ANSPRUCHSLOSE
GESCHICHTEN
VON
P. HANN
LEIPZIG 1891
A. G. LIEBESKIND.
Druck von W. Drugulin in Leipzig.
INHALT.
| Seite. | |
| Sein bedeutender Freund | [1] |
| Kein Schwan | [29] |
| Ein Aprilscherz | [51] |
| Beim Ehestiften | [87] |
| Im Herbst | [113] |
| Brennende Liebe | [145] |
| Ein Unglücksmensch | [169] |
| Unkraut am Wege | [189] |
| Herbstblätter | [211] |
| Schwiegermütterchen | [255] |
| Das Pflegetöchterchen | [281] |
SEIN BEDEUTENDER FREUND.
Wie Alles auf dieser mangelhaften Welt, hat ein bedeutender Freund eine Licht- und eine Schattenseite; aber Rudolf Müller sollte von rechtswegen heute bloss die erstere anerkennen: Aus der Ferne schallt abgedämpfter Walzerklang, das Rascheln und Knistern seidener Ballkleider herüber, – und er tanzt nicht. Im Nebenzimmer rufen begeisterte Skatbrüder ihr Grand Solo mit Matadoren aus, – und er kann eine Karte von der anderen kaum unterscheiden. Die grosse Gesellschaft, in die er, Dank seiner Verwandtschaft mit der Hausfrau, gerieth, würde ihm die unverfälschtesten Tantalusqualen bereiten, wenn er seinen bedeutenden Freund nicht hätte. Diesem allein, und nicht etwa den eigenen bestechenden Eigenschaften, – Niemand sollte das besser wissen als Rudolf Müller selbst, – verdankt er es, dass er mit der schönsten, liebenswürdigsten Dame der Gesellschaft, – nein, der Welt! – in einem Glaskasten plaudern darf, der auf den stolzen Titel Wintergarten Anspruch erhebt und mit Palmen, Gummibäumen und blühenden Azaleen so vollgestopft ist, dass ausser dem Bänkchen, auf welchem Else Friedjung sitzt, und einer Handbreit Raum, auf welcher er steht, kein Platz für etwaige Eindringlinge wäre. Seit dreiviertel Jahren betet er die junge Dame an, aber leider aus gemessener Entfernung, denn für einen mit dem Laster der Bescheidenheit behafteten Menschen giebt es keine Möglichkeit, sich durch die dreifache Reihe von schwarzen Fräcken durchzuwinden, die beständig das schöne, lebhafte Millionärskind umschliesst, wie die Midgardsschlange die Weltesche. Aber vor etwa einer halben Stunde hat ihm seine Cousine zugeraunt:
»Else Friedjung wünscht, Dich kennen zu lernen, Du Glückspilz, versteht Du, sie wünscht es.«
Ob er versteht! Wenn er sich noch nicht die Karte »ami de Beethoven« drucken liess, so liegt dies bloss daran, dass er noch ein Weilchen warten will, bis ausser dem niedlichen Einacter, der vor etwa vierzehn Tagen im Hoftheater aufgeführt wurde, auch noch die anderen unsterblichen Werke erschienen sind, mit welchen sein bedeutender Freund heute oder morgen, bis er in der richtigen Stimmung dazu ist, die Welt aus den Angeln heben und sämmtliche Classiker, Romantiker und moderne Theaterdichter in das Nichts zurückschleudern wird.
Das schöne Mädchen wies ihm auf der eng beschriebenen Tanzkarte eine leere Stelle. »Ich habe den Walzer für Sie aufgespart, Herr Müller«, sagte sie liebenswürdig.
Er ballte die Faust, – in Gedanken natürlich, – gegen den Tanzmeister, der ihn als hoffnungslosen Fall aufgegeben; aber Elsen Friedjung stand der Sinn nicht nach Tanzen. In all ihrer Anmuth, die dem armen Jungen den Kopf vollständig verdreht hat, erhob sie sich, legte die Hand auf seinen Arm und liess sich von ihm in die Tropenlandschaft führen. Selbst das tugendhafteste Mauerblümchen entdeckte nichts Ungehöriges darin; ein heimliches Zwiegespräch mit Rudolf Müller gehört zu den Dingen, die Jede begreift und Jede entschuldigt. Es ist nicht die geringste Gefahr dabei; nicht dass er etwa abschreckend hässlich, oder unerlaubt dumm wäre, oder auf dem grossen Theater eine allzu verächtliche Lampenputzerrolle spielte, – verständige Papas unverständiger Töchter schätzen ihn als tüchtigen, aufstrebenden Kaufmann, – aber sein bedeutender Freund, der einen Schatten wie der Kölner Dom wirft, lässt ihn pygmäenhaft klein, ja zu Zeiten mit freiem Auge gar nicht wahrnehmbar erscheinen.
Else Friedjung liess die Stäbe ihres Fächers durch die Finger gleiten und heftete die Augen auf dieses Spiel.
»Ich höre, Sie sind mit Doctor Engelbert Holstein näher befreundet«, fing sie in leichter Verlegenheit an.
Rudolf knickte innerlich zusammen. Die leise Hoffnung, die ihn trotz aller Erfahrungen umschmeichelt, liess ihre Flügel kläglich hängen und er bereitete sich für die Antworten vor, die er, zum beliebigem Gebrauch bei jedem Tête-à-tête auswendig gelernt:
»Wir wohnen beisammen.« (Und eine recht vernünftige Theilung der Arbeit besorgen sie dabei, der Bedeutende bestrahlt mit seinem Ruhm das elegante Junggesellenheim nahe dem Thiergarten, und Rudolf Müller bezahlt es; doch diese intimen Details gehören nicht hierher.) »Er wird kommenden November 24 Jahre alt.«
»Sein Geburtstag fällt sechs Tage später als der Schiller's« (Die gestickten Schreibmappen, Federwischer, Cigarrentaschen, die diese Enthüllung in die Welt gesetzt, lassen sich kaum zählen.) »Er ist vollständig unverheirathet.«
Dann eine Verbeugung, und der junge Mann weiss, dass er aus den Gedanken seiner schönen Nachbarin fortgewischt ist, wie eine Null mit dem Schwamm von einer Rechentafel.
Aber Else Friedjung ist ein geistreiches Mädchen; sie bringt doch wenigstens einige Abwechselung in das grausame Spiel.
»Doctor Holsteins Name auf dem Theaterzettel rief mir eine Begebenheit, einen kleinen Roman, eigentlich nur den Anfang eines solchen, in's Gedächtniss zurück. – Meine Freundin, – meine beste Freundin erlebte ihn vor einem Menschenalter, es sind gewiss sieben Jahre her.« Rudolf richtete sich erwartungsvoll auf.
»Ich kann mit einigen Aenderungen die Eingangszeilen unseres besten deutschen Romans wiederholen: Westerode ist eine Stadt mit etlichen tausend Einwohnern, einem Gymnasium – und einer Heilquelle. Die etlichen Einwohner und das Gymnasium besitzt sie schon seit längerer Zeit, die Heilquelle wurde erst vor einem Jahrzehnt entdeckt.« Sie unterbrach sich, denn er machte eine Bewegung.
»Sie sprechen von meiner Vaterstadt,« sagte er, »ich bitte mit aufgehobenen Händen, verfahren Sie glimpflich mit ihrem Curort-Ehrgeiz.«
»Ihre Vaterstadt? Dann ist die Freundschaft zwischen Ihnen und dem Doctor wohl schon auf den Schulbänken geschlossen worden?«
Rudolf verbeugte sich bestätigend. Immer sein bedeutender Freund! Er ist ihm so anhänglich wie – er weiss selber keinen passenderen Vergleich – wie ein treuer, oft geprügelter Pudel, aber selbst ein solcher kennt Augenblicke, in welchen sein Herz ins Spiel kommt und er bei dem weissgelockten Gegenstand seiner Neigung etwas für sich selber vorstellen möchte.
»Ich habe Sie von Ihrer Erzählung durch meinen unzeitigen Einwurf abgelenkt,« murmelte er.
»O, ganz recht. Die Heilquelle trotzte zwar bisher standhaft jedem Analysirungsversuch, – so viel darf ich doch sagen, ohne ihr heimathliches Weltbad zu beleidigen? – dennoch wirkte sie Wunder in Reclamen und ärztlichen Anpreisungen. Meine Freundin, damals ein Backfisch mit etwas blässlichen Wangen, sollte, begleitet von einer ältlichen, unverheiratheten und etwas verschrobenen Erzieherin, das Wunderwasser trinken.«
Ihr Zuhörer sah auf, als schiesse ihm eine Erinnerung – aber keine sonderlich freudige – durch den Sinn.
»Es schmeckte abscheulich. So oft es unbemerkt geschehen konnte, goss sie es aus. Dessenungeachtet wirkte die Cur. Entweder war die Quelle so heilkräftig, dass man schon durch die Betrachtung des Geländers, das sie umgab, Farbe und Rundung der Wangen bekam, oder waren es die prächtigen Buchenwälder, die förmlich zum Thore der Stadt hereinwuchsen. Meine Freundin mochte das Letztere glauben und lief den grössten Theil des Tages auf den weltbadmässig gebahnten, mit Bänken besäeten Waldpfaden herum. Es war eine so schöne Abwechselung nach der vielstündigen Marter vor dem Piano und den Schulbüchern, die bisher ihre Tage ausgefüllt. Niemand störte sie; es stand ihr frei, sich als unumschränkte Besitzerin all' der Herrlichkeit zu betrachten, die, steil aufsteigend, das Städtchen umschliesst. Das übrige Curpublikum sammt der Ureinwohnerschaft steckte träge in Hausgärten oder auf Veranden, ihre Gouvernante im verdunkelten Zimmer, denn die gute Antoniette besass eine Leidenschaft, mit welcher ihre Pflichttreue einen aussichtslosen Kampf führte, sie dehnte ihr Mittagsschläfchen bis zum Abend aus, wenn Niemand sie weckte; und meiner Freundin war der Schlaf heiliger als Macbeth. Dreist erstreckte sie in drückender Nachmittagshitze ihre Spaziergänge immer tiefer in den Wald hinein. Da begegnete ihr einmal das Verhängniss in Gestalt eines jungen, hübschen Menschen mit flatternden Locken und blitzenden Augen. Er sass auf einer Bank, ein Notizbuch auf den Knieen, die Rechte schrieb eifrig, die Linke scandirte auf der Holzlehne. Bei dem plötzlichen Auftauchen meiner Freundin fuhr er in die Höhe, starrte sie an und lief spornstreichs den Berg hinab. Sie folgte ihm mit den Blicken. Wie er, musste, ihrer Ansicht nach, der junge Goethe in Frankfurt ausgesehen haben, nur blieb es freilich fraglich, ob er auch die scharlachrothe Burschenmütze sorgfältig mit einem schwarzen Ueberzug bedeckt hätte, bevor er in die Strassen der Stadt einbog, wie es der junge Mann that.«
»Unser Director,« warf ihr Zuhörer erklärend ein, »verfolgte das Burschenspielen im Gymnasium mit draconischer Strenge. Und Engelbert musste sich besonders hüten, dass Missfallen unseres Schulmonarchen zu erregen.«
»Meine Freundin traf ihn nun fast täglich im Walde, aber ihr fünfzehnjähriges Gewissen bohrte und nagte. Sie weckte Fräulein Antoniette am hellen Nachmittage. Die gute Seele schleppte sich keuchend die Waldhügel hinauf, bis zur ersten Bank, von welcher man gerade auf den Marktplatz hinuntersah. Dann empfahl sie ihren Geist dem Herrn, sank auf den Hochsitz und entschlief. Meine Freundin las im »Ekkehard«. Da, als sie zufällig aufblickt, steht, kaum zwanzig Schritte von ihr entfernt, ihr junger Goethe im vollen Glanz der unbezogenen Burschenkappe, einen Strauss poetischer Waldblümelein in den Händen und einen gewissen Was-frage-ich-um-die-Welt-Ausdruck im Gesicht, der ihr anzeigte, dass es heute mit gegenseitigem Anstarren, Rothwerden und Grüssen nicht sein Bewenden haben werde. Statt ihre regelmässig und laut athmende Begleiterin – ruchlose Menschen hätten behauptet, sie schnarche – zu wecken, that sie das Unvernünftigste, was sie begehen konnte, sie lief davon. In einigen Secunden hatte er sie eingeholt, ihr die Blumen überreicht und einen Strom sehr lauter, aber dennoch unverständlicher Bitten und Beschwörungen über sie ergossen. Bei ruhiger Rückerinnerung würdigt dies meine Freundin als den Ausfluss grünster Jugendlichkeit, damals jedoch erschien es ihr hochbedeutsam, erschütternd, sie bis zu den Regionen der langen Kleider und vollbeschriebenen Tanzkarten emportragend. Er drückte ihre Hände, dass sich die Stengel des Strausses ihren Handflächen einpressten und sie eher ein schmerzliches, denn ein beseligtes Gesicht zog. Plötzlich stürzte Antoniette, zum Bewusstsein und zu ihrer Verantwortlichkeit erweckt, herbei, riss das unflügge Nestkücken aus dem Griff des Falken, und wenn Worte und Blicke die Wirkung der Blitze hätten, so wäre er ohne Zweifel todt zu Boden gestreckt worden. In den Augen des alten Fräuleins schwoll die Kinderei zu einem ungeheuren Frevel, zu einem Vergehen gegen die Moral an; sie drohte mit Gericht und Polizei. Aber lag es an ihrem fragwürdigen Deutsch oder an den von Schlaf und Bestürzung übermässig gerötheten Zügen und den rollenden Augen, – ihr Zögling biss sich krampfhaft auf die Lippen, der junge Goethe, weniger vorsichtig, lachte ihr helllaut in's Gesicht, wodurch sich ihr Grimm selbstverständlich nicht verringerte. Nach einem Blick auf das junge Mädchen, der einen ganzen Band lyrischer Gedichte ersetzte, drehte er sich um und ging. Die Nachblickenden sahen ihn im Hause des Kaufmanns auf dem Markte verschwinden. Es war ihre letzte persönliche Begegnung, denn Fräulein Antoinette bewachte ihren Schützling wie ein geschwänzter Schatzhüter der Sage. Nur ein glühendes Gedicht von ansehnlicher Ausdehnung, Engelbert Holstein unterzeichnet, gelangte durch einen Liebesboten, dessen Hauptkennzeichen Wasserscheu, durchstossene Ellbogen und vorwitzig in die Sonne hinausguckende Zehen waren, in die Hände meiner Freundin. Sie verwahrte es sorgfältig, Fräulein Antoinette hat nie etwas davon erfahren. Kaum eine Woche später verliessen sie das Weltbad. – Sie können sich vorstellen, wie überrascht und stolz meine Freundin war, als ihr jugendlicher Bewunderer sich plötzlich als Mann von Bedeutung entpuppte, von dem alle Welt spricht, dem man eine glänzende Zukunft vorhersagt.«
Das Gesicht des jungen Mannes trug einen sonderbaren Ausdruck.
»Wollen Sie mir erlauben, Ihrer rührenden Historie einen ganz unerwarteten Schluss anzufügen?« fragte er lachend, »Ueberraschungen sollen zwar den Werth eines literarischen Kunstwerkes nicht erhöhen, aber – arme Leute kochen mit Wasser.«
Else Friedjung blickte ihn verwundert an.
»Fräulein Antoinette klagte die erlittene Insulte der Badeverwaltung, den städtischen Behörden, dem Schulmonarchen und der Himmel weiss wem noch. Sie hatte den Frevler im Kaufmannshaus verschwinden gesehen. Hier hebt das tragische Verhängniss an, das Factum, das dem griechischen Trauerspiel zu so hoher Wirkung verhalf und vom modernen Fürwitz sammt den Göttern aus der Flugmaschine in die dramatische Rumpelkammer verwiesen wird: das Kaufmannshaus beherbergte ständig nur einen Gymnasiasten mit je nach den Verhältnissen scharlachfarbener oder schwarzbezogener Mütze. Freund Engelbert stellte sich nur strichweise ein; an jenem denkwürdigen Nachmittage kam er, um mir etwas Immenses von seiner Leidenschaft, von Drachen und lieblichen Waldfräulein zu berichten. Ich lauschte mit offenem Munde, nicht ahnend, was die Götter über mein schuldloses Haupt verhängt: Ein gewaltiger Aufruhr erhob sich. Ich hatte nicht nur den untadelhaften Ruf unseres Gymnasiums durch eine sittenlose Ausschreitung befleckt, ich schädigte auch den aufstrebenden Curort, wie der Mehlthau die grünen Bäume. »Wenn junge Galgenvögel die Curgäste im Walde straflos überfallen dürfen – denn bis zum Überfall war man, Dank Fräulein Antoinettens Beleuchtung des Ereignisses, gediehen, – dann werden sie der Heilquelle den Rücken kehren, und Westerode bleibt bis an's Ende aller Dinge eine Stadt mit etlichen Einwohnern und einem Gymnasium.« Als die Wogen sich legten, fand ich mich auf den Strand geworfen: Unter einem beträchtlichen Aufwand von Jüngsten-Gerichtposaunen war ich aus dem Gymnasium gestossen worden, damit nahm meine etwaige gelehrte Laufbahn ein vorzeitiges Ende. Wenn Sie ahnten, mein Fräulein, was für ein grosser Mann in der Knospe geknickt ward! Meine Mutter behauptete es, und sie musste es wissen, denn Niemand kannte mich genauer als sie. Ich erzeugte in meiner Dachkammer Schwefelwasserstoff und ähnliche Parfüms in einem Alter, wo andere Knaben einander die Stirnen voll Beulen schlagen. Wehe Liebig! prophezeite meine Mutter. Ich verwendete den Spiritus aus ihrem Schnellsieder und ihre Einmachgläser für alle Arten von Reptilien, fing Schmetterlinge, lief in der ärgsten Sonnenhitze mit einer grünen Blechbüchse herum, um Pflanzen mit Wurzeln und Erdreich auszureissen; nur Uebelwollende konnten leugnen, dass in mir die Keime zum Naturforscher lagen. Ich sammelte rostige Messer, grünspanbezogene Kupfermünzen, auf meiner Dachkammer fand eine zerschlagene Ofenfigur, der unvermeidliche Knabe mit dem Muschelkorbe, einen geehrten Platz, der künftige Archäologe war fertig. Und als ich in wilder Knabenzeit die Ruchlosigkeit beging, einer Katze den Schwanz abzuschneiden, erklärte meine Mutter, dies sei die liebste Beschäftigung aller grossen Chirurgen in ihrer Kindheit gewesen. Und nun sollte ich, ein so vielerlei versprechender Jüngling, lange Zahlenreihen addiren und meines Vaters Kunden Schnupftabak und Rosinen verkaufen. Es war herzbrechend.«
Das wohlwollend-überlegene Lächeln, mit dem Else gleich allen jungen Damen seiner Bekanntschaft ihm gegenübergesessen, war schon seit einer Weile von ihren Lippen gewichen. Sie blickte ihn an, als hätte ein geschickter Taschenspieler die dunkle, unscheinbare Gestalt verschwinden lassen und an ihrer Statt einen anderen Rudolf Müller in bengalischer Beleuchtung, mit ganz ungeahnten Tugenden und Vorzügen ausgerüstet, auf die Handbreit Raum zwischen Palmen und Azaleen hingestellt.
»Und wo blieb Ihr Freund?« fragte sie mit zusammengezogenen Brauen, eine rothe Zornwelle im reizenden Gesicht. »Wie konnte er Sie, den Unschuldigen, die Last tragen lassen! Es ist abscheulich! Ich hatte eine hohe Meinung von ihm, aber jetzt verachte ich ihn. Sobald ich nach Hause komme, verbrenne ich sein Gedicht!«
Rudolf blickte sie betreten an. Auf diese Wendung war er nicht gefasst gewesen. Dass man an einen bedeutenden Menschen denselben Massstab legen könnte, wie an gewöhnliche Muttersöhne, war ihm nicht eingefallen. »Judas Ischarioth!« flüsterte er sich zu. »Verurtheilen Sie ihn nicht!« bat er und setzte sich in seiner Rathlosigkeit zu ihr auf das Bänkchen, das wirklich nur für zwei schlanke Menschen Raum bot. »Seine Laufbahn stand auf dem Spiel, und bei ihm handelte es sich um mehr, als bei solch einem Dutzendmenschen, wie ich bin. An seinen Schöpfungen werden sich noch Tausende erfreuen, wenn von mir längst keine Spur mehr vorhanden sein wird.«
»Ich glaube nicht mehr an seine Zukunft,« versetzte Else mit der Energie einer bekehrten Heidin, die soeben ihren Thongötzen in Stücke zerschlagen hat, »ein charakterloser, schwacher Mann wird nie ein grosser Mann. Auch ist mir unverständlich, wie die Ungnade einer kleinen Stadt und selbst die Ausschliessung aus ihrer Schule seine Laufbahn zu zerstören vermocht hätte.«
»Wenn Sie sein Gemüth, das jede Widerwärtigkeit niederdrückt, und seine Verhältnisse kennten, dann würden Sie begreifen, dass es sich wirklich um seine Zukunft handelte,« erwiderte Rudolf, Angstschweiss auf der Stirn. »Weitläufige Verwandte hatten murrend und widerwillig die Schnüre ihres Beutels geöffnet, um ihn studieren zu lassen. Der Skandal, der seine Ausschliessung begleitet hätte, wäre ihnen ein willkommener Anlass gewesen, ihm ihre Unterstützung zu entziehen. Mit dieser schlossen sich vor ihm die Thore der Universität, die Grundlagen wissenschaftlicher Schulung, ohne welche sein Schaffen dilettantisch bleiben musste.«
Aber Else, statt sich zu der Höhe seiner Auffassung aufzuschwingen, hielt eigensinnig an ihrer Meinung fest.
»Selbstsüchtig Ihre Zukunftspläne zu zerstören, o, es war feige, es war schlecht!«
»Mein theueres Fräulein,« rief der junge Mann und rückte so nahe an sie heran, dass die Blattpflanzen, die sich als spanische Wand zwischen ihnen und dem Nebenzimmer erhoben, als Segen der Vorsehung erschienen. »Sie fassen die Geschichte viel zu tragisch auf. Das Unglück für Menschheit, Vaterland und mich selber ist wahrlich zu ertragen, wenn statt eines mässig begabten Doctors ein an Erfolgen nicht ganz armer Kaufmann in der Welt herumläuft.«
»Davon spreche ich nicht. Glauben Sie etwa, dass ich Ihren Beruf gering schätze?« vertheidigte sich Else eifrig, »mein Papa war auch Kaufmann und lehrte mich, seinen Stand hochhalten. Vielleicht schlug Antoinettens Bosheit – ich werde ihr nächstens meine Meinung sagen! – Ihnen sogar zum Glück aus; aber das entschuldigt ihren Freund nicht. Sie müssen in ihrem heimathlichen Neste – verzeihen Sie, im Weltbad Westerode – wie der verlorene Sohn angesehen worden sein.«
»Was schadete mir das? Ich hörte Predigten von unerlaubter Länge, sah wolkenverhängte Gesichter, bekam etliche Wochen Zimmerarrest; es hat mir, wie Sie sehen, den Humor nicht verdorben.«
»Es war im Sommer, und der Wald so nahe,« sagte Else bedauernd.
»Vergessen Sie nicht, dass auf meine Dachstube erhabene Gefühle zu Besuch kamen: Ich schützte meinen Freund, siehe die Bürgschaft; ich erlitt unverschuldetes Uebel, siehe die christlichen Märtyrer; ich fiel als Opfer für das Gedeihen meiner Vaterstadt, ein – allerdings etwas passiver – Curtius. – Ihr Antheil ist mir unendlich werthvoll, werthvoller als Sie denken, doch nein, Sie wissen ohne Zweifel, dass Sie mir die Verkörperung alles Schönen, Liebenswürdigen, Begehrenswerthen sind – allen Mädchen sagt es ihr Seherblick, wenn sie sich ein Männerherz unterjochten –, aber so glücklich mich Ihre Theilnahme auch macht, meine kleinen Leiden von damals verdienen sie nicht.« Er stockte; mit leiser Stimme hub er wieder an. »Der Gedanke, dass ich das Herrlichste, was mir das Leben gewähren könnte, Ihre Freundschaft, dem Ausnützen einer von mir selbst geschaffenen Gelegenheit, einer Indiscretion verdanken sollte, wäre mir unerträglich.«
Sie sah ihn mit seltsam schimmernden Augen an.
»Es ist zwar gegen alle Lehren Antoinettens, aber zuweilen überfällt mich ein förmlich krankhafter Drang, die Wahrheit herauszusagen und so mögen Sie denn nur wissen« – sie erhob sich schnell, der Walzer war längst zu Ende, ihre Tänzer traten suchend in die Thüre des Spielzimmers. Zurückgewendet sprach sie hastig, über und über erglühend, »mir ist es nicht viel anders gegangen als dem glücklichen Sohne des Kiss, ich bin ausgezogen, um Kunde von einem bedeutenden Mann zu hören, und fand einen echten Mann. Ich bin ein Sonntagskind, wissen Sie das?«
Damit war sie entschlüpft; er blickte ihr nach und machte das närrisch beseligte Gesicht, das jeder Sterbliche nur einmal im Leben zieht.
Das Zwiegespräch unter Palmen hatte selbst für ein Tête-à-tête mit dem Freunde eines bedeutenden Mannes zu lange gedauert, um nicht Anlass zu verschiedenartigen Randbemerkungen über den Fächer hinüber zu geben. Aber die Gesellschaft gewöhnte sich durch zahlreiche Wiederholungen daran, Herrn Rudolf Müller mit Fräulein Else Friedjung in allerhand Ecken und Winkeln der Ballsäle erschöpfende, tiefe und für Fernstehende nicht allzu interessante Gespräche führen zu sehen. Man wollte bemerken, dass er dem abnehmenden Monde glich, wenn sie nicht da war und dass sich eine Wolke der Verstimmung auf ihre Stirn lagerte, wenn er fehlte. Zuletzt verschwanden sie wochenlang spurlos aus ihrem Bekanntenkreise, und als die Lösung in Gestalt weisser Kärtchen erschien, bildete sie nicht einmal das bekannte Neuntagswunder. – Rudolf verdankt seine Braut eigentlich doch nur seinem bedeutenden Freunde. Als dieser dem schönen Mädchen vorgestellt wurde, erkannte er in ihr seine »unvergessliche« Jugendliebe, über deren Verlust ihn alle später besungenen Vertreterinnen edler Weiblichkeit nur scheinbar getröstet hatten. Sie war das Weib seiner Träume, das Rudolf ihm geraubt. Selbstverständlich kann ihm Niemand die Ueberzeugung nehmen, dass er eine Schlange an seinem Busen gehegt habe, schnöde missbraucht und verrathen worden sei. Rudolf Müller mag nur zusehen, wie er mit der Nachwelt, die Engelberts Tagebücher lesen wird, zurecht kommt! Ich gebe seine Sache verloren!
KEIN SCHWAN.
»Was hilft vortreffliches Beispiel, tadellose Erziehung, wenn der angeborene Hang den Menschen in den Schlamm hinabzieht!« schrie Fräulein Möller, die Vorsteherin des berühmten Damenpensionats in Dresden, roth vor Zorn, aber selbst im höchsten Affect die Gewohnheit, in Sentenzen zu sprechen, beibehaltend. »Ein hässliches Mädchen zu hüten, ist schwerer, als alle Herkulesarbeiten zusammen«, (Fräulein Müller hat übrigens noch keine probirt), »denn die Stummen wollen am meisten sprechen, und die Tauben machen die lauteste Musik.«
Das war ein Strafgericht! Der bewusste Feuerregen, der sich über Sodom und Gomorrha ergoss, muss dagegen ein angenehmes Nachmittagsvergnügen gewesen sein.
Die Mädchen aus der obersten Klasse blickten schaudernd auf einen schwarzen Punkt.
Der schwarze Punkt war ich!
Ich habe niemals besondere Lust gehabt, der Urkraft (von der Professor Henkel so dunkel und gelehrt zu reden wusste, dass uns nach jedem Vortrag in der Naturkunde eine Hammerschmiede in den Köpfen arbeitete) in ihre Töpfe zu gucken, aber was sie eigentlich im Sinne gehabt, welchen Zweck sie verfolgt, als sie den erwähnten schwarzen Punkt in der obersten Klasse des Pensionats geschaffen, das möchte ich gar zu gern wissen. Sie muss keinen Zierrath beabsichtigt haben, sonst hätte sie mich mit irgend einer Eigenschaft ausgerüstet, die den Augen des Beschauers wohlgefällig erscheint, keine Säule an ihrem Bau, sonst hätte ich nicht seit meiner frühesten Kindheit das Bewusstsein vollständiger Ueberflüssigkeit mit mir herumgetragen. Wenn ich heute die Augen schloss, dann wurde keine Wimper nass, keine stecknadelkopfgrosse Lücke entstand, nein, ich war zu keiner stützenden Säule bestimmt, denn ich war keinem Menschen auf Erden unentbehrlich. Halt, doch Einem! Und das bringt mich wieder in meine Klasse und in das Strafgericht zurück.
Hätte ich zärtliche Eltern gehabt, wie die anderen Mädchen, oder wäre ich hübsch und liebenswürdig gewesen, dann hätte Fräulein Möller mir eine Privatvorlesung im Allerheiligsten ihres Arbeitskabinets gehalten, und die ganze Klasse hätte sich nicht an den Weisheitssprüchen erbauen dürfen. Das Pensionat war zwar ob seiner Tugend und Sittenstrenge berühmt, aber durch die Thürritzen hatte der Klatsch doch die Kunde von Lieutenantsbriefen und darauf folgenden Thränen und Sentenzen in Fräulein Möller's Privatgemach getragen. Aber zwischen Julie von Minkwitz und mir war ein kleiner Unterschied. Als sie in die Schule eintrat, bat man um Nachsicht und Güte für das liebe Mädchen, während meine Mama nur von vulgären Neigungen sprach, die mir angeboren und streng im Zaum zu halten seien.
Meine Pflegeeltern haben viel für mich gethan, sie liessen mir eine Erziehung geben, als wäre ich wirklich eine der ihrigen und bestimmt, mit anmuthigem Flügelschlag durch ihre vornehmen Gesellschaftskreise zu schweben. Aber als ich in das berühmte Pensionat kam, hatte ich, damals noch ein halbes Kind, die Ueberzeugung, ich werde aus dem Hause entfernt, damit Robert und Lili nicht von meinen vulgären Neigungen angesteckt würden. Da diese mir angeboren waren, liessen sie sich nicht ausrotten, trotz der heilsamen Strenge, die angewendet ward. Dafür waren aber auch der ehemalige Kutscher und die ehemalige Kammerjungfer von Papa und Mama mein Vater und meine Mutter. Sie starben beide während einer Epidemie; ich kann mich ihrer kaum erinnern, denn ich zählte erst vier Jahre, als mich das unersetzliche Unglück traf. Unersetzlich – wiewohl Papa und Mama, die in kinderloser Ehe lebten und längst daran gedacht hatten, eine Waise an Kindesstatt anzunehmen, mich in ihr leeres grosses Haus nahmen. Auch an ihr Herz? Vielleicht. Ich habe nur dunkle Erinnerungen an die ersten Jahre im Hause meiner Pflegeeltern. Aber mir schwebt vor, als habe Mama mit ihren eigenen weissen, feinen Händen mich zuweilen in schöne gestickte Kleidchen gehüllt und sei am Abend, wenn sie keine Gesellschaft hatte, an mein Bett getreten, um mich ein kurzes Kindergebet zu lehren. Und Papa hob mich im Sommer, den wir stets auf seiner Besitzung an der Elbe verlebten, in die Zweige der Kirschbäume empor, damit ich mir mit meinen Kinderhänden – sie waren leider immer von ansehnlicher Grösse – die rothen Herzkirschen pflücke. Ich vermuthe, dass ich mich damals von anderen Kindern wenig unterschied. Vielleicht hatten die häufigen Lobsprüche, die ich erhielt, ein gewisses kindliches Pharisäerthum in mir grossgezogen. Mit ausgesprochenem Grauen betrachtete ich den schmutzigen wilden Burschen des Pächters. Der Knabe war nur etwa fünf Jahre älter als ich und kam täglich mit zerrissenen Kleidern und zerschlagenem Gesicht nach Hause, so dass seine Mutter kläglich prophezeite: »Wenn der Junge erwachsen ist, läuft er ohne Nase in der Welt umher.«
Meine angeborenen Neigungen schlummerten noch unentdeckt in meiner Brust. Sie haben sich erst später entwickelt. Und ich kann mit Bestimmtheit angeben, wenn das geschah.
Papa und Mama waren überselig. Der Erbe, den sie nicht mehr erhofft, lag schreiend in seiner Wiege. Das ganze Haus ging auf den Zehenspitzen. Die Dienstleute hatten anderes zu thun, als sich um mich zu kümmern, die sie wohl stets im Stillen als in die Gesindestube gehörig betrachtet hatten. Es war im Sommer. Hinter Papas Schlösschen zog sich der grosse Park, von einer alten Steinmauer umschlossen, hin. Daran stiess die Pächterwohnung mit den Wirthschaftsgebäuden. Im Park war es langweilig. Ich reckte mich auf den Zehen empor und klinkte ein Seitenpförtchen auf, um auf Entdeckungen auszuziehen. Ich brauchte nicht in die Ferne zu schweifen, das Gute in Gestalt eines Ententümpels lag vor mir, und Balthasar (er heisst wirklich Balthasar, möglicherweise verschärft dies sein Vergehen in Fräulein Möllers Augen) warf Steine in das grünlich schmutzige Wasser. Vor einigen Wochen hätte ich vermuthlich mein weisses Kleidchen zusammengenommen und wäre mit dem stillen Gedanken: »wohl mir, dass ich nicht bin wie dieser,« aus der vulgären Welt, in der Hühner scharrten, Gänse gackerten und Enten auf schmutzigem Tümpel schwammen, in die vornehme Abgeschlossenheit des Parks zurückgewichen; aber man liess mich nun viel allein, und ich langweilte mich. Und so trat ich näher und sagte:
»Du, das kann ich auch.«
Der schmutzige Bursche starrte mich verdutzt an, aber ich imponirte ihm nicht lange, denn als ich den ersten Stein warf und er mit einem Plumps versank, ohne wie die Wurfgeschosse Balthasars über das Wasser Kreise ziehend, hinzutanzen, lachte er mich aus. Doch zeigte er mir gleich darauf die Handgriffe. Das Wasser spritzte nach jedem Wurf hoch auf, und als mich nach geraumer Zeit der Gärtner entdeckte und das verirrte Schäflein heimgeleitete, triefte ich von Nässe. Die Folge davon war ein heftiger Schnupfen, der mir die Augen thränen, die Nase aufschwellen, das ganze Gesicht, wie Papa (leise zu Mama aber von mir dennoch gehört) bemerkte, dem seines ehemaligen Kutschers ähnlich machte. Mama gerieth in Todesangst, ich könnte meine Erkältung dem »Kinde« mittheilen und so blieb ich aus ihrer und Roberts Nähe wochenlang streng verbannt. Ich müsste lügen, wenn ich behauptete, ich hätte meine Acht besonders schwer empfunden; denn in diese Zeit fielen meine Herumstreifereien mit meinem neuen Freunde, der mich zu Haselbüschen führte und mir zeigte, wie man die Nüsse mit den Zähnen aufbiss. Seit damals war ich vulgär. Je grösser Robert wurde, desto schlimmer trat meine Erbsünde zu Tage. Ich steckte beständig mit Balthasar zusammen und wurde einmal im Kuhstall ertappt, das anderemal aus den höchsten Zweigen eines Birnbaumes herabgeholt. Balthasar war ein rührend treuer Kamerad. Das prächtige Obst, das er in Papas Garten gemaust, theilte er gewissenhaft mit mir, und (wer zweifelt noch, dass ich das vernichtende Urtheil meiner Pflegeeltern verdiente!) es schmeckte hundertmal besser in einem Winkel der Scheune, als von den Krystallschalen an der Tafel.
Mama und Papa, die meinen unpassenden Verkehr missbilligend bemerkten, hofften, der Winter werde ihm ein Ende bereiten. Unterbrochen wurde die Freundschaft, aber jedes Frühjahr knüpfte sie fester. Damals wusste ich mir keine Rechenschaft darüber zu geben, was mich zu Balthasar und seinen braven, tüchtigen Eltern hinzog, aber heute ist mir's klar, dass es nicht bloss die ererbte Vorliebe für vulgäre Gesellschaft war, sondern die Thatsache, dass ich jenseits der Gartenmauer etwas galt und gut gelitten war, während ich dieseits kalt übersehen oder getadelt wurde. Allerdings als zwei Jahre nach Robert die kleine zarte Lilli zur Welt kam, besserte man nicht mehr an mir herum und liess mich treiben, was mir gefiel, bis ich alle Grenzen des Erlaubten überstieg. Ich zählte vierzehn Jahre und sollte bei Lilli's Gouvernante die Lücken in meiner Bildung ausfüllen. Statt dessen lief ich tagaus tagein zur Pächtersfrau hinüber. Sie war einsam; ihr Abgott Balthasar befand sich auf einer landwirthschaftlichen Schule. Ich ging ihr in Küche und Maierei zur Hand, butterte, streute dem Geflügel das Futter, knetete und buck ordinäres schwarzes Brod. Wurde ich entdeckt, dann sah ich ein, dass mein Vergehen zum Himmel schrie. Ueberhaupt war ich in Gegenwart von Papa, Mama, Robert und Lilli meist in so bussfertiger, zerknirschter Armensündenstimmung, dass es mich gar nicht Wunder nahm, wenn mich alle für feige, unaufrichtig, lakaienhaft hielten. Die geringschätzigen Bemerkungen, die kalten Blicke daheim drückten mein Selbstgefühl herab, ich begann, mich für einen dunkeln Flecken auf dem sonnigen Familienbilde zu halten, für eine Art von Schlagschatten, der die Vortrefflichkeit und feine Ausführung der anderen Schöpfungswerke gebührend hervorhob, sich aber nichtsdestoweniger ziemlich überflüssig dünkte. Die Andern mochten dasselbe finden; ich wurde Fräulein Möller ausgeliefert. Sie sollte den letzten Versuch machen, mein ererbtes Uebel zu kuriren. Seit zwei Jahren bin ich nicht einmal in den Ferien nach Hause gekommen. In der ersten Sommervacanz, während ich mit meinem baumlangen Kameraden Pflanzen und Steine suchte, kam Miss Burton, Lilli's Gouvernante, auf die Idee, ein geheimes Einverständniss bestehe zwischen mir und dem lieben, langen, unbeholfenen Jungen. Und so erfloss das Verbot meiner Heimkehr, und während die anderen Mädchen in die Berge, an die See in den Sonnenschein hinauszogen, sass ich wie ein Sträfling hinter den Mauern des verstaubten Pensionsgartens. Nächstes Jahr durfte ich wohl Papa und Mama besuchen, denn (ich konnte meine Thränen nicht zurückhalten, wiewohl die ganze Klasse mich spöttisch betrachtete) Balthasar sollte nicht mehr als Schlange im Paradies lauern. Der Bruder seiner Mutter war kinderlos verstorben und hatte ihm ein hübsches Gut in Pommern hinterlassen. Er hatte es mir geschrieben und mich gefragt, wann er mich sehen könne. Mama und Papa, welchen er einen Abschiedsbesuch gemacht, hätten ihm die Bitte, mir vor seiner Abreise die Hand drücken zu dürfen, rundweg abgeschlagen. Ich dürfe meine Studien nicht unterbrechen. Du lieber Gott, als ob nicht Hopfen und Malz an meiner Wasserfarbenmalerei, meinen Chopin'schen Nocturno's und Stickereien in Seide und Chenille verloren wären.
Dieser Brief, der erste heimliche Brief in meinem achtzehnjährigen Leben, fiel einer Aufseherin in die Hände, und ich hörte Sentenzen vor der ganzen Klasse über mein unpassendes Benehmen. Zuletzt wurde mir verboten, das Haus zu verlassen. Wie ein Häuflein Unglück sass ich in meinem Zimmer und bekam zu meiner übrigen Schönheit vom Weinen rothe geschwollene Augen.
Vermuthlich verdankte ich es meiner vulgären Neigung, dass ich unter all den Gewerbsleuten der Schule warme Freunde hatte.
Meine Antwort an Balthasar hatte die Bäckerstochter bestellt, und nun wartete er ohne Zweifel in dem windschiefen Gartenhäuschen an der Mauer, in welches er sich, dank seinen früh erworbenen Kletterkünsten, leicht genug hinaufzuschwingen vermochte. Ich aber war gefangen, und wenn auch nicht in Banden, so doch durch eine gut und sicher verschlossene Thüre von der Aussenwelt getrennt, denn zu diesem äussersten Mittel hatte Fräulein Möller gegriffen, da ich mich nicht dazu verstehen wollte, meinen Verzicht auf eine Zusammenkunft mit meinem Jugendfreunde zu versprechen.
Mein Zimmer lag eine Treppe hoch, aber das Haus war niedrig, und unter meinem Fenster befanden sich ein paar kümmerliche Blumenbeete. Ich würde weich fallen. Natürlich würden die zerdrückten Blumen meinen Frevel morgen aller Welt verkünden, aber ich war in einer Stimmung, so verzweifelt und aufgeregt, dass mich keine Bedenken abhielten. Mit Balthasar ging meine glückliche Kinderzeit von mir. Ohne Abschied liess ich den einzigen Menschen, der mich an's Herz geschlossen, nicht von dannen ziehen.
In minder verlockender Gestalt ist wohl noch nie eine junge Dame bei einer heimlichen Zusammenkunft erschienen. Die weiche, von Regen getränkte Erde des Gartens hatte sich in rührender Anhänglichkeit meinem Kleide mitgetheilt, ich hinkte, denn ich hatte mir bei dem Sprung den Fuss verstaucht, und zum Ueberfluss fing ich noch laut zu weinen an, als bei dem Schein einer Laterne, die in dem Gässchen hinter dem Gartenzaun brannte, mein Jugendfreund in dem windschiefen Gartenhäuschen vor mir auftauchte.
Er hatte mit seiner grossen, ehrlichen Rechten meine Hand gefasst und begann mir mit der Linken unbeholfen das Haar zu glätten. Und da ich dadurch nicht beruhigt ward, wollte er mich an sich ziehen. Aber ich machte mich los.
»Wir wollen nicht den geringsten Anlass zum Tadel geben. Wenn wir auch gezwungen sind, auf heimlichen Wegen zu gehen, so wollen wir uns doch benehmen, als wären Mama, Papa und Institutsvorsteherin zugegen.« Damit setzte ich mich auf die eine Seite des wackeligen Tisches und wies ihm den Platz mir gegenüber an.
»Doch wenn ich deine Hand nicht in meinen ungeschlachten Fingern halten kann, Jenni, dann weiss ich nicht recht, wie ich anfangen soll,« sagte mein langer Freund hilflos. Die freundliche Strassenlaterne fiel ihm gerade auf das Gesicht. Was für ehrliche, treue Augen er hatte und wie warm Einem um's Herz wurde, wenn man in sie hineinsah! Ich gab ihm meine Hand, und nun begann er:
»Du weisst wohl, dass ich ein Gut geerbt habe, Jenni, keine Herrschaft, aber ein ganz stattliches Bauerngut.« Dabei drückte er mir die Hand; aber da ich nicht wusste, wo er hinaus wollte (vielleicht wusste ich's auch und behielt es blos für mich), so wünschte ich ihm blos Glück. Es werde ihm gut thun für sich selber, auf seinem eigenen Grund und Boden zu arbeiten.
»Hm,« sagte er, stockte und fing mit einiger Anstrengung wieder an: »Zu solch' einer Farm gehört eine hübsche, junge Frau, Jenni.«
Das überraschte mich. Seine Mutter war ja noch so rüstig und würde ihm gewiss mit Freuden haushalten.
Aber ich wurde feuerroth, als ich diese passende Bemerkung murmelte und segnete die Strassenlaterne, in deren Schatten ich sass.
Er schüttelte den Kopf. Die Alten wollten nicht mehr wirthschaften. Sie hatten sich ein hübsches Sümmchen erspart und gedachten sich im Hause des Sohnes zur Ruhe zu setzen.
Und dann meinte er mit einem verlegenen Lachen, er wisse auch schon von einer Frau. Die Frage sei nur, ob ihr das Loos, das er ihr bieten könne, glänzend genug sei, sie habe bessere Aussichten. Aber ein treueres Herz fände sie sicher niemals und wärmere Liebe auch nicht.
Dabei blickte er mich so bittend an, und in seinem Gesicht lag solch' eine Sorge wegen der glänzenden Aussichten, dass ich ein Stück Holz hätte sein müssen, um länger an mich zu halten.
»Kein glücklicheres Loos kann es geben, als an Deiner Seite, Balthasar!« rief ich.
Und da zog er mich an sein treues Herz. Am liebsten hätte er mich, wie ich ging und stand über die Gartenmauer und zu seinen Eltern getragen, um alle Förmlichkeiten abzuschneiden. Aber ich konnte ihm den Gang zu Papa und Mama nicht ersparen, wenn er ihm auch vielleicht schlimmer erschien, als der Marsch in einem Kugelregen.
Er erzählte mir später, er hätte nie längere Gesichter gesehen als die ihren, nachdem er um meine Hand anhielt und, ihrem »Nein« zuvorkommend erklärte, wir seien einig.
»Mein Gott, wir können doch unser Adoptivkind nicht mit dem Sohn unseres Pächters verheirathen,« rief Mama, »was würde die Welt dazu sagen! Es würde heissen, wir hätten sie abgeschüttelt, weil wir nun eigene Kinder haben!« Und Papa hatte mit der schneidenden Ironie, mit der er mich so oft verwundet, eingeworfen:
»Lass' die Leute die Köpfe schütteln. Wir können ihnen antworten: Art lässt nicht von Art, und eine Ente wird durch das beste Beispiel, die sorgfältigste Erziehung nicht zum Schwan!«
Und so sitze ich im Tümpel. Im Ganzen ist mein Leben gar nicht übel, und ich tauschte nicht für die Welt den Schwanenteich zurück. Wenn ich jetzt zuweilen in den Spiegel blicke und mir ein frisches, gerundetes, glückliches Gesicht entgegengrüsst, dann möchte ich schier glauben, die Urkraft habe mich Anfangs doch zum Zierrath bestimmt und sei nur auf halbem Wege stehen geblieben. Aber Balthasar, der arme, verblendete Mann, hält mich thatsächlich für etwas ganz Kostbares und trägt mich auf starken, treuen Händen durch das Leben; und das ist eigentlich mehr, als solch' ein armselig graues Entlein beanspruchen darf.
EIN APRILSCHERZ.
Das Schelmen-Triumvirat nannte uns zur Zeit, als wir unsern wilden Hafer säeten, die Volksstimme in unsrer Künstlerstadt. Zweien von uns, dem Genremaler Karl Schönborn und meiner Wenigkeit, that sie damit entschieden zu viel Ehre an; wir waren keine ebenbürtigen Genossen, wir waren nur die Handlanger des dritten und spielten die Rolle Sancho Pansas, der ganz deutlich sieht wohin die Tollheit seines Meisters führt, und der ihm doch durch dick und dünn folgt. Ja, Ruppert Ahlfeld war unser Meister im Ersinnen toller Possen; wehe dem Menschenkind, das er sich zur Zielscheibe erkoren! Da war vor etlichen Jahren ein Jüngling von äusserst frommer Gemüthsart und tugendhaftem Wandel in unsern Bereiche aufgetaucht, den Blasengel hiessen wir ihn, wegen seines rundlichen, rosigen Gesichts und des goldblonden Gelocks, das ihm wie ein Glorienschein um den Kopf starrte; auf ihn stiess unser Anführer wie ein Fischadler auf einen fetten Karpfen nieder. Es hiess, Hugo Lichtner habe sich mit einem steinreichen Verwandten, der ihn zu seinem Erben machen wollte, entzweit, weil er um jeden Preis Stillleben malen musste. Ich bitte Sie – Stillleben! Wenn es Konradins Tod, oder Orest an der Leiche Klytemnestras, oder Judith und Holofernes gewesen wären, an welche Rupert in jugendlichem Grössenwahn beispiellos viel Farbe und Leinwand verschwendete, das hätte diesem Respeckt eingeflösst, aber sich enterben lassen, um grüne Gurken, einen Teller Trauben, ein Glas mit Goldfischen abzukonterfeien, das konnte er, der sich als Vertreter der grossen Kunst fühlte, dem armen Jungen nicht verzeihen. Für Lichtner hatte der erste April bald 365 Tage; kaum war er mit Mühe und Not einer Schlinge entronnen, dann stolperte er mit dem arglosesten, vertrauendsten Lächeln von der Welt in die zweite hinein.
»Kinder,« erklärte Rupert mit dem salbungsvollen Ton, den er zuweilen annahm, »wenn es uns gelingt, ihm die himmelblaue Binde über den Augen zu lockern, dann haben wir ein grosses Werk vollbracht und verdienen, dass auf unsern dereinstigen Grabsteinen die Worte »Wohlthäter der menschlichen Rasse« eingemeisselt werden.«
Aber unsre Bemühungen erschienen nicht von dem kleinsten Erfolg gekrönt, der Blasengel blieb leichtgläubig und arglos, als wäre er erst gestern aus den Wolken auf die sündige Erde niedergeflattert.
Einmal hatte er uns im Atelier aufgesucht, nachdem sich Professor P., unter dessen Anleitung unser Triumvirat damals arbeitete, in sein Allerheiligstes zurückgezogen. Da ging die Thür auf, und ein kleiner, abscheulicher Seidenpintsch sprang uns kläffend an die Beine. Jeder von uns wäre mit Vergnügen bereit gewesen dem Köter einen herzhaften Fusstritt zu versetzen, allein hinter ihm raschelte ein seidenes Frauenkleid, eine wunderhübsche, junge Dame mit blitzenden Zigeuneraugen, Wangen eines Pfirsichs und einem bezaubernden Stumpfnäschen kam in das Atelier, als hätte sie der Aprilwind hereingeweht, und statt des Fusstritts bückte sich jeder herab, um den Rücken des Scheusals zu tätscheln, das uns zum Dank dafür nach den Fingern schnappte.
»Ich wünsche, den Professor zu sprechen,« sagte das Fräulein mit einem Lächeln, das selbst einen Stein erwärmt hätte, »mein Name ist Ilona Balogh, Porträtmalerin aus Pest.«
Wir wussten schon von ihr. In den paar Tagen, die sie in unsrer Stadt verweilte, hatte sie der jüngeren Künstlerschaft (vielleicht auch der älteren, doch, davon schweigt des Sängers Höflichkeit) soweit sie in ihre Nähe gerathen, durch ihre Schönheit und ihre pikanten Einfälle die Köpfe verwirrt. – Dienstbeflissen stoben wir auseinander. Rupert schob ihr den pomphaftesten der Krönungssessel hin, ich breitete dem gräulichen Vierfüssler einen kostbaren, persischen Teppich unter, Karl Schönborn pochte an des Meisters Thür, – wie ich vermuthe nicht ohne Herzklopfen, da dieser, wenn er sich zurückgezogen, eine Störung nicht allzu freundlich willkommen hiess – nur Hugo Lichtner stand wie ein gemeisselter Engel da und starrte mit verzückten Augen auf die junge Dame.
Fräulein Ilona bemerkte es – sie hätte sonst auch stockblind sein müssen – und rückte ihren Stuhl, um sich dem Bereich seiner Blicke zu entziehen; doch auch jetzt mochte sie die hypnotisirten Augen auf sich gerichtet fühlen, denn sie schürzte die Lippen wie in gutmüthigem Spott.
Ich war wüthend. War dies unsre grüne Unschuld, unser keuscher Joseph, den wir trotz aller mephistophelischen Versuchung, und trotzdem die hübsche Nanni in unsrer Künstlerkneipe sich mehr als nöthig in der Nähe des seraphischen Blondkopfs zu schaffen machte, nie zu der geringsten Aufmerksamkeit gegen das schöne Geschlecht bewegen konnten? Fräulein Balogh musste annehmen, das die Czikos auf ihrer Pussta mehr Lebensart besassen, als ihre jungen Künstlerkollegen. Ein vergnügtes Grinsen, das sich über Ruperts Gesicht zog, dämpfte meinen Aerger. Was hatte er wohl wieder ausgeheckt, um Hugo das Leben zu verleiden? Soeben war der Professor in die Thür getreten und geleitete den gut empfohlenen Gast in sein Privatkabinett.
»Habt ihr bemerkt, wie sie den Posaunenengel angesehen hat, so – ergriffen, möchte ich es nennen?« fragte Rupert. Sein Augenblinzeln, dem bei mir, dem neben ihm Stehenden, ein leiser Stoss mit dem Fusse nachhalf, erleuchtete uns augenblicklich.
»Ja wohl, ja wohl, in ihren Augen lag so etwas wie eine widerstandslos schmelzende Lawine,« versetzte Schönborn, angelegentlich seinen Vollbart streichend.
»Als sie dem Professor folgte, hat sie noch einmal den Kopf sehnsüchtig nach Hugo zurückgewendet,« fügte er hinzu, um hinter meinen phantasiebegabten Genossen nicht ganz und gar zurückzubleiben.
»Glücklicher Mensch, er hat das schönste Mädchen der Stadt im Sturm erobert!« rief unser Führer.
»Nein; glaubt ihr wirklich, glaubt ihr, sie habe mich auch nur bemerkt?« fragte Hugo in naiver Freude, mit seinem erröthenden Gesicht noch mehr als sonst einem Blasengel ähnlich, der seine Posaune für einen Moment absetzt.
»Glauben?« versetzte Rupert entrüstet, »Mensch, man hat doch Augen im Kopfe! Wenn das nicht ein Fall von Liebe auf den ersten Blick ist, dann kannst du mich für blind wie Hiob erklären.«
»Aber wie kam sie nur dazu, gerade mir, dem Unbedeutensten von euch, Aufmerksamkeit zu schenken?«
Rupert zuckte die Achsel.
»In dem elementaren Zuge von einem Herzen zum andern liegt gewöhnlich etwas Unbegreifliches,« predigte er. In seinem Munde nahmen sich die Lehren überlegener Weisheit stets ausserordentlich wirkungsvoll aus. »Aber höre mein Sohn, bilde dir nicht ein, dass du die Hände in den Schooss legen und dich wie ein vom Dach fallender Sperling auf die göttliche Vorsehung verlassen kannst. Die drinnen ist nicht die hübsche Nanni.«
»Erlaube mir die Bemerkung, dass ich es sehr geschmacklos finde, beide in einem Atem zu nennen,« warf Hugo mit ungewohnter Hitze ein.
»Ilona Balogh ist die Tochter eines romantischen Volkes, sie erwartet gewiss ein ritterliches Werben, etwas mittelalterlich troubadourmässiges,« dozierte Ahlfeld. »Ulrich von Liechtenstein, natürlich etwas den veränderten Zeitläufen angepasst, ohne zerschnittene Lippe und Verkleidung als Frau Venus (letztere würde die prosaische Polizei von heute gar nicht erlauben), das dürfte das angemessene sein, du verstehst mich doch?«
Unser armer Blasengel gab sich alle Mühe, aber zuletzt schüttelte er den Kopf; er verstand ihn nicht.
»Du schickst ihr jeden Tag Blumen und Gedichte; wenn du die letzteren nicht zu stande bringst, helfen wir dir alle drei dabei; – auch giebt es immer bei den Antiquaren alte, vergessene Schmöker voll lyrischer Empfindungen, die man, ohne ertappt zu werden, abschreiben kann. – Zur Besorgung derselben an deine Dame kannst du den Sohn meiner Hauswirthin verwenden, den anstelligsten kleinen Taugenichts, der je Stiefel auf unserm Pflaster zerriss.«
Gegen den vorgeschlagenen Betrug verwahrte sich das arme Opfer unsrer Ruchlosigkeit, aber mit den übrigen Vorschriften erklärte er sich einverstanden; ja er dankte seinem Mentor noch, weil dieser seiner Unerfahrenheit in Liebessachen so brüderlich zu Hilfe kam.
»Du zeigst dich ihr so oft als möglich mit deinem verführerischen Seraphslächeln und dem fascinierenden Blick, der sie vorhin so widerstandslos gefangen nahm, aber, höre mein Sohn, hüte dich, ihr durch ein Wort deine Gefühle zu verraten, bevor sie dir selbst die Erlaubniss dazu giebt.«
Dies erschien zwar bei Hugos Schüchternheit ohnehin ziemlich selbstverständlich, aber unser Freund wünschte sicher zu gehen.
»Die Frauen dieser interessanten Nation muss man sehr vorsichtig behandeln,« fuhr er mit tiefsinnigem Kopfschütteln fort. »Ein wüthend Weib und eine Ungarin« nennt sie Grillparzer in einem Athem, und er als nächster Nachbar muss sie doch gekannt haben. Ein unüberlegt-vertrauliches Wort, und wenn sie in Liebe für dich verginge, so würde sie dir doch wie eine beleidigte Königin den Rücken wenden.«
Die Wiederholung unsrer angenehmen Erfahrungen mit dem Seidenpintsch, dem seine schöne Herrin auf dem Fusse folgte, unterbrach weitere Betrachtungen. Als sie sich mit leichtem Kopfnicken von uns verabschiedete, unterliess sie es nicht, dem Blondkopf einen schalkhaften Blick zuzuwerfen, der Hugo bis unter die Haarwurzeln erröthen machte.
Lächerlicher hat sich nie ein liebeskranker Minnesänger benommen, als unser Blasengel unter dem Einfluss seiner brüderlichen Rathgeber. Rupert hatte, den günstigen Zufall ausnützend, dass das Gärtchen seiner Hauswirthin an das zu Fräulein Baloghs Wohnung gehörige stiess, Zutritt bei ihr zu erlangen gewusst, obschon sie sonst nicht viel Verkehr mit dem jungen Künstlervolk pflog. Er that dies, wie er versicherte, nur um Hugos willen, damit er ihn auf das genaueste über ihre Liebhabereien und Antipathien zu unterrichten vermochte. Diese waren etwas veränderlich; das blonde Bärtchen, das unserm Opfer fast gleichzeitig mit seiner Liebe aufgesprosst war, musste sich die einschneidendsten Veränderungen gefallen lassen, denn einmal schwärmte Ilona für vollbärtige Germanenköpfe, das nächstemal stellte Heinrich der Vierte ihr Ideal von männlicher Schönheit vor; bald konnte nur ein Mann mit dem aufgewichsten Schnurrbart ihrer engeren Landsleute Gnade vor ihren Augen finden; dann wieder zwang Hugo eine ihrer bizarren Launen, sich mit ausrasiertem Schnurrbart und zwei fragwürdigen Kotelettes einem amerikanischen Geschäftsreisenden so ähnlich zu machen, als es einem Blasengel nur immer möglich ist. Die Kopfbedeckungen, Halsbinden und Sammtröcke, die er um jene Zeit trug, lockten zuweilen die Gassenbuben auf seine Fährte. Aber das alles waren verhältnissmässig leichte Opfer, die er seiner Herzensdame brachte; als aber das Sommerfest der Künstler herankam und sein Gesicht von süssen Wiedersehnshoffnungen zu leuchten begann, da zog ihn sein Peiniger bei Seite: »Fräulein Ilona wünscht nicht, das du mit ihr tanzest, die Leute könnten errathen, was es für ein Bewandniss mit ihrem Herzen habe.«
Und nun stand er die ganze Nacht wie ein Säulenheiliger in der Ecke und sah zu, wie sich die Geliebte mit jungen Männern – auch mit Rupert – im Tanze drehte. Allerdings blieb der Lohn für seine Enthaltsamkeit nicht aus. Eine dunkle Haarlocke, die, wenn nicht auf Ilonas, so doch auf einem andern Kopfe gewachsen, eine Schleife von der Farbe, wie sie das schöne Mädchen auf dem Feste getragen, etliche zwischen Fliesspapier gepresste Wiesenblümelein wurden von demselben zuverlässigen Liebesboten, der seine Bouquets abzuliefern hatte, in seine Hände gespielt. Dass wir drei die krampfhaftesten Zuckungen durchzumachen hatten, als wir ihn dann verklärt, als schwebe er auf Wolken, herumgehen sahen, kann uns wohl niemand verübeln. Uebrigens fühlten Karl und ich zuweilen leise Gewissensbisse. Ohne unser Schüren wäre Hugos Leidenschaft vielleicht aus Mangel an Nahrung zu einem unschädlichen Häuflein glimmender Kohlen zusammengefallen, während sie jetzt lichterloh aufbrannte. Aber unser Hauptmann mochte von einem dramatischen Abschluss mit Enthüllungen nichts hören. Er hatte selber zu tief in Ilonas schöne Augen geblickt, und nun bereitete es ihm ein boshaftes Vergnügen, die heilige Einfalt zu quälen, die sich vermass, ihre Wünsche auf denselben Gegenstand zu richten, wie Ahlfeld selber. Da verschwand unser Blasengel eines Tags spurlos aus unserm Kreise und aus der Stadt.
Wiewohl ich über die Gefühle von Strassenräubern nicht sonderlich genau unterrichtet bin, möchte ich behaupten, dass sie mit meinen und Schönborns viel Verwandtes hatten. Wir setzten voraus, Hugo habe erfahren, welche Narrenrolle wir ihn spielen liessen und sich, aus allen erträumten Himmeln gestürzt, ein Leids angethan. Selbst Rupert ging merkwürdig kleinlaut herum. Aber als nach vielen Wochen Hugo mit einem Trauerflor um den Hut wieder in der Glorie eines Vollbärtchens und mit schärfer und bestimmter umrissenen Zügen unter uns auftauchte, erwachte der alte Adam sogleich wieder in ihm, und er rief dem Eintretenden entgegen: »Landstreicher, wo hast du gesteckt? Ilona hat sich nicht wenig um dich geängstigt; kein Tag verging, an dem sie nicht wenigstens über den Gartenzaun hinüber nach dir fragte.«
»Ich wurde zu meinem todtkranken Onkel berufen und vermochte, wie ihr euch vorstellen könnt, an seinem Sterbebette nichts andres zu denken, als dass der alte Mann mir viel gutes erwies, und dass ich ihm zum Danke dafür die grösste Enttäuschung seines Lebens bereitet habe.«
»Hoffentlich wurde bei deinem Erscheinen das bewusste gemästete Kalb geschlachtet?« fragte Karl.
»Zu Festlichkeiten waren die Umstände nicht angethan; aber der verlorene Sohn wurde mit offenen Armen aufgenommen.«
»Trotz deiner Grünzeugbilder?« spottete Rupert. »Dein Onkel war viel zu nachsichtig; ich hätte es nicht über mich gebracht.«
»Die Grünzeugbilder (übrigens waren es diesmal zwei Fruchtstücke) bahnten die Aussöhnung an,« versetzte Hugo triumphierend, »sie wurden in meiner Heimath ausgestellt, und mein Onkel las im Lokalblättchen allerhand Erbauliches von einem »vielversprechenden Sohn der Vaterstadt, dem Neffen eines unsrer angesehensten Mitbürger.« Das Zureden alter Freunde that das übrige. Vor seinem Tode hat er mir sogar das Zugeständniss gemacht, dass nicht jeder von Mutter Natur so glücklich begabt sein könne, um eine Zündhölzchenfabrik mit Erfolg leiten zu können, und dass es auf dieser unvollkommenen Welt auch »Phantasten« (nämlich Maler, Musiker, Dichter u. s. f.) geben müsse.«
»Und so bist du vermuthlich ein herzloser Kapitalist geworden?« fragte Ahlfeld mit einem Stirnrunzeln; (er war keiner).
»Mein armer Onkel hat mich zum Erben eines sehr bedeutenden Vermögens eingesetzt,« war die Antwort.
»Was wird Fräulein Balogh dazu sagen?« warf Schönborn aus alter Gewohnheit, sie im Gespräch mit dem Blasengel unaufhörlich zu erwähnen, ein.
»Dies zu erfahren, ist, wie ich fürchte, heute schon zu spät. Ich werde morgen meinen Besuch bei ihr machen.«
Er zog seine Uhr heraus, und so mochten ihm die verblüfften Blicke entgehen, die unser in diesem Augenblick nicht gerade sehr siegreiches Triumvirat wechselte.
»Mensch, du gedenkst doch nicht selbst ihr Haus zu betreten?« stammelte Rupert, nach Atem schnappend, »willst du gegen ihr ausdrückliches Verbot handeln?«
Aber das war nicht mehr der alte Blasengel, der in unsern Händen biegsam wie weiches Wachs gewesen. Nicht, dass er uns misstraute; aber der ererbte Reichthum schien ihm eine bedeutende Sicherheit verliehen zu haben.
»Dieses Verbot kann nicht für immer Giltigkeit haben,« versetzte er, »ich muss endlich in meiner Herzenssache selber handeln; es geht nicht an, immer meine Freunde für mich eintreten zu lassen; denkt ihr nicht auch?«
Wir dachten im diesem Augenblick nichts anders, als dass eine Versenkung unter unsern Füssen eine angenehme Sache wäre.
»Es ist kein Geheimniss für euch, wie wir mit einander stehen,« sagte er roth werdend.
»Ja gewiss, aber überlege doch« –
»Ueberlegen?« er blickte Rupert befremdet an. »Solange ich ein armer Teufel war, hielt ich es, so schwer es mir auch wurde, für meine Pflicht, abseits zu stehen. Das ist nun anders geworden, ich vermag ihr ein gesichertes, behagliches Loos zu bieten, kann ihre Wünsche, soweit sie die Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, erfüllen;« seine Augen blickten dabei glückselig ins weite, als sähe er seine Geliebte wie eine Rose ins weichste Moos gebettet. – »Da Ilona keine herzlose Kokette ist, hoffe ich, dass sie meine ehrliche Werbung annehmen wird, die sie nach allem nur erwarten muss.«
Schönborn und mir brach der Angstschweiss aus den Poren. Wir wechselten einen rathlosen Blick; sollten wir ihm sogleich das Spiel, das wir mit ihm getrieben, enthüllen? Aber Rupert kam uns zuvor.
»Das heisst männlich gesprochen,« rief er und schlug ihm auf die Schulter, »gehe zu ihr, wirb und lass dir von ihren Lippen dein Glück verkünden; wir enthalten uns von jetzt ab jeder Einmischung.«
»Das wird die würdige Krönung unsres Spasses sein,« sagte Rupert händereibend, als sich Lichtner bald darauf verabschiedet hatte, vermuthlich um von dem Glück zu träumen, das ihm ja so sicher war. »Aus ihrem eigenen Munde soll er hören, was für ein lächerlicher Narr er gewesen ist. Ich will sie sogleich einweihen.«
Er schien Ilonas ziemlich sicher zu sein, dennoch rief ich erschrocken: »Was fällt dir ein? Wie kannst du sie darüber aufklären, welche Rolle wir sie in der Komödie spielen liessen?«
»Sei ruhig; in der Beschränkung zeigt sich euch der Meister. Ihre heimliche tiefe Liebe werde ich mit einem mystischen Schleier zu verhüllen wissen, nur von ihm soll die Rede sein. Mir ist's als hörte ich sie jetzt schon bei dem Bericht helllaut auflachen.«
»Und du meinst, sie wird ihre Mitwirkung dazu leihen, den Blasengel aus allen seinen Himmeln zu reissen?«
»Wenn ich sie bitte, gewiss.« Damit war er schon zur Thür hinaus.
»Ehe denn der Hahn kräht, wird es einen Abtrünnigen in unserm Junggesellentrio geben,« sagte Schönborn, der sich mit Vorliebe auf Weissagungen verlegt, wiewohl er das merkwürdige Unglück hat, sie nie eintreffen zu sehen, »ich wette, der arme Hugo wird morgen von der Anzeige empfangen werden: Rupert Ahlfeld, Ilona Balogh empfehlen sich als Verlobte.«
»Ich wollte, wir hätten die Geschichte hinter uns,« murrte ich verdrossen, »eigentlich haben wir uns gegen Lichtner schmählich benommen. Ich lasse mich von Rupert zu keinem dummen Streich mehr verleiten.«
Ein weiser Entschluss, den ich sehr oft fasste, aber unter dem Einfluss unsres Führers stets wieder vergass.
Als Rupert zu uns zurückkehrte, sah er zu unsrer Verwunderung alles eher denn befriedigt aus. Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke mit der Bewegung eines Menschen, der, soll er nicht ersticken, seinem Aerger an einem unschuldigen Gegenstande Luft machen muss, und warf sich mürrisch auf einen Stuhl.
»Die Weiber haben keinen Sinn für Humor,« brach er aus, »und Ilona ist in dieser Hinsicht von der Natur noch kärglicher bedacht worden, als ihre Schwestern. Glaubt ihr, sie habe die Lippen nur einmal zu einem Lächeln verzogen, als ich ihr die himmelschreienden Dummheiten ihres Troubadours schilderte?«
»Hast du ihr erzählt, dass er sich wochenlang mit Häring, Wurst und Kartoffeln vergnügt hat, damit die hübsche Nanni in unsrer Kneipe jeden Morgen die prachtvollsten, rothen Zentifolien auf ihre Kammer trage?« fragte Schönborn, der sich nicht vorstellen konnte, dass unser famoser Spass ungewürdigt blieb, und der es deshalb vorzog, das Darstellungstalent unsres Freundes anzuzweifeln.
»Du kannst dir denken, dass ich es mir nicht entgehen liess; und was für Farben ich auftrug! Stünden sie mir so für die Leinwand zu Gebote, dann würde ich Makarts Ruhm in einem halben Jahr verdunkeln. Lerne einer die Frauen aus! Statt den dummen Tropf auszulachen, schien sie Mitleid für ihn zu fühlen. Es machte mir den Eindruck, als wäre ihr seine stumme Huldigung nicht entgangen.«
»Dass wir darauf nicht verfielen!« sagte ich verblüfft, »die Stadt sprach davon, wie konnte ihr allein sein Minnedienst verborgen bleiben!«
»Und nun ärgerte es sie vermuthlich, dass die Toggenburgerei nicht so ganz spontan war. Sie gab mir ein Pröbchen ihres Pusztentemperaments, dass sich mir in der Erinnerung daran die Haare sträuben. Für solche elende Possen sei der Name eines schutzlosen Mädchens zu gut, rief sie, als sie hörte, ich habe ihn zu seinen Narrheiten mit der Vorspiegelung bestimmt, er entspreche durch dieselben ihren Wünschen. Mein Benehmen sei unritterlich, eines Gentleman unwürdig gewesen; was sie über euch, meine Gehilfen, gesagt, will ich lieber verschweigen.«
»Also will sie nichts von der Rolle wissen, die du ihr zugetheilt?« fragte ich, nicht sonderlich bekümmert; mir sagte die Pointe unsres Spasses nicht so zu, wie Rupert, der seit der Rückkehr unsers Blasengels eine seltsame Gereiztheit gegen ihn verrieth.
»Das hat sie mir zu meinem Erstaunen doch nicht abgeschlagen,« entgegnete er, »sie will ihn morgen Nachmittag empfangen und die nöthige Aufklärung geben; entweder fürchtet sie, dieselbe könne aus unsrem Munde nicht schonend genug ausfallen, oder die Freude am Komödiespielen ist, trotz allen Mitleids für ihren Getreuen denn doch in ihr erwacht.«
»Schade, dass wir der Entwicklung des Knotens nicht ungesehen beiwohnen können,« meinte Karl, »der Ring des Gyges wäre jetzt gar nicht übel.«
»Es ist noch die Frage, ob wir nicht ohne diesen zurecht kommen,« warf Rupert hin; doch selbst er wurde ein wenig verlegen. »Bei schönem Wetter hält sich Fräulein Balogh meist im Garten auf und empfängt auch dort ihre Gäste.«
»Und da belauerst du sie ohne Zweifel in euerem Gartenhause an der Mauer! Höre Ahlfeld, du bist ein noch grösserer Thunichtgut, als ich vermuthet,« rief Karl bewundernd.
Wie die drei Verschworenen aus einer Operette steckten wir am nächsten Nachmittage in dem windschiefen Gartenhäuschen, dessen Dielen zu unsrem Aerger bei jeder Bewegung verrätherisch knarrten. Wir konnten das Schlachtfeld genau übersehen. Kaum zehn Schritte von uns entfernt sass Fräulein Ilona mit einer Handarbeit unter einem Kastanienbaume; sie war um einen Schatten blässer als gewöhnlich und sah für einen Aprilspass ungemein ernsthaft aus. Ueber den Kiespfad kam der Blasengel mit einem Gesicht heran, das den lieben Herrgott zu fragen schien »was kostet deine Welt?« Das Fräulein hielt wie in grosser Befangenheit die Augen auf die Arbeit gesenkt, die Röthe, die auf ihrem Gesichte kam und ging, hätte jeden glauben machen können, ein wirklich verliebtes Mägdlein erblicke den Erkorenen ihres Herzens.
»An ihr ist eine grosse Schauspielerin verloren gegangen,« flüsterte Rupert entzückt.
»Sie spielt zu gut,« murrte ich, »sein Sturz aus der Höhe wird fürchterlich sein.«
Darüber entgingen uns die ersten Worte der Begrüssung. Das Pärlein sass nebeneinander auf einer Gartenbank. Die Sonne machte sich das Vergnügen, ihnen goldene Funken auf das Haar zu streuen, hie und da fiel tanzend ein Blatt vom Baume herab; das sah sehr hübsch und friedlich und für Maleraugen ganz anziehend aus, aber mir bereitete der Anblick keinen Genuss, denn ich – eine ins männliche übertragene Kassandra – sah das Unheil unter dem Kastanienbaum brauen.
»Ich bin glücklich, dass Sie mir diese Unterredung gewähren, Fräulein Ilona,« begann Hugo, bei weitem nicht so zaghaft, wie ich vorausgesetzt; (wir hatten es uns ja auch angelegen sein lassen, ihm durch die deutlichsten Beweise ihrer Neigung die Flügel zu steifen).
»Warum hätte ich Ihre Bitte abschlagen sollen?« erwiderte sie, »freue ich mich doch selber, Ihnen endlich meinen Dank für die schönen Blumen aussprechen zu können, mit welchen Sie mich jeden Morgen überraschten.«
Wir sahen einander starr an; – welche Idee, für Blumen zu danken, die sie nie bekommen!
»Wer hat es Ihnen verrathen, dass volle, rothe Rosen meine Lieblinge sind?«
»Ich dachte an Ihre Landsmännin, die heilige Elisabeth«, sagte er vergnügt.
»Und ich konnte zum Danke dafür, dass Sie der Fremden in Ihrer Stadt so viel anheimelnd Freundliches erwiesen, nichts für Sie thun.«
»Nichts?« fragte er vorwurfsvoll und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach der Brusttasche, in welcher der gekaufte Haarsträhn samt Bändern und Blümelein ohne Zweifel wohlgeborgen ruhte. Mit Falkenaugen folgte sie seiner Bewegung.
»O, ich vergass; was war es nur? eine Haarlocke, eine Schleife und dergleichen, nicht wahr?«
Wir konnten von unsrem Versteck aus beobachten, wie sich dunkle Röthe über ihr Gesicht ergoss und sie die Hand in den Kleiderfalten zu einer Faust ballte. Das galt uns. Diesen Theil der Historie hatte Rupert nicht für gut befunden, ihr zu enthüllen.
»Ilona, wissen Sie, welche Deutung ich Ihren Andenken gab?«
»Ich weiss es; wenn ein Mädchen, ohne Einspruch zu erheben, sich die stumme und doch so beredte Huldigung eines Mannes gefallen lässt, wenn sie monatelang seine Blumen annimmt und ihn sogar durch kleine Liebespfänder aufmuntert, dann ist sie entweder eine Gefallsüchtige und nicht werth, dass ein Mann einen Gedanken an sie verschwende, oder –«
»Oder?« jubelte Hugo, »sprich es aus, Geliebte!«
»Oder sie erwidert seine Neigung.«
»Das geht zu weit«, murmelte Rupert zu meinem Erstaunen in lebhafter Unruhe, »es ist eine unnütze Grausamkeit, so auf seine Einbildung einzugehen.«
Hugo hatte sich der Hand Ilonas bemächtigt, doch sie entzog sie ihm. »Noch nicht«, sagte sie und richtete sich hoch auf.
Jetzt kam ohne Zweifel die Katastrophe heran. Ich bekenne, dass mir das Herz bänglich an die Rippen klopfte. Der arme Blasengel sah förmlich rührend in seinem Glück aus.
»Die Zeichen haben Sie betrogen, die Blumen wurden an eine falsche Adresse befördert, die Liebespfänder von schalen Possenreissern (unsre verdutzten Gesichter bei diesem Ehrentitel hätte ich selber malen mögen) in Ihre Hände gespielt; das Ganze war nur ein Aprilscherz.«
Wir durften beruhigt aufatmen, die auszeichnende Inschrift auf den Grabmonumenten war uns gewiss; das Gesicht des Blasengels erschien grau und hart wie ein Stein.
»Ein Aprilscherz? Und dazu gaben Sie sich her?« Geringschätzung und Empörung stritten in seinen Mienen.
Wir hörten deutlich, dass der leichte Ton, in dem sie antwortete, erzwungen war.
»Mein Gott, was soll ein armes Mädchen thun, wenn es zu seinem guten Recht kommen will? Sitte und Herkommen stellen sich in Wehr und Waffen gegen sie auf, sobald sie ein wenig ihre eigene Vorsehung spielen möchte; so muss sie es denn mit Freude begrüssen, wenn andre – und wären es auch nur läppische Clowns – es für sie thun. Blicken Sie mich nicht so strafend an, Herr Lichtner, ich habe Ihnen manches zu beichten, wozu ich eigentlich der Aufmunterung bedarf! – Auf Schritt und Tritt haben mich seit Monaten ein paar treue, blaue Augen verfolgt. Sie hefteten sich im Tanzsaal auf mich, während ich mich im Kreise drehte; sie begleiteten mich auf meinen Spaziergängen, ja selbst in den Bildergalerien sah ich sie unverwandt auf mich gerichtet und bald las ich in ihnen wie in einem an mich gerichteten Briefe. Der Inhalt war sehr hübsch, vielleicht ein wenig zu schwärmerisch für unsre kühle kluge Zeit, aber welches Mädchen liesse sich nicht mit Freuden wie eine Heilige aus dem Kalender, statt wie das gewöhnliche Menschenkind, das sie ist, bewundern! Aber wo blieb das lebendige Wort? »Warum kommt er nicht und spricht mich an?« fragte ich mich oft, »So viele gleichgiltige platte Gesellen drängen sich mir auf, weil ihnen meine Unterhaltung behagt, oder mein Gesicht gefällt, nur der einzige, der wirklich warm für mich empfindet, hält sich abseits.« Zuweilen grollte ich Ihnen, manchmal fasste ich tolle Pläne, die sich nie verwirklichen liessen, um Sie aus den Ecken hervorzulocken, in welche Sie sich wie eine Fledermaus verbargen. Bis mir endlich eine Rolle in der hässlichen Posse zugetheilt ward und mit ihr die Gewissheit, den stummen Mund einmal sprechen zu hören. Sind Sie mir noch böse, dass ich sie übernahm?«
»Ihnen Ilona? Nein, ich bin es nur mir selber. Was für ein alberner Narr bin ich gewesen! Wie müssen Sie über den veralteten Minnewerber gelacht haben!«
»Gelacht? nein; vielleicht im stillen gelächelt. Und auch das nur im Anfang. Später fühlte ich mich gerührt und beschämt. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, dass mir vor vielen Würdigeren ein grosses Glück zugefallen, dass für mich das schöne Wort Wahrheit und mir die Liebe, die das ihrige nicht fordert, zu Theil geworden.«
»Sie stellen mich zu hoch«, rief Lichtner, »denn ich kam, um zu fordern, um Sie zu fordern. Ich bin nicht so genügsam und selbstlos wie Sie denken, ich strecke meine Hand gierig nach dem höchsten Glück aus, das mir das Leben gewähren kann.«
»Und warum kamen Sie erst heute?« entgegnete sie mit einem Triumphlächeln. »Weil Sie nun das Weib Ihrer Liebe in Purpur und köstliches Linnen hüllen können, als wäre es die Königin von Saba. Dieselbe sorgende, opferwillige Liebe spricht heute aus Ihrem Kommen, wie ehemals aus Ihrem Fernbleiben. Sie wandelten diesmal auf einem Irrweg, denn ich gehöre nicht zu den Frauen, die sich an Wohlstand und Komfort verschenken; – wären Sie enterbt, ohne andre Aussichten, als Ihr Talent und Fleiss sie Ihnen eröffnen, zu mir gekommen, ich hätte Ihnen genau so wie heute zugerufen: Hugo, wenn Sie mich eitles, oberflächliches Geschöpf, das Ihre grosse, aufopfernde Liebe nicht verdient, an Ihr Herz nehmen wollen, so bin ich die Ihre!«
Stockend, im ganzen Gesicht erglühend, sprach sie die letzten Worte. Selbst einem in irdischen Dingen äusserst unbewanderten Blasengel musste dies als der geeignetste Zeitpunkt erscheinen, sie stürmisch in die Arme zu schliessen. Für uns hingegen erwies es sich als passend und angemessen, dem Tête-à-tête endlich die wünschenswerthe Einsamkeit zu verschaffen. Rupert lief wüthend wie ein angeschossener Eber davon (auf Monate hinaus allen Spässen so feind, wie der griesgrämigste Schulmeister). Wir zwei folgten ihm und trotz aller Freundschaft für ihn winkten wir einander behaglich zu. Es erweist sich stets als im hohen Grade befriedigend für die unbetheiligten Zuschauer (und als solche fühlten wir uns trotz unsrer schwächlichen Vorschubleistung der Posse), wenn die Tugend an der gutbesetzten Tafel Platz nimmt.
»Das war ein zweischneidiger Aprilscherz«, raunte ich Schönborn ins Ohr.
»O, ich habe von allem Anfang an vorausgesehen, dass es so kommen werde!«
Das einzigemal in seinem Leben hatte er eine Prophezeiung für sich behalten, und die ist in Erfüllung gegangen.
BEIM EHESTIFTEN.
Mütterlich hiess das Losungswort. Deshalb setzte sich Adele Mühlenbruch vor dem Spiegel ein schwarzes Wittwenhäubchen mit weisser Krause auf, Aber es sah auf dem blonden lockigen Scheitel, über dem jungen übermüthigen Gesicht so wenig passend aus, dass ihr Töchterchen von ihrem Platz im Erker, wo sie Blumen auf einen Porzellanteller malte, aufstand, wobei man entdecken konnte, dass sie um mehr als Kopfeslänge die Mama überragte, das Häubchen abnahm und es, ohne ein Wort zu verlieren, in die Schachtel zurückwarf.
»Gestatte mir die Bemerkung, dass du dir gegen deine Mutter zu viel herausnimmst,« sprach Adele, »hätte ich mir das erlaubt, dann wäre ich zu Heulen und Zähneklappern in einer finsteren Kammer verurtheilt worden, aber« – ein tiefer Seufzer aus beladener Brust – »die Kinder entarten mit jedem Jahre mehr.«
Sophie stellte sich vor sie hin und blickte, sie konnte nicht anders, auf sie hinunter.
»Willst du mir gefälligst sagen, weshalb du dich auf einmal so matronenhaft zustutzest? Die Trauerzeit ist längst um, welchen Zweck soll also der dunkle Kopfputz haben, der dir mindestens zehn Lebensjahre zulegt?«
Die ehrwürdige Mama wurde roth wie ein Schulmädchen, das sich beim Kirschenstehlen ertappen liess.
»Das ist mein Geheimniss,« sagte sie endlich mit einem kläglichen Versuch, ihre mütterliche Würde aufrecht zu erhalten.
»Es ist bei Weitem nicht so undurchdringlich, wie du dir einbildest.«
»Nun, so will ich dir es gerade heraussagen. Ich habe es satt, beständig Anspielungen über die Jugendlichheit meines Anzugs zu hören, während du herumgehst, als hättest du zwanzig Jahre im Kleiderschrank gehangen. Die Leute sprechen darüber mit gewohnter Nachsicht und Menschenliebe. Gestern liess mich erst die Tante des Runkelrübenbarons fast ohne jede Verbindung die zwei Bemerkungen hören: ›Wie schlicht und nonnenhaft Fräulein Sophie immer erscheint!‹ und ›Sie, gnädige Frau, wetteifern mit den Saligen Fräulein, die nie altern.‹ Ich will keine Stiefmutter aus dem Volksmärchen vorstellen!« Dabei setzte sie ihr niedliches Füsschen mit grosser Entschiedenheit auf den parquettirten Boden. »Wenn du nicht heute im hellen Kleid mit mindestens einem Dutzend himmelblauer oder rosenrother Schleifen bei Tische erscheinst, dann setze ich nicht nur den Greuel aus der Schachtel auf, ich hülle mich auch noch in irgend eine ganz unmögliche härene oder sackleinene Kutte.«
»Das wäre unverantwortlich gegen unseren Gast. Es würde ihn an die Antwerpener Kathedrale erinnern, die den Andächtigen gratis offen steht, nur bleibt das Schönste darin, Ruben's Kreuzabnahme, hinter grünen Vorhängen versteckt.« Dabei strich Sophie patronisirend über den lockigen Scheitel.
Mama verlor beinahe die Geduld, obschon sie Sophiens unkindliches Benehmen gewohnt sein sollte. Seit jeher wurde sie von dem sehr energischen Fräulein wie ein unflügges Nestkücken behandelt. Das rührte davon her, dass Adele sich im Pensionat unter die wissenschaftlichen Fittiche ihrer Busenfreundin zu flüchten pflegte, so oft ihr die höhere weibliche Bildung, Schliemann's Ausgrabungen, die Algebra, das Nibelungenlied Augenblicke des Strauchelns bereiteten.
Aber Alles zur rechten Zeit! Wenn man im Stillen den Plan ausgeheckt hat, seine Tochter zu verheirathen, dann kann man unmöglich Geschmack daran finden, sich von ihr beschützen und bevormunden zu lassen. Schmollend stellte sich die junge Wittwe an's Fenster. Sophie betrachtete sie eine Weile mit dem Wohlgefallen eines Künstlers an seinem gelungenen Werk.
»Kleine Mama, ich glaube, dass du noch hübscher geworden bist, seit du mich hierher begleitet und mein alter grämlicher Herr Papa (mit dem ich mir das Zusammenleben als eine Art von Pönitenz für die lustige Pensionszeit vorgestellt) so gescheidt war, sich auf den ersten Blick in dich zu verlieben.«
Frau Mühlenbruch bewahrte ihrem abgeschiedenen Gemahl, der die blutarme Offizierswaise vor der drohenden Stiftsdamenlaufbahn bewahrt, eine dankbare Erinnerung, aber die Wahrheit zu gestehen, auf den Tag, da die Posaune des jüngsten Gerichts die durch den Tod getrennten Ehepaare für ewige Zeiten zusammenfügen wird, freute sie sich nur mässig: Ein kleinlicherer Haustyrann als der verstorbene Commerzienrath hat wohl selten die Bühne des Lebens beschritten. So drückte sie denn bei dieser Mahnung an ihn das Taschentuch nicht gerührt an die Augen, sondern versetzte, vollständig mit ihrer Beschützerin ausgesöhnt:
»Damals hast du ohne eine Spur von Selbstsucht Kranz und Schleier in meinen Haaren befestigt; es ist nichts als billig –«. Dabei brach sie ab, biss sich auf die Lippen und wandte ihr purpurrothes Gesicht wieder der kahlen Lindenallee zu, die von dem Schlösschen zum Bahnhof führte.
Sophiens Gesicht überflog ein Lächeln.
»Zur Diplomatin bist du nicht geboren, liebes Kind,« murmelte sie unhörbar.
Woher Frau Adele eigentlich den Muth nahm, dem Himmel in's Handwerk zu pfuschen, ist schwer zu sagen. Der junge Mann, dessen künftige Glückseligkeit sie zu begründen dachte, hätte vermuthlich einen weiten Bogen um das Schlösschen gemacht, wenn er eine Ahnung von ihren Plänen gehabt, denn obschon kein Frauenhasser, hatte Robert v. Eichberg bisher nicht die leiseste Sehnsucht nach ehelichem Glück zur Schau getragen. Dem früheren flotten Reiteroffizier und jetzigen reichen Gutsherrn auf Eichberg wären sonst ohne Zweifel die Thüren, an die er gepocht hätte, bereitwillig aufgemacht worden. Er war ein entfernter Vetter von Adele, doch hatte sie ihn seit ihren Kinderjahren nicht gesehen. Damals ein tölpelhafter, derber Junge, der sich im Hause ihres Vaters auf den künftigen Feldmarschall vorbereitete, hatte er seine Mussestunden damit ausgefüllt, das kleine Mädchen zu hänseln und zu ärgern. Doch schien sie alle Frevelthaten gegen ihr Kätzchen und ihren Kanarienvogel grossmüthig vergeben und vergessen zu haben. Wäre er eine Patentmedicin gegen alle erdenklichen Uebel und sie die Erfinderin derselben gewesen, sie hätte ihn nicht begeisterter loben können. Er besass so viel Herzensgüte! Gleich nachdem er die Verwaltung von Eichberg angetreten, hatte er aus seinen Privatmitteln die Dorfschule umgebaut. Ihn zeichnete solch ein reger Familiensinn aus, was man auch schon daran zu erkennen vermochte, dass er, nachdem er sein Bäschen seit mehr als zwölf Jahren nicht gesehen, ihr urplötzlich seinen Besuch – von einer landwirthschaftlichen Ausstellung auf weitem Umweg heimfahrend – ankündigte; aber ausser diesem Beweis hatte er auch noch eine alte Tante, die in kümmerlichen Verhältnissen lebte, sorgenfrei gestellt, die Erziehung ihrer Söhne aus seiner Tasche bestritten; kurz, wenn man der eifrigen Sprecherin glauben wollte, dann wird das Jahrhundert zu Ende gehen, ohne einen zweiten Menschen, der ihm gleicht, hervorzubringen.
»Die von dir geschilderten Charakterzüge berechtigen allerdings zu den besten Hoffnungen,« versetzte Sophie mit undurchdringlichem Gesicht; nur um ihre Mundwinkel zuckte der Schalk. Die Mama fiel ihr ohne jeden sichtbaren Anlass um den Hals. Doch hätte sich ihre Befriedigung vermuthlich weniger stürmisch geäussert, wenn sie Sophiens Gedanken gelesen, denn diese sehr scharfblickende Dame hatte über den angekündigten Besuch ihre eigene, von der Mamas sehr abweichende Meinung.
»Papas Testament soll ihm nach dem vollen Wortlaut bei erster Gelegenheit als Erfrischung vorgesetzt werden,« sagte sie für sich, während ein nicht allzu freundschaftlicher Blick dem staubumwirbelten Wagen, der in diesem Moment die Lindenallee herauffuhr, entgegenflog.
Zweifle Einer an der Stimme des Blutes! Ohne sich zu besinnen, eilte der junge staatliche Mann auf Adele zu, wiewohl ihre kleine zierliche Gestalt von der imposanten Stieftochter förmlich beschattet wurde, und drückte und schüttelte ihr die Hände mit so ehrlicher Freude im Gesicht, dass selbst die eherne Sophie ein wenig zu schmelzen anfing. Herr Robert von Eichberg machte übrigens durch sein Auftreten einen Eindruck, als eigne er sich eher für die Rolle eines Naturburschen, als für die eines glatten Hofmannes. Dass sich noch eine zweite Dame im Zimmer befand, schien ihn gar nicht zu kümmern. Frau Adele, als stellvertretende Vorsehung, hätte gewünscht, dass er vor der majestätischen Erscheinung Sophiens geblendet stehen und seine unbedeutende Cousine im vierten oder fünften Glied vollständig übersehen solle. Statt dessen blickte er sie, die ehrwürdige Matrone, mit einem naiven Vergnügen an, etwa wie ein kleiner Junge den lichterbesteckten Christbaum. Aber sie wollte ihm die Augen öffnen!
»Robert,« sagte sie mit Nachdruck, »dies ist meine Tochter Sophie.« Da aber verfiel der Vetter in seine alte Kinderkrankheit. Er brach in ein schallendes Gelächter aus. Adele zog befremdet die Augenbrauen in die Höhe.
»Entschuldigen Sie meine unzeitige Heiterkeit,« sagte Robert und fing von Neuem zu lachen an, »aber der mütterliche Beschützerton, Cousinechen, klingt in Ihrem Munde zu komisch;« vertraulich wandte er sich an Sophie, »sie ist wohl sehr streng, die ehrwürdige Mama, und wenn Sie nicht auf den Wink gehorchen, setzt es Fasten und Hausarrest?«
Aber der freundschaftlichen Anrede antwortete kein Echo.
»Ich bin neugierig, wie oft du mich noch durch die Betonung deiner Autorität vor Fremden lächerlich machen wirst!« sagte das Fräulein in weinerlichem Ton zu Adele, »und du willst keine Stiefmutter aus dem Märchen vorstellen!«
Mama war verblüfft. Herr Robert aber bildete sich in tiefer Menschenkenntniss ein unfehlbares Urtheil über die junge Dame.
»Das ist eine unangenehme Person,« dachte er.
Man setzte sich, Fräulein Sophie in gemessener Entfernung von den Anderen, als gehöre sie nicht zu ihnen. Darüber hätte sich schier ein erleichtertes Aufathmen der Brust des jungen Mannes entrungen. Doch war sie leider nicht so vertieft in ihre Porzellanmalerei, um nicht von Zeit zu Zeit eine boshafte oder schulmeisternde Bemerkung in das Gespräch einzuwerfen. Als Adele wissen wollte, wie es bei der Ausstellung zugegangen, klang es ätzend vom Fenster herüber:
»Ohne Zweifel wie immer. Du hättest dir deine Frage füglich ersparen können. Ausstellungen sind nur dazu da, damit die Herren Landwirthe Madame Cliquot bereichern und den Klatsch der Gegend austauschen können.«
»Sie ist das reine unverfälschte Scheidewasser,« sagte Rudolf für sich und warf einen scheuen Blick in den Erker hinüber, »das Dasein, das meine arme kleine Cousine in Gesellschaft ihrer Stieftochter führt, muss Alles eher, denn erquicklich sein.«
Frau Adele seufzte. Was für Sorgen bereiten Einem doch die Kinder, besonders wenn sie erwachsen sind! Von Rechtswegen hätte sie sich es verschwören sollen, je wieder Pläne zum Heil der Undankbaren zu schmieden, denn ohne ein Wort der Entschuldigung entwich sie plötzlich aus dem Zimmer, als sich der Gast, freilich nicht allzu rücksichtsvoll, in Jugenderinnerungen vertiefte. Aber Frau Mühlenbruch befand sich auf der Höhe ihrer Aufgabe. Wie ein Cicerone von Uebung und Beruf wies sie dem Vetter alle Schätze ihres Hauses, Vasen und Decorationsteller, die Sophie bemalt, Kreidezeichnungen und Aquarellbilder, das Werk ihrer Künstlerhände, Makartbouquets, die nur sie so geschmackvoll zu ordnen verstand, Kissen, Decken und Stuhlbezüge, die sie gestickt.
»Da, Barbar, wirf dich vor solchen das Leben verschönernden Talenten bewundernd auf die Knie,« schien ihre Triumphmiene zu fordern. Aber Robert traf nicht einmal mit guten Vorsätzen Anstalten dazu. Ihm kam der Gedanke, um wie viel angenehmer die Wanderung durch Galerien und Raritätensammlungen wäre, wenn statt des näselnden Leiertons der Führer solch' eine wohlklingende, einschmeichelnde Stimme bei den Erklärungen erschallte. Und als sie verstummte, bemerkte er wie erwachend:
»Es muss Ihnen manche Annehmlichkeit bieten, dass eine so viel ältere Freundin Ihnen Gesellschaft leistet und das Haus ausschmückt.«
»Viel älter?« sie blickte ihn strafend an, »Sophie zählt kaum zwei Jahre mehr als ich.«
»O, ich behaupte nicht, dass sie alt aussehe; nur Sie, Cousinechen, sind ganz unbegreiflich jung geblieben.«
Sie war böse auf sich, aber sie musste lächeln. Vetter Robert hatte so eine ungeschminkte ehrliche Art, seine Bewunderung auszudrücken. Wenn es ihr gelänge, dieselbe an die richtige Adresse zu leiten, so könnte Sophie in allen Erdtheilen keinen liebenswürdigeren Gatten finden.
Getreu dem mütterlichen Gebot erschien Fräulein Mühlenbruch bei Tische wirklich mit einem wohlgezählten Dutzend himmelblauer Schleifen geschmückt. Aber die heimtückische junge Dame hatte sie in äusserst merkwürdiger Weise vertheilt. An beiden Schultern standen zwei himmelblaue Henkel in die Höhe, das nicht eben üppige braune Haar wurde von einem Bandknoten zusammengehalten, dessen Enden bei jeder Bewegung um den Kopf flatterten (»wie bei einer überlebensgross gerathenen Confirmandin,« dachte Mama entsetzt), kurz, wenn sie einige Jahre Studium darauf verwendet, eine Caricatur aus sich zu machen, so hätte es ihr nicht besser gelingen können. Doch sollte die Arglistige nicht straflos ausgehen. Als der Kaffee aufgetragen wurde, stiess sie plötzlich einen Schreckensruf aus und verschwand, wie von Furien gejagt, aus dem Zimmer.
Adele blickte erstaunt auf. Durch die hohen Glasfenster sah sie eine lange, magere Gestalt auf das Schloss zuschreiten. Sollte diese Sophie in die Flucht getrieben haben? Sonst hielt sie mit musterhafter Geduld dem Manne, ihrem Gutsnachbar, stille, selbst wenn er auf sein Steckenpferd, die Runkelrüben, kam; sie lauschte seinen Erklärungen über eine neue Dresch- oder Säemaschine mit der Miene einer begeisterten Adeptin, während Mama sich meist zurückzog, da sie in der Nähe des Barons Hellmer von Schlafsucht befallen wurde; warum entschlüpfte das unberechenbare Mädchen heute bei seinem Erscheinen? Aber zu weiterem Nachdenken war keine Zeit; der neue Gast trat ein. Er nahm die angebotene Tasse Kaffee an und blickte suchend umher.
»Ich hoffe, Fräulein Sophie befindet sich wohl?«
Frau Mühlenbruch war in Verlegenheit. Glücklicher Weise trat das unbotmässige Töchterchen bald wieder ein, wie gewöhnlich einfach und dunkel gekleidet, das Haar in einen Knoten aufgesteckt, die Verkörperung ruhiger Vernunft und kühler Klugheit. Da sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Runkelrübenbaron zuwendete, blieb der Mama nichts übrig, als sich Robert zu widmen. Vielleicht wäre es nicht unumgänglich nöthig gewesen, dabei so leuchtende Augen und geröthete Wangen zu bekommen, doch entschädigte sie Sophie gewissenhaft. Als diese mit Baron Hellmer durch den Park und über die nun kahlen Felder schritt, Verbesserungen in der Wirthschaft besprechend, folgte sie mit Eichberg und verbreitete sich wie vorhin über die künstlerischen, nun über die praktischen Vorzüge Sophiens. Um das lichte Bild im breitkrämpigen Hut und wasserdichten Stiefelchen mit seinem Hintergrund nahrhafter Thätigkeit besser hervortreten zu lassen, malte Adele sich selber mit Tusch. Im Schaukelstuhl, eine Novelle von Heyse in der Hand, verträume sie die Zeit, während Sophie in Regen und Sonnenbrand die Wirthschaft leite.
Es war ihr erster Versuch im Ehestiften, sonst hätte sie sich vielleicht gesagt, dass Robert, wenn er auch ein wenig verbauert sein mochte, sich doch lieber von zierlichen Goldkäferpantöffelchen, als von schweren Wasserstiefeln regieren lassen wollte und trotz seiner Ueberzeugung vom Nutzen des Düngers nicht wünschte, dass ihm dieser aus den Kleidern seiner schöneren Hälfte entgegenschlüge.
Immerhin bildete die gemeinsame Beschäftigung eine Brücke zwischen Sophie und dem jungen Mann. Ihre bewaffnete Neutralität wäre ohnehin nicht aufrecht zu erhalten gewesen, da Robert, ohne sich lange bitten zu lassen, seinen Besuch auf mehrere Tage ausdehnte. Fräulein Mühlenbruch liess sich herbei, mit ihrer gewohnten kühlen Ruhe zu antworten, wenn er sie anredete; sie mieden einander nicht mehr auffällig und pflogen zuweilen sogar längere Zwiegespräche. Frau Adele begann zu glauben, dass ihr geheimer Plan der Verwirklichung entgegenreife. Aber sie machte nun die Erfahrung, dass das erreichte Ziel bei Weitem nicht so verlockend ist, als man, es erstrebend, gedacht. Ihr Lachen bekam in den letzten Tagen einen etwas erzwungenen Klang, ihre Augen einen Ausdruck der Ermüdung, fast, als hätte sie Nachts wenig Schlaf gefunden. Und während Sophie heiterer und lebhafter wurde, je länger Robert auf dem Schlösschen verweilte, erschien die junge Frau stiller und gedrückter. Dennoch behielt sie vor den Zweien ziemlich tapfer die Maske der zufriedenen, in dem Glück der Kinder das ihre findenden Mama bei, aber als sie allein in ihrem Zimmer sass und den Vetter mit Sophie im eifrigen Gespräch über die Kieswege des Parkes wandern sah, hielt sie die Verstellung für überflüssig und liess die Betrübniss, die sie empfand, sich ganz deutlich auf ihrem Gesicht spiegeln. Denn unten verhandelte man Wichtiges, Entscheidendes. Robert legte seine Hand mehr als einmal betheuernd auf die Brust, und Sophie antwortete mit ihrem freundlichsten Lächeln. Frau Adele denkt im Stillen, die Beiden werden eine Ehe führen, um welche sie alle Engel im Himmel beneiden können. Das Glück, das sie gestiftet, verleitet sie zu Vergleichen; aber das Zusammenleben mit dem grämlichen Herrn Mühlenbruch erscheint dabei nicht in seiner günstigsten Beleuchtung.
Das Pärlein unten trennt sich mit einem Händedruck, dessen Wärme sie durch alle Mauern zu verspüren glaubt, Robert schreitet dem Schlösschen zu, seine Schritte nähern sich ihrer Thüre. Sie weiss, weshalb er kommt. Ihre Finger greifen nach der Wittwenhaube, aber was soll ihr in diesem ernsten Augenblick der Mummenschanz? Sie wird mit äusserlicher Fassung ihren mütterlichen Segen zu der Verbindung aussprechen, die sie herbeigeführt. Wie ihr dabei zu Muthe ist, das soll kein Lebender erfahren. Wäre es nur vorüber, hätten die zwei Glücklichen ihrem einsamen Wittwensitz bereits den Rücken gewendet!
Einige Minuten später tanzen alle Kunstwerke, die Sophiens Hände geschaffen, im Kreise um die junge Frau herum und nehmen Ständer und Tischchen mit. Als sie sich wieder auf ihre Plätze verfügten, befand sich Adele an Robert's Brust. Und nun erfuhr sie, dass er um ihretwillen die Fahrt in das Schlösschen angetreten, ein gelieferter Mann, noch bevor er kam. Vor etlichen Wochen hat er auf dem Bahnhof in Hannover (wo Adele, wie sie sich jetzt erinnert, eine Freundin besucht) ein Billet für eine fremde, rathlos im Gedränge stehende Dame gelöst. Sie hatte den hülfreichen Mann schleunigst vergessen – solche kleine Ritterdienste mochten ihr oft genug erwiesen worden sein. Ihm aber hatten es ihre übermüthigen braunen Augen angethan; er spürte ihr nach, erfuhr, dass es sein eigenes Bäschen sei, das ihn bezaubert, und so hatte er sich aufgemacht, sein Glück zu suchen.
Adele befreite sich plötzlich aus seinen Armen.
»Ich bin arm wie eine Kirchenmaus,« sagte sie stockend und wurde feuerroth, »wenn ich mich nochmals verheirathe, fällt das ganze Mühlenbruch'sche Vermögen an Sophie.«
Ein tiefer Athemzug hob seine breite ehrliche Brust.
»Ich weiss es« (Fräulein Sophie hatte ihn erst vor einer Viertelstunde mit dem Testament bekannt gemacht), »aber, Liebchen, eine kleine warme Kirchenmaus hat mir seit jeher mehr Sympathie eingeflösst, als ein kalter klebriger Goldfisch.«
Sophie kam herein und wünschte mit freudigem Gesicht den Verlobten Glück.
»Kleine Mama,« flüsterte sie lachend Adelen in's Ohr, »für einen ersten Versuch ist dir das Ehestiften nicht schlecht gelungen.«
Frau Mühlenbruch zeigte eine zerknirschte Miene. »Ich wollte meine mütterliche Pflicht gegen dich erfüllen,« sprach sie leise, dem Weinen nahe.
»Das war vollständig überflüssig; ich bin schon seit drei Wochen mit Helmer verlobt. Ich habe nur gewartet, bis ich dich versorgt und aufgehoben weiss, denn dich, unmündiges Kind, allein auf Juliusruhe zurück zu lassen, erschien mir als Grausamkeit.«
IM HERBST.
Durfte Leonhard Gruber wie andere Menschenkinder einen Frühling haben? Wenn man es recht bedenkt, nein, denn er gehörte zu der bevorzugten Klasse zweibeiniger Geschöpfe, für die der Winter die eigentliche Jahreszeit, die Zeit der Ernte, der Lenz ein trauriger Uebergang zum gefürchteten, ertragsarmen Sommer, der Herbst die sehnlichst herbeigewünschte Epoche ist, in welcher sich die Tretmühle wieder in Bewegung setzt. Und er wusste gut genug, dass all der beglückende Unsinn: Nachtigallenschlag, Rosenduft, eine kleine Hütte im Grünen, braune Augen und blonde Locken nichts für ihn seien. Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr hatte er die Hände davon gelassen, was insofern nicht schwer war, als er, vom frühen Morgen bis zum späten Abend rastlos umherlaufend, um unartige Bengel in die Mysterien der Dur- und Mollscalen einzuweihen, nicht mehr von der Versuchung, glücklich zu sein, empfand, als wenn er in der Wüste, von Kräutern, Wurzeln und Gebeten lebend, die Laufbahn eines Anachoreten eingeschlagen hätte. Aber da war das Schicksal boshaft genug, ihm den Frühling wie auf einem Präsentirbrett sozusagen unter die Nase zu rücken. Ohne die geringste Warnung war er da, nur durch eine dünne Wand von ihm getrennt, in welcher sich obendrein eine Thüre befand, die sehr mangelhaft von einer Seite durch ein Clavier, von der anderen durch einen mit allerhand dünnen Fähnchen behängten Kleiderschragen verbarricadirt war. Am Abend pflegte Herr Leonhard Gruber die sacht und fein zusammengefalteten Pläne von Künstlerschaft und Triumph für ein Stündchen oder zwei hervor zu holen, ohne praktischen Nutzen, da ihn Andere, die mehr Zeit zu waghalsigen Fingerübungen hatten, weit überflügelten. Als er nun einmal wieder ein paar Töne auf seinem abgespielten Instrument angeschlagen hatte, erhob sich nebenan, in dem seit etlichen Wochen leerstehenden Zimmer eine helle, frische Mädchenstimme und sang Sonaten und Etuden tapfer mit, die Läufe selbst ahmte sie mit einem lustigen dideldideldidel nach. Den armen Leonhard gemahnte sie an eine Spottdrossel, die er als Knabe daheim in den Murecker Wäldern gehört, nicht allzu oft, denn als man ihm noch die dicksten Notenbücher unterschieben musste, damit er mit den Händen die Claviatur erreiche, bannte ihn ein gewisses kantiges, kleines Lineal an den Klimperkasten fest.
Das Interesse an der Nachbarschaft hindert ihn nicht, fest zu schlafen, ja zu verschlafen, worüber sein erster Schüler, der wilde freche Junge vom »Selcher« (Metzger), den er an den Stuhl binden muss, um ihn eine Stunde lang festzuhalten, schwerlich betrübt sein wird. Als er erwachte, regten sich nebenan flinke, feste Schritte. Er fand Rhythmus in ihnen, und als sie die Treppe hinabgingen, stellte er sich an's Fenster, zum erstenmal im Leben ein weibliches Wesen belauernd. Hübsch? das ist kein Wort; hübsch ist am Ende Jede mit achtzehn Jahren, aber nicht Jede hat solch ein pikantes feines Köpfchen, das sich zierlich auf schlankem Halse wiegt, solche lustig in die Stirn fallende Locken, so ein rosiges Gesicht. Die Augen kann er nicht sehen, aber sicher blitzen sie in Uebermuth und Lebensfreude. Frau Lechleitner bringt ihm die obligate Cichorienbrühe herein, und er getraut sich, in unbefangener Weise die Worte hinzuwerfen: »Das Zimmer nebenan scheint ja wieder bewohnt zu sein.« Die Schleusse ist geöffnet. Frau Lechleitner würde kein alleinstehendes Mädchen in ihr Haus, diese Burg der Wohlanständigkeit, aufnehmen, man weiss ja, was dabei »herausschaut«. Aber die Franzi kennt sie schon von klein auf, hat ihr manchen Apfel zugesteckt, so lange sie noch keine Witwe mit dreizehn Gulden monatlicher Pension war, und die »Zimmerherrn« sind so unverlässlich, womit sie jedoch selbstverständlich Herrn Gruber nicht gemeint haben will, der pünktlich wie eine Uhr ist. Und was sie sagen wollte, Franzi's Mutter war ihre beste Freundin und ihren Vater hätte sie einmal heirathen sollen, und er war desperat, als sie mit Herrn Lechleitner Sonntag auf die Siebenbrunnerwiese spazieren ging.
»Das haben Sie mir schon erzählt!« ruft Leonhard verzweifelnd aus.
»Er hat dann meine Freundin genommen, und sie haben auch recht gut mit einander gelebt, sind aber beide vor zwei Jahren gestorben. Und die Franzi schlägt sich mit Kleidernähen durch und bleibt brav dabei.«
Frau Lechleitner wird nicht müde, die Tugenden ihres Schützlings zu rühmen. Vor ihm steigt dräuend das Bild einer mit tausend Spitzen und Stacheln gepanzerten Jungfrau auf, voll der herben Wehrhaftigkeit, dem pharisäischen Tugendstolze alleinstehender braver Mädchen. Und er weiss nicht, ob er sich über die Einladung zu Kaffee und »Gugelhupf« freuen soll, mit welcher ihn die Hauswirthin, die Anwesenheit der hübschen Nachbarin in Aussicht stellend, für den nächsten Sonntag überrascht.
Ziemlich trübselig erwartet er, in die Ecke des alten Sophas gedrückt, sein Schicksal. Die Thür geht auf, lachend und schwatzend und ein wenig verlegen kommt die sanglustige Nachbarin herein. Sie ist keine Jungfrau in Wehr und Waffen, sondern ein herziges kleines Ding voll drolliger Einfälle und – gerade nur zur Würze – etwas schnippisch. Nach den ersten paar Minuten erscheint ihm die versessene Sophaecke als das behaglichste Plätzchen der Welt. Als er die ungeheuere Tasse Kaffee, die ihm die Hausfrau reicht, über das Tischtuch und Franziskas neues Kleid ausschüttet, weiss sie das Unglück mikroskopisch klein zu machen; natürlich lassen sich die Flecken entfernen, wird das Kleid gewaschen wie neu aussehen! Wie sich ihm das schüchterne Herz in der Brust dehnt, wie seine blauen Augen, das einzige Anziehende in dem unjugendlichen Gesicht, zu leuchten anfangen! Heute scheint die Sonne ganz anders als sonst, Frühling, Frühling! zwitschern die Spatzen auf der Strasse. – In seiner Stube entlockt er dem Flügel stürmische, jauchzende Weisen, stürmisch und jauchzend singt die Spottdrossel nebenan, und Frühling, Frühling! klingt es aus den Tönen.
Durfte Leonhard Gruber einen Frühling haben? In den Händen hielt er einen Brief; mit leisem Bangen, wegen dessen er sich herzlos und unkindlich schalt, öffnete er ihn. Oft kamen Episteln von derselben Hand, sie sind mit Klagen über Einschränkungen erfüllt, wie Luise noch immer im alten Kleide gehe, Lina einen Mantel brauchte, wie trostlos das Geschick einer Witwe und armer Waisen sei, die ihres Ernährers beraubt worden. Drei Viertheile von Leonhard's Verdienst wandern nach Mureck, seit Jahren hat er keine Oper, kein gutes Concert besuchen können, im Winter trägt er dünne und im Sommer dicke Kleider, wie sich das bei armen Teufeln trifft, aber so oft er ein solches Schreiben liest, erscheint er sich wie ein schwarzer Missethäter.
Diesmal jedoch enthält es eine Freudenbotschaft. Das heisst, einem Anderen würde sie vielleicht nicht so sehr verheissungsvoll klingen, da sie ihm zunächst noch mehr Entbehrungen auferlegen wird. Aber mein Leonhard Gruber verspricht sich leicht einen schönen Tag, so oft ein winziges Stückchen blauen Himmels durch graue Wolken bricht: der zweite Sohn des alten Organisten wird, Dank dem adeligen Schlossherrn von Mureck, der Leonhard's musikalische Ausbildung ermöglichte, einen Stiftplatz am Wiener Conservatorium erhalten. Was dem älteren Bruder versagt geblieben, soll dem jüngeren zu Theil werden. Leonhard wird ihm jeden Stein aus dem Weg räumen, damit er sich ungehindert der anspruchsvollen Frau Musica widmen könne, aber wenn nun Karl ein berühmter Künstler geworden, dann kann er die Sorge für die Familie übernehmen.
Und dann verlobte sich Leonhard. Warten? Ob es Franzi recht ist! so hat sie es stets geträumt, wenn in ihrem Köpfchen der Gedanke an ein eigenes Haus aufgetaucht. Stück für Stück zum Bau des Nestes herbeitragen, bis es gezimmert und ausgepolstert ist, das muss ungleich hübscher sein, als in ein von Tischler und Tapezierer fertig gestelltes Heim einzuziehen.
Daheim waren sie Anfangs geneigt, es Leonhard sehr übel zu nehmen, dass er sich mit vermessenen Gedanken an einen eigenen Herd trug, aber da an die Ausführung nicht gegangen werden sollte, bevor Karl eine feste Stelle in der Welt errungen, gab die Mutter in Gnaden ihre Einwilligung.
Aber Karl schlug nicht gut aus. Seine Lehrer knüpften hohe Erwartungen an ihn, aber dem genialen Burschen gebrach es an einer Kleinigkeit, es war ihm nicht ernst mit seiner Kunst, seiner Laufbahn, dem Leben. Das Glück heftete sich Anfangs an seine Fersen. Er hatte kaum den Schulstaub abgeschüttelt, da lud ihn der Gönner, der ihm den Stiftsplatz verliehen, zu einer Abendgesellschaft ein. Sein Beispiel fand Nachahmer, der junge Künstler kam in Mode. Aber die Mutter wandte sich nicht an ihn um Hülfe in ihren endlosen Nöthen, denn uneröffnet lag ein ganzer Stoss von Familienbriefen auf seinem Clavier. Während der Schülertage hatte er Bett und Tisch des Bruders getheilt, aber die kleine, schlecht beheizbare Stube im entlegenen Vorstadthaus war kein passender Aufenthalt für einen gefeierten Virtuosen. Auch verdarb ihm das lästige Mitsingen im Nebenzimmer – ganz so frühlingsfrisch wie vor sechs Jahren klang es freilich nicht mehr – jede Inspiration, griff ihm die Nerven an, machte ihm das Leben zur Qual. Er miethete sich ein passendes Künstlerheim an der Ringstrasse. So kirchenstill es in den Augenblicken, da er mit der Muse Zwiesprache hielt, um ihn sein musste, so laut liebte er seine Gesellschaft in den vielen Erholungsstunden. Er besass eine Leidenschaft für alle schäumenden Getränke, und die Gasflammen einer Wirthsstube lockten ihn wie eine Motte an.
Trat Ebbe in seiner Tasche ein, dann liess er sich wie in seiner Schulzeit vom älteren Bruder erhalten. Doch durfte sich dieser beileibe keine Vorstellungen erlauben, sonst liess sich der Virtuose Monate lang nicht blicken. Und Leonhard, gutmüthig, schwach und unaufhörlich von der Furcht gequält, er erfülle schlecht das Versprechen, das er dem sterbenden Vater gegeben, suchte ihn dann wohl zuerst auf und gab gute Worte.
Franziska, der in letzter Zeit zuweilen der Gedanke gekommen, dass man auch Pflichten gegen sich selber habe, vernahm es denn auch ohne das leiseste Bedauern – wenn sie auch aus Rücksicht auf ihren Bräutigam ihren Gefühlen keinen beredten Ausdruck lieh –, dass Meister Karl, eine ansehnliche Schuldenlast im Rücken, vor Thau und Tage aus Wien entwischt war. Es geschah ihm dadurch kein Leid, im Gegentheil, jetzt erst befand er sich in seinem richtigen Fahrwasser. Er wurde einer der modernen Landstreicher, die herrlich und in Freuden, von Bierquelle zum Weinborn pilgernd, leben, wenn ihnen ein insipides Getränk, das Wasser, bis in den Mund reicht, unter Aufzählung ihrer Titel und Orden »ein einziges Concert auf der Durchreise« in Krähwinkel veranstalten und dem geschmeichelten Localpatriotismus so viel erpressen, um ihren Kahn eine Weile flott zu erhalten.
Monate lang ging Leonhard niedergedrückt, eine Beute heftiger Gewissensbisse umher. Es war sträflicher Leichtsinn gewesen, ein blühendes, junges Leben an das seine, das er Anderen verpfändet hat, zu knüpfen. Wie ein Kartenhaus, in das der Wind gefahren, lagen seine Hoffnungen auf dem Boden.
»Wir müssen eben warten,« tröstete ihn Franzi, aber es klang anders als vor Jahren, da sie im Warten die eigentliche Würze ihres Brautstandes gesehen. »Wie könnte mir einfallen, Dich von Deiner Pflicht abwendig zu machen!« Leonhard's Stube blieb nicht lange ihm allein überlassen; ein anderer Bruder theilte sie. Der besondere Liebling Seiner Hochwürden, des Herrn Pfarrers von Mureck, sollte er einige Jahre Theologie studiren, dann war ihm ein Pfarramt gewiss. Das Brautpaar baute förmlich verwegene Pläne auf dieses künftige Glück: Natürlich wird das Pfarrhaus im Grünen liegen, Weinlaub daran emporklettern, ein Garten voll Aepfel- und Birnbäumen es umschliessen – Franzi wässert schon jetzt der Mund nach den saftigen Früchten –, man kann nicht allein darin hausen, Mutter und Schwester werden zum Seelenhirten ziehen. Wenn Ignaz es erlaubt, warum sollte er nicht? sein ältester Bruder theilt ja auch jeden Bissen mit ihm, dann kommt Leonhard mit seiner kleinen Frau im Sommer, wenn seine Schüler auf das Land geflohen sind, zur Erholung zu ihm hinaus. O, es wird herrlich sein, frische, stählende Bergluft Wochen, Monate lang einzuathmen. Franziska ist nun 26 Jahre alt und sehr praktisch. Ihre Augen haben viel von ihrem fröhlichen Glanz verloren, und die Lippen, statt zu lachen, schliessen sich oft fest auf einander. Aber wenn sie in glücklichen Träumen schwelgt, dann zeigen sich die Grübchen in Wange und Kinn, und ein rosiger Hauch färbt ihr Gesicht.
»Niemand würde sie für älter als zwanzig halten,« meint bewundernd Leonhard. Dass sein Bruder nicht in sein Entzücken einstimmt, nimmt ihn nicht Wunder. Was kümmert sich so ein angehender geistlicher Herr um Frauenschönheit? Aber freilich, etwas zugänglicher für Freud' und Leid der Menschen um ihn dürfte er sein! Wird er doch einmal seiner Gemeinde in Freud' und Leid beizustehen haben. Aber er gehört zu der neuen Schule kirchlicher Streiter, ist hohlwangig und blass und hat ein düsteres Licht in seinen Augen. Wenn Leonhard und Franziska Lustschlösser aufthürmen, wirft er verächtliche Blicke auf die Kinder der Welt. Zuweilen versucht er es, sie auf das Reich Gottes hinzulenken; leider vergeblich. Franzi, wie die Meisten ihrer Landsmänninnen, hat nicht das geringste Talent zur Asketin, und wie Leonhard's Anlagen auch beschaffen sein mögen, an der Seite seiner Braut, die er nun bald heimzuführen hofft, denkt er nicht an Weltentsagung.
Er war Enttäuschungen so gewohnt, dass er nicht zusammenbrach, als sein Bruder, einem unwiderstehlichen Drange gehorchend, in einen Mönchsorden der strengsten Regel eintrat und schwere Klosterpforten zwischen sich und die Welt, die etwa Ansprüche an ihn stellen konnte, schob. In Mureck waren sie fromm genug, nicht darüber zu murren. Ihnen blieb ja noch immer der Aelteste; »einen gar braven Buben«, nennt ihn Frau Gruber, aber sie ist doch stolzer auf den geistlichen Sohn, der es zu hohen Würden bringen wird, da er alle hemmenden Familienfesseln abzustreifen wusste.
Franziska wurde todtenbleich, als dieser Blitz ihre Lustschlösser zertrümmerte.
»Wir werden nie einander angehören!« rief sie und brach in Thränen aus. Wenn er sie verlor, dann schwand jede Freude aus seinem armseligen Leben, er wurde ärmer als ein zerlumpter Bettler auf der Strasse. Aber konnte er ihr zumuthen, noch länger zu harren, ihre besten Jahre einer fast aussichtslosen Neigung zu opfern. Das erste Wort, mit dem er sie, Verzweiflung in der Stimme, frei gab, brachte sie zu sich.
»Mein Leonhard, wir warten geduldig auf einander, wie bisher«; aber es war nur ein Zerrbild der alten Schalkhaftigkeit, als sie hinzusetzte: »Es sei denn, Du möchtest mich nicht mehr.«
Er schloss sie aufjubelnd in die Arme. Wieder arbeiteten sie Jahre lang neben einander, ohne ihrem Ziel näher zu rücken. Franziska wusste, dass sie verblühte. Sie baute keine Zukunftspläne mehr und gab sich Mühe, so rührend genügsam wie ihr Bräutigam zu werden, dessen Gesicht sich verklärte, wenn er einen Sonntag Nachmittag mit ihr im Wienerwald verbringen durfte.
Da griff der Zufall plötzlich in ihr Leben umgestaltend ein. Leonhard ging mit elastischen Schritten umher und summte die Melodien, die, wenn günstigere Sterne über ihm gewaltet, vielleicht den Weg in die Welt gefunden hätten.
Der Virtuose war auf seinen Irrfahrten, wie ein Schiffbrüchiger auf fremdem, unwirthlichem Strand in Amerika gelandet. Ach, da war kein Wirth, der borgen wollte, kein Concertsaal, der sich öffnete, so lange ihm der Wind durch die Taschen pfiff. Um nicht zu verhungern, sah er sich nach Schülern um und da er in der That glänzend spielte, eine unverlegene Zunge besass und mit einem Hoftitel aus einem kunstsinnigen deutschen Herzogthum die Leute zu blenden vermochte, fehlt es ihm bald nicht an gut bezahlten Clavierstunden. Nach einigen Monaten trat er öffentlich auf und fand Beifall. Das Unterrichten erschien ihm nun wieder als eines so grossen Pianisten wenig würdig. Auch plante er eine Kunstreise nach dem Westen. Da kam ihm der erleuchtete Gedanke, Leonhard könnte seine Lectionen übernehmen. Das Reisegeld schickte er nicht, er hätte seines ältesten Bruders Zartgefühl verletzen können, freilich dauerte es nun einige Zeit, bis es zusammengespart war; zu lange für Karl's Ungeduld. Als Leonhard nach thränenreichem Abschied von den Seinen in New-York landete, da war der Virtuose bereits nach Californien abgereist, und seine Stunden gab ein Anderer. Und der Ankömmling, der nicht mehr in den Jahren war und vielleicht nie die nöthige rücksichtslose Energie besessen hatte, um sich in der Fremde einen Wirkungskreis zu schaffen, sah sich ohne Mittel, ohne Freunde, von der Heimkehr abgeschnitten in der ungeheueren Stadt, die Hunderte solcher ungeschickter armer Teufel verschlingt, ohne dass nur das Kräuseln der Oberfläche, wie ihn ein Stein auf dem Wasserspiegel hervorruft, die Stelle ihres Unterganges bezeichnen würde. Er besass nicht seines Bruders siegesgewisses Auftreten, konnte nicht wie dieser durch seinen Künstlerruhm verblüffen. Wenn er Beschäftigung suchte, kamen ihm Flinkere, Gewandtere zuvor. Er verzweifelte nicht um seinetwillen, denn er hatte die Kunst, sich halb satt zu essen, schon früher erlernt. Aber was sollte aus Mutter und Schwestern werden, welche er, im Vertrauen auf Karl's Versprechungen, den gewöhnlichen Monatsbeitrag zugesichert, was aus Joseph, dem jüngsten Bruder, der im Lehrerseminar ohne Zweifel sehnsüchtig auf eine Unterstützung wartete. Wenn er Franziska's gedachte, überwältigte ihn der Jammer völlig. Welch ein Lohn für ihr geduldiges Ausharren, ihre Aufopferung! Er sandte keine Nachricht von seiner Bedrängniss an die Angehörigen heim. Sie konnten ihm nicht helfen und hatten an der eigenen Last genug zu tragen.
Er vergass, dass es nichts Unersetzliches auf Erden gibt. Mutter und Geschwister staunten, dass der stets so zuverlässige Aelteste sie im Stiche liess. Aber von der Nothwendigkeit gedrängt, suchten sie bei ihren eigenen Hülfsquellen Zuflucht. Joseph gab Stunden, wie Leonhard es gethan und schickte kleine Beträge nach Hause, die Schwester verwerthete allerlei Kunstfertigkeit mit der Nadel, die Aelteste entschloss sich, dem greisen Pfarrer die Wirthschaft zu führen. Franziska allerdings litt; sie glaubte sich von ihm vergessen. Und Leonhard schwamm im Wirbel, umsonst versuchend, irgendwo festen Fuss zu fassen.
Die New-Yorker Zeitungen brachten eines Tages eine jener Notizen, die, kurz und dürr, dennoch mehr als bändelange Schilderungen irdischen Jammers geeignet sind, die Herzen zu erschüttern. Ein Polizist hatte einen bewusstlosen und wie er, Dank des häufigen Vorkommens solcher Zufälle, glaubte, betrunkenen Mann vom Strassenpflaster aufgelesen und über Nacht auf der Polizeistation mit dem verkommensten Gesindel zusammen eingesperrt. Vor dem Richter stellte sich heraus, der Fremde, ein Musiklehrer, der Bruder eines in New-York geschätzten Künstlers, hatte keinen Tropfen geistigen Getränkes zu sich genommen, sondern war zusammengebrochen, weil er seit mehreren Tagen nichts Nahrhaftes gegessen. Das Mitleid verschaffte Leonhard die ersten Stunden in New-York. Was man auch an den plötzlich reich gewordenen Amerikanern zu tadeln finden mag, die schlechte Eigenschaft der Emporkömmlinge, die Kargheit im Kleinen neben der prahlerischen Vergeudung im Grossen besitzen sie nur ausnahmsweise; sie lassen die Lehrer ihrer Kinder, die Angestellten in ihren Geschäften, die Dienstleute im Hause nicht darben. Leonhard sah sein Schifflein bald auf ruhiger Fluth dahingleiten.
Lachend und weinend zu gleicher Zeit hielt Franzi den Brief in der Hand, der ihr von der günstigen Wendung in seinem Geschick Kunde gab. Bald sollten sie einander angehören. Lärmten die Sperlinge nicht wie ehemals, sang und klang es nicht in ihr, um sie? Aber es dauert nur wenige Augenblicke. Ihre Seele hat die luftigen Schwingen eingebüsst, mit welchen sie sich einst in ein glückliches Traumland erheben konnte.
»Was wird wohl diesmal zwischen uns treten?« fragt sie sich bitter, der Glanz in den Augen erlischt, und sie zieht wieder die Nadel durch ihre Arbeit, die hoffnungs- und erfolglos ist, wie die der Danaïden.
Diesmal irrte sie. Joseph, der in seinem Charakter dem ältesten Bruder glich, war Schullehrer in Mureck geworden und wollte Leonhard's Stelle bei der Familie vertreten. Selbst die Mutter, welche die trübseligen Verhältnisse zu einem beständig heischenden und niemals befriedigten Wesen gemacht, schrieb, wenn auch ein Zuschuss stets willkommen sei, so möge ihr Aeltester nun auch einmal an sich denken.
Leonhard's Schüler schütteln verwundert die Köpfe. Hätte nicht jeder deutsche Professor das unveräusserliche Vorrecht, wunderlich zu sein, sie würden ihn für verrückt erklären. Er geht umher, als führten die Engel über seinem Haupte ein Conzert auf. Während die kleinen ungelenken Fingerchen neben ihm dem Piano gräuliche Misstöne entlocken, lächelt er stillselig vor sich hin, statt, wie recht und billig, wüthend zu werden. Er sieht beinahe gross aus, so dehnt und streckt sich sein kleines Persönchen vor innerem Wohlgefühl: Er rüstet das Nest für sein Weib, kein Tag vergeht, an dem er nicht mit einem Pack unter dem Arm die steile Holztreppe zur künftigen Residenz emporklimmen würde. Noch besteht der Brauch, wohl aus den Ansiedlertagen, da Einer auf den Beistand des Anderen angewiesen war, dass man Freunden das Haus einrichten hilft. Die Eltern seiner Schüler wissen, er erwarte die Braut aus Deutschland (unter welchem Namen ganz Europa, mit Ausnahme Grossbritanniens und Irrlands, begriffen wird), die Tischchen, Standuhren, Kamindraperien, gestickten Deckchen, Porzellanfiguren, Bilder – an welchen freilich der Rahmen das Hervorragendste ist –, die ihm in's Haus strömen, würden ein Museum füllen. Jedenfalls wird man in der neuen Wohnung äusserst massvoll im Gebrauch seiner Gliedmassen sein müssen, und Franzi wird als Herrin all der Schätze gerade keine Sinecure inne haben, wenn sie dieselben in halbwegs staubfreiem Zustand erhalten will. Stunden lang steht Leonhard, in Bewunderung versunken, vor den Herrlichkeiten. Aber ein Geräth vergass er, vergassen seine Freunde. Am Tage, bevor das Schiff mit seiner Braut, das glückhafte Schiff, im Hafen einläuft, kauft er den Pfeilerspiegel für die Vorderstube.
Vom Dock führt er sie zum Friedensrichter, der die beiden geduldigen und getreuen Menschen für das Leben zusammengiebt. Leonhard hat sein Nest in einer neugierigen, schwatzhaften Strasse gebaut; man braucht nicht viel Phantasie, um sich in eine Kleinstadt im deutschen Vaterland versetzt zu fühlen. Rechts und links drücken die Nachbarinnen die Gesichter an die Fenster, um das Paar vorüberschreiten zu sehen. Sie geben sich keine Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen. Die Monate langen Vorbereitungen, das verklärte Gesicht liessen sie einen anderen Siegespreis vermuthen.
»Die alte Jungfer hätte er nicht zu importiren gebraucht,« sagten sie, »so etwas findet sich auch noch unter dem Sternenbanner.«
Franzi hat es glücklicherweise nicht gehört, es hätte einen grauen Flor über ihre Seligkeit gebreitet. Ohnedies erscheint sie nicht so glücklich, wie man vermuthen sollte. Während Leonhard wie von Flügeln getragen einhergeht, schlägt sie die Augen zu Boden.
Es war ziemlich spät im Herbste. Leonhard hatte, weil die Blumen spärlich wurden, die zahlreichen Vasen mit prachtvollen farbigen Herbstblättern angefüllt, sie sahen wie leuchtend rothe, goldgelbe und broncefarbige Blüthen aus. Franzi konnte nicht umhin, einen Ausruf des Entzückens bei dem Anblick ihrer Wohnung auszustossen. Der Klang der Schelle hatte ihren Gatten von ihr fortgerufen. Sie war allein in ihrem Königreich. Zaghaft nahm sie ein Figürchen um das andere in die Hand, bewundernd beugte sie sich über die Stickereien, den Teppich, die Geräthe. Zuletzt trat sie vor den Spiegel. Und nun verwandelte sich der Ausdruck ihrer Züge, sie brach in Thränen aus.
Vielleicht hatte sie gehofft, inmitten der Wunderdinge die Franzi von ehemals mit rosigem Antlitz und Wangengrübchen, Goldglanz auf dem Haar und schalkhaftes Leuchten im Auge, zu erblicken. Aber aus dem Spiegel trat ihr ein Schatten ihres alten Selbst mit traurigen Augen und einem Gesicht entgegen, aus dem selbst diese Stunde des Glückes das Gepräge der Resignation, des unaufhörlichen Verzichtens nicht zu verwischen vermocht hatte. Geheimnissvoll vor sich hinlächelnd trat Leonhard wieder ein. Da er sie weinen sah, blieb er wie erstarrt stehen. Dann eilte er auf sie zu; wenn sie Heimweh fühlte, dann sollte sie es an seinem treuen Herzen überwinden. Aber sie machte sich heftig los.
»Müssen wir uns nicht schämen, uns wie andere neuvermählte Paare zu gehaben? Schnee liegt auf unserem Scheitel, Furchen ziehen sich durch unsere Züge.«
Er hatte es bisher nicht bemerkt, dass sie sich verändert. Für ihn war sie die Franzi geblieben, um die er in ihrem Lenz geworben. Und auch jetzt, nachdem sie ihm die Binde von den Augen gerissen, meinte er, es gäbe kein schöneres, kein anziehenderes Weib in der Welt. Er sah sie mit den Augen der Erinnerung.
»Können wir denn noch glücklich werden?« fragte sie, »vermagst Du mein verblühtes Gesicht noch zu lieben?«
Er eilte vor die Thür und trug mit Aufgebot aller Kraft einen Blumenkorb von ungeheurem Umfang, gefüllt mit herrlichen, frischen Blüthen, herein; eine Schülerin hatte ihn dem Ehepaar zum Einzug in das Haus gesendet.
Leonhard wies auf die prächtigen Rosen, auf Nelken und Heliotrop.
»Es ist Herbst,« sagte er, »die Luft ist rauh, und Nebel füllt die Strassen. Aber furchtlos strecken sie die feinen duftenden Köpfchen in die Luft hinaus und freuen sich der Stunden, in welchen die Sonne ihnen scheint.«
»Und wie lange dauert es,« warf sie herbe ein, »dann kommt der erste Frost und vergilbt ihre Blätter.«
»Lass ihn kommen, Kind, wir wollen doch sehen, ob wir ihn mit unseren warmen Herzen nicht überwinden. Wir wollen unseren Frühling dankbar feiern, obschon er uns spät im Jahre gekommen.«
Er schloss sie in seine Arme und küsste sie auf den Mund.
BRENNENDE LIEBE.
Vielleicht halten Sie mich für unbescheiden, aber wahrhaftig, ich half einem tiefgefühlten Bedürfniss ab, als ich geboren wurde, aufwuchs und zum Ruhm meiner Vaterstadt unter die Kannibalen ging. Natürlich nicht, um bei ihnen zu bleiben, sondern um mit 85 Kisten voll staubiger Merkwürdigkeiten, Schädeln, Amuletten, Pflanzenwurzeln, Pfeilen, Bogen, Lanzen und ferner mit einem Vorrathe an Notizen und Tagebüchern heimzukehren, der das Herz jedes Händlers in Makulatur mit den frohesten Erwartungen erfüllt hätte.
Meine Vaterstadt hatte sich schon seit längerer Zeit sehnsüchtig nach einem grossen Sohne umgethan, zu dessen Ehren man wieder einmal in dem altberühmten Rathskeller ein ansehnliches Festessen unter Pauken- und Drommetenschall abhalten konnte. Leider war in der ehemaligen Reichsunmittelbaren eine gewisse Dürre eingetreten, sie hatte alle ihre grossen Söhne unter prachtvollen Denkmälern begraben, und der Nachwuchs zeigte das richtige Militärmass nicht mehr. Da trat ich denn aufopfernd in die Bresche. Der Wahrheit die Ehre! Das Essen war unübertrefflich, und der Wein liess nichts zu wünschen übrig. Rechts und links schlugen mir »der opferwillige, selbstlose Diener der Wissenschaft«, »der erleuchtete Erforscher dunkler Erdtheile«, der »hervorragendste jetztlebende Sohn« und so weiter an die Ohren, und als sich nach leiser Zwiesprache mit mir der Oberbürgermeister erhob und den Anwesenden verkündete, ich hätte meine 85 Kisten der geliebten Vaterstadt zum Geschenk gemacht (selbstverständlich unter den bescheidenen Bedingungen, dass sie für ewige Zeiten ungetheilt blieben, in den hellsten Sälen des neuen Museums aufgestellt würden und als Karl-Wittmann-Stiftung auf die Nachwelt übergingen), da stieg die Begeisterung auf den Siedepunkt, und ich genoss fortan die süssen Früchte der Popularität, die darin bestehen, dass jener Theil der hoffnungsvollen Jugend, der den Gebrauch der Taschentücher standhaft verschmäht, auf der Strasse mit den Fingern auf mich deutete, und die jungen Damen der Stadt, sobald sie meiner ansichtig wurden, angelegentlich die Auslagen studirten, um, wenn ich vorübergegangen war, sich umzudrehen und mir nachzublicken. Aber die Götter sind neidisch. Sie vergassen nicht, einen Tropfen Gift in meinen Freudenbecher zu mischen. Und was für einen Tropfen! Er war ausgiebig genug, um ein ganzes Fass süssen Weines in eitel Wermuth und Galle zu verwandeln. Es lebte eine Person in der Stadt, die meine Verdienste um Mit- und Nachwelt gering schätzte, die meinen Ruhm nicht anerkannte und trotz meiner allgemeinen Beliebtheit kalt wie ein Eiszapfen blieb, und diese Person war meine Braut; denn ich habe eine Braut und zwar eine sogenannte Familienbraut.
Aus Spielgefährten und Jugendfreunden wurden wir, Dank unseren vortrefflichen Mamas, im Handumdrehen Braut und Bräutigam ohne die geringste Ungewissheit, den leisesten Zweifel, ohne irgend ein Hangen und Bangen in schwebender Pein. Meine junge Weisheit beschloss, die stehenden Gewässer unserer Neigung durch eine längere Entfernung aufzurühren, damit etwas von dem Idealzustande der Liebe, ein Bischen Sehnsucht und Leidenschaft auch auf unser Theil komme. Auch führte ich den auf mich entfallenden Part des Programms gewissenhaft durch. Einmal von Helene getrennt, zog ich jeden Augenblick ihre Photographie heraus und machte ihr die süssesten Augen, zweimal im Tage setzte ich mich hin, um gefühlvolle Episteln an sie zu richten (leider dürften sie dieselbe nicht erreicht haben, denn ich bin ein schlechter Briefschreiber, und aus den acht Seiten langen Liebesbotschaften wurden meist kleine Zettelchen, die ihr die erfreuliche Kunde meines Wohlbefindens zutrugen), und als den »bekannten Naturforscher« bei seinem Landen in Hamburg eine kleine Festlichkeit erwartete, riss er sich mitten in der Nacht und mit ziemlich schwerem Kopf aus dem Kreise seiner Verehrer los, um am nächsten Morgen in seiner Vaterstadt und bei Helene einzutreffen.
Ich hätte ruhig im Hotel schlafen können. Zur Begrüssung streckte mir meine Braut ein paar Fingerspitzen entgegen, als ich voll Wiedersehensfreude auf sie zueilte.
»Sehr erfreut, den Herrn Doctor bei uns zu sehen,« sagte sie und verbeugte sich tief und spöttisch. Wir waren allein, nichts hinderte uns, die lang aufgespeicherte Sehnsucht von Lippe zu Lippe ausströmen zu lassen. Und nun dieser Empfang! Die Arme sanken mir herab, mein Gesicht verlängerte sich.
»Das Willkommen für deinen Verlobten leidet jedenfalls nicht an Ueberschwänglichkeit,« sagte ich trocken, nachdem ich meine Enttäuschung, so gut es ging, niedergekämpft.
»Wer das nicht hoch genug zu schätzende Glück hat, einen so vernünftigen Bräutigam sein eigen zu nennen, darf sich nicht durch Sentimentalität lächerlich machen,« versetzte sie.
»Helene, ich bin durchaus nicht vernünftig,« betheuerte ich mit Ueberzeugung. »Ich glaube, seit den Tagen von Hero und Leander hat kein verliebter Narr so ungeduldig die salzige Fluth durchmessen und so erleichtert das Gestade berührt, wie ich.«
Eine Steinfigur wäre gerührt worden. Meine theuere Braut jedoch rief spöttisch an mir vorüber in die Luft hinaus:
»Der Unglückliche! Bittere Noth zwang ihn, seiner Heimath den Rücken zu kehren und das harte Brot – den Schiffszwieback – der Fremde zu essen.«
Wenn mich etwas aufregen kann, so ist es dieses Sprechen zu einem abwesenden Dritten. Ich würde es als einen Scheidungsgrund ansehen, sollte meine Frau ihre Gardinenpredigten in diesem Stile halten. Allein diesmal blieb ich gelassen, denn es galt mein Schifflein durch eine etwas gefährliche Stromschnelle hindurchzurudern.
»Bedenke, Kind, man hat doch auch Pflichten gegen das Allgemeine. Wenn ich meinen verehrten Mitbürgern keine Veranlassung zu einem Bankett gebe, dann erkranken sie möglicherweise am verhaltenen Jubelfieber, und meine Unterlassungssünde endet in einem Massenmorde.«
»Bilde dir nicht ein, sie haben auf dich gewartet,« entgegnete Helene; ihr Ton klang geringschätzig, aber sie wandte sich direct an mich, und das war ein Fortschritt. »Hätten dich die Wilden mit dem Holzbeile erschlagen, dann wäre vielleicht das Erlöschen der Pest vor 400 Jahren gefeiert worden, oder der Westfälische Friede, oder sonst eine erfreuliche, wenn auch schon etwas angejahrte Begebenheit. Ich kenne unsere würdigen Stadtpapas; wenn ein guter Jahrgang im Rathskeller lagert, dann begehen sie Jubiläen bei dem geringfügigsten Anlass.«
Und dieses Wesen, das meine Bedeutung für das Gemeinwohl also abzuschwächen, ja ganz zu vernichten suchte, sollte das Weib meines Busens werden! Ich hoffe, dass mir Jedermann die Berechtigung zugestehen wird, entrüstet zu sein.
»Helenchen, äussere deine Ketzerei nicht vor fremden Ohren. Männlein und Weiblein in unserer Stadt stimmen darin überein, dass meine Sammlungen ungeheuer werthvoll sind und meine Tagebücher der Wissenschaft ausserordentliche Dienste leisten werden. Man soll sein Urtheil freilich nicht nach dem der Menge bilden, aber es trüge dir doch einen etwas unerwünschten Ruf der Originalität ein, wenn du, meine Braut, die Einzige wärest, die meiner Forschungsreise nicht die geringste Wichtigkeit beimissest.«
Sie blickte anklagend zur Zimmerdecke empor.
»Ich messe ihr keine Wichtigkeit bei, ich, die ich ihr die trostlosesten, unerquicklichsten Jahre meines Lebens verdanke!«