Das liebe Nest

Gesammelte Kindergedichte
von
Paula Dehmel

Herausgegeben von Richard Dehmel
mit Zeichnungen von Hans Thoma
bei E. A. Seemann in Leipzig
1919

7

Gruß an die Großen

Aus lichtem See,

über Sterne und Schnee,

rauschen die Schäume,

lauschen die Träume,

Himmel hinab, Himmel hinan,

ewige Bahn.

Aus Kinderland,

über Acker und Sand,

wachsen die Gluten,

die bösen, die guten,

Himmel hinab, Himmel hinan,

ewige Bahn.

8

Gruß an die Kleinen

Ich möcht euch alle miteinander

auf bunten Wiesen sehn,

bei Klarinetten und Geigen

die Füßchen im Tanze drehn.

Ich möcht euch alle miteinander

mitnehmen im Fliegerkahn,

euch die schöne Erde zeigen,

und was fleißige Menschen getan.

Ich möcht euch alle miteinander

still führen an der Hand,

euch heimliche Dinge sagen

von Gott und dem Sternenland.

9Erster Teil

10

11

Wunderchen

Putzt die Fenster! fegt die Ecken!

Darf sich kein Staub, kein Krümel verstecken,

muß alles so blank wie Ostertag sein,

denn das Wunderchen zieht ein.

Zieht ein—schon stimmen die Englein die Geigen;

alle Könige werden sich neigen,

Hirten und Könige mit dem Stern

haben Wunderchen gern.

Wer soll Wunderchens Taufpate sein?

Sieben große Meister laden wir ein;

sieben große Helden mit Kron und Schalmein

sollen Wunderchens Taufpaten sein.

Und wer ist schnell

sein Spielgesell?

Da kommen gesprungen

die reizenden jungen

Wachholderweibchen und Fliedermännchen,

Taunixchen mit silbernen Wasserkännchen.

Aus Vogelnestern und Weidenkätzchen

gucken neugierige Schelmenmätzchen:

Wir lachen fein,

wir singen fein,

wir wollen Wunderchens Spielgesellen sein!

12

Geht leise

Geht leise—

es ist müd von der Reise.

Es kommt weit her:

vom Himmel übers Meer,

vom Meer den dunklen Weg ins Land,

bis es die kleine Wiege fand—

Geht leise.

Wittewoll schlafen

Auf der Leine, auf grünem Platz

hängen sieben Hemdchen und ein Latz;

im Winkel, am Zaun, wos Spinnchen spinnt,

liegt mit großen Augen mein Kind—

wittewoll schlafen?

Henne macht sich ein Bett im Sand,

Fliege träumt an der Mauerwand,

Schmetterling sitzt in der Mittagsruh,

schaukelt die Flügel auf und zu—

wittewoll schlafen?

Suselesu, der Sonnenwind

bläst in die Augen dem müden Kind;

13es will noch blinzeln—Spinnchen hält

den bunten Schleier vor die Welt—

—wittewoll—schlafen— —

Frühstück

So morgens um halb acht herum:

Rumpumpel macht das Mäulchen krumm.

Und keine fünf Minuten drauf

wacht Rumpumpel auf.

Hu! kommt der kalte Badeschwamm,

Rumpumpel hält die Ohren stramm;

und schlägt die Ticke-Tacke acht,

wird ihm die Milch gebracht.

Die schmeckt Rumpumpeln aber fein;

er patscht mit beiden Fäustchen drein

und trinkt und trinkt, bis alles leer.

Rumpumpelchen, das freut mich sehr:

morgen gibt's gut Wetter!

Seereise

Pitsch—patsch—Badefaß,

Rumpumpel plantscht die Stube naß,

ist ein junger Wasserheld,

14segelt durch die ganze Welt,

im Wipp—im Wapp—im Schaukelkahn

über den großen Ozean.

Stehn drüben alle Wilden still

und schrein: Was bloß Rumpumpel will?

so splitternackt und pitschenaß

in seinem kleinen Schaukelfaß?

Schnell das Badelaken!

So lala

Steht ein Töpfchen rund und nett

unterm Bett,

so lala, so lala.

Reicht mir mal das Kindel her,

das braucht jetzt keine Windel mehr,

so lala, so lala.

Rolle, rolle, ratteratt,

rollt ein Wagen durch die Stadt;

sind zwei blanke Pferdchen davor,

hinten drauf ein schwarzer Mohr.

Horch, er hält vor unserm Haus;

steigen zwei feine Jungherren aus,

15mit Federbarettchen

und goldenen Kettchen.

Schnell das Töpfchen unters Bettchen!

Mein Wagen

Mein Wagen hat vier Räder,

vier Räder hat mein Wagen,

rolle, rolle, rummerjan,

das wollt ich euch bloß sagen.

Mein Wagen hat 'ne Deichsel,

'ne Deichsel hat mein Wagen,

rolle, rolle, rummerjan,

das wollt ich euch bloß sagen.

Mein Wagen hat ein Pferdchen,

ein Pferdchen hat mein Wagen,

rolle, rolle, rummerjan,

das wollt ich euch bloß sagen.

Mein Wagen fahrt nach Potsdam,

nach Potsdam fährt mein Wagen,

rolle, rolle, rummerjan,

das wollt ich euch bloß sagen.

16Und wer mit mir nach Potsdam will,

in meinem neuen Wagen,

rolle, rolle, rummerjan,

der braucht es bloß zu sagen.

Kutscher auf dem Knie

Wagen im Wind.

Wie sitzt mein Kind?

Wie geht mein Pferd?

Alles verkehrt.

Holdriutsch—

oben die Räder, unten die Kutsch!

Wagen im Schnee.

Da guckt das Reh,

da schnuppert der Has

mit der wackligen Nas.

Holdriuff—

da sitzt unser Kutscher wieder oben uff!

Ereignis

(von Paula und Richard Dehmel)

Hurra, zum ersten Mal:

Mutter, der Peter,

hurra, da steht er!

17hält sich am Röckchen,

hält sich am Stöckchen,

grade wie 'n Licht,

fürchtet sich nicht.

Hurra, zum ersten Mal:

Mutter, der Peter,

hurra, da geht er!

guck, ganz alleinechen

setzt er die Beinechen!

Aua, Geschrei—

bautz!—vorbei.

Heilsprüchel

Kra, kra, kalter Schnee,

dem Raben tut sein Beinchen weh,

dem Häsechen sein Herzchen;

die böse Zeit, die kalte Zeit,

ein jedes hat sein Schmerzchen.

Heile, Fingerchen, heile,

es dauert noch 'ne Weile,

es dauert noch bis Rosmarein,

dann ist lauter Sonnenschein.

18

Schlimme Geschichte

Im Stall unser Schäfchen—bäht,

im Hof unser Hähnchen kräht,

und der Karo an der Kette

bellt mit Spitz um die Wette.

Auf'm Dach unser Kätzchen—maut,

und im Ententeich die Frösche, alle Frösche quaken laut:

Kinder, denkt euch den Schreck,

unserm kleinen Wackelbein sein linker Schuh ist weg.

Austreibung

Das kann doch nicht Rumpumpel sein?

So kann Rumpumpel doch nicht schrein?

Seelöwen sind in unserm Haus;

schnell, Rumpumpel, wir jagen sie raus.

Ich 'n Stock,

Du 'n Stock,

alle beide einen Stock.

Ei der Daus,

wollt ihr raus,

wollt ihr in euer Seelöwenhaus!

Wenn Rumpumpel brummig ist

Die Henne legt ein Ei,

da ging der Mond entzwei;

19die Hälfte fiel nach Nuckenstadt

und schlug zwei große Brummer platt.

Zwei große Brummer, brumm,

summten hier herum,

um Rumpumpels Kopf,

um Rumpumpels Bauch

und um sein dickes Näschen auch.

Nun sind sie tot... Aber im Ei

pickt das Küken die Schale entzwei,

kriegt heraus, und wackelt mit dem Schwanz—

—ist der Mond wieder ganz.

Der Pudding

Rumpumpel will essen,

nun fix gebraten:

ein Kätzel, ein Spätzel

und sieben Soldaten.

Das gibt einen Pudding

so groß wie ein Haus.

Zuletzt leckt Rumpumpel

die Kuchenschüssel aus.

20

Zwei Mäulchen

Winkele, wankele,

vor der Tür steht ein Bankele,

auf der Bank sitzt mein Kindele,

spielt mit mei'm Hündele,

winkele, wankele.

Winkele, wankele,

ich hab ein Gedankele:

ein Äpfle fürs Kindele,

ein Knöchle fürs Hündele.

Dankele.

Mückebold

Mückchen, Mückchen, Dünnebein,

Mückchen, laß das Stechen sein,

Stechen tut ja weh!

Mückchen, Mückchen, weißt du was:

beiß doch in das grüne Gras,

beiß doch in den Klee!

Das Scherchen

Schnipsel, schnipsel, Scherchen,

schneid mir ein Gewehrchen;

21schieß ich mir ein Häschen tot,

brat's dem Kind zum Mittagbrot.

Die Schnitzel fliegen zum Fenster hinaus

durch den Sonnenschein in des Gärtners Haus;

der hat seine Freude dran,

oder guckt sie gar nicht an,

oder streut sie in den Wind,

oder schenkt sie seinem Kind—

schnipsel, schnipsel, Scherchen— —

Geschichtchen vom Winde

Wer kommt dort angeflogen?

Das ist der Wind.

Der Wind ist ungezogen,

er bläst dem Kind

unters Röckchen,

an die Söckchen,

um die Ohren, an die Nase;

solch Geblase!

Ganz zerfleddert und zerzaust

kommt Rumpumpel angesaust;

und hustet

und prustet,

22das arme Tröpfchen,

und steckt sein Köpfchen

in Mutters Schoß.

Und weißt du, warum der Wind so getollt?

Rumpumpel sollt zu Bette gehn, und hat nicht gewollt.

Anziehliedchen

Wer strampelt im Bettchen?

versteckt sich wie 'n Dieb?

Das ist der Rumpumpel,

den haben wir lieb.

Was guckt da für 'n Näschen?

Ein Bübchen sitzt dran.

Das ist der Rumpumpel,

den ziehn wir jetzt an.

Erst wird er gewaschen,

vom Kopf bis zur Zeh;

er weint nicht, er greint nicht,

denn es tut ja nicht weh.

Schnell her mit dem Hemdchen:

da schlüpfen wir fein,

erst rechts und dann links,

in die Ärmelchen 'rein.

23Fix an noch die Strümpfchen,

fix an auch die Schuh;

kommts Händchen, schnürts Bändchen,

schon sind sie zu.