Anmerkungen zur Transkription
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Handbuch der deutschen Sprache für höhere Schulen.
Zweiter Teil: Für obere Klassen. Ausgabe B, in drei Abteilungen.
Kurzgefaßte Deutsche Stilistik.
Von
Professor Dr. Otto Lyon.
Siebente vermehrte und verbesserte Auflage.
1907
Leipzig und Berlin,
Druck und Verlag von B. G. Teubner.
☛ Die Ausgabe A enthält die 3 Abteilungen in einem Bande.
Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.
Vorwort zur ersten Auflage.
Eine kurze Darstellung der Stilistik, die das Notwendige und Wesentliche enthält, dürfte sich für den Gebrauch in der Schule nicht als nutzlos erweisen. Wenn der Schüler die stilistischen Regeln nur bei der Lektüre oder bei der Rückgabe der Aufsätze, also vereinzelt und zerstreut, gleichsam nur nebenbei kennen lernt, so vergißt er sie nur allzuleicht und verfällt fast regelmäßig wieder in dieselben Fehler; der Lehrer kämpft vergeblich dagegen an. Durch Einsicht in den wissenschaftlichen Zusammenhang der stilistischen Regeln dagegen wird jede einzelne Regel in dem Bewußtsein des Schülers weit mehr befestigt werden, als wenn sie vereinzelt, bloß gedächtnismäßig ergriffen worden ist. An die Stilistik schließt sich eine kurze Darstellung der Rektionslehre an, die zur Behandlung in Untersekunda bestimmt ist. Auch hier ist überall der Sprachgebrauch an der Hand der Sprachgeschichte geprüft und bei Feststellung der Regeln so objektiv als möglich verfahren worden.
Vorwort zur siebenten Auflage.
Bei der Durchsicht der siebenten Auflage sind die Verbesserungen und Berichtigungen, die sich nötig machten, überall eingefügt worden. Allen, die mich hierbei durch freundliche Mitteilung ihrer Wünsche und Vorschläge unterstützten, sage ich meinen verbindlichsten Dank.
Dresden, 1. März 1907.
Otto Lyon.
Inhaltsverzeichnis.
Seite | ||
1. | Begriff des Stiles | |
2. | Begriff der Stilistik | |
3. | Einteilung der Stilistik | |
4. | Schriftsprache und gesprochene Rede | |
5. | Der oberste Grundsatz des guten Stiles | |
6. | Deutlichkeit | |
7. | Sprachrichtigkeit | |
8. | Sprachreinheit | |
9. | Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks | |
10. | Angemessenheit | |
11. | Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks | |
12. | Anschaulichkeit und Lebendigkeit | |
13. | Natürlichkeit | |
14. | Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke | |
15. | Die Bilder oder Tropen | |
16. | Die Figuren | |
17. | Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil | |
18. | Wortbildung | |
19. | Das Substantivum | |
20. | Das Verbum | |
21. | Die Partizipien | |
22. | Das Adjektivum | |
23. | Das Pronomen | |
24. | Das Adverbium | |
25. | Präpositionale Ausdrücke | |
26. | Als und wie | |
27. | Wortstellung | |
28. | Der Bau der Sätze im allgemeinen | |
29. | Form der Sätze | |
30. | Art der Verknüpfung | |
31. | Stellung der Sätze | |
32. | Rhythmus des Satzes | |
33. | Prosaischer und poetischer Stil | |
34. | Der Stil des Verstandes | |
35. | Der Stil des Gemütes | |
36. | Das Studium guter Muster | |
37. | Der Aufsatz | |
38. | Das Thema und die Arten der Aufsätze | |
39. | Das Sammeln des Stoffes | |
40. | Die Disposition | |
41. | Dispositionsregeln | |
42. | Die Chrie | |
43. | Die Ausarbeitung | 65 |
44. | Über die Kunst, seine Gedanken gut auszusprechen | |
I. | [Übungsbeispiele zur Wiederholung der Syntax.] | 69 |
II. | [Rektionslehre.] |
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1. | Verben, die den Akkusativ regieren | |
2. | Verben, die den Dativ regieren | |
3. | Verben, die den Genitiv regieren | |
4. | Verben mit schwankender Rektion | |
B.Rektion der Verbalsubstantive. | ||
1. | Adjektive, die den Dativ regieren | |
2. | Adjektive, die den Genitiv regieren | |
D.Rektion der Präpositionen. | ||
Erste Abteilung.
Deutsche Stilistik.
I. Einleitung.
1. Begriff des Stiles.
Das Wort Stil wird in seiner weiteren Bedeutung auf alle Künste angewendet und bezeichnet überhaupt die Art und Weise der Darstellung. Man spricht daher z. B. von einem gotischen Stile in der Baukunst, von dem Stile der Niederländer in der Malerei, von dem Stile Mozarts in der Musik, von dem Stile Goethes in der Kunst der Sprache. Im engeren Sinne versteht man jedoch unter Stil nur die Art und Weise der sprachlichen Darstellung. Diese wird durch zweierlei bestimmt: 1. durch den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes; 2. durch die Persönlichkeit und geistige Eigenart des Darstellenden. Sofern der Stil auf den Inhalt und Zweck des darzustellenden Gegenstandes Rücksicht nimmt, nennt man ihn objektiv, sofern in ihm die Eigenart des Darstellenden zum Ausdrucke kommt, subjektiv. So wird z. B. der Stil in Schillers akademischer Antrittsrede: „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ objektiv bestimmt zunächst durch das Thema, dann durch die Reihe von Gedanken, die sich unter dieses Thema ordnen lassen, ferner durch den Zweck, die Zuhörer, und zwar solche, die akademischen Kreisen angehören, für diese Gedanken zu gewinnen. Objektiv wird also für die ganze Darstellung der Stil einer akademischen Rede über Begriff und Zweck des Studiums der Universalgeschichte erfordert. Das Subjektive an dieser Rede aber ist das, was diese Rede von allen anderen ähnlicher Art unterscheidet und sie zu einer Rede macht, wie sie nur gerade Schiller seiner geistigen Eigenart und Bildung, sowie der Bildung seiner Zeit gemäß halten konnte. Zahlreiche Lieblingsideen und Lieblingswendungen Schillers, die wir darin finden, der stolze Schwung der Rede, der noch heute jeden Leser unwiderstehlich mit sich fortreißt, die Anlehnung an die Gedanken Kants u. ähnl. geben der Darstellung ihr subjektives Gepräge.
Die objektive und subjektive Seite des Stiles sind selbstverständlich in der Wirklichkeit immer innig verbunden; es wird aber je nach dem Inhalte des darzustellenden Gegenstandes bald die eine, bald die andere Seite in den Vordergrund treten. Eine wissenschaftliche Darstellung z. B. ist streng objektiv zu halten, eine Rede, welche die Hörer anregen und begeistern soll, erfordert reiche subjektive Färbung; ein episches Gedicht verlangt große Objektivität, bei einem lyrischen Gedichte ist starke Subjektivität unbedingtes Erfordernis. Im allgemeinen muß namentlich der poetische Stil sein eigenartiges Gepräge durch die Persönlichkeit des Dichters erhalten, während dem prosaischen Stile mehr objektive Ruhe günstig ist.
Das rechte Verhältnis zwischen Subjektivität und Objektivität zu treffen, ist eine der schwierigsten Aufgaben des Stiles. Schließt sich der Stil nur objektiv an fremde Muster an, so mangelt ihm das eigenartige Gepräge, und dieser Mangel kann uns oft ganze Werke ungenießbar machen; überwiegt aber die Subjektivität in der Weise, daß Dinge in die Darstellung hineingetragen werden, die in dem darzustellenden Gegenstande nicht begründet sind oder gar mit demselben in Widerspruch stehen, so wird der Stil zur Manier. Gegenüber dem wahrhaften Stile Goethes und Schillers zeigt z. B. der Stil Jean Pauls und unter den neueren Erzählern der Wilhelm Raabes stellenweise Manier.
Anmerkung 1. Das Wort Stil ist aus dem Lateinischen (aus lat. stilus, d. i. Griffel) zu uns gekommen. Das lateinische stilus geht wieder auf griech. στῦλος zurück, was gleichfalls den metallenen Griffel bezeichnete, mit dem der Grieche durch Einritzen in eine Wachstafel schrieb. Einige Sprachforscher leiten auch unser Wort „Stiel“ von lat. stilus ab, was den Lautgesetzen nicht widerspricht. Doch ist hier wohl eher Urverwandtschaft anzunehmen.
Anmerkung 2. Über den Einfluß der Persönlichkeit und Gesinnung des Dichters auf seine Werke sagt Goethe: „Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an; wo diese sind, treten auch die Gedanken hervor, und nach dem sie sind, sind auch die Gedanken.“ Sprüche in Prosa 542. Hempelsche Ausgabe. — Von Werken, die nur objektiven Stil haben, sagt derselbe Dichter: „Es werden jetzt Produktionen möglich, die Null sind, ohne schlecht zu sein: Null, weil sie keinen Gehalt haben; nicht schlecht, weil eine allgemeine Form guter Muster den Verfassern vorschwebt.“ Spr. i. Pr. 119.
2. Begriff der Stilistik.
Stilistik ist die Wissenschaft des Stiles. Sie sucht die Gesetze und Regeln der sprachlichen Darstellung auf und stellt sie im Zusammenhange dar. Man darf die Stilistik nicht verwechseln mit der Poetik und Rhetorik. Die Poetik erörtert die Gesetze und Formen der Dichtung, die Rhetorik behandelt die Kunst der Beredsamkeit und der prosaischen Darstellung des Redners. Die Stilistik aber hat es mit der äußeren sprachlichen Form der Darstellung überhaupt zu tun, sie umfaßt die Gesetze über Deutlichkeit, Richtigkeit und Schönheit des Ausdruckes, über Belebung durch bildliche Wendungen, über die Wahl der Worte, den Bau der Sätze usw. Da die Sprache das Ausdrucksmittel sowohl des Redners, als auch des Dichters ist, so gelten die allgemeinen Sprachregeln der Stilistik für die Prosa wie für die Poesie. Der Umstand, daß die Alten in ihre Darstellungen der Rhetorik auch gewöhnlich die Regeln der Stilistik mit einschlossen (weil der Redner auch die stilistischen Regeln kennen und anwenden muß), hat dazu geführt, daß bis in die neueste Zeit Rhetorik und Stilistik vielfach vermengt und in verworrener Weise durcheinandergemischt werden.[1]
Mit den Stoffen und Ideen, die dargestellt werden, hat es die Stilistik nur insoweit zu tun, als diese Einfluß auf die innere oder äußere sprachliche Form üben. Die Stilistik stellt ferner nur die Regeln des objektiven Stiles dar; denn es ist nicht ihre Aufgabe, von dem Stil eines bestimmten Schriftstellers oder eines Zeitalters oder eines Volkes zu reden, sondern sie behandelt die allgemeinen Gesetze des Stiles, die für die Schriftsteller aller Zeiten und Völker Geltung haben. Die deutsche Stilistik berücksichtigt dabei zugleich die Eigenart der deutschen Sprache und des deutschen Volkes.
Anmerkung. Eine klare Bestimmung der Begriffe Rhetorik und Stilistik gab zuerst Wilhelm Wackernagel in seinen Vorlesungen über Poetik, Rhetorik und Stilistik, herausgeg. v. Ludw. Sieber, Halle 1873; eine selbständige, streng wissenschaftliche Behandlung der deutschen Stilistik, losgelöst von der Rhetorik der Alten, hat zuerst Karl Ferdinand Becker in seinem Buche: Der deutsche Stil (neu bearb. v. O. Lyon, Prag und Leipzig 1883) angebahnt. Sehr anregend ist die „Deutsche Stilistik“ von Richard M. Meyer, München 1906.
3. Einteilung der Stilistik.
Die Stilistik zerfällt in die allgemeine und in die besondere. Die allgemeine Stilistik handelt von den Eigenschaften des guten Stiles überhaupt, von den Mitteln zur lebendigeren Gestaltung der Rede, von dem stilgerechten Bau und der wohllautenden Gliederung des einfachen und zusammengesetzten Satzes. In der besonderen Stilistik dagegen kommen die Arten des Stiles und die Mittel zur Ausbildung desselben zur Darstellung.
4. Schriftsprache und gesprochene Rede.
Man bezieht das Wort Stil gewöhnlich nur auf die Darstellung der Gedanken in der Schriftsprache. Diese Auffassung ist aber einseitig und irrtümlich. Dieselben Gesetze vielmehr, die für die Schriftsprache gelten, liegen auch der mündlichen Rede zugrunde. Zwar fordert die Schriftsprache, weil sie die Gedanken nicht bloß für den Augenblick und für einzelne Personen darstellt, und weil sie nicht durch die Betonung und das lebendige Gebärdenspiel des Sprechenden unterstützt wird, in der Regel eine größere Sorgfalt, namentlich in bezug auf die Wahl der Worte und die Wortstellung, aber es kann nicht dringend genug darauf hingewiesen werden, daß der mündlichen Rede dieselbe Sorgfalt zuzuwenden ist wie der geschriebenen. Vor allem aber darf die Schriftsprache nicht in der Schärfe von der mündlichen Rede getrennt werden, wie es jetzt leider gewöhnlich geschieht. Gerade die Zeiten der höchsten Blüte unserer Sprache und gerade unsere größten Dichter sahen in der Sprache in erster Linie etwas, das gesprochen wird, und gaben der mündlichen Rede den Vorrang vor der Schriftsprache. Das Zeitalter der Minnesinger, das Zeitalter Luthers, das Zeitalter Schillers und Goethes bieten dafür ausreichende Beweise. Nur immer diejenigen Zeiten, in denen sich unser Sprachleben im Rückgange befand, erhoben die Schriftsprache zur stolzen Herrin und drückten die mündliche Rede zur dienenden Magd herab. Hätten Klopstock, Goethe und Schiller nicht unserer Sprache durch Worte und Wendungen, die sie der lebendigen Sprache ihrer Heimat entnahmen, eine großartige Erweiterung gegeben, so wären vielleicht heute noch die beschränkten Sprach- und Stilregeln Gottscheds und Adelungs geltend.
Anmerkung. Klopstock kämpfte sein ganzes Leben hindurch gegen das bloße stille Lesen mit den Augen. Goethe sagt unter anderem in Dichtung und Wahrheit (II, 10): „Schreiben ist ein Mißbrauch der Sprache, stille für sich lesen ein trauriges Surrogat der Rede.“ An der Adrastea (6, 187) sagt Herder: „Welche Nation hat ihre Sprache wesentlich so verunstalten lassen, als die deutsche? Gehen Sie in die Zeiten der Minnesinger zurück, hören Sie noch jetzt den lebendigen Klang der verschiedenen, zumal west- und südlichen Dialekte Deutschlands, und blicken in unsere Büchersprache. Jene sanften oder raschen An- und Ausklänge der Worte, jene Modulation der Übergänge, die den Sprechenden am stärksten charakterisieren — da wir Deutsche so wenig öffentlich und laut sprechen, sind sie in der Büchersprache verwischt!“ Ganz besonders beherzigenswert ist Herders Schulrede: „Von der Ausbildung der Rede und Sprache in Kindern und Jünglingen.“
[1] Ein Beispiel einer solchen völligen Vermischung ist Schießls System der Stilistik. Straubing 1884. Vergleiche meine Besprechung in Zarnckes Literarischem Zentralblatt 1885.
II. Allgemeine Stilistik.
A. Die Eigenschaften des guten Stiles im allgemeinen.
5. Der oberste Grundsatz des guten Stiles.
Der oberste Grundsatz des guten Stiles, aus dem sich alle übrigen Eigenschaften ergeben, ist die vollkommene Übereinstimmung des Ausdruckes mit der Sache. Sofern eine solche Übereinstimmung in dem Hörer oder Leser volles Wohlgefallen und das Gefühl des Befriedigtseins erweckt, kann man sie auch kurz als die wahre Schönheit der Darstellung bezeichnen. Um diese zu erreichen, muß der Stil folgende Eigenschaften haben: 1. Deutlichkeit, 2. Sprachrichtigkeit, 3. Sprachreinheit, 4. Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes, 5. Angemessenheit, 6. Wohllaut und Neuheit des Ausdruckes, 7. Anschaulichkeit und Lebendigkeit, 8. Natürlichkeit. Je nach der Stilgattung wird natürlich bald die eine, bald die andere Eigenschaft überwiegen; eine belehrende Abhandlung z. B. wird vor allem nach Deutlichkeit und Klarheit, eine fesselnde Schilderung nach Anschaulichkeit und Lebendigkeit zu streben haben usw., aber wenn auch eine Eigenschaft in den Vordergrund tritt, so dürfen deshalb die anderen nicht fehlen.
Anmerkung. Die älteren Stilistiker stellten die Zweckmäßigkeit als das oberste Gesetz des guten Stiles auf. Diesen Irrtum gründlich widerlegt und hoffentlich für immer aus der Wissenschaft des Stiles entfernt zu haben ist das Verdienst Beckers (Der deutsche Stil, 3. Aufl. S. 5 flg. 12 flg. 60 flg.).
6. Deutlichkeit.
Die erste Forderung, die an eine sprachliche Darstellung gestellt werden muß, ist die der Deutlichkeit. Wenn jemand über einen Gegenstand spricht oder schreibt, so muß in der ganzen Darstellung überall zutage treten, daß der Sprechende oder Schreibende den Gegenstand bis ins kleinste mit seinem Verstande beherrscht, und ferner muß die Darstellung so beschaffen sein, daß durch sie auch der Hörende oder Lesende den dargestellten Gegenstand mit seinem Verstande vollkommen zu erfassen vermag. Eine solche Darstellung nennt man deutlich. Die Deutlichkeit verlangt daher, daß der Darstellende den Gegenstand, ehe er über ihn spricht oder schreibt, rein und scharf aufgefaßt, nach allen Seiten hin durchdacht und eine der Wahrheit und Wirklichkeit völlig entsprechende Anschauung über ihn gewonnen habe. „Die größte Deutlichkeit war mir immer die größte Schönheit“, sagt Lessing. Der Deutlichkeit dienen außerdem hauptsächlich die drei folgenden Eigenschaften des guten Stiles: die Sprachrichtigkeit, die Sprachreinheit, die Bestimmtheit und Kürze des Ausdruckes.
7. Sprachrichtigkeit.
Die Sprachrichtigkeit oder Korrektheit besteht darin, daß die Darstellung nicht gegen die Gesetze der Wortbildung und Wortbiegung, sowie der Satzbildung und Satzfügung verstößt. Diese Gesetze stellt die Grammatik dar, und man kann daher kurz sagen: die Sprachrichtigkeit beruht auf der sorgfältigen Befolgung der grammatischen Regeln.
Anmerkung. Einen Verstoß gegen die Sprachrichtigkeit nannten die Alten Solözismus (von Soli, einer Stadt in Cilicien, deren Bewohner ein sehr fehlerhaftes Griechisch sprachen), einen Verstoß gegen die Sprachreinheit dagegen Barbarismus.
8. Sprachreinheit.
Die Sprachreinheit bezieht sich auf die Wahl der Worte. Sie fordert, daß der Schreibende nur solche Worte und Redewendungen gebrauche, die der deutschen Sprache eigentümlich, seinem Zeitalter nicht unverständlich und in den gebildeten Kreisen unseres Volkes üblich sind. Gegen die Reinheit des Ausdruckes verstößt daher derjenige, der in seine Darstellung a) Fremdwörter und fremde Redewendungen, b) veraltete Wörter (den Gebrauch solcher Wörter nennt man Archaismus), c) landschaftliche Ausdrücke (die Verwendung derselben in der Schriftsprache heißt Provinzialismus), d) willkürliche und dem Geiste unserer Sprache widerstrebende Neubildungen (Neologismen) einmischt.
a) Fremdwörter und fremde Redewendungen. Die Forderung, die Fremdwörter zu meiden, ist nicht so zu verstehen, als ob alle Fremdwörter ohne Ausnahme aus Rede und Schrift verbannt werden müßten, vielmehr ist hier mit großer Sorgfalt zu scheiden zwischen entbehrlichen und unentbehrlichen Fremdwörtern. Im allgemeinen läßt sich als Regel feststellen, daß Fremdwörter niemals da gebraucht werden dürfen, wo uns ein gleichbedeutendes und schön gebildetes deutsches Wort als Ersatz zu Gebote steht. Vor allem muß man zunächst scheiden zwischen Fremdwörtern und Lehnwörtern. Unter Lehnwörtern versteht man solche Wörter, die bereits in einer früheren Periode in unsere deutsche Sprache aufgenommen worden sind und völlig deutsche Form angenommen haben, z. B. Anker (lat. ancora), Brief (lat. breve), predigen (lat. praedicare), Pforte (lat. porta), Regel (lat. regula), Schule (lat. schola), Spiegel (lat. speculum), Tafel (lat. tabula), Ziegel (lat. tegula) u. a. Diese Wörter werden von uns gar nicht mehr als Fremdwörter empfunden, und es wäre lächerlich, auch diese durch rein deutsche Ausdrücke wiedergeben zu wollen, wie es Philipp von Zesen u. a. getan haben, die Person durch Selbstand, Fenster durch Tageleuchter, ja sogar das Wort Nase, das gar kein Lehnwort, sondern wie andere Benennungen von Teilen des Körpers, z. B. Herz, Fuß, Ohr, Zahn, urverwandt mit der griech.-lat. Bezeichnung ist, durch Löschhorn usw. übersetzten. Aber auch von den eigentlichen Fremdwörtern, d. h. von denjenigen, die wir wirklich als solche empfinden, erweisen sich viele als unentbehrlich, und wer diese durch selbstgemachte Verdeutschungen ersetzen wollte, der würde in Gefahr kommen, seinen Hörern und Lesern unverständlich zu werden. Die meisten dieser Wörter sind technische Ausdrücke der Wissenschaften und Künste. Neben diesen unentbehrlichen Fremdwörtern ist aber leider in unsere deutsche Sprache eine ganz außerordentlich große Zahl völlig entbehrlicher Fremdwörter eingedrungen, und diese sind es, welche die Reinheit und Schönheit unserer Sprache so schwer schädigen. Mit größter Strenge fordert die Reinheit des Ausdruckes, daß diese Fremdwörter, für die genau zutreffende, oft weit bessere einheimische Ausdrücke sich darbieten, in allen Stilgattungen vermieden werden, und der Gebrauch eines solchen Fremdwortes sollte billig als ein ebenso arger Verstoß gegen den guten Stil gelten wie der Gebrauch eines falschen Kasus oder einer falschen Verbalform. Denn die lexikalische Seite unserer Sprache verlangt dieselbe Berücksichtigung wie die grammatische Seite. Meist leidet durch die Fremdwörter auch der Wohlklang der Rede, die vielen Wörter auf -tät und -ieren z. B. sind fast ausnahmslos unschön, und ihr Klang beleidigt das Ohr (z. B. Authentizität, Reziprozität, Kredulität, Probabilität, Monstrosität, Intelligibilität, Idealität, Souveränität, Spezialität, identifizieren, rehabilitieren, inventarisieren, rekonstruieren, spezifizieren, spezialisieren, stigmatisieren, sympathisieren, usw.). Das deutsche Wort hat gewöhnlich edleren und höheren Klang als das Fremdwort, man vergleiche z. B. Mut und Courage, Unglück und Malheur, Gnade und Pardon, Vergnügen und Pläsier, edle Leidenschaften und noble Passionen, dunkel und obskur, Geschenk und Präsent, unsicher und prekär, gewinnen und profitieren usw. Durch die Einmischung von Fremdwörtern wird daher der Ausdruck leicht unedel und niedrig.
Gute Verdeutschungen sind: Beförderung (Avancement), Widerstreit (Antagonismus), Dienstalter (Anciennität), Ruhegehalt (Pension), Verwaltung (Administration), Anzeige (Annonce), Zerrbild (Karikatur), Versteigerung (Auktion), Einleitung (Exordium), Feldzug (Kampagne), Mehrheit (Majorität), Minderheit (Minorität), Antrieb (Impuls), Naturtrieb (Instinkt), Eilbote (Kurier), Zeitungsschriftsteller (Journalist), Streitschrift (Pamphlet), Duldsamkeit (Toleranz), Spaziergang (Promenade), Reifeprüfung (Maturitätsexamen), folgetreu (konsequent), zuständig (kompetent), rechtmäßig (legitim), amtlich (offiziell), lautlich (phonetisch), geeignet (qualifiziert), reißend schnell (rapid), festsetzen (stipulieren), Vertauschung (quid pro quo) u. v. a.[2]
Ebenso wie die Fremdwörter sind fremde, aus anderen Sprachen herübergenommene Wendungen und undeutsche Übertragungen fremder Ausdrücke zu meiden. Durch solche undeutsche Wendungen wird die Reinheit des Stiles in hohem Grade verletzt. Die meisten derselben entstammen der französischen (Gallizismen) und der lateinischen Sprache (Latinismen). Ein Gallizismus ist z. B. die Wendung: „gegenüber von dieser Meinung“ (vis-à-vis de...) statt: „dieser Meinung gegenüber“; ferner der Gebrauch des hinweisenden Fürworts jener statt des dem Französischen fehlenden der in Sätzen wie: „Die kühne Tat des Horatius Cocles und jene (celle, statt: die) des Mucius Scävola“ usw. Man sagt deutsch: „Ich bin mit etwas zufrieden, mit etwas beschäftigt“ u. ähnl. Falsch ist es daher, mit Anlehnung an das Französische zu sagen: „Ich bin von etwas zufrieden (content de), von etwas beschäftigt (occupé de)“ usw., was sich bei einigen Schriftstellern findet. Man kann im Deutschen fühlen nicht mit dem bloßen Dativ verbinden, sondern bedient sich zur Anknüpfung der Präposition in, z. B.: Ich fühle Kraft in mir (nicht: Ich fühle mir Kraft, wie Schiller und Goethe einigemal geschrieben haben). Die Wendungen: sich durchdringen (statt: durchdrungen sein), sich verkaufen (statt: verkauft werden) u. ähnl. sind Gallizismen, z. B. Das Volk durchdringt sich (se pénètre, statt: ist durchdrungen) von Begeisterung für seine große, weltgeschichtliche Aufgabe; die Ware verkaufte sich zu sehr billigen Preisen (deutsch: wurde verkauft). Ausdrücke wie: „Er geht, seine Arbeit zu beginnen“; „jemand auf dem laufenden halten (tenir au courant des affaires), auf dem laufenden bleiben“; „die Freunde, es ist wahr, haben mich betrogen“; „in diesem Lande ist es, wo die Freiheit wohnt“; „es brauchte diesen tränenvollen Krieg“ (Schiller, statt: es bedurfte dieses Krieges); „unter die Nase lachen“ (Schiller, statt: jemand ins Gesicht lachen) u. a. verraten sofort ihren französischen Ursprung.[3] — Lateinisch sind Wendungen wie: Cäsar, als er usw., Hannibal, nachdem er usw. (deutsch: Als Cäsar usw. Nachdem Hannibal usw.); ich scheine mir (deutsch: ich glaube). Das lateinische qualis nach talis, quantus nach tantus ist im Deutschen durch „wie“ wiederzugeben. Wendungen wie: „Die Schlacht, als welche es keine berühmtere gibt“ sind im Deutschen durchaus zu meiden; wir sagen: „Das ist die berühmteste Schlacht, die jemals geliefert worden ist.“ Ganz besonders stammt aus dem Lateinischen die Unsitte der Häufung von partizipialen Wendungen und der Einschachtelung von Nebensätzen (s. hierüber die Stilistik des zusammengesetzten Satzes).
b) Veraltete Wörter. Altertümliche Ausdrücke wie: kreucht, zeucht, zween, zwo, sintemal, alldieweil, dieweil, maßen, jetzo, itzt, gelahrt, dermaleins, dahero, hinfüro, von wegen, derselbige, männiglich, spützen, Stümmel (statt: Stummel), das Trumm (statt: Stück, Trümmer), Gelück, gelücken, bestahn, empfahen, ein Gebot übergehen (statt: übertreten), der Übergeher, beiten (für verweilen) u. a. geben dem Stil etwas Gespreiztes und Unnatürliches und sind zu meiden. Doch sind auch hier Ausnahmen zulässig. Die Erforschung des Alt- und Mittelhochdeutschen hat gezeigt, daß mancher schöne Ausdruck, den die ältere Sprache kannte, verloren gegangen ist. Solche Ausdrücke wieder zu beleben und in unsere Schriftsprache einzuführen, ist nicht nur zulässig, sondern sogar wünschenswert, ja Ludwig Uhland hat das sogar als eine notwendige Forderung für die weitere Entwickelung unserer Sprache hingestellt. Dieser Dichter hat auch mit großem Glück zahlreiche alte Ausdrücke und Wendungen unserer Sprache zurückerobert, ebenso wie das Jakob Grimm, Gustav Freytag und Viktor Scheffel getan haben.
c) Landschaftliche Ausdrücke. Unter landschaftlichen Ausdrücken versteht man solche, die nur gewissen Mundarten angehören und dem allgemeinen Sprachgebrauche fremd sind. Sie stören nicht nur die Verständlichkeit einer sprachlichen Darstellung, sondern klingen oft auch unedel und niedrig; zuweilen verstoßen sie auch gegen die Sprachrichtigkeit. Solche tadelnswerte landschaftliche Wörter und Wendungen sind z. B. zuverläßlich (statt: zuverlässig), so ein (statt: ein solcher), gemeinnützlich (statt: gemeinnützig), verzählen (statt: erzählen), zu Hause gehen (statt: nach Hause), Verkältung (statt: Erkältung), ich habe daran oder darauf vergessen (statt: ich habe es vergessen), sich mit einem etwas erzählen (statt: unterhalten), Hanke (statt: Hüfte), losgehen (statt: anfangen), ferten (statt: voriges Jahr; fränkisch), mitmachen, mittun (statt: teilnehmen), irritieren in der falschen Anwendung als: irre machen (z. B. er ließ sich durch die falsche Meldung nicht irritieren; irritieren heißt vielmehr: erregen, reizen), nach Berlin machen oder werden (statt: reisen) usw. — Große Dichter und Schriftsteller haben jedoch oft mit großem Glück landschaftliche Ausdrücke verwendet und dadurch unsere Schriftsprache dauernd bereichert. Wir gebrauchen jetzt z. B. die Wörter: düster, dröhnen, dreist, staunen, entsprechen (für: gemäß sein, z. B. der Titel des Buches entspricht dem Inhalte) u. a. im edelsten Stile, und doch sind diese Wörter erst aus verschiedenen Mundarten in die Schriftsprache vorgedrungen und wurden früher als unzulässige Provinzialismen getadelt.[4] So wurden durch Goethe und Schiller namentlich unserer Schriftsprache zahlreiche oberdeutsche Ausdrücke zugeführt, während andere Schriftsteller wieder niederdeutsche Wendungen zur Geltung brachten. Doch nur vollendete Meister der Sprache vermögen auf solche Art unsere Schriftsprache zu bereichern. Das Gesagte soll nur zeigen, wie fortwährend unsere Schriftsprache aus der lebendigen Sprache der Mundarten sich erneuert und so vor Erstarrung bewahrt. Man blicke deshalb nicht mit Verachtung auf die Mundarten herab und beherzige die Worte Schleichers: „Die Mundarten sind die natürlichen, nach den Gesetzen der sprachgeschichtlichen Veränderungen gewordenen Formen im Gegensatze zu der mehr oder minder gemachten und zugestutzten Sprache der Schrift.“ (Die deutsche Sprache, S. 111.)
d) Fehlerhafte Neubildungen. Ebenso wie man den Gebrauch veralteter Wörter zu meiden hat, muß man sich auch hüten, neue Wörter zu bilden und zu verwenden, die entweder mit den Gesetzen der Sprache in Widerspruch stehen oder gegen den Wohlklang verstoßen. Selbstverständlich bedarf eine Sprache, die nicht der Erstarrung anheimfallen will, immer eines frischen Nachwuchses neuer Ausdrücke; aber diese neuen Wörter, durch welche die Sprache wirklich bereichert wird, können nicht willkürlich gemacht werden, sondern sie wachsen mit Naturnotwendigkeit aus den gesunden Keimen der Sprache heraus. In glücklichen Stunden finden schöpferische Geister solche Ausdrücke, und diese Neubildungen erweisen sich schon dadurch als gesund, daß sie dauernd in den Wortschatz der Sprache übergehen. Solche Neubildungen sind natürlich keine Neologismen. Klopstock, Lessing, Wieland, Goethe, Schiller und Rückert haben unserer Sprache viele neue Wörter zugeführt. Im Simplicissimus findet sich zum erstenmal das Wort „unaussprechlich“, das aber erst durch Klopstock eine dauernde Stellung in unserer Sprache erhalten hat. Urbild für Original tadelt schon Gottsched (Beyträge II, 244) im Jahre 1733, doch wird das Wort später von Lessing für Ideal verwendet. Das Wort „empfindsam“ findet sich zum erstenmal im Jahre 1768 bei Bode, dem Übersetzer von Yorick’s sentimental journey (empfindsamer Reise) von Lorenz Sterne, der es auf Lessings Rat hin anwendet. Lessing gebraucht zuerst Zartgefühl für Delikatesse, Goethe Zweigesang für Duett, ausgesprochen für prononciert, Haller Sternwarte für Observatorium usw. Simon Dach führte das Wort furchtlos in unsere Sprache ein, das noch Gottsched hart tadelte. Das Wort Sommerfrische stammt erst von Ludwig Steub; früher schrieb man dafür Villeggiatur. Adelung verwarf die Worte Sterblichkeit (für Mortalität)[5], Gemeinplatz (für locus communis)[6], die Entwickelung der Sprache hat ihm unrecht gegeben. Im 16. Jahrhundert haben namentlich Luther und Fischart die Sprache mit neuen Worten bereichert.
Fehlerhaft sind dagegen viele Neubildungen der Puristen, z. B. Zeitblick für Minute, Obstinne für Pomona, Kluginne für Pallas, Reimband für Vers, Geschichtdichtung für Roman u. v. a., und die Sprache hat diese rasch wieder ausgeschieden oder gar nicht aufgenommen. Tadelnswert sind namentlich auch zahlreiche Zusammensetzungen, die ohne Rücksicht auf Wohlklang und ohne Beachtung der Sprachgesetze gebildet werden, z. B. Vorwärtsmarsch (statt: Vormarsch), Rückwärtsmarsch, Beeinflußbarkeit, Außerachtlassung, Ansichreißung, Nichtbeleidiger, Helligkeitszunahme, Geltendmachung, das Nichtzustandekommen des Planes, Anbringung, Offenlassung, das Vonsichwerfen, Verächtlichmachung, Graunjammerüberwältigung (Voß), Vorzeitsfamilienmordgemälde (Platen), Feindesburgenkampferstürmer (Rückert) u. v. a. Solche und ähnliche Bildungen sind zu meiden. Schlechte Neubildungen sind auch die von Adverbien gebildeten Adjektive: hinterherig, dasig, immerfortig, schlechthinnig (Schleiermacher), jederzeitig, allerortig, solchergestaltig, letzthinnig u. a.
9. Bestimmtheit und Kürze des Ausdrucks.
a) Die Bestimmtheit des Ausdrucks besteht darin, daß durch das Wort oder den Satz scharf und genau der Begriff oder Gedanke wiedergegeben wird, der dargestellt werden soll. Die Unbestimmtheit in der Rede entspringt gewöhnlich aus dem Mangel an Klarheit und Schärfe des Denkens. Das Wort muß den Begriff genau nach Inhalt und Umfang zum Ausdrucke bringen; so darf man da, wo es auf genauen Wortsinn ankommt, nicht sagen: Gegner statt Feind, Obst statt Äpfel, Totschlag statt Mord, ganz statt alle, manche statt viele, Laub statt Blatt, Tugend statt Nächstenliebe, mäßigen statt bändigen, matt statt müde, Kälte statt Frost usw. Auch hüte man sich vor überflüssigen Zusätzen, wie gleichsam, gewissermaßen, mögen, können, dürfen, sollen u. ähnl., durch welche die Rede oft unerträglich breit wird. Namentlich fordert die Bestimmtheit, daß man alle Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit in der Rede meide, und daß man die sinnverwandten Wörter sorgfältig in Bedeutung und Gebrauch voneinander unterscheide.
Die Zweideutigkeit oder Vieldeutigkeit des Ausdrucks (griech. Amphibolie, lat. ambiguitas genannt) besteht darin, daß Wörter, die verschiedene Bedeutungen oder Beziehungen haben können, angewendet werden, ohne daß der Zusammenhang klar ergibt, welche Bedeutung oder Beziehung in dem betreffenden Falle gemeint sei. Die Präposition von kann z. B. bald den Urheber oder die Ursache (lat. a), bald die Person oder Sache, über welche gesprochen oder geschrieben wird (lat. de), bald ein partitives Verhältnis bezeichnen (z. B. einer von uns). Zweideutig sind daher Wendungen wie: „Wir ließen uns seltsame Dinge von ihm erzählen“ (a oder de?), „Ich habe mancherlei von ihm erfahren“; „von den Soldaten wurde einer getötet“ (a oder ex?). Verfolgen heißt entweder: eifrig nachstreben oder feindlich nachstellen; man sagt daher zweideutig: „Er verfolgt die Politik seines Vorgängers.“ Übersehen kann bedeuten: beherrschen oder vernachlässigen; daher ist folgender Satz zweideutig: „Der Geschäftsführer übersah mehr, als man glaubte.“ — Mehrdeutigkeiten in der Beziehung stellen sich namentlich leicht beim Gebrauch der Pronomina ein, z. B. „Der Wirt ist mit dem Nachbar und seinem Sohne fortgegangen“ (mit dem Sohne des Wirtes oder des Nachbars?). Die Zweideutigkeit in diesem Satze kann entweder durch Veränderung der Wortstellung oder durch Einführung von „dessen“ statt „seinem“ gehoben werden. Oft läßt sich eine Zweideutigkeit durch Anwendung des Pronomens derselbe (oder dieser) vermeiden. Wenn ich sage: „Der Fremde wohnte lange bei diesem Seelsorger; er hat ihm das Leben gerettet“, so bleibt unklar, wer der Retter und wer der Gerettete ist. Der Satz ist jedoch sofort völlig klar, wenn ich sage: „derselbe (oder dieser) hat ihm das Leben gerettet“ oder: „er hat demselben (oder diesem) das Leben gerettet.“ Im ersten Falle ist der Lebensretter der Seelsorger, im zweiten Falle der Fremde. Man merke über den Gebrauch des Pronomens derselbe hier die Regel: Wenn das Pronomen derselbe auf verschiedene Substantive bezogen werden kann, so ist es niemals auf das Subjekt, sondern immer auf ein anderes Satzglied zu beziehen. Demnach unterscheide man: „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen; derselbe soll mit ihm in die Stadt gehen“ und „Mein Bruder ist zu meinem Freunde gegangen, er soll mit demselben in die Stadt gehen.“ Undeutlich sind auch die Beziehungen in Sätzen wie: „Als Politiker zolle ich ihm volle Anerkennung“, „Der Verlust des Freundes schmerzt uns“, „Die Unterstützung der Mutter kam zu spät“ usw.
Sinnverwandte Wörter richtig zu gebrauchen, erfordert große Aufmerksamkeit, da die Unterschiede oft sehr fein sind. Wörter wie klug und weise, Freude, Vergnügen, Wonne und Lust, entdecken, enthüllen und entlarven, anstellig, geschickt und fähig, klettern und klimmen, verachten und verschmähen u. v. a. dürfen nicht miteinander verwechselt oder vertauscht werden. Ein feines Sprachgefühl wird durch solche Verwechselungen sehr verletzt. Durch gründliches Studium der Synonymik der Wörter und Wortformen wird diesem Stilfehler am besten vorgebeugt.[7]
b) Die Kürze des Ausdrucks besteht darin, daß zur sprachlichen Darstellung eines Gedankens nicht mehr Worte verwendet werden, als nötig sind, um diesen deutlich und wohlgefällig wiederzugeben. Jedes überflüssige Wort verletzt den gebildeten Geschmack. Als überflüssig ist alles anzusehen, was weder den darzustellenden Gedanken verständlicher macht, noch den besonderen Zweck der Darstellung fördert. Weitschweifigkeit und Breite des Stiles ist ein Fehler, in den namentlich die Jugend leicht verfällt. Man vermeide besonders die Tautologie und den Pleonasmus.
Die Tautologie (d. i. die Wortnämlichkeit) besteht darin, daß derselbe Begriff durch zwei gleichbedeutende Ausdrücke bezeichnet wird. Solche überflüssige Wiederholungen des Gesagten sind z. B. Er mußte notwendig verreisen; sie haben einander gegenseitig beleidigt; mein Buch, das ich mir gekauft habe; er stammelte lallend; ich bin nicht imstande, kommen zu können; er erlaubte, daß ich teilnehmen dürfte; er befahl, daß ich gehen sollte; daß du natürlich willkommen bist, versteht sich von selbst; er bezieht ein Jahrgehalt von jährlich 3000 Mark; er ist bereits schon abgereist; er ist nicht nur allein eitel, sondern auch anmaßend; er konnte nur bloß raten, aber nicht helfen; die Todesnachricht von dem Hinscheiden meines Freundes; die Lage in der Nähe des Kanals und der unfernen Eisenbahn; er wünscht, daß du heute nicht kommen mögest; das kann nicht möglich sein; die Veröffentlichung eines Gesetzes publizieren; Unantastbarkeit der Integrität der Türkei; etwas ostentativ zur Schau tragen usw. Hierher gehören auch Zusammensetzungen und Zusammenstellungen wie: Schiffsflotte, Hieranwesenheit, Examenprüfungen, Stadtpfarrprediger, Grundprinzip, Guerillakrieg (spanisch guerra = Krieg, guerilla = kleiner Krieg), vokaler Gesang, größere Majorität, mögliche Eventualität, falsche Illusion u. v. ähnl. Auch die Anhäufung von Synonymen verstößt gegen die Kürze des Ausdrucks, z. B. Er ist ein wahrer, echter und aufrichtiger Freund, der mir lieb, wert und teuer ist.
Der Pleonasmus (d. i. Wortüberfluß) ist der Tautologie eng verwandt. Er besteht darin, daß die Rede mit überflüssigen Beiwörtern überfüllt wird, oder daß Begriffe, die schon bezeichnet sind oder aus dem Zusammenhange der Rede sich ergeben, noch einmal ausgedrückt werden, z. B. ein armer Bettler, ein alter Greis, nasser Regen; er fuhr weiter fort zu reden; er hat das noch einmal wiederholt. Das Glück wollte, daß das Feuer wegen eines anhaltenden Regens, der vom Himmel fiel, nicht um sich griff (H. v. Kleist). Keine Spur verriet, daß hier jemals ein menschliches Wesen gehaust, daß dieser Boden jemals von einem menschlichen Wesen betreten worden war. Infolge eines stattgefundenen Zwistes verließ er seinen Freund usw.
Die Tautologie und der Pleonasmus sind namentlich störend in dem verstandesmäßigen Stile der Prosa, in Abhandlungen und wissenschaftlichen Darstellungen. Der rednerische und poetische Stil dagegen lassen recht wohl eine gewisse Wortfülle zu, doch sind auch hier alle müßigen Beiwörter und unnötigen Umschreibungen aufs strengste zu meiden; nur dann ist die Wortfülle berechtigt, wenn durch sie ein Begriff in lebendiger Weise veranschaulicht oder dem Gemüte näher gebracht und so die Schönheit der Darstellung gefördert wird. Namentlich gebraucht unsere ältere Sprache zahlreiche tautologische Formeln, die noch heute üblich und wohlberechtigt sind, z. B. Grund und Boden, Schimpf und Schande, Art und Weise, Rast und Ruh, Schutz und Schirm, Saus und Braus, Fug und Recht, Sang und Klang, hinter Schloß und Riegel, in Ketten und Banden, hoffen und harren, schalten und walten, weit und breit, still und stumm u. v. a.
Es sind jedoch nicht nur die Tautologien und Pleonasmen zu vermeiden, auch sonst ist mit Sorgfalt jedes unnötige Wort auszuscheiden. In dem Satze: „Er teilt mir mit, daß er gestern abgereist ist und heute in Berlin angekommen ist“ muß das Wort ist das erstemal weggelassen werden. Statt: „ohne Lust und ohne Ausdauer“ ist zu sagen: „ohne Lust und Ausdauer“; statt: „die Griechen, die Römer und die Phönizier“ heißt es besser: „die Griechen, Römer und Phönizier“ usw. Unerträglich weitschweifig sind Wendungen wie: „Wenn wir die letzten Dichtungen Goethes einer Betrachtung unterwerfen, so werden wir finden, daß sie vielfach den Jugendgedanken Schillers sich nähern.“ „Gehen wir nun zum zweiten Teile unserer Betrachtung über, so sehen wir usw.“ „Es dauerte nicht lange, so usw.“ „Die Germanen kämpften natürlich sehr tapfer und hätten jedenfalls gesiegt, wenn ihnen nicht das Heer des Germanicus an Zahl so sehr überlegen gewesen wäre.“ Man beherzige immer Grimms Worte: „Die Sprache ist ihrem innersten Wesen nach haushältig und zieht, was sie mit geringen Mitteln erreichen kann, jederzeit größerem Aufwande vor.“ Namentlich sage man nicht alles, was man über einen Gegenstand sagen könnte; man sei nicht schwach gegen Lieblingsgedanken und Lieblingswendungen, sondern man scheide sie unbarmherzig aus, wenn die Einheit und Schönheit der Darstellung es fordert. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“ sagt Goethe, und ähnlich Schiller: „Was er weise verschweigt, zeigt mir den Meister des Stils.“
10. Angemessenheit.
Die Angemessenheit fordert, daß die Stilart, der sprachliche Ausdruck, die ganze Haltung der Darstellung der Art der Gedanken und dem Zwecke der Darstellung genau entspreche. Erhabene und edle Gedanken dürfen nicht durch unedle und niedrige Worte entweiht werden, für eine Abhandlung oder einen einfachen Bericht darf nicht der leidenschaftliche Stil des Gefühls gewählt werden; während im rednerischen und poetischen Stile Bilder und Redefiguren von guter Wirkung sind, stören sie im Geschäftsstil und sind auch im didaktischen Stile möglichst zu meiden. Der Angemessenheit widerspricht es namentlich, wenn unbedeutende Gedanken mit einem großen Aufwande von Worten dargestellt werden; der Sprechende oder Schreibende gerät dadurch in leeres Phrasengeklingel, das einen widerlichen Eindruck macht, oder seine Darstellung wird schwülstig. Ein Schwall von prächtigen Wörtern, ein übertriebener Aufwand von Bildern und Figuren hat noch nie einen unbedeutenden Gedanken zu einem bedeutenden gemacht. Der Meister in der Wahl des genau entsprechenden Ausdruckes ist Goethe, und das Studium seiner Werke kann jedem, der im Ausdrucke das Rechte treffen will, nicht dringend genug empfohlen werden.
Die Forderung, unedle und niedrige Ausdrücke zu meiden, schließt man gewöhnlich in die Bezeichnung: Würde des Stiles ein. Unedel und niedrig nennt man namentlich solche Ausdrücke, die nur in den untersten Schichten des Volkes üblich sind, z. B. beschnüffeln, verrecken, herunterschmeißen, in ein Hundeloch kriechen u. a. Solche Wörter sind im guten Stile nicht anzuwenden. So sehr man sich aber auch vor plebejischer Derbheit hüten soll, so ist doch umgekehrt die allzu große Scheu vor Ausdrücken der Volkssprache nicht minder tadelnswert; denn diese führt leicht zu einem affektierten oder gezierten Stile. Mit großer Meisterschaft hat Goethe Ausdrücke der Volkssprache in seinen Dichtungen verwendet und gerade dadurch seiner Sprache volkstümliche Kraft und lebendige Anschaulichkeit gegeben, z. B. „Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag..., in jeden Quark begräbt er seine Nase“ (Faust). „Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert, der Ameishauf durcheinander kollert“ (Hans Sachsens poetische Sendung) usw.
11. Wohllaut und Neuheit des Ausdrucks.
a) Der Wohllaut[8] beruht auf der rechten Mischung der Vokale und Konsonanten, sowie auf dem Tonverhältnisse, der Wahl und Anordnung der Worte und Sätze. Helle und dunkle, volle und weniger volle Vokale und ebenso harte und weiche Konsonanten, Lippen-, Zungen- und Gaumenlaute müssen einander ablösen, und derselbe Laut darf nicht zu oft in unmittelbarer Folge auftreten. Unangenehm klingt z. B. die Wiederholung des ie in folgendem Satze: „Das Lied gebiert ein neues Lied, das lieblich durch die Lüfte zieht“, oder die des ei und n in dem Satze: „eine einer seiner Kreaturen zugefügte Beleidigung.“ Hinsichtlich der Anordnung der Worte fordert der Wohllaut, daß Form- und Begriffswörter, betonte und unbetonte, ein- und mehrsilbige, einfache und zusammengesetzte Wörter wechseln. Gegen den Wohllaut verstoßen Sätze wie die folgenden: „Manche Menschen möchten ihren Freunden täglich lange Briefe schreiben“ (lauter zweisilbige Wörter). „Denn wo das Unglück wählt, wählt’s nicht den schlechtsten Mann.“ (Rückert.) „Wer ist so schön, so klug, so treu, so fromm wie du?“ (Gellert.) Die unmittelbare oder zu häufige Wiederholung desselben Wortes ist zu meiden; unschön klingt z. B. der Satz: „Hinter mir stehen Tausende, bereit mir zu folgen, die auf meinen Wink selbst in den Tod zu gehen bereit sind.“ Wenn mehrere Sätze zusammentreten, verlangt der Wohllaut gleichfalls, daß in Bau, Tonverhältnis und Stellung eintönige Gleichmäßigkeit vermieden werde (s. hierüber: Rhythmus des Satzes). — Besondere Mittel zur Hebung des Wohllautes, von denen aber nur ein mäßiger Gebrauch gemacht werden darf, wenn nicht das Gegenteil erzielt werden soll, sind die Alliteration und der Reim. Die Alliteration besteht darin, daß mehrere bedeutsame Wörter gleichen Anlaut haben, z. B.: „Roland der Ries, am Rathaus zu Bremen steht er ein Steinbild standhaft und wacht.“ In der Prosa erscheint die Alliteration namentlich in alten zweigliedrigen Redeformeln, z. B. Glück und Glas, Licht und Luft, Schirm und Schutz, Wort und Weise, Roß und Reiter, still und stumm, gäng und gäbe, ganz und gar, kurz und klein, hoffen und harren, zittern und zagen usw. Beim Reime dagegen sind die Anfangslaute verschieden, aber Mitte und Ende der Worte sind gleich, z. B. Pracht: Macht. Der Reim kann in der Prosa auch nur in bestimmten Redeformeln Verwendung finden, z. B. Gut und Blut, Weg und Steg, Schritt und Tritt, Stein und Bein (d. i. Totes und Lebendes), weit und breit, schalten und walten usw.
b) Die Neuheit des Ausdrucks besteht, abgesehen von der Neubildung der Wörter (s. hierüber 8, d), hauptsächlich darin, daß verbrauchte Redewendungen, Bilder und Modewörter gemieden werden. Solche Wendungen sind z. B. Anklang finden, aufs Tapet bringen, mit der Zeit fortschreiten, ins Leben treten, von etwas Umgang nehmen (statt: etwas umgehen), voll und ganz u. a. Bilder wie: der Zahn der Zeit, die Milch der frommen Denkungsart, die Rosen der Wangen, die Rosen und Dornen des Lebens, nach eines anderen Pfeife tanzen, der Winter des Lebens u. a. sind völlig verbraucht und wirken daher im edleren Stile nur störend. Unsere Zeit braucht ein Bild oft sehr rasch ab; man prüfe daher jede Wendung und jedes Bild genau, ob sie für eine geschmackvolle Darstellung sich noch eignen, und man suche selbst neue Wendungen und Bilder, die man am besten aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung nimmt, und die sich oft ganz von selbst darbieten. Zuweilen kann man auch abgebrauchten Worten und Wendungen dadurch neues Leben einhauchen, daß man sie auf ihre sinnliche Grundbedeutung zurückführt. Dadurch erscheinen sie oft in einem überraschend neuen Lichte, wie z. B. das Wort Nimbus bei Goethe, wenn er sagt: „Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, weil bei einer näheren Bekanntschaft mit dem Herrn der Nimbus von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte Ferne um sie herum lügt, und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt.“ Er verdeutlicht hier den Begriff Nimbus (d. i. eigentlich: Lichthof um den Kopf eines Heiligen) dadurch, daß er ihn dem Lichthof einer Laterne vergleicht.
In dem Streben nach Neuheit gehe man aber nicht zu weit; viele unserer neueren Schriftsteller überschreiten hier das rechte Maß, und ihr Stil wird dadurch unnatürlich und ungesund.
12. Anschaulichkeit und Lebendigkeit.
Die Anschaulichkeit besteht darin, daß die Begriffe und Gedanken in sinnlicher Faßlichkeit dargestellt werden. Um diese Sinnlichkeit des Ausdrucks zu erreichen, bedient man sich folgender Mittel:
a) Man wählt Worte, die noch nicht allzu abgeschliffen und verbraucht sind, sondern deren sinnliche Grundbedeutung noch von allen gefühlt wird (vgl. 11, b). Die Konkreta haben mehr sinnliche Anschaulichkeit als die Abstrakta, namentlich der poetische Stil gibt daher den ersteren den Vorzug. So ist das Wort Zügel anschaulicher als Zug und Zucht; Band anschaulicher als Bündnis usw. Ebenso ist der einfache Ausdruck sinnlich kräftiger als Ableitungen und Zusammensetzungen. Wörter wie ziehen, Zucht, Zug, Band, binden, Lust, Feind, Freund, Flucht, Schlaf usw. sind anschaulicher als: erziehen, züchtig, vorzüglich, unverzüglich, bändigen, ungebändigt, verbindlich, belustigen, feindlich, anfeinden, freundlich, befreunden, Flüchtigkeit, Schläfrigkeit usw. In den folgenden Versen von Haller ist daher die Wahl der Worte wegen des Mangels an sinnlicher Anschaulichkeit zu tadeln: „Der langen Einsamkeit gibt alles Überdruß.“ „Ihr allzustarker Trieb nach der Vollkommenheit ward endlich zum Gefühl der eignen Würdigkeit.“ — Besonders wird aber die Darstellung dadurch anschaulich, daß man statt ganz allgemeiner Bezeichnungen, wie: sein, sich befinden, werden, geschehen u. a., bestimmtere Ausdrücke wählt, welche die Art des Seins, Sichbefindens, Werdens, Geschehens usw. genauer angeben. Statt: „Der Vogel ist auf dem Baume“ sage ich anschaulicher: „Er sitzt auf dem Baume“; statt: „Das Pferd befindet sich in dem Stalle“ heißt es besser: „Das Pferd steht im Stalle“ usw. Solche Beispiele anschaulicher Darstellung sind: „Ich singe, wie der Vogel singt, der in den Zweigen wohnet.“ Goethe. — „Dort wo der Gießbach vom Gebirg heruntertanzt mit hellem Ton, durch grüner Dämmerung Bezirk schweift wandelnd just des Waldes Sohn.“ Otto Roquette. — „Durch der Surennen furchtbares Gebirg, auf weit verbreitet öden Eisesfeldern, wo nur der heisre Lämmergeier krächzt, gelangt’ ich zu der Alpentrift, wo sich aus Uri und vom Engelberg die Hirten anrufend grüßen und gemeinsam weiden, den Durst mir stillend mit der Gletscher Milch, die in den Runsen schäumend niederquillt.“ Schiller. — Selbst sinnlich niedrige Ausdrücke sind durch die Anschaulichkeit, die sie gewähren, im poetischen Stile zuweilen von guter Wirkung. So gebraucht Platen in einem Gedichte, das mit einer Übertragung der Worte Vergils: Exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor schließt, das Wort Knochen statt des Ausdruckes Gebeine: „Aber einst aus meinen Knochen wird ein Rächer auferstehn.“ Vgl. S. 15.
b) Man wendet Wörter an, welche die Naturlaute nachahmen (Onomatopöie oder Schallnachahmung), z. B. sausen, platzen, prasseln, rasseln, rollen, rauschen, heulen, murmeln, plätschern, rieseln, stampfen usw. Bekannt ist der Vers Ovids, in dem er das Quaken der Frösche nachahmt: „Quamvis sint sub aqua, sub aqua maledicere temptant.“ Prächtige Lautmalereien enthalten die folgenden Stellen:
Näher und näher
Kam das Gekling und das Klatschen der Peitsch’ und der Pferde Getrampel.
Voß, Siebzigster Geburtstag.
Und hohler und hohler hört man’s heulen.
Schiller, Taucher.
Höre, wie’s durch die Wälder kracht!
Aufgescheucht fliegen die Eulen.
Hör, es splittern die Säulen
Ewig grüner Paläste.
Girren und Brechen der Äste!
Der Stämme mächtiges Dröhnen!
Der Wurzeln Knarren und Gähnen!
Im fürchterlich verworrenen Falle
Übereinander krachen sie alle,
Und durch die übertrümmerten Klüfte
Zischen und heulen die Lüfte.
Goethe, Faust.
Wenn die Räder rasselten
Rad an Rad rasch ums Ziel weg,
Hoch flog
Siegdurchglühter
Jünglinge Peitschenknall.
Goethe, Sturmlied.
c) Man gebraucht statt der abstrakten Ausdrücke bildliche Wendungen (s. hierüber: Bilder und Figuren).
Die Lebendigkeit der Darstellung zeigt sich in der Anordnung und Verbindung der Worte. Zu gleichmäßige Bildung der Sätze und zu lange Perioden machen den Stil eintönig und schleppend; mannigfacher Wechsel im Bau der Sätze ist daher ein unbedingtes Erfordernis des guten Stiles. Besondere Mittel zur Erhöhung der Lebendigkeit sind: die Inversion, das Asyndeton, das Polysyndeton und die Ellipse.
Unter Inversion versteht man die Abweichung von der regelmäßigen Wortfolge (vgl. I, S. 193 flg.). An Inversionen reich ist namentlich der Stil Schillers.
Das Asyndeton (vgl. I, 197) oder die Unverbundenheit besteht darin, daß die Konjunktionen zwischen einzelnen Wörtern oder Sätzen ausgelassen werden, z. B.: „Alles rennet, rettet, flüchtet, taghell ist die Nacht gelichtet.“ Schiller.
Das Polysyndeton (von πολυσύνδετος, d. i. vielfach verbunden) oder die Vielverbundenheit besteht in der mehrmaligen Wiederholung desselben Bindewortes, z. B. „Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ Goethe.
Die Ellipse (von gr. ἔλλειψις, d. i. Auslassung) besteht darin, daß nur der Hauptbegriff ausgedrückt, die übrigen Satzglieder aber weggelassen werden, z. B.: „Aus meinem Angesicht, Nichtswürdiger.“ Schiller. — „Verworrene Labyrinthe — kein Ausgang — kein leitendes Gestirn.“ Schiller.
Schon aus der Wahl der Beispiele ergibt sich, daß Anschaulichkeit und Lebendigkeit vor allem Erfordernisse des poetischen Stiles sind, doch auch der einfache Stil des Verstandes kann dieser Eigenschaften nicht entbehren, obwohl bei ihm die Deutlichkeit in den Vordergrund tritt.
13. Natürlichkeit.
Natürlichkeit des Ausdruckes ist eine Hauptforderung des guten Stiles. Man erreicht sie dadurch, daß man sich bemüht, die Gedanken immer so einfach und klar wie möglich darzustellen. Man vermeide gesuchte und gezwungene Ausdrücke, geschraubte und gezierte Wendungen, wie sie sich häufig in dem Stile unserer modernen Romandichter und Unterhaltungsschriftsteller finden. Einen einfachen Begriff gebe man durch einen einzigen Ausdruck, nicht durch wortreiche Umschreibungen wieder. Bloßes rhetorisches Wortgepränge ist geschmacklos; man wende Bilder und Redefiguren nur da an, wo sie sich von selbst darbieten und wo ein gewisser Schwung der Rede es verlangt. Durch gesunde Natürlichkeit des Ausdruckes ragen namentlich Luther, Lessing und Goethe hervor.
Gegen die Natürlichkeit des Ausdruckes verstoßen z. B. Sätze wie die folgenden: „Zwei Jahre ungetrübten Glückes waren seit der Jünglinge Bekanntschaft von der flüchtigen Gegenwart der unermeßlichen Vergangenheit überantwortet worden.“ „Der Frühling des Jahres 1763 brachte bei seiner monatlichen himmlischen Gesandtschaft in dem grünen Kabinette der Erde nicht nur die himmlischen Geschenke mit, als da sind die chinesische Blumenmalerei der Natur, die echten Gobelins der lebendigen Hecken, die Jaspisteppiche der Fluren, die breiten Gnaden- und Ordensbänder der lauteren Ströme, die Flötenuhren der Waldkehlen usw., sondern er brachte zugleich in der kleinen Wiege Jean Pauls den Dragoman aller dieser himmlischen Geschenke mit, und durch seine Zunge wurde uns die Sendung aller Frühlinge heiliger, himmlischer.“
[2] Eine große Zahl guter Verdeutschungen enthält das treffliche „Wörterbuch von Verdeutschungen entbehrlicher Fremdwörter“ von Herm. Dunger (Leipzig 1882), das nicht dringend genug empfohlen werden kann, sowie das Verdeutschungswörterbuch von Otto Sarrazin (3. Aufl. Berlin 1906). Erklärung und Verdeutschung der Fremdwörter zugleich bietet Heyses Fremdwörterbuch, neu bearbeitet von O. Lyon (18. Aufl. Hannover, Hahn, 1903).
[3] Wer sich weiter über diesen Gegenstand unterrichten will, sei hier namentlich auf Brandstäters Buch über die Gallizismen in der deutschen Sprache verwiesen, das jedoch häufig über das Ziel hinausschießt.
[4] So sagt Adelung: „Düster wird nur in den gemeinen Mundarten, besonders Ober- und Niedersachsens, für dunkel, finster gebraucht. Es ist der edlern und höhern Schreibart unwürdig.“ Adelungs Wb. I, 1622. Von dröhnen urteilt er ähnlich; dreist läßt er nur mit gewissen Einschränkungen zu. Über staunen sagt er: „Nach dem Beispiele Hallers und einiger anderer neuerer schweizerischer Schriftsteller ist es auch von den Hochdeutschen in der höheren Schreibart wieder eingeführt worden“, a. a. O. IV, 313. Von den beiden Wörtern Schrank und Schrein läßt er nur Schrank für die Schriftsprache gelten und bezeichnet Schrein als ein im Hochdeutschen ungewöhnliches, nur noch in einigen Provinzen übliches Wort. a. a. O. III, 1641 u. 1654 usw.
[5] Wörterbuch IV, 355.
[6] a. a. O. II, 552 unter Gemeinort.
[7] Namentlich auch die stilistische Seite der Synonymik ist berücksichtigt in „Eberhards synonymischem Handwörterbuche der deutschen Sprache“, neu bearbeitet von O. Lyon. 16. Aufl. Leipzig 1904.
[8] Einige Stilistiker, z. B. Wackernagel, Becker, scheiden Wohllaut und Wohlklang; wir fassen beides unter der Bezeichnung Wohllaut zusammen.
B. Bilder und Figuren.
14. Der Gebrauch bildlicher Ausdrücke.
Für den Gebrauch bildlicher Wendungen gelten folgende Regeln:
a) Die Bilder müssen wahr sein, d. h. sie müssen erstens mit dem übereinstimmen, was wir von den als Bildern verwendeten Dingen wissen, und sie dürfen zweitens nicht untereinander in Widerspruch stehen. Wenn jemand schriebe: „Der Ruhm dieses Mannes ging wie der Polarstern auf und nieder“ oder: „Die Parze knickte den Stengel seines Lebens“, so würden diese Bilder, da sie nicht mit dem übereinstimmen, was wir von dem Polarstern und den Parzen wissen, einen unangenehmen Eindruck hervorrufen. — Den zweiten Fehler gegen die Wahrheit der bildlichen Wendungen nennt man Katachrese (d. i. Mißbrauch). Die Katachrese besteht darin, daß ein Gedanke durch verschiedene Bilder dargestellt wird, die einander widersprechen, z. B.: „Ich sah die Bronnen rauschen der Ewigkeit um mich.“ Rückert. „Mit leisem Tritte schlüpfte ein weiblicher Fuß ins Zimmer und löschte mit eigener Hand die Kerzen.“ Phil. Galen. „Wir wollen diese brennende Frage nicht erschöpfen“ usw. Die Katachrese beleidigt sowohl den Verstand, als auch die Anschauungskraft; man hüte sich daher, aus dem Bilde herauszufallen.
Anmerkung. In der höheren Sprache der Dichtung, namentlich wenn Kühnheit und Schwung der Darstellung gefordert wird, ist der Übergang aus einem Bilde in das andere nicht unbedingt zu verwerfen (vgl. hierüber Vischer, Ästhetik III, Abschnitt 2, 1230). Vollkommen tadellos ist z. B. der Bilderwechsel in Schillers Lied an die Freude: „Freude, schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium.“ Derselben Beurteilung unterliegen zahlreiche Stellen in Shakespeares Dichtungen. Hier zeigen uns die wechselnden Bilder den Gegenstand von verschiedenen Seiten.
b) Die Bilder müssen leicht verständlich und nicht zu weit hergeholt sein. Wenn in orientalischen Dichtungen die Schlacht Lanzenmesse, das Schwert Lebensräuber genannt wird, so sind diese Bilder nicht schön, weil sie schwer zu enträtseln sind. Zu gesucht ist es, wenn Kleist die Dünste als „die Augenlider, die jetzo das Auge des Weltkreises deckten“ bezeichnet, oder wenn Klopstock das stürmische Meer ein „gebirgiges Meer“ nennt. Namentlich Jean Paul hat sehr viele schwerverständliche und gesuchte Bilder.
c) Die Bilder müssen edel, neu und angemessen sein. (Vgl. hierüber S. 15. 16.)
d) Die Bilder müssen treffend sein und mehr sagen, als der gewöhnliche Ausdruck; z. B.: „Wenn der Stamm zum Himmel eilet, sucht die Wurzel still die Nacht.“ Schiller. — „Nur verstohlen durchdringt der Zweige laubiges Gitter sparsames Licht, und es blickt lachend das Blaue herein. Aber plötzlich zerreißt der Flor. Der geöffnete Wald gibt überraschend des Tages blendendem Glanz mich zurück.“ Schiller.
e) Die Darstellung darf nicht mit Bildern überladen werden. Durch eine solche Überladung wird der Stil schwülstig und unnatürlich. (Vgl. S. 13. 19.)
15. Die Bilder oder Tropen.
Die Alten unterschieden Tropen und Figuren, und es soll der Übersichtlichkeit wegen diese Einteilung hier beibehalten werden, obwohl die schaffende Phantasie des Dichters einen solchen Unterschied nicht kennt.
Der Tropus oder die Trope (d. i. Wendung, griech. τρόπος, lat. tropus, von griech. τρέπειν, wenden) bezeichnet die Wendung des Ausdrucks vom Gewöhnlichen und Eigentlichen zum Bildlichen und Uneigentlichen. Die Tropen verändern die Vorstellung und mit ihr den Ausdruck, die Figuren dagegen nur den Ausdruck, nicht die Vorstellung; die Tropen verleihen der Rede Anschaulichkeit, die Figuren erhöhen die Lebendigkeit derselben. Wenn Calderon den Bach eine silberne Schlange nennt, so wird die gewöhnliche Vorstellung mit einer anderen, ungewöhnlicheren vertauscht und mit der Vorstellung zugleich der Ausdruck; diese Bezeichnung ist daher ein Tropus. Wenn dagegen Rückert vom Wasserfall sagt: „Er rauscht und rauscht und rauscht, die Gegend hört ihn rauschen“, so bleibt die Vorstellung unverändert, es wird nur derselbe Begriff und derselbe Ausdruck mehrmals wiederholt, wir haben es hier also mit einer Figur zu tun.
Man unterscheidet folgende Tropen:
a) die Vergleichung veranschaulicht den Gegenstand durch ein Bild und stellt Bild und Gegenstand nebeneinander. Das Bild besteht entweder nur in einem Worte oder Satze, z. B. er kämpfte wie ein Löwe; „dem dürren Laube gleich verwehten meine Träume“ (Freiligrath); oder es ist weiter ausgeführt, z. B.:
Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.
Goethe.
b) Die Metapher (d. i. Übertragung) setzt das Bild statt des Gegenstandes, ist also gleichsam eine abgekürzte Vergleichung. Die Vergleichung sagt: „Der Wein ist wie flüssiges Gold“, die Metapher: „Der Wein ist flüssiges Gold.“ Die Metapher gibt dem Ausdruck Adel, Würde und Neuheit, und die Sprachgewalt eines Dichters oder Schriftstellers offenbart sich am deutlichsten in der Fähigkeit, treffende Metaphern zu bilden. Beispiele: Hör’, es splittern die Säulen ewig grüner Paläste. Goethe. Des Lebens Mai blüht einmal und nicht wieder. Schiller. Ein Tropfen Haß, der in dem Freudenbecher zurückbleibt, macht den Segenstrank zu Gift. Schiller. Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß. Goethe. — Man unterscheidet substantivische, adjektivische und verbale Metaphern. Substantivische Metaphern sind: Haupt des Staates, Schiff der Wüste, Segler der Lüfte (Wolke), Kinder im Walde verirrt und bedeckt mit Blättern im Schlummer (die Blumen), schlafendes Sonnenlicht (der Mond), Hefe des Volkes usw. Adjektivische Metaphern: eine schwarze Seele, der blasse Neid, der süße Schlaf, die goldenen Himmelsfrüchte, die goldene Sonne, ein hartes Herz usw. Verbale Metaphern: die Sonne blickt durch der Zweige Grün; die Woge bäumt sich am Gestade; die Täler singen und die Höhen schweigen, die Tannen schauern in der Felsenkluft usw.
Wie die Vergleichung kann auch die Metapher weiter ausgeführt werden, sie wird dann zur Allegorie (von ἀλληγορέω, d. h. etwas anders sagen, als der eigentliche Sinn verlangt). Der Satz: „Die Dichtung war zu Rom eine ausländische Blume“ enthält eine Metapher; fügt man hier zu dem Bilde Blume noch weitere sinnliche Beziehungen hinzu (z. B. Same, Garten, Wachstum, Blüte usw.), so erhält man eine Allegorie. So sagt Herder: „Die römische Dichtkunst war aus griechischem Samen in den Garten eines Kaisers verpflanzt, wo sie als schöne Blume dastand und blühte.“ Beispiele: Nacht muß es sein, wo Friedlands Sterne strahlen. Schiller. In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling, still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis. Schiller.
c) Die Metonymie (d. i. Umnennung, Vertauschung des Namens) setzt wie die Metapher einen Gegenstand für den anderen, aber nicht wie die Metapher wegen der Ähnlichkeit, sondern wegen der natürlichen und nahen Verbindung, in der die Gegenstände miteinander stehen. Die Metonymie nimmt Rücksicht auf:
α) das Raum- oder Zeitverhältnis. Man setzt den Ort statt dessen, was sich an demselben befindet, oder den Zeitraum statt derer, die in demselben leben, z. B.: „Ganz Rom geriet in Erregung“ (statt: alle Römer); „bei Abendglockenläuten ging die Natur zur Ruh“ (statt: die Geschöpfe). „So fordr’ ich mein Jahrhundert in die Schranken“ (statt: die Menschen).
β) das Kausalitätsverhältnis. Man vertauscht Ursache und Wirkung, z. B.: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß“ (statt: Kummer). „Aus der Wolke quillt der Segen“ (statt: Regen). „Hütten, um die der Landmann stille Schatten pflanzt“ (statt: Bäume). Oder man setzt für die Verrichtung das Werkzeug, z. B. Schwert (statt: Krieg), Pflug (statt: Ackerbau). „Der Degen hat den Kaiser arm gemacht, der Pflug ist’s, der ihn wieder stärken muß.“ Schiller.
γ) das Stoffverhältnis. Man setzt den Stoff statt der Sache, die daraus verfertigt ist, z. B. Eisen (statt: Schwert), Stahl (statt: Dolch), Blei (statt: Kugel), Eisen (statt: Fessel) usw. „Und sammelt im reinlich geglätteten Schrein die schimmernde Wolle, den schneeichten Lein.“ Schiller.
δ) das Symbolverhältnis.[9] Man setzt das sinnliche Zeichen statt des abstrakten Begriffes, der dadurch bezeichnet wird, z. B. Lorbeer (für Sieg, Ruhm), Zepter, Krone (statt: Herrschaft, Regierung), Ölzweig (statt: Frieden) usw. „Ist denn die Krone ein so einzig Gut?“ Schiller.
d) Die Synekdoche (eigentlich: das Mitverstehen) ist genau genommen nur eine Unterart der Metonymie. Sie setzt statt des Allgemeinen das Besondere, z. B. den Teil für das Ganze: Dach (für Haus), Mast oder Kiel (für Schiff), Welle (für Meer), Brot (für Nahrung) usw.; oder das einzelne statt der Vielheit: „Freiheit liebt das Tier der Wüste“ (Schiller); oder die bestimmte Zahl für die unbestimmte: „O daß ich tausend Zungen hätte“ usw.
e) Die Prosopopöie (d. i. Vermenschlichung) oder Personifikation stellt leblose Dinge oder abstrakte Begriffe als lebende Wesen dar. Viele Metaphern sind zugleich Prosopopöien, z. B.: Die Sonne verbirgt sich, der Winter kommt, die Natur schläft, der Himmel lacht herab, die Erde dürstet nach Regen, der Sturm heult oder brüllt, die Wolken fliehen, der Strom zürnt usw. Unter Prosopopöien im engeren Sinne versteht man aber weiter ausgeführte Darstellungen dieser Art, z. B.:
Da wacht die Erde grünend auf,
Weiß nicht, wie ihr geschehn,
Und lacht in den sonnigen Himmel hinauf
Und möchte vor Lust vergehn.
Sie flicht sich blühende Kränze ins Haar
Und schmückt sich mit Rosen und Ähren
Und läßt die Brünnlein rieseln klar,
Als wären es Freudenzähren.
Geibel.
Erzittre Welt, ich bin die Pest,
Ich komm’ in alle Lande,
Und richte mir ein großes Fest,
Mein Blick ist Fieber, feuerfest
Und schwarz ist mein Gewande.
Ich komme von Ägyptenland
In roten Nebelschleiern,
Am Nilusstrand im gelben Sand
Entsog ich Gift dem Wüstenbrand
Und Gift aus Dracheneiern.
Hermann Lingg.
f) Die Allusion oder Anspielung bringt einen Begriff dadurch zu lebendiger Anschauung, daß sie auf bekannte Zustände, Tatsachen und Begebenheiten hindeutet, z. B. er hat eine Herkulesarbeit vollbracht, eine Sisyphusarbeit, Hiobsgeduld, ein salomonisches Urteil, lakonische Kürze usw. „Ich werde hinter diesen Wolf im philosophischen Schafspelz Hunde zu bringen wissen, die ihn zausen sollen.“ Lessing. — Hierher gehört auch die Bezeichnung von Personen durch Hinweis auf geschichtliche Ereignisse oder besondere Eigentümlichkeiten, wenn man z. B. jemand einen Homer, einen Spartaner, einen Epikuräer, einen schönen Ort ein Paradies oder Elysium, ein reizendes Tal ein Tempe usw. nennt, oder wenn man statt Pindar sagt: der dirkäische Schwan, statt Menelaus und Agamemnon: die beiden Atriden, statt Dresden: Elbflorenz usw. — Die Allusion muß immer verständlich sein, und es ist tadelnswert, wenn auf Vorgänge angespielt wird, die nicht allgemeiner bekannt sind, wie das namentlich Jean Paul tut, der viele seiner Anspielungen erst durch Anmerkungen erläutern muß.
g) Die Periphrase oder Umschreibung besteht darin, daß eine Person oder Sache oder eine Tätigkeit nicht mit dem gewöhnlichen einfachen Ausdrucke, sondern durch Aufzählung einzelner Merkmale oder Wirkungen u. ähnl. bezeichnet wird, z. B.:
Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht?
Goethe.
Von dem ich Ehre und irdisches Gut
Zu Lehen trage und Leib und Blut
Und Seele und Atem und Leben. (d. i. alles.)
Schiller.
Die Umschreibung ist nur mit Vorsicht anzuwenden, da sie leicht zu Weitschweifigkeit und Undeutlichkeit führt. Völlig geschmacklos sind namentlich Ramlers Periphrasen, der z. B. die Schlittschuhe in folgender Weise umschreibt: „Schuhe von Stahl, worin der Mann der freundlichen Venus (Vulkan) der Blitze Geschwindigkeit barg“ u. ähnl.
16. Die Figuren.
Die Figuren dienen nicht, wie die Tropen, dazu, der Rede größere Anschaulichkeit zu verleihen, sondern sie sind nur Wort- und Gedankenstellungen, welche die Lebendigkeit der Darstellung erhöhen. Man teilt die Figuren gewöhnlich in grammatische und rhetorische (Sinnfiguren). Die grammatischen Figuren beziehen sich nur auf die Stellung und Betonung der Worte und auf die äußere Form der Sätze, während die rhetorischen Figuren die Verhältnisse der Gedanken betreffen.
I. Grammatische Figuren.
a) Der Ausruf, als Ausbruch der Leidenschaft, z. B.: Furchtbares Schicksal! Schiller. — Was für ein Anblick! Welch ein Wiedersehen! Schiller.
b) Die Frage, als Ausdruck des Zweifels, der Verneinung oder einer lebhaften Gemütsbewegung, z. B.: Gibt es keinen Gott? Was? Dürfen in seiner Schöpfung Könige so hausen? Schiller. — Wann werdet ihr Poeten des Dichtens einmal müd? Anastasius Grün. — Kann ich Armeen aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld in der flachen Hand? Schiller.
c) Die Anrede oder Apostrophe (d. i. Wegwendung, nämlich von der Sache zur Person), z. B.: Darauf antwortetest du, ehrwürdiger Pfarrer von Grünau. Voß. — Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften, ihr traulich stillen Täler, lebet wohl. Schiller.
d) Das Asyndeton. (Vgl. S. 19.)
e) Das Polysyndeton. (Vgl. S. 19.)
f) Die Ellipse. (Vgl. S. 19.)
g) Die Aposiopese (d. i. Verschweigung). Während bei der Ellipse nur das Wichtige genannt, das minder Wichtige weggelassen wird, besteht die Aposiopese umgekehrt darin, daß nur das minder Wichtige ausgesprochen, die Hauptsache aber verschwiegen wird, z. B.: „Dich schützt dein Wappenrock, sonst solltest du —“ Schiller. „Wer hier wagt zu mucken —“ Herder.
h) Die Inversion. (Vgl. S. 19.)
i) Das historische Präsens. In lebendiger Erzählung bedient sich der Schriftsteller zuweilen statt des Imperfekts des Präsens, z. B.: Und schaudernd dacht’ ich’s, da kroch’s heran, regte hundert Gelenke zugleich, will schnappen nach mir; in des Schreckens Wahn lass’ ich los der Koralle umklammerten Zweig; gleich faßt mich der Strudel mit rasendem Toben. Schiller.
k) Die Anakoluthie (d. i. Zusammenhangslosigkeit) besteht darin, daß die Konstruktion eines Satzes nicht dem Anfange entsprechend fortgeführt wird, so daß die Mitte oder das Ende des Satzes mit dem Anfange grammatisch in Widerspruch tritt, z. B.:
Wie wenn auf einmal in die Kreise
Der Freude mit Gigantenschritt
Geheimnisvoll nach Geisterweise
Ein ungeheures Schicksal tritt;
Da beugt sich jede Erdengröße
Dem Fremdling aus der andern Welt,
Des Jubels nichtiges Getöse
Verstummt, und jede Larve fällt,
Und vor der Wahrheit mächt’gem Siege
Verschwindet jedes Werk der Lüge:
So rafft von jeder eitlen Bürde,
Wenn des Gesanges Ruf erschallt,
Der Mensch sich auf zur Geisterwürde
Und tritt in heilige Gewalt.
Da die Anakoluthe gegen die strenge Sprachrichtigkeit verstoßen, so sind sie nur mit Vorsicht zu gebrauchen. Tadelnswert sind in prosaischer Rede namentlich Anakoluthe, die darin bestehen, daß ein als Nebensatz begonnener Satz in der Form eines Hauptsatzes zu Ende geführt wird, z. B.: „Sie wissen, daß, wenn die Vestalinnen im alten Rom einem Verbrecher begegneten, so hatten sie das Recht, ihn zu begnadigen“ (statt: daß sie das Recht hatten usw.). Heine. — In der Poesie dagegen ist ein Anakoluth oft von sehr guter Wirkung, weil hier große Innigkeit oder Leidenschaftlichkeit des Gefühls das Herausfallen aus der Konstruktion, das Aufgeben des strafferen Satzbaues erklärlich macht.
l) Die Wiederholung. Einzelne Wörter oder Satzabschnitte werden wiederholt, um den Begriff hervorzuheben oder dem Ausdruck größere Innigkeit zu verleihen. Das wiederholte Wort trägt immer den Hauptton, z. B.: lieber, lieber Freund! — Der Tod, der Tod ist mein Gewinn. Bürger. — Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit klingt ein Lied mir immerdar. Rückert. — Nicht möcht’ ich deinen Geist in Sünden töten, nein, Gott verhüt’s! nicht deine Seele töten. Shakespeare.
Anmerkung. Gelehrte Spielerei hat hier nach der Stellung, die das wiederholte Wort im Satze einnimmt, viele Arten der Wiederholung unterschieden, und zwar folgende: 1. Anaphora, d. i. Wiederkehr desselben Wortes oder derselben Wendung am Anfange mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Sei mir gegrüßt, mein Berg, mit dem rötlich strahlenden Gipfel! Sei mir, Sonne, gegrüßt, die ihn so lieblich bescheint! Schiller. — 2. Epiphora (bei Quintilian epistrophe), d. i. Wiederholung am Schlusse mehrerer aufeinanderfolgender Sätze, z. B.: Wie sollt’ es mich freuen, Marquis, wenn der Freiheit endlich noch diese Zuflucht in Europa bliebe! Wenn sie durch ihn es bliebe! Schiller. — 3. Epanalepsis, d. i. Wiederholung der den Satz beginnenden Wendung am Schlusse, z. B.: Weinet um mich, ihr Kinder des Lichts! er liebt mich nicht wieder, ewig nicht wieder, ach, weinet um mich! Klopstock. — 4. Anadiplosis, d. i. Wiederholung eines den Satz beendenden Wortes am Anfang des folgenden, z. B.: Nicht der Frühling kann dir’s geben, geben mußt dem Frühling du. Rückert. — 5. Epanodos (d. i. Rückweg). Die wiederholten Worte stehen in umgekehrter Folge, z. B.: Ihr seid müßig, müßig seid ihr. Luther. — 6. Epizeuxis, die unmittelbare Wiederholung desselben Wortes oder Satzes, z. B.: So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt. Geibel. Ach wie liegt so weit, ach wie liegt so weit, was mein einst war. Rückert. — 7. Symploke, die Verflechtung mehrerer Arten der Wiederholung, z. B.: Laß mich weinen, an deinem Herzen heiße Tränen weinen (Epiphora), du einz’ger Freund. Ich habe niemand, niemand (Epizeuxis), auf dieser großen weiten Erde niemand (Epiphora). Schiller. — 8. Polyptōton, die Wiederholung eines Wortes in verschiedenen Flexionsformen, z. B.:
Aber der Hörenden floß die schmelzende Trän’ auf die Wang’ hin;
So wie der Schnee hinschmilzt auf hochgescheitelten Bergen,
Welchen der Ost hinschmelzte, nachdem ihn geschüttelt der Westwind,
Daß von geschmolzener Nässe gedrängt abfließen die Bäche:
Also schmolz in Tränen der Gattin liebliches Antlitz.[10]
Voß, Odyssee.
9. Annominatio, die Nebeneinanderstellung mehrerer Wörter, die zu demselben Stamm gehören, z. B.: Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir. Goethe. Schreibend schreibt er im Schreiben geschriebene Schriften der Schreiber. Voß. — 10. Antanaklasis, Wiederholung des Wortes in anderer Bedeutung, z. B.: Wer sich nicht selbst zum besten haben kann, der ist gewiß nicht von den Besten.
II. Sinnfiguren.
a) Das schmückende Beiwort (Epitheton ornans) ist ein adjektivisches Attribut, das in sinnlich anschaulicher Weise eine Eigenschaft des substantivischen Begriffs hervorhebt, z. B.: Dich begrüß’ ich in Ehrfurcht, prangende Halle, dich, meiner Herrscher fürstliche Wiege, säulengetragenes herrliches Dach. Schiller. — Wir bewohnen ein glückliches Land, das die himmelumwandelnde Sonne ansieht mit immer freundlicher Helle. Schiller. — Sieh, die mondbestrahlte Fläche schlägt es mit den leichten Füßen! Freiligrath. — Die Epitheta müssen immer charakteristisch sein, sonst sinken sie zu müßigen Attributen herab, die, statt die Lebendigkeit der Darstellung zu erhöhen, den Stil unerträglich platt und weitschweifig machen. Nichtssagend und daher unschön sind namentlich die Beiwörter in den Alexandrinern der Dichter des siebzehnten und der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, z. B.:
Dort fliegt ein schwerer Stein nach dem gesteckten Ziele,
Von starker Hand beseelt, durch die zertrennte Luft:
Dort fliegt ein schnelles Blei in die entfernte Weiße,
Hier rollt ein runder Ball in dem bestimmten Gleise
Nach dem erwählten Zweck mit langen Sätzen fort.
Haller.
b) Die Steigerung (Klimax, Gradation) besteht darin, daß die Begriffe so angeordnet werden, daß durch den nachfolgenden der vorhergehende überragt wird, z. B.: Tapfer ist der Löwensieger, tapfer ist der Weltbezwinger, tapfrer, wer sich selbst bezwang. Herder. — Eine schöne Menschenseele finden ist Gewinn, ein schönerer Gewinn ist sie erhalten, und der schönst’ und schwerste, sie, die schon verloren war, zu retten. Herder.
O lieber als dem Grafen mich vermählen
Heiß von den Zinnen jenes Turms mich springen,
Da gehn, wo Räuber streifen, Schlangen lauern,
Und kette mich an wilde Bären fest,
Birg bei der Nacht mich in ein Totenhaus
Voll rasselnder Gebeine, Moderknochen
Und gelber Schädel mit entzahnten Kiefern,
Heiß in ein frischgemachtes Grab mich gehn
Und in das Leichentuch des Toten hüllen.
Shakespeare.
c) Der Gegensatz (Antithese) stellt Begriffe, die sich logisch gegenüberstehen, in parallelen Satzgliedern einander entgegen, z. B.: Ein Gott bist du dem Volke worden, ein Feind kommst du zurück dem Orden. Schiller. — Es bildet ein Talent sich in der Stille, sich ein Charakter in dem Strom der Welt. Goethe. — Durch glänzende Antithesen zeichnet sich namentlich Schillers Stil aus. — Unterarten des Gegensatzes sind das Oxymoron und das Paradoxon. Das Oxymoron (ὀξύμωρον, von ὀξύς gescheit und μωρός dumm) stellt zwei einander widersprechende Begriffe in einer Wortverbindung zusammen, z. B.: lebendige Leiche (Gottschall, Mazeppa), süßer Schmerz, bittre Freude, beredtes Schweigen, schmerzlicher Genuß, erquickender Verdruß usw. Das Paradoxon (d. i. das Unerwartete) ist ein Gedanke, der mit dem, was nach dem Vorhergehenden erwartet wird, oder mit dem, was die gewöhnliche Vorstellungsweise annimmt, in Widerspruch steht, z. B.: Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei, und würd’ er in Ketten geboren. Schiller. — Den Kaiser will man zum Herrn, um keinen Herrn zu haben. Schiller.
d) Die Ironie (d. i. Verstellung) sagt das Gegenteil von dem, was sie meint, z. B.: Mit der Axt hab’ ich ihm’s Bad gesegnet. Schiller. Ein Muster der Ironie ist die Rede des Antonius in Shakespeares Julius Cäsar, 3. Akt. Als Meister der Ironie zeigen sich namentlich Rabener (in seinen Satiren) und Jean Paul. — Den mit Hohn verbundenen, bitteren und tief verletzenden Spott nennt man Sarkasmus (d. i. Zerfleischung).
e) Der Euphemismus setzt für etwas Anstößiges oder Gefürchtetes das entgegengesetzte Gute. So nannten die Griechen die Erinyen Eumeniden, d. h. die Gnädigen, die Römer nannten die Todesgöttinnen Parzen, d. i. die Schonenden. Euphemismen sind auch die Umänderungen heiliger und anderer Namen in Schwüren und Ausrufungen, wodurch der Mißbrauch derselben verhüllt werden soll, z. B.: Potz Blitz! (statt: Gottes Blitz!) Potz Wetter! (statt: Gottes Wetter!) Der Tausend! (statt: der Teufel!) Potztausend! (statt: Gottes Teufel!) usw.
f) Die Litotes (d. i. Kleinheit) oder Verkleinerung besteht darin, daß ein geringerer Ausdruck gesetzt wird, als der Gedanke in Wahrheit verlangt, z. B.: Du hast deine Aufgabe nicht übel (statt: ausgezeichnet) gelöst. Du wirst nicht eben erfreut sein (statt: du wirst in große Betrübnis versetzt werden) usw.
g) Die Hyperbel (d. i. eig. Überschwang, Übertreibung) vergrößert die Dinge über die sinnliche Wahrheit hinaus, z. B.: Mein Herz ist heiß, es könnt’ ein Dolch drin schmelzen, wenn ich ihn jetzt ins Herz mir stieße. Hamerling. — Denn alle Fürstenthrone, aufeinandergestellt, bis zu den Sternen fortgebaut, erreichten nicht die Höhe, wo sie steht in ihrer Engelsmajestät. Schiller. Jungfr. v. Orl.
h) Die Onomatopöie. (Vgl. S. 18.)
17. Bedeutung der Tropen und Figuren für den Stil.
Hinsichtlich der Tropen und Figuren pflegt noch jetzt ein doppelter Irrtum zu herrschen, der nicht entschieden genug bekämpft werden kann. Einmal meint man nämlich, unsere deutsche Sprache habe die Tropen und Figuren erst der griechischen und römischen Sprache entlehnt und habe die Fähigkeit, Tropen und Figuren zu bilden, erst durch diese Sprachen erhalten. Man verwechselt hier, wie so oft, die Namen mit der Sache. Nur die Namen, die gelehrten Bezeichnungen haben wir zum Teil der griechischen und römischen Sprache entlehnt; die Sache selbst, der Drang, die Rede sinnlich anschaulich und lebendig zu gestalten, war unserem Volke von jeher eigen und ist nicht erst von außen in dasselbe verpflanzt worden. Man kann noch heute im Volke täglich Tropen und Figuren hören, von denen niemand behaupten wird, daß sie erst von den Alten entlehnt seien. Wenn eine Mutter zu dem Kinde sagt: „Du hast den Wein halb verschüttet“ (wo doch nur einige Tropfen verschüttet worden sind), oder: „Ich habe es dir schon hundertmal gesagt, aber du hörst nicht“ (wo sie es vielleicht zwei- oder dreimal gesagt hat) usw., so sind das Hyperbeln im eigentlichsten Sinne des Wortes, oder wenn jemand sagt: „Diese Frau ist die leibhaftige Güte, die reine Güte; dieser Mann ist die verkörperte Ehrlichkeit“ u. ähnl., so bedient er sich der Form der Prosopopöie ebensogut wie der, welcher sagt: „Sie ist die personifizierte Güte.“[11]
Das andere Mal ist man der Meinung, daß die Tropen und Figuren zur Ausschmückung der Rede dienten. Auch das ist nicht richtig. Sie dienen vielmehr dazu, der Rede sinnliche Kraft und Lebendigkeit zu geben, und sie dürfen daher nicht äußerlich, wie Schmuckstücke, zusammengesucht werden, sondern sie müssen mit Notwendigkeit aus der Darstellung selbst erwachsen. Man mache es sich daher zum Gesetz, niemals Tropen und Figuren anzuwenden, wo nicht innere Notwendigkeit dazu drängt. Ebenso vermeide man die Nachbildung römischer und griechischer Tropen und Figuren, vielmehr nehme man sie immer möglichst aus seiner eigenen Beobachtung und Erfahrung oder entlehne sie deutschen Vorbildern. Wer diese Vorschriften streng befolgt, der wird bald bemerken, daß sein Stil an natürlicher Kraft und Schönheit gewinnt, während er im entgegengesetzten Falle in widerwärtige Künstelei und stelzbeinige Hohlheit verfällt.
[9] Ich entnehme diesen Ausdruck Wackernagel, der zuerst die Metonymie mit größerer Klarheit dargestellt hat, als es gewöhnlich geschieht.
[10] Eine gute Nachbildung des griechischen Originals, in dem der Begriff τήκειν, schmelzen, in den Formen τήκειο, κατατήκετο, κατέτηξεν, τηκόμενος, τήκετο wiederkehrt.
[11] Es sei hier auf Rudolf Hildebrands ausgezeichnete Schrift: „Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule und von deutscher Erziehung und Bildung überhaupt“, 7. Aufl., S. 103 flgg., 122 verwiesen, die zahlreiche Beispiele dieser Art behandelt.
C. Stilistik des einfachen Satzes.
18. Wortbildung.
Die Lautgestalt der Worte erscheint im Zusammenhange der Rede oft verändert; namentlich das tonlose e fällt oft am Ende, häufig auch in der Mitte eines Wortes aus. Der Abfall eines Lautes am Ende eines Wortes heißt Apokope, der Ausfall in der Mitte eines Wortes Synkope.
Die Apokope. Viele Wörter haben doppelte Formen, mit e und ohne e, z. B.: Gebirg und Gebirge, Gebild und Gebilde, Ochs und Ochse usw. (vgl. hierüber I, 142). Man hat hier die Freiheit, je nachdem der Rhythmus des Satzes oder der Wohllaut es erfordert, von der einen oder anderen Form Gebrauch zu machen. Von den Wörtern Herr, Gesicht, Gerücht, Gewächs, Narr und einigen anderen gelten in der Schriftsprache jedoch nur die kürzeren Formen, während in der Mundart das auslautende e noch vorkommt. — Oft fällt das e im Dativ Singularis ab, z. B.: dem König, dem Monat, dem Schicksal, dem Reichtum, dem Jüngling u. a. Dieses Dativ-e ist jedoch möglichst beizubehalten, nur die Nachsilben el, er, en, chen und lein dulden keine e hinter sich. Am häufigsten fällt es sonst ab, wenn Substantiva ohne den Artikel mit Präpositionen verbunden sind, z. B.: von Kind auf, mit Weib und Kind, von Tag zu Tag, von Haus und Hof u. a. Auch vor einem Worte, das mit einem Vokal beginnt, fällt das Dativ-e besser weg. — Auch viele Adverbien dulden den Abfall des e; so kann man sagen: fern und ferne, gern und gerne, beinah und beinahe, früh und frühe, bang und bange, behend und behende, nah und nahe usw., aber nur: bald (nur noch dichterisch: balde), zurück, sehr, oft, schön, grün u. a. Das Adverbium der Zeit lange darf nicht gekürzt werden. Über heut und heute s. I, 240, Anm. 1. — Der Imperativ der Verben kann mit e oder ohne e gebildet werden, z. B.: schreib oder schreibe, geh oder gehe, steh oder stehe usw. Die Verben jedoch, die in der 1. Pers. Sing. Präs. e haben, ihren Imperativ aber mit i bilden, z. B.: sprich, iß, nimm u. a., haben im Imperativ niemals das auslautende e.[12] Bei den schwachen Verben erhält die Form auf e den Vorzug, z. B.: lobe, rede, melde usw.; die Verben auf el und er haben nur die Form auf e, z. B.: handle, wandle, wandre u. a.
Die Apokope wird namentlich in poetischer Sprache angewendet, wo sie besonders dazu dient, den Hiatus zu beseitigen. Unter Hiatus versteht man das Zusammentreffen zweier Vokale, von denen der eine als Auslaut, der andere als Anlaut eines Wortes steht, z. B.: sei eifrig, bau auf usw. Im allgemeinen gilt hier die Regel, daß die Apokope nur dann eintreten kann, wenn der nachfolgende Anlautsvokal unbetont ist, z. B.: Gottes Gnad’ und Vatergüte, Hab’ und Gut, laß deine Klag’ erschallen.[13] Dagegen sind Apokopen wie die folgenden unzulässig: Er erhalt’ Antwort, der gräßlich’ Aufruhr usw. Doch kann zuweilen nach unbetonten Verben die Apokope auch vor betonten Vokalen eintreten, z. B.: Und ich mußt’ Andacht heucheln, konnt’ alles dort erschauen usw. Die Flexionsendungen der Adjektive dürfen nicht durch Apokope getilgt werden, also nicht: die schön’ Erscheinung, die neu’ Erfindung, die bang’ Erwartung usw. Überhaupt darf die Apokope niemals hart und unschön sein. Zeigt sich ein Hiatus, dessen Tilgung durch Apokope zu einer Härte führen würde, so ist das noch kein Grund, den Hiatus in diesem Falle gut zu heißen; man muß vielmehr eine ganz andere Wendung suchen. Im allgemeinen sind die Deutschen in der Vermeidung des Hiatus jedoch viel weniger streng als die Griechen und Römer.
Die Synkope besteht in dem Ausfall eines tonlosen e oder i, z. B.: Der Knecht hat erschlagen den edeln Herrn; heilge Ordnung, die Schillerschen Dramen usw. Vgl. hierüber I, 240, Anm. 1 und 2.
Bezüglich der Bildung der Worte ist namentlich folgendes zu beachten:
a) Man vermeide Neubildungen abstrakter Wörter auf ung, heit, keit und tum. Wörter auf ung werden in der Regel nur von abgeleiteten oder mit Vorsilben zusammengesetzten transitiven Verben gebildet, z. B.: Führung, Verschwendung, Tränkung, Erfindung usw., aber nicht: Fahrung, Verschwindung, Trinkung, Findung usw. Nur wenige Ausnahmen wie: Sitzung, Neigung u. ähnl. haben sich eingebürgert. Ganz besonders zu tadeln ist das Zusammenziehen ganzer Redewendungen in ein Substantiv auf ung, z. B. Zurannahmebringung, Instandsetzung, Klagbarwerdung, Zurateziehung u. ähnl. — Von Partizipien dürfen im allgemeinen keine Substantive auf heit gebildet werden; tadelnswert sind daher Bildungen wie: Unbegründetheit, Verlorenheit, Unbeachtetheit, Treffendheit u. a. Nur von einigen Partizipien, die ganz zu Adjektiven geworden sind, wie bescheiden, besonnen, verschwiegen, erhaben, gelassen, sind Bildungen auf heit zulässig, z. B.: Bescheidenheit, Besonnenheit usw. — Unschön sind die Bildungen auf keit von den Adjektiven auf haft, namentlich wenn diese Adjektive von Personennamen abgeleitet sind, z. B.: Riesenhaftigkeit, Schülerhaftigkeit, Meisterhaftigkeit, Rätselhaftigkeit usw. Ebenso anstößig sind solche Bildungen von einigen Adjektiven auf lich, z. B.: Gegensätzlichkeit, Bezüglichkeit, Inhaltlichkeit u. ähnl.
b) Von vielen männlichen Personennamen lassen sich mit Hilfe der Endung in auch weibliche Personennamen bilden, z. B.: Freund, Freundin usw. Von Partizipialsubstantiven sind solche Bildungen nicht zulässig, man sage daher nicht: Verwandtin, Beklagtin, Abgesandtin, Bekanntin, Beamtin u. ähnl., sondern die Verwandte, Beklagte usw.
c) Werden von Verben zusammengesetzte Substantive gebildet, so werden diese nicht mit dem vollen Infinitiv, sondern nur mit dem Stamme zusammengesetzt (vgl. I, S. 248, 4), z. B.: Trinkgefäß, Reitpferd usw. Dem entsprechend muß man auch sagen: Trockenplatz (nicht: Trocknenplatz), Zeichenbuch, Zeichenlehrer, Rechenbuch, Rechenlehrer (von ursprüngl. zeichen-en, rechen-en usw.).
d) Man meide geschmacklose und sprachwidrige Zusammensetzungen. Vgl. S. 11. — Trennbar zusammengesetzte Verben müssen in den entsprechenden Formen getrennt werden (vgl. I, S. 175). Man sage daher nicht: Ich anvertraue dir dieses Kleinod; ich anerkenne deine Verdienste; ich anempfehle dir Ruhe usw.
e) Den substantivischen Infinitiv wende man nur mit Vorsicht an. In den meisten Fällen bietet sich ein entsprechendes anderes Substantiv oder eine andere Wendung dar, durch welche die Härte oder die Geschmacklosigkeit, zu der der Gebrauch des substantivischen Infinitivs oft führt, vermieden wird. Er wird namentlich dann anstößig, wenn er mit einem Attribut oder Objekt verbunden ist, z. B.: Das Aufgehen der Sonne (statt: der Aufgang), das Aufbrechen des Heeres (statt: der Aufbruch), das Ausbrechen einer Seuche (statt: der Ausbruch) usw. Statt: „Das Schwimmen gegen den Strom ist schwer“ sagt man besser: „Gegen den Strom zu schwimmen ist schwer“; statt: „Das ununterbrochene Arbeiten Tag und Nacht hindurch ist schädlich“ besser: „Tag und Nacht hindurch ununterbrochen zu arbeiten ist schädlich.“ — Beim substantivischen Infinitiv eines reflexiven Verbums wird das Reflexivpronomen weggelassen, z. B.: das Erinnern (nicht: das Sicherinnern), das Freuen, das Verhalten, das Besinnen, das Erbarmen, das Erfrechen usw.
19. Das Substantivum.
a) Die Häufung attributiver Genitive, namentlich wenn sie von gleichem Numerus und Genus sind, ist zu vermeiden. Anstößig sind Wendungen wie: „Das Verführerische des Genusses der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen verleiteten Adam und Eva zum ersten Sündenfall.“ — „Die Schwierigkeit der Erklärung des Ursprungs des Übels“ (statt: Die Schwierigkeit, den Ursprung des Übels zu erklären). — „Meines Freundes Unterstützung dieses Unternehmens.“ — „Es fanden sich nach und nach zwei Partien von Flecken in der Nähe der Mitte der Oberfläche der Sonne.“ — „Die Entdeckung der Gesetze der Bewegung der Planeten.“
b) Fehlerhaft ist die Umschreibung des possessiven oder objektiven Genitivs durch eine Wendung mit der Präposition von. Man sage nicht: Der Freund von meinem Vater (statt: meines Vaters), das Haus von unserem Nachbar, der Giebel von dem Hause, die Wohnung von meinem Bruder, die Erbauung von der Stadt, die Eroberung von der Festung, der Erzieher von den Kindern usw. — Nur in folgenden Fällen ist eine solche Umschreibung dieser Genitive gestattet:
1. Wenn das substantivische Attribut ein Substantivum im Plural ist, das ohne Artikel steht, z. B.: „Man hat mich vor ein Gericht von Männern gefordert“ (Schiller). — „Die Gründung von Städten betrachtete er als die wichtigste Aufgabe eines Fürsten.“ — „Er hat das Glück von Tausenden gegründet“ (Schiller). — „Die teure Frucht von dreißig Kriegesjahren“ (Schiller). — 2. Wenn der Urheber eines Dinges von dem Besitzer geschieden werden soll, z. B. ein Buch von meinem Vater (verfaßt), ein Buch meines Vaters (das ihm gehört), der Messias von Klopstock, der Spaziergang von Schiller usw. — 3. Wenn das substantivische Attribut ein Länder- oder Ortsname ist, z. B. der Kaiser von Deutschland, der König von Sachsen, die Straßen von Paris, die Besatzung von Mainz usw. Vgl. I, 144. — 4. Ausnahmen sind noch: Das Ende vom Liede, die Frau vom Hause.
c) Man wende nicht objektive Genitive (im Anschluß an das Lateinische) an, wo der deutsche Sprachgebrauch eine präpositionale Wendung verlangt. Man sage also nicht: Die Hoffnung des Sieges (statt: auf Sieg), der Haß der Römer (statt: gegen die Römer), die Freude des Glückes (statt: über das Glück des Freundes) usw.
d) Ein substantivisches Attribut darf sich nie auf das erste Glied einer Zusammensetzung beziehen. Falsch ist also: „Der erste Annäherungsversuch König Wenzels an den schwäbisch-rheinischen Städtebund.“ Ein Reisestipendium nach Italien, Erkrankungsfälle an den Blattern, der Vertragsentwurf mit Deutschland, ein Beförderungsmittel guter Sitten, Pflichterfüllung gegen das Vaterland, Befreiungskrieg von der Franzosenherrschaft, Verlängerungsmittel des menschlichen Lebens usw. — Fehler dieser Art sind sehr häufig und müssen daher ganz besonders nachdrücklich bekämpft werden.
e) Der Kasus eines Eigennamens darf nicht unklar bleiben. Man sage also nicht: Klopstock schätzte Schiller höher als Wieland. — Achilles zürnte Agamemnon (statt: dem Agamemnon). — Man erreicht die Klarheit entweder dadurch, daß man den Artikel setzt, wenn nötig mit einem Beiworte (vgl. I, 144), oder daß man eine passivische Wendung gebraucht, z. B. von Schiller wurde Klopstock höher geschätzt als Wieland.
f) Die Apposition muß mit dem Substantivum, zu dem sie gehört, in gleichem Kasus stehen. Man sage daher nicht: Man glaubte, es werde mir mit der Gesellschaft dieses Mannes gedient sein, dem Freunde meiner Mutter (statt: des Freundes). — Wir erwarteten die Ankunft meines Freundes, Professor an der Universität N. (statt: Professors). — Die Gestalt des Dichters, ein kleiner, unscheinbarer Mann (statt: eines kleinen, unscheinbaren Mannes). — Ich heiße dich als mein Freund willkommen (statt: als meinen Freund). — Ihr dürft diesem Manne, als ein erfahrener Führer, unbedenklich folgen (statt: als einem erfahrenen Führer).
Anmerkung. Wenn das Substantivum, zu welchem die durch als angeknüpfte Apposition gehört, im Genitiv steht, so schwankt der Sprachgebrauch zwischen Nominativ und Genitiv. Man muß sagen: „Die Pflichten der Eltern als der Stellvertreter Gottes; die Anstellung des Mannes als eines berühmten Predigers“ usw. Steht aber die Apposition ohne Beiwort, so erhält gewöhnlich der Nominativ den Vorzug: man sagt: „Die Anstellung dieses Mannes als Prediger, der Beruf dieses Mannes als Künstler“ usw. Die Apposition erscheint dann mehr als Zusatz zu Anstellung, Beruf, nicht zu dem Genitiv: dieses Mannes, wie man sagt: „der Künstlerberuf dieses Mannes“, oder: „Dieser Mann wurde als Prediger angestellt“, nicht: „Dieser Mann als Prediger wurde angestellt.“ Statt des Genitivs steht häufig ein Possessivpronomen: „seine Anstellung als Prediger, sein Beruf als Künstler, in seiner Eigenschaft als Beamter“ u. ähnl. Zu vermeiden sind diese Nominative, wenn sie mit einem voraufgehenden Substantiv oder Personalpronomen, das im Akkusativ oder Dativ steht, in Widerspruch treten. Man sagt ohne Anstoß: „Er hat in seiner Eigenschaft als Beamter gehandelt“, dagegen nicht richtig: „Man hat ihm in seiner Eigenschaft als Beamter Anerkennung gezollt“; „man sah seiner Anstellung als erster Prediger entgegen“ usw. Ebenso unrichtig würde in den beiden letzten Fällen der Dativ der Apposition sein; man muß vielmehr eine ganz andere Konstruktion wählen.
20. Das Verbum.
a) Person und Numerus. Das Verbum stimmt in Person und Zahl regelmäßig mit dem Subjekte überein. Bei Wörtern, die eine Menge bezeichnen, kann jedoch, wenn diesen Wörtern ein Genitiv Pluralis beigefügt ist, das Prädikat im Plural stehen, z. B.: Eine Menge Leute kamen herbei; ein Trupp Soldaten zogen vorüber, ein Rudel Hirsche eilten vorbei (Constructio ad sensum oder: κατὰ σύνεσιν, d. h. Fügung nach dem Sinne). Bei den Wörtern Paar, Dutzend, Mandel, Schock u. ähnl. ist der Plural nur dann gestattet, wenn eine unbestimmte Zahl bezeichnet wird, z. B.: Ein paar Äpfel sind gefallen! ein Dutzend Bäume sind umgeschlagen worden. Dagegen: Das Paar Schuhe kostet zehn Mark, das Dutzend Tassen kostet sechs Mark u. ähnl. Eine Fügung nach dem Sinne findet auch statt, wenn mehrere Subjekte, die im Singular stehen, zu einem Begriffe vereinigt gedacht werden; das Verbum steht dann gewöhnlich im Singular, z. B.: Haus und Hof ist verloren, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war die Losung; Haß und Groll sei vergessen usw.
b) Tempus. Sehr zu tadeln ist der Wechsel des Imperfekts mit dem historischen Präsens, z. B.: Der Mond schien, ich trete hinaus und wandte den Blick nach dem Walde. — Der Feind schleicht herbei und erstieg den Wall. Man muß entweder überall das Präsens oder das Imperfektum gebrauchen. — Das Tempus der Erzählung ist im Deutschen das Imperfektum, nicht das Perfektum. Man vermeide also Wendungen wie: Da hat er gesagt, da bin ich fortgegangen; da bin ich gerufen worden u. ähnl. Das Perfektum muß dagegen dann stehen, wenn von einer einzelnen Handlung die Rede ist, deren Vollendung oder fortdauernde Wirkung hervorgehoben werden soll, z. B.: Mir ist ein Buch gestohlen worden; er hat alles verloren usw. — Falsch ist es, das Plusquamperfektum statt des Imperfekts zu gebrauchen; z. B.: Du warst gestern bei uns gewesen (statt: Du warst bei uns). Umgekehrt wird zuweilen nach der Konjunktion nachdem das Imperfektum statt des Plusquamperfekts gesetzt, z. B.: „Nachdem Wallenstein seinen Antrag erneuerte und auf eine bestimmte Erklärung drang“ (statt: erneuert und gedrungen hatte). Eine solche Vertauschung der Tempora ist gleichfalls zu tadeln. Vgl. I, 228 flg.
c) Modus. Wenn der Konjunktiv gebraucht wird, um einen Wunsch auszudrücken (als Optativ), oder wenn er in einem bedingenden Nebensatze steht, darf er nicht durch den Konditionalis (vgl. I, 67) umschrieben werden. Man sage also nicht: „Wenn er doch bald kommen würde!“ (statt: Wenn er doch bald käme!) „Wenn er doch bald schreiben würde!“ (statt: Wenn er doch bald schriebe!) „Wenn ihr gerechter sein würdet (statt: wäret), hättet ihr anders geurteilt“ usw. In den Hauptsätzen, die mit Bedingungssätzen verbunden sind, können dagegen die Formen mit würde stehen. — Man unterscheide genau zwischen Indikativ und Konjunktiv, z. B.: „Dieser Mann verdient es, daß man ihn rühmt“ (es geschieht bereits), und: „Dieser Mann verdient es, daß man ihn rühme“ (es wird nicht ausgesprochen, ob es geschieht) usw. Namentlich beachte man das Verhältnis der direkten zur indirekten Aussage. Vgl. I, 259 flg.
21. Die Partizipien.
Über die Bildung der Partizipien vgl. I, 58 flg., 176 flg.
a) Das erste Partizip steht in aktiver Bedeutung, z. B.: Der singende Vogel (d. i. der Vogel, welcher singt), die blühende Blume (d. i. die Blume, welche blüht) usw. — Ausnahmen sind Ausdrücke wie: fahrende Habe (d. i. die Habe, welche bewegt wird), die betreffende Person (d. i. die Person, welche betroffen wird), eine melkende Kuh, schwindelnde Höhe, fallende Sucht, sitzende Lebensweise, es findet etwas reißenden Absatz, die reitende Batterie, eine stillschweigende Voraussetzung und einige andere.[14]
b) Das zweite Partizip der transitiven Verben steht in passiver Bedeutung, z. B.: der geschlagene Feind (der geschlagen worden ist), die besiegte Armee (die besiegt worden ist) usw. Das zweite Partizip intransitiver Verben kann in der Regel nur dann attributiv gebraucht werden, wenn diese Verben die Formen der Vergangenheit mit sein, nicht mit haben bilden; z. B.: der verstorbene Freund (der verstorben ist), die abgebrannte Stadt (die abgebrannt ist), der umgefallene Baum (der umgefallen ist) usw. Doch auch nicht alle Partizipien, die sich in ein mit sein gebildetes Perfektum auflösen lassen, können attributiv verwendet werden, vielmehr nur solche, die einen Zustand bezeichnen, der durch die Handlung herbeigeführt worden ist, z. B.: ein entsprungener Flüchtling (aber nicht: ein gesprungener Knabe), ein aufgegangener Stern (aber nicht: ein gegangener Wandrer), ein entlaufener Hund (aber nicht: ein gelaufener Hund) usw. — Ausnahmsweise werden auch von intransitiven Verben, die ihr Perfektum mit haben bilden, die Partizipien attributiv gebraucht, z. B. ein pflichtvergessener Mann (der seine Pflicht vergessen hat), ein studierter Mann (der studiert hat), ein erfahrener Mann, ein ausgelernter Kaufmann, ein geschworener Feind, ein bedachter Arzt, ein verschwiegener Freund, ein verdienter Mann usw. Diese Partizipien sind jedoch meist völlig zu Adjektiven geworden und werden nicht mehr als Partizipien empfunden. Durch sie werden Wendungen wie: Das stattgefundene Konzert, der viele Qualen erlittene Dulder, das mich betroffene Unglück u. ähnl., die aufs schärfste zu verurteilen sind, in keiner Weise gerechtfertigt. Unerträglich sind solche Bildungen hauptsächlich deshalb, weil das Partizip mit einem Objekt verbunden ist (Statt finden, Qualen erleiden, es betrifft mich), wodurch die verbale Bedeutung dieser Partizipien in den Vordergrund tritt.
c) Über die Komparation der Partizipien vgl. I, 149. Je mehr die verbale Bedeutung hervortritt, um so weniger ist die Komparation zulässig. So sagt man: „diese Frage wird immer brennender“, aber nicht: „das Haus wird brennender.“ Im ersten Satze ist das Partizipium in adjektivischer Bedeutung und noch dazu im übertragenen Sinne gebraucht, während es in der Verbindung „das brennende Haus“ im eigentlichen Sinne steht; dadurch tritt von selbst die verbale Bedeutung in den Vordergrund.
d) Wenn das Partizip als Prädikat eines verkürzten Attribut- oder Adverbialsatzes steht, so bleibt es ungebeugt; es tritt daher in der Regel zum Subjekt des Hauptsatzes, z. B.: Erfreut über die empfangenen Eindrücke reiste ich ab. — Der Not gehorchend, nicht dem eignen Trieb, tret’ ich, ihr greisen Häupter dieser Stadt, heraus zu euch. Schiller. — Diese Ulmen, mit Reben umsponnen, sind sie nicht Kinder unserer Sonnen? Schiller. — Doch können diese Partizipien, wenn ein Mißverständnis oder eine Mehrdeutigkeit der Beziehung ausgeschlossen ist, auch zu einem Dativ oder Akkusativ, zuweilen auch zu einem Genitiv treten[15], z. B.: Es sollen unsre Frauen vom ersten Eichenlaub am schönsten Morgen geflochten dir sie (die Bürgerkrone) um die Stirne legen. Goethe. Hier bezieht sich das Partizip geflochten auf den Akkusativ sie, und diese Beziehung leuchtet ohne weiteres ein, da jede andere Beziehung keinen Sinn geben würde. Dasselbe gilt von den folgenden Sätzen: Noch zuckend, mit des Panthers Zähnen zerreißen sie des Feindes Herz. Schiller. — Auf dieser Bank von Stein will ich mich setzen, dem Wanderer zur kurzen Ruh’ bereitet. Schiller. — Der nackte Leichnam wird gefunden, und bald, obgleich entstellt von Wunden, erkennt der Gastfreund von Korinth die Züge, die ihm teuer sind. Schiller. — Doch wo die Spur, die aus der Menge, der Völker flutendem Gedränge, gelocket von der Spiele Pracht, den schwarzen Täter kenntlich macht? Schiller. Selbstverständlich sind solche Partizipien zu meiden, sobald die Beziehung mehrdeutig ist und so zu Mißverständnissen führen kann.
Anmerkung. Absolute, mit einem Akkusativ verbundene Partizipien finden sich häufig bei unseren Dichtern, z. B.: Angehört den Schimpf des Hauses, geht gedankenvoll Rodrigo. Herder. — Schild und Lanze weggeworfen, fliehn sie über Berg und Tal. Uhland. — Im Felde schleich’ ich still und wild, gespannt mein Feuerrohr. Goethe. Mit Maß und Besonnenheit angewendet sind diese Partizipien von guter Wirkung; sie widerstreben keineswegs der deutschen Sprache und haben dieselbe Berechtigung wie die absoluten Akkusative, z. B.: Sie drangen, die Hand am Schwerte, auf mich ein. — Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Möros, den Dolch im Gewande. Schiller.[16]
22. Das Adjektivum.
a) Über die Deklination der Adjektive vgl. I, 27 flg., 147 flg.
b) Die Häufung und Einschachtelung adjektivischer Attribute ist zu vermeiden. Tadelnswert sind Sätze wie: In einem feuchten, übelriechenden, halbdunkeln, abends lichtlosen Kerker, bewacht von einem rohen, feindseligen, barbarischen Manne, war er der schrecklichsten und furchtbarsten Verlassenheit anheimgegeben. — Die Nachrichten über die von der vor acht Tagen gehaltenen Versammlung gefaßten Beschlüsse. — Man lasse in solchen Fällen Attribute weg oder bilde Nebensätze.
c) Man setze das Attribut zu dem Substantiv, zu dem es gehört, z. B.: ein Glas guten Weines (doch auch, namentlich in der Umgangssprache: ein gutes Glas Wein) u. ähnl. Man unterscheide: „Der grausame Befehl des Feldherrn“ und „Der Befehl des grausamen Feldherrn“ usw.
d) Wenn ein Attribut zu zwei Substantiven verschiedenen Geschlechts gehört, so muß es zweimal gesetzt werden, z. B.: großes Glück und große Wonne (nicht: großes Glück und Wonne), schweres Leid und schwerer Kummer (nicht: schweres Leid und Kummer), hohe Freude und hohes Glück (nicht: hohe Freude und Glück) usw.
e) Begriffsverhältnisse, die am besten durch eine Zusammensetzung, durch ein präpositionales oder Genitiv-Attribut zum Ausdrucke kommen, dürfen in der Regel nicht durch adjektivische Attribute wiedergegeben werden. Man sage: das Hausrecht (nicht: das häusliche Recht), ein Mönchskloster (nicht: ein mönchisches Kloster), ein Klostergeistlicher (nicht: ein klösterlicher Geistlicher), ein Manneswort (nicht: ein männliches Wort), Aufenthalt in England (nicht: englischer Aufenthalt), die Rede des Kriegsministers (nicht: die kriegsministerliche Rede), die Abreise des Königs (nicht: die königliche Abreise), die Entwickelung der Rechtswissenschaft (nicht: die rechtswissenschaftliche Entwickelung) usw.
f) Tritt ein adjektivisches Attribut zu einem zusammengesetzten Worte, so bezieht es sich immer auf das Grundwort und darf nicht auf das Bestimmungswort bezogen werden. Falsch ist daher z. B.: ein seidener Strumpfwirker, ein fertiges Kleiderlager, ein getrockneter Obsthändler, ein silbernes Hochzeitsgeschenk (statt: Geschenk zur silbernen Hochzeit), ein wohlriechender Wasserfabrikant, ein ausgestopfter Tierhändler, ein roter Weintrinker, reitende Artilleriekaserne usw.
23. Das Pronomen.
a) Über die Deklination der Pronomina vgl. I, 37 flg., 159 flg. Vor die Pronomina der, dieser, jener tritt oft das Zahlwort aller, alle, alles, verkürzt: all. Sowohl das Zahlwort aller usw., als die Pronomina werden dann stark dekliniert, z. B.: alles das Glück; die Freude aller jener Unglücklichen; er verbannte alle diese Verschwörer usw. Man sagt richtig: alles das Glück; oder: all das Glück usw. Häufig erscheinen auch die Formen: alle das Glück, alle der Jammer, alle der Neid u. ähnl. Nicht nur in Verbindungen wie: trotz alle dem, bei alle dem, von alle dem u. ähnl. ist dieses alle gestattet, sondern es ist überhaupt eine alte berechtigte Form. Das e in „alle das Glück“ und ähnlichen Formen ist nämlich nicht eine Kasusendung, sondern ein alter Bindevokal (ahd. a). Man kann also sagen: bei allem dem, bei dem allem, bei alle dem. Falsch ist jedoch: bei dem allen.