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Deutsche Denkwürdigkeiten
K. F. Koehler, Verlag, Leipzig. Druck Meissner & Buch, Leipzig
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GRÖSSERES BILD
Meine Erinnerungen
aus Ostafrika
von
General von Lettow-Vorbeck
Leipzig
Verlag von K. F. Koehler
1920
Copyright by K. F. Koehler, Verlag. 1920
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
Vorwort
Überall regte sich in den erst wenige Jahrzehnte alten deutschen Kolonien verheißungsvolles Leben. Wir fingen an, den Wert unseres kolonialen Besitzes für unser Volk zu begreifen; Ansiedler und Kapital wagten sich herbei, Eisenbahnen entwickelten die weiten Gebiete, Industrien und Fabriken blühten empor. Im Vergleich zu anderen Völkern hat sich die deutsche Kolonisation friedlich und stetig vollzogen, und die Eingeborenen hatten Vertrauen zu der Gerechtigkeit der deutschen Verwaltung. Kaum begonnen ist diese Entwicklung durch den Weltkrieg vernichtet worden. Trotz aller handgreiflichen Gegenbeweise will ein unberechtigter Lügenfeldzug der Welt vorspiegeln, daß die Deutschen ohne koloniale Begabung und grausam gegen die Eingeborenen gewesen wären.
Eine kleine, wesentlich aus diesen Eingeborenen gebildete Truppe hat sich dem Verlust entgegengestemmt. Fast ohne äußere Zwangsmittel, sogar ohne sofortige Bezahlung hielt sie mit ihrem zahlreichen Eingeborenentroß treu zu ihren deutschen Führern während des ganzen langen Krieges gegen mehr als hundertfache Übermacht. Als der Waffenstillstand kam, stand sie schlagfertig da, von bestem soldatischem Geiste beseelt. Das ist eine Tatsache, an der sich nicht rütteln läßt und die allein schon die Unhaltbarkeit der feindlichen Entstellungen beweist.
Den Kampf der Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika erschöpfend zu schildern, war mir nicht möglich. Das vorhandene Material läßt es nicht zu, vieles ist verloren gegangen, und noch jetzt fehlt mir die Kenntnis mancher Ereignisse, deren Träger noch nicht in die Heimat zurückgekehrt sind. Meine eigenen Aufzeichnungen sind zum großen Teil verloren, und es fehlte mir die Muße, neben meiner sonstigen Tätigkeit den Feldzug in Ostafrika eingehend zu bearbeiten. So kann ich nur Unvollkommenes liefern. Im wesentlichen bin ich auf mein Gedächtnis angewiesen und auf das, was ich selbst erlebt habe. Irrtümer im einzelnen sind unvermeidlich.
Aber trotzdem dürften die folgenden Schilderungen nicht wertlos sein, und vielleicht auch nicht ohne Interesse. Zeigen sie doch, wie sich unser bisher größtes koloniales Ereignis im Kopfe dessen abgespielt hat, der zu der militärischen Führung berufen war. Ich habe mich bemüht, meine Erinnerungen aus Ostafrika so wiederzugeben, wie sie wirklich sind, und so wenigstens subjektiv Richtiges zu bieten.
Inhaltsverzeichnis
| [Erstes Buch] | |
| Erster Abschnitt: Vor Kriegsbeginn | |
| Gedanken über Aufgaben und Zweck der Schutztruppe. Die Verteidigungsmöglichkeiten der Kolonie in ihren Einzelheiten. Verteilung, Bewaffnung und Ausbildung der Truppe. Militärische Verwendung und Gesinnung der Eingeborenen. Wirtschaftlicher Wert des Landes und Wirtschaftspflege der Eingeborenen. Pferdezucht und Jagd. Mehrere Besichtigungsreisen. Nationale Propaganda der späteren feindlichen Missionen in den angrenzenden Gebieten. | |
| Zweiter Abschnitt: Der Beginn des Krieges | |
| Eintreffen der Nachricht der Mobilmachung. Teilnahme am Kriege oder Neutralität? Die Stärke der Schutztruppe und die englischen Kriegsverluste. Der englische Konsul und seine Tätigkeit. Der Gouverneur der Kolonie, die oberste militärische Gewalt und die Verteidigung der Küstenplätze. Vorbereitungen der Mobilisation. Etappenwesen, Nachschub und Verpflegung. Sanitätswesen und Malaria. | |
| Dritter Abschnitt: Die ersten Kämpfe | |
| Beschießung des Funkenturmes in Daressalam. Übergabeverhandlungen von seiten der Zivilbehörden. „Königsberg“ und „Möve“. Einnahme von Taveta. Die Verschiebung der Hauptmacht nach der Nordbahn. Neue Telegraphenverbindungen. Beschießung von Bagamojo. Gegen die britische Ugandabahn. Angriffe auf Britisch-Karunga am Nyassasee. Kleinkrieg im Norden. | |
| Vierter Abschnitt: Die Novemberkämpfe bei Tanga | |
| Erkundungen bei Tanga. Ein englisches Landungskorps erscheint. Konzentration aller verfügbaren Truppen. Erste Gefechte bei Ras Kasone. Aufklärung im verlassenen Tanga. Die Umgebung des voraussichtlichen Gefechtsfeldes. Die Aufstellung der Kompagnien. Die feindliche Landung. Der Angriff. Die ungünstige Lage der Verteidiger. Der Gegenstoß der Verstärkungstruppe. Kopflose Flucht des Feindes. Mißglücken der Verfolgung. Störung des Feindes am Landungsplatz. Die ungeheueren englischen Verluste. „Die dressierten Bienen.“ Verhandlung über Auslieferung der Verwundeten. Die große Beute. Die eigenen Verluste. In den Lazaretten. Die gleichzeitigen Ereignisse am Longidoberge. | |
| Fünfter Abschnitt: In der Erwartung weiterer Ereignisse | |
| Rückverlegung der Truppen nach Neu-Moschi. Der Dienstbetrieb beim Kommando. Auto und Träger im Wettbewerb. Erkundungsfahrten im Auto. Die Verpflegung und der Nachschub. Die Etappenstraßen. Arbeitslast und Arbeitsfreudigkeit. Die reichliche Verpflegung. Der ausgehungerte Oberleutnant. Sonntagsjägervergnügen. Die Fleischversorgung der Truppe. | |
| Sechster Abschnitt: Weitere schwere Kämpfe im Nordosten | |
| Vorrücken feindlicher Kräfte bei Jassini. Erkundung des Geländes für einen möglichen Kampf. Vormarsch deutscher Kompagnien gegen die englischen Stellungen. Überraschung und Umzinglung des verschanzten Feindes. Das schlechtkämpfende Araberkorps. Tapfere Verteidigung des Feindes. Schwierige Lage der Angreifer. Der Feind zeigt die weiße Fahne. Abmarsch zur Nordbahn. | |
| Siebenter Abschnitt: Kleinkrieg und neue Zurüstungen | |
| Notwendigkeit der Schonung von Menschen und Material. Die Fürsorge für die Verwundeten. Ein Funkspruch aus der Heimat. Streifen in der Longidogegend. „A damned good piece of work.“ Bahnzerstörungspatrouillen. Leiden und Tod in der Steppe. Ankunft eines Hilfsschiffes. Fieberhafte Herstellung von Munition. Ein Vorstoß am Oldoroboberge. Rohstoffüberfluß und Mangel an Fertigfabrikaten. Neue Industrien zum Ersatz des Fehlenden. Wegebau. Ausbau der Truppe an Größe und Gefechtswert. | |
| Achter Abschnitt: In Erwartung der großen Offensive; energische Ausnutzung der noch zur Verfügung stehenden Zeit | |
| Feindliche Massai greifen am Viktoriasee an. Die „Königsberg“ im Rufiji. Ihr rühmliches Ende. Ein neuer Erfolg am Kilimandjaro. Hartnäckige Angriffe gegen die englische Bahn. Vorstoß gegen das englische Lager am Kasigao und seine Besetzung. Schutzmaßregeln des Feindes gegen unsere Bahnzerstörungen. Gefechte im Busch. Gedanken über die Möglichkeit des Widerstandes bei Angriff großer feindlicher Truppenmassen. Vorbereitungen für einen Rückzug nach Süden. Abtransport von Material. Zähes Halten der Stellung am Oldorobo. Der neue „Mungu“. | |
| Neunter Abschnitt: Kleinkrieg zu Wasser und zu Lande bis zur Jahreswende 1915–16 | |
| Die eigenen und die feindlichen Streitkräfte an den Grenzen der Kolonie. Schwierigkeit der Truppenbewegungen innerhalb des Schutzgebietes. Die Ereignisse an der Küste. Kleine Gefechte im Ssonjogebiet. Dauernde Kämpfe östlich und westlich des Viktoriasees. Die Ereignisse in Ruanda, am Kiwusee. An der Russissigrenze. Land- und Wassergefechte im Gebiet des Tanganjikasees. Das Gebiet um Bismarckburg. Am Nyassasee. | |
| [Zweites Buch] | |
| Erster Abschnitt: Feindlicher Vorstoß am Oldoroboberge | |
| Mehrfaches Vordrücken des Feindes. Die phantastischen Panzerautomobile. Der Artilleriekampf. Die südafrikanischen Truppen. Angebliche feindliche Grausamkeitsbefehle. Verstärkung des Feindes am Longido. Im Kampf gegen eine Inderpatrouille. Die vornehme Gesinnung der weißen Offiziere. Unsere braven Askari und die Irreführung der Engländer. | |
| Zweiter Abschnitt: Vorrücken des Feindes und Kampf bei Reata | |
| Spione an der Arbeit. Die Wege des feindlichen Vormarsches. Abwehrmöglichkeiten. Der Feind greift am Kitovo an. Die feste Stellung in der Linie Reata–Kitovo. Das „Königsberggeschütz“. Erkundung feindlicher Kavallerie. Feindlicher Angriff und Umzinglungsversuch. Einnahme neuer Verteidigungsstellungen. Rückzug des Feindes nach Taveta. Nach dem Kampf. Neues Vorfühlen des Feindes. Beim Kommando in Neu-Steglitz. Ein zweites Hilfsschiff. | |
| Dritter Abschnitt: Zurückweichen vor übermächtiger feindlicher Bedrängung | |
| Pläne und Erwägungen. Eifrige feindliche Erkundungsversuche. Vorbereitungen zum Kampf. Vorstoß auf den feindlichen Patrouillenschleier. Schwere Verluste. Neue starke Angriffe des Feindes (am 21. März). Mißlingen des Gegenangriffes. Eine Alarmmeldung: der Feind im Rücken. Rückzug nach Kissangire. Die Alarmmeldung erweist sich als falsch. Die gute Stimmung der Truppe. Die Lage der Zivilbevölkerung. Kampf und Kapitulation der 28. Kompagnie bei Lokisale (5. April). Heranschaffen von Hilfstruppen. Konzentration der Truppen zur Zentralbahn. | |
| Vierter Abschnitt: Das Vorgehen des Feindes im Gebiete der Nordbahn | |
| Abfahrt nach Korogwe. In Handeni. Nachrichten aus Deutschland. Die Hindernisse des Weitermarsches. Der angeschwollene Fluß. Zu Pferde und mit der Feldbahn nach Kimamba. Erkundung südlich von Kondoa. Etappenwesen und Intendantur. Fühlung mit dem Feinde. In Stellung. Der Feind scheint seine Stellungen zu räumen. Ein unerwartetes Nachtgefecht. Schwere eigene Verluste. Günstige Patrouillenunternehmungen. Artillerieduelle. Die Beschaffung von Verpflegung aus dem Lande. Ein mißlungener feindlicher Vorstoß. | |
| Fünfter Abschnitt: Zwischen Nordbahn und Zentralbahn | |
| Vordringen des Feindes an der gesamten Nordfront. Gleichzeitige Angriffe von Südwesten her. Ausweichen und Umklammern. Auf der Suche nach der schwächsten Stelle des Gegners. Der schneidige englische Patrouillenführer. Erhöhte Fliegertätigkeit beim Feinde. Weiteres Vorrücken des Generals van Deventer nach Süden. Widerstand schwacher deutscher Kräfte auf langer Linie. Kämpfe in der Nähe der Zentralbahn. Erkundungen. Heftige Gefechte mit dem vordringenden Gegner. Am Wamifluß. | |
| Sechster Abschnitt: Dauernde Kämpfe in der Nähe des Rufiji | |
| Feindliche Angriffe aus dem Südwesten. Was wird der Feind tun? Ein feindlicher Umzinglungsversuch. Das Gefecht bei Mlali. Rückzug nach Kissaki. Die moralischen Wirkungen unseres Rückzuges. Die „Boma“ von Kissaki. Sicherung unserer Rindviehbestände. Feindliche Niederlage am 7. September. Vernichtung einer zweiten feindlichen Abteilung. Deutsche Menschlichkeit — englischer Dank. Ein überraschender Vorstoß bei Dutumi (9. September). Dutumi muß aufgegeben werden. | |
| Siebenter Abschnitt: Feindliche Angriffe im Südosten der Kolonie | |
| Unsere ungünstige Lage bei Kilwa. Vergebliche feindliche Angriffe bei Kissangire. Flußpferde und Elefanten als Fettlieferanten. In Mpaganja. Der heimgeleuchtete Miesmacher. Vormarsch auf Kissangire. Die verirrte Patrouille. Erfolge bei Kissangire. Die Portugiesen bei Newala geschlagen. Im Lager von Utete. In fester Stellung bei Kibata. Artilleristische Vorbereitungen. Die Wirkung der schweren Granaten. Ein mißlungener Infanterieangriff. Die militärische Lage Ende 1916. Starke feindliche Angriffe bei Dutumi und Kissaki. Ein mißlungener feindlicher Umgehungsversuch. | |
| Achter Abschnitt: Sorgen und Bedrängnisse während des Aufenthaltes im Rufijigebiet | |
| Der Marsch durch die Kissiberge. Lager bei Ungwara. Die Truppen auf Irrwegen. Unnütze Esser. Maßnahmen gegen den drohenden Verpflegungsmangel. Die Verringerung des Trägerpersonals. Herabsetzung der Rationen. Widerstände. Die Askarifrauen. Der Mais als Retter in der Not. Eine Intendanturabteilung für Verpflegung. Kleine Gefechte im Busch bei Ungwara. Das Einsetzen der Regenzeit. Maßnahmen zum Schutz der Frauen und Kinder. Weiterzug der Truppe nach Süden. | |
| Neunter Abschnitt: Das Ende der Grenzenverteidigung auf den Nebenschauplätzen | |
| Am Ruhudje- und Ruahafluß. Ein feindlicher Angriff und plötzliches Abbrechen desselben. Der Irrtum des Feindes. Kapitulation des Majors v. Grawert. Teilung der Truppen des Generals Wahle. Der Marsch auf Tabora. Zurück zum Kilimandjaro. Der Marsch des Majors Kraut zum Rowuma. Verpflegungsschwierigkeiten und Zukunftspläne. Auf reichem portugiesischem Gebiet. Patrouillen gegen Kilwa. Eine schwere Niederlage des Feindes. Versuche mit Brotersatz. Primitive Stiefelherstellung. Die krähenden Hähne. Salz, Fett und Zucker. Das Sanitätswesen. „Lettowschnaps.“ Verbandzeug. Operationen mit primitiven Mitteln. | |
| Zehnter Abschnitt: Um Lindi und Kilwa | |
| Umschau nach einer neuen Verpflegungsbasis. Erkundungen im portugiesischen Gebiet über den Rowuma. Gefechte bei Kilwa. Die Lage des Sanitätswesens. Um das deutsche Lager bei Lutende. Eiliger Weitermarsch in die Berge von Ruawa. Die Erlebnisse der Abteilung Lieberman in der Landschaft von Ndessa. Ein kaiserlicher Gruß aus der Heimat. Feindliche Parlamentärspione. Ein feindlicher Angriff bei Narunju. Die Fliegerbombe im Dynamitlager. Sammlung der Nichtkombattanten in der Mission Ndanda. | |
| Elfter Abschnitt: In der Südostecke der Kolonie | |
| Konzentrischer Vormarsch des Feindes. Bei Ruponda und Likangara. Unsicherheit beim Gegner. Gerüchte. Das Gefecht bei Mahiwa. Ein glänzender Sieg. Änderung des Angriffsplanes. Die Taktik des feindlichen Führers. Das Ende des Kampfes. Die Verluste und die Beute. Ein neues Gefecht bei Lukuledi. Kleinkrieg. | |
| Zwölfter Abschnitt: Die letzten Wochen auf deutschem Boden | |
| Rücksprache mit dem Gouverneur. Erwägungen. Abmarsch von Lukuledi. Kleinere Gefechte im Busch. Der Munitionsmangel und seine Folgen. Dauerndes Vorrücken des Feindes bis Chiwata. Unser Ausweichen auf Nambindinga. Pläne zur freiwilligen Beschränkung der Truppenstärke. Auf dem Makondehochland. Wasser- und Verpflegungsmangel. Wohin? Neuordnung der Truppe in Newala. Die feindliche Patrouille und ihr Brief. Außer Sicht des Feindes. | |
| [Drittes Buch] | |
| Erster Abschnitt: Über den Rowuma | |
| Flußübergang. Das feindliche Lager bei Ngomano. Sturm auf die portugiesische Befestigung. Der „Tag der alten Gewehre“. Reiche Beute. Weitermarsch den Ludjenda aufwärts. Auf der Suche nach Verpflegung. Ein durchsichtiges feindliches Angebot. Nachricht von der Kapitulation des Hauptmanns Tafel. Teilung der Truppe. Reibungen und Unannehmlichkeiten. Einnahme mehrerer portugiesischer Lager. Heldentat des Leutnants Kempner. Bei Nangware. Büffelfett und Waldesfrüchte. Reiche Verpflegung bei Chirumba. Patrouillen. Anmarsch des Feindes. Plänkeleien. Feindliche Einflüsterungen. Neuer Mut und neues Vertrauen. | |
| Zweiter Abschnitt: Östlich des Ludjendaflusses | |
| Verpflegungsfragen. Im Regen. Tabakversorgung. Bei Nanungu. Der Bau von Pontonbooten. Patrouillen über den Msalufluß. Nachrichten von den Ereignissen in Europa. Kampfpause. Patrouillen bis zur Küste. Das kostbare Porischwein. Neuer feindlicher Aufmarsch. Dauernde Plänkeleien. Gegen den Feind am Kirekaberge. Ein Buschgefecht. Eine irrtümliche Meldung und ihre Folgen. Die beiderseitigen Verluste in den letzten Gefechten. Erfolge des Hauptmanns Koehl. Weitermarsch zum Koromaberge. Ein Überfall. Der Gouverneur in Gefahr. Unangenehme Verluste. | |
| Dritter Abschnitt: Im Gebiet des Lurio- und Likungoflusses | |
| Auf dem Wege nach Koriwa. Die Kranken und Verwundeten. Lager am Lurio. Abteilung Müller nimmt die Boma Malema. Anmarsch feindlicher Truppen von mehreren Seiten. In einem reichen Lande. Die Vorsichtsmaßregeln des Generals Edwards. Kampf im Busch. Weitermarsch auf Alto-Moloque. Die Apfelsinenboma. Dauernde Patrouillengefechte. Die Station Nampepo und andere Niederlassungen. Am Likungofluß. Reiche Beute. Das Schätzungsvermögen der Eingeborenen. | |
| Vierter Abschnitt: Weitermarsch in südlicher Richtung | |
| Wo ist die feindliche Munition gestapelt? Auf der Suche. Das Hindernis der langen Marschkolonnen. Kokosani-Namakurra. Über den Likungo. Ein Erfolg bei Namakurra. Der verschanzte Bahnhof. Artillerievorbereitung und Sturm. Flucht des Feindes über den Namakurrafluß. Die Verluste hüben und drüben. Willkommene Beute an Verpflegung und Munition. | |
| Fünfter Abschnitt: Wieder nach Norden zum Namirruefluß | |
| Hindernisse für den Weitermarsch nach Süden. Die feindlichen Operationen und die eigenen Pläne. Zurück über den Likungo. Marsch in mehreren Parallelkolonnen. Eine merkwürdige Kriegslage. Auf der Suche nach Beute. Bei Ociva. Die englischen und die portugiesischen Gefangenen. Einnahme der Boma Tipa. Marsch nach Namirrue. Erkundung der feindlichen Felsenbergstellung. Ein neuer Feind taucht auf. Ein siegreiches Nachtgefecht gegen ihn. Das Wirrwarr der feindlichen Kolonnen. Vergebliche Verfolgung des fliehenden Feindes. Der Minenwerfer und seine Wirkung. Sturm auf den Felsenberg. Abmarsch nach Pekera. Ruhepause im Lager von Chalau. | |
| Sechster Abschnitt: Zurück zum Luriofluß | |
| Bei Chalau. Ein englischer Parlamentär. Der Anmarsch des Feindes. Abmarsch über den Ligonja. In Ili. Marsch nach Numarroe. Brotbereitung für die Gefangenen. Ein Frühstück im Busch. Die Boma Numarroe. Ein Erfolg der Abteilung Goering. Die Einnahme der Boma. Die beiderseitigen Verluste. Weiter über die Berge nach Regone. Plänkeleien. Was wird weiter? Heftige Kämpfe bei Lioma. Schwere Verluste. Keine Aussicht auf einen größeren Erfolg. Weiter nach Norden. Durcheinander der Abteilungen. Ein schwieriger Marsch durch die Berge. Am Lurio. Schlechter Gesundheitszustand der Truppe. Beiderseitige schwere Verluste. Die Influenzaepidemie. | |
| Siebenter Abschnitt: Noch einmal auf deutschem Boden | |
| Schneller Abmarsch nach Norden. Über den Ludjenda. Ein Ruhetag bei Mwembe. Feindliche Kundschaftung. Aufklärung durch Fernpatrouillen. Nach Ssongea. Das Heimweh des Samarunga. Die Mission Pangire. Wechsel der Marschrichtung. Ernste Nachrichten aus Europa. In der Mission Mbozi. Patrouillenmeldungen. | |
| Achter Abschnitt: Einmarsch in Britisch-Rhodesien | |
| Auf dem Marsche nach Fife. Der Feind in seiner verschanzten Stellung. Erfolglose Beschießung und Weitermarsch. Patrouillengefechte. Reiche Chininbeute. Kartenstudium. In Eilmärschen nach Rhodesien hinein. Missionsstation Kajambi und ihre ängstlichen Bewohner. Einnahme von Kasama. Eingeborene plündern auf englische Anordnung. Weiter auf den Zambesi zu. | |
| Neunter Abschnitt: Waffenstillstand und Heimkehr | |
| Der verirrte englische Motorfahrer. Waffenstillstand. Mit dem Fahrrad zur Zambesifähre. Die Bedingungen des Waffenstillstandes. Besprechung mit dem britischen Kommissionar. Die Lage in Deutschland. Der Waffenstillstand und die Lage unserer Truppe. Entlassung der Gefangenen. Schwierigkeiten bei der Entlöhnung der Askari. Marsch nach Abercorn. „Übergabe“ und „Räumung“. Bei General Edwards. Waffenabgabe. Nutzloser Widerstand gegen die englische Auslegung der Abmachungen. Zu Schiff nach Kigoma. Belgische Gastfreundschaft. Mit der Bahn nach Daressalam. Internierung. Die Grippe und ihre Opfer. Die treuen Askari. Bemühungen zum Schutz des Privateigentums. Einschiffung zur Heimat. Auf dem „Feldmarschall“. In Rotterdam und auf heimatlichem Boden. Rückblick und Ausblick. | |
Kunstbeilagen
nach Originalen von Hauptmann W. v. Ruckteschell
- [Porträt des Verfassers], farbig (Titelbild)
- [Askari auf der Rast]
- [Bogenschütze]
- [Affenbrotbaum]
- [Verpflegung bringende Weiber]
- [Kilimandjaro]
- [Verpflegung bringende Eingeborene]
- [Askari (eingeborener Soldat)]
- [Signalschüler] (Mustapha bin Mabruf)
- [Askari] (Hamiß)
- [Askari] (Hassan Silal Mohamed)
- [Askarifrau] (Mamatabu)
- [Träger]
- [Askarifrau] (Aidia Binti Abdalla Saidi)
- [Askarifrau]
- [Verwundet]
- [Gefallen]
- [Operation im Feldlazarett]
- [Trägersafari]
- [Massaiposten]
- [Europäermahlzeit]
Inhalt der Kartentasche
1 [Übersichtskarte von Afrika] (1 : 56000000)
1 [Karte mit eingezeichneter Marschroute des Hauptteiles der Schutztruppe] (1 : 8000000)
21 [Bewegungs- und Gefechtsskizzen] von der Hand des Verfassers
Erstes Buch
Die Ereignisse bis zum Eintreffen der Südwest-Afrikaner
M.-G. Gruppe
Erster Abschnitt
Vor Kriegsbeginn
Als ich im Januar 1914 in Daressalam landete, da ahnte ich kaum, welche Aufgabe an mich nach einigen Monaten herantreten würde. Aber seit einem Jahrzehnt hatte der Weltkrieg mehr als einmal so nahe gedroht, daß ich mir ernsthaft die Frage vorlegen mußte, ob die mir unterstellte Truppe in einem solchen Kriege überhaupt eine Rolle zu spielen berufen wäre und welches ihre Aufgabe sein könnte. Nach der Lage der Kolonie und der Stärke der vorhandenen Kräfte — die Friedenstruppe war nur wenig über 2000 Mann stark — konnte uns nur eine Nebenaufgabe zufallen. Ich wußte, daß das Schicksal der Kolonien, wie das jedes deutschen Besitzes, auf den europäischen Schlachtfeldern entschieden werden würde. Zu dieser Entscheidung mußte jeder Deutsche ohne Rücksicht darauf, wo er sich gerade befand, das Seinige beitragen. Auch in der Kolonie hatten wir die Pflicht, im Falle eines Weltkrieges für das Vaterland zu tun, was in unseren Kräften stand. Die Frage war, ob wir die Möglichkeit hatten, die große heimische Entscheidung von unserem Nebenkriegsschauplatze aus zu beeinflussen. Konnten wir mit unseren geringen Kräften erhebliche Teile des Feindes vom Eingreifen in Europa oder auf anderen, wichtigeren Kriegsschauplätzen abhalten oder den Feinden eine nennenswerte Einbuße an Personal oder Kriegsgerät zufügen? Ich habe damals diese Frage bejaht. Allerdings ist es nicht gelungen, alle Instanzen in solchem Maße hierfür zu gewinnen, daß sämtliche für einen Krieg wünschenswerte Vorbereitungen ausgeführt werden konnten.
Es war zu überlegen, daß sich feindliche Truppen nur dann fesseln lassen würden, wenn wir den Feind wirklich an einer für ihn empfindlichen Stelle angriffen oder zum mindesten bedrohten. Es war ferner zu bedenken, daß durch eine reine Verteidigungstaktik mit den vorhandenen Mitteln nicht einmal der Schutz der Kolonie zu erreichen war. Handelte es sich doch um eine Grenz- und Küstenlänge ungefähr so groß wie die von Deutschland. Von diesem Gesichtspunkt aus ergab sich die Notwendigkeit, die geringen vorhandenen Kräfte nicht zu lokaler Verteidigung zu zersplittern, sondern im Gegenteil zusammenzuhalten, den Feind an der Kehle zu packen und ihn dadurch zu zwingen, seine Kräfte zu seinem eigenen Schutz zu verwenden. Gelang es, diesen Gedanken auszuführen, so wurde damit zugleich aufs wirksamste unsere Küste und unsere unendlich lange Landesgrenze beschützt.
Legte man sich nun die Frage vor, wo ein für den Gegner so empfindlicher Punkt lag, daß er uns Aussicht auf einen erfolgreichen Angriff oder wenigstens auf ein Drohen mit einem solchen bot, so kam man von selbst auf die Grenze zwischen Deutsch- und Britisch-Ostafrika. Längs derselben führt, auf wenige Tagemärsche entfernt, die Lebensader des britischen Gebietes, die Uganda-Bahn, also ein Objekt, das bei seiner Länge von gut 700 Kilometer für den Feind außerordentlich schwer zu schützen war und deshalb bei wirksamer Bedrohung einen großen Teil seiner Truppen festlegte.
Meine im Januar 1914 angetretene erste Erkundungs- und Besichtigungsreise führte mich von Daressalam zu Schiff nach Tanga, von dort nach Usambara und weiter in die Gegend des Kilimandjaro und Meru-Berges. In Usambara fand ich in dem mir von der Kriegsschule her gut bekannten Freund, dem Hauptmann a. D. von Prince, einen begeisterten Anhänger des Gedankens, daß wir Ostafrikaner bei einem etwaigen Kriege gegen England nicht stillsitzen dürften, sondern mit zugreifen müßten, falls sich auch nur die Spur einer Aussicht ergab, dem Kriege in Europa Entlastung zu verschaffen. Er konnte mich zugleich darüber orientieren, daß in dem Gebiet von Usambara, am Kilimandjaro und am Meru-Berge freiwillige Schützenkorps in Bildung waren, die voraussichtlich bald fast alle waffenfähigen Deutschen dieser Nordgebiete umfassen würden. Bei der dort dichten Pflanzerbesiedlung war dies von großer Bedeutung. Wenn wir im Verlaufe des Krieges im ganzen etwa 3000 Europäer haben bei der Schutztruppe in Dienst stellen können, so lieferten gerade diese Gebiete der Usambarabahn den Hauptbestandteil. Allerdings war es schwer, eine haltbare militärische Organisation dieser Freiwilligenvereinigungen zu finden und den vielen guten Willen auch wirklich nutzbar zu machen. Immerhin wurde im großen und ganzen erreicht, daß alle, auch die nicht gesetzlich hierzu Verpflichteten, bereit waren, sich im Kriegsfalle der Schutztruppe zu unterstellen. Auch bei den Bezirksämtern fand ich großes Entgegenkommen, leider aber auch das berechtigte Bedenken, ob solche Freiwilligenorganisationen in einem Weltkrieg, der uns mit Sicherheit vollständig von der Heimat abschnitt und auf uns selbst stellte, die nötige Festigkeit haben würden. Schlecht sah es auch mit der Bewaffnung aus; wenn auch fast jeder Europäer eine brauchbare Pirschbüchse hatte, so war doch die Verschiedenartigkeit der Modelle und die entsprechende Schwierigkeit der Munitionsbeschaffung bisher nicht behoben worden. Anträge auf gleichmäßige militärische Bewaffnung dieser Schützenvereine waren noch in der Schwebe und blieben bis zum Ausbruch des Krieges unerledigt.
In Wilhelmstal traf ich eine schwarze Polizeiabteilung unter ihrem tüchtigen aus Dithmarschen stammenden Wachtmeister.
Während die eigentliche Schutztruppe dem Kommandeur unterstand, hingen die einzelnen Abteilungen der Polizeitruppen von den Verwaltungsinstanzen ab, und so hatte jeder Bezirksamtmann zum Zwecke der Steuererhebung und um seinen Befehlen die nötige Autorität zu geben, eine Truppe von etwa 100 bis 200 Mann. Es herrschte das Bestreben vor, diese Polizeitruppe immer mehr auf Kosten der Schutztruppe zu vergrößern. Neben der Schutztruppe war eine zweite, ebenso starke Truppe entstanden, die ihrer ganzen Natur nach eine Karikatur militärischen Wesens war und kaum etwas Besseres sein konnte. Der Bezirksamtmann, ein Zivilbeamter, verstand von militärischen Dingen häufig wenig und legte die Ausbildung und Führung seiner Polizei-Askari[1] in die Hand eines Polizeiwachtmeisters. Dieser arbeitete eifrig mit dem Pflichtgefühl eines alten Unteroffiziers; aber die Anleitung durch einen höheren militärischen Vorgesetzten wurde ihm selten zuteil, da der Polizei-Inspekteur, ein Offizier, jeden Bezirk nur ab und an bereisen konnte. Die Polizei-Askari verbummelten daher vielfach und entbehrten der straffen Zucht, die notwendig war, um sie für ihre Funktionen, die doch Zuverlässigkeit erforderten, geeignet zu erhalten. Bedauerlicherweise entzog die Polizei der Schutztruppe oft die alten schwarzen Chargen und damit die besten Elemente, welche dann bei der Polizei ihre guten militärischen Eigenschaften verloren. Im großen und ganzen war es so, daß zugunsten einer Polizeitruppe, aus der bei den gegebenen Grundlagen nie etwas Brauchbares werden konnte, die Schutztruppe in ihrer Qualität mehr und mehr verschlechtert wurde.
Von Neu-Moschi, dem Endpunkt der Usambarabahn, begab ich mich über Marangu, wo ein englischer Pflanzer wohnte, und wo ich den englischen Konsul King aus Daressalam traf, in die Gegend des Kilimandjaro und von da nach Aruscha. Mehrere deutsche Pflanzer, zum Teil ehemalige Offiziere, die ich während des Marsches auf ihren Besitzungen besuchte, bestätigten mir, daß auch die dortigen deutschen Ansiedler wertvolles militärisches Material wären.
Ich lernte die reizende Besitzung des Kapitänleutnants a. D. Niemeyer kennen, dessen Gattin uns mit vortrefflichem, selbstgezogenem Kaffee bewirtete. Später hat sie uns gelegentlich ein bißchen gestört; als ihr Mann nämlich im Kriege im Lager von Engare-Nairobi war, nordwestlich des Kilimandjaroberges, hatten wir ihr für ein Gespräch mit ihrem Gatten vorübergehend einen Telephonanschlußapparat geliehen. Unmittelbar darauf stockte der gesamte Fernsprechverkehr, und nach langem, langem Suchen kamen wir endlich dahinter, daß unsere anmutige Wirtin von früher den Apparat nicht wieder ausgeschaltet hatte und auch keine Absicht zeigte, dies zu tun.
Auf seiner in der Nähe gelegenen Pflanzung bot uns Korvettenkapitän a. D. Schoenfeld gastlich ein ausgezeichnetes Glas Moselwein in einem militärischen Kommandoton, der schon damals auf den energischen Führer hindeutete, welcher später die Rufijimündung so zähe gegen feindliche Überlegenheit verteidigte. Kurz vor Aruscha traf ich auf der Kaffeepflanzung meines alten Kadettenkameraden Freiherrn von Ledebur bei Tisch auch den liebenswürdigen alten Oberstleutnant a. D. Freiherrn von Bock. Wir unterhielten uns über die freiwilligen Schützenvereinigungen, die am Meru-Berge im Entstehen begriffen waren, und ich ahnte nicht, daß wenige Monate später der über sechzig Jahre alte Herr einer unserer zähesten Patrouillengänger am Ostrande des Kilimandjaro sein und oft mit seinen paar Leuten, zum großen Teil Rekruten, erfolgreich gegen mehrere feindliche Kompagnien fechten würde. Seine echte Ritterlichkeit und väterliche Fürsorge gewannen ihm bald die Herzen seiner schwarzen Kameraden in solchem Maße, daß er in ihren Augen der tapferste aller Deutschen war, und sie mit rührender Treue an ihm hingen.
In Aruscha fand zum ersten Male die Besichtigung einer Askarikompagnie statt. Der Geist und die Disziplin der schwarzen Truppe zeigten die treffliche Erziehung durch meinen Vorgänger, den Oberst Freiherrn von Schleinitz, aber die Ausbildung im Gefecht gegen einen modern bewaffneten Gegner war, den bisherigen Verwendungsgrundsätzen entsprechend, weniger gepflegt worden. Die Kompagnie war — wie der größte Teil der Askarikompagnien — noch mit dem alten rauchstarken Gewehr Modell 71 bewaffnet. Vielfach war die Ansicht vertreten, daß diese Bewaffnung für eine schwarze Truppe zweckmäßiger wäre als ein modernes rauchschwaches Gewehr. Die Truppe war bisher niemals gegen einen modern bewaffneten Gegner, sondern nur in Eingeborenenkämpfen verwandt worden, wo das größere Kaliber ein Vorteil ist, die Nachteile der Rauchentwicklung keine Rolle spielen. Nach Ausbruch des Krieges freilich lernten auch die begeistertesten Anhänger des Infanteriegewehrs Modell 71 um. Gegen einen rauchlos-modern bewaffneten Feind war nicht nur bei den weiten Entfernungen des Gefechts in der freien Ebene, sondern auch im Buschkrieg, wo die Schützen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt sind, das Modell 71 unbedingt unterlegen. Der rauchlos schießende Schütze bleibt eben verborgen, während die Rauchwolke nicht nur dem scharfen Auge des eingeborenen Askaris, sondern auch dem an Bureauarbeit gewohnten Europäer den Feind schnell und sicher verrät. So bestand im Anfang des Krieges die größte Belohnung, die einem Askari zuteil werden konnte, darin, daß man ihm statt seines alten rauchstarken Gewehres ein modernes Beutegewehr gab.
Bei der Verteilung der Truppe in einzelnen Kompagnien über das Schutzgebiet hatte der Nachteil mit in Kauf genommen werden müssen, daß die Verwendung in großen Verbänden und die Schulung der älteren Offiziere im Führen derselben nicht geübt werden konnte. Es war klar, daß im Kriege die Bewegung und Gefechtsführung von Truppenkörpern über Kompagniestärke auf große Schwierigkeiten und Reibungen stoßen mußte. Entsprechend der nach meiner Auffassung doppelten Aufgabe der Truppe, sowohl gegen einen äußeren, modernen, wie gegen einen inneren, eingeborenen Feind zum Kampfe bereit zu sein, fiel die Gefechtsausbildung in zwei verschiedene Gebiete. Die Gefechtsübungen im Eingeborenenkriege lieferten hierbei ein Bild, welches von unseren europäischen Besichtigungen stark abwich. In Aruscha marschierte bei dieser Gelegenheit die Kompagnie durch dichten Busch, das Pori, und wurde nach Eingeborenenart auf dem Marsch überfallen. Der Feind wurde dargestellt durch Merukrieger, die im vollen Kriegsschmuck mit Lanzen und ihrem Kopfputz aus Straußenfedern sich versteckt hielten und dann auf wenige Schritte mit ihrem Kriegsgeheul die Safari, die Marschkolonne, überfielen. In einem solchen Nahkampfe, wie ihm 1891 die Zelewskische Expedition bei Iringa erlegen war, spielt sich die Entscheidung bei geringer Entfernung und in wenigen Minuten ab. Die Truppe ballt sich schnell um die Führer zusammen und geht dem Feind zu Leibe. Diesem ganzen Charakter des Eingeborenenkampfes entsprechend war eine sorgfältige und gründliche Schießausbildung der Askari im modernen Sinne bisher nicht notwendig gewesen. Sie stand daher auch auf einer ziemlich tiefen Stufe, und für den Soldaten dürfte es interessant sein, daß beim Schießen stehend-freihändig bei 200 Meter nach der Ringscheibe bei manchen Kompagnien kaum der Ring 3 im Durchschnitt erreicht wurde; nur ganz wenige Kompagnien brachten es auf etwas über Ring 5. Auch für eine gründliche Maschinengewehrausbildung war der Charakter des Eingeborenenkampfes kein ausreichender Antrieb. Erfreulicherweise fand ich bei allen Europäern der Truppe aber sehr bald vollstes Verständnis für die Wichtigkeit gerade dieser Waffe im modernen Gefecht. Trotz dieses nicht gerade hohen Ausbildungsgrades waren im Gefechtsschießen auch bei großen Entfernungen die Ergebnisse nicht unbefriedigend, und dem Askari kam hierbei sein scharfes Auge, mit dem er die Geschoßeinschläge beobachtete und dementsprechend seinen Haltepunkt verbesserte, in hohem Maße zustatten.
Die Reise führte mich weiter über die Mission Ufiome, wo der treffliche Pater Dürr saß, nach Kondoa-Irangi, Kilimatinde und zurück nach Daressalam. Der Eindruck dieser ersten Besichtigungsfahrt war der, daß militärisch noch vielerlei vorzubereiten war, wenn wir für den Fall eines Krieges der Engländer gegen uns ernsthaft gerüstet sein wollten. Leider gelang es nicht, die maßgebenden Stellen hierfür genügend zu erwärmen. Es herrschte die Meinung vor, daß wir mit England außerordentlich günstig ständen, und daß ein Krieg, wenn er überhaupt käme, in weiter Ferne läge. So kam es, daß, als der Krieg nun wirklich nach wenigen Monaten ausbrach, wir unvorbereitet waren.
Die Reise war für mich, der ich neu nach Ostafrika gekommen war, nicht nur von militärischem Interesse gewesen. In Boma la Ngombe, einem Ort zwischen Moschi und Aruscha, war eine Menge alter Askari noch vom verstorbenen Oberstleutnant Johannes angesiedelt worden; sie trieben dort meistens Viehhandel und waren zu Wohlstand gekommen. Die Nachricht von meinem Eintreffen war mir vorausgeeilt, und die Leute erschienen vollzählig, um mich bei meiner Ankunft zu begrüßen. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß diese Loyalität nicht rein äußerlich war; die Leute erzählten mir begeistert von den Deutschen, unter denen sie früher gestanden hatten, und stellten auch nach Ausbruch des Krieges unaufgefordert und ohne den geringsten Druck eine große Summe Geldes zur Unterstützung der Truppe zur Verfügung. In der dortigen Gegend sah ich auch die ersten Massai, die im Gegensatz zur Mehrzahl der ostafrikanischen Stämme reine Hamiten sind und in einem besonderen Reservat leben. Erwähnt mag werden, daß Merker, der beste Kenner der Massai[2], in ihnen die Urjuden sieht. Sie haben in ausgesprochenem Maße die Eigenschaften des reinen Steppenbewohners. Gelegentlich führte mich einer dieser großen, schlanken und sehr schnellen Leute auf meinen Jagdausflügen; ihr Sehvermögen, sowie die Fähigkeit, Spuren zu lesen, ist erstaunlich. Daneben ist der Massai klug und, wenigstens dem Fremden gegenüber, außerordentlich verlogen. Er lebt in geschlossenen Dörfern aus Lehmhütten und zieht, wie alle Nomadenvölker, mit seinen Herden durch die Steppen. Zum Waffendienst bei der Truppe meldet er sich selten. Ackerbau treibt der Massai so gut wie gar nicht, während dieser bei den übrigen Stämmen die Hauptbeschäftigung ist und erst eine dichte Besiedlung ermöglicht. So ernähren die Bananengebiete am östlichen Abhange des Kilimandjaro eine eingeborene Wadschaggabevölkerung von rund 25000 Menschen, und diese Zahl könnte leicht weiter vergrößert werden. Der große Viehreichtum in der Gegend von Aruscha, in der Massaisteppe und bei Kondoa-Irangi zeigte mir, daß die Tsetsefliege, dieser Hauptfeind des afrikanischen Viehbestandes, dort verhältnismäßig selten ist. Vergleichsweise mag angegeben werden, daß der Rindviehbestand in dem einen Bezirk Aruscha größer geschätzt wird als derjenige in ganz Südwestafrika. Bei Kondoa-Irangi und bei Singidda waren die Leute von weit her gekommen und hatten sich zur Begrüßung am Wege aufgestellt. Kein Reisender, der diese Gebiete durchmißt, kann sich der Beobachtung entziehen, daß in dem fruchtbaren und hoch gelegenen Inneren Raum zur Ansiedlung von Hunderttausenden von Europäern ist.
Einen Eindruck, den ich erst später, während des Krieges, gewonnen habe, möchte ich hier einfügen. Wir sind manchmal durch fruchtbare Gebiete gezogen, die von den Eingeborenen ganz verlassen, bekannterweise aber noch ein Jahr vorher dicht besiedelt waren. Die Leute waren einfach fortgezogen, hatten sich in dem reichlich zur Verfügung stehenden, menschenleeren und fruchtbaren Lande anderswo niedergelassen und dort neue Äcker angelegt. Nutzt man das bebauungsfähige Gebiet wirklich aus, so könnte in dem bisher nur von rund 8 Millionen bewohnten Deutsch-Ostafrika wohl eine Bevölkerung ernährt werden, die hinter der Einwohnerzahl Deutschlands kaum zurücksteht. Ein in Mahenge während des Krieges gefangener Engländer äußerte, daß aus Ostafrika wohl ein zweites Indien zu machen wäre, und ich glaube, daß er mit dieser Auffassung recht hatte. Durch die Erfahrungen des Krieges bin ich in meiner Meinung bestärkt worden, daß viele wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bestehen, die man vor dem Kriege kaum geahnt hat.
In Singidda sah ich eines der Gestüte des Landes. Als Zuchtmaterial befanden sich dort zwei Pferdehengste, keine Pferdestuten, einige Maskateselhengste und in der Hauptsache eingeborene Eselstuten. Über die Zuchtziele habe ich keine rechte Klarheit erlangen können; jedenfalls war es nicht gelungen, von den Pferdehengsten und Eselstuten Zuchtprodukte zu erzielen. Das Gebiet ist aber für Pferdezucht außerordentlich günstig, und der dort stationierende Regierungstierarzt Hoffmeister zeigte große Lust, sich in dieser Gegend als privater Farmer und Pferdezüchter niederzulassen. Ähnliche Gestüte befanden sich in Kilimatinde, Iringa und Ubena. Von Singidda nach Kilimatinde zog ich den Mpondifluß entlang; es wird den Jäger interessieren, zu hören, daß diese Gegend als dasjenige Gebiet in Ostafrika gilt, wo die besten Büffel stehen.
Schon einige Tage vorher hatte ich auf Büffel mit Erfolg gepirscht, doch war es mir nicht gelungen, einen starken Bullen zum Abschuß zu bringen, und so war ich, soweit es meine Zeit irgend zuließ, dem Büffel auf der Spur. Außer einem eingeborenen Jungen hatte ich als Spurenleser zwei ausgezeichnete Askari der Kondoakompagnie. Sobald ich nach Schluß eines Marsches in das Lager kam und vom Maultier stieg, fragte ich Kadunda, einen dieser Askari, der den Marsch zu Fuß mitgemacht hatte, ob er bereit sei zur Jagd. Er stimmte jedesmal mit größter Passion zu, und fort ging es auf der Fährte durch den Busch, der manchmal so dicht war, daß man unter den Zweigen kriechen mußte, um überhaupt vorwärts zu kommen. Solch eine Fährtenjagd durch dichten Busch und das übermannshohe Schilf, stundenlang in der prallen Sonne, ist für den an afrikanisches Klima zunächst nicht gewohnten Europäer eine außerordentliche Anstrengung. Der angeschossene Büffel gilt in Ostafrika als das gefährlichste Jagdtier; er nimmt oft schnell und mit großer Entschlossenheit an. Am Mpondi hatte einige Zeit vorher ein angeschossener Büffel einen Jäger so überraschend angegriffen, daß dieser zwar erfreulicherweise auf dessen Nacken zu sitzen kam, aber kaum sein Leben gerettet hätte, wenn ihm nicht im kritischen Moment sein Tropenhut heruntergefallen wäre. Das Untier attackierte nun diesen Hut, und der Schütze hatte Gelegenheit, ihm die tödliche Kugel aufs Blatt anzutragen. Aus dieser und ähnlichen Erzählungen wird man begreifen, daß die Spannung, wenn die Fährte, der man folgt, wärmer und wärmer wird, außerordentlich wächst und die Sinne sich schärfen. Aber obgleich ich den Büffel oft auf wenige Schritte neben mir atmen hörte, war das Dickicht so groß, daß ich nicht zum Schuß kam. Ich hatte die Erfüllung meines Wunsches schon aufgegeben und mit meiner Karawane den endgültigen Abmarsch angetreten, als wir morgens um 7 Uhr eine ganz frische Büffelfährte kreuzten. Der Wald war an dieser Stelle lichter, und die Führer zeigten Lust, der Fährte zu folgen. So ließen wir die Karawane weitermarschieren und bekamen nach vierstündiger anstrengender Pirsche den Büffel zu Gesicht. Als ich in einer Lichtung auf 100 Meter den Kolben hob, verbot Kabunda es und bestand darauf, daß wir den Büffel, der im ganz lichten Stangenholz an uns vorüberzog, bis auf dreißig Schritt anpirschten. Zum Glück durchschoß die Kugel die große Schlagader; der Büffel lag sofort, und etwaige weitere Stadien dieser Episode waren damit abgeschnitten. Wie es oft vorkommt, fanden wir auch hier eine steckengebliebene Kugel aus einem Eingeborenengewehr im Innern des Tieres bereits vor. Im übrigen bestand die Jagdbeute aus einer großen Anzahl Antilopen und Gazellen verschiedener Gattungen; Löwen haben wir oft gehört, aber nicht zu Gesicht bekommen.
Auf diesem Zuge durch das „Pori“ lernte ich zu meiner Verblüffung die Tatsache kennen, daß ein spurloses Verschwinden selbst im Inneren Afrikas nicht leicht ist. Ich war losgezogen, ohne zu hinterlassen, welchen Weg ich nehmen würde. Da erschien plötzlich während des Marsches mitten im Pori ein Eingeborener und brachte mir die Überseepost. Die gegenseitigen Mitteilungen der Eingeborenen geben einander eben Kunde von allem, was in ihrer Nähe vor sich geht. Zurufe, Feuerzeichen und die Signaltrommel dienen dazu, die Neuigkeiten auszutauschen und schnell zu verbreiten. Die unglaubliche Ausbreitungsfähigkeit der zahllosen Gerüchte, die ich späterhin kennenlernen sollte, ist zum großen Teil auf diese Mitteilsamkeit zurückzuführen.
Nach der Rückkehr nach Daressalam von der ersten Besichtigungsreise im März wurde sogleich die Umbewaffnung von drei weiteren Kompagnien — es waren bisher erst drei Kompagnien mit modernen Gewehren bewaffnet — in die Wege geleitet. Es wurde von größter Wichtigkeit, daß wenigstens diese Waffen, mit der dazugehörigen Munition, noch gerade rechtzeitig vor Ausbruch des Krieges im Schutzgebiet eintrafen.
Bei einer Besichtigungsreise im April nach Lindi, wo ich die dritte Feldkompagnie sah, hatte ich mir bei einem Fall in ein Steinloch Kniewasser zugezogen und konnte daher meine nächste große Reise erst Ende Mai antreten. Obgleich der öffentliche Verkehr der Zentralbahn erst bis Tabora freigegeben werden konnte, war der Bau doch so weit gediehen, daß ich bis Kigoma (am Tanganjika-See) mit der Bahn gelangte und so schon eine oberflächliche Kenntnis dieses wichtigen Verkehrsmittels gewann, das unsere Küste in unmittelbare Verbindung mit dem Tanganjika, seinen reichen angrenzenden Gebieten und weiter mit dem Stromsystem des Kongo brachte. In Kigoma war der Dampfer „Goetzen“ erst im Bau, und ich fuhr noch mit dem kleinen Dampfer „Hedwig v. Wißmann“ nach Bismarckburg. In Baudouinville, im Kongogebiet, machte ich einen kurzen Besuch bei dem dortigen Bischof der Weißen Väter, ohne eine Ahnung zu haben, wie bald man mit diesem Gebiet im Kriege sein sollte. Die wundervolle Kirche würde bei uns ein Schmuck für jede Stadt sein. Sie war von den Vätern selbst erbaut und im Innern mit reichen Schnitzereien versehen. Geräumige, prachtvolle Obstgärten umgeben die Station. Die Löwenplage muß dort sehr groß sein; die Väter erzählten mir, daß vor kurzem ein Löwe des Nachts über die Mauer in das Innere des Hofes gesetzt war und ein Rind geschlagen hatte. Unsere Aufnahme war sehr freundlich und ein Glas schönen Algier-Weines der Willkommgruß.
Auch in der Mission Mwasije, auf deutschem Gebiet, wo auch Weiße Väter, zum größten Teil Belgier, lebten, wurden wir gut aufgenommen. Während des Krieges erbeutete Korrespondenzen bewiesen aber, daß die französischen Missionare, die gleichfalls aus Stationen des Tanganjika-Gebietes leben, keineswegs nur das Christentum zu verbreiten suchten, sondern auch bewußt nationale Propaganda trieben. Ein Brief eines Missionars enthält einen Bezeichnungsunterschied zwischen einem „missionaire catholique“ und einem „missionaire français“; der letztere sei verpflichtet, neben dem Christentum auch französisch-nationale Propaganda zu treiben. Bekanntlich ist diese nationale Propaganda etwas, von der sich die deutschen Missionare im allgemeinen fernhielten.
Diese Missionen, die sich naturgemäß in den dicht bevölkerten gut angebauten Gegenden finden, haben auf die Erziehung der Eingeborenen einen außerordentlich großen Einfluß. Der Missionar ist meist der einzige dauernd ansässige Weiße, der Land und Leute gut kennenlernt und Vertrauen erwirbt. Recht verdient haben sich die Missionen durch die Einführung der europäischen Handwerke gemacht; Tischlereien, Schuhmachereien und Ziegeleien findet man überall eingerichtet.
Die weiteren Reisen zeigten mir, daß das so überaus fruchtbare Gebiet um Langenburg und Ssongea, wo sich viele Weizenfelder befinden und dessen dichte Besiedlung sich auf der Karte schon aus den zahlreich vorhandenen Missionen verrät, nur durch eine einzige Kompagnie geschützt war, zu der nicht einmal eine unmittelbare Drahtverbindung bestand. Wollte man Langenburg telegraphisch erreichen, so war dies von Daressalam nur über Südafrika auf der englischen Linie möglich. Die vorhandene heliographische Verbindung von Iringa bis Langenburg war ihrer Unzuverlässigkeit wegen kein ausreichender Ersatz. Erwähnt mag werden, daß in dem dortigen Gebiet die Eingeborenen nicht nur durch die Missionen und die deutsche Verwaltung zur Kulturarbeit herangezogen worden sind, sondern daß dort auch nennenswerte Eingeborenenindustrien alteinheimisch bestehen. Bei eisenhaltigem Boden begegnet man zahlreichen Schmieden, deren Blasebalg in ursprünglicher Weise aus Fellen und durchbohrten Ästen gebildet ist. Recht schön sind auch die Webearbeiten der Eingeborenen; Korbflechtereien gibt es hier wie fast überall im Schutzgebiet. Ihre Erzeugnisse sind geschmackvoll und so dicht, daß die Eingeborenen zum Trinken geflochtene Becher benutzen. Die großen Viehbestände einiger europäischer Farmer — es kommt hier besonders Mbejahof zwischen Nyassa- und Tanganjika-See in Betracht — litten bei den unentwickelten Verkehrsmitteln unter der Schwierigkeit des Absatzes.
Bei der Mission Mbosi lagerte ich, und der dortige Missionar Bachmann, ein langjähriger und ausgezeichneter Kenner von Land und Leuten, erzählte mir, daß ein auffallender Wechsel in den Köpfen der Eingeborenen vor sich ginge. Fremde Araber und Suaheli zeigten sich im Lande und erzählten den Leuten, daß die Deutschen nun bald fortgehen und die Engländer das Land in Besitz nehmen würden; das war im Juni 1914.
Die Weiterreise führte mich bei Iringa auch zu den Stätten, wo der große Häuptling Kwawa in der ersten Zeit den Deutschen getrotzt hatte, und bei Rugano konnten mir einzelne der zahlreich versammelten Eingeborenen ihre eigenen Beobachtungen von der Vernichtung der Zelewskischen Expedition an Ort und Stelle mitteilen.
Trotz des Bemühens, mich in den Umkreis meiner ostafrikanischen Obliegenheiten einzuarbeiten, galt ich bei alten Afrikanern als Neuling. Immerhin hatte mich meine Dienstlaufbahn in gewisser Art auf die mir vom Schicksal gestellte Aufgabe vorbereitet.
Es mag ungefähr zu der Zeit gewesen sein, als ich, ein früh aus der pommerschen Heimat verpflanzter Kadett, Cäsars Bellum Gallicum studierte, daß dem deutschen Vaterlande durch Bismarck seine ersten Kolonien geschenkt worden sind. Im Jahr 1899-1900 habe ich im Generalstab unsere eigenen wie viele ausländische Kolonien bearbeitet. Während der Chinawirren (1900-1901) lernte ich in Ostasien alle mit uns kämpfenden Truppenkontingente, besonders auch die Engländer, dienstlich wie kameradschaftlich kennen. Der Herero- und Hottentottenaufstand in Südwestafrika führte mich (1904-1906) in die Eigenart des Buschkriegs ein. Nicht nur mit Eingeborenen, sondern auch mit Buren machte ich damals im Stabe des Generals v. Trotha wie als selbstständiger Kompagnie- und Detachementsführer reiche persönliche Erfahrungen. Die ausgezeichneten Eigenschaften des seit Menschenaltern in der afrikanischen Steppe heimischen niederdeutschen Volksstammes gewannen mir Achtung ab. Daß das Burentum später entscheidend — und in gewissem Sinne tragisch — dabei mitwirken würde, den deutschen Teil Afrikas englisch zu machen, ahnte ich nicht.
Im Jahre 1906 wurde ich in Südwest verwundet. Dies führte mich nach Kapstadt, so daß ich auch die Kapkolonie oberflächlich kennenlernte. Auf der Rückreise streifte ich damals auch die spätere Stätte meines Wirkens, Deutsch-Ostafrika, zum erstenmal.
Meine spätere Stellung als Kommandeur des 2. Seebataillons in Wilhelmshaven gab mir Einblicke in das innere Leben unserer kräftig aufstrebenden Marine, die mit der deutschen Überseearbeit so eng zusammenhing. Ich nahm an Übungen und Fahrten auf großen und kleinen Schiffen, an Flottenmanövern und an einer Flottenreise nach Norwegen teil, wobei sich immer neue Seiten des allgemeinen wie des militärischen Lebens auftaten.
Auch bei der Rückkehr in die Armee gab mir der Wechsel zwischen Front- und Stabsdienst viele Anregungen und Gelegenheit zu Vergleichen. So war ich durch meine Entwicklung darauf geführt worden, mich rasch in neuen Verhältnissen zurechtzufinden. So dankbar ich für jede Erweiterung meines Gesichtsfeldes war, das Beste verdanke ich doch der heimischen Armee, bei der es mir unter der Anleitung vortrefflicher Kommandeure vergönnt war, den rechtverstandenen Geist militärischen Lebens und echter Disziplin kennenzulernen.
[1] Askari heißt „Soldaten“ und bedeutet keinen besonderen Stamm.
[2] M. Merker, Die Massai, Berlin 1901 (2. Aufl. 1910).
Zweiter Abschnitt
Der Beginn des Krieges
Auf dem Weg über die Heliostation Kidodi auf Kilossa zu erhielt ich Anfang August 1914 durch Eilboten ein Telegramm des Gouverneurs, ich müsse sogleich nach Daressalam zurückkommen, und am nächsten Tage die Nachricht, daß Seine Majestät die Mobilmachung befohlen habe, der Kriegszustand sich aber nicht auf die Schutzgebiete bezöge. Ein Telegramm des Staatssekretärs des Reichskolonialamtes forderte zur Beruhigung der Ansiedler auf. Im Gegensatz hierzu nannte ein Funkspruch des Admiralstabes auch England als voraussichtlichen Gegner.
In Kilossa gelang es, einen Güterzug zu erreichen, und so traf ich am 3. August in Daressalam ein. Hier herrschte regste Tätigkeit; die Kriegserklärung hatte mitten in die Vorbereitungen zu einer großen Ausstellung hineingetroffen, zu deren Programm auch die feierliche Eröffnung der Tanganjika-Bahn gehören sollte; zahlreiche Deutsche waren zum Besuch in Daressalam eingetroffen und konnten nicht wieder abreisen. Zum Zweck der Vorbereitungen zur Ausstellung war auch Hauptmann von Hammerstein, Führer der 6. Feldkompagnie in Udjidji, dort eingetroffen, und es war sehr günstig, daß ich diesen tätigen Offizier, mit dem mich außer Gemeinsamkeit der Auffassung auch herzliche persönliche Beziehungen verbanden, sogleich für die Mobilmachung in Anspruch nehmen konnte.
Askari auf der Rast
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GRÖSSERES BILD
Die Frage, die sich sofort aufdrängte, war die, ob die Kolonie in dem sicher bevorstehenden Weltkriege, in den ja mit größter Wahrscheinlichkeit auch England eingreifen würde, neutral blieb oder nicht. Wie im Anfang bereits ausgeführt, hielt ich es für unsere militärische Aufgabe, feindliche, das heißt also englische Truppen zu fesseln, wenn es irgend möglich war. Dies war aber unausführbar, wenn wir neutral blieben. Es würde dann der Fall eintreten, daß wir, die wir die See nicht beherrschten, mit unserer im Augenblick zwar kleinen Truppe, hinter der aber eine über acht Millionen starke loyale, sehr tüchtige und zum Militärdienst geeignete Bevölkerung stand, untätig verbleiben müßten. Demgegenüber hätte England kein Interesse daran gehabt, aus Rücksicht auf uns auch nur einen einzigen Mann in Ostafrika zu verwenden. England hätte auch den letzten brauchbaren Askari, soweit nicht Rücksicht auf die englische eingeborene Bevölkerung dies beschränkte, zu anderen Kriegsschauplätzen, die wichtiger waren als der ostafrikanische, heranziehen können. Es hätte also für England zweifellos Vorteil gehabt, wenn irgend ein Abkommen uns zur Neutralität verurteilt hätte; das war aber nicht der Fall. Die Kongoakte, die sich auf die äquatorialen Gebiete bezieht, spricht nur davon, daß bei Konflikten von zwei der in Betracht kommenden Mächte eine dritte ihre guten Dienste zur Vermittlung anbieten könnte. Dies ist aber, soweit mir bekannt, von keiner Seite geschehen. Wir waren also nicht verpflichtet, unsere Operationen aus Rücksicht auf irgend ein Abkommen zurückzuhalten. Vom militärischen Standpunkt aus war es nicht für uns, sondern für England ein Nachteil, daß auch auf ostafrikanischem Boden Krieg geführt wurde. Der Umstand, daß wir nicht neutral zu bleiben brauchten, setzte uns in die Lage, mit unserer günstigen Küste dem deutschen Kreuzerkrieg im Indischen Ozean als Stützpunkt und Zuflucht zu dienen. Vor allem aber konnten wir mit unseren wenigen tausend Mann während der ganzen Dauer des Krieges eine gewaltig überlegene feindliche Truppenmacht fesseln.
Die Schutztruppe bestand bei Beginn des Krieges aus 216 Weißen (von denen ein Teil als beurlaubt abzurechnen ist) und 2540 Askari; ferner waren in der Polizeitruppe 45 Weiße, 2140 Askari; dazu kam später das Personal von der „Königsberg“ (die anfänglich ausgelaufen war) mit 322 Mann, und der „Möve“ mit 102 Mann. Im ganzen wurden im Verlauf des Krieges etwa 3000 Europäer zur Truppe eingezogen und etwa 11000 Askari.
In den angegebenen Zahlen ist auch alles enthalten, was nicht focht, wie Polizeischutz, Sanitätspersonal, Magazinbeamte usw. Wie viele Milliarden die versuchte Niederkämpfung unserer geringen Streitmacht gekostet hat, wird ja von englischer Seite wohl einmal selbst dargelegt werden. Dabei hätten wir den Krieg vermutlich noch Jahre lang fortsetzen können.
Für die feindlichen Stärken stehen mir authentische Angaben nicht zur Verfügung, und ich muß den englischen Offizieren und den Pressemeldungen, auf die ich mich berufe, die Verantwortung für die Richtigkeit überlassen. Nach diesen haben über 130 Generale gegen uns im Felde gestanden, die Gesamtstärke der feindlichen Soldaten betrug rund 300000; die Verluste an europäischen und indischen Toten 20000, an Pferden und Maultieren 140000. Diese Zahlen, besonders die Zahl der Generale, scheinen mir allerdings selbst etwas zu hoch gegriffen; ich kann deswegen nur wiederholen, daß sie aus englischer Quelle stammen. Jedenfalls sind es aber recht achtbare Verluste gewesen. Und unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Zahl der gefallenen und gestorbenen schwarzen Soldaten nicht bekannt gegeben ist, dürfte die Gesamtzahl der feindlichen Toten nicht unter 60000 Soldaten betragen. Der Gefechtskalender weist schon heute, obwohl die Nachrichten von Tafel und Wintgens noch fehlen, mindestens tausend Gefechte auf.
Recht interessant war es, in Daressalam in jenen Tagen der Spannung die Tätigkeit des englischen Konsuls King zu beobachten. Er war überall zu sehen, sei es im Offizierskasino zu einer Partie Bridge oder auf der Post, wo unsere Telegramme abgegeben wurden. Die später bei Tanga erbeuteten Dienstvorschriften des englischen Expeditionskorps, die zum großen Teil auf Kings Angaben beruhten, zeigten, wie rührig dieser Mann in der Zeit vor dem Krieg gewesen war und wie ausgezeichnet er über die inneren Verhältnisse unserer Kolonie Bescheid wußte. Seine Beurteilung der einschlägigen Verhältnisse ging so weit, daß er die Europäer verschiedener Gegenden in ihrem Kampfeswert gegeneinander abwog und denen von Daressalam wenig Neigung zum Kampf (stomach for fighting) zusprach. Wenn man ehrlich ist, muß man zugeben, daß es bei einem großen Teil der dortigen Deutschen (und auch der dortigen Behörden) tatsächlich einiger Zeit bedurft hat, bis sie von dem kriegerischen Geist ergriffen wurden, ohne den die Erfüllung unserer Aufgabe nun einmal nicht möglich war.
Recht schwierig war die Lage der von zahlreichen Europäern (dabei vielen Frauen und Kindern) bewohnten Küstenorte, die ja einer Beschießung durch englische Kriegsschiffe in jeder Minute ausgesetzt waren. Der Gouverneur vertrat den Standpunkt, daß eine solche Beschießung unter allen Umständen vermieden werden müßte. Gemäß einer Bestimmung, die allerdings den Fall eines äußeren Krieges nicht berücksichtigte, lag die oberste militärische Gewalt im Schutzgebiet in den Händen des Gouverneurs, und beim Aufhören der Verbindung mit der Heimat war es nicht möglich, hierin Wandel zu schaffen; ich mußte mich mit dieser vom militärischen Standpunkt sehr erheblichen Schwierigkeit abfinden und mit der Möglichkeit rechnen, daß bei genauer Ausführung der Anweisungen des Gouverneurs beispielsweise Daressalam und Tanga, also die Anfangspunkte unserer Eisenbahnen und die gegebenen Stützpunkte für feindliche Operationen, die von der Küste aus ins Innere gehen sollten, dem Feinde kampflos in die Hände fielen.
Nach meiner Auffassung konnten wir durch Bedrohung des Feindes in seinem eigenen Gebiete unsere Kolonie am besten schützen. Wir konnten ihn sehr wirksam an einer für ihn empfindlichen Stelle, der Ugandabahn, fassen, und unsere zahlreiche deutsche Ansiedlerbevölkerung des Gebietes unserer Nordbahn (Tanga-Moschi) stand hierzu gewissermaßen aufmarschiert. Aber der von mir schon früher für den Kriegsfall vorgeschlagenen Truppenversammlung im Norden am Kilimandjaro stimmte der Gouverneur nicht zu. Es mußten aber doch, um überhaupt handeln zu können, die über das ganze Gebiet zerstreuten Truppen zusammengerufen werden. Da dies in dem von mir gewünschten Gebiet des Kilimandjaro zunächst nicht erreichbar war, fand die Versammlung der Truppen notgedrungen einen Tagesmarsch westlich Daressalam, auf den Höhen von Pugu statt. Dort traf sich die Daressalamer Kompagnie mit den teils im Fußmarsch, teils mit der Bahn herangezogenen Kompagnien aus Kilimatinde, Tabora, Udjidji, Usumbura und Kissenji.
Die Polizei, welche nach den geringen für den Kriegsfall getroffenen Vorbereitungen sofort zur Schutztruppe treten sollte, wurde wenigstens zum Teil zur Verfügung gestellt, eine Anzahl gediente Askari eingezogen, und so wurden sogleich vier neue Kompagnien (die Kompagnien 15 bis 18) aufgestellt.
Der Beurlaubtenstand an Deutschen wurde nach Bedarf eingezogen und jede Kompagnie zu rund 16 Europäern, 160 Askari und 2 Maschinengewehren formiert.
An einigen Stellen stieß die Einberufung der Europäer zur Waffe auf Schwierigkeiten. Den Besatzungen einiger Schiffe der Ostafrikalinie, die im Hafen von Daressalam lagen, wurde auf ihre Anfrage vom Bahnhofskommandanten irrtümlicherweise geantwortet, daß für sie kein Platz in der Truppe sei. Auf Veranlassung des stellvertretenden Gouvernements wurde den Leuten dann ein Revers vorgelegt, nach dem sie sich schriftlich verpflichten sollten, im Kriege neutral zu bleiben. Nachträglich wurde den Mannschaften dieser Verstoß gegen die Wehrpflicht klar, und auch ihr gesundes Empfinden sträubte sich dagegen. Unter Darlegung der Verhältnisse wandten sie sich an mich, der ich von diesen Vorgängen keine Ahnung hatte; glücklicherweise konnte der geplante Akt noch rückgängig gemacht werden, da der Revers noch nicht in die Hände des Feindes gelangt war.
Die Trägerausstattung der Kompagnien schwankte und wird durchschnittlich ungefähr 250 betragen haben. Die im Hafen von Daressalam ungeschützt lagernden Bestände an Waffen, Munition und anderem Kriegsgerät wurden auf verschiedene Plätze des Inneren längs der Bahn verteilt, wo Depots eingerichtet wurden.
Die Ausbildung der Truppen wurde sogleich mit Schwung betrieben, und schon damals bewährte sich die von einem praktischen Kompagnieführer, dem Hauptmann Tafel, angeregte Unkenntlichmachung unserer Kopfbedeckungen durch Gras und Blätter. Es war natürlich die Frage, ob es gelingen würde, mit unseren Askari auch gegen moderne Truppen zu fechten; es wurde dies von manchem alten Landeskenner bestritten. Nach Beobachtungen, die ich während des Aufstandes in Südwestafrika 1904-1906 gemacht hatte, glaubte ich aber, daß auch in dem ostafrikanischen Schwarzen, der ja derselben großen Familie des Bantustammes angehört wie der Herero, Tapferkeit und militärische Tüchtigkeit geweckt werden könnten. Es war das gewiß ein Wagnis; aber dies vereinfachte sich dadurch wesentlich, daß uns gar nichts anderes zu tun übrig blieb.
Alle Organisationsfragen, die sonst im Frieden sorgfältig vorbereitet und durchdacht waren, mußten jetzt im Augenblick behandelt und entschieden werden. Hierzu gehörte die außerordentlich wichtige Regelung des Verpflegungswesens und des gesamten Nachschubs. Es kam darauf an, die großen, auch militärisch wichtigen Straßen in erster Linie zu berücksichtigen. Welche Straßen würden dies wohl sein?
Zunächst stellte sich heraus, wie nachteilig es war, daß zwischen dem Gebiet der Zentralbahn und der Usambarabahn keine Schienenverbindung bestand. Der Verkehr zwischen beiden hatte sich im Frieden zu Schiff von Daressalam nach Tanga abgespielt; jetzt war uns diese Möglichkeit unterbunden. Augenscheinlich war an die Wichtigkeit einer militärischen Benutzung der Bahnen nicht gedacht worden. Als Ersatz mußten wir eine Etappenstraße zwischen Morogoro und Korogwe an der Nordbahn ausbauen. Die zweite Straße führte westlich des Massai-Reservates entlang von Dodoma über Kondoa-Irangi, Ufiome nach Aruscha, und die dritte aus dem reichen Gebiet von Tabora, der Hauptstadt des Wanjamwesilandes, nach Muansa am Viktoriasee und damit in das Gebiet der auch vom Konsul King als wichtigsten unserer Stämme erkannten Wassukuma. Diese Verbindung war auch deshalb bedeutungsvoll, weil sie uns außer den reichen Viehbeständen die Reisernte vom Viktoriasee zuführte. Andere Linien verbanden Kilossa mit den reichen Gebieten von Mahenge, Iringa und sogar Langenburg, welches uns einen großen Teil des Bedarfs an Weizenmehl lieferte.
Nachdem die erste Organisation des Nachschubwesens im großen und ganzen hergestellt war, war es nicht möglich, dies auch weiterhin in seinen Einzelheiten vom Kommando aus zu leiten. Es mußte eine Persönlichkeit gefunden werden, die auf Grund ihrer militärischen Vergangenheit geeignet war, das Nachschubwesen nicht nur vom Standpunkt der Verwaltung aus, sondern auch den oft sehr drängenden militärischen Bedürfnissen entsprechend zu leiten und diesen anzupassen.
Generalmajor z. D. Wahle, der zum Besuch seines Sohnes und der Daressalamer Ausstellung zufällig am 2. August eingetroffen war, stellte sich sofort der Truppe zur Verfügung und übernahm auf meine Bitte die Etappenleitung. Seine Aufgabe war deshalb besonders schwierig, weil da, wo keine Eisenbahnen waren, im wesentlichen nur die eingeborenen Träger benutzt werden konnten. Mir stehen über die Zahlen der für die Zwecke der Truppe in Anspruch genommenen Träger keine Angaben zur Verfügung. Es ist auch sehr schwer, diese Zahlen irgend wie festzulegen. Es gehörten Leute dazu, die nur die Lasten von einem Ort zum andern trugen, ehe sie der ständige Träger übernahm, aber ich übertreibe sicherlich nicht, wenn ich sage, daß im ganzen Hunderttausende von Trägern für die Truppe tätig gewesen sind, die doch auch alle verpflegt und ärztlich versorgt werden mußten.
Von den vielen anderen Schwierigkeiten mag noch eine von besonderer Art erwähnt werden. Das Friedensleben der Europäer in tropischen Kolonien hatte sie aus gesundheitlichen Rücksichten an einen gewissen Komfort gewöhnt. Europäische Verpflegung kann man in Ostafrika, wenn man auf Safari (Reise) ist, im allgemeinen nicht kaufen; nur wenige Europäer hatten es gelernt, von den Früchten, welche der Farbige oder die Natur lieferten, zu leben. Unterkunftsmöglichkeiten gibt es selten. Gegen die Moskitos muß man aber geschützt sein. So reiste der weiße Beamte oder Militär kaum mit weniger als 11 Trägern, die außer seinem Zelt, Feldbett und Kleidung auch eine erhebliche Menge an Verpflegung trugen. So hohe Trägerzahlen waren aber für eine Truppe, die beweglich sein sollte, eine Unmöglichkeit. Eine weitere Schwierigkeit ergab sich daraus, daß fast jeder Askari einen Boy hatte. An solchen Desturis (Sitten) zu rütteln, ist bei den naiven Leuten, die durch die Denkungsweise des Islam noch besonders im Festhalten an ihrer alten Überlieferung bestärkt werden, und die außerdem einen großen Stolz und viel Eitelkeit besitzen, besonders schwierig. Es war im einzelnen Falle für den Kompagnieführer nicht immer leicht, hier einen Mittelweg zu finden.
In dem Tropenkriege, der uns bevorstand, spielte die ärztliche Versorgung eine Hauptrolle. Der Eingeborene ist im allgemeinen gegen Malaria in hohem Maße immunisiert, und es kommt selten vor, daß ein Askari daran wirklich erkrankt; manche Stämme aber, die in hochgelegenen, malariafreien Gegenden wohnen, wie beispielsweise die Wadschagga am Kilimandjaro, die deshalb nicht von Jugend auf immunisiert sind, leiden stark an Malaria, sobald sie in die Ebene herunterkommen. Für jeden Europäer wurde von den Abendstunden bis in den Morgen hinein gegen die Malariamücke (Anopheles) streng auf mechanischen Schutz durch ein Moskitonetz gehalten. Ich habe viele Monate am Boden geschlafen, und das Moskitonetz hat mich auch da in hohem Grade geschützt: allerdings habe ich doch zehnmal die Malaria gehabt; denn im Felde ist es nicht immer möglich, die Schutzmaßregeln so anzuwenden, wie es vom gesundheitlichen Standpunkt aus erwünscht ist. Um möglichst jede Kompagnie mit einem Arzt versehen zu können, war es uns hochwillkommen, daß eine stattliche Anzahl Sanitätsoffiziere sich zum Studium und zur Bekämpfung der Schlafkrankheit am Tanganjika und in den südlichen Gebieten, am Rovuma, befand.
Der Betrieb, den diese ganze Tätigkeit der Mobilmachung mit sich brachte, hielt auch den Eingeborenen am Telephon zu Pugu Tag und Nacht in Atem, und es war erstaunlich, mit welcher Gewandtheit hier und anderswo der Eingeborene seinen Apparat bediente. Seine große Begabung für Technik hat uns die wertvollsten Dienste geleistet. Reibungen gab es natürlich unendlich viele. Es kam in den ersten Tagen vor, daß Vieh, das aus der Gegend nördlich von Tabora nach Daressalam zur Versorgung der dortigen Zivilbevölkerung geschafft wurde, anderm Vieh begegnete, das gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung für Truppenzwecke ging. Ich spüre es noch heute einigermaßen in den Gliedern, wie auf Station Pugu ein solcher, mit schönstem Ausstellungsvieh beladener Zug mit voller Fahrt in einen anderen, worin ich mich befand, hineinfuhr und in dem zur Bearbeitung der Mobilmachung notwendigen Personal beinahe eine recht fühlbare Verminderung angerichtet hätte.
Unser Sammelplatz Pugu liegt etwa 20 Kilometer landeinwärts von Daressalam. Hier war unser Lager am Anstieg der Puguberge. Der Wald ist außerordentlich dicht und das Land mit Eingeborenen- und auch Europäerpflanzungen stark besiedelt. Trotz der etwas erhöhten Lage befindet sich Pugu durchaus in der heißen Küstenzone, und obgleich wir im August noch in der kühlen Jahreszeit standen, war die Temperatur doch so, wie wir sie mit dem Ausdruck „tropisch“ bezeichnen: es ist die drückende, etwas feuchte Hitze, die für den Europäer größere Märsche sehr anstrengend macht.
Wir hatten in jener Zeit für die Europäer noch Zelte und für jeden ein Feldbett mit dem unvermeidlichen Moskitonetz, so daß in dieser Hinsicht keine Schwierigkeiten bestanden. Für Krankheitsfälle wurde in der nahen Pflanzung Wichmann ein vorläufiges Feldlazarett eingerichtet. Unsere Pferde hatten nicht übermäßig zu leiden. Aber doch erkrankten alle unsere Tiere nach und nach an Tsetse. Den Schutz, den wir in Daressalam den Tieren durch einen Tsetse-sicheren Stall gegeben hatten, der mit Drahtgitter in Art der Fliegenfenster versehen war, konnten wir hier im Feldlager ihnen nicht mehr verschaffen.
Dritter Abschnitt
Die ersten Kämpfe
So waren wir im Feldlager Pugu in voller Tätigkeit, als am 8. August vormittags von Daressalam her schweres Artilleriefeuer ertönte. Nach bald eingehenden Meldungen stammte es von zwei englischen kleinen Kreuzern „Astraea“ und „Pegasus“, die den Funkenturm zum Ziel nahmen. Dieser Turm lag an so exponierter Stelle, weil die Lage an der Küste eine weitere Reichweite in das Meer hinaus ermöglichte; der Turm in Daressalam war wichtig für uns, weil die im Bau befindliche Groß-Station in Tabora noch nicht fertiggestellt war, und die zwei kleineren Stationen von Muansa und Bukoba nur lokalen Wert hatten. Der Turm wurde von den Engländern nicht getroffen, sondern durch uns selbst in etwas zu großer Besorgnis, daß er dem Feinde in die Hände fallen könnte, gesprengt. Nach kurzer Zeit brachte ein Beobachtungsoffizier die Meldung, daß bei Kondutschi, einen Tagesmarsch nördlich Daressalam, der Feind anscheinend eine Landung vorbereite. Bei der Gestaltung der Küste war eine solche nicht unwahrscheinlich. Ich ordnete deshalb sogleich den Abmarsch der vorhandenen sieben Askari-Kompagnien[3] an, um die günstige Chance, den Feind dort bei einer Landung zu überraschen, auszunutzen.
Noch ehe der Abmarsch angetreten war, sprach ich auf der Station Pugu den Gouverneur Dr. Schnee im Eisenbahnzuge bei seiner Durchfahrt nach Morogoro. Er zeigte sich von den Feindseligkeiten der Engländer ganz überrascht und sehr einverstanden mit meiner Absicht, den Feind bei Kondutschi anzugreifen. Auf dem Wege dahin begegnete ich zwei Herren des Daressalamer Gouvernements, die mir ein Schreiben vorzeigten, das Verhandlungen betreffs der Übergabe Daressalams an die Engländer enthielt. Da mir der Gouverneur hiervon nichts mitgeteilt hatte, ich außerdem ziemlich eilig war, sah ich nur flüchtig hinein. Ich kam nicht auf den Gedanken, daß es sich hier um Abmachungen handeln könnte, die der Gouverneur gebilligt hätte. Als aber die Truppe in der Nacht auf einem Berge 16 Kilometer nördlich Daressalam angelangt war, und wir am nächsten Morgen den Hafen und die davorliegenden englischen Kreuzer übersahen, stellte sich heraus, daß die Meldung von einem Landungsversuch in Kondutschi ein Irrtum gewesen war. Wir stellten fest, daß die englischen Schiffe nach Land zu verkehrt hatten, und es schien mir jetzt doch wahrscheinlich, daß Verhandlungen mit dem Feinde stattfänden. Ich marschierte nun auf die Stadt vor; da ich befürchten mußte, daß es in der Eile des Augenblicks vielleicht zu nachteiligen Abmachungen in Daressalam kommen könnte, schickte ich den Hauptmann Tafel hinein. Dieser sollte mitteilen, daß ich die vollziehende Gewalt übernähme und daß Verhandlungen mit dem Feinde ausschließlich durch mich zu gehen hätten. Erst durch Hauptmann Tafel erfuhr ich, daß tatsächlich auf Anordnung des Gouverneurs Übergabeverhandlungen geführt worden waren. Mein Eingreifen in diese wurde vom Gouverneur nicht gebilligt, bei dem ja laut einer allerdings auf ganz andere Verhältnisse zugeschnittenen Schutztruppenbestimmung die oberste militärische Gewalt ruhte.
Praktisch hatte dies für den Augenblick keine Folgen. Nur einige englische Marinemannschaften waren an Land gewesen und bereits wieder an Bord gegangen. Für den Soldaten war es aber nicht erhebend, daß hier unter den Augen einer tausend Mann starken guten Truppe ein Abkommen geschlossen war, das uns in Daressalam jede feindliche Handlung untersagte, während sich der Feind hierzu nicht verpflichtete, und daß wir von einem in militärischer Hinsicht so wichtigen Schritte überhaupt keine Kenntnis erhalten hatten.
Die „Königsberg“ war bereits vor mehreren Tagen aus dem Hafen von Daressalam ausgelaufen, und das im Hafen liegende Vermessungsschiff „Möve“ war am 8. August von ihrem Kommandanten gesprengt worden. Dies bedeutete für uns an Land einen wertvollen militärischen Zuwachs, da der Kommandant der „Möve“, Korvettenkapitän Zimmer, nunmehr unter meinen Befehl trat. Oberleutnant z. S. Horn fuhr sofort mit einigen Matrosen nach Kigoma und bemannte und armierte den kleinen Dampfer „Hedwig von Wißmann“. Er jagte auf dem Tanganjika den belgischen Dampfer „Delcommune“, den er nach einigen Tagen überraschte und zusammenschoß, und sicherte uns hierdurch die außerordentlich wichtige Beherrschung des Tanganjika-Sees. Die schnelle Verschiebung von Truppen, die an der Zentralbahn standen, auf Bismarckburg oder auf Usumbura zu war von der ungestörten Transportmöglichkeit auf dem Tanganjika durchaus abhängig und hat im späteren Verlauf der Operationen eine Rolle gespielt.
Im Norden des Schutzgebietes war die in Aruscha stehende 1. Kompagnie durch die in schnellem Marsche von Kondoa heranrückende 13. Kompagnie und eine aus Polizeiaskari in Moschi gebildete Kompagnie verstärkt worden. Auch ein großer Teil der Europäer der Nordbezirke hatte sich zu einer Abteilung unter dem Hauptmann von Prince zusammengetan. Diese Truppen standen in der Hauptsache in der Gegend von Moschi. Das östlich vorgelagerte, auf englischem Gebiet liegende Taveta war vom Feinde besetzt; es kam darauf an, diesen wichtigen Punkt, dessen Besitz für den Feind ein wertvolles Ausfalltor gegen unsere europäischen Siedlungsgebiete des Nordens bedeutete, schnell zu nehmen. Es bedurfte geraumer Zeit, bis es gelang, die Truppen hierzu in Bewegung zu setzen. Viele glaubten, daß wir auf Grund der Kongoakte verpflichtet seien, neutral zu bleiben, und hatten zu den Anweisungen des neuen Kommandeurs wenig Vertrauen; erst am 15. August wurde endlich das schwach besetzte Taveta genommen.
Der Verlauf des Gefechts bewies, daß die Truppe zu gemeinsamem, einheitlichem Handeln in dem unübersichtlichen Buschgelände noch sehr der Weiterbildung bedurfte. Den Befehl übernahm hier im Norden Hauptmann Kraut, der sich zufälligerweise im nordöstlichen Grenzgebiet zu Grenzregulierungen aufhielt. In den nächsten Tagen gelang es, auch den Inhaber der obersten militärischen Gewalt dazu zu bewegen, der Verschiebung der Hauptstreitkräfte zur Nordbahn zuzustimmen.
Diese an sich einfache Verschiebung erforderte unter den damaligen Verhältnissen erhebliche Vorbereitungen. Es waren wenige Deutsche zu finden, welche das ganze Gebiet zwischen der Strecke Daressalam-Morogoro einerseits und Tanga-Mombo andererseits so gut kannten, daß sie zuverlässige Angaben über Wege und Verpflegungsverhältnisse machen konnten. Es war notwendig, Erkundungsoffiziere auszusenden und so eine Anzahl brauchbare Verpflegungsstraßen festzulegen. Die Ergebnisse dieser Erkundungen konnten aber nicht alle abgewartet werden; die Märsche mußten beginnen. Das Gebiet war nach europäischen Begriffen dünn besiedelt, und bei dem vorhandenen Kartenmaterial waren die Verpflegungs- und Wasserverhältnisse nur unter dem Gesichtspunkt vermerkt worden, ob sie als Höchstgrenze für eine Kompagnie ausreichend wären. Man konnte daher ohne Vorbereitungen nicht gut viel mehr als eine Kompagnie ohne Tiefenstaffelung auf eine Straße setzen; die Geübtheit und Gewandtheit im Beschaffen von Verpflegung, wie die Truppe sie gegen Ende des Krieges besaß, war damals noch nicht vorhanden. Es kam im großen und ganzen darauf hinaus, daß der Marsch und die Verpflegung einer Kompagnie unter dortigen Verhältnissen ungefähr dieselben Rücksichten verlangte, welche unter deutschen Verhältnissen eine Division erfordert. Bei dieser Verschiebung war mit der Gefahr zu rechnen, die darin bestand, daß die Kompagnien längere Zeit für Befehle nicht erreichbar waren. Die einzige telegraphische Verbindung von der Zentralbahn nach dem Norden lief unmittelbar längs der Küste und konnte jederzeit unterbrochen werden, wenn der Feind es beabsichtigte.
Die Gewandtheit, mit der Postdirektor Rothe und Sekretär Krüger auf die Wünsche der Truppe eingingen, sogleich den Bau der neuen Drahtlinie Morogoro-Handeni-Korogwe in Angriff nahmen und sich hierbei von der sonst in den Tropen üblichen Solidität unter dem Druck der Verhältnisse vorübergehend frei machten, ermöglichte den Bau der Strecke in wenigen Wochen. Wegen der Zerstörung durch Termiten werden im Frieden grundsätzlich eiserne Telegraphenpfosten gesetzt, die wegen der gerade in hiesiger Gegend zahlreichen Giraffen sehr hoch und mit sehr starkem Leitungsdraht versehen sein müssen. Der zunächst notgedrungen nur behelfsmäßige Bau und das Legen von Kabeln hatten unausgesetzte Störungen und Reparaturen zur Folge.
Inzwischen eingegangene Meldungen vom Vorgehen kleinerer feindlicher Abteilungen bei Jassini, zwei Tagemärsche nördlich Tanga, bestärkten mich in dem Glauben, daß der Feind in dortiger Gegend eine Landung vorhatte und dann schnell in das Innere längs der Nordbahn vordringen würde. So waren die einzelnen Kompagnien von verschiedenen Punkten der Bahnstrecke Daressalam-Mpapua abmarschiert und in der Hauptsache konzentrisch auf Handeni, einige Teile gegen andere Punkte der Strecke Tanga-Korogwe unterwegs, als ich in Pugu am 23. August nachmittags von Oberleutnant von Chappuis, der mit der 17. Feldkompagnie gerade bei Bagamojo lagerte, telephonisch angerufen wurde. Er meldete mir, daß ein kleiner englischer Kreuzer vor Bagamojo läge und den dortigen Leiter der Zivilverwaltung aufgefordert hätte, die Telegraphenstation zu zerstören; widrigenfalls würde er den Ort beschießen. Ich gab an Hauptmann von Chappuis Befehl, sogleich die vollziehende Gewalt zu übernehmen und eine Landung des Feindes mit der Waffe zu verhindern. Ein Boot des Kriegsschiffes, das unter Parlamentärflagge an Land anlegen wollte, wurde daher abgewiesen, und die Folge war eine Beschießung des Ortes. Der Kompagnie und den Eingeborenen machte diese großen Spaß, da sie so gut wie ohne jedes Treffergebnis verlief.
Das Kommando begab sich Ende August mit der Bahn nach Kimamba bei Morogoro. Unterwegs wünschte mir General Wahle, der von Morogoro aus das Etappenwesen leitete, alles Gute für das entscheidende Gefecht, das wir in Gegend Handeni erwarteten und zu dem auch sein Sohn unterwegs war. Dann reiste das Kommando mit Hilfe zweier requirierter Automobile weiter auf Handeni zu. Nach 30 Kilometer Fahrt mußte dieses Transportmittel aufgegeben werden, da der angeordnete Ausbau der Straße noch nicht genügend vorgeschritten war. Hauptmann von Hammerstein und ich fuhren auf Fahrrädern weiter und überholten nach und nach die marschierenden Kompagnien. Die vermutete Landung des Feindes bestätigte sich nicht, und wir trafen Anfang September in Korogwe ein. In Tanga war inzwischen ein englischer Kreuzer erschienen und hatte dort liegende Leichter abgeschleppt.
Es galt nun das Verpflegungs- und Nachschubwesen der Truppe im Norden zu organisieren. Der bisherige Feldintendant Hauptmann d. L. Schmid war wegen Krankheit ausgefallen, und es war schwer, eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Glücklicherweise bot sich eine solche in dem Hauptmann d. L. Feilke, dem langjährigen erfahrenen Leiter der Prinz-Albrecht-Plantagen in Usambara, der sich in der Gegend von Tanga aufhielt, wo er sich der Truppe zur Verfügung gestellt hatte. Früher Adjutant des 8. Jägerbataillons, vereinigte dieser 52jährige welterfahrene und geschickte Offizier aufs glücklichste die für den schweren Posten eines Intendanten erwünschte militärische Vorbildung und wirtschaftliche Begabung. Er kam sofort, und wir beide fuhren nach Neumoschi. Dort traf ich den Hauptmann Kraut. Auf dem Kilimandjaro war der Kleinkrieg durch Anlage von Verpflegungsdepots vorbereitet worden, unsere Patrouillen gingen über Taveta hinaus in der Richtung auf die britische Ugandabahn vor, und es war schon zu zahlreichen kleinen Zusammenstößen gekommen. Die nötige Erfahrung für Fernpatrouillen, wie sie in späterer Zeit so erfolgreich zu Bahnzerstörungen führten, besaß aber die Truppe zur damaligen Zeit noch nicht. Die ersten Patrouillengänger waren halb verschmachtet an der Ugandabahn angelangt und gefangengenommen worden. Ich begab mich von Neumoschi aus zum Himolager, wo Hauptmann von Prince in befestigter Stellung stand. Er begleitete mich nach Taveta, das von einem vorgeschobenen Offiziersposten besetzt war. An Ort und Stelle konnten wir nun die Verlegung des Gros der Nordtruppe nach Taveta besprechen. Die dortige, sehr zahlreiche Eingeborenenbevölkerung schenkte den von der Truppe eingesetzten Verwaltungseuropäern durchaus ihr Vertrauen; die Leute verkauften ihre Erzeugnisse weiter auf dem Markt, und das Verhältnis war ein recht befriedigendes.
Schon bei Ausbruch des Krieges war an vielen Stellen die Befürchtung vor Eingeborenenaufständen aufgetaucht. An der Zentralbahn entstanden wilde Gerüchte über eine Erhebung der Wahehe — es ist dies der kriegerische Stamm, der in der Gegend von Iringa so lange der deutschen Besitzergreifung getrotzt hatte —, und am Kilimandjaro wurde ein Aufstand der Wadschagga befürchtet. Die große Anzahl der schwarzen Arbeiter auf den europäischen Siedlungen der Nordgebiete wurde aus Verpflegungsgründen ebenfalls von den Behörden für unzuverlässig gehalten. Diese Befürchtungen haben sich aber sämtlich nicht bestätigt. Später hat mir ein sehr intelligenter gefangener belgischer Askari geradezu gesagt: „Du weißt ja, die Eingeborenen halten immer zu dem, der der Stärkere ist“, und ein englischer Massai äußerte unumwunden: „Uns ist es gleichgültig, ob die Engländer oder die Deutschen unsere Herren sind.“
Erst später, nach dem Eindringen des Feindes, bildete der Eingeborene eine wesentliche Gefahr für uns; dann war sie allerdings sehr groß. Der Eingeborene hat ein feines Gefühl dafür, wann die wirkliche Macht von der einen Hand in die andere übergeht.
Nach kurzer Rückkehr nach Korogwe rückte das Kommando dann nach Neumoschi und bald darauf nach Taveta. Drei der an der Nordbahn eingetroffenen Kompagnien der Zentralbahn wurden bei Tanga vereinigt, die übrigen fünf in das Gebiet des Kilimandjaro befördert. Bei Daressalam blieb zunächst nur Hauptmann von Kornatzki mit der neu formierten 18. Feldkompagnie.
In der nächsten Zeit kam es zu Unternehmungen verschiedener fliegender Kolonnen von Kompagniestärke, deren Zweck es war, die feindlichen Abteilungen, die nach vorliegenden Meldungen die Wasserstellen des angrenzenden englischen Gebietes besetzt hielten, zu vertreiben, ihnen Verluste beizubringen und dadurch den Weg für unsere Patrouillenunternehmungen gegen die Uganda- und Magadbahn frei zu machen. So war Ende September Hauptmann Schulz mit seiner Kompagnie vom Kilimandjaro aus den Tsavofluß abwärts marschiert, bis zur Ugandabahn vorgedrungen und dort auf einen mehrere Kompagnien starken Gegner gestoßen, der sich wahrscheinlich mit Hilfe der Bahn gesammelt hatte. Nördlich des Kilimandjaro hatte Hauptmann Tafel mit seiner Kompagnie und einer fünfzig Mann starken Europäerabteilung eine englische Reiterkolonne verfolgt, war aber dann von dieser im dichten Busch in seinem Lager am Engitoberge angegriffen worden. Es war das erste ernsthaftere Gefecht unserer Askari hier im Norden. Obgleich der Feind aus englischen und burischen Farmern, also guten Reitern und Schützen, bestand, die mit dem Leben in der Steppe vertraut waren, gingen unsere Askari ihm mit aufgepflanztem Seitengewehr so energisch zu Leibe, daß von dem 80 Europäer starken Gegner ungefähr 20 tot liegen blieben, sein Gesamtverlust also auf mindestens die Hälfte seiner Kopfzahl zu schätzen war.
In gleicher Weise wie am Kilimandjaro führten auch die Unternehmungen des Hauptmann Baumstark, der die drei bei Tanga versammelten Kompagnien befehligte, zu Gefechten im Grenzgebiet zwischen Jassin und Mombassa. Der Zweck aller dieser Unternehmungen war zugleich, über das in Frage kommende Operationsgebiet die allernotwendigste Klarheit zu schaffen, da diese Strecken im Frieden nicht erkundet und uns auch in bezug auf Wasser- und Anbauverhältnisse unbekannt waren. Nach und nach wurde so ein anschauliches Bild über Land und Leute geschaffen. Das englische Grenzgebiet war längs der Küste gut besiedelt und reich angebaut. Weiter im Innern hat es den Charakter der trockenen Dornsteppe mit teilweise dichtem Busch. Aus der Steppe erheben sich eine Anzahl von Gebirgszügen, die mehrfach in felsigen Massiven schroff aufsteigen. Die Truppen waren in mehreren befestigten Lagern östlich des Kilimandjaro untergebracht, das Kommando aber wegen der Schwierigkeit der Verbindung von Taveta wieder nach Moschi zurückgekehrt.
Die Drahtverbindung zwischen Moschi und Taveta konnte der später eintreffende Feldpostdirektor auf meine Frage nur als „niedlich“ bezeichnen. Die Isolatoren waren abgeschlagene Flaschenhälse, die auf Stangen oder an Baumzweigen befestigt waren; der Draht war von den Einzäunungen der Pflanzungen entnommen. Die Störungen waren aber doch so erheblich, daß der große Nachrichten- und Meldeverkehr des Kommandos mit dieser Leitung auf die Dauer nicht hatte bewältigt werden können.
Unser Verkehr mit der Außenwelt war seit Kriegsbeginn so gut wie abgeschnitten; zwar nahmen wir anfangs die Funksprüche von Kamina, dann unter günstigen Witterungsverhältnissen gelegentlich die Funksprüche von Nauen auf; aber sonst waren wir bezüglich neuer Nachrichten auf das Auffangen feindlicher Funksprüche und darauf angewiesen, feindliche Post oder sonstige Papiere in unsere Hand zu bringen.
[3] Askari sind „Soldaten“, nicht ein besonderer Volksstamm.
Vierter Abschnitt
Die Novemberkämpfe bei Tanga
Erbeutete englische Zeitungen berichteten, daß Deutschland den Verlust seiner geliebten Kolonien, seiner „Küchlein“, so besonders schmerzlich empfinden würde und daß Deutsch-Ostafrika der „wertvollste Happen“ sei. Erbeutete Post sprach von der demnächstigen Ankunft eines indischen Expeditionskorps von 10000 Mann, und da ich sowieso aus allgemeinen Erwägungen heraus schon immer mit einer feindlichen Landung größeren Stiles in der Gegend von Tanga gerechnet hatte, reiste ich Ende Oktober dorthin, fuhr mit meinem mitgenommenen Auto die Gegend ab und besprach mich an Ort und Stelle mit Hauptmann Adler, dem Führer der 17. Kompagnie, sowie dem Bezirksamtmann Auracher. Erfreulicherweise trat dieser meiner Auffassung bei, daß bei einer ernsthaften Bedrohung Tangas vor allem einheitliches Handeln notwendig sei, und ich versicherte ihm, daß ich selbstverständlich für alle hieraus hervorgehenden Konsequenzen die Verantwortung übernähme. Dies war besonders deshalb von Bedeutung, weil nach den gegebenen Anweisungen des Gouverneurs eine Beschießung von Tanga unter allen Umständen vermieden werden sollte. Die Ansichten darüber, was im gegebenen Fall zu tun oder zu lassen sei, konnten also sehr verschieden sein.
Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Neumoschi, am 2. November, wurde von Tanga aus gedrahtet, daß 14 feindliche Transportschiffe und 2 Kreuzer vor Tanga erschienen seien. Diese verlangten die bedingungslose Übergabe der Stadt; die Verhandlungen darüber zogen sich in die Länge, da Bezirksamtmann Auracher, der an Bord gegangen war, darauf aufmerksam machte, daß er besondere Weisung einzuholen habe, und das angedrohte Bombardement durch die Bemerkung verhinderte, daß Tanga ein offener und unverteidigter Ort sei. Hauptmann Baumstark, der mit zwei Kompagnien nördlich Tanga im Grenzgebiet war, wurde sofort auf Tanga in Marsch gesetzt. Ebenso wurden aus der Gegend von Taveta und vom Kilimandjaro die beiden Europäerkompagnien und die Askarikompagnien im Eilmarsch nach Neumoschi herangeholt. Zwei Lastautos, die zum Verpflegungstransport auf der Strecke Neumoschi-Taveta dienten, taten bei dieser Truppenverschiebung wertvolle Dienste. Meine Absicht, alle verfügbaren Truppen gegen die zweifellos in Tanga bevorstehende Landung mit größter Schnelligkeit dort zu sammeln, war trotz der den Truppen zugemuteten, starken Märsche nur durchführbar, wenn die Nordbahn ihre Leistungsfähigkeit auf das Äußerste anspannte, und das war bei den wenigen Lokomotiven — es waren nur acht — viel verlangt. Die etwa 300 Kilometer lange Strecke ist eine Schmalspurbahn, auf der im voll ausgelasteten Zuge von 24 bis 32 Achsen nur eine Kompagnie mit vollem Gepäck oder zwei Kompagnien ohne Gepäck und ohne Träger befördert werden konnten. Nur dem Entgegenkommen aller mit diesen Transporten beschäftigten Personen — ich nenne besonders den als Leutnant zur Truppe eingezogenen Eisenbahnkommissar Kröber und den Betriebsdirektor Kühlwein —, die die Züge bei Tanga bis auf das Gefechtsfeld und in das Feuer hinein vorführten, ist es zu danken, daß diese Transporte überhaupt ausgeführt werden konnten. Noch am 2. November wurden die gerade in Neumoschi anwesenden Truppenteile, anderthalb Kompagnien, mit der Bahn abtransportiert, am 3. morgens das Kommando mit einer weiteren Kompagnie; drei andere Kompagnien folgten später. Ebenso wurden alle kleineren Formationen des Bahnschutzes nach Tanga herangezogen. Die Stimmung der abfahrenden Truppen war glänzend; dies mag jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, daß der Askari sich über den Ernst der Lage klar war, als vielmehr darauf, daß für ihn eine Eisenbahnfahrt unter allen Umständen ein großes Vergnügen bedeutete.
Bogenschütze
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GRÖSSERES BILD
Das Kommando traf am 3. November abends in Korogwe ein. Ich begab mich zu dem dort eingerichteten Lazarett und sprach die aus dem Gefecht von Tanga am 3. November zurückgekommenen Verwundeten. Einer derselben, Oberleutnant d. L. Merensky, berichtete mir, daß am 2. November bei Tanga Posten- und Patrouillengefechte in der Gegend von Ras Kasone stattgefunden hatten und daß am 3. November ein anscheinend mehrere tausend Mann starker Feind, der bei Ras Kasone gelandet war, die 17. Kompagnie östlich von Tanga angegriffen hatte. Diese, durch die Europäer und Polizeiaskari aus Tanga unter dem Oberleutnant Auracher verstärkt, hatte dem Angriff standgehalten, bis die ersten von Neumoschi eintreffenden anderthalb Kompagnien eingriffen, sofort gegen die linke Flanke des Feindes vorstürmten und ihn zurückwarfen. Oberleutnant Merensky hatte den Eindruck, daß der Feind vollständig geschlagen und die Wiederholung eines Angriffes unwahrscheinlich wäre. Die während der Eisenbahnfahrt stückweise eintreffenden Telegramme hatten mir ein klares Bild der Lage nicht geben können, als das Kommando am 4. November um 3 Uhr morgens 6 Kilometer westlich von Tanga die Bahn verließ und dort den Hauptmann Baumstark antraf.
Dieser hatte die Lage anders beurteilt und glaubte bei der großen Überlegenheit des Feindes, daß bei einem erneuten Angriff Tanga nicht zu halten sei. Er hatte deshalb seine von Norden kommenden zwei Kompagnien und die Teile, die am 3. November bei Tanga im Gefecht gestanden hatten, am Abend dieses Tages 6 Kilometer westlich von Tanga gesammelt und in der Stadt selbst nur Patrouillen belassen. Ob Tanga frei oder vom Feinde besetzt war, darüber herrschte keine Klarheit. Starke Offizierspatrouillen wurden sofort über Tanga hinaus auf Ras Kasone zu vorgetrieben. Glücklicherweise hatte das Kommando einige Fahrräder mitgebracht, und so konnte ich, um schnell Aufklärung durch persönlichen Augenschein zu schaffen, sogleich mit Hauptmann von Hammerstein und dem kriegsfreiwilligen Dr. Lessel zum Bahnhof Tanga hinein vorfahren. Von der hier angetroffenen vorgeschobenen Postierung der 6. Feldkompagnie konnte ich auch nichts Näheres über den Feind erfahren und fuhr weiter durch die leeren Straßen der Stadt vor. Die Stadt war vollständig verlassen, und die weißen Europäerhäuser leuchteten in den Straßen, durch die wir fuhren, im klarsten Mondschein. So erreichten wir den Hafen am jenseitigen Stadtrande; Tanga war also frei vom Feinde. 400 Meter vor uns lagen hell erleuchtet die Transportschiffe, auf denen großer Lärm herrschte: es war kein Zweifel, daß die Landung unmittelbar bevorstand. Ich bedauerte sehr, daß unsere Artillerie — wir hatten nämlich auch zwei Geschütze C/73 — noch nicht zur Stelle war. Hier, im hellen Mondschein, auf so nahe Entfernung, hätte sie trotz der Anwesenheit der feindlichen Kreuzer vernichtend wirken können.
Wir fuhren dann weiter auf Ras Kasone zu, ließen im deutschen Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten — wir konnten die Sprache nicht verstehen — angerufen, sahen aber nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnant Bergmann der 6. Feldkompagnie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten. Für die Art, wie ich das sicher bevorstehende Gefecht zu führen gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten und in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich, daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde. Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.
Bei den verschiedenen Aufgaben galt es die Eigenart der Truppenteile zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompagnie noch nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompagnie, die im Frieden in Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser, außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompagnie sowie kleineren, zu einer Kompagnie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga-Pangani, blieben drei gute Kompagnien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und 8. Schützenkompagnie mit ihren drei Maschinengewehren sowie die 13. Feldkompagnie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung. Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga-Pangani und schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompagnie sowie die zwei Geschütze C/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser. Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow gebracht.
Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir würden ihm sonst die beste Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.
Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt, und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.
Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden. Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei; und mit Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert, daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an alles gesetzt werden.
Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann von Prince persönlich den Befehl, mit seinen zwei Europäerkompagnien nach Tanga hineinzurücken, um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende Askarikompagnie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner einfachen und strammen Art die Meldung machte: „Adui tajari.“ (Der Feind ist bereit.) Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompagnie zurückgeworfen worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann von Prince war mit seinen beiden Europäerkompagnien sofort vorgestürmt und hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern, langgedienten Mannschaften, bestehende North Lancashire-Regiment, 800 Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in hartnäckigem Straßenkampf entrissen. Aber auch südlich von Tanga hatte Hauptmann Baumstark seine Kompagnien an der Front eingesetzt, und nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari durch die Palmen bis an die Straße Tanga-Pangani zurückgingen. Die Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompagnien, die hier fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf. Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde, doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand allerdings nur eine einzige Kompagnie zur Verfügung, aber es war die gute 13. Feldkompagnie. Die 4. Kompagnie, deren Ankunft ich von Minute zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.
Das bisherige Gefecht hatte gezeigt, daß der Feind sich mit seiner in der Flanke ungesicherten Front nicht weiter nach Süden ausdehnte, als der rechte Flügel unserer Front reichte. Hier also mußte ihn der Gegenstoß vernichtend treffen, und jedem Teilnehmer wird der Moment unvergeßlich sein, als hier die Maschinengewehre der 13. Kompagnie mit ihrem Dauerfeuer einsetzten und den sofortigen Umschwung des Gefechts herbeiführten. Die ganze Front raffte sich auf und stürzte sich mit jubelndem Hurra vorwärts. Inzwischen war auch die 4. Kompagnie eingetroffen; wenn sie infolge eines Mißverständnisses auch nicht noch weiter über die 13. ausholend eingesetzt wurde, sondern sich zwischen dieser und unserer Front einschob, so kam sie doch noch vor Dunkelheit zum wirksamen Eingreifen. In wilder Flucht floh der Feind in dicken Klumpen davon, und unsere Maschinengewehre, aus Front und Flanke konzentrisch auf ihn wirkend, mähten ganze Kompagnien Mann für Mann nieder. Mehrere Askari kamen freudig strahlend heran, über dem Rücken mehrere erbeutete englische Gewehre und an jeder Faust einen gefangenen Inder. Die Handfesseln aber, die wir bei diesen vorfanden, zum Gebrauch an deutschen Gefangenen, wandte niemand von uns ihnen gegenüber an.
Man stelle sich diesen Augenblick vor: im dichten Walde, alle Truppenteile, vielfach sogar Freund und Feind durcheinander gemischt, die verschiedensten Sprachen durcheinander geschrien, und dazu die rasch hereinbrechende tropische Dunkelheit, und man wird verstehen, daß die von mir angesetzte Verfolgung gänzlich mißglückte. Ich hatte mich auf dem rechten Flügel befunden und schnell die zunächst erreichbaren Teile in der Richtung auf Ras Kasone zu energischem Nachdrängen angesetzt. Dann hatte ich mich auf den linken Flügel begeben. Dort fand ich von unseren Leuten fast nichts vor; erst nach längerer Zeit hörte ich in der Nacht Schritte von den Nagelstiefeln einer Askariabteilung. Ich war froh, endlich eine Truppe zu haben, wurde aber etwas enttäuscht, als es eine Abteilung des rechten Flügels unter Leutnant Langen war, die die Richtung auf Ras Kasone verfehlt hatte und so auf unseren linken Flügel geriet. Aber nicht genug mit diesen Reibungen. Auf unerklärliche Weise glaubte die Truppe auf einen Kommandobefehl wieder in das alte Lager westlich von Tanga abrücken zu sollen. Erst im Laufe der Nacht gewann ich am Bahnhof in Tanga Klarheit darüber, daß fast alle Kompagnien dahin abmarschiert waren. Sie erhielten selbstverständlich Befehl zu sofortiger Rückkehr. Leider war hierdurch aber doch eine solche Verzögerung eingetreten, daß es nicht möglich war, die Geschütze der nachträglich eingetroffenen Batterie Hering noch in der Nacht bei Mondschein gegen die Schiffe in Wirkung zu bringen.
Erst am Morgen des 5. November trafen die Truppen, deren starke Erschöpfung ja begreiflich war, wieder in Tanga ein und besetzten im wesentlichen wieder die Stellung des vorigen Tages. Jetzt mit allen Kräften gegen die feindliche Einschiffung bei Ras Kasone vorzurücken war nicht angebracht, da die dortige Gegend ganz übersichtlich war und von den beiden in unmittelbarer Nähe liegenden Kreuzern beherrscht wurde. Aber den starken Patrouillen und einzelnen Kompagnien, welche zur Störung des Feindes auf Ras Kasone vorgingen, gelang es doch, einzelne Abteilungen des Feindes, einige seiner Boote und auch das Deck des am Hospital liegenden Kreuzers überraschend unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Im Laufe des Tages verstärkte sich der Eindruck immer mehr, daß die Niederlage des Feindes gewaltig gewesen war. Zwar wurden die Verluste in ihrem vollen Umfange zunächst nicht bekannt, aber die vielen Stellen, wo Hunderte und wieder Hunderte von gefallenen Feinden sich häuften, sowie der Verwesungsgeruch, der unter der Einwirkung der tropischen Sonne auf der ganzen Gegend lag, gaben uns einen Anhalt. Wir schätzten den Verlust sehr vorsichtig auf etwa 800 Tote, ich glaube aber, daß diese Zahl viel zu niedrig ist. Ein höherer englischer Offizier, der genau über Einzelheiten unterrichtet war, hat mir später gelegentlich eines Gefechts, dessen englische Verluste er auf 1500 Mann angab, gesagt, daß die Verluste bei Tanga ganz erheblich größer gewesen seien. Ich halte sie jetzt mit 2000 Mann noch für zu niedrig geschätzt. Größer noch war die moralische Einbuße des Feindes. Er fing beinahe an, an Geister und Spuk zu glauben; noch nach Jahren wurde ich von englischen Offizieren danach gefragt, ob wir bei Tanga dressierte Bienen verwandt hätten, aber ich kann jetzt wohl verraten, daß bei uns, bei einer Kompagnie, im entscheidenden Moment alle Maschinengewehre durch diese „dressierten Bienen“ außer Gefecht gesetzt wurden, wir also unter dieser Art der Dressur genau so gelitten haben wie die Engländer.
Der Feind fühlte sich vollständig geschlagen und war es auch tatsächlich. In wilder Auflösung waren seine Truppen geflohen, Hals über Kopf in die Leichter gestürzt. Die Möglichkeit eines erneuten Kampfes wurde überhaupt nicht erwogen. Aus Gefangenenaussagen und aufgefundenen offiziellen englischen Schriftstücken ging hervor, daß das gesamte englisch-indische Expeditionskorps, 8000 Mann stark, von unserer wenig über 1000 Mann starken Truppe so vernichtend geschlagen worden war. Erst am Abend wurde uns die Größe dieses Sieges vollständig klar, als ein englischer Parlamentäroffizier, Hauptmann Meinertshagen, erschien und mit dem von mir entsandten Hauptmann von Hammerstein über Auslieferung von Verwundeten verhandelte. Hauptmann von Hammerstein begab sich in das Hospital, das mit schwerverwundeten englischen Offizieren angefüllt war, und genehmigte in meinem Namen, daß diese auf ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns kämpfen zu wollen, von den Engländern abgeholt werden durften.
Die Beute an Waffen gestattete, mehr als 3 Kompagnien modern zu bewaffnen, die 16 erbeuteten Maschinengewehre waren uns hierbei besonders willkommen. Der Geist der Truppe und das Vertrauen in die Führer hatte sich mächtig gehoben, und mit einem Schlage war auch ich von einem großen Teil der Schwierigkeiten befreit, die sich als hemmende Gewichte an die Führung hingen. Das dauernde Feuer der Schiffsgeschütze, das in dem ganz unübersichtlichen Gelände wirkungslos gewesen war, hatte in den Augen unserer braven Schwarzen seine Furchtbarkeit verloren. Die Materialbeute war erheblich; außer den 600000 Patronen hatte der Feind sein gesamtes Telephongerät und so viele Bekleidung und Ausrüstung liegen lassen, daß wir auf mindestens ein Jahr unseren eigenen Ansprüchen, besonders an warmen Mänteln und wollenen Decken, genügen konnten. Die eigenen Verluste, so schmerzlich auch an sich, waren an Zahl doch gering. Etwa 16 Europäer, unter ihnen auch der treffliche Hauptmann von Prince, und 48 Askari und Maschinengewehrträger waren gefallen. Die Europäer wurden in einem würdigen Kriegergrab unter dem Schatten eines prachtvollen Bujubaumes bestattet, wo eine einfache Gedenktafel ihre Namen verzeichnet. Die Ausräumung des Gefechtsfeldes und die Bestattung der Toten erforderte mehrere Tage angestrengtester Arbeit für die ganze Truppe; die Straßen waren buchstäblich besät mit Gefallenen und Schwerverwundeten. In unbekannter Sprache flehten sie um Hilfe, die ihnen trotz besten Willens nicht immer gleich gewährt werden konnte.
Auf unserem innerhalb von Tanga gelegenen Hauptverbandplatze hatte unser männliches und weibliches Pflegepersonal im Feuer auch der schweren Schiffsgeschütze Freund und Feind gewissenhaft versorgt. Noch am Abend des 4. November hatte ich die Verwundeten aufgesucht. Ich ahnte nicht, daß der Leutnant Schottstaedt, der hier mit schwerem Brustschuß auf einem Stuhle saß, nur noch wenige Minuten zu leben hatte. Der englische Leutnant Cook, vom 101. indischen Grenadier-Regiment, lag mit schwerem Beinschuß da. Die Verwundung dieses frischen jungen Offiziers, der im Brennpunkt des Gefechts auf dem indischen linken Flügel in unsere Hände gefallen war, vermochte seine heitere Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Mit dem Hauptteil der anderen Verwundeten wurde er im Feldlazarett Korogwe von unserem besten Chirurgen, dem Stabsarzt Dr. Müller, dreiviertel Jahr lang behandelt. Er ging bereits wieder umher, als ein unglücklicher Fall auf der Treppe leider zu tödlichem Ausgange führte.
Die Gefechtstage von Tanga stellten zum erstenmal erhebliche Ansprüche an die Verwundetenfürsorge. Zu diesem Zweck waren in Korogwe sowie an verschiedenen anderen Orten der Nordbahn Lazarette eingerichtet worden, zu denen die Kranken mit der Bahn ohne Umladen transportiert werden konnten. Für den Transport waren besondere dauernde Lazaretteinrichtungen nicht getroffen worden, und es hat auch niemals Schwierigkeiten gemacht, das Erforderliche zu improvisieren.
Trotz der zweifellosen Niederlage bei Tanga war es doch wahrscheinlich, daß die britische Zähigkeit diese Entscheidung nicht als eine endgültige hinnehmen würde. Auch nach seiner Niederlage war der Feind uns um ein Mehrfaches numerisch überlegen und ein Landungsversuch an anderer Stelle nicht unwahrscheinlich. Eine Fahrt zu Rad am 6. November in nördlicher Richtung, an die Mansabucht, überzeugte mich aber, daß die feindlichen Schiffe hier offenbar nur zum Zweck der Pflege ihrer Verwundeten und Beisetzung ihrer Toten eingelaufen waren und keine Landung beabsichtigten. Die Schiffe fuhren dann auch bald in der Richtung auf Zanzibar ab.
Interessant war mir dann ein kurzer Besuch in unserem Regierungshospital bei Ras Kasone, das inzwischen von den auf Ehrenwort entlassenen englischen Verwundeten geräumt worden war. Es lagen hier unter anderen zwei am 3. November bei Tanga sowie andere in einem früheren Gefecht verwundete deutsche Offiziere, die die Vorgänge während des Hauptkampftages am 4. November hinter der englischen Front vom Lazarett aus hatten beobachten können. Mit größter Spannung hatten sie die Landung bei Ras Kasone und den Vormarsch gegen Tanga verfolgt, hatten dann am Nachmittag das entscheidende Einsetzen unseres Maschinengewehrfeuers und die Beschießung durch die feindlichen Schiffsgeschütze gehört, sowie dicht am Hospital die wilde Flucht des Feindes gesehen. Die zahlreich in der Nähe des Lazarettes einschlagenden Geschosse hatten erfreulicherweise keinen Schaden verursacht. Am 5. November, ganz früh, hatten sie plötzlich wieder Geschützfeuer vernommen, und zwar von Tanga her; sie hatten erkannt, daß es deutsche Geschütze sein müßten. Es waren dies unsere zwei Kanonen C/73, denen es zwar nicht mehr gelungen war, in der Nacht bei Mondschein die englischen Transportschiffe aufs Korn zu nehmen, die aber wenigstens nach Tagesanbruch noch einige erfolgreiche Treffer anbringen konnten. Ein längeres Wirkungsschießen war leider nicht möglich, da die Rauchentwicklung den Standpunkt der Geschütze sofort verriet und das Feuer der Schiffsgeschütze auf sich zog.
Inzwischen war es klar geworden, daß der Angriff des Feindes bei Tanga keine einzelne Unternehmung, sondern im größeren Rahmen gleichzeitig mit anderen gedacht war. Nordwestlich des Kilimandjaro, am Longidoberg, den Hauptmann Kraut mit 3 Askarikompagnien und einer berittenen Europäerkompagnie besetzt hatte, erschienen im Morgennebel des 3. November überraschend englische Truppen. Gerade als am Longido heliographisch der Befehl eintraf, Hauptmann Kraut solle nach Moschi abrücken, schlugen die ersten Geschosse ein. Der etwa tausend Mann starke Feind hatte den in der freien Steppe gelegenen mächtigen Longidoberg an mehreren Stellen unter der Führung von Massais erstiegen, die unseren Posten zuriefen: „Wir sind Leute vom Hauptmann Kraut.“ Aber unseren sich rasch entwickelnden drei Feldkompagnien gelang es, die Teile des Feindes im felsigen Gelände zu umfassen und rasch zurückzuwerfen. Eine feindliche berittene Europäerabteilung, die in der Steppe am Fuße des Berges sichtbar wurde und diesen anscheinend von Süden her ersteigen oder auf unsere Verbindung wirken wollte, wurde unter wirksames Feuer genommen und schnell zurückgetrieben.
Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von 670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer „Muanza“ mit 2 Schleppern und 10 Dhaus (Booten) ab. Kurz nach dem Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an dem Feuer unserer Posten.
Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber, die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen Vormarsches nach Frankreich.
Fünfter Abschnitt
In der Erwartung weiterer Ereignisse
Schon mit Rücksicht auf die Bedrohung des Kilimandjarogebietes schien es mir angezeigt nach dem entscheidenden Erfolg von Tanga, der sowieso nicht weiter ausgebeutet werden konnte, die Truppen schnell wieder in die Gegend von Neumoschi abzutransportieren. Der Jubel der Ansiedler der Nordgebiete, die ja den Hauptteil der bei Tanga fechtenden Europäer gestellt hatten, war unbeschreiblich. Blumengeschmückt fuhr der erste Zug, der die Europäerkompagnie trug, wieder in Neumoschi ein. Ich selbst hatte bei Tanga noch ausreichend zu tun und folgte erst nach einigen Tagen zum Bahnhof in Neumoschi, wo das Kommando seine geschäftliche Tätigkeit wieder aufnahm. Bei der Knappheit des Personals konnten wir es uns nicht leisten, für die verschiedenen Funktionen auch immer verschiedene Persönlichkeiten zu haben. Wie der Offizier des Kommandos gelegentlich als Schütze oder Radfahrer einspringen mußte, so mußte auch der Intendant ordonnanzieren, der Schreiber im Gefecht mitschießen und als Gefechtsordonnanz tätig sein. Es war eine große Erleichterung des Dienstbetriebes, daß wir in dem europäisch ausgebauten Bahnhofsgebäude von Neumoschi eine Lokalität besaßen, wo wir trotz großer Engigkeit innerhalb des Stabes die meisten Sachen schnell im mündlichen Verkehr erledigen konnten. Wir verfügten über gute Telephon- und Telegraphenanlagen und lagen zentral in dem Netz von Fernsprechverbindungen und Wegen, die wir uns in beiden Richtungen sowohl auf Tanga, Taveta, Ost-Kilimandjaro, West-Kilimandjaro zum Longido, wie auch nach Aruscha geschaffen oder, soweit sie vorhanden waren, vervollkommnet hatten. Es gab Wochen, wo sich unser Dienstbetrieb fast wie im Frieden abspielte, allerdings bei gesteigerter Arbeitsleistung. Aber obgleich fast niemand innerhalb des Kommandos für sein Ressort vorgebildet oder vorbereitet war, so vollzog sich das Zusammenarbeiten doch harmonisch und erfolgreich. Es wurde vom besten Geist, von der Liebe zur Sache und kameradschaftlichem Zusammenhalten getragen.
Ich selbst begab mich im Auto — wir hatten uns nämlich auch bis zum Longido hin eine Autostraße gebaut — nach dem zwischen Longido und Kilimandjaro gelegenen Engare-Nairobi (kalter Fluß), einem Flüßchen, das vom Nordabhange des Kilimandjaro die Steppe in nordwestlicher Richtung durchzieht. Dort saßen eine Anzahl Burenfamilien auf ihren Farmen. Die Abteilung Kraut hatte ihr Lager dorthin verlegt, da der Verpflegungsnachschub bis zum Longido hin bei zweitägigem Marsch durch die Steppe nicht geschützt werden konnte und deshalb allzu gefährdet war. Ich überzeugte mich, daß auch hier, nördlich des Kilimandjaro, zur Zeit keine Gelegenheit zu Unternehmungen war und kehrte nach Neumoschi zurück. Der Weg von Neumoschi, wo ein großer Teil des Verpflegungsnachschubes aus Usambara und den weiter südlich gelegenen Gebieten per Bahn gesammelt wurde, beträgt bis Taveta 50 Kilometer. Wenn wir auch nur wenige Kraftfahrzeuge, nämlich 3 Personenwagen und 3 Lastautos im ganzen, zur Verfügung hatten, so bedeutete das für unsere Verhältnisse doch etwas Wesentliches. Die Drei-Tons-Wagen konnten auf der gut ausgebauten Straße bei trockenem Wetter bequem in einem Tage hin und zurück gefahren werden. Da Träger für dieselbe Strecke hin und zurück mindestens vier Tage brauchten, ergab die Berechnung, daß ein Auto so viel leistete wie 600 Träger, die außerdem selbst Verpflegung beanspruchten.
Dem später von den Engländern vertretenen Grundsatz, den Lastentransport von den Schultern der Träger und der Tiere zu nehmen und mit Automobilen zu bewerkstelligen, muß umsomehr beigetreten werden, als Menschen und Tiere unter den tropischen Erkrankungen in hohem Maße litten, während Mücken gegen Automobile ja machtlos sind. Wir konnten aber diesen klaren Vorteil nicht ausnutzen, weil wir eben nur wenige Kraftwagen hatten. Immer wieder mußten wir auch in dieser für den Nachschub ruhigen und geregelten Periode des Krieges auf Träger zurückgreifen. Noch heute sehe ich die Freude des damaligen Intendanten, als eine Trägerkarawane von 600 Wassukuma von Muanza her in Neumoschi anlangte; sie brachte vom Viktoriasee über Kondoa-Irangi bis zum Kilimandjaro Reis, der hier dringend benötigt wurde. Wenn man berücksichtigt, daß der Träger für diesen mindestens 30 Tage erfordernden Marsch täglich ein Kilogramm Verpflegung selbst braucht und höchstens 25 Kilogramm trägt, so müssen die Märsche schon sehr überlegt eingerichtet werden und durch besiedelte und verpflegungsreiche Gebiete führen, wenn überhaupt solche Transporte von Wert sein sollen. Wenn trotz dieser Nachteile der Trägertransport in großem Umfange in Anspruch genommen werden mußte, so zeigt dies die Schwierigkeit des Nachschubes und der Verpflegung, die wir in Kauf nehmen mußten.
Der Intendant Hauptmann Feilke verstand es aber auch meisterhaft mit den Leuten umzugehen und für sie zu sorgen. Die Träger fühlten sich gut aufgehoben, und das Wort „Kommando“, das sich einzelne als Eigennamen beilegten, gewann an Verbreitung. Mir persönlich gaben die paar Kraftwagen die Möglichkeit zu zahlreichen Geländeerkundungen und Besichtigungen von Truppen. Nach Taveta, wohin ein Teil der Truppen aus Tanga zurückkehrte, konnte ich von Neumoschi in zwei Stunden fahren; es hätte dies sonst vier Tage gedauert; später bin ich an einem Tage von Neumoschi aus zum Engare-Nairobi und westlich um den ganzen Meruberg nach Neumoschi zurück gefahren, eine Reise, die mit Trägern wohl nicht unter zehn Tagen zu machen war.
Der Erfolg von Tanga wirkte belebend auf die Entschlossenheit der ganzen Kolonie zum Widerstande.
Am 26. November gelang es in Morogoro dem Chef des Etappenwesens, Generalmajor Wahle, die Einwilligung des Gouverneurs zu erlangen, daß Daressalam im Falle eines Angriffes verteidigt werden sollte. Es war ein Glück, daß diese Einwilligung noch eben rechtzeitig erfolgte. Schon am 28. November erschienen zwei Kriegsschiffe, ein Transportschiff und ein Schlepper vor Daressalam, und verlangten eine Besichtigung unserer im Hafen liegenden Schiffe. Hier lag unter anderem die zum Lazarettschiff eingerichtete „Tabora“ der Deutsch-Ostafrikalinie. Da die Engländer schon bei einer früheren Gelegenheit erklärt hatten, daß sie sich an kein über Daressalam getroffenes Abkommen gebunden erachteten, so hätte es jedesmal erneuter Konzessionen bedurft, wenn man einer angedrohten Beschießung entgehen wollte. Es war also eine Schraube ohne Ende geschaffen. Ich drahtete nun, daß die verlangte Einfahrt einer englischen Pinasse in den Hafen mit Waffengewalt zu verhindern sei. Leider war diese Pinassenfahrt aber entgegen meiner Auffassung von der deutschen Behörde zugestanden worden, und der zur Zeit in Daressalam anwesende älteste Offizier fühlte sich hierdurch gebunden. Als nun aber die Engländer statt mit der einen zugestandenen Pinasse mit mehreren kleineren Fahrzeugen einfuhren, auf der „Tabora“ Zerstörungen vornahmen und sogar Personal dieses Schiffes gefangen fortnahmen, wurde das Unzweckmäßige unserer bisherigen Zugeständnisse allen bis dahin Zweifelnden doch zu augenscheinlich. Hauptmann von Kornatzky kam noch gerade rechtzeitig genug, um die kleinen englischen Fahrzeuge, als sie beim Auslaufen die schmale nördliche Hafeneinfahrt durchfuhren, wirksam unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Hierbei wurde leider auch einer der deutschen Gefangenen verwundet. Die Abwehrmaßnahmen waren eben nicht rechtzeitig getroffen worden. Es ist dies ein kleines Beispiel dafür, wie gefährlich und schließlich auch unvorteilhaft es ist, wenn im Kriege der militärische Führer immer wieder in seinen Entschlüssen und in der Ausführung seiner nun einmal unvermeidlichen Handlungen beeinträchtigt wird.
Übrigens richtete die nun folgende Beschießung von Daressalam keinen nennenswerten Schaden an, denn daß ein paar Häuser dabei beschädigt wurden, kann man ernsthaft als solchen nicht rechnen.
In den Zeiten relativer Seßhaftigkeit, die wir in Neumoschi hatten, war auch die wirtschaftliche Seite des Lebens angenehm. Die Europäer, zum großen Teil den Siedlerkreisen der Nordgebiete angehörend, beschafften sich den Hauptanteil ihrer Verpflegung selbst. Reis, Weizenmehl, Bananen, Ananas, europäisches Obst, Kaffee und Kartoffeln strömte reichlich von den Pflanzungen her an die Truppe. Zucker beschafften die zahlreichen Fabriken, und Salz wurde in der Hauptsache von der an der Zentralbahn zwischen Tabora und dem Tanganjika gelegenen Saline Gottorp geliefert. Viele Pflanzungen stellten ihren Betrieb ganz auf die Truppenverpflegungen ein, und bei den reichlich vorhandenen Arbeitskräften machte dieser Wechsel im Anbau keinerlei Schwierigkeiten.
Aber auch der Nachschub mußte angespannt werden. Die von Kimamba zur Nordbahn, nach Mombo und Korogwe führende große Etappenstraße wurde immer weiter ausgebaut, um den Transport der aus dem Gebiet der Tanganjikabahn und weiter aus dem Süden stammenden Erzeugnisse nach dem Norden zu bewältigen. Mindestens 8000 Träger waren allein auf dieser Strecke dauernd in Tätigkeit. Es stellte sich bald als praktisch heraus, die Trägerkarawanen die etwa 300 km lange Strecke nicht durchgehen zu lassen, sondern die Träger auf einzelne Etappen zu verteilen. Hier war es dann möglich, sie stationär unterzubringen und auch in gesundheitlicher Beziehung zu überwachen. Hygieniker bereisten die Strecke und taten das Menschenmögliche für die Gesundheit der Träger im Kampfe besonders gegen Ruhr und Typhus. So entstanden an dieser stark in Anspruch genommenen Etappenstraße auf Tagesmarschentfernungen dauernde Trägerlager, in denen die Leute in zunächst provisorischen, später gut ausgebauten Hütten untergebracht waren. Die Lagerdisziplin war streng geregelt. Um auch für die zahlreich durchreisenden Europäer zu sorgen, wurden für diese kleine Häuser mit Betonfußboden angelegt; der einzelne hatte hier die Möglichkeit, sich aus den Beständen der Etappe zu verpflegen, ohne, wie es sonst bei afrikanischen Reisen üblich ist, den gesamten Verpflegungsvorrat auf lange Zeit mitschleppen zu müssen. Die Arbeit an dieser Etappenstraße war Gegenstand dauernder Aufmerksamkeit, Europäer und Farbige mußten die Zusammenarbeit so großer Menschenmassen erst lernen und begriffen die Wichtigkeit von Ordnung und Disziplin für das Funktionieren des Nachschubes und für die Gesundheit aller Beteiligten.
Auf dem Bahnhof von Neumoschi arbeiteten Telegraph und Telephon andauernd, Tag und Nacht. Bei der Improvisierung der gesamten Organisation konnten Reibungen nicht völlig ausbleiben. Alle Angehörigen des Kommandos waren außerordentlich belastet. Aber es boten sich auch Lichtblicke während der angestrengten Arbeit. Die materielle Versorgung der Europäer hier im Norden kam auch uns im Kommando zugute. Durch zahlreiche Zusendungen von Privatleuten wurden wir geradezu verwöhnt. Wenn einer von uns die Nordbahn entlang fuhr, an der es im Frieden selbst für Geld und gute Worte schwer war, sich etwas Verpflegung zu beschaffen, so sorgte jetzt fast an jeder Station jemand für uns. Ich erinnere mich an einen Fall, wo der aus der Gegend nördlich des Erokberges von anstrengenden Patrouillen recht ausgehungert zurückgekehrte Oberleutnant Freiherr v. Schroetter beim Kommando in Neumoschi eintraf. Nachdem er von 7 bis 11 Uhr nach Durchschnittsbegriffen reichlich verpflegt worden war, bat er schüchtern, ihm doch noch einmal Abendbrot zu geben. Am nächsten Morgen trat er einen vierzehntägigen Urlaub zu seiner in Usambara gelegenen Pflanzung an, um sich zu erholen und nach dem Rechten zu sehen. Nach dem Frühstück gaben wir ihm Kaffee, Brot, Butter und Fleisch in den Zug mit und hatten die verschiedenen Bahnstationen angewiesen, sich dieses gänzlich verhungerten Patrouillenmannes anzunehmen. So wurde ihm nach einer halben Stunde in Kahe von der dortigen Bahnhofswache von neuem Frühstück gereicht, in Lembeni hatte die reizende Frau des dortigen Bahnhofskommandanten ihm einen Kuchen gebacken und in Same versorgte ihn der Führer des dortigen Rekrutendepots, Feldwebel Reinhardt. In Makanja brachte ihm der Wachthabende, Pflanzer Barry aus der Umgegend, selbstbereitete Schokolade und Ochsenherzen — es ist dies eine etwa melonengroße Frucht —, in Buiko hatte der gastliche Betriebsdirektor der Nordbahn, Kühlwein, der uns so oft bei unserer Durchreise erfrischt hat, ihm ein solennes Essen vorbereitet. In Mombo, wo der Nachschub der Usambaraberge zusammenströmte und wo wir in der Hauptsache unsere Truppenwerkstätten eingerichtet hatten, erwartete unsern Schützling Oberdeckoffizier Meyer mit einem nahrhaften Vesperbrot. Da aber erhielten wir das Telegramm: „Bitte nichts weiteres bestellen. Ich kann nicht mehr.“
Affenbrotbaum
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GRÖSSERES BILD
So viel verständnisvoller Scherz für die Stimmung eines ausgehungerten Leutnants in dieser andauernden Bewirtung liegt, so zeigt sie besser als theoretische Auseinandersetzungen das innige Zusammenarbeiten aller Teile der Bevölkerung der Nordbezirke mit der Truppe und das Bestreben, uns jeden Wunsch an den Augen abzulesen. Dieses Zusammenhalten ist geblieben, solange die Truppe im Norden war.
Wenn der Dienst es irgend gestattete, sorgten wir für Abwechslung und Erholung. Oft haben wir uns in der Umgebung von Neumoschi des Sonntags zu fröhlicher Treibjagd zusammengefunden. Träger und Askari hatten bald ihre Rolle als Treiber begriffen und trieben in musterhafter Ordnung durch den dichtesten Busch uns das Wild zu, das sie mit lautem: „Huju, huju“, auf deutsch: „Da ist er“, ankündigten. Die Strecke dürfte, was Vielseitigkeit anbetrifft, auf europäischen Jagden bisher nirgends erreicht worden sein: Hasen, verschiedene Zwergantilopen, Perlhühner und verschiedene Verwandte des Rebhuhnes, Enten, Buschböcke, Wasserböcke, Luchse, verschiedene Arten Wildschweine, kleine Kudus, Schakale und eine Menge anderes Wild kamen vor. Ich entsinne mich, daß einmal zu meiner Überraschung auf 15 Schritt lautlos ein Löwe vor mir erschien. Leider hatte ich die Flinte in der Hand, und ehe ich die auf meinen Knien liegende Büchse in Anschlag bringen konnte, war er ebenso lautlos verschwunden. Die Jagd gab in dem wildreichen Gebiet des Kilimandjaro, mehr aber noch östlich von Taveta, einen willkommenen Zuschuß zu unserer Fleischversorgung. Im wesentlichen beruhte diese aber auf den Viehbeständen, die aus den Gebieten des Kilimandjaro und Meru von den Massai, aber auch von weit her aus den Gebieten des Viktoriasees für die Truppe nutzbar gemacht wurden.
Sechster Abschnitt
Weitere schwere Kämpfe im Nordosten
Als wir in der Missionskirche von Neumoschi und später in unserer Messe im Bahnhof das Weihnachtsfest 1914 feierten, begannen sich die militärischen Ereignisse nördlich von Tanga so weit zuzuspitzen, daß ein entscheidendes Eingreifen dort wahrscheinlich wurde. Unsere Patrouillen, welche dort auf britischem Gebiet standen, waren in den letzten Tagen des Dezember allmählich zurückgedrängt worden und hatten sich südlich von Jassini auf deutschem Gebiet gesammelt. Es waren hier 2 Kompagnien und ein aus etwa 200 Arabern gebildetes Korps vereinigt. Der Feind hatte sich augenscheinlich verstärkt und die Gebäude der deutschen Pflanzung Jassini besetzt.
Es machte den Eindruck, als ob er durch allmähliches Vorrücken längs der Küste auf Tanga vordringen und das von ihm besetzte Gebiet durch ein Blockhaussystem sichern wollte. Um die Verhältnisse an Ort und Stelle zu erkunden, fuhr ich mit Hauptmann von Hammerstein Mitte Januar nach Tanga und dann im Automobil auf der soeben fertiggestellten neuen Straße, die 60 km längs der Küste nach Norden in das Lager des Hauptmanns Adler bei Mwumoni führte. Eine Erkundung, auf der mich der durch zahlreiche erfolgreiche Patrouillengänge in der dortigen Gegend besonders geeignete Leutnant d. R. Bleeck führte, zeigte, daß das Gelände um Jassini herum in der Hauptsache aus einer meilenlangen Kokospflanzung der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft bestand, in die Sisal, eine mit spitzen Stacheln versehene Agavenart, hineingebaut war. Dieser Sisal, der ein dichtes Unterholz in den Stangen der Kokospalmen bildete, war an vielen Stellen mit seinen stachligen Blättern so ineinander gewachsen, daß man sich nur hindurch zwängen konnte, wenn man eine Menge recht unangenehmer Stiche erduldete. Eine Schwierigkeit ist es ja immer, in solchem ganz unbekannten Gelände, ohne die Grundlage einer Karte, nur auf die Meldungen der Patrouillen hin die Anlage für ein Gefecht zu treffen. Hier konnte diese Schwierigkeit dadurch behoben werden, daß der zur Truppe eingezogene langjährige Assistent der Pflanzung, Lt. d. R. Schaefer, genaue Angaben machen konnte. Es wurde eine leidlich zutreffende Skizze angefertigt und mit Kriegsnamen versehen. Im großen und ganzen schien es so, daß es sich bei Jassini um einen vorgeschobenen Posten handelte, und daß die Hauptmacht der feindlichen Truppen weiter nördlich sich in befestigten Lagern befand. Es war anzunehmen, daß ein Angriff auf den vorgeschobenen Posten bei Jassini die Teile des feindlichen Gros aus ihren Lagern herauslocken und zum Kampfe im freien Felde veranlassen würde. Mein Plan war, diese Möglichkeit auszunutzen. Um gegen den aus seinen Sammelpunkten zur Unterstützung herbeieilenden Feind unter günstigen taktischen Bedingungen zu fechten, beabsichtigte ich, meine Truppen an seinen voraussichtlichen Anmarschwegen so bereit zu halten, daß er seinerseits gegen sie anlaufen mußte.
Die Beschaffung der Verpflegung hatte in der dicht besiedelten Gegend keine Schwierigkeiten, und von den zahlreichen Europäerpflanzungen konnten die erforderlichen Träger gestellt werden. Es brauchten also beim Hertransport der von Moschi telegraphisch herbeibefohlenen Kompagnien nur die Maschinengewehr- und die Munitionsträger mitzukommen, eine wesentliche Erleichterung für den Eisenbahntransport. Dieser spielte sich bei der erprobten Umsicht des Linienkommandanten, Leutnant d. Ldw. a. D. Kroeber, und dem Verständnis und dem Feuereifer, mit dem das gesamte Bahnpersonal die unvermeidlichen Anstrengungen glatt ertrug, schnell und ohne Reibung ab.
Am 16. Januar waren die von Moschi kommenden Kompagnien einige Kilometer westlich von Tanga ausgeladen und sogleich in Richtung auf Jassini in Marsch gesetzt worden, ebenso die Truppen aus Tanga, wo zum unmittelbaren Schutz nur eine Kompagnie zurückblieb. Am 17. Januar abends waren die Streitkräfte, im ganzen neun Kompagnien mit zwei Geschützen, 11 Kilometer südlich Jassini bei der Pflanzung Totohowu versammelt, und der Befehl zum Angriff wurde für den nächsten Morgen gegeben. Major Kepler wurde mit zwei Kompagnien rechts umfassend, Hauptmann Adler mit zwei weiteren Kompagnien links umfassend gegen das Dorf Jassini angesetzt. Nordwestlich, an der von Semanja kommenden Straße, wurde das Araberkorps aufgestellt, Hauptmann Otto mit der neunten Kompagnie ging frontal auf der Hauptstraße gegen Jassini vor; ihm folgte unmittelbar das Kommando und dahinter das Gros, aus der Europäerkompagnie, drei Askarikompagnien und zwei Geschützen bestehend. Die Märsche waren so angesetzt, daß beim ersten Tagesgrauen der Angriff gleichzeitig gegen Jassini zu erfolgen hatte und alle Kolonnen sich durch energisches Vorgehen gegenseitig entlasten sollten. Noch vor Anbruch des Tageslichtes fielen die ersten Schüsse bei der Kolonne Kepler, wenige Minuten später begann das Feuer auch vor uns bei der Kolonne Otto und wurde dann allgemein. Es war nicht möglich, sich ohne jede Übersicht in dem endlosen Palmenwald auch nur ein annäherndes Bild zu machen von dem, was eigentlich los war. Wir waren aber bereits so dicht an der feindlichen Stellung von Jassini, daß der Feind überrascht schien, trotz seines ausgezeichneten Kundschafterdienstes. Diese Vermutung hat sich später wenigstens teilweise bestätigt. Von unserer schnellen Konzentration südlich Jassini und dem unmittelbar darauf erfolgenden Angriff mit so starken Truppen hatte der Feind tatsächlich keine Ahnung gehabt.
Die Kolonne Otto warf eine ihr gegenüber verschanzte Postierung schnell zurück, und das Kommando begab sich nun links ausholend durch den Wald, wo zunächst eine und dann zwei weitere Kompagnien zu umfassendem Vorgehen gegen Jassini angesetzt wurden. Hierbei war es auffallend, daß wir auf nahe Entfernung, vielleicht 200 Meter nur, ein sehr wohlgezieltes Feuer erhielten, und erst viel später stellte sich heraus, daß der Feind in Jassini nicht nur einen schwachen Posten hatte, sondern daß hier vier indische Kompagnien in einem stark ausgebauten und vortrefflich gedeckten Fort eingenistet waren. Der hinter mir gehende Hauptmann von Hammerstein brach plötzlich zusammen: er hatte einen Schuß in den Unterleib erhalten. So nahe mir dies natürlich ging, mußte ich im Augenblick den Schwerverwundeten in ärztlicher Hand zurücklassen. Nach wenigen Tagen riß der Tod dieses ausgezeichneten Offiziers eine schwer auszufüllende Lücke in die Tätigkeit unseres Stabes.
Das Gefecht war sehr heftig geworden. Zwei unserer Kompagnien hatten, obgleich die beiden Kompagnieführer, die Oberleutnants Gerlich und Spalding gefallen waren, in glänzendem Sturmlauf die festen Pflanzungsgebäude von Jassini rasch genommen und sich nun unmittelbar vor der feindlichen Stellung eingenistet. Bald wurde das Eingreifen der feindlichen Hauptkräfte fühlbar. Aus nordöstlicher Richtung, von Wanga her, trafen starke feindliche Kolonnen ein und erschienen plötzlich dicht vor unseren an der Befestigung bei Jassini liegenden Kompagnien. Der Feind machte drei energische Angriffe an dieser Stelle und wurde jedesmal zurückgeworfen. Von Norden und Nordwesten her trafen gleichfalls feindliche Kolonnen ein. Gegen die westlichen hatte das Araberkorps seine Aufgabe schlecht erfüllt; schon am Tage vorher hatten mich viele der Araber bestürmt, sie doch zu entlassen. Als sie jetzt im dichten Versteck an der feindlichen Anmarschstraße den Gegner erwarten sollten, war ihnen die Spannung zu groß. Statt überraschend ein vernichtendes Feuer abzugeben, schossen sie blind in die Luft und rissen dann aus. Glücklicherweise trafen diese feindlichen Kolonnen dann aber auf Hauptmann Adlers beide Kompagnien und wurden blutig zurückgewiesen. Das ganze Gefecht hatte sich bis dahin als ein tatkräftiges Vorstürmen charakterisiert; auch die letzte Reserve, nämlich die Europäerkompagnie, war auf ihre dringende Bitte eingesetzt worden. Gegen Mittag war das Gefecht vor der starken feindlichen Befestigung an allen Stellen zum Stehen gekommen. Wir hatten tatsächlich keine Mittel, gegen diese Befestigungen etwas Ausreichendes zu unternehmen, und auch unsere Feldgeschütze, die wir aus 200 Meter in Stellung brachten, erzielten keinen durchschlagenden Erfolg. Die Hitze war unerträglich und wie bei Tanga löschte alles den Durst mit jungen Kokosfrüchten.
Ich selbst begab mich mit Leutnant Bleeck nun auf den rechten Flügel, um die Vorgänge bei der Kolonne des Majors Kepler zu erkunden; über die feindliche Befestigung hatte ich damals noch keine volle Klarheit gewonnen, und so gerieten wir auf dem Sande eines zur Zeit trockenen, ganz freien und übersichtlichen Creeks wiederum in ein sehr wohlgezieltes Feuer. Die Geschosse schlugen aus 500 Meter Entfernung dicht bei uns ein und konnten bei den deutlich sichtbaren Sandspritzern gut korrigiert werden. Der Sand war so tief und die Hitze derartig groß, daß man nur wenige Schritte laufen oder rasch gehen konnte. In der Hauptsache mußten wir langsam ungedeckt gehen und das lästige Feuer über uns ergehen lassen. Glücklicherweise tat uns dieses aber keinen ernsthaften Schaden, obgleich ein Schuß durch den Hut und einer durch den Arm, den ich erhielt, zeigten, daß es wenigstens gut gemeint war. Bei der Rückkehr vom rechten Flügel waren der Durst und die Erschöpfung so groß, daß zwischen einigen sonst nicht feindlich gesinnten Herren ernstliche Meinungsverschiedenheiten wegen einer Kokosnuß entstanden, obgleich in den massenhaft vorhandenen Bäumen weitere Nüsse unschwer zu erlangen waren.
Das Kommando hatte sich wieder an die Straße Totohowu-Jassini begeben. Auf dieser lag eine leichte Pflanzungsbahn, deren Wagen unausgesetzt Verwundete nach Totohowu fuhren, in dessen Europäergebäuden ein Lazarett eingerichtet war. Die Munition — der Askari trug etwa 150 Patronen — begann knapp zu werden, und die Mahnungen aus der Schützenlinie mehrten sich, daß sie sich nicht mehr halten könnte. Leichtverwundete, die verbunden waren, und ein Haufen Versprengter strömten beim Kommando zusammen, ganze Züge hatten sich total verlaufen oder aus anderen Gründen den ihnen zugewiesenen Platz verlassen. Alle diese Leute wurden gesammelt, von neuem eingeteilt und so wieder eine verwendungsfähige Reserve geschaffen. Die Munition der Maschinengewehrgurte war zum großen Teil aufgebraucht, und neue Munition rollte von Totohowu auf der Trollibahn heran. Die Gurtfüller der Maschinengewehre, an den Stämmen der Palmen befestigt, arbeiteten unausgesetzt. Es war klar, daß wir bereits erhebliche Verluste erlitten hatten. Mancher Wunsch wurde ausgesprochen, das Gefecht abzubrechen, da die Einnahme der feindlichen Befestigungen ja doch aussichtslos erschien. Wenn man aber bedachte, in welcher unangenehmen Lage der in seiner Befestigung eingeschlossene Feind war, der kein Wasser hatte und alle Tätigkeiten des täglichen Lebens dort verhältnismäßig eng zusammengedrängt in glühender Sonne und im feindlichen Feuer verrichten mußte, so schienen doch beim zähen Festhalten unsererseits Erfolge noch weiterhin erreichbar. Der Nachmittag und die Nacht vergingen in unausgesetztem Gefecht; wie immer in solchen kritischen Lagen tauchten alle möglichen Gerüchte auf. Die Besatzung der feindlichen Befestigungen sollte aus südafrikanischen Europäern, hervorragenden Scharfschützen, bestehen; einige wollten genau ihre Sprache verstanden haben. Und es war auch wirklich jetzt noch sehr schwer, sich ein klares Bild zu machen. Meine Ordonnanz, der Ombascha (Gefreite) Rajabu, war sofort zu näherer Erkundung bereit, kroch dicht an die feindliche Linie heran und fiel dort. Der Schwarze, an sich leicht erregbar, war es in dieser kritischen Lage bei Nacht doppelt, und ich mußte die Leute mehrfach ernstlich schelten, wenn sie blind in die Luft knallten.
In der Frühe des 19. Januar lebte das Feuer zu größter Heftigkeit wieder auf. Der Feind, auf allen Seiten eingeschlossen, machte einen mißglückten Ausfall und zeigte kurz darauf die weiße Fahne. Vier indische Kompagnien, mit europäischen Offizieren und Chargen, fielen in unsere Hand. Wir alle bemerkten den kriegerischen Stolz, mit dem unsere Askari auf den Feind blickten; ich habe nie gedacht, daß unsere Schwarzen so vornehm aussehen könnten.
Freund und Feind hatten sich in unangenehmer Lage befunden und waren der Erschöpfung ihrer Nervenkraft nahe. So pflegt es bei jedem ernsthaften Ringen zu sein — die Askari lernten aber jetzt, daß man das erste Mißbehagen bezwingen muß, um den zum Sieg erforderlichen letzten Vorsprung vor dem Feind zu gewinnen. Den Verlust des Feindes schätzte ich auf mindestens 700 Mann, die erbeuteten Papiere ergaben ein klares Bild über seine Stärke, die mehr als das Doppelte unserer eigenen betrug. Hiernach hatte der Führer der Truppe in Britisch-Ostafrika, General Tighe, der kurz vorher in Wanga gelandet war, mehr als 20 Kompagnien, die meistens im Fußmarsch aus der Richtung von Mombassa her die Küste entlang marschiert waren, in Jassini und Umgebung versammelt. Sie sollten weiter in Richtung auf Tanga vordrücken.
Der Abtransport der Verwundeten von Jassini in die Lazarette der Nordbahn ging in wenigen Tagen mit Hilfe der Automobile und der Rikschas, die zwischen dem Feldlazarett von Totohowu und Tanga verkehrten, glatt vor sich. Diese Rikschas, von einem Mann gezogene kleine federnde Karren (wie Dogcarts), die in Tanga die Rolle von Droschken spielten, waren von dem leitenden Sanitätsoffizier für Verwundetentransporte requiriert worden. Der Feind hatte sich in seine befestigten Lager nördlich der Landesgrenze zurückgezogen, auf die mir ein erneuter Angriff wenig Aussicht versprach. Ihm gegenüber wurde als Rückhalt für die sofort einsetzenden Unternehmungen der Patrouillen eine Abteilung von wenigen Kompagnien bei Jassini belassen; der Hauptteil der Truppen wurde wieder in die Gebiete des Kilimandjaro abtransportiert.
Der Marsch zu dem Einschiffungspunkt der Nordbahn führte die Truppen über die Pflanzung Amboni. Dort hatten die Bewohner von Tanga aus freien Stücken Verpflegung und Erfrischungen vorbereitet, und nach den ungeheuren Strapazen, die die Unternehmung von Jassini mit ihren andauernden Gewaltmärschen, ihrer aufreibenden Hitze und den Tag und Nacht währenden Gefechten mit sich gebracht hatte, belebte sich das schwefelhaltige Flüßchen Sigi schnell mit Hunderten von weißen und schwarzen badenden Gestalten. Alle Mühsal war vergessen und die Stimmung stieg aufs höchste, als gerade in diesem Augenblick nach längerer Pause wieder einmal ein Funkspruch aus der Heimat aufgenommen wurde. Er zeigte uns, daß die Meldung von den Gefechten bei Tanga soeben in Deutschland eingetroffen sein mußte und enthielt die Anerkennung Seiner Majestät für den dort errungenen Erfolg.
Siebenter Abschnitt
Kleinkrieg und neue Zurüstungen
Später erbeutete Papiere erwiesen zahlenmäßig, daß der Feind Truppenverschiebungen vom Viktoriasee nach dem Kilimandjaro zu vornahm. Das Gefecht von Jassini entlastete also tatsächlich andere, weit entfernt gelegene Gebiete. Diese Beobachtung bestätigte den ursprünglichen Gedanken, daß das feste Anfassen des Feindes an einer Stelle zugleich die beste Sicherung auch des Restes des Schutzgebietes sei. Es war von untergeordneter Bedeutung, ob der Rest des Schutzgebietes auch lokal energisch verteidigt wurde. Trotzdem begrüßte ich es mit Freuden, daß der Gouverneur sich im Februar 1915 zu dem Befehl bewegen ließ, daß die Küstenplätze bei feindlicher Bedrohung zu verteidigen seien. Die bisherigen Erfolge hatten bewiesen, daß eine solche lokale Verteidigung auch gegen das Feuer der Schiffsgeschütze nicht aussichtslos war.
Unser mit neun Kompagnien ausgeführter Angriff hatte bei Jassini zwar zu einem vollen Erfolge geführt, aber er zeigte mir, daß so schwere Verluste, wie auch wir erlitten hatten, nur ausnahmsweise ertragen werden konnten. Wir mußten mit unseren Kräften haushalten, um eine lange Dauer des Krieges zu ertragen. Von den aktiven Offizieren waren Major Kepler, die Oberleutnants Spalding und Gerlich, die Leutnants Kaufmann und Erdmann gefallen, Hauptmann v. Hammerstein an seiner Wunde gestorben. Für den Verlust dieser Berufssoldaten — ungefähr ein Siebentel der im ganzen vorhandenen aktiven Offiziere — gab es keinen Ersatz.
Auch der Verbrauch von 200000 Patronen zeigte mir, daß ich mit den vorhandenen Mitteln höchstens noch drei derartige Gefechte führen konnte. Die Notwendigkeit, größere Schläge nur ganz ausnahmsweise, dafür aber in der Hauptsache Kleinkrieg zu führen, trat gebieterisch in den Vordergrund.
Der leitende Gedanke, immer wieder gegen die Ugandabahn zu wirken, konnte aber wieder aufgenommen werden, da sich hier Unternehmungen mit größeren Truppenkörpern sowieso nicht ausführen ließen. Es galt, in mehrtägigen Märschen die weite, wasser- und menschenarme Steppe zu durchschreiten, die außer gelegentlichen Jagderträgnissen wenig an Verpflegung bot. Es war nötig, nicht nur Verpflegung, sondern auch Wasser mitzutragen. Schon hierdurch begrenzte sich die Stärke der marschierenden Abteilung. Es bedarf für solche Expedition durch verpflegungs- und wasserlose Gebiete viel Erfahrung der Truppe, wie sie im damaligen Stadium des Krieges noch nicht vorhanden sein konnte. Für den Durchmarsch durch diese Steppe war eine Kompagnie schon zu viel, und wenn sie dann nach mehrtägigem Marsch einen Punkt der Ugandabahn wirklich erreicht hätte, so hätte sie wieder umkehren müssen, weil der Verpflegungsnachschub nicht aufrechterhalten werden konnte. Diese Verhältnisse besserten sich mit der Zeit durch größere Schulung der Truppe und durch die allmählich wachsende Kenntnis des Geländes, welches zuerst im wesentlichen terra incognita war.
Es blieb also nichts anderes übrig, als den gewollten Zweck durch kleine Abteilungen, Patrouillen, zu erreichen. Auf diese Patrouillen wurde in der Folgezeit der allergrößte Wert gelegt. Vom Engare-Nairobi aus umritten kleinere Abteilungen von 8 bis 10 Mann, aus Europäern und Askari gemischt, die feindlichen Lager, die sich bis zum Longido vorgeschoben hatten, und legten sich an deren rückwärtige Verbindungen. Aus der Tangabeute standen Telephonapparate zur Verfügung, die sie an die englischen Telephonleitungen anschlossen; dort warteten sie dann ab, bis größere oder kleinere feindliche Abteilungen oder Ochsenwagentransporte vorbeizogen. Aus 30 Meter wurde der Feind dann aus dem Hinterhalte beschossen, Gefangene und Beute gemacht, und die Patrouille verschwand wieder in der endlosen Steppe. So wurden damals Gewehre, Munition und Kriegsbedarf aller Art erbeutet.
Eine dieser Patrouillen hatte am Erokberge beobachtet, daß der Feind seine Reittiere zur bestimmten Zeit zur Tränke trieb. Schnell machten sich zehn unserer Reiter auf und lagerten nach zweitägigem Ritt durch die Steppe in der Nähe des Feindes. Sechs Mann kehrten mit den Pferden zurück, die vier anderen nahmen jeder einen Sattel und schlichen sich auf wenige Schritte durch die feindlichen Posten bis in die Nähe der hinter dem Lager gelegenen Tränke. Ein englischer Soldat trieb die Herde, als ihm plötzlich zwei unserer Patrouillenreiter mit fertig gemachtem Gewehr und dem Zuruf: „Hands up!“ aus dem Busch gegenübertraten. Vor Erstaunen fiel ihm die Tonpfeife aus dem Munde. Sofort wurde an ihn die Frage gerichtet: „Wo sind die fehlenden vier Pferde?“ Unser gewissenhafter Patrouillenmann hatte nämlich beobachtet, daß die Herde nur aus 57 Stück bestand, während er gestern 61 gezählt hatte! Diese vier waren schonungsbedürftig und im Lager zurückgelassen worden. Schnell wurden das leitende Pferd der Herde und noch einige andere gesattelt, ausgesessen, und im Galopp ging es herum um das feindliche Lager, den deutschen Linien zu. Auch in dem gefangenen Engländer, der ohne Sattel, auf dem blanken Rückgrat des Pferdes diese „Safari“ nicht gerade bequem mitmachen mußte, regte sich der angeborene Sportsinn seiner Nation. Humorvoll rief er aus: „Ich möchte jetzt wirklich das Gesicht sehen, welches mein Captain macht“, und als die Tiere glücklich im deutschen Lager angekommen waren: „It was a damned good piece of work“ (Es war eine verteufelt gute Leistung).
Die so gemachte Beute, durch eine Anzahl auch sonst aufgetriebener Pferde und Maultiere verstärkt, gestattete die Aufstellung einer zweiten berittenen Kompagnie. Die Zusammensetzung der nunmehr vorhandenen zwei berittenen Kompagnien, aus Europäern und Askari gemischt, hat sich bewährt. Sie gab uns das geeignete Material, um die weiten, nördlich des Kilimandjaro belegenen Steppengebiete mit starken mehrtägigen Patrouillen abzustreifen, auch bis zur Ugandabahn und zur Magadbahn vorzudringen, Brücken zu zerstören, Bahnpostierungen zu überfallen, Minen am Bahnkörper anzubringen und überraschende Unternehmungen aller Art auf den Landverbindungslinien zwischen der Bahn und den feindlichen Lagern auszuführen. Auch für uns ging es dabei nicht ohne Verluste ab. Eine Patrouille hatte in der Nähe der Magadbahn einen glänzenden Feuerüberfall gegen zwei Inderkompagnien ausgeführt, dann aber ihre Reittiere, die im Versteck zurückgelassen worden waren, durch das feindliche Feuer verloren; den weiten, viertägigen Rückweg durch die Steppe mußte sie zu Fuß und ohne Verpflegung zurücklegen. Glücklicherweise fand sie in einem Massaikral Milch und etwas Vieh, später rettete sie dann ein erlegter Elefant vor dem Verhungern. Aber mit den Erfolgen regte sich auch die Unternehmungslust, und die Bitten, möglichst bald eine Patrouille gehen oder reiten zu dürfen, wurden zahlreich.
Einen anderen Charakter hatten die Patrouillen, die aus dem Kilimandjarogebiet mehr in östlicher Richtung vorgingen. Sie mußten sich zu Fuß tagelang durch dichten Busch hindurcharbeiten. Die Bahnzerstörungspatrouillen waren meist schwach: ein oder zwei Europäer, 2 bis 4 Askari, 5 bis 7 Träger. Sie mußten sich durch die feindlichen Sicherungen hindurchschleichen und wurden vielfach von eingeborenen Spähern verraten. Trotzdem erreichten sie ihr Ziel meist und waren manchmal über zwei Wochen unterwegs. Für so wenige Leute war ein geschossenes Stück Wild oder eine geringe Beute dann ein erheblicher Verpflegungsrückhalt. Trotzdem waren die Strapazen und der Durst in der brennenden Hitze so groß, daß mehrfach Leute verdurstet sind; auch Europäer haben Urin getrunken. Schlimm stand es, sobald einer krank oder verwundet war; es war dann oft trotz besten Willens nicht möglich, ihn zu transportieren. Das Tragen eines Schwerverwundeten von der Ugandabahn durch die ganze Steppe bis zu den deutschen Lagern, wie es vorgekommen ist, bedeutete daher eine ganz gewaltige Leistung. Das sahen auch die Farbigen ein, und es sind Fälle vorgekommen, wo ein verwundeter Askari im vollen Bewußtsein dessen, daß er rettungslos verloren und den zahlreich vorhandenen Löwen preisgegeben war, nicht klagte, wenn er verwundet im Busch liegengelassen werden mußte, sondern von sich aus Gewehr und Patronen den Kameraden mitgab, um wenigstens diese nicht verlorengehen zu lassen.
Mehr und mehr vervollkommnete sich dieses Patrouillenwesen. Die Vertrautheit mit der Steppe wuchs, und neben der Spreng- und Schleichpatrouille entwickelten sich die Kampfpatrouillen. Diese, 20 bis 30 Askari oder stärker, manchmal mit ein bis zwei Maschinengewehren ausgerüstet, zogen auf den Feind los und suchten ihm im Kampfe Verluste beizubringen. Im dichten Busch kam es hierbei zu so nahen und überraschenden Zusammenstößen, daß unsere Askari manchmal buchstäblich über den liegenden Feind hinweggesprungen und so von neuem in dessen Rücken gelangt sind. Der Einfluß dieser Unternehmungen auf die Selbständigkeit und den Tatendrang war bei Europäern und Farbigen so groß, daß sich schwer eine Truppe mit einem besseren soldatischen Geist finden dürfte. Freilich, manche Nachteile ließen sich nicht ausgleichen. Insbesondere konnten wir bei unserer Knappheit an Patronen keine so hohen Grade der Schießausbildung erreichen, um den Feind, wo wir ihn in ungünstige Lage gebracht hatten, wirklich aufzureiben.
Auch unsere Technik lag nicht müßig. Geschickte Feuerwerker und Waffenmeister konstruierten unausgesetzt im Verein mit den Ingenieuren der Fabriken geeignete Apparate für die Bahnsprengungen. Manche dieser Apparate zündeten, je nachdem sie eingestellt wurden, entweder sofort oder nachdem eine bestimmte Anzahl Achsen darüber gefahren war. Mit der zweitgenannten Einrichtung hofften wir die Lokomotiven zu zerstören, da die Engländer als Schutzmaßregel ein oder zwei mit Sand beladene Wagen vor den Maschinen laufen ließen. Als Sprengmaterial war Dynamit auf den Pflanzungen reichlich vorhanden, sehr viel wirksamer aber waren die bei Tanga erbeuteten Sprengpatronen.
Im April 1915 traf überraschend die Nachricht von der Ankunft eines Hilfsschiffes ein. Dieses wurde bei seiner Einfahrt in die Mansabucht nördlich Tanga von einem englischen Kreuzer gejagt, beschossen, und der Führer mußte es auf Strand setzen. Wenn es auch in den folgenden Wochen gelang, die für uns so wertvolle Ladung fast vollzählig zu bergen, so stellte sich leider heraus, daß die Patronen durch das Seewasser stark angegriffen waren. Pulver und Zündhütchen zersetzten sich mehr und mehr, und damit wuchs die Anzahl der Versager. Es blieb nichts anderes übrig, als die gesamte Munition auseinanderzunehmen, das Pulver zu reinigen und zum Teil neue Zündhütchen einzusetzen. Solche fanden sich, wenn auch von anderer Konstruktion, glücklicherweise im Schutzgebiet vor; aber monatelang waren in Moschi alle auftreibbaren Askari und Träger von morgens bis abends mit der Herstellung der Munition beschäftigt. Die von früher vorhandenen unbeschädigten Patronen wurden ausschließlich für die Maschinengewehre zurückbehalten, von der bearbeiteten Munition wurden diejenigen Patronen, die etwa 20% Versager hatten, für Gefechtszwecke, die mit höheren Versagerprozenten für Übungszwecke verwandt.
Die Ankunft des Hilfsschiffes rief eine gewaltige Begeisterung hervor, zeigte sie doch, daß tatsächlich noch eine Verbindung zwischen uns und der Heimat bestand. Alle lauschten gespannt den Erzählungen des Führers, Leutnant zur See Christiansen, als dieser nach Herstellung von seiner Verwundung bei mir in Neumoschi eintraf. Die gewaltigen Kämpfe in der Heimat, der Geist der Opferfreudigkeit, die unbegrenzte Unternehmungslust, von denen die Kriegshandlungen der deutschen Truppen getragen waren, fanden auch in unseren Herzen ein Echo. Viele von denen, die den Kopf hatten hängen lassen, richteten sich auf; hörten sie doch, daß das unerreichbar Scheinende geleistet werden kann, wenn ein entschlossener Wille dahinter steht.
Ein anderes Mittel, auf den Geist der Truppe zu wirken, war die Handhabung von Beförderungen. Allgemein konnten diese nur zum Unteroffizier und innerhalb der Unteroffizier-Dienstgrade ausgesprochen werden, während eine Beförderung zum Offizier, die in vielen Fällen ja wohlverdient gewesen wäre, meine Zuständigkeit überschritten hätte. Es wurde in den einzelnen Fällen sehr scharf abgewogen, ob auch eine wirkliche Leistung vorlag. So wurden unverdiente Beförderungen vermieden, die den Geist der Truppe verderben. Im großen und ganzen waren wir aber darauf angewiesen, die Pflege der moralischen Faktoren weniger durch Belohnungen als in anderer Richtung zu suchen. Kriegsorden kannten wir in natura so gut wie gar nicht. Nicht den persönlichen Ehrgeiz des einzelnen, sondern ein von Vaterlandsliebe diktiertes echtes Pflichtgefühl und eine mit der Zeit sich immer mehr verstärkende Kameradschaft mußten wir anrufen und rege halten. Vielleicht hat gerade der Umstand, daß dieser dauerhafte und reine Ansporn zum Handeln nicht durch andere Motive getrübt wurde, Europäern und Askari die Zähigkeit und Schwungkraft verliehen, welche die Schutztruppe bis zum Schluß ausgezeichnet haben.
Die Engländer waren am Kilimandjaro nicht untätig. Vom Oldoroboberge, der 12 km östlich Taveta von einem deutschen Offiziersposten besetzt war, wurde am 29. 3. morgens ein Angriff durch zwei indische Kompagnien telephonisch gemeldet. Hauptmann Koehl und der österreichische Oberleutnant Frh. v. Unterrichter setzten sich von Taveta aus sofort in Marsch und griffen die beiden Kompagnien, die sich an den steilen Abhängen des Oldorobo festgebissen hatten, von beiden Seiten so scharf an, daß der fliehende Feind etwa 20 Mann liegen ließ, 1 Maschinengewehr und 70000 Patronen in unsere Hände fielen. Andere feindliche Unternehmungen führten am Tsavo entlang zum Nordost-Kilimandjaro; sie stützten sich auf das am Tsavo gelegene Msimalager, das stark befestigt und von mehreren Kompagnien besetzt war. Die am Nord-Ost-Kilimandjaro sich abspielenden Patrouillengefechte verliefen für uns durchweg günstig; auch die jungen Askari der 60 Mann starken Abteilung Rombo, die ihren Namen von einer am Ost-Kilimandjaro gelegenen Mission hatte, vertrauten ihrem Führer, dem über 60 Jahre alten Oberstleutnant von Bock, unbegrenzt. Ich erinnere mich, daß ein Verwundeter, der von ihm nach Neumoschi kam und mir eine Meldung machte, es ablehnte, sich ärztlich behandeln zu lassen, um keine Zeit zur Rückkehr zu seinem Führer zu verlieren. In mehreren Gefechten, manchmal gegen 2 feindliche Kompagnien, warfen diese jungen Leute den Feind zurück, und es ist bezeichnend, daß sich bei den Engländern die Sage um diese Kämpfe wob. Der britische Oberbefehlshaber beklagte sich brieflich bei mir, daß eine deutsche Frau an diesen Kämpfen teilnehme und Unmenschlichkeiten verübe, eine Vorstellung, die natürlich jeder Begründung entbehrte und mir lediglich zeigte, auf welchem Standpunkt der Nervosität man an feindlicher maßgebender Stelle angelangt war.
Trotz der großen Beute von Tanga war es klar, daß bei der voraussichtlich langen Dauer des Krieges die Vorräte unserer Kolonie sich aufbrauchen mußten. Die Farbigen in Neumoschi fingen auf einmal an, seidene Stoffe zu tragen: das war keineswegs ein Zeichen besonderen Luxus, sondern die Bestände der Inderläden an Baumwollkleidung gingen zu Ende. Wir mußten mit Ernst daran denken, selbst Neues zu schaffen, um das zahlreich vorhandene Rohmaterial zum Fertigfabrikat zu gestalten. Es hat sich nun ein eigenartiges, an die Schaffenskraft eines Robinson erinnerndes Leben entwickelt. Baumwollfelder gab es reichlich. Populäre Bücher wurden hervorgeholt, die über die vergessene Kunst der Handspinnerei und -weberei Auskunft gaben; von weißen und schwarzen Frauen wurde mit der Hand gesponnen; auf den Missionen und bei privaten Handwerkern wurden Spinnräder und Webstühle gebaut. Bald entstand so der erste brauchbare Baumwollstoff. Die von den verschiedenen Färbemitteln als besonders zweckmäßig ausprobierte Wurzel eines Baumes, Ndaa genannt, gab diesem Stoff eine braun-grünliche Farbe, die sich weder im Gras noch im Busch abhob und für die Uniform besonders zweckmäßig war. Der von den Pflanzern gewonnene Gummi wurde mit Schwefel vulkanisiert, und es gelang, eine brauchbare Bereifung für Automobile und Fahrräder herzustellen. Bei Morogoro war es einigen Pflanzern gelungen, aus Kokos ein dem Benzol ähnliches Antriebmittel, Trebol genannt, für die Motore der Automobile herzustellen. Wie in früheren Zeiten wurden Kerzen aus Unschlitt und Wachs im Haushalt und bei den Truppen angefertigt und Seife gekocht. Auch die zahlreichen in den Nordgebieten und längs der Tanganjika-Bahn gelegenen Fabriken der Pflanzungen wurden für Zwecke des Lebensunterhaltes umgestellt.
Besonders wichtig war die Herstellung von Schuhwerk. Rohmaterial lieferten die zahlreichen Vieh- und Wildhäute, Gerbstoff die Mangroven der Küste. Schon im Frieden hatten die Missionen gute Stiefel hergestellt; ihre Tätigkeit wurde jetzt weiter ausgebaut und auch die Truppe richtete größere Gerbereien und Werkstätten ein. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis die Behörden den dringenden, unvermeidlichen Wünschen der Truppe in ausreichendem Maße nachkamen und insbesondere die für das Sohlenleder erforderlichen Büffelfelle zur Verfügung stellten. Der alte historische Kampf um die Kuhhaut ist so auch unter ostafrikanischen Verhältnissen mutatis mutandis wieder aufgelebt. Die ersten Stiefel, die in größerer Menge hergestellt wurden, entstanden bei Tanga. Wenn sie anfänglich in ihrer Form auch verbesserungsbedürftig waren, so schützten sie doch die Füße unserer weißen und schwarzen Soldaten bei ihren Märschen und Patrouillengängen in dem Dorngestrüpp des Pori. Bohren sich doch die zu Boden gefallenen Dornen beim Gehen immer wieder in den Fuß hinein. Alle die kleinen Anfänge, die in der Herstellung von Verpflegung auf den Pflanzungen schon im Frieden bestanden, wurden durch den Krieg und die Notwendigkeit, große Massen zu verpflegen, zu umfangreicherer Tätigkeit angespornt. Auf mehreren Farmen des Kilimandjaro wurden Butter und vortrefflicher Käse in großer Menge verfertigt, und die Schlachtbetriebe in der Gegend von Wilhelmstal konnten den Anforderungen an Wurst und sonstigen Räucherwaren kaum genügen.
Es war vorauszusehen, daß das für die Erhaltung der Gesundheit der Europäer so wichtige Chinin sich bald erschöpfen und sein Bedarf durch Beute allein nicht gedeckt werden würde. So war es von großer Bedeutung, daß es gelang, im Biologischen Institut Amani in Usambara aus der im Norden gewonnenen Chinarinde gute Chinintabletten herzustellen.
Der für den Verkehr von Ochsenwagen und Automobilen so wichtige Wegebau zwang zur Anlage stehender Brücken. Ingenieur Rentell, zur Truppe eingezogen, baute westlich Neumoschi über den reißenden Kikafustrom aus Stein und Beton eine Bogenbrücke mit mächtigem Pfeiler. Den Wassermassen hatte in den Regenperioden, also besonders im April, in dem wohl 20 m tiefen, steilen Bett keine Holzbrücke standgehalten.
Diese Beispiele mögen genügen, um zu zeigen, wie befruchtend der Krieg und seine Forderungen auf das gesamte wirtschaftliche Leben eingewirkt haben.
Auch an der Organisation der Truppe wurde eifrig weiter gearbeitet. Durch Abgabe der in den Schützenkompagnien zahlreich vorhandenen Europäer an die Askarikompagnien wurde deren Abgang an Europäern gedeckt; Askari wurden in die Schützenkompagnien eingestellt. So wurden Feld- und Schützenkompagnien in ihrem Bestande gleichartiger und im Laufe des Jahres 1915 einheitlich. In Muansa, Kigoma, Bismarckburg, Lindi, Langenburg und an anderen Orten hatten sich unter den verschiedensten Bezeichnungen kleinere Truppenverbände gebildet, von deren Bestehen das Kommando meist erst nach längerer Zeit Kenntnis erhielt. Auch diese Formationen wurden allmählich zu Kompagnien ausgebaut; so erhöhte sich im Laufe des Jahres 1915 nach und nach die Zahl der Feldkompagnien auf 30, der Schützenkompagnien auf 10, die anderer Verbände von Kompagniestärke auf etwa 20; im ganzen wurde so die Höchstzahl von 60 Kompagnien erreicht. Bei der begrenzten Zahl von geeigneten Europäern und zuverlässigen Askarichargen war es nicht angezeigt, die Zahl der Kompagnien noch weiter zu erhöhen; es wären dann nur Verbände ohne inneren Halt ins Leben getreten.
Verpflegung bringende Weiber
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GRÖSSERES BILD
Um trotzdem die Gesamtzahl der Streiter zu steigern, wurde der Etat der Kompagnien von 160 auf 200 Askari erhöht und den Kompagnien gestattet, über diesen Etat hinaus Askari einzustellen. Die Kompagnien bildeten ihre Rekruten zum Teil selbst aus. Die große Masse des Nachschubs an Askari kam aber aus den in den bevölkerten Gebieten von Tabora, Muansa und an der Nordbahn eingerichteten Rekrutendepots, die zugleich die lokale Sicherung und Ordnung aufrechterhielten. Bei der großen Zahl der neu aufgestellten Kompagnien war es für die Rekrutendepots aber nicht möglich, so viel Nachschub zu liefern, daß bei den Kompagnien durchweg der Etat von 200 Mann erreicht wurde. Die erreichte Höchstzahl der Truppe betrug Ende 1915 2998 Europäer und 11300 Askari, einschließlich Marinepersonal, Verwaltungsbehörden, Lazarette und Feldpost.
Wie notwendig alle diese kriegerischen Vorbereitungen waren, bewies die Ende Juni 1915 eintreffende Nachricht, daß aus Südafrika der General Botha mit 15000 Buren auf dem Kriegsschauplatz in Ostafrika eintreffen würde. Dieser Nachricht mußte von Anfang an große Wahrscheinlichkeit zugesprochen werden. Die lückenhaften Funksprüche und die wenigen Mitteilungen über die Vorgänge in der Außenwelt hatten erkennen lassen, daß die Verhältnisse in Südwest-Afrika für uns ungünstig standen, und daß die dort verwandten britischen Truppen wahrscheinlich in nächster Zeit anderweitig verfügbar werden würden.
Achter Abschnitt
In Erwartung der großen Offensive. Energische Ausnutzung der noch zur Verfügung stehenden Zeit
Zunächst allerdings schien sich dieses erwartete Eingreifen der Südafrikaner nicht zu bestätigen; offenbar versuchte der Engländer uns ohne deren Mithilfe mit eigenen Kräften niederzuringen. Im Juli 1915 griff er die Kolonie an verschiedenen Stellen an. Östlich des Viktoriasees erschienen große von Engländern organisierte und geführte Masaibanden, angeblich viele Tausende, die in die viehreichen Gebiete der deutschen Wassukuma, östlich des Viktoriasees, einfielen. Im Punkte des Viehraubes verstanden die Wassukuma aber keinen Spaß, sondern leisteten unseren schwachen Posten jede Hilfe, schlugen die Massai, nahmen ihnen das geraubte Vieh wieder fort, und zum Zeichen, daß sie „wahr gesprochen“ hatten, legten sie 96 abgeschnittene Masaiköpfe vor unserer Polizeistation nieder.
Gegen den Hauptteil der Truppe im Kilimandjarogebiet ging der Feind mit erheblichen Kräften vor. Um einerseits eine wirksame Sicherung der Usambarabahn und ihrer reichen Pflanzungsgebiete durchzuführen und andererseits den Weg der Patrouillen zur Ugandabahn abzukürzen, war von Taveta aus eine Abteilung von 3 Kompagnien, bis Mbujuni, einen starken Tagesmarsch östlich Taveta, vorgeschoben worden. Einen weiteren Tagesmarsch östlich lag das gut besetzte und befestigte englische Lager Makatau, an der Hauptstraße, die von Moschi über Taveta, Mbujuni, Makatau, Bura nach Voi an der Ugandabahn führt. Dunkle Gerüchte hatten vermuten lassen, daß von Voi her eine neue größere Unternehmung in Richtung auf den Kilimandjaro zu erwarten stand.
Am 14. Juli erschien eine feindliche Brigade unter General Malleson in der im allgemeinen lichten Dornbuschsteppe von Makatau. Das Feuer einer Feldbatterie, das sich gegen die Schützengräben unserer Askari richtete, war ziemlich wirkungslos, aber die feindliche Überlegenheit von 7 : 1 war doch so erheblich, daß unsere Lage kritisch wurde. Feindliche berittene Europäer umfaßten den linken Flügel der Unsrigen, und es ist das Verdienst des leider später gefallenen Oberleutnant d. Ldw. Steinhäuser, daß er mit der braven, aus den Gefechten in der Gegend des Longido bewährten 10. Feldkompagnie nicht wich, obgleich die Unsrigen seitwärts der Kompagnie zurückgingen. Gerade im kritischen Moment kam die Patrouille des gleichfalls später gefallenen Oberleutnants von Lewinsky, die auf den Gefechtslärm sogleich losmarschiert war, der gefährlichen feindlichen Umfassung in den Rücken und lähmte sie völlig. Die englischen Truppen, mit Europäern und Indern durchsetzte Askari, waren sehr brav in dem wenig Deckung bietenden Gelände gegen unsere Front vorgegangen. Das Scheitern der englischen Umfassung aber besiegelte ihre Niederlage. Auf dem Bahnhof in Moschi wurde ich von dem Fortgang des Gefechtes telephonisch genau unterrichtet und habe so aus der Entfernung alle Spannungen von dem zunächst ungünstigen Stande bis zum vollen Erfolge miterlebt.
Dieser und die erhebliche Beute steigerten die Unternehmungslust unserer Europäer und Askari von neuem. Gestützt auf die bisherigen Erfahrungen und die erlangte Gewandtheit folgte jetzt recht eigentlich die Zeit unausgesetzter Kampf- und Sprengpatrouillen. Ich glaube in der Zahl nicht zu hoch zu greifen, wenn ich annehme, daß mindestens 20 englische Eisenbahnzüge zerstört oder wenigstens erheblich beschädigt worden sind.
Aufgefundene Photographien und eigene Beobachtungen bestätigten die Vermutung, daß tatsächlich eine Bahn von Voi nach Makatau gebaut wurde, welche wegen ihrer guten Erreichbarkeit und ihrer Bedeutung ein wundervolles Objekt für unsere Patrouillen bot. Der Bau dieser Kriegsbahn bewies, daß ein Angriff mit großen Truppen, und zwar an dieser Stelle des Gebietes des Kilimandjaro, vorbereitet wurde. Das erwartete Eingreifen der Südafrikaner stand also bevor. Es galt, den Feind in dieser seiner Absicht zu bestärken, damit die Südafrikaner auch wirklich, und zwar in recht großer Zahl, kamen und von anderen, wichtigeren Kriegsschauplätzen ferngehalten wurden. Mit äußerster Anstrengung wurden deshalb die Unternehmungen gegen die Ugandabahn, die nach Lage der Verhältnisse auch jetzt noch im wesentlichen nur in Patrouillenunternehmungen, nur ausnahmsweise in Vorstößen ganzer Kompagnien bestehen konnten, betrieben.
Die nähere Bekanntschaft mit dem Steppengebiet zwischen Ugandabahn und deutsch-englischer Grenze hatte ergeben, daß von den verschiedenen aus der Ebene schroff aufsteigenden Gebirgsstöcken das Massiv des Kasigao wasserreich und leidlich besiedelt war. Bei der Entfernung von nur 20 bis 30 km von der Ugandabahn mußte der Kasigao einen günstig gelegenen Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bilden. Schon die Patrouille des Oberleutnants Freiherrn Grote hatte einen Handstreich gegen das auf halber Höhe des Berges gelegene kleine englisch-indische Lager ausgeführt. Die Schützen der Patrouille Grote hatten das von einer Steinmauer umgebene Lager umstellt und schossen von dem überhöhenden Teil des Berges wirkungsvoll in das Lager hinein. Sehr bald zeigte der Feind die weiße Flagge, und ein englischer Offizier und einige 30 Inder ergaben sich. Einem Teil des Feindes war es gelungen, auf den Berg zu entkommen und unsere Patrouillen beim Abrücken zu beschießen. Hierbei traten für uns die einzigen Verluste ein, in einigen Verwundeten bestehend, unter ihnen ein deutscher Sanitätsunteroffizier. Auch durch das Feuer eines 6 cm-Geschützes war die feindliche Postierung am Kasigao gelegentlich überrascht worden.
Gegen Ende des Jahres 1915 wurde der Feind am Kasigao, der sein Lager inzwischen verlegt hatte, erneut angegriffen. Eine deutsche Kampfpatrouille hatte unter Oberleutnant von Ruckteschell die Nacht durch in 9 Stunden den steilen Berg erstiegen und war ziemlich erschöpft in der Nähe der feindlichen Verschanzung angelangt. Eine zweite, mit der Patrouille Ruckteschell gemeinsam handelnde Patrouille unter Oberleutnant Freiherrn Grote war infolge von Erkrankung und Erschöpfung dieses Offiziers etwas zurückgeblieben. Oberleutnant von Ruckteschell schickte eine zuverlässige alte farbige Charge zum Feinde und ließ ihn zur Übergabe auffordern. Er beobachtete, daß unser Askari beim Feinde sehr herzlich bewillkommnet wurde; er hatte dort unter den englischen Askari eine Anzahl guter Bekannter getroffen. Der Feind lehnte aber trotz aller Freundlichkeit die Übergabe ab. Für uns war die Lage infolge großer Erschöpfung und Mangels an Verpflegung kritisch. Wenn überhaupt etwas unternommen werden sollte, mußte sofort gehandelt werden. Glücklicherweise hielt der Feind in seinen Verschanzungen unserem Maschinengewehrfeuer und dem unmittelbar darauf ansetzenden Ansturm nicht stand, er wurde aufgerieben und ein großer Teil seiner fliehenden Leute zerschellte beim Herabstürzen von den steilen Felsen. Bei der Beute befand sich außer reichlicher Verpflegung auch Bekleidung und wertvolles Zeltgerät. Das Zusammengehörigkeitsgefühl, das unsere Askari uns Deutschen gegenüber empfanden und das durch die zahlreichen gemeinsamen Unternehmungen mächtig entwickelt wurde, führte bei dieser Gelegenheit zu einer eigenartigen Szene. Nach der nächtlichen Ersteigung des Kasigao, die über Felsklippen und Dorngestrüpp ging, bemerkte ein Askari, daß Oberleutnant v. Ruckteschell sich das Gesicht blutig gerissen hatte. Sogleich nahm er seinen Strumpf, den er wohl 6 Tage nicht gewechselt hatte, und wischte damit seinem „Bwana Oberleutnant“ das Gesicht ab. Dessen etwas erstaunter Frage kam er mit den Worten zuvor: „Das ist Kriegssitte, so etwas tut man nur seinen Freunden.“
Ich hatte mich, um mich selbst über die Verhältnisse an Ort und Stelle zu orientieren und die Unternehmungen gegen den Kasigao zu beschleunigen, mit der Bahn nach Same, von dort im Auto nach der Mission Gonja und dann mit dem Fahrrad oder zu Fuß in Richtung auf den Kasigao an die deutsche Grenze begeben, wo eine Kompagnie an einer Wasserstelle lagerte. Die Verbindung durch Heliograph und durch Boten von dort zum Kasigao funktionierte leidlich, und so konnte der am Kasigao errungene Vorteil festgehalten werden. Es wurden sofort Truppen nachgeschoben, so daß der Kasigao bis zum Eintreffen der Südafrikaner durch mehrere Kompagnien besetzt blieb. Der Nachschub dorthin gestaltete sich allerdings recht schwierig; das deutsche Grenzgebiet westlich des Kasigao war an sich zwar reich, konnte aber doch der Verpflegung einer so großen Truppenmasse, deren Kopfstärke mit Trägern etwa 1000 Mann betrug, auf die Dauer nicht genügen.
Ich fuhr dann mit dem Auto um die Süd-Pareberge herum auf einer seinerzeit im Frieden angelegten Kunststraße. Der Bau dieser Straße war mit Rücksicht auf die Kosten liegen gelassen worden, und die Haufen Kleinschlag lagen seit Jahren unbenutzt an der Seite des Weges. Die Wasserdurchlässe — in Röhren unter der Oberfläche der Straße bestehend — waren zum großen Teil gut brauchbar. Es bedurfte geringer Arbeit, um diese Straße für den Nachschub vermittels eines Lastautos in Stand zu setzen. Von der Nordbahn bei Buiko ging dieser mit Auto bis Gonja und von dort weiter zum Kasigao mit Trägern. Die Telephonleitung bis zur Grenze war bereits im Bau und wurde nach wenigen Tagen fertiggestellt.
Vom Kasigao aus vorgehende Patrouillen hatten dann mehrfache Zusammenstöße mit feindlichen Abteilungen und führten auch Störungen der Ugandabahn durch. Bei dem wild zerklüfteten und mit Dornbusch dicht bewachsenen Gelände waren indes die Bewegungsschwierigkeiten so groß, daß der Kasigao als Rückhalt für Patrouillenunternehmungen bis zum Eintreffen der Südafrikaner nicht voll zur Geltung gekommen war. Aber durch die stete Bedrohung der Bahn war der Feind wenigstens zu umfassenden Sicherungsmaßnahmen veranlaßt worden. Längs der Bahn waren breite Schutzstreifen freigeschlagen und nach außen durch dichte Dornverhaue abgesperrt worden. Dann waren alle paar Kilometer feste, mit Hindernissen versehene Blockhäuser oder Verschanzungen angelegt, von denen aus Wachen ständig den Bahnkörper absuchen mußten. Bereitschaften von Kompagniestärke und mehr wurden beweglich gehalten, um sofort, wenn von einer Stelle die Gefährdung des Bahnkörpers gemeldet wurde, mit Extrazug zum Schutz heranzufahren. Außerdem waren Sicherungsabteilungen nach uns zu vorgeschoben, von denen aus versucht wurde, unsere Patrouillen bei der Rückkehr von der Bahn abzuschneiden, sobald Späher oder auf den Höhen aufgestellte Beobachtungsposten Meldung erstatteten. Auf den Höhen südöstlich des Kasigao bis zur Küste hin und weiter in dem Ansiedlungsgebiet der Küste wurden gleichfalls englische Lager festgestellt. Auch gegen sie richteten sich die Unternehmungen unserer Patrouillen und Streifabteilungen. Immer wieder wurde versucht, den Feind zu schädigen, zu Schutzmaßregeln zu veranlassen und auf diese Weise seine Kräfte hier im Gebiet der Ugandabahn zu fesseln.
Waren so von der Küste aus bis Mbujuni (an der Straße Taveta-Voi) Stützpunkte für unsere Kampfpatrouillen geschaffen worden, so wurde auch weiter nördlich im gleichen Sinne gearbeitet. Das feindliche Lager bei Mzima, am oberen Tsavoflusse, und dessen am Tsavofluß entlangführende rückwärtige Verbindung waren andauernd Objekte für unsere Unternehmungen, auch mit größeren Abteilungen. Hauptmann Augar war bei einer solchen Unternehmung mit seiner 13. Kompagnie südwestlich des Mzima-Lagers im dichten Busch durch drei feindliche Europäer-Kompagnien des neu eingetroffenen 2. Rhodesischen Regiments überrascht worden. Der Feind kam von verschiedenen Seiten, doch fehlte ihm, im Buschkrieg noch wenig bewandert, die nötige Einheitlichkeit im Handeln. So glückte es unserer Askari-Kompagnie, erst einen Teil des Feindes zu werfen und dann schnell entschlossen auch den anderen Teil zu schlagen, der im Rücken erschienen war.
Auch weiter nördlich spielten sich für uns günstige Buschgefechte ab, in denen wir in Kompagniestärke auftraten und dem Feinde, der häufig überlegen war, empfindliche Verluste beibrachten. Nördlich des Engare Len hat besonders die aus Lindi herangezogene 3. Feldkompagnie recht energisch gearbeitet und ihre Kampfpatrouillen bis zur Ugandabahn vorgetrieben. Schon der Umstand, daß wir jetzt mitten in der verpflegungslosen und vielfach wasserarmen Steppe Streifzüge in Stärke von Kompagnien und mehr ausführen konnten, zeigt, daß die Truppe in dieser Art des Kleinkrieges gewaltige Fortschritte gemacht hatte. Der Europäer hatte gelernt, daß vieles, was für Reisen in tropischen Gebieten recht erwünscht ist, im Kriege auf Patrouillengängen eben fortfallen muß und daß man sich zur Not auch eine Weile mit einer einzigen Traglast behelfen kann.
Die Patrouillen mußten den verräterischen Lagerrauch vermeiden und nach Möglichkeit schon fertiges Essen mitnehmen. Mußte aber abgekocht werden, so war dies in den Morgen- und Abendstunden besonders gefährlich. Der Führer mußte sich dann ein dem Einblick entzogenes Versteck aussuchen und auf alle Fälle nach dem Abkochen den Lagerplatz wechseln, ehe er zur Ruhe überging. Ein voller hygienischer Schutz war bei den Strapazen einer Patrouille nicht möglich. Regelmäßig traten daher nach der Rückkehr eine Anzahl Malariafälle bei den Teilnehmern auf. Da aber der Patrouillendienst trotz ständiger Schädigung des Feindes verhältnismäßig wenig Leute erforderte, brauchte nur ein Teil der Kompagnien in vorderer Linie zu sein. Nach einigen Wochen wurde jede Kompagnie in gesund gelegene Ruhelager zurückgezogen. Europäer und Askari konnten sich von den enormen Strapazen erholen und in Ausbildung und Mannszucht befestigt werden.
Gegen Ende des Jahres 1915 war die Wasserarmut im Lager von Mbujuni so groß und der Verpflegungsnachschub so schwierig geworden, daß nur eine Postierung dort belassen, die Abteilung selbst aber weiter nach Westen in die Gegend des Oldoroboberges zurückgezogen wurde. Das feindliche Lager von Makatau wuchs inzwischen immer mehr an. Ein lebhafter Zugverkehr herrschte dorthin, und man sah deutlich, wie für die Weiterführung des Bahnbaues eine große Schneise in westlicher Richtung geschlagen wurde. Zwar hatten unsere Kampfpatrouillen hier häufig Gelegenheit, dem Feinde bei seinen Arbeiten und bei der Sicherung derselben Verluste beizufügen, aber der Bahnbau schritt doch immer weiter nach Westen vorwärts.
Die Möglichkeit war zu erwägen, daß das Gebiet der Nordbahn bald in die Hände des Feindes fallen könnte. Es mußte also Vorsorge getroffen werden, die Truppenbestände der Nordbahnbezirke rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Das hatte, soweit Schienenwege zur Verfügung standen, keine Schwierigkeit. Der Weitertransport über Land aber erforderte große Vorbereitungen. In Neumoschi und in Mombo lagerten zum großen Teil unsere Bestände an Munition, Bekleidung und Sanitätsmaterial. Es war vorauszusehen, daß die Fabrikanlagen oder Teile derselben über Land nicht würden abtransportiert werden können; sie mußten deshalb so lange wie möglich an Ort und Stelle ausgenutzt und in Betrieb gehalten werden. Den feindlichen Angriff im Norden vorausgesetzt, ergab sich die Richtung unseres Abtransportes im allgemeinen in südlicher Richtung, und nicht nur die Vorbereitungen, sondern auch die Transporte selber mußten ohne Zeitversäumnis, also schon im August 1915, begonnen werden.
In umsichtiger Weise beschaffte daher der Linienkommandant, Leutnant a. D. Kroeber, von den Pflanzungen Feldbahnmaterial und baute bei einer Tagesleistung von etwa 2 km von Mombo aus eine Feldbahnstrecke nach Handeni. Die Trollis wurden ebenfalls von Pflanzungen aufgekauft und nach reiflicher Überlegung dem Handbetrieb der Vorzug vor dem Lokomotivbetrieb gegeben. So gelangten die Bestände aus dem Norden vollzählig und rechtzeitig auf Schienen bis Handeni. Dort setzte, von der Benutzung einiger weniger Wagen abgesehen, in der Hauptsache Trägertransport bis Kimamba an der Zentralbahn ein. Zurückhaltung in den Transporten war jedoch geboten, weil ich trotz aller sichtbaren Vorbereitungen eines feindlichen Angriffs gegen das Kilimandjarogebiet doch mit der Möglichkeit rechnete, daß die Hauptkräfte des Feindes oder wenigstens erhebliche Teile desselben nicht am Kilimandjaro, sondern in der Gegend von Bagamojo-Daressalam eingesetzt werden würden.
Ende 1915 drängte nun der Feind mit seiner Eisenbahnhaubitze immer weiter nach Westen vor, ihm gegenüber verstärkte Major Kraut mit drei Kompagnien und zwei leichten Geschützen seine Stellung auf dem Oldoroboberge. Dieser Berg erhebt sich 12 km östlich Taveta an der Hauptstraße aus der flachen Dornsteppe und beherrscht das Gelände in weitem Umkreise. Seine teilweise in den Fels eingehauenen Verschanzungen mit zahlreichen Scheinanlagen hatten einen fast uneinnehmbaren Stützpunkt geschaffen. Der Nachteil der Stellung lag in dem absoluten Wassermangel. Ein zur Truppe eingezogener Pflanzer, Leutnant d. R. Graf Matuschka, hatte als Kundiger mit der Wünschelrute zwar bei Taveta in der Erschließung vortrefflicher Brunnen Erfolge gehabt, aber am Oldorobo wurde kein Wasser erschlossen, obgleich an den von ihm bezeichneten Stellen über 30 m tief gegraben wurde. Das Wasser mußte daher von Taveta her in kleinen Eselwagen zum Oldorobo gefahren werden und wurde dort in Fässern gesammelt. Dieser Wassertransport war eine außerordentliche Belastung unserer Transportmittel. Merkwürdigerweise kam der Feind nicht darauf, ihn zu stören und dadurch den Oldorobo für uns unhaltbar zu machen. Statt dessen schob er sich, gestützt auf seinen Bahnbau, bis auf 5 km von Osten her an den Berg heran und baute dort stark befestigte Lager. Es war nicht gelungen, ihn daran zu hindern, da wegen Wasser- und Transportschwierigkeiten stärkere Truppenmassen sich nur vorübergehend von Taveta entfernen konnten. Der Feind selbst deckte seinen Wasserbedarf vermittels einer langen Leitung, die von den Quellen der Buraberge ausging. Die Zerstörung des feindlichen Wasserreservoirs durch die Patrouillen des Leutnants d. R. v. Stietencron brachte dem Gegner nur vorübergehende Verlegenheit.
Um diese Zeit zeigten sich auch die ersten Landflugzeuge des Feindes und bewarfen unsere Stellungen am Oldorobo und bei Taveta, später auch Neumoschi selbst mit Bomben. Am 27. Januar 1916 wurde einer dieser Flieger, der vom Oldorobo zurückkehrte, mit Erfolg von unserer vorgeschobenen Infanterie beschossen und stürzte ab. Die Engländer hatten den Eingeborenen mitteilen lassen, daß dies Flugzeug ein neuer „Mungu“ (Gott) wäre; dadurch, daß dieser neue Mungu nun aber abgeschossen und von uns erbeutet wurde, trug er eher zur Hebung als zur Schädigung des deutschen Ansehens bei.
Neunter Abschnitt
Die Nebenkriegsschauplätze. Kleinkrieg zu Wasser und zu Lande bis zur Jahreswende 1915–16
Bei der Verwendung der Hauptkräfte der Truppe im Gebiete der Nordbahn durften die anderen Teile der Kolonie nicht gänzlich entblößt werden. Es war notwendig, im Innern des Landes unbedingt Herr über die Eingeborenen zu bleiben, um den gesteigerten Anforderungen der Trägergestellung, des Anbaues, der Lieferungen und der Arbeiten aller Art nötigenfalls Nachdruck geben zu können. So blieb die 12. Kompagnie in Mahenge und die 2. Kompagnie in Iringa. Beide haben neben ihren sonstigen Aufgaben zugleich als größere Rekrutendepots fungiert, welche zur Auffüllung der in der Front entstandenen Lücken dienten und gleichzeitig Neuaufstellungen ermöglichten.
Die weit entfernten und drahtlich nicht erreichbaren Abteilungsführer an den Grenzen waren richtigerweise bestrebt, dem Feinde zuvorzukommen und ihn auf seinem eigenen Gebiete anzugreifen. Bei dem Mangel an Verbindungen deutscherseits zerfielen diese Kämpfe in eine Reihe von Einzelunternehmungen, die von einander unabhängig waren. Anders beim Feinde; offensichtlich war dieser bestrebt, seine Hauptkampfhandlungen mit den an anderen Stellen der Grenze stattfindenden Nebenunternehmungen in Einklang zu bringen.
Im Oktober 1914, also vor den Gefechten von Tanga, meldete Kapitän Zimmer aus Kigoma, daß an der belgischen Grenze etwa 2000 Mann ständen; Hauptmann Braunschweig aus Muansa, daß am Viktoriasee bei Kisumu gleichfalls ein stärkerer Gegner, bei Kisii etwa 2 Kompagnien sowie weitere Truppen bei Karungu versammelt seien. Nach anderen, von einander unabhängigen Eingeborenenaussagen sind indische Truppen im Oktober in Mombasa gelandet und sodann weiter in Richtung Voi abtransportiert worden. Im Bezirke Bukoba drangen englische Truppen über den Kagera vor, und die Nebenstelle Umbulu meldete den Einmarsch feindlicher Truppen in das Ssonjogebiet. Offenbar waren dies Vorbereitungen für Unternehmungen, die im Einklang mit dem großen, Anfang November 1914 auf Tanga einsetzenden Angriff stehen sollten.
Bei der Unzulänglichkeit der Verkehrsmittel der Kolonie war es nicht möglich, gegen diese verschiedenen, längs der Grenze aufmarschierten feindlichen Abteilungen schnell unsere Hauptkräfte abwechselnd gegen die eine, dann gegen eine andere einzusetzen. Wir mußten daher an dem Hauptgedanken unserer Kriegführung festhalten, vom Gebiete der Nordbahn aus den dort gegenüberstehenden Feind kräftig anzufassen und auf diese Weise mittelbar auch die anderen Stellen, an denen Krieg geführt wurde, zu entlasten. Notgedrungen mußten aber diese Nebenstellen gelegentlich verstärkt werden.
So waren September 1914 von Iringa und Ubena aus die Hauptleute Falkenstein und Aumann mit Teilen der 2. Kompagnie in den Bezirk Langenburg gerückt. März 1915 wurde die 26. Feldkompagnie von Daressalam über Tabora nach Muansa geschoben. Im April 1915 veranlaßten die Truppenansammlungen des Feindes im Maradreieck (östlich des Viktoriasees) und bei Bismarckburg weitere zeitraubende Truppenverschiebungen aus Daressalam über Muansa zum Maradreieck, sowie über Kigoma nach Bismarckburg; letztere wurden auf dem Tanganjikasee durch den langsam fortschreitenden Bau des in Kigoma liegenden Dampfers „Goetzen“ noch besonders verzögert.
Zunächst richteten sich die feindlichen Angriffe hauptsächlich auf die Küste.
Unser kleiner Kreuzer „Königsberg“ war zu Anfang des Krieges aus dem Hafen von Daressalam ausgelaufen und hatte am 20. September 1914 bei Zanzibar den englischen Kreuzer „Pegasus“ überrascht und zusammengeschossen. Darauf waren mehrere große feindliche Kreuzer eingetroffen, die eifrig nach der „Königsberg“ suchten. Am 19. Oktober fuhr eine Pinaß bei Lindi zu dem im Lukuledifluß versteckten Dampfer „Präsident“ der Ostafrika-Linie. Die in Lindi aufgestellte Schutzgebietswehr und Ersatzkompagnie war unter Hauptmann Augar gerade zur Abwehr einer bei Mikindani vermuteten Landung abwesend, so daß gegen die Pinaß nichts unternommen werden konnte.
Erst am 29. Juli 1915 sprengten mehrere Walfischfänger, die den Lukuledi aufwärts fuhren, den dort liegenden Dampfer „Präsident“.
Unser kleiner Kreuzer „Königsberg“ hatte sich nach erfolgreichen Kreuzfahrten im Indischen Ozean in der Rufidjimündung versteckt. Sein Aufenthalt war aber dem Feinde bekannt geworden. Der Fluß bildet hier ein weit verzweigtes und sehr unübersichtliches Delta, dessen Inseln mit dichtestem Busch bewachsen sind. Die Ausgänge der einzelnen Wasserarme wurden von der Abteilung „Delta“, einer aus Marinemannschaften, eingezogenen Europäern und Askari gebildeten Schutztruppenabteilung von etwa 150 Gewehren, einigen leichten Geschützen und einigen Maschinengewehren unter dem Korvettenkapitän Schoenfeld verteidigt. Die vielfachen Versuche des Feindes, mit leichten Fahrzeugen in die Flußmündung hineinzufahren, wurden stets mit erheblichen Verlusten für ihn abgewiesen. Der „Adjutant“, ein kleiner Dampfer, den die Engländer als gute Prise genommen und armiert hatten, war ihnen bei dieser Gelegenheit wieder abgenommen worden und diente uns fortan als Hilfskriegsschiff auf dem Tanganjikasee. Auch einige englische Flugzeuge waren an der Rufidjimündung zu Schaden gekommen. Ein Sperrschiff, welches die Engländer in der nördlichsten der Rufidjimündungen versenkt hatten, hatte seinen Zweck, das Fahrwasser zu sperren, nicht erfüllt. Den mehrfachen Beschießungen mit Schiffsgeschützen, gegen die er an sich machtlos war, war Kapitän Schoenfeld durch geschickte Anlage seiner Stellungen und rechtzeitige Veränderung derselben begegnet. Anfang Juli 1915 hatten die Engländer zwei flachgehende, mit schweren Geschützen besetzte Kanonenboote zum Rufidji herangebracht. Am 6. Juli erfolgte der erste Angriff von 4 Kreuzern, 10 anderen armierten Schiffen, 2 Flußkanonenbooten. Die feindlichen Schiffe beschossen unter Fliegerbeobachtung die „Königsberg“, die im Fluß vor Anker lag. Der Angriff wurde abgeschlagen; aber bei seiner Wiederholung am 11. Juli hatte die „Königsberg“ schwer zu leiden. Die Bedienungsmannschaften der Geschütze wurden außer Gefecht gesetzt. Der schwer verwundete Kommandant ließ die Verschlüsse der Geschütze über Bord werfen und das Schiff sprengen. Der an sich schmerzliche Verlust der „Königsberg“ hatte wenigstens für den Kampf an Land das Gute, daß das gesamte Personal und das wertvolle Material nunmehr der Schutztruppe zur Verfügung standen.
Korvettenkapitän a. D. Schoenfeld, der an der Rufidjimündung an Land den Befehl hatte, machte sich dann sofort mit großer Umsicht daran, die über Bord geworfenen Geschützteile wieder heraufzuholen. Unter seiner Leitung wurden die 10 Geschütze der „Königsberg“ vollzählig geborgen und wieder feuerbereit gemacht; 5 fanden Aufstellung in Daressalam, je 2 in Tanga und Kogoma und 1 in Muansa. Für den Transport konnte Schoenfeld einige für schwere Lasten gebaute Fahrzeuge verwenden, die sich auf einer nahen Pflanzung vorfanden. Die Geschütze haben in ihren gegen Sicht gedeckten Stellungen an Land vortreffliche Dienste geleistet, und meines Wissens ist bei dieser Art der Verwendung trotz der zahlreichen Beschießungen durch feindliche Schiffe nicht ein einziges beschädigt worden.
Am 26. September 1915 wurde der Dampfer „Wami“ nachts aus dem Rufidji nach Daressalam gebracht.
Ende August kamen mehrere Boote mit Mannschaften vom Dampfer „Ziethen“ aus Mozambique in Lindi an, um in die Truppe einzutreten.
Auf Mafia landeten am 10. Januar 1915 etwa 300 Mann indischer und schwarzer Truppen mit Maschinengewehren. Unsere aus 3 Europäern, 15 Askari und 11 Rekruten bestehende Polizeitruppe leistete 6 Stunden tapferen Widerstand, ergab sich dann aber nach Verlust ihres schwer verwundeten Führers, des Leutnants d. Res. Schiller, der von einem Mangobaum aus ein wohlgezieltes Feuer auf den Feind unterhalten hatte. Die Engländer hielten Mafia durch einige hundert Mann besetzt und richteten auch auf den kleineren Inseln in der Umgebung Beobachtungsposten ein.
Anscheinend von hier aus wurden auch die Eingeborenen aufgereizt. In der Nacht vom 29. zum 30. Juli 1915 wurde bei Kisidju eine Dhau mit derartigen Flugblättern gefangen.
Die Ereignisse bei Daressalam, wo am 22. Oktober 1914 der Kommandant eines englischen Kreuzers sich durch keinerlei Abkommen für gebunden erklärte, sind bereits besprochen.
Ein für Zwecke der Ausstellung vor Kriegsbeginn in Daressalam eingetroffenes Flugzeug wurde bei Ausbruch der Feindseligkeiten in den Dienst der Truppe gestellt, am 15. November aber bei Daressalam durch einen Unglücksfall zerstört. Oberleutnant Henneberger fand hierbei den Tod.
Bei Tanga war es nach den großen Gefechten vom November 1914 ruhig gewesen. Am 13. März 1915 war ein Schiff auf einem Riff festgekommen, bei Springflut aber wieder frei geworden. Mit der Bergung von 200 Tonnen Kohlen, die das Schiff über Bord geworfen hatte, wurde sofort begonnen.
Mehrere Reihen selbst konstruierter Minen, mit Zündung von Land aus, haben sich nicht bewährt, und es stellte sich später heraus, daß sie unbrauchbar geworden waren.
Beschießungen der Küstenplätze fanden dauernd statt.
Am 20. März beschoß ein Kriegsschiff Lindi, als seine Forderung, die dortigen Truppen sollten sich ergeben, abgelehnt wurde. Ebenso wurde am 1. April 1915 die Gegend südlich Pangani beschossen, ferner am 12. April die Insel Kwale, in der Nacht vom 23. zum 24. April das Rufidjidelta.
Am 15. August 1915 erschienen vor Tanga „Hyazinth“ und 4 Wachtboote. Unsere zwei 6 cm-Geschütze wurden schnell von ihrem Ruhelager Gombezi nach Tanga transportiert und griffen gemeinsam mit einem leichten Geschütz aus Tanga am 19. August wirksam ein, als „Hyazinth“, 2 Kanonenboote und 6 Walfischfänger erneut erschienen, den Dampfer „Markgraf“ zerstörten und Tanga beschossen. Ein Kanonenboot erhielt 2 Treffer, die Walfischfänger, von denen der eine mit Schlagseite abfuhr, vier Treffer.
Im Ssonjogebiet, zwischen Kilimandjaro und Viktoriasee, hatten sich im Laufe der Monate mehrfach feindliche Patrouillen gezeigt, und die Eingeborenen schienen aufsässig werden zu wollen. Feldwebel Bast, der mit einer Patrouille dorthin entsandt wurde, fiel infolge Verrats der Ssonjoleute am 17. November 1914 in einen Hinterhalt und fand hierbei mit 5 Askari den Tod. Durch eine Strafexpedition des zur Truppe eingezogenen Bezirksamtmannes von Aruscha, Leutnants d. R. Kaempfe, wurden die Ssonjoleute wieder zur Ordnung gebracht.
Erst im Juli 1915 kam es in dieser Gegend wieder zu Patrouillengefechten; bei einem derselben fielen 22 feindliche bewaffnete Eingeborene. Ende September und Anfang Oktober 1915 machte dann die Patrouille des Oberleutnants Büchsel einen mehrwöchigen Ritt durch Ssonjo in das englische Gebiet, ohne auf den Feind zu stoßen, da ein englischer Posten, der offenbar gewarnt worden war, ausgewichen war.
Am Viktoriasee standen die 7. Kompagnie in Bukoba und die 14. Kompagnie in Muansa mit einander in funkentelegraphischer Verbindung. Die Herrschaft auf dem See war unbestritten in englischer Hand, da der Feind hier mindestens über 7 große Dampfer verfügte. Trotzdem aber konnten unser kleiner Dampfer „Muansa“ sowie auch andere kleinere Fahrzeuge sich große Bewegungsfreiheit bewahren. Während nun der Resident von Bukoba, Major a. D. von Stuemer, die Grenze mit seiner Polizei und mit Hilfskriegern der befreundeten Sultane deckte, war Hauptmann Bock von Wülfingen mit dem Hauptteil der 7. Kompagnie von Bukoba nach Muansa gerückt. Von dort aus marschierte er Anfang September 1914 mit einem aus Teilen der 7. und 14. Kompagnie sowie Wassukumarekruten und Hilfskriegern gemischten Detachement am Ostufer des Viktoriasees nach Norden gegen die Ugandabahn vor. Am 12. September warf er jenseits der Grenze bei Kisii eine feindliche Abteilung zurück, zog dann aber auf die Meldung vom Anmarsch weiterer feindlicher Streitkräfte nach dem Süden ab. Die Grenze östlich des Viktoriasees wurde dann nur durch schwächere Abteilungen verteidigt.
Die Kriegsführung am Viktoriasee war für uns recht schwierig; stets bestand die Gefahr, daß der Feind bei Muansa oder an einem anderen Orte des Südufers landete, Usukuma in die Hand bekam und die historische Hauptstadt des Landes, Tabora, bedrohte. Blieben unsere Truppen in der Gegend von Muansa, so waren aber die Gebiete um Bukoba und infolgedessen auch Ruanda bedroht. Am meisten Aussicht am Viktoriasee versprach noch eine aktive Kriegführung unter einheitlicher Leitung. Aber auch die Durchführung dieser Absicht war nicht ganz leicht, da der hierfür in erster Linie in Betracht kommende Major von Stuemer durch seine Tätigkeit als Resident an den Bezirk Bukoba gefesselt wurde, während doch Muansa gerade das wichtigere war.
Ende Oktober 1914 war der Versuch, einen Teil der Truppen von Muansa auf Booten wieder nach Bukoba zu transportieren, durch das Erscheinen armierter englischer Schiffe bei Muansa gescheitert. Anscheinend hatte der Feind unseren funkentelegraphischen Verkehr entziffert und daraufhin seine Gegenmaßregeln getroffen. Die zur Unterstützung Bukobas am 31. Oktober 1914 auf Dampfer „Muansa“ von Muansa mit 2 Schleppern und 10 Dhaus abgehende Expedition von 570 Gewehren, 2 Geschützen und 4 Maschinengewehren wurde am gleichen Morgen durch plötzlich auftretende feindliche Dampfer zerstreut, aber bald wieder ohne Verluste in Muansa gesammelt. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense nördlich Muansa wurde am gleichen Tage verhindert, der englische Dampfer „Sybil“ nach einigen Tagen bei Majita gestrandet gefunden und zerstört.
Am 20. November warf Abteilung Stuemer nördlich Bukoba die in das deutsche Gebiet eingedrungenen englischen Truppen in zwölfstündigem Gefecht zurück und schlug sie erneut, als sie den Kagerafluß überschritten hatten, bei Kifumbiro. Am 5. Dezember 1914 haben die Engländer Schirati, am 6. Dezember Bukoba ohne Erfolg von See aus beschossen.
Kleinere Patrouillengefechte fanden östlich und westlich des Viktoriasees dauernd statt. Einen größeren Schlag versuchte der Feind am 8. Januar 1915, wo er mit 6 Geschützen und mit Maschinengewehren von See aus Schirati beschoß und 2 indische Kompagnien und eine größere Anzahl berittener Europäer landete. Oberleutnant von Haxthausen mit seinen 22 Gewehren war nach 3-1/2stündigem Gefecht vor der Übermacht ausgewichen. Der Feind verstärkte sich dann in den nächsten Tagen auf 300 Europäer, 700 Inder. Am 17. Januar schlug Haxthausen dann 70 Europäer, 150 Askari mit 2 Maschinengewehren an der Grenze, und am 30. Januar räumte der Feind Schirati wieder und schiffte sich nach Karungu ein. Ich glaube, daß dieser Abzug eine Folge der schweren Niederlage war, die der Feind inzwischen, am 18. Januar, bei Jassini erlitten hatte. Er hielt es für geboten, seine Truppen wieder an die Ugandabahn zu schneller Verfügung heranzuziehen.
Westlich des Sees überfiel Hauptmann von Bock nördlich Kifumbiro einen 40 Mann starken feindlichen Posten und jagte ihn mit einem Verlust von 17 Gefallenen zurück.
Englische Schiffe hatten am 1. März 1915 den Dampfer „Muansa“ an der Rugesidurchfahrt angegriffen. „Muansa“ war leck geworden und fuhr dicht an Land auf. Ein Abschleppungsversuch durch den Feind wurde durch unser Feuer verhindert, so daß es glückte, am nächsten Tage den Dampfer zu bergen und nach Muansa in Sicherheit zu bringen, wo er repariert wurde. Bei der Schwierigkeit der Truppenverschiebungen zu Wasser zwischen Muansa und Bukoba war weiterhin eine gemeinsame Befehlsführung unzweckmäßig; die Befehlsführer beider Bezirke wurden deshalb unmittelbar dem Kommando unterstellt.
Landungsversuche der Engländer wurden am 4. März in der Moribucht, am 7. März bei Ukerewe, am 9. März bei Musoma von unseren Posten abgeschlagen. Bei Schirati fanden zu gleicher Zeit mehrere Patrouillengefechte statt, bei denen der Führer, Oberleutnant Recke, fiel und unsere Patrouillen zerstreut wurden. Am 9. März schlug Oberleutnant von Haxthausen mit 100 Europäern und Askari am Maikaberg einen vierfach überlegenen Feind; nach einem feindlichen Verlust von 17 gefallenen Weißen und einer größeren Anzahl Askari zog der Gegner ab. Bei uns waren ein Europäer und 10 Askari gefallen, 2 Europäer, 25 Askari verwundet, ein Europäer verwundet gefangengenommen worden. Außer der bereits erwähnten 26. Feldkompagnie wurde Muansa durch 100 Askari aus dem Bezirk Bukoba verstärkt, die am 6. April dort eintrafen.
Anfang April wurden auch einige Punkte der Ostküste von See aus beschossen, gleichzeitig machten Masai einen Einfall östlich des Sees, töteten einen Missionar und mehrere Eingeborene und raubten Vieh. Mitte April rückte Hauptmann Braunschweig von Muansa mit 110 Europäern, 430 Askari, 2 Maschinengewehren und 2 Geschützen zum Maradreieck ab und verstärkte Oberleutnant von Haxthausen. In Muansa blieben über 500 Gewehre zurück.
Am 4. Mai wurden einem englischen Dampfer in der Marabucht 3 Treffer durch ein Geschütz C/73 beigebracht und hierdurch anscheinend eine Truppenlandung verhindert. Am 12. Mai wurden bei Majita 300 Mann gelandet, fuhren aber schon am 18. Juni wieder ab und schleppten das Wrack der „Sybil“ mit sich. Auch das Maradreieck hatte der 900 Mann starke Feind am 20. Mai wieder geräumt und sich jenseits der Grenze auf mehreren Bergen verschanzt. Beschießungen der Küste fanden in jener Zeit des öfteren statt.
Major von Stuemer hielt seit Anfang Dezember 1914 eine weit ausgedehnte Stellung am Kagera besetzt. Allmählich wurde der auf etwa 300 Mann geschätzte Feind reger. Es schien, als ob er Übersetzmaterial für den Kagera vorbereitete, seine Schiffe zeigten sich häufiger in der Sangobucht.
An der Grenze von Schirati wurde in der Nacht vom 4. zum 5. Juni 1915 der Posten Becker, 10 Askari stark, durch 10 Europäer und 50 Inder vom 98. Regiment umzingelt. In das Gefecht griff auch ein armierter Dampfer ein. Der Feind wurde aber geschlagen und verlor 2 Europäer und 5 Askari an Toten.
Es mag hier erwähnt werden, daß die feindlichen bewaffneten Späher sich auch an der Schiratigrenze der Giftpfeile bedienten.
Am 21. Juni griffen die Engländer mit 800 Europäern, 400 Askari, 300 Indern, 3 Geschützen und 8 Maschinengewehren, die durch das Feuer der armierten Dampfer verstärkt wurden, Bukoba an. Unsere wenig über 200 Gewehre starke Besatzung räumte den Ort nach zweitägigem Kampfe. Der Feind plünderte ihn, zerstörte den Funkenturm und fuhr am 24. Juni in Richtung auf Kissumu wieder ab. Er hatte schwere Verluste erlitten. Nach seiner Angabe waren 10 Europäer gefallen, 22 verwundet. Deutscherseits war aber beobachtet worden, daß ein Dampfer mit 150 Toten und Verwundeten abgefahren war. Auf unserer Seite waren 2 Europäer, 5 Askari, 7 Hilfskrieger gefallen, 4 Europäer, 30 Farbige verwundet, das Geschütz verloren gegangen.
Von den Ereignissen der folgenden Zeit ist zu erwähnen, daß Bukoba am 18. Juli 1915 ohne Erfolg beschossen wurde. In Mpororo ging ein größerer Häuptling zu den Engländern über. In Muansa traf am 12. September eins der 10,5 cm-„Königsberg“-Geschütze ein; dort waren aus Wassukumaleuten mit der Zeit 5 Kompagnien neugebildet worden.
Es machte den Eindruck, daß der Feind sich gegenüber Bukoba hinhaltend verhielt und Truppenverschiebungen von dort nach Kissenji vornahm. Am 29. Oktober wurde ein englischer Angriff durch etwa 100 Gewehre, mit Maschinengewehren, Geschütz und einem Minenwerfer gegen unsere Kagerastellung mit anscheinend großen Verlusten für den Feind abgewiesen. Auch am 4. und 5. Dezember blieben englische Angriffe am unteren Kagera erfolglos. Mehrere feindliche Abteilungen drangen in die Landschaft Karagwe ein. Den Befehl in Bukoba übernahm Ende 1915 Hauptmann Gudovius, bisher Bezirksamtmann in Pangani, dem die neu zusammengestellte 7. Reservekompagnie als Verstärkung für Bukoba folgte.
In Ruanda führten die durchgreifenden Maßnahmen des dortigen Residenten, des Hauptmanns Wintgens, zu guten Erfolgen. Er überraschte am 24. September 1914 die Insel Idschwi im Kiwusee und nahm den dortigen belgischen Posten mit seinem Stahlboot gefangen. Ein anderes Stahlboot hatte Oberleutnant z. S. Wunderlich, der mit einigen Mannschaften der „Möwe“ zum Kiwusee gerückt war, auf einem requirierten Motorboot gleichfalls genommen. Am 4. Oktober warf Wintgens nördlich Kissenji mit seinen Polizeiaskari, Hilfskriegern und einigen Leuten der „Möwe“ 4 belgische Kompagnien mit schweren Verlusten für den Feind zurück. Nach weiteren kleineren Zusammenstößen brachte Hauptmann Wintgens dann der belgischen Überlegenheit von 1700 Mann und 6 Geschützen am 20. und 30. November 1914 sowie am 2. Dezember nördlich Kissenji eine Teilniederlage bei. Am Tschahafisee warf er eine englische Postierung zurück. Ein Engländer, 20 Askari fielen, auf unserer Seite fielen 2 Askari, ein Europäer wurde schwer verwundet.
Bei Kissenji und an der Grenze fanden dann im Februar 1915 wieder mehrere kleine Zusammenstöße statt. Am 28. Mai wies Leutnant Lang mit seiner kleinen Besatzung in Kissenji den Angriff von 700 Belgiern mit 2 Maschinengewehren ab. Der Feind hatte dabei schwere Verluste, bei uns fiel ein Europäer.
Kilimandjaro
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GRÖSSERES BILD
Im Juni 1915 sollen in der Gegend des Kiwusees über 2000 belgische Askari mit 9 Geschützen und 500 englische Askari zusammengezogen gewesen sein; die Reise des belgischen Oberbefehlshabers Tombeur zum Kiwu spricht für die Wahrscheinlichkeit dieser Nachricht. Am 21. Juni wurde ein Angriff von 900 Belgiern mit 2 Maschinengewehren und 2 Geschützen auf Kissenji abgeschlagen. In einem Nachtangriff von 400 Belgiern am 5. Juli auf Kissenji hatte der Feind starke Verluste. Am 3. August wurde Kissenji wirkungslos mit Geschützen und Maschinengewehren beschossen. Infolge der drückenden feindlichen Übermacht wurde die 26. Feldkompagnie von Muansa nach Kissenji verlegt.
Unmittelbar nach Eintreffen der 26. Kompagnie bei Kissenji am 31. August schlug Hauptmann Wintgens die belgischen Vorposten, von denen 10 Askari fielen. Am 2. September nahm er eine von 150 Askari mit 3 Geschützen und einem Maschinengewehr besetzte Stellung im Sturm. Im Laufe der folgenden Wochen fanden täglich kleinere Zusammenstöße statt. Am 3. Oktober wurde der Angriff von 250 Askari mit einem Maschinengewehr bei Kissenji abgeschlagen, wobei 14 Mann Verluste beim Feinde beobachtet wurden. Es wurde dann, vielleicht infolge des Gefechtes bei Luwungi am 27. September, der Abmarsch stärkerer feindlicher Truppen nach Süden festgestellt.
Am 22. Oktober wurde wieder ein belgischer Vorposten von 300 Askari mit 2 Geschützen und 2 Maschinengewehren überrumpelt, wobei der Feind 10 Askari an Toten verlor. Am 26. November warfen die Abteilung Ruanda und ein Zug der von Bukoba eingetroffenen 7. Kompagnie, im ganzen 320 Gewehre, 4 Maschinengewehre und ein 3,7 cm-Geschütz den 200 Mann starken Feind aus einer befestigten Stellung, wobei er 2 Europäer und 70 Askari an Toten, 5 Askari an Gefangenen und viele Verwundete verlor. Bei uns fielen ein Europäer und 3 Askari, verwundet wurden 4 Europäer, 5 Askari, ein Hilfskrieger. Am 21. Dezember griff der Feind mit 1000 Askari, 2 Maschinengewehren, 8 Geschützen, darunter 4 modernen 7 cm-Haubitzen erneut Kissenji an. Er ließ 21 gefallene Askari liegen, 6 wurden verwundet gefangengenommen, zahlreiche Verwundete abtransportiert. Unsere 350 Gewehre, 4 Maschinengewehre, 2 Geschütze starke Truppe verlor 3 Askari an Toten, einen Europäer und einen Askari als Schwerverwundete.
Am 12. Januar 1916 überfiel Hauptmann Wintgens nördlich Kissenji eine belgische Kolonne, wobei 11 belgische Askari fielen. Am 27. Januar wies Hauptmann Klinghardt mit 3 Kompagnien einen Angriff von 2000 belgischen Askari mit Handgranaten und 12 Geschützen gegen die Kissenjistellung mit schweren Verlusten für den Feind ab.
Auch das Gebiet des Russissi war reich an Zusammenstößen. Am 10. und 13. Oktober hatten bei Changugu, am 21. und 22. Oktober bei Chiwietoke, am 24. Oktober bei Kadjagga erfolgreiche kleine Gefechte zwischen deutschen Patrouillen mit Kongotruppen stattgefunden.
Am 12. Januar 1915 griff Hauptmann Schimmer ein belgisches Lager bei Luwungi an, der beabsichtigte Überfall glückte aber nicht. Hauptmann Schimmer und 3 Askari fielen, 5 wurden verwundet.
Am 16., 17. und 20. März 1915 fanden dann kleinere Patrouillengefechte statt, und am 20. Mai wurde ein belgischer Posten überfallen. So gab es dauernd kleine Zusammenstöße, auch während des Juni und Juli. Im August schien der Feind seine Kräfte dort zu verstärken. Den Befehl am Russissi erhielt jetzt Hauptmann Schulz; unsere dort befindlichen Streitkräfte bestanden nunmehr aus 4 Feldkompagnien, einem Teil der Besatzung der „Möwe“ und der etwa kompagniestarken Abteilung Urundi. Ferner befanden sich 2 leichte Geschütze dort. Am 27. September wurden bei einem Angriff des Hauptmanns Schulz auf Luwungi 4 Europäer, 54 Askari als tot festgestellt, außerdem 71 Askari als getroffen gezählt. Die Verluste beliefen sich also, auch im Einklange mit späteren Eingeborenenaussagen, auf etwa 200. Bei uns fielen 4 Europäer, 20 Askari; 9 Europäer, 34 Askari wurden verwundet.
Bei den Gelände- und Stärkeverhältnissen am Russissi kam es dort nicht zu dem von uns angestrebten Waffenerfolge. Es blieben dort deshalb nur die Abteilung Urundi und eine Feldkompagnie; 2 Kompagnien rückten am 18. und 19. Dezember 1915 zu Hauptmann Wintgens nach Ruanda, 3 zur Mittellandbahn ab.
Am 19. Oktober hatte der Feind bei einem Zusammenstoß mit der 14. Reservekompagnie trotz doppelter Überlegenheit 20 Askari verloren; bei uns fielen 3 Askari, 12 wurden verwundet. Trotz des nahen, nach glaubwürdigen Eingeborenenaussagen 2000 Askari starken belgischen Hauptlagers war es angängig, unsere Truppen am Russissi zugunsten anderer Stellen zu vermindern, da beiderseits die Bedingung für eine Offensive nicht günstig zu sein schien. Am Russissi blieb Major von Langenn mit der Abteilung Urundi und der 14. Reservekompagnie.
Auf dem Tanganjikasee hatte Kapitän Zimmer zu Beginn des Krieges etwa 100 Mann der „Möwe“ und in Usumbura etwa 100 Askari gesammelt; außerdem verfügte er über einige in Kigoma eingezogene Europäer und noch etwa 100 Askari der Posten von Urundi und aus Ruanda (Wintgens), im ganzen also über etwa 400 Gewehre.
Oberleutnant zur See Horn von der „Möwe“ hatte am 22. August 1914 mit dem kleinen armierten Dampfer „Hedwig von Wißmann“ ein erfolgreiches Gefecht gegen den belgischen Dampfer „Delcommune“. Es stellte sich aber später heraus, daß „Delcommune“ nicht völlig unbrauchbar geworden war. Der Kommandant der „Möwe“, Korvettenkapitän Zimmer, war nach Vernichtung seines im August 1914 gesprengten Schiffes mit seiner Mannschaft nach Kigoma gefahren. Der Dampfer „Kingani“, der von Daressalam mit der Bahn gleichfalls dorthin transportiert worden war, sowie verschiedene kleinere Fahrzeuge auf dem Tanganjikasee wurden dann armiert und durch Korvettenkapitän Zimmer in Dienst gestellt. Auch setzte er ein 9 cm-Schiffsgeschütz auf ein Floß und beschoß eine Anzahl der belgischen Küstenstationen. Kigoma selbst befestigte er stark und baute es zu einem Stützpunkt für die Seekriegführung auf dem Tanganjikasee aus.
Die eine halbe Kompagnie starke Abteilung Bismarckburg warf im Verein mit den armierten kleinen Dampfern „Hedwig von Wißmann“ und „Kingani“ am 20. November 1914 in der Bucht westlich Bismarckburg eine belgische Kompagnie zurück, erbeutete vier 11 mm-Maschinengewehre sowie 150 km Telegraphendraht, der für die im militärischen Interesse dringend notwendige Verlängerung der Linie Kilossa-Iringa auf Neu-Langenburg zu verwandt wurde.
Anfang Oktober hatten Versuche, den bei Baraka auf der Kongoseite liegenden belgischen Dampfer „Delcommune“ vollends zu zerstören, nicht zum Erfolg geführt. Seit der nochmaligen Beschießung am 23. Oktober sah Kapitän Zimmer „Delcommune“ als erledigt an. Die Besatzung von „Hedwig von Wißmann“ überraschte am 27. Februar 1915 einen belgischen Posten bei Tembwe und erbeutete dessen Maschinengewehr. Ein belgischer Offizier und 10 Askari fielen, ein schwer verwundeter belgischer Offizier und ein Engländer wurden gefangen. Bei uns fiel ein Askari, ein Europäer wurde tödlich, ein Askari schwer verwundet.
Im März 1915 nahmen die Belgier in Ubwari, dessen Bewohner sich deutsch-freundlich gezeigt hatten, Massenverhaftungen vor und hängten eine Anzahl Leute auf.
Nach aufgefangenen Funksprüchen sind im Juni auf dem Tanganjika mehrere belgische Walfischboote fertiggestellt gewesen; an einem neuen belgischen Dampfer, dem „Baron Dhanis“, wurde gearbeitet. Deutscherseits wurde am 9. Juni 1915 Dampfer „Goetzen“ fertiggestellt und von der Truppe übernommen. Er hat bei den Truppenverschiebungen auf dem Tanganjika wertvolle Dienste geleistet. Bei Bismarckburg war die dortige Polizeitruppe unter dem tüchtigen Verwalter des Bezirks, Lt. d. Res. Haun, zur Schutztruppe übergetreten. Es kam zu kleineren Scharmützeln auf feindlichem Gebiet, und auch hier gelang es, den Feind im wesentlichen fernzuhalten.
Erst Anfang Februar 1915 rückten mehrere hundert feindliche Askari in Abercorn ein, und Teile derselben drangen bis in die Gegend der Mission Mwasye vor, zogen dann aber wieder ab.
Mitte März wurde dann die Truppe unter Lt. d. Res. Haun am Kitoberge durch eine englisch-belgische Abteilung im Lager überfallen. Lt. Haun geriet schwer verwundet in Gefangenschaft und mehrere Askari fielen. Oberleutnant Aumann wurde mit einer Abteilung, die später als Kompagnie formiert wurde, von Hauptmann Falkenstein, dem Führer der 5. Feldkompagnie (Langenburg), abgezweigt und deckte in der Gegend von Mbozi die deutsche Grenze. Dort waren im Februar 1915 mehrfach mehrere hundert Mann starke Abteilungen in deutsches Gebiet eingedrungen; Ende März wurden in Karonga Europäer in unbekannter Zahl, in Fife und in anderen Orten der Grenze etwa 800 Mann gemeldet. Der Feind schien also einen Angriff vorzubereiten. Er streifte bis in die Gegend von Itaka vor, und Anfang April wurde Kituta am Südende des Tanganjikasees als von den Belgiern verschanzt gemeldet. Major von Langenn, der nach Wiederherstellung von seiner schweren Verwundung — er hatte ein Auge verloren — am Russissi tätig war, wurde mit der Führung der Operationen in dem ihm bekannten Gebiet Bismarckburg-Langenburg betraut. Außer seiner früheren 5. Feldkompagnie, die bei Ipyana und in der Gegend von Mbozi stand, wurden ihm hierzu die etwa kompagniestarke Abteilung Bismarckburg und drei Kompagnien unterstellt, die von Kigoma und Daressalam herangezogen wurden. Während des Seetransportes nach Bismarckburg fanden östlich dieses Ortes einige erfolgreiche Zusammenstöße unserer Patrouillen gegen 50 bis 250 Mann starke feindliche Streifabteilungen statt.
Major von Langenn hatte am 7. Mai 1915 4 Kompagnien bei Mwasye versammelt, eine gegenüberstehende belgische Abteilung ging zurück. Am 23. Mai warf Patrouille Oberleutnant von Debschitz eine belgische Kompagnie zurück, von der 2 Europäer, 6 Askari fielen. Am 24. Mai erging Befehl an Langenn, mit 3 Kompagnien nach Neu-Langenburg gegen den dort als bevorstehend gemeldeten Angriff abzurücken. Den Befehl in Gegend Bismarckburg übernahm General Wahle. Dieser traf am 6. Juni in Kigoma ein und sammelte bei Bismarckburg die als 29. Feldkompagnie formierte Abteilung Bismarckburg und die von Daressalam herangezogene 24. Feldkompagnie und halbe Europäerkompagnie.
Am 28. Juni griff General Wahle mit 2½ Kompagnien die Farm Jericho an, brach aber das Gefecht ab, als er erkannte, daß die feste Stellung ohne Artillerie nicht zu nehmen sei. Bei uns fielen 3 Europäer, 4 Askari, verwundet wurden 2 Europäer, 22 Askari. General Wahle wurde durch 2 Kompagnien von Langenburg her verstärkt.
Seit dem 25. Juli 1915 belagerte General Wahle mit 4 Kompagnien und 2 Geschützen C/73 den bei Jericho stark befestigten Gegner. Von Abercorn aus unternommene Entsatzversuche wurden abgeschlagen, am 2. August 1915 aber die Belagerung aufgehoben, da mit der vorhandenen Artillerie eine Wirkung nicht zu erzielen war. General Wahle fuhr mit 3 Kompagnien zurück nach Daressalam. Die 29. Kompagnie blieb bei Jericho, die 2 Geschütze in Kigoma.
Am 19. Juni war durch „Goetzen“ der bei Kituta auf Strand liegende Dampfer „Cecil Rhodes“ abgeschleppt und versenkt worden.
Während des September und Oktober kam es nun zu dauernden Patrouillengefechten an der Grenze von Bismarckburg; bei Abercorn drangen wieder belgische Verstärkungen ein. Am 3. Dezember wurde bemerkt, daß die Befestigungen von Jericho verlassen und geschleift waren. Ein neues, nordöstlich Abercorn erbautes Fort beschoß Oberleutnant Franken am 6. Dezember mit 100 Gewehren und einem Maschinengewehr und brachte dem Feinde dabei anscheinend Verluste bei.
Die englische Marineexpedition, deren Anmarsch über Bukama-Elisabethville seit langem beobachtet wurde, hatte am 22. Oktober 1915 die Lukugabahn erreicht. Die aufgefangenen Notizen, daß für die Deutschen eine Überraschung auf dem Tanganjika vorbereitet würde, brachten mich auf den Gedanken, daß wir hier mit besonders konstruierten kleinen Fahrzeugen, die vielleicht mit Torpedos ausgerüstet wären, zu rechnen haben würden. Es handelte sich also um eine sehr ernst zu nehmende Gefährdung unserer Herrschaft auf dem Tanganjika, die auf unsere gesamte Kriegführung von ausschlaggebendem Einfluß sein konnte. Die gleichzeitig mit diesen Vorbereitungen stattfindenden feindlichen Truppenverschiebungen in der Richtung auf den Kiwusee und auf Abercorn zu bewiesen, daß Hand in Hand eine beabsichtigte Landoffensive gehen sollte. Um hierbei den Feind möglichst noch während seiner Versammlung zu schlagen, griff Hauptmann Schulz am 27. September 1915 bei Luwungi die Belgier an und brachte ihnen schwere Verluste bei.
Der Dampfer „Kingani“ überfiel in der Nacht vom 28. Oktober eine belgische Telegraphenbaukolonne und machte einige Beute. In der Lukugamündung wurde ein fahrender Eisenbahnzug festgestellt. „Kingani“ kehrte von einer Erkundungsfahrt zur Lukugamündung nicht zurück und war nach einem belgischen Funkspruch vom 31. Dezember verlorengegangen. Vier Europäer, acht Farbige sollen tot, der Rest gefangen sein. Augenscheinlich war der günstige Zeitpunkt, die feindlichen Vorbereitungen zur Herrschaft auf dem Tanganjika zu stören, verstrichen.
Am 9. Februar 1916 wurde dann noch einer unserer armierten Dampfer durch den Feind genommen.
Auf dem Nyassasee war der deutsche Dampfer „Hermann von Wißmann“, der vom Ausbruch des Krieges nichts wußte, am 13. August 1914 von dem englischen Regierungsdampfer „Gwendolin“ überrascht und fortgenommen worden.
Hauptmann von Langenn war mit seiner in Massoko bei Neu-Langenburg stehenden 5. Feldkompagnie am 9. September 1914 gegen die englische Station Karonga vorgegangen. Beim Kampfe gegen die in fester Stellung befindlichen Engländer wurde Hauptmann von Langenn selbst schwer verwundet. Die beiden Kompagnieoffiziere gerieten, gleichfalls schwer verwundet, in englische Gefangenschaft. Die deutschen Unteroffiziere und die Askari schlugen sich sehr brav, mußten aber doch einsehen, daß sie gegen die Schanzen des Feindes nichts ausrichten konnten und brachen deshalb das aussichtslose Gefecht ab. Über 20 Askari waren gefallen, mehrere Maschinengewehre und leichte Geschütze verlorengegangen. Aus Iringa und Ubena trafen nun umgehend Verstärkungen der 2. Kompagnie ein; auch mehrere hundert Wahehehilfskrieger wurden aufgeboten. Nach und nach stellte sich heraus, daß der Feind auch starke Verluste erlitten hatte. Er hütete sich vor größeren Unternehmungen gegen den Bezirk Langenburg, so daß dieses fruchtbare, für uns so wichtige Verpflegungsgebiet uns anderthalb Jahre lang erhalten blieb.
Später rückte unsere 5. Kompagnie bei Langenburg mit ihrem Hauptteil wieder näher an die Grenze zur Mission Ipyana vor. Am 2. November 1915 fand am Lusirafluß ein Vorpostengefecht statt und dem Dampfer „Gwendolin“ auf dem Nyassasee wurden einige Geschütztreffer beigebracht.
Anfang Dezember 1914 fanden nördlich Karonga, am Ssongwefluß, Patrouillenzusammenstöße statt. Oberarzt Dr. Gothein, der Anfang Mai 1915 aus englischer Gefangenschaft zurückgeliefert worden war, erzählte, daß in dem ersten Gefecht bei Karonga, am 9. September 1914, der Feind an Toten 6 Europäer und 50 Askari, an Schwerverwundeten 7 Europäer und über 50 Askari verloren hatte. Die Engländer unterhielten eine rege Spionage, besonders durch den „Wali“, einen eingeborenen Verwaltungsbeamten am Ssongwe.
An der Grenze kam es im Mai 1915 zu einigen für uns günstigen Überfällen. Die Regenzeit verzögerte sich, so daß der südliche Teil des Bezirkes Langenburg bis Ende Juni gegen einen Angriff als geschützt gelten konnte.
Im Juni 1915, als Major von Langenn mit seinen Verstärkungen eingetroffen war, kam es entgegen der Erwartung zu keinen größeren Gefechten. Die Zeit wurde benutzt, um auf englischem Gebiet einen Telegraphen ab- und auf deutschem Gebiet in Richtung auf Ubena wieder aufzubauen. Auch im August bewahrheitete sich die Nachricht von einem geplanten feindlichen Angriff nicht. Am 8. Oktober erst trafen stärkere feindliche Truppen, Europäer und Askari, in Fife ein. Auch an dieser Grenze kam es zu zahlreichen kleinen Scharmützeln. Gegen Ende des Jahres wurde das Eintreffen neuer Verstärkungen auch bei Ikawa festgestellt. Hauptmann Aumann wies am 23. Dezember 1915 dort den Überfall einer feindlichen Abteilung von etwa 60 Europäern und zwei Maschinengewehren ab.
Am Njassasee kam es nur zu unbedeutenden Zusammenstößen. Am 30. Mai landeten die Engländer bei Sphinx-Hafen 30 Europäer, 200 Askari mit zwei Geschützen und zwei Maschinengewehren. Sie erlitten durch unsere 13 Gewehre und ein Maschinengewehr anscheinend über 20 Mann Verluste und fuhren nach Zerstörung des Wracks des „Hermann von Wißmann“ ab.
Askarikopf
Zweites Buch
Der konzentrische Angriff der Übermacht
(Vom Eintreffen der südafrikanischen Truppen bis zum Verlust der Kolonie)
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Erster Abschnitt
Feindlicher Vorstoß am Oldoroboberge[4]
Östlich des Oldorobo zeigte der Feind nun mehrfach stärkere Truppenmassen von 1000 und mehr Mann, die sich auf weiter Entfernung gegen den Berg entwickelten, aber nicht herankamen. Es waren also Übungen, durch welche die jungen südafrikanischen Europäertruppen für die Bewegungen und den Kampf im Pori ausgebildet werden sollten. Anfang Februar ging der Feind mit mehreren Regimentern von Osten her gegen den Oldorobo vor. Für uns war es erwünscht, wenn er dort so fest anbiß, daß er nicht wieder fortkommen konnte; es bestand die Hoffnung, ihn dann durch einen Gegenangriff mit der bei Taveta lagernden Abteilung des Hauptmann Schulz zu schlagen. Andere, mehrere Kompagnien starke deutsche Abteilungen standen westlich von Taveta an der Straße nach Neu-Moschi und an der nach Kahe, bei der Pflanzung Neu-Steglitz.