PAUL GAUGUIN, NOA NOA
MIT ACHT ABBILDUNGEN
PAUL GAUGUIN
NOA NOA
VERLAG VON BRUNO CASSIRER
BERLIN
DEUTSCH VON LUISE WOLF
9.-12. TAUSEND
„Dites, qu’avez-vous vu?“
Charles Baudelaire.
Nach dreiundsechzigtägiger Überfahrt, dreiundsechzig Tagen fieberhafter Erwartung, bemerkten wir am 8. Juni in der Nacht seltsame Feuer, die sich im Zickzack auf dem Meere bewegten. Von dem dunkeln Himmel löste sich ein schwarzer Kegel mit zackigen Einschnitten.
Wir umschifften Morea und hatten Tahiti vor uns.
Einige Stunden später begann der Tag zu grauen, wir näherten uns langsam den Klippen, liefen in das Fahrwasser ein und landeten ohne Unfall an der Rhede.
Der erste Anblick dieses Teils der Insel bietet nichts Außergewöhnliches, nichts, das sich z. B. mit der herrlichen Bucht von Rio de Janeiro vergleichen ließe.
Es ist der Gipfel eines zur Zeit der Sintflut überschwemmten Berges. Nur die äußerste Spitze ragte aus der Flut hervor: eine Familie flüchtete sich dahin und gründete ein neues Geschlecht – dann kletterten die Korallen daran empor, setzten sich rings um die Bergspitze fest und bildeten im Laufe der Jahrhunderte neues Land. Es dehnt sich immer noch aus, bewahrt aber den ursprünglichen Charakter der Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die das Meer in seiner Unendlichkeit noch erhöht.
Um zehn Uhr morgens stellte ich mich bei dem Gouverneur, dem Neger Lacascade, vor, der mich wie eine Persönlichkeit von Ansehen empfing.
Ich verdankte diese Ehre meiner Mission, mit der die französische Regierung mich – ich weiß nicht warum – betraut hatte. Allerdings war es eine künstlerische Mission, aber in den Augen des Negers war dies Wort nur das offizielle Synonym für Spionage, und ich bemühte mich vergebens, ihn davon abzubringen. Jedermann in seiner Umgebung teilte seine irrige Ansicht, und als ich sagte, daß meine Mission unbezahlt sei, wollte mir dies niemand glauben.
* * *
Das Leben zu Papeete wurde mir bald zur Last.
Das war ja Europa – das Europa, von dem ich mich zu befreien geglaubt hatte! – und dazu noch unter den erschwerenden Umständen des kolonialen Snobismus und der bis zur Karikatur grotesken Nachahmung unserer Sitten, Moden, Laster und Kulturlächerlichkeiten.
Sollte ich einen so weiten Weg gemacht haben, um das zu finden, gerade das, dem ich entflohen war!
Aber ein öffentliches Ereignis interessierte mich doch.
Der König Pomare war zu dieser Zeit tödlich erkrankt, und die Katastrophe wurde täglich erwartet.
Die Stadt hatte allmählich ein sonderbares Aussehen angenommen.
Alle Europäer, Kaufleute, Beamte, Offiziere und Soldaten lachten und sangen wie sonst auf den Straßen, während die Eingeborenen sich mit ernsten Mienen und gedämpfter Stimme vor dem Palast unterhielten.
An der Rhede auf dem blauen Meer mit seiner in der Sonne oft jäh aufblitzenden, silberfunkelnden Klippenreihe herrschte eine ungewöhnliche Bewegung orangefarbener Segel. Es waren die Bewohner der benachbarten Inseln, die herbeieilten, den letzten Augenblicken ihres Königs – Frankreichs definitiver Besitznahme ihres Landes beizuwohnen.
Durch Zeichen von oben hatten sie Kunde davon erhalten: denn jedesmal, wenn ein König im Sterben liegt, bedecken die Berge sich an bestimmten Stellen bei Sonnenuntergang mit dunkeln Flecken.
Der König starb und ward in großer Admiralsuniform öffentlich in seinem Palast ausgestellt.
Dort sah ich die Königin Maraü – dies war ihr Name –, die den königlichen Saal mit Blumen und Stoffen schmückte. – Als der Leiter der öffentlichen Arbeiten mich wegen der künstlerischen Ausstattung des Leichenbegängnisses um Rat fragte, wies ich ihn an die Königin, die mit dem schönen Instinkt ihrer Rasse überall Anmut um sich verbreitete und alles, was sie berührte, zu einem Kunstwerk gestaltete.
Bei dieser ersten Begegnung verstand ich sie jedoch nur unvollkommen. Menschen und Dinge, die so verschieden von denen waren, wie ich sie gewünscht, hatten mich enttäuscht, ich war angewidert von dieser ganzen europäischen Trivialität und zu kurze Zeit im Lande, um erkennen zu können, wieviel sich in dieser eroberten Rasse unter der künstlichen, verderblichen Tünche unserer Einführungen noch von Nationalität, Ursprünglichkeit und primitiver Schönheit erhalten hatte, ich war in mancher Beziehung noch blind. Ich sah auch in dieser bereits etwas reifen Königin nichts als eine gewöhnliche dicke Frau mit Spuren von edler Schönheit. Als ich sie später wiedersah, änderte ich mein erstes Urteil, ich unterlag dem Reize ihres „maorischen Zaubers“. Trotz aller Mischung war der tahitische Typus bei ihr sehr rein. Und dann gab die Erinnerung an ihren Vorfahren, den großen Häuptling Tati, ihr wie ihrem Bruder und der ganzen Familie ein Ansehen von wahrhaft imposanter Größe. Sie hatte die majestätische, prachtvolle Gestalt der Rasse dort, groß und doch anmutig, die Arme wie die Säulen eines Tempels einfach und fest, und der ganze Körperbau, diese gerade horizontale Schulterlinie, die oben spitz auslaufende Höhe erinnerte mich unwillkürlich an das heilige Dreieck, das Symbol der Dreieinigkeit. – In ihren Augen blitzte es zuweilen wie von vage auftauchender Leidenschaft, die sich jäh entzündet und alles ringsum entflammt, – und so vielleicht sind die Inseln selber einst aus dem Ozean aufgetaucht und die Pflanzen darauf beim ersten Sonnenstrahl erblüht.
Alle Tahitaner kleideten sich in Schwarz und sangen zwei Tage lang Trauerweisen und Totenklagen. Mir war, als hörte ich die Sonate Pathétique.
Dann kam der Tag der Bestattung.
Um zehn Uhr morgens verließ der Zug den Palast. Truppe und Behörden in weißem Helm und schwarzem Frack, die Eingeborenen in ihrer düstern Tracht. Alle Distrikte marschierten in der Reihenfolge, und der Anführer eines jeden trug die französische Fahne.
Bei Aruë wurde haltgemacht. Dort erhebt sich ein unbeschreibliches Monument, ein unförmlicher Haufen mit Zement verbundener Steine, der zu der Umgebung und der Atmosphäre in peinlichem Kontrast steht.
Lacascade hielt eine Rede nach bekanntem Muster, die ein Dolmetscher für die anwesenden Franzosen übersetzte. Dann folgte eine Predigt des protestantischen Pastors, auf die Tati, der Bruder der Königin, ein paar Worte erwiderte – das war alles. Man brach auf, und die Beamten drängten sich in den Wagen zusammen, es erinnerte etwas an „die Rückkehr von einem Rennen“.
Unterwegs, wo die Gleichgültigkeit der Franzosen den Ton angab, fand dieses seit mehreren Tagen so ernste Volk seine Fröhlichkeit wieder. Die Vahinas nahmen wieder den Arm ihrer Tanés, sprachen lebhaft und wiegten sich in den Hüften, während ihre kräftigen nackten Füße den Staub des Weges aufwühlten.
In der Nähe des Flusses Fatüa zerstreute sich alles. Zwischen den Steinen versteckt, kauerten hier und dort Frauen mit bis zum Gürtel aufgenommenen Röcken im Wasser, um ihre Hüften und die vom Marsch und von der Hitze ermüdeten Beine zu erfrischen. So gereinigt machten sie sich, stolz den Busen tragend, über dem der dünne Musselin sich straffte, mit der Grazie und Elastizität junger gesunder Tiere wieder auf den Weg nach Papeete. Ein gemischtes, halb animalisches, halb pflanzliches Parfüm strömte von ihnen aus, das Parfüm ihres Blutes und der Gardenien – Tiaré –, die alle in den Haaren trugen.
– Téiné merahi noa noa (jetzt sehr wohlriechend), sagten sie.
* * *
... Die Prinzessin trat in meine Kammer, wo ich leidend, nur mit einem Paréo[1] bekleidet, auf dem Bett lag. Wahrlich keine Art, eine Frau von Rang zu empfangen.
Ja orana (ich grüße dich), Gauguin, sagte sie. Du bist krank, ich komme, um nach dir zu sehen.
– Und du heißest?
– Vaïtüa.
Vaïtüa war eine wirkliche Prinzessin, wenn es solche überhaupt noch gibt, seitdem die Europäer alles auf ihr Niveau herabgedrückt haben. Freilich war sie als einfache Sterbliche mit nackten Füßen, eine duftende Blume hinterm Ohr, in schwarzem Kleide gekommen. Sie ging in Trauer um den König Pomare, dessen Nichte sie war. Ihr Vater, Tamatoa, hatte trotz der unvermeidlichen Berührung mit Offizieren und Beamten, trotz der Empfänge bei dem Admiral, niemals etwas anders sein wollen als ein königlicher Maorie, ein gigantischer Raufbold in Momenten des Zornes, und bei abendlichen Orgien ein berühmter Zecher. Er war gestorben. Vaïtüa, behauptete man, gliche ihm sehr.
Ein skeptisches Lächeln auf den Lippen, betrachtete ich diese gefallene Prinzessin mit der Dreistigkeit des eben auf der Insel gelandeten Europäers. Aber ich wollte höflich sein.
– Es ist sehr freundlich von dir, daß du gekommen bist, Vaïtüa. Wollen wir zusammen einen Absinth trinken?
Und mit dem Finger weise ich in eine Ecke der Kammer auf eine Flasche, die ich soeben gekauft hatte.
Ohne Unmut noch Freude zu zeigen, geht sie einfach hin und bückt sich, um die Flasche zu nehmen. Bei dieser Bewegung spannte ihr leichtes, durchsichtiges Kleid sich über den Lenden, – es waren Lenden, eine Welt zu tragen! O, sicherlich war es eine Prinzessin! Ihre Vorfahren? Stolze, tapfere Riesen. Fest saß ihr stolzer, wilder Kopf auf den breiten Schultern. Zuerst sah ich nur ihre Menschenfresserkiefer, ihre zum Zerreißen bereiten Zähne, den lauernden Blick eines grausamen, listigen Tieres und fand sie trotz einer schönen edlen Stirn sehr häßlich.
Wenn ihr nur nicht einfiele, sich auf mein Bett zu setzen! Ein so schwaches Gestell könnte uns beide ja nicht tragen ...
Aber gerade das tut sie.
Das Bett krachte, hielt es jedoch aus.
Beim Trinken wechseln wir einige Worte. Die Unterhaltung will aber nicht lebhaft werden. Sie ermattet schließlich, und es herrscht Schweigen. Ich beobachte die Prinzessin insgeheim, sie sieht mich aus einem Augenwinkel verstohlen an, die Zeit geht hin, und die Flasche leert sich. Vaïtüa trinkt tapfer. Sie dreht sich eine tahitische Zigarette und streckt sich auf dem Bett aus, um zu rauchen. Ihre Füße streichen ganz mechanisch fortwährend über das Holz unten am Fußende, ihre Züge besänftigen sich, werden sichtlich weich, ihre Augen glänzen – und ein regelmäßiges Pfeifen entschlüpft ihren Lippen – mir war, als hörte ich das Schnurren einer Katze, die auf blutige Genüsse sinnt.
Da ich veränderlich bin, fand ich sie jetzt sehr schön, und als sie mit bewegter Stimme sagte: „Du gefällst mir“, überkam mich eine große Unruhe. Die Prinzessin war entschieden köstlich ...
Ohne Zweifel, um mir zu gefallen, begann sie eine Fabel von La Fontaine, die Grille und die Ameise zu erzählen – eine Erinnerung aus der Zeit ihrer Kindheit bei den Schwestern, die sie unterrichtet hatten.
Die ganze Zigarette war in Brand.
– Weißt du, Gauguin, sagte die Prinzessin, und erhob sich, ich liebe deinen La Fontaine nicht.
– Wie? Unsern guten La Fontaine?
– Vielleicht ist er gut, aber seine Moral ist häßlich. Ameisen ... (ihr Mund drückte Abscheu aus). Ja, Grillen, die, ah! Singen, singen, immer singen!
Und stolz, ohne mich anzusehen, mit leuchtenden, ins Weite blickenden Augen fügte sie hinzu:
– Wie herrlich war unser Reich, als noch nichts verkauft wurde! Das ganze Jahr hindurch wurde gesungen ... Singen, immer! Immer geben! ...
Und sie ging.
Ich legte mich wieder auf mein Kissen zurück, und lange klangen die Worte: Ja orana, Gauguin, schmeichelnd in mir nach.
Diese Episode, die mir mit dem Tode des Königs Pomare in Erinnerung geblieben ist, hat tiefere Spuren in meinem Gedächtnis hinterlassen als das Ereignis und die offizielle Feier.
Die Bewohner von Papeete selber, sowohl Eingeborene wie Weiße, vergaßen den Verblichenen schnell. Die von den Nachbarinseln gekommen waren, um dem königlichen Leichenbegängnis beizuwohnen, fuhren wieder fort, noch einmal kreuzten Tausende von orangefarbenen Segeln das blaue Meer, und alles nahm wieder seinen gewohnten Gang.
Es gab nur einen König weniger.
Mit ihm verschwanden die letzten Spuren alter Traditionen. Mit ihm schloß die Geschichte der Maorie ab. Sie war zu Ende. Die Zivilisation – Soldaten, Handel und Beamtentum – triumphierte, leider!
Eine tiefe Traurigkeit bemächtigte sich meiner. Der Traum, welcher mich nach Tahiti geführt, wurde durch die Tatsachen grausam verscheucht. Ich liebte das Tahiti von eh, das jetzige flößte mir Grauen ein.
Doch als ich die noch erhaltene physische Schönheit der Rasse sah, konnte ich nicht daran glauben, daß sie nichts von ihrer antiken Größe, von ihren persönlichen und natürlichen Sitten, von ihrem Glauben und ihren Legenden bewahrt haben sollte. Aber wie die Spuren dieser Vergangenheit, wenn sie solche hinterlassen hat, allein entdecken? wie sie ohne Führung erkennen? Wie das Feuer wieder entzünden, von dem selbst die Asche zerstreut ist?
So niedergeschlagen ich auch sein mag, pflege ich mein Vorhaben doch niemals aufzugeben, ohne alles, selbst „das Unmögliche“ versucht zu haben, um zum Ziele zu gelangen.
Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich beschloß, Papeete zu verlassen, mich von dem europäischen Mittelpunkt zu entfernen.
Ich fühlte, daß, wenn ich das Leben der Eingeborenen im Busch völlig mit ihnen teilte, ich allmählich das Vertrauen der Maorie gewinnen und – sie kennenlernen würde.
Und eines Morgens machte ich mich in meinem Wagen auf, den ein Offizier mir liebenswürdig zur Verfügung gestellt hatte, um „meine Hütte“ zu suchen.
Meine Vahina namens Titi begleitete mich. Halb englischer, halb tahitischer Abstammung sprach sie etwas Französisch. Für diese Fahrt hatte sie ihr schönstes Kleid angelegt, die Tiaré hinterm Ohr, ihren oben mit Band, unten mit Strohblumen und einer Garnitur orangefarbener Muscheln geputzten Basthut aufgesetzt und das lange schwarze Haar aufgelöst über die Schultern hängen. Sie war stolz, in einem Wagen zu fahren, stolz, so elegant und die Vahina eines Mannes zu sein, den sie für einflußreich und vermögend hielt, und war wirklich hübsch in ihrem Stolz, der nichts Lächerliches hatte, so sehr paßt die majestätische Miene zu dieser Rasse, die im Andenken an die weit zurückreichende Geschichte ihrer Herrschaft und eine unbestimmte Reihe großer Häuptlinge diesen herrlichen Stolz bewahrt. – Ich wußte zwar, daß ihre sehr berechnete Liebe in den Augen der Pariser nicht schwerer gewogen hätte als die feile Gefälligkeit einer Dirne. Aber die Liebesglut einer maorischen Kurtisane ist etwas ganz anderes als die Passivität einer Pariser Kokotte – ganz etwas anderes! Es ist ein Feuer in ihrem Blute, das Liebe, seine eigentliche Nahrung, erweckt, das Liebe atmet. Diese Augen und dieser Mund können nicht lügen, ob uneigennützig oder nicht, es spricht immer Liebe aus ihnen.
Der Weg durch die reiche und einförmige Landschaft war bald zurückgelegt. Zur Rechten immer das Meer, die Korallenriffe und Wasserfälle, die zuweilen wie Dampf zerstoben, wenn die Wellen in zu ungestüme Berührung mit den Felsen kamen. Zur Linken den Busch mit der Aussicht auf große Wälder.
Mittags hatten wir unsere fünfundvierzig Kilometer hinter uns und erreichten den Distrikt von Mataiëa.
Ich sah mich um und fand schließlich eine leidlich hübsche Hütte, die der Eigentümer mir zur Miete überließ. Er baute sich daneben eine neue, die er bewohnen wollte.
Am Abend des nächsten Tages, als wir nach Papeete zurückkehrten, fragte mich Titi, ob ich sie nicht mit mir nehmen wolle.
– Später, in einigen Tagen, wenn ich eingerichtet sein werde, sagte ich.
Titi hatte in Papeete einen furchtbaren Ruf, nachdem sie mehrere Liebhaber unter die Erde gebracht. Aber nicht das machte mich ihr abwendig. Sie hatte als halbe Weiße, und trotz Spuren tiefer, origineller und echt maorischer Eigentümlichkeiten durch zahlreiche Beziehungen viel von ihren „Rassemerkmalen“ eingebüßt. Ich fühlte, daß sie mich nichts von dem lehren konnte, was ich wissen wollte, und mir nichts von dem erlesenen Glück gewähren, das ich begehrte.
Außerdem sagte ich mir, daß ich auf dem Lande finden würde, was ich suchte und nur zu wählen brauchte.
* * *
Von einer Seite das Meer, an der anderen das Gebirge, zerklüftetes Gebirge, ein enormer Spalt, den ein an dem Felsen lehnender, hoher Mangobaum verdeckt.
Zwischen Berg und Meer steht meine Hütte vom Holze des Bourao. Daneben eine zweite, die ich nicht bewohne, die faré amu (Speisehütte).
Morgen.
Auf dem Meere nahe am Strande sehe ich eine Piroge[2] und darin eine halbnackte Frau. Am Strande einen Mann, ebenfalls unbekleidet. Ein kranker Kokosnußbaum mit verschrumpften Blättern gleicht einem ungeheuren Papagei, der seinen vergoldeten Schwanz herabhängen läßt und eine volle Traube in den Krallen hält. Mit harmonischer Gebärde hebt der Mann mit beiden Händen ein schweres Beil, das oben auf dem silbrigen Himmel eine blaue Spur, unten einen rosigen Einschnitt auf dem abgestorbenen Stamme hinterläßt, wo die von Tag zu Tag aufgesparte Glut von Jahrhunderten in den Flammen eines Augenblicks wieder aufleben wird.
Lange schlangenartige Blätter von einem metallischen Gelb auf dem purpurnen Boden gemahnten mich an die Züge einer geheimen, religiösen, alten Schrift. Deutlich bildeten sie das heilige Wort australischen Ursprungs ATUA – Gott – den Taäta oder Takata oder Tathagata, der in ganz Indien überall herrschte. Und wie eines mystischen Zuspruchs in meiner schönen Einsamkeit und meiner schönen Armut erinnerte ich mich wieder der Worte des Weisen:
In den Augen des Tathagata ist die herrlichste Pracht von Königen und seinen Ministern nichts als Auswurf und Staub.
In seinen Augen ist Reinheit und Unreinheit wie der Tanz der sechs Nagas.
In seinen Augen ist das Suchen nach dem Anblick des Buddha gleich den Blumen.
In der Piroge ordnete die Frau einige Netze.
Die blaue Linie des Meeres wurde häufig von dem Grün der Wogenkämme unterbrochen, die an den Korallenriffen brandeten.
Abend.
Ich war an den Strand gegangen, um eine Zigarette zu rauchen.
Die rasch bis zum Horizont gesunkene Sonne versteckte sich schon zur Hälfte hinter der Insel Morea, die mir zur Rechten lag. In dem Zwielicht standen die Berge, deren Vorsprünge alten, mit Zinnen gekrönten Schlössern glichen, in festen schwarzen Silhouetten auf der violetten Glut des Himmels.
Kein Wunder, daß mich vor diesen natürlichen Bauwerken Herrscher-Visionen verfolgen! Der Gipfel dort unten hat die Gestalt eines riesigen Helmes. Die Wogen ringsum, deren Rauschen wie das Lärmen einer gewaltigen Menge klingt, werden ihn niemals erreichen. Unter der Ruinenpracht steht der Helm allein, Beschützer und Zeuge, ein Nachbar des Himmels. Ich fühle von dem Haupte droben einen heimlichen Blick in die Wasser tauchen, die einst das sündige Geschlecht der Lebenden verschlungen hatten, und von dem weiten Spalt, der sein Mund sein könnte, fühle ich ein Lächeln der Ironie oder des Mitleids über das Wasser schweifen, wo die Vergangenheit schläft.
Die Nacht brach schnell herein. Morea schlief.
* * *
Stille! Ich lernte die Stille einer tahitischen Nacht kennen.
Ich vernahm nichts als das Schlagen meines Herzens in der Stille.
Aber die Mondstrahlen fielen durch das in gleicher Entfernung voneinander stehende Bambusrohr vor meiner Hütte bis auf mein Bett. Und dieser gleichmäßige Schein erweckte in mir die Vorstellung eines Musikinstrumentes, der Rohrpfeife der Alten, die den Maories bekannt ist und von ihnen Vivo genannt wird. Mond und Bambusrohr zeichneten es übertrieben: als ein Instrument, das tagsüber schweigt, aber nachts, dank dem Monde, dem Träumer liebe Melodien ins Gedächtnis zurückruft. Ich schlief bei dieser Musik ein.
Zwischen dem Himmel und mir nichts als das hohe, leichte Dach von Pandanusblättern, in denen die Eidechsen nisten.
Ich bin weit fort von jenen Gefängnissen, den europäischen Häusern!
Eine maorische Hütte trennt den Menschen nicht vom Leben, von Raum und Unendlichkeit ...
Indessen fühlte ich mich dort sehr einsam.
Die Bewohner der Gegend und ich beobachteten einander gegenseitig, und der Abstand zwischen uns blieb der gleiche.
Seit dem zweiten Tage waren meine Vorräte erschöpft. Was tun? Ich hatte geglaubt, für Geld alles Notwendige zu finden. Ich hatte mich jedoch getäuscht. Sobald man die Stadt verlassen hat, muß man sich an die Natur halten, um zu leben, und sie ist reich, sie ist freigebig und verweigert keinem einen Anteil an ihren Schätzen, die unerschöpflich an Bäumen, in den Bergen und im Meere aufgespeichert sind. Aber man muß verstehen, auf die hohen Bäume zu klettern, die Berge zu besteigen und mit schwerer Beute beladen zurückkehren, man muß Fische fangen, tauchen, auf dem Meeresgrund die fest an den Steinen haftenden Muscheln losreißen können, – man muß wissen, muß können.
Ich, der Kulturmensch, stand in dieser Hinsicht weit hinter den Wilden zurück. Ich beneidete sie. Ich sah ihr glückliches, friedliches Leben um mich her, ohne größere Anstrengung, als die täglichen Bedürfnisse es erforderten – ohne die geringste Sorge um Geld. Wem sollte man etwas verkaufen, wo die Erzeugnisse der Natur jedem zu Gebote stehen?
Da, als ich mit leerem Magen auf der Schwelle meiner Hütte saß und betrübt an meine Lage und die unvorhergesehenen, vielleicht unüberwindlichen Hindernisse dachte, die die Natur zwischen sich und den Kulturmenschen stellt – bemerkte ich einen Eingeborenen, der mir gestikulierend etwas zurief. Die sehr ausdrucksvollen Gebärden ersetzten die Worte, und ich verstand, daß mein Nachbar mich zum Essen einlud. Mit einem Kopfschütteln lehnte ich ab. Dann ging ich beschämt, ich glaube ebensosehr, weil ich das Anerbieten zurückgewiesen, wie wenn ich es angenommen hätte, in meine Hütte zurück.
Nach einigen Minuten stellte ein kleines Mädchen, ohne etwas zu sagen, gekochtes Gemüse und sauber von frisch gepflückten grünen Blättern umhüllte Früchte vor meine Tür. Ich war hungrig. Und ebenfalls ohne ein Wort zu sagen, nahm ich es an.
Kurz darauf ging der Mann an meiner Hütte vorüber und fragte lächelnd, ohne stehen zu bleiben:
– Païa?
Ich erriet: Bist du zufrieden?
Das war der Beginn gegenseitiger Vertraulichkeit zwischen mir und den Wilden.
„Wilde!“ dieses Wort kam mir unwillkürlich über die Lippen, als ich diese schwarzen Wesen mit den Kannibalen-Zähnen betrachtete. Doch bald erkannte ich ihre echte, ihre fremdartige Anmut ... Wie jenes braune Köpfchen mit den sanften niedergeschlagenen Augen, jenes Kind unter Büschen großer Blätter des Giromon mich eines Morgens ohne mein Wissen beobachtete und entfloh, als mein Blick dem seinen begegnete ...
Wie sie mir, war ich ihnen ein Gegenstand der Beobachtung und eine Ursache des Staunens, einer, dem alles neu war, der nichts kannte. Denn ich kannte weder ihre Sprache, noch ihre Gebräuche, selbst nicht die einfachsten notwendigen Handgriffe. – Wie jeder von ihnen für mich, war ich für jeden von ihnen ein Wilder.
Und wer von uns beiden hatte recht?
Ich versuchte zu arbeiten, machte allerlei Notizen und Skizzen.
Aber die Landschaft mit ihren starken, reinen Farben blendete mich, machte mich blind. Ich war immer unentschieden, suchte und suchte ...
Und dabei war es so einfach zu malen, wie ich es sah, ohne viel Überlegung ein Rot neben ein Blau zu setzen! Vergoldete Gestalten in Bächen und am Strande entzückten mich, warum zögerte ich, diesen Sonnenjubel auf meine Leinwand zu bannen.
Oh! diese alten europäischen Überlieferungen! die furchtsame Ausdrucksart entarteter Rassen!
Um mich mit dem eigentümlichen Charakter eines tahitischen Gesichts vertraut zu machen, wollte ich das Porträt einer meiner Nachbarinnen, einer jungen Frau rein tahitischer Abstammung, machen. – Eines Tages faßte sie sich ein Herz, in meine Hütte zu kommen und sich Photographien von Bildern anzusehen, mit denen ich eine Wand meiner Kammer tapeziert hatte. Sie betrachtete sie lange, mit ganz besonderem Interesse die Olympia.
– Wie gefällt dir das? fragte ich sie. (Ich hatte in den zwei Monaten, wo ich nicht mehr fanzösisch sprach, ein paar tahitische Worte gelernt.)
Meine Nachbarin erwiderte:
– Sie ist sehr schön.
Ich lächelte über diese Bemerkung, und sie rührte mich. Hatte sie denn Verständnis für das Schöne? Was aber würden die Professoren der Akademie der Schönen Künste dazu sagen?
Nach einem fühlbaren Schweigen, wie es einer Gedankenfolgerung vorauszugehen pflegt, fügte sie plötzlich hinzu:
– Ist das deine Frau?
– Ja.
Ich scheute diese Lüge nicht. Ich, der Tané der schönen Olympia!
Während sie neugierig einige religiöse Kompositionen der italienischen Primitiven prüfte, begann ich eilig, ohne daß sie es sah, ihr Porträt zu skizzieren.
Sie merkte es plötzlich, rief schmollend – Aïta! (Nein) und lief davon.
Eine Stunde später war sie in einem schönen Kleid, die Tiaré hinterm Ohr, wieder da. – Geschah es aus Koketterie? aus Freude, nach der Weigerung freiwillig nachzugeben? Oder war es einfach das Lockende der verbotenen Frucht, die man sich selber verwehrt? Oder noch einfacher vielleicht bloße Laune, ohne jeden andern Beweggrund, wie die Maories sie gewohnt sind?
Ohne Zögern machte ich mich an die Arbeit, ohne Zögern und fieberhaft. Ich war mir bewußt, daß von meiner Leistung als Maler die physische und moralische Ergebenheit des Modells, eine rasche, stillschweigende, unweigerliche Einwilligung abhing.
Nach unsern Regeln der Ästhetik war sie wenig schön.
Aber sie war schön.
Ihre Züge waren von einer raffaelischen Harmonie, und den Mund hatte ein Bildhauer modelliert, der es versteht, in eine einzige bewegliche Linie alle Freude und alles Leid zu legen.
Ich arbeitete hastig und leidenschaftlich, denn ich wußte wohl, daß auf die Zustimmung noch nicht zu rechnen war. Ich zitterte davor, in diesen großen Augen Furcht zu lesen und Verlangen nach dem Unbekannten, die Melancholie bitterer Erfahrung, die jeder Lust zugrunde liegt, wie das unfreiwillige, souveräne Gefühl der Selbstbeherrschung. Solche Geschöpfe scheinen uns zu unterliegen, wenn sie sich uns geben, und unterliegen doch nur ihrem eigenen Willen. Sie beherrscht eine Kraft, die etwas Übermenschliches hat – oder vielleicht etwas göttlich Animalisches.
* * *
Jetzt arbeitete ich freier, besser.
Aber meine Einsamkeit quälte mich. Ich sah in dieser Gegend zwar junge Frauen und Mädchen mit ruhigem Blick, echte Tahitianerinnen, und einige darunter hätten vielleicht gern das Leben mit mir geteilt. – Aber ich wagte nicht sie anzureden. Sie schüchterten mich wirklich ein mit ihrem sicheren Blick, der Würde ihrer Haltung und den stolzen Gebärden.
Dennoch wollen alle „genommen“, buchstäblich brutal genommen sein (maü, ergreifen), ohne ein Wort. Alle haben den geheimen Wunsch nach Vergewaltigung: weil durch diesen Akt männlicher Autorität der Weibwille seine volle Unverantwortlichkeit behält – denn so hat es ja nicht seine Einwilligung zum Beginn einer dauernden Liebe gegeben. Möglich, daß dieser erst so empörenden Gewalt ein tiefer Sinn zugrunde liegt, möglich auch, daß sie ihren wilden Reiz hat. Ich dachte wohl daran, aber ich wagte es nicht.
Und dann hielt man mehrere von ihnen für krank, von jener Krankheit befallen, die den Wilden als erste Stufe des Kulturlebens von den Europäern gebracht wird ...
Und wenn die Alten, auf eine von ihnen weisend, zu mir sagten:
– Maü téra (nimm diese), hatte ich weder die notwendige Kühnheit noch Vertrauen. Ich ließ Titi sagen, daß ich sie mit Vergnügen wieder aufnehmen wolle.
Sie kam sogleich.
Der Versuch mißglückte, und an der Langeweile, die ich in der Gesellschaft dieser an den banalen Luxus der Beamten gewöhnten Frau empfand, konnte ich ermessen, welche Fortschritte ich bereits in dem schönen Leben der Wilden gemacht hatte.
Nach Verlauf einiger Wochen schieden Titi und ich für immer voneinander.
Ich war wieder allein.
* * *
Meine Nachbarn sind mir Freunde geworden. Ich esse und kleide mich wie sie. Wenn ich nicht arbeite, teile ich ihr Leben der Einfalt und der Freude, das sich zuweilen jäh in Ernst verwandelt.
Abends versammelt man sich in Gruppen am Fuße der buschigen Sträucher, die die zerzausten Wipfel der Kokosnußbäume überragen, oder Männer und Frauen, Greise und Kinder vereinen sich. Die einen stammen aus Tahiti, andere von den Tongas- und wieder andere von den Marquesas-Inseln. Die matten Töne ihrer Körper stimmen harmonisch zu dem Sammet des Laubes, und aus ihrer kupfernen Brust steigen zitternd Melodien, die von den rauhen Stämmen der Kokosnußbäume gedämpft zurückgeworfen werden. Es sind tahitische Gesänge, die Iménés.
Eine Frau beginnt, ihre Stimme erhebt sich gleich einem Vogel im Fluge und geht durch alle Töne bis zum höchsten der Tonleiter, steigt und singt in starken Modulationen und schwebt schließlich über den Stimmen der übrigen Frauen, die ihrerseits nun auffliegen, wenn man so sagen darf, ihr folgen und sie getreulich begleiten. Mit einem einzigen gutturalen, barbarischen Schrei schließen zuletzt alle Männer einstimmig den Gesang.
Zuweilen kommt man zum Plaudern oder Singen in einer Hütte zusammen.
Mit einem Gebet wird begonnen, ein Greis spricht es gewissenhaft vor, und alle Anwesenden wiederholen es. Dann wird gesungen, oder es werden lustige Geschichten erzählt. Der Inhalt dieser Erzählungen ist sehr zart, kaum greifbar, es sind in das Gewebe gestickte, durch ihre Naivität so feine Details, die sie belustigen.
Seltener gibt man sich mit der Erörterung ernster Fragen oder weiser Vorschläge ab. Eines Abends wurde folgender gemacht, den ich nicht ohne Staunen hörte:
– In unserm Dorf, sagte ein Greis, sieht man hier und dort zerfallene Häuser, geborstene Mauern und morsche halboffene Dächer, durch die Nässe dringt, wenn es zufällig einmal regnet. Warum? Jedermann hat das Recht, vor Wind und Wetter geschützt zu sein. Es fehlt weder an Holz noch an Laub zur Herstellung der Dächer. Ich schlage vor, gemeinschaftlich geräumige solide Hütten an Stelle der unbewohnbar gewordenen zu bauen. Wir wollen alle der Reihe nach Hand anlegen.
Alle Anwesenden spendeten ihm ohne Ausnahme Beifall:
Der Antrag des Greises wurde einstimmig angenommen.
Ein kluges und gutes Volk, dachte ich, als ich abends nach Hause kam.
Aber am folgenden Tage, als ich mich nach dem Beginn der gestern verabredeten Arbeit erkundigte, merkte ich, daß niemand mehr daran dachte. Das tägliche Leben nahm wieder seinen Gang, und die von dem weisen Ratgeber bezeichneten Häuser blieben zerfallen wie zuvor.
Auf meine Fragen erhielt ich nur ein ausweichendes Lächeln zur Antwort.
Aber gerunzelte Brauen zogen bedeutsame Linien in diese träumerischen Stirnen.
Ich zog mich verwirrt, aber mit dem Gefühl zurück, eine tüchtige Lektion von meinen Wilden erhalten zu haben. Sie taten wahrlich recht, dem Vorschlag des Greises beizustimmen. Vielleicht hatten sie auch recht, dem gefaßten Entschluß nicht weiter Folge zu leisten.
Wozu arbeiten? Die Götter sind da, ihren Getreuen von den Gütern der Natur zu spenden.
– Morgen?
– Vielleicht! aber was auch geschehen mag, heiter und wohltätig wird die Sonne morgen aufgeben, wie sie es heute getan.
Ist das Sorglosigkeit, Leichtsinn, Unbeständigkeit? Oder vielleicht tiefe Philosophie? – Wer weiß? Hütet euch vor dem Luxus! Hütet euch, unter dem Vorwande der Vorsorge Geschmack daran zu finden und ihn für notwendig zu halten ...
Das Leben gestaltete sich täglich besser. Ich verstehe die Sprache der Maories jetzt ziemlich gut und werde sie bald ohne Mühe sprechen können.
Meine Nachbarn – drei ganz in der Nähe und andere zahlreiche in einiger Entfernung voneinander – betrachten mich als einen der Ihren.
In der fortwährenden Berührung mit den Kieselsteinen sind meine Füße abgehärtet und an den Boden gewöhnt. Mein fast beständig nackter Körper leidet nicht mehr unter der Sonne.
Die Zivilisation verläßt mich allmählich.
Ich fange an einfach zu denken, nur wenig Haß gegen meinen Nächsten zu empfinden – eher ihn zu lieben.
Ich genieße alle Freuden des Lebens – animalische wie menschliche. Bin alles Erkünstelten, aller Konvention, aller Gewohnheiten ledig. Ich komme der Wahrheit nahe, der Natur. Mit der Gewißheit, eine Reihe freier, schöner Tage wie der heutige vor mir zu haben, senkt sich Friede auf mich herab, ich entwickle mich normal und beschäftige mich nicht mit unnützen Dingen.
Ich habe einen Freund gewonnen.
Er ist von selber zu mir gekommen, und ich darf gewiß sein, daß kein niedriger Eigennutz ihn dazu veranlaßt hat.
Es ist einer meiner Nachbarn, ein schlichter, sehr schöner, junger Bursche.
Meine farbigen Bilder und meine Holzschnitzereien haben seine Neugierde geweckt; meine Antworten auf seine Fragen haben ihn belehrt. Es vergeht kein Tag, an dem er mir nicht beim Malen oder Schnitzen zuschaut ...
Noch jetzt, nach so langer Zeit, erinnere ich mich gern der wahren, echten Gefühle, die ich in dieser wahren, echten Natur erweckte.
Abends, wenn ich von meiner Arbeit ausruhte, plauderten wir miteinander. Als neugieriger junger Wilder fragte er mich nach europäischem Leben, besonders nach Liebessachen, und mehr als einmal brachten seine Fragen mich in Verlegenheit.
Aber seine Antworten waren noch naiver als seine Fragen.
Eines Tages gab ich ihm meine Werkzeuge und ein Stück Holz, ich wollte, daß er den Versuch machte zu schnitzen. Verwirrt und schweigend schaute er mich erst an, dann gab er mir Holz und Werkzeug wieder zurück und sagte schlicht und treuherzig, ich sei nicht wie die andern, ich verstände Dinge, zu denen andere Menschen unfähig wären, und sei andern nützlich.
Ich glaube, Jotéfa ist der erste Mensch, der mir das gesagt hat – es war die Sprache des Wilden oder des Kindes, denn man muß eins von beiden sein, nicht wahr, um zu glauben, daß ein Künstler – ein nützlicher Mensch sei.
* * *
Einmal brauchte ich Rosenholz zu meiner Schnitzerei. Ich wollte einen festen starken Stamm und fragte Jotéfa um Rat.
– Man muß in die Berge gehen, sagte er. Ich weiß an einer bestimmten Stelle mehrere schöne Bäume. Wenn du willst, führe ich dich hin. Wir fällen einen Baum, der dir zusagt, und tragen ihn zusammen her.
Zeitig am Morgen brachen wir auf. Die Fußsteige auf Tahiti sind ziemlich beschwerlich für einen Europäer, und das Gehen im Gebirge erfordert, selbst für die Eingeborenen, eine Kraftanstrengung, zu der sie sich nicht unnötig entschließen.
Zwischen zwei Bergen, zwei steilen Basaltwänden, die nicht zu erklimmen sind, gähnt ein Spalt, in dem das Wasser sich zwischen Felsblöcken hindurchwindet, die sich von der Seitenwand gelöst haben, um einer Quelle den Weg zu bahnen. Die zum Bach angewachsene Quelle hat an ihnen gerüttelt und gerückt und sie schließlich etwas weiter fortgedrängt, bis der Bach, zum Strom angeschwollen, sie mitgerissen und bis zum Meer getragen. An jeder Seite dieses Baches führt, oft von wahren Kaskaden unterbrochen, eine Art von Weg durch ein buntes Gemisch von Bäumen, Brotbäumen, Eisenbäumen, Bouraos, Kokosnußbäumen, Hibiscus, Pandanus, Guavabäumen und Riesenfarnen, eine tolle Vegetation, die immer wilder und dichter und schließlich zu einem immer undurchdringlicheren Dickicht wird, je weiter man zum Mittelpunkt der Insel vordringt.
Wir gingen beide nackt, mit dem weißblauen Paréo umgürtet, das Beil in der Hand und mußten unzählige Male den Bach durchschreiten, um ein Stück Weges abzuschneiden, den mein Führer mehr mit dem Geruche als mit dem Auge zu entdecken schien, denn ein prächtiges Gewirr von Gras, Blättern und Blumen hatte den Boden ganz bedeckt.
Es herrschte vollkommene Stille, trotz des klagenden Rauschens des Wassers in den Felsen, eines einförmigen Rauschens, einer sanften, leisen Klage – wie die Begleitung der Stille.
Und in diesem Walde, in dieser Einsamkeit, dieser Stille wir beide allein, – er, ein ganz junger Mann, und ich, fast ein Greis, dem viele Illusionen den zarten Hauch von der Seele gestreift, viele Anstrengungen den Körper erschlafft und eine physisch und moralisch kranke Gesellschaft ihre Laster, dies alte verhängnisvolle Erbe hinterlassen!
Mit der animalisch geschmeidigen Anmut seiner Androgynen-Gestalt schritt er vor mir her. Ich meinte die ganze Pflanzenpracht ringsum in ihm verkörpert zucken und leben zu sehen.
War es ein Mensch, der da vor mir ging? War es der kindliche Freund, bei dem mich das Einfache und Komplizierte seiner Natur zugleich angezogen? War es nicht vielmehr der Wald selber, der lebendige Wald, geschlechtlos und – verführerisch?
Bei diesen nackten Völkerschaften ist der Unterschied der Geschlechter, wie bei den Tieren, weniger betont als in unsern Klimaten. Mit Gürtel und Schnürleib ist es uns gelungen, aus der Frau eine Anomalie, ein künstliches Wesen zu schaffen, das die Natur uns, den Gesetzen der Vererbung gehorchend, zu komplizieren und zu entkräften hilft, und das wir sorgfältig in einem Zustand nervöser Schwäche und unzulänglicher Muskelkraft erhalten, indem wir es vor Ermüdung bewahren und ihm die Gelegenheit nehmen, sich zu entwickeln. Da unsere Frauen nach einem so bizarren Ideal von Schlankheit geformt sind – bei dem wir, seltsam genug, verharren –, haben sie nichts Gemeinsames mehr mit uns, was vielleicht nicht ohne ernste moralische und soziale Nachteile bleibt.
Auf Tahiti kräftigt die Wald- und Meeresluft die Lungen, macht Schultern und Hüften breit, und weder Männer noch Frauen werden von den Strahlen der Sonne und den Kieselsteinen am Strande verschont. Sie verrichten zusammen die gleichen Arbeiten, mit demselben Fleiß oder demselben Gleichmut. Es ist etwas Männliches an diesen, und an jenen etwas Weibliches.
Diese Ähnlichkeit der Geschlechter erleichtert ihre Beziehungen, und die stete Nacktheit gibt den Sitten eine natürliche Unschuld und vollkommene Reinheit, weil den Gemütern die Beschäftigung mit dem gefährlichen Mysterium fehlt, das einen „glücklichen Zufall“ so bedeutungsvoll macht, und ihnen das verstohlene oder sadistische Wesen der Liebe bei den Kulturmenschen fremd ist. Mann und Frau, die Kameraden und mehr Freunde als Liebende sind, leben in Freud und Leid fast unausgesetzt zusammen, und selbst den Begriff des Lasters kennen sie nicht.
Warum erwachte in diesem Rausch von Duft und Licht nun plötzlich bei dem alten Kulturmenschen, mit dem Reiz des Neuen, Unbekannten, trotz der geringeren sexuellen Unterschiede, jene furchtbare Begierde?
Das Fieber pochte in meinen Schläfen und mir wankten die Knie.
Aber der Weg war zu Ende, mein Gefährte wandte sich, um den Bach zu durchschreiten, und kehrte sich mir bei der Bewegung zu: der Androgyne war verschwunden. Es war ein wirklicher Jüngling, der vor mir schritt, und seine ruhigen Augen hatten die feuchte Klarheit des Wassers.
Sogleich kam wieder der Friede über mich.
Wir rasteten einen Augenblick, und ich empfand einen unendlichen, eher geistigen als sinnlichen Genuß, als ich in das frische Wasser tauchte.
– Toë, toë (es ist kalt), sagte Jotéfa.
– O nein! erwiderte ich. Und dieser Ausruf, der zu dem Beschluß des Kampfes paßte, den ich im Geiste eben gegen eine ganze verderbte Zivilisation bestanden hatte, weckte ein lautes Echo im Walde. Und ich sagte mir, daß die Natur mich hatte kämpfen sehen, daß sie mich hörte und mich verstand, denn jetzt antwortete sie auf meinen Siegesruf mit ihrer klaren Stimme, daß sie nach dieser Prüfung willig sei, mich in die Reihe ihrer Kinder aufzunehmen.
Wir setzten unseren Weg fort, und ich drang mit leidenschaftlichem Eifer immer tiefer in das Dickicht, als könnte ich dadurch bis ans Herz dieser gewaltigen, mütterlichen Natur vordringen und mich mit ihren lebenden Elementen vereinen.
Mit ruhigem Blick ging mein Gefährte immer gleichen Schritts vor mir her. Er war ohne Argwohn, ich trug die Last meines bösen Gewissens allein.
Wir langten an unserm Ziel an.
Die steilen Wände des Berges waren allmählich flacher geworden, und hinter einem dichten Vorhang von Bäumen dehnte sich, wohl versteckt, eine Art Plateau aus. Aber Jotéfa kannte die Stelle und leitete mich mit erstaunlicher Sicherheit hin.
Ein Dutzend Rosenholzbäume breiteten dort ihr gewaltiges Geäst aus.
Wir fällten den schönsten mit dem Beil und mußten ihn ganz opfern, um ihm einen für mein Vorhaben passenden Zweig zu rauben.
Das Fällen machte mir Freude, und mit wahrem Vergnügen und freudiger Erregung in mir, ich weiß nicht welch göttlich rohe Begierde zu befriedigen, riß ich mir die Hände blutig. Nicht auf den Baum hieb ich ein, nicht ihn wollte ich überwältigen. Und dennoch hätte ich den Klang meines Beiles gern noch an andern Stämmen vernommen, als dieser am Boden lag.
Und was mein Beil mir im Takt mit den hallenden Schlägen sagte, war dies:
Den ganzen Wald mußt du niederschlagen!
Den ganzen Wald des Bösen vernichten,
Der seine Keime dir einblies mit giftigem Hauch!
Zerstöre die Eigenliebe in dir!
Zerstöre das Böse und reiß es heraus,
Wie die Lotosblume im Herbst!
Ja, von nun an ist der alte Kulturmensch verschwunden, tot. Ich ward wiedergeboren – oder vielmehr ein anderer Mensch, ein reiner, stärkerer erstand in mir.
Dieser furchtbare Anfall war der letzte Abschied von der Zivilisation: vom Bösen. Und dieser letzte Beweis verderbter Instinkte, die auf dem Grunde aller dekadenten Seelen schlummern, erhöhte durch den Kontrast die gesunde Einfachheit des Lebens, mit dem ich schon den ersten Anfang gemacht, bis zu einem Gefühl unsagbarer Wonne.
Gierig atmete ich die herrliche, reine Luft ein. Von nun an war ich ein andrer Mensch: ein wahrer Wilder, ein echter Maorie.
Jotéfa und ich kehrten nach Mateïéa zurück und trugen vorsichtig und einträchtig unsere schwere Rosenholzlast: noa, noa!
Die Sonne war noch nicht untergegangen, als wir sehr ermüdet vor meiner Hütte anlangten.
Jotéfa sagte zu mir:
– Païa?
– Ja, erwiderte ich.
Und im Grunde meines Herzens wiederholte ich für mich:
– Ja!
Ich machte keinen Schnitt in dieses Rosenholz, ohne jedesmal stärker den Duft des Sieges und der Verjüngung einzuatmen: noa, noa!
Durch das Tal von Punaru – eine tiefe Kluft, die Tahiti in zwei Teile trennt – gelangt man zu dem Plateau von Tamanoü. Von dort kann man das Diadem, Oroféna und Aroräï, – den Mittelpunkt der Insel sehen.
Man hatte mir davon oft wie von etwas Wunderbarem gesprochen, und ich hatte mir vorgenommen, allein hinzugehen und dort einige Tage zu verbringen.
– Aber was wirst du nachts machen?
– Die Tupapaüs[3] werden dich ängstigen!
– Man darf die Berggeister nicht stören.
... Du bist toll!
Ich war es wahrscheinlich, denn diese besorgte Unruhe meiner tahitischen Freunde stachelte meine Neugierde nur noch mehr.
In einer Nacht machte ich mich also vor Tagesanbruch auf.
Etwa zwei Stunden konnte ich einen Pfad an dem einen Ufer des Punaru-Flusses verfolgen. Aber dann war ich mehrmals gezwungen, den Fluß zu überschreiten. Zu beiden Seiten ragten steile Bergwände, auf enorme Felsblöcke wie auf Strebepfeiler gestützt, bis in die Mitte des Wassers vor.
Mir blieb schließlich nichts anderes übrig, als meinen Weg mitten im Fluß fortzusetzen. Das Wasser ging mir bis zu den Knien, zuweilen bis zu den Schultern.
Zwischen den beiden Wänden, die mir von unten erstaunlich hoch und oben sehr nah aneinander schienen, war die Sonne am hellen Tage kaum sichtbar. Mittags unterschied ich an dem tiefblauen Himmel funkelnde Sterne.
Gegen fünf Uhr, beim Eintritt der Dunkelheit, begann ich darüber nachzudenken, wo ich die Nacht zubringen sollte, als ich zur Rechten etwa ein Hektar fast flaches Land mit einem Gemisch von Farnen, wilden Bananen und Bouraos bemerkte. Ich hatte das Glück, ein paar reife Bananen zu finden, und machte eilig ein Holzfeuer, sie für mein Mahl zu kochen.
Dann legte ich mich zum Schlafen, so gut es ging, auf die untersten Zweige eines Bananenbaumes, dessen Blätter ich ineinander geflochten hatte, um mich vor Regen zu schützen.
Es war kalt, und ich fröstelte nach dem Marsch im Wasser.
Ich schlief schlecht.
Aber ich wußte, daß der Morgen nicht fern war und ich weder Menschen noch Tiere zu fürchten hatte. Hier auf Tahiti gibt es weder Raubtiere noch Reptilien. Die einzigen „wilden Tiere“ sind die frei im Walde lebenden Schweine. Ich hatte höchstens einen Angriff auf meine Beine zu fürchten und behielt darum den Griff meines Beiles in der Hand.
Die Nacht war finster. Unmöglich etwas zu unterscheiden, außer nahe an meinem Kopf eine Art phosphoreszierenden Staubes, der mich seltsam beunruhigte. Ich lächelte bei dem Gedanken an die Erzählungen der Maories von den Tupapaüs, jenen bösen Geistern, die in der Finsternis erwachen, um schlafende Menschen zu ängstigen. Ihr Reich ist im Herzen des Berges, den der Wald in ewige Schatten hüllt. Dort wimmelt es von ihnen, und ihre Legionen wachsen unaufhörlich durch die Geister aller Verstorbenen.
Wehe dem Lebenden, der sich an einen von Dämonen bewohnten Ort wagt! ...
Ich war dieser Tollkühne.
Meine Träume waren freilich auch sehr aufregend.
Jetzt weiß ich, daß dieser leuchtende Staub von einer besonderen Art kleiner Champignons herrührt, die an feuchten Stellen auf abgestorbenen Zweigen wachsen wie jene, deren ich mich zum Feueranmachen bedient hatte.
Am folgenden Tage machte ich mich frühzeitig wieder auf den Weg.
Der immer wechselvoller gestaltete Fluß, der bald Bach, bald Strom, bald Wasserfall war, machte seltsam launenhafte Krümmungen und schien zuweilen in sich selbst zurückzufließen. Ich verlor unaufhörlich den Weg und mußte mir von Zweig zu Zweig oft mit den Händen vorwärts helfen, wobei ich selten den Boden berührte. Vom Grunde des Wassers sahen Krebse von außerordentlicher Größe zu mir empor und schienen zu sagen: Was tust du hier? – und hundertjährige Aale flohen bei meinem Nahen.
Plötzlich, bei einer jähen Wendung, bemerkte ich an einen Felsvorsprung gelehnt, den es mit beiden Händen eher liebkoste als es sich daran hielt, ein junges, nacktes Mädchen. Es trank aus einer Quelle, die leise aus großer Höhe zwischen den Steinen rieselte.
Nachdem es getrunken hatte, nahm es Wasser in beide Hände und ließ es zwischen den Brüsten niederrinnen. Dann – obwohl ich nicht das geringste Geräusch gemacht hatte – senkte es wie eine furchtsame Antilope, die instinktmäßig die Gefahr wittert, den Kopf und blickte forschend nach dem Dickicht, wo ich unbeweglich stand. Mein Blick begegnete dem ihren nicht. Aber kaum hatte sie mich erspäht, als sie mit dem Ruf: Taëhaë! (wütend) untertauchte.
Ich stürzte an den Fluß: niemand, nichts – nur ein riesiger Aal, der sich zwischen den kleinen Kieseln auf dem Grunde hinwand.
Nicht ohne Schwierigkeit langte ich endlich nahe beim Aroraï, dem Gipfel des gefürchteten heiligen Berges, an.
Es war Abend, der Mond ging auf, und als ich ihn die rauhe Stirn des Berges weich in seinen leichten Schimmer hüllen sah, erinnerte ich mich der berühmten Sage:
Paraü Hina Tefatou (Hina sprach zu Tefatou ...), eine uralte Sage, die die Mädchen abends gern erzählen und für die sie als Schauplatz gerade den Ort bezeichnen, wo ich mich befand.
Ich glaubte es zu sehen:
Den mächtigen Kopf eines Gottmenschen, das gewaltige Haupt eines Helden, dem die Natur das stolze Bewußtsein seiner Kraft gegeben, ein herrliches Riesenantlitz, wie an der Schwelle des Alls. Und eine sanfte zärtliche Frau, die leise das Haar des Gottes berührt und spricht:
– Lasse den Menschen wieder auferstehen, wenn er gestorben ist ...
Und die strengen, doch nicht grausamen Lippen des Gottes öffnen sich, um zu antworten:
Nein, ich werde ihn nicht auferstehen lassen. Der Mensch wird sterben; die Pflanzen werden sterben wie sie, die sich davon nähren, die Erde wird untergehen, sie wird untergehen, um nicht wieder zu erstehen.
Hina erwiderte:
– Tue, wie es dir gefällt. Ich aber werde den Mond wieder auferstehen lassen.
Und was Hina gehörte, fuhr fort zu leben. Was Tefatou gehörte, ging unter, und der Mensch mußte sterben.
* * *
Ich war seit einiger Zeit mißmutig geworden. Meine Arbeit litt darunter. Es fehlten mir viele wesentliche Hilfsmittel, es verstimmte mich, künstlerischen Aufgaben, die mich berauschten, machtlos gegenüberzustehen, aber hauptsächlich fehlte mir die Lust.
Seit mehreren Monaten war ich von Titi getrennt, hatte seit Monaten nicht mehr ihr übermütig kindliches, zwitscherndes Geplauder über dieselben Dinge und dieselben Fragen gehört, auf die ich immer mit denselben Geschichten antwortete.
Und diese Stille tat mir nicht gut. Ich beschloß fortzugehen, eine Fahrt um die Insel zu machen, für die ich kein bestimmtes Ziel festsetzte.
Während ich meine Vorbereitungen traf – ein paar leichte Pakete für die Bedürfnisse der Reise – und meine Studien ordnete, schaute mein Nachbar und Freund Anani mir beunruhigt zu. Nach langem Zögern, begonnenen und wieder unterbrochenen Gebärden, deren klare Deutlichkeit mich sehr belustigte und zugleich rührte, entschloß er sich endlich, mich zu fragen, ob ich mich anschickte fortzugehen.
– Nein, erwiderte ich, ich will nur einen Ausflug von mehreren Tagen machen.
Ich komme wieder.
Er glaubte mir nicht und fing an zu weinen!
Sein Weib gesellte sich zu ihm und versicherte mich ihrer Zuneigung, sagte mir, daß ich kein Geld brauche, um unter ihnen zu leben, daß ich, wenn ich wollte, einst für immer dort ruhen könnte – sie wies auf einen mit einem Bäumchen geschmückten Grabhügel nahe bei ihrer Hütte.
Und plötzlich verlangte mich danach – dort – zu ruhen. Da würde mich wenigstens in alle Ewigkeit niemand stören ...
– Ihr Europäer seid seltsam, fügte das Weib des Anani hinzu. Ihr kommt, ihr versprecht zu bleiben, und wenn man euch lieb hat, geht ihr wieder?
Ihr sagt, ihr kommt wieder, aber ihr kehrt niemals zurück!
– Ich aber schwur, daß es meine Absicht sei, diesmal wiederzukommen.
Später (ich wagte nicht zu lügen), später wüßte ich noch nicht ...
Schließlich ließen sie mich ziehen.
* * *
Ich weiche von dem Weg ab, der am Strande entlang geht, und schlage einen schmalen Pfad durch tiefes Dickicht ein. Der Weg führt mich so weit ins Gebirge, daß ich nach Verlauf einiger Stunden ein kleines Tal erreiche, dessen Bewohner noch nach altem maorischem Brauch leben.
Sie sind still und glücklich. Sie träumen, sie lieben, schlafen und singen, – sie beten, und das Christentum scheint noch nicht bis hierher gedrungen zu sein. Deutlich sehe ich die Statuen ihrer Gottheiten vor mir, obwohl sie in Wirklichkeit längst verschwunden sind, besonders die Statue der Hina, und die Feste zu Ehren der Mondgöttin. Das Götzenbild, aus einem einzigen Block, mißt zehn Fuß von einer Schulter zur andern und vierzig Fuß in der Höhe. Auf dem Haupte trägt sie in Gestalt einer Kappe einen riesigen Stein von rötlicher Farbe. Um sie herum wird nach altem Ritus der Matamua getanzt, und das Vivo[4] stimmt seinen Ton je nach der Farbe der Stunde froh, heiter oder düster und traurig ...
Ich setze meinen Weg fort.
In Taravao – dem weitest entfernten Distrikt von Mataïéa, am andern äußersten Ende der Insel – leiht ein Gendarm mir sein Pferd, und ich trabe an der von Europäern wenig besuchten Küste entlang.
In Faone, einem kleineren Ort vor dem bedeutenderen Itia, ruft mich ein Eingeborner an.
– He! Mann, der Menschen macht! (er weiß, daß ich Maler bin.) Haëré mai ta maha (Komm und iß mit uns: die tahitische Formel der Gastfreundschaft).
Ich lasse mich nicht bitten, so anmutend und herzlich ist das die Einladung begleitende Lächeln.
Ich steige vom Pferde. Mein Wirt nimmt das Tier am Zaum und bindet es ohne eine Spur von Unterwürfigkeit geschickt an einen Baum.
Dann treten wir miteinander in eine Hütte, wo Männer und Frauen plaudernd und rauchend auf dem Boden sitzen. Um sie her spielen und tummeln sich die Kinder.
– Wohin willst du? fragte mich eine schöne, etwa vierzigjährige Maorie.
Ich will nach Itia.
– Wozu?
Ich weiß nicht, was mir in den Sinn kam, oder vielleicht nannte ich den wahren, mir bis dahin noch selber verborgenen Zweck meiner Reise.
– Um dort eine Frau zu suchen, antwortete ich.
– In Faone gibt es viele und hübsche. Willst du eine von ihnen?
– Ja!