The Project Gutenberg eBook, Memoiren einer Grossmutter, Band I, by Pauline Wengeroff

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MEMOIREN EINER GROSSMUTTER


Pauline Wengeroff

Memoiren einer Grossmutter

Bilder aus der Kulturgeschichte der
Juden Russlands im 19. Jahrhundert


Band I


Mit einem Geleitwort von Dr. Gustav Karpeles

BERLIN

Verlag von M. Poppelauer

1908


Alle Rechte, besonders das der Uebersetzung
in fremde Sprachen vorbehalten.



Geleitwort.

Die jüdische Literatur besitzt leider nur sehr wenige Memoirenwerke.

Aus dem jüdischen Leben in Russland kenne ich nur ein einzige, die »Zapiski Jewreja« von Gregor Isaakowitsch Bogrow. Diesem Werke, das uns einen tiefen und charakteristischen Einblick in das Leben und Treiben der Juden in Russland zu Anfang des vorigen Jahrhunderts eröffnet hat, schliessen sich die Memoiren der Pauline Wengeroff ebenbürtig an. Mit inniger Liebe und großer Pietät, mit seltener Treue und aufrichtiger Wahrhaftigkeit, mit einem milden verklärenden Humor und mit feinem psychologischem Takt erzählt sie uns wichtige Episoden aus einer grossen Übergangszeit, aus der Zeit, in welcher die Aufklärung unter den Juden in Russland die Nebel, die bis dahin über dem russischen Judentum lagerten, zu durchbrechen begann, aus einer vielbewegten, interessanten, merkwürdigen Periode, deren Geschichte noch nicht geschrieben ist, sondern erst dann geschrieben werden kann, wenn wir noch eine ganze Reihe solcher Memoiren besitzen werden.

Die russischen Juden haben in den letzten Jahren im Vordergrund des öffentlichen Interesses gestanden. Ihre Schicksale und Leiden haben die Teilnahme der ganzen Kulturwelt gefunden. Natürlich hat man sich auch viel mit ihren Charaktereigenschaften, mit ihrer Geschichte und mit ihrer Literatur beschäftigt. Erst dadurch kam weiteren Kreisen die Erkenntnis, welch ein reicher Schatz von Phantasie und Bildung, von Poesie und Begabung in diesen Judenstädten und Judengassen des weiten Zarenreiches aufgespeichert liegt und dort der grossen Schilderer und Dichter harrt, die diesen Schatz zu heben verstehen.

Unwillkürlich wird man bei Betrachtung der Kulturarbeit, die uns die Memoiren von Frau Pauline Wengeroff so anschaulich schildern, an ein Wort von Nikolaj Gogol in seinem klassischen Roman »Tote Seelen« erinnert. Die Kibitka des Helden jagt mir rasender Eile über die weite unübersehbare Ebene dahin und verliert sich schliesslich in die graue Ferne. »Und jagst nicht auch Du, mein Russland, vorwärts wie eine nicht einzuholende Troika? Der Weg hinter dir dampft, die Brücken krachen, alles lässt du hinter dir. Die Zuschauer bleiben überrascht stehen und fragen: War es ein Blitz? Was bedeutet die schauererweckende Eile, welche geheimnisvolle Kraft beseelt diese Pferde? Was für Pferde sind das? Habt ihr Wirbelwind in euren Mähnen?.... Habt ihr von oben bekannte Töne gehört und strengt ihr nun eure Eisenkörper an, ohne die Erde mit euren Hufen zu berühren, durch die Lüfte zu fliegen, als wäret ihr von einem Gotte begeistert? Russland, wohin jagst du? Antworte! Da kommt keine Antwort. Man hört die Glöckchen der Pferde wundersam klingen; es stöhnt in der Luft und wächst, wie zum Sturme an und Russland setzt seine kühne Jagd fort.«

Feine Ohren werden vielleicht aus den Blättern dieser Memoiren einen Teil der Antwort heraus hören, und aufmerksame Beobachter werden die rapide Entwickelung der Juden Russlands von finsterem Aberglauben und der Erstarrung zum hellen Lichte der Aufklärung und innerer Freiheit verstehen lernen.

Dann ist aber auch der Zweck dieses liebenswürdigen Buches erfüllt, das meine besten Wünsche auf seinem Wege in die Öffentlichkeit geleiten mögen.

Gustav Karpeles.


Inhaltsverzeichnis.

Seite
1. Geleitwort von Dr. Karpeles.[v]
2. Vorbemerkung[1]
3. Ein Jahr im Elternhaus
I.Teil[5]
II.Teil[85]
4.Der Beginn der Aufklärungsperiode
I.Lilienthal[118]
II.Jeschiwa Bochurim[137]
5.In der Neustadt
I.Es war ein schönes Bild[147]
II.Ein Sabbath[161]
III.Evas Hochzeit[171]
6.Die Veränderung der Tracht[185]

Vorbemerkung.

Ich war ein stilles Kind, auf das jedes freudige und traurige Ereignis in meiner Umgebung tief einwirkte. Viele Vorgänge prägten sich meinem Gedächtnis gleich einem Abdruck in Wachs ein, so daß ich mich ihrer noch jetzt ganz deutlich erinnere. Die Begebenheiten stehen frisch und lebendig vor mir, als wären sie von gestern. Mit jedem Jahr wuchs das Bedürfnis, meine Erlebnisse und Beobachtungen niederzuschreiben und nun gibt mir das reiche Material, das ich gesammelt habe, die schönsten und trostreichsten Stunden meines im Alter so einsam gewordenen Lebens. Es sind Feierstunden für mich, wenn ich die Aufzeichnungen zur Hand nehme und oft mit einer stillen Träne oder einem verhaltenen Lächeln darin blättere. Dann bin ich nicht mehr allein, sondern in guter und lieber Gesellschaft. Vor meinem geistigen Auge ziehen sieben Dezennien voll Sturm und Drang vorbei, wie in einem Kaleidoskop, und die Vergangenheit wird lebendige Gegenwart: die heitere, sorglose Kindheit im Elternhause, in späteren Jahren ernstere Bilder, Trübsal und Freude aus dem Leben der Juden von damals und so manche Szene aus meinem eigenen Hause. Diese Erinnerungen helfen mir über einsame, schwere Stunden, über die Bitterkeit der Enttäuschungen des Lebens hinweg, die wohl keinem Menschen erspart bleiben.

In solchen Stunden schleicht sich auch die Hoffnung in das alte Herz, daß es vielleicht auch für andere keine vergebene Arbeit ist, wenn ich vergilbte Blätter über die wichtigeren Ereignisse, die gewaltigen Veränderungen im kulturellen Leben der jüdischen Gesellschaft in Litauen der 40-50er Jahre des vorigen Jahrhunderts, von denen auch ich betroffen wurde, sorgfältig gesammelt habe. Vielleicht interessiert es die Jugend von heute, zu erfahren, wie es einmal war. Und wenn ich auch nur einem meiner Leser etwas gegeben habe, bin ich reichlich belohnt.

Ich bin im Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der litauischen Stadt Bobruisk geboren. Von streng religiösen Eltern, klugen, geistig vornehmen Menschen erzogen, könnte ich die Wandlung verfolgen, die das jüdische Familienleben durch die europäische Bildung erfahren hat, und mich überzeugen, wie leicht unsern Eltern die Erziehung der Kinder wurde, und wie schwer diese Aufgabe uns, der zweiten Generation, war. Wir machten uns mit der deutschen und polnischen Literatur bekannt, studierten mit großem Eifer die Bibel und Propheten, die uns mit Stolz auf unsere Religion und Tradition erfüllten und mit unserem Volk innig verbanden. Ihre Poesie prägte sich dem unberührten Kindergemüt tief ein und gab der Seele für die kommenden Tage Keuschheit und Reinheit, Schwung und Begeisterung.

Aber wie schwer erging es uns nun in der großen Übergangszeit der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts! Wir hatten uns wohl einen gewissen Grad der europäischen Bildung angeeignet; aber wir fühlten überall die klaffenden Lücken. Wir ahnten, daß noch höhere Stufen zu ersteigen wären, und suchten mit Anspannung unserer Kräfte, das Fehlende und an uns Versäumte bei unsern Kindern nachzuholen. Aber wir verloren leider in dem übergroßen Eifer das letzte Ziel und vergaßen die Weisheit des Maßhaltens. So tragen wir selbst Schuld an der Kluft, die zwischen uns und unsren Kindern entstand, an ihrer Entfremdung vom Elternhause, die folgen mußte.

Während uns der Gehorsam, den wir nach den Geboten unseren Eltern schuldig sind, heilig und unverletzbar war, mußten wir jetzt unseren Kindern gehorchen, uns vollständig ihrem Willen unterordnen. Wie einst unseren Eltern gegenüber, hieß jetzt die Parole unsern Kindern gegenüber: schweigen, still sein, fein den Mund halten, und wenn es noch so schwer, vielleicht noch schwerer wurde, als einst! Wenn wir andächtig und voll Ehrfurcht zuhörten, da unsere Eltern von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählten, schweigen und lauschen wir jetzt voll Freude und Stolz, wenn unsere Kinder von ihrem Leben und ihrem Ideale sprechen. Diese Unterwürfigkeit, die Bewunderung, die wir für unsere Kinder haben, macht sie zu Egoisten, zu unseren Tyrannen — das ist die Kehrseite der Medaille der europäischen Kultur bei uns Juden in Rußland, wo sonst kein anderer Stamm so rasch und unwiderruflich mit der Annahme der westeuropäischen Zivilisation alles aufgab und alle Erinnerungen an die Vergangenheit, seine Religion verließ, und alle Tradition von sich abschüttelte.

Unsere Kinder hatten es leichter als wir, eine hohe Bildungsstufe zu erreichen, und wir sahen das mit Freude und Genugtuung, denn wir haben ihnen oft mit schweren Opfern die Wege geebnet und Hindernisse beseitigt. Sie fanden alles bereit: Erzieherinnen, Kindergarten, Jugendbibliotheken, Kindertheater, Feste und angemessene Spiele, indes uns der Hof des Elternhauses alles ersetzen mußte, wo wir uns wahllos mit den armen Nachbarskindern herumtummelten und, die Röckchen über die Köpfe gezogen, hüpften und sangen:

»Gott, Gott, gib Regen —
Der kleinen Kinder wegen!«

Welcher Unterschied!

Alle diese Wandlungen habe ich hier zu schildern versucht.

Ich bitte die Leser um Nachsicht. Ich bin keine Schriftstellerin und mag auch nicht als solche erscheinen. Ich bitte nur, diese Aufzeichnungen als das Werk einer alten Frau anzusehen, die einsam in der Dämmerung ihres stillen Lebensabends schlicht erzählt, was sie in einer ereignisvollen Zeit erlebt und erfahren.

Ich weiß, daß meine Familienchronik ohne Zweifel der Jugend in unseren Tagen wie mit dichtem Schimmel oder mit einer dicken Staubschicht bedeckt erscheinen wird. Und doch hoffe ich, daß die Kenntnis des damaligen Lebens der Juden, das von dem der heutigen so himmelweit verschieden ist, für so manchen von einigem Interesse sein wird, der sich gern in vergangene Zeiten versenkt, um zu prüfen und zu vergleichen.

So fand ich den Mut zu meiner Publikation!

Ich kann dieses Werkchen — das geistige Kind einer Greisin, Bensekunim, wie die Hebräer sagen, — nicht in die Welt schicken, ohne meiner Freundin Louise Flachs-Fockschaneanu für ihre gütige Förderung zu danken. —


Ein Jahr im Elternhause.

I. Teil.

Mein Vater pflegte Sommer und Winter um 4 Uhr morgens aufzustehen. Er achtete streng darauf, daß er sich nicht vier Ellen von seinem Bette entfernte, ohne sich die Hände zu waschen. Ehe er den ersten Bissen zum Munde führte, verrichtete er in behaglicher Stimmung die Früh-Morgengebete, und begab sich dann in sein Arbeitszimmer. Es hatte an den Wänden viele Fächer, in denen zahlreiche Talmudfolianten aller Arten und Zeiten aneinander gereiht standen, in guter Gemeinschaft mit sonstigen talmudischen und hebräischen Werken der jüdischen Literatur. Darunter gab es alte, seltene Drucke, auf die mein Vater stolz war. Außer einem Schreibtisch stand in diesem Raum noch ein hoher, schmaler Tisch, »Ständer« genannt, davor ein bequemer Lehnstuhl und eine Fußbank.

Mein Vater begab sich also in sein Zimmer, ließ sich gemächlich im Stuhl nieder, schob die von dem Diener bereits angezündeten Kerzen näher und schlug den großen Folianten auf, der noch von gestern abend wie wartend dalag und begann in dem bekannten Singsang zu »lernen«. So gingen die Stunden bis sieben Uhr morgens hin. Dann trank er seinen Tee und ging in die Synagoge zum Morgengebet.

In meinem Elternhause wurde die Tageszeit nach den drei täglichen Gottesdiensten eingeteilt und benannt: so sagte man »vor« oder »nach dem Dawenen«, (Beten), für die vorgerücktere Zeit »vor« oder »nach Minche« (Vorabendgebet); die Zeit der Abenddämmerung wurde mit »zwischen Minche und Maariw« bezeichnet. In ähnlicher Weise wurden die Jahreszeiten nach den Feiertagen benannt; so hieß es »vor« oder »nach Chanuka«, »vor« oder »nach Purim« usw.

Mein Vater kam um zehn Uhr vom Bethause zurück. Erst dann begannen die geschäftlichen Arbeiten. Es kamen und gingen viele Menschen, Juden und Christen, die Geschäftsführer, die Kommis, Geschäftsfreunde usw., die er bis zur Mittagszeit — es wurde um ein Uhr gegessen — abfertigte. Nach Tisch ein kurzes Schläfchen, hierauf nahm er seinen Tee. Dann fanden sich auch schon Freunde ein, mit denen er über den Talmud, literarische Fragen und über Tagesereignisse sprach.

So schrieb mein Vater im Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einen Beitrag zu den »Eyen Jankow«, den er »Kuntres« (Kunom Beissim) benannte, und im Anfang der fünfziger Jahre hat er eine umfangreiche Sammlung seiner Kommentare zu dem ganzen Talmud herausgegeben unter dem Namen »Minchas Jehuda«. Beide Werke hat er keinem Verleger zum Verkauf überlassen, und nur an seine Freunde, Bekannte, seine Kinder und hauptsächlich an viele »Bote midraschim«, (Lehrhäuser) in Rußland verteilt. Das jüdische Schrifttum und die meisten seiner Verfasser von damals und noch viele Jahrhunderte zuvor, auch der Talmud, haben den großen Fehler begangen, daß sie die Daten oft außer acht ließen und sie nicht genau angaben. So hat beispielsweise mein Vater in seinem letzten Werke seinen Stammbaum gegeben, der sehr viel Rabbiner und Gaonim, angefangen von seinem Großvater bis zehn Generationen weiter hinauf zählte, aber bei keinem das Jahr seines Lebens und Todes verzeichnet. Was galt das Leben des Einzelnen, wenn nur das Talmudstudium eine Pflanzstätte hatte!

So empfand mein Vater, der getreu wie seine Ahnen der Lehre und dem Gottesdienst sich weihte ...

Das Minche gdole (Vorabendgebet) verrichtete er gewöhnlich zu Hause und sehr früh. Zu Maariw ging er wieder in die Synagoge, von der er gegen neun Uhr nach Hause kam zum Abendbrot. Er blieb gleich beim Tisch sitzen, unterhielt sich mit uns über dies und jenes. Er interessierte sich für alles, was im Hause vorging, was uns Kinder betraf, manchmal für den Fortgang unseres Unterrichts. (Den jüdischen Lehrer, Melamed und Schreiber, wie auch den Lehrer der polnischen und russischen Sprache pflegte meine Mutter zu besorgen.) Meinem Vater wurden da alle Haus- und Stadtereignisse mitgeteilt, während er seinerseits uns alles erzählte, was er in der Synagoge gehört hatte und was dort erörtert worden war. Dies war für uns die beste Unterhaltung und was er erzählte, die interessanteste Zeitung. Man nannte diese mündlichen Ueberlieferungen »pantoflowe gazeta«. Zeitungen, wie wir sie heute besitzen, gab es damals nur wenige, und sie waren nicht für jedermann erreichbar.

Meines Vaters impulsive Natur nahm alle Ereignisse mit starker Ergriffenheit auf, die sich auch seiner Umgebung mitteilte. Wir Kinder lauschten bei Tisch gespannt seinen klugen Reden. Er erzählte uns von berühmten Männern, von ihren Taten, von ihrer religiösen Lebensweise, den jüdischen Gesetzen, und wir liebten und schätzten ihn und stellten ihn höher als alle Menschen, die wir damals kannten. An zwei Namen, die er uns genannt, erinnere ich mich noch. Der eine hieß Reb Selmele, der andere Reb Heschele. Reb Selmele beschäftigte sich so eifrig mit dem Talmudstudium, daß er oft zu essen, zu trinken und zu schlafen vergaß. Er wurde schwach, mager und bleich, und seine besorgte Mutter flehte ihn an, seine Mahlzeiten einzunehmen. Aber es half nichts. Da gebrauchte die Mutter ihre Autorität: sie erschien eines Tages in seinem Studierzimmerchen mit einem Stück Kuchen in der Hand und befahl ihm, zu essen; zugleich sagte sie ihm, daß er jeden Tag um diese Stunde von ihr ein Stück Kuchen bekommen würde, das er essen müßte. Der junge Mann fügte sich in den Willen der Mutter; ehe er aber zu essen begann, rezitierte er den Talmudabschnitt: »Kabed ow weem«, die Gebote von der Verehrung von Vater und Mutter.

Der zweite, Reb Heschele, war schon als Kind sehr klug und witzig, Eigenschaften, die ihm auch bei all seiner großen Gelehrsamkeit bis in die späteren Lebensjahre verblieben. Ihm war das Cheder ein Greuel mitsamt dem Rebben und dem Behelfer, der ihn täglich gewaltsam fortführte, obwohl er sich mit Händen und Füßen sträubte; denn er war ein sehr lebhaftes Kind und liebte die Freiheit. Eines Tages fragte ihn sein Vater ohne jede Strenge, warum er denn so ungern ins Cheder ginge. »Ich fühle mich beleidigt«, erwiderte er, »daß der Behelfer mich so ohne jede Achtung mitschleppt. Warum schickt man dir, wenn man dich haben will, einen Boten, der dich höflich bittet, der Einladung zu folgen?« Und du antwortest manchmal: »Gut, ich komme!« oder manchmal auch: »Ich danke, gleich wie gewesen (d. h. wenn du willst, gehst du, sonst eben nicht).« Der Vater versprach ihm, ihn auch einladen zu lassen und teilte das dem Behelfer mit. Als dieser nun anderen Tages den Kleinen freundlich einlud, antwortete er: »Gleich wie gewesen!« — Ein andermal zog er beide Strümpfe auf denselben Fuß, um den Behelfer recht lange nach dem zweiten suchen zu lassen.

Meine Eltern waren biedere, gottesfürchtige, tief religiöse, menschenfreundliche Leute von vornehmem Charakter. So war überhaupt der vorherrschende Typus unter den damaligen Juden, deren Lebensaufgabe vor allem die Gottes- und die Nächstenliebe war. Der größere Teil des Tages verging mit dem Talmudstudium. Den Geschäften widmete man nur bestimmte Stunden, obgleich die Geschäfte meines Vaters oft hundert tausende Rubel betrafen. Er gehörte, wie auch mein Großvater, der Klasse der Podraziki (Unternehmer) an, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Rußland eine große Rolle spielten, da sie große Geschäfte mit der russischen Regierung machten, wie die Übernahme von Festungs-, Chaussee- und Kanalbauten und die Lieferungen für die Armee. Mein Vater und mein Großvater gehörten zu den angesehensten dieser Unternehmer, da sie sich durch absolute Ehrlichkeit auszeichneten.[A]

Wir bewohnten in der Stadt Brest ein großes Haus mit vielen, reich ausgestatteten Räumen; wir hatten Equipage und teure Pferde. Meine Mutter und die älteren Schwestern besaßen auch viel Schmuck und schöne, kostbare Kleider. Unser Haus lag abseits von der Stadt. Man mußte erst eine lange Brücke, die die Flüsse Bug und Muchawiez überspannte, passieren und kam dann an vielen kleinen Häusern vorbei. Dann mußte man sich nach rechts wenden, eine Strecke von etwa 100 Faden geradeaus gehen — und man stand vor unserem Haus. Das Haus war gelb angestrichen und hatte grüne Fensterladen. In der Fassade besaß es ein großes, venetianisches Fenster, neben dem zu jeder Seite noch zwei Fenster waren. Davor lag ein schmaler, von einem Holzstacket umgebener Blumengarten. Das Haus trug ein hohes Schindeldach.

Das ganze Anwesen samt Gemüsegarten war von einer Reihe hoher Silberpappeln eingeschlossen, was dem Hause das Aussehen eines litauischen Herrensitzes gab.

Das jüdische Familienleben in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts war in meinem Elternhaus, wie bei anderen, sehr friedlich, angenehm, ernst und klug. Es prägte sich mir und meinen Zeitgenossen tief und unvergeßlich ein. Es war kein Chaos von Sitten, Gebräuchen und Systemen, wie jetzt in den jüdischen Häusern. Das jüdische Leben von damals hatte einen ausgeglichenen Stil, trug einen ernsten, den einzig würdigen jüdischen Stempel. Darum sind uns die Traditionen des elterlichen Hauses so heilig und teuer bis auf den heutigen Tag geblieben! Wir aber mußten viel Leid erdulden, bis wir notgedrungen uns in unserem eigenen Hause einer ganz anderen Lebensweise unterwarfen, die unseren Kindern wohl wenig erbauliche und noch weniger angenehme Erinnerungen aus ihrem elterlichen Hause hinterlassen wird!

Liebe, Milde und doch Bestimmtheit waren die Erziehungsmittel der Eltern. Und ein gut Wörtchen half über manche Schwierigkeit hinweg.

Eine Episode:

Eines Morgens fand mich mein Vater, der von der Stadt zurückkehrte, allein und weinend auf der Straße. Ich glaube, eine Gespielin hatte mir die Puppe fortgenommen. Er wurde böse, daß ich ohne Begleitung umherlief und fragte ärgerlich, warum ich weinte. Ich war aber von meinem großen Schmerz so erfüllt, daß ich keine Antwort zu geben vermochte und noch heftiger zu schluchzen begann. Da wurde mein Vater erst recht zornig und rief: »Warte nur, die Rute wird dich antworten lehren!« Er ergriff meine Hand und zog mich rasch ins Haus. Der Vater ließ sich eine Rute geben und machte Anstalten, mich zu prügeln. Ich war ganz still geworden und sah verblüfft zum Vater hinauf — ich wurde nie mit der Rute bestraft — und sagte überrascht: »Ich bin ja Pessele!« Ich war der festen Überzeugung, daß mein Vater mich nicht erkannt und sich geirrt hatte.

Und diesem selbstbewußten Verhalten hatte ich es zu verdanken, daß ich von der Rute verschont blieb. Alle Umstehenden lachten und baten für mich um Nachsicht.

Ich beschäftigte mich mit Vorliebe im Gemüsegarten beim Ausgraben der Kartoffeln und anderer Gemüse; ich bat mir von den halberfrorenen Weibern bald den Spaten, bald die Harke aus und hantierte damit flink, bis die scharfe, kalte Herbstluft mich mahnte, geschwind ins Haus zu laufen. Nachdem alles Gemüse aus unserem Garten eingekellert war, wurde noch viel auf dem Markt eingekauft. Dann ging's an die sehr wichtige Arbeit — an das Einlegen von Sauerkohl, womit in jedem Herbst viele arme Frauen volle acht Tage beschäftigt waren. Nach den jüdischen Vorschriften ist es streng geboten, die Würmchen, die im Gemüse und in den Früchten, besonders aber im Kohl nisten, sorgsam zu entfernen; und so wurde von jedem Kohlkopf Blatt um Blatt abgenommen, gegen das Licht gehalten und genau untersucht. Meine fromme Mutter war in der Erfüllung der Vorschriften sehr peinlich und pflegte, wenn der Kohl besonders geraten und von der besten Sorte war und wenig Würmer hatte, den Frauen eine besondere Belohnung für jeden gefundenen Wurm zu geben, denn sie war immer in Sorge, daß die Frauen bei der Arbeit nicht genügend aufmerksam waren. Ich sah auch hier gern zu wie bei der Arbeit im Gemüsegarten, weil die Frauen dabei allerlei Volkslieder sangen, die mich tief ergriffen und mich schmerzlich weinen, aber auch häufig herzlich lachen machten. Viele dieser Lieder sind mir bis jetzt im Gedächtnis geblieben und sind mir teuer!

Es war ein geruhiges Leben!

Wir leben jetzt in dem Zeitalter von Dampf und Elektrizität viel schneller, so will es mir scheinen. Das hastige Treiben der Maschinen hat auch auf den menschlichen Geist eingewirkt. Wir erfassen manches viel rascher und begreifen ohne Mühe so viele komplizierte Dinge, indes man früher die einfachste Tatsache nicht begreifen konnte. Ich entsinne mich eines Beispiels, das mir im Gedächtnis geblieben ist und das ich hier anführen will. In den vierziger Jahren baute mein Großvater für die Regierung die Chaussee von Brest nach Bobruisk. Auf der Strecke befanden sich Berge, Täler und Sümpfe, so daß eine Wagenreise volle zwei Tage dauerte, während man dieselbe Tour auf der Chaussee bequem in einem Tage sollte zurücklegen können. Alles sprach natürlich von dem für jene Zeit großen Unternehmen, aber es fanden sich selbst in den höheren Gesellschaftskreisen Skeptiker, die ihre Zweifel äußerten und sagten: »Solange sich die Menschen erinnern, waren zwei Tage nötig, um den Weg, von Brest in Lithauen nach Bobruisk zurückzulegen, und da kommt Reb Zimel Epstein und erzählt uns, er wird ihn auf eine Tagereise verkürzen. Wer ist er? Gott? Wird er die übrige Strecke Wegs in seine Tasche stecken?«

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren die Wege in Litauen und in manchen Teilen Rußlands überhaupt noch wüst. Endlose Steppen, Sümpfe, teilweise noch Urwald dehnten sich meilenweit, bis die große Kaiserin Catharina II. auf beiden Seiten mit Birkenbäumen bepflanzte Landstraßen anlegen ließ. Die Seitenwege waren aber sowohl für die Fußgänger, die man als Boten von Ort zu Ort sandte, sowie für die in Schlitten und Wagen Reisenden noch sehr gefährlich, besonders im Winter durch den tiefen Schnee. Zur Überwindung dieser Gefahren wurde die Pferdepost eingeführt. Dazu gehörte die Troika, das Dreigespann, der Postkutscher, Jamschezik genannt, ein halbwilder, schwerfälliger, immer betrunkener Bauer, der bei seinem Pferde lebte und starb. Viel gebraucht wurde auch die Kibitka, ein plumpes Wägelchen, dessen vier schwere Räder zwei breite Holzstangen verbanden, auf denen ein aus Brettern zusammengesetzter, halb überdeckter Korb ruhte, oder die Telega, ein ebenso plumpes Wägelchen ohne Verdeck. Das Geschirr der Pferde bestand aus grobem Leder, das mit Messingblech reich verziert war. Das mittlere Pferd hatte über dem Kopfe ein Krummholz, in dessen Mitte eine mächtige Glocke hing. Einen ebenso schwerfälligen, echt russischen Charakter wie das Gefährt hatten die etwa 20-25 Werst von, einander entfernt liegenden Poststationen. Eine große Stube mit weißgetünchten Wänden, ein großmächtiger, mit schwarzem Wachstuch bezogener Divan, der lange, hölzerne, auch mit Wachstuch benagelte Tisch, darauf der hohe, schmale, schmutzige, mit grünem Schimmel überzogene Samowar und ein schwarzes, verräuchertes Teebrett mit blinden, unsauberen Gläsern. Der hohe magere, immer, selbst am Mittag, schlaftrunkene, ungewaschene und ungekämmte Stationschef in seiner unsauberen Vizeuniform mit den blinden Messingknöpfen vervollkommnete das typische Bild, das mir heute nach 65 Jahren noch lebhaft vor Augen steht. — Von dieser Einrichtung konnten indes nur die reicheren Leute Gebrauch frischen, namentlich die höheren Militärs und Kouriere, die zu Pferde Botschaften von den Hauptstädten nach einer Gouvernementsstadt übermittelten, wozu man sich jetzt des Telephons und Telegraphen bedient.

Das gewöhnliche Publikum bediente sich eines einfachen, mit Leinwand bespannten Wagens, der von zwei oder drei Pferden gezogen wurde. Das bessere Publikum benutzte den. Tarantass, eine halbbedeckte Kutsche, die auf zwei dicken Holzstangen ruhte, oder den Fürgon, eine ganz mit Leder überdeckte Kutsche mit einer Tür in der Mitte. Nicht selten wurden diese Fuhrwerke samt den Passagieren auf freiem Felde vom Schneesturm verschüttet. — Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde durch den Bau der Chausseen diesen Übelständen abgeholfen. Nun hemmte kein Berg, kein Sumpf, kein Wald das schnelle Vorwärtskommen, und auf gradlinigem, ebenen Wege gingen die Fuhrwerke dahin. Die Sicherheit wurde dadurch erhöht, daß außer den Poststationen in regelmäßigen Abständen Wachhäuschen mit Wächtern eingerichtet wurden. Das nun schon bequemere Reisen machte das Volk beweglicher. Handel und Verkehr entwickelten sich erstaunlich rasch und schon am Anfang der vierziger Jahre zeigte sich das Bedürfnis nach einem schnelleren Verkehrsmittel. Da wurde dann die Einrichtung der sogenannten Diligence getroffen, ein bequemer Wagen mit zwei Abteilungen, der zwölf bis fünfzehn Personen zu einem mäßigen Preis täglich von Ort zu Ort führte. Er war mit drei Pferden bespannt und wurde von dem Postillon gelenkt, der eine eigenartige Uniform trug und auf seiner Trompete eine traditionelle Weise blies. In Russisch-Polen nannte man dieses Verkehrsmittel nach dem Unternehmer »Stenkelerke«, in Ostpreußen »Journalière«. Man war im allgemeinen sehr mit dieser Einrichtung zufrieden und glaubte, nie etwas Besseres finden zu können. Gleichwohl wusste man schon um die Mitte der fünfziger Jahre auch in Rußland von der Erfindung der Eisenbahn, und anfangs der 60er Jahre konnte man auch schon im Zarenreich weite Strecken per Dampf zurücklegen. In den vierziger Jahren brauchte man mit Postpferden sieben Tage, um eine Entfernung von 800 Werst zu überwinden, wofür in den sechziger Jahren mit der Eisenbahn dreißig Stunden ausreichten.

Nicht minder bedeutsam war die Entwicklung des Verkehrswesens innerhalb der Städte: im Anfang ein elendes Korbwägelchen auf hölzernen Rädern, von einem mit Stricken angeschirrten Pferde langsam gezogen, für das »Volk«, und zwar nur für zwei Personen; für das bessere Publikum die sogenannte Droschke oder »Lineika«, die heute noch existiert: ein Lederkorb auf hängenden Ressorts, zwei Deichselstangen, zwischen die ein Pferd mit einem Krummholz über dem Kopfe eingespannt war. In der Lineika war für acht Personen Platz, auf einem langen Sitze saßen auf jeder Seite vier Personen, Rücken an Rücken. Diese Gefährte schüttelten und rüttelten auf dem holprigen Pflaster die Passagiere lange Zeit, und wurden erst allmählich so weit verbessert, daß die Droschke auf liegenden, niederen Ressorts angebracht und der Sitz mit Federkissen versehen wurde, bis schließlich die Gummireifen um die Räder dem Schütteln ein Ende machten und anstelle der Kissen bequeme, breite Sofasitze traten.

Ende der siebziger Jahre wurde die Straßen-Pferdebahn eingeführt und die ersten Velocipede tauchten auf, bis in den neunziger Jahren die elektrische Tramway eine weitere Vervollkommnung brachte, die dann nur wieder durch das Automobil übertrumpft wurde.

Der Wegebau — der ja erst die Vervollkommnung der Verkehrsmittel ermöglichte, wurde in Form von Submissionen vergeben. Jeden Spätherbst, veranstaltete die russische Regierung in Brest die Torgy, d. h. die Vergebung der Bauarbeiten und Lieferungen. Aus diesem Anlaß kam gewöhnlich mein Großvater aus Warschau zu uns. Auch aus anderen: Städten trafen viele »Padradziki« ein. Zu des Großvaters Empfang wurden große Anstalten getroffen; mein Vater wurde, durch Estafette, reitende Eilboten, die auf jeder Poststation das Pferd wechselten, von dem Tag seines Eintreffens vorher genau benachrichtigt. Schon am Morgen des betreffenden Tages waren alle im Hause und besonders wir Kinder voller Ungeduld und Erwartung. Zur bestimmten Stunde begaben wir uns auf den Paradebalkon oder auch auf den Korridor, um da zwischen den Säulen eine geeignete Stelle zu finden, damit uns der Großvater zu allererst bemerke. Aller Augen waren auf die nahe Brücke gerichtet. Die Erwartung hatte den höchsten Grad der Spannung erreicht. Endlich rasselte es auf der Brücke, und wir sahen die große, viersitzige Equipage des Großvaters, von vier Postpferden gezogen. (Aber auch von unseren Blicken mächtig angezogen.) Jeder von uns streckte sich kerzengrade und strich sich das Haar von der Stirn und die Herzen pochten ...

Der Wagen hielt nun endlich vor dem Balkon. Ein hoher, hagerer, blonder Diener, in einem Lakaienmantel, mit einigen aufeinander folgenden Kragen, sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag und half dem Großvater heraus. Er war ein ehrwürdiger, stattlicher Greis, dem Aussehen nach noch ziemlich rüstig, mit langem, grauen Bart, hoher breiter Stirn, großen ausdrucksvollen Augen von strengem Blick. Doch sein väterliches Auge ruhte mit Stolz und Zärtlichkeit auf seinem Sohne. Es erfreute das Herz des alten Mannes vollends, daß unser Vater trotz seiner vielfachen Geschäfte noch immer Zeit genug fand, fleißig den Talmud zu studieren. Wie oft pflegte der Greis zu sagen, er beneide meinen Vater um sein großes, talmudisches Wissen und um die Muße, die er für das Studium finde.

Meine Mutter wurde vom Großvater zuerst begrüßt, aber ohne Händedruck. Meinen Vater, meinen älteren Bruder und meine Schwäger umarmte er; zu meinen älteren Schwestern und zu uns Kindern wandte er sich mit den Worten: »Was macht Ihr, Kinderchen?« Aber diese wenigen Worte waren hinreichend, uns vor Freude hüpfen zu machen. Von dem ganzen Schwarm, der sich auf dem Balkon befand, begleitet, begab sich dann der Großvater ins Haus.

Wir kleinen Kinder durften nicht gleich in die festlich geschmückten Räume eintreten. Wir nahmen daher unseren Rückweg durch die Tür links und gelangten durch den Hauptkorridor in unser Zimmer. Meine älteren Schwestern hatten schon das Recht, die ersten Stunden mit dem Großvater und den Eltern zusammen zu bleiben und sich an der Besprechung der Geschäftsangelegenheiten zu beteiligen. Wir Kleinen wurden erst am darauffolgenden Morgen von der Mutter zum Großvater geführt, der uns zärtlich Haar und Wange streichelte. Doch kam es selten zu einem Kuß. Er ließ uns durch seinen Diener die guten Warschauer Bonbons und Apfelsinen, die er uns mitgebracht hatte, geben. Unsere »Audienz« währte jedoch nur wenige Minuten. Wir küßten die weiße, kräftige Hand, die er uns reichte, wünschten dem von uns so geliebten und hochgeschätzten Manne einen »guten Morgen«, verbeugten uns und entfernten uns, ohne ein überflüssiges Wort an ihn zu richten.

So lange der Großvater bei uns weilte, war im Hause ein Hin- und Herlaufen, ein Lärmen, ein Kommen und Gehen von Gästen und Geschäftsfreunden, im Hofe ein Ein- und Ausfahren von Equipagen und Droschken. Das Mittagbrot wurde später als sonst genommen. Man deckte im gelben Salon den großen Tisch aus dem Eßzimmer; das ganze Silber-, Kristall- und Porzellangeschirr wurde verwendet, und die Gänge und die Länge der Tafel hatten eine ungewöhnliche Ausdehnung, da viele Gäste geladen waren. Von meiner älteren Schwester bis zur jüngsten fand niemand an dem langen Tische Platz. Es wurde für uns zu unserer größten Freude im Eßzimmer ein besonderer Tisch hergerichtet, wo unsere Njanja (Kinderwärterin) Marjascha bediente — ein dralles, rotwangiges Mädchen mit schwarzen, dicken Zöpfen und einem roten Tuch, das sie turbanartig um den Kopf gewickelt hatte. Meine ältere Schwester Chasche Feige brachte uns selbst schmackhafte Gerichte, Kuchen usw. von der großen Tafel herüber. Wir waren von der strengen Disziplin, die drüben herrschte, befreit und genossen, auf uns selbst angewiesen, die vollkommenste Freiheit.

Am Abend fanden sich noch andere Gäste ein, darunter viele Christen, hochgestellte Männer vom Militär, Ingenieure, Baukommissäre, mit denen der Großvater Preference spielte. Ein reiches Dessert wurde aufgetragen, wovon wir Kinder wieder unseren gerechten Anteil erhielten; und wenn wir von der Mutter noch die Erlaubnis bekamen, damit auf den Ofen im Eßzimmer zu klettern und dort Licht anzuzünden, verlangten wir vom Schicksal nichts mehr. Denn auf dem Ofen war es so traulich, so gemütlich, dort, wo selbst am Tage ein Halbdunkel herrschte, wo sich in einem Winkel unsere Puppen mit ihren Bettchen, Kleidern und allerlei Blechtöpfe, Schüsseln und dergleichen befanden. Marjascha leistete uns immer Gesellschaft, und sie wußte so interessante Märchen zu erzählen. Ach, das war der Ort, wo wir Kinder die Welt umher vergaßen, mochte es unten in den prächtigen Räumen noch so munter zugehen: wir waren hier wunschlos-glücklich. Meine Mutter gestattete aber nur ungern den Auszug auf den Ofen; denn der Weg hinauf war unsicher: man mußte den einen Fuß in eine eigens dazu gemachte Vertiefung setzen und sich mit dem zweiten in der Luft rasch hinaufschwingen, wobei man oft das Gleichgewicht verlor und kopfabwärts auf die Diele stürzte. Auch oben fehlte es nicht an Gefahren; neugierig auf das Treiben im Eßzimmer, streckten wir die Köpfe über den Ofenrand hinaus, der andere Teil des Körpers schwebte fast in der Luft. Erst wenn eine auf die Diele stürzte, wurden wir uns bewußt, in welcher Gefahr wir »schwebten«. Dennoch erwirkten wir oft die Erlaubnis, uns für einen ganzen Abend auf dem ersehnten Plätzchen niederzulassen. Der Ofen bildete dort oben ein geräumiges Viereck, in dem man nicht stehend, sondern bloß sitzend oder liegend Platz hatte. Denn die Decke war sehr niedrig.

In den Zimmern unten ging es ziemlich lebhaft zu. Nachdem man den Tee und das Dessert eingenommen hatte, wurde noch viel von Geschäften gesprochen.

Es war ein reges Treiben, und die Ruhe kehrte erst wieder bei uns ein, wenn der Großvater alle Geschäfte geordnet hatte. Der Großvater hatte die Ausführung der Festungsbauten in Brest übernommen, für die mein Vater viele, viele Millionen mit seinen Initialen J. E. gestempelter Ziegel liefern mußte. Wir bekamen zum Abschied schöne Gold- und Silbermünzen. Der Großvater reiste ab. Im Hause wurde es wieder still wie nach einer Hochzeit in den vierziger Jahren (nicht etwa wie nach einer in den achtziger Jahren!).

Kurze Zeit darauf nahte ein neuer, lieber Gast — das Makkabäerfest (Chanuka) mit all seinen munteren und aufregenden Ereignissen. Schon am Sonnabend vorher mußte die Chanukalampe geputzt bereit stehen. Beim Putzen waren wir Kinder zugegen, beschauten jedes einzelne Teilchen und ergötzten uns daran. Die Lampe war aus Silberdraht geflochten und hatte die Form eines Sofas. Die Lehne trug einen Adler, über welchem ein Vögelchen in natürlicher Größe mit einer Miniaturkrone auf dem Köpfchen saß. An beiden Seiten des Sofas befanden sich kleine Röhren, in denen Wachskerzchen staken, während auf dem Sitze acht Miniaturkrügchen standen, die Öl enthielten — zur Erinnerung an den kleinen Ölkrug, den man einst, wie die Sage erzählt, im Tempel zu Jerusalem nach der Vertreibung der Feinde durch die Makkabäer gefunden und der für volle acht Tage zur Beleuchtung des Tempels hingereicht hatte. Zur Erinnerung an dieses Wunder feiern die Juden alljährlich auch durch Anzünden von Lichtern und Öllampen das Makkabäerfest, das in erster Reihe ein Siegesfest ist. — Der erste Chanuka-Abend wurde von uns Kindern mit Herzklopfen erwartet. Der Vater verrichtete sein Abendgebet, während unsere Mutter in das erste Krügchen Öl eingoß, den Docht in die Röhrchen einzog, zwei Wachskerzen in die zu beiden Seiten befindlichen kleinen Leuchter und einen in die Krone des Vögelchens steckte. Wir Kinder standen um sie herum und verfolgten jede ihrer Bewegungen mit Andacht! Der Vater vollzog die rituelle Handlung: das Anzünden des ersten Lichtes an der Chanukalampe. Er sprach das vorgeschriebene Gebet, steckte dabei ein dünnes Wachskerzchen an, womit er im ersten Ölkrügchen den Docht anzündete. Jetzt begann der Feierabend, denn arbeiten durfte man nicht, so lange das Öl im Krügchen brannte.

War das ein Jubel bei uns Kindern! Denn auch wir durften an diesem Abend Karten spielen. Wir holten unsere paar Kupfermünzen hervor und hielten uns für Millionäre. Wir setzten uns um den Tisch, und unsere kleinen Cousinen gesellten sich auch zu uns. Indes bildeten unsere Eltern, die erwachsenen Geschwister und einige Bekannte, die zu Besuch gekommen waren, einen größeren Kreis. Am fünften Abend dieser Woche sandte meine Mutter Einladungen an alle unsere Verwandten und Bekannten. An diesem Abend erhielten wir Kinder auch von der Mutter das so sehnlich erwartete Chanukageld, das gewöhnlich in neun glänzenden Kupfermünzen bestand. Man blieb an diesem Abend später auf als gewöhnlich, spielte auch länger Karten, und es wurde ein reiches Abendbrot geboten, bei dem die sogenannten Latkes[B] das Hauptgericht bildete. Latkes sind eine Art Flinsen aus Buchweizenmehl mit Gänsefett und Honig; sie werden aber auch aus Weizenmehl mit Hefe, eingemachten Früchten und Zucker zubereitet und sind sehr schmackhaft. Als Getränk gab es eine Art Kaltschale, aus Bier, Öl und ein wenig Zucker bestehend. Dazu kam Schwarzbrot, klein geschnitten, mit Zucker und Ingwer bestreuter Zwieback. Gänsebraten wurde gereicht mit allen möglichen Beilagen, gesalzenen und sauren, unter denen der Sauerkohl und die Gurken nicht fehlen durften. Endlich ein reiches Dessert von Konfitüren und Früchten, wobei Keller und Vorratskammer viel einbüßten. Die Gäste musterten, beurteilten und lobten die Speisen.

Das Ergebnis des Kartenspielens konnte man auf unseren Gesichtern lesen; mancher verlor sein ganzes Chanukageld und bemühte sich, die Tränen zu verbergen. Es blieb nur ein Trost: die Hoffnung, daß solche Spielabende sich wiederholen werden. Dann wandte sich das Glück und füllte wieder die leere Börse.

An solchen Abenden stellte mein Vater sogar das »Lernen« im Talmud ein und gesellte sich zu den Spielenden, obgleich er, wie meine Mutter, keine Idee vom Kartenspiel hatte. Sehr beliebt war auch das »Dreidlspiel«, auch goor genannt. Das Dreidl wurde eigens aus Blei gegossen. Es hat eine würfelähnliche Form. Unten war eine Spitze, so daß der »Apparat« wie ein Kreisel gedreht werden konnte. Auf jeder der Seitenflächen war ein Buchstabe markiert. Fiel das Dreidl auf נ, so hatte der Spieler verloren. Bei ש blieb der Einsatz stehen. Fiel es auf ה, so konnte er die Hälfte des Einsatzes nehmen. Wenn das Dreidl aber auf ג fiel, so war »goor«; der Würfler konnte den ganzen Einsatz einstreichen.

Nach der Chanuka-Woche kam das Leben in unserem Hause wieder ins alte Geleise. Es sei denn, daß Einquartierung die Ruhe wieder störte: Besuch eines hochgestellten Militär- oder Zivilbeamten. Die Festung in Brest besaß damals noch keinen Palast, und das Haus meiner Eltern war reich und bequem eingerichtet. Der damalige Kommandant Piatkin, der mit meinem Vater befreundet war, pflegte hohe Gäste in unserem Hause einzulogieren. Mancher kann ich mich noch sehr gut erinnern, z. B. des Fürsten Bebutow aus Grusinien im Kaukasus, der später in Warschau einen hohen Posten bekleidete. Er wohnte sehr lange bei uns, war zu uns Kindern freundlich und gegen alle sehr zuvorkommend. Oft brachte er uns, während wir im Blumengarten vor den Fenstern spielten, Bonbons und Honigkuchen, und unterhielt sich mit uns gemütlich in russischer Sprache. Er hatte einen Diener, der Johann hieß. Er war lang und hager, hatte eine Habichtsnase und mandelförmig geschnittene, schwarze, glühende Augen, kletterte wie eine Katze bis zur äußersten Spitze der höchsten Pappel, machte kunstvoll die Dschigetowka burduk, indem er sich von seinem im raschesten Lauf hinstürmenden, feurigen Pferde bis zur Erde herabneigte, um eine kleine Münze aufzuheben. Er war recht jähzornig; man durfte ihn nicht reizen oder ihm in den Weg kommen, wenn er aufgeregt war, denn er führte immer einen Dolch bei sich. So hat er einen Hund, der ihm einmal vor den Füßen lief, mit dem Dolch entzwei gehauen. Ein anderes Mal hat er einen Hahn im Fluge aufgefangen und ihm mit den Händen den Kopf vom Rumpfe heruntergerissen. Wir Kinder fürchteten ihn sehr.

Der zweite Gast, dessen ich mich noch entsinnen kann, war der damalige Gouverneur von Grodno, Doppelmeyer, der oft nach Brest kam und stets bei uns wohnte. Er war ein sehr leutseliger, starker, blonder Herr, der bei uns als guter Freund aufgenommen wurde. Er hielt es für seine Pflicht, meinen Eltern, so oft er kam, eine Visite zu machen. Geschah dies an einem Freitag Abend, so wurde er mit einem Stück Pfefferfisch regaliert, den er mit großem Appetit verzehrte. Auch dem schönen geflochtenen Schabbes-(Sabbat) Strietzel ließ er volle Gerechtigkeit widerfahren. Es muß ein wohlgefälliges Bild gewesen sein, wenn alle meine Geschwister mit ihren jungen, blühenden Gesichtern und meine Eltern um den Tisch saßen. Denn der Gouverneur sagte viel Schmeichelhaftes darüber und beglückwünschte meine Eltern. Er unterhielt sich mit meinem Vater über mancherlei ernste Angelegenheiten und blieb plaudernd bis zum Ende der Mahlzeit: Der Verkehr zwischen Juden und Christen war damals noch nicht durch den Antisemitismus vergiftet ...

Unter den Gästen meines Vaterhauses war auch ein kleines, jüdisches Männchen, das alljährlich im Hochsommer zu uns kam und einige Wochen bei uns weilte. Er gehörte der Sekte »Dower min hachai« an, d, h. die nichts vom Lebendigen Genießenden; die man jetzt Vegetarier nennt. Er hielt diese Vorschriften aber so strenge inne, daß er nicht einmal von dem Geschirr aß, das auch nur einmal zu Fleischspeisen benutzt worden war. Meine fromme Mutter pflegte selbst für ihn die Speisen zuzubereiten, eine Suppe aus sauren, roten Rüben oder Sauerampfer, Grützbrei ohne jeden Fettzusatz, nur mit etwas Baumöl zubereitet; ferner Nüsse in Honig, oder Rettig in Honig mit Ingwer gekocht, Tee und schwarzen Kaffee. — Er war ein stiller, höchst bescheidener Mann und wurde von uns allen sehr verehrt, insbesondere auch von meinem Vater, der mit ihm in seinem Kabinett über die Folianten gebeugt zu sitzen und zu disputieren pflegte.

Das Leben im Winter hatte für mich einen besonderen Reiz. Gerade wenn es tüchtig schneite, liebte ich es, draußen herum zu spazieren. In der Dämmerstunde, wenn ich zu frieren anfing, schlich ich mich in den »Flügel«, so hieß das Seitengebäude im Hofe, wo meine verheirateten Schwestern mit ihren Männern und Kindern lebten. Mein Besuch dort galt der Njanja (Kinderwärterin) des kleinen Sohnes meiner Schwester. Die Njanja erzählte mir oft sehr interessante Märchen und sang sehr schöne Liedchen. Ich fand sie gewöhnlich an der Wiege sitzend, die sie mit einem Fuß in Bewegung hielt, während ihre gerunzelten, blau-gelben Hände an einem dunkelgrauen, groben Wollstrumpf strickten. Ich kroch mit Händen und Füßen auf das Bett, auf dem sie saß, und bat mit allerlei Schmeichelworten, sie solle mir den Strumpf zum Stricken geben.

»Nein«, grinste sie, »du wirst wie gestern nur wieder die Maschen fallen lassen. Geh weg von mir!«

»Chainke, Jubinke«, begann ich aufs Neue, »wenn Ihr mir nicht den Strumpf gebt, so singt mir von den Liedelach, die Ihr singt, wenn Ihr Berele einschläfert.«

Grämlich antwortete sie: »Mir ist nicht zum Singen.«

»Seid Ihr krank, Chainke?« fragte ich sie besorgt.

»Laß mich in Ruh«, schrie sie aufspringend. Aber ich ließ mich von dieser ihr eigenen Laune nicht abschrecken und wiederholte meine Bitte, die ich durch Küsse ihrer faltigen Wangen und Streicheln ihres runzeligen Halses unterstützte.

»Mischelaches!« (Gottesplage) schrie sie auf, »um von dir poter zi weren (um dich los zu werden), werd' ich dir schon singen.«

Ich setzte mich zurecht, als ob sie ohne meine Vorbereitung nicht singen könnte und lauschte.

Und sie sang:

»Patschen, patschen Küchalach,
Kaufen, kaufen Schichalach,
Schichalach kaufen,
In Cheider (Schule) wet das Kind laufen,
Laufen wet es in den Cheider,
Lernen wet es gur Kiseider (der Reihe nach)
Wet es oblernen etliche Schures (einige Zeilen)
Wet man heren gute Bsures (gute Nachrichten hören)
Bsures toiwes (gute) zu zuheren
Abi dem Oilom (Publikum) a Eize zu geben (Rat zu geben),
Eine Eize zu geben mit viel Mailes (gute Eigenschaften)
Wet das Kind paskenen Scheiles (Fragen über koscher und treife und andere talmudische Fragen entscheiden)
Scheiles wet es paskenen.
Drosches wet es darschenen (talmudische Reden halten)
Wet men ihm schicken die gildene Pischkele, (wird man ihm schicken eine goldene Dose)
Un a Streimele (Festtagspelzmütze

»Ach, wie schön, wie schön«, rief ich, Beifall klatschend, »Aber Ihr werdet mir noch, Chainke, ein zweites Liedele singen.«

»Was is dus heint far a Mischelaches (Gottesplage) auf mir gekummen!« Sie sprang schreiend auf vom Sitz, so daß eine Stricknadel in die Wiege fiel und die Maschen von ihr herabglitten. Nun zweifelte ich nicht, daß ich heute nichts mehr zu hören bekommen würde. Ich blieb still sitzen, bis sie brummend und grimmig den Strumpf in Ordnung gebracht hatte; sie sah mich mit wütenden Blicken von der Seite her an, als verstände es sich von selbst, daß ich Schuld an dem Unfall hatte. Ich regte mich nicht. Und da sie in meinen Mienen das Bekenntnis meiner Schuld fand, wurde sie wieder versöhnt. — Freilich trug auch mein Versprechen, ihr etwas von meinem Vesperbrot zu bringen, zur Besserung ihrer Laune bei. Um mich los zu werden, sang sie mir noch ein zweites Lied:

»Schlaf mein Kind in Ruh,
Mach deine koschere (reine) Äugelach zu.
Unter dem Kinds Wiegele
Steht a weiße Ziegele,
Die Ziegele is gefohren handeln,
Rosinkes (Rosinen) mit Mandeln.
Das is die beste S'choire (Ware)
Berele wird lernen Toire
Toire, Toire im Kepele (Köpfchen)
Kasche (Brei) Kasche im Tepele (Töpfchen)
Broit (Brot) mit Butter schmieren
Der Tate (Vater) mit der Mame (Mutter) Berele zu der Chupe (Trauung) führen.«

Es ist bezeichnend, daß der Jude damals selbst in den Wiegenliedern nur vom Thoralernen, Cheidergehen phantasierte — und nicht von Jagd, Hunden, Pferden, Dolchen, Krieg.

Chainke begeisterte sich an ihrem Gesange selbst recht sehr und sang mir noch mehrere Liedchen. Eins möchte ich hier noch anführen:

Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Brenselie
As der Tate schlugt die Mamme
Reissen die Kinderlach Krie —
Zigele, migele
Wachsen im Krigele
Roite Pomeranzen
As der Tate kuscht die Mamme,
Gehen die Kinderlach tanzen.

Sicher animierte sie zu dieser Zugabe die Aussicht auf mein Vesperbrot. Inzwischen war es recht dunkel geworden. Ich lief eilig über den Hof ins Hauptgebäude zurück, wo meine Geschwister schon tüchtig dem Vesperbrot zusprachen. Unser Kindermädchen Marjascha konnte mit dem Brotschneiden und dem Aufstreichen von eingemachten Stachelbeeren — unserem Lieblingsgericht — gar nicht fertig werden. Ich bekam meinen Teil und husch! war ich schon wieder auf dem Wege zum Flügelgebäude, wo ich von der mir jetzt geneigten Sängerin viel freundlicher als zuvor behandelt wurde. Und wir verzehrten gemeinschaftlich mit Behagen den Leckerbissen..... —

.... Die größere Hälfte des Winters war vorüber, und das Purimfest mit seinen aufregenden Freuden, mit den vielen Beschenkungen stand vor der Tür. Damals war es unerläßlich, für unsere Cousinen und Nichten Handarbeiten zum Scholachmones (gesandte Geschenke) anzufertigen. Wir arbeiteten Tage und Nächte mit großem Eifer, und als nun alles fertig war, ergötzten wir uns bei dem Gedanken, wie die Beschenkten vor Bewunderung beinahe neidisch auf unsere Geschicklichkeit sein würden. Der ersehnte Purimtag rückte immer näher. Am Vortag war Esthertanes (der Königin Esther Fasttag), an dem alle älteren Familienmitglieder fasteten. Schmackhafte Purimbäckereien wurden von meinen Schwestern im Hause bereitet. Die Hauptrolle spielten die Hamantaschen (dreieckige Mohnkuchen) und die Monelach (in Honig gekochter Mohn). Gerieten sie gut, so versprach man sich ein gutes Jahr. Wir Kinder durften auch bei dieser Arbeit helfen, konnten wir doch bei dieser Gelegenheit nach Herzenslust naschen. Der ganze Tag verging ohne die üblichen Mahlzeiten. Aber wie groß war die Lust, sich am Abend unter die großen mischen zu dürfen und die gebackenen, gebratenen und gekochten Herrlichkeiten verzehren zu können! Und erst die freudige Aussicht auf den nächsten Tag! Am Abend wurde zu Hause gebetet. Nachher fand sich eine zahlreiche Gesellschaft aus der Nachbarschaft ein. Hierauf wurde die M'gilla Esther (das Buch Esther) vorgelesen. Und so oft der verhaßte Name Haman vorkam, stampften die Männer mit den Füßen, und die Jugend lärmte mit den schrillen Gragers (Schnarren). Mein Vater ärgerte sich darüber und verbot es. Aber es half nichts: jedes Jahr tat man es wieder.

Erst nach dem Ablesen der M'gilla, das oft bis acht oder neun Uhr abends dauerte, begab man sich ins Eßzimmer, und ließ sich die appetitlichen Speisen, die in reicher Fülle auf dem Tisch standen, gut schmecken. Jeder bediente sich, so rasch er konnte, um den laut protestierenden Magen, der doch mehr als 20 Stunden keine Nahrung erhalten hatte, zu befriedigen.

Am frühen Morgen des darauffolgenden Tages konnten wir Kinder vor Aufregung nicht mehr schlafen und riefen einander noch in den Betten zu: »Was ist heute?« — »Purim!« lautete die frohlockende Antwort. Und nun kleidete man sich so rasch wie möglich an. Die freudige Erwartung verwandelte sich in Ungeduld. Wir wünschten, der Morgen möge doch endlich schon zum Nachmittag werden, da wurden ja die Scholachmones abgeschickt und empfangen.

Mein Vater und die jungen Leute kamen aus dem Bethause, wo ein Halbfeiertagsgottesdienst abgehalten und wieder die M'gilla vorgelesen worden war. Das Mittagmahl wurde zu früher Stunde genommen (es bestand aus den vier traditionellen Gängen: Fische, Suppe mit den unvermeidlichen Haman-Ohren, d. h. dreieckige Kreppchen, Truthahn und Gemüse), um die zweite Mahlzeit, die Sude (Festmahl), die eigentlich am Purimfest die Hauptrolle spielte, noch vor Abend beginnen zu können. Dabei gibt sich der Jude, — so will es der Gebrauch — der wahren oder der vermeintlichen Freude hin und darf sich einen kleinen Rausch antrinken. So viel ich mich zu erinnern weiß, ist jeder Jude an diesem Tage munter und fröhlich, er gönnt sich gutes Essen und Trinken und bemüht sich schon Tage vorher, für den Schmaus viel Geld aufzutreiben.

Uns Kinder beschäftigte nur der Gedanke an das Abschicken und Empfangen des Scholachmones. Endlich kam die wichtige Stunde, da alle fertigen Geschenke auf ein Teebrett gelegt wurden. Dem Dienstmädchen wurde eingeschärft, welches Geschenk für den und jenen bestimmt sei. Mit besorgter, vor Aufregung bebender Stimme wurde ihr verboten, sich unterwegs aufzuhalten oder mit jemand zu sprechen, nicht einmal im Vorübergehen. Sie sollte direkt zu unseren Tanten gehen. Selbst die Art, wie sie das Teebrett mit den Geschenken auf den Tisch setzen müsse, und wie sie jedem sein Geschenk auszuhändigen habe, wurde ihr genau angegeben. Dabei stellten wir uns lebhaft die Ausrufe des Entzückens vor, die unsere Arbeiten hervorlocken würden. Und wir zeigten wiederholt dem Mädchen jedes Stück. Endlich ging das Mädchen fort und gelangte glücklich an Ort und Stelle.

»Bist du von den Kindern der Muhme geschickt?« eilten dem Mädchen dort die Kinder, hastig fragend, entgegen — denn ebenso wie bei uns, war man auch dort aufgeregt und ungeduldig gewesen.

»Ja!« stammelte das bestürmte Mädchen, das kaum die Wohnstube erreichen konnte, da ihr alle lärmend und fragend folgten. Sie bemächtigten sich endlich des Tablettes, stürzten sich auf die Geschenke, um alles zu besichtigen, zu beurteilen und zu bewundern. Das unbeholfene Mädchen tat nicht so, wie wir befohlen hatten, da sich die Beschenkten die Sachen, ohne zu fragen, selber nahmen. Dann machten sich die Kinder daran, die für uns bestimmten Geschenke abzusenden. Das geschah in der nächsten Viertelstunde. Die arme Botin aber, welche mit solchem Jubel empfangen worden war, ging fast unbemerkt, ganz still fort und wurde von uns dann mit der gleichen Ungeduld und Spannung ausgefragt, ob man drüben sehr erstaunt gewesen, und welche Meinung über unsere Geschenke geäußert worden sei. Nun empfingen wir von unseren Cousinen die Gegengeschenke, welche unsere Erwartungen weit übertrafen oder — auch nicht. Bei ihrer Entgegennahme mußten wir an uns halten, ruhig zu bleiben. Wir durften uns vor der Botin nicht so ungeduldig und so neugierig zeigen, wie wir es tatsächlich waren; denn die Mutter hatte uns streng befohlen, ein ruhiges, würdiges Benehmen an den Tag zu legen.

Inzwischen wurden allerhand Purimspiele (Szenen aus der biblischen Geschichte, hauptsächlich aber mit einem Motiv aus dem Buch Esther) vorgeführt. Die erste Szene brachte das Achaschweros (König Artaxerxes)-Spiel nach der Migilla, diejenige, in der der König, Haman, Mardechai und die Königin Esther die Hauptrollen hatten. Gewöhnlich gab ein junger Bursche in Damenkleidern die Königin Esther, die von uns mit neugierig erregten Augen verfolgt und angestaunt wurde. Die Kleidung der anderen Darsteller zeichnete sich nicht durch besondere Reinlichkeit und Eleganz aus. Der dreieckige Hut mit dem Federbusch, die Epauletten und das Portepee waren aus dunkelblauem und weißgelbem Pappendeckel verfertigt. Die Aufführung dauerte länger als eine Stunde, und wir folgten ihr mit dem größten Interesse. Dann kam das Josefsspiel, dessen interessanteste Szenen der Bibel entlehnt sind. Bei allen Stücken wurde viel gesungen. Ich erinnere mich genau der Melodieen — und des komischen Tanzes, den Zirele Waans, eine Frau aus dem Volke, und ein armer Mann, Lemele Futt, aufführten. Sie tanzten und sangen dazu im Jargon. Wir kicherten heimlich über die grotesken Gestalten und ihre eckigen Bewegungen.

Am amüsantesten für uns Kinder war das sogenannte Lied von der Kose (Ziege). Ein Fell mit einem Ziegenkopf wurde von einem Mann, der darin stak, auf zwei Stöcken gehalten. Der Ziegenhals war mit allerlei bunten Glasperlen und Korallen, Silber- und Messingmünzen, Schellen und noch vielem anderen schimmernden, blinkenden Zeug behangen. Auf den beiden Hörnern waren zwei größere Glöckchen befestigt, die bei jeder Kopfwendung schrill erklangen und sich mit dem anderen bimmelnden Tand zu einer seltsamen »Musik« vereinigten. Der gute Mann im Ziegenfell machte allerhand Bewegungen, er tanzte, sprang hoch und nieder. Das Singen besorgte mit lustiger, heiserer Stimme der Führer der Kose (Ziege).

Das Liedchen lautet:

Afen hoichen Barg, afen grünem grus, (gras)
Stehn a por Deutschen mit die lange Beitschen.
Hoiche manen seinen mir
Kürze kleider gehen mir.
Owinu Meilach (Unser Vater, König)
Dus Harz is üns freilach. (fröhlich)
Freilach wellen mir sein
Trinken wellen mir Wein.
Wein wellen mir trinken
Kreplach wellen mir essen
Un Gott wellen mir nit vergessen.

Der Sänger war ein hagerer, langer, blonder Bursche, der das ganze Jahr in unserer Ziegelfabrik Lehm transportierte und den Spitznamen die »Kose« trug. Für uns kleine Kinder war das Schauspiel voller Ergötzlichkeiten. Aber wir konnten uns dennoch eines gewissen Angstgefühles nicht ganz erwehren und flüchteten uns auch bald, nachdem sie erschienen, auf den Ofen im Eßzimmer, von dem aus wir die Vorgänge mit mehr Sicherheit überschauen konnten. Und da sahen wir mit Interesse, wie »die Kose« ein Glas Branntwein hinuntergoß, das unsere Mutter ihr an den Mund gebracht hatte, dann steckte die Mutter ihr einen großen Purim-Mohnkuchen in den Mund, welchen die Kose, wie uns schien, im Nu verschluckte. Zu einer festen Ansicht, ob es denn wirklich eine Ziege war, oder ob ein Mensch darin stak, kamen wir nicht. Die Sache erschien uns durchaus rätselhaft....

Der Scherz wurde laut belacht, und der Lehmführer wurde mit einem guten Trinkgelde verabschiedet, wofür er mit komischen Gebärden dankte und alle segnete. Die vorgeführten Szenen fanden im Speisezimmer statt und wurden durch die vielen Boten, die Scholachmones brachten, oft unterbrochen. Die Boten harrten der Aufträge meiner Mutter, welche für die Abschickung der Gegengeschenke Anordnungen traf. Auf dem langen Tisch befanden sich verschiedene Sorten teuren Weines, englisches Porter, die besten Liköre, Rum, Kognak, Bonbons, Apfelsinen, Zitronen, marinierter Lachs. Diese edlen Dinge verteilte meine Mutter und meine älteren Schwestern unaufhörlich auf Teller, Schüsseln und Tablette. Es gab kein bestimmtes Maß, keine bestimmte Zahl. Eine Sendung bestand gewöhnlich aus einer Flasche Wein oder englischem Porter und einem Stück Lachs, aus Fischen und einigen Apfelsinen oder Zitronen. Ein so zusammengestelltes Geschenk war zumeist einem Herrn zugedacht. Die Geschenke für Frauen bildeten Kuchen, Früchte und Bonbons. Die Leute niederen Standes erhielten Honigkuchen, Nüsse, Äpfel auf einem Teller, der mit einem roten Taschentuch überdeckt war, dessen Enden nach unten zusammengeknotet wurden. Ich erinnere mich lebhaft eines aufregenden Vorfalles am Purim. Meine Mutter hatte vergessen, einem Hausfreunde Scholachmones zurückzuschicken.[C] Das fiel ihr erst spät nachts ein, und sie konnte vor Ärger darüber nicht einschlafen. Am frühen Morgen kleidete sie sich rasch an und begab sich zu dem Freunde, um ihn um Verzeihung zu bitten und zu beteuern, daß der Irrtum nicht aus Geringschätzung, sondern aus Vergeßlichkeit geschehen wäre. Die Versicherung war nötig, denn der Freund hatte sich tatsächlich zurückgesetzt und verletzt gefühlt. Von solcher Wichtigkeit und Bedeutung war damals jeder jüdische Gebrauch!

Die Boten kamen und gingen, und so verflossen die Nachmittagsstunden von eins bis sechs Uhr, die uns Kindern lauter Naschwerk und Leckerbissen brachten. Diese Zeit pflegte der Vater für sein Nachmittagsschläfchen zu verwenden. Als er aufstand, erwartete ihn bereits der dampfende Samowar mit dem duftenden Tee auf dem Tisch. Sodann verrichtete er das Vorabendgebet. Denn die Sude (Festmahl) stand nahe bevor. (Nach der Vorschrift muß diese noch vor Abend beginnen.)

Der große Kronleuchter im gelben Salon wurde angesteckt. Alle Wachskerzen in den Wandleuchtern brannten. Auch die übrigen Zimmer waren hell erleuchtet. Die Tafel wurde aufs neue mit allen erdenklichen kalten, schmackhaften Speisen besetzt. Besondere Sorgfalt wurde an diesem Abend auf die Getränke verwendet, was in unserem Hause sonst nicht üblich war. Fast schien es, als sähe es unser Vater als gutes und gottgefälliges Werk an, wenn sich jemand am Purim ein Räuschchen antrank.

Wir Kinder führten an diesem Abend eine Posse auf, in der meine ältere Schwester und ich die Kleider der Njanja und der Köchin benützten. Sie waren natürlich zu lang und zu breit und schleppten nach. Meine Schwester stellte eine Mutter dar, ich ihre Tochter, deren Gatte sie mit einem Kinde in Armut verlassen hatte. Gute Menschen sollten uns nun helfen, den Mann aufzusuchen, denn sonst mußte ich eine »Agune« bleiben (d. h. ich durfte nicht mehr heiraten) und mußte seine Rückkehr abwarten. Auf die Frage, woher wir kämen, hatten wir mit verstellter Stimme geantwortet: »Aus Krupziki.« Unser Benehmen und unsere Haltung waren so ruhig und ernst, daß selbst unsere Mutter uns im ersten Augenblick nicht erkannte, geschweige die Gäste. Der Vater rief aus: »Wie hat sich der Diener unterstanden, diese Leute ins Speisezimmer hereinzulassen, worin Gäste sind? Was ist das für eine Belästigung?« Wir baten um Almosen in Geld oder in Speisen, wir wären hungrig und hätten heute noch nichts gegessen — das alles sprachen wir im echtesten Jargon. Unsere Bitte um Speise und Trank wurde bald erfüllt, man lud uns ein, am Tisch Platz zu nehmen. Wir taten es mit gespielter Befangenheit, und wir begafften und bewunderten alles, was man uns vorsetzte und sparten nicht mit Seufzern, was die Tischgenossen zum Kichern brachte. Wir waren so gut vermummt, der abenteuerliche Kopfputz war so tief in die Stirn gerückt, daß wir den Scherz unerkannt bis zu Ende führen konnten.

Wie ich mich seit meiner zartesten Jugend bis in die späteste Zeit erinnern kann, wurde am Purimfest bei uns zu Hause immer bis zum Tagesanbruch viel gegessen, getrunken und gelacht. Es herrschte Heiterkeit bis zur Ausgelassenheit. Alle sonst verbotenen Streiche und Possen waren gestattet. Jede Disziplin bei Tische war aufgehoben. Das Fest ließ die beste Erinnerung zurück und auch greifbare Andenken: eine hübsche Halsbinde, ein kleines Parfum-Flacon, das man immer wieder in den Händen hin- und herwandte, um das Etikett, das man schon auswendig kannte, wieder mit erneutem Vergnügen zu lesen. Lange wurde das Fläschchen in der Kommode verwahrt, bis es bei einer wichtigen und passenden Gelegenheit zur Benutzung kam.

Schon am darauffolgenden Tage, am Schuschan-Purim, hielt meine Mutter mit der Köchin langen Rat über die großen Vorbereitungen zum Pesach (Osterfest). Die wichtigste Speise, rote Rüben zum Einlegen für den »Borscht« in einem »gekascherten« Faß, wurde schon an diesem Tag angesetzt. Nach einigen Tagen erschien auch schon Wichne, die Mehlverkäuferin, in ihrem unvermeidlichen Pelz und brachte allerlei Mehlproben für die Mazzes. Meine Mutter beriet sich mit meiner älteren Schwester beim Prüfen des Mehles, man knetete aus den Proben einen Teig und buk kleine dünne Plätzchen, bis die Wahl auf eine erprobte Mehlgattung fiel. Einen Tag vor Rosch-Chodesch (Neumond) Nissan mußte meine ältere Schwester einen Sack nähen (denn die Mutter traute der Köchin nicht, daß sie das auch genügend sauber machen würde) und das mußte vorsichtig in einer gewissen Entfernung von Brot oder Grütze geschehen: Meine Mutter war in allen diesen Vorbereitungen zum Osterfest so peinlich, daß die Köchin darob oft außer sich geriet und grob wurde.

Meine älteren Schwestern bereiteten für die Feiertage moderne, hübsche Putzsachen vor. Schneider, Schuster und Putzmacherinnen fingen an, häufige Besucher in unserem Hause zu werden, mit denen die Saisonangelegenheiten gar oft überlaut erörtert wurden. Rosch-Chodesch Nissan rückte heran, und nun begann man mit dem Backen der Mazzes. Diese Arbeit bildete eine Aufgabe in der häuslichen Wirtschaft, mit der sich alle Hausgenossen, selbst Vater und Mutter, beschäftigten. Schon am Vortage, ganz früh am Morgen, erschien Wichne, die Mehlfrau, mit dem Säckel Mehl unter dem Pelz, der diesmal vorn mit einer langen, bis an den Hals reichenden Schürze bedeckt war. Den weißen, aus dünner Leinwand verfertigten Sack brachte meine Schwester ins Speisezimmer, wohin auch Wichne mit dem Mehl folgte. Wir Kinder durften natürlich auch da nicht fehlen, um andächtig die abgemessenen Töpfe Mehl mitzählen zu helfen. So und so viel Töpfe wurden gezählt; der Sack wurde verbunden, in einen Winkel des Eßzimmers gestellt, und sehr sorgfältig mit einem weißen Leintuch bedeckt. Uns Kindern wurde streng verboten, mit Brot oder sonstigen Speisen in die Nähe zu kommen, was wir ganz begreiflich fanden. Am nächsten Morgen erschien das unentbehrliche Faktotum, die Aufwartefrau, die den Spitznamen Meschia Cheziche führte, dieselbe, die schon zu Beginn des Herbstes als Aufseherin bei allen häuslichen Arbeiten fungierte. Ihr ganzes praktisches Wissen bewährte sich hauptsächlich beim Einlegen von Kohl und beim Einkellern von Gemüse. Sie lebte mit ihrem Mann in einer Lehmhütte bei unserer Ziegelfabrik, für die er Lehm transportierte, hielt sich aber die meiste Zeit bei uns auf. Sie war wirklich eine treue Seele, die sich für jedes von uns Kindern aufgeopfert hätte. Ich sah sie nie anders als in einem zerlumpten, blaugestreiften Kattunkleid und in einem Paar sehr großer Schuhe, die ihr bei jedem Schritt von den auch im Sommer beinahe erfrorenen Füßen herabfielen. Das braun-blau erfrorene Gesicht, war mit einem ehemals weißen Kattuntuch umwickelt, ein schmaler roter Wollstreifen um die Stirn gebunden und zwei Enden eines Schleiers hingen wie Flügel im Nacken. Die kleinen, tief in den Kopf gesunkenen matten Augen drückten immer Wohlwollen und Dankbarkeit aus. Der ungeheuer breite Mund mit den schmalen Lippen schien nur die Worte sprechen zu können: »Gute Leut', erwärmt mich und gebt mir etwas zu essen.«

Meine Schwestern ließen jeden Herbst einen wattierten Rock und andere warme Kleidungsstücke für sie anfertigen. Es scheiterte aber jeder Versuch, dieses gänzlich durchfrorene Wesen zu erwärmen. Also Meschia Cheziche kam; zuerst erhielt sie in der Küche einen Teller voll heißer Grützsuppe, und nachdem sie gesättigt war und sich etwas erwärmt hatte, schlich sie zur Tür des Speisezimmers, streckte den Kopf zur halbgeöffneten Tür herein und meldete sich. Meine Mutter befahl ihr, sich ordentlich zu waschen; dann zog man der hageren Gestalt ein langes, weißes Hemd über ihre Kleider und der Kopfputz wurde mit einem weißen Leinentuch, das auch den breiten Mund bedeckte, umwunden. In diesem Aufzug, der ihr ein gespensterhaftes Aussehen verlieh, mußte sie nun das Mehl für die Mazzes durchsieben. Nachdem sie meine Mutter mit den Worten gesegnet hatte: »Derlebts über a Juhr (künftiges Jahr) mit Eurem Mann und Kinderlach in großen Freuden!« begann sie ein Sieb nach dem anderen auf den vorbereiteten Tisch zu schütten. Welch ein ergötzlicher Anblick, diese Erscheinung bei der Arbeit zu sehen! Wir Kinder standen in gemessener Entfernung und sahen aufmerksam zu. Meschia Cheziche war das Sprechen streng untersagt, damit kein Tröpfchen aus ihrem Munde in das Mehl falle. Nach beendigter Arbeit blieb sie die Nacht in der Küche, und am frühen Morgen scheuerte sie die großen roten Kisten, in denen das ganze Jahr reine Wäsche aufbewahrt wurde, und, obgleich sie nie mit Speisen in Berührung kamen, faßte sie mit kräftigen Händen an und wusch sie gründlich, damit sie in tadelloser Reinheit die Mazzes aufnähmen. Dann kamen die Holztische und die Bänke an die Reihe, die ebenfalls die Kraft des von Meschia Cheziche geführten Scheuerbesens zu fühlen bekamen. Auch die vielen Dutzende Rollhölzer, Blechplatten, die ebenso gründlich gereinigt wurden, wurden nicht verschont. Erbarmungslos rieb und scheuerte man auch zwei große Messingbecken, legte rotglühende Eisenstäbe darein und schüttete erst kochendes, dann kaltes Wasser so lange darauf, — ein solches Reinigen nennen die Juden. »Kaschern« — bis das Wasser überlief; später wurden sie noch einmal gescheuert und dann blank geputzt, daß sie funkelten.

Das Wichtigste beim Mazzesbacken ist das Wasserholen vom Brunnen oder Fluß, was als große Mizwe (gottgefällige Handlung) gilt. Das Geschirr zum Mazzeswasser besteht aus zwei großen Holzschaffeln, die mit grauer Leinwand überspannt waren, einem Eimer mit einem großen Schöpfer und zwei großen Stangen. Das fehlende Geschirr wurde natürlich neu ergänzt. Nachdem noch die große Küche im Hof gereinigt, die Ziegel des Backofens durchglüht und »gekaschert« waren, wurde viel trockenes, harziges Holz, das unser bewährter alter Wächter Feiwele den ganzen Winter über zu diesem Zweck gesammelt hatte, in die Küche gebracht. Am Vorabend vor Rosch-Chodesch Nissan gab es im Hof vor dem Brunnen oder am nahen Fluß ein seltsames Schauspiel: Mein Vater, meine Schwäger begaben sich in eigener Person, die Wasserschaffeln auf den langen Stangen tragend, zum Brunnen oder Fluß, um Wasser zu holen und es nach der großen Küche zu bringen, wo die Schaffeln auf eine mit Heu bedeckte Bank gestellt wurden. Die Mutter und wir Kinder liefen dem seltsamen Zuge bald voran; bald hinterdrein. Die jungen Männer waren dabei vergnügt und munter. Mein Vater hingegen war ernst, denn diese Bräuche waren ihm als eine gottgefällige Handlung heilig. Meine Schwäger brachten auch den wohlverwahrten, verhüllten Sack Mehl in die große Küche. Meschia Cheziche blieb die Nacht da, um rechtzeitig am nächsten Morgen den Ofen zu heizen. Alle gingen zeitig zu Bette, um beim Beginn des Mazzebackens früh zugegen sein zu können.

Ich drängte mich am nächsten Morgen gleich an den Ofen und sah mit großem Interesse zu, wie gewandt eine alte Frau die runden, dünnen Mazzen in den Ofen schob, die halbgebackenen zur Seite rückte, die ganz fertigen mit beiden Händen sammelte und in einen Korb auf der nahe bei stehenden Bank warf, ohne daß auch nur eine einzige zerbrach, trotzdem sie so dünn und zerbrechlich waren. Mir wurde bald eine Beschäftigung zugewiesen: ich sollte die geschnittenen Stücke Teig den mit Rollhölzern bewaffneten Weibern reichen, die um den langen, mit Blechplatten bedeckten Tisch standen. Meine ältere Schwester hatte mich immer im Frühaufstehen übertroffen; auch jetzt erzählte sie mir mit Stolz, daß sie schon viele Mazzen aufgerollt habe, die sogar schon gebacken seien. Ich war mit mir sehr unzufrieden, schalt mich selber eine Langschläferin und suchte mich nun um so nützlicher zu machen. Ich beruhigte mich erst dann über das späte Aufstehen, als mich das viele Umherlaufen und Herumstehen tüchtig ermüdet hatte. Ich wusch mir die Hände und ging in die zweite Kammer, wo der Teig geknetet wurde. Da stand eine Frau über ein funkelndes Messingbecken gebeugt und knetete, ohne einen Laut von sich zu geben, ein Stück Teig nach dem andern aus abgemessenem Mehl und Wasser. Ich machte mich auch da nützlich, indem ich mir von dem kleinen Jungen, der das Wasser in das Mehl zu gießen hatte, den großen Schöpfer ausbat und seine Arbeit bedächtig und still ausführte, hie und da die knetende Frau ansehend, die über den Kleidern gleich Meschia Cheziche ein langes, weißes Hemd trug und eine Schürze, die in der Taille nicht eingeschnürt war. Kopf und Mund waren mit weißen Tüchern verbunden, ebenso wie bei Meschia Cheziche. Ich half mit, bis mich die Müdigkeit übermannte.

Das Backen der Mazzen dauerte fast zwei Tage. Meine Mutter ging unermüdlich umher und besah von Zeit zu Zeit die Rollhölzer, mit denen die Frauen die Mazzes rollten, um den angeklebten Teig abzukratzen; bei dieser Arbeit halfen meine Schwäger und mein Bruder, die mit kleinen Stückchen Glasscherben bewaffnet waren. Die Teilchen mußten entfernt werden, weil der angeklebte Teig bereits Chomez (d. h. gesäuerter Teig ist), und somit in den Mazzenteig (der ungesäuert ist), nicht eingeknetet werden darf. Auch beim »Rädeln« der Mazzen halfen die jungen Männer mit; und es fiel keinem ein, eine solche Arbeit für unpassend zu halten, da alles, was Pesach und besonders die Mazzen betraf, als eine religiöse Handlung betrachtet wurde. Am darauffolgenden Tage untersuchte meine Mutter alle Mazzen, deren es oft mehrere Tausend gab, ob sich nicht etwa darunter eine verbogene oder nicht ganz ausgebackene befand. Denn eine solche war schon Chomez und mußte beseitigt werden.

In strenger Ordnung legte man nun die tadellosen Mazzen reihenweise in die großen roten Kisten, die mit einem weißen Tuch bedeckt wurden. Meine Mutter hatte unter dem Tuche eine Mazze vorgenommen und ohne sie anzusehen, sogar mit geschlossenen Augen, die Hälfte abgebrochen, indem sie ein frommes, eigens für diese Handlung festgesetztes Gebet leise hersagte. Dann warf sie dieses Stück Mazze wieder, ohne es anzusehen, in die Flammen. Diesen Gebrauch nannte man »Challe nehmen«; er soll wahrscheinlich an das Brandopfer der biblischen Zeiten erinnern.

Die nächste Zeit bis Pesach verging in endlosen Vorbereitungen für die Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag des Erew-Pesach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das Bedike-Chomez, d. h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen hölzernen Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen weißen Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände sollten Abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chomez durch das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den Federn in den Löffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß, vorher überall Krümelchen anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gereinigt wurden. So untersuchte er nun gründlich die Fenster, und die Mutter mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu schaffen, denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem Hängeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging zeitig schlafen, um am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chomez im Hause eines religiösen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh geweckt und sollten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht für diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit Weißbrot. Doch war selbst zu dieser frühen Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. »Und nun rasch, rasch!«, trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt so viel als sonst, denn es durfte ja nichts vom Chomez zurückbleiben. Wir Kinder machten allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren Porzellanservice an bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem Pesachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt. Der große Speisetisch wurde auseinandergezogen, mit einem weißen Tuch oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die mit kleinen Nägeln befestigt wurde. Nach dieser Prozedur durfte erst das Pesachgeschirr ausgepackt werden, das wir Kinder mit so großer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seine bestimmte Kaus (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -bänke zum Kaschern aufgestellt waren. Man begoß den Tisch oder die Bank mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenstände. Außer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chomez von gestern in der Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf. Mein Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen. Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem anderen züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrieen: »Seht, seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon ...« Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es dauerte nicht länger als 10 Minuten, so war das Autodafé des Chomez vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der Vorschrift darf man selbst auf die Asche nicht treten, auch wenn es »Nutzen oder Vergnügen« brächte.

Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo »Schimen, der Meschores« (der Diener) mit dem Auspacken des Pesachgeschirrs beschäftigt war. Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kausses (Weinbecherchen) Besitz ergreifen, da schmunzelte der Bocher (Junge) schalkhaft und meinte, daß wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgiltiger Miene erklärte er, daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. »Wieso gekaschert?« fragten wir. »Ja, ja«, versetzte unser Peiniger, »Ihr müßt heiße, glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann erst dürft Ihr dieses Geschirr anrühren.« Wir fanden keine Antwort und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indian-Vogels, eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem Brett, und die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er davonfliegen wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der Bank, lag auf einem neu abgehobelten Brett in seiner ganzen Länge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln, Teller, Gabeln, Löffel befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf Mazzesmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem später die schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob Simon Recht hätte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glühenden Steindlach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern längst aufgefallen und, halb verwundert, halb ärgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt wären. Da erzählten wir mit kläglicher Stimme, in halben Sätzen, was der böse Schimen uns gesagt hatte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie plötzlich auf: »Was für glühende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heißem Wasser begossen?« Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis: Sie ließ Schimen sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wären wir würdig, unsere Kausses in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und halfen nun das Geschirr abwischen.

Unter diesen und ähnlichen Arbeiten verging der halbe Tag, bis unsere gesunden Magen daran erinnerten, daß wir seit 9 Uhr morgens nichts gegessen hatten. Wir wußten im voraus, was man uns geben würde. Man brachte den großen Gonscher (eine sehr breite Flasche) mit süßem Meth, den meine Mutter so meisterhaft zu kochen verstand, und ein volles Sieb mit Mazzes: bis zu diesem Tage waren sie in strenger Verwahrung gewesen, da vor den Feiertagen Mazzes zu essen bei frommen Juden nicht erlaubt ist. Man füllte also unsere Kausses mit Meth und wir machten uns an die Mazzes. Ein Stück nach dem andern wurde in Meth getaucht und verschwand rasch, von unseren gesunden Zähnen wie zwischen Mühlsteinen zermalmt.

Die Mutter kam endlich aus der Küche herein. Auch mein älterer Bruder erschien und brachte Äpfel, Wallnüsse und Zimt. Aus diesen Materialien bereitete er, indem er alles in einem Mörser zerstieß, Charauses, d. i. eine Masse, welche wie Tonlehm aussieht und abends auf den Sedertisch kommt. Der »Lehm« soll daran erinnern, daß unsere Vorfahren in Egypten für den Pharao Ziegelsteine kneteten.

Nachdem mein Bruder mit dieser Arbeit fertig war, ließ die Mutter den Eßtisch in den gelben Salon tragen und in seiner ganzen Länge vor dem Sopha aufstellen. Sie bedeckte ihn dann mit einem weißen Damasttischtuch, das nach beiden Seiten bis zur Diele reichte. Dann ließ sie den Diener das Porzellan- und Kristallgeschirr bringen, ordnete es und ging selbst an den Schrank, der das ganze Silbergeschirr enthielt. Der Diener stellte auf das große silberne Tablet die Becher und Kannen, die sehr schön gearbeitet waren. Namentlich eine Kanne war besonders kunstvoll durch Intarsien aus Elfenbein, die mythologische Figuren darstellten. Der Deckel und das Gefäß waren aus massivem Golde. Mein Vater hatte einige hundert Rubel für das Kunstwerk bezahlt. Eine andere ziemlich große Kanne war aus getriebenem Silber. Daneben standen große und kleine Becher, deren Boden französische Münzen bildeten.

Bald kam auch die Obsthändlerin (Gereziche) mit dem frischen grünen Salat, der an diesem Abend, dem Seder-Abend, eine wichtige Rolle spielte. Der Diener brachte aus der Küche eine Schüssel voll hartgesottener Eier, einen Teller frisch geriebenen Meerrettig (Moraur genannt), — ein Symbol, das an die Bitterkeit der Verhältnisse erinnern sollte, unter denen unsere Vorfahren in Egypten gelebt hatten. Dann einige gebratene Stückchen Fleisch, die sogenannte Seroa, zur Erinnerung an die Pesach Korben, d. h. Osteropfer im Tempel zu Jerusalem; ferner einen Teller mit Salzwasser und einige Schmure-Mazze (gehütete Mazzes[D]). Alle diese Speisen bedeckte meine Mutter mit einem weißen Tuch. Nur den Salat ließ sie unbedeckt, als sollte er das eintönige Weiß des Tischtuches beleben, während der rote, funkelnde Wein in der Kristallkaraffe sich in den glänzend geputzten Silberleuchtern und in jedem Kristallglas vielfältig wiederspiegelte. Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine weiße Piquédecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen Ruhesitz, das sogenannte Hessebett[E], ein ähnliches wurde auf zwei Stühlen für die jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit.

Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Theestunde nahte. Wir tranken und schlürften das duftende Getränk mit besonderem Behagen, denn er schmeckte in der festlichen Umgebung ganz besonders gut. Alles blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in Verwendung.

Nun gings an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre, tiefe Religiosität, Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für die Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte erleben lassen. — Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adelige Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort »adelige Abkunft« spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Königspalästen für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden auch äußerer Reichtum und Würden kamen.

Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte, den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.

Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz. Man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten.[F] Auch meine vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.

Wir Mädchen hatten schon im Alter von zwölf Jahren die Pflicht, am Vorabend der Festtage und des Sabbaths Kerzen anzuzünden. So versammelten wir uns alle um den Tisch. Wir glühten in freudiger Erwartung des Sederabends. Alle Kerzen brannten. Vor dem Sitze des Vaters brannten zwei Spirmazet-Kerzen, die man »Manischtane«-Kerzen nannte nach den sogenannten vier Fragen, die das jüngste Kind am Tisch stellt. Denn Lampen kannte man zu jener Zeit überhaupt noch nicht. Ich saß noch in den vierziger Jahren an den langen Winterabenden mit meinen Schwestern bei einer Talgkerze, und wir haben, ohne die geringste Unbequemlichkeit zu empfinden, dabei unsere Schulaufgaben gemacht oder bis in die späte Nacht die spannende Erzählung von dem Prinzen Bowe mit seinem treuen, gefleckten Hund gelesen. Die Beschaffenheit der Talgkerze mit ihrem dicken Docht machte den häufigen Gebrauch der Lichtputzschere nötig, die heute als archäologische Seltenheit zu betrachten ist. — Eine bessere Beleuchtung erreichte man durch Spirmazet-Kerzen oder Öllampen. Aber beide waren nur für die Reichen. Der Bürger erlaubte sich solchen Luxus nicht. Gegen Ende der vierziger Jahre kam die Stearinkerze auf, die schon ein etwas helleres Licht gab und die Talgkerze in den Hintergrund drängte. In den sechziger Jahren kam mit der geistigen Erleuchtung auch die hellbrennende Petroleumlampe. Das war ein Jubel, den das ganze Volk im Land aus Freude darüber anstimmte. Alles glaubte, daß damit, wie bei den Fuhrwerken, das letzte Wort für die Bequemlichkeit der Menschen gesprochen sei. Alle Welt schaffte sich Lampen an und ließ sich unterrichten, wie sie zu behandeln seien, wieviel Petroleum hineinzugießen sei, wie breit, lang und dick der Docht sein müsse. Auch dazu gab es eine Schere, die aber der Kerzenputzschere nicht gleich war. In den ersten paar Jahren nach Einführung der Lampen wurden selbst die Leuchter ganz abgeschafft. — Auch die Bauern, denen bisher der Pechspahn[G] oder Kahanez[H] als Beleuchtung gedient hatte, schafften sich jetzt Lampen an. Zwar war das Licht der damaligen Petroleumlampe mit der gelbrötlichen Flamme grell und dem Auge unangenehm, nichtsdestoweniger arbeiteten die Lampenfabriken unaufhörlich. Unzählige Millionen Pud Petroleum flossen in das russische Reich. Und die Herrschaft der Petroleumlampe bestand bis zu den

achtziger Jahren, gegen deren Ende sie schon durch das Gas verdrängt wurde: eine neue Aufregung unter der Bevölkerung! Freilich diente diese Erfindung nur der Stadt für die Straßenbeleuchtung und den Reichen für ihre Häuser. Mit prahlerischem Lächeln drehte der großstädtische Hausherr den Hahn zur Gasbeleuchtung in seinem Kabinet auf, um seinen Gast aus der Provinz mit der plötzlichen Helle zu überfluten. In der ersten Zeit kostete die neue Erfindung auch noch viele Menschenleben; die Röhren der Straßenbeleuchtung platzten und waren undicht und in den Häusern erstickten viele durch ausströmendes Gas, wenn die Gashähne während der Nacht nicht fest geschlossen waren. Erst viel später hielt dann die Elektrizität ihren Einzug und überstrahlte mit ihrer Helle und Bequemlichkeit die bisherige künstliche Beleuchtung.

Die Sedertafel glänzte und strahlte. Der Meschores (Diener) hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken mit der Kanne und viele Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem Ton, mit dem er laut »Gut Jom-Tow« (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder sämtliche Hagadas[I] bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf nahmen wir am Tische Platz und zwar in der Reihenfolge des Alters. Heute durfte auch »Schimen, der Meschores«, an einer Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem Abend alle gleich sind — Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige, breite Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige, patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern, sowie allen anderen gegenüber, flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf sein Äußeres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem schwarzen langen Atlaskaftan. Er war der Länge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Knöpfe angebracht war. Die Kleidung vervollständigte eine teure pelzverbrämte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasgürtel um die Lenden. Von dem feinen weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulard-Taschentuch fehlte nicht. Meine älteren Schwäger kleideten sich wie der Vater; bei meinem jüngeren machte sich schon die europäische Mode geltend, indem er eine schwarze Sammetweste mit einer goldenen Uhrkette trug. Auch mein ältester Bruder, ein kluges, aufgewecktes Kind mit großen, grauen, schwärmerischen Augen, wiewohl erst zwölf Jahre alt, kleidete sich wie die älteren Herren. Bei der Anfertigung der Kleider war besonders wegen des »Schatnes« Bedacht zu nehmen. Es ist nach dem jüdischen Gesetze verboten, Wollstoffe zu tragen, die mit Zwirn genäht waren, ferner auf gepolsterte Möbel, Equipagensitze sich zu setzen, die mit Tuch bedeckt waren und mit Fäden genäht. Ein Pelz, der mit Zwirn genäht, war, durfte nicht mit Tuch bedeckt sein. Meines Vaters Pelze waren mit Seide zusammengenäht. Einmal ertappte man den Schneider, daß er Zwirn verwendet hatte, und er mußte Stück für Stück auftrennen und alles wieder mit Cordonetseide zusammennähen.

Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte seine prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagade zu lesen. Er bat die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei Schmure-Mazzes, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettig, ein wenig Salat, Charausses, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand und sagte das Kiduschgebet[J] und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem den Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater sein Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ho lachmo anjo. Die männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel Mah-nischtano, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei Tische zu fragen hat. Diese lauten: »Warum essen wir an allen Abenden des Jahres gesäuertes und ungesäuertes Brot, heute aber bloß ungesäuertes?« usw. (siehe Hagade). Der Vater beantwortete, mit bewegter Stimme aus der Hagade lesend: »Awodim hojinu.« ... »Knechte waren wir bei Pharao in Mizraim und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder bis jetzt noch Sklaven gewesen, und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.«

Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus — er konnte und durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen Fürsten betrachten.

Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzen entzwei, legten die eine Hälfte unter das Polster zum »Aphikomon« (Nachspeise) und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen als »Mauze« (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettig: erstens zu Moraur, der in Charausses getunkt so rasch als möglich verschluckt wird, da dies ohne Mazzen geschehen muß. Dann der Kaurach, wieder eine Portion Meerrettig zwischen zwei Mazzesstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend den Meerrettig gehörig zu spüren; und wir mußten mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzemehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder Tischgenosse ein Stück von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände, was man »Majim Acheraunim« nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde; und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische als Vorbeter beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem lauten »Amen« ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagade. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte der Tafel aufgestellt und für den Propheten Elia bestimmt war. Dieser Brauch findet in den kabbalistischen Schriften seine Erklärung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder trinkt (sogenannte kabbalistische Suges) schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.

Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Elia ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden gefüllt, und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann man das Kapitel »sch'fauch chamos'cho« zu rezitieren; hierauf folgten die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen »chadgadjo, chadgadjo«, »Ein Zicklein, ein Zicklein«. Mit diesen und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Schwestern verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindergemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu können! Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.

Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bette zu gehen. Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber bemerkte, wie müd und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu scheinen und kroch auf einen im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause, wie schön bist du! — — —

Zum Tee bekam ich Mazzen und Butter. Man zog mir ein neues Kleidchen an, und ich lief hinaus zu den Nachbarkindern, die mich auf der Wiese bereits erwarteten. Wir hüpften und tanzten und sangen: »Der Frühling ist da, der Sommer ist gekommen, huha! huha! huha! huha!«

Die Frauen und Männer des Hauses waren bereits seit dem frühen Morgen in der Synagoge zum Gottesdienste, wo das Gebet um Tau heute gesprochen wurde, ein Gebet, welches das konservative, jüdische Volk noch immer inbrünstig betet, wiewohl es seit fast 2000 Jahren außer dem Bereich seiner nächsten Interessen liegt, daß das Korn auf dem Felde durch den Himmelstau gedeihen möge, das Gras durch das reiche Tropfen des Taues saftig werde, der Most gerate und nicht sauer werde. Dieses Gebet wird nach der alten Tradition also weiter gebetet, und zwar wie die meisten jüdischen Gebete, halb singend, wobei die Frauen mit den Tränen nicht sparen.

Ein Volk, behauptete Lord Beaconsfield, das zweimal jährlich den Himmel um Tau und Regen für die Felder anfleht, wird gewiß noch einmal sein eigenes Land besitzen.

Das zeigt, wie tief die Liebe zum Ackerbau und zur Scholle den Juden im Blute sitzt, gebietet doch das jüdische Gesetz, erst einen Weingarten zu pflanzen; sein Feld zu bestellen, dann ein Haus zu bauen und dann erst zu heiraten!

Gegen ein Uhr kamen alle Synagogenbesucher nach Hause. Da fanden sich auch schon Gäste ein, welche ihre Jomtow — (Feiertags-) Besuche machten und mit allerlei Süßigkeiten und mit Wein bewirtet wurden.

Das Mittagmahl bestand aus den vier traditionellen Gängen: dem obligaten, gefüllten Indian-Hals, den schmackhaftesten und besten Gemüsearten, welche die Osterzeit bot, und wovon ein armer Jude an diesem Feiertage bloß träumen kann. Diese fetten, süßen Gerichte, wozu noch die Pfefferfische und die üppigen Knödel (Klößchen) kamen, steigerten den Durst auf das höchste. Es wurde reichlich darauf guter, alter Schnaps, Rotwein, endlich auch Apfelkwas getrunken. Nach Tisch gab es ein allgemeines Schnarchen in allen Schlafzimmern, Küchen, auf dem Heuboden, während wir Kinder uns auf den Wiesen und Feldern, die bei unserem Hause lagen, in völliger Freiheit tummelten und mit den Nachbarkindern um Nüsse spielten. Diese absolute Ruhe im Hause dauerte bis sechs oder sieben Uhr. Um diese Stunde wird Tee getrunken. Nach dem Tee gingen die Herren ohne ihre Frauen spazieren, die Frauen gingen ebenfalls mit ihren Freundinnen in die frische Luft, und dann begab man sich in die Synagoge zum Abendgebet, doch heut begann das Sphirezählen.[K]

Meine Mutter ging nicht in die Synagoge, da, wie gestern am Vorabend, der Sedertisch hergerichtet werden mußte. Dieser zweite Abend hatte für uns Kinder auch sein besonderes Interesse. Es war üblich, die Kinder auf jede Art wach zu halten, vor allem, damit das jüngste Mitglied der Familie nach der Vorschrift die vier Kasches (Fragen: warum essen wir heute ungesäuertes Brot usw.) noch stellen konnte, und dann, um an diesem Abend das Geschichtsdrama des Auszuges der Juden aus Ägypten ausführlicher als es die Hagade tut, mit den älteren und jüngeren Hausgenossen zu besprechen. Man gab uns Äpfel und Nüsse zum Spielen. Wir waren sehr vergnügt und blieben bis zum Schlusse des Seders wach. Die Tafel war wie gestern reich besetzt. Aber manche Speise — besonders der Salat — trug den Charakter des Müden, Verwelkten. Bloß der frisch geriebene Meerrettig verbreitete seinen scharfen Duft.

An dieser zweiten Sederfeier wartete man nicht mehr mit Ungeduld, wie an der ersten, auf das Abendessen, weil alle noch satt waren von dem üppigen Mittagsmahl. Das Nachtmahl wurde erst gegen zehn Uhr abends fertig, da am Tage nichts gekocht werden durfte und erst mit Eintritt der Dunkelheit, wenn Sterne am Himmel zu sehen sind, mit der Bereitung des Abendessens begonnen wurde. Es bestand lediglich aus einer Brühe oder aus einem Borscht (Suppe aus roten Rüben) und gekochtem Geflügel. Braten gab es nicht, weil die Seroa, das Symbol des Brandopfers, auf dem Tische stand. Der Vater fragte an diesem Abend gewöhnlich mit Ungeduld nach dem Essen, da noch vor Mitternacht der Aphikomon gegessen und die Sederfeier beendet sein muß. Die Einzelheiten waren die gleichen wie am vorigen Abend, wenn sie auch weniger feierlich und schneller aufeinander folgten; und es gelang auch in diesem Tempo, das Aphikomon noch vor der Mitternachtsstunde zu verspeisen. Nach Schluß der zweiten Hälfte des Seders wurde wieder das Hohelied bis weit über Mitternacht hinaus gesungen, das ich aufrecht sitzend bis zum Schluß anhörte.

Die folgenden vier Tage heißen Chaulhamaued (Werktage, Halbfeiertage, an denen das Leben fast wie an einem gewöhnlichen Tage hinfließt und fast alles gestattet ist). In unserem Hause freilich glich das Leben dem an gewöhnlichen Feiertagen: es kamen viele Gäste zum Tee, zum Mittag- und Abendessen.

Viele Mühe machte das Bewachen der Schmure, der Mazzes und Gefäße. Mehr als einmal gab es Ärger mit den Bediensteten, die oft die Geschirre verwechselten. Ich erinnere mich eines Falles: es war am Erew-Jomtow (Vor-Feiertag) der letzten zwei Festtage des Pesachfestes. Eine stattliche Anzahl von Hühnern und »Indians« (Puten) lagen koscher gemacht, d. h. nach ritueller Vorschrift gewässert und gesalzen, da erschien meine Mutter in der Küche, nahm ein großes Messer und untersuchte, ob nicht etwa ein Hafer- oder Gerstenkorn, womit das Geflügel gemästet wurde, irgendwo stecken geblieben war als Chomez, so daß das Geflügel für Passah unbrauchbar wäre. Und richtig! Sie fand ein Haferkorn in der Kehle eines Indianvogels, womit nun alle seine Leidensgefährten gerichtet, d. h. also Chomez waren und nicht mehr verwendet werden durften. Meine Mutter war deswegen sehr ärgerlich, sah die Köchin mit vorwurfsvollen Blicken und triumphierender Miene an und rief: »Da hast du die Bescheerung, du ungeschicktes Ding! Wo hattest du deine Augen? Du warst wahrscheinlich blind beim Koschermachen des Geflügels? Du hättest es auch jetzt nicht bemerkt. Ich danke Gott für die Gnade, daß ich das Haferkörnchen gefunden habe, sonst hättest du uns alle mit Chomez gefüttert!«

Mühe und Kosten waren nun umsonst gewesen, das ganze Geflügel wurde beseitigt und anderes mußte geschlachtet, geputzt und koscher gemacht werden! Man denke sich den Ärger der Mutter und Hausfrau! Der Tag war vorgerückt, die Speisestunde nah! Nichtsdestoweniger milderte ihren Ärger ein Gefühl freudiger Befriedigung, weil Gott sie vor einer Sünde bewahrt hatte. Ist doch die strenge Beobachtung aller Pesachvorschriften für den frommen Juden um so bedeutungsvoller, als ihre Verletzung mit frühzeitigem Tod bestraft werden soll. So wurde denn das Todesurteil an ebensoviel Hühnern und Indianvögeln vollzogen, obwohl sie im Hofe laut dagegen protestierten!

Es geschah auch einmal in diesen Tagen, daß der Diener der Köchin eine gewöhnliche Mazze statt der Schmure-Mazze zum Fischkochen gab. Eine Viertelstunde vor Tische ordnete die Mutter die schmackhaft gekochten Fische auf der Schüssel und erkannte das Versehen. Meine Mutter geriet in Zorn und Ärger, und der Diener bekam seine wohlverdienten Vorwürfe zu hören. Der Vorfall erfüllte das ganze Haus mit Lärm und gerechter Wut; und weder die Eltern, noch der Melamed haben die so appetitlichen Fische berührt! Der Vater, die Mutter, der Melamed aßen bloß von den Schmure-Mazzes, hatten auch besonderes Geschirr, während die übrigen Hausgenossen die gewöhnlichen Mazzes verzehrten.

Nun kam der letzte Tag des Osterfestes. Die achttägige Quälerei mit dem Essen, den Speisezubereitungen, die man in unserem Elternhause so geduldig und pietätvoll ertragen hatte, war zu Ende. In der Dämmerstunde des letzten Tages machten sich die Jungen im Hofe der Synagoge den Spaß und schrien: »Kommt zum chomezigen Borchu!« (Das erste Wort des Abendgebetes.)

Mein Vater kam von der Synagoge heim und machte, am Eßtisch stehend, Awdole, d. h. er weihte die kommenden Werktage mit einem Becher Wein ein und dankte Gott dafür, daß er Fest- und Werktag, Licht und Finsternis von einander geschieden hat. Am Schluß des Gebetes leerte er den Becher, goß den Rest auf den Tisch, nachdem er an der mit Nelken gefüllten wohlriechenden Dose gerochen, die Finger gegen das geflochtene, brennende kleine Wachslicht gehalten hatte und durchleuchten ließ und löschte dann im Rest des Weines das Licht aus.

Nun war man von allem Zwang, den das Pesachfest trotz aller Herrlichkeiten auferlegte, befreit, und der Frühling mit seinen Freuden, den lustigen Spielen im Freien nahm für uns Kinder seinen Anfang. Im Hause gab es noch lange Zeit Arbeit, ehe das Pesachgeschirr bis auf den letzten Topf und die letzte Schüssel aus allen Ecken und Winkeln zusammengetragen und wieder fortgestellt war. Schimen, der Meschores, holte abends die großen Kisten vom Boden herunter und packte alles ein, so daß am folgenden Tage keine Spur mehr von dem mit soviel Mühe veranstalteten Pesach zu sehen war. Selbst die übriggebliebenen Mazzes durften nach der Vorschrift nicht gegessen werden; in manchen jüdischen Häusern pflegte man eine einzige, große, runde Mazze an einem Schnürchen an die Wand zu befestigen, die zur Erinnerung das ganze Jahr bis zum nächsten Pesach hängen blieb. Gleich nach dem Feste wurden die verschiedenen Arten von Grützen untersucht, ob sich nicht in der achttägigen »Schonzeit« etwa Milben entwickelt hätten, da es um diese Zeit in unserer Gegend schon sehr heiß war. Bei uns freilich wurde die vorjährige Grütze nicht mehr gegessen. Wir warteten, bis es wieder frische Grütze gab — sich chodisch-essen war für diesen Brauch der terminus technicus.

Die ersten Frühlingswochen verliefen in unserem Hause in der gedrückten Stimmung der Sphirezeit (von Ostern bis Pfingsten), während der jede Freude, jedes Spiel verboten ist. Konzerte und Theater zu besuchen, eine Hochzeit zu feiern oder auch nur ein neues Kleid oder neue Schuhe anzulegen, selbst bei drückender Hitze ein Flußbad zu nehmen, war in meinem Elternhause streng verpönt. Nur am Freitag durfte man, nachdem der halbe Tag vorbei war, ein warmes Reinigungsbad nehmen. Alle Schmucksachen, wie Perlenschnüre und die gestickte Stirnbinde wurden beiseite gelegt. Man trug einfache, alte, abgenützte Kleider. Meine Eltern und meine Geschwister enthielten sich während der Sphirezeit im Gegensatz zu ihrer sonstigen Gewohnheit aller Späße, und sie lachten und scherzten fast nie. Meine Mutter versprach uns oft viel Nüsse, wenn wir sie erinnern wollten, jeden Abend Sphire zu zählen. Das Erinnern war überflüssig, denn sie vergaß nie zu zählen, wie viele Tage und Wochen in der Sphire abgelaufen sind. — — —

Der Frühling hatte für mich einen besonderen Reiz. Die Wiesen, die in der Nähe unseres Hauses lagen, lockten. Den ganzen Morgen sprang ich in der heitersten Laune umher und pflückte eine Butterblume nach der anderen und freute mich über jede junge Blüte. Ich wand mit Hilfe meiner steten Begleiterin Chaie, der Klempnerstochter, aus diesen Wiesenblumen Kränze, für die ich noch vom Ufer des nahen Flusses viele zarte Vergißmeinnicht holte. Wir bekränzten uns die Köpfe und gingen so geschmückt nach Hause. Oft unternahm ich in Gesellschaft armer Nachbarskinder Streifzüge in die Gebüsche, welche den hohen Berg neben unserem Hause umgaben und zahllose hochrote, wilde Beeren bargen. Aus diesen machten wir lange Schnüre und schmückten uns damit. Bei diesen Streifzügen vergaß ich oft, nach Hause zurückzukehren, und meine Mutter geriet in Unruhe und Sorge um mich. Alle waren bereits bei Tisch, und ich war immer noch nicht heimgekehrt, und man mußte mich suchen.

Zu meinen Lieblingsplätzchen gehörte der einsame Heuboden, wo das duftende junge Heu in Massen aufgehäuft lag. Ich grub mir da eine Art Höhle und setzte mich hinein. Hier spielte ich mit meinem Lieblingskätzchen, lehrte es auf den Hinterbeinen stehen und sitzen, wickelte es in meine Schürze, zog es am Ohr und schrie hinein: »Kätzele, willst du Kasche?« (Brei). Und das gemarterte Tierchen riß sein Ohr aus meiner Hand los, schüttelte sich, was ich als »Nein« deutete; dann nahm ich das zweite Ohr und schrie hinein: »Willst du vielleicht Kugel?« (ein fettes Sabbathgericht). Und das Kätzchen stieß ein lautes Miauen aus, welches ich als ein »Ja« deutete. Aber bei diesem Spiel hielts mich nicht lange, ich beugte mich über die Bretter vor, und warf den Pferden durch die großen Öffnungen in den Stall Haufen Heu gerade vor ihren Köpfen herunter, das sie gierig verschlangen.

Um meinem Schlendrian und dem freien Herumwandern in den Bergen, durch Feld und Gebüsch und dem gefährlichen Hocken auf dem Heuboden ein Ende zu setzen, beschloß meine Mutter, mich in den Cheder zu geben (Volksschule), und mich dem Melamed (Volksschullehrer) anzuvertrauen, bei dem meine ältere Schwester hebräischen Unterricht hatte.

An einem schönen Nachmittag mitten im eifrigsten Spielen wurde ich plötzlich von meiner Mutter, die am Fenster stand, ins Eßzimmer gerufen. Da saß bereits, meiner harrend, Reb Leser, der Melamed, und meine Mutter sagte, sich zu ihm wendend: »Das ist meine Pessele, morgen kommt sie mit Chaweleben (meine Schwester) zu euch in den Cheder.« In meiner Schüchternheit wagte ich es kaum, meine Augen zu ihm zu erheben. »Aber dein Kätzele darfst du in den Cheder nicht mitbringen«, sagte Reb Leser zu mir. Diese Worte waren gerade nicht dazu angetan, mich für ihn einzunehmen. Der Reiz des Neuen, der in dem Chederbesuch lag, war mir damit zur Hälfte genommen. Ich blieb verstimmt sitzen und dachte, was wohl jetzt mit meinem Kätzchen und den anderen Herrlichkeiten werden solle. Ich hörte, wie Reb Leser zur Mutter sagte: »Also Dienstag wird sie der Behelfer in den Cheder abholen.« Er wünschte »gute Nacht« und verschwand in der Dämmerung. Und nun hieß es Abschied nehmen von den lustigen Spielen mit Chaie, des Klempners Töchterlein, das so hübsche Töpfchen mitzubringen pflegte, mit Peyke, die im Puppenspiel so erfinderisch war und Jentke — wie oft saßen wir dort, am Ende des großen Gartenzaunes auf dem großen Holzklotz so traulich beisammen und erzählten uns traurige und heitere Märchen, daß wir bitter weinen oder herzlich lachen mußten! Es schnitt mir ins Herz, das alles aufgeben zu müssen. Allein meine Neugierde, den Schauplatz meines neuen Lebens zu sehen, tröstete mich ein wenig. Die Mutter riet mir, bald nach dem Abendessen schlafen zu gehen, um zu gleicher Zeit mit meiner Schwester am frühen Morgen aufzustehen und zusammen in den Cheder zu gehen. Mein Schlaf war diese Nacht nicht so ruhig wie sonst! Ich war sogar früher auf den Beinen, als meine Schwester. Die Njanja mußte mich zuerst waschen und ankleiden, ich mußte sogar auf meine Schwester warten.

Der erste Schultag!....

Der »Unterbehelfer« erschien, um uns abzuholen. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Es war ein hochaufgeschossener Junge mit zwei langen, dünnen, blonden Locken vor den großen Eselsohren und einem ungeheuer breiten Mund. Seine Augen konnte man nur selten sehen, er trug nämlich seine wattierte Kutschme[L], die er selbst bei der größten Hitze in die Stirn gedrückt hatte, als wäre sie für alle Ewigkeit auf seinem Kopfe festgewachsen. Seine übrige Kleidung konnte man auch nicht gerade luxuriös nennen. Von der Fußbekleidung war der eine Schuh so groß, daß er ihn bei jedem Schritt verlor, während der andere so knapp saß, daß er das zweite Bein hinkend nachschleppen mußte; offenbar gehörten die zwei Schuhe zwei verschiedenen Paaren an. Er war aus der Kehile (Gemeinde) Sabludewe (hier im Sinne von Krähwinkel) und hieß Welwel. Das alles erfuhr ich, als er in die Küche trat, zu deren halb offener Tür ich neugierig den Kopf hineinsteckte. Er sollte gerade sein Frühstück bekommen; er aß nämlich bei uns »Täge«, wie man es damals hieß, d. i. an jedem Tag in der Woche aß er bei den Eltern eines anderen Schülers. Zu uns kam er jeden Dienstag. Ich mußte lachen über ihn. Er war aber auch zu drollig, wenn sich dieser lange Mensch just auf die äußerste Kante der Küchenbank plump hinsetzte, so daß sich das andere Ende in die Höhe hob und er, der Bocher, in seiner ganzen Länge ungeschickt auf die Diele purzelte. Selbst unsere mürrische Köchin mußte da lachen. Der Unfall hinderte jedoch den Behelfer nicht, sein Essen mit einem wahren Wolfsappetit zu verschlingen. Dann segnete unser Begleiter unseren ersten Chedergang, indem er ausrief: »Nun mit dem rechten Fuß!« Unterwegs bildete er meist die Arrièregarde, wahrscheinlich infolge seines ungleichen Schuhwerks. Bald aber sollte er sich als unser tapferer Beschützer bewähren.

Die Gelegenheit dazu bot ein wütender Hund, der uns anfiel und verfolgte. Hilfesuchend sahen wir uns nach unserem Beschützer um — aber der erste, der jämmerlich aufschrie, war er. Trotz seiner Schuhe lief er, was er nur konnte, immer schneller, wir versuchten ihm nachzukommen, aber er war der bessere Renner — wir erreichten ihn nicht. Meine Schwester ergriff meine Hand und in atemloser Angst wiederholten wir das Sprüchlein, wie ein Gebet:

»Hintale (Hündchen) Hintale, willst mich beissen?
Werden kommen drei Teiwolim (Teufelchen),
Werden dich zerreißen.
Hintale, Hintale, willst mich beißen?
Werden kommen drei Teiwolim, werden dich zerreißen.
Ich bin Jakow (Jakob), du bist Esau,
Ich bin Jankow, du bist Esau!«

Der Spruch mußte rasch, in einem Atem und ohne daß man sich von der Stelle rührte, hergesagt werden. Wir waren fest überzeugt, daß der Hund still werden und uns passieren lassen würde....

Unser »bewährter« Führer wartete auf seinem Platze, wo er sich in Sicherheit fühlte, so lange, bis wir zu ihm kamen. Und nun bewegte sich der Zug weiter. Meine Schwester zeigte und erklärte mir auf dem Wege alles, was mir neu und merkwürdig schien. Wir sahen viele Buden, Krämergestelle und mußten uns durch die Menschenmassen hindurchdrängen, bis wir gegen acht Uhr den Cheder erreichten.

Das Häuschen war wohl einst, vor langer, langer Zeit, gelb angestrichen. Nun stand es tief in die Erde gesunken mit kleinen Fensterscheiben, die nur spärlich das Tageslicht einließen. Das Häuschen war von einer Prisbe (Erdbank) umgeben, auf der ich meine künftigen Mitschülerinnen, die ungefähr in meinem und meiner älteren Schwester Alter standen, bei verschiedenen Spielen sah. Sie gafften mich mit großen Augen an. Wir blieben vor der Eingangstür stehen. So leicht konnte der Uneingeweihte hier seinen Weg nicht finden! Meine Schwester ging voran; sie öffnete die Tür, sprang in den Flur und streckte mir die Hand entgegen. Ich erfaßte sie und streckte das eine Bein vor, um Boden zu finden. Diesen bildete ein halb verfaultes Stück Holz, das ganz tief eingesunken in dem Lehmboden lag. Ich mußte das Bein weit von mir strecken, um das Holz zu fühlen. Nun setzte ich auch das zweite Bein hinunter und tat mutig einen Schritt vorwärts. Meine Schwester ermahnte mich, daß ich nicht über die zum Boden führende Leiter stolpere. Einen Schritt weiter stand schon ein Wasserfaß, an dessen Rand der große hölzerne Wasserschöpfer lag, der uns Kinder später immer zum Trinken animierte. Ferner befand sich hier noch ein Eimer und ein Besen. Links erblickte ich eine Tür, die statt der Klinke einen hölzernen Stock hatte, der vom vielen Gebrauch so glatt wie eine Glasur war. Meine Schwester öffnete die Tür, sie trat in den Schulraum, und ich folgte ihr. Wir konnten beide nicht bequem gerade stehen. Beim ersten Schritt stießen wir auf eine Bank, die mit einem langen Holztisch fast wie verbunden war, auf dem allerlei Lehr- und Gebetbücher lagen. An der anderen Seite des Tisches stand eine ähnliche Bank, die bis an die Wand reichte. Ich überlasse es der Phantasie des Lesers, die Breite dieses Gemaches zu ermessen! Reb Leser, der Melamed, thronte oben an der Spitze des Tisches, von da aus konnte er mit Herrscherblicken das ganze Gebiet übersehen.

Reb Leser war kräftig gebaut, breitschulterig, mit seiner wuchtigen Gestalt verdeckte er das Fenster, neben dem er saß, in seiner ganzen Breite und Höhe. Seine wasserblauen, großen, hervorstehenden Augen, vor denen sich fortwährend ein paar kleine graue Pees (Ohrlöckchen) bewegten, und sein langes Gesicht mit dem spitzen, grauen Bart verrieten Selbstbewußtsein und Stolz. Die Stirn mit den starken, geschwollenen Adern zeugte von Energie. Seine Tracht war zeit- und standesgemäß: kurze, an den Knien gebundene Beinkleider, graue dicke Strümpfe, gigantische Schuhe; seine Hemdärmel waren von zweifelhafter Reinlichkeit; ein langer bunter, dunkler Arbakanfos[M] aus Kattun ersetzte den Rock im Sommer (im Winter trug er einen wattierten Rock). Das schwarze kleine Sammetkäppchen auf dem großen Kopf vervollständigte die damalige Tracht seines Standes.

Am anderen Ende des Tisches saß, stets in gebückter Haltung, der Ober-Behelfer. Er hielt einen langen schmalen Holzstift in den Händen (das Deitelholz genannt), womit er den Kindern beim Lesen Buchstaben für Buchstaben, Zeile für Zeile zeigte. Er hatte die Aufgabe, das vom Rebben Vorgetragene mit den Schülerinnen zu wiederholen. Er war immer ernst, hatte eine Nase von der Form eines Spatens, kleine, melancholische Augen und vor den Ohren zwei lange, schwarze Pees, die in steter Bewegung waren.

Wir blieben also stehen, wir mußten auf demselben Fleck stehen bleiben. Der Rebbe erhob sich, als er mich erblickte mit dem Ausruf: »Ah!« Dann faßte er mich unter die Arme, hob mich auf die Bank und setzte mich neben sich hin. Die Schülerinnen kamen inzwischen hereingelaufen, um mich, das neuangekommene Wundertier, zu sehen und Bemerkungen auszutauschen. Meine Schwester, die bereits heimisch war, suchte ihren Platz auf, blickte aber wie schützend zu mir hin. Angst, Befangenheit, die vielen fremden Gesichter, die dumpfe Luft in der Stube, die niedrige Decke, zu der ich fortwährend ängstlich hinaufsah, das alles und wahrscheinlich noch die Nachwirkung des Schreckens durch den wütenden Hund, schnürten mir die Kehle zu, und ich wußte nichts Besseres anzufangen, als plötzlich heftig und bitterlich zu weinen. Ich schämte mich und machte mir im stillen Vorwürfe, allein ich konnte mich nicht beherrschen. Reb Leser suchte mich zu beruhigen, indem er mir versprach, daß heute noch nicht mit dem Unterricht begonnen wurde. Ich könne mit den Schülerinnen in der Ruhepause spielen. Aber je mehr er mir zusprach, desto reichlicher flossen meine Tränen. Der Rebbe erriet endlich, daß es die vielen neugierigen Augen waren, die mich schreckten, und er stampfte mit seinen großen Füßen auf, daß alles erbebte und er schrie: »Hinaus, auf die Gasse, Schickses![N] Was gafft Ihr, habt Ihr so etwas noch nicht gesehen?« Auf diesen Befehl zerstoben sie nach allen Richtungen und nahmen schließlich ihre Spiele auf der Prisbe auf. Ich ward ruhiger, wagte aber nicht, mich von der Stelle zu rühren. Meine Schwester nahm einen Absatz mit dem Rebben durch, wiederholte ihn mit dem Ober-Behelfer und wollte dann auch zum Spiel hinausgehen und mich mitnehmen. Ich aber ließ mich dazu nicht bereden. Nach einer Weile hörte ich, daß unser ritterlicher Begleiter Welwel vermißt und mit Ungeduld erwartet wurde, da er für fast alle Schülerinnen das Mittagessen holte. Ich war zu sehr mit mir und der neuen Sphäre beschäftigt und hatte gar nicht daran gedacht, wo und wann wir zu Mittag essen würden. Der sehnlichst Erwartete kam endlich und ein seltenes Bild bot sich mir: Welwel trug Krüge, Töpfe, Schüsselchen, Gläser, Löffel verschiedener Gattungen und Größen, Brot und Speisen in folgender Anordnung: die Töpfe und Krüge waren an seinem langen breiten Gürtel, fest um den Leib gebunden und reichten bis weit über die Hüfte. Das Brot plazierte der erfinderische Bocher auf der Brust zwischen dem Hemd und dem Kaftan, die gefüllten Schüsselchen hatte er übereinander gestellt, drückte sie auf dem Arm gegen die Brust recht fest und hielt sie mit der anderen freien Hand. Das Dessert, das aus Nüssen, Äpfeln, gekochten Bohnen und Erbsen bestand, verwahrte er in seinen langen Diebstaschen. So ausgerüstet, bewegte sich »das Schiff der Stadt« langsam seinem Ziele, dem Cheder, entgegen. Es war ihm tatsächlich nicht möglich, sich irgendwo hinzusetzen.

Endlich war er da! Der Rebbe schalt ihn wegen seiner Saumseligkeit, worauf er klagend erzählte, wo und wie lange er auf das Essen hatte warten müssen. »Gib geschwind die zinnernen Schüsseln und die Blechlöffel her«, befahl nun der Rebbe und schleunigst wurde der Befehl ausgeführt. Der Rebbe schüttete unser Mittagsessen in eine Schüssel, und ich bekam einen Blechlöffel, der am Ende des Stieles ein kleines Loch hatte, was bedeuten sollte, daß er »milchig« war, d. h. nur für Milchspeisen gebraucht werden durfte. Ich drehte den Löffel mehrere Male in den Händen hin und her und konnte mich nicht entschließen, damit aus der Schüssel zu schöpfen. Ich dachte bei mir: Wie, nicht aus meinem weißen Porzellanteller und mit diesem blechernen Löffel soll ich essen? Wieder kamen mir die Tränen in die Augen, und der Hals war mir wie zugeschnürt. Der Rebbe sah mich verwundert an und konnte sich diesmal den Grund meiner Tränen nicht erklären! Meine Schwester aber war praktischer als ich (und diesen Vorzug mir gegenüber behielt sie durch das ganze Leben). Sie griff tüchtig zu, führte einen Löffel nach dem andern zum Mund und ließ sichs gut schmecken. Als sie einigermaßen satt war, fragte sie mich verwundert, warum ich nicht esse. Ich blieb ihr die Antwort schuldig, denn ich fühlte, daß mir bei den ersten Worten die Tränen noch wilder aus den Augen stürzen mußten. Ich bezwang mich aber und schöpfte einen Löffel voll, dessen Inhalt ich zusammen mit meinen Tränen verschluckte. Nach beendeter Mahlzeit hob mich der Rebbe von der Bank, und ich begann, wiewohl der Verlauf des Mittagessens mich gekränkt hatte, in meinem kindlichen Sinn alle Vorzüge des Essens im Cheder, im Vergleich zu dem Mittagbrot zu Hause, herauszusuchen. Hier durften wir während der Mahlzeit nach Belieben sprechen und trinken, was zu Hause erst nach dem Braten gestattet war. Hier durften wir uns vom Tisch erheben, wann wir wollten, zu Hause erst, nachdem der Vater aufgestanden war. Als ich nach dem Essen wieder trinken wollte, machte man mich auf den großen Holzschöpfer auf dem Wasserfaß aufmerksam, den ich benutzen sollte. Dann nahm mich meine Schwester an der einen Hand, eine Schülerin an der zweiten und in ihrer Mitte erschien ich endlich auf der Gasse und beteiligte mich an den Spielen. Das dauerte bis sieben Uhr abends. Da wurden wir in das Cheder-Lokal zusammenberufen, um das Abendgebet zu verrichten. Der Behelfer stand in der Mitte. Wir um ihn geschart. Unsere Augen auf ihn gerichtet, sagten wir ihm jedes vorgesprochene Wort nach, dann ging es rasch nach Hause.

Ich kehrte von den Erlebnissen des Tages so abgespannt heim, daß ich meiner Njanja nur wenig erzählen konnte. Ich trank meinen Tee und schlief ohne Abendbrot ein. Doch erwachte ich am nächsten Morgen mit einer gewissen Ungeduld und voll des lebhaften Verlangens, daß der Cheder-Behelfer möglichst rasch kommen möge, damit ich nur die Gesichter, die mir gestern noch so peinlich waren, wiedersehen könnte. Aber noch mehr sehnte ich mich danach, die unterbrochenen Spiele fortzusetzen. Welwel, der tapfere Wegweiser, erschien auch pünktlich, und wir kamen diesmal ohne Zwischenfall in den Cheder.

Und nun benahm ich mich auch schon anders.

Ich lernte zum erstenmal mit meinem Rebben, später spielte ich mit den anderen Schülerinnen. Es verging kaum eine Woche, da fühlte ich mich schon sehr behaglich und kannte jeden Schlupfwinkel in der Schule.

Außer der langen, schmalen Lehrstube gab es noch ein langes, finsteres Durchgangsloch, — jede andere Bezeichnung dafür wäre unrichtig — in welchem sich das Bettgestell des Rabbi und das seiner Rebbezin befanden. Vor den Betten hing auf zwei dicken Stricken, die über einen Balken gespannt waren, die Wiege, in der ihr einziges Töchterchen Altinke lag; jeder, der nach dem dritten Raum wollte, stieß unvermeidlich gegen diese Wiege, die dann noch lange in Bewegung blieb. Dieser Raum, ebenso die Bett- und Wiegenwäsche waren keineswegs sauber zu nennen. Aber man muß mit allem zufrieden sein, heißt es, und die Bewohner dieser verfallenen Hütte waren es im vollsten Sinne des Wortes. Sie verlangten nicht mehr. Ihre einzige Sorge war nur, daß ihre »Altinke« (wiewohl schon 2 Jahre alt, konnte das Kind noch nicht aufrecht stehen) als die einzige von vier Kindern am Leben blieb. Man behütete und pflegte sie und schützte sie wie den Augapfel. Am Halse trug es verschiedene Amulette: Ein M'susele[O] und ein Heele (auch eine Art von Amulett, welches aus Blei gegossen, mit einer mystischen Aufschrift versehen war). Das Bändchen, an dem diese Dinge und auch ein Wolfszahn hingen, klebte infolge der beständigen Nässe vom Mundspeichel und des Schmutzes an dem wattierten Leibchen des Kindes. Dieses kleine, unglückliche Geschöpf lag meist in der Wiege, da Feige, so hieß die Rebbezin, allerlei Geschäfte auf eigene Faust führen mußte, wie Honigkuchen mit warmem Kraut backen, Erbsen und Bohnen kochen, Leckerbissen, die ihr die Schülerinnen täglich abkauften. Besonders waren es die Gluckhenne mit ihren Küchlein, die ihr viel zu schaffen machten. Freilich blieb bei dieser Arbeit wenig Zeit, das Kind auf dem Arm herumzutragen. Täglich wählte sie eine andere der Schülerinnen, die ihr in allen häuslichen Angelegenheiten behilflich war; so entdeckte sie auch in mir eine gehorsame, willige Helferin. Bald wiegte ich ihr Kind (was ich übrigens mit großem Vergnügen tat), bald half ich ihr, den Spaten mit Mehl zu bestreuen, wenn sie das Brot in den Ofen schieben mußte; bald sah ich unter die Siebe nach frisch gelegten Eiern (mit denen ich mir, wenn sie noch ganz warm waren, gern über die Augen strich).

Die Gestalt der Rebbezin erinnerte an eine Hopfenstange; sie hatte ungewöhnlich lange Arme, einen langen, dünnen Hals, der einen Pferdekopf trug, kleine, umherirrende Augen, knochige Wangen und blaue, dünne Lippen, die sich seit der Kindheit wohl nicht mehr zu einem Lächeln verzogen hatten. Die lange Habichtsnase verdeckte zur Hälfte den Mund und gab dem Gesicht den Ausdruck eines Raubvogels. Die langen Pferdezähne und vor allem die Zahnlücken bewirkten, daß die Worte aus ihrem Munde nicht sehr schön klangen. Aber das hinderte sie weiter nicht, ihre ganze Umgebung vom frühen Morgen bis zum späten Abend von dem Vorhandensein ihres ungeschwächten Sprechorgans zu überzeugen. Auch ich sollte bald erfahren, daß mit der Rebbezin nicht zu spaßen war, und ein Handgriff von ihr nicht auf ein sehr sanftes Wesen schließen ließ. Mein Kätzchen hatte ich zu Hause lassen müssen, ich verschmerzte es zu Beginn, weil ich an den Hühnern der Rebbezin Ersatz fand. Ich ging oft zum Pripoczok (Ofen, unterer Teil), zur brütenden Henne und sah zu, wie sie mit ausgebreiteten Flügeln behutsam auf den Eiern saß. Ihr Auge drückte während dieser Zeit fast eine menschliche Zärtlichkeit aus. Das Tier saß geduldig ohne Nahrung und wartete, bis man sie herunternahm und sie fütterte. So geschah es einmal, daß ich mich zur Gluckhenne beugte, um sie wegzutragen und zu füttern. Die Rebbezin erblickte mich dabei von ihrem Sitz aus und erschrak über die Möglichkeit, daß ich die Henne aufscheuchen und daß sie am Ende wegfliegen könnte. Die Eier würden kalt und nicht mehr ausgebrütet werden können. Behende sprang Feige zu mir, erfaßte mich etwas unsanft an der Schulter und schrie aus Leibeskräften: »Was tust du? Was willst do hoben? Meschuggene, a weg!« (fort von hier). Ich sah zu der vor Zorn keuchenden Rebbezin auf. Die Henne entriß sich tatsächlich meinen Händen und wandte ihren raschen Flug nach der Richtung, wo Reb Leser thronte; daneben befand sich im Winkel ein dreieckiges Fächerchen, darauf ließ sich die Henne nieder, sah mit lautem Gegacker umher, als gefiele es ihr hier, begab sich hierauf auf Reb Lesers Kopf, duckte sich nieder und ließ ein Andenken an ihren kurzen Aufenthalt zurück; dann flog sie, mit den Flügeln schlagend, auf das Fach, wo die Zinnteller und Schüsseln standen, warf alles um, was natürlich viel Lärm machte und suchte ihr Loch unter dem Pripoczok auf, wo sie sich endlich beruhigte. Dagegen konnte sich Reb Leser nicht so bald beruhigen, der, als die um den Tisch sitzenden Schüler mit lautem Lachen nach seinem Kopf zeigten, nach seiner Kopfbedeckung faßte, und da er voll Wut das hinterlassene Andenken wegwischen mußte, schalt und fluchte er mit lauter Stimme. Seiner Ehehälfte schwur er hoch und teuer, er werde alle ihre Hühner schlachten. Das sollte sogar schon morgen geschehen. Aber unsere unerschrockene Rebbezin dachte anders darüber und verteidigte bei offener Tür ihre Schützlinge. Sie brachte Argumente vor, die mich als die Hauptschuldige an dem Unfall erkennen ließen. Schließlich meinte sie, ihr Mann hätte überhaupt kein Recht, die Hühner zum Tode zu verurteilen. Ihre glänzende Verteidigungsrede war wohl hinreichend energisch gewesen, da Reb Leser den kürzeren zog und zum Schweigen gebracht wurde. So verwandelte er das Todesurteil in eine Begnadigung. Diese Begebenheit gab viel Stoff zu Gesprächen im Cheder und im sogenannten »Schmolen Gässel« (schmalen Gäßchen). Es hatten sich viele Zuschauer eingefunden, die zu den Fenstern hineinsahen und beinahe in den Kampf mit hineingezogen wurden. Diesen Abend hatte ich meiner Njanja viel zu erzählen....

Wenn Reb Leser schließlich die Bemerkungen seiner Frau unbeantwortet gelassen hatte, so tat er es mit dem Selbstbewußtsein eines Mannes, dessen Würde trotz alledem unbestreitbar war. Er hatte auch allen Grund dazu, denn er war nicht nur in seinem Hause, in der Schulgasse und im schmolen Gässel, sondern auch weiterhin auf der Insel Kempe, jenseits des Teiches, sehr populär! Zu Reb Leser, dem Melamed, kam man, wenn ein Kind erkrankte, fieberte. Er verstand zu heilen und ein »Ajin hora« (böses Auge, Blick) zu besprechen. Er nahm zu diesem Zwecke ein Kleidungsstück des »Befallenen«, etwa ein Strümpfchen oder ein Leibchen, flüsterte einen geheimnisvollen Spruch und spuckte dreimal darauf. Das genügte, um das Kind genesen zu machen, ohne daß er es persönlich gesehen hätte. Dem Überbringer wurden die Gegenstände mit den Worten zurückgegeben: »Es wird schon gesund werden.« Hatte jemand Zahnschmerzen, so stellte ihn Reb Leser bei Mondenschein Punkt zwölf Uhr nachts gegen den Mond und streichelte ihm bald die rechte, bald die linke Backe, wobei er mystische Worte murmelte. Und Reb Leser war dann sicher, daß der Schmerz aufhören würde — eventuell freilich erst nach langer Zeit oder nachdem der Zahn gezogen war. Wer an heftigen Rückenschmerzen litt, mußte sich auf der Diele hinstrecken; Reb Leser, der B'hor (Erstgeborene), stellte sich mit einem Fuß auf den Rücken des Kranken für einen Augenblick und der Kranke war genesen!

Wollte jemand eine Kuh kaufen, so war er fest überzeugt, daß sie viel Milch geben würde, wenn Reb Leser den Kaufpreis zum Scheine nach längerem Feilschen festgesetzt hatte. Ein Wort von Reb Lesers Lippen vermochte vieles zu bewirken.

Das waren die kleinen Quellen seines Einkommens; dagegen brachte ihm das Schadchengeschäft viel mehr Geld ein. Diese Tätigkeit warf ihm beinahe so viel ab wie seine Schule und hatte dabei auch den Vorzug, daß sie gewöhnlich bei einem Gläschen Schnaps vor sich ging. Je nach dem Gelingen einer Partie mehrten sich seine Freunde und — Feinde. Von den letzteren gab es mehr!.. Reb Leser ließ sich darob keine grauen Haare wachsen. Ihm galten alle Partien gleich gut. Er betrieb dieses Geschäft in seinen Mußestunden zwischen Minche und Marew am Sonnabend Abend, da der Jude von damals, nachdem er vierundzwanzig Stunden geruht hatte, in der richtigen Stimmung war, von derartigen Dingen zu sprechen. Es war vielleicht gut, daß Reb Leser so wenig Zeit auf diese Sache verwenden konnte....

Der denkwürdige Vorfall mit der Henne war hinreichend, mir das Innere des Cheders zu verleiden und mich stärker für die Spiele draußen zu interessieren. Ich erreichte in manchem eine große Fertigkeit — so im Zeichenspiel, wobei man sich einer Art aus Knochen primitiv gefertigter Würfel bediente; im Nüsse-Spiel und im Stecknadelspiel paar und unpaar. Eine meiner Freundinnen war im Stecknadelspiel sehr geschickt und erregte meinen Neid: sie konnte eine Menge von Stecknadeln unterhalb der Zunge im Munde halten und dabei ungehindert sprechen.

Es wurde so viel gespielt, daß wir Kinder gar oft den eigentlichen Zweck unseres Schulbesuches vergaßen.

Ich machte mich bald mit der ganzen Umgebung des Chederlokals vertraut und stand mit der Nachbarschaft auf gutem Fuß. Mein besonderer Liebling war der kleine Schulklopfer, ein mageres, gebeugtes Männchen mit einem grüngelben Ziegengesicht und blöden Ziegenaugen, die den Zug des Gequälten hatten. Sein ganzes Leben schien er an Keuchhusten zu leiden. Wenn wir Kinder ihn in der Gasse erblickten, liefen wir ihm entgegen und schrieen übermütig: »In schaul! In schaul!« und begleiteten ihn eine Strecke. Er erschien nämlich vor dem Morgen- und Abendgebet in der Schulgasse und rief, mit seiner ganzen noch übrig gebliebenen Lungenkraft schreiend: »In schaul! In schaul!«, die Gemeinde zusammen. Dann stemmte er die Hände in die Seiten und konnte lange vor Husten nicht zu Atem kommen. Übrigens hatte er noch eine andere Beschäftigung; an jedem Freitag lief er kurz vor Beginn des Sabbathfestes zu den jüdischen Krämern und ermahnte sie, die Läden rasch zu schließen. Und vor Neujahr weckte er mit Tagesanbruch die Gemeinde zu Sliches (Frühgebet während der ganzen Woche vor dem Neujahrsfest).

Der kleine, niedere Cheder-Raum konnte alle Schülerinnen nicht fassen und draußen vor der Tür verjagte uns oft die sengende Sonnenglut; so mußten wir uns mit unseren Würfel- und Nüssespielen in eines der vielen Vorhäuschen in der gegenüber dem Cheder befindlichen großen Synagoge flüchten, wo es immer kühl und geräumig war. Ich entsinne mich, daß ich nie weiter als ins Vorhaus zu gehen wagte und welchen gewaltigen Eindruck ich hatte, als mich die Gespielinnen einmal zwangen, die Abteilung zu betreten, in der die Männer zu beten pflegten. Der große Raum mit den vielen Bänken und Tischen war imposant. In der Mitte der Synagoge befand sich ein viereckiger erhöhter Platz, der von einem niederen, geschnitzten Geländer umgeben war; auf dieser Erhöhung stand ein schmaler, hoher Tisch, auf dem die Thorarollen beim »Leienen« lagen. Im Hintergrund war eine hohe Pforte, deren zwei Türen zum Oren-hakodesch führten. Diese heilige Lade war mit einem roten Sammetvorhang verhängt, in dessen Mitte das Mogendavidzeichen eingewirkt war. Zu beiden Seiten dieses jüdischen Paniers standen in Lebensgröße zwei Löwen aus Bronzemetall in aufrechter Stellung, wie Wache haltend. An der östlichen Wand, der Misrachwand, waren die Ehrenplätze für die ältesten und angesehensten Juden der Stadt Brest. Dort befand sich auch die »Matan b'sseisser Puschke«, d.h. die Büchse der geheimen Gaben. Wenn jemand ein Lieblingswunsch in Erfüllung gegangen oder ein besonderes Glück widerfahren war, wovon er zu niemand sprechen mochte, spendete er ganz im geheimen etwas in diese Büchse. Außen war nur ein kleiner Spalt in einer Nische der Mauer zu sehen. In diese Öffnung warfen die Spender ihre geheime Gabe, nicht ohne sich vorher ängstlich zu vergewissern, daß auch niemand sie beobachte. Von der himmelblau mit silbernen Sternen bemalten Decke der Synagoge hingen an Ketten zahlreiche Leuchter herab. All diese seltsame Pracht erfüllte das Kindergemüt mit Ehrfurcht und Scheu.

Meine Begleiterinnen erzählten mir, geheimnisvoll flüsternd, daß sich hinter den hohen Türen des Oron hakodesch ein Schrank mit vielen Sefer thaures (heilige Rollen) befinde und daß von da ein unterirdischer Gang nach Jerusalem führe. Freitag Abend versammeln sich die vom Gehinom (Hölle) befreiten R'schoim (Sünder), um allerlei Schabernack zu treiben. Noch andere, ähnliche Märchen erhöhten meine angstvolle Scheu. Ganz besonders wirkte auf mich das Märchen vom »lehmenen Goilem« (Ton-Figur) ein: auf dem Oren kaudesch in der Synagoge da liegt eine große Figur aus Ton, die einst alle Handlungen eines lebenden Menschen verrichten konnte. Die alten Kabbalisten bedienten sich solcher Tonfiguren, die sie mit Amuletten, Hieroglyphen und sonstigen, niemand bekannten Zeichen versahen und flüsterten den Lehmfiguren Zauberformeln ins Ohr, daß sie anfingen sich zu regen und allerhand Dienste leisten konnten wie ein Mensch. Alles, was diese Figur tun sollte, mußte man ihr bis ins einzelne genau und bestimmt angeben, z.B.: »Geh zur Tür, ergreife die Klinke, drücke sie nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, geh in das Haus in jener Straße, drücke die Klinke nieder, mach die Tür auf, mach sie zu, begib dich ins erste Zimmer, geh an den Tisch, an dem mein Freund sitzt, sag ihm, er soll heute mit dem Buch zu mir kommen.« Auch der Rückweg mußte der Figur Schritt für Schritt genau beschrieben werden, sonst war der Goilem (die Tonfigur) imstande, das ganze Haus, in dem der Freund wohnte, auf seinen Schultern zu bringen. Er war eben ein Trottel; und noch heute ist im jüdischen Volke die Bezeichnung: »Du bist ein lehmener Goilem« ein Schimpfwort.

Ein einziges Mal wagte ich es noch, allein den großen Raum zu betreten, aber ich lief, von einem unheimlichen Schauer erfaßt, weinend und schreiend fort, und Reb Leser verbot mir, ohne Begleitung wieder hinzugehen.

Ich sehe noch jetzt im Geiste den schönen, majestätischen Bau im altmaurischen Stil mit dem runden Glasturm, durch dessen Scheiben das Tageslicht fiel und das Innere der Synagoge erhellte.

Als die Stadt Brest demoliert und 1836 zu einer Festung umgewandelt wurde, mußte auch die Synagoge niedergerissen werden und der Grundstein, den man fand, wies auf frühere Jahrhunderte zurück, auf die Tage Saul Wahls, der für eine Nacht von den streitenden polnischen Parteien zum König gewählt worden war. Wahl hatte die Synagoge zum Andenken an seine verstorbene Frau Deborah erbaut.


II. Teil.

Dem Rosch-Chodesch (Neumond) Sivan (etwa Mai) folgte sechs Tage später das Schewuaus-Fest (Pfingsten), das schöne und angenehme Fest, von dem die Juden sagen, daß man alles und überall essen darf, während man am Osterfest nicht alles und am Laubhüttenfest nicht überall, d. h. nur in der Laube essen soll. Daher dauert Sch'wuaus nur zwei Tage....

Auch für dieses Fest wurden natürlich in unserem Hause mancherlei Vorbereitungen getroffen. Uns Kindern wurde im Cheder die Bedeutung des Festes erklärt als Gedenkfeier an den Tag, an dem Moses auf dem Berge Sinai die heiligen Gesetzestafeln empfangen hatte. Drei Tage vor Pfingsten (Schlauscho jemei hagbole wird diese Periode genannt), endet die Trauer der Sfirezeit und die Freude lebt wieder auf. Man sucht sich für die sechswöchentlichen Entsagungen schadlos zu halten. Die Kinder blieben nur einen halben Tag im Cheder und tummelten sich ungebunden im Freien und im Hause herum. Und in den Häusern wurde wieder gebraten und gebacken, namentlich viel Butterkuchen! An diesen Festtagen ißt man hauptsächlich Milch- und Buttergerichte. Die traditionellen Käse-Blintschki mit saurer Sahne, eine Art Flinsen, dürfen nicht fehlen. Am Erew-Jomtow, am Vorabend des Festes, gab es wieder viel eilige Arbeit im Hause. Alle Zimmer wurden mit Grün geschmückt und festlich beleuchtet: Wir Kinder wurden festlich gekleidet und der Tisch zum Abendessen gedeckt; die Fenster der mit Kerzen erleuchteten Räume standen weit offen, und die warme, frische Frühlingsluft strömte herein, ohne die Flammen der vielen Kerzen auch nur leise zu bewegen. Sie brannten ruhig und feierlich.

Die Männer kamen vom Bethaus zurück und man begab sich zu Tische. Schon nach dem ersten Gang wurde ein Abschnitt aus dem Tiken-Schwuaus-Gesetze von den Männern vorgelesen und nach dem zweiten Gericht wieder ein Abschnitt. Nach dem Essen zogen sich meine Schwäger mit ihrem Melamed in ihr Studierzimmer zurück, um dort bis zum frühen Morgen den Tiken-Schwuaus zu Ende zu lesen. Mein älterer Schwager unterzog sich ohne Murren diesem Gebot. Aber der jüngere hätte wahrscheinlich eine andere Beschäftigung vorgezogen. Aber es half nichts, die Disziplin und die religiöse Tendenz unseres Hauses galten mehr als persönliche Wünsche und Neigungen. Auch dann noch, als der Geist Lilienthals in den Köpfen der jungen Leute schon schwirrte.

Am frühen Morgen ging es in die Synagoge, wo ein Festgottesdienst abgehalten, die Akdamess (Anfänge) gesagt, die M'gile (Ruth) vorgelesen wurde, was oft bis 12 Uhr Mittags währte. Im Hause herrschte frohe Laune: man trank vortrefflich duftenden Kaffee und aß Butterkuchen und Blintschikes und ging hierauf im Freien spazieren.

Bald kam auch der Sommer mit seinen Herrlichkeiten, die wir Kinder nach Herzenslust genossen. Die Zeit von Pfingsten bis zum siebzehnten Tag im Tamus (Monat Juli) war für den Juden der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die genußreichste und schönste des ganzen Sommers. Aber zu lang darf die Reihe von schönen Tagen für ihn nicht sein, sonst könnte er in seinem Übermut Gott vergessen und darum, glaube ich, ist ihm nach einer kurzen Erholungszeit immer wieder ein Fasttag auferlegt. Und so ist schon der Schiwo osser betamus (siebzehnte Tag im Tamus) ein Fasttag, dem die sogenannten drei Wochen folgen, die mit einem Trauertag, dem neunten Tag des Monats Ab (Tischeb'aw) endigen. Und wieder ist es untersagt, Vergnügungen nachzugehen, Hochzeit zu halten, im Flusse zu baden, Schmuck zu tragen und in den letzten neun Tagen darf man auch kein Fleisch genießen; am neunten Tage, am Erew-Tischeb'aw, wird in der Synagoge und im Hause eine Trauergedenkfeier an die Zerstörung Jerusalems abgehalten. Am Freitag vor Schabbes-chason (Sonnabend vor Tischeb'aw) erschien einmal unsere Mutter, während wir am Frühstückstisch saßen, erregt und ernst, in der einen Hand ein mit einer schwarzen Masse gefülltes Holzgefäß, in der andern Hand einen Pinsel haltend. Wir waren gespannt, was die Mutter damit beginnen wollte. Sie stieg auf das Sopha und machte mit dem Pinsel auf die schöne rote Tapete einen viereckigen, schwarzen Fleck. Auf unsere Frage, was dies zu bedeuten habe, erhielten wir zur Antwort, dieser Fleck, den sie seicher l'churben nannte, soll uns erinnern, daß wir Juden im Golus, d. h. unterjocht sind. Ich entsinne mich noch, wie mein Vater und die jungen Männer am Erew-Tischeb'aw, d. h. am Vorabend des neunten Tages im Monat Ab die Schuhe ablegten und auf niederen Schemeln Platz nahmen. Der Bediente stellte eine niedrige Holzbank vor sie hin und setzte darauf das Fasten-Abendbrot, das aus hartgesottenen Eiern bestand, die in Asche gewälzt und dann mit harten Kringeln gegessen wurden. Bewegt, mit dem Ausdruck aufrichtiger Trauer in den Zügen, saßen sie da, als hätten sie die Zerstörung des Tempels zu Jerusalem selbst miterlebt, mit eigenen Augen seinen Glanz, seine Größe untergehen sehen. So gegenwärtig war ihnen die Vergangenheit, so tief empfindet der fromme Jude noch heute den Schmerz um den Verlust der alten Heimat. Dann gingen die Männer in Strümpfen ohne Stiefel in die Synagoge. Meine Mutter blieb mit den älteren Schwestern zu Hause. Es wurden mehrere Fußbänke in ein Zimmer gebracht und Kerzen auf niedrige Tische und Stühle gestellt. Wir alle setzten uns um die Mutter herum auf die Fußbänke und nun begann man mit der Verlesung der »Zerstörung von Jerusalem«. Die Mutter weinte und wir Kinder weinten leise mit. Dann wurde noch die M'gile Echo — die Klagelieder — vorgelesen und unsere Tränen flossen reichlich. Die Buben freilich hatten ihr eigenes Treiben.

Runde, grüne Kletten, wie kleine Kartoffeln, mit Stacheln wie Stecknadeln bewachsen, die an jeden Gegenstand sich anheften, pflegten die »kundesim« (Gassenjungen) am »erew tischeb'aw« den ernst trauernden, alten Männern in die Haare und an die Strümpfe zu werfen, um diese zu ärgern.

Am folgenden Tage herrschte noch tiefe Trauer und die schwere Stimmung lag noch auf allen. Des Morgens durften wir uns nicht einmal waschen; auch wir Kinder fasteten manchmal etliche Stunden und die Eltern lobten unsere Standhaftigkeit. Mit desto größerem Appetit fielen wir über das Essen her, als der halbe Tag vergangen war. Im Hause begann es auch wieder lebhafter zu werden, man räumte die Zimmer auf und in der Küche regte sich's wieder. Wir Kinder nahmen Spiel und Vergnügen auf. Eines dieser Spiele an einem Tischeb'aw blieb mir besonders in Erinnerung: Mein Bruder hatte schon einige Tage vorher mit einem Freunde gleichen Alters, dem jetzigen Doktor H. S. Neumark, verabredet, daß er an diesem Tage einige hundert Knaben aus der Stadt Chedunim zu meinem Bruder nach der Vorstadt Zamuchawicz bringen solle, mit denen die beiden diesen Tag entsprechend und würdig verbringen wollten. Sie beabsichtigten nämlich, zur Erinnerung an jene Schlacht, die vor ungefähr 2000 Jahren bei der Zerstörung des Tempels zu Jerusalem stattgefunden, einen Kampf zu veranstalten. Die Jungen mußten ihre rotgefärbten Holzschwerter, wie sie an diesem Tage jeder jüdische Knabe besaß, mitbringen. Als Waffen dienten auch Pfeil und Bogen, ein Knüttel, selbst eine Bauernpeitsche. Doch galt hier hauptsächlich die persönliche Tapferkeit mit der Faust. Mein Bruder und sein Freund wählten einen freien Platz, neben unserem Hause, auf dem die Schlacht stattfinden sollte. Die »Soldaten« kamen einzeln und in Scharen. Die Kampflustigen waren verschieden an Größe, Alter und Stand; doch wurden in diesem Heer derartige Kleinigkeiten nicht beachtet! Es wurden Generäle, Oberste und Offiziere eingesetzt, und die anderen bildeten sodann die Mannschaft — das Fußvolk; mein Bruder und sein Freund wurden zu Königen ernannt. Die Generäle erhielten Sternchen aus Papier und Eichenlaubblättern; über die Schulter quer fielen Schärpen aus blauem, rotem oder weißem Glanzpapier. Die Dreispitzhüte wurden aus dunkelblauem Zuckerhutpapier hergestellt, die von den Knaben Krepchen (Kreplach) genannt und mit Büschen aus Hahnenfedern geschmückt wurden. Der Oberste trug als Abzeichen Schnüre aus roten Beeren um die Schulter, und den Offizieren steckte man als Kokarde eine große, gelbe Kamille an den Schirm der Mütze. Die ganze Armee wurde in zwei gleiche Abteilungen geteilt und jeder König übernahm sein Heer und stellte die Soldaten in Reih' und Glied auf. Die Kleidung der Könige unterschied sich in auffälliger Weise von der der anderen Krieger; der eine König hatte ein grosses Handtuch, der zweite ein Laken quer über der Brust und beide trugen zahllose Orden, die auf dem Felde und auf den Wiesen gepflückt waren: Sonnenblumen, weiße, gelbe und rote Blüten in allen Größen. Und um die königlichen Häupter waren große Kränze aus Hanfzweigen gewunden. Zwischen beiden Armeen wurde ein Kordon gezogen, und nun sollte das Zeichen zum Angriff gegeben werden. Doch wer sollte mit dem Angriff beginnen? So schrie man denn von der einen Seite herüber: »Scheli, scheli, scheloch!« (Schick' Dein Volk heraus!) Darauf erwiderte man: »Mein Volk ist krank.« Nun näherte sich aus diesem Heere ein Krieger dem König des ersten Heeres, ergriff dessen Hand und sagte, den Zeigefinger erhebend: »Der Malach (Engel) hat dir drei Plätze geschickt — siehst du Feuer? Siehst du Wasser? Siehst du den Himmel?« Der König mußte bei der letzten Frage zum Himmel hinaufsehen, indeß der Bote entfliehen und den Kordon überschreiten mußte, wenn er nicht gefangen genommen werden sollte. War es ihm aber geglückt, den Kordon rechtzeitig zu überschreiten, so hatte sein Volk den Vorzug, den Kampf zuerst beginnen zu dürfen. Nun fing man mit Schwert und Pfeil und Bogen an; da diese Waffen aber bei dem ersten Zusammenprall zerbrachen, waren die Soldaten auf ihre Fäuste angewiesen.

Eine Viertelstunde mochte der Kampf bereits gedauert haben, aber noch war der Sieg nicht entschieden. Das Heulen und Schreien jedoch wuchs entsetzlich an. Da schwenkte einer der Könige ein weißes Taschentuch auf einem weißen Stock und schrie laut: »Genug! Stillstehen! Nicht mehr schlagen!« Die zügellosen Jungen hörten aber nicht darauf und fuhren fort, die Schädel und Rücken der Schwächeren zu bearbeiten, bis sie durch Hiebe ermahnt werden mußten, das fast zum Ernst gewordene Spiel abzubrechen. Die meisten zogen mit Ehrenzeichen, wie blaugeschlagene Augen, blutende Nasen, verwundete Beine, vom Kriegsschauplatz ab. Die Könige trösteten die braven Helden, und wir Mädchen, die der Schlacht zusahen, brachten von Hause frisches Wasser, Handtücher, Tischtücher und erfüllten das Amt der barmherzigen Schwestern, indem wir den Verwundeten die blutenden Stellen wuschen und trockneten. Nachdem die Ruhe einigermaßen hergestellt war, fingen die Heerführer an, den Triumphzug vorzubereiten. Wir wurden aufs Neue ins Haus geschickt, um die nötigen Requisiten zu holen, wie ein großes Messingbecken, das Messingtablett des Samowars und einige Kupferkasserollen. Die Soldaten hatten mit Papier überzogene Kämme, die als Blasinstrumente verwendet werden sollten und hölzerne kleine Pfeifen. Die ganze Armee wurde wieder auf dem Platz gesammelt und geordnet. Zwar konnte sich mancher Soldat nur mit Mühe auf den Beinen halten, allein an dem feierlichen Akt, der nun folgen sollte, wollte jeder teilnehmen. Nun wählte man unter den Soldaten einige aus, welche die von uns zusammengetragenen Geräte als Musikinstrumente zu behandeln verstanden. Die Könige nahmen eine würdevolle Haltung an, als sie mit überlautem Hurrah! begrüßt wurden und mit ihren bekränzten Häuptern den Dank nickten. Der Zug setzte sich in Bewegung. Das Messingbecken, von einer mächtigen Faust geschlagen, machte betäubenden Lärm. Die beiden kräftig aneinandergeschlagenen Kasserollen dröhnten. Die schrillen Töne der Pfeifen klangen wie ein schwacher Protest gegen diesen Lärm und das Getute auf den mit Papier überzogenen Kämmen ergänzte diese seltsame Musik. Auch die Stimmen der Soldaten taten ihr Möglichstes: Sie sangen einen Zapfenstreichmarsch mit wilder Kraft. Unter diesen Musikklängen bewegte sich der Triumphzug langsam vorwärts. In der Haltung der Könige lag etwas Imposantes, das sie mit Recht zu Herrschern unter diesen Knaben machte. Wir Mädchen begleiteten den Zug mit Händeklatschen und waren von dem ganzen Schauspiel entzückt. Man marschierte an dem Garten entlang, bei unserem Hause vorbei. Dann lösten sich die Truppen auf, und ein jeder Krieger ging mit Stolz von dannen. Auch die Könige verabschiedeten sich mit huldreichen Worten, zufrieden mit dem Gelingen des Unternehmens, das lange das Gespräch in der ganzen Stadt bildete. Trotz der blutigen Köpfe freuten sich unsere Eltern über die Sitte der kriegerischen Spiele sehr.

Die jüdische Sitte hat, wie es scheint, das Bestreben, jeden Trauer- oder Fasttag durch einen darauffolgenden Freudentag auszugleichen. So folgt auf Tischeb'aw bald Schabbes-Nachmu, d. i. der trostreiche Sabbath: Gott tröstet sein Volk und verspricht ihm durch den Mund des Propheten die Wiederaufrichtung des Tempels, der sich noch herrlicher als zuvor erheben soll und verjüngt wird die Mutterstadt Jerusalem aus ihren Trümmern erstehen. An diese Verheißung glaubten meine Eltern unerschütterlich fest. Sie hatten noch ihre Illusionen und Hoffnungen, die sie vor Verzweiflung schützten und ihnen die Kraft verliehen, die Leiden der Gegenwart zu tragen. Gehörte doch zu jener Zeit ein Selbstmord unter den Juden zu den größten Seltenheiten, weil sie in dem Glauben an Gottes Wort und an das Jenseits Trost für alles irdische Leiden fanden. Dieser starke Glaube lebt auch in einem kleinen Liede, das uns unsere fromme, kluge, gütige Mutter lehrte.

Es lautete ungefähr:

Der Jude, der Jude, ein wunderbares Ding,
Betrachtet ihn mit Ehrfurcht, achtet ihn nicht gering!

Dem winzigsten Volke gehört er ja an,
Doch hüben und drüben man treffen ihn kann.

Steig' immer zur Höhe, du stoßest auf ihn,
Sinke nieder zur Tiefe, du wirst ihn nicht fliehn!

Schließ dich ein in Burgen, er bleibt Dir dennoch nah,
Verkrieche dich in Hütten, du findest ihn auch da!

Gefoltert, gemartert, gepeinigt aufs Blut,
Beharret im Glauben, verliert nicht seinen Mut!

Du glaubst ihn bezwungen zu Boden gestreckt,
Er richtet empor sich: Er ward nur erschreckt!

Eins aber sagt ihm immer sein Herz:
Was immer du auch leidest, Gott lohnet deinen Schmerz!

Ein ander Liedchen, das sie uns lehrte, ist eine Allegorie, ein Gemisch in polnischer und althebräischer Sprache. Nach der neuesten Meinung der jüdischen Forscher in Rußland haben die Juden in Rußland nur Russisch mit Hebräisch vermengt gesprochen, so auch in Polen. Diese Meinung stützt sich auf eine Menge Volkslieder, die in der neuesten Sammlung von Saul Günzburg in Petersburg herausgegeben wurden.

Immer kehrt derselbe Gedanke wieder; immer ist die allegorische Anspielung klar, daß die Juden für die Sünden ihrer Vorfahren leiden, aber von Gott die Verheißung erhalten haben, daß er sie wieder aufrichten wird. Meine Mutter sang diese Liedchen mit leuchtenden Augen und versicherte uns Kinder im seligsten Vertrauen, daß sich diese Verheißung auch gewiß einst erfüllen müsse. Erst im reiferen Alter begriff ich ihre Inbrunst beim Gebet, diese echte Religiosität und die aufrichtende Kraft eines reinen Gottesglaubens. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie mit geschlossenen Augen und herabhängenden Armen versonnen dastand, und wie sie, entrückt, allen kleinen, irdischen Dingen, das leise Gebet Schemoneessere betete. Die Lippen bewegten sich kaum, aber in ihren Zügen lag ihre betende Seele! Fromme Ergebung, das Bewußtsein der Sündhaftigkeit, ein Flehen auf Vergebung und Hoffnung auf die Gnade des Herrn.

Der Schabbes-Menachem brachte Frohsinn in das jüdische Leben, und man beeilte sich, die Entbehrungen der Trauerzeit, da Eheschließungen und sonstige Vergnügungen verboten waren, wettzumachen, und die Töchter oder die Söhne so rasch wie möglich in goldene Ketten zu legen! Lange durfte man nicht zögern, denn dem Monat der Fröhlichkeit folgte schon Rosch Chodesch Elul (Neumond September) und mit dem Wehen und Blasen der Herbstwinde und dem Fallen des gelb gewordenen Laubes begann auch die Zeit des Schofars, der den ganzen Monat hindurch täglich nach dem Frühmorgengebet geblasen wurde. Er rief wieder zur Selbsteinkehr und Sammlung, regte die Selbstanklage an, die Reue wegen der im ganzen Jahr begangenen Sünden. Fasten, Kasteiungen und die heißen Gebete zum Schöpfer sollten die Vergebung vorbereiten. Und viele fromme Werke wurden geübt. In den meisten jüdischen Häusern waren damals an irgendeiner Zimmerwand, meist in der Nähe der M'susaus im Eßzimmer, Sammelbüchsen aus Blech mit Deckelverschluß angebracht. Die eine dieser Büchsen hieß die »Erez Jisroel Puschke«. Die darin gesammelten Münzen waren für die talmudischen Schulen in Palästina und für alte Leute in Jerusalem bestimmt, die meist dorthin ausgewandert waren, um auf dem heiligen Boden zu sterben und in palästinensischer Erde begraben zu werden. Schrieb man doch dieser die Kraft zu, die in ihr ruhenden Toten vor der Verwesung zu bewahren, so daß sie sich bei der Ankunft des Messias in voller Frische aus ihren Gräbern erheben würden. Im Vertrauen auf die der palästinensischen Erde innewohnende Kraft ließen sich in Europa lebende fromme Juden Säckchen dieser Erde kommen, um sie in ihre Gräber streuen zu lassen. — Pflicht der jüdischen Gemeinden war es jedenfalls, diese in Jerusalem ihren Tod Erwartenden bis zum Ende ihres Lebens zu erhalten, und dazu diente noch der Inhalt dieser Büchse, der alljährlich von dem Erez-Israel-Meschulach (Bote) in Empfang genommen wurde. Dieser reiste im ganzen Lande umher und pflegte, wenn er nach Brest kam, bei uns zu logieren. Er war ein rüstiger Mann mit dunklem, sonnengebräuntem Gesicht und klugen Augen. Bei Tisch pflegte er uns viel von Palästina zu erzählen, und wir lauschten diesen fremdartigen Erzählungen wie einem Märchen.

Die zweite Büchse war die »Reb Meier Balhaness-(Wundertäter) Puschke«. Wenn jemand ein Unglück drohte, bei Krankheitsfällen oder sonstigen Gefahren, spendete man in diese Büchse eine Summe in Höhe von 18 Kopeken, 18 Rubeln oder 18 Dukaten, je nach Vermögen und Anlaß; jedenfalls mußte die Wertangabe der Zahl 18 entsprechen, weil diese in hebräischen Buchstaben das Wort chaj gleich Leben bedeutet.

Uns Kindern gingen die schweren Tage der Buße nicht sehr nah, im Gegenteil, wir freuten uns der schönen Herbstzeit mit dem reifen Obst, das wir in großen Mengen vertilgten. Eine Schürze voller Früchte bekamen wir für einen Kupfergroschen, den uns die Mutter an jedem Tag schenkte, und der junge Magen nahm die Gaben des Herbstes geduldig auf. Auch bei uns im Garten waren die Früchte gereift und harrten hier der pflückenden Hand, der naschenden Mäuler. Die Baumzweige hingen zum Brechen voll und das Gemüse stand hoch in prächtigen Farben. Der Kohl wurde reif. Meine älteste Schwester verstand es trefflich, aus dem Strunk ein wie aus Talg gerolltes Lichtchen herzustellen. Sie putzte den Strunk, rundete ihn ab und steckte einen etwas in Ruß geschwärzten Holzsplitter an die Spitze, so daß es wie ein Licht aussah. Spät vor Abend gab sie dieses Lichtchen zum Anzünden bald der Köchin, bald dem Diener. Der Holzsplitter fing für einen Moment zwar Feuer, verlosch jedoch bald, worüber die besagte Person sich ärgerte. Wir Kinder sahen von der Ferne zu, kicherten und freuten uns über den gelungenen Spaß. Das wurden nun unsere Freuden, denn wir konnten uns nicht mehr solange im Freien aufhalten, es war bereits empfindlich kühl. Die Tage wurden kürzer und trübe. Wir gingen nicht mehr so frühzeitig in den Cheder. Wir mußten oft im Chederraum spielen, weil uns häufig der Herbstregen von der Straße scheuchte.

Im Hause wurde es stiller und stiller, die Eltern und die erwachsenen Geschwister wurden immer ernster, je näher der Monat Elul seinem Ende kam. Die Sorgen der Slichauszeit nahten. Schon ehe der Tag graute, wurden die Bußgebete verrichtet. Die Gebete sind oft so umfangreich, daß man z. B. am letzten Tage vor Rausch-Haschone (Neujahr) schon um Mitternacht beginnen muß, um überhaupt zu Ende zu kommen. Dieses Gebet nennt sich Sechor bris.

Das Neujahrsfest selbst gilt zwar als sehr ernst und heilig, wird aber als freudiger Feiertag betrachtet. Bei uns wurden allerhand Fladen gebacken, Konfitüren in Honig und Zucker vorbereitet, das Weißbrot wurde in Form von Kringeln gebacken, was symbolisch das runde Jahr darstellen soll. Die Frauen hatten zumeist weiße Kleider, die nur am Neujahrsfest und am Versöhnungstage angelegt wurden. Am Vorabend wurden viele Kerzen angezündet, über die die Frauen den Segen sprachen; die Stimmung ist zwar eine festliche, aber noch immer liegt etwas Trauriges, ein gewisser Ernst über den Gemütern. Beim Abendgebet in der Synagoge wird viel geweint. Ich entsinne mich, daß unser guter Vater vom Weinen heiser nach Hause zu kommen pflegte. Doch gewann die Festtagsstimmung bald die Oberhand, und mein Vater gab uns frohgemut den Segen und machte Kidusch (Segnen des Weines) in freundlicher Stimmung. Wir alle schütteten uns zuerst reichlich Wasser über die Hände, trockneten sie sodann ab, setzten uns stumm zu Tische und beteten still mit, während der Vater über die beiden großen Brote, die vor ihm bedeckt lagen, einen Spruch sagte; er schnitt eines von ihnen in zwei Teile, von dem einen Teil schnitt er eine Scheibe, die er in Honig tauchte und murmelte leise ein Gebet. Ehe er den ersten Bissen gegessen hatte, durfte weder er, noch ein anderer bei Tische sprechen. Nun bekamen auch die Kinder die Mauzes (die ersten Bissen Brot) mit Honig und dann wurde das reiche Abendmahl genommen. Obgleich es erst um neun Uhr abends begann, ging man doch gleich darauf zur Ruhe, um am nächsten Tage in aller Frühe ins Bethaus gehen zu können. Ich erinnere mich nicht, die Mutter oder die anderen Synagogenbesucher an diesem Morgen je gesehen zu haben, wenn ich auch noch so früh aufstand. Alle waren bereits beim Beten und sie kehrten erst um ein oder zwei Uhr mittags heim, erschöpft, aber in gehobener Stimmung — das war die Wirkung der für diesen Tag bestimmten Gebete — die erhabene Piutim-Poesie, die philosophischen Betrachtungen über das irdische, vergängliche Leben, der Gerechtigkeit und der gnadenvollen Nachsicht unseres einzigen Gottes, »der auf seinem Richterstuhl sitzt«, wie es in den Sprüchen heißt, »und Gerechtigkeit übt«.

»Er öffnet dem das Tor, der daran mit aufrichtiger Reue pocht, der im Gericht seinen Zorn unterdrückt, mit Huld und Milde sich als Richter schmückt. Er, der Sühnung aller Schuld gewährt, der seine Huld lässet walten. Er zürnt nur kurze Zeit und ist groß an Langmut. Er ist gütig dem Bösen wie dem Guten. Er, der ausharrt, bis sich der Frevler fromm bekehrt.«

Mein Vater pflegte bei Tische mit den jungen Leuten diese Stellen des Gebetes singend zu wiederholen; und sie weinten dabei ...

Das Nachmittagsschläfchen am ersten Neujahrstag unterließ man, denn an diesem Feiertag sollte mehr gebetet als gegessen und geschlafen werden. Man ging zum sogenannten Taschlich, d. h. man begab sich zum Fluß, wo man ein kurzes Gebet verrichtete und die Sünden gleichsam von sich abschüttelte und ins Wasser warf. Dieser Gebrauch wurde von meinem Vater nicht ernst genommen und deshalb beteiligte er sich nicht daran. Vom Flusse begab man sich wieder in die Synagoge, wo das Vorabend- und Abendgebet verrichtet wurde. Zu Hause zündeten die Frauen wieder die Kerzen an, der Vater kam aus der Synagoge, erteilte uns wieder den Segen und machte über den Becher Wein Kidusch und Schechejone über eine Frucht (Segenspruch über eine Frucht, die man im Laufe des Sommers noch nicht gegessen hat). Meine Mutter kaufte gewöhnlich hierzu eine Wasser- oder Zuckermelone oder eine Ananas. (Diese Früchte waren in unserer Gegend sehr selten). Nach dem Abendbrot, das ebenfalls sehr früh genommen wurde, begaben sich alle zur Ruhe, um am nächsten Morgen frühzeitig in der Synagoge mit dem Beten beginnen zu können, das wieder bis nach ein Uhr währte. Der nächste Tag ist ein Fasttag, der Zaum Gdalja heißt. Alle fasteten. Niemand fiel es ein, zu murren und so quälte man sich auch den dritten Tag. Darauf folgten die zehn Bußtage (Asseres jemei Tschuwe), die zwischen Rosch-Haschono und Jom-Kippur (Versöhnungstag) fallen, und mit dem heiligen Versöhnungstag ihren Höhepunkt und ihr Ende erreichen.

Mit ehrfurchtsvollem Schauer gedenke ich noch heute des Erew-Jomkippur (des Vorabends des Versöhnungstages) in unserem väterlichen Hause, da unsere frommen Eltern alle Sorgen um die weltlichen Dinge vergaßen und nur im Gebete lebten. Schon als der Vortag dämmerte, rüstete man sich, um Kapores zu schlagen. Jeder Mann nahm einen Hahn, jedes Weib nahm eine Henne, man hielt dieselben bei den Füßen, man betete ein eigens dazu bestimmtes Gebet. Am Ende schwingt der Beter dreimal das Geflügel um seinen Kopf und wirft es dann von sich; dieses Geflügel wird geschlachtet und gegessen.

Auch die Herstellung des Jaum-Kippur-Lichtes war eine heilige Pflicht. Schon ganz früh am Erew-Jomkippur kam die alte Gabete Sara (Gabete nannte man alte Frauen, deren selbstgestellte Lebensaufgabe es ist, fromme Werke zu unternehmen für Kranke, Arme und eben Verstorbene) mit einem ganzen Packet Tchines — kleine Gebetbücher nur für Frauen in jüdisch-deutsch geschrieben — und einem ungeheuer großen Knäuel Dochtfaden und einem großen Stück Wachs. Meine Mutter pflegte vorher nichts zu essen, bis das Licht fertig war, denn mit nüchternem Magen ist jeder Mensch geneigter zu weinen, und sein Gemüt ist weicher. Meine Mutter und die obengenannte Sara fingen die Arbeit damit an, daß sie viele Tchines ans dem Packete unter heftigem Weinen sagten; dann erst nahm man den Knäuel Docht zur Hand, Sara legte ihn in ihre Schürze, stellte sich gegen die Mutter in einer Entfernung von einem Meter ungefähr, gab das Ende des Fadens vom Knäuel meiner Mutter und zog ihn auch zu sich. Nun fing meine Mutter mit weinender Stimme an, die Namen aller ihrer verstorbenen Familienmitglieder zu nennen und erinnerte dabei an ihre guten Taten, und für jeden wurde ein Faden vom Dochtfadenknäuel weiter gezogen, bis alle erwähnt waren und ein gehörig dicker Docht entstand. Auf solche Art wurde auch aller lebenden Familienmitglieder gedacht. Es war auch Sitte, wenn jemand sehr gefährlich krank wurde, den Friedhof mit dem Dochtfaden nach allen vier Enden abzumessen und dann diesen Faden zum Docht für Wachskerzen zum Jom-Kippur zu gebrauchen.

Den halben Tag verbrachte man noch munter, aber schon in feierlicher Stimmung; man aß nach Vorschrift viel Obst und betete hundert Broches (Segenssprüche). Dann ging es ans Baden und Waschen. Man kleidete sich in weiß, um gleichsam rein und würdig vor den ewigen Richter zu treten. Beim Vorabendgebet (Minche) muß man sich schon 35mal an die Brust schlagen, wobei die Tränen reichlich fließen. Die Männer ließen sich noch vom Synagogendiener die sogenannten Malkes auf den Rücken schlagen. Ich erinnere mich, daß sie alle mit rotgeweinten Augen aus der Synagoge kamen, und das rechtzeitig gerichtete Abendmahl wurde in stummer Feierlichkeit genommen. Die jungen Leute und wir Kinder waren erfüllt von einer bangen Erwartung; alle schwiegen unter dem Druck von etwas Unsagbarem und Schwerem. Beim Tischgebet rannen die Tränen, deren sich keiner erwehren konnte. Nach Tisch legten alle die Schuhe ab, und die Männer zogen ihre langen weißen Kittel über die Kleider. (Dieser weiße Kittel ist beim Juden das Totenhemd, in welchem er begraben wird.) Ein Silberstoffgürtel und ein Silberstoffkäppchen vervollständigten die Tracht, und nun ging man, einen Mantel um die Schulter, in die Synagoge; das drittemal an diesem Tage. Ehe man fort ging, segnete, der Vater jedes Kind und Enkelkind, selbst das kleinste, das noch in der Wiege lag, mit Worten voll Innigkeit und Inbrunst, und ihm, sowie den Kindern, denen er die Hände aufs Haupt legte, flossen die Tränen reichlich die Wangen herunter. Selbst das Dienstpersonal kam herbei und blieb an der Schwelle stehen — alle weinten und baten einander »Mauchel sein«, d. h. um Verzeihung. Auch meine Mutter bat mit bewegter Stimme um Nachsicht, wenn sie im Laufe des Jahres ihre Untergebenen beleidigt oder gekränkt haben sollte. Dieses Hervorsprudeln der edlen Gefühle adelte die Seelen und gab ihnen Weihe und Frieden. Und das Bewußtsein, daß Gott die Sünden vergeben werde, stärkte den Willen, nun ein neues, geläutertes Leben zu beginnen.

Alle Seelen der Großen, die sich in die Synagoge zu Kolnidre begaben, und der Kleinen, die zu Hause blieben, waren himmelwärts gerichtet. Der eine Gedanke hielt alle im Bann, dass an diesem Abend die große Abrechnung mit den sündigen Menschen beginne. In der Synagoge, die von vielen Kerzen hell erleuchtet war, bei dem feierlichen Kolnidregebet vor offenem Oren kodesch (heilige Bundeslade) mit den Seferthoras (heiligen Rollen) wurde mit tief bewegtem Herzen in der einmütig reuevollen Stimmung der betenden Gemeinde jede Beleidigung, die man einander während des ganzen Jahres angetan, zurückgenommen, jede Kränkung verziehen; auch den Andersgläubigen vergab man jede Beleidigung und Unbill. Jeder Jude wollte sich von der Sünde befreien und erkannte an diesem Abend eindringlicher als sonst seine Ohnmacht, die Ohnmacht des Menschen in dem großen Weltall und dem Schöpfer gegenüber mit den Worten: »Wir Menschen sind in Gottes Händen wie Ton in des Töpfers Hand.... wie der Stein in des Bildhauers Hand.... wie das Silber in des Goldschmieds Hand.... er formt nach seinem Willen alles.«

Nachdem die Eltern zur Synagoge gegangen waren, scharten wir Kinder uns um die älteste Schwester Chasche Feige, unsere liebevolle Schützerin und Lehrerin. Sie betete das Abendgebet. Wir standen andächtig neben ihr und wichen nicht von der Stelle. Ich hörte sie schluchzen und mir wurde so bange zumute. Das ganze Haus lag in tiefer Stille und die Wachskerzen knisterten geheimnisvoll. Ich sah im Geiste, was im Himmel vor Gottes Thron vorging, wie die vereinten Stimmen der Menschen um Gnade flehten, und selbst die Engel in Furcht und Schrecken vor dem Allerhöchsten dastanden. Aber der Herr prüfte in seiner Gnade das Herz der Gerechten und gab seine Gnade denen, die aufrichtig die begangenen Sünden bereuten.

Um neun Uhr hieß sie uns schlafen gehen. Uns war aber so schwer ums Herz, daß wir sie baten, sich zu uns zu setzen. Und sie saß solange, bis wir einschliefen.

Am folgenden Tag war die Stimmung der Synagogenbesucher noch ernster, den weltlichen Dingen vollends entrückt; am Tage des Gerichts, am großen, heiligen Jom-Kippur, sind die Gebete von einem feierlichen Ernst. Gott der Herr sitzt selbst zu Gericht über die Sünden der Menschen, die in einem Buch mit des Täters Hand verzeichnet sind. Hier aber, in der Synagoge, wird mit zerknirschtem Herzen unter Tränen der so bedeutungsvolle Unessane-taukeff keduschas hajom gelesen. Die Engel zittern und rufen: »Das ist der Tag des Gerichts!« Die große Posaune wird geblasen. Und es wird bestimmt, wer im künftigen Jahr leben soll oder eines natürlichen Todes sterben oder meuchlings umkommen, wer verarmen oder reich, erhöht oder erniedrigt werden soll. Aber Reue, Gebet und Wohltaten befreien von bösen Geschicken. Was ist der Mensch? »Er kommt aus der Erde und kehrt zur Erde zurück. Einem zerbrochenen Scherben gleicht er, dem Staubfaden einer Blume, die verwelkt; dem Gras, das verdorrt, dem Rauch, der spurlos dahinfliegt, einem Traum, der entschwindet.....«

Im Hause sah es bei uns trübe aus; die Fensterläden waren geschlossen, die Zimmer nicht geräumt, die irdenen mit Sand gefüllten Töpfe standen noch da, in denen die Stümpfe der Wachskerzen von gestern abend langsam brannten und die Luft mit einem schweren Duft erfüllten.

Erst gegen zwölf Uhr bekamen wir Kinder unseren Tee und das Frühstück, das aus Kapores (kaltem Huhn) und Weißbrot bestand und zugleich unser Mittagsmahl bildete. Dann fanden sich bald unsere Gespielinnen ein, und die schwere Trauer wich von uns Kindern allmählich. Mit der Dämmerung regte es sich wieder im Hause. Die Zimmer wurden wieder in Ordnung gebracht, man deckte den Teetisch, zündete viele Kerzen an und bereitete einen Becher Wein und ein geflochtenes Wachslicht zur Awdole vor. Je dunkler es draußen wurde, um so lichter ward es im Zimmer. Der Samowar (Teemaschine) brodelte bereits einladend auf dem Tisch, als die Synagogenbesucher um sieben Uhr nach Hause kamen. Sie waren alle erschöpft vom Fasten und Beten, aber keiner nahm etwas zu sich; man wartete geduldig, bis der Vater und die anderen sich gewaschen und gekämmt hatten, da dies am Morgen zu tun, verboten war. Dann machte unser Vater Awdole, d. h. er betete über den Becher Wein, und da erst setzten sich alle an den Tisch, der mit kalten Speisen und Kuchen reich besetzt war. Ohne Rücksicht darauf, daß der Magen während 24 Stunden nicht einmal einen Tropfen Wasser bekommen hatte, füllte man ihn jetzt mit süßen, saueren, bitteren und gesalzenen Speisen. Und der Magen nahm Speise und Trank geduldig auf. Jede Spur von Erschöpfung oder Müdigkeit war nun verschwunden, und die Gesichter strahlten vor innerer Ruhe und Zufriedenheit. Nun hatte man diesen schweren Tag für ein ganzes Jahr hinter sich. Auch wir Kinder empfanden den Unterschied zwischen dem gestrigen und dem heutigen Abend. Ich war nie zu lustig oder gar übermütig und liebte die Einsamkeit, aber die drückende Stimmung des Erew-Jomkippur und des Erew-Tischeb'eaw marterten mich arg.

Nachdem alle den ersten Hunger gestillt hatten, wurde man sehr heiter, und unser Vater, an der Spitze der Tafel in den großen Armstuhl gelehnt, begann die erhabenen Stellen aus den Gebeten des Tages halb singend vor sich hin zu sagen. Die jungen Herren stimmten ein, auch der Vorbeter der Synagoge, ein guter Freund unseres Hauses, fand sich gewöhnlich bei uns ein, und man erfreute sich an den poetischen Gesängen aufs neue. Man blieb nicht selten bis lange nach Mitternacht in heiterer, gehobener Stimmung, und keinem fiel es ein, nach den Strapazen des Tages sich zur Ruhe zu begeben, wiewohl man sich am nächsten Morgen schon mit dem ersten Tagesanbruch wieder im Bethaus einfinden mußte, um, wie es heißt, die Verleumdungen des Satans vor dem Allerhöchsten zu vernichten. Der Satan könnte sonst zu Gott, dem Schöpfer sagen: »Sieh, Herr, du hast deinem Volk gestern die Sünden vergeben, und heute hat sich kein einziger eingefunden, dein Haus ist leer!«

Aber der Satan soll über das auserwählte Volk nicht triumphieren. Und so fanden sich denn die Frommen alle in der ersten Morgenstunde im Gotteshaus ein[P], wenn auch nur für kurze Zeit, da bloß ein Alltagsgottesdienst stattfand. Mein Vater ging gleich von der Synagoge fort, um einen Essrog (Citronenähnliche Frucht) und einen Lulow (Palmenblatt) zu kaufen; und froh gelaunt kehrte er heim, wenn es ihm gelang, einen völlig fehlerfreien Essrog — einen sogenannten »Mibuder« zu finden. Ein solches Stück kostete im Jahre 1838 5-6 Rubel, da zu jener Zeit der Transport der Früchte aus Palästina, wo sie nur in geringer Zahl wuchsen, mit viel Schwierigkeiten und Gefahren verbunden war. Nichtsdestoweniger erhielt jeder der jungen Männer unseres Hauses je einen Essrog für sich. Eine jede dieser wohlriechenden, prächtigen Früchte wurde sorgfältig in weichen Hanf gebettet und in einem Silbergefäß aufbewahrt. Diese Früchte werden im Verlaufe der acht Feiertage des Laubhüttenfestes (Sukkoth) beim Morgengebet benützt. Die Palmenblätter, Myrten und Weidenzweige, die der Vorschrift gemäß dazu gehören, standen in einem großen, mit Wasser gefüllten, irdenen Krug. Und im Hause wurde es wieder hell und heiter. Man aß, trank, lachte, plauderte nach Herzenslust. Ich hörte oft sagen, daß in den vier Tagen vom Jom-Kippur bis Sukkoth die Sünden des Juden nicht unter Kontrolle stehen, und von Gott nicht angerechnet werden.

Viele der Scherze galten den »Sogerkes«. In den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gehörte es noch zu den Seltenheiten, daß im einfachen Volke eine jede Frau hebräisch zu beten verstand. Das Bedürfnis jedoch, am Samstag und besonders an den heiligen Feiertagen zu beten, war groß. Aber es gab auch lesekundige Frauen, die ihre Kenntnisse industrialisierten. Für eine kleine Belohnung beteten sie an den erwähnten Tagen in der Synagoge den Frauen die Gebete vor. In Ermangelung einer solchen Frau mußte jedoch in den kleineren, jüdischen Städtchen ein Mann in der Mitte der Frauenabteilung der Synagoge in ein Faß kriechen und von diesem Schutzwall aus — von den Weibern umgeben — die Gebete vorlesen. Wie man sich denken kann, gab es dabei oft komische Szenen, und für die Anekdotenbildung war das Faß ein unerschöpflicher Born....

Die Vorleserin nannte man »sogerke« und den Mann »soger«. Diese beiden mußten mit weinerlicher Stimme die Gebete vorsprechen, um das umstehende Weibervolk zum Weinen anzuspornen. Unter den Zuhörerinnen befand sich in unserer Gemeinde die Frau eines Fleischers, die schwerhörig war. Sie bat die Vorleserin, sie möchte etwas lauter sprechen, dafür würde sie von ihr eine große Leber bekommen. Jene aber gab ihr mit tränender, weinerlicher Stimme im Gebetsingsang zur Antwort: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.« Das umstehende, unwissende Weibervolk aber glaubte, daß diese Worte zum Gebet gehörten und alle riefen mit weinerlicher Stimme: »Wie mit der Leber, so ohne die Leber.«

Nach einem bestimmten Abschnitt begab sich eins dieser Weiber nach Hause und traf unterwegs eine zweite Frau, die in die Synagoge zurückkehrte. Diese fragte, welches Gebet jetzt dort gesagt werde. »Nu ... das Gebet von der Leber.« Die eine: »Im vorigen Jahre hat man doch so etwas nicht gesagt.« Die andere: »heint efscher, weil ein Schaltjahr ist!« ...

Uns Kindern bot sich in den nächsten Tagen eine Reihe schöner Aussichten. Mein Herz pochte freudig in Erwartung der kommenden Dinge.

Gleich nach dem Frühstück wurde die Laubhütte besichtigt, eine geräumige, längliche, hohe Laube mit großen Fenstern, die das ganze Jahr unbenützt blieb. Sie mußte daher erst gewaschen, geschmückt und wohnlich gemacht werden, und der Diener ging sogleich ans Werk.

Während der nächsten drei Tage bis Sukkoth hatten wir frei; man lernte, studierte nicht, und selbst das tägliche Beten wurde, wie mir scheint, zum großen Teil von den jungen Herren etwas vernachlässigt. Unseren Chederbesuch hatten wir schon seit Rausch haschono ganz eingestellt, da die Ferien für die jüdische Jugend bis zum Monat Cheschwan (von September bis Oktober) dauerten.

Am Tage des Erew-Jomtows wurden alle im Hause befindlichen Teppiche in die Laubhütte zusammengetragen, mit denen die jungen Leute unter des Vaters Leitung die Wände behängten. Man holte Spiegel, brachte die Möbel aus dem Eßzimmer und selbst der Kronleuchter durfte nicht fehlen. Am Vorabend vor dem ersten Festtag legten alle festliche Gewänder an. Die Kerzen der großen silbernen Leuchter wurden von unserer Mutter und den jungen Frauen angezündet, und sie verrichteten ihr stilles, frommes Gebet, worauf wir uns alle mit großem Behagen auf die Stühle um den Tisch setzten und die geschmückte Sukke (Laubhütte) bewunderten. Ihre bewegliche Decke war vorher schon beseitigt und durch Tannenzweige ersetzt worden. Es sah wundervoll seltsam aus. Die vielen brennenden Kerzen, die bunten Teppiche, die hohen Kristallspiegel, die grüne Tannendecke und der nächtlich blaue Himmel, der mit seinen silbernen, funkelnden Sternen so freundlich durch die Zweige hereinblickte, verliehen dem Raum eine märchenhafte Pracht.

Die Mutter, festlich gekleidet und mit kostbarem Geschmeide, saß mitten unter ihren verheirateten und unverheirateten Töchtern, die alle reich geschmückt waren. Dann kamen die Männer aus der Synagoge heim und es gab das köstliche, patriarchalische Familienbild der damaligen Juden an der Tafelrunde. In ihren langen, schwarzen Atlasröcken (Kaftans), den breiten Atlasgürteln, den kostbaren, hohen Zobelmützen und ihren strahlenden, jungen Gesichtern sahen sie wahrlich besser aus, als die Jugend von heute im Frack und weisser Binde mit den blasierten, gelangweilten Mienen. Der Vater erteilte uns den Segen; alle wuschen sich die Hände, beteten und nahmen ein Stück Barches, die in Honig getaucht wurde. Das Abendbrot, das mit Pfefferfischen eröffnet und mit Gemüse beschlossen wurde, war beendet. Viele, denen die herbstliche Abendluft zu kühl wurde, verließen die Sukke; einige blieben noch plaudernd sitzen.

Am darauffolgenden Morgen, am ersten Feiertag, wurde in der Synagoge ein besonders feierlicher Gottesdienst abgehalten, und es war wieder ein imposanter Anblick, als die Männer, Reihe an Reihe auf ihren Plätzen stehend, mit dem grünen, schlanken Palmenblatt in der rechten und der duftenden, goldgelben Ethrogfrucht in der linken Hand, den Lobgesang Hallel sangen und dann den Rundgang Hakofes, der Kantor voran, in der Synagoge machten.

Gegen ein Uhr kehrten alle nach Hause zurück, und nun kamen zum Festtag viele Gäste, denen man Wein und Süßigkeiten vorsetzte. Den Nachmittag verbrachte jeder nach eigenem Belieben. Die einen schliefen, die anderen gingen spazieren. Aber keiner vergaß, daß man sich schon um fünf Uhr in der Synagoge zum Vorabendgebet einfinden mußte. Der zweite Tag unterschied sich fast gar nicht von dem ersten.

Die folgenden vier Tage sind die sogenannten Chaulhamauedtage (Halbfeiertage), an denen zu fahren, zu handeln und zu kaufen gestattet ist. Doch machten die Juden von damals von dieser Freiheit keinen Gebrauch, und selbst sehr arme Handwerker hielten ihre Werkstätte geschlossen und gaben sich der Lust, der Ruhe und den guten Bissen hin. Am fünften Tage, Hauschano rabbo, wird aufs neue die ganze Nacht mit dem Lesen gewisser Abschnitte aus der Mischna verbracht. Nach einer Volkssage sieht man an diesem Abend den kopflosen Schatten desjenigen, dem in diesem Jahr zu sterben bestimmt ist. In dieser Nacht soll sich der Himmel teilen und öffnen, und der fromme, gottesfürchtige Jude kann seine Pracht sehen! Nur muß man schnell »Koll tow!« (Alles Gute!) ausrufen und jeder Wunsch geht dann in Erfüllung. — In dieser Nacht bereitet auch der Schames (Synagogendiener) die Hauschanes vor (drei kleine Weidenzweige zu einem kleinen Bündel vereinigt), die ein jeder während des Gebetes ergreift, und sie während der ganzen Betzeit in der Hand behält. Das hierfür bestimmte Hauschanegebet wird mit großer Andacht und unter Tränen verrichtet. Am Schlusse werden die Blätter der Weidenzweige abgeschlagen.

Das Weißbrot wird für diesen Tag in Form eines Vogels gebacken. Die Volkssage erzählt, daß an diesem Tage im Himmel endgültig beschlossen wird, wer in diesem Jahre leben oder sterben soll, und daß dieser Vogel zum Himmel fliegt und auf einem Zettel die Bestimmung zurückbringt. Den siebenten Feiertag des Laubhüttenfestes nennt man Sch'mini hoazeres. Am Vorabend sind alle wieder festlich geschmückt. Am nächsten Morgen beginnt der Gottesdienst in der Synagoge sehr früh. Man fleht den Himmel um Regen an in dem sogenannten Regengebet (geschem), einer gedankenreichen, phantasievollen Dichtung. Dieses Gebet verlängert den Gottesdienst um mehr als eine Stunde und wirkt erhebend auf die Synagogenbesucher.

Sch'mini hoazeres speiste man zum letztenmal in der Sukke zu Mittag. Wiewohl das Wetter in den letzten Tagen veränderlich, oft schon empfindlich kalt war (manchmal schneite es sogar und man mußte Pelze anlegen) hielt man doch aus und nahm die Mahlzeiten, auch den Tee, in der Laubhütte bis zum letzten Tag. Alt und Jung, selbst wir Kinder, hielten streng die religiösen Vorschriften ein, so gut verstanden es unsere Eltern, ihre Wünsche und ihren Willen im Hause aufrecht zu halten. Nachdem das Gebet verrichtet wurde, das nach der letzten Mahlzeit beim Verlassen der Sukko vorgeschrieben ist, wurden die Möbel, Stück für Stück, in die Wohnung zurückgebracht, und die vor kurzem noch so herrlich geschmückte Laubhütte stand wieder leer und verlassen, ein treues Bild aller Herrlichkeiten unserer Welt. —

Jetzt kam der letzte Tag des Laubhüttenfestes »Simchas-Thaure« (Freude über die Thora) heran. Warum die Freude? Im Volke erzählte man: »Als die Juden auf dem Berge Sinai von Moses die Thora erhielten, verstanden sie von ihrem Inhalt nur wenig; als sie aber die heilige Schrift ganz in sich aufgenommen hatten, fanden sie darin ihr Glück und ihre Freude.« Und wahrlich, diese Thora ist ihr Stolz, ihr Volksschatz geworden für alle Zeiten, trotz der Unterdrückung, der Verfolgungen und Demütigungen, die sie erdulden mußten.

Am Simchas-Thora reißt diese Freude alle Schranken nieder. Wozu man sonst nur sehr selten Gelegenheit hat: man sieht an diesem Tage betrunkene Juden in den Straßen. Auch in unserem Hause ging es ziemlich bunt zu. Allerlei Getränke wurden bereitet, die besten Speisen mußte die gute jüdische Küche herhalten. Viele Gäste wurden zu Mittag geladen, die Kinder, auch das Gesinde erhielten volle Freiheit und die strenge Disziplin war aufgehoben. Mein Vater sah es ebenso wie alle Gäste für eine Mizwe (eine religiöse Handlung) an, sich bei Tische ein Räuschchen anzutrinken. Meine Eltern hinderten die jungen Männer nicht, wenn sie übermütig, ja ausgelassen tanzten und sangen; der Vater sang sogar munter mit. Es fehlten nur die Klänge einer Fiedel, da der Jude an den Feiertagen ein Musikinstrument nicht einmal berühren darf. Es wurden auch viele religiöse Tafellieder, die sich auf diesen frohen Tag bezogen, im Chor gesungen. Für meinen Vater hatte der Simchas-Thora-Tag noch eine besondere Bedeutung. Wie ich bereits erwähnt habe, war die Hauptbeschäftigung meines Vaters das Talmudstudium, das er um so eifriger betrieb, wenn er große Verluste in seinen Unternehmungen erlitten hatte. Er pflegte dann der Welt den Rücken zu kehren, flüchtete sich in ein Studierzimmer und lebte nur »al hathauro« und »al hoawaudo« wie der Jude sich kurz und bündig ausdrückt, d. h. nur in der Lehre der Gesetze und im Gottesdienst, was der Hauptzweck seines Lebens wurde. So machte er von Zeit zu Zeit ein Ssium (d. h. ein Werk vollenden); ein solches Ereignis wird im jüdischen Volke freudig gefeiert und bringt Ansehen und Ehre, besonders wenn es ein Ssium auf ganz Schass, d. i. ein Durchstudieren des ganzen Talmuds und aller Kommentare ist. Mein Vater pflegte seinen Ssium auf einen Simchas-Thora zu verlegen. Das bunte Treiben an diesem Tage dauerte bis zum Abend, beim Vorabendgebet aber waren alle schon wieder ernst. Der Vater machte wieder Awdolo und jetzt hieß es S'miraus, d. h. fromme Lieder singen. Der große Samowar brodelte und dampfte bereits auf dem Teetisch, und bis spät in die Nacht saßen die fleißigen Trinker gemütlich beisammen. Mit Simchas-Thora sind die sogenannten Jomim nauroim, d. h. die ernsten Tage zu Ende, wenn auch schon der nächste Schabbes Bereischis vor einem gewöhnlichen Sabbath ausgezeichnet ist, da jetzt der Anfang der Bibel wieder, der erste Abschnitt »Bereischis« vorgelesen wird. Der nächste Tag nach Simches-Thora ist Isserchag und gilt auch noch als Feiertag. Der Tisch, der volle acht Tage festlich geschmückt war, blieb auch heute bedeckt, was am Werktage sonst nach dem rituellen Gebrauch nicht geschieht. Das Mittagbrot wurde zu früher Stunde eingenommen und bestand aus kalten Speisen, die vom Vortag zurückgeblieben waren, eine Menge von guten, schmackhaften Sachen: kalte Pfefferfische, kalter Putenbraten usw. Nur der Borscht (eine Suppe aus gesäuerten roten Rüben) wurde frisch bereitet.

Die Zeit der Feste war vorüber. Langsam kam das Leben wieder ins alte Gleise. Eine Abwechslung brachte der Rausch chaudesch.

Am zehnten oder zwölften Tag jeden Monats wird der Mond, wenn er am Abendhimmel glänzt, nach jüdischem Gesetz bewillkommnet. Als Kind liebte ich es, durchs Fenster zuzusehen, wenn mein Vater sich in Begleitung von noch zehn Juden in den hellen Mondschein stellte und betete. Mit munteren Worten und die Augen gen Himmel gerichtet pries er den milden Mond. Dies geschah gewöhnlich Samstags abend.

Den »erew rausch chaudesch«, d. h. den Tag vor »Rausch chaudesch« (Neumond) pflegte man in meinem elterlichen Hause in eigener Weise zu begehen. Unter den damaligen Juden gab es viele, die an diesem Tage fasteten und besondere Gebete verrichteten. Viele Bettler, alte, kranke, in Lumpen gehüllte, halbnackte Männer und Weiber mit verzerrten Gesichtern, junge Leute, Mädchen und Kinder, kamen scharenweise an diesem Tage, ihr »Rausch chaudesch-geld« zu holen, da jeder Bußtag bei den Juden durch Almosen seine Weihe erhalten mußte. War es doch üblich, daß außer an diesem Tag viele im Volke in jeder Woche am Montag und Donnerstag zu fasten pflegten und an Arme Almosen verteilten. An diesen Tagen konnte man auch die sogenannten »Gabbettes« in Aktion sehen. Gabbettes sind fromme Seelen, gute, selbstlose Frauen, wahre religiöse Patronessen des armen jüdischen Volkes, deren Lebensaufgabe es war und in Litauen noch bis heute ist, sobald sie in ihrem eigenen Hause alles besorgt haben, mit einer zweiten Gabbette von Haus zu Haus in die Armenviertel zu gehen, um dort das Elend und die Not zu lindern. Paarweise laufen sie durch die Gassen, erbetteln von Krämern und Kaufleuten in den Buden Lebensmittel; und in alle Privathäuser kommen sie, um ein Almosen zu erbitten, Geld oder Speisen, alte Kleider usw. Ich erinnere mich noch sehr lebhaft einer solchen »Gabbette«, die oft zu uns kam. Sie war ein Engel an Güte und Seelengröße. Ihr Name war Itke, die Hefterke. Sie pflegte meiner Mutter von all dem Elend und der Armut in der Stadt zu erzählen. Mit zerknirschtem Herzen und Trauer in den Zügen behauptete sie symbolisch, Perlen und Brillanten lägen in den Gassen herum, aber nur sehr wenige bemühten sich, die aufzunehmen. Sie meinte damit: Man könnte so viele Wohltaten an den Armen üben, und die wenigsten mühten sich darum. Nur diese »Juwelen« behauptete Itke, die Hefterke, kann man nach dem Tode mit ins Jenseits nehmen. Meine Mutter pflegte an Rausch chaudesch eine ansehnliche Summe Geld zu verteilen. Alte Männer und Frauen bekamen eine Münze von drei polnischen Groschen, d. h. eineundeinehalbe russische Kopeke. Je jünger der Arme war, um so weniger, bis auf einen Groschen herunter, bekam er. Den Kindern gab man nur eine »Prute«. Diese Münze war der dritte Teil eines polnischen Groschens, folglich ein Sechsteil einer Kopeke. Diese Münze pflegte in Brest-Litauen von dem jüdischen Gemeinderat mit Erlaubnis der Regierung verfertigt zu werden. Ich erinnere mich, daß diese Prute nur an Arme gegeben wurde, während sie im Geschäftsleben nicht gangbar war. Zuerst wurde sie in Blei gegossen mit der hebräischen Aufschrift »Prute achas«, d. h. eine Prute. Als aber damit Mißbrauch getrieben wurde, schaffte man sie ab, und stellte die Prute aus Pergament her. Sie trug dieselbe Aufschrift. Diese Prute hatte ungefähr die Größe eines Zolls in der Länge und eines halben Zolls in der Breite. Auch dieses Pergamentgeld wurde bald abgeschafft; und an ihre Stelle trat die Prute in Form eines mittelmäßigen, runden Knopfes aus Holz mit einer kleinen Vertiefung, die mit rotem Siegellack gefüllt war, worin das Wort Prute und der Petschaft des Gemeinderats eingedrückt waren.

Das Verteilen der Almosen war eigentlich die einzige Form, in der in unserer Familie der Erew Rausch-Chaudesch begangen wurde. Den darauf folgenden Tag aber, den Rausch chaudesch selbst betrachteten wir als einen halben Feiertag. In der Synagoge wurde das Gebet »halel« usw. gesagt, zu Hause gabs gute Speisen zu Mittag; den ganzen Tag über durfte übrigens keine Handarbeit verrichtet werden.

Der Rausch-Chaudesch spielte überhaupt eine wichtige Rolle im Leben der Juden. So war es üblich, an diesem Termine Wohnungen und Dienstboten zu mieten und »wichtige« hauswirtschaftliche Arbeiten auf diesen Tag zu verlegen — besonders aber das »Gänse setzen«, wie es damals hieß. Man pflegte 30-40 Gänse in einem engen Käfig zusammenzupferchen, so daß sie sich kaum bewegen konnten, gab ihnen sehr viel zu fressen, aber sehr wenig zu trinken. Bei dieser Kur wurden sie sehr fett. Genau einundzwanzig Tage mästete man das Geflügelvieh, damit ihr Fett sich mehre und die Leber im Leibe größer würde, dann wurden sie geschlachtet; wartete man mit dieser Prozedur nur einen Tag, so war — wie man glaubte — die ganze Mästerei vergeblich. Rausch-Chaudesch kislew wurden die Gänse eingekerkert. Am einundzwanzigsten Tage kam mit Tagesanbruch der Schlächter mit seinem Gehilfen. Er zog das große Schlächtermesser aus der ledernen Scheide, machte es unheimlich scharf, prüfte die Schärfe an seinem Nagel, und ging dann in Begleitung der Köchin und des Nachtwächters mit einer Laterne in den Gänsestall, um das Todesurteil an den Gänsen zu vollziehen. Natürlich sagte er, bevor er die erste Gans schlachtete, das vorgeschriebene Gebet. Nach einer Stunde war das Werk vollbracht. Man schleppte die geschlachteten Gänse in die Küche, wo sie ein paar arme Weiber rupften, sengten, reinigten und salzten und eine volle Stunde im Salze liegen ließen. Dann begoß man sie dreimal mit kaltem Wasser, und sie waren koscher. Der Lärm in der Küche und im ganzen Hause war groß! Eile war nötig; denn zu Chanuka brauchte man viel Schmalz, Gänseleber und besonders die schmackhaften Grieben! Da gab es schmackhafte Leber- und Griebenpasteten und das herrliche Gericht des gedämpften Gänsekleins.

Nach einem Aberglauben oder einer mystischen Tradition mußte der Schlächter von »Rausch-Chaudesch kislew« an bis »Rausch-Chaudesch adar«, also drei Monate lang, von dem von ihm geschlachteten Federvieh ein Glied, einen Fuß oder Kopf und dergleichen essen, sonst müßte er jeden Augenblick fürchten, gelähmt zu werden. Wir pflegten ihm immer das linke Füßchen jeder Gans zu überlassen. Da er jedoch diese Fülle nicht vertilgen konnte, so bereitete man aus den vielen Füßchen eine Brühe, die er verzehren mußte! —

Große Bedeutung hatte auch das Ausbraten des Gänseschmalzes. Es mußte in aller Stille geschehen, entweder noch vor Tagesanbruch oder spät am Abend, damit kein »böser Blick« darauf fiele — sonst liefe das ganze Schmalz aus dem Topfe! War aber beim Ausbraten nur eine stille Person tätig, dann kam — so glaubte man — der gute Hausgeist in Gestalt eines Zwerges und machte, daß das Schmalz über den Brattopf quillt; und schöpfte man es in ein anderes Gefäß ab, so mehrte es sich ohne Unterlaß, bis alle leeren Geschirre, selbst das große Wasserfaß, im Hause mit dem Schmalz gefüllt wären; dann erst verschwindet der Zwerg.

Aus meiner Schilderung könnte die heutige Jugend schliessen, daß das Leben in einem jüdischen Hause der alten Zeit durch seine Sitten und die Strenge seiner Gebräuche unerträglich schwer war. O nein! Die damaligen Juden hatten ihre großen Freuden, genossen viel Vergnügen, Ruhe, Behagen; aber alles nur im Kreise der Familien im eigenen Hause; kein Herumstreifen in den Ballsalons, auf Reisen, in den Bädern, über Berge, und Meere. Er lebte ruhig, gut und lange. Er gab seinem Gotte, was ihm gebührt und nahm vom Leben das, was ihm behagte. Es lag Weihe und tiefes Symbol in den Formen des Lebens, was man von den Zeremonien und Bräuchen der jetzigen Gesellschaft nicht gerade behaupten kann. Gewiß haben auch sie die Bedeutung, die Menschen aneinanderzufügen und auch den Individuen die höhere Form einer Gemeinschaft zu schaffen. Allein wer kann leugnen, dass diese Bindung armselig erscheint gegenüber jener festen, sozialen Verknüpfung, die das jüdische Gesetz vorschrieb und die das einstige jüdische Leben erreichte. Einer war für den anderen orew, d. h. Bürge, und die Formeln »Kol Jsroel chawerim« (Ganz Israel Brüder) und »Achenu benei Jsroel« hatten einen Inhalt! Es war nur konsequent, wenn damals ein Jude vor dem anderen nicht den Hut zog. Aus dem gleichen Grunde wurden jüdische »Freidenker«, wenn sie öffentlich ein religiöses Gebot verletzten, vom Volke mit Vorwürfen verfolgt. Wenn beispielsweise solch ein Freidenker am Sonnabend Abend, an dem man nur eine bestimmte kurze Strecke gehen und Stock, Schirm, Taschentuch ohne Erew nicht tragen darf, sich mit diesen »Lasten« auf der Straße zeigte, empfing man ihn mit feindlichen Blicken, weil er gegen den Grundgedanken des mosaischen Gesetzes — dem der Gemeinbürgschaft und der Verantwortlichkeit des Einzelnen gegen die Gesamtheit — verstieß. Die Sünde des Einzelnen muß eben das ganze Volk büßen.


Der Beginn der Aufklärungsperiode.

I.
Lilienthal.

Von der hohen Altersstufe aus, die ein gütiges Geschick mich hat erreichen lassen, will ich einen Rückblick auf die für die Juden Litauens kulturell bedeutsame Epoche gegen Ende der dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts werfen. Ich sehe es als ein Glück an, jene Periode miterlebt zu haben, in der die großzügigen Reformen unter der Regierung Kaiser Nikolaus I. die geistige, ja sogar die physische Regeneration der Juden in Litauen herbeiführten.

Wer, wie ich, die Zeit von 1838 bis heute durchlebt, all die religiösen Kämpfe im Familienleben der litauischen Juden mitgemacht und schließlich den großen Fortschritt beobachtet hat, der darf und muß seiner Bewunderung für die Idee jener Reformgesetze Ausdruck verleihen und sie segnen. Ja, man darf sogar mit Begeisterung von ihr sprechen, wenn man die zumeist unkultivierten, armseligen Juden der vierziger Jahre mit den litauischen Juden der sechziger und siebziger Jahre vergleicht, unter denen es heute so viele vollkommen europäisch gebildete Männer gibt, die auf den verschiedensten Gebieten der Literatur, Wissenschaft und der Kunst Hervorragendes leisten und denen es an äußeren Ehren und Titeln nicht fehlt.

Die Menge ahnt oft instinktiv das Eintreten eines großen Ereignisses vorher. Im ganzen litauischen Gebiete verbreitete sich plötzlich das Gerücht, den Chedarim (jüdischen Volksschulen) stehe eine gründliche Umwandlung bevor; von den Melamdim (Volksschullehrer), die bisher im jüdischen Jargon Unterricht erteilten, werde künftighin die Kenntnis des Russischen gefordert werden, damit sie die Bibel den Schulkindern in diese Sprache übersetzen könnten.

Dieses Gerücht brachte den älteren Männern schwere Sorge. Sie dachten voll Schrecken daran, daß das Hebräische, das Wort Gottes, wohl allmählich vernachlässigt werden sollte. Die Jüngeren aber, darunter meine beiden älteren Schwager, nahmen die neue Kunde mit gespannter Erwartung auf. Aber sie wagten es nur flüsternd über die kommende Neugestaltung zu sprechen.

Die Melamdim waren einfach verzweifelt ...

Eines Tages brachte mein Vater, vom Vorabendgebet zurückkehrend, aus der Synagoge die hochinteressante Mitteilung, daß das unlängst aufgetauchte Gerücht sich bewahrheite, ein Doktor der Philologie, namens Lilienthal, sei vom Ministerium für Volksbildung (an dessen Spitze der gebildete und humane Minister Uwaroff stand) beauftragt worden, ganz Rußland zu bereisen, um das Bildungsniveau der Juden im ganzen Lande zu prüfen, sich über die Melamdim zu informieren, in deren Händen der Unterricht der jüdischen Jugend lag; in Petersburg sei ein großartiger Reformplan entworfen worden und mit den Rabbinerschulen in Wilna und Schitomir sollte innerhalb eines gewissen Zeitraums auch begonnen werden. Meinen Vater, der strenggläubig war, betrübte jedoch eine bevorstehende Reform nicht zu sehr, denn er selbst klagte stets über die schlechte Unterrichtsweise in den jüdischen Schulen von Brest und wünschte mancherlei Verbesserungen auf diesem Gebiete.

In der Tat war mit der Aufgabe, westeuropäische Bildung unter den Juden zu verbreiten, der Inspektor der Rigaer Volksschulen, Dr. phil. Lilienthal, betraut worden, weil er europäisch gebildeter Jude und zugleich mit der hebräischen Sprache vertraut war und einiges talmudische Wissen besaß.

Lilienthal hatte sein Werk damit begonnen, daß er sich zunächst mit den angesehensten, jüdischen Gelehrten in Verbindung setzte, die während ihres ganzen Lebens in engster Fühlung mit dem Volke standen. So wandte er sich an den berühmten Rabbi Reb Mendele Libawitzer, das Haupt der Chassidim-Sekte, die mehr als 100 000 Anhänger in Litauen und Kleinrußland zählte. Er hoffte, diese Autorität für seine kulturellen Reformen gewinnen zu können. Ebenso eindringlich bemühte er sich um Reb Chaim Woloshiner, den Leiter der dortigen Jeschiwa. Beide Männer berief der Minister nach Petersburg zur Beratung.

Einen Erfolg hatte Lilienthal damit nicht, denn die große Menge der Anhänger des Libawitzer Rabbi ließen aus Furcht ihren vergötterten Rabbi diesem Rufe nicht folgen, da sie erfahren hatten, daß es sich um große Reformen im Talmud- und Bibelunterricht handelte. Die Libawitzer fingen an, mit allen Mitteln gegen die Reformen zu eifern, unbekümmert um die Folgen (cf. Zeitschrift Woschod 1903).

In Petersburg war man entrüstet, aber Reb Mendele wurde nur mit einem kurzen Hausarrest bestraft. Reb Chaim Woloshiner weigerte sich auch, dem Rufe des Ministers nachzukommen. Er entschuldigte sich mit seinem hohen Alter: die Reise nach Petersburg sei für ihn zu beschwerlich. Er empfahl an seiner Stelle Reb David Bichewere. Dieser Vorschlag wurde aber nicht angenommen; und so trat Dr. Lilienthal die Reise nach dem Niederlassungsgebiete der Juden an. —

Einige Tage waren seither verstrichen, als mein Vater die Kunde brachte, Dr. Lilienthal sei bereits in Brest, unserem damaligen Wohnort, eingetroffen, und er wolle zusammen mit den jungen Leuten, meinen Schwagern, dem Doktor einen Besuch abstatten.

Meine Mutter äußerte ihr nicht geringes Erstaunen über diese Absicht; der Vater erklärte ihr kurz und bündig: Wenn er selbst die jungen Leute nicht zu Dr. Lilienthal führen werde, so fänden sie schon selbst den Weg. Ich glaube aber, das war bloß eine Ausrede: mein Vater war selbst sehr gespannt, die Bekanntschaft des Dr. Lilienthal zu machen, um so rasch wie möglich Genaueres über die bevorstehende Umwälzung im Schulwesen zu erfahren. Meiner Mutter geistiges Auge sah aber in dieser ganzen Angelegenheit tiefer und schärfer als das meines Vaters, was sich in der Folge auch bestätigt hat.

Den Jubel der jungen Männer zu schildern, daß sie bald den interessanten Dr. Lilienthal besuchen sollten, ist unmöglich. Besonders glücklich war mein älterer Schwager, der neben hervorragender Begabung und ungewöhnlichen talmudischen Kenntnissen einen unermüdlichen Fleiß besaß. Im Alter von vierzehn Jahren hatte er fast das gesamte Wissen eines Rabbiners inne. — — —

Der Besuch bei Dr. Lilienthal war vorüber. Mein Vater hat viel, sehr viel erfahren: Erstens: Kein Chasid darf Melamed sein, zweitens: Jeder Melamed ist verpflichtet, die russische Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen und deutsch lesen zu können; ferner ist der Melamed verpflichtet, die Bibel und alle Propheten ohne Ausnahme genau zu kennen und endlich darf der Melamed mit den Schülern, die bereits im Talmud Unterricht erhalten, die folgenden Abschnitte nicht durchnehmen: Baba Mezia (Feldschaden), Baba Kama (Wechselrecht), Baba Basra (Baugesetze).