen letzten Briefen ein, kraftstrotzende, von reifem Lebenssinn und unverwüstlicher Daseinsfreude getragene Gedanken. Und wie ich alle Bedenken und alle Sorge um den kranken Freund mit dem gleichen Optimismus zu verscheuchen suche, bringt der Telegraph die Trauerkunde: Otto Julius Bierbaum ist gestern abend im Alter von 44 Jahren an Herzlähmung gestorben …

Nun ist der Mund, der so lustig plaudern und so herzhaft lachen konnte, für immer verstummt, wir werden seine Stimme nie mehr hören. Und wir hadern mit dem Geschick und können es nicht fassen, daß es gerade diesem Manne die Feder aus der Hand winden mußte, dem unermüdlichen Apostel der Schönheit, Freiheit und Freude. So steht sein Bild kraftvoll und edel neben dem seines Freundes Detlev, für den er immer so tapfer in die Bresche gesprungen war, getreu dem schönen Spruche, mit dem er mir, drei Tage vor seiner Erkrankung, sein herrliches Liliencron-Buch sandte:

Wer sich für andre nicht erhitzen kann,
Der ist vielleicht ein kluger Mann:
Er wahrt sein Feuer
Und wärmt sich seine Hände dran.
Mir war bei solcher Klugheit nie geheuer.
Ein rechtes Herz brennt unklug lichterloh.
Und seine Flamme sieht sich schöner an,
Als der Bedachtheit glimmend nasses Stroh.

Ja, lichterloh brannte sein Herz, wenn es galt, für etwas Hohes, Edles einzutreten, und seine Waffen waren blank und scharf. Das ist Bierbaums – wie auch Liliencrons – bleibendes Verdienst: daß er die Freude an gesunder Sinnlichkeit und Schönheit in unser graues Alltagsleben trägt, ohne Sinnlichkeit mit Plumpheit, Schönheit mit Ästheterei zu verwechseln. Die Freude, die er verkündet, macht stark und befreit und erhebt. Wie sagt doch der Seher in der »Vernarrten Prinzeß«?

»Wagt's immer, zu springen,
Es muß euch gelingen,
Was fröhlich ihr schafft.
Das grämliche Hocken
Bringt alles ins Stocken;
Frei wehn eure Locken,
Die Freude macht Kraft

Danzig, im Februar 1910.

Fritz Droop.


Reife Früchte vom Bierbaum.


Skizze zum Porträt eines guten Bekannten von mir.

Otto Julius Bierbaum

erblickte das Licht dieser Welt am 28. Juni 1865 zu Grüneberg in Niederschlesien als der Sohn eines eingeborenen Konditors und einer sächsischen Bergmannstochter. In der väterlichen Familie waren zwei Berufszweige erblich: Ein süßer: die Zuckerbäckerei, und ein saurer: die protestantische Theologie. Otto Julius hatte aber wohl einen besonders starken Gemütseinschlag von der mütterlichen Familie her (in der einmal, zur Zeit Napoleons ein französischer Tambour eine Gastrolle gegeben haben soll), und so fand in ihm weder die süße noch die saure Familientradition ihre Fortsetzung. Doch blieb ihm Zeit seines Lebens von Abstammung wegen ein ausgesprochener Sinn für bessere Kuchen und Edelmetalle im Blute, ohne daß er ihn indessen immer befriedigen könnte. Dieses Unvermögen kommt aber eben daher, weil er, statt das Süße oder das Saure oder sonst was Ordentliches zu lernen, sich von Jugend auf dem Laster des Versemachens und Fabulierens hingegeben hat. Was hat er davon? –: Ein immer zweifelhaftes Budget und die Ungnade des Literaturaufsehers Bartels in Sulza bei Weimar. Dieses hindert ihn aber nicht daran, mit trotziger Hartnäckigkeit weiter zu schreiben und zwar ohne alle weise Beschränkung auf ein bestimmtes Fach der Dichtkunst. Nicht allein, daß er Gedichte jeder Art und Unart sowie Novellen, Romane, Operntexte, Dramen, Balletts, Reisebeschreibungen, Märchen von sich gibt; er schreibt auch noch allerhand Aufsätze über allerhand Menschen, Dinge und Ideen. Dies ist ein so grober Verstoß gegen das moderne Gesetz von der Teilung der Arbeit, daß man nicht energisch genug dagegen Front machen kann. Warum, so fragen wir mit Nachdruck, hat sich O. J. B. nicht damit begnügt, den »Lustigen Ehemann« zu verfassen? Wie klar und hold umrissen stünde dann sein Bild im Herzen der dankbaren Mitwelt. Daß er auch noch Zeitschriften gründete, mag ihm verziehen werden, weil sie (Pan und Insel) eingegangen sind, und weil es sich schließlich, Gott sei Lob und Dank, doch herausgestellt hat, daß die aufregenden Nachrichten über seine schmachvoll hohen Redaktionsgehälter nur die Phantasiegebilde einiger erfindungsreichen Köpfe waren. Auch seine längere Reise im Automobil hat ihren Stachel verloren, seitdem man weiß, daß sie nicht auf eigene Kosten unternommen worden ist. Über seine Mitschuld am Überbrettl gehen die Meinungen auseinander. Einige Passagen im »Stilpe« belasten ihn zwar schwer, aber das Programm seines Trianon-Theaters wird immer als besinnungslos rein lyrisches Entlastungsdokument angeführt werden können. Ob O. J. B. harmlos ist, muß dahin gestellt bleiben; da er es sich nicht abgewöhnen zu können scheint, über gewisse Charaktereigentümlichkeiten erbost zu werden, als da sind: Neid, Lügenhaftigkeit, Undankbarkeit, Tratsch- und Verleumdungssucht und aufgeblasener Dummstolz, so muß er doch wohl einige Bosheit im Leibe haben, und die christliche Demut, die, nicht zufrieden, links geohrfeigt zu werden, auch die rechte Wange hinhält, fehlt ihm ganz und gar. Da er lieben kann, kann er auch hassen, und wie die platonische Liebe, so ist auch der platonische Haß nicht seiner Art gemäß. Es scheint, daß er einige Laster hat. Der Trunk gehört nicht dazu. Auch nicht der Geiz und die Faulheit. Aber es könnte sein, daß man Momente von Stolz, Wollüstigkeit, Rachsucht in seinem Leben fände. Item: vom Heiligen ist er entfernt. Hunde, Katzen, Blumen; Horaz, Shakespeare, Goethe; Glück, das »wohltemperierte Klavier«, Mozart, archaische Skulpturen, alte italienische Maler, moderne Impressionisten; Büttenpapier, Seide und Ceylontee liebt er sehr. Für die größten unter den modernen Dichtern gelten ihm Dostojewski und Nietzsche. – Th. Th. Heine ist ihm lieber als Max Klinger. – Alte Stile sind ihm erfreulicher als moderne. Und er ist überhaupt revidiert unmodern. Daher ist er ein Renegat des »Buchschmucks« und bereut seine Sünden auf diesem Gebiete herzlich. Was die moderne Musik angeht, so scheint es, daß sein Nervensystem ihr nicht gewachsen ist. Seine Unfähigkeit, »Farben« zu hören, ist schlechthin pathologisch und man muß es wohl pervers nennen, daß er die schönsten musikalischen Kapitel aus der psychopathia sexualis einfach nicht kapiert. Kurz: er ist unmusikalisch. Aber er besitzt eine Phonola und er freut sich dieses Automusikels täglich. Moderne Bücher liest er nicht gar viele, aber es gibt ein paar Autoren, von denen er keines ausläßt. Darunter steht in erster Linie Wedekind. Wenn er das Glück hat, einen Neuen für sich zu entdecken, so ist sein Vergnügen groß. Mit dem gleichen Vergnügen hat er entdeckt, daß er sich früher in seiner Begeisterung einmal bös geirrt hat. Es ist ihm, als wäre seitdem die Luft in seinem Leben besser geworden. In alten Briefwechseln, Tagebüchern und Memoiren zu lesen ist ihm die spannendste Lektüre. Den größten Genuß auf diesem Gebiete bereiten ihm die Tagebücher Friedrichs von Gentz, den er überdies für einen der besten Prosaisten in deutscher Sprache hält. Dieses Interesse für einen Mann, der als charakterloser Sybarit bei allen deutschen Männern von Überzeugungstreue und Tugend hinlänglich verrufen, sicherlich jedoch so gut wie unbekannt ist, beweist natürlich, daß O. J. B. gleichfalls ein charakterloser Sybarit ist. Und er hat in der Tat einiges mit Friedrich v. Gentz gemeinsam. So die Passion für gutes Deutsch, die gleichzeitig auch als eine Art Sybaritismus bezeichnet werden kann. Ferner die Neigung, über seine Verhältnisse hinaus zu leben (was in mancherlei Sinne zu verstehen ist). Dann den Tic fürs Vornehme (gleichfalls in mehr als einem Betracht). Dann das Bedürfnis nach lebendiger Schönheit und lebendigem Geist, aber doch auch nach Bequemlichkeit. Weiter aber auch die Fähigkeit, stark zu arbeiten und in der Anerkennung weniger sich dafür belohnt zu fühlen.

Was ihn jedoch von Gentz unterscheidet, ist dies: Er ist durchaus kein Mensch und zieht die Einsamkeit der besten Gesellschaft bei weitem vor. Übrigens verehrt er Napoleon in demselben Grade, wie Gentz ihn verabscheut hat.

Sollte sich hier die Frage nach seinen politischen Meinungen aufrichten, so wäre die Antwort: Er würde vielleicht welche haben, wenn für ihn die Möglichkeit bestünde, sie zu betätigen. Eine Stimmzettelabgabe alle fünf Jahre hält er für keine Betätigung, und zum politischen Schriftsteller fehlt ihm der Glaube an ein in Deutschland realisierbares Programm. Die Mächte, die im deutschen Reiche Politik machen, sind, oben und unten, für freie Geister unzugänglich. Nur politische Temperamente von der Vehemenz und Aufopferungsfähigkeit Maximilian Hardens können, wenn sie wie dieser sehr klug und im höchsten Sinne diplomatisch begabt sind, bei uns wirklich wirken, ohne ein Amt oder Massen für sich zu haben.

Religiös ist O. J. B. Eklektiker. Vom Judentum hat er die Psalmen, vom Protestantismus eine ziemliche Anzahl Gesangbuchslieder, vom Katholizismus die Instrumentalmusik und verschiedene Bestandteile der sakralen Garderobe, vom Buddhismus die schöne Pose des Sitzens auf einer Lotosblüte, vom Konfuzianismus das Prinzip der großen Wurstigkeit, vom Taoismus die höchstangesehene Mystik ahnungsvoller Wortverknüpfungen in seine Privatkirche übernommen, deren Hauptlehre übrigens lautet: »Halte Dir alles Gesindel vom Leibe, denn es hindert Dich, in Deinen Himmel zu kommen!«

Da ein moderner Mensch einen Sport treiben muß, so hat O. J. B. das Radfahren und Bilderknipsen erlernt. Da er aber ein unmodern moderner Mensch ist, radelt er in einem Tempo, das jeden Kinderwagen zum Vorfahren herausfordert, und er geht beim Photographieren allen poetischen Stimmungseffekten entschlossen aus dem Wege. Übrigens hat es bisher nur seine Frau zu bestreiten gewagt, daß er ein brillanter Radfahrer und absolut sicherer Photograph ist. Natürlich sammelt O. J. B. auch. Aber es ist nicht weit her mit seinen Sammlungen, denn es machen ihm nur die Dinge wirklich Spaß, die er billig erworben zu haben glaubt, und dabei hat er sich fast ausschließlich auf Sammelgebiete kapriziert, wo billig schon etwas zu haben ist. Weder alte Bücher, noch alte Buntpapiere, noch alte Bilder, Kupferstiche, Möbel, Gläser, Fayencen, Porzellane sind in diesen abscheulichen Zeiten, wo jeder Antiquar ein Gelehrter ist, billig zu erstehen, – von alten China- und Japansachen, sowie alten Stoffen ganz zu schweigen. Nur mit alten Büttenpapieren ist ihm hier und da ein Coup gelungen. Aber da er roh genug ist, die edelsten alten Erzeugnisse längst vermachter Bütten zu Manuskripten zu benutzen, kann auch von einer ordentlichen Büttenpapiersammlung nicht die Rede sein.

O. J. B. war merkwürdig lange jung. Ein Kindskopf ist er bis in die Mitte seiner dreißiger Jahre geblieben. Da kam der Ernst, – und er wurde frech, obwohl er erst noch eine etwas düstere, dumpfe Zeit durchzumachen hatte. Augenblicklich ist er damit beschäftigt, den letzten Rest von Widerspruch, der ihm aus jener Zeit in der Seele geblieben ist, auszutreiben. Da er einen Menschen zur Seite hat, der sorglich gewillt und stark ist, ihm dabei zu helfen, wird es wohl gelingen. Schon jetzt fühlt er sich stärker denn je.

In einer Anwandlung von literarhistorischer Systematik hat er seine bisherige Entwickelung einmal schematisiert und drei Perioden festgestellt. Die erste nannte er »Stilpe im Irrgarten der Liebe« und datierte sie von 1885–1900. Er hätte sie auch »Kindskopf« nennen können. Sie ist im Grunde rein lyrisch, aber neben ein paar Gedichten ragt aus ihr der »Stilpe« auf. Die zweite nannte er »Stella und Antonie« und setzte sie von 1900–1905 an. Es ist seine dumpfe Zeit. Mit dem »Prinzen Kuckuck« ließ er eine dritte beginnen und er nannte sie »Grotesken«; sie nimmt sich bis jetzt etwas bunt aus. Aber es scheint, daß er ihr keine lange Dauer zutraut. »Wo wollen Sie denn eigentlich hin?« sagte der Storch zum Schmetterling, der von Blume zu Blume flog. »Fragen Sie die Blumen, Herr Professor!« antwortete der Falter; »aber eines kann ich Ihnen schon sagen: nicht in Ihren Schnabel, gefährlicher Philister, der Sie sind.«


Yankeedoodle-Fahrt.[1]

[1] Kapitel 1 und 2 des gleichnamigen Abschnittes aus »Yankeedoodle-Fahrt und andere Reisegeschichten«.

I.

Vom Nervenseiltanzen und Tunnelfahren, vom schwimmenden Hotel und dem Geflügelhofe, von Lyrik, Meer und Himmel.

Als ich so außer mir geraten war, daß ich mich selbst mit fatalster Deutlichkeit betrachten konnte, fühlte ich das Bedürfnis, wieder zu mir selber zu kommen. Aber es ist schwer, in sein Ich zurückzukriechen, wenn man es einmal verlassen und dann allzuscharf von außen angesehen hat. Ich fuhr um mich herum wie eine vergiftete Maus, die ihr Loch nicht findet und dennoch immerzu dies Loch umkreist. Ein schauderhaftes Heimweh und ein Grauen vor der Rückkehr zugleich. Selbst meinen verehrtesten Feinden wünsche ich diese Sensation nicht, obwohl es mir nicht zweifelhaft ist, daß sie, deren Oberflächlichkeit mir in der Tat manchmal Übelkeit verursacht hat, ein bißchen Seelenqual zu ihrer Vertiefung wohl brauchen könnten.

Da sprach ein weiser Arzt und Seelenkenner also auf mich ein: Sie gehören zu jenen Akrobaten, die auf ihren eigenen Nerven seiltanzen und dadurch gezwungen sind, immerfort einen Punkt im Auge zu behalten, der in ihnen selber liegt: nämlich im eigenen Gehirne. Das tut weder den Nerven noch dem Gehirne gut und ist überdies eine brotlose und lebensgefährliche Kunst. Wenn Sie nicht binnen kurzem augenscheinlich verrückt werden wollen (denn eine heimliche Verrücktheit ist Ihr Zustand bereits), so ist es nötig, daß Sie unverzüglich eine breitere Basis zu gewinnen suchen, um von ihr aus Ihre Blicke in einem möglichst weiten Gesichtskreis umherschweifen zu lassen. Sie sind außer sich, weil Sie so sehr in sich sind. Das vertragen nur Heilige und Sie würden sich einem verhängnisvollen Irrtum hingeben, wenn Sie meinen wollten, daß Sie zur Heiligkeit angelegt wären. Dazu sind Sie zu korpulent und libidinos, – wohl auch nicht unbescheiden genug. Leute Ihrer Konstitution sind darauf angewiesen, die Welt auf sich wirken zu lassen. Ihre Empfindlichkeit sträubt sich dagegen, und es ist gewiß, daß Sie unter den nicht immer zarten Fingern der Welt leiden, aber dieses Leiden ist immer noch heilsamer für Sie, als die selbst bereiteten Schmerzen der Heautontimorumenie. Ich rate Ihnen: Kaufen Sie sich einen Schiffskoffer und stellen Sie Amphitriten auf die Probe. Ihre Zukunft liegt auf dem Wasser, das Salzgehalt und im Salze Brom hat. Speien Sie sich einmal kräftig aus und trinken Sie so viel Sonnenlicht als möglich. Aber, ich beschwöre Sie, lassen Sie alles Schreibgeräte zu Hause, denn, unter uns gesagt, der Federhalter ist die gefährliche Balancierstange, mit der Sie sich bisher auf dem Nervenseile im Gleichgewicht erhalten haben.

Ich honorierte diese Invektionen mit zwanzig Franken und einem müden Lächeln, nahm den breitbeinigen Gang eines alten Seekapitäns an und versetzte meine ahnungslose Frau in das äußerste Erstaunen durch Intonierung des Liedes:

Auf, Matrosen, die Anker gelichtet,
Den Kompaß gespannt und die Segel gerichtet!

Ihre Bemerkung, daß der Kompaß keine Flinte sei, die man spannen könnte, wies ich mit der Entgegnung zurück, daß nautische Details uns bald mehr als genug beschäftigen würden, einstweilen aber Wichtigeres zu erledigen sei: nämlich die Frage, ob man auf eine moderne Seereise einen Frack oder bloß einen Smoking mitnehmen müsse.

Klug und vorsorglich, wie sie ist, entschied sie sich für beides, ja sie wollte sogar, daß ich auch einen Zylinderhut mitnähme. »Wahnwitzige Idee!« grollte ich; »dir fehlt jedes Stilgefühl. Eine schottische Mütze oder ein Dreimaster, – ja; niemals eine Tube!«

Am entsprechenden Orte wird es sich zeigen, wer von uns beiden auf der Höhe der Situation gewesen ist.

Da es uns vollkommen gleichgültig war, wohin wir reisen würden (denn ich hatte ja lediglich das Gebot erhalten, eine Seereise »an sich« zu machen), überließen wir es einem Freunde, Schiff und Ziel zu bestimmen. Er sandte uns eine Kabinenkarte für den Doppelschraubendampfer Yankeedoodle, den die berühmte Onkel Sam-Michel-Linie eben zu einer Orientreise in Genua bereithielt. Ein beigeschlossenes Druckheft schilderte die ganze Reise in äußerst lebendigen Farben, so daß mir sofort ganz orientalisch zumute wurde, als ich las, was alles uns bevorstand.

»Kein Zweifel,« sagte ich zu meiner Frau, »es wird äußerst lehrreich werden. Schade nur, daß wir uns nicht länger auf die Reise freuen dürfen, denn das ist doch das Schönste am Reisen: sich vorher darauf zu freuen.«

Aber es half nun nichts: kaum, daß die Koffer gepackt waren, mußten wir uns in den Dampfwagen setzen, der uns nach Genua transportierte. Meine Idiosynkrasie gegen das Eisenbahnreisen gestaltete diese Fahrt zu einer via crucis, an die ich nur mit Grauen denken kann. Kein Zweifel: ich bin ein arger Sünder, aber so viele Todsünden habe ich denn doch nicht begangen, daß ich die Höllenqualen verdient hätte, die mir in den endlosen Tunnels an der Riviera zuteil wurden, wo rechts und links des Gleises offenbar teuflische Dämonen aufgestellt waren, die, während ich in stinkendem Qualm fast erstickte, mit eisernen Hämmern gegen eiserne Wände zu schlagen schienen. Nun: wir sind nicht zum Vergnügen auf der Welt, und es ist gewiß in der Ordnung, daß Nerven, die für angenehme Sensationen besonders empfindlich sind, dafür um so heftiger unter unangenehmen leiden. Sela.

Das Gedröhne einer Kesselschmiede in den Ohren, die Lungen voller Ruß und im Schädel ein Gefühl, als seien sämtliche Gehirnwindungen mit flüssigem Blei angefüllt, begab ich mich mit meiner Frau in das berühmte Theater Carlo Felice, aber beileibe nicht, um uns Tristano e Isotta italienisch vorspielen zu lassen, sondern von wegen der exzellenten Küche seines Restaurants. Doch wurde uns auch hier ein außerordentliches Schauspiel zuteil: wir sahen einen jener italienischen Eßkünstler, die den illustren Fressern der Antike nichts nachgeben. Was dieser überlebensgroße Bauch sich alles servieren ließ, und mit welch andächtigem Kennerentzücken er seine Füllung zu einer Art gottesdienstlichen Handlung erhob, läßt sich in Kürze und auf Deutsch nicht schildern. Es muß genügen, zu sagen, daß es ein klassisches Schauspiel war, würdig, von einem Petronius der Nachwelt überantwortet zu werden. Denn es läßt sich von derart großen Gegenständen wohl nur in monumentaler Latinität handeln.

Als ich am nächsten Morgen den Yankeedoodle vor mir liegen sah, wie er unabsehbare Massen von Koffern und Menschen in sich aufnahm, mußte ich an den gewaltigen Speisevertilger denken, und so erübrigt es sich, zu bemerken, daß Yankeedoodle ein imposantes Schiff ist.

Wir wurden tief unten in seinem Innern verstaut und fühlten uns sehr winzig. Dafür erfüllte uns aber sogleich eine sehr gewisse Zuversicht zu dem massigen Zweischlöter. »Ich glaube kaum, daß wir mit dem Yankeedoodle untergehen werden,« sagte ich zu meiner Frau; »ja selbst meine Hoffnung auf ausgiebige Seekrankheit ist bereits ins Wanken geraten.«

»Und mir ist schon übel,« entgegnete sie.

Dabei stand das Schiff fest wie ein Turm.

Weshalb ich sagte: »Autosuggestion gilt nicht, und wenn du mit Gewalt seekrank wirst, um später damit zu renommieren, so kannst du sicher sein, daß ich deine Finten aufdecken werde.«

In diesem Augenblicke brüllte Yankeedoodle auf eine Weise, daß mir Hören und Sehen verging. Dreimal. Wie nie ein Mastodont gebrüllt hat. Homer hätte das hören sollen, und er hätte kein solches Wesen vom Gebrüll seiner verwundeten Helden gemacht.

»Was hat er denn?« fragte ich entsetzt.

»Er sagt Adieu,« erklärte meine Frau ruhig, die von nun an überhaupt gerne so tat, als wüßte sie alles.

Und es war wirklich so. Immer, wenn Yankeedoodle sich anschickte, in See zu stechen (ein Ausdruck, der aber für solche Kolosse gar nicht paßt; ebensogut könnte man sagen, ein Dampfhammer sticht ins Erz), brüllte er so unmanierlich. Es gehört das zum guten Ton bei diesen Dampfgiganten. Ob es einen Zweck hat, weiß ich nicht. Vielleicht heißt es nicht bloß: adieu, sondern auch: Platz da! Hühneraugen weg!

Und richtig: wir fuhren. Doch muß ich wohl besser sagen: wir glitten dahin. So leise, sanft, unmerklich, daß ich fürs erste jede Hoffnung auf das große Speien aufgab, während meine Frau mit weiblicher Beharrlichkeit beteuerte, nun werde ihr aber schon sehr übel.

Da sie offenbar nur höchst ungern von diesem Wahne lassen wollte, bestärkte ich sie in der Überzeugung, seekrank zu sein, indem ich ihr erklärte, sie sähe grasgrün aus und tue mir furchtbar leid.

Worauf es ihr sehr bald besser wurde.

Eine kleine Weile noch, und sie teilte meine Empfindung, daß Yankeedoodle, weit davon entfernt, ein Schiff zu sein, wie wir es uns gedacht hatten, einfach ein Hotel war, das sich auf Salzwasser bewegte. Statt Matrosen zu sehen, die an Tauen herumklettern, und Kommandorufe zu vernehmen von Offizieren, die Sprachrohre am Munde und Fernrohre vor den Augen hatten, erblickten wir Kellner, die da höflich leise säuselten: Bouillon gefällig? Doch lernten wir bald, sie Stewards zu nennen, was immerhin eine gewisse Seestimmung erzeugte.

Dennoch blieb eine deutliche Enttäuschung in uns zurück. Unser romantisches Bedürfnis wollte nicht auf seine Rechnung kommen. Wir hatten uns das alles viel abenteuerlicher vorgestellt. Wenn wenigstens ein Mastkorb dagewesen wäre, in dem sich ein Matrose befunden hätte, der Ahoi! rief …

Statt dessen sagte ein Herr, der zwar eine Art Seemannsmütze aufhatte, aber den Gymnasialprofessor durchaus nicht verleugnen konnte, laut und vernehmlich: Thalatta! Thalatta!

Mein Magen drehte sich um und ich mich mit ihm.

O Ägir, Herr der Fluten, stöhnte ich in meinem lieben Herzen, sorge dafür, daß ich diesem Humanisten nirgendwo benachbart werde in diesem schwimmenden Hotel!

Und ich fühlte, daß es jetzt vor allem nötig war, einen Platz auf dem Yankeedoodle ausfindig zu machen, wohin wir uns vor den übrigen Hotelgästen flüchten könnten, falls diese irgendwie nicht nach unserem Geschmack sein sollten.

Alle diese Herrschaften, sagten wir uns, sind gewiß durch Qualitäten ausgezeichnet, die uns fehlen, und wir wollen ohne weiteres annehmen, daß sie nicht bloß einer höheren Steuerklasse angehören als wir, sondern auch in jeder anderen bürgerlichen Hinsicht den Vorzug vor uns verdienen. Aber wir sind nun mal Uhunaturen, die in den Geflügelhof nicht passen. Zärtlich girrende Tauben, gluckende Hennen, majestätische Hähne sind kein Umgang für uns, geschweige denn diese stolzen Pfauen und Perlhühner aus Amerika, die sich, das merkten wir bald, als die Elite des Yankeedoodle betrachteten und von den Funktionären der O. S.-M.-L. auch als solche ästimiert wurden, da sie die besten Käfige innehatten. Alles das, gaben wir gerne zu, ist ganz in der Ordnung, aber diese Ordnung ist nicht die unsere. Suchen wir also einen Winkel aus, wo wir das prächtige Gesamtbild am wenigsten stören.

Wir fanden es auf dem Hinterdeck, das von allen besseren Passagieren streng gemieden wurde, weil es bei den gewöhnlichen Fahrten des Yankeedoodle, die nicht dem Vergnügen, sondern der Überfahrt nach Amerika dienen, als das Deck der zweiten Kajüte gilt. Für uns besaß es außer dem Vorzug, wenig besucht zu sein, auch noch den, zwei Etagen zu haben. Die obere war die schönste, denn auf ihr befand man sich wirklich en plein air. Hier verbarg uns kein vorgespanntes Segeltuch Meer und Himmel, wie sonst überall auf diesem Schiffe, dessen Einrichtungen mehr darauf berechnet zu sein schienen, das Meer vergessen, als sehen zu lassen. Die begehrtesten Plätze des Hauptdecks (zumeist von Amerikanern besetzt), nämlich die an den Innenseiten, gewährten den dort in ihren Klappstühlen Ausgestreckten die Aussicht auf den Streifen Himmel, der zwischen dem Dach und der Segeltuchwand des Decks sichtbar bleibt. Weder Meer noch Küste war von dort aus zu sehen. Die Außenseiten des Hauptdecks sahen aber nicht einmal diesen Streifen Himmel, sondern nur die Kajütenwand, garniert mit horizontal gelagerten Amerikanern.

Es wollte uns anfangs nicht in den Sinn, wie gerade diese Plätze so sehr begehrt sein konnten, die eigentlich nichts anderes waren als Einzelglieder im Spalier einer Promenade; denn zwischen ihnen war der allgemeine Wandelgang. Wir mußten erst begreifen lernen, was wir Uhus nicht ohne weiteres wissen: daß das Publikum auch auf Reisen sich vor allem anderen für das Publikum interessiert. Die Menschen lieben einander zwar nur in einem sehr gemäßigten Grade, aber sie sind sich gegenseitig äußerst interessant, und so leben sie gerne in Gesellschaft, sei es auch nur, um sich innerhalb deren wieder in Extragesellschaften abzuspalten. Je länger wir das Wesen auf unserem Schiffe betrachteten, um so mehr spürten wir, daß viele geradezu deshalb den Yankeedoodle bestiegen hatten, um nach der vielleicht monoton gewordenen Gesellschaft zu Hause hier eine neue zu finden. Und wir merkten schließlich, obwohl wir immer nur aus der Ferne in dieses lebendige Netz von Gesellschaftsfäden blickten, daß nicht bloß die Spinne Sympathie dabei am Werke war, sondern auch mancherlei Berechnung, – nicht zu vergessen die mehr oder weniger schönen Damen Eitelkeit und Medisance.

Ich kann nicht leugnen, daß, von der Ferne angesehen, dieses große Gesellschaftsspiel einen gewissen Reiz für mich hatte, da ich nur selten dazu komme, derlei zu beobachten. Einen reineren Genuß bereitete mir aber doch der Anblick des hohen Himmels und der weiten Wasserfläche, obgleich ich gestehen muß, daß eigentlich poetische Stimmungen ausblieben. Der Anblick war schön, – aber nur Genuß, nicht Erregung. Mein Auge ließ sich's wohl sein, und mein »Herz« quittierte mit Dank darüber, – aber kühl, eigentlich unbeteiligt. Ich habe es ein paarmal gescholten deswegen und bin mir selber sehr gram gewesen darum. Bist du das noch, habe ich mir gesagt, der vor Zeiten sich bis zur wonnigsten Verrücktheit entzücken konnte vor einem Tümpel, auf dem ein paar Spritzer Sonnenuntergang kringelten? Dem ein schüchternes, dummes kleines Ding wie eine junge Birke Seligkeiten ins Herz schüttete, der vor einem Quellchen in die Knie sinken konnte, Verse zu stammeln, dessen Blicke verzückt an Wolken hingen und mit ihnen hinüberschwammen zu den goldberänderten Himmelsküsten einer nicht bloß äußerlich gesehenen, sondern innig umfaßten Schönheit, – das ist derselbe, der sich hier, in einem Stuhle der Ocean-Comfort-Company liegend, Lichteffekte servieren läßt, wie kurz vorher Tee mit Streuselkuchen? Ei du satter, fauler, leerer Halunke du, mach daß du hinunterkommst auf das Promenadendeck und sieh, wenn die Sonne untergeht, nach der Uhr, ob es auch pünktlich geschehen ist! Laß dich von dem Gymnasiallehrer auf Ägypten, Kleinasien, Griechenland vorbereiten; du hast es nötig, denn wer nicht mehr fühlen kann, soll wenigstens wissen. Und wenn du auch dazu zu faul bist, so zeige den jungen Töchtern Germanias, die, halb Misses, halb Gretchen, die moderne Weiblichkeit des zahlungsfähigen Deutschland mit mehr Selbstbewußtsein als Geschmack vertreten, daß auch du tennis-englisch und über »Frühlings Erwachen« reden kannst. Da du nüchtern geworden bist, ist dein Platz bei den Nüchternen. Vielleicht sagen sie dir etwas, da die großen Dinge dir stumm geworden sind. So schimpfte ich mich. Aber mit Unrecht. Denn es war nicht so, wie ich mir sagte. Meer und Himmel waren mir nicht stumm. Ich verstand ihre Sprache nicht so schnell, wie früher die von Busch, Baum, Quelle, Wolken. Und dies ist nicht verwunderlich. Jene Dinge, die den jungen lyrischen Menschen so schnell ins Gespräch zogen, sprachen seine Sprache, die Sprache der schnellen Gefühle, naiver Lust, einfältiger Triebe. Er hörte und sah in allem nur sich. Wenn er niederkniete und ins Plappern der Quelle Verse rief, so kniete er vor sich selber und überschrie das murmelnde Element. Er war (Heil ihm, daß er's gewesen) frech beim Frohsinn, und so hatte er's wohl leicht, zu schwärmen. (Lyrik! Eine selbstverständliche Sache für junge Menschen, denn es ist ihr Aus- und Einatmen. – In dieser Parenthese wäre noch allerhand zu bemerken. So dies, daß die große Seltenheit wirklicher Lyriker damit nicht im Widerspruche steht. Es gibt nämlich nur sehr wenige junge Menschen in dem Alter, wo zum Gefühle künstlerisches Vermögen tritt. Was Goethe das Närrische am Lyrischen nennt, ist das Kindliche. Die beiden reinsten Lyriker unter den heutigen Deutschen: Martin Greif und Max Dauthendey, sind Kindsköpfe. Auch Ludwig Finckh hat Anlage dazu. Rilke dagegen, dieses unheimliche Genietalent, ist ein Wunderkind. Übrigens liegt beim reinen Lyriker die Gefahr nahe, aus dem Kindlichen ins Kindische zu verfallen, sich auszuleiern. Aber wo komme ich hin!) Das schlechthin Große dagegen, Meer und Himmel, monoton erhaben (mit Worten aus der Terminologie menschlicher Kunst zu reden: Monumentalnatur) – das duckt die Frechheit. Seine Sprache ist Gedröhn und Brausen: Vokabeln fehlen in dieser Musik voll rhythmischer Symbole. Das Herz, das hier nur stummen Dank hat, verdient keine Schmähung, und der Mann, der vor diesem Schauspiel Auge wird, ganz Auge: und klares, nicht trunkenes, mag sich der Zuversicht getrösten, daß dieser ruhige Genuß ruhig des Reichsten, das dem Menschen an äußeren Eindrücken zuteil werden kann, nicht bloß der Netzhaut zugute kommt, sondern zu einem inneren Schatze wird, auch wenn er sich nicht gerade kleinweis in lyrische Silberstücke ausmünzen läßt.


II.

Von meinem schlechten Charakter und der Absicht, ihn zu bewähren; von meinem Lordshut und Madames Patriotismus; vom Mauldeutschtum und dem deklassierten Ölbaum; von der Tugend und ihrer mangelhaften Belohnung; vom Genie der Pariser Putzmamsells und der bedauerlichen Unfähigkeit deutscher Dichter sie zu fördern; von grünen Tischen, Théodore und der Rache auf Ansichtspostkarten.

Wer auch nur oberflächlich mit der modernen deutschen Literaturgeschichte bekannt ist, weiß, daß ich von schmutzigster Geldgier besessen bin. Im übrigen schwankt mein Charakterbild ja bedenklich: denn, während die einen sagen, daß ich zwar ein ganz passabler Lyriker sei, aber leider auch Romane schreibe, so finden andere, daß ich zwar im Romane gewisse Qualitäten an den Tag gelegt, bedauerlicherweise aber den üblen Ehrgeiz hätte, auch Verse machen zu wollen; und so durch alle übrigen Gattungen der belles lettres durch, mit denen ich mich, immer einigen zum Vergnügen, anderen aber zur Mißlust, abgegeben habe und immerzu weiter noch abgebe. Das einzige, was feststeht, ist, wie ich mich nun hinlänglich überzeugt habe, die felsenfeste Gewißheit, daß ich ein hervorragendes Talent besitze, Schätze zu sammeln. So werde ich als ein zweiter Midas in die holzpapierene Unsterblichkeit eingehen und bin schon jetzt, wie mein phrygisches Urbild, durch Eselsohren entstellt – wobei es dahingestellt bleibt, ob es lauter Apollos sind, die mir zu diesem Schmucke verholfen haben.

Kein Wunder, daß ich manchmal Lust habe, diesem Zustande ein Ende zu machen, der immerhin etwas Peinliches hat. Nichts trägt sich so lästig, wie der Ruf von Talenten und Reichtümern, die man nicht besitzt. Und dann: man kommt sich, auch wenn man ihn nicht verbreitet hat, wie ein Schwindler vor.

Also möchte ich ihn furchtbar gerne wahrmachen.

Und so beschloß ich, in Monte Carlo hundert Franken zu setzen, um zehntausend zu gewinnen.

»Nimm deinen großen Pompadour mit,« sagte ich zu meiner Frau, als der Yankeedoodle sich Villafranca näherte; »wir werden ihn nötig haben.«

»Du willst also wirklich spielen!?« rief sie voller Entsetzen aus.

»Ja!!« sagte ich mit zwei Ausrufezeichen.

Und ich tat mein schönes Gewand an und setzte den großen grauen Lordshut auf, den ich in Deutschland nicht zu tragen wage, weil er eine Art Nabel hat, nämlich einen Filzknopf zur Kaschierung der Ventilöffnung. Denn es ist ein Hut, den die englischen Lords in Indien tragen, wo es sehr heiß ist.

Auch meine Frau putzte sich so stattlich heraus, wie es dem Umstande angemessen erscheinen mußte, daß wir uns in den wabernden Dunstkreis rollenden Reichtums begeben wollten.

Da hier das »Reisebureau« noch keine Macht über uns hatte (denn den Weg zum Spieltische würden wir, so meinte es nicht ohne psychologischen Scharfsinn, schon selber finden), durften wir, o Glück und Wonne, o Seligkeit, allein gehen. Die Prozedur der Ausbootung, vor der meine Frau auf recht anmutige Art Angst an den Tag legte, während ich nicht ganz so graziös den erfahrenen Gangwaykletterer spielte, vollzog sich ohne jede Fährlichkeit, obwohl ich, zu meinem nur mühsam verhehlten Mißvergnügen, gezwungen war, mit der Linken den zwar schönen, aber nicht ganz festsitzenden Lordshut zu halten, da ich doch die entschiedene Tendenz hatte, mit ihr Halt am Treppengeländer zu suchen. Aber es ging auch so, und ehe wir's uns versahen, befanden wir uns alle drei: die Frau, der Hut und ich, im Boot. Nervige Arme ruderten uns an die französische Küste. (Das muß ich einmal in einem Romane gelesen haben.) Da diese von Rechts wegen eine italienische Küste sein sollte, regte sich in meiner Frau die Patriotin, und sie hätte gar zu gerne gehört, daß sich der Mann mit den nervigen Armen zur Italia irredenta bekannt und Verwünschungen gegen die Franzmänner ausgestoßen hätte. Aber es fiel ihm gar nicht ein, Gefühle dieser Art grün-weiß-rot aufleuchten zu lassen, vielmehr sagte er, und noch dazu in einem stark französisch unterwachsenen Italienisch, sie in Villefranche (!) seien allzumal höchlich zufrieden mit der Pariser Republik, denn der gallische Hahn füttere die Seinen besser als der savoyische Adler.

»Vergogna!« meinte die Toskanerin, gab ihm aber doch eine gute Mancia, wenn auch demonstrativerweise in italienischer Münze. Worauf der Nervige dann endlich Evviva Italia! rief.

Nach den mächtigen Befestigungen zu urteilen, mit denen die Franzosen den Hafen von Villafranca (das aber nur die Bücher so nennen; die Leute sagen alle Villefranche) umgürtet haben, gedenken sie, dieses schöne Stück Land gewiß nicht freiwillig wieder herzugeben. Auch liegt eine Menge Kriegsvolk dort in Garnison; Alpenjäger, sehr gut aussehende und malerisch uniformierte Leute. Indessen fand die etwas kordial demokratische Art, mit der sie ihre Vorgesetzten grüßen, durchaus nicht den Beifall zweier unserer Reisegenossen, die, wohl in der Meinung, daß kein Mensch in Frankreich deutsch versteht, recht laut und ungeniert Kritik daran übten, wobei der Ausdruck »schlappe Bande« noch der mildeste war. Mir kam das weder sehr klug vor, noch fand ich es hübsch, habe aber auch im weiteren Verlaufe unserer Reise noch recht oft die Beobachtung machen müssen, daß unsere Landsleute sich gerne darin gefallen, fremde Sitten, Gewohnheiten, Einrichtungen unter dem Gesichtswinkel des in Deutschland Üblichen zu beurteilen, zuweilen direkt mit dem Schlußtrumpf: hier sollten wir Ordnung schaffen dürfen! Ob Geibel das gemeint hat, als er ausrief »Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen«, scheint mir fraglich, während ich der sehr bestimmten Überzeugung bin, daß dieses Wesensmachen vom deutschen Wesen sehr dazu angetan ist, das deutsche Wesen in Mißkredit zu bringen.

Schade nur, daß der schöne Weltverstand, der bisher die Deutschen auszeichnete, verloren gehen muß, wenn dieses Mauldeutschtum, das nachgerade zum Großmauldeutschtum zu werden droht, um sich greift. Ich habe auf dieser Reise nicht viele Deutsche getroffen, auf die das Wort Goethes hätte angewendet werden dürfen, das sonst vom deutschen Geiste gelten durfte: »Der ist nicht fremd, der teilzunehmen weiß.« Und so habe ich mich manchmal gefragt: Warum reisen diese Leute eigentlich? Nur um sich einzuprägen, daß es eigentlich ein Unsinn, zu reisen, da es ja doch in Deutschland am schönsten ist? Insofern, als der Deutsche sich auf die Dauer am wohlsten in Deutschland befinden mag, wie jeder andere Mensch in seinem Vaterlande, ist das gewiß richtig. Aber, zu reisen, bloß um das bestätigt zu sehen: welch eine sonderbare Sinnesverkehrung ist das doch! Man geht freilich nicht in die Fremde, um sich der Heimat zu entfremden, aber einen vernünftigen Sinn hat das Reisen doch nur insofern, als es von der Sehnsucht eingegeben ist, zu dem heimisch Schönen sich etwas fremd Schönes einzuverleiben, innerlich reicher zu werden aus den Schäden der Fremde, indem man an ihnen teilnimmt. Dies scheint aber vielen direkt unmöglich zu sein. Sie sehen z. B. (ich konstruiere hier nicht, sondern gebe wieder, was ich mit eigenen Ohren gehört habe) einen Ölbaum. »Gott, was für ein häßliches Ding ist das!« sagen sie, »da ist doch eine richtige deutsche Eiche was anderes!« Man müßte närrisch sein, wenn man das bestreiten oder sich durch einen Ölbaum den Geschmack an einer Eiche verderben lassen wollte, aber nicht weniger närrisch ist es auch (von dem damit bewiesenen Mangel an Schönheitsempfinden gar nicht zu reden), im fernen Syrierlande die deutsche Eiche heraufzubeschwören, um den Eindruck eines Ölbaumes zu deklassieren. Es wäre davon, als von etwas schlechthin Törichtem gar nicht der Rede wert, wenn sich nicht eben eine Art von perversem Nationalismus darin äußerte, ein häßlicher Geist der Selbstzufriedenheit und Ablehnung alles Fremden, das nur noch als kurios, nicht aber als schön anerkannt wird. Diese Art Negation hat etwas Freches, das ganz unleidlich gerade für den ist, der sein deutsches Wesen als Bejahung jeder Schönheit empfindet. Auch ist es gottsträflich dumm, mit also verkleisterten Sinnen auf Reisen zu gehen.

Ein Rosselenker rief uns an, fragend, ob er uns für zwanzig Franken zweispännig nach Monaco befördern dürfte. Mein Lordshut und Madames Spitzenmantel hatten es ihm angetan. Aber es lag uns wahrhaftig ferne, unserm Spielfonds zwanzig Franken zu entziehen. Wir blieben, wie hold er auch lächelte, fest und warteten auf die elektrische Trambahn.

Diese Charakterstärke hätte einen besseren Lohn verdient als den, der uns zuteil wurde. Wir mußten fast eine Stunde harren, bis ein Wagen kam, in dem es noch zwei freie Plätze gab, und zwar Stehplätze. Ich erwähne dies als Beitrag zur Morallehre. Nein, o ihr gutgläubigen Schwärmer, es ist nicht wahr, daß Tugend belohnt wird. Das lüsterne Fleisch fährt zweispännig, und der stoische Wille muß sich von knoblauchduftigen Nizzarden auf den Hühneraugen herumtreten lassen. Aber das ist richtig: hinterher ist die Genugtuung der Tugend groß, die achtzehn Franken für den Spieltisch gespart hat.

Von der Pracht und Herrlichkeit des Kasinoplatzes auf Monte Carlo möge ein anderer handeln. Ich für meinen Teil finde ihn allzu prächtig und allzu herrlich. Mir fehlt der Sinn für Pompositäten ohne lebendigen Geschmack. Dagegen habe ich mit Signora recht andächtig und entzückt die Auslagen einiger Pariser Putzmachergeschäfte bewundert. Beim Andenken der verliebten kleinen Müsette! – meine Frau hat recht: diese Pariser »Schurkerinnen« (so heißt in toscano-tedesco das Femininum von Schurke) haben mehr als Talent, haben Genie. Aus ein bißchen Sammet oder Seide, Spitzen oder Tüll, Stroh oder Pelz, mit ein paar Blumen, Schleifen, Rüschen, Federn wirken sie ästhetische Wunder. Diese Hüte haben den Reiz von Improvisationen geistreich geschmackvoller Menschen. Es haftet ihnen nichts vom Geiste der Schwere an, keine Steifheit, keine Absichtlichkeit. Es ist Grazie mit Witz; Esprit, der Phantasie hat; Geschmack, der es bis zur Poesie bringt. Ein fabelhaft sicherer Sinn für Form und Farbe unternimmt die frechsten Wagnisse bis hart an die Grenze des Möglichen, ohne jedoch etwas hervorzubringen, das nicht als Kunstwerk von Distinktion wirkte. Selbst das Höchste in der Kunst bringt er zuwege: reine Einfalt ohne Banalität. Wir sahen einen Hut, der eigentlich nichts war als ein umgestülpter Topf aus rotem, weißem und schwarzem Sammet. Es ist ganz unmöglich, zu sagen, warum dieses Ding nicht etwa plump oder komisch, sondern schlechterdings hinreißend schön aussah. Das Geheimnis seiner Schönheit lag wohl darin, daß die Linien seines Umrisses sowohl wie jede Falte des Stoffes von Fingern gebildet waren, die genialer Eingebung des Momentes folgten, nachdem das Ganze zuvor innerlich von der Künstlerin gesehen worden war.

Es begreift sich leicht, daß meine Frau den lebhaften Wunsch hegte, einen solchen Hut zu besitzen, und ich noch den lebhafteren, sie in einem solchen Hute zu sehen. Daß aber ein deutscher Dichter, und er sei gleich, wie ich, noch mehr Geschäftsmann als Dichter, nicht in der Lage ist, seiner Frau ein derartiges Kunstwerk, die Verkörperung des ästhetischen Genies einer traditionell ästhetischen Rasse, zu kaufen, leuchtet ohne weiteres ein.

Unsere Begierde, die Bank von Monte Carlo zu sprengen, wurde zur wilden Leidenschaft. Kaum, daß ich noch Blicke für die eleganten Ambassadricen der Venus von Paris hatte; kaum, daß meine Frau noch Andachtskraft für die Auslagen der großen Schneider aufzubringen vermochte: das Gold läutete uns in seinen Tempel; wir folgten der großen Glocke. (Ich rühre die Pauke des Pathos. Wenn sie ledern klingt – ist es meine Schuld?)

Das Leben in den Spielsälen der Monaco-Aktien-Gesellschaft, deren Dividenden so gewaltig sind, wie es unsere Hoffnung war, sie durch einen phänomenalen Gewinn zu schmälern, ist zum Glück schon so oft und mit so glühenden Farben geschildert worden, daß ich mir die Mühe ersparen kann, ein Gemälde davon zu entwerfen. Ich lasse es um so lieber bleiben, als ich weder die flackernden Augen der verzweiflungsvoll ihr Letztes auf eine Karte setzenden Spieler, noch das müde Lächeln der Verspieler von Riesenvermögen, noch die grausame Verkniffenheit in den erbarmungslosen Augen des Croupiers bemerkt habe. Ich sah nicht, weil ich lediglich auf die dicken Fünffrankenstücke guckte, die ich, gänzlich unbekannt mit den Regeln des Spieles, irgendwohin setzte, wo gerade Platz war. Ich hörte »Faites votre jeu, messieurs« und »rien ne va plus«; und die Kugeln tanzten; und es roch wie in einem Parfümerieladen. Und das ging eine Weile so hin, bis ich fünfzig Franken verloren hatte und die Stimme meiner Frau vernahm, die da lautete: »Du hast gar keine Ahnung von der Sache. Laß mich machen!«

Sie hatte nämlich, während ich im Interesse unserer Finanzen rastlos tätig gewesen war, versucht, den Sinn der Figuren und Nummern zu ergründen, die auf dem grünen Tuche zu sehen waren. Und nun fing sie an, mit Überlegung zu tun, was ich unüberlegt getan hatte. Mit anderen Worten: ich hatte gespielt – sie: berechnete.

Wenn Fortuna nicht ein ganz albernes Frauenzimmer wäre, das keine Idee davon hat, worin ihr Wesen eigentlich beruht: nämlich im Unberechenbaren, das ich mit dem Instinkte des Schicksalskundigen kühn und groß herausgefordert hatte, so hätte sie meine Frau sofort durch andauerndes Einziehen ihrer Fünffrankenstücke bestrafen müssen. Statt dessen bereitete sie ihr den Triumph, sie die fünfzig Franken wiedergewinnen zu lassen, die ich verloren hatte.

Ich wußte nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte. Denn, wenn es zwar erfreulich war, den Spielfonds wieder beisammen zu haben, so war es doch auch ärgerlich, dies mit einer Einbuße an Autorität zu bezahlen.

Indessen: würdelos, wie man nun einmal wird, wenn man, wie ich, den Sinn auf das Materielle zu richten gewöhnt ist, freute ich mich schließlich doch, indem ich im geheimen hoffte, die verlorene Autorität auf anderem Wege wieder zu gewinnen.

Meine Frau aber setzte mit Überlegung weiter. Einmal sogar zehn Franken. Und gewann immerzu. Es kam der Augenblick, wo unser Spielfonds verdoppelt war.

»Siehst du?« sagte sie und lächelte so infam, wie ich es ihr niemals zugetraut hätte.

»Was denn?« entgegnete ich kühl.

»Duecento lire!« erwiderte sie, – der Moment war zu erhaben, als daß sie ihn nicht toskanisch hätte verklären müssen.

»Wenn's weiter nichts ist!?« warf ich verächtlich hin.

Da setzte sie, gereizt und kühn, fünfzig Franken auf einmal.

Ich dachte nicht anders, als sie sei im Glückstaumel übergeschnappt, und ergriff eines der unheimlichen Schiebestäbchen, den Wahnwitz aufzuhalten, die fünfzig Franken zurückzuscharren. Da krähte der glatzköpfige Croupier aber auch schon los: Rien ne va plus, und die schicksalträchtige Kugel hopste wie besessen in der Roulette.

»Du bist verrückt,« stöhnte ich, von dem Rechte des Ehemanns, grob zu sein, skrupellos Gebrauch machend.

Die Kugel stand still.

Mein Herz auch.

Der Croupier scharrte geschickt und gelassen die Unglückshäufchen von Fünf- und Zehnfrankenstücken zu sich heran, denen die Kugel Pech gehopst hatte.

Gleich wird ihr Häufchen auch beim Teufel sein, dachte ich mir und verfluchte den weiblichen Leichtsinn.

Da: ping, ping, ping, ping ließ er Goldstücke auf das Häufchen regnen; lauter Napoleondors; eine unglaubliche Menge.

In diesem Momente bewies meine Frau wahre Seelengröße.

Sie machte, ruhig, als sei es ihr ein gemeiner Anblick, Goldstücke dutzendweise um sich zu versammeln, ihren Pompadour auf, kramte darin herum, als suchte sie etwas, entnahm ihm ihr Taschentuch, wischte sich am Näschen, legte das Tuch hinein, placierte den geöffneten Silberbügel des Pompadours am Rande der Tafel und ließ mit unglaublich gut gespielter Gleichgültigkeit den Goldstrom hineinplätschern.

Dies getan, stand sie nicht ohne Majestät auf und sagte zu mir: »Ich glaube, unsere letzte Trambahn muß gleich abgehn.«

Es ist unglaublich, aber nichts als die reine Wahrheit: sie wollte sich mit ihrem Raube auf den Yankeedoodle zurückziehen.

»Wir haben genug,« erklärte sie. »Ich weiß nicht wieviel ich gewonnen habe, aber: es ist genug. Wenn ich jetzt weiter spiele, verliere ich.«

Ich hatte die dunkle Empfindung, daß sie recht hatte; daß sie wirklich die Stimme des Schicksals in sich vernahm: daß es also vernünftig war, was sie sagte. Und ich wollte sie schon am Ärmel nehmen und mit ihr fortgehen – direkt zu dem himmlischen Hute drüben.

Da ging ein Rauschen durch den Saal, ein Flüstern, das zu einem Surren von Stimmen wurde, und ein Rascheln von vielen, vielen seidenen Frauenkleidern.

»C'est Théodore!« hörten wir rufen. »Théodore! Théodore; Cinquanto mille! Soixante! Théodore!«

Wir sahen uns um und genossen den Anblick von gut drei Dutzend aufgeregter Damen verschiedenen Alters, aber gleichen Metiers, die, Eisenfeilspänen gleich, wenn der Magnet sie in seine Sphäre gezogen hat, allesamt auf einen Punkt zuschossen: in den Nebensaal zu einem anderen grünen Tische, wo ein unangenehm schöner junger Herr stand, durchaus und ausschließlich damit beschäftigt, Tausendfrankennoten in ein enormes Portefeuille zu stopfen.

»Redner wird beglückwünscht,« sagte ich zu meiner Frau.

»Glaubst du wirklich, daß er fünfzig-, sechzigtausend Lire gewonnen hat?« sagte sie.

»Nach der Ovation zu urteilen, die ihm Fortunas Cousine, die eifersüchtige Venus, bringt, gewiß. Du kannst dich darauf verlassen, daß er diesen Tag nicht als Einsiedler beschließen wird,« sagte ich.

»Diese Unanständigkeiten interessieren mich gar nicht,« sagte sie.

»Ich finde es gar nicht unanständig, sechzigtausend Franken zu gewinnen, und bin jeden Augenblick zu der gleichen Unanständigkeit bereit,« sagte ich.

»Ich auch,« sagte sie, und ging in den Nebensaal zu dem anderen grünen Tische.

Sie hatte es sehr bald heraus, daß es dort in Einsatz, Gewinn und Verlust erheblich anders kleckte, als bei unserer zahmen Roulette.

»Ich glaube,« sagte sie, »wir versuchen es einmal hier.«

»Aber,« sagte ich, »ich denke, du hast kein Glück mehr?«

»Dort!« sagte sie; »hier ist es etwas anderes. Wie du siehst, muß man hier mindestens zwanzig Lire setzen.«

Ich sah ein, daß das in der Tat etwas ganz anderes war, und erhob keinen eheherrlichen Einspruch. Nur machte ich zur Bedingung, daß auch ich in Théodores Spuren wandeln durfte.

»Doppelt genäht hält besser, weißt du …«

»Ja, wenn du nur eine Ahnung vom Nähen hättest.«

»Ich? Bitte: Im Trente et quarante habe ich vor zehn Jahren einmal zweihundert Franken gewonnen.«

»Und sie wieder verloren, weil du nicht zur rechten Zeit aufhörtest.«

»Aber heute habe ich zwei große Beispiele vor mir: dich und Théodore.«

»Wenn du mir versprichst, aufzuhören, sobald du fünftausend, – nein: viertausend, – nein: wenn du dreitausend Franken gewonnen hast …«

»Selbstredend.«

Sie ließ mich einen Griff in den Pompadour tun, und ich begab mich mit einer Faust voller Goldstücke zur anderen Seite des Tisches.

Ich war wirklich vom Glück begünstigt: eben, als ich erschien, stand eine dicke Dame auf und fluchte etwas Polnisches.

Hast du verloren, mein Täubchen, dacht' ich mir, so ist die Wahrscheinlichkeit um so größer, daß ich auf diesem Platz gewinnen werde.

Ach, – ich bin immer ein schlechter Mathematiker gewesen: auch diese Wahrscheinlichkeitsrechnung stimmte nicht.

Andere Leute gewinnen wenigstens anfangs und verlieren das Gewonnene nur infolge ihrer Willensschwäche, weil sie nicht aufzuhören wissen und blind und blöde die Schwelle überschreiten, die aus dem Gewinnen ins Verlieren führt: ich aber verlor von Anfang an, unaufhörlich, immerzu, ohne Unterlaß und Unterbrechung.

Da ich von Mal zu Mal die Einsätze verdoppelte, ging es sehr schnell; ich darf wohl sagen: rapid. Die Sache hatte nicht den mindesten psychologischen Witz. Es war eine ganz blödsinnige Wiederholung von Niederträchtigkeiten.

Angeekelt von einem Schicksal, das keine Nuancen kennt, schob ich den Stuhl zurück, aufzustehen. Es blieb mir auch nichts anderes übrig, denn nicht der Schatten eines Napoleondors war mehr in meinem Besitze.

Ich hörte im zermarterten Geiste bereits die Reprimanden von Madame und trug Bedenken, mich der großen Gewinnerin zu nähern, als ich, aufstehend und mich umwendend, sie mir gegenübersah.

Ich senkte den Blick.

Als ich ihn erhob, sah ich, daß der ihrige noch nicht den Mut aufgebracht hatte, sich zu erheben.

Ich wußte genug.

»Hast du noch Geld zur Trambahn?« fragte ich.

»Wir können sogar noch Abendbrot essen,« sagte sie, »und ein paar Ansichtspostkarten wegschicken.«

»Es gibt welche mit Schmähungen auf Albert I., Honoré Charles, Fürsten von Monaco,« sagte ich.

»Die nehmen wir,« sagte sie.


Die Liaisons der schönen Sara.[2]

[2] Anfangskapitel des »Prinzen Kuckuck«, unter diesem Titel als Erzählung für sich zuerst in der »Neuen Rundschau« erschienen.

F. D.

Es war um die Zeit der unumschränkten Herrschaft der Kaiserin Eugenie über die Modemagazine der alten und der neuen Welt, als Madame Sara Asher, die junge Witwe des alten Mister Leon Asher (Felle und Pelzwarenkonfektion, Neuyork) zum ersten Male seit ihrer Kindheit ihre kleinen Füße wieder auf europäischen Boden setzte.

Europa war damals kleine, auf hohen Stöckeln balancierende Füße gewöhnt, und auch die hohen bis zur Mitte der Waden reichenden Juchtenstiefelchen mit goldenen Schnürenquasten, die Madame Sara trug und geschickt in ihrer ganzen Pracht zu zeigen keineswegs ermangelte, waren keine Sensation für den alten Erdteil, der damals auf üppige Eleganz gestimmt war und noch nicht den kategorischen Imperativ der bismarckschen Kürassierstiefel erfahren hatte. Selbst Madame Ashers lilafarbenes Krinolinkleid, diese prachtvolle Glocke mit dem prachtvolleren Schwengelpaar der beiden in weißseidenen Strümpfen steckenden Beine war nicht imstande, besonderen Eindruck auf einen Kontinent zu machen, der mit jedem neuerscheinenden Pariser Modejournale neue Glockenwunder erlebte und neben einer Kaiserin der Mode ein paar hundert Modeköniginnen besaß, deren jede den raffinierten Sinn dieser Verheimlichung der weiblichen Beine wohl begriffen hatte. Trotzdem drehte sich schon auf dem Jungfernstieg zu Hamburg mancher elegante Kommerz interessiert nach der schönen Jüdin um, und wer sich des damals noch seltenen Vorzugs rühmen durfte, mit einem Monokel begabt zu sein (dessen rand- und bandlose Vollkommenheit freilich noch nicht erreicht war), ließ hinter dessen Fensterglase Blicke blitzen, die rückhaltlose Anerkennung sowohl wie den Wunsch verrieten, dieser nach jeder Richtung hin wohlgebauten Dame einmal an einem Orte zu begegnen, wo sich Beziehungen leicht und mühelos anknüpfen lassen.

Noch größer aber war ihr Erfolg in Leipzig, wohin sie sich auf mehrere Wochen begeben mußte, weil mit der Verwandtschaft des seligen Leon noch einige Erbschaftsangelegenheiten zu ordnen waren. Der Brühl, wo diese Verwandtschaft in einer zwar nicht wohlriechenden, dafür aber um so lukrativeren Sphäre von »Rauchwaren« hauste, geriet in beträchtliche Aufregung, und es gab wahrhaftig mehr als einen unbeweibten Rauchwarenhändler, der stürmisch bereit war, der schönen und reichen Sara nicht bloß seine kostbarsten Eisbärenfelle, sondern auch sein liebefühlendes Herz nebst allen Geschäftsbüchern zu Füßen zu legen.

Indessen, Madame Sara hatte offenbar wenig Sinn für die hingebungsvollen Gefühle verwandter und befreundeter Firmen. Sie war keineswegs in der Absicht nach Leipzig gereist, weiterhin auf ehelicher Grundlage in Pelz und Pelzkonfektion zu machen. Sie hatte an ihrem einen Rauch- und Pelzwarenhändler schon völlig genug gehabt und war im Grunde froh, daß ihre Ehefirma durch den Tod gelöscht worden war. Denn der alte dürre Leon, diese zweibeinige Rechenmaschine, der man sie in sehr jungen Jahren beigegeben hatte, war ganz und gar nicht ihr Geschmack gewesen. Für seine löblichen Qualitäten als Kaufmann und Familienvater hatte sie kein Organ besessen, aber ein um so schärferes Auge für das, was ihm als Menschen im allgemeinen und als Mann im besonderen an den Eigenschaften fehlte, für die es ihr an Organ keineswegs gebrach.

Mochte er ein Charakter gewesen sein: sie war vor allem ein Temperament. Er war einer der aus dem Osten Europas gekommenen Juden gewesen, von denen sie zu sagen pflegte, selbst ihr Schatten färbe noch ab, und der Geist des Ghettos stöhne in ihren schönsten Reden (und das und nichts anderes sei das Mauscheln), während sie die Tochter eines sehr westlichen, nämlich spanischen Juden war (eines jüdischen Granden, wie sie sagte) und einer Kreolin. Freilich war auch der Vater dieser Kreolin bestimmt ein Jude gewesen, und das indianische Blut in ihrer Herkunft mütterlicherseits begegnete in der Verwandtschaft auf dem Brühl unverhohlenem Zweifel, aber es lag ihr auch ganz fern, ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme zu leugnen. Sie war vielmehr stolz darauf und sprach es bei jeder Gelegenheit recht hochmütig aus, daß sie sich als Aristokratin fühle, eben weil sie Jüdin sei, und noch dazu spanische Jüdin. Es war das, wie ihre Schönheit, ihr Geist und ihr Temperament, ein Erbteil ihres Vaters, der zwei Haupteigenschaften besessen hatte: Stolz und Phantasie. Aus einem reichen Hause stammend, hatte er sich, von der Lust nach Unabhängigkeit und Abenteuern getrieben, von seiner orthodoxen und streng in sich abgeschlossenen Familie gelöst und war in die Welt hinausgezogen. Lange hatte er in Italien gelebt, mit der inbrünstigen Andacht eines Psalmoden die früheste, halb byzantinische Kunst verehrend und immer den stolzen Plan hegend, der Verkündiger dieser Kunst zu sein. Dann hatte ihn die deutsche Kunstgelehrsamkeit, wenn nicht abgekühlt, so ernüchtert, und er war in das Getriebe der revolutionären Bewegung, gleichzeitig aber in den Aufruhr der Liebe zu seiner »Kreolin« geraten, die er als Tänzerin in Dresden kennen gelernt hatte. So kam es, daß die »spanische Sara« (wie man sie nicht ohne Respekt auf dem Brühl nannte) zu ihrem Leidwesen in Deutschland geboren worden war. Indessen konnte sie keine Erinnerung daran haben, da ihr Vater schon vor dem tollen Jahre Deutschland verlassen und mit Frankreich vertauscht hatte. Aber auch dieses Land genügte seinem revolutionären Sinne nicht, und er wanderte mit Weib und Kind nach Amerika aus, wo es ihm indessen erst recht nicht gelang, zur Harmonie zu kommen. Immer die größten Pläne, bald wissenschaftlicher, bald poetischer, bald politischer Natur wälzend und sich aus einem Lager der Meinungen immer wieder in ein anderes begebend, immer wieder abgestoßen durch das, was er Philistertum nannte, und überall abstoßend durch seinen Stolz und sein Weiterhinausbegehren, endete er als vollkommener Einsiedler der Gedanken, als geborener précurseur, wie er sich selbst nannte. Seine Frau war ihm weggestorben, als Sara noch nicht zehn Jahre alt war. Diese war nun sein einziger Umgang, und in ihrer Erziehung ging er völlig auf. Er brachte ihr, einem höchst aufgeweckten Kinde, früher, als ihr gut sein konnte, nicht nur seine reichen Kenntnisse in Sprachen, Kunst und Literaturgeschichte, sondern auch seine ganze Weltauffassung bei, die schließlich immer mehr Nihilismus geworden war. Eine rasche Krankheit raffte ihn weg, kurz bevor sie das fünfzehnte Jahr erreicht hatte. Da er ihr fast nichts hinterließ, mußte sie es als ein großes Glück betrachten, daß der alte reiche Leon Asher sich ihrer annahm. Das Wohlleben in seinem Hause gefiel ihr, und so sagte sie nicht nein, als der Fünfzigjährige die Sechzehnjährige zur Frau begehrte. Sie gebar ihm in drei Ehejahren zwei Söhne. Als er starb, hatte sie das Gefühl: jetzt beginne ich zu leben. Kaum, daß das Trauerjahr vorüber war, übergab sie ihre zwei Kinder, zu denen sie auch nicht die geringste mütterliche Zuneigung empfand, einer Schwester des Verstorbenen und unternahm die Reise nach Europa, zwar unter dem Vorwande, nur Erbschaftsangelegenheiten betreiben zu wollen, aber mit der bestimmten Absicht, in Europa zu bleiben und dort ihr Leben in aller Freiheit einer reichen jungen Witwe zu genießen. Die aufs Geistige gewandten revolutionären Lehren ihres Vaters hatten bei ihr eine sehr deutliche Wendung aufs Sinnliche genommen, doch besaß sie einen gewissen sehr günstigen Dämpfer in ihrer wohlfundierten ästhetischen Bildung.

Aber der Brühl zu Leipzig konnte freilich keine Landschaft nach ihrem Sinne sein. Sie nahm nur schnell ein kleines Verhältnis mit einem hübschen, aber allzuwenig interessanten Korpsstudenten mit; dann reiste sie nach Dresden. Der Galerie wegen, meinte sie, doch dachte sie wohl auch an anderes.

Ihr Vater, kein Freund des deutschen Wesens, hatte ihr von Dresden berichtet als der einzigen deutschen Stadt mit galanter Kultur. Er hatte dies freilich nicht ganz in dem Sinne gemeint, in dem es sich bei ihr festgesetzt hatte. Aber es war in diesem Falle gewesen, wie auch sonst: sie hatte, indem sie eine allgemein gefaßte Meinung ihres Vaters in ihre Auffassungssphäre übernahm, sie zwar allzu wörtlich aus dem Allgemeinen einer männlichen Erfahrung in das Besondere ihrer weiblichen Gefühls- und Anschauungswelt übersetzt, aber im wesentlichen deckten sich Original und Übersetzung doch.

Der Vater Saras hatte Dresden mit den Augen des Kunstgelehrten und Kunsthistorikers angesehen. Er war italienischen und französischen Einflüssen in der Kunst und Kultur der sächsischen Residenzstadt nachgegangen und dabei auch italienischem und französischem Blute begegnet. Dies mußte ihn, den unter Romanen geborenen, wie etwas Heimatliches berühren. Und seine Phantasie half nach. In jedem schwarzen oder braunen Auge einer Dresdnerin erblickte er ein lebendiges Denkmal längst verwehter Schäferstunden französischer Soldaten und italienischer Künstler, wenn es auch vielleicht in Wahrheit slawisches Braun und Schwarz war. Und dann kam hinzu, daß er seine eigene Liebe in dieser Stadt erlebt hatte. Hier hatte das Wochenbett seiner Frau, hier die Wiege Saras gestanden; und beide Betten, das große und das kleine, hatte er mit alten Meißner Figürchen umgeben, kleinen Kunstwerken, auf die das Wort einer galanten Kultur wirklich zutraf. Alles dies lebte in Sara nach, unbewußt, halb bewußt, ganz bewußt.

Als sie der hübsche, aber leider von Korpsinteressen völlig absorbierte Kurt von Kantern, die stahlblaue Lausitzer-Mütze tief, wie es damals Mode war, in die Stirn gezogen, einmal gefragt hatte: »Aber warum denn gerade nach Dresden, Madame? Auf Ehre – Dresden ist ein langstieliges Kaffeedorf!« hatte sie geantwortet: »Für Korpsstudenten – mag sein. Korpsstudenten interessieren sich nicht für Meißner Porzellan. Korpsstudenten sind tapfere Ritter, aber keine Kavaliere im Sinne der galanten Zeit. Sie müssen zu viel Bier trinken und zu oft pauken. Das ist gewiß reizend – für Korpsstudenten. Ich aber habe schon genug von steilen Terzen und Hakenquarten. Ich möchte nicht gerne Anlaß zur Eifersucht haben, und am wenigsten Anlaß zur Eifersucht auf die Kneipe. Ich möchte mich in Jünglinge verlieben, die auf der ganzen Welt nichts kennen und wollen als mich, oder in Männer, die sich in meiner Gesellschaft von großen Dingen ausruhen.«

Davon begriff der hübsche Lausitzer-Senior nicht gar viel; die schöne Sara aber hatte damit immerhin etwas von der Oberfläche ihrer Instinkte verraten.


In Dresden logierte sie sich nahe dem Zwinger in einem höchst soliden und von der besten Gesellschaft frequentierten Hotel ein, wo sie schon bei der Ankunft nicht geringen Eindruck machte; einmal durch die große Anzahl der von ihr mitgeführten sehr umfangreichen und schweren Lederkoffer und dann durch ihre Jungfer, eine äußerst häßliche und, wie es schien, taube Negerin, die von ihr Lala genannt wurde und ihrer Herrin sklavisch anhänglich war.

Dieses Verhältnis führte sich in erster Linie darauf zurück, daß Lala mit ihrer Herrin zusammen aufgewachsen war, am Äußeren der Erziehung mit anteilnehmend, so daß sie gleich dieser Deutsch, Englisch, Französisch und Italienisch verstand, aber vom Vater Saras doch immer auf dem Stand einer durchaus willenlosen und sklavisch abhängigen Dienerin niedergehalten. Sie hatte nie einen Pfennig Lohn erhalten und nie daran gedacht, dergleichen als etwas ihr Zukommendes zu betrachten. »Du bist Saras dunkle Schwester,« hatte ihr der Alte gesagt, »und gehörst zu ihr, wie ihr Schatten. Und wie ihr Schatten sollst du sein: stumm, taub – für die anderen. Aber Sara wird keine Geheimnisse vor ihrer dunklen Schwester haben, und Saras Schatten wird Saras Schicksal teilen. Sara wird für ihn denken und Sara wird für ihn sorgen. So ist es die Bestimmung und so das Glück der dunklen Schwester.« Der Alte hatte wohl gewußt, warum er in Bildern zu der kleinen, verprügelt und halb verhungert in sein Haus gekommenen Negerin gesprochen hatte. Ihre wie aus einer Schicht braunen Öls stumpf leuchtenden schwarzen Augen hatten ihm die unklar träumende Seele dieses Wesens offenbart, das treu wie ein Hund und zu allem Guten und Bösen abzurichten war. Der Alte sorgte dafür, daß nichts in ihr helle wurde, als das Gefühl für die Erhabenheit Saras über ihr. Und dieses Gefühl wurde immer mehr zu einer demütigen Anbetung, je reifer die Schönheit Saras wurde. Wie Sara selbst, ohne Religion aufgewachsen, hatte sie, aus einem mystischen Bedürfnisse ihres dunklen Wesens heraus, Sara zu einem Idol nach der Art derer gemacht, die ihre schwarzen Vorfahren angebetet haben mochten. Das war keine gute Göttin, kein lieber Gott, das war nur eben das höhere Wesen, die Macht, die Lenkung. Und es war die Schönheit, die Helle.

Lala wurde zur Dichterin, wenn sie ihre Gefühle für Sara aussprach.

Wie Sara zum Führen eines Tagebuches angehalten worden war, so auch sie, aber sie schrieb nur Dinge hinein, die Sara betrafen, und jede Seite begann mit der Überschrift: »Heute sprach die helle Schwester dies.« Dann folgte etwa: »Hole das grüne Kleid, Lala. Tat es die dunkle Schwester. Sprach später die helle Schwester: Ich liebe noch immer den jungen Mann. Bring ihm den Brief. Tat es die dunkle Schwester. Und der junge Mann lächelte, denn die helle Schwester liebt ihn. Und kam zur Nacht nicht heim. Sanft sei ihr Glück wie der Mond, und heiß wie die Sonne. Die dunkle Schwester kennt die Liebe nicht, aber sie hat alles mit von der hellen Schwester. Und es ist gut für sie. Alles ist gut, so dunkel und gut.«

In diesem seltsamen Tagebuche bediente sich Lala derselben Geheimschrift, die sie mit Sara von Saras Vater erlernt hatte. Doch hatte sie sich noch einige Sigel dazu erfunden. So für die Worte: »Heute sprach die helle Schwester« einen Kreis, durch den ein Pfeil wagrecht ging und für die Worte: »Tat es die dunkle Schwester« einen Halbmond, durch den ein Pfeil senkrecht ging.

Ihre Taubheit war Verstellung zu dem Zwecke, die Äußerungen fremder Leute über ihre Herrin vernehmen zu können, ohne daß diese sich dessen versahen. So hatte sie schon während der Ehe Saras der hellen Schwester wertvolle Spionendienste unter der Verwandtschaft des ahnungslosen Mister Leon Asher geleistet. Sara selbst pflegte ihre Dienerin auch ihren nächsten Bekannten und Vertrauten gegenüber als harmlose Idiotin hinzustellen, was um so weniger auf Mißtrauen stieß, als die primitiven Umgangsformen zwischen Herrin und Dienerin, wie das gegenseitig angewandte Du, ohnehin den Eindruck machten, als seien sie auf kindliche Zurückgebliebenheit des Verstandes der seltsamen braunen »Jungfer« zurückzuführen.


Nachdem Madame Sara in den besten Geschäften der Pragerstraße nach den besten Pariser Modellen ihre zwar ohnehin reiche, aber doch noch nicht ganz auf der Höhe des europäischen Geschmackes befindliche Garderobe ergänzt hatte und es nun an türkischen Schals, spanischen Mantillen, kleinen koketten Federhütchen, knisternden Reifröcken und durchbrochenen Halbhandschuhen mit den elegantesten Dresdener Madams mehr als aufnehmen konnte, fand sie es für angezeigt, ihre Antrittsvisite bei der berühmtesten, ob auch ganz altmodisch gekleideten Dresdnerin zu machen, deren erlauchte italienische Herkunft zweifellos ist: bei der Sixtinischen Madonna.

Gleich den meisten anderen Fremden durchschritt auch sie (doch war es mehr ein Durchwogen) alle übrigen Säle der Galerie, ohne den an ihren Wänden prangenden Kostbarkeiten mehr als einen vorüberstreifenden Blick zu gönnen, mit dem Ausdruck der von Sehnsucht beflügelten Wisserin der höchsten Gnade, bis sie zu dem gebenedeiten Raume gelangte, wo die himmlischen Augen der Mutter und des Kindes leuchten, vor denen Papst und Heilige knien.

Die schöne Jüdin, froh, dort niemand zu treffen, ließ sich mit einem knisternden Aufbauschen ihres dunkelgrün seidenen Reifrockes in einem Fauteuil dem Bilde gegenüber nieder, erhob ihren schönen, mit vollgerundeten, schwermütig schwankenden Schmachtlocken frisierten Kopf zu dem Gemälde und führte das goldene Lorgnon an die dunklen und durch unterlegtes Beinschwarz noch mehr gehobenen Augen.

Ein wunderlicher Gegensatz, wie von Gavarni mit verruchter Raffiniertheit erfunden, diese beiden Frauenbilder einander vis-à-vis: das lebendige, als ob es ein zwar amüsantes, aber freches Gespenst des Lebens wäre, und das aus der Kunst geborene, das fast noch mehr wie Leben strahlte: als Lebensleuchten selber aus tiefster, innigster Einfalt.

Madame Sara empfand selbst so etwas und zog ein Spiegelchen aus ihrem perlengestickten Ridikül, sich darin zu betrachten.

Warum schminken wir uns eigentlich so absurd, dachte sie für sich. Warum diese Masse Rot auf so viel Creme-Weiß. – Nun ja, wir sind keine Göttinnen … Und doch … es wird einem wunderlich zumute.

Und sie sah wieder die Madonna an.

Und dachte weiter: – Wer hat mehr Ursache, stolz zu sein, als wir Jüdinnen? – Die schönste Römerin war dem größten Künstler Italiens gerade gut genug, eine Jüdin darzustellen … – Religion?

Sie lächelte.

Wer hier die Liebe nicht sieht, hat keine Augen. – Freilich: der Papst, die Heiligen, die Engel … Enfin! Künstler können sich was herausnehmen … Künstler! Ah! … Zweierlei gibt's: Künstler und Helden – oder, ohne Romantik gesprochen, Soldaten – d. h. Offiziere.

In diesem Augenblicke wurden ihre Gedanken durch das bestimmte Gefühl unterbrochen, daß hinter ihr ein Mann stehen müsse. Eine kleine Wendung ihres Kopfes, ein Blick nach hinten, colla coda dell' occhio, genügte, ihr zu zeigen, daß ihr Gefühl sich nicht getäuscht hatte.

Eine Weile später würde sie ihn auch mit der Nase haben wahrnehmen können, denn der Herr, der jetzt schräg hinter Madame stand und keinen Blick von ihr wandte, wie wenn er nicht der Sixtinerin wegen gekommen wäre, sondern wegen der Amerikanerin, dieser Herr, ein straff aufrechter Vierziger mit blonden Koteletten in der Mode der Zeit, einem rosigen Teint, sehr hellbraunen Augen und einem Anzuge, dessen sich der Empereur in Paris nicht hätte zu schämen brauchen, liebte offenbar die starken Gerüche. Damals war unter den vornehmen Mitgliedern der Herrenwelt ein Parfüm bevorzugt, das heute zu den Lehrlingen im Kellnergewerbe herabgesunken ist: Jockey-Klub. Doch war dieses Odeur damals noch nicht so degeneriert wie heute, wo es aus den zusammengegossenen Neigen anderer Extrakte hergestellt zu werden scheint. Es war vielmehr in der Blüte seiner Kraft und duftete restlos die große Seele dessen aus, der seine Erfindung inspiriert hatte: des Prinzen von Wales, dem bei seiner Inspiration nichts Geringeres vorgeschwebt hatte, als eine Erhebung des Stallgeruchs zum Odeur, – Rennpferd-Stallgeruchs, versteht sich. Frisches Heu und Juchtenleder als Dominante. Ein wirkliches Odeur de chevalier, viel sagend und viel versprechend für geistreiche Nasen von Damen mit Temperamentsphantasie.

Der schönen Sara, die allzulange Ledergerüche hatte erdulden müssen, die nicht raffiniert und nicht nobilisiert waren, fehlte es an dieser Phantasie keineswegs, und so kam es, daß ihre Geruchsnerven in der bestimmten Ahnung vibrierten, der Herr hinter ihr könne eine Bedeutung für sie haben. Und so ließ sie mit scheinbarer Nachlässigkeit ihr winziges Spitzentaschentuch fallen, dessen Parfüm etwa als Komplementär-Geruch zu jenem Odeur de chevalier hätte bezeichnet werden dürfen. Sofort machte der Herr mit den Koteletten ein paar schnelle federnde Schritte nach vorn, bückte sich zu dem winzigen weißen Häufchen aus Seide, Spitzen und Duft nieder, ergriff das zarte Gewebe und überreichte es Madame mit einer Verbeugung, die zugleich ritterlich und galant, die beste Welt verriet.

Ah, machte Sara mit vollendet gespielter Überraschung, das heißt mit einem Tone der Überraschung, dem man es anhören konnte, daß die Überraschung gespielt war. Der Herr mit den hellbraunen Augen verstand sich auf Tonnuancen aus Frauenmunde und wußte auch die richtigen Folgerungen daraus zu ziehen und sich den Folgerungen entsprechend mit Delikatesse zu benehmen. Aber hier hätte es der Erfahrung und Sicherheit eines Meisters in der Kunst der Anknüpfung mit Damen nicht einmal bedurft, denn angesichts ganz großer Gegenstände der Kunst oder Natur ist es selbst für Anfänger leicht, den Faden zu einem Gespräch anzuspinnen und fest zu drehen. Was so hoch über der gemeinen Konvenienz steht, wie die Sixtinische Madonna, verleiht mit der Macht von Souveränen auch das Recht, sich in seiner Gegenwart zeitweilig über konventionelle Schranken wegzusetzen.

So waren Weltdame und Weltmann bald in einem angenehm bewegten Gespräch, das bei Raffael begonnen hatte, über die Kunst im allgemeinen anmutig weggeschaukelt war und sich schließlich behaglich über Fragen des gesellschaftlichen Lebens in Dresden ausbreitete.

Der Umstand, daß auch der Herr als Fremder in Dresden weilte, ergab eine willkommene Erleichterung der gegenseitigen Aussprache. Eine Reisebekanntschaft, sogleich als Reisebekanntschaft determiniert, wird von Leuten von Welt, die sonst zumeist gezwungen sind, sich in festen Zirkeln zu bewegen, immer als eine angenehme Bescherung des Zufalls gerne begrüßt. Man lernt sich schnell kennen, kommt einander, wenn Sympathie im Spiele ist, sehr schnell nahe, bleibt aber doch immer Passagier, und es genügt, eines Tages zu sagen: Morgen mit dem Frühzuge reise ich weg. Nicht einmal das Stammbuchblatt früherer Zeiten ist auszufüllen:

Fällt Dein Blick auf diese Seite,
Wenn Du jene umgewandt,
Denk an mich mit Gunst und sage:
Diesen hab ich auch gekannt.

Fürst Wladimir Golkow, russischer Kavallerie-General außer Dienst, Kommandeur des Sankt-Georgsordens für besondere Bravour im Krimkriege, besaß viel Neigung zu derlei Bekanntschaften, zumal wenn es sich um schöne Partnerinnen handelte, und er lebte recht eigentlich solcher Reisebekanntschaften wegen immer auf Reisen. Doch war Dresden, das zu jener Zeit von Russen überhaupt bevorzugt wurde, der Ort, zu dem er von Zeit zu Zeit immer wieder zurückkehrte. Daher er hier eine feste Wohnung unterhielt, eine kleine Villa in einem großen Garten der Neustadt.

Heute knattert auch durch dieses damals noch ganz ländlich stille Viertel der elektrische Trambahnwagen; die großen Gärten sind parzelliert, und in jedem der neuen kleinen Gärten steht, die dumm-moderne Front zur Straße gewendet, ein kleiner Steinkäfig mit Stuckornamenten, in dem ein Dresdner Partikulier wohnt, dem es gerade recht ist, daß er seinem Nachbar in die Fenster gucken und riechen kann, was der Herr Rechnungsrat nebenan heute zu Mittage hat. Damals aber war das eine vornehme Gegend. Wenige, aber große, mit alten Bäumen bestandene Gärten, und tief im Grün des Gartens, von der Straße kaum sichtbar, ein altes Herrenhaus mit französischem Doppeldach, ohne viel Schmuck, und ganz gewiß ohne angeklebten Schmuck, aber von guten architektonischen Verhältnissen, behaglich geschmackvoll.

Ein solches Haus in solchem Garten hatte sich »der Russe«, wie er in der Gegend kurz genannt wurde, erworben und ganz nach seinem Sinne mit Möbeln aus der Zeit des ersten Kaiserreichs ausgestattet, die damals bloß als altmodisch, aber noch nicht für »antik« galten. Sie sagten ihm in ihrer strengen und etwas steifen Pracht viel mehr zu, als die mit Rokoko-Verzierungen recht oberflächlich spielenden Möbel des zweiten Kaiserreichs, die ihm den Eindruck von Unsolidität und Weichlichkeit machten. Er aber liebte die gerade Linie, sparsamen, zurückhaltenden Schmuck aus echtem Material und eine gewisse Massigkeit. Das grazilere »Damen-Empire«, die feinbeinigen Tischchen und wie aus Gitterwerk zierlich konstruierten Sofachen fand man bei ihm nicht, wohl aber gewaltige, wenn auch durch die Kunst der Verhältnisse nicht plump erscheinenden Tische und wahrhaft überlebensgroße Prachtkanapees. Die östliche Herkunft und den früheren Beruf des Besitzers verrieten kostbare persische Teppiche, turkestanische Vorhangstoffe und wertvolle Waffen der verschiedensten Art: Säbel, Degen, Pistolen, Gewehre, die, weit zahlreicher als Bilder, an den Wänden hingen. Doch fehlte es auch an Bildern nicht völlig, und diese ließen gleichfalls gewisse Schlüsse auf die Neigungen ihres Besitzers zu. Da waren bunte, edelsteinbeladene russische Heiligenbilder, byzantinische Madonnen neben tibetanischen Malereien auf Seide, die schauderhafte Götzen, überladen mit Attributen der Grausamkeit und Wollust, darstellten, aber es gebrach auch nicht an allerhand nackten Damen antikmythologischer und ganz und gar moderner Herkunft. Diese letzteren aber waren nicht so sehr durch klassische Schönheit wie durch Fülle ausgezeichnet. Auch plastische Kunstwerke waren vorhanden, doch gewahrte man weniger echte Bronzen, als Erzeugnisse des berühmten russischen Phosphor-Eisenwerkes bei Jekaterinburg, die nichts so gerne darstellen, wie reitende Kosaken.

Auch von diesen Dingen war bereits in Gegenwart der Sixtinischen Madonna die Rede, und es war nicht bloß höfliche Vorheuchelung, wenn Madame Sara erklärte, daß alles Russische sie besonders interessiere.

»Rußland, verzeihen Sie, Fürst, hat für uns Amerikaner den Reiz kostbarer Barbarei. Gilt uns Europa als die alte, schon etwas lahmgewordene Kultur, so Rußland als der große Rachen, der diese Kultur einmal verschlingen und, wenn er imstande ist, sie zu verdauen, aus ihr ein neues Gebilde von halb asiatischem Charakter erstehen lassen wird.«

»Ich verstehe, Madame. Wir Russen sind für Sie die Europäer à la tartare. Ein bißchen Politur über dicker Roheit. Nun ja, gottlob, es ist etwas Wahres daran. Unsere Kraft liegt in Asien, im Urgebiet des Menschen, das schon mehr Kulturen sterben sah, als je in Europa entstanden sind. Dort ist viel verfault und daher, dank der Düngung durch Jahrtausende der beste Humus für eine neue, für unsere Kultur. – Was Sie in Amerika verflucht schnell und, entschuldigen Sie, etwas oberflächlich gemacht haben, machen wir verflucht langsam, daher aber um so gründlicher. Sie haben auf ein neues Land den äußerst schnell alt gewordenen europäischen Liberalismus gepfropft, aber dieses Wunderkind wird wie alle Wunderkinder früher sterben, als es Nachkommen hervorbringen konnte. Wir aber gehen auf das echte Urwesen des Menschen zurück, das sich, wenn Sie wollen, barbarisch geworden, im Osten erhalten hat und zu alt ist, als daß es die Kinderei des Liberalismus hätte mitmachen können. Panslavismus heißt Asiatismus, heißt Mystizismus. Revanche für Marathon und Salamis ist das letzte Ziel der russischen Politik.«

»Oh! Oh! Sie springen weit und überspringen viel, Fürst!«

»Das kommt, weil wir Russen an große Ausdehnungen gewöhnt sind.«

»Wie wir Amerikaner.«

»Aber Sie springen an der Longe Europas in der Manege des Liberalismus. Zirkuskünste! Bei uns aber ist Freiheit und Größe! Nur bei uns!«

»Freiheit? Existiert das Wort im Russischen?«

»Nicht im Sinne der kümmerlichen Liberté, aus der die ruchlos idiotische Égalité hervorgegangen ist, aber im großen Ursinne der Brüderlichkeit eines ganzen Volkes, das sich als Familie fühlt und mit tiefem Instinkte den fürchterlichen Unsinn des Individualismus erkannt hat, den wir den griechischen Windbeuteln und den einzigen entarteten Orientalen verdanken: den Juden.«

Bei diesem Worte fühlte die kluge Sara, der dieses Gespräch ein seltsam aus Ärger und Respekt gemischtes Vergnügen bereitet hatte, daß jetzt der Moment gekommen war, wo es sich entscheiden mußte, ob sich mehr und Besseres aus ihm entwickeln sollte, als Gespräche.

Und sie sagte mit einem Lächeln, das schlechterdings bezaubernd war in seiner Mischung aus ein bißchen Demut mit viel Stolz: »Sehen Sie mir es nicht an, daß ich Jüdin bin, Fürst?«

Auch der Kommandeur des Sankt-Georgsordens empfand sehr schnell die Bedeutung dieses Momentes. Er, der in der Tat längst und keineswegs mit Mißfallen die jüdische Herkunft seiner schönen Partnerin bemerkt hatte, ergriff ihre linke Hand und zog sie an die Lippen, indem er sprach: »Ich verstehe mich auf Frauenschönheit, Madame, und ich müßte nicht tatarisches Blut in mir haben, wenn ich sie nicht zu schätzen und – abzuschätzen wüßte. Meine Liebe für den Orient ist nicht bloß platonisch-politischer Natur. Mag ich auch die Juden für entartete Orientalen mit dem denkbar schlechtesten Einfluß auf die menschliche Kultur halten – die Jüdinnen sind mir immer besonders verehrungswürdig erschienen, und ich möchte mich ihrem Einflusse keineswegs entziehen, – zumal, wenn er über ein Lächeln verfügt, wie Sie.«

Madame Sara hörte den Unterton von paschahafter Überlegenheit aus diesen Worten wohl heraus, aber er mißfiel ihr durchaus nicht. Im Gegenteil: Sie ahnte aus ihm etwas, das sie innerlich höchst angenehm aufschauern ließ.

Und sie wiederholte ihr Lächeln, indem sie die Demut darin zur Balance mit dem Stolze steigerte. Und sagte: »Auch die Ironie in Ihren Worten entzückt mich, Fürst, – nicht bloß die Schmeichelei. Sie haben eine mir sehr zusagende Manier der galanten Huldigung, und ich würde es vielleicht auf einen Versuch ankommen lassen wollen, zu erfahren, ob Sie jetzt bloß – höflich gewesen sind.«

Der Versuch wurde gemacht, wurde wiederholt, und es war bald kein Zweifel mehr daran erlaubt, daß Fürst Golkow eine mehr als platonische Neigung für schöne Jüdinnen hatte.

Schon nach wenigen Wochen war Madame Sara im buen retiro des Fürsten wie zu Hause, und sie lernte den Zusammenhang begreifen, der zwischen den byzantinischen Madonnen, den tibetanischen Verzückungsgreueln und den Kosaken aus russischem Weicheisen bestand. – –

Wie ihr das neu war nach ihren Erfahrungen mit dem seligen Asher und dem Intermezzo mit dem hübschen Leipziger Korpsburschen!

Sie lernte mit großem Interesse das erotische Gruseln kennen und entbrannte in heftigster Leidenschaft zu ihrem Tataren, wie sie nun den Fürsten gerne nannte. Indessen: den Kopf verlor sie dabei doch nicht. Wie gerne sie auch ihrem erotischen Mystagogen auf den dämmerigen Wegen in das mystische Paradies folgte, und wie gelehrig sie sich auch aus angeborenem Talente benahm, – sie verfiel ihm nicht so ganz, wie es den Anschein hatte, und wie er es nach dem Anschein gerne glaubte. Sie exaltierte sich nicht aus Berechnung; das hatte ihr Temperament nicht nötig. Sie spielte auch nicht aus Berechnung die Liebessklavin; diese Rolle war ihr im gegebenen Momente Natur. Aber beides, die Exaltation und die demütige Unterwerfung unter den Herrn der Liebe, nahm sie nicht dauernd ein; – sie blieb über der Sache, die für sie nicht Liebe, sondern Sensation war, aber sie wußte sich klüglich den Anschein zu geben, als sei sie nicht bloß in seinen Armen sein.

Auch beim Fürsten war es nicht Liebe im wahren mystischen Sinne des Wortes, nicht die ganze innere Verknüpfung seines Wesens mit dem ihren. Er entzückte sich an ihr zu Schwelgereien seiner wunderlich verstiegenen und alle Abgründe aufsuchenden Erotik. Er genoß in ihr – Asien und meinte in ihr – das Judentum zu unterwerfen. Aber es ging ihm wie manchen großen Herrn, die, gerade wenn sie am unumschränktesten zu herrschen glauben, um ihr eigentliches Herrschertum betrogen werden. Die schöne Jüdin wurde ihm zum Bedürfnis, und sie zwang ihm leise eine Monogamie auf, die ganz und gar nicht in seinem Wesen lag.

Ein solcher Zustand aus wirklicher Liebe ist Glück. Beim Fürsten war es eine Folge von Rauschzuständen, denen es am Intermezzo des Katzenjammers nicht fehlte. Trotzdem dachten beide nicht daran, die so intim gewordene Reisebekanntschaft durch eine Abreise zu lösen.

Madame Sara fühlte sich in Dresden durchaus und in jeder Richtung wohl. Sie war durch den Fürsten, soweit er selbst gesellschaftliche Beziehungen pflegte, in die Gesellschaft gekommen, – nicht so sehr in die der ansässigen Kreise, als in die der Fremden von Distinktion. Und, wo sie erschien, machte sie Aufsehen, gefiel sie. Das tat ihr wohl und machte ihr Vergnügen, zumal, da sie an Schönheit, Geist und Eleganz keine Rivalin fand.

Es dauerte nicht lange, und sie war umworben. Ein Attaché der französischen Gesandtschaft gefiel ihr, aber seine Gespräche waren zu pariserisch glatt. Sie war tiefere Paradoxe gewöhnt als die, die Monsieur le Comte de Brottignolles aus dem Figaro schöpfte, den sie selber las. Auch ein junger sehr reicher Engländer, der immer vorgab, sich zum Studium der deutschen Sprache in Dresden aufzuhalten, aber nie ein deutsches Wort über seine wunderbar rasierten britischen Lippen brachte, machte in seiner blonden Gesundheit einen gewissen Eindruck auf sie. Er war nicht parfümiert und roch doch gut. Alles war gut ausgearbeitet und doch strotzend an ihm. Kurz: ein Triumph der Hygiene. Aber er war gar zu englisch, zu insular, und man konnte mit ihm schlechterdings nur über Dinge reden, die augenscheinlich vernünftig waren. Und, um Leitartikel miteinander auszutauschen, dazu, meinte Madame Sara, unterhält sich eine junge Frau nicht mit einem jungen Manne. Überdies hatte sie die Empfindung, daß er grausam tugendhaft sei und sich darauf noch etwas einbilde.

Der Fürst, dem es nicht entgehen konnte, daß seine Sulamitin auch anderen gefiel, beobachtete mit großem Vergnügen das Vergebliche aller Versuche der anderen, ihr nahe zu kommen, und legte das wohlgefällig als Beweis seiner festen Alleinherrschaft aus. Irgendwie erstaunlich fand er es nicht, denn es gehörte zu seiner Überzeugung von den Vorzügen der östlichen Menschen, daß dort die Männer zwar polygam, die Weiber aber monogam veranlagt seien. »Sogar die Jüdinnen,« hatte er einmal zu Sara gesagt, »die überhaupt noch echte Orientalinnen sind, weshalb sie sich in ihren schönen Exemplaren auch überall gleichen, während der amerikanische Jude ganz wie ein Amerikaner aussieht, der französische Jude ganz wie ein Franzose.« Auch gegenüber solchen Reden hatte Sara das unterwürfige Lächeln der Favoritin, aber in ihrem Innern sah es dabei gar nicht unterwürfig aus, und im Tagebuche Lalas gab es eine Stelle, die lautete so: »Sprach die helle Schwester: Je gescheiter ein Mann ist, um so leichter kann ihn eine Frau betrügen.«


Eines Morgens wurde Madame Sara, die erst sehr spät von einem Besuche bei ihrem Tataren nach Hause gekommen war und unerquicklich geträumt hatte, durch rasendes Klavierspielen und eine fürchterliche Art von Gesang geweckt. Beides wurde offenbar direkt über ihr verübt. Sie schellte Lala herbei und rief ihr entgegen: »Was ist denn das! Wer wohnt denn über uns?«

»Oh!« antwortete Lala mit großem Ernste, »du wirst ihn lieben. Er ist so häßlich wie ich, aber du wirst ihn lieben. Er ist anders. Er ist gut und verrückt. Er hat zu mir gesagt: ›Ei du Scheusälchen‹!«

Madame Sara, eben noch recht ärgerlich, mußte lachen, und sie sagte: »Mir scheint, Lala: du liebst ihn. Dann muß ich zurücktreten.«

Aber Lala verstand solche Scherze nicht. Sie sagte: »Oh, es ist wahr. Er ist ganz für dich. Er ist ganz anders und ganz für dich, und er wird dich lieben.«

»Dann soll er vor allem mit diesem schrecklichen Klavierpauken aufhören und mit dem noch schrecklicheren Gesingse!«

»Lala geht zu ihm.«

Und Lala ging hinauf, und augenblicklich wurde es ruhig.

Nach einer Weile kam die dunkle Schwester mit einem Billett zurück, auf dem folgende Worte standen:

»Wenn Orpheus sang, schwieg selbst das Federvieh,
Doch Orpheus selber, lehrt Mythologie,
Orpheus schwieg nie.

Aber Orpheus hat auch nicht das Glück gehabt, Madame Sara Asher Neuyork (siehe Fremdenbuch) zu sehen, wie der ganz ergebenst endesunterfertigte Musikante und Poet, der zwar nicht leben kann, wenn er nicht den Flügel bearbeitet und seine unsterblichen Melodien den Morgenwinden mitteilen darf, aber lieber aufs Leben zu verzichten gewillt ist, als daß er der schönsten aller Damen ärgerlich sein möchte. – Es liegt also bei Madame, zu entscheiden, ob ich leben oder sterben soll. – Ich werde mir erlauben, selbst um die Entscheidung anzufragen, wenn Madame die Gnade haben will, mir dafür eine Stunde zu bestimmen.

Der ich bin der schönsten Dame alleruntertänigster Diener und Knecht Sturmius de Musis

»Du scheinst recht zu haben, Lala, er ist entschieden verrückt,« sagte Sara, als sie unter Lächeln das Billett gelesen hatte. »Aber er ist ein amüsanter Narr. Du kannst ihm also sagen, daß ich um ein Uhr für ihn zu sprechen bin.«

Punkt ein Uhr überbrachte Lala ihrer Herrin eine Visitenkarte, die den wirklichen Namen des Maestro Sturmius de Musis aufwies, einen alten deutschen Adelsnamen, der eben an allen Plakattafeln der Stadt über einer Konzertanzeige zu lesen war. »Ich lasse bitten!« sagte sehr freundlich Madame Sara, musterte schnell noch einmal ihre raffiniert halb auf Empfang, halb auf Negligé gestimmte Toilette und ließ sich, gelb auf rosa, in einen üppig gepolsterten Armstuhl sinken.

Kaum, daß sie noch einen Wurf alter Brabanter Spitzen über türkischen Pantöffelchen zur Geltung hatte kommen lassen können, stand der Flügelgewaltige auch schon in der Türe.

Er sah, oberflächlich angesehen, recht unscheinbar aus. Klein und mager, wie er war, verschwand er fast in dem überlangen, schwarzen, noch etwas biedermeierisch geschnittenen Bratenrocke, den er zu breit karierten hellen Nankinghosen trug. Ein nicht recht eleganter Umlegekragen gestattete einem hellroten seidenen Schlips, weiter hervorzuzipfeln, als es die Mode erlaubte, und ließ einen keineswegs schönen, allzulangen und sehr sehnigen Hals frei, der zu allem Überfluß noch von einem überlebensgroßen Adamsapfel belebt wurde. Dieser fleißig auf- und niedersteigende Knollen hätte bei jedem anderen die Aufmerksamkeit des Betrachters konkurrenzlos in Anspruch genommen. Bei Madame Saras Besucher vergaß man ihn bald, wenn man einmal den Kopf angesehen hatte. Vor allem: er war zu groß. Er paßte nicht zum Körper. Er wirkte als Kopf an sich. Und dann: er war grausam häßlich, weil er auch in sich keine anständigen Verhältnisse hatte. Ein Hohn auf das Gesetz vom goldenen Schnitt. Die Stirn, über zwei dicken blonden Raupen, den Augenbrauen, ansetzend, hörte scheinbar überhaupt nicht auf. Dafür war die Nase zu kurz geraten, und sie erschien außerdem noch kürzer, als sie schon war, weil sie sich in optischer Verkürzung präsentierte, nämlich mehr nach aufwärts als nach abwärts tendierend. Dafür war wieder der Raum zwischen Nase und Mund viel zu ausgedehnt. Zwar war er mit einem hellblonden, in Spitzen gedrehten starken Schnurrbart bestanden, aber es wäre für zwei solcher Schnurrbärte Platz gewesen. Der Mund, obwohl zu breit und schmallippig, war geistreich. Nur entblößte er leider wahre Nagetierzähne, breite, gelbliche Schaber. Und dann war kein Kinn da, sondern nur ein Zwickelbart, ein gesteifter pharaonischer Zwickelbart, der im Verein mit dem breiten Mund und der gewaltigen Malmfläche sofort die Idee wachrief: Nußknacker. Die stark hervortretenden oberen Backenknochen unterstützten die Idee wirksam, während die ungeheuren Ohren die Gedanken mehr ins Gebiet der Zoologie riefen. Zornig trompetende Elefanten, wenn sie die Ohren abstehen lassen, erfreuen sich ähnlicher Seitenornamente. Sein Haupthaar litt unter dem Größenwahn seiner Stirn. Man konnte eigentlich nur vom Hinterhaupthaar reden. Doch ersetzte es an Länge, was ihm an Terrain versagt war. Es fiel beträchtlich über den Rand des Rockkragens herab, war aber säuberlich gerade geschnitten.

Ein solcher Kopf hätte wohl Entsetzen erregen müssen, wenn in ihm nicht zwei Augen gewesen wären, so voll Geist, Güte, Glut und Leben, daß man in ihrem Anblicke alles übrige vergaß und sofort die Empfindung gewann: dieser Mann hat es nicht nötig, äußerlich schön zu sein; er hat alle Schönheit innerlich, das heißt: er ist ein wunderbar guter und wunderbar geistvoller Mensch, ein geniales Herz und ein genialer Kopf. Seine Häßlichkeit, statt zu verstimmen oder gar Mitleid hervorzurufen, machte heiter, steckte mit Heiterkeit an, von den Augen her, um die herum ein lebhaftes und doch nicht zuckendes Muskelspiel fröhlicher Laune war, witzig und dionysisch zugleich, kindlich und faunisch, gemütlich und enthusiastisch.

Wenn er aber gar den Mund auftat und in seiner, Konsonanten und Vokale wunderlich zusammenquetschenden Sprache zu reden begann, war es, als ob alle guten Geister des Lebens mobil gemacht worden wären gegen Langeweile, Dumpfheit und Verdrossenheit. Er brauchte gar nichts Besonderes zu sagen: alles klang originell, denn ein jeder fühlte unbedingt: dieser Mensch spricht sich unverstellt aus, jedes Wort ist getragen von einem Impuls, keines schielt nach verborgenen Absichten, und wäre es auch nur die Absicht, originell zu wirken. Anderseits mochte manches anfangs närrisch klingen, aber bald merkte man, daß es nur närrisch geklungen hatte, weil es gar tief natürlich gewesen war, kindliche Weisheit, die sich nicht gut in konventionellen Schablonen ausdrücken kann, und die sich ganz naiv primitiver Mittel bedient. Dabei war Meister Sturmius alles andere eher als ein rohes Naturprodukt. Er war nicht nur sehr gebildet, äußerst belesen, ja im Umkreise seiner künstlerischen Interessen beinahe gelehrt; er hatte auch als Erbgabe seines alten Geschlechtes einen sehr sicheren Fond überkommener Kultur. Wenn er sich zuweilen recht ungeniert betrug, die Mode nach seinem Geschmacke modelte, die Konvention nach seinem Sinne bog, so war es kein wüstes Durchbrechen von Schranken, sondern immer ein elegantes Drüberwegsetzen mit dem leisesten Takte für das Wo, Wie, Wann und Wieweit. Nur in seiner Kunst war er ein rücksichtsloser Draufgänger, und er pflegte das so zu entschuldigen: Alles, was in meiner Familie früher Ritterliches, Räuberisches, Mörderisches passiert ist mit Schild und Schwert und Spieß, üb' ich aufs neue aus im Kampfe für die Kunst gegen die Philister. Alle meine raubritterlichen Vorfahren haben nicht so viel Eisen zerhauen, wie ich Flügel, und ich will doch sehen, ob ich nicht mehr Kunstphilister zur Strecke bringe, als sie Krämer. Sturmius, mein erlauchter Ahne, hat seinen Bruder Arbogast mit einem alten Streitkolben erschlagen, weil er nicht Martin Luthern anhangen wollte; – so würde auch ich meinen Bruder umbringen, wenn er nicht an Richard Wagner und die Musik der Zukunft glaubte. Es ist ein großes Glück für meinen Bruder, daß ich keinen habe.

Madame Sara, die keinen schlechten Blick für Menschen hatte, erkannte schon an der Art des Eintretens, daß ihr Gast trotz seines allzu subjektiven Bratenrockes ein Mann von Welt war, denn er kam ohne jede Spur von Befangenheit auf sie zu und küßte ihr die Hand wie einer, der gewöhnt ist, mit Schönheiten des Salons umzugehen. Dabei überstrahlte sie sein Blick ebenso verehrungsvoll wie munter, und sie fand, daß dieser Musikus, ästhetisch genommen, zwar ein Scheusal sei, aber ein höchst interessantes, ja – reizendes Scheusal. Naiv treulos, wie sie war, dachte sie sofort vergleichend an ihren Tataren, und diesmal schien es ihr, als sei der »andere«, das heißt der neuauftauchende, vielleicht … nun: weiter dachte sie nicht. Und sie sprach: »Sie haben wirklich meine Entscheidung über Leben und Tod, Herr von …«

Aber Meister Sturmius fiel ihr ins Wort, ehe sie seinen Namen hatte aussprechen können: »Haben Sie die Gnade, mich nicht bei meinem in die Register des Staates eingetragenen Namen zu nennen, Madame! Auf die Gefahr hin, daß Sie mich sogleich ersuchen werden, Ihr Zimmer zu verlassen, bitte ich Sie, mich mit dem Vornamen anzureden, den in den Zeiten, da meine Familie noch katholisch war, die Erstgeborenen unseres Hauses trugen, und den ich mir selbst für den Verkehr mit Göttinnen beigelegt habe: Sturmius!«

Madame Sara lachte belustigt auf: »Sturmius? Steht der Name wirklich im Kalender? Ist er nicht von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann erfunden worden?«

»Es hat so viel Sturmiusse meines Namens gegeben, daß wir sie numeriert haben, Madame. Der letzte war der vierzehnte und trug den Namen Judenschreck, nicht, weil er das Volk Gottes haßte, sondern weil er sehr kreditbedürftig war.«

»Das Volk Gottes? Wie meinen Sie das?«

»Wie es in der Bibel steht. Denn die Juden sind wirklich die Auserwählten ihres Gottes, den sie bei uns importiert haben. Es war ihr erster großer Importartikel und ist ihr bestes Geschäft geblieben bis auf den heutigen Tag. Wir haben ihn teuer bezahlt.«

»Sie sprechen nicht sehr respektvoll vom lieben Gott.«

»Der Gott der Juden heißt Jehova.«

Madame Sara war ärgerlich. Was sollte das alles? Wußte er nicht, daß ihr Name jüdisch war? Sah er nicht, daß er eine Jüdin vor sich hatte?

Sie sprach: »Es ist nicht gescheit, daß Sie Ihre Richterin über Tod und Leben beleidigen, Herr von …«

»Bitte: Sturmius!« – »Wenn ich nun eine fromme Jüdin wäre …?« – »Sie sind überhaupt keine Jüdin.« – »Doch, und ich bin stolz darauf.« – »Sie sind ebensowenig eine Jüdin, wie Christus ein Jude war.« – »Was war Christus denn?« – »Christus.« – »Das verstehe ich nicht.«

»Christus war die Liebe, war nichts als Liebe, war ganz und gar Liebe. Daher war er weder Jude noch sonst etwas, und darum gehört er allen, nicht bloß uns Christen, sondern auch den Juden und Heiden. Und so ist es mit jedem Menschen, der etwas ganz Seltenes ist. So ist mein Freund Richard Wagner ganz Genie, und darum ist er kein Deutscher, sondern Richard Wagner, darum gehört er nicht bloß uns, die wir seine Jünger sind, sondern auch den Juden und Heiden der Musik.«

»Und ich?«

»Madame! Dinge, die ich nur auf fünfzeiligem Papier oder nur aus dem Flügel ausdrücken kann, erdreiste ich mich nicht, in Worte zu fassen. – Haben Sie die Gnade und erlauben Sie mir, weiterzuleben, weiterzumusizieren, – und ich will Ihnen Gelegenheit geben, zu hören, was Sie sind.«

»Sie sind ein wunderlicher Heiliger.«

»Weder heilig noch wunderlich. Nur Musikant und ein Stück Poet. Doch bin ich leider nicht groß genug, um nicht nebenbei ein deutscher Querkopf und als solcher zum Beispiel ein hitziger Judenfresser zu sein.«