Der Dreispitz

Aus dem Spanischen

des

D. Pedro de Alarcon

übersetzt von

Hulda Meister


Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.


[Inhaltsverzeichnis]

Seite
Vorrede[3]
1.Wann es geschah.[7]
2.Wie die Leute damals lebten.[9]
3.Do ut des.[10]
4.Eine Frau von außen besehen.[13]
5.Ein Mann von innen und von außen besehen.[16]
6.Fertigkeiten der beiden Ehegatten.[17]
7.Der Grund der Glückseligkeit.[19]
8.Der Mann mit dem Dreispitz.[21]
9.Hü, Esel![24]
10.Vom Rebengeländer aus.[25]
11.Das Bombardement von Pamplona.[28]
12.Zehnten und Erstlinge.[35]
13.Da sagte die Krähe zum Raben.[38]
14.Garduñas Ratschläge.[41]
15.Abschied in Prosa.[46]
16.Ein Unglücksvogel.[50]
17.Ein Dorfschulze.[52]
18.Wie Tio Lucas nicht ans Schlafen dachte.[54]
19.Stimmen in der Wüste.[55]
20.Zweifel und Wirklichkeit.[57]
21.Achtung, Herr![64]
22.Garduña vervielfältigt sich.[69]
23.Noch einmal die Wüste und die bewußten Stimmen.[72]
24.Ein König von damals.[73]
25.Garduña's Stern.[76]
26.Reaktion.[77]
27.Im Namen des Königs.[78]
28.Ave Maria purisima! Las doce y media, y sereno![81]
29.Nach dem Gewölk ... Reveille.[83]
30.Eine Dame von Stande.[84]
31.Die Strafe der Wiedervergeltung.[85]
32.Der Glaube versetzt Berge.[90]
33.Nun, und du?[92]
34.Auch die Corregidora ist reizend.[96]
35.Kaiserliches Dekret.[99]
36.Schluß, Moral und Epilog.[102]


[Vorrede.]

Es giebt wohl wenige Spanier, selbst wenn wir solche mitrechnen, die wenig wissen und lesen, welche die dem vorliegenden Werkchen zu Grunde liegende Erzählung nicht kennen.

Zuerst hörten wir sie von einem unwissenden Ziegenhirten, der nie aus dem versteckten Dörfchen, in welchem er das Licht der Welt erblickt, herausgekommen war. Er war einer jener ungelehrten, aber natürlich schlauen, lustigen Bauern, die in unserer Nationallitteratur unter dem Namen picaros (Schelme, Spitzbuben) eine so große Rolle spielen. Gab es eine Hochzeit, eine Taufe, oder kam die Herrschaft einmal zum Besuch, so wurden diese Ereignisse im Flecken natürlich gefeiert, und seine Aufgabe war es dann, die Possen und Pantomimen zu leiten, den Hanswurst zu spielen und Romanzen und Erzählungen vorzutragen; und bei einer solchen Gelegenheit war es (schon fast ein ganzes Menschenalter — das heißt, wohl mehr als fünfunddreißig Jahre — ist darüber vergangen), bei der er eines Abends unsere (relative) Unschuld mit der Erzählung in Versen: »Der Corregidor und die Müllerin«, oder auch »Der Müller und die Corregidora« blendete und entzückte. Wir übergeben sie heute unter dem anspruchsvolleren und philosophischeren Namen (denn so verlangt es der Ernst unserer Zeit) »Der Dreispitz« dem Publikum.

Zwar erinnern wir uns, daß an jenem Abende, an welchem der Ziegenhirt uns eine so angenehme Kurzweil verschaffte, die dort versammelten heiratsfähigen Mädchen sehr rot wurden, woraus die Mütter dann schlossen, daß die Geschichte etwas saftig sein müßte, und den Hirten gehörig zurechtsetzten; aber der arme Repela (so hieß der Hirt) war nicht auf den Mund gefallen und antwortete auf der Stelle, daß sie gar nicht nötig hätten, so aufgebracht zu sein, denn in seiner Erzählung wäre nichts, was nicht jedermann hören könnte, ja, was nicht sogar die Nonnen und die vierjährigen Mädchen wüßten...

»Und wenn nicht, so wollen wir doch einmal sehen,« fragte der Ziegenhirt, »was lernt man aus der Geschichte vom Corregidor und der Müllerin? Daß verheiratete Leute zusammenschlafen, und daß es keinem Gatten paßt, wenn ein anderer Mann bei seiner Frau schläft.... Mich dünkt, daß ist doch die reine Wahrheit!...«

»Freilich ist das wahr,« antworteten die Mütter, als sie das Gelächter ihrer Töchter hörten.

»Beweis dafür, daß der Onkel Repela recht hat,« bemerkte hierauf der Vater des Bräutigams, »ist, daß Groß und Klein, alle hier Gegenwärtigen sich schon überzeugt haben, daß, sobald heute der Tanz zu Ende ist, Juanete und Manolilla das schöne Ehebett einweihen werden, das die Tante Gabriela eben unseren Töchtern gezeigt hat, um die Stickereien an den Kopfkissen zu bewundern...«

»Mehr noch,« sagte der Großvater der Braut, »sogar in der Doctrin und in den Predigten wird den Kindern von diesen so ganz natürlichen Sachen erzählt, wie unsere liebe Frau Anna so lange unfruchtbar war, vom keuschen Joseph, von Judiths Kriegslist und vielen anderen Wundern, die mir jetzt nicht gerade einfallen... darum...«

»Ach was, Tio (Onkel) Repela,« riefen die Mädchen mutig aus, »erzählt Eure Geschichte noch einmal, sie ist doch sehr lustig!«

»Und sogar sehr anständig,« fuhr der Großvater fort, »denn sie lehrt euch nichts Schlechtes; — keinem wird darin angeraten, schlecht zu sein, und der schlecht gewesen ist, geht nicht ungestraft aus...«

»Nun, meinetwegen! wiederholt sie also!« sagte schließlich jede Familienmutter.

Tio Repela wiederholte die Romanze, und da alle sie nun im Lichte jener einfachen Kritik sahen, so gab es auch kein »aber« dabei, was ebenso gut war, wie wenn sie gesagt hätten: Wir geben die notwendige Erlaubnis!


Im Laufe des Jahres haben wir noch viele und sehr verschiedene Versionen desselben Abenteuers von dem Müller und der Corregidora gehört und immer von den Lippen eines Dorfgracioso nach der Art des schon verstorbenen Tio Repela; dann haben wir sie auch in den »Romanzen eines Blinden« gedruckt gesehen und sogar in den berühmten Romanzen des unvergeßlichen Don Agustin Duran.

Die Grundlage der Erzählung ist überall dieselbe: tragikomisch, spöttisch und entsetzlich epigrammatisch, wie alle dramatischen Morallehren, für die sich unser Volk begeistert; aber die Form, der zufällige Mechanismus, die eigentümlichen Vorgänge sind sehr, sind außerordentlich verschieden von der Erzählung unseres Hirten; so sehr, daß dieser keine der erwähnten Versionen in der Cortijada (Bauernhof) hätte vortragen können, ohne daß sich die anständigen Mädchen die Ohren zugehalten oder die Mütter ihm die Augen ausgekratzt hätten.

Bis zu solchem Grade haben die groben Tölpel anderer Provinzen die traditionelle Erzählung, die in des klassischen Repela Version so köstlich, anständig und rein erschien, aufgebauscht und entstellt.

So hatten wir denn schon seit langer Zeit den Plan gefaßt, die Wahrheit der Dinge ans Licht zu bringen, indem wir der stark entstellten Erzählung ihren ursprünglichen Charakter zurückgeben, denn ohne Zweifel war derjenige, in dem der Anstand am meisten gewahrt worden, der ursprüngliche. — Wie könnte man auch daran zweifeln? Diese Art von Erzählungen verlieren, wenn sie durch die Hände des Volkes gehen, ihre Eigentümlichkeiten nicht dadurch, daß sie schöner, zarter und anständiger gemacht werden, sondern indem sie durch die Berührung mit der Gemeinheit und Roheit verstümmelt und verdorben werden.

Das ist die Geschichte des vorliegenden Buches... So wollen wir denn loslegen, das heißt, wir wollen mit der Erzählung von dem Corregidor und der Müllerin beginnen, in der Hoffnung, daß du, ehrenwertes Publikum, in deinem gesunden Urteil, »nachdem du sie gelesen und mehr Kreuze geschlagen hast, als wenn du den leibhaftigen Gottseibeiuns gesehen hättest« (wie Estebanillo Gonzalez im Anfange der seinigen sagte), sie für würdig und wert erachten wirst, veröffentlicht worden zu sein.


Der Dreispitz.


1.
Wann es geschah.

Es war zu Anfang dieses langen Jahrhunderts, das sich schon seinem Ende zuneigt. — Ganz genau weiß man das Jahr nicht, nur, daß es nach dem Jahre 4 und vor dem Jahre 8 war.

Damals regierte Don Carlos der Vierte von Bourbon in Spanien; von Gottes Gnaden, wie die Münzen besagten, aus Vergeßlichkeit nur von Bonapartes besonderer Gnade, wie die französischen Bulletins es erklärten. Die übrigen europäischen Herrscher, Abkömmlinge Ludwigs XIV., hatten schon ihre Krone (und ihr Haupt seinen Kopf) verloren in dem rasenden Sturme, der über diesen alten Teil der Welt seit 1789 dahinfegte.

Doch darin bestand die Eigentümlichkeit unseres Vaterlandes in jener Zeit nicht allein. Der Soldat der Revolution, der Sohn eines unbekannten korsischen Advokaten, der Sieger von Rivoli, von den Pyramiden, Marengo und hundert anderen Schlachten, hatte sich soeben die Krone Karls des Großen aufs Haupt gesetzt und ganz Europa umgewandelt, hatte Nationen geschaffen, Nationen ausgelöscht, Grenzen aufgehoben, Dynastien geschaffen, und den Städten, durch welche er auf seinem Streitroß gleich einem Erdbeben, oder gleich dem Antichristen, wie ihn die Mächte des Nordens nennen, kam, andere Formen, andere Namen, Lage, Sitte, ja sogar ein anderes Ansehen gegeben. — Und doch waren unsere Väter (Gott habe sie selig!) weit davon entfernt, ihn zu hassen oder zu fürchten; im Gegentheil gefielen sie sich darin, seine außergewöhnlichen Thaten zu bewundern, wie wenn es sich um den Helden eines Ritterromanes oder um Dinge gehandelt hätte, die sich auf einem anderen Planeten zugetragen, und nicht im entferntesten fiel es ihnen ein, daß er auch hierher kommen könne, um dieselben Grausamkeiten, die er in Frankreich, Deutschland, Italien und anderen Ländern verübt, auch hier zu versuchen. Einmal wöchentlich, höchstens zweimal kam die Post aus Madrid nach dem größten Teile der bedeutenderen Städte der Halbinsel und brachte eine Nummer der Zeitung (die auch keine tägliche war) mit, und durch sie erfuhren die hauptsächlichsten Personen (wir wollen einmal annehmen, daß die Zeitung über diese Geringfügigkeiten berichtete), ob jenseits der Pyrenäen ein Staat mehr oder weniger existierte, ob wieder eine Schlacht geschlagen worden war, in der sechs oder acht Könige und Kaiser gekämpft, und ob Napoleon sich in Mailand, Brüssel oder Warschau befand. Im übrigen aber lebten unsere Vorväter ganz nach der alten spanischen Weise, äußerst langsam, an veralteten Gebräuchen klebend, im Frieden und der Gnade Gottes, mit ihrer Inquisition und ihren Mönchen, ihrer malerischen Ungleichheit vor dem Gesetz, mit ihren Privilegien, Gerechtsamen und persönlichen Vorrechten, mit ihrem Mangel an jeder politischen oder munizipalen Freiheit, wurden gleichzeitig von ihren berühmten Bischöfen und mächtigen Corregidoren, deren respektive Machtvollkommenheiten nicht leicht zu umgrenzen waren, da sich die einen wie die anderen mit dem Zeitlichen und Ewigen befaßten, regiert, und bezahlten Zehnten, Erstlinge, Handelsabgaben, Unterstützungsgelder, Almosen und gezwungene Vermächtnisse, Renten, Rentchen, Kopfsteuern, königliche tercias,[1] Abgaben, Steuern und wohl fünfzig Tribute mehr, deren Aufzählung hier nicht notwendig ist.

Und hiermit ist alles gesagt, was die vorliegende Erzählung mit dem militärischen und politischen jener Epoche zu thun hatte; denn unser alleiniger Zweck, wenn wir vorführten, was damals in der Welt geschah, war: zu konstatieren, daß in dem bewußten Jahre (sagen wir so um 1805) in Spanien noch das alte System in allen Kreisen des öffentlichen und privaten Lebens vorherrschte, wie wenn die Pyrenäen sich inmitten all dieser Neuerungen und Umwälzungen in eine andere chinesische Mauer verwandelt hätten.


2.
Wie die Leute damals lebten.

In Andalusien zum Beispiel (denn das, was ich erzählen will, trug sich gerade in einer andalusischen Stadt zu) erhoben sich die Leute von Stand sehr früh, gingen zur Frühmesse in die Kathedrale, wenn es auch kein verordneter Festtag war, frühstückten um neun Uhr einen Eierkuchen und eine Tasse Chokolade mit picatostes (in Öl geröstetes Brot), aßen um ein oder zwei Uhr nachmittags puchero[2] und principio, [3] wenn es Wild gab, wenn nicht, dann nur puchero allein, hielten nach dem Essen ihre Siesta, machten darauf einen Spaziergang durchs Feld, gingen in der Dämmerung in ihrem respektiven Kirchspiel zum Rosenkranz; zum Avemaria tranken sie noch eine Tasse Chokolade, diesmal jedoch mit Zwieback, und die vornehmsten unter ihnen gingen dann zur Abendgesellschaft beim Corregidor, dem Dekan, oder welcher Titel gerade der vorherrschende in der Stadt war. Beim Abendläuten zog man sich zurück, schloß die Hausthür beim Zapfenstreich, aß Salat und guisado (Geschmortes) aus Autonomasie, wenn nicht etwa frische Fische angekommen waren, zum Abendbrot und legte sich sogleich mit seiner Frau zu Bett, doch nicht, ohne daß während neun Monaten im Jahre das Bett vorher gewärmt worden wäre...

Das waren glückliche Zeiten, in denen unser Land im ruhigen, friedlichen Besitz aller Spinnengewebe, allen Staubes, aller Motten, allen Respektes, aller Glaubensmeinungen, aller Traditionen, Gebräuche und durch die Jahrhunderte geheiligten Mißbräuche dahinlebte! Glückliche Zeiten waren es, in denen es in der menschlichen Gesellschaft verschiedene Klassen, verschiedene Meinungen, verschiedene Gebräuche gab! Glückliche Zeiten! sage ich... und besonders für die Dichter, die hinter jeder Ecke eine Legende, eine Erzählung, eine Komödie, ein Drama, eine Novelle, ein Lustspiel, ein Zwischenspiel, ein Mysterium oder ein Epos fanden an Stelle dieser prosaischen Gleichförmigkeit und des geschmacklosen Realismus, den uns die französische Revolution als Erbteil hinterließ. — Glückliche Zeiten, wenn...

Aber da falle ich ja wieder in die alte Gewohnheit zurück. Genug also mit Allgemeinheiten und Umschweifen und laßt uns mutig beginnen mit der Geschichte vom Dreispitz.


3.
Do ut des.

Zu jener Zeit gab es in der Nähe der Stadt *** eine prächtige Mühle, die jetzt nicht mehr existiert, ungefähr eine Viertel Legua vom Orte entfernt, zwischen zwei mit Weichsel- und anderen Kirschbäumen bewachsenen Hügeln und einem sehr fruchtbaren Obstgarten, der einem verräterischen, intermittierenden Flusse als Rand — zuweilen auch als Bett — diente.

Seit einiger Zeit schon war die Mühle aus verschiedenen und unterschiedlichen Gründen der bevorzugte Ziel- und Ruhepunkt der angeseheneren Spaziergänger aus der vorerwähnten Stadt. Erstens führte eine Landstraße dorthin, die weniger unbefahrbar war als alle übrigen der Gegend. Zweitens befand sich vor der Mühle ein kleiner, gepflasterter Platz, von einer riesigen, mit Wein überzogenen Laube überschattet, in der man in sehr angenehmer Weise, dank dem immerwährenden Wechsel der Weinblätter, die Kühle des Sommers und die Sonne im Winter genießen konnte.... Drittens war der Müller ein sehr achtbarer Mann, sehr zurückhaltend, sehr schlau, der, was man so sagt, Menschenkenntnis besaß und die Leute zu nehmen wußte, und die großen Herren, die ihn zur Vesperstunde mit ihrem Besuche zu beehren pflegten, bewirtete, indem er ihnen anbot, was gerade die Jahreszeit so mit sich brachte, jetzt grüne Bohnen, dann Kirschen und Weichselkirschen, rohen Salat ohne Zuthaten (der ganz ausgezeichnet ist, wenn man ihn mit Röllchen von in Öl geröstetem Brote ißt, welche die Herrschaften gewöhnlich vorauszuschicken pflegten), Melonen, darauf Weintrauben von demselben Weinstock, der ihnen als Baldachin diente, dann Maiskolben und, wenn es Winter war, gebratene Kastanien, Mandeln und Nüsse und zuweilen an sehr kalten Tagen ein Schlückchen guten Weines (dann aber schon im Hause und beim wärmenden Feuer), dem man zu Weihnachten ein wenig Gebäck, eine Butterschnitte, eine Brezel oder eine Schnitte Schinken aus den Alpujarras hinzufügte.

War der Müller denn so reich, oder seine Gäste so anspruchsvoll? werdet ihr, mich unterbrechend, ausrufen. Weder eins noch das andere. Der Müller hatte nur gerade sein Auskommen, und jene Herren waren das personifizierte Zartgefühl und Stolz. Aber in einer Zeit, in der man der Kirche und dem Staat einige fünfzig verschiedene Abgaben bezahlte, da setzte ein so verständiger und hellsehender Mann wie jener nicht viel aufs Spiel, wenn er sich die Gunst der Regidoren, Canonici, Mönche, Schreiber und anderer einflußreichen Personen zu erwerben suchte. Darum fehlte es auch nicht an Leuten, die da behaupteten, daß der Tio Lucas, denn so hieß der Müller, jedes Jahr ein hübsches Sümmchen zurücklegte, weil er alle Welt bewirtete.

»Euer Gnaden könnten mir wohl ein altes Thürchen von dem heruntergerissenen Hause geben,« sagte er zu dem einen. »Euer Herrlichkeit,« sagte er zu dem andern, »könnten doch wohl Befehl geben, daß man mir die Unterstützungsgelder oder die Kopfsteuer oder den Steueraufschlag etwas erniedrigt.« — »Ehrwürden erlauben mir wohl, daß ich im Klostergarten ein bißchen Laub für meine Seidenwürmer abpflücke.« — »Durchlaucht geben mir wohl Erlaubnis, ein bißchen Brennholz im Walde X. zusammenzulesen.« — »Euer Väterlichkeit wird mir wohl ein paar Worte schreiben, damit man mir erlaubt, im Walde H. ein wenig Nutzholz abzuhauen.« — »Euer Wohlgeboren muß mir da so ein kleines Schriftchen aufsetzen, das nichts kostet.« — »In diesem Jahre kann ich den Zins nicht bezahlen.« — »Ich hoffe, daß der Prozeß zu meinen Gunsten entschieden werden wird.« — »Heute habe ich einem ein paar Ohrfeigen gegeben, und mich dünkt, der muß ins Gefängnis gesteckt werden, weil er mich dazu herausgefordert hat.« — »Hätten Euer Gnaden das wohl übrig?« — »Brauchen Sie das noch zu irgend etwas?« — »Könnten Sie mir Ihr Maultier leihen?« — »Brauchen Sie morgen Ihren Wagen?« — »Was meinen Sie, darf ich wohl den Esel ein wenig holen lassen?« — Und dies Liedchen wiederholte sich stets und in allen Tonarten und erhielt immer die großmütige Antwort: »Wie Sie wünschen.«

Daraus seht ihr wohl schon, daß Tio Lucas nicht auf dem Wege war, sich zu Grunde zu richten.


4.
Eine Frau von außen besehen.

Der letzte und vielleicht der stärkste Grund, den die Herrschaften aus der Stadt hatten, alle Nachmittage die Mühle des Tio Lucas zu besuchen, war wohl der, daß sowohl die Geistlichen wie die Laien, vom Herrn Bischof und dem Herrn Corregidor (denn auch diese verachteten es nicht, sie zu besuchen) an, ganz nach ihrer Bequemlichkeit eines der schönsten, anmutigsten, bewundernswürdigsten Werke betrachten konnten, die je aus der Hand Gottes oder, wie man damals mit Jovellanos und der ganzen französischen Schule unseres Vaterlandes sagte, des höchsten Wesens hervorgegangen.

Dies Werk war die Seña Frasquita.[4]

Vor allen Dingen will ich erst sagen, daß die Seña Frasquita, die rechtmäßige Frau des Tio Lucas, eine vortreffliche Frau war, und das wußten alle illustren Besucher der Mühle. Ich sage noch mehr: keiner von ihnen wagte es, sie auch nur mit begehrlichen Blicken oder in sündhafter Absicht zu betrachten. Sie bewunderten sie, und Mönche und Herren, Canonici und obrigkeitliche Personen beliebten, sie zuweilen, natürlich in Gegenwart ihres Mannes, als ein Wunder von Schönheit, das seinen Schöpfer ehrte, und als eine kleine Teufelin voll Übermut und Koketterie, die unbewußt die schwermütigsten Geister aufheiterte, zu preisen. »Sie ist ein schönes Tierchen,« pflegte der sehr tugendsame Prälat zu sagen. — »Sie ist wie eine Statue des hellenischen Altertums,« bemerkte ein sehr gelehrter Advokat, ein korrespondierendes Mitglied der Akademie der Geschichte. — »Sie ist wahrhaftig eine zweite Eva.« brach der Prior der Franziskaner los. — »'s ist ein königliches Weib,« rief der Oberst der Miliz. — »Es ist eine Schlange, eine Sirene, ein Dämon,« fügte der Corregidor hinzu. — »Aber sie ist eine gute Frau, ein Engel, ein liebliches Geschöpfchen, wie ein vierjähriges Kindchen,« schlossen endlich alle, wenn sie von der Mühle, vollgestopft mit Weintrauben oder Nüssen, heimkehrten, um ihren düsteren, methodischen Herd aufzusuchen.

Die vierjährige Kleine, das heißt die Seña Frasquita, war so nahe an die dreißig. Sie war über fünf Fuß groß und verhältnismäßig stark, oder fast noch stärker als es für ihre stolze Figur paßte. Sie sah aus wie eine kolossale Niobe, und doch hatte sie keine Kinder gehabt, ein weiblicher Herkules, eine römische Matrone, wie man noch einige Exemplare im Trastevere sieht. Aber das Bemerkenswerteste an ihr war die Beweglichkeit, die Lebhaftigkeit und Anmut dieser respektablen Form. Um eine Statue zu sein, wie der Akademiker behauptete, fehlte ihr die monumentale Ruhe. Wie ein Rohr bog sie sich, drehte sich wie eine Wetterfahne, tanzte wie ein Brummkreisel. Ihr Gesicht war noch beweglicher und am wenigsten plastisch. In der reizendsten Weise wurde es von fünf Grübchen belebt, zwei in einer Wange, eins in der andern, ein ganz kleines am linken Winkel ihrer lachenden Lippen, und das letzte, sehr große mitten in ihrem runden Kinn. Fügt zu all diesem schelmische Grimassen, anmutiges Blinzeln und verschiedene Kopfstellungen, welche ihre Unterhaltung noch angenehmer machten, und ihr könnt euch eine Vorstellung von jenem Gesicht voll Geist und Schönheit machen, das immer von Gesundheit und Heiterkeit widerstrahlte.

Weder die Seña Frasquita noch der Tio Lucas waren Andalusier; sie war aus Navarra und er aus Murcia. Fünfzehn Jahre alt war er halb als Page, halb als Diener des früheren Bischofs, nicht dessen, der augenblicklich die Kirche regierte, nach *** gegangen. Sein Beschützer erzog ihn zum Geistlichen, und damit es ihm nicht an der cóngrua (dem Einkommen des Priesters zu seiner Unterhaltung) fehle, hatte er ihm in seinem Testamente jene Mühle vermacht; aber Tio Lucas, der beim Tode Sr. Hochwürden noch nicht ordiniert war, hing zur selben Stunde seine Kleider an den Nagel und ließ sich als Soldat anwerben, da er größere Lust hatte, die Welt zu sehen und Abenteuer zu bestehen, als Messe zu lesen oder Mehl zu mahlen. 1793 machte er den Feldzug in den westlichen Pyrenäen als Ordonnanz des tapferen Generals Don Ventura Caro mit, war bei der Einnahme von Castillo-Piñon und blieb dann lange Zeit in den nördlichen Provinzen. In Estella lernte er die Seña Frasquita kennen, die sich damals nur Frasquita nannte, verliebte sich in sie, heiratete sie und nahm sie mit sich nach Andalusien in jene Mühle, welche sie so friedlich und glücklich während des übrigen Teiles ihrer Pilgerschaft durch dies Thal der Thränen und des Lachens sehen sollte.

Dadurch, daß die Seña Frasquita von Navarra aus unmittelbar in diese Einsamkeit verpflanzt worden war, hatte sie keine andalusischen Sitten angenommen und unterschied sich darum auch sehr von den übrigen Landbewohnerinnen der Umgegend. Sie kleidete sich einfacher, anmutiger und eleganter als sie, wusch sich öfter und gestattete der Sonne und der Luft, ihre entblößten Arme und ihren unbedeckten Hals zu liebkosen. Bis zu einem gewissen Grade trug sie die Tracht der Damen jener Epoche, die Tracht der Frauen von Goya, die Tracht der Königin Marie Louise; wenn es auch nicht ein Rock von einem halben Schritt war, so war er doch nicht mehr als einen Schritt weit, sehr kurz, so daß er ihre kleinen Füße und den Ansatz ihres prachtvollen Beines sehen ließ, der Ausschnitt rund und niedrig, nach Madrider Art und Weise, wo sie sich zwei Monate lang mit ihrem Lucas aufgehalten hatte, als sie von Navarra nach Andalusien übersiedelten. Das Haar war oben auf dem Wirbel zusammengenommen, was die ganze Schönheit ihres Kopfes und Halses freiließ; prächtige Ohrgehänge in ihren kleinen Ohren und viele Ringe auf den zugespitzten Fingern ihrer harten, aber reinen Hände. Und zum Schluß: Seña Frasquitas Stimme umschloß alle Töne eines sehr ausgedehnten, melodiösen Instrumentes, und ihr Lachen war so heiter und silberhell, wie das Geläute am heiligen Ostermorgen.

Nun wollen wir auch das Bild des Tio Lucas zeichnen.


5.
Ein Mann, von innen und von außen besehen.

Der Tio Lucas war häßlicher als Picio. Er war es schon immer gewesen, und jetzt war er vierzig Jahre alt. Und doch hat wohl Gott wenige so sympathische und angenehme Männer in die Welt gesetzt. Von seiner Lebhaftigkeit, seinem Witz und seinem Verstande eingenommen, hatte ihn der verstorbene Bischof von seinen Eltern, die Hirten, aber nicht Seelen-, sondern leibhaftige Schafhirten waren, verlangt. Als Se. Hochwürden gestorben war und der junge Bursche das Seminar mit der Kaserne vertauscht hatte, zeichnete der General Caro ihn vor dem ganzen Heere aus, indem er ihn zu seiner vertrauten Ordonnanz machte. Als Tio Lucas endlich seine militärische Laufbahn aufgegeben, wurde es ihm ebenso leicht, das Herz der Seña Frasquita zu erobern, wie es ihm leicht geworden, die Achtung des Generals und des Prälaten zu erwerben. Die Navarresin, die zu jener Zeit zwanzig Frühlinge zählte und der Augapfel aller jungen Bursche von Estella, und darunter recht reiche, war, konnte den fortgesetzten Artigkeiten, den witzigen Einfallen, den Blicken des verliebten Affen und dem spöttischen, beständigen Lächeln voller Bosheit, aber auch voller Sanftmut jenes kecken, beredten, klugen, bereitwilligen, tapfern und witzigen Murcianers nicht widerstehen, und so verdrehte er ihr endlich den Kopf, und nicht allein der vielbegehrten Schönheit, sondern auch ihren Eltern.

Lucas war dazumal und bis zu dem Zeitpunkte, von dem wir jetzt sprechen, von kleiner Statur (wenigstens im Verhältnis zu seiner Frau), mit etwas hohen Schultern, sehr brünett, mit dünnem Bart, großer Nase, großen Ohren und blatternarbig. Dagegen war sein Mund regelmäßig und sein Gebiß unvergleichlich schön. Eigentlich konnte man sagen, daß nur die Schale rauh und häßlich an jenem Manne war; sobald man aber anfing, in das Innere einzudringen, so erschienen alle seine Vorzüge, und diese Vorzüge begannen mit den Zähnen, dann kam die Stimme, vibrierend, biegsam, anziehend, zuweilen männlich und ernst, süß und weich wenn er um etwas bat, und fast stets unwiderstehlich. Darauf kam das, was er mit jener Stimme sagte: Alles zur rechten Zeit, verständig, klug, überzeugend... Und zuletzt waren in der Seele des Tio Lucas Mut, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, gesunder Menschenverstand, Wunsch nach Wissen, sowie instinktive oder durch die Erfahrung gewonnene Kenntnisse vieler Dinge, eine tiefe Verachtung aller Narren, welcher gesellschaftlichen Kategorie sie auch angehören mochten, und ein Geist der Ironie, des Spottes, des Sarkasmus, welcher ihm in den Augen des Akademikers das Ansehen eines ungeschliffenen Don Francisko de Quevedo gab.

So war also der Tio Lucas von innen und von außen beschaffen.


6.
Fertigkeiten der beiden Ehegatten.

Die Seña Frasquita liebte also den Tio Lucas ganz wahnsinnig und hielt sich für die glücklichste Frau der Welt, weil sie von ihm angebetet wurde. Wie wir schon gesagt haben, hatten sie keine Kinder, und so hatten sie es sich gegenseitig zur Aufgabe gemacht, sich mit unsäglicher Sorgfalt zu pflegen und zu verhätscheln, ohne daß jedoch dies zärtliche Besorgtsein in Sentimentalität und Süßigkeit ausartete, wie bei allen übrigen kinderlosen Ehen. Im Gegenteil, sie behandelten sich mit einer solchen Freiheit, Heiterkeit, einem Scherz und Vertrauen, wie man es bei Kindern, bei Spielkameraden findet, die sich von ganzer Seele liebhaben, ohne es sich zu sagen, ja vielleicht sich nicht einmal klar werden über das, was sie fühlen.

Auf der ganzen Erde gab es gewiß nie einen besser gekämmten, besser gekleideten, im Essen mehr verwöhnten Müller, der in seinem Hause so von allen Bequemlichkeiten umgeben gewesen wäre, wie der Tio Lucas. Und gewiß ist keine Müllerin, nein, auch keine Königin, der Gegenstand so vieler Aufmerksamkeiten, so vieler Artigkeiten und Höflichkeiten gewesen, wie die Seña Frasquita. Es ist ganz undenkbar, daß je eine Mühle so viele notwendige, nützliche, angenehme, zur Erholung dienende und sogar überflüssige Dinge enthalten hätte, wie die, welche der Schauplatz fast der ganzen Erzählung sein wird.

Viel trug auch dazu bei, daß die Seña Frasquita, die saubere, thätige, starke, gesunde Navarresin, zu kochen, nähen, stricken, fegen, Zuckerwerk bereiten, waschen, plätten, ihr Haus tünchen, das Kupfergeschirr putzen, Brot backen, weben, singen, tanzen, Guitarre spielen, Trommel schlagen, Brisca und Tute spielen und noch viele andere Dinge, deren Aufzählung endlos wäre, verstand, wollte und konnte. Und nicht weniger trug zu diesem günstigen Resultate bei, daß Tio Lucas die Mühle zu verwalten, das Feld zu bebauen, jagen, fischen, als Zimmermann, Schmied und Maurer zu arbeiten, seiner Frau in allen häuslichen Geschäften zur Hand zu gehen, lesen, schreiben, rechnen u. s. w. u. s. w. verstand, wollte und konnte. Und dabei erwähnen wir noch gar nicht einmal die Luxusbranchen, oder deutlicher gesprochen, seine außerordentlichen Fertigkeiten ... zum Beispiel der Tio Lucas liebte die Blumen (gerade wie seine Frau) und war ein so ausgezeichneter Blumenzüchter, daß es ihm gelungen war, infolge mühevoller Kombinationen neue Exemplare hervorzubringen. Er hatte auch etwas von einem natürlichen Ingenieur, und das hatte er bewiesen, indem er ein Wehr, einen Heber und eine Wasserleitung erbaut hatte. Er hatte einen Hund tanzen gelehrt, eine Schlange gezähmt und einen Papagei dahin gebracht, daß er die Stunden, welche eine von dem Müller an die Wand gezeichnete Sonnenuhr angab, durch einen Ruf andeutete, und zwar so genau, daß er es selbst an bewölkten Tagen und während der Nacht nicht verabsäumte.

Endlich besaß der Müller noch einen Obstgarten, der alle Arten Früchte und Gemüse hervorbrachte; einen Teich, von einer Art von Jasminkiosk umgeben, wo sich der Tio Lucas und die Seña Frasquita im Sommer badeten, einen Blumengarten, ein Treibhaus für exotische Pflanzen, einen Brunnen mit trinkbarem Wasser, zwei Esel, auf denen das Ehepaar in die Stadt oder die umliegenden Ortschaften ritt, Hühnerhof, Taubenschlag, Vogelhaus, Fischzuchtteich, Zucht von Seidenwürmern, Bienenstöcke, deren Bienen aus dem Jasmin süße Nahrung sogen, Kelter mit dazugehörigem Keller, beides freilich in Miniatur, Backofen, Webstuhl, Schmiede, Zimmerhof u. s. w. u. s. w., all dies bei einem Hause mit acht Zimmern, zwei Fanegas Acker und auf zehntausend Realen abgeschätzt.


7.
Der Grund der Glückseligkeit.

Also der Müller und die Müllerin liebten sich rasend, und fast konnte man glauben, daß sie ihn noch mehr liebte, als er sie, obgleich er so häßlich und sie so schön war. Das meine ich, weil die Seña Frasquita eifersüchtig zu sein pflegte und vom Tio Lucas, wenn er sehr spät aus der Stadt oder den umliegenden Dörfern, wo er Korn holte, zurückkehrte, Rechenschaft verlangte, während Tio Lucas die Aufmerksamkeiten, welche die seine Mühle besuchenden Herren der Seña Frasquita erzeigten, mit Vergnügen bemerkte. Er erfreute und ergötzte sich daran, daß sie allen so wie ihm gefiel, und obgleich er im Grunde seines Herzens fühlte, daß manche ihn darum beneideten, sie wie einfache Sterbliche begehrten und wer weiß was gegeben hätten, wenn sie eine weniger brave Frau gewesen wäre, so ließ er sie doch ganze Tage allein, ohne die geringste Sorge, und fragte nie gleich, was sie gethan hätte oder wo sie während seiner Abwesenheit gewesen wäre.

Das lag aber nicht etwa darin, daß die Liebe des Tio Lucas weniger leidenschaftlich gewesen wäre, als die der Seña Frasquita, sondern weil er mehr Vertrauen zu ihr hatte, als sie zu ihm, weil er sie an Scharfsinn übertraf und wußte, in welchem Grade er von ihr geliebt wurde, und wie sehr seine Frau sich selbst achtete, es bestand hauptsächlich darin, daß der Tio Lucas ein ganzer Mann war, ein Mann wie die Shakespeareschen, mit wenigen, aber unteilbaren Gefühlen, des Zweifels unfähig, der entweder glaubte oder starb, der liebte oder tötete, der keine Abstufung oder allmählichen Uebergang zwischen der höchsten Glückseligkeit oder dem Untergange seines Glückes zuließ. Er war ein Othello von Murcia mit alpargatas (Schuhe, mit Spartostricken befestigt) und Jagdmütze im ersten Akt einer möglichen Tragödie.

Aber warum diese düsteren Noten in einem so lustigen Sang? Warum diese erschrecklichen Blitze in einer so heitern Atmosphäre? Warum diese melodramatischen Stellungen in einem Genrebilde?

Das werdet ihr alsogleich erfahren.


8.
Der Mann mit dem Dreispitz.

Es war zwei Uhr an einem Oktobernachmittag. Die kleine Turmuhr an der Kathedrale läutete zur Vesper, das bedeutete, daß schon alle die vornehmsten Personen der Stadt zu Mittag gegessen hatten.

Die Canonici wendeten sich nach dem Chor und die Laien nach ihren Alkoven, um Siesta zu halten, und zwar besonders diejenigen, welche infolge ihrer Obliegenheiten, wie zum Beispiel die Behörden, den ganzen Morgen hindurch gearbeitet hatten.

Um so erstaunlicher war es also, daß zu jener Stunde, die schon, weil es noch zu heiß war, zum Spaziergange ganz ungeeignet schien, der illustre Herr Corregidor der Stadt zu Fuß, nur von einem einzigen alguacil begleitet, dieselbe verließ, und darüber konnte kein Zweifel herrschen, denn weder bei Tag, noch bei Nacht hätte man ihn mit irgend jemand verwechseln können, erstens wegen seines ungeheuren Dreispitzes und dem anfallenden Mantel von rotem Tuch, zweitens wegen seines eigentümlichen grotesken Aussehens.

Von dem roten Tuchmantel und dem Dreispitz können noch viele Personen aus eigener Anschauung erzählen. Wir unter ihnen, ebenso alle diejenigen, welche in den letzten Jahren der Regierung Sr. Majestät Don Fernando VII. in jener Stadt geboren wurden, erinnern uns sehr wohl jener beiden veralteten Kleinodien, des Mantels und des Hutes, der schwarze Hut darüber und den roten Mantel darunter an einem Nagel hängen gesehen zu haben, als einzigen Schmuck einer bröckligen Wand in dem Turme des Hauses, das Seine Herrlichkeit bewohnte und welches jetzt den kindlichen Spielen seiner Enkel zum Schauplatz dient. Wie eine Art von Gespenst des Absolutismns, eine Art von Schweißtuch des Corregidors, eine Art von rückwärts gewandter Karikatur seiner Macht, mit Kreide und Rotstift gezeichnet, wie so viele andere, hingen sie dort für uns kleine Konstitutionelle vom Jahre 1837, die wir uns dort versammelten, eine Art von Vogelscheuche, die zu anderen Zeiten eine Menschenscheuche gewesen war, die mir heute fast Furcht einflößt, weil ich dazu beigetragen habe, sie ihres Ansehens zu berauben, indem ich sie auf der Spitze eines Schornsteinwischers zur Karnevalszeit durch die historische Stadt getragen habe, oder indem sie einem Narren, der das Volk zu stetem Lachen reizte, als Vermummung diente. Armes Prinzip der Autorität! So haben dir diejenigen mitgespielt, die dich heute vergebens anrufen.

Was nun das groteske Aussehen des Herrn Corregidors betrifft, so bestand es darin, daß er, wie man sagt, hohe Schultern hatte, noch viel höhere als der Tio Lucas ... fast bucklig, um es gerade herauszusagen; seine Statur war unter Mittelgröße und schwächlich, seine Gesundheit schwankend; er hatte gewölbte Beine und eine Art und Weise zu gehen, ganz sui generis, indem er sich von der einen Seite nach der anderen wiegte, und von hinten nach vorne, die man nur mit der absurden Phrase bezeichnen kann, daß es schien, wie wenn er auf beiden Füßen lahm wäre. Zum Ersatz dafür aber fügt die Tradition hinzu, war sein Gesicht regelmäßig, wenn auch durch den Mangel an Zähnen ziemlich runzlig, grünlich brünett, wie fast alle Söhne Castiliens, mit großen, dunklen Augen, in denen Zorn, Despotismus und Sinnlichkeit Blitze warfen, mit feinen, verschmitzten Gesichtszügen, die zwar nicht den Ausdruck persönlichen Mutes, aber einer versteckten, zu allem fähigen Bosheit trugen; dabei eine gewisse Miene der Befriedigung, halb Aristokrat, halb Libertin, die ganz deutlich zeigte, daß jener Mann, trotz seiner Beine und seines Buckels, in seiner frühen Jugend den Frauen angenehm gewesen und von ihnen angenommen worden war.

Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon (das war der Name Sr. Herrlichkeit) war in Madrid geboren, aus berühmtem Geschlechte und war zu jener Zeit ungefähr fünfundfünfzig Jahre alt. Vier Jahre war er als Corregidor in der erwähnten Stadt gewesen, wo er sich, kurz nach seiner Ankunft, mit der hervorragendsten Dame, von der wir noch weiter unten sprechen werden, verheiratet hatte.

Don Eugenios Strümpfe, außer den Schuhen der einzige Teil seiner Bekleidung, welchen der sehr umfangreiche rote Mantel freiließ, waren weiß, und die Schuhe schwarz mit goldener Schnalle. Als aber die Wärme auf dem freien Felde ihn veranlaßte, seine Umhüllung zu lüften, sah man, daß er eine große Krawatte von Batist trug, eine taubenfarbige Sergeweste, über und über mit grünen Zweigen gemustert, kurze, schwarzseidene Beinkleider, einen ungeheueren Rock von demselben Stoffe wie die Weste, einen Galanteriedegen mit Stahlgefäß, Stock mit Quasten und ein respektables Paar Handschuhe von gelblichem Wildleder, die er nie anzog und nur in der Mitte wie eine Art von Szepter umfaßte.

Der Alguacil, der dem Herrn Corregidor auf zwanzig Schritte Entfernung folgte, hieß Garduña und war das leibhaftige Conterfei seines Namens (Marder). Mager, sehr behend, sah er im Gehen vorwärts und rückwärts, nach rechts und nach links zu gleicher Zeit, mit langem Halse, ganz kleinem, widerwärtigem Gesichte, und mit zwei Händen, die wie zwei Bündel Ruten aussahen, glich er sowohl einem Späher auf der Suche nach Verbrechern, als dem Strick, der sie binden, und dem Instrumente, das sie bestrafen sollte.

Als der Blick des ersten Corregidors auf ihn fiel, sagte dieser, ohne weitere Erkundigungen einzuziehen, »du wirst mein wahrer Alguacil sein.« Und vier Corregidoren hatte er gedient.

Er war achtundvierzig Jahre alt und trug einen Dreispitz, der viel kleiner, als der seines Herrn, der, wir wiederholen es, einen ganz ungewöhnlichen Umfang hatte, einen Mantel, schwarz wie die Strümpfe und der übrige Anzug, einen Stock ohne Quasten und eine Art von Bratspieß an Stelle des Degens.

Jenes schwarze Gespenst schien der Schatten seines auffallend gekleideten Gebieters zu sein.


9.
Hü, Esel!

Wo auch immer diese Persönlichkeit und sein Untergebener vorüberkamen, verließen die Arbeiter ihre Thätigkeit und entblößten ihre Häupter so tief, daß der Hut die Erde fast berührte, doch eigentlich mehr aus Furcht als aus Achtung; war er vorüber, so sagten sie mit leiser Stimme:

»Heute geht aber der Herr Corregidor sehr früh zur Seña Frasquita.«

»Sehr früh... und allein!« fügten andere hinzu, die gewohnt waren, ihn diesen Spaziergang immer in Gesellschaft verschiedener anderer Personen machen zu sehen.

»Höre du, Manuel, warum geht wohl der Herr Corregidor heute allein, um die Seña Frasquita zu besuchen?« fragte eine Bäuerin ihren Mann, der sie hinter sich auf dem Esel hatte.

Und während sie ihn fragte, kitzelte sie ihn, um ihn zu reizen. »Denk' doch nicht gleich Schlechtes, Josepha!« rief der gute Mann aus, »die Seña Frasquita ist nicht imstande...«

»Sage ich denn das Gegenteil? Aber darum ist doch der Herr Corregidor nicht etwa nicht imstande, sich in sie zu verlieben... Ich habe sagen hören, daß von allen, die zu den Schmausereien nach der Mühle gehen, dieser Madrider, der den Unterröcken so nachläuft, der einzige ist, der mit bösen Absichten dorthin geht.«

»Und was weißt du davon, ob er den Unterröcken nachläuft oder nicht?« fragte seinerseits der Mann.

»Das sage ich nicht von mir selbst... Und wenn er auch tausendmal Corregidor wäre, er würde sich wohl gehütet haben, mir auch nur zu sagen, du hast schwarze Augen.«

Die so sprach, war häßlich im Superlativ.

»Na, sieh mal, Kind, da mögen sie zusehen!« erwiderte der Manuel Genannte. »Ich glaube nicht, daß der Tio Lucas der Mann dazu ist, um darauf einzugehen... Der hat ein hübsches Temperament, der Tio Lucas, wenn er böse wird!«

»Na, aber man sieht ja, daß es ihm paßt,« fügte Tia Josepha hinzu und rümpfte die Nase.

»Tio Lucas ist ein Biedermann,« entgegnete der Bauer, »und einem Biedermanne können solche Dinge nicht passen.«

»Na ja, darin hast du recht... Mögen sie zusehen... Wenn ich die Seña Frasquita wäre...«

»Hü, Esel!« schrie der Mann, um das Gespräch zu wechseln.

Der Esel setzte sich in Trab, und so konnte man den Rest der Unterhaltung nicht mehr hören.


10.
Vom Rebengeländer aus.

Während so die den Corregidor grüßenden Ackerleute unter sich sprachen, sprengte und fegte die Seña Frasquita sorgfältig den gepflasterten Platz, welcher der Mühle als Atrium diente, und stellte ein halbes Dutzend Stühle dahin, wo das Weinlaub der Laube noch am dichtesten war, auf welche Tio Lucas gestiegen war und die besten Trauben abschnitt, um sie künstlerisch in einem Korbe zu arrangieren.

»Nun ja, Frasquita,« sagte der Tio Lucas oben von der Laube herunter, »der Herr Corregidor ist in sehr schlechter Weise in dich verliebt.«

»Das habe ich dir schon vor langer Zeit gesagt,« antwortete die Frau aus dem Norden; »aber laß ihn doch seufzen... Nimm dich in acht, Lucas, daß du nicht fällst!«

»Sei ohne Sorge, ich halte mich schon fest.... Auch gefällst du dem Herrn...«

»Hör 'mal, jetzt höre auf mit deinen Nachrichten,« unterbrach sie ihn. »Ich weiß nur zu gut, wem ich gefalle und wem nicht. Wenn ich doch nur ebenso gut wüßte, warum ich dir nicht gefalle.«

»Na, das ist stark. Weil du so häßlich bist!« antwortete Tio Lucas.

»Hör 'mal... häßlich und alles, ich bin imstande, auf die Weinlaube zu steigen und dich kopfüber auf den Boden zu werfen.«

»Viel wahrscheinlicher wäre es, daß ich dich nicht von der Laube herabsteigen ließe, ohne dich vorher lebendig aufzuessen.«

»Da haben wir's... und wenn dann meine Anbeter kommen und uns da sähen, dann möchten sie gar am Ende sagen, daß wir zwei Affen seien.«

»Und da würden sie den Nagel auf den Kopf treffen, denn du bist so ein rechter Affe, und so hübsch, und ich sehe wie ein Affe aus mit meinem Buckel...«

»Der mir gerade sehr gefällt.«

»Dann wird dir der des Corregidors noch besser gefallen, der ist ja noch größer als meiner.«

»Ei, ei, sehen Sie einmal, mein Herr Don Lucas, seien Sie nicht so eifersüchtig!«

»Ich eifersüchtig, auf den alten Waschlappen? Im Gegenteil, ich freue mich sehr, daß er dich liebt.«

»Warum?«

»Weil in der Sünde selbst die Strafe liegt. Du wirst ihn nie lieben, und ich bin während der Zeit der eigentliche Corregidor der Stadt.«

»Seht einmal den eitlen Menschen an! Stelle dir aber nun einmal vor, daß ich ihn lieben lernte... Es sind schon seltsamere Dinge in der Welt vorgekommen.«

»Das wäre mir auch ziemlich gleichgiltig.«

»Warum?«

»Weil du dann nicht mehr du sein würdest, und da du nicht bist, die du bist, oder für die ich dich wenigstens halte, da mach' ich mir den Teufel was daraus, ob dich alle Dämonen holen.«

»Aber was würdest du in einem solchen Falle thun?«

»Ich? Hm, hör 'mal, das weiß ich nicht... denn, da ich dann ein anderer sein würde, als ich jetzt bin, so kann ich mir nicht vorstellen, was ich dann wohl denken würde.«

»Und warum würdest du ein anderer sein?«

»Weil ich jetzt ein Mann bin, der an dich glaubt wie an sich selbst, und dessen ganzes Leben nur dieser Glaube ist. Folglich, wenn ich nicht mehr an dich glauben würde, so würde ich sterben oder mich in einen neuen Menschen verwandeln, auf eine andere Art und Weise leben. Mir würde es vorkommen, wie wenn ich eben erst geboren wäre, und ich würde andere Gefühle hegen. Ich weiß nicht, was ich dann mit dir thun würde... Vielleicht würde ich lachen und dir den Rücken wenden... Vielleicht würde ich dich nicht kennen... Vielleicht... Aber geh doch, was für einen Gefallen können wir daran finden, uns unnötig in üble Laune zu versetzen. Was geht das uns an, wenn dich alle Corregidoren der Welt lieben? Bist du nicht meine Frasquita?«

»Ja, du alter Barbar!« antwortete die Seña Frasquita, aus vollem Halse lachend. »Ich bin deine Frasquita, und du bist mein Herzens-Lucas, der häßlicher ist als ein Pavian, der mehr Talent hat als alle übrigen Männer, der besser ist als das Brot, und den ich mehr liebe... Na, steige nur erst von dem Spalier herunter, dann wirst du schon sehen, was das »lieben« heißt!... Bereite dich nur vor, so viel Ohrfeigen zu bekommen und so viel gekniffen zu werden, wie du Haare auf dem Kopfe hast... Aber still, was sehe ich! Der Herr Corregidor kommt ganz allein hierher... Und so früh... Der hat einen Plan.«

»Dann nimm dich ein wenig zusammen und sage ihm nicht, daß ich hier oben bin. Er kommt gewiß, um mit dir allein eine Erklärung zu haben, denn er nimmt an, daß ich meine Siesta halte. Ich will mich amüsieren, indem ich seine Erklärung mit anhöre.«

So sprach Tio Lucas und reichte seiner Frau den Korb hinunter.

»Das ist kein übler Gedanke,« rief sie und brach von neuem in ein Gelächter aus. »Dieser Teufel von einem Madrileñer! Was glaubt der denn, was mir ein Corregidor gilt? Aber, da kommt er. Garduña, der ihm in einiger Entfernung folgte, hat sich im Graben in den Schatten gesetzt... Wie albern! Verstecke dich gut hinter dem Weinlaub, denn wir werden mehr lachen, als du dir vielleicht einbildest.«

Und nachdem sie dies gesagt, fing die schöne Navarresin an den Fandango zu singen, mit dem sie schon ebenso vertraut war wie mit den Liedern ihrer Heimat.


11.
Das Bombardement von Pamplona.

»Gott behüte dich, Frasquita,« sagte der Corregidor halblaut, als er unter der Laube erschien und sich auf den Fußspitzen näherte.

»Wie gut von Ihnen, Herr Corregidor!« antwortete sie mit natürlicher Stimme, indem sie ihm tausend Bücklinge machte. »Euer Gnaden schon zu dieser Stunde! Und bei der Hitze! Setzen sich Eure Herrlichkeit! Hier ist es hübsch kühl! — Und Euer Gnaden haben die anderen Herren nicht abgewartet?... Da stehen schon alle Sitze für die Herren... Heute Nachmittag erwarten wir auch den Herrn Bischof in Person, er hat meinem Lucas versprochen, die ersten Trauben vom Weinstock zu kosten. Und wie befinden sich Euer Gnaden? Wie geht es der Frau Gemahlin?«

Der Corregidor war verwirrt; das so ersehnte Alleinsein, in dem er sich mit der Seña Frasquita befand, kam ihm wie ein Traum vor oder wie eine Schlinge, welche ihm das feindliche Geschick legte, um ihn in den Abgrund der Täuschung fallen zu lassen.

So beschränkte er sich nur darauf, zu sagen:

»Es ist nicht so früh, wie du sagst... es wird ungefähr halb vier Uhr sein.«

In dem Augenblicke pfiff der Papagei.

»Es ist einviertel auf drei,« sagte die Navarresin, und sah den Madrileñer steif und unverwandt an.

Dieser schwieg, wie ein überführter Verbrecher, der auf die Verteidigung verzichtet.

»Und Lucas? Schläft er?« fragte er nach einem Augenblicke.

Wir müssen hier noch bemerken, daß der Corregidor, wie alle Zahnlosen, eine unbestimmte, zischende Aussprache hatte, wie wenn er seine eigenen Lippen äße.

»Ja, freilich,« antwortete die Seña Frasquita. »Um diese Zeit, da schläft er, wo es ihn gerade überfällt und wäre es am Rande eines Abgrundes.«

»Nun höre, so laß ihn schlafen,« rief der alte Corregidor aus und wurde noch bleicher, als er schon von Natur war. »Und du, meine liebe Frasquita, höre einmal ... sieh... komm her... Setze dich hierher, so, an meine Seite. Ich habe dir viele Dinge mitzuteilen.«

»Da sitze ich,« antwortete die Müllerin, ergriff einen niedrigen Stuhl und setzte ihn in ganz geringer Entfernung von dem des Corregidors nieder.

Sobald Frasquita sich gesetzt hatte, legte sie ein Bein über das andere, bog den Körper ein wenig vor, stützte einen Ellbogen auf das übergeschlagene Knie und das frische, schöne Gesicht auf eine ihrer Hände, und so, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, mit lächelnden Lippen, wobei alle fünf Grübchen in Thätigkeit kamen, und die heiteren, reinen Pupillen auf den Corregidor geheftet, erwartete sie die Erläuterung Seiner Gnaden. Wahrhaftig, man konnte sie mit Pamplona vergleichen, welches das Bombardement erwartet.

Der arme Mann wollte sprechen, aber vor dieser grandiosen Schönheit, vor dieser strahlenden Anmut, vor jener schrecklichen Frau mit der Alabasterhaut, den üppigen Formen, dem reinen, lachenden Munde, den blauen, unergründlichen Augen, die der Pinsel eines Rubens erschaffen zu haben schien, blieb er mit offenem Munde wie behext sitzen. »Frasquita!« murmelte endlich der Abgesandte des Königs mit schwacher Stimme, während sein vertrocknetes Gesicht, das sich in Schweiß gebadet von seinem Buckel abhob, eine unsägliche Qual ausdrückte, »Frasquita!«

»So heiße ich,« antwortete die Tochter der Pyrenäen. »Sie wünschen?«

»Was du willst,« erwiderte der Alte mit unendlicher Zärtlichkeit.

»Nun, was ich will, das weiß ja Ew. Gnaden,« sagte die Müllerin. »Was ich will? Ew. Gnaden sollen einen Neffen von mir in Estella zum Sekretär beim Stadtgericht ernennen, damit er jene Berge verlassen kann, wo es ihm herzlich schlecht geht.«

»Ich habe dir schon gesagt, Frasquita, daß das unmöglich ist; der gegenwärtige Sekretär...«

»Ist ein Dieb, ein Trunkenbold, ein Esel.«

»Das weiß ich. Er hat aber sehr gute Beschützer unter den lebenslänglichen Regidoren, und ich kann ohne Einwilligung des Stadtrates keinen anderen ernennen. Sonst setze ich mich aus — —«

»Ich setze mich aus, ich setze mich aus.... Und welchen Gefahren würden wir uns nicht um Ew. Gnaden willen aussetzen, wir alle, bis hinunter zu den Katzen im Hause?«

»Würdest du mich um diesen Preis lieben?« stammelte der Corregidor.

»Nein, Herr Corregidor, denn ich liebe Ew. Gnaden umsonst.«

»Weib, gieb mir nicht so viele Titel! Nenne mich Sie oder wie du Lust hast... Hä, so wirst du mich also lieben? ... Sag —«

»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie schon liebe?«

»Aber...«

»Dabei ist kein ›aber‹. Sie sollen nur sehen, wie hübsch und was für ein braver Mensch mein Neffe ist!«

»Ja, du bist hübsch, Frasquita!«

»Gefalle ich Ihnen?«

»Gewiß gefällst du mir! Es giebt keine zweite Frau wie dich.«

»Nun sehen Sie, hier ist nichts Falsches,« antwortete die Seña Frasquita, schob den Ärmel ihres Kleides ganz in die Höhe und zeigte dem Corregidor den bisher verhüllten Teil ihres Armes, der einer Karyatide würdig gewesen wäre und weißer als eine Lilie war.

»Und ob du mir gefällst!« fuhr der Corregidor fort, »Tag und Nacht, zu jeder Stunde, überall, denke ich nur an dich.«

»Aber wie? Gefällt Ihnen denn die Frau Corregidor nicht?« fragte Seña Frasquita mit einem so gut geheuchelten Mitleid, daß es einen Hypochonder zum Lachen gebracht hätte. »Wie schade! Als mein Lucas Ihre Alkovenuhr zurecht gemacht hat, da hat er das Vergnügen gehabt, sie zu sehen und mit ihr zu sprechen, und er hat mir gesagt, daß sie sehr hübsch und sehr gut und so liebenswürdig im Umgange sei.«

»Nicht so sehr, nicht so sehr!« murmelte der Corregidor mit einer gewissen Bitterkeit.

»Dagegen haben andere mir gesagt,« sprach die Müllerin weiter, »daß sie ein sehr böses Temperament habe, sehr eifersüchtig sei, und daß Sie vor ihr wie vor einer grünen Rute zitterten.«

»Nicht so sehr, Frau,« wiederholte Don Eugenio de Zuñiga y Ponce de Leon, indem er ganz rot wurde. »Nicht so viel und nicht so wenig, die Frau Corregidora hat so ihre Launen, gewiß... aber zwischen dem und vor ihr zittern ist doch noch ein großer Unterschied. Ich bin der Corregidor.«

»Aber schließlich haben Sie sie lieb oder nicht?«

»Ich will dir sagen... ich liebe sie sehr... oder besser gesagt, ich liebte sie sehr, bevor ich dich kennen lernte. Aber seit ich dich sah, weiß ich nicht, was mir geschah, und sie selbst merkt, daß etwas in mir vorgeht. Genug, heute zum Beispiel, wenn ich das Gesicht meiner Frau berühre, so macht es mir den Eindruck, wie wenn ich mein eigenes berührte. Siehst du wohl, mehr kann man sie doch nicht lieben und auch nicht weniger fühlen. — Dagegen, könnte ich diese Hand, diesen Arm, dieses Gesicht, diese Taille berühren, würde ich dafür geben, was ich nicht habe.«

Und während der Corregidor so sprach, versuchte er, sich des entblößten Armes, den die Seña Frasquita ihm buchstäblich unter die Nase rieb, zu bemächtigen; aber diese, ohne ihre Fassung zu verlieren, streckte die Hand aus, berührte die Brust Seiner Gnaden mit der friedlichen Gewalt und unwiderstehlichen Festigkeit eines Elephantenrüssels und warf ihn mit Stuhl und allem auf den Rücken.

»Ave Maria purisima!« (Heilige Jungfrau Maria!) rief inzwischen die Navarresin und lachte wie toll. »Der Stuhl war wohl gar zerbrochen?«

»Was geht hier vor?« rief in diesem Augenblicke Tio Lucas, indem er sein häßliches Gesicht durch die Weinblätter steckte.

Noch lag der Corregidor auf dem Rücken am Boden und blickte mit unaussprechlichem Entsetzen zu dem Manne empor, der in der Luft auf dem Bauche liegend erschien.

Wie ein Teufel sah er aus, aber nicht wie einer von St. Michael, sondern wie ein von einem anderen höllischen Dämon besiegter.

»Was soll hier vorgehen?« beeilte sich die Seña Frasquita zu sagen, »der Herr Corregidor hatte seinen Stuhl nicht fest aufgestellt, er fing an sich zu wiegen, und da ist er gefallen.«

»Jesus, Maria und Joseph!« rief seinerseits der Müller aus, »Ew. Gnaden haben sich doch nicht etwa Schaden gethan? Wollen Ew. Gnaden ein wenig Wasser und Essig?«

»Ich habe mir nichts gethan!« sagte der Corregidor, indem er, so gut er konnte, aufstand.

Und dann fügte er leise, doch so, daß ihn die Seña Frasquita verstehen konnte, hinzu:

»Das sollt Ihr mir bezahlen.«

»Dagegen haben aber Ew. Gnaden mir das Leben gerettet,« fuhr Tio Lucas fort, ohne jedoch von seinem luftigen Sitze herabzusteigen. »Stelle dir nur vor, Frau, ich sitze hier oben und betrachte die Weintrauben; da schlafe ich auf einem Netz von Weinreben und Stangen, dessen Zwischenöffnungen groß genug waren, um einen Körper hindurchgleiten zu lassen, ein. Hätte mich also Sr. Gnaden Fall nicht zur rechten Zeit aufgeweckt, so hätte ich mir späterhin den Kopf auf diesen Steinen zerbrochen.«

»Also du... he?« rief der Corregidor aus. »Nun, Müller, das freut mich... Ich sage, es freut mich sehr, daß ich gefallen bin.«

»Das sollst du mir bezahlen,« fügte er dann hinzu, indem er sich zur Müllerin wendete.

Und das sprach er mit einem solchen Ausdruck von unterdrückter Wut, daß die Seña Frasquita ganz traurig wurde.

Sie sah nur zu deutlich, daß der Corregidor zuerst erschrocken war, weil er glaubte, daß der Müller alles gehört hätte.

Als er sich aber überzeugt hatte, daß der Müller nichts gehört, denn Tio Lucas' Ruhe und Verstellung hätten selbst den schärfsten Luchs getäuscht, da fing er an, seinem Zorn nachzugeben und Rachepläne zu brüten.

»Na, na, komm nur herunter und hilf mir Sr. Gnaden reinigen, er ist ja ganz mit Staub bedeckt,« rief die Müllerin aus.

Und während der Tio Lucas herunterkletterte, sagte sie zu dem Corregidor, indem sie ihm mit der Schürze den Rock abstäubte, wobei mancher Schlag die Ohren traf:

»Der Arme hat gar nichts gehört... der hat wie ein Klotz geschlafen.« Diese Worte und mehr noch der Umstand, daß sie mit leiser Stimme zu ihm gesprochen wurden, dadurch Mitwissenschaft und Geheimnis andeutend, brachten eine wunderbare Wirkung hervor. »Du Schelm! Du Trotzkopf!« stammelte Don Eugenio de Zuñiga mit wässerndem Munde, aber doch noch scheltend.

»Ew. Gnaden hegen doch keinen Groll gegen mich?« entgegnete die Navarresin arglistig schmeichelnd.

Als der Corregidor wahrnahm, daß die Strenge einen so guten Erfolg hatte, versuchte er die Seña Frasquita recht wütend anzusehen; aber da traten ihm ihr verführerisches Lächeln und ihre himmlischen Augen, in denen eine liebkosende Bitte glänzte, entgegen — all sein Zorn schmolz sofort dahin, und mit süßlichem Ton, bei dem man erst recht den vollständigen Mangel an Zähnen entdeckte, sagte er: »Das hängt von dir ab, mein Schatz!«

In diesem Augenblicke sprang Tio Lucas von der Laube auf den Boden.


12.
Zehnten und Erstlinge.

Als der Corregidor seinen Stuhl wieder eingenommen hatte, warf die Müllerin einen flüchtigen Blick auf ihren Gatten und sah ihn nicht nur so ruhig wie immer, sondern daß er auch große Lust hatte, über diesen Einfall vor Lachen zu bersten; im ersten Augenblicke, in dem sie sich vom Corregidor unbeachtet glaubte, warf sie ihm eine Kußhand zu und sagte dann mit einer Sirenenstimme, um die Kleopatra sie beneidet hätte, zu diesem:

»Jetzt sollen Ew. Gnaden auch meine Weintrauben kosten.«

Und jetzt hätte man die schöne Navarresin sehen müssen, und so würde ich sie malen, wenn ich Titians Pinsel hätte, wie sie so vor dem entzückten Corregidor stand, frisch, prächtig, reizend, mit ihren edlen Formen, ihrem engen Kleide, der hohen Gestalt, wie sie die entblößten Arme über ihr Haupt erhob, in jeder Hand eine durchsichtige Traube, und mit einem unwiderstehlichen Lächeln und einem bittenden Blick, in dem die Furcht zitterte, zu ihm sagte:

»Noch hat der Herr Bischof sie nicht versucht... Es sind die ersten, die wir in diesem Jahre pflücken...«

Sie glich einer riesigen Pomona, die einem ländlichen Gott, sagen wir z. B. einem Satir Früchte anbietet. In diesem Augenblicke erschien am äußersten Ende des gepflasterten Platzes der ehrwürdige Bischof der Diöcese, von dem Advokaten-Akademiker und zwei Domherren in vorgeschrittenem Alter begleitet, und von seinem Sekretär, zwei Hausgenossen und zwei Pagen gefolgt.

Einen Augenblick hielt Se. Hochwürden an, um das zugleich komische und schöne Bild zu betrachten, und dann sagte er mit dem würdevollen Ton der Prälaten von damals:

»Das Fünfte: Zehnten und Erstlinge an die Kirche Gottes zu bezahlen, lehrt uns die christliche Satzung; aber Sie, Herr Corregidor, begnügen sich nicht damit, den Zehnten zu verwalten, sondern wollen auch die Erstlinge essen.«

»Der Herr Bischof!« riefen die Müllersleute aus und verließen den Corregidor, um den Ring des Prälaten zu küssen.

»Gott lohne es Ew. Hochwürden, daß Sie unserer armen Hütte solche Ehre erweisen,« sagte Tio Lucas im Tone aufrichtiger Verehrung und küßte ihn. »Wie freue ich mich, den Herrn Bischof so wohl und schön zu sehen!« rief die Seña Frasquita aus, indem auch sie den Ring küßte. »Gott segne ihn und erhalte ihn so viele Jahre, wie meines Lucas' Bischof!«

»Wie kann ich dir wohl eines Tages fehlen, wenn du mich mit Segnungen überhäufst, statt sie von mir zu verlangen,« antwortete lachend der gütige Hirt. Und zwei Finger ausstreckend, segnete er die Seña Frasquita und darauf die übrigen Anwesenden.

»Hier sind auch Ew. Hochwürden Erstlinge!« sagte der Corregidor, indem er eine Traube aus den Händen der Müllerin nahm und sie dem Bischof höflich anbot. »Noch habe ich die Trauben nicht gekostet.«

Der Corregidor sprach diese Worte aus, indem er einen schnellen, lüsternen Blick auf die strahlende Schönheit der Müllerin warf.

»Hoffentlich doch nicht, weil sie zu sauer sind, wie die in der Fabel,« bemerkte der Akademiker.

»Die in der Fabel,« versetzte der Bischof, »waren nicht sauer, Herr Licenziat, sondern außer dem Bereich des Fuchses.«

Keiner von beiden hatte eine Anspielung auf den Corregidor damit bezweckt; aber die Aussprüche paßten so genau auf das, was soeben vorgefallen war, daß der Corregidor Don Eugenio de Zuñiga blaß vor Zorn wurde und, den Ring des Prälaten küssend, sagte:

»Dann wäre ich also der Fuchs, Hochwürden.«

»Tu dixisti« (Du sagst es), erwiderte dieser mit der leutseligen Strenge eines Heiligen, der er auch gewesen sein soll. »Excusatio non petita, accusatio manifesta — Qualis vir, talis oratio. — Aber satis jam dictum, nullus ultra sit sermo. Oder, was dasselbe ist: Lassen wir jetzt das Latein und bekümmern wir uns um diese famosen Trauben.« Und er pflückte eine einzige Beere von der Traube, welche ihm der Corregidor anbot. »Sie sind sehr gut,« rief er aus und hielt sie gegen das Licht; dann reichte er sie seinem Sekretär. »Nur schade, daß sie mir nicht gut bekommen.«

Der Sekretär betrachtete die Traube auch, nahm eine Miene höflicher Bewunderung an und übergab sie einem der Hausgenossen.

Der Famulus wiederholte die Handlung des Bischofs und die Miene des Sekretärs, ja, ging sogar so weit, an der Weintraube zu riechen, und dann legte er sie mit der skrupulösesten Sorgfalt in den Korb zurück und sagte mit leiser Stimme zu den Umstehenden:

»Sr. Hochwürden fasten...«

Tio Lucas aber, der die Traube mit dem Blick verfolgt hatte, nahm sie dann ganz heimlich und aß sie verstohlen auf, ohne daß jemand es gesehen hatte.

Darauf setzten sich alle; man sprach vom Herbste, der sehr trocken war, obgleich die Prozession mit dem Strick des heiligen Franziskus umgegangen, sprach von der Möglichkeit eines neuen Krieges zwischen Napoleon und Österreich, bestand auf dem Glauben, daß die kaiserlichen Truppen das spanische Gebiet nie betreten würden; der Advokat beklagte sich über das Aufrührerische und alles Umstürzende jener Epoche und beneidete die ruhigen Zeiten seiner Väter, nota bene wie die Väter die Zeiten der Großväter beneidet hatten — da rief der Papagei fünf Uhr... und auf ein Zeichen des ehrwürdigen Bischofs ging der jüngere der beiden Pagen nach dem Wagen Sr. Hochwürden, der an demselben Graben angehalten hatte, wie der Alguacil und kam mit einem prächtigen aus Brot und Öl gebackenen, mit Salz bestreuten Kuchen zurück, der kaum vor einer Stunde aus dem Ofen gekommen war. Ein kleiner Tisch wurde inmitten der Anwesenden aufgestellt, die Torte wurde zerschnitten, auch Tio Lucas und die Seña Frasquita erhielten, trotz ihrer heftigen Weigerung, ihr Teil, und eine Stunde lang herrschte eine wirklich demokratische Gleichheit unter dem rötlich schimmernden Weinlaube, durch das die letzten Strahlen der untergehenden Sonne ihren Abschiedsgruß sandten.


13.
Da sagte die Krähe zum Raben.

Anderthalb Stunden später waren alle die erlauchten Vespergenossen in die Stadt zurückgekehrt.

Der Bischof und seine »Familie« waren, dank dem Wagen, bedeutend früher angekommen und waren schon im Palaste, wo wir sie bei ihrer Andacht nicht weiter stören wollen.

Der ausgezeichnete Advokat, der sehr trocken war, und die beiden Canonici, einer immer dicker und respektabler als der andere, begleiteten den Corregidor bis zur Thür des Rathauses, wo, wie Sr. Gnaden sagte, er noch zu arbeiten hatte, und schlugen dann den Weg zu ihren respektiven Wohnungen ein, wie Schiffer von den Sternen geleitet, oder wie Blinde die Ecken durch Tasten vermeidend, denn schon war die Nacht hereingebrochen, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die Straßenbeleuchtung war, wie alle übrigen Lichter dieses Jahrhunderts, noch im göttlichen Gehirn.

Dafür sah man nicht selten eine Laterne durch die Straßen irren, mit der ein ehrerbietiger Diener seinem erhabenen Gebieter voranleuchtete, der sich zu der gewohnten Tertulia[5] oder zum Besuch in das Haus seiner Verwandten begab.

Fast neben allen niedrigen Gittern sah man, oder besser gesagt, spürte man, ahnte man eine schwarze, schweigende Masse. Das waren Verlobte, welche ihr Gespräch bei den herannahenden Schritten abgebrochen hatten.

»Wir sind aber wirkliche Leichtfüße,« sagten der Advokat und die beiden Canonici im Gehen. »Was wird man nur in unseren Häusern von uns denken, wenn man uns zu dieser Stunde ankommen sieht?«

»Aber was werden die uns auf der Straße Begegnenden sagen, wenn sie uns auf diese Weise nach sieben Uhr nachts wie von der Finsternis beschützte Reitersleute sehen?«

»Wir müssen wirklich unsern Lebenswandel ändern.«

»Ach ja! aber diese verflixte Mühle!«

»Meine Frau hat sie schon gewaltig im Magen,« sagte der Akademiker in einem Tone, aus dem man die Furcht vor einer nahe bevorstehenden Gardinenpredigt deutlich heraushörte.

»Nun, und meine Nichten!« rief einer der Canonici aus, der, nach seinen äußeren Abzeichen zu schließen, Pönitentiarius war, »meine Nichten sagen, daß die Priester keine Gevatterinnen besuchen sollten.«

»Und doch,« unterbrach sein Gefährte, der Magistral war, »kann es nichts Unschuldigeres geben, als...«

»Ei gewiß, geht doch sogar der Herr Bischof...«

»Und dann, meine Herren, in unserem Alter!« versetzte der Pönitentiar.

»Gestern bin ich fünfundsiebzig Jahre alt geworden.«

»Das ist ja ganz klar,« erwiderte der Magistral. »Aber lassen Sie uns von etwas anderem sprechen; wie reizend war heute die Seña Frasquita.«

»O ja, was das betrifft, reizend ist sie, sehr reizend,« sagte der Advokat und heuchelte Unparteilichkeit.

»Sehr reizend!« wiederholte der Pönitentiarius hinter seiner Umhüllung.

»Und wenn nicht,« sagte der Prediger de officio, »so fragt nur den Corregidor, der arme Mann ist verliebt in sie.«

»Na, das glaube ich schon,« rief der Beichtiger in der Kathedrale aus.

»Gewiß!« fügte der korrespondierende Akademiker hinzu. »Hier aber, meine Herren, trennen sich unsere Wege, ich gehe hier herum, um eher nach Hause zu gelangen. Gute Nacht, meine Herren.«

»Gute Nacht,« antworteten ihm die Kapitelherren.

Und schweigend gingen sie einige Schritte vorwärts.

»Auch dem gefällt die Müllerin!« murmelte darauf der Domherr und stieß den Pönitentiarius sanft mit dem Ellbogen in die Seite.

»Das sieht man doch ganz deutlich,« antwortete dieser und blieb an seiner Hausthür stehen. »Und so häßlich wie er ist! Also auf morgen, Kollege. Mögen Ihnen die Trauben gut bekommen.«

»Auf morgen, so Gott will. Ich wünsche Ihnen eine recht gute Nacht.«

»Gott gebe uns eine gute Nacht!« betete der Pönitentiarius schon vom Portal, das sich durch eine Laterne und eine Jungfrau auszeichnete. Und er schlug mit dem Klopfer an die Thür.

Als der andere Canonicus sich allein auf der Straße befand — er war breiter als er lang war und schien sich rollend fortzubewegen — ging er langsam seinem Hause zu; aber ehe er jedoch dasselbe erreichte, stieß er gegen eine Wand, die in späteren Zeiten den Verordnungen der städtischen Polizei dienen sollte, und sagte, während er wahrscheinlich dabei an seinen Chorbruder dachte:

»Und dir gefällt die Seña Frasquita auch... Es ist aber auch wahr,« fügte er nach einem Augenblick hinzu, »reizend ist sie, sehr reizend!«


14.
Garduñas Ratschläge.

Inzwischen war der Corregidor, von Garduña gefolgt, in das Rathaus eingetreten, und hielt mit diesem im Sitzungssaale eine so vertrauliche Unterhaltung, wie sie sich für einen Mann von seinem Range und seinem Amte gar nicht schickte.

»Trauen Ew. Gnaden doch nur einem Spürhunde, der die Jagd kennt,« sagte der unedle Alguacil. »Die Seña Frasquita ist wahnsinnig in Ew. Gnaden verliebt, und was Ew. Gnaden mir soeben erzählt haben, läßt es so hell wie dieses Licht sehen...«

Und dabei deutete er auf eine Kerze, die kaum den achten Teil des Saales erhellte.

»So ganz sicher wie du, bin ich doch nicht, Garduña,« antwortete Don Eugenio seufzend.

»Dann weiß ich nicht, warum. Und wenn nicht, lassen Sie uns offen darüber sprechen. Ew. Gnaden, mit Ihrer Erlaubnis sei es gesagt, haben einen kleinen, ganz kleinen Fehler an Ihrem Körper, nicht wahr?«

»Gut, ja,« antwortete der Corregidor. »Aber der Tio Lucas hat denselben Fehler. Er ist noch weit buckliger als ich.«

»Viel buckliger! Sehr viel buckliger! Er ist gar nicht mit Ihnen zu vergleichen! Aber dafür, und das wollte ich eben sagen, haben Ew. Gnaden ein sehr ansehnliches Gesicht, so, was man sagt ein schönes Gesicht, während der Tio Lucas aussieht wie der Sergeant Utrera, der vor reiner Häßlichkeit krepiert ist.«

Der Corregidor lachte mit einer gewissen Leutseligkeit.

»Übrigens,« fuhr der Alguacil fort, »ist die Seña Frasquita imstande, sich aus dem Fenster zu stürzen, wenn sie dadurch die Ernennung ihres Neffen erreichen kann.«

»Bis hierher stimmen wir überein; diese Ernennung ist meine einzige Hoffnung.«

»Nun denn, Hand ans Werk, gnädiger Herr. Ich habe Ew. Gnaden ja schon meinen Plan mitgeteilt... Er braucht nur heute Nacht ausgeführt zu werden.«

»Ich habe dir schon vielmals gesagt, daß ich keine Ratschläge brauche!« schrie Don Eugenio, indem er sich plötzlich erinnerte, daß er mit einem Untergebenen sprach.

»Ich glaubte, daß Ew. Gnaden sie von mir verlangten,« stotterte Garduña.

»Antworte mir nicht!«

Garduña verbeugte sich.

»Also du sagst,« fuhr der Corregidor fort, indem er sich allgemach besänftigte, »daß schon heute Nacht alles geordnet werden kann? Nun, weißt du, das scheint mir sehr gut. Teufel noch einmal! So werde ich doch endlich von dieser grausamen Ungewißheit befreit werden.«

Garduña schwieg.

Der Corregidor wandte sich an den Schreibtisch, schrieb einige Zeilen auf Stempelpapier, das er seinerseits noch stempelte, und verwahrte es dann in seiner Westentasche. »So, die Ernennung des Neffen wäre gemacht,« sagte er dann und nahm eine Prise Tabak. »Morgen werde ich mich mit den Regidoren (Stadträten) darüber verständigen, und entweder sie genehmigen sie einstimmig, oder der Teufel soll sie holen. Meinst du nicht auch, daß ich recht thue?«

»Das ist es, das ist es,« rief der begeisterte Garduña aus, indem er die Pfote in die Tabaksdose des Corregidors versenkte und dieser eine Prise entführte. »Das ist es, Ew. Gnaden Vorgänger ist auch niemals vor einem Hindernisse zurückgeschreckt. Einmal...«

»Laß das Geschwätz!« versetzte der Corregidor, indem er der räuberischen Hand einen Schlag mit dem Handschuh versetzte. »Mein Vorgänger war ein Esel, weil er dich zum Alguacil hatte. Aber kommen wir wieder auf unsere Angelegenheit zurück. Du sagtest mir, daß die Mühle des Tio Lucas zum Gerichtsbezirk des nächsten Fleckens und nicht zu dem dieser Stadt gehört... Bist du ganz sicher?«

»Ganz sicher. Der Gerichtsbezirk der Stadt hört mit dem Graben auf, wo ich heute Nachmittag saß, um Ew. Gnaden zu erwarten. Heiliger Lucifer! Wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.«

»Genug!« schrie Don Eugenio, »du bist ein Unverschämter!« Er ergriff einen halben Bogen Papier, schrieb ein Billet, schloß es, indem er eine Ecke umschlug und übergab es Garduña. »Da hast du den Brief, den du von mir für den Alkalden des Ortes verlangt hast,« sagte er gleichzeitig zu ihm. »Du wirst ihm noch mündlich alles erklären, was er zu thun hat. Du siehst wohl, ich führe deinen Plan buchstäblich aus. Aber wehe dir, wenn du mich in eine Sackgasse bringst!«

»Seien Ew. Gnaden unbesorgt,« antwortete Garduña. »Señor Juan Lopez hat viel zu fürchten, und sobald er nur Ew. Gnaden Unterschrift sieht, wird er alles thun, was man ihm befiehlt. Dem königlichen Rentamt schuldet er mindestens tausend Fanegas Getreide und dem Kirchenamt ebensoviel. Und dies letztere gegen alles und jedes Gesetz, denn er ist weder eine Witwe, noch ein armer Arbeiter, um das Korn zu erhalten, ohne Zinsen darauf zu zahlen, sondern ein Spieler, ein Trunkenbold und ein Ehrloser, ein Freund von Weibern, über den der ganze Flecken entrüstet ist... Und jener Mensch übt die Autorität aus. Aber so geht es in der Welt!«