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Otto Inhülsen / Wir ritten für Deutsch-Ostafrika

21.–30. Tausend

Otto Inhülsen

Wir ritten
für
Deutsch-Ostafrika

v. Hase & Koehler / Verlag / Leipzig

Umschlaggestaltung und Bildschmuck von Hanns Langenberg, Leipzig

Die erste Auflage dieses Werkes erschien unter dem Titel:

Abenteuer am Kilimanjaro

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1926 by Koehler & Amelang G.m.b.H. in Leipzig
Satz und Druck der Offizin Haag-Drugulin in Leipzig
Titeldruck Breitkopf & Härtel, Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Kriegsausbruch [5]
Auf Posten Weber [8]
Es wird Ernst [16]
Der Geburtstag der Berittenen 9. Schützenkompanie [18]
Kriegssafari zum Urwaldposten Olmolog [19]
Alleinherrscher im Urwald [24]
»Siafu!!!« [32]
Auf Grenzwacht [37]
Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere [42]
Ein Konkurrenzunternehmen [50]
Mutter der Kompanie [52]
Bilder und Typen aus dem Lagerleben [55]
Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren [78]
Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn [80]
Ausbildung im Garnisondienst [104]
Als Fliegerersatz über dem englischen Bezillager [107]
Durch den ostafrikanischen Großen Graben ins Winterhochland [114]
Nach Engaruka verpumpt [147]
Der Hunderttausend-Tonnen-Hammer fällt [157]
Der Gewaltmarsch zur Mittellandbahn während der großen Regenzeit [173]
An der Kondoa-Front [183]
Der Todesritt der Berittenen 9. Schützenkompanie [202]

Kriegsausbruch

Mein Vater fing mich in Bremen ein, als ich im Jahre 1879 zum ersten Male nach Afrika auswanderte. Ich war damals elf Jahre alt und wollte in Afrika Löwen schießen. Für die Löwenjagd hatte ich eine alte Pistole aus Vaters Waffensammlung und sechs reine Taschentücher, als Reiseproviant ein Glas Eingemachtes aus Mutters Speisekammer mitgenommen. Für mich lief diese Sache tragisch aus.

Als ich 35 Jahre später zum fünften Male auswanderte – ich war inzwischen in Indien, Australien und in der Transvaal gewesen und hatte eben ein paar Monate zur Erholung in Deutschland verlebt; jetzt trieb mich die Abenteuerlust nach Ostafrika –, da fand ich auf der großen Viehfarm Olmolog, deren Leitung ich am 15. Juli 1914 übernahm, hoch oben am Nordwestabhang des Kilimandscharo, dicht am Urwald und unmittelbar an der englischen Grenze, in Fülle das, was ich mir in der Jugend gewünscht hatte. Allnächtlich umschlichen die Löwen, die aus der Steppe vom Amboseli-See und den höhlenreichen Löwenklippen heraufkamen, mein Haus. Sie holten mir die Hunde weg von der Baraza [Veranda] und das Jungvieh aus der Boma [Umzäunung]. Gleich bei einem meiner ersten Ausritte begegnete mir einer ganz in der Nähe des Gehöfts sogar am hellen lichten Tage.

Auf der Frommen Helene, so genannt, weil sie sich von dem störrischsten Maulesel der Welt im Laufe vieler Jahre in das faulste Exemplar ihrer Spezies hineingealtert hatte, ritt ich, natürlich in sausendem Schritt, den Weg zum Steinbruch der Farm. Plötzlich stand uns (ich meine Helena und mir) an einer Wegebiegung eine Löwin auf zehn Schritt gegenüber. Ich hatte kein Gewehr bei mir und war sehr erstaunt. Die Löwin schien auch erstaunt, aber noch erstaunter war die Fromme Helene. Sie löste die für alle Beteiligten peinliche Situation, machte kurz kehrt und jagte in einem solchen Tempo zum Gehöft zurück, daß ich schließlich doch am meisten staunte, und zwar über die Geschicklichkeit, mit der Helene bisher zu verheimlichen gewußt hatte, daß sie außer Schritt noch andere Gangarten kannte. Die Löwin machte ebenfalls kehrt und sockte ab. Menschenfresser ist in jener wildreichen Gegend der Löwe nicht.

Damals kam ich nicht dazu, mich mit der Löwenfrage weiter zu befassen.

Von meinem Nachbar Otto Weber – Nachbar, weil er nur vier Reitstunden um den Berg herum südlich von mir eine Viehfarm hatte – kam ein Bote nach dem andern: Kriegserklärung Österreichs an Rußland! – Kriegszustand in Deutschland! – Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich! – Englands Eintritt in den Krieg gegen Deutschland! Was sagt doch die Kongo-Akte?

Dann kam der junge fröhliche Kossel, der Assistent des Farmers und Majors a. D. Schlobach, dessen Farm an die von Otto Weber grenzte. Kossel meldete mir, daß ich eingezogen und der Stellungsbefehl unterwegs wäre, daß ich der Abteilung des Major Schlobach zugeteilt sei und daß ich mich auf dessen Befehl mit dem Vieh von der Grenze nach Farm Weber zurückzuziehen hätte. Dort, sagte er, wäre ein Farmerposten von einigen Gewehren eingerichtet worden. Major Schlobach hätte sich mit seinem Vieh weiter südlich auf die Farm Geraragua zurückgezogen und sammele dort um sich und sein Vieh alles, was sich in der Gegend an Mannschaften, Reittieren und Gewehren auftreiben lasse.

Der junge Kossel, ein Mecklenburger vom reinsten Wasser, war begeistert für den Krieg und bedauerte nichts mehr, als daß er nicht zu Hause im Osten oder Westen das Vaterland verteidigen helfen könnte. Er half mir beim Umzug, und am nächsten Morgen befanden wir uns mit Vieh, Schafen und Eseln auf dem Trek nach Farm Weber.

Daß die Kongo-Akte nicht respektiert werden würde, glaubte damals noch kein Mensch bei uns; denn die Nachrichten, die uns im Hinterland erreichten, waren nur spärlich, und erst nach mehreren Tagen erfuhren wir, daß am 8. August 1914 die Engländer den Funkturm bei Daressalam von See aus beschossen hatten und damit die Feindseligkeiten eröffneten.

Auf Posten Weber

Das Kriegsglück hatte es gut mit mir im Sinn gehabt. Auf der Farm Weber oder »Posten Weber«, wie es offiziell hieß, fand ich, was man im Manöverleben Sektquartier nennen würde. Dies ist bildlich aufzufassen. Sekt gab es dort nicht, aber dafür eine von der liebenswürdigsten Gastgeberin geleitete, echt deutsch-afrikanische Häuslichkeit und Gemütlichkeit. Und Webers lebten gut. Überhaupt habe ich, außer Indien, noch keine Kolonie kennengelernt, in der, was Essen, Trinken und vor allem Bedienung anbelangt, so aus dem Vollen gelebt wurde, wie in den Städten, auf den Pflanzungen und Großfarmen in Deutsch-Ostafrika.

Die Besatzung ergänzte sich nach und nach aus Leutnant Freund, Vizewachtmeister Trommershausen, Unteroffizier Rimpler und mir. »Posten Weber« war längere Zeit der exponierteste Posten unserer Front. Und doch war Frau Weber nicht zu bewegen, ihre Person nach Geraragua oder Moschi in Sicherheit zu bringen.

Für uns war es gut so. Frau Webers frischer, fröhlicher Mut und nie versiegender Humor ließen niemals eine gedrückte Stimmung aufkommen. Es steht außer Zweifel, daß man ihr mit vollem Recht die Ehre des Titels Postenführer zuerkannte. Die Frau, die es an der Front aushält, die nicht nur die Garnison des Postens, sondern auch alle durchkommenden Patrouillenreiter so gut futtert, wie Frau Weber es tat, die nicht nur für den Leib, sondern auch für Geist und Gemüt des Vaterlandsverteidigers so gut zu sorgen weiß, wie Frau Weber es verstand, dient dem Vaterlande soviel, wenn nicht mehr als mancher Soldat. Es kam so weit, daß keine Patrouille das befestigte Lager von Geraragua verließ, ohne auf dem Ausritt und, wenn es irgend anging, auch auf dem Rückmarsch den »Posten Weber« zu passieren. Alle Kameraden von Geraragua haben ihre Beine wieder und wieder unter Frau Webers geschmackvoll dekorierten und reich beladenen Tisch strecken und sich von ihr bemuttern lassen dürfen. Was das heißt, wenn man eine lange Patrouille vor sich hat oder dreckig, halb verdurstet und ausgehungert von einer solchen zurückkommt, haben wir alle kennengelernt. Frau Weber übte auch fleißig mit dem Revolver und einem Damenkarabiner. Sie war fest entschlossen, den Angriff englischer Massai, der ja jeden Augenblick bevorstehen sollte, persönlich mit abschlagen zu helfen.

Als Tochter eines Medizinalrates in Deutschland geboren, muß Frau Weber schon in jungen Jahren ein mütterliches Herz für die Menschheit gehabt haben. Sie wurde Krankenschwester. Als Schwester Hedwig war sie dann Oberin am Hospital zu Tanga. Dort ereilte sie das Schicksal, das keiner Krankenschwester in Deutsch-Ostafrika erspart blieb und das ständigen Grund zur Klage seitens der Hospitalverwaltung gab. Ja, du lieber Gott, was war da zu machen! Länger als zwei Jahre konnte man die Schwestern dem Hospital nicht verpflichten, und eine bessere Frau als eine frühere Krankenschwester war damals schwer zu finden. Heute ist das anders. Heute gibt es hilfsbereite und tüchtige Mädel genug.

Unsere kriegerische Tätigkeit auf »Posten Weber« war vor allem auf die Abwehr des erwarteten Massai-Massenangriffs gerichtet. Zuerst bauten wir vor der offenen, völlig ungeschützten Veranda des Herrenhauses einen Wall aus Findlingen. Die Schwierigkeit dieses Baues bestand eigentlich nur darin, daß diese Mauer weder die Verandapfosten eindrücken noch Frau Webers Rosen beschädigen durfte. So sorgsam waren wir zu Anfang des Krieges noch bemüht, Eigentum zu schonen!

Als wir mit diesem Kugelfang fertig waren, gingen wir zum Bau von Verteidigungswerken größeren Stils über. Die große rechteckige Viehboma wurde mit Draht- und Dornenverhauen umgeben, und an zwei diagonal gegenüberliegenden Ecken der Boma wurden mit Schießscharten versehene kugelsichere Türme errichtet, so daß man aus jedem eine Lang- und eine Kurzseite des Verhaus bestreichen konnte. In der Voraussetzung, daß die Massai ihren Angriff nach guter Stammessitte in der Hauptsache gegen die Viehboma richten würden, sollte ihnen hier eine Niederlage beigebracht werden.

Gleichzeitig war ein Heliographenverkehr mit Geraragua und mit dem weiter unterhalb auf einem Hügel gelegenen »Posten Krantz« eingerichtet worden. Unser Heliographenapparat bestand bei Tage aus der Sonne, meinem Rasierspiegel und einem Kistendeckel. Letzterer hatte ein rundes Loch, das auf die Empfängerstation eingerichtet war. Vor dem Loch im Kistendeckel befand sich eine Pappscheibe an einem Holzhebel, den ein Mann zur Erzeugung der Blitzzeichen tippte. Der zweite Mann, der auch ein Neger sein konnte, stand mit meinem Rasierspiegel fünf Schritte rückwärts, fing Sonnenstrahlen auf und sandte sie vermittelst des Spiegels in konzentrierter Form durch das Loch im Kistendeckel. Wenn der zweite Operateur nicht vorbeikonzentrierte, der erste im Eifer die Morsezeichen nicht vergaß, und endlich der Empfänger aufpaßte, funktionierte die Sache tadellos. Mehr als fünfmal brauchte eine Meldung selten gegeben zu werden.

Der Nachtapparat war noch einfacher. Wir bedienten uns einer Safarikiste mit Loch und Pappscheibe wie oben, in deren Innerem eine Azetylenwagenlampe stand. Um die Verbindung mit den andern Posten aufnehmen zu können, mußten wir unsern Heliographenapparat auf einem nahen steilen und hohen Berg aufstellen, und einer vom Posten mußte Tag und Nacht oben sein. Erst später bekamen wir zwei Signalwatote [Negerschüler] mit einem richtiggehenden Helioapparat.

Eine weitere Aufgabe des »Postens Weber« war, die dort internierten Buren zu bewachen. Das kam so.

An der Nordgrenze der Kolonie wohnten auf zerstreut liegenden Farmen eine Anzahl früherer Trekburen, die nach dem Burenkriege eingewandert, aber englische Untertanen geblieben waren.

Wie die einzelnen Buren in ihrem Herzen gesinnt waren, ob den Deutschen oder den Engländern zugeneigt, konnte man bei Kriegsausbruch nicht wissen. Im Bezirk Aruscha ließ man sie ruhig und unbelästigt auf ihren Farmen sitzen und Eier, Hühner und sonstige Farmprodukte an die Etappe Aruscha liefern. In unserm Bezirk Moschi machte man das Gegenexperiment: hier wurden alle Buren mit Frau und Kindern auf »Posten Weber« interniert.

Hier bauten sie sich in der befestigten Viehboma Lehmhütten und bezogen sie mit Weib und Kind; ihr Vieh stellten sie mit in die Boma ein. Sie waren in der Mehrzahl ruhige, nette Leute, die später fast alle auf deutscher Seite mitkämpften. Einer von ihnen, Piet Nievenhuizen, wurde Feldwebel und ist bis zum Schluß der Feindseligkeiten in Afrika als Pfadfinder und Führer der Person unseres Oberst attachiert gewesen, dem er mit Leib und Seele ergeben war.

»Posten Weber« war der geeignete Platz, alle die Geraraguakameraden nach der Reihe kennenzulernen. Denn alle kamen sie auf ihren Patrouillen dort durch. Beritten waren sie alle, und ein größeres Allerlei von Reittieren auf einem Haufen habe ich in meinem Leben sonst nirgends gesehen. Da waren Pferde. Einige wirkliche Pferde und viele solche, die es überhaupt nicht gibt oder geben sollte. Die besten waren noch einige Somaliponys. Am zahlreichsten vertreten war die Kreuzung zwischen Pferdehengst und Eselstute, die man überall in der Welt Maulesel nennt. Nur in Deutsch-Ostafrika nennt man sie hartnäckig Maultier; eigentlich ist das Maultier die Kreuzung zwischen Eselhengst und Pferdestute, und später im Kriege bekamen wir auch einige Exemplare dieser Gattung. Da wir uns aber an so feinen Unterschieden nicht stoßen wollen und für das Kreuzungsprodukt zwischen Pferd und Esel in Deutsch-Ostafrika nun einmal die Bezeichnung Maultier üblich ist, spreche ich in Zukunft auch nur vom Maultier. Da waren große Maultiere und kleine Maultiere, Maultiere mit glattem Haar und Maultiere so wollig wie ein Pudel. Da waren Maultiere, die allein gingen, und solche, die nur in der Kolonne mitgingen. Einzelne ließen sich satteln, bei andern waren fünf Mann nötig, um den Sattel aufzuzwingen. Wer diese Maulböcke und ihre Anstalten im August 1914 kannte und dann ein Jahr später die Berittene 9. Schützenkompanie ausrücken sah, hätte es nie für möglich gehalten, daß ein Teil ihrer Reittiere dieselben Maultiere sein könnten – so gepflegt, glatt und einexerziert schritten, trabten und galoppierten sie dahin. Ähnlich wie die Reittiere war auch die Reitausrüstung der Abteilung Geraragua mannigfacher Art. Es gab einige wirkliche Sättel und Zaumzeuge und viele, die man nur aus Höflichkeit als solche ansprechen konnte. Es waren Sättel dabei, die Noah schon mit in die Arche nahm, und Zaumzeuge, an denen nur das verrostete Trensengebiß noch Original war.

Aber was macht das alles, wenn man die Kameraden betrachtet, die auf diesen Reittieren auf »Posten Weber« angeritten kamen! Da waren die beiden schönen Männer der Gegend, die Lieblinge der Damenwelt, Hugo König und mein Kollege Jacobsen. Darüber, welchem von beiden der Apfel des Paris zu reichen sei, konnten sich die Damen nicht einigen. Beide hatten so was, so was – na, da verstehe ich mich nicht darauf. Hugo König, der »schöne Hugo« genannt, erklärte uns wieder und wieder, wo der »springende Punkt« der Kriegslage zu suchen sei. Er war Kriegsfreiwilliger und gerne der Generalstäbler von Geraragua. Mit ihm kam sein Bruder Fritz, Mitglied des Gouvernementsrates, eine Autorität in Kolonialfragen. Es kam der Weltensegler, Millionär und Jagddilettant Elven, mit der fixen Idee behaftet, ganz Deutsch-Ostafrika müsse als ein Jagdreservat für Millionäre angesehen werden. Es kamen der Gouvernementslandwirt Mittag, der verkörperte Agrarier, und sein Kollege Münz aus Württemberg, dessen Deutsch kein Norddeutscher verstehen konnte. Es kamen Leutnant Kaufmann und sein Bruder Hans, letzterer kaum siebzehn Jahre alt. Es kamen die Farmassistenten Frank, Fränkel und das Mtoto [Kind] der Abteilung, der sechzehnjährige Schönbohm. Es kamen Leutnant Kühn und zuweilen auch seine Frau und ihr Bruder Satow. Es kam der Dichter und Unteroffizier Müller, der eine Hornbrille trug wie die Alchimisten in alten Kupferstichen.

Es kam Richard L. Sauerbrunn, Farm-, Pflanzungs- und Dukabesitzer[1] am Berg. Er kam in geheimer Mission. Er hatte persönliche Beziehungen zu den Massai jenseits der Grenze gehabt, wollte diese für die deutsche Sache zu gewinnen suchen und sie veranlassen, mit ihren riesigen Viehherden auf deutsches Gebiet überzutreten. Er zog dahin und kam nicht wieder. Eine Patrouille wurde ihm nachgehetzt, aber sie fand ihn nicht mehr. Er war der erste Kriegsgefangene, den wir an unserer Front verloren.

Sauerbrunns Schicksal habe ich erst später, im Kriegsgefangenenlager zu Ahmednagar, von ihm selbst erfahren. Er hatte seine Geschäftsfreunde nicht mehr jenseits der Grenze vorgefunden. Die Engländer kannten die Firma Richard L. Sauerbrunn anscheinend. Sie hatten seine Massaifreunde von der Grenze zurückgezogen und durch Massaipatrouillen aus dem Hinterlande ersetzt. Von diesen fand sich Sauerbrunn plötzlich umringt. Sie speerten ihn in Arme und Beine und schlugen ihm mit ihren Keulen den Unterkiefer aus dem Gelenk sowie Löcher in den Kopf. Da Sauerbrunn trotzdem nicht tot war, schleppten ihn die Massai zehn Tage lang mit sich durch das Pori, um ihn endlich einem englischen Posten an der Ugandabahn auszuhändigen. Daß Sauerbrunn nicht an Blutvergiftung einging, verdankte er nur seiner Zähigkeit. Seine eiternden Wunden desinfzierte er mit zu Staub zerriebenen Holzkohlen, die er sammelte, wenn die Massai ihr Fleisch fertig geröstet hatten. Essen konnte er nicht. Er lebte von schlechtem Wasser und hin und wieder etwas saurer Milch. Er hat dann wochenlang im Lazarett in Nairobi gelegen und wurde schließlich, gut geflickt und eingerenkt, nach Indien geschafft.

Dort, im A-Camp in Ahmednagar, hat Sauerbrunn in selbstlosester Weise unermüdlich für das Wohl seiner Mitgefangenen gesorgt. Er war der Vermittler zwischen Camp und englischer Verwaltung in allen Verpflegungsangelegenheiten und leitete musterhaft die große allgemeine Campküche. Jeden Vormittag, den Gott in der Gefangenschaft werden ließ, übersetzte Sauerbrunn den um ihn versammelten Gefangenen die englische Tageszeitung mit einer Routine, die ihresgleichen sucht. Mit nie versagendem Humor und unerschütterlichem Glauben an den Endsieg der deutschen Sache flocht er Zwischenbemerkungen launiger und patriotischer Art in die Übersetzung des Zeitungstextes ein, daß das Gelächter und Hurra seiner Zuhörer durch das Lager schallte. Er hielt auch Vorlesungen abends unter dem Baum am Waschhaus oder im Konzert- und Theatersaal aus Wellblech, und wenn sich auch noch viele andere um das Gefangenenlager verdient gemacht haben, so darf ich doch sicher sagen, daß Richard L. Sauerbrunn der Liebling des A-Lagers war.

Alle ritten sie über »Posten Weber«, fütterten dort ihre Tiere und sich selbst. Es kam auch Vater Krantz, ein früherer Burenkommandant. Auf seinem Moritz, dem Pferd mit der faustgroßen, permanent offenen Druckstelle am Widerrist, sprengte Krantz effektvoll auf den Hof und warf sich wie der Jüngste vom Tier. Ehe er in Hörweite war, begann Krantz schon die Arme übereinanderzurollen und seine Kriegspläne auszukramen. Aus deutschen Massai wollte er an der ganzen Grenze ein Aufklärungs-, Spionage- und Nachrichtenkorps organisieren, mit ihm selbst als Zentralorgan und belebendes Herz. Die Massai sollten dann immer vorneweg, immer vorneweg am Feinde sein. Die berittenen Farmer und Pflanzer sollten dann, von seinen Massaispionen geführt, den Feind umgehen und in der Flanke angreifen. »Und« – er rammte einen imaginären Karabiner in die rechte Schulter – »dann immer: päng, päng! Und« – er rammte denselben Karabiner in die linke Schulter – »wenn das rechte Auge ermüdet ist, dann immer links: päng, päng!« Aufrollen sollten wir die Feinde. Nach der Küste zu aufrollen, bis das Land zu Ende sei und sie alle ins Meer stürzten. Wieder rollten seine Arme, diesen Prozeß plastisch darstellend.

Es kam endlich der Kaffeepflanzer und frühere Oberleutnant zur See Büchsel, ein neuer Stern, der neben Krantz an unserer Front aufging. Büchsel kam bei Webers durch auf dem Marsche zum Longidogebirge, etwa Kilometer nordwestlich unseres Postens gelegen, um dort mit Kameraden aus dem Aruschabezirk, berittenen Pflanzern und Farmern, ein Patrouillenkorps zu gründen. Er bezog oben im Gebirge, am Urwaldrande, ein Lager, das nach ihm später den Namen Büchsellager führte. Von hier ritt er Patrouillen über die Grenze in Richtung Erok, Ingito, englische Magadbahn, stellte die Wasserstellen, die Stärke der feindlichen Posten fest und berichtete darüber an das Kommando.

Fußnoten:

[1] duka = Laden.

Es wird Ernst

Am 15. August 1914 war der Ort Taveta, östlich vom Kilimandscharo auf englischem Gebiet gelegen, von unsern an jener Front operierenden Truppen genommen worden. Nun sollte, durch Büchsels Patrouillenkorps vorbereitet, auch an unserer Front, westlich vom Kilimandscharo, die Offensive beginnen.

In Geraragua erschien zu diesem Zweck Kapitänleutnant Niemeyer auf der Bildfläche. Er erhielt den Befehl der berittenen Geraraguaabteilung; Major Schlobach sollte als Etappenkommandant in Geraragua zurückbleiben. Bald traf auch Hauptmann Tafel mit der 10. Feld-, d. h. Askarikompanie in Geraragua ein und übernahm den Oberbefehl über alle dort versammelten Truppen.

Am Spätnachmittage des 18. September setzte sich Abteilung Tafel, also die 10. Feldkompanie und die berittene Abteilung Geraragua, in Marsch zum Longidogebirge und traf dort am 21. September ein. Geführt von dem Patrouillenkorps Büchsel, ging es am 24. September nach Norden über die Grenze. Der feindliche Posten Kichwa cha tembo an der Magadbahn sollte ausgehoben und die Bahn gesprengt werden. Nach einem Nachtmarsch wurde um sieben Uhr morgens in einem Koongo am Fuße des Ingitoberges haltgemacht, um zwei Stunden zu ruhen.

Nach den mir später in der Gefangenschaft von englischer Seite gemachten Mitteilungen war eine starke englische berittene Patrouille, bestehend aus etwa 66 Buren und Farmern aus Britisch-Ostafrika, schon seit Stunden den Spuren der Abteilung Tafel nachgeritten. Die Marschordnung der letzteren auf schmalem Pfade war: eine berittene Spitze, die Feldkompanie mit Trägern und endlich das Gros der berittenen Abteilung. Dies hatte zur Folge, daß die Spuren unseres Fußvolkes durch Reittierspuren völlig wieder zugedeckt worden waren. Die Engländer glaubten daher, einer unserer gewöhnlichen berittenen Patrouillen gefolgt zu sein. Sie überrannten den aufgestellten Posten und eröffneten auf kurze Entfernung ein überraschendes Feuer auf die ruhenden Deutschen. Im Gebüsch – einige englische Buren saßen sogar in den Bäumen – in guter Deckung gegen Sicht, hatte der Feind die Situation zuerst völlig in der Hand, und die schweren Verluste auf unserer Seite ereigneten sich in der Hauptsache zu Anfang dieses überraschenden Überfalles, bei dem es Kugeln regnete, ohne daß ein Feind zu sehen war. Dies dauerte aber nicht lange. Die Feldkompanie, auf deren Anwesenheit der Feind nicht vorbereitet war, entwickelte sich schnell, ließ die beiden Maschinengewehre spielen und nahm unmittelbar darauf den Feind mit dem Bajonett in der Flanke an. Gleichzeitig gingen unsere Europäer frontal sprungweise vor.

Unsere Askari im Bajonettangriff, das ist so ’ne Sache. Was vom Feinde noch laufen konnte, lief. Von den 86 Feinden sind nur 14 unverwundet aus dem Gefecht herausgekommen, und die englischen Buren in Britisch-Ostafrika wollten seitdem vom Kriege an der Front nie wieder recht was wissen. Der Feind ließ außer vielen toten auch 26 lebendige Reittiere mit guten Ausrüstungen auf dem Gefechtsfelde zurück und trug dadurch zur besseren Berittenmachung und Equipierung unserer Abteilung bei.

Aber auch bei uns waren die Verluste sehr schwer. Kossel, der lustige junge Mecklenburger, der Unternehmer Rotbletz, der Lehrer Breitkreuz sowie die Farmer Hartmann und Grötzinger hatten ihr junges Leben hier lassen müssen, 6 andere waren, zum Teil schwer, verwundet. Bei 40 berittenen Europäern: Verlustziffer also 25 Prozent. Auch die Feldkompanie hatte schwer gelitten. Der Liebling aller, Leutnant Walde, war am Maschinengewehr gefallen, der tapfere Hauptmann Tafel schwer verwundet; auch Feldwebel Nickel und der Unteroffizier Mieth waren verwundet. 12 Askari waren tot und 18 verwundet. Auch viele Träger waren tot, verwundet oder ausgerissen. An die Verfolgung des Feindes konnte nicht gedacht werden.

Die Feuertaufe war bestanden. Der Todesengel hatte gewürgt, und schwer, bleischwer lastete plötzlich der ganze Ernst des Krieges auf den Gemütern der sonst so fröhlichen Gesellen. Es dauerte Tage, ehe sie dieser Beklemmung ganz Herr wurden.

Das Longidogebirge wurde von der 10. Feldkompanie und der berittenen Abteilung Geraragua besetzt gehalten. Das Kommando führte zuerst Hauptmann Richter, dann Hauptmann Kraut, mit dem auch noch die 11. und 21. Feldkompanie dort eintrafen.

Der Geburtstag der Berittenen 9. Schützenkompanie

Nunmehr habe ich von einem auch für die Leser wichtigen kriegsgeschichtlichem Datum erster Ordnung zu vermelden: dem 20. Oktober 1914. Er ist der Stiftungstag der Elitetruppe, der ich anzugehören die Ehre hatte und von der ich fortan erzählen werde, bis zu ihrem Todesritt am 27. Juli 1916, an dem sie im Feuerüberfall und Handgemenge bei Meia-Meia aufgerieben wurde.

An jenem Tage wurden die Mannschaften mehrerer Einzelposten sowie das Patrouillenkorps Büchsel mit der berittenen Abteilung Geraragua zusammengeschlossen zur »Berittenen 9. Schützenkompanie«. Man darf sich durch die Zahl »Neunte« nicht irreführen lassen – in Wirklichkeit war sie die erste und zunächst einzige berittene; das »Neunte« erklärt sich daher, daß alle aus Europäern gebildeten Truppenteile zum Unterschied von den Askari- oder Feldkompanien als Schützenkompanien bezeichnet wurden. So ist jener Stiftungstag der »Neunten« zugleich der Gründungstag der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie überhaupt, und diese ist hervorgegangen aus unserer Farmerabteilung Geraragua, die mit ihren paar Reittieren begann. Erst später erhielt die »Neunte« Konkurrenz in der »Berittenen Achten«, mit der wir die stolze afrikanische Kavallerie»brigade« bildeten. Natürlich hat die »Achte«, die wir »die Fliegenden Hunde« nannten, nie an die »Neunte« herangereicht.

Damit sich aber der Leser nicht etwa übertriebene Vorstellungen von unserer »Brigade« macht, möchte ich doch noch hinzufügen, daß die größte Anzahl von Europäern, die die »Neunte« in ihrer Glanzzeit auf dem Papiere hatte, einige siebzig betrug. Ihre größte Gefechtsstärke bestand Mitte 1915, einschließlich der inzwischen dazugekommenen Askari, aus 56 Gewehren. An solchen Zahlen sind ihre Taten zu messen.

Das Verzeichnis, das ich mir von allen Europäern, die meiner Kompanie im Laufe der zwei Jahre ihres Bestehens angehörten, angelegt habe, weist 75 Namen auf. Als unser Oberst am 15. November 1918 den Waffenstillstand für Afrika abschloß, waren von den 75 nur noch Hauptmann Meyer, die Unteroffiziere Obst und Truppel und Piet Nievenhuizen dabei.

Kriegssafari zum Urwaldposten Olmolog

Wenn die Zeit der Siege und der militärischen Erfolge, und nicht etwa die spätere Zeit des zähen, hartnäckigen Widerstandes unter nie dagewesenen Strapazen und Entbehrungen, als die »große« zu bezeichnen ist, dann kam jetzt die größte, die glorreichste Zeit des Krieges in Deutsch-Ostafrika, von der wir noch lange nachher zehrten. An drei Fronten griffen die Engländer, die ungeheure Verstärkungen an Truppen und Material von Indien herbeigeschafft hatten, gleichzeitig mit weit überlegenen Massen an, und überall wurden sie abgeschlagen.

An dem gleichen Tage, dem 3. November 1914, an dem die Schlacht bei Tanga, die uns unsterblichen Ruhm und enorme Beute brachte, begann, an dem die Engländer bei Taveta einen Scheinangriff machten, den ein Zug Askari aufhielt, saßen plötzlich am frühen Morgen 2000 Engländer und Inder auf dem Nordostkamm des Longidogebirges und um acht Uhr bestreuten ihre Schrapnells bereits die deutschen Stellungen auf dem Südwestkamm des Gebirges. Bis neun Uhr abends dauerte das Gefecht, dann zog sich der Feind zum Erok zurück. Der schneidige Hauptmann Stemmermann hatte ihn mit seiner 11. Askarikompanie am Spätnachmittag in der Flanke mit Erfolg angegriffen und seine Siegeszuversicht gründlich erschüttert.

Obwohl der Angriff des Feindes abgeschlagen war, wurde doch das Longidogebirge wenige Tage nach dem Gefecht von unsern Truppen geräumt. Am Nachmittag des 11. November und die ganze folgende Nacht hindurch bezogen die drei Feldkompanien und die Berittene 9. Schützenkompanie mit ihren Bagageträgerkolonnen Lager unterhalb des Krantzhügels zu beiden Seiten des Engare Nairobi.

Am selben Tage traf auch unser Kommandeur, Oberstleutnant v. Lettow-Vorbeck, der Sieger von Tanga, ein. Er kam bald auf den Krantzhügel herauf, um sich das Gelände anzusehen und die beste Verteidigungsstellung auszusuchen. Lange stand er, umgeben von seinem Stabe, auf dem höchsten Punkte des Hügels und sah zum Longidogebirge hinüber. Man sah ihm die Trauer an, daß jene Stellung mit vier herrlichen Wasserstellen, der Schlüssel unserer Front, trotz siegreichen Gefechts hatte geräumt werden müssen. Es war das erste Stück deutscher Erde, das der Besetzung durch den Feind preisgegeben wurde!

Nach längerer Beobachtung des Geländes lud mich unser Oberst mit den Worten: »Wir sind beide nicht mehr die Jüngsten« ein, auf einem Haufen leerer Säcke neben ihm Platz zu nehmen, und teilte mir mit, wie er über mich disponiert habe. Hier sei für mich nichts zu tun; der Krantzhügel (von jetzt ab der Telephonhügel genannt) solle zur befestigten Stellung ausgebaut werden. Ich solle den Urwaldposten Olmolog (meine alte Farm!), den zur Zeit Leutnant Kühn mit sechs Reitern meiner Kompanie und einigen Massaikriegern besetzt hielt, mit 90 Massaikriegern beziehen und Grenzwacht halten. Der Schütze Pfützner solle mich begleiten. Auf Veranlassung unseres Oberst bekam ich ein im Longidogefecht erbeutetes Lee-Medford-Gewehr, zwei Einundsiebziger und Munition für meinen neuen Posten geliefert.

Am nächsten Morgen traten Pfützner und ich in aller Frühe die Safari zum Olmolog an. 60 Ilmuran, d. h. Massaikrieger, waren bei mir, 10 waren schon auf dem Posten und 20 sollten mir in Kürze folgen. Außer den Ilmuran hatten wir 25 Träger, unsere Boys und 40 Schlachtochsen mit. Natürlich aßen wir bei Mutter Weber zu Mittag.

In dunkler Nacht langten wir am Urwaldrand an. Hier war vorläufig Schluß. Der Urwaldrand ist dort am Kilimandscharo meistens so dicht mit Unterholz, Gestrüpp und Schlingpflanzen durchwachsen, daß er zu einer undurchdringlichen Mauer werden kann. Man muß sich mühsam mit dem Buschmesser durchschlagen, bis man einen Elefantenpfad oder Nashornwechsel findet, der ungefähr in der Richtung läuft, die man einschlagen will. Tiefer in den Urwald hinein ist das Reisen nicht ganz so beschwerlich, aber ohne einen Vortrupp mit Buschmessern kommt man auch dort nicht recht vorwärts. In dunkler Nacht, und noch dazu mit Ochsen, in den Urwald einzudringen, wäre sehr schwer gewesen, auch waren Mensch und Vieh vom langen Marsch rechtschaffen müde. Ein Feuer, das wie ein Stern meilenweit in die Steppe hineingeleuchtet hätte, durften wir nicht machen; das Zelt aufzuschlagen, lohnte nicht mehr, da in wenigen Stunden der Morgen dämmern mußte. So blieb nur übrig, sich in seine Decke zu rollen, zähneklappernd dem Geschnatter der Nachtaffen zuzuhören und den Morgen abzuwarten.

Leutnant Kühn, den ich ablösen sollte, hatte seinen Posten irgendwo tief im Urwalde hinter der Farm Olmolog – so hatte mir wenigstens mein Kompanieführer gesagt. Näheres wußte der scheinbar auch nicht. Nun hieß es, den Posten finden. Früh am nächsten Morgen lag die ganze Welt um mich im dichten, feuchten Nebel. Fernsicht: zehn Schritt. Die Luftlinie von meinem Nachtlager bis zum »Posten Kühn« konnte kaum mehr als fünf Kilometer betragen. Wenn ich nur ungefähr gewußt hätte, in welcher Richtung der Posten lag! – Da! Was war das? Zwei Schritte vor mir sprang ein Stück Wild auf von der Größe unseres Damwildes und verschwand wie ein Blitz im Gestrüpp und Nebel. Ein Buschbock war es. Kein Herdentier wie alles Steppenwild, hält er sich gern am Rande des Urwaldes auf. Die Eingeborenen schätzen sein Fleisch nicht und essen es nur, wenn sie sonst hungern müßten. Tatsächlich hat sein Fleisch einen penetranten, beinahe ekelerregenden Wildgeschmack.

Ich beschloß, vorläufig mich am Urwaldrande entlang in nördlicher Richtung durchzuschlagen und gleichzeitig nach Wasser zu suchen; denn die Ochsen waren durstig. Pfützner führte. Ihm folgten einige Träger mit Buschmessern, dann die Ochsen, die, von Massai getrieben, die Bresche erweiterten, durch die die Lastenträger nun bequemer vorwärts kamen. Den Schluß dieser Karawane im Nebel bildete ich. Krieg, mein Hund, so genannt, weil er am Tage der Kriegserklärung geboren war, jagte in seinem jugendlichen Unverstand und Eifer Baumschliefer [Baumratte] auf die Bäume und die Kwale [Rebhuhn] aus dem Busch, bis er in Siafu [große braune Ameise] hineingeriet und heulend bei mir Schutz suchte. Er ruhte nicht, bis er vor mir auf dem Sattel saß und sich knurrend den ungewohnten Urwaldboden von oben ansehen konnte. Die Nachtaffen waren zur Ruhe gegangen. Dafür kollerten jetzt in jeder Richtung die langschwänzigen Colobusaffen. Sie jagten sich in den Bäumen und schimpften im tiefen Baß auf die Eindringlinge.

Nur langsam brachen wir uns Bahn durch das dichte Gestrüpp. Drei Stunden ging es so unter tropfenden Bäumen im dichten Nebel weiter. Ein Wasserloch hatten wir gefunden und die Tiere getränkt. Allmählich lichtete sich der Nebel, bis er ganz der Macht der Sonne wich. Nun hieß es, die Augen offen halten. Die Kameraden im versteckten Urwaldlager mußten doch auch ihren Morgenkaffee kochen, und ganz ohne Rauch würde das nicht abgehen, da alles Brennholz hier oben feucht war. Irgendwo über den Baumkronen mußte sich jetzt, als der Nebel immer höher am Kilimandscharo hinaufkroch und nur hier und da über besonders tiefen Schluchten Schwaden zurückließ, Rauch entdecken lassen. Richtig! Dort, halbrechts vor uns, noch ein gutes Stück in den Urwald hinein, wurde leichter Rauch gesehen. Eingeborene Wachagga, die Bewohner des Kilimandscharo, gab es auf dieser Seite des Berges nicht, auch zum Honigausbrennen kamen sie nicht so weit um den Berg herum. Dort, wo der Rauch war, mußte unser Posten sein oder – das Lager einer englischen Schleichpatrouille. Also auf den Rauch losgehalten. Ich ritt mit einigen mit Buschmessern bewaffneten Trägern voraus und hieß Pfützner mit der großen Karawane, deren Durchbruch durch das Unterholz nicht ohne allerhand Lärm abging, mir nach zehn Minuten folgen.

Vom Urwaldrande abbiegend, traf ich bald auf eine Bergwiese, die hellgrün mitten im dunklen Walde lag und deren hohes, hartes Gras meinem Reittiere bis an die Ohren reichte. Mollig warm und licht war es dort nach all der Feuchtigkeit und Dunkelheit des Waldes. Ein Serval, eine kleine Leopardenart, den nach den Strapazen der nächtlichen Jagd die ersten Strahlen der Morgensonne verlockt haben mochten, auf einem gefallenen Baumstamm zu ruhen und sich zu wärmen, schlich durch das hohe Gras ab. Vögel, die an Größe und Gestalt dem heimischen Häher gleichen, mit tiefblauen Rumpf- und Schwanzfedern und hellroten, quadratischen Flügeln huschten geräuschlos über die Waldwiese weg – ihren Namen kenne ich nicht. Große Schwalbenschwänze, schwarz und blau schillernd oder gelb mit schwarzen Strichen und Flecken, flogen am Rande der Lichtung von Busch zu Busch. Alle Geschöpfe suchten Licht und Wärme.

Nach diesem kurzen Lichtblick drang ich wieder in den Urwald ein. Endlich ließ ich auch die Träger mit meinem Reittiere und Hunde zurück und schlich mich der Stelle näher, wo der Rauch gesichtet worden war. Unnötige Vorsicht! Ein Träger des Postens, auf dem Rücken eine Milchkanne, die mir sehr bekannt vorkam, lief mir arglos in die Arme. Er sollte Trinkwasser holen, und die Milchkanne stammte unten von meiner Farm. Er gab mir nähere Auskunft, wo der Posten lag, und doch hörte ich die Kameraden schon lange schwätzen und lachen, ehe ich ihr Lager fand. So tief im Gebüsch versteckt standen ihre Zelte unter mächtigen, von Feuchtigkeit triefenden Bäumen. Dort wurde es sicher den ganzen Tag weder warm noch trocken. Die Kameraden schienen dies auch zu empfinden; denn sie waren froh, abgelöst zu werden. Nach einem gemeinsamen warmen Frühstück von Kongonifleisch rückten sie sofort ab.

Alleinherrscher im Urwald

Die kleine Regenzeit stand bevor. War es jetzt schon kalt und feucht hier oben im Urwalde, 2200 Meter über dem Meeresspiegel, wie würde das erst in der Regenzeit werden! Dort, wo auch an nebel- und regenfreien Tagen weder Licht noch Wärme hinkam, beschloß ich, nicht zu bleiben. Was Rheumatismus ist, wußte ich, und ganz verklammen wollte ich doch auch nicht. Die Lage des Postens gefiel mir, so versteckt sie an und für sich war, auch aus militärischen Gründen nicht. Man sah dort nichts von dem Gelände, das ich überwachen sollte. Für den Führer eines Europäerpostens mochte dieser Umstand keine Bedeutung haben, er konnte seine Leute ausschicken und sich auf ihre Beobachtungen verlassen. Als Führer von Massaikriegern glaubte ich anders handeln zu müssen. Ich mußte mein Lager am Urwaldrande haben, so daß ich einerseits vom Lager aus selbst das Gelände beobachten, andererseits die vorgeschobenen Massaiposten leicht kontrollieren konnte.

Ich brach daher mit meiner Karawane gleich nach Mittag wieder auf und suchte mir einen sonnigen Platz auf einer Waldwiese am Rande des Urwaldes aus. Mein Zelt, die Hütten der Boys und Träger sowie die Feuerstellen wurden so gelegt, daß sie gegen Sicht aus der Steppe gedeckt waren. Hingegen brauchte ich nur wenige Schritte von meinem Zelt zu gehen, um das ganze weite Vorgelände zu übersehen. Die Feuer durften nur nachts und am Tage nur, solange der Nebel lag, unterhalten werden, damit ihr Rauch uns nicht verriet. Mit zwei modernen Gewehren und zwei Einundsiebzigern, für die ich mir die Negerschützen erst noch ausbilden mußte, konnte ich an einen längeren Widerstand nicht denken. Meine Aufgabe hier war ja auch nicht, Schlachten zu schlagen oder Armeen aufzuhalten.

Die Massaikrieger rechneten in dieser Beziehung überhaupt nicht mit. Sowie es knallte, verschwanden sie. Ich nehme ihnen das an und für sich nicht weiter übel; denn nur mit Speer, Keule, Schwert und Schild ausgerüstet gegen moderne Feuerwaffen anzulaufen, muß kein besonders schönes Gefühl sein. Mir schienen aber die als kriegstüchtig berühmten und berüchtigten Massai doch einen viel feiner entwickelten Selbsterhaltungstrieb zu besitzen als irgendeine andere Negerrasse. Der Krieg in Deutsch-Ostafrika hat – gar nicht zu reden von den prächtigen regulären Askaritruppen – unzählige Beispiele persönlicher Tapferkeit, Kaltblütigkeit und anhänglicher Treue an ihren Bana seitens Neger aller Stämme geliefert. Von den Massai allein kann ich dies weder aus eigener Erfahrung sagen, noch habe ich je von einem solchen Fall gehört. Der Massai ist uns und wir sind ihm fremd geblieben. Ihn kümmert nur sein Vieh, und als Viehräuber scheut er auch Gefahren und selbst den Tod nicht.

Wenn man von den heutigen Massai auf ihre Ahnen schließen darf, so dürften letztere ihre Machtstellung in Deutsch-Ostafrika weniger durch ihre überlegene Tapferkeit als durch größere Heimtücke und Gaunerei erworben haben. Liefen sie gegen einen Stamm an, der gleich schlau und gleich gut bewaffnet war, wie z. B. die Wachagga am Kilimandscharo, dann wurden sie abgeschlagen.

Da es über dem Herrichten meines Lagers inzwischen Abend geworden war, schickte ich für diese Nacht eine starke Massaipatrouille zum Gehöft Olmolog hinunter, um dieses und die Wasserstelle in seiner Nähe zu beobachten. Am nächsten Tage sollten die Stellungen für vorgeschobene Feldwachen ausgesucht werden. Im Lager wurden drei intelligentere Träger zu einem Nachtwächterdienst organisiert. Dies war ein Notbehelf. Pfützner und ich wollten täglich Patrouillen reiten, folglich konnten wir nicht auch Nachtwachen schuften. Die Trägernachtgarde wurde eingerichtet, um unser Gewissen zu beruhigen und damit alles, was unter den gegebenen Umständen möglich war, getan war.

Wir hatten unser Zelt zwar nicht direkt auf einen Elefantenwechsel gesetzt, aber durch die Waldwiese, auf der wir lagerten, führte ein solcher, und ganz frische Losung lag auch dort. Leoparden waren am Urwaldrande ebenfalls häufig genug. Daß der Feind uns aus eigener Initiative nachts finden und ausheben könnte, war sehr unwahrscheinlich – fanden wir doch selbst, wenn wir nach Dunkelwerden von Patrouille zurückkamen, anfangs nur mit Mühe unser Lager wieder. Die einzige wirkliche Gefahr lag darin, daß meine Massai unser Lager verrieten und den Feind nächtlicherweile heranführten. Hiergegen ließen sich freilich überhaupt keine Schutzmaßregeln treffen. So wurden also die Nachtwächter, die wir zu ihrem großen Stolz unsere Ruga-ruga [Hilfskrieger] nannten, mit dem Einundsiebziger ausgebildet, damit doch jemand da sei, der zu den durchkommenden Elefanten und Leoparden husch-husch sagen konnte. Wie alle Nachtwächter hielten sie sich entweder in der Nähe des Zeltes auf und gaben ihr Wachsein durch erkünsteltes Gehuste und Gepruste zu erkennen, oder sie schliefen irgendwo weit weg im Gebüsch, damit ich ihr Schnarchen nicht hören sollte. Das zweite war mir das liebere; dann konnte ich doch auch ungestört schlafen.

So, nun saß ich also im Urwald auf Grenzposten, weit, weit weg von allen, die ein höheres Gehalt bezogen. Wie schön das ist, wird mir jeder Soldat nachfühlen. Kein Feldtelephon, kein Heliographenapparat auf dreißig Kilometer im Umkreise – Kinder, war das schön!

Der Schütze Pfützner, der mit seiner Minna – keine Angst! Minna hieß sein Maultier – mein einziger Gefährte war, erwies sich als ein durchaus zuverlässiger, verständiger und umgänglicher Mann, mit dem sich abends gelegentlich ein Artillerieskat spielen ließ. Ich habe vergessen, wie die Berechnung bei diesem Skat zu zweien ist, aber ich schulde Pfützner heute noch achtzehn Flaschen Bier als Endresultat von fünfmonatigem Spiel. – Wir spielten um Bier, nicht etwa, weil wir Bier gehabt hätten. Im Gegenteil, wir sehnten uns nur sehr danach, und darum spielten wir um Bier. Es war eine angenehme Illusion, am Schluß eines Spielabends sagen zu können: »So, wenn wir jetzt Bier hätten, sollte uns die gewonnene Flasche gut munden! Bier müßte hier oben im kühlen Urwald, nachdem es im eiskalten Quellwasser kalt gestanden hat, recht trinkbar sein. Im heißen Küstenklima ist es nicht das richtige Getränk; da soll man, wenn man seine Leber lieb hat, nur Whisky trinken. Hier oben aber, im rein europäischen Klima, würde uns eine Flasche Bier nichts schaden.« So argumentierten wir gerne und beschlossen, das Spielresultat nach dem Kriege gemeinsam auszutrinken.

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Dieser Vorsatz, das Bier gemeinsam zu trinken, kann nie mehr zur Ausführung kommen – jedenfalls nicht in dieser Welt. Der gute Pfützner, der inzwischen Unteroffizier geworden war, ritt am 1. August 1916 bei der Station Kidete an der Mittellandbahn auf eine Mine. Die Kameraden begruben seine Überreste, wie eine Tafel anzeigt, links von der Station unter einem großen Baum. Er war ein braver Mensch, ein guter Kamerad und ein pflichttreuer Soldat.

An jenem ersten Abend im Urwaldlager spielten wir noch nicht Artillerieskat. Eine wichtige Frage lag noch zur Beratung vor: die der Verpflegung. Für die Träger und Massai war gesorgt. Die ersteren bekamen täglich ihr Maismehl und zweimal in der Woche Fleisch, die Massai, die nie Pflanzenkost genießen, täglich ihr Fleisch. Wenn der Proviant zu Ende ging, brauchte ich nur bei der Etappe neuen anzufordern. Aber wir Europäer bekamen täglich unsere drei Rupien Verpflegungsgeld und sollten für uns selber sorgen. Nun gab es zwar in unserm Lager am Krantzhügel auch damals schon ein Magazin, in dem man kaufen konnte, wenn zufällig was drin war, aber für die auf Außenposten Kommandierten war es kaum je möglich, rechtzeitig den Anschluß zu erreichen. Zu unserm Glück waren wir nicht auf dieses Magazin allein angewiesen. Für mich sorgte in mütterlicher Treue Frau Weber, zu der ein flinker Bote in einem Tage hin- und herlaufen konnte, und Pfützner hatte seine kurz vor dem Kriege angefangene Farm am Kingoribach, zwischen Kilimandscharo und Meru. Er bekam wöchentlich eine Sendung Farmprodukte von seinem schwarzen Aufseher. Wild gab es in der Steppe vor dem Posten in Herden zu Tausenden und, da die Massai den Kopf des Ochsen nicht essen (warum, habe ich nicht ergründen können), hatten wir mehr Ochsenzungen und -hirn, als in der Speisefolge gut unterzubringen war.

Später, als es aussah, als ob ich nie wieder von diesem Grenzposten würde abgelöst werden, legte ich mir oben im Urwald einen Gemüsegarten an. Außer Radis und Kopfsalat habe nicht ich, sondern mein Nachfolger geerntet. Erfahrungsgemäß wird man von einem Posten immer gerade dann abgelöst, wenn der Gemüsegarten anfängt, Ertrag zu bringen.

Die Verpflegungsfrage war somit geregelt und entwickelte sich historisch weiter. Wir lebten, wenn auch nicht so gut wie ich früher bei Mutter Weber, doch immer noch recht gut, und nachdem wir aus einigen Wellblechplatten vom Gehöft Olmolog ein Magazin für Eingeborenen- und Reittierverpflegung gebaut hatten, waren wir die Sorge um das tägliche Brot einstweilen los.

Am nächsten Morgen in aller Frühe ritten Pfützner und ich in Begleitung der Massaigruppenführer los, um geeignete Beobachtungsposten für die Massai auszusuchen. Eine dieser Feldwachen, die auf dem Lagumisherakrater, hätte ich am liebsten selbst bezogen, so herrlich ist es da oben.

Der Lagumishera, ein 1957 Meter hoher Vorkraterberg des Kilimandscharogebirges, hat den besterhaltenen Krater, den ich kennengelernt habe. Ich habe viele und große und viel größere Krater gesehen, aber keinen, der aus der Steppe so regelmäßig kegelförmig aufsteigt und dessen Wände ringsum so gut erhalten sind. Der Berg ist dicht mit niederem Wald und Busch bestanden, nur der Kraterrand ist frei von Vegetation.

Von der Seite meines Urwaldpostens, d. h. von Südwest, führt ein Nashornwechsel zum Krater, in dem ein kleiner See liegt, hinauf, so bequem zu reiten, als ob ihn ein Verschönerungsverein angelegt hätte. Alle losen Steine sind weggeräumt und alles im Wege stehende Buschwerk ist abgebrochen. Er hat nur den einen Übelstand, daß sein Anfang nicht leicht zu finden ist. Denn er fängt nicht am Fuß, sondern erst auf der halben Höhe des Berges an, dort, wo der Aufstieg beginnt steil zu werden. Bis dahin hat das Nashorn, das zum Wasser im Krater will, noch im Wandern gefressen, bald hier, bald dort, ohne einen bestimmten Wechsel einzuhalten. Erst da, wo die Steigung ihm unbequem zu werden anfängt, hat es sich im Zickzack den den Berg erklimmenden, ganz bestimmten Wechsel ausgetreten. Ganz außer Puste will auch das Nashorn beim Wasser nicht ankommen. Wer diesen Nashornwechsel hinaufreitet, muß es aber so einrichten, daß nicht gerade im selben Augenblick ein Nashorn vom Wasser in die Steppe zurückkehrt. Platz, einander harmlos auszuweichen, ist auf dem Wechsel nicht. Ein Nashorn füllt ihn genau aus, und besondere Höflichkeit darf man von ihm nicht erwarten.

Vom höchsten Punkte des Kraterrandes, auf dem ich meine Feldwache postierte, aus gesehen, liegt der ganze Krater handgreiflich nahe unter mir. Die Wände fallen wie die eines Trichters steil zur Kratersohle ab. Zum Teil sind sie dicht bewaldet, teils zeigt sich der nackte Fels. Unten im Krater liegt ein schöner grüner Teppich, in dessen Mitte sich schadhafte Stellen zeigen. Diese bildet der meist sumpfartige, zertrampelte Kratersee oder in der Trockenzeit dessen ausgedörrter Boden. Einzelne abgebröckelte Felsstücke liegen auf dem grünen Teppich, und am frühen Morgen kann man wohl einen Gepard oder Leoparden sich dort sonnen sehen. Wenn man Glück hat, überrascht man ein Nashorn bei der Tränke. Der Durchmesser des Kraters von Rand zu Rand ist kaum 300 Meter. Gerade weil der Krater so klein ist, kann man alle seine Teile mit einem Blick umfassen, und man erhält um so leichter eine Vorstellung davon, wie ein solcher Krater entstanden ist. Die Riesenkrater, von denen ich später zu erzählen haben werde, geben einem wegen ihrer Größe keine so klare Vorstellung; bei ihnen muß man sich das Gesamtbild erst zusammendenken.

Die Aussicht von da oben ist herrlich. Nach Süden zu beginnt fast am Fuße des Lagumishera der hier mindestens fünfundzwanzig Kilometer breite Urwald des Kilimandscharo in langen Wellen allmählich zum Fuß des Kibokraters aufzusteigen. Mächtig ragt darüber die Rückseite der Kraterwand des Kibo empor, die, Moschi zugewandt, die berühmte Schneekuppe bildet. Links davon erhebt sich der zu einzelnen spitzen Zacken zerbröckelte Krater des 5136 Meter hohen Mawensi, der nach dem Kibo der bedeutendste Krater des Kilimandscharogebirges ist und die meiste Zeit im Jahre auch Schnee trägt.

Nach Norden, Westen und Osten ist der Fernblick unbegrenzt. Zumal der Jäger hat hier in der trockenen Jahreszeit, wenn das Wild aus der dann wasserarmen Tiefsteppe in die Hochsteppe hinaufgezogen ist, seine helle Freude. Zebra und Kongoni, untermischt mit Grantgazellen und Tomsen, stehen, wohin das Auge blickt, in großen Herden überall in der Steppe. Elen und Schwarzfersen durchstreifen das hügelige und steinige Vorgelände, und in den trockenen Talmulden weilt das Oryx, der Spießbock. Mit dem Glase – denn sie gehen ungern weit aus der Tiefsteppe heraus – sieht man große Gnuherden. Wilde Strauße zeigen überall ihre runden Körper, und Giraffen, einzeln oder in Familientrupps, schieben, im Paßgange ambelnd, ihre langen Hälse durch die Gegend.

Wenn sie, von einem Löwen erschreckt, ihren Standort plötzlich wechseln und im Galopp abgehen, wirbeln diese Wildherden viel Staub auf. Man muß sich im Kriege davor hüten, in jeder Staubwolke einen marschierenden Feind zu vermuten, sonst käme man aus der Aufregung nie heraus. Die Staubwolke, die eine Truppenkolonne aufwirbelt, ist leicht von der des galoppierenden Wildes zu unterscheiden. Sie liegt niedriger über dem Gelände und zeigt sich dem Beobachter als ein langer, gleichmäßiger, nur nach dem Ende zu immer schwächer werdender Strich.

Vom Lagumishera gesehen, liegt die ganze schöne afrikanische Welt zu meinen Füßen – Berge, Wälder und Steppen. Die schöne, schöne Welt mit ihrem Tierreich ohne Menschen! So ein Fürstentum Birkenfeld übersehe ich mit einem Blick, ohne ein Haus oder auch nur die Hütte eines Eingeborenen zu erblicken. Ich kann mir einbilden, der einzige Mensch auf Gottes weiter Erde zu sein. Ich freue mich, daß ich dieses Bild noch in mich habe aufnehmen dürfen.

»Siafu!!!«

Die kleine Regenzeit, November und Dezember, war im Jahre 1914 nicht besonders stark gewesen, aber oben im Urwalde doch stark genug, um Milliarden von Siafu, jener großen braunen Ameise, denen das Wasser in ihre gewohnten Schlupfwinkel eindrang, in Marsch zu setzen auf die Suche nach trockenem Quartier. Wer mal im ostafrikanischen Urwalde gelagert hat, kennt sicher den Schreckensruf: »Siafu!!«

Müde hatte ich mich in meine Kamelhaardecken gerollt. Der Boy hatte die Laterne ausgelöscht, die Zelttür geschlossen und, wie jeden Abend, frische Asche vom Küchenfeuer auf den Aschenring gestreut, der das Zelt umfaßte zum Schutz gegen Siafu. Krieg, der den Urwaldboden verabscheute, lag zusammengerollt auf meinen Füßen, und an süßen Frieden denkend schlief ich ruhig ein – denn der Nachtwächter und die Nachtaffen störten mich schon längst nicht mehr.

Plötzlich, mitten in der Nacht, weckte mich Krieg. Wie ein Besessener trampelte er auf meinen Beinen herum und drehte sich dabei wie ein Kreisel um seine eigene Achse. Vor Wut und Angst heulend schoß er dann zur Zelttür hinaus und verschwand im nächtlichen Urwalde. Au! Au! – im selben Augenblick hatten sie mich auch schon beim Wickel. An den Beinen, am Hals, den Rücken rauf da, wo man nicht ankommen kann, überall bissen mich Siafu mit ihren scharfen starken Zangen. Ein Satz, wie ich war, rein in die Badewanne, die, für den Morgen mit kaltem Quellwasser frisch gefüllt, vor meinem Feldbett stand. Dabei schrie ich nach dem Nachtwächter und den Boys aus vollem Halse: »Siafu! Siafu!« Von allen Seiten stürzte Hilfe herbei. Licht wurde gemacht, und da hatten wir die Bescherung! Eine dicke Kolonne Siafu wälzte sich unter der Zeltwand durch, trotz dem Aschering. Sie hatten Besitz ergriffen von allem. Sie hingen schon an der Zeltdecke und ließen sich mir auf den Kopf fallen.

Jetzt begann der Kampf gegen die Siafu mit Feuer und Rauch. Die Boys, die Nachträte und noch einige herzugelaufene Träger fuhren mit brennenden Graswischen über den Fußboden und hüpften dabei schreiend und lachend von einem nackten Bein auf das andere. Ich saß unterdessen im Nachtanzuge im kalten Bade, fror und schimpfte, in ständiger Angst, daß meine Lebensretter mir das Zelt über dem Kopf anzünden würden. Ich suchte mir dabei Siafu ab, die sich so festgebissen hatten, daß sie auch unter Wasser nicht losließen; viele hatten sich derart festgehakt, daß, als ich sie abnehmen wollte, der Kopf abriß und an den Zangen in meinem Fell hängenblieb.

Giftig sind Siafu nicht, auch keine Seuchenüberträger, aber beißen tun sie infam. Ihre Macht liegt in der Zahl der Streiter, die sie zum Angriff verwenden. Kein Tier des Urwaldes oder der Steppe hält ihnen stand; mit Haut und Haaren fressen die Siafu das Tier auf, wenn es ihnen nicht entfliehen kann. Will man einen Elefantenschädel schön sauber gereinigt haben, legt man ihn für einige Tage neben ein Siafunest. Der Elefant aber, der seinen Schädel noch hat, das Nashorn, der Löwe, der Leopard, der Büffel, die Riesenschlange, um von kleineren Tierarten gar nicht zu sprechen, alle nehmen sie Reißaus vor den Siafu, alle haben sie in ihrer eigenen Sprache den Schreckensruf: »Siafu! Siafu!«

Wohl eine gute halbe Stunde – die Zähne fingen mir schon an zu klappern – saß ich in der Badewanne, ehe Rauch und Feuer die Siafukolonne bewog, ihre Marschrichtung nicht weiterhin durch mein Zelt zu nehmen. Nachdem noch alle einzelnen Bestandteile meines Lagers sorgfältig abgesucht waren, beendete ich mein übereiltes Morgenbad in der üblichen Weise, zog einen trockenen Schlafanzug an und kroch in meine Decken zurück. Der Morgen dämmerte schon, als Krieg wiederkam und sich vorsichtig auf meinen Füßen aufrollte. Er schämte sich sehr – denn er hatte das eklige Gefühl, seinen Herrn in der Stunde der Gefahr im Stich gelassen zu haben.

Krieg hatte Rasse und damit Schneid. Kaum fünf Monate alt, hat er schon auf der Jagd allein einen angeschossenen Kongonibullen gestellt. Wenn er sich auch noch recht ungeschickt dabei benahm und mehrere Male vom Bullen umgekollert worden war, so ging er doch unverdrossen immer aufs neue zum Angriff über. Sechs Monate alt, hat Krieg schon vor der Treiberkette einen Koongo nach Löwen abgesucht. Um so mehr wurmte es ihn, daß eine unüberwindliche innere Gewalt ihn zwang, vor Siafu auszureißen. Ich habe ihn dabei beobachten können; denn ich erlebte auch bei Tage Siafuüberfälle. Eine Weile pflegte Krieg sich zu wehren, er zog die Siafu einzeln aus seinem Pelz und biß sie tot. Aber was nützte das! Wenn er zehn erledigt hatte, saßen hundert mehr zwischen seinen Zehen, unterm Bauch und in den Nasenlöchern. Ja die, an denen er vorbeigebissen hatte, waren ihm sogar ins Maul gekrochen und hatten sich unter der Zunge oder im Zahnfleisch festgehakt. Konnte ich Krieg helfen, dann kam er zu mir, sprang an mir hoch und ließ sich mit der Geduld, die er unter den Umständen aufbringen konnte, wenn es überall zwickt, die Siafu absuchen. Konnte ich ihm nicht helfen, d. h. war ich selbst in heller Not, dann stieß Krieg ein langes klagendes Geheul aus und sauste ab. Wo er dann blieb und wie er die Siafu los wurde, weiß ich nicht. Wenn er endlich wiederkam, war er schämig und bockig. Er schämte sich, mich verlassen zu haben, und er ärgerte sich über mich, weil ich ihm nicht geholfen hatte. In diesem seelischen Konflikt konnte Krieg stundenlang in einer Ecke sitzen, mich, ohne mit den Augen zu blinken, anstarren und bocken.

Wenn man die Bienen mit einem Arbeitsvölkchen vergleicht, so darf man die Siafu auf der Reise nach trockenen Nestern oder nach neuer Nahrung mit einer wohlorganisierten Armee auf dem Marsche vergleichen. Sie marschieren in dicht geschlossenen Gruppenkolonnen. Hinter jeder Halbkompanie marschiert ein fetter Feldwebel, doppelt so groß und stark wie die Soldaten. Fußkranke und Nachzügler leidet er nicht, und seine starken Zangen sorgen dafür, daß ein gleichmäßiges Marschtempo innegehalten wird. Klappt ein Soldat zusammen, dann fressen ihn seine Kameraden im Weitermarsch auf und der Feldwebel jagt von hinten einen neuen Mann an seine Stelle. Lücken dürfen in der Kolonne nicht entstehen. Rechts und links, dicht neben der Kolonne, etwa bei jeder zehnten Gruppe, marschieren ebenfalls besonders starke Unteroffziere, die, wie die Feldwebel, Gewalt über Leben und Tod haben. Wehe dem Soldaten, der ohne Befehl die Kolonne verläßt! Auch er wird sofort auf Konto Marschproviant als restlos verbraucht gebucht.

Vor der Marschkolonne marschiert im Eilschritt, oft in Laufschritt übergehend, weit ausgeschwärmt die Spitzenkompanie, und auf beiden Seiten der Kolonne sind Seitendeckungen in großer Zahl herausgeschoben. Ständig treffen Meldungen von der Spitze und den Seitendeckungen ein, und im Marsch-Marsch laufen Befehlsempfänger rückwärts und vorwärts an der Marschkolonne entlang, um jede wichtigere Meldung bekanntzugeben. Unaufhaltsam wälzt sich inzwischen die Siafuarmee weiter. Vor zwei Stunden beobachtete ich die Spitze – noch ist kein Ende der Heeressäule zu sehen.

Begeben wir uns zur Spitzenkompanie. Anscheinend sehr aufregende Meldungen sind dort eingelaufen. Ein Bataillon Pioniere ist im Laufschritt vorgegangen. Der Grund der Erregung liegt klar zutage. Eine Wasserfurche vom letzten Regen her, dreißig Zentimeter breit, hat die Spitze aufgehalten. Der Spitzenführer hat bereits rechts und links nach einer Furt oder einem als Brücke dienenden Stück Fallholz in aller Eile suchen lassen. Vergebens. Also: Pioniere vor! Acht starke Pioniere halten sich mit ihren Beinen neben- und aneinander fest und nehmen mit ihren Zangen firmen Halt am Ufer. Weitere acht Pioniere klettern schon über sie weg und halten sich, untereinander fest verkettet, mit steifen Zangen an den ersten acht. So bauen sie immer weiter, bis in fabelhaft kurzer Zeit die dreißig Zentimeter Wasser von einer lebenden Brücke überspannt sind. Kaum ist die Verbindung mit dem andern Ufer hergestellt, die Brücke dort gut verankert und stramm angezogen, so ist die Spitzenkompanie auch schon hinüber. Eiligst schwärmt sie aufs neue aus, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Die Heeressäule, die keine Sekunde im Marsche aufgehalten wurde, beginnt sich über die Brücke zu wälzen. Zwei, drei Stunden mag der Übergang dauern – die Pioniere halten fest. Ersoffen, zertrampelt mögen sie sein – los lassen sie nicht.

Diese organisierten Marschbewegungen der Siafu haben mich stets sehr interessiert. Stört man sie nicht in ihrem Vorhaben, dann kann man sie in aller Ruhe aus allernächster Nähe beobachten. Solange sie auf dem Marsche sind, nehmen sie von Mensch und Tier nur nebenher Notiz. Wieder und wieder laufen mir die Soldaten der Seitendeckung über die Stiefeln und stürzen davon, um meine Gegenwart der Heeresleitung zu melden. Weiter passiert nichts, denn die Heeresleitung hat andere Pläne. Ließe ich es mir aber einfallen, z. B. mit meinem Stock die Marschkolonne ernstlich zu belästigen, d. h. mehr Soldaten totzuschlagen, als die Kameraden im Weitermarsch bequem auffressen könnten, dann würde ein Angriff auf mich befohlen werden. Wie sie sich entwickeln und unter Führung der dicken Feldwebel schwärmen, kann ich eventuell noch mit ansehen. Ehe es zum Sturmangriff kommt, hat sich der erfahrene Beobachter aber bereits verdrückt. Gegen Siafu kann man nur mit Feuer und starkem Rauch kämpfen. Andere Waffen gibt es nicht. Schlüge man mit einem Spaten oder Brett Hunderttausende tot, ebenso viele Millionen würden den Angriff erneuern, und zwar so lange erneuern, bis dem Bedrängten die Arme müde zur Seite hängen.

Auf Grenzwacht

Meine dienstliche Aufgabe war, die ausgestellten Feldwachen zu kontrollieren sowie Beobachtungspatrouillen auszuschicken. Beides war militärisch wenig erfreulich, denn die Massai waren keine willigen Soldaten. Besonders die fernliegenden Feldwachen liebten sie nicht; entweder sie gingen gar nicht erst hin oder sie verließen die Wache, lange bevor die Ablösung ankam. Erst als ich anfing, sie wegen Wachvergehen zur Prügelstrafe niederlegen zu lassen, wurde der Dienst etwas ernster genommen. Meine Versuche, Massai zu selbständigen Beobachtungspatrouillen zu verwenden, scheiterten gänzlich. Sie weigerten sich, allein über die Grenze zu gehen. Wenn ich selbst sie auf meinen Patrouillenritten mitnahm, mußte ich die ganze Zeit über aufpassen wie ein Schießhund, daß sie mir nicht ausrissen – ohne Massai kam ich als Schleichpatrouille stets weiter vorwärts als mit ihnen.

Das wurde mit einem Male anders, als Kommandant Krantz sich der Sache persönlich annahm. Er war inzwischen aus der Truppe entlassen worden und hatte als Zivilist einen Vertrag mit der Militärbehörde gemacht. Gegen ein Fixum von tausend Rupien per Monat organisierte er nun am Telephonhügel den Massainachrichten-, -aufklärungs- und -spionagedienst mit altem Eifer. Er schickte seine Massaispione allein auf Patrouille mit dem Erfolge, daß die aufregendsten, wildesten Dinge berichtet wurden. Gegen solche Resultate fiel die Tätigkeit meiner Massai natürlich sehr ab. So erschien er bei mir zur Inspizierung.

Als ich eines Abends von Patrouille zu meinem Urwaldlager zurückkam, lag Krantz zu meiner Überraschung dort unter einem Baum und erwartete mich. Er aß mit mir zu Abend, rollte auf und organisierte in bekannter Weise, sprach viel von seinen bemerkenswerten Erfolgen und ritt endlich im Mondschein mit den sechs ihn als Leib- und Ehrenwache begleitenden Ilmuran wieder ab, nachdem sein Erzspion, ein Deutsch sprechender Massai, einige meiner Massai stundenlang instruiert hatte.

Schon am nächsten Morgen zeigte sich der Erfolg. Als ich meine Massai fragte, wer eine Patrouille von drei Tagen zum englischen Namangalager am Erok laufen wolle, um Truppenbewegungen zu beobachten, meldeten sich sofort mehrere Ilmuran. Es war dies etwas auffällig, weil sich noch tags zuvor alle Massai einstimmig geweigert hatten, allein auf Patrouille zu gehen. Krantzens Vertrauensmann mußte doch mächtig auf ihren Patriotismus gewirkt haben! Daß diese Wirkung sich auf die beschränkte, auf die er eingewirkt hatte, war ja schließlich erklärlich. Aber es war doch merkwürdig, daß in Zukunft immer nur ein Teil meiner Massai freiwillig und allein auf Fernpatrouille ging. Es waren immer dieselben Leute, während der größere Teil sich nach wie vor weigerte, allein auf Patrouille zu gehen.

Die Meldungen, die meine neu umgebackenen Spione brachten, wurden nun ebenfalls von Tag zu Tag wilderer Natur. Zuletzt konnte man die Länge der feindlichen Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschiert sein sollten, nur noch mit einem Kilometermaß messen. Jedesmal, wenn die Spione zurückkamen, hätte ich an die Abteilung melden können: »Heute wieder fünf Kilometer!« Schade, daß ich meinen Ilmuran so gar nicht traute und in allen meinen Berichten die Unwahrscheinlichkeit der Massaimeldungen betonte. Ich wußte nach meinen eigenen Beobachtungen, daß etwa achthundert Mann feindlicher Truppen den Longido besetzt hielten – nach den Meldungen der Massai hätten es etwa fünfzigtausend sein müssen. Aber vorläufig glaubte man ihnen mehr als mir.

Inzwischen hatte ich mein Urwaldlager wiederholt auf andere Waldwiesen verlegt, da ich den Gedanken, daß meine Massai mich verraten könnten, nie ganz los wurde. Wenigstens wollte ich es dem Feinde erschweren, nachts mein Lager zu finden. Die ersten Kriegsweihnachten hatte ich im Urwald verlebt, Neujahr lag hinter mir und Kaisers Geburtstag wurde gefeiert. Das Hoch auf unsern obersten Kriegsherrn hatten wir in selbstgebrautem Honigbier ausgebracht. Ungemein solide war diese Feier überall verlaufen; denn wir befanden uns schon in der alkohollosen Zeit des Krieges. Das war aber recht gut. Denn die Engländer hatten damit gerechnet, daß alle unsere Vorposten am 28. Januar einen Bombenkater haben würden, und suchten an diesem Morgen an der ganzen Front alle unsere Vorposten durch starke Kampfpatrouillen gewaltsam aufzuklären.

Schon vor Tagesgrauen waren sie in meinem vor wenigen Tagen verlassenen Urwaldlager gewesen. Als sie dies leer gefunden hatten, waren sie zu dem etwa drei Viertel Stunden entfernten Gehöft hinuntergeritten. Uns alarmierte einer unserer Massai mit der Meldung: »Sehr viele Feinde im Gehöft!« Pfützner und ich eilten, um zunächst einen Überblick zu gewinnen, auf den Gipfel des Hufeisenberges – da sahen wir mit dem Feldglase die Engländer gerade abreiten; es waren achtzehn Reiter mit fünf Massailäufern.

Wir ritten nun zum Gehöft hinunter und »rekonstruierten das Verbrechen«, wie Sherlock Holmes sagen würde. Dies war höchst einfach; denn die Spuren waren alle noch frisch. Vom Norden her, genau über den Fleck, wo meine Massaifeldwache hätte stehen müssen, wenn sie der Instruktion gefolgt wäre, war die englische Patrouille angeritten. Am Wasser beim Gehöft, das zu beobachten die Massaifeldwache am Gehöft strengen Befehl hatte, hatten sie getränkt. Dann waren sie zu meinem kürzlich verlassenen Urwaldlager hinauf- und wieder zum Gehöft heruntergeritten und hatten schließlich auf der Baraza des Herrenhauses gefrühstückt – eine leider leere Sardinenbüchse zeugte noch davon.

Ich glaube zwar nicht, daß meine Massai den Feind an diesem Tage geführt haben, denn dann würden die Engländer nicht mein eben verlassenes Urwaldlager aufgesucht haben. Aber aus der Tatsache, daß dem Feinde mein altes Lager bekannt war und daß keine der Feldwachen funktionierte, ist zu schließen, daß einige meiner Massai mit den englischen Massai Shauri moja [gemeinsame Sache] gemacht haben. Sie hatten letzteren mein Urwaldlager verraten und sich während des Überfalles passiv verhalten, mit Ausnahme des einen, der uns die erste Meldung brachte. Es war unser Glück, daß die Wissenschaft der englischen Massai um einige Tage veraltet war. Im Engare Nairobilager glaubte auch nach meiner Meldung über diesen Vorfall noch niemand daran, daß die Massai Verräter seien.

Ich persönlich hatte in jenen Tagen einen Abschiedsschmerz – die fromme Helene wurde zur Infanterie versetzt. Ich erhielt dafür ein trotz hohen Alters flottes Maultier, das wegen seiner charakteristischen Unterlippe Alphons genannt wurde. Am Longido von den Engländern erbeutet, war Alphons, nach seinen Zähnen zu urteilen, hoch in den Zwanzigern. Seine Eselunarten hatte er gänzlich abgelegt. Wenn ich absaß und zu Fuß ging, lief Alphons mir nach wie ein Hund, auf Befehl blieb er so lange geduldig stehen, bis ich ihn wieder abholte. Alle seine Gangarten waren die eines Pferdes – nur wenn er sehr müde wurde, trabte er wie ein Esel und hielt es dann in dieser Gangart noch stundenlang aus. Ich habe wenige Maultiere kennengelernt, die alle Eigenschaften eines gut trainierten Patrouillentieres so in sich vereinigten wie Alphons.

Mein Alphons war also ein Beweis dafür, daß Maultiere zu zuverlässigen Patrouillentieren erzogen werden können. Die Maultiere meiner Kompanie freilich, die ja nicht regelrecht als Remonten eingestellt, sondern von überallher zusammengesucht waren und für deren vormilitärischen Mangel an Erziehung die Kompanie nicht verantwortlich war, blieben, wenn sie auch noch soviel lernten, doch immer bis zu einem gewissen Grade unberechenbar. Gelegentlich, und zwar gewöhnlich dann, wenn es am wenigsten paßte, verfielen sie wieder in ihre Eselunarten. Deshalb mag das Maultier, verglichen mit dem Pferd, für eine ostafrikanische berittene Truppe, deren Notwendigkeit der Krieg erwiesen hat, gewisse Nachteile haben. Und besonders in der Reitbahn und auf dem Exerzierplatze wird es sehr gegen das Pferd abfallen.

Auf der andern Seite hat aber das Maultier – gemeint ist ja immer der Maulesel – viele Vorzüge. Lange Patrouillen – die längste, die ich mitgeritten, dauerte fünf Wochen –, auf denen man Reittierverpflegung nicht mitnehmen kann und die Tiere sich in den kurzen Rastpausen von während der Trockenheit spärlichem, strohgelbem Gras zu nähren haben, haben die Maultiere stets besser überstanden als die Pferde. Im gebirgigen und steinigen Gelände tritt das Maultier viel sicherer als das Pferd mit europäischem Blut in den Adern, auch kann es schmale Eingeborenenpfade oder Wildwechsel viel leichter einhalten als ein breitspuriges Pferd. Endlich nutzen sich ihre kleinen harten Hufe auf hartem Boden lange nicht so schnell ab als die der Pferde besserer Zucht, wenn beide, wie es bei uns im Kriege der Fall war, unbeschlagen sind. Gegen Pferdesterbe und Tsetse ist das Maultier zwar auch nicht immun, aber doch viel widerstandsfähiger als ein Pferd mit nur einem Tropfen europäischen Blutes. Als ich nach zwei Kriegsjahren gefangen wurde und wir die gesunde Gegend des Nordens längst verlassen hatten, hatten wir bei der Kompanie noch eine ganze Anzahl Maultiere und Somaliponys, mit denen wir schon in den Krieg gezogen waren, aber außer der Fohlenstute Sophie kein einziges unserer ursprünglichen Pferde besseren Blutes mehr. Alle waren der Tsetse und Sterbe zum Opfer gefallen. Noch mit am längsten hatte mein Halbbluthengst Otto ausgehalten, der mir später zugeteilt wurde; er war in Afrika geboren, halb Araber, halb Ostpreuße.

Unsere Kavallerie braucht englische Reittiere

Die Berittene 9. Schützenkompanie lag inzwischen immer noch im Lager am Engare Nairobi als Teil der Abteilung Kraut. Als wichtige Neuerung erfuhr ich, daß im neuen Jahre nach und nach die früher internierten Buren, soweit sie sich bereit erklärt hatten, der deutschen Sache zu dienen, in den Kompanieverband aufgenommen worden waren.

Die Einstellung der Buren in meine Kompanie beweist schon, daß diese noch kaum auf dem Wege war, eine militärische Einheit zu sein, wie man sie sich in Deutschland unter einer Kompanie vorstellt. Sie war vielmehr immer noch mehr ein Verband verschiedener Patrouillenkorps und Außenposten (wie meiner z. B.), in dem auch viele Farmer dienten, die früher nie Soldaten gewesen waren. Die Schützen ritten freiwillig auf Patrouille in der Weise, daß sich die einen zu diesem, die andern zu jenem Patrouillenführer hingezogen fühlten und ihm besonders vertrauten, und immer gab es mehr Freiwillige, als gebraucht wurden. Diejenigen, die nicht auf Patrouille, Außen- oder Beobachtungsposten waren, ruhten im Lager und pflegten sich und ihre Tiere für die Strapazen einer neuen Patrouille. Besonderen Dienst hatten sie nicht, und daran, sie infanteristisch oder kavalleristisch auszubilden, dachte damals niemand. Wir hatten Leute in der Kompanie, die wegen besonderer Tapferkeit vorm Feinde zum Gefreiten und Unteroffzier befördert worden waren, aber ihren Vorgesetzten mit der Pfeife im Munde und einer Hand in der Hosentasche grüßten, auch Rechtsum und Linksum nicht unterschieden. Rangabzeichen trug kein Mensch, und ein Fremder hätte aus dem außerdienstlichen Benehmen von Offizieren und Mannschaften nie herausgefunden, wer Vorgesetzter und wer Untergebener war. Kommissig ging es also bei der Kompanie sicher nicht zu. Dafür aber verstanden fast alle aus dem ff zu reiten (wenn auch nicht vorschriftsmäßig), zu schießen, zu hungern und zu dursten.

Bei dieser ungebundenen Art fanden sich die Buren leidlich in ihre neue Lage. Sie ritten auch einige Male Patrouillen mit Oberleutnant Büchsel, dann aber zogen sie es doch vor, ein Patrouillenkorps für sich zu bilden. Piet Nievenhuizen und Louis van Rooyen waren ihre anerkannten Führer. Schon wiederholt hatten diese beiden das Namangalager der Engländer am Erok beschlichen, und der Plan war in ihnen gereift, den Engländern Reittiere oder einen Ochsentransport, jedenfalls etwas Bewegliches, für das Beutegeld ausgesetzt war, abzutreiben.

Anfang März 1915 – das genaue Datum weiß ich nicht mehr – trafen die beiden Genannten in Begleitung der Buren Piet Joubert, Nicolas Visser, Tobias Knott, Frank Niels, Lawrenz, Alwin Botha, des Deutschen Max Truppel, der vor dem Kriege für Hagenbeck Tiere fing, und des Ungarn Roth, eines früheren Missionars, gegen Abend auf meinem Urwaldposten ein. Ihr Proviant waren Burenhartbrot und Hammelkeule am Spieß gebraten. Piet Nievenhuizen teilte mir seine Pläne mit, und um denselben mehr Aussicht auf sicheren Erfolg zu verschaffen, beschlossen wir, daß ich während der nächsten Tage keine Massaipatrouille zum Longido senden sollte. Mitten in der Nacht ritt die Burenpatrouille weiter.

In der nächsten Nacht ritten sie bis auf einige Kilometer an das englische Lager heran, gedeckt vom Schilfwalde der Namangasümpfe. Hier teilten sie sich; denn von hier sollte die Unternehmung zu Fuß weitergehen. Botha, Knott, Niels und Lawrenz nahmen sämtliche Reittiere, sechs davon ohne Sattel und Zaumzeug, und kehrten mit diesen ins deutsche Lager zurück. Nievenhuizen, van Rooyen, Joubert, Visser, Truppel und Roth schulterten ihre Sättel und Zaumzeuge und schlichen sich, auf allen vieren kriechend, durch die frisch abgebrannte, offene Steppe unter dem englischen Lager vorbei und dann im weiten Bogen um dasselbe herum, bis sie nördlich oberhalb desselben am Bergrande die Tränkstelle erreicht hatten, an der die Reittiere des Namangalagers nach früheren Beobachtungen jeden Morgen zwischen acht und neun Uhr getränkt wurden. Im Gebüsch, nahe der Tränkstelle, legten sie sich an drei Punkten zu je zwei Mann auf die Lauer; denn es galt, auf alle Fälle den berittenen und bewaffneten Engländer, der die Tiere als Pferdewache zu begleiten pflegte, ohne viel Lärm lebendig zu fangen.

Der Morgen graute. Es wurde acht Uhr. Es wurde neun Uhr. Nichts zeigte sich. Es wurde zehn Uhr. Immer kamen die Tiere noch nicht zur Tränke. Sollten sie gerade heute vom Lager abwesend sein? Konnte der Anschlag dem Feinde doch verraten worden sein? Es wurde elf Uhr. Die Erregung macht wahnsinnig durstig, der ganze Wasservorrat war längst ausgetrunken, aber zur nahen, offenliegenden Tränke durfte sich keiner wagen, und noch immer kamen die englischen Reittiere nicht.

Da endlich, gegen elf Uhr dreißig, zeigten sich die Tiere. Kein Berittener war mit ihnen. Ein Engländer zu Fuß, die Pfeife im Munde, einen Schauerroman in der einen, die Whiskyflasche in der andern Rocktasche, den Karabiner unter dem Arm, schlenkerte vor den Tieren her. Jedenfalls hatte er sich vorgenommen, die Pferdewache recht gemütlich zu verbringen. Zwei eingeborene Pferdepfleger trieben die Tiere hinten an.

Bei van Rooyen und Truppel kam der Engländer am nächsten vorbei. Truppel nahm ihn, im Gebüsch kniend, aufs Korn, und van Rooyen stand plötzlich vor dem arglosen Pferdewächter mit den Worten: Hands up! Pfeife und Karabiner entfielen dem Ärmsten gleichzeitig. Ohne ein Wort ergab er sich in sein Schicksal.

Zur gleichen Zeit trieben die anderen die Tiere zur Tränke und sattelten und zäumten die sechs ersten besten in Windeseile. Visser, der sich rasch auf ein ungesatteltes Tier geschwungen hatte, versuchte die beiden Eingeborenen, die wild schreiend zum englischen Lager zurückflüchteten, abzufangen – vergebens.

Alles war soweit nach dem Programm verlaufen, nur ärgerte man sich, daß man nicht achtzig Tiere, die wenige Tage vorher noch an der Tränkstelle gezählt worden waren, sondern nur einundsechzig gekapert hatte; neunzehn waren nach Angabe des Gefangenen am Tage vorher mit ihren Reitern in ein anderes Lager versetzt worden. Ferner hatte man nicht damit gerechnet, daß der auf Pferdewache kommandierte Engländer unberitten sein würde; ein Reservesattel war für diesen Fall nicht vorgesehen. Freilich auch mit seiner Flasche Whisky hatte man nicht gerechnet, folglich mußte diese erst mal daran glauben. Ja, es half alles nichts – mitgenommen mußte der Kriegsgefangene werden! Er mußte sich halt auf ein ungesatteltes Tier klemmen, und Roths Revolver mußte es ihm klarmachen, daß er bei Lebensgefahr nicht abfallen dürfe.

Nun also los! Spitze ritten Nievenhuizen und Truppel. Dann kamen elf oder zwölf Tiere, dann Roth mit dem Gefangenen. Wieder Tiere, dann kam Visser; noch mehr Tiere, und endlich kamen van Rooyen und Joubert. Es ging immer nur Galopp, was die Tiere laufen konnten. Zuerst, am Fuß des Erok, war das Gelände sehr ungünstig, brüchig und steinig. Der Gefangene mag seine liebe Not gehabt haben, oben zu bleiben; er wird sich schön festgeklemmt haben, und es ist kein Wunder, daß er sich bald durchgeritten hatte. Als sie glücklich vom Berg herunter waren, schlug Nievenhuizen nicht die Richtung nach Süden ein, weil das die Richtung zu unserm Kompanielager war und der Feind sicher erwartete, daß die Raider diesen kürzesten Weg einschlagen würden. Tatsächlich war der Abtrieb aller Reittiere vom Namangalager, dessen jetzt unberittene Besatzung selbst nichts unternehmen konnte, sofort zum Longidolager der Engländer telephonisch gemeldet worden. Von dort war auch sogleich eine starke Truppe dorthin vorgeschickt worden, wo, wie man glaubte, die Pferderaider ihren Weg nehmen würden.

Nievenhuizen hatte dies alles vorausgesehen. Er führte in das englische Gebiet hinein, in nordöstlicher Richtung. Nahe am Low-Hills-Lager der Engländer, auf Vorbergen des Erok gelegen, ging die wilde Jagd vorbei hinein in die dichte Dornbuschsteppe nördlich der Namangasümpfe. Vordringen konnte man hier nur auf Nashornwechseln, die kreuz und quer durch den Busch laufen. Nur ein Nievenhuizen konnte hier zurechtfinden und, ohne einmal zu irren oder auch nur eine Sekunde zu zaudern, sicher führen.

Nach einem Galopp von eineinhalb Stunden wurde kurz haltgemacht, um die Sättel auf frische Tiere zu legen. Dann ging es im Karacho weiter. Eine Staubwolke verfolgender Kavallerie zeigte sich aus der Richtung des Low-Hills-Lagers. Unsere Raider beunruhigte dies nicht. Solange sie ständig Tiere wechseln konnten, hatten die, die immer auf denselben Tieren hinter ihnen her ritten, nichts Besorgniserregendes. Tatsächlich blieb die Staubwolke immer weiter zurück.

Allmählich schwenkte Nievenhuizen aus nordöstlicher Richtung mehr nach Südosten um. Das Gehöft der Farm Olmolog war sein Endziel für diesen Tag. Hatte er das erst erreicht, so konnte er, wenn die Verfolgung nicht nachließ und der Feind an Gefechtskraft stark überlegen sein sollte, die Beutetiere in den bergenden Urwald des Kilimandscharo hineintreiben. Ich kannte im Urwald, in den ich an mehreren Stellen tief eingedrungen war, Wasserläufe und Waldwiesen genug, wo wir uns mit der Beute bergen konnten, bis die Luft rein war oder Verstärkung ankam. Im Urwald hätte eine ganze Armee vergeblich nach uns gesucht.

Nachdem die Pferderaider noch mehrere Male auf frische Tiere umgesattelt hatten, auch den Kriegsgefangenen, dessen Sitzfläche höllisch zu brennen anfing, auf ein gesatteltes Tier hatten steigen lassen, während abwechselnd einer der Raider auf blankem Tier ritt, kamen sie um 4 Uhr dreißig nachmittags am Brakwasser auf der unteren Olmologfarm an. Fünf Stunden hatte der halsbrecherische Galopp gedauert. Am Brakwasser wurde eine Stunde Rast gemacht und getränkt.

Kurz vor dem Brakwasser, da, wo die Buschsteppe offen wird und hier und da, von Salzkrusten bedeckt, hell in der Sonne leuchtet, trafen unsere Raider unerwartet auf eine Patrouille von vier oder fünf Reitern der eigenen Kompanie unter Führung des Unteroffiziers Obst, genannt Bana matunda, der nach den Nyirisümpfen wollte und von dem Pferderaid keine Ahnung hatte. Als Bana matunda und seine Getreuen die siebzig vermeintlichen Reiter in dicken Staub gehüllt aus feindlicher Richtung angaloppieren sahen, rissen sie aus wie Schafleder und wurden nicht mehr gesehen.

Solch drollige Episoden gab es genug im Kriege. Zuweilen endeten sie tragisch. Genau wie wir bei meiner Gefangennahme arglos mitten in den Feind hineinritten, den wir für Freund hielten, ist es auch oft genug vorgekommen, daß man Freund für Feind hielt und daß eine Partei ausriß, wenn sie nicht gar beide gleichzeitig ausrissen. Wir hatten zu Anfang breite schwarzweißrote Binden um den linken Oberarm getragen, als einziges Uniformstück zum Zivilanzug; solange diese Binden, die weithin leuchteten, Mode waren, war es noch leidlich möglich, Freund von Feind zu unterscheiden. Die ersten Gefechte hatten aber gezeigt, daß die leuchtenden Armbinden auch ihre Nachteile hatten. Herzschüsse wurden zu häufig; die weithin leuchtende Armbinde des liegend schießenden Schützen war genau vor der Herzgegend. Zur Zeit des Pferderaids war es Mode, die Armbinde aufzurollen, sobald man das Lager verließ. Später wurde nur auf der rechten Schulter längs des Ärmelsaumes eine schmale schwarzweißrote Borte aufgenäht, die beim Schießen durch den Gewehrkolben verdeckt war. Noch später mußten wir auf das Tragen der deutschen Farben ganz verzichten, einfach weil es in der Kriegszone keine farbigen Stoffe und keine Zivilisten mehr gab.

Bana matundas Verhalten war durchaus korrekt. Er sah etwa siebzig Reiter auf sich loskommen, die gesamte deutsch-ostafrikanische Kavallerie, d. h. die Berittene 9. Schützenkompanie, war damals aber überhaupt nur etwa sechzig Reiter stark, alle Posten eingerechnet. Diese sechzig Reiter hatten auf einer Front von fünfundsiebzig Kilometern ein stellenweise hundert Kilometer tiefes, völlig unbewohntes Gelände abzupatrouillieren. Wie viele Kavalleriedivisionen man zu Hause in einem solchen Geländeabschnitt verwenden würde, weiß ich nicht zu sagen. Unsere Patrouillen, selten mehr als vier bis sechs Mann stark, waren immer mehrere Tage, oft über eine Woche draußen, ohne unterdessen mit der Truppe Verbindung zu haben. Folglich wußten sie nie, was inzwischen geschehen war. Oft war die Parole gewechselt worden, ehe sie heimkamen, und es galt allgemein als der gefahrvollste Augenblick eines Patrouillenrittes, durch unsere eigene Askaripostenkette durchzukommen, ohne angeknallt zu werden. Die Engländer ritten ihre Patrouillen meistens sechzig bis hundert Mann stark. Wenn unsere Patrouille die feindliche nicht rechtzeitig sah und sich in einen Hinterhalt legen konnte, war an ein Gefecht gar nicht zu denken. Wußte man, daß man vom zehnfach überlegenen Feind zuerst gesehen worden war, dann galt es, sich schleunigst zu verkrümeln. Das war meistens leicht. Das Gelände war wie geschaffen zum Versteckspielen. –

Als die Pferderaider sich und ihre stark ermüdeten Tiere am Brakwasser eine Stunde ausgeruht hatten, trieben sie ihre Beute, jetzt im ruhigen Tempo, zum Olmologgehöft und brachten sie dort gegen zehn Uhr abends in den Stallungen für die Nacht unter. Roth und Truppel waren seit dem Weitermarsch vom Brakwasser mit zwei lahmen Tieren hinter den andern zurückgeblieben. Da beide das Gelände nicht genau kannten und da die Nacht stockfinster wurde, hätten sie unfehlbar die Spur verloren, wenn nicht ein junges Eselein, das vom Namangalager her den Raidern freiwillig gefolgt war, bei den lahmen Tieren zurückgeblieben wäre und jetzt die Führung übernommen hätte. Mit tödlicher Sicherheit folgte das Eselein der Spur des Haupttrupps.

Mit den Beutetieren und dem deutsch gesinnten Eselein trafen die Raider am nächsten Morgen im Engare-Nairobi-Lager ein. Sie erhielten eine glänzende Ovation und pro Mann 1164 Rupien Beutegeld. Die Buren erhielten außerdem noch jeder ein Eigentumspferd. Der gefangene Engländer – ich glaube, er hieß Batman – wurde riesig gefeiert und mit Liebesgaben überhäuft. Kurze Zeit mußte er stille liegen und seinen wundgerittenen Hintern pflegen. Dann wurde er in ein Gefangenenkonzentrationslager weitergeschafft.

Ein Konkurrenzunternehmen

Die erste, direkte Folge dieses glänzend gelungenen Raids war eine Armeevermehrung, die Vermehrung der deutsch-ostafrikanischen Kavallerie. Man hätte die Berittene Neunte verstärken können, ohne Gefahr zu laufen, daß sie dadurch allzu kriegsstark werden würde. Aber in der Armeeleitung hielt man es mit Recht für besser, auch bei der glorreichen deutsch-ostafrikanischen Kavallerie das einzuführen, worauf allein aller Fortschritt in der Welt beruht, nämlich die Konkurrenz. Die Berittene Neunte, bekannt als »die Einzige«, die Elitekompanie, bekam also Konkurrenz in der neuformierten Berittenen 8. Schützenkompanie, unter Führung von Hauptmann v. Boemcken, einem Offizier aus Deutsch-Südwestafrika, der vor Kriegsausbruch seine Urlaubsreise in Deutsch-Ostafrika unterbrochen hatte. Da sich die Männer der Achten rühmten, uns mal zeigen zu wollen, wie man durch die Gegend fliege, wurden sie von uns die »Fliegenden Hunde« genannt. Zusammengestellt wurde die Achte aus Europäern der an der Nordfront befindlichen Europäer- und Askarikompanien, die sich freiwillig zum Dienst in der Kavallerie gemeldet hatten. Unsere Buren, die aus dem Naturell der Trekburen heraus nie mit dem zufrieden sind, was die Gegenwart bringt, ließen sich zur Achten versetzen. Es gefiel ihnen dort noch weniger, als es ihnen bei der Neunten gefallen hatte, und wenige Wochen später wurden sie auf eigenen Wunsch zur letzteren zurückversetzt.

Die zweite Folge des Raids war indirekter Natur. Die von Krantzens Vertrauensmann ausgebildeten Massaispione hatten in letzter Zeit die ungeheuersten Dinge ausspioniert, und beinahe hätte die Abteilung Kraut auf ihre Meldungen hin die feste Stellung am Engare Nairobi geräumt; die Bagage der Abteilung war schon nach Kware zurückgeschafft worden, und die Zivilbevölkerung hinter unserer Front baute bereits ab.

Kilometerlange Truppenkolonnen, die vom Erok zum Longido marschieren sollten, hatten, wie wir wissen, die Massaispione schon seit längerer Zeit gemeldet. Jetzt meldeten sie plötzlich, daß diese Truppen kleine Leute mit Schlitzaugen wären. Da hatten wir also die Gelbe Gefahr, die Japaner! Die Massai hatten sie gesehen. Krantz sah sie durch ihre Augen lebhaft mit und predigte armrollend die große japanische Invasion in den grellsten Farben. Wie meine Siafu im Urwald wälzte sich vor seinem geistigen Auge der Heerwurm der Japaner hinein in das Longidogebirge, bis dieses überlaufen und die Japanerflut ganz Deutsch-Ostafrika bedecken würde.

Die Aufregung im Engare-Nairobi-Lager soll damals nicht schlecht gewesen sein. In zwölfter Stunde fragte das Kommando nochmals bei mir an, was ich von diesen Meldungen hielte. Aus vollster Überzeugung konnte ich meine längst und wiederholt vertretene Ansicht nochmals zusammenfassen in die lakonische Meldung: »Glaube kein Wort davon. Nach meinen Beobachtungen schätze feindliche Stärke am Longido auf sechs- bis achthundert Engländer und Inder.«

In diese von Japanergerüchten schwangere Zeit hinein traf der kriegsgefangene Engländer Batman im Engare-Nairobi-Lager ein, und auf einmal fiel das ganze Massaikartenhaus zusammen. Batman kannte alle deutschen Massaispione ganz gut von Ansehen, waren sie doch im englischen Lager ein und aus gegangen, als ob sie dort zu Hause wären!!

Um dem Spionagedienst alle Unbequemlichkeiten einer persönlichen Gefahr abzustreifen und um Belohnung von beiden kriegführenden Parteien einstecken zu können, war Krantzens Erzspion auf den genialen Gedanken gekommen, die Nationalität in diesem Kriege ganz auszuschalten und Dienst auf beiden Seiten zu tun. Er hatte mehrere Massai in diesen Plan eingeweiht, und diese drängten sich plötzlich zu den Fernpatrouillen, an deren anderm Ende es ebenfalls viel Fleisch und Belohnungen gab. Alle unsere Stellungen und Posten hatten diese Massaihelden dem Feinde verraten, und die Engländer hatten durch ihre gewaltsame Erkundung unserer Außenposten am Morgen nach Kaisers Geburtstag nur die Meldung unserer Ilmuran nachprüfen wollen, denn sie wußten, daß die Lüge einem jeden Massai zur zweiten Natur geworden ist, und trauten ihnen so wenig, wie Krantz ihnen hätte trauen sollen.

Nachdem nun auch den fanatischsten Anhängern der Krantzschen Theorie die Augen aufgegangen waren, wurden alle Massai hinter die Front zurück in ihr Reservat gejagt und der Befehl erlassen, jeden Massai, der vor der Front getroffen würde, abzuschießen.

Mutter der Kompanie

Fast fünf Monate hatte ich im melancholischen Urwald gehaust und in den lichten Steppen täglich meine Patrouillen geritten, ohne mich auch nur eine Stunde zu langweilen. In der Erfüllung meines Dienstes konnte ich mich an den Wundern des afrikanischen Tier- und Pflanzenlebens erfreuen und zugleich auch noch Pläne für die Friedenszeit schmieden. Hatte ich doch vor Kriegsausbruch gerade an dieser Stelle eine große Viehfarm einrichten wollen. Wie hätte ich je bessere Gelegenheit finden können, die 15 000 Hektar große Farm in allen ihren Teilen so gründlich kennenzulernen als auf meinen Patrouillenritten, die mich immer wieder durch die entlegensten Schluchten und Winkel der Farm führten?! Und wie schön war es, Alleinherrscher auf meinem Posten zu sein, weit weg von Vorgesetzten und Telephon! All diese Herrlichkeit hatte ein rasches Ende, als am Nachmittage des 14. April 1915 folgender militärisch kurzer Befehl an mich eintraf: »Sie haben sich mit Ihrem ganzen Posten zum Doppelberg in Marsch zu setzen und dort beim Kompanieführer zu melden. Büchsel, Kompanieführer.«

Im Engare-Nairobi-Lager hatte es Veränderungen gegeben. Hauptmann Kraut war Major geworden und hatte an der Tavetafront eine andere Abteilung erhalten; Hauptmann Fischer, der mit seiner 8. Askarikompanie die 10. ablöste, war Führer der Abteilung geworden, und die Führung meiner Kompanie war an Oberleutnant zur See Büchsel übergegangen. Alle Kompanien, die jetzt zur Abteilung Fischer gehörten, hatten das alte Lager unten am Fluß verlassen und auf den Hügeln neue Lager bezogen. Die 8. Askarikompanie und der Abteilungsstab lagen auf dem Telephonhügel (dem früheren Krantzhügel), der durch Ausheben von Schützengräben und Unterständen unterminiert war, die 21. Askarikompanie, die neue Berittene Achte und meine liebe Neunte lagen auf dem benachbarten »Doppelberg«.

So marschierte ich denn am Morgen nach Eingang des Befehls in aller Frühe in strömendem Regen durch den Urwald. Der Boden war so aufgeweicht und glitschig, daß meine Träger alle Augenblicke ausrutschten und ihre Last in den Dreck schmissen, daß es nur so klatschte. Alphons und Minna trippelten vorsichtig und schlidderten die Schluchten, die wir passieren mußten, auf ihren Hanken sitzend hinunter, die Vorderbeine weit und steif nach vorn gestemmt. Meine Stimmung war abschiedschwer und scheußlich. Nicht einmal rauchen konnte ich. Die Zigarette wurde jedesmal sofort durch einen Guß aus einer Baumkrone in Brei verwandelt. Der einzige Vergnügte in der Kolonne war Krieg. Er schien zu ahnen, daß er das Kreuz seines jungen Lebens, die infamen Siafu, für immer los wurde.

Um zwei Uhr nachmittags traf ich im Doppelberglager ein und meldete mich bei meinem Kompanieführer. Er nahm mich sehr freundlich auf und erklärte mir, Zugführer habe er mehr als er brauche, aber niemand, der ihm geeignet scheine, die Dienste des etatsmäßigen Feldwebels einer Kompanie zu übernehmen, die bislang überhaupt noch keinen Feldwebel und weder Feldwebelbüro noch regelmäßige Buchführung gehabt hätte. Er glaube, daß ich als erfahrener, älterer Mann mich ganz besonders für diesen Posten eignen würde, und er beabsichtige, mich zum Dienst des Etatsmäßigen zu kommandieren.

Damit war ich entlassen und zur Mutter der Kompanie geworden. Ich wußte damals noch nicht, was das zu bedeuten hat. Später habe ich es begriffen, und eine unbegrenzte Hochachtung für alle Etatsmäßigen der deutschen Armee und Marine ist während meiner stümperhaften Bemühungen, es ihnen gleichzutun, in mir emporgewachsen.

Als Kompaniemutter bezog ich eine geräumige Grashütte, die, in der Mitte durchgeteilt, zur Hälfte das Feldwebelbüro und zur andern Hälfte mein Wohn- und Schlafzimmer enthielt. Das Büro war bereits fertig mit großem Tisch, Stühlen, einigen Borten und – o Jammer! – mit einem Telephonkasten, an dem die schwarze grinsende Telephonordonnanz schon sprungbereit saß, um mich, sei es Tag oder Nacht, an den Hörer zu schleppen, sobald der Simteufel, wie er ihn nannte, bimmelte.

Das Telephon ist, wie man mir allerseits versichert, im modernen Leben so notwendig geworden, daß man sich das Dasein ohne Telephon gar nicht mehr vorstellen kann. Das ist ein Irrtum. Wer es nicht glaubt, gehe in Urwald und Steppe von Deutsch-Ostafrika, und er wird lernen, daß das Leben ohne Telephon erst richtig anfängt.

Mit trüben Gedanken an den Telephonteufel und an die Feldwebelgeschäfte überhaupt, zu denen mir jegliche Vorbildung abging, rollte ich mich in meine Kamelhaardecken. Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ich als Einjähriger gedient. Was trieb damals eigentlich mein Wachtmeister? Eine wichtige, gefürchtete Persönlichkeit war er gewesen – dessen entsann ich mich. Aber was machte der Mann, der immer so geheimnisvoll mit dem dicken Notizbuch auf der Brust zwischen dem zweiten und vierten Knopf des Waffenrockes über dem Ganzen schwebte und stets da auftauchte, wo wir ihn am wenigsten erwarteten und, vom Standpunkte des Soldaten, am ehesten missen konnten? Jedermann war stets im Druck, wenn er auf der Bildfläche erschien, und Urlaubskarten mußten wir auch bei ihm abholen. Jener Wachtmeister war ein Berliner Kind und konnte fürchterlich sarkastisch schimpfen. Wenn ich daran denke, läuft es mir noch heute kalt über den Rücken. Zu Weihnachten schenkten wir Einjährigen dem Wachtmeister einen Extrasäbel. Oder war es ein Piano? – Na, das konnte ja gut werden!

Bilder und Typen aus dem Lagerleben

»Bana, bana, Kahawa tayari« [Herr, o Herr, der Kaffee ist bereit], flüsterte mein Boy Sakiva, ein Mchagga vom Kilimandscharo, der mir damit in seiner sanften Art anzeigen wollte, daß es Zeit für mich sei, aufzustehen. Ich bin ein leichter Schläfer und an Frühaufstehen gewöhnt. Wäre ich es nicht, dann wäre ich von Sakivas Geflüster nie aufgewacht. Wie die Boys der Kameraden, die sich schwerer vom Schlaf trennten, diese wach kriegten, habe ich mir aus Zartgefühl nie angesehen. Gehört habe ich es oft. Das heißt, gehört habe ich nur die Kameraden; die Boys hört man bei dieser Zeremonie nicht. Wäre es nicht immer noch so dunkel gewesen, dann hätte ich aus vielen Grashütten des Lagers schattenhafte Gestalten vor einem Hagel von Wurfgeschossen eiligst flüchten sehen können.

Da stand also neben der vom Boy angezündeten Sturmlaterne eine Tasse schwarzen Kaffees auf einer Kiste am Kopfende meines Bettes, und vor diesem, so daß ich nur hineinzufallen brauchte, meine Badewanne voll kalten Wassers. »Bett« hätte ich nicht sagen sollen. In einem Bett habe ich in den zwei Jahren an der Front in Deutsch-Ostafrika nur eine Nacht geschlafen, und zwar im Quartier bei dem Farmer Egger am Meru. Dort schlief ich in einem richtiggehenden Bett. Das heißt, ich lag darin und – wachte. Vor lauter Staunen über diesen ungewohnten Luxus konnte ich nicht schlafen. In unsern Feldlagern hatten wir keine Betten. War das Lager lange genug auf demselben Fleck, dann wurden Kitandas gebaut.

Wenn man in das Taschenwörterbuch der Suahelisprache von Professor Dr. Velten schaut, findet man Kitanda mit »Bett, Bettstelle« übersetzt. Zu übersetzen wüßte ich das Wort auch nicht anders, aber wer bei unserer Kitanda im Kriege an ein gutes deutsches Bett denkt, bekommt doch eine falsche Vorstellung. Zum Bau einer Kitanda ist seitens des Europäers weiter nichts erforderlich als der Besitz von Veltens besagtem Taschenwörterbuch. Er schlägt nach: »machen« = kufanya, ruft seinen Boy und sagt: »fanya kitanda« und geht zum Früh- oder Abendschoppen, je nach der Tageszeit.

Der Boy pflanzt unterdessen vier Stöcke mit gabelförmigen Enden, die er sich irgendwo abgehauen hat, fest in die Erde, die Gabeln nach oben. Die vier Gabelstöcke bilden die Ecken eines Rechteckes, das die Länge des Bana und die Breite eines Meters hat. In die Gabeln legt der Boy zwei Längs- und zwei Querstangen, die er mit Bast anbindet. Auf das so ein bis eineinhalb Fuß über dem Erdboden entstandene Gestell bindet der Boy querüber mit Bast dicht nebeneinander geschmeidige, dünne Stöcke.

Ich sage immer: Der Boy tut das und das. Natürlich tut kein Boy, der das geringste Ehrgefühl für seinen Stand im Leibe hat, etwas selbst, solange er noch irgendwo einen Mpagazi [Träger] oder Buschneger auftreiben kann, über den er kraft der Stellung seines Herrn Autorität ausüben zu können glaubt. Die eigene Würde nach der Würde seines Herrn einzuschätzen, ist ein typischer und an sich ganz menschlicher Zug, der wohl nicht nur Negerdienern eigen ist. Im gewöhnlichen Leben wird dieser Zug meistens Heiterkeit, selten Unwillen erregen. Unter militärischer Ordnung war er oft recht unbequem. Meine Boys haben einmal sogar fünfzehn Hiebe bekommen, weil sie, immer und immer wieder vom Größenwahn gestochen, glaubten, als »waboi ya bana Feldwebel« die für den Troß bestimmten Kompaniebefehle nicht ausführen zu brauchen. Mit den Boys der Offiziere war es genau so. Ein Offiziersboy, der mir vom Unteroffizier vom Dienst gemeldet und vorgeführt wurde, da er beim Posho[tägliche Ration]-Empfang ständig fehlte, berief sich allen Ernstes darauf, er sei doch »boy ya bana von«.

Für mich war es stets ein schwerer Gang, wenn ich zur Aufrechterhaltung der Disziplin und Ordnung einen Askari, Boy oder Mpagazi zur Bestrafung melden und dann noch zu meiner eigenen Pein der Strafvollziehung persönlich beiwohnen mußte. Den Asiaten gegenüber, den Chinesen, mit denen ich in Australien hatte arbeiten müssen, und den Massai, die auch asiatischer Abstammung sein sollen, ist es mir nie schwer geworden, nötigenfalls mein Herz zu härten. Dem afrikanischen Neger habe ich, weder in Süd- noch in Ostafrika, niemals ernstlich böse sein können. Sie sind solche Naturkinder, und selbst ihre Gassenbubenstreiche kommen meistens aus einem so fröhlich kindlichen Gemüt, daß man sie trotzdem liebhaben muß.

Und wie treu waren sie ihrem Herrn ergeben! Sakiva und mein zweiter Boy Petro, dessen ganze Empfehlung, in Ermangelung des sonst üblichen Dienstbuches, ein bei einer Rauferei verlorenes Auge und der Umstand waren, daß er von einer Mission ausgerissen war, sind vom Anfang des Krieges bis zu meiner Gefangennahme zu Ende des dritten Kriegsjahres ohne einen Tag Urlaub mit mir in Deutsch-Ostafrika herumgezogen. Mein Koch Mohamadi, die Perle aller Köche, die ich mir erst erwarb, nachdem ich mich acht Monate mit einem Koch gequält hatte, unter dessen Händen alles, was er ansetzte, letzten Endes zu Irish stew wurde, war ebenfalls bis zum letzten Tage bei mir.

Auf dem Rückmarsch vom Posten Engaruka zu meiner Kompanie zur Zeit des Beginns der großen englischen Offensive Anfang 1916 war ich noch gerade eben vor dem Feinde durchgekommen. Meine Bagage, Koch, Boys, Wapagazi und Krieg hatte ich der Abteilung Aruscha übergeben, die im Begriff stand, große Bagage zur Mittellandbahn abgehen zu lassen. Diese Bagage fiel in die Hand des Feindes. Als bei dieser Gelegenheit alle Träger ausgerissen waren, rettete Mohamadi seine Kochkiste und jeder Boy eine Last. Anstatt sich nun mit diesen Schätzen in den nahen heimatlichen Urwald am Kilimandscharo – alle drei waren Wachagga – auf Nimmerwiedersehen zu verbergen, nahmen sie jeder seine Last auf den Kopf – was das für den Stolz eines Koches oder Boys bedeutet, versteht nur der Afrikaner – und suchten mich im ganzen großen Deutsch-Ostafrika. Erst nach fünfwöchigen Irrfahrten haben sie mich gefunden. Petro, der man immer ’n büschen dünn war, war zum Skelett abgemagert, und Sakiva raste derartig im Fieber, daß er gleich auf die Krankenliste mußte. Wer sich über die Wiedervereinigung mehr freute – meine drei schwarzen Kriegsgefährten, Krieg oder ich, wäre schwer zu entscheiden gewesen. Gebärden taten wir uns alle fünf wie toll und – nach langer Zeit gab es zum erstenmal wieder etwas Schmackhaftes zu essen.

Das war ja gerade die Kunst von Mohamadi, daß er überall, unter allen Umständen, ob Proviant da war oder nicht, seinem Bana irgend etwas Schmackhaftes, appetitlich serviert, vorzusetzen wußte. Kaum war der Befehl zur Marschpause bis zur Trägerkolonne durchgedrungen, hatte Mohamadi schon ein oder zwei Pötte über seinem Feuer. Dauerte die Pause nicht lange genug, um das Essen fertigzumachen, dann nahm er die dampfende Speise mit auf den Marsch, um sie beim nächsten Halt weiterzukochen, zu rösten oder zu schmoren. War auch nur einer meiner drei Getreuen bei mir, dann war ich stets mit allem Notwendigen versehen. Leider hatten wir Berittenen die Bagage, die zu Fuß ging, nicht immer bei uns.

Doch zurück zum Bau der Kitanda. Auf das wie beschrieben entstandene Gestell wird eine dicke – am dicksten am Kopfende – Schicht weichen Heus gelegt, die wie eine Matratze durch schmale Baststreifen auf die Lade festgenäht wird. Nun ist die Kitanda fertig. Wenn man ein gutes Gewissen hat und nicht gar zu arg empfänglich für Flöhe ist, schläft es sich, in die Pferdedecken gewickelt, großartig darauf. Feinschmecker in Kitandaangelegenheiten, besonders solche, die auf das Federn des Unterbettes Gewicht legen, lassen über das Gestell nicht biegsame Stöcke legen, sondern angefeuchtete Rindshautstreifen kreuz und quer ziehen, die, wenn sie trocken werden und sich stramm eingespannt haben, ein sehr elastisches Unterbett bilden.

Wenn ich nicht in dem festen Glauben lebte, daß alles in der Natur wunderbar zu meinem endgültigen Besten eingerichtet sei, müßte ich mich doch wundern, warum Ungeziefer mich immer gerade an den Orten am meisten peinigt, von denen ich nicht weglaufen kann. Nie haben mich, trotz täglichen Kochens meines einzigen Hemdes und, wenn dieses trocken war, meiner einzigen Hose, Kleiderläuse so vorgenommen, wie während der denkwürdigen Tage, die ich als Kriegsgefangener in Kondoa eingesperrt war; wohl aus Mangel an Energie, einen andern Platz zu suchen, aus dem wir nicht ausbrechen konnten, hatten die Engländer uns in das alte Eingeborenengefängnis mit etwa hundert Buschnegern zusammengesperrt. Nie haben mich Wanzen so gepiesackt, wie in Ahmednagar hinter dem Stacheldraht. Nie im Leben bin ich so von Flöhen gebissen worden, wie in den Grashütten und Graskitanden unserer ostafrikanischen Feldlager, wo ich als Feldwebel doch nicht entweichen konnte. Weder die häufige Erneuerung des Bettheus noch die peinlichste persönliche Sauberkeit nützen das geringste. Um die Flöhe loszuwerden, hätte man jeden Sonnabend das ganze Lager abbrennen müssen. Das ging natürlich nicht. Daß wir so viele Flöhe in unsern Feldlagern hatten, war zum Teil freilich unsere eigene Schuld. Die meisten von uns hatten einen Hund, viele hatten zwei Hunde, Trommershausen deren fünf oder sechs, und Martin Köhler, der Schaf-, Hühner-, Bienen- und Brieftaubenzüchter vom Meru, selbstverständlich eine Hundezucht. Diese treuen Gefährten des Menschen und unser Troß von Dienern und Trägern schleppten die Flöhe getreulich von einem Lager zum andern.

Da ich doch mal bei dem Thema »Floh« bin, will ich gleich einen besonderen Vertreter dieser Spezies erwähnen. Er war mir eine neue Bekanntschaft; in Australien und Südafrika hatte ich diesen Floh noch nicht kennengelernt. Er ist von Amerika importiert und dann vom Westen nach dem Osten durch Afrika verschleppt worden. Er hopst nicht vergnügt und offenkundig durchs Leben wie unser Hausfloh, sondern versteckt sich heimlich im Staub und Sand und lauert dort tückisch unter dem Namen »Sandfloh« auf seine Opfer. Hat sich was Nacktes in den Sand gesetzt oder fegt der Staub über nackte Füße, dann sagt Vater Sandfloh zu Mutter Sandfloh: »So, Altsche, nun ist es Zeit, niederzukommen.« Flugs bohrt sich die Alte unter die nackte Haut unter oder an der Seite der Zehennägel oder da ein, wo sie sonst eine weiche Stelle oder eine besonders bequeme Hautpore findet, und der Besitzer dieser Haut hat wieder mal einen Sandfloh.

Zuerst winzig klein und kaum erkennbar, läßt Mutter Sandfloh nun ihren Eiersack unter der Haut wachsen und, wenn sie niemand stört, bringt sie es damit bis zur respektablen Größe einer Bohne. Schlau ist sie dabei, teuflisch schlau. Sie sticht nicht, sie beißt nicht, sie zwickt nicht, nur ganz leise kitzelt sie ihr Opfer, so daß der Unerfahrene die Gefahr nicht ahnt, die an der sanft errötenden Stelle seiner kleinen Zehe anwächst. Er fühlt weder einen Schmerz noch ein Brennen oder Jucken, sondern nur einen sanften, ich möchte sagen wollüstigen Kitzel.

Nun ist es die höchste Zeit, den Boy zu rufen und »tafuta funza« [suche den Sandfloh] zu sagen. Der Boy holt sich eine Nähnadel – denn er ist natürlich auch der Flickschneider seines Bana –, sterilisiert sie im Feuer oder in der Lichtflamme, hockt nieder, nimmt deinen Fuß auf seinen Schoß und operiert mit einem Geschick und einer Zartheit, die nur die Übung und das Leiden am selben Übel erzeugen können. Rechtzeitig gerufen, ist der Boy dieser Operation immer gewachsen, und in Gegenden vieler Sandflöhe, gegen die weder Reinlichkeit noch Stiefel und Strümpfe absolut schützen, läßt man sich am praktischsten seine Füße täglich vom Boy genau untersuchen. Bei der weiteren Entwicklung des Eiersacks und gar beim Auskriechen der Maden können schwere Entzündungen eintreten. Leute meiner Kompanie wurden wochenlang dienstuntauglich durch Mutter Sandfloh und ihre Zicken. Neger mit verkrüppelten Füßen und Löchern in ihrer Sitzfläche sind, besonders in der Nähe von Karawanenstraßen, keine Seltenheit. –

Ich begann in diesem Kapitel die Schilderung eines Tageslaufs eines ostafrikanischen Etatsmäßigen mit dem sanften Wecken meines Boys. Inzwischen ist es höchste Zeit geworden, aufzustehen. Die Tasse schwarzen Kaffees und eine Morgenzigarette in der Kitanda haben mich ganz munter gemacht. Also nun schnell ins Wasser! Denn vor dem Kompaniebüro treten schon die hundertfünfzig zur Kompanie gehörigen und die fünfzig von der Abteilung geborgten Wapagazi zur Arbeit an. Der Kompanieschreiber, Unteroffzier Horn, verliest ihre Namen, und der Unteroffizier vom Tagesdienst geht vor ihrer Front auf und ab, ärgerlich, daß er so früh hat aufstehen müssen. Kalt war es ganz infam, und Alkohol zum Zähneputzen war für Geld nicht mehr zu haben. Wir befanden uns damals in der Zeit, in der der europäische Alkohol, der noch im Lande war, nicht mehr bis an die Front kam. Er reichte nicht mehr für beide, für Etappenpersonal und Frontsoldaten. Der Fehler lag also beim Alkohol – nicht etwa beim Etappenpersonal. Ein Hoffnungsstrahl leuchtete aber bereits hinein in diese trockene, durstige Zeit. Amani, die biologisch-landwirtschaftliche Versuchsstation, war daran, einen Whiskyersatz zu erfinden.

Die Träger waren natürlich nicht vollzählig zur Stelle, und die besten Listen des Unteroffiziers Horn stimmten mal wieder nicht. Unteroffizier Horn, Missionsbautechniker aus Aruscha, von der Kompanie »der Gesundbeter« genannt, ein unermüdlicher Arbeiter und der bravsten Soldaten einer, konnte noch so lange Reden halten, der Feldwebel und der Kompanieführer konnten – in umgekehrter Reihenfolge – sich noch so böse stellen, die Listen stimmten auf den ersten Anhieb nie mit den Trägern überein.

Die Trägeraufseher, meistens nur dadurch kenntlich, daß sie träger waren als die Träger und einen Regenschirm besaßen, und drei frühere Polizeiaskari, die der Trägerkolonne als Wächter zugeteilt waren, suchten nun die Trägerhütten heim und brachten die Drückeberger zum Vorschein. Unteroffizier Horn zählte sie und las die Namen nochmals vor, was nicht so einfach ist wie etwa beim Militär zu Hause. Die Neger sind so frühmorgens noch ganz dösig, und viele haben in ihrem Leben schon so viele »Alias« gehabt, daß sie sich, aus dem Halbschlaf plötzlich aufgeschreckt, auf ihren gegenwärtigen Namen nicht besinnen können. Es stimmte also immer noch nicht. Die Hospitalkranken wurden aufgerechnet, die Revierkranken zur Seite gestellt. Stimmte immer noch nicht genau, aber wir waren nicht mehr ganz so weit entfernt von der Richtigkeit. Da fiel dem Unteroffizier Horn plötzlich ein, daß er gestern sechs Träger zur Etappe Geraragua geschickt hatte, die noch nicht zurück waren. Na also! Der erste große Kampf des Tages war beendet.

Inzwischen war der Kompaniebaumeister, der Unteroffizier Karl Blaich, auf der Bildfläche erschienen – einer unserer umsichtigsten Patrouillenreiter und, ehe wir Buren zur Kompanie bekamen, wohl neben Unteroffzier Thiele der beste Porikenner und Patrouillenspitzenreiter. Karl Blaich war von deutschen Eltern in Palästina geboren, dort groß geworden, und manchen langen Patrouillenritt hat er mir verkürzt mit der Schilderung der dortigen Siedlungsverhältnisse. Seine beiden Vettern Gotthilf und Bernhard Blaich, der letztere wegen seines jugendlichen Aussehens von den Kameraden »Mariechen« genannt, waren ebenfalls bei der Kompanie. Deren Vater, ein schon älterer, aber noch rüstiger Mann, hatte ein hübsches Anwesen im Aruschabezirk, und wer mal sehen will, was eine fleißige Familie mit geringen Anfangsmitteln aus Wald- und Steppenboden Ostafrikas in wenigen Jahren machen kann, braucht nur Vater Blaich am Ussa zu besuchen.

Vater Blaichs Gastfreundschaft kannte keine Grenzen. Meine Kompanie hat eine Nacht bei ihm in Quartier gelegen. Das war Ende 1915. Wenn die Kompanie später mal ausnahmsweise – durch die Unvorsichtigkeit irgendeines Etappenfritzen – was Gutes zu essen erwischte, dann sagte August Dehnecke, der soviel verdrücken konnte wie zwei gewöhnliche Sterbliche, in seinem langsamen, tiefen Baß: »So gut wie bei Mutter Blaich ist es doch nicht!« Das Essen bei Mutter Blaich war der Maßstab geworden, an dem die Kompanie seit jenem unvergeßlichen Quartier alle materiellen Genüsse maß.

Während alle andern, die nicht auf Patrouille waren, sich im Lager aalten, mußte der Unteroffzier Karl Blaich immer gleich wieder ins Geschirr, sobald er von Patrouille zurückkam. Unteroffzier Blaich baute. Wie im Hades Sysiphos nie aufhört, den schweren Stein zu rollen, so hörte Karl Blaich nie auf zu bauen. Er baute aus Gras Soldatenwohnungen, Pferdeställe, Latrinen, Küchen, Trägerhütten ohne Zahl. War ein Lager halb, drei Viertel oder gar neun Zehntel fertig, dann wurde es sicher aus strategischen Gründen verlegt, und Karl Blaich mußte wieder neu anfangen zu bauen. Wenn Karl Blaich Fieber hatte, baute er Graspaläste in seinen Fieberträumen, einen noch kunstvoller als den andern. Alpdrücken äußerte sich bei ihm in Bauten, die nicht in Reih und Glied oder lotrecht stehen bleiben wollten.

Heute war Karl Blaich nicht auf Patrouille, folglich baute er heute. Ob es ein Sonntag oder ein Wochentag war, wußte in der ganzen Kompanie höchstens der Gesundbeter. Karl Blaich wußte es nicht. Er baute. Alle Träger, die nicht bestimmt waren, Futtergras für die Reittiere zu schneiden oder Proviant für Mensch und Tier von der nächsten rückwärtigen Etappe zu holen, bekam Unteroffizier Blaich zugeteilt. Mit Hilfe seines Adjutanten, des Gefreiten Knepper aus Sachsen, teilte er die Träger flink zur Arbeit ein.

Der Gefreite Knepper, im Zivilberuf Missionshandwerker, war die wandelnde Handwerkerstätte. Was er in seinen bauschigen Hosentaschen nicht bei sich trug, braucht man auch im Felde nicht. Wie seine Hosentaschen, die ihm wachend oder schlafend stets ein Viertel Meter von den mächtigen Schenkeln abstanden, waren auch die enormen Packtaschen am Sattel seines Reittieres bis zum Platzen gefüllt. War jemandem aber auf dem Marsch der Bügelriemen, der Bauchgurt gerissen oder am eigenen Leibe etwas abgesprungen oder geplatzt, so hatte sicher der Gefreite Knepper Handwerkszeug und Flickmaterial in der Tasche. Es bedurfte nur einiger, seine Fürsorge lobender Worte, und sofort beugte sich Kneppers großes, vor Gutmütigkeit strahlendes Gesicht über den reparaturbedürftigen Gegenstand. Während er fädelte und flickte, erzählte er gerne, wie er sich als Handwerksbursche auf der Walze durch Europa angewöhnt habe, stets eine Miniaturtischler-, -schneider- und -sattlerwerkstätte in seinen Hosentaschen mitzuschleppen.

Noch eine Gewohnheit hatte der Gefreite Knepper von der Walze her. Wenn wir auf nächtlicher Schleichpatrouille so dicht am Feinde waren, daß wir weder absatteln noch unsern Mantel abschnallen durften, aber diejenigen, die nicht gerade Posten standen, doch mit dem Zügel im Arm gern ein wenig pennen wollten, dann zog Knepper seine Jacke aus und wickelte sie um Füße und Beine bis zum Knie. Er behauptete, wenn die Beine warm wären, wäre der ganze Körper warm. In einer solchen Nacht, in der die Hundekälte mich nicht einschlafen ließ, dachte ich an Kneppers Worte und wickelte mir meine Jacke um die Füße. Bei mir funktionierte die Methode, die auf Kneppers Jugend und Konstitution zugeschnitten sein mochte, leider nicht. Mich fror schlimmer als zuvor, und am nächsten Tage hatte ich einen tüchtigen Schnupfen. Ob an dem von Knepper vertretenen alten Wanderbrauch was Wahres ist, können meine jüngeren Leser, wenn sie mal draußen nächtigen, leicht an sich selbst ausprobieren. Darüber diskutieren können wir mit dem stets hilfsbereiten Gefreiten Knepper leider nicht mehr, denn auch er ist ein Opfer des Krieges geworden.

Blaich und Knepper stellten also die Träger an. Die einen hatten Löcher in die Erde zu machen zur Aufnahme der Hauspfeiler, andere wurden in den Urwald geschickt, um das Holz zu holen, und wieder andere in die Steppe, um langes Gras zum Decken zu schneiden. So eine Grashütte zu bauen ist kein großes Kunststück für den, der einmal beim Bau mit offenen Augen zugesehen hat. Wenn ich es hier näher beschreibe, so tue ich das nur für die Leser, die noch nicht in Grashütten lebten – alte Afrikakrieger mögen getrost eine Seite überschlagen.

Nachdem Karl Blaich mit einem Bastseil den rechteckigen Grundriß der Hütte auf einem Stück vorher planierten Bodens sorgfältig und im Einklange mit dem Lagerplan festgelegt hatte, ließ er auf den Ecken vier starke Holzpfeiler einsetzen, zwei Meter hoch, mit den Gabelenden nach oben. Zwischen diese wurden auf den beiden Kurzseiten des Rechtecks zwei vier Meter hohe Pfeiler gepflanzt, die den Firstbalken tragen sollten; je steiler das Dach wird, desto leichter läuft der Tropenregen von ihm ab. Auf den beiden Langseiten des Rechteckes wurden in Abständen von einem Meter etwas schwächere Pfeiler gesetzt, von gleicher Höhe wie die Eckpfeiler und mit diesen hübsch eingerichtet. In die Gabeln sämtlicher Pfeiler der Langseiten wurden die Dachbalken und in die Gabeln der Firstbalkenträger der Firstbalken gelegt. Dann wurden, damit sich beim Auflegen des Daches die beiden Seitenfachwerke der Hütte nicht nach außen legten, diese durch selbstgedrehte starke Bastseile miteinander und mit den Firstbalkenträgern verbunden. Damit war das Skelett der Grashütte fertig.

Inzwischen haben einige besonders begabte Neger die Dachsparren an ihrem dicken Ende je mit einer Einkerbung versehen, die über den Firstbalken fassen soll. Die Dachsparren wurden je nach ihrer Stärke näher zusammen oder weiter auseinander aufgelegt, und dann wurden alle Holzteile dort, wo sie sich treffen, mit Bast fest miteinander verschnürt. Jetzt stand das Fachwerk so sicher, daß ein Dutzend Neger darauf klettern und auf die Dachsparren die Dachlatten anbinden konnten, die irgendeinem Gesträuch, möglichst ähnlich unsern Weidenruten, entnommen wurden. Mit demselben Material wurde das Fachwerk der Wände, den Tür- und Fensteröffnungen Rechnung tragend, überbunden. Nun erst war der Moment da, wo das Gras beim Grashüttenbau zur Geltung kam. Das Grasdach wurde gelegt wie bei uns zu Hause ein Schilfdach, nur weniger dick und, da wir doch bald wieder umziehen würden, einstweilen weniger sorgsam; ehe die Regenzeit kam, wurden alle Hütten noch mal nachgedeckt. Die Fachwände wurden auf gleiche Weise wie das Dach mit Gras verkleidet. Damit war Unteroffizier Blaichs Aufgabe vollendet.

Für die weitere Außen- und die gesamte Innenarchitektur wurde dem Geschmack und der Phantasie der rauhen Krieger, die die Hütten bewohnen sollten, der weiteste Spielraum gegeben. Diejenigen, die gerne mauschelten und pokerten oder aus sonst einem Grunde wünschten, daß das Auge des Kompanieführers nicht so ohne weiteres in ihr Heim einblicken konnte, sorgten durch Tür, Fenster oder vorgebaute Grasschirme dafür. Die meisten waren Liebhaber von Luft und Licht. Sie ließen nach der Lagergasse zu die Wände eines Teils ihrer Hütte nur bis zur halben Höhe mit Latten und Gras bekleiden, so daß ein geräumiges Verandazimmer entstand, das als Wohn-, Eß- und Besuchssalon diente. Hier standen die prächtigsten Tische, Sofas und Klubsessel, die aus biegsamen Ruten, Gras und Bast hergestellt waren; in dieser Kunst entwickelte sich mit der Zeit eine solche Fertigkeit, daß man glauben konnte, in einer Gartenmöbelausstellung zu sein. Nicht nur das Tragegerüst für Sättel und Zaumzeuge, sondern auch aus alten illustrierten Zeitungen entnommene Bilder, ein aus Kistenbrettern gezimmerter Geschirr- und Tassenschrank, ja zuweilen bunte Gardinen oder sogar ein von zarter Hand gestifteter rosa Lampenschirm zierten den Raum. Von ihm aus trat man durch eine Tür in das als Schlafzimmer dienende Gemach, in dem sich die schon beschriebene Kitanda befand und neben ihr, so daß man sie mit einem Griff erreichen konnte, Haken für Gewehr und Patronengurt. Um jede Hütte war ein Abflußgraben für Regenwasser gezogen. –

Der Gesamtplan unserer verschiedenen Kriegslager war mit jeder neuen Lageranlage zweckentsprechender geworden. Das erste Lager, unten in der Niederung zu beiden Seiten des Engare Nairobi, war ein wildes Durcheinander von Hütten, Ställen und Küchen gewesen, so daß selbst seine Bewohner im Dunkeln nur mit Mühe ihr Quartier oder ihr Pferd finden konnten; als ich einmal vom Posten Olmolog aus auf einige Stunden zu Besuch dort war, mußte ich mir einen ortskundigen Führer nehmen. Es war jedem Krieger erlaubt worden, seine Hütte mit Hilfe seiner Boys da zu bauen, wo es ihm gefiel. So glich das Ganze mehr einem Chinesenviertel, und bald war das Lager von Malaria und Typhus durchseucht. Auch im Lagerbau fehlte es zu Anfang des Krieges eben an Erfahrung und Organisation.

Unser zweites Lager, das ich eben beschreibe, war namentlich aus Gesundheitsrücksichten auf den »Doppelberg«, der wohl hundert Meter aus der Steppe herausragte, verlegt worden. Seiner Anlage kam schon das Organisationstalent von Oberleutnant Büchsel zustatten.

Geradezu eine Musteranlage aber war unser letztes großes Kriegslager am Engare Olmotonje auf einer Anhöhe am Urwaldrande des Meru, in der Nähe von Aruscha. Später, als die große feindliche Offensive begonnen hatte, kamen wir nur noch zweimal dazu, den schwachen Versuch zu einem Lagerbau zu machen, über wenige Hütten kam es aber nie mehr hinaus.

Dieses Lager bei Aruscha wurde in der Form eines großen Rechteckes angelegt, dessen eine Kurzseite als Lagerzugang offen blieb. In der Mitte des Rechtecks lagen in einer schnurgeraden Linie Stall neben Stall. Diesen parallel, auf der einen Langseite des Rechtecks, standen zwei Reihen hübscher Soldatenwohnungen, die so belegt waren, daß die zu einem Zug gehörige Mannschaft stets in der Nähe ihres Stalles wohnte. Hinter den Soldatenwohnungen, etwas in den Busch hineingedrückt, lagen die Hütten der Boys und die Küchen. Noch mehr in den Busch hinein waren die Latrinen ausgehoben, getrennt für Europäer, Askari und Troß.

Nach den ersten bösen Erfahrungen waren die Latrinen stets die ersten Baulichkeiten, die angelegt wurden. Sie mußten fertig sein, ehe eine Hand zum Lagerbau erhoben werden durfte. Dafür sorgte mit unerbittlicher Strenge unser Sanitätsfeldwebel Stein. Auch wenn wir auf unsern späteren Wanderungen kein Lager mehr bauten, sondern nur infolge eines Haltbefehls die Möglichkeit entstand, daß die Kompanie an dieser Stelle einen Tag liegenbleiben könnte, wurden Latrinen ausgehoben.

Zwischen den Ställen und der andern Langseite, an der die Offizierswohnungen, ebenfalls mit den Küchen dahinter, lagen, war eine breite Lagergasse, auf der die ganze Kompanie bequem mit ihren Tieren antreten konnte. Die zweite Kurzseite des Lagers wurde in der Mitte durch mein Feldwebelbüro geschlossen. Links davon befand sich das Magazin und rechts die Kasse, Kammer und Handwerkerstube. Nahe außerhalb des Lagers lagen lange niedrige Hütten für die Wapagazi, ferner die Viehhöfe, der Schlachthof und zwei Reitbahnen – sagte ich zuviel: »eine Musteranlage«?

Die Kasse, die zugleich unsere Bankstelle war, verwaltete mit vieler Umsicht der Agrarier und Vizewachtmeister Mittag. Bei ihm hoben wir unser Verpflegungsgeld, Kleidergeld und Löhnung bzw. Gehalt ab, und da wir mit letzteren nicht recht was anzufangen wußten, der Staat das Geld aber recht gut brauchen konnte, zahlten die meisten ihre Löhnung gleich wieder als Kriegsdepot ein. Der Gefreite Storch, der – weiß Gott, warum – immer nicht mit seiner Löhnung auskam, erschien unerwartet auch mal an der Kasse, um ein Kriegsdepot zu eröffnen. »Mensch«, sagte der Kassenführer, »es freut mich doch, daß Sie endlich auch vernünftig werden.« – »Ja«, antwortete Storch, »da alle Kameraden ein Depot haben, will ich die Sache doch auch mitmachen. Ich habe mir dazu von einigen guten Freunden hundert Rupien zusammengepumpt. Hier sind sie!«

Alle unsere Gebäude – mit einziger Ausnahme der Dächer der Ställe, die, wie es sich für einen guten Reitersmann schickt, den Vorzug vor seiner eigenen Behausung hatten und mit Wellblech belegt waren – bestanden, wie wir gesehen haben, ausschließlich aus Naturholz und Gras, zusammengehalten durch selbstgewonnenen Baumbast. Kein Eisennagel oder Stahlstift war im ganzen Gebäude verwendet, nichts, woran ein Fabrikant oder Kaufmann auch nur einen Heller hätte verdienen können. Wir waren ganz zum primitiven Naturzustand zurückgekehrt. Und doch, wie wohnlich konnte solch ein Kriegslager sein, wie heimisch konnte man sich in ihm fühlen!

In ihm konzentrierte sich alles, was das Leben noch an Annehmlichkeiten bot. Die Sehnsucht zum Lager ließ den Rückmarsch von einer Fernpatrouille stets bedeutend länger erscheinen als den Ausmarsch, obwohl die Tiere, alle Müdigkeit vergessend, auch mit aller Macht dem Lager zustrebten. Im Lager harrten des dreckigen Patrouillenreiters die freundlichen Gesichter der Freunde und Kameraden, froh, daß er diesmal noch nicht geschnappt war. Es harrten seiner die neuesten Kriegsnachrichten. Es harrten seiner die Boys mit dem fertigen Bade, der reinen Wäsche und einem guten Schlag Essen. Es harrte seiner die Ruhe des Körpers und der Nerven – d. h. wenn er nicht zufällig Kompaniefeldwebel war.

Das Lager war die Heimat, die einzige Heimat, die wir noch hatten. Von der fernen Heimat, von den Lieben zu Hause waren und blieben wir seit Kriegsausbruch dauernd abgeschnitten. Kein Brief erreichte sie oder uns. Nach zweieinhalb Jahren, als ich bereits sechs Monate in Gefangenschaft war, bekam ich den ersten Brief aus der Heimat. Mit Zagen habe ich ihn geöffnet. Wie viele meiner Verwandten und Freunde schlummerten schon längst im Heldengrab! Ja, den Gedanken an die ferne Heimat durfte der ostafrikanische Krieger nicht aufkommen lassen – seine Heimat war das Lager, die Kompanie und die Herzen seiner Kameraden. –

Unteroffzier Karl Blaich hatte also seine Wapagazi angestellt und ging zum Frühstück. Es war 6 Uhr 15 geworden, gerade noch Zeit für mich, um vor Beginn des Stalldienstes und meiner Bürostunden ebenfalls behaglich zu frühstücken. Das Fenster meiner Hütte, an dem ich das zu tun pflegte, lag nach Osten mit der Aussicht auf den Kilimandscharo und die diesem vorgelagerte Shirakette, bewaldete Höhen, deren Urwald in die Steppe hinein bis auf etwa acht Kilometer an unser Lager heranreichte. Durch die Shirakette hat sich der Engare Nairobi Bahn gebrochen, im großen Bogen windet er sich durch die Steppe, im ganzen Laufe durch hohe Bäume und Baumgruppen an seinen Ufern kenntlich; er fließt nahe am Fuße des Doppelberges vorbei, um dann, zwei Kilometer weiterhin in der Steppe, in einen Sumpf zu enden. Es war ein herrliches, immer wieder erhebendes Schauspiel, die Sonne über den Schneegefilden des Kibo, der sich mir hier als Halbkugel zeigte, aufgehen und allmählich die Nebel und Schatten vertreiben zu sehen, bis endlich Urwald und Steppe in voller Sonnenpracht leuchteten.

Die Sonne geht in der südlichen Breite des Kilimandscharo das ganze Jahr über ungefähr um sechs Uhr morgens auf und um sechs Uhr abends unter.

Meine Frühstückspause im Genuß der schönen Aussicht war die einzige Zeit des Tages, die mir einigermaßen allein gehörte und mir ganz allein gehört hätte, wenn das Telephon nicht gewesen wäre. Einmal mindestens an jedem Morgen wurde sie durch die Telephonordonnanz unterbrochen mit den Worten: »Bana Feldwebel, sim imekuja« [das Telephon ist angekommen], und wenn es nur der erste Tagesanruf vom Kommando in Moschi war, der feststellen sollte, ob über Nacht die Giraffen nicht wieder mit dem Telephondraht abgegangen seien oder ob ein Zebra, sich an einem Telephonpfahl scheuernd, diesen umgeworfen habe. Aufregende Meldungen gab es zwischen sechs und sieben Uhr morgens, wo die meisten Herrn mit dem höheren Gehalt noch ruhten, in dieser Kriegsperiode kaum.

Ich höre den Unteroffizier vom Dienst durch das Lager zum Stalldienst rufen, und schnell statte ich noch meinem Halbblutpferdehengst Otto, der dem Herrn Feldwebel an Stelle des Maultiers Alphons zugeteilt worden war, einen Besuch ab; denn Punkt sieben Uhr durfte ich meinen Kompanieführer bereits im Büro erwarten. Die Tierpflege spielte sich in jener Übergangsperiode von einer berittenen bewaffneten Farmerschar zu einer Kompanie in der Weise ab, daß zwar jeder Schütze für die Pflege seines Reittieres verantwortlich war und zum Stalldienst erscheinen mußte, aber die eigentliche Arbeit seinem schwarzen Boy überlassen konnte. Jedem Schützen standen zwei von ihm selbst bezahlte und von der Truppe verpflegte schwarze Diener zu.

Unsere Schützen erschienen also zum Stalldienste. Die Hände in den Hosentaschen, die Pfeife oder Zigarette im Munde, lebhaft oder noch schläfrig miteinander plaudernd, standen sie bei ihren Tieren und sahen zu, wie diese von ihren Boys gefüttert, aufgestallt, geputzt und gestriegelt wurden. Ein Tierpfleger von Natur, wie ich ihn z. B. in dem Basutokaffer in Südafrika kennenlernte, ist der ostafrikanische Neger nicht. Er hat keine Sympathie mit dem Reittiere. Woher sollte er sie auch haben? Keiner der ostafrikanischen Negerstämme hat je Reittiere gehabt außer vielleicht einigen störrischen Eseln, die ihnen aber nicht zum Reiten, sondern zum Lastentragen dienen. Der Negertierpfleger war nur ein Notbehelf, aber, wie es uns schien, ein unvermeidlicher. Denn die wenigen Leute der Kompanie, auf denen der ganze Aufklärungsdienst ruhte und die infolgedessen viel häufiger an die Reihe kamen, Patrouillen zu reiten, als es bei einer größeren Kavallerietruppe der Fall gewesen wäre, sollten doch während der wenigen Tage im Lager möglichst Ruhe haben, um sich körperlich und geistig aufzufrischen. Lassen wir sie darum die Stunde des Stalldienstes, morgens und abends, unter Lachen und Scherzen die letzten Patrouillenerlebnisse, die neuesten europäischen und afrikanischen Kriegsnachrichten erörtern und Lagerwitze austauschen. –

Ich mußte nun zurück in das Büro, allwo Unteroffizier Horn dem Kompanieführer bereits die eingelaufenen Postsachen vorlegte. In den ersten Wochen als Kompaniefeldwebel bin ich nun den ganzen lieben langen schönen Tag nicht mehr aus dem Büro herausgekommen, außer wenn ich die Kompanie zum Dienstempfang antreten ließ oder, zum Abteilungsführer Hauptmann Fischer befohlen, nach dem Telephonhügel hinüber ritt, um mir einen wohlverdienten Anpfiff abzuholen, der für das Telephon zu kompliziert war. Eine Tasse Kaffee bekam ich dann hinterher zur Beruhigung. Ich hätte nie für möglich gehalten, daß ein gereifter Mann noch soviel Bockmist anstellen könnte, bis er den täglichen Stärkenachweis so abzufassen versteht, wie der Abteilungsführer es haben will. Und ich hatte mal geglaubt, die ganze Kunst, Feldwebel zu spielen, bestände darin, wichtig auszusehen, gelegentlich Urlaub zu befürworten und sich dafür zu Weihnachten ein Piano schenken zu lassen!

Arbeit gab es im Büro, daß einem bange davor werden konnte. Außer einem Haufen unsortierter Akten und Schriftstücke, unfertiger Stammrollen der Mannschaften und einer angefangenen, aber nicht fortgeführten Stammrolle der Reittiere fand sich nichts im Büro vor. Mit Macht stürzte sich der neue Kompanieführer über dieses Chaos her, und mit der seinen Jahren zuständigen Ruhe folgte ihm der neue Feldwebel bedächtig nach. So ergänzten sich Oberleutnant Büchsels Arbeitswut und meine Ruhe ganz glücklich. Besondere Schwierigkeit machte die Stammrolle der Tiere. Es kamen von ihren früheren Besitzern Gesuche um Ausstellung von Requisitionsscheinen über Reittiere, die schon längst im Gefecht gefallen waren und die weder mein Chef noch ich je gekannt hatten. Dann entstand eine wilde Korrespondenz. Wer hat das Tier requiriert? Welcher Preis war vereinbart? Wer weiß, wo und wann das Tier geblieben ist? und so weiter, bis wir uns zu jemandem durchgefragt hatten, der die nötigen Angaben machen konnte. Nachdem der ganze Aktenstapel durchgeackert war, wurden sie in verschiedene Mappen klassifiziert. Es wurde ferner ein Korrespondenzjournal, es wurde eine Vorlage- und eine Wiedervorlagemappe eingerichtet. Es wurde ein Befehlsbuch geschaffen, in dem täglich die Kommando-, Abteilungs- und Kompaniebefehle eingetragen wurden. Zur Ergänzung des letzteren führte ich noch ein Dienstbuch, aus dem ich übersichtlich entnehmen konnte, wer für Wache, Patrouille, Vorposten, Arbeitsdienst oder Unteroffizier vom Dienst an der Reihe und zu kommandieren war.

In alle diese Arbeiten bimmelte Sim den ganzen Tag munter hinein, war doch der Apparat in meinem Büro vorläufig der einzige am Doppelberg. Die 21. Askarikompanie, die auf dem Kamme des Berges lag, und unser jüngeres Konkurrenzunternehmen, die »Fliegenden Hunde«, die jenseits der Einklüftung hausten, von der der Berg seinen Namen hatte, besaßen keine Telephonanlage. Das war zwar unter dem Gesichtspunkte der Anciennität sehr richtig, aber insofern doch unbequem, als nun ihre Telephonordonnanzen den ganzen Tag vor meinem Büro herumlungerten und es in diesem ein ewiges Gerenne und Gehaste von Telephonbesuchern gab – bis Karl Blaich ein Einsehen hatte, eine besondere Telephonbude vor meinem Büro baute und den ganzen Laden dort hineinsteckte. Übrigens mußten alle eingehenden und ausgehenden Telephongespräche, die meine Kompanie angingen, natürlich auch gebucht werden. Also schon wieder ein Buch mehr.

Die allergrößte Aufgabe des Kompaniebüros, um deren Lösung sich der geniale Unteroffizier Rimpler als Nachfolger des Unteroffziers Horn sehr verdient machte, war die Ausarbeitung eines Inventarienkontos. Es hat viele Monate gekostet, es fertigzustellen. Alles Inventar der Kompanie mußte doch verbucht sein! Vorläufig wußte aber kein Mensch, was Kompanie- und was Privateigentum der Schützen war. Viele der Farmer hatten sich zwar über die von ihnen in den Krieg mitgebrachten Reittiere, Waffen, Zelte und sonstige Ausrüstungsstücke nachträglich von irgendwem einen Requisitionsschein ausstellen lassen, aber diese Scheine erschienen doch nicht rechtsgültig, da auf ihnen der Einnahmevermerk der Kompanie und der Hinweis auf Seite und Nummer des Inventarienkontos fehlten, und überhaupt mußten doch erst einmal all diese Transaktionen zusammenhängend und übersichtlich verbucht werden. Man glaubt gar nicht, wieviel Schreibarbeit im Kriege unerläßlich notwendig ist!

Bei der Inventaraufnahme stellte sich aber auch heraus, daß immer noch eine Menge militärischer Ausrüstungsstücke Eigentum der Schützen waren. Das führte zu bedenklichen Komplikationen. Wenn z. B. bei einer Sattelrevision festgestellt wurde, daß dieser oder jener Sattel das Tier drücke und deshalb umzutauschen sei, dann kam der Einwurf: »Herr Wachtmeister, der Sattel ist mein Privateigentum.« Der Farmer hatte Sattel und Tier mit in den Krieg gebracht, das Tier aber, das zu dem Sattel gepaßt hatte, war tot. Was war da zu tun? Wir konnten doch nicht dem Eigentumssattel zuliebe ein zu diesem passendes Tier suchen! Andererseits litt die Kompanie derartig Mangel an brauchbaren Sätteln und Ausrüstungsstücken überhaupt, daß sie die Privatstücke der Mannschaft gar nicht entbehren konnte. Die Lösung dieses Dilemmas geschah nun auf die Weise, daß ich in das Befehlsbuch den neuen Kompaniebefehl einzutragen hatte: »Eigentümer müssen ihre Ausrüstungsstücke an die Kompanie verkaufen.« Und dann gab es wieder neue Inventarstücke zu buchen. –

Während der Kompanieführer, Rimpler und ich im Büro schufteten und ich unter freundlicher Mitwirkung von Sim zum erstenmal in meinem Leben merkte, daß der Mensch seine Nerven fühlen kann, ritten die glücklicheren Kameraden lustige Patrouillen, aalten sich im Lager und schimpften auf die Verpflegung. Letzteres war unzeitgemäß, denn die Kompanie fing eben schon an, neben der Verpflegung, die die Etappe lieferte, auf eigene Rechnung Vorräte einzukaufen und an die Mannschaften zum Einkaufspreise weiterzugeben.

Bisher hatte das Kompaniemagazin nur die Aufgabe gehabt, die von der Etappe gelieferte Verpflegung an die Farbigen weiterzuverteilen und an die Europäer a conto ihres Verpflegungsgeldanspruches von monatlich neunzig Rupien weiterzugeben. Jeder Europäer hatte nehmen müssen, was die Etappe zufällig schickte; er mußte Tabak nehmen und dafür zahlen, ob er Raucher war oder nicht, er mußte Ölsardinen kaufen, und wenn ihm übel davon wurde. Das wurde jetzt anders. Der Schütze Bruno Muhl, ein Kaufmann aus Aruscha, wurde Magazinverwalter und kaufte nun ein: von unsern eigenen, peinlichst geheimgehaltenen Bezugsquellen in der Landschaft Speck, Wurst, Butter, Eier, Käse, Gemüse, Obst, und in den Küstenstädten Tabak, Zigarren, Zigaretten, Zucker, Schokolade und vor allem Alkohol, der, in Amani entdeckt, jetzt von vielen unternehmenden Leuten, meistens Griechen, in allen möglichen zweifelhaften Qualitäten, aber in unzweifelhaft großen Quantitäten hergestellt wurde. Das alles verkaufte Muhl in seinem Laden an Offiziere und Mannschaft zum Selbstkostenpreis weiter, jedem, was er haben wollte, und legte am Zahltage prompt seine Monatsrechnung vor.

Angespornt durch den Beifall, den dieses erste eigene Handelsunternehmen der Kompanie allgemein fand, befaßte sich die Kompanie dann auch mit dem Ankauf größerer Posten von Unterzeug, Hemden, Strümpfen, Handtüchern usw., lauter Sachen, deren Mangel um diese Zeit schon bedenklich fühlbar zu werden anfing. Der Soldat erhielt monatlich fünfundzwanzig Rupien Bekleidungsgeld, war also kaufkräftig.

Mit hartnäckiger Ausdauer erließ ferner unser neuer Chef eine Bedarfsanzeige nach der andern an das Etappenkommando für Ausrüstungsstücke. Da ging es mit einem Male, und nach und nach konnten die alten vorsintflutlichen Sättel und verschiedenkalibrigen Jagdgewehre abgestoßen werden. Ganz gleichmäßig mit dem Karabiner 98 konnte unsere Kompanie freilich erst ausgerüstet werden, nachdem die Ladung des vor Tanga im April 1915 durch die Engländer versenkten Blockadebrechers doch noch geborgen worden war.

Zu jener Zeit wurde auch in Afrika mit aller Kraft an der Heeresvermehrung gearbeitet. So wurde auch alles, was an Pferden und Maultieren im Innern der Kolonie noch aufgebracht werden konnte, aufgekauft, und jede der beiden Berittenen Kompanien erhielt etwa zwanzig neue Reittiere. Aber die dazu gehörenden europäischen Reiter konnte uns das Kommando wegen der allgemeinen Heeresvermehrung nicht mehr abgeben, nur noch Askari, die im ganzen Lande in vielen Rekrutendepots immer neu ausgebildet wurden.

In meiner Kompanie erhielt der Sergeant, spätere Vizewachtmeister Schmid, vor dem Kriege Polizeiwachtmeister im Aruschabezirk, der 1917 den Heldentod fand, den schwierigen Auftrag, die Negersoldaten im Reiten auszubilden. Schmid war bei der Feldartillerie Futtermeister und Reitlehrer gewesen und hatte jahrelang Rekruten ausgebildet – wenn also einer der Aufgabe gewachsen war, so war er es. Trotzdem war das Resultat wenig befriedigend. Unter den uns zugeteilten Askari waren einige Somali, Leute, die vielleicht selbst nie geritten hatten, aber deren Stamm in Englisch-Somaliland doch Reittiere besitzt; diese ließen sich leidlich an. Die andern Askari aber, die aus Deutsch-Ostafrika stammten, haben das Reiten nie gelernt, wenigstens nicht in den sechzehn Monaten, in denen ich sie beobachten konnte. Sie lernten auf den Tieren zu hängen, Schritt, Trab und, wenn das Gelände sehr gut war, auch Galopp zu reiten, ohne abzufallen, aber auch dabei war nicht der Wille des Reiters, sondern der des Tieres der maßgebende Faktor. Der Neger Deutsch-Ostafrikas ist einmal nicht im Einklange mit dem Reittier, er kennt es nicht.

Mit den Reittieren waren Sättel angekommen – leichte, elegante Sättel, wie sie sich nur der feine Stadtherr, der täglich eine Stunde spazierenreitet, andrehen lassen kann. Das Bedenklichste an ihnen war die Steigbügeleisenweite. Als die Askari zum erstenmal beritten gemacht wurden, konnten die meisten ihre breiten Negerfüße – Stiefelnummer 13! – nur seitwärts in die Steigbügel hineinschieben. Auf das Kommando »Absitzen« saßen viele in den Bügeln fest. Einer saß so fest, daß er überhaupt nicht mehr los kam, obwohl Sergeant Schmid es mit einem Hammer versuchte. Der unglückliche Askari glaubte bereits, zeitlebens auf dem Rücken des ihm höchst unsympathischen Reittieres verbleiben zu müssen, bis ich die Situation löste und den Askari mitsamt seinem Sattel vom Rücken des bockenden Maultieres abstreifen ließ. Dann wurde er hingelegt und befreite sich vom Sattel, indem er die Stiefel auszog; letztere mußten dann aus den Steigbügeleisen herausgemeißelt werden. Es dauerte lange, bis wir Steigbügeleisen auftrieben, die zu den Askarifüßen einigermaßen paßten.

Etwa gleichzeitig mit den Askari erhielten wir auch zwei neue Offiziere. Oberleutnant Meyer, ein aktiver Schutztruppenoffizier, ein baumlanger Hannoveraner vom Siebenmeyerhof, mit dessen Onkel ich in meiner Jugend in Verden acht Wochen geübt hatte, wurde von der 9. Feldkompanie zu uns versetzt und erhielt den zweiten Zug, zu dem auch die Reitaskari gehörten. Kurz zuvor war Oberleutnant Trappe, ein Viehfarmer des Nordbezirkes, zur Kompanie gekommen; er führte den dritten Zug.

So waren wir nun zu größeren Taten gerüstet.

Die Kavalleriebrigade und die Zebraspuren

Unser neuer Kompanieführer hatte außer einer enormen Arbeitswut einen nie rastenden Unternehmungsgeist mitgebracht. Es mußte immer etwas im Gange oder doch zum mindesten in Vorbereitung sein. Unter seiner Führung kam die Zeit der Kompaniepatrouillen, wirklicher Kampfpatrouillen. Die erste, die ich mitritt, ging zu den Nyirisümpfen, ostsüdöstlich vom Amboselisee; an ihr nahmen sogar die beiden Berittenen Schützenkompanien teil. Eine Schleichpatrouille der »Fliegenden Hunde« wollte dort Feind, oder wenigstens Spuren vom Feind gesehen haben. Da die feindlichen Patrouillen letzthin stets hundertzwanzig bis hundertsechzig Mann stark gewesen waren, sollte auch unsererseits diesmal in größerer Stärke ausgerückt werden.

Hauptmann v. Boemcken führte diesmal die ganze Ostafrikanische Kavallerie»brigade«. Es ging über Gehöft Olmolog hinunter zum Brakwasser und über die Grenze hinüber zum Kitiruawasser, in dessen Nähe wir die zweite Nacht in einem Gebüsch lagerten. Da der böse Feind ganz in der Nähe sein sollte, durften wir weder Feuer anmachen noch laut sprechen. Es schwärmte dort von Moskitos und stank bestialisch nach Nashorn und Löwen. Zum Schutz gegen letztere hatten wir unsere Reittiere in der Mitte festgemacht und uns im Kreise um sie herumgelegt, zum Teil so nahe, daß die Tiere auf die Schläfer äppelten.

Ich hatte einige Stunden lang schlaftrunken Moskiten abgewedelt, da schrie ein Maultier in Todesängsten, daß alle erschrocken auffuhren. Ein Löwe hatte sich durch unsere Postenkette durchgeschlichen, war über die schlafenden Schützen hinweg einem jungen fetten Maultier auf den Rücken gesprungen und eben dabei, diesem den Halswirbel durchzubeißen. Mit dem Bajonett wurde er vertrieben. Die Aufregung hatte sich noch nicht gänzlich gelegt und einzelne Schützen sahen noch ständig Raubtieraugen im Dunkeln durch das Gras funkeln, als derselbe Löwe nochmals unter die Reittiere sprang. Die wegen der mutmaßlichen Nähe des Feindes befohlene Ruhe war durch diese Löwenüberfälle und deren Abwehr nun doch mal illusorisch geworden – sollten Mensch und Tier in dieser Löwengrube zu einigen Stunden Schlaf kommen, dann mußten Feuer angezündet werden. War Feind in der Nähe, so hatte er den Lärm nun doch längst gehört.

Wie sich am folgenden Tage herausstellte, waren diesmal die üblichen Vorsichtsmaßregeln überflüssig gewesen. Feind war weder da, noch da gewesen. Was die Patrouille der Berittenen Achten für Feindesspuren gehalten hatte, waren – Zebraspuren! Das Konkurrenzunternehmen war eben noch zu neu im Geschäft. Außer jener Löwengeschichte passierte nichts Besonderes auf dieser Patrouille, denn daß sich unser Kompanieführer während einer kurzen Rast beinahe auf eine Puffotter gesetzt hätte, ist nichts Besonderes – hat sich der Schütze Apel doch mal tatsächlich auf eine solche, die er für einen Baumast hielt, gesetzt. Wir suchten die Nyirisümpfe nach Feinden ab, fanden keine, und ritten über Lagumishera und Olmolog zum Doppelberglager zurück. Klar geworden waren wir uns nur über zweierlei. Erstens, daß die Achte Zebra- von Maultierspuren noch nicht unterscheiden konnte, und zweitens, daß Hauptmann v. Boemcken, der mit einem Krückstock in der Hand ritt, unter seinem Südwester Schutztruppenhut viel Ähnlichkeit mit dem Alten Fritz hatte.

Große Kampfpatrouille zur englischen Magadbahn

Die Berittene Achte hatte zwei Männer, die uns unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz durch ihre Tätigkeit viel Kopfzerbrechen machten. Es waren der Lokomotivführer Pallas und der Vizefeldwebel Neubacher, ein früherer Südwester Schutztruppler. Pallas war ein passionierter Minenleger, und Neubacher war seine rechte Hand. Beide konnten nicht mehr leben und glücklich sein, wenn nicht alle Monate ein Teil der englischen Ugandabahn, die stark besetzt war, in die Luft ging. Fuhr gerade ein Truppen- oder Verpflegungszug über die hochfliegende Stelle, dann waren Pallas und Neubacher erst recht zufrieden.

Das konnte so nicht weitergehen. Die Neunte hatte zwei schwere Gefechte mitgemacht, ihrem berühmten Pferderaid verdankte die Achte ihre ganze Existenz – aber gesprengt hatte die Neunte noch nicht. Da mußte bald etwas geschehen – Pallas und Neubacher sprengten uns sonst noch die ganze Bahn weg, ehe wir mal hin kamen. So fiel uns allen ein Stein vom Herzen, als die erste Sprengpatrouille der Berittenen Neunten befohlen wurde.

Als Vorbereitung wurden einige Sprengungen in der Nähe des Lagers gemacht. Unteroffzier Horn, der zu Hause bei den Pionieren gedient hatte, wurde mit der Verteilung des Dynamits beauftragt. Da wir im Kriege alle großen Mangel an Papier litten und da, wo man sonst Papier nötig braucht, Gras und Blätter verwenden mußten, hob sich Horn das Papier, in dem das Dynamit eingewickelt gewesen war, sorgsam auf. Als die Kameraden Horn wiederfanden, stand er nackend vornübergebeugt unter einem Baum und ließ sich von seinen Boys einen Eimer voll kalten Quellwassers nach dem andern über seinen brennenden Hintern gießen. Seitdem sammelte niemand mehr Dynamitpapier.

Nunmehr wurde also eine ganz große Kampf- und Sprengpatrouille zur Magadbahn »in die Wege geleitet«, wie mein Kompanieführer gesagt haben würde. Die ganze Kompanie rückte diesmal aus in der nie zuvor und nie wieder erreichten Gefechtsstärke von sechsundfünfzig Gewehren. Der Etatsmäßige natürlich mit. Sechsundfünfzig Reiter, geteilt in drei Züge, begleitet von je zwei Packtieren, dem Offizierspacktier und dem Packtier mit der Sanitätslast, ritten wir stolz eines Morgens zum Lager hinaus. Jeder Reiter hatte für acht Tage Verpflegung an seinem Tier, und für weitere acht Tage Verpflegung war auf den Packtieren untergebracht. Vorne ritt die Hünengestalt unseres Kompanievaters auf dem Hotspur, einem südafrikanischen Zuchthengst, von der Größe, Stärke und dem Knochenbau, wie ihn die alten Ritter bei ihren Turnieren geritten haben mögen. Am Schluß der langen Kolonne ritt die Kompaniemutter auf Otto, dem schönsten, edelsten und feurigsten Pferde, das die Kompanie je besessen hat; der Hengst war damals dreieinhalb Jahr alt.

So als Schließender hinter der Kompanie durch das Pori zu reiten hat seine Schattenseiten, besonders wenn der Wind von vorne kommt und Reitaskari bei der Kompanie sind. Staub setzt sich in alle Poren und bildet allmählich, mit dem Schweiß gemischt, eine feste Kruste über der Haut. In den ersten beiden Stunden nach dem Ausrücken war ich außerdem voll damit beschäftigt, die Ausrüstungsstücke auflesen zu lassen, die die Askari und zuweilen selbst die Schützen verloren. Brotbeutel, Feldflaschen, Seitengewehre, Packtaschen, Woilachs, gelegentlich ein Askari mit seinem ganzen Sattel lagen in der Spur der Kompanie. Und dabei wollte mein Hengst in den ersten Marschtagen nach längerer Lagerruhe recht ungern hinter der Kompanie zurückbleiben.

Ich hatte bereits nach der Patrouille zu den Nyirisümpfen dafür plädiert, die Kompanie möge nach einem Ritt von einer halben Stunde prinzipiell eine kurze Marschpause zum Stallen, Nachsatteln und auch aus andern rein menschlichen Gründen einführen. Später wurde es auch so gehalten, aber unser gegenwärtiger Kompanieführer, der als früherer Torpedobootskommandant und auch als Mensch »Volldampf voraus« zu gehen gewohnt war, hatte keine Geduld für solche Schwächen und Marschverzögerungen. Das Resultat war, daß sich ständig einzelne Reiter weit hinter der Kompanie befanden, um nachzusatteln, verlorenes Gepäck fest oder sonst was zu machen. Mit den Geschäften fertig, bädelten sie dann, haste, was kannste, der Kompanie nach. Das Schrecklichste für den Schließenden aber war, daß die Askari nie den vorschriftsmäßigen Abstand zu reiten lernten. Für den, der hinter ihnen ritt, blieb der Marsch von Anfang bis zu Ende ein ewiges Aufjuckeln.

Außer in der Nähe und unter Sicherheit unseres eigenen Lagers ritten wir gewöhnlich in folgender Marschformation. Die Spitze war tagsüber im offenen Gelände fünfhundert Meter vor der Kompanie, nachts und im Busch natürlich sehr viel näher und mit der Kompanie durch Verbindungsreiter in Fühlung. Seitendeckungen ritten tags zwei- bis dreihundert Meter rechts und links der Kompanie; nachts und im Busch mußten wir diese einziehen, da wir sie sonst verloren hätten. Die Kompanie ritt, wie es das Gelände und die schmalen Wildwechsel, die benutzt wurden, bedingten, stets in Kolonne zu Einem mit einem Zwischenraum von fünfzig Metern zwischen den einzelnen Zügen. Innerhalb der Züge wurde, oder richtiger sollte der Abstand von drei Schritt von Tier zu Tier gehalten werden; nur wenn ein Feuerüberfall zu erwarten stand, wurde dieser Abstand auf zehn Schritt erweitert. Nachspitze, in ähnlichem Abstand von der Kolonne wie die Spitze, wurde dann gestellt, wenn wir den Feind in unserm Rücken wußten.

An diesem schönen Morgen ritten wir am Fuß des Telephonhügels vorbei durch den Fluß und folgten dann der Fahrstraße, die durch das Transportfahren zum Longido zu Anfang des Krieges entstanden war. Den Zuckerhutberg, unsern Ausguckberg, rechts liegen lassend, windet sich die Fahrstraße durch den Buschwald südlich vom Ngasserai, einem felsigen, kahlen Berg, auf dessen Spitze tags ebenfalls ein Ausguckposten unterhalten wurde. Am Rande des Buschwaldes wurde vom Fahrweg halbrechts abgebogen. Vor uns lag jetzt die weite Ngasseraibuga, baumlos, flach, mit kurzem Gras bewachsen, soweit dieses nicht schon ganz vertrocknet war. Sie lud geradezu ein zu einem fröhlichen Galopp. Jedesmal, wenn ich über diese Buga ritt, mußte ich an den Truppenübungsplatz Lockstedt denken; Feldartillerie im Regimentsverbande hätte dort fein üben können. Nach der großen Regenzeit steht diese Buga, die niedrigste Stelle der Steppe zwischen Kilimandscharo, Meru und Longido, einige Tage unter Wasser. Das ganze übrige Jahr durch ist es hier trocken, heiß und staubig – Schafland, wie es im Buche steht.

Nachdem wir die Buga durchquert hatten, nahm uns wellige, leichte Buschsteppe auf. In nordwestlicher Richtung den Marsch fortsetzend, ließen wir die Vorberge des Longido links liegen, um von Norden her in das Longidogebirge einzudringen, das sich in der Form eines langgestreckten Hufeisens nach dieser Seite der Steppe zu öffnet. Kurz vor dieser Öffnung, nachdem wir sieben Stunden ohne Halt geritten waren, sattelten wir gegen ein Uhr für zwei Stunden ab. Aber die Tiere waren viel zu müde und zu durstig, um gerade jetzt, in der heißesten Zeit des Tages, Appetit zu entwickeln. Den Menschen ging es ähnlich. Sie legten sich ins Gras und nahmen im spärlichen Schatten der Akazien ein Auge voll.

Das Longidogebirge war seit einigen Wochen vom Feinde wieder geräumt, nur Schleichpatrouillen der Engländer besuchten es regelmäßig. Zur Zeit unserer Patrouille unterhielt meine Kompanie dort einen ständigen Posten oben im alten Büchsellager. Oberleutnant Trappe war hier mit einigen Schützen und Askari auf Posten, und einen der letzteren hatte kürzlich eine englische Schleichpatrouille weggeschnappt.

Da! »Satteln! Weitermarsch! Marschordnung wie zuvor!« – Die von den Engländern angelegte Automobilstraße führte leicht ansteigend mitten in das Gebirge hinein bis zu einem Bach im Gebirgskessel, an dem die Engländer und Inder ihre Lager gehabt hatten. Wir ritten durch diese alten Lager durch und durften mit Stolz feststellen, daß unsere Grasarchitektur, die unter Karl Blaich aufgeblüht war, doch auf bedeutend höherer Stufe stand als die des Feindes. In welch elenden Hundehütten hatten die Feinde, besonders die Inder, hier gewohnt! Kein Wunder, daß nach der Regenzeit Epidemien bei ihnen ausbrachen, die sie zwangen, den Longido zu räumen.

Nachdem wir am Bach getränkt hatten, begann der Aufstieg zum Büchsellager, das oben im Gebirge, unterhalb der 2609 Meter hohen kahlen Gebirgsnadel, am Rande des Urwaldes lag. »Absitzen! Führen!« hieß das Kommando. Schwer, sehr schwer ist mir nach dem neunstündigen Ritt dieser Aufstieg geworden. Bei solchen Gelegenheiten fühlt man doch, daß Herz und Lungen alt werden. Aber nur nichts merken lassen! Sollte ich doch gerade durch das Beispiel des Alters dahin wirken, daß die jüngeren Leute Strapazen ohne Murren ertrugen.

Oben im Lager hatte Oberleutnant Trappe alles aufs beste für den Empfang der Kompanie vorbereiten lassen. Für Unterkunft war gesorgt, Stände zum Anbinden der Reittiere waren errichtet, und reichlich Reittierverpflegung war einige Tage früher vom Kompanielager herbeigeschafft worden. Morgen sollte Ruhetag sein. Nachdem Mensch und Tier untergebracht waren, servierte uns Oberleutnant Büchsels unübertrefflicher Koch Minjimvua aus den Packtaschen des Offizierspacktiers, mit dem und einigen Boys wir ihn vorausgeschickt hatten, ein kräftiges Abendessen. Welche ostafrikanische Whiskykriegsmarke damals die beliebteste war, ob Marke »Sarglack«, »Heldentod«, »Stacheldraht« oder »Blutsturz«, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls schwangen wir an jenem Abend noch einige Zeit den Becher, obwohl es eigentlich eine Sünde war, das herrliche Quellwasser des Longido mit den Erzeugnissen der jetzt blühenden ostafrikanischen Alkoholindustrie zu vermengen. Lange saßen wir nicht, denn wir waren alle hundemüde. Eine Graskitanda, die vorsorgende Hände gebaut, nahm mich auf. An Schlaflosigkeit habe ich im Kriege nie gelitten.

Am Vormittage des Ruhetages habe ich in einem nahen Felsenbassin in eiskaltem Gebirgswasser ein herrliches Bad genommen. Sonst habe ich den Tag geruht, das heißt, wie halt so ein Kompaniefeldwebel ruht; spät am Abend mußte noch ein Kreis hartnäckiger Zecher, der von dem herrlichen Quellwasser mit Schuß nicht wegfinden konnte und die Nachtruhe ernstlich zu stören drohte, auf diplomatischem Wege gesprengt werden, damit es mir erspart blieb, jemanden für das kürzlich ordnungsmäßig neu eingerichtete Strafbuch vorzumerken. Oberleutnant Meyer hatte es mir geschenkt. Es war ein Zehn-Heller-Büchlein mit himmelblauem Umschlage, auf dem sich in grellen Farben das Bild eines Engels und eines Lämmleins befand – Missionare mochten es ursprünglich für den Verkauf an eingeborene Christen importiert haben; ein anderes Notizbuch war im Norden der Kolonie nicht mehr aufzutreiben gewesen. Ich fand seine Symbolik für ein Kompaniestrafbuch sehr sinnig.

Am nächsten Morgen in aller Frühe stand die Kompanie fertig zum Weitermarsch. Nur Vizefeldwebel Dr. Sinning blieb mit wenigen Leuten zur Besetzung des Postens zurück. Die alte Postenmannschaft, zu der auch der Dichter Müller gehörte, ritt mit uns, da sie uns den Schleichweg führen sollte, den sie durch den Urwald und Busch zur Steppe hinunter durchgeschlagen hatten, um dem Posten im Falle eines Angriffs durch überlegenen Feind eine Rückzugsmöglichkeit zu sichern. Unser Kompanieführer wollte die Gangbarkeit dieses Abstieges prüfen und wohl gleichzeitig die Leistungsfähigkeit seiner Kompanie auf die Probe stellen.

Romantisch schön war der Weg, der sich im Dickicht und unter hohen Urwaldbäumen an der Seite einer tiefen, steilen Schlucht über schräge Felsplatten und in scharfen Windungen um Felsblöcke herum steil abschüssig hinwand. Ich kann mir denken, wie ein Dichter, der diesen Weg mit anlegte, im Naturgenuß geschwelgt haben wird, wenn er dort auf den Felsblöcken saß, seine Beine über dem jähen Abgrund baumeln ließ und mit verträumten Dichteraugen in die weite Steppe hinausschaute. Militärisch betrachtet, war der Abstieg aber saumäßig. Die Tiere schlidderten auf den glatten, schiefliegenden Felsplatten, als wenn sie auf Eis gingen. Sie stürzten und rissen die sie führenden Reiter mit um. Sie fielen in Felsspalten, blieben mit Sattel und Gepäck an Bäumen und Büschen hängen und brachen in der Mitte fast durch bei den scharfen Wendungen um die Felsblöcke. Der ganze Abstieg bestand eigentlich nur aus Marschstockungen, Rettungsarbeiten, wildem Fluchen und Schmerzensrufen. Um die etwas über tausend Meter in die Steppe hinunter zu gelangen, brauchte die Kompanie volle drei Stunden. Sie hätte noch viel länger gebraucht, wenn nicht glücklicherweise Unteroffizier Müller und der Schütze Schoenbohm, die uns führten, ihren eigenen Weg, ehe wir drei Viertel unten waren, verloren hätten, und wenn nicht der Kompanieführer einen Nashornwechsel gefunden hätte, auf dem wir sogar bequem reiten konnten. Die Tiere waren so erschöpft, daß wir unten am Ostwasser absatteln und zwei Stunden rasten mußten.

Dann ging es in nordnordwestlicher Richtung weiter, immer durch offene schöne Grassteppen. Unser heutiges Marschziel waren die südlichen Ausläufer der Matumbatuberge, wo der Gefreite Max Truppel, der jetzt führte, ein Wasser wußte aus der Zeit her, als er noch für Hagenbecks Tierpark die Tiere der Steppe einfing. Das Wasser war nach einem Buren, der an ihm mal gelagert hatte, das Naudéwasser genannt worden. Auf der Karte ist es nicht verzeichnet. Wer Deutsch-Ostafrika nur nach der Karte beurteilt, bekommt keinen rechten Begriff von seinem Reichtum an ständig fließenden Wassern.

Nach fünfstündigem Ritt durch erstklassiges Farmland, das immer besser wurde, je mehr wir uns den Matumbatubergen näherten, waren wir am Ziel. Das Naudéwasser, ein schwacher Bach, der in einem kleinen Tümpel endete, lag ein Stück von der Steppe zurück in einem Koongo. Hier wurde abgesattelt, abgekocht, und für die Nacht suchte sich jeder einen bequemen, geschützten Platz zum Schlafen; denn die Nächte waren kalt und feucht, und der Morgen brachte Tau. Unsere Messe baute sich mit Hilfe von einigen Askariordonnanzen aus sechs Zeltbahnen eine lange Röhre, die an dem einen Ende, da, wo der Kompanieführer liegen sollte, durch eine siebente Zeltbahn geschlossen wurde. In die Röhre wurde eine dicke Lage Gras gestopft, und wir krochen hinein nach Rang und Würden, jeder mit seinem Sattel und seiner ganzen Kriegsausrüstung. Neben dem Kompanieführer lag Oberleutnant Meyer, weil ihn kein Schnarchen störte. Sein Nachbar war Oberveterinär Dr. Huber, den uns das Kommando mitgegeben hatte, weil die Kompanie zur Zeit weder einen Arzt noch einen Sanitäter besaß. Ihm zunächst ruhte Oberleutnant Trappe, der, korrekt wie im Manöver, als einziger in der ganzen Kompanie auch auf Patrouillen einen weißen Kragen trug – freilich, sehr weiß war er schon nicht mehr. Ihm folgte Leutnant Freund, und am offenen Ende der Röhre lag ich, mit der Nase der frischen Luft zu. Mit dem Kopf auf dem Sattel schlief es sich famos so.

Mitten in der Nacht kam Bernhard Blaich, unser »Mariechen«, von der Feldwache und meldete dem Kompanieführer: »Der Feldwachenführer Vizewachtmeister Mittag läßt melden, ein Nashorn sei bei der Feldwache eingetroffen. Die Feldwache – geschossen sollte nicht werden – hat es mit Steinen beworfen. Das Nashorn kümmert sich aber nicht um die Klamotten und wandert jetzt gemütlich auf das Lager und die Reittiere zu.« Die Meldung war kaum gemacht, als im Lager auch schon der Ruf »Kifaru« erscholl und sämtliche Röhreninsassen mit ihren Gewehren in der Hand über mich wegkletterten. Ich blieb liegen und rief laut ins Lager hinaus: »Hinlegen! Nur die Wache darf schießen!« Ich ahnte, was kommen würde. Aus dem Schlaf aufgesprungene aufgeregte Menschen ballerten wild in die Dunkelheit hinein. In jedem größeren Felsstein, in jedem schwarzen Schatten sahen sie ein Nashorn. Es knallte und pfiff wie bei einem ganz leidlichen Gefecht, und nachher wollte es natürlich keiner gewesen sein. Glücklicherweise lief diesmal die Sache ohne Unheil ab, nicht einmal das Nashorn wurde beschädigt. Es mag durstig gewesen sein, aber, obgleich es wohl nie vorher einen Menschen gesehen haben mag, empfahl ihm doch sein Instinkt, sich schleunigst von da zu entfernen, wo so viele Knallteufel in die Luft spieen. –

»Spitze aufsitzen! Anreiten!« lautete das Kommando fünf Uhr dreißig am nächsten Morgen. Ich hörte es und sah noch gerade, wie der Spitzenführer, der Agrarier Mittag, dessen Rappstute Seta, noch aufgeregt von den Ereignissen der Nacht, einige wilde Sprünge machte und mit der ganzen Vorderhand in ein Erdferkelloch einbrach, samt seinem Tier kopfheister schoß. Das fing ja gut an! An der Westseite der südlichen Ausläufer der Matumbatuberge entlang reitend, passierten wir verschiedene aus diesem kommende Koongo. Als wir den zweiten Koongo durchritten, fiel Unteroffzier Müller wieder mal schwer auf. Als er die jenseitige steile Böschung des Koongo hinaufreiten mußte, vergaß der Dichter in ihm, die Beine fest anzuklemmen. Er verließ sich ganz auf Sattel und Steigbügel, und das hat in solchen Situationen seine Bedenken.

Es war unterwegs nicht nachgesattelt worden – wir wissen ja, immer: Volldampf voraus! – und ein Maultier in einemmal gründlich zu satteln, will studiert sein. Wie sich ein Maultier beim Satteln aufblasen kann, weiß jeder, der mal ein Maultier gesattelt hat. Beizukommen ist ihm nur mit List. Du stellst dich unter Knurren und Geschimpfe so an, als ob durch das Satteln deine ganze Kraft erschöpft sei. Das Maultier wird dich schadenfroh dabei angucken und seine Ohren zurücklegen. Dann mache dir mit allem möglichen zu schaffen, nur nicht mit dem Maultier und dem Sattelgurt. Das Maultier darfst du währenddessen beileibe nicht ansehen; denn es beobachtet dich scharf und mißtrauisch. Während du nun in aller Unschuld dir mit der linken Hand die Feldflasche umhängst, fährt deine Rechte wie ein Blitz unter die Sattelklappe an die Sattelgurtstrappe und zieht den Gurt zwei oder drei Löcher an. Darauf, daß das Maultier dich dabei aus Wut in den Hintern beißt und dir gleichzeitig einen Tritt vor den Magen zu geben versucht, mußt du gefaßt sein und durch aalartiges Winden deines Körpers beiden Möglichkeiten gleichzeitig auszuweichen wissen. Gelingt es dir, dem Maultier dann noch einmal mit List beizukommen, dann darfst du rechnen, daß der Sattel sitzen wird. Du wirst selbstredend deine Taktik ständig ändern müssen. Die Posse mit der Feldflasche darfst du höchstens zweimal spielen, dann hat das Maultier dich durchschaut und bläht sich auf, sobald du die Feldflasche nur berührst.

Natürlich bedingt diese Art des Sattelns, daß man rechtzeitig damit anfängt und sich mit Ausdauer und Anspannung aller Geisteskräfte der Sache widmet. Man darf z. B. nicht gleichzeitig dichten wollen. Die Askari haben es nie und manche Europäer auch nur soso gelernt. Als Müller die steile Böschung nahm, fiel es seinem Maultier ein, daß es sich beim Satteln tüchtig aufgeblasen habe, daß Müller ein Dichter sei und daß der Sattelgurt jetzt eine gute Handbreite lose unter dem Bauch hängen müsse. Daß der Dichter vergessen werde, die Schenkel einzuklemmen, vermutete das Maultier. Ergo, dachte es, lassen wir den Sattel samt dem Reiter jetzt im geeigneten Moment mal sanft nach hinten abgleiten. Es sah drollig aus, wie Müller, mit den Händen in die leere Luft greifend, über den Rücken seines Tieres zurückrutschte, durch ein Gebüsch schoß und unten im Koongo verschwand – zustoßen konnte ihm nichts, denn im Koongo lag tiefer Sand, der ihn weich aufnahm. Ich bin nicht herzlos, aber eine gewisse Schadenfreude konnte ich mir doch nicht verkneifen. Daß der Unteroffzier mal für seine Sünden büßen mußte, darüber freue ich mich noch heute. Schade war nur, daß der Dichter mitleiden mußte.

Immer noch ritten wir Stunde für Stunde durch das herrlichste Farmland, und nach vierstündigem Ritt kamen wir wieder an ein fließendes Wasser. Diesmal war es ein starker Bach, und unsere Spitze meldete, daß noch zwei weitere starke Bäche ganz in der Nähe flössen. Wie diese Wasser heißen, weiß ich nicht – wir nannten sie die Wasser des falschen Narok; denn der wahre Narok, ein Berg, der auf seiner Spitze noch einen Rest von Urwald und Bambushainen trägt, liegt in der Steppe etwas südwestlich von dieser Stelle.

Wir saßen ab, tränkten und ließen die Tiere zwei Stunden grasen. Direkt vor uns, in unserer Marschrichtung, stieg das Matumbatugebirge jäh auf. Haushohe Felsblöcke waren von ihm abgebröckelt und bis weit in die Steppe gerollt. Dort stehen sie nun ewig als Wächter eines Farmparadieses. Donnerwetter, was war das hier für ein Farmland! In dem Gebirgskessel, in den wir dann einschwenkten, kitzelte das Weidegras den Tieren den Bauch. In Südafrika und Australien würde es einen »rush« [Ansturm] geben nach einer solchen Stelle.

Einen Weg geradeaus über das Gebirge wird es auch geben, dafür werden Nashörner und Massai gesorgt haben. Wir kannten ihn nicht und konnten uns nicht damit aufhalten, ihn zu suchen. Wir wanden uns, den Berghang zu unserer Linken schräg anreitend, auf einem alten Massaiviehtriebwege langsam zum Kamm hinauf. Als wir über den Bergrücken hinwegsehen konnten, breitete sich vor uns ein Bergkessel aus, der vier oder fünf Kilometer im Durchmesser haben mochte. Wir bogen vom Massaiwege ab, saßen ab und führten, uns im Geröll einen Weg suchend, durch einen leichten Akazienbusch in den Bergkessel hinunter. Hier fanden wir wieder ein Gebirgswasser, das wir nach den an ihm wachsenden Eleleschosträuchern das Eleleschowasser benannten. C. G. Schillings hat ein Buch »Im Zauber des Elelescho« geschrieben. Ich habe den Eleleschostrauch immer nur in Hochsteppen über 1500 Meter gefunden. Es ist ein Strauch, dessen wollige, auf der unteren Seite fast weiße, aromatische Blätter im Mondscheine wie Silber leuchten. Wir prosaischen Kriegsknechte stopften die zartesten Zweige des Eleleschostrauches in unsere Schlafröhre als Unterbett. Sein Zauber hatte die Wirkung, daß wir in dieser Nacht weder durch Nashorn noch Löwe gestört wurden.

Wir waren frühzeitig beim Wasser eingetroffen, und da Unteroffzier Thiele, ein Kaffeepflanzer und Farmer aus dem Aruschabezirke und nebenbei unser bester Schütze, im Talkessel einige Grantgazellen geschossen hatte, konnte die Kompanie heute mal wieder frisches Fleisch im Kochgeschirr brodeln lassen oder am Holzspieß vor dem Lagerfeuer rösten; die ganz Hungrigen fingen mit gerösteter Wildleber an. Das war eine sehr willkommene Abwechslung. Unser Hauptpatrouillenfutter war Reis und immer wieder Reis; was »Blauer Heinrich« [in Wasser gekochter Reis] ist, haben wir alle zur Genüge kennengelernt, und später waren wir ganz zufrieden, wenn wir den wenigstens noch hatten. Von den Buren lernten wir Mealipapp mit wahrer Begeisterung essen. Chiroko, eine von den Küstennegern angebaute Bohnenart, die trocken geschrotet und in Wasser gekocht wie Erbsbrei schmeckt, sich schön sanft an die Magenwände anlegt und sich unter starker Entwicklung feindlicher Gase verdaut, wurde ebenfalls ein bei den Europäern beliebtes Patrouillenfutter. Ich war immer froh, an dem offenen Ende der Schlafröhre liegen zu dürfen.

Während Minjimvua unser Mahl bereitete, schnitt ich Gras für meinen Hengst. Etwas ruhiger hatten die Marschtage den Otto gemacht, aber mit den andern Tieren konnte ich ihn nicht frei weiden lassen. Er jagte sie und sie ihn, und keines hatte Ruhe zum Fressen. Wenn dann gerade auch noch eine Stute verliebt war, hätten sich unsere drei Zuchthengste Hotspur, Otto und Max auf freier Weide gegenseitig totgebissen. Max, den unser »Gesundbeter« ritt und vergeblich zu einem sittlichen Lebenswandel zu erziehen versuchte, war ein Somaliponyhengst mit dem Kopf und Ausdruck eines Dromedars. Schön war Max nicht, aber Matata [Spektakel] konnte er für zwei machen. Hengste gehören nicht hinein in den Frontdienst einer afrikanischen berittenen Truppe. Ohne Matata geht selten ein Tag ab, und meistens wiehern sie gerade dann los, wenn die größte Ruhe geboten ist. Wir hatten aber so wenige Reittiere in Deutsch-Ostafrika, daß auch die Zuchthengste mit an die Front mußten, und manches Bündel Gras habe ich für meinen Otto geschnitten. Nachts band ich ihn inmitten der Maultiere an. Für Maultier- und Eselstuten hatte er nichts übrig, sie ließen ihn ganz kalt. Andererseits wirkten sie aber doch wieder so weit auf das nach Geselligkeit sich sehnende Gemüt des Herdentiers, daß sich der Hengst ruhig verhielt. Band ich ihn allein an, dann hing er sich entweder auf oder weckte alle Echos in der Gegend mit seinem Geschrei.

Als Otto versorgt und ich gesättigt war, wandte sich meine Aufmerksamkeit wieder dem herrlichen Bergkessel zu, in den sich von dem uns gegenüberliegenden Bergrand noch ein Wasser ergoß. Schön friedlich lag er da im Sonnenuntergang, weltfremd auf die Zeit harrend, in der unternehmungslustige Ansiedler in ihm ihren Weizen bauen und ihr Vieh züchten werden. Über seinen Rand weg konnte ich in nordnordwestlicher Richtung auf einem höheren, sonst kahlen Berge einen größeren Baum erkennen, der einsam Grenzwacht hielt. In seiner Nähe lief die Grenzlinie zwischen Deutsch-Ostafrika und Britisch-Ostafrika. Morgen sollten wir die Grenze überschreiten.

Der nächste Morgen – es war der fünfte seit unserm Aufbruch vom Doppelberg – führte uns auf Massai- und Wildpfaden durch rauhes Gebirgsgelände, das mit kurzem Dornbusch dicht bestaudet war. Das Farmparadies hatte ziemlich plötzlich aufgehört. Wir ritten, wo es ging, und führten, wo das Reiten nicht ging. In beiden Fällen rissen wir uns an den Dornen Jacken, Hosen und Hände kaputt. Hatte der Vordermann vergessen, »Achtung!« zu rufen, wenn er den von ihm zurückgebogenen Zweig schnellen ließ, dann bekam man auch noch eine dornige Ohrfeige. Mein schöner Tropenhut, den ich mir auf der Ausreise bei Simon Arz in Port Said erstanden hatte, wurde bedenklich zugerichtet. Erst Mutter Weber hat ihn später wieder in die Verfassung gebracht, die es ihm ermöglichte, noch weiter an der Front mitzumachen, bis er im Handgemenge bei meiner Gefangennahme zum Schlapphut wurde.

Zum Glück dauerte der Marsch heute nur fünf Stunden. Schon um elf Uhr erreichten wir, wenig jenseits der Grenze, unser Marschziel, das letzte Wasser, an dem wir vor dem Angriff auf die Bahn lagern sollten. Nachdem die Spitze festgestellt hatte, daß das Wasser nicht vom Feinde besetzt war, ritten wir in einen ziemlich tiefen Sandkoongo ein, an dessen oberem Ende sich das Quellwasser in zwei Felsbecken gesammelt hatte, zu denen man hinaufklettern mußte. Aus dem oberen Becken wurde geschöpft, in dem unteren gebadet. Hier wollten wir vierundzwanzig Stunden ruhen, um Menschen und Tiere die nötige Kraft für die Endanstrengung sammeln zu lassen.

Wir waren heute, ohne es in dem dichten Busch sonderlich gemerkt zu haben, aus dem Matumbatugebirge heruntergestiegen an den Rand der nördlich desselben gelegenen Steppe. Es war bedeutend wärmer dort unten als oben im Gebirge – der Schlafröhre bedurfte es hier unten nicht. Die Vorbereitungen für die Nacht waren diesmal einfacher. Minjimvua maß alle seine Pfleglinge von hinten mit Kennerblicken und scharrte dann mit seinen Händen sämtliche Körperformen, als wolle er jeden von uns in Blei gießen, im festen weißen Sande aus. In Woilach und Zeltbahn gewickelt lag es sich herrlich in diesen Mulden.

Freilich, die erhoffte ungestörte Nachtruhe sollten wir nicht finden. Kaum war ich eingeschlafen, als mich Gewehrfeuer wieder weckte. Das große englische Bezillager war nur wenige Meilen östlich von dem versteckten Wasser, an dem wir lagerten. Sollte unser Anmarsch doch von Spionen gemeldet worden sein? War der Feind jetzt da, um uns auszuheben?! Meldung der Feldwache traf ein: »Der Feldwachhabende Vizewachtmeister Trommershausen läßt auf Löwen schießen, die aus der Steppe kommend zum Wasser wollen.« Ach was, Löwen! Weiterschlafen! Dreimal in derselben Nacht weckte mich das Geschieße der Feldwache, und am nächsten Morgen sah ich einen zweijährigen Löwen tot mitten im Sandkoongo liegen. Wir gaben dem bisher namenlosen Wasser wegen dieser Löwengeschichte den Namen »Löwenwasser«.

Schlimmeres brachte der nächste Morgen. Gotthilf Blaich lag in hohem Fieber – ich glaube, der Oberveterinär stellte Typhus fest. Ferner war ein Askari der Feldwache während der nächtlichen Löwenjagden von einem Felshang abgestürzt und hatte sich einen Arm gebrochen. Weiter mitnehmen konnten wir die beiden nicht. Hier zurücklassen konnten wir sie auch nicht, wußten wir doch selbst nicht, ob wir je zu diesem Löwenwasser zurückkommen würden. Es half alles nichts – die beiden mußten mit Fieber und gebrochenem Arm durch die menschenleere, an Raubwild reiche Gegend sich ihren Weg zu unserm Posten am Longido zurücksuchen; von dort konnten Träger den Typhuskranken weiter zurücktragen. Damals machte ich mir noch Gedanken über so was. Später habe ich an mir selbst erfahren, daß man Malaria oder Dysenterie, ja sogar beide gleichzeitig haben und doch, wenn man will, diensttauglich bleiben kann.

Um zwölf Uhr mittags wurde getränkt und abgekocht. Wann wir wieder an Wasser kommen würden, darüber nachzudenken war nicht gut. Zur Magadbahn waren es fünfundvierzig Kilometer Luftlinie, zu reiten mindestens fünfundsiebzig Kilometer. Sollten wir abgeschnitten werden durch Truppen aus dem englischen Bezillager, dann würden wir völlig in der Luft hängen. Die Tiere schienen zu wissen, was ihnen bevorstand. Sie soffen sich ordentlich voll. Auch wir tranken, soviel wir konnten, und jeder füllte seine zwei Feldflaschen mit Wasser oder kaltem Kaffee.

Um zwei Uhr nachmittags ritt die Kompanie in glühender Hitze aus dem Koongo des Löwenwassers in die Steppe hinein. Zu Anfang konnte man noch von einer Grassteppe sprechen, aber bald wurde das Gras spärlich und spärlicher und dafür der Sand tief und tiefer. Ohne Weg und Steg mahlten die Tiere durch den Sand, und feiner Staub flimmerte in der heißen Luft. Der Durst stellte sich schon ein, als wir kaum zwei Stunden geritten waren. »Kinder, mit dem Wasser sparen! Wenn man sich den Durst in den ersten Stunden verkneift, nachher merkt man ihn schon gar nicht mehr. Vom Trinken wird man nur durstiger« – so predigte ich mit mehr guter Absicht als Überzeugung.

Nachdem wir uns eine Zeitlang durch den losen Sand gewühlt hatten, mischten sich mit ihm runde lose Steine von Kindskopfgröße, die umkippten, sowie ein Tier drauftrat. Die Gegend wurde immer öder und wüstenartiger; Wild hatten wir schon lange nicht mehr gesehen. Wir stolperten weiter. Kurz vor Dunkelwerden kamen wir an einen tiefen, breiten Koongo. Ströme der Urzeit mögen ihn in das Gelände eingerissen haben oder die Regenzeiten vieler Jahrtausende. »Absitzen! Führen!« Dreißig Meter tief polterten wir über Geröll in den Koongo hinein, durchquerten sein versandetes altes Flußbett und dreißig Meter hoch kletterten wir auf der andern Seite wieder aus ihm heraus. Es wurde Nacht. Wieder ein Koongo. Runter von den Tieren. Autsch! da lag einer. Mondlose Nacht. Noch ein Koongo. Wie viele Koongo wir in dieser Nacht durchkletterten, weiß ich nicht mehr. Sie wirkten wie Alpdrücken auf mich. Vielleicht war es auch öfter derselbe Koongo, der, sich windend, mehrere Male in unsere Marschrichtung kam. Eine Karte dieser Gegend besaßen wir nicht.

Unteroffizier Thiele und Gefreiter Truppel führten. Sie hatten sich, bevor es ganz dunkel wurde, einen Stern ausgesucht und auf diesen hielten sie los, bis sie von Zeit zu Zeit mit dem Vorrücken der Nacht sich ein neues Sternbild aussuchen mußten. Ob sie ritten, gingen, standen oder auf ihrem Hintern in ein Koongo hineinrutschten – ihr Sternbild durften sie nicht aus den Augen verlieren, sonst wäre unsere Marschrichtung zum Teufel gewesen. Neun Stunden lang sind ihre Augen unverwandt auf den Himmel gerichtet gewesen.

Um drei Uhr morgens, nach dreizehnstündigem ununterbrochenen Reiten, Klettern, Stolpern, Fallen und Rutschen konnte die Kompanie nicht mehr. Unser Plan war, vor Tagesgrauen rechts und links der Bahnstation Kambi ya nyuki die Telegraphenleitung zu durchschneiden, mit Tagesanbruch den Bahndamm zu sprengen und gleichzeitig den starken Stations- und Bahnschutzposten anzuknallen. Um drei Uhr morgens wußten wir überhaupt nicht mehr, wo wir hingeraten waren; eigentlich hätten wir schon längst an der Bahn sein sollen. Die verfluchten Koongo! Ganz egal, wo wir lagen, ob irgendwo im weiten Pori oder vielleicht nur fünfzig Meter vor dem englischen Bahnschutzposten – die Kompanie mußte erst etwas ruhen.

Sie ruhte zwei Stunden wie sie war und wo jeder gerade hielt. Dort, wo wir im Dunkeln gelandet waren, gab es überhaupt keinen Sand mehr, sondern nur noch Steine. Große Steine und kleine Steine. Kein Halm Gras war dort für die Tiere. Ich ruhte, indem ich meinen langen dünnen Leib wie eine Schlange um einen großen Stein schlang und auf diesen mein Haupt legte, auf einem Unterbett freundlicher kleiner Steine. Neben mir stand Otto gesattelt und gezäumt und schnupperte an meinem Brotbeutel, aus dem ich ihm noch ein paar Händevoll Reis geben konnte. Eigentlich war das ja meine Ration, aber welcher gute Reitersmann kann sein Tier hungern sehen! Gesprochen durfte nicht werden, geraucht auch nicht. Um fünf Uhr morgens lief der geflüsterte Befehl »Weitermarsch!« durch die Reihen.

Das Gelände wurde bald besser, wir konnten aufsitzen. Als wir in der Morgendämmerung durch einen leichten Akazienbusch ritten, ließ Unteroffizier Thiele von der Spitze melden: »Stationsgebäude siebenhundert Meter vor uns.« Zum Telegraphendrahtschneiden und Sprengen war es leider nun zu spät geworden, aber unsanft aufwecken wollten wir den bösen Feind doch. Zwischen dem Akazienwäldchen und der hochliegenden, befestigten Bahnstation lag eine offene Talmulde. Im Akazienhain, also noch außer Sicht von der Station, entwickelte sich die Kompanie. »Halt! Absitzen! Pferdehalter! Schützen vor! Schwärmen! Marsch!« – alle Kommandos wurden leise gegeben und weitergegeben. Jetzt war keiner mehr müde oder durstig.

Als Wachtmeister mußte ich bei den Tieren bleiben. Ich nahm sie weiter in den Wald zurück, deckte Rücken und beide Flanken durch ausgeschobene Posten und ritt dann selbst wieder vor an den Buschrand, wo ich das kommende Gefecht fein übersehen konnte. Noch krochen unsere Schützen schweigend näher an die Station heran. Da zeigte sich unten in der Talmulde, nahe der Station, eine feindliche Patrouille, Reiter und Fußvolk. Gesehen hatten sie uns nicht. Sie rückten anscheinend wie jeden Morgen aus, um die Bahn abzupatrouillieren. Die Leute plauderten harmlos und rauchten Zigaretten. Nicht lange! Zwei Züge unserer Kompanie nahmen sie unter Feuer, der dritte Zug feuerte in die Zelte, die neben dem Stationsgebäude aufgebaut standen.

Die Wirkung war groß, wie die jedes überraschenden Angriffs. Was von der feindlichen Patrouille beritten gewesen war, war bald unberitten, und ich konnte beobachten, in welcher Konfusion die Herren Engländer in Schlafanzügen aus ihren Zelten stürzten, zurückliefen, Gewehre und Munition holten, um endlich einen Schützengraben hinter dem Bahndamm zu besetzen. Soviel ich mit meinem Feldglas sehen konnte, war die Station von Engländern und Indern besetzt und ihre Gesamtstärke zwei- bis dreihundert Mann.

Bald bekamen wir auch Antwortfeuer. Wo unsere Schützen lagen, schien der Feind nicht sofort erkannt zu haben, oder er schoß aus Versehen zu hoch. Unsere Schützen lagen etwa dreißig Meter tiefer als die Stelle, wo ich hielt, hundert bis hundertfünfzig Meter vor mir, aber die feindlichen Kugeln gingen noch über meinen Kopf weg. Auf den Akazienbusch hatte der Feind es jedenfalls abgesehen; denn jetzt fing er auch an, sich hinter dem Bahndamm, unsere Stellung flankierend, zu entwickeln, und der Einschlag in den Akazienhain wurde so bedenklich, daß ich mir bereits vornahm, für unsere Tiere eine andere Deckung zu suchen.

Da kam, nach halbstündigem Gefecht, das Trompetensignal: Sammeln! Die Schützen kehrten zögernd, die Askari nur unter Androhung von Hieben und nach vielem Geblase zu den Tieren zurück. Unsere Askari, von Deutschen geführt, gehen ran wie Blücher, und dann beißen sie sich förmlich fest. Sich von einem Gefechtsfeld zu trennen, fällt ihnen schwer. Die befestigte Stellung des Feindes, die durch mindestens vierfache Übermacht besetzt war, zu stürmen, hatte nie in unserer Absicht gelegen. Wir wollten den Feind wecken, und das war überraschend gut gelungen.

Dieses Wecken vom 21. Juni 1915 zu Kambi ya nyuki war unsere Antwort auf das feindliche Wecken am Ingito. Der Feind hatte fünf Tote – Enthusiasten wollen sogar fünfzehn gezählt haben – und jedenfalls viele Verwundete. Mehrere Reittiere hatten wir ihm auch abgeknallt. Unser Überfall war weit glänzender gelungen als wir erwarten durften; denn daß wir eine feindliche Patrouille im Offenen erwischen würden, hatte niemand zu hoffen gewagt. Das Schönste war, daß wir keinerlei Verluste hatten.

Da der Telegraphendraht nicht abgeschnitten worden war, durften wir annehmen, daß Züge mit Verstärkung für den Feind bereits heranrollten. Es hat keinen Sinn, eine gute runde Sache zuspitzen zu wollen. Also: »Aufsitzen! Kehrt marsch! Schritt! – – Trab! – – Galopp!« Erst mal raus aus dem Kugelregen, der immer noch in den Akazienhain einschlug! Unsere Stimmung war ausgelassen fröhlich, wie von Schulbuben nach einem gelungenen Streich. Erst ganz allmählich dämpfte sie wieder ab. Wo würde sich die Besatzung des englischen Bezillagers, die bereits die Nachricht von unserm Überfall haben mußte, uns vorbauen? Der Leser darf nicht vergessen, daß sich die Berittene 9. Schützenkompanie um diese Zeit fünf schwere Tagemärsche vor ihrer und weit hinter der feindlichen Basis befand. Der Feind brauchte nur an unserer Rückzugslinie einige Wasserstellen zu besetzen, dann kamen wir schwer in Druck.

Obwohl wir eine Verfolgung von Kambi ya nyuki her nicht für wahrscheinlich hielten, denn die Männer dort konnten sich unser Erscheinen doch nur als Vorhut einer starken Abteilung erklären und nicht ahnen, daß wir ohne jeglichen Rückhalt in der Weltgeschichte schwebten, ritten wir doch anfangs, um weniger in Sicht zu sein, im Bett der Koongo, die uns über Nacht so viele Mühe gemacht hatten. Für zwei Stunden ging es abwechselnd Trab und Galopp. Der brüchige, hartgebackene Sandboden im Bett der Koongo war nichts für ungeschickte Reiter. Die Askari stürzten vom und mit dem Tier öfter, als mir angenehm war. Bei mir stellte sich der Hunger ein. Ich öffnete eine Büchse Sardinen und labte mich an ihrem Inhalt. An Durst war es besser gar nicht zu denken.

Eine Zeitlang ritt der Gefreite Fechter neben mir. Vor dem Kriege war er Angestellter der Nashornapotheke in Aruscha gewesen. Neulich, auf Feldwache am Naudéwasser, hatte er zum erstenmal in seinem Leben ein Nashorn gesehen und mit Klamotten nach ihm geschmissen. Da er klein von Statur war, wurde er in der Kompanie seit jenem Abenteuer und mit Berücksichtigung seiner früheren Tätigkeit in der Nashornapotheke »das kleine Nashorn« genannt. Am Tage nach Kaisers Geburtstag hatten die Engländer auch Fechters Posten am Nagasseni heimgesucht, und während er die Engländer im hohen Schilf des Nagassenisumpfes suchte, hatten diese ihn gesucht und seinen Zypernesel gefunden. Die Engländer nahmen den Esel mit und hinterließen einen Zettel, auf dem sie sich höflichst für den Esel bedankten. Hierüber hatte sich das kleine Nashorn schmählich geärgert und blutige Rache geschworen. Heute sei ihm, erzählte mir Fechter, seine Rache zur Hälfte wenigstens geglückt. Ein schönes englisches Maultier, das während des Gefechts reiterlos umhergeirrt sei, habe ihn so lange beschäftigt, bis er es umgelegt. Leider habe er aber den Zettel mit dem Gruß an die Engländer, den er schon seit Wochen in der Tasche trage, nicht zum toten Maultier hintragen können. Sein Gruppenführer habe ihn mit Gewalt zurückgehalten und ihn mit fortgerissen, als »Sammeln« geblasen worden sei.

Als wir fünf Stunden gen Süden geritten waren und es Mittag wurde, suchten wir den spärlichen Schatten vereinzelter Flötenakazien auf. Mit der Bezeichnung »Flötenakazie« hat es folgende Bewandtnis: Eine Wespe bohrt in der Saftzeit der Bäume die jungen grünen Dornen der Akazie an und legt ihre Eier hinein. Der Dorn erweitert sich sackförmig bis zur Größe eines Hühnereis. Dieser Sack, dessen Inhalt den aus den Eiern schlüpfenden Maden zur ersten Nahrung dient und der unter dem jetzt verkrüppelten Dorn hängt, stirbt in der Trockenzeit ab. Wenn die Wespenmaden den Inhalt ihres Hauses aufgefressen haben, verlassen sie es durch das jetzt erweiterte Bohrloch, und Ameisen ziehen in die hohlen Säcke ein. Auf dem erweiterten Bohrloch flötet der Wind wie die Knaben auf einem Schlüssel. Da sowohl die Säcke wie die Bohrlöcher verschiedener Größe sind, entstehen die verschiedensten Töne. Das Ganze ist ein melodisches, aber unheimliches Konzert. Die in Frage kommende Ameise hält sich nur in Gegenden geringer Niederschlagsmengen auf.

Wo die Akazien flöten, suchst du also vergebens nach Wasser. Wir sattelten ab und ruhten. Wer noch was zu essen hatte, aß. Abkochen konnten wir natürlich nicht. Zu trinken hatte keiner mehr. Die Tiere waren viel zu müde und vor allem viel zu durstig, um die paar trockenen Grashalme, die hier standen, zu suchen. Otto verschmähte sogar eine Handvoll Reis. An Wasser mußten wir unbedingt heute noch kommen, sonst versagten unsere Tiere. Das nächste uns bekannte Wasser war das Löwenwasser. Daß die englischen Truppen des Bezillagers unsere rückwärtigen Wasserstellen oder doch einige derselben jetzt besetzt haben würden, nahmen wir als ganz selbstverständlich an. Vielleicht kannten sie aber das versteckt gelegene Löwenwasser noch nicht. Es war reine Glückssache.

Mit schweren Gedanken lag ich, von Durst gequält, unter den flötenden Akazien – in Fiebertraumgedanken, die einen bei hellichtem Tage gruseln machen: »Die Tiere versagen, wir müssen sie zurücklassen. Ob wir ihr Blut abzapfen und trinken? Ich glaube, ja. Auch die Feldflaschen werden wir uns mit Blut füllen, wenn es nicht bereits zu dickflüssig ist. Dann weiter zu Fuß. Ob Blut den Durst stillt? Ich glaube, nein. Unser eigenes Blut wird nur noch dickflüssiger werden. – Ob Ordnung in der Kolonne zu halten sein wird? Eine Weile sicher. Später sicher nicht mehr. Strafen, Todesstrafen erschrecken niemanden mehr. Päng! – der beste Beweis ist gegeben, einer hat sich bereits selbst erschossen. Er hatte sein Gewehr noch, die meisten haben es bereits weggeworfen. Wie viele sind wir noch? Mühsam hebe ich die schwer verstaubten Augenlider. Eine lange Reihe strauchelnder Gestalten wandert vor mir im Staub. Die Sonne blendet mich, zählen kann ich nicht mehr. Da sinkt wieder einer hin. Ich spreche zu ihm mit belegter Stimme, die mir selber fremd erscheint. Er hört und antwortet nicht. Ich stolpere weiter mit bleischweren Knien. Da wird mir schwarz vor den Augen. Die Sinne vergehen mir. – Ich komme zu mir. Es ist Nacht. Die Sterne leuchten über mir, die Akazien flöten traurig, meine Augen brennen. Hui! Was ist das an meinen Beinen? Ein Kamerad? Mit Mühe richte ich mich halb auf. Ich will schreien, aber bringe keinen Ton heraus. Wo ich hinschaue, funkeln mich feurige Kohlen an, und lange Leiber kriechen um mich her. Hyänen greifen mich an, kaum können sie noch warten. Den Aasgeruch haben sie schon mitgebracht. Ich quäle mir den Browning aus der Tasche, entsichere und feuere auf sie. Heulend fliehen die Hyänen, und Ruhe umgibt mich. Wie lange? Ich kenne die Zeit nicht mehr. Ich taste nach meinem Karabiner und finde ihn nicht. Ob die Hyänen ihn verschleppt, um den Karabinerriemen zu fressen? Ob ich ihn verloren oder weggeworfen? Ich weiß nichts mehr. – Da sind sie wieder, die Hyänen. Päng! Jetzt habe ich noch sieben Schuß im Rahmen meines Browning. Die letzten drei Patronen sind für mich bestimmt – ich muß mit Versagern rechnen bei diesem Spielzeug. Kaum daß ich noch den Arm zu meinem im Sande gebetteten Haupt und die Mündung des Browning an meine Schläfe bringe. Ein kurzes Stoßgebet: ›Laß es kein Fehlschuß sein, o Gott.‹ Endlich Vergessenheit.« – –

Lieber, als solche Gedanken zur Musik der Flötenakazien, die Gewißheit – auch wenn ein paar Kugeln pfeifen sollten! Lieber einen fröhlichen Reitertod! »Satteln! Aufsitzen! Marschrichtung: Löwenwasser!«

Galopp und Trab zu reiten, hatten wir längst aufgeben müssen – kaum ein ordentlicher Schritt war noch aus den Tieren herauszukriegen. Sie krochen dahin. Da – gegen fünf Uhr fingen die Maultiere, in dieser Beziehung (wie überhaupt) viel klüger als Pferde, an, Wasser zu wittern. Sie spitzten wieder ihre Ohren, ihre Sehnen strafften sich, sie fingen an auszuschreiten, gingen selbständig in Trab über und brachen endlich in einen Galopp aus, den kein Reiter zügeln konnte. Die Spitze hatte Mühe, vorweg zu kommen, und unsere Packtiere, die auf dem Marsch nicht geführt wurden, sondern auf eigene Faust einherliefen, ohne sich je weit von der Kompanie zu entfernen, sausten voraus. Die Pferde wurden endlich auch von den Maultieren angesteckt, und um sechs Uhr abends, nachdem die Tiere achtundzwanzig Stunden ohne Wasser auf dem Marsch gewesen waren, brauste die ganze Berittene Neunte im rasenden Galopp zum Löwenwasser heran, das – Gott sei Dank! – nicht besetzt war.

So, nun war vorläufig alles gut. Über das Heute hinaus soll ein Soldat im Kriege nicht denken. Nur die armen Menschen, die diese Nacht, nach dem Marsch von achtundzwanzig Stunden einschließlich Gefecht, auf Feldwache ziehen mußten, taten mir leid. Ich bin zweimal aufgestanden, mir die Feldwache anzusehen. Der Wachhabende, Unteroffzier Thiele, pendelte ständig zwischen seinen Askariposten hin und her und unterhielt sich mit ihnen. Er behauptete, wenn er sich hinsetzte, schliefe er sofort ein, um nie wieder aufzuwachen, und wenn er die Askari nicht unterhalte und Antworten von ihnen verlange, schliefen sie ihm im Stehen ein.

Von dieser Patrouille ist nicht mehr viel zu berichten. Das Eleleschowasser berührten wir auf dem Rückmarsch nicht, auch nicht das am falschen Narok. Wir hielten uns östlich von beiden, legten zwei Tagemärsche in einen, ritten durch paradiesische Täler der Matumbatuberge und erreichten um sieben Uhr abends nach vierzehnstündigem Marsch das Naudéwasser. Gegen Mittag, als wir in einem Tal der Matumbatuberge am Ufer eines starken Baches in hohem, saftigem Grase absattelten, um abzukochen, gab es noch eine kleine Aufregung. »An die Gewehre! Feind rückwärts!« Richtig, da tauchten in unserer Spur einzelne Reiter auf. Die Schützen besetzten den Bachrand – glücklicherweise wurde erst beobachtet, ehe geschossen wurde. Die Reiter waren Unteroffizier Fokken mit der Nachspitze. Wie man nur vergessen konnte, daß die Nachspitze noch hinter uns war?! Überanstrengung muß doch wohl den Geist stumpf machen.

Vom Naudéwasser brachte uns ein kleiner Tagemarsch zurück zum Longido, zu unsern Boys, zur Badegelegenheit, zur reinen Wäsche und zum guten Essen und Trinken. Die Tiere hatten bereits am Naudéwasser wieder Kraftfutter erhalten, das wir dort auf dem Hinmarsch versteckt hatten. Im Longido wurde der nächste Tag geruht. Am übernächsten Tage zogen wir mit Staub und Ruhm bedeckt im Doppelberglager wieder ein. Hauptmann Fischer, unser Abteilungsführer, dem der glückliche Verlauf der Patrouille schon vom Longido aus telephonisch gemeldet worden war, ritt uns entgegen und nahm schmunzelnd die Parade der heimkehrenden Krieger ab. Am Abend war großes Karama [Festessen] in der Offiziersmesse, bei dem auch das Ziel erreicht wurde – jedenfalls hatte ich vierundzwanzig Stunden später noch Haarweh.

Ausbildung im Garnisondienst

Im Feldlager auf dem Doppelberg gab es außer der altgewohnten Arbeit auch allerhand Neues. Die Buren wurden von der Berittenen Achten zu uns zurückversetzt, und der Abteilungsarzt, Oberarzt Klemm, vergnügte sich damit, uns allen einen leichten Typhusanfall einzuimpfen; er begleitete jede Einspritzung mit einem teuflischen Grinsen, obwohl er eigentlich ein ganz lieber Mensch war. Karl Blaich baute natürlich wieder. Das Lager war bereits neun Zehntel fertig. Das war sehr fatal; denn nun mußte es notwendigerweise aus strategischen Gründen verlegt werden. Wir schimpften alle, vom jüngsten Rekruten bis zum ältesten Offizier. Der Soldat schimpft gern mal, das gilt als sein gutes Recht. Am meisten schimpft er aber, wenn er zurück soll und nicht versteht, warum; Rückzugsbewegungen aus strategischen Gründen, mögen diese noch so berechtigt sein, liegen dem Soldaten nicht.

Aller Ärger half aber nichts, packen mußten wir doch. Am 5. Juli 1915 war das Lager abgebrochen, nur seine äußere Schale blieb stehen, und die Kompanie trat mit ihrem ganzen Troß die strategische Rückwärtsbewegung an.

Wir lagerten einige Tage vor dem Posten Kamfontein am Nordwesthange des Meru, während oberhalb des Postens am Urwaldrande ein Platz für das Kompanielager frei geschlagen wurde. Benannt wurde dieses neue Kompanielager nach einem in der Steppe vorgelagerten Berge das Lager am Oldonjo Sambu. Karl Blaich baute mit nie rastendem Eifer ein neues Lager von Graspalästen, noch viel schöner als das am Doppelberg.

Wir wohnten hier etwa zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Nachts und bis elf Uhr vormittags war dort eine Hundekälte. Die Schützen trugen fast den ganzen Tag ihre Indermäntel, so genannt, weil sie nach der Schlacht von Tanga den gefallenen Indern abgenommen, chemisch gereinigt und an die Europäer verkauft worden waren. In den kalten Hochsteppen, wo wir operierten, waren diese Mäntel eine reine Gottesgabe. Im Feldwebelbüro ließ ich mir sogar einen Ofen bauen – ein eisernes Zementfaß wurde mit vielen kleinen Löchern versehen und Holzkohle darin gebrannt.

So hätte es auch im neuen Lager eigentlich ganz behaglich werden können, wenn nicht plötzlich ein neuer Befehl eingetroffen wäre, des Inhalts: Die Kompanie ist im Garnisondienst besser auszubilden! – irgend jemand mußte dem Abteilungsführer schwer aufgefallen sein.