Briefwechsel
zwischen
Abaelard und Heloise
mit der
Leidensgeschichte Abaelards

Aus dem
Lateinischen übersetzt und eingeleitet
von Dr. P. Baumgärtner


Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig

Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig
Printed in Germany

Inhalt.

Einleitung [5—17]
1. Brief: Abaelard an einen Freund (Die Leidensgeschichte) [19—73]
2. Brief: Heloise an Abaelard [73—83]
3. Brief: Abaelard an Heloise [83—91]
4. Brief: Heloise an Abaelard [91—102]
5. Brief: Abaelard an Heloise [102—125]
6. Brief: Heloise an Abaelard [126—149]
7. Brief: Abaelard an Heloise [149—203]
8. Brief: Abaelard an Heloise [203—303]
9. Brief: Heloise an Abaelard [303—305]
10. Brief: Abaelard an Heloise (mit 2 Sammlungen von Hymnen) [305—312]
11. Brief: Abaelard an Heloise (mit einer Predigtsammlung) [312—313]
12. Brief: Abaelard an Heloise (Abaelards Glaubensbekenntnis) [313—315]

Einleitung.

Die Übersetzung dieser Briefe ist entstanden in einer Zeit, da körperliches Leiden mir ein selbständiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich machte. Ich las und übersetzte anfangs zu meiner eigenen Unterhaltung und Übung; doch je mächtiger diese Urkunden der Liebe und des geistigen Verkehrs zweier so hochherziger Menschen mich selber anzogen, desto lebhafter regte sich der Wunsch, auch anderen sie zugänglich zu machen. Unsere kirchengeschichtliche Litteratur enthält so manchen edlen Schatz, der in staubiger Hülle vergessen in den Bibliotheken aufgespeichert steht — so manches Schriftdenkmal, das in seiner fremden Sprache nur zum Gelehrten redet, während es ans Licht gezogen und verständlich gemacht manchem ernstergerichteten Leser Genuß und Erbauung zu bieten vermöchte.

So sind auch die Briefe, die von Abaelard und Heloise auf uns gekommen sind, in Deutschland wenigstens, nur wenig bekannt, obwohl die beiden zu jenen Liebespaaren von weltgeschichtlichem Rufe gehören, deren Namen unauflöslich miteinander verbunden sind, wie Hero und Leander, Tristan und Isolde, Dante und Beatrice. Im Ausland dagegen und besonders in Frankreich schenkte man diesen Briefen frühzeitig Aufmerksamkeit, und namentlich die eigentlichen Liebesbriefe wurden mannigfach dichterisch bearbeitet und romanhaft ausgeschmückt — jedoch nicht zu ihrem Vorteil: man vergleiche die Bearbeitungen, die diesem Gegenstand durch einen Pope und Colardeau — bei uns durch eine formvollendete poetische Übersetzung Bürgers eingeführt — zu teil geworden sind, mit unserem Original, und man wird leicht gewahr werden, um wie viel edler und, bei aller Leidenschaftlichkeit, keuscher dieses letztere ist als jene pikanten Leistungen.

Eine sehr elegante, dabei meist textgemäße französische Übersetzung der Briefe giebt O. Gréard in seinem Buche: „Lettres complètes d’Abélard et d’Héloise, Paris, Garnier Frères“. Der französischen Übersetzung ist der lateinische Text in der Recension von Viktor Cousin beigegeben, die auch unserer Übersetzung zu Grunde liegt.

Im Jahre 1844 ist eine deutsche Übersetzung des Briefwechsels erschienen von Moriz Carrière,[1] und dieses Werk würde meine Übersetzung überflüssig machen, wenn es überhaupt noch im Buchhandel zu haben wäre. Da es jedoch gänzlich vergriffen ist — ich selbst habe es nur nach langwierigen Bemühungen zu Gesicht bekommen — und eine neue Auflage nicht in Aussicht steht, so glaubte ich mich zu dieser neuen Veröffentlichung berechtigt. — Carrière schickt seiner Übersetzung eine ausführliche, ebenso gelehrte wie geistvolle Einleitung voraus, in der er mit dem Feuer einer edlen Begeisterung Abaelards philosophischen und theologischen Standpunkt darstellt. Diese Einleitung bildet nahezu ein Drittel des ganzen Buches, so daß eigentlich in ihr der geistige Schwerpunkt desselben zu sehen ist. Ich meinerseits beschränke mich in dieser kurzen Einleitung auf das, was dem Leser zum Verständnis der Briefe notwendig ist — zumal uns in den Briefen Abaelard doch mehr als Mensch, weniger als Gelehrter entgegentritt.

Die hier veröffentlichte Briefsammlung umfaßt im ganzen zwölf Briefe. Dabei ist als erster Brief mitgezählt das unter dem Namen der „Leidensgeschichte“ (historia calamitatum) bekannte Schriftstück, das in Form eines Briefes, der an einen unbekannten Freund Abaelards adressiert ist, das vielbewegte Leben des letzteren schildert bis zu dem Zeitpunkt, wo er in den großen Streit mit Bernhard von Clairvaux eintritt — also ein Stück Autobiographie, das die Einleitung zu dem folgenden Briefwechsel bildet.

Überhaupt wurde dieser Brief die Veranlassung zu der ganzen folgenden Korrespondenz: über ein Jahrzehnt war seit der Trennung der Liebenden vergangen, und allem Anschein nach hatte während dieser ganzen Zeit jeder Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Da kam durch einen Zufall jener Brief Abaelards in die Hände Heloisens und weckte „der alten Wunde unnennbar schmerzliches Gefühl“. Die Geschichte der Leiden des geliebten Mannes, zu denen er auch mit vollem Recht seine Liebe zählte, facht den Funken, der noch immer in ihrem Herzen glimmt, zur hellen Flamme an, und noch einmal durchlebt sie in der Erinnerung alle Freuden und alle Leiden einer hohen Liebe. Aus der Hochflut dieser neuerwachten Gefühle heraus sind die Briefe II und IV geschrieben: eine Beichte sondergleichen, ein Herzensaufschrei in den unmittelbarsten, leidenschaftlichsten, kühnsten Lauten, die je über Frauenlippen gekommen sind. Im Vergleich mit diesen Ergüssen hat man von jeher die Antwortschreiben Abaelards auffallend ruhig und kühl gefunden. In der That gleicht er in seinen Briefen (III und V) dem starren Felsenriff, das unbewegt und fühllos bleibt, mitten in den ewig wiederholten Umarmungsversuchen der Wogen. Man hat ihm aus dieser Kälte schwere moralische Vorwürfe gemacht, ja an sein Verhalten auch schon allgemeine philosophische Betrachtungen darüber angeknüpft, wie verschiedenartig die beiden Geschlechter lieben. So besonders Johannes Scherr in seiner geistreich-extremen Weise (Menschliche Tragikomödie, Bd. 2, „Heloise“). Die Art, wie Abaelard Heloisens hungriges Herz abzuspeisen sucht, wie er der Frau gegenüber, mit der er einst so wenig geistlich verfahren war, nun ganz die Sprache des Geistlichen, des orakelnden Heiligen und Propheten führt, macht im ersten Augenblick einen peinlichen, unangenehmen Eindruck, und hat sogar stellenweise etwas Empörendes. Allein der Ton, den er anschlägt, ist keine angenommene Maske; was er an Heloise schreibt, sind nicht bloß fromme Phrasen, sondern es ist ihm bitterer Ernst; er ist wirklich bekehrt, er bereut und sieht von diesem Standpunkt aus sein und Heloisens äußeres Mißgeschick für eine gnädige Fügung Gottes zur Rettung ihrer Seelen an. Sodann ist allerdings das Gefühl, das in Heloisens Herz eben jetzt in neuen Flammen erwachte, in ihm gänzlich erstorben. Er macht daraus kein Hehl; er sucht die einst Geliebte darüber nicht hinwegzutäuschen. Seine Wahrhaftigkeit ist seine Entschuldigung. Wo aber eine Liebe erloschen ist, da wird niemand glühende Liebesbriefe erwarten.

Man wird solche aber auch nicht erwarten, wenn man die Verschiedenheit des Lebenswegs und der weiteren Geschicke der einst in Liebe Verbundenen in Betracht zieht. Heloise war einst wider ihren Willen und wider ihre Natur ins Kloster gegangen, nur aus Gehorsam gegen den geliebten Mann. Sie hatte damit ein Opfer gebracht, dem ihre Natur nicht gewachsen war. Ruhe hatte sie jedenfalls nicht gefunden hinter den Klostermauern. Zwar brachte sie es durch ihre geistige und sittliche Energie dahin, daß sie in den Ruf besonderer Heiligkeit kam, aber man lese ihre erschütternden Selbstanklagen im vierten Brief, um einen Einblick in dies ruhelose unbefriedigte Herz zu gewinnen. Aus solchem Gemütszustand heraus sind jene leidenschaftlichen Ergüsse begreiflich, denen gegenüber Abaelards Auslassungen und beichtväterliche Ermahnungen freilich kalt erscheinen. Ferner ist zu bedenken: mit dem Eintritt ins Kloster war Heloisens Leben eigentlich abgeschlossen; neue gewaltige Eindrücke, durch die die alten verwischt worden wären, erwarteten die Klosterfrau nicht mehr. Sie zehrte von einer kurzen Vergangenheit. Was sie aber mitbrachte von Erinnerungen an die Welt, von Lebenseindrücken, das alles war für sie beschlossen in dem Namen Abaelard. Dieser Name, ihr Ein und Alles, lebte in ihrem Herzen und mit ihm die Liebe, und so bedurfte es nur eines zündenden Funkens, um die zusammengesunkene Glut aufs neue zu entfachen. — Abaelard dagegen war aus dem friedlichen Port des Klosters, wohin auch er sich geflüchtet hatte, mehrmals wieder hinausgeschleudert worden auf die hochgehenden Wogen des Lebens und der Händel dieser Welt. Er hatte in seinem Beruf, der zwar große Aufregungen und gehässige Verfolgungen, aber auch glänzende Triumphe mit sich brachte, einen gewissen innern Halt und Befriedigung gefunden. Jedenfalls aber war sein Leben so reich an erschütternden neuen Eindrücken und packenden Erlebnissen, daß jene eine Erinnerung an seine Liebe, jenes Erlebnis mit Heloise notwendig davor erblassen mußte. Er fühlt sich überhaupt zu der Zeit, da unsre Briefe geschrieben wurden, als ein gehetztes Wild, das von allen Seiten bedroht ist. Er bittet Heloise und ihre Nonnen um ihre besondere Fürsprache im Gebet; er ist ein wegmüder Mann, hat Todesgedanken und will im „Paraklet“, dem Kloster, das er Heloisen eingeräumt, begraben sein. Daß er in dieser Verfassung andere Briefe schrieb, als Heloise, wird man begreiflich finden. Will man ihm etwas anrechnen, so mag man ihm einen Vorwurf daraus machen, daß er einst das Opfer einer geheimen Ehe (wiewohl dies immer noch besser war als die damals unter Klerikern ganz gewöhnlichen wilden Ehen) — und das noch größere Opfer des Klostergelübdes von Heloise angenommen hat. —

Nicht ohne Rührung liest man, wie Heloise nun im sechsten Brief die Stimme des Herzens, die bei Abaelard kein Echo zu wecken vermocht hatte, zu bezwingen sucht — „wiewohl wir nichts so wenig in der Gewalt haben wie unser Herz“ — und um dennoch den Verkehr mit Abaelard aufrecht zu erhalten, auf das wissenschaftliche Gebiet übergeht. Sie verlangt von Abaelard Aufschluß über die Entstehung des Mönchswesens, und bittet ihn um Abfassung einer Klosterregel mit besonderer Rücksicht auf das weibliche Geschlecht. — Auf beide Anliegen bleibt Abaelard die Antwort nicht schuldig, sondern er legt sie nieder in zwei ausführlichen Abhandlungen (Briefe VII und VIII), von denen namentlich die zweite nach unseren Begriffen eher ein Buch als ein Brief zu nennen wäre. Ich habe sie dennoch beide in ihrem ganzen Umfang aufgenommen, weil sie in kultur- und kirchenhistorischer Beziehung von allgemeinerem Interesse sind und besonders in die Anschauungen des Mittelalters und in den Betrieb des Klosterwesens einen lebendigen Einblick gewähren.

Bezeichnend für Abaelard ist es, daß er am Schluß seiner Klosterregel im Geiste Benedikts den Nonnen die Beschäftigung mit der Wissenschaft aufs nachdrücklichste anbefohlen hatte. Im neunten Briefe nun schreibt Heloise an Abaelard, daß sie in dem Bestreben dieser seiner Vorschrift Folge zu leisten, vielfach auf Hindernisse stoßen, da es ihnen oftmals am nötigen Verständnis fehle und sie über einzelne Fragen nicht ins reine kommen. Und so legt sie ihm denn zweiundvierzig Fragen zur Beantwortung vor, die meist im Zusammenhang mit der Bibellektüre, wie sie von den Nonnen betrieben wurde, stehen. Diese Fragen sind uns samt den Antworten Abaelards überliefert; doch habe ich sie selbstverständlich nicht in unsre Briefsammlung aufgenommen. Denn dieses Frag- und Antwortbuch entbehrt jedes persönlichen Charakters und ist von ausschließlich wissenschaftlichem Interesse. — Die Briefe X und XI sind Begleitschreiben Abaelards zu litterarischen Sendungen an Heloise. Der zehnte Brief ist dadurch interessant, daß er ein Schreiben Heloisens an Abaelard rekapituliert, in dem sie über den Mißstand klagt, der in Beziehung auf die gottesdienstlichen Gesänge in ihrem Kloster herrsche. Abaelard verfaßte infolge dieser Anregung selbst eine größere Anzahl von Hymnen zum gottesdienstlichen Gebrauch für die Nonnen und hängte dieser Sammlung in seinem Begleitschreiben den üblichen gelehrten Zopf an. — Der elfte Brief ist ein kurzes Billet, das Abaelard mit einer Sammlung eigener Predigten an Heloise sandte. — Der zwölfte Brief endlich enthält das Glaubensbekenntnis Abaelards. Offenbar hatte er es für nötig befunden, die Freundin über seine Rechtgläubigkeit zu beruhigen, die von seinen Gegnern so lebhaft bestritten wurde. Der Brief ist durch eine Schrift seines treuen und streitbaren Schülers Berengar auf uns gekommen; das darin enthaltene Bekenntnis klingt für unsre Begriffe sehr orthodox. — Auch an diese Briefe hat man schon die Torturschraube der Echtheitsfrage angelegt, allein ohne Erfolg: wenn irgend eine Urkunde aus dem Mittelalter, so tragen sie den Stempel der Echtheit an sich. —

Zum Verständnis der Briefe ist es nötig, ein kurzes Wort über die hauptsächlichsten Sätze und Lehren Abaelards zu sagen. Wir sehen aus der Selbstbiographie, welchen Reiz litterarische Kämpfe, wissenschaftliche Disputationen und Erörterungen für Abaelard hatten. Es scheint damals überhaupt unter der studierenden Jugend eine wahre Disputierwut geherrscht zu haben. Alles und nichts bewies man mittels der dialektischen Methode und vielfach glaubte man wohl auch damals, „wenn man nur Worte hörte, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen.“ Abaelard war ein geborenes Disputiergenie, und schon als junger unerfahrener Schüler machte er mit seiner Streitsucht den Lehrern zu schaffen.

Auf dem Gebiete der Philosophie war zu jener Zeit die Kardinalfrage, über der die Gelehrten sich in zwei Lager teilten, die Frage nach dem Verhältnis der Allgemeinbegriffe zu den Einzeldingen (z. B. Menschheit — Mensch). Der Streit ging zurück bis auf Plato und Aristoteles. Nach Plato kommt nur dem Allgemeinen, der Idee wirkliche Existenz zu, während die Einzeldinge nur schwache unvollkommene Abbilder, gleichsam Schatten davon sind. So hat z. B. die Idee, das Urbild der Schönheit (in einer andern Welt), reale Existenz und alles Einzelne, was wir hier in dieser Welt schön finden, ist nur ein Abglanz dieses Ideals. Im Gegensatz zu dieser Meinung lehrte Aristoteles: reales Sein kommt nur dem Einzelding zu, die Allgemeinbegriffe existieren nur im menschlichen Denken, sind nichts als Kombinationen des menschlichen Verstandes, eben nichts als Begriffe (nomina).

Realismus und Nominalismus wurden nun seit dem elften Jahrhundert die Schlagworte, die die Parteien auf ihre Fahne schrieben, je nachdem sie sich an Plato oder an Aristoteles anschlossen. Der eigentliche wissenschaftliche Begründer des Nominalismus ist Roscelinus; der Hauptvertreter des Realismus Wilhelm von Champeaux. Beide waren Abaelards Lehrer, aber keiner konnte ihm ganz Genüge thun. Mit welcher Kühnheit er Wilhelm von Champeaux nötigte, seine Lehre zu ändern, lesen wir in Abaelards erstem Briefe. Daß diese philosophischen Theorien, je nachdem man sie auf die Theologie anwandte, zu bedenklichen Resultaten führen konnten, sieht man an dem Beispiel Roscelins. Dieser leugnete als konsequenter Nominalist die wirkliche Existenz des Allgemeinbegriffs „Gottheit“ und es blieben ihm nur die drei Einzelwesen Vater, Sohn, Geist als real existierend, während ihm die Einheit in und trotz der Dreiheit verloren ging, so daß er der Ketzerei des Tritheismus (der Dreigötterlehre) beschuldigt wurde. Seitdem war der Nominalismus den Vertretern der Kirchlichkeit verdächtig und anrüchig. Aber auch Abaelard selbst bekämpfte diesen Nominalismus seines ehemaligen Lehrers, und in der schwebenden Frage nahm er seine Stellung in der Mitte zwischen Roscelinus und Wilhelm von Champeaux, indem er lehrte: allerdings sei der Begriff, das Allgemeine Grund und Wesen der Einzeldinge und dürfe nicht bloß (wie die Nominalisten behaupteten) als bloße Abstraktion des Verstandes und Vorstellung angesehen werden. Allein ebensowenig dürfe man den Allgemeinbegriffen eine von den Einzeldingen gesonderte Existenz zuschreiben (wie die Realisten), vielmehr komme das Allgemeine in der Welt der Wirklichkeit nur in Verbindung mit dem Individuellen zur Erscheinung.

War demnach Abaelards philosophischer Standpunkt unter dem Einfluß der Platonischen Ideenlehre eher realistisch (also nach damaligen Begriffen korrekt) zu nennen als nominalistisch, so gingen auch auf dem Gebiete der Theologie seine wissenschaftlichen Bestrebungen nicht etwa auf Zersetzung und Auflösung der kirchlichen Dogmen aus, sondern was die gesamte scholastische Theologie anstrebte, die Vernünftigkeit der bestehenden Dogmen verstandesmäßig nachzuweisen, das wollte auch er. Nur ging er dabei mit einer Kühnheit und Konsequenz zu Werke, die ihm in kurzer Zeit eine scharfe Gegnerschaft erwecken mußte. Schon sein Erkenntnisprinzip drehte die bisherige Anschauung geradezu um. Bis jetzt hatte in der Kirche der Grundsatz gegolten: „credo, ut intellegam“ („ich glaube, damit ich verstehe“), d. h. der Glaube muß dem Verständnis vorausgehen. Abaelard dagegen lehrte, der Ausgangspunkt alles Wissens sei der Zweifel; etwas zu glauben, ohne es zuvor eingesehen, mit dem Verstande durchdrungen zu haben, sei widersinnig und unwürdig.

Am heftigsten wurde Abaelard wegen seiner Lehre von der Trinität angegriffen; in seiner „Leidensgeschichte“ schildert er aufs anschaulichste, wie er das Buch, in dem diese Lehre enthalten war, auf der Synode von Soissons (1121) verbrennen mußte; und noch zwanzig Jahre später, auf der Synode zu Sens, wo er definitiv verurteilt wurde, hielt man ihm diese Lehre als Ketzerei vor. Er lehrte nämlich über die Dreieinigkeit folgendes: Die Substanz der einheitlichen Gottheit werde im einzelnen bestimmt durch die drei Namen Vater, Sohn, Geist. Vater heiße die Gottheit nach der ihr zukommenden Eigenschaft der Allmacht, Sohn nach ihrer Weisheit, heiliger Geist nach ihrer Liebe und Güte. Gott ist also Vater, Sohn und Geist, d. h. er ist allmächtig, weise und gütig. Diese Lehre zeigte eine bedenkliche Verwandtschaft mit der von der Kirche verdammten Trinitätslehre des Sabellius, der die drei Personen der Gottheit als verschiedene Offenbarungsformen der einen Gottheit nahm (Modalismus).

Großen Anstoß mußten auch seine ethischen Grundsätze und die daraus resultierende Lehre von der Sünde erregen. Nach Abaelard kommt für das sittliche Urteil nicht die That als ausgeführte in Betracht, sondern die Gesinnung, aus der sie entspringt. Die Kriegsknechte, die den Herrn kreuzigten und glaubten damit etwas Gutes zu thun, haben nicht gesündigt. Andererseits kann Sünde vorhanden sein, wo die sündige That noch gar nicht geschehen ist. Eva hatte den Sündenfall bereits in dem Augenblick begangen, als sie den Entschluß faßte, den Apfel zu essen. Alles kommt darauf an, daß einer Liebe hat. „Habe nur Liebe und du magst thun was du willst.“ Das Echo dieser Lehre vernehmen wir in den Briefen wiederholt.

Während Abaelard so sehr den tiefen Ernst der Sünde verkannte, trat er auch mit seiner Lehre von der Erlösung in scharfen Gegensatz zu der Kirchenlehre. In der Kirche war anerkannt die Satisfaktionstheorie des Anselm von Canterbury, wonach Gott durch Hingabe seines Sohnes die erste Sünde getilgt und die Menschheit von dem aus jener Sünde entspringenden ewigen Verderben erlöst hat. Wie kann, ruft Abaelard aus, die verhältnismäßig geringe Sünde durch die unendlich größere gesühnt werden, wie sie sich in der Tötung Gottes darstellt! Vielmehr besteht die Erlösung in einem innerlichen, rein sittlichen Prozeß. Nämlich im Leben, Leiden und Sterben Jesu bekundet sich eine so mächtige Liebe zur Menschheit, daß dieselbe notwendig in uns eine Gegenliebe entzündet von solcher Kraft, daß wir dadurch von der Knechtschaft der Sünde erlöst und Kinder Gottes werden. —

Dies waren die hauptsächlichsten Irrlehren, die man Abaelard zum Vorwurf machte, und solcher einzelner Sätze bedurfte man freilich, wenn man ihn auf Kirchenversammlungen der Ketzerei überführen wollte. Im Grunde aber war der Kampf, in dem Abaelard kämpfte und schließlich fiel, ein viel prinzipiellerer. Es war der große Gegensatz zwischen Dialektik und kontemplativer Mystik, dem er zum Opfer fiel. Die letztere Richtung nahm eben damals durch ihren geistesgewaltigen Vertreter, Bernhard von Clairvaux, einen mächtigen Aufschwung. Er ist der eine der beiden Gegner, die Abaelard am Schluß seiner „Leidensgeschichte“ wie drohende Wolken an seinem Horizont auftauchen sieht, und seinen Machinationen ist er erlegen. Während die Dialektik durch Vermittelung des Verstandes zur Glaubenseinsicht und Gotteserkenntnis zu gelangen strebte, wollte die Mystik die Gottheit unmittelbar erfahren und erfassen. Als den Weg dazu bezeichnet Bernhard die Liebe. „Gott wird erkannt, soweit er geliebt wird“ war sein Grundsatz. Nicht Nachdenken und logische Schlüsse führen in die Nähe Gottes, sondern die Heiligung, deren höchste Blüte die Ekstase ist, die freilich nur wenigen in besonders geweihten Momenten zu teil wird, und mittelst deren sich die Seele zum unmittelbaren Anschauen und Genießen der Gottheit emporschwingt. In diesem Zustand werden ihr Offenbarungen kund, wie sie durch Studium und Wissenschaft niemals erreicht werden.

Dieser gewaltige Mensch, von dem selbst das Haupt der Kirche willig Belehrung annahm, lud den Vielverfolgten zum Entscheidungskampf auf die Synode zu Sens im Jahr 1141. Der langvorbereitete Streich fiel vernichtend auf Abaelards Haupt. Zwar appellierte er von dem Urteil der Synode, das ihn der Ketzerei bezichtigte, an den Papst; allein vergebens. Der päpstliche Spruch lautete auf Exkommunikation, lebenslängliche Klosterhaft und Verbrennung seiner Schriften. Abaelard wollte selbst seine Sache in Rom führen und machte sich auf den Weg. Aber er kam nicht weit. Unterwegs kehrte der müde Wanderer in der Abtei zu Clugny ein; Abt Petrus der Ehrwürdige nahm ihn auf und bot ihm sein Kloster zum dauernden Asyl für die kurze Zeit, die ihm noch vergönnt war, an. Abaelard machte durch die Vermittelung des Petrus seinen Frieden mit der Kirche und mit Bernhard, und hat wenigstens sein letztes Lebensjahr unangefochten im Frieden des Klosters verbracht.

Über seine letzten Lebenstage haben wir einen anschaulichen Bericht von Petrus, den dieser an Heloise schickte. Voll Befriedigung weist der ehrwürdige Abt darauf hin, wie gläubig und kirchlich, wir möchten sagen, wie orthodox der große Gelehrte gestorben sei. Auf uns aber macht der Bericht den wehmütigen Eindruck, daß der einst so geistesmächtige kühne Streiter hingeschieden ist als ein körperlich und geistig gebrochener Mann. Die in Betracht kommende Stelle in dem Brief des Abts Petrus lautet in der Übersetzung folgendermaßen: „Ich erinnere mich meines Wissens nicht, in demütiger Haltung und Gebärde seinesgleichen gesehen zu haben, so daß einem aufmerksamen Beobachter weder Germanus niedriger, noch selbst Martinus ärmer erscheinen konnte. Wiewohl er in der großen Schar unsrer Brüder auf meine Veranlassung eine höhere Stellung einnahm, schien er doch in seinem vernachlässigten Gewand der letzte von allen zu sein. Oftmals, wenn er bei Prozessionen nach der Sitte mit mir den andern voranschritt, wunderte ich mich und mußte staunen, daß ein Mann von solch hochberühmtem Namen sich so sehr gering achten und demütigen könne. Es giebt in unserm Orden Leute, denen ihr geistliches Gewand nicht kostbar genug sein kann; er war in dieser Hinsicht so bescheiden, daß er sich mit dem unscheinbarsten begnügte. So hielt er es auch mit Speise und Trank und mit allen leiblichen Bedürfnissen. Nicht etwa bloß das Überflüssige, sondern alles was nicht unumgänglich notwendig war, verwarf er für sich und andere in Wort und Beispiel. Beständig war er mit Lesen beschäftigt, häufig im Gebet vertieft; sein Schweigen unterbrach er nur, wenn der vertrauliche Verkehr mit den Brüdern oder ein öffentlicher Vortrag über göttliche Dinge im Konvent ihn dazu nötigten. Die himmlischen Sakramente feierte er so oft er konnte, Gott das Opfer des ewigen Lamms darbringend; ja nachdem er durch meine Briefe und Verwendung die päpstliche Gnade wieder erlangt hatte, nahm er fast beständig daran teil. Was soll ich viel Worte machen? Sein Geist, sein Mund, seine Handlungsweise dachte, lehrte und bezeugte allezeit göttliche, philosophische, wissenschaftliche Wahrheiten. Also lebte er mit uns noch eine Zeitlang schlecht und recht, gottesfürchtig und meidend das Böse, und weihte Gott die letzten Tage seines Lebens. Da er an einem starken Hautausschlag und andern körperlichen Beschwerden litt, sandte ich ihn zur Erholung nach Châlons. In der Nähe der Stadt, am Saônefluß, einer der schönsten Gegenden unsres Burgunder Landes, hatte ich ihm für einen passenden Aufenthalt gesorgt. Hier nahm er die gewohnten Studien wieder auf, so weit die Krankheit es ihm gestattete und saß beständig über den Büchern. Und wie man von Gregor dem Großen erzählt, so ließ auch er keinen Augenblick verstreichen, ohne zu beten, zu lesen, zu schreiben oder zu diktieren. In der Ausübung solch frommer Werke fand ihn bei seiner Ankunft der Heimsucher, von dem das Evangelium spricht, und zwar nicht schlafend wie viele, sondern wachend. Ja wachend fand er ihn und berief ihn zur himmlischen Hochzeit, nicht als eine thörichte, sondern als eine kluge Jungfrau. Denn er trug bei sich die Lampe, gefüllt mit Öl, das ist ein Gewissen erfüllt vom Zeugnis heiligen Wandels. Den gemeinsamen Tribut der Sterblichkeit zu entrichten, wurde er stärker und stärker von der Krankheit ergriffen und gelangte in kurzer Zeit zum Ziele. Wie fromm, wie gottergeben, wie ganz katholisch er seinen Glauben und seine Sünden bekannte, mit welcher Inbrunst sein sehnsüchtiges Herz die letzte Wegzehrung und das Unterpfand des ewigen Lebens, nämlich den Leib des Herrn, unsres Erlösers, empfing, wie gläubig er Leib und Seele für Zeit und Ewigkeit ihm empfahl, das bezeugen alle Brüder des Klosters, in dem der Leib des heiligen Märtyrers Marcellus ruht. Also beschloß Meister Petrus die Tage seines Lebens. Er, der durch sein Wissen und sein Lehren fast der ganzen Welt bekannt und überall berühmt war, hat in der Schule dessen, der gesagt hat: ‚lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig‘ — sanftmütig und demütig ausgeharrt, und ist also, das dürfen wir glauben, zu ihm selbst hinübergegangen.“

Ein chronologischer Überblick über das Leben Abaelards und Heloisens ergiebt nach dem heutigen Stande der Forschung folgende Daten: Abaelard ist geboren zu Palais bei Nantes im Jahr 1079; Heloise[2] geboren zu Paris 1101. Im Jahr 1113 ist Abaelard das Haupt der Pariser Schule. Nach längerer Abwesenheit kehrt er 1117 nach Paris zurück und lernt im Jahr 1118 die damals siebzehnjährige Heloise kennen, ihr Verhältnis dauert während des Jahrs 1118-19. Die Gründung des Klosters „Zum Paraklet“ durch Abaelard fällt ins Jahr 1123. Von 1125 an ist Abaelard im Kloster von St. Gildas. Im Jahre 1129 wird Heloise mit ihren Nonnen aus St. Denis vertrieben. Vom Jahre 1131 stammt die Bulle des Papstes Innocenz II., worin die Überweisung des Parakleten an Heloise bestätigt wird. Aus dem Jahre 1132 ungefähr datiert die „Leidensgeschichte“ (Brief I). Im Jahre 1134 verläßt Abaelard das Kloster St. Gildas. 1136 ist er wieder Lehrer auf dem Berge der heiligen Genoveva. Im Jahre 1141 wird er auf dem Konzil von Sens verurteilt und stirbt 1142 im Kloster zu St. Marcel bei Châlons-sur-Saône. Heloise folgt ihm im Jahre 1163.

Davos, im März 1894.

Dr. P. Baumgärtner.

I. Brief.
Abaelard an einen Freund.

(Die Leidensgeschichte.)

Gewöhnlich sind es nicht Worte, sondern handgreifliche Vorbilder, die das menschliche Herz am meisten erregen oder aber zur Ruhe bringen. Darum habe ich mich entschlossen, dir zum Trost die Geschichte meiner Leiden niederzuschreiben, nachdem ich schon durch mündlichen Zuspruch dich aufzurichten versucht habe, als du das letzte Mal bei mir weiltest. Erkenne aus diesen Zeilen, daß das, was du Leiden nennst, im Vergleich mit den meinigen überhaupt keine sind oder doch nur geringfügige Heimsuchungen — und lerne sie geduldig tragen.

Ich bin geboren in der Stadt Palais, an der Grenze der Bretagne, ungefähr acht Stunden östlich von Nantes gelegen. Ein lebhaftes Temperament und ein leichtempfänglicher Sinn für die Wissenschaft war das Erbe meines heimatlichen Bodens oder des Blutes, das in meinen Adern rollte. Mein Vater hatte sich etwas mit Wissenschaft befaßt, ehe er den ritterlichen Waffenschmuck angelegt hatte, und später war er so sehr für das Studium eingenommen, daß er darauf sah, alle seine Söhne zuerst wissenschaftlich auszubilden, ehe sie sich im Waffenhandwerk übten. Und so geschah es auch. Ich war der Erstgeborene, und je mehr er mich als solchen ins Herz geschlossen hatte, desto mehr war er bei mir auf einen sorgfältigen Unterricht bedacht. Die Fortschritte, die ich in den Wissenschaften mit so leichter Mühe machte, spornten meinen Eifer nur an und schließlich war meine Neigung zu ihnen so stark geworden, daß ich allen kriegerischen Glanz samt meinem Erbe und den Vorrechten meiner Erstgeburt drangab und die Jüngerschaft des Mars verlassend mich ganz in den Dienst Minervas stellte. Und da ich allen Systemen der Philosophie die Rüstkammer der Dialektik vorzog, legte ich meine bisherige Waffenrüstung ab und erkor mir statt der Kriegstrophäen die Kämpfe des Geistes. Ich wurde eine Art Peripatetiker, indem ich disputierend die Gegenden durchwanderte, von denen es hieß, daß dort die Kunst der Dialektik besonders ausgebildet sei.

So kam ich denn auch nach Paris, wo von alters her diese Wissenschaft in höchster Blüte stand. Wilhelm von Champeaux, der in diesem Fache einen wohlverdienten Ruf genoß, wurde mein Lehrer. Ich besuchte eine Zeitlang seine Schule und war anfangs ganz wohl bei ihm gelitten; bald aber wurde ich ihm höchst unbequem, da ich von seinen Sätzen einige zu widerlegen versuchte und mir wiederholt herausnahm, ihn mit Gegengründen anzugreifen, wobei ich ihm einigemale sichtlich überlegen war. Auch die bedeutendsten meiner Mitschüler gerieten darüber höchlich in Entrüstung, um so mehr als ich der jüngste war und von allen die kürzeste Studienzeit hinter mir hatte. Und so begann die lange Kette meiner Leiden, die noch immer ihr Ende nicht erreicht haben, und je weiter mein Ruf sich verbreitete, desto heftiger entbrannte der Neid meiner Widersacher. Es geschah, daß ich meinen jugendlichen Kräften Übermäßiges zumutend im Vertrauen auf meine Geistesgaben noch als ganz junger Mann danach trachtete, eine eigene Schule zu gründen und schon faßte ich einen Schauplatz für meine künftigen Thaten in die Augen: nämlich Melun, einen Ort, der damals als königliche Residenz von ziemlicher Bedeutung war. Mein Lehrer merkte meine Absicht, und um meine Schule möglichst entfernt von der seinigen zu halten, bot er, so lange ich seine Schule noch besuchte, insgeheim alle Mittel auf, um die Einrichtung meiner eigenen zu verhindern und mir den Ort, den ich gewählt hatte, unmöglich zu machen. Allein er hatte sich mit einigen einflußreichen Herren des Landes verfeindet; mit ihrer Hilfe führte ich meinen Plan zum Ziel, und gerade seine offenkundige Mißgunst verschaffte mir das Vertrauen der Mehrzahl. Gleich durch die ersten Versuche, die ich im Unterrichten machte, bekam ich einen solchen Namen als Meister der Dialektik, daß der Ruhm meiner Mitschüler ja sogar der meines Lehrers selbst zu erbleichen anfing. So wuchs mein Selbstvertrauen immer mehr und ich ruhte nicht, bis ich meine Schule so schnell wie möglich nach Corbeil verlegt hatte, wo wegen der Nähe von Paris meinem Ungestüm zu dialektischen Kämpfen reichlichere Gelegenheit geboten war.

Es dauerte jedoch nicht lange, bis ich infolge von Überanstrengung erkrankte und in meine Heimat zurückkehren mußte. So war ich einige Jahre aus Frankreich sozusagen verbannt und wurde von denen, die sich der Dialektik befleißigten, lebhaft vermißt. Nach Verfluß einiger Jahre jedoch, als ich mich längst wieder erholt hatte, änderte Wilhelm von Champeaux, mein berühmter Lehrer und Archidiakon von Paris, plötzlich seine Lebensweise, indem er in den Orden der regulierten Chorherrn eintrat — man sagte mit der Absicht, auf diese Weise den Schein größerer Frömmigkeit zu erwecken und sich dadurch zu um so höherer Würde aufzuschwingen. Dies gelang ihm denn auch in kürzester Zeit: er wurde Bischof von Châlons, ohne sich jedoch durch diese Umgestaltung seines Lebens von Paris oder von der gewohnten Beschäftigung mit der Philosophie abhalten zu lassen; vielmehr hielt er eben in dem Kloster, in das er sich, um der Frömmigkeit zu pflegen, zurückgezogen hatte, öffentliche Vorlesungen wie früher. Damals kehrte ich zu ihm zurück, um Rhetorik bei ihm zu hören; abgesehen von mancherlei sonstigen wissenschaftlichen Kämpfen, in denen wir uns gegeneinander versuchten, brachte ich ihn durch unumstößliche Beweisgründe dahin, daß er seine von jeher vorgetragene Lehre von den Universalien (Allgemeinbegriffen) abänderte, ja gänzlich aufgab. Seine Lehre von der Gemeinsamkeit der Universalien bestand darin, daß er behauptete, ein und dieselbe Wesensbeschaffenheit liege allen Einzeldingen zu Grunde, so daß diesen nach seiner Meinung keine eigentliche Wesensverschiedenheit zukomme, sondern nur eine Mannigfaltigkeit, die von der Menge der hinzutretenden Accidentien herrühre. Nun änderte er seine Lehre insofern, daß er nicht mehr die Identität der Wesensbeschaffenheit behauptete, sondern nur ihre Indifferenz. Dieser Punkt galt aber bei den Dialektikern von jeher als einer der wichtigsten in der Lehre von den Universalien, so daß selbst Porphyrius in seinen Isagogen bei Gelegenheit der Besprechung der Universalien hierüber keine Entscheidung zu treffen wagt, sondern sich damit begnügt zu sagen: „dies ist ein sehr heikler Punkt“. Da nun Wilhelm von Champeaux in diesem Punkt seine Lehre geändert, oder vielmehr unfreiwillig aufgegeben hatte, kamen seine Vorlesungen dermaßen in Mißkredit, daß man ihm kaum noch gestattete, überhaupt Dialektik zu lesen, als ob diese ganze Wissenschaft ihren Kernpunkt in der Frage von den Universalien hätte.

Unter diesen Umständen wuchs das Ansehen meiner eigenen Schule nur immermehr. Die eifrigsten Anhänger Wilhelms, die meine Lehre früher am heftigsten bekämpft hatten, kamen nunmehr zu mir; ja, der Nachfolger Wilhelms an der Schule zu Paris bot mir seinen Lehrstuhl an, um sich mit den andern zu meinen Füßen zu setzen, da wo einst unser gemeinsamer Lehrer geglänzt hatte. Und so war ich denn dort nach kurzer Zeit unbeschränkter Herrscher auf dem Gebiete der Dialektik und als solcher ein Gegenstand unsäglichen Neides und Schmerzes für meinen früheren Lehrer. Außer stande, das Mißgeschick, das ihn betroffen hatte, länger zu tragen, griff er zu unlauteren Mitteln, um mich auch jetzt wieder zu verdrängen. Da er im offenen Kampfe nichts gegen mich vermochte, setzte er auf Grund von allerhand ehrenrührigen Beschuldigungen die Entfernung des Mannes durch, welcher mir seinen Lehrstuhl überlassen hatte, worauf einer meiner Gegner an seine Stelle rückte. Daraufhin kehrte ich nach Melun zurück und begann daselbst zu lehren wie früher, und je unverhüllter sich die Mißgunst Wilhelms gegen mich zeigte, desto mehr trug sie zum Wachstum meines Ruhmes bei — nach dem Dichterwort:

„Die Größe macht der Neid zu seinem Ziel,

Am schärfsten weht der Sturmwind auf den Höhn.“

Bald darauf merkte Wilhelm, daß die Mehrzahl seiner Schüler an der Aufrichtigkeit seiner Frömmigkeit zu zweifeln begann und sich allerhand über seine Bekehrung zuraunte, da er sich nicht im geringsten veranlaßt gesehen hatte, sich aus der Hauptstadt zurückzuziehen. Nun siedelte er mit seinem Konventikel und mit seiner Schule an einen von der Stadt Paris ziemlich entfernten Ort über. Alsbald kehrte ich von Melun nach Paris zurück, in der Hoffnung, nun Ruhe vor ihm zu haben. Da jedoch, wie gesagt, mein Platz noch von meinem Gegner eingenommen war, so ließ ich mich mit meiner Schule außerhalb der Stadt auf dem Berg der heiligen Genoveva nieder, als wollte ich jenen Eindringling belagern. Auf die Kunde davon war Wilhelm unverfroren genug, alsbald nach Paris zurückzukehren; was er noch an Schülern hatte, brachte er samt seiner kleinen Bruderschaft in seinem alten Kloster unter; es sah aus, als wollte er den Posten, den er allein im Feld gelassen hatte, von unsrer Belagerung befreien. Allein während er ihm nützen wollte, schadete er ihm nur. Vorher nämlich hatte der gute Mann noch etliche Schüler gehabt, hauptsächlich wegen seiner Vorlesungen über Priscianus, für die ihm ein gewisser Ruf zur Seite stand. Nach der Ankunft des Meisters jedoch verlor er vollends alle und war so genötigt, sein Lehramt aufzugeben, und es dauerte nicht lange, bis auch er, dem Ruhme dieser Welt völlig entsagend, ins Kloster ging. Welche Schlachten auf dem Felde der Wissenschaft meine Schüler nach der Rückkehr Wilhelms mit ihm selbst wie mit seinen Anhängern ausgefochten haben und wie die Gunst des Schicksals in diesen Kämpfen mit mir und den meinigen war, das hat dir längst der weitere Verlauf der Ereignisse gezeigt. Kühnlich, wenn auch bescheidnern Sinnes, darf ich jenes Wort des Aiax auf mich anwenden:

„Und fragst du nach dem Ende dieses Kampfs,

So sag ich stolz: er hat mich nicht besiegt.“

Wollte ich darüber schweigen, die Thaten würden für sich selbst sprechen und der schließliche Erfolg würde laut genug für mich zeugen.

Während dieser Vorgänge drang meine geliebte Mutter Lucia in mich, nach Hause zu kommen. Mein Vater Berengar war nämlich ins Kloster gegangen, und meine Mutter hatte das Gleiche im Sinn. Nach Erledigung dieser Angelegenheit kehrte ich nach Frankreich zurück, hauptsächlich mit der Absicht, Theologie zu studieren. In diesem Fache genoß Wilhelm von Champeaux innerhalb seines Bistums Châlons eines ziemlichen Rufes. Die größte Autorität auf diesem Gebiete war jedoch seit lange sein Lehrer Anselm von Laon.

Ich besuchte also die Schule dieses ehrwürdigen Mannes, der freilich seinen Namen mehr einer langjährigen Thätigkeit zu danken hatte als seinem Geist und seiner Bedeutung. Wer über irgend eine Frage im Zweifel war und an seine Thür pochte, um sich Rats zu erholen, der wußte nachher gewiß weniger als vorher. Der Masse der Zuhörer wußte er zu imponieren, wenn man aber unter vier Augen mit ihm sprach, machte er einen sehr dürftigen Eindruck. Er verfügte über eine ungewöhnliche Redegewandtheit, aber es steckte im Grunde wenig dahinter. Das Feuer, das er entzündete, füllte sein Haus nur mit Rauch, statt es zu erleuchten. Er glich einem Baum, der in seinem reichen Blätterschmuck von weitem vielversprechend aussah, und doch wenn man ihn aus der Nähe genauer betrachtete, keine Früchte aufzuweisen hatte. Daher als ich hinzutrat, um Früchte bei ihm zu finden, fand ich in ihm jenen Feigenbaum, den der Herr einst verfluchte, oder jene alte Eiche, mit der der Dichter Lucanus den Pompejus vergleicht, indem er sagt:

„Von seinem Namen lebt nur noch ein Schatten,

Wie im fruchtbaren Feld der hohe Eichbaum steht.“

Nachdem ich dies herausgefunden hatte, blieb ich nicht lange müßig in seinem Schatten liegen, sondern besuchte seine Vorlesungen immer seltener. Einige seiner bedeutendsten Schüler waren nun darüber empört, daß ich einem Lehrer von solcher Bedeutung so wenig Achtung zollte und wußten ihn durch allerlei Ränke und Verleumdungen gegen mich einzunehmen. Eines Tags nach Abschluß einer wissenschaftlichen Besprechung unterhielten wir uns in zwangloser Weise. Einer meiner Mitschüler fragte mich bei dieser Gelegenheit, um mich in Verlegenheit zu bringen, was ich vom Lesen der heiligen Schrift halte. Ich, der ich bis jetzt nur weltliche Wissenschaft getrieben hatte, antwortete, daß es kein ersprießlicheres Studium gebe als das der Bibel, weil diese uns über das Heil unserer Seele unterrichte; nur müsse ich mich darüber höchlich wundern, daß den Gelehrten zum Verständnis der heiligen Schriftsteller nicht der einfache Text und etwa die Glossen dazu genügen, sondern daß sie noch weitere Hilfsmittel nötig hätten. Darüber erhob sich ein allgemeines Gelächter und man fragte mich, ob ich mir getraue, einen solchen Versuch zu machen. Ich erwiderte, daß ich zur Probe bereit sei, wenn sie es darauf ankommen lassen wollten. „Gewiß wollen wir,“ antworteten sie mir unter Geschrei und erneutem Gelächter; „man wird Euch zu einem weniger bekannten Text einen Ausleger anweisen und wir werden sehen, wie Ihr Euer Versprechen haltet.“

Sie vereinigten sich nun auf ein höchst schwieriges Kapitel des Propheten Ezechiel; ich nahm den Ausleger an und lud sie schon auf den folgenden Tag zu einer Vorlesung ein. Sie jedoch wollten mich gegen meinen Willen eines Besseren belehren und meinten, eine so wichtige Sache dürfe man nicht übereilen; da ich in diesem Fache doch noch wenig Übung habe, müsse ich mehr Zeit auf die Ausarbeitung meiner Erklärung verwenden. Allein ich antwortete in gereiztem Tone, daß ich gewohnt sei, mich nicht auf eine möglichst lange Frist, sondern auf meinen Verstand zu verlassen, und ich werde überhaupt die ganze Sache aufgeben, wenn sie sich nicht ohne Verzug zu der Vorlesung einfinden wollten, wann ich es wünsche. Zu meiner ersten Vorlesung fanden sich nun allerdings nur wenige ein; die meisten fanden es lächerlich, daß ich — bisher ganz unbewandert im Studium der heiligen Schrift — damit so kurzer Hand verfahren wollte. Denen aber, die meiner Vorlesung anwohnten, gefiel sie so gut, daß sie sie nicht genug loben konnten und mich drängten, meine Erklärung nach dieser meiner Methode fortzusetzen. Als dies bekannt wurde, beeilten sich auch die, die bisher ferngeblieben waren, in die zweite und dritte Vorlesung zu kommen, und waren eifrig darauf bedacht, von dem, was ich am ersten Tag gelesen hatte, sich eine Abschrift zu verschaffen.

Die Folge davon war, daß der alte Anselm von gewaltiger Eifersucht befallen wurde, und da er schon vorher infolge mißgünstiger Einflüsterungen nicht gut auf mich zu sprechen war, verfolgte er mich nun wegen meiner theologischen Vorlesungen gerade so, wie es einst Wilhelm wegen der philosophischen gethan hatte.

Für seine beiden bedeutendsten Schüler galten damals Alberich von Rheims und Lotulph aus der Lombardei; jemehr diese von sich selber eingenommen waren, destoweniger waren sie mir hold. Es hat sich nachmals herausgestellt, daß Anselm sich durch ihre Vorstellungen bestimmen ließ, mir die Fortsetzung meiner begonnenen Erklärung am Schauplatz seiner Lehrthätigkeit kurzweg zu untersagen, unter dem Vorwand, es möchten, da meine Erfahrung in diesem Fache noch mangelhaft sei, Verstöße vorkommen, für die er dann verantwortlich gemacht werden würde. Als dies meinen Schülern zu Ohren kam, war ihre Entrüstung über einen so unverblümten Brotneid groß; denn deutlicher konnte sich ja die Eifersucht nicht zu erkennen geben. Je mehr ich übrigens unter solchen Verfolgungen zu leiden hatte, desto größer wurde dadurch mein Ansehen und mein Ruhm.

So kehrte ich denn auch bald nach Paris zurück, und hatte dort den mir schon längst bestimmten und angebotenen Lehrstuhl, von dem ich vertrieben worden war, einige Jahre in ungestörter Ruhe inne; gleich im Anfang meiner Wirksamkeit ging mein Streben dahin, jene Glossen zu Ezechiel zu vollenden, die ich in Laon begonnen hatte. Dieses Werk fand beim Publikum eine äußerst günstige Aufnahme, und man hörte bereits das Urteil, daß meine theologische Begabung in nichts hinter meiner philosophischen zurückbleibe. Die Begeisterung für meine Vorlesungen in beiden Fächern vermehrte die Zahl meiner Schüler ganz erheblich; welcher Gewinn, welcher Ruhm mir daraus erwuchs, das ist auch dir gewiß nicht unbekannt geblieben. Allein das Glück hat von jeher die Thoren aufgebläht; die Sicherheit dieser Welt schwächt die Kräfte der Seele und der Geist erliegt dann nur allzu leicht den Lockungen des Fleisches. So ging es auch mir: schon hielt ich mich für den einzigen Philosophen in der Welt, der von keiner Seite mehr einen Angriff zu fürchten brauche, und ich, der bis jetzt die strengste Enthaltsamkeit geübt hatte, begann nun meinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen. Je mehr ich in Philosophie und Theologie Fortschritte machte, desto weiter blieb ich mit meinem unreinen Lebenswandel hinter den Philosophen und den Heiligen zurück. So viel ist sicher, daß die Philosophen und noch mehr die Heiligen, d. h. die, die ihr Leben nach den Geboten der heiligen Schrift einrichteten, ihr Ansehen hauptsächlich ihrer Enthaltsamkeit verdanken. Ich nun war ganz und gar von der Krankheit des Stolzes und der Sinnlichkeit befallen, aber Gott hat mich in seiner Gnade von beiden Übeln geheilt, freilich gegen meinen Willen, und zwar zuerst von der Sinnlichkeit, dann vom Stolz. Von der Sinnlichkeit, indem er mich dessen beraubte, womit ich ihr gefrönt hatte; vom Stolz, der sich auf mein Wissen gründete — denn „Wissen bläht auf“, sagt der Apostel — indem er mich die Demütigung erleben ließ, daß mein berühmtestes Buch verbrannt wurde.

Ich möchte, daß du mit der Geschichte dieser Vorgänge nicht bloß durchs Hörensagen bekannt würdest, sondern durch eine getreue, dem Gang der Ereignisse folgende Darstellung. Vor dem schmutzigen Verkehr mit Buhlerinnen hatte ich von jeher einen Abscheu, andererseits ließ mich mein Studium, das mich ganz und gar in Anspruch nahm, nicht zum Umgang mit edleren Frauen kommen, auch war ich in den Umgangsformen weltlichen Verkehrs nicht bewandert. Da fand das Schicksal, mich scheinbar hätschelnd, in Wirklichkeit aber mir feindlich gesinnt, ein bequemes Mittel, um mich von dem Gipfel meiner Größe herabzustürzen — ja vielmehr die göttliche Liebe wollte mich, der ich in meinem Übermut des Dankes gegen die Gnade Gottes vergessen hatte, durch eine tiefe Demütigung auf den rechten Weg zurückbringen.

Es lebte in Paris eine Jungfrau Namens Heloise, die Nichte eines Kanonikus Fulbert, der ihr zuliebe alles that, um an ihrer wissenschaftlichen Ausbildung nichts zu verabsäumen. Gehörte sie schon ihrem Äußern nach nicht zu den letzten, so war sie durch den Reichtum ihres Wissens weitaus die erste. Denn je seltener man den Vorzug wissenschaftlicher Bildung bei Frauen findet, destomehr Reiz verlieh sie diesem Mädchen, das sich dadurch bereits im ganzen Lande einen Namen gemacht hatte. Sie, die ich mit allem geschmückt sah, was Liebe zu wecken pflegt, gedachte ich nun durch Bande der Liebe an mich zu fesseln, und zweifelte keinen Augenblick an meinem Erfolg. Mein Name war damals hoch gefeiert und ich stand in der Blüte männlicher Jugendschöne, so daß ich keine Zurückweisung fürchten zu müssen glaubte, wenn ich eine Frau meiner Liebe würdigte, mochte sie sein, wer sie wollte. Von Heloise aber glaubte ich, daß sie sich mir um so lieber ergeben werde, als sie wissenschaftliche Bildung besaß und eine Vorliebe für die Wissenschaften hatte. Ich sagte mir, daß wir infolgedessen selbst in die Ferne schriftlich miteinander verkehren konnten, daß man dabei der Feder manches kühne Wort vertrauen könne, das die Lippe nicht gewagt hätte, und daß uns so allezeit Gelegenheit zum süßesten Gedankenaustausch geboten sei.

Von glühender Liebe zu diesem Mädchen erfüllt, suchte ich nach einer Gelegenheit, um sie durch täglichen Verkehr in ihrem Hause näher kennen zu lernen und sie meinen Wünschen gefügig zu machen. Ihres Oheims eigene Freunde waren mir dabei behilflich; ich kam mit ihm überein, daß er mich um eine beliebige Entschädigung in sein Haus aufnehmen sollte, das ganz in der Nähe meiner Schule lag. Ich gebrauchte dabei den Vorwand, daß mir bei meinem Gelehrtenberuf die Sorge für meine leibliche Notdurft hinderlich sei und mir auch zu teuer zu stehen komme. Nun war Fulbert ein großer Geizhals, dabei aber doch darauf bedacht, daß seine Nichte in ihrer gelehrten Bildung möglichst große Fortschritte mache. Beides zusammen verschaffte mir ohne Schwierigkeiten die Einwilligung zu dem, was ich wollte: einerseits war der Alte auf das Geld aus, andererseits versprach er sich von meinem Unterricht einen Vorteil für das Mädchen. Ja, er kam selber meinen Wünschen über alles Erwarten entgegen und leistete unbewußt meiner Liebe Vorschub. Er überließ mir Heloise ganz und gar zur Erziehung und bat mich obendrein dringend, ich möchte doch ja alle freie Zeit, sei’s bei Tag oder bei Nacht, auf ihren Unterricht verwenden, ja, wenn sie sich träge und unaufmerksam zeige, solle ich sie rücksichtslos bestrafen. Ich mußte nur staunen über eine solch grenzenlose Einfalt, die das unschuldige Lamm dem hungrigen Wolf anvertraute. Er gab sie mir also nicht bloß in die Lehre, sondern übertrug mir auch das Recht der Züchtigung. War damit meinen Wünschen nicht Thür und Thor geöffnet? Machte er es mir auf diese Weise doch möglich, ohne daß ich es wollte, mit Drohen und Schlagen zum Ziele zu gelangen, wenn die Worte der Verführung nichts nutzten! Aber ein Zweifaches hielt jeden Verdacht fern von ihm: die Liebe zu seiner Nichte und die allbekannte Unbescholtenheit meines bisherigen Lebens.

Was soll ich weiter viel sagen? Zuerst Ein Haus, dann Ein Herz und Eine Seele. Unter dem Deckmantel der Wissenschaft gaben wir uns ganz der Liebe hin und unsere Beschäftigung bot uns von selbst die Gelegenheit des Alleinseins, wie Liebende sie wünschen. Da war denn freilich über dem offenen Buche mehr von Liebe die Rede als von Wissenschaft, da gab es mehr Küsse als weise Sprüche. Nur allzu oft verirrte sich die Hand von den Büchern weg zu ihrem Busen, und eifriger als in den Schriften lasen wir eins in des andern Augen; ja, um jeden Verdacht unmöglich zu machen, ging ich einigemale soweit, daß ich sie züchtigte. Aber es war Liebe, die schlug, nicht Grimm; Neigung, nicht Zorn, und diese Züchtigungen waren süßer als aller Balsam der Welt. Kurz: die ganze Stufenleiter der Liebe machte unsre Leidenschaft durch, und wo die Liebe eine neue Entzückung erfand, da haben wir sie genossen. Der Reiz der Neuheit, den diese Freuden für uns hatten, erhöhte nur die Ausdauer unserer Glut und unsere Unersättlichkeit. Je mehr ich ein Sklave der Lust geworden war, destoweniger hatte ich mehr übrig für Wissenschaft und Schule. Es war mir im Innersten zuwider, vor meine Schüler hinzutreten und unter ihnen zu weilen; zugleich war es ein aufreibendes Leben, das ich führte: meine Nächte gehörten der Liebe, die Tage der geistigen Arbeit. Meine Vorträge waren gleichgültig und matt, meine Rede sprühte nicht mehr von Funken des Geistes, erhob sich nicht mehr über das Gewöhnliche. Ich konnte nur noch wiederholen, was ich früher ausgedacht hatte, und wenn ich dann und wann noch imstande war, ein Lied zu dichten, so sang ich vom Lob der Minne, nicht von den Tiefen der Weisheit. Die meisten dieser Lieder leben noch jetzt, wie du wohl weißt, da und dort im Munde des Volkes und werden von denen gesungen, die Gleiches erleben.

Von der Trauer, dem Jammer, den Klagen meiner Schüler als sie entdeckten, daß ich innerlich in dieser Weise in Anspruch genommen, ja gestört sei, kann man sich kaum eine Vorstellung machen. Eine Sache, die so klar am Tage lag, konnte ja unmöglich ein Geheimnis bleiben, und ich glaube fast: nur der Mann wußte nichts davon, dessen Ehre dabei am meisten auf dem Spiele stand, der Oheim des Mädchens selbst. Zwar wurde er mehrmals und von verschiedenen Seiten gewarnt; allein er schenkte solchen Einflüsterungen keinen Glauben und zwar aus den oben genannten Gründen, wegen der unbegrenzten Liebe zu seiner Nichte und wegen der unbezweifelten Reinheit meines Vorlebens. Denn wohl fällt es uns schwer, von denen, die wir lieben, Schlechtes zu glauben, und wahre Liebe weiß nichts von dem schleichenden Gifte des Argwohns. So schreibt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief an Sabinianus: „Gewöhnlich erfahren wir selbst es zuletzt, wenn in unserem Hause etwas nicht in Ordnung ist, und wissen nichts von den Fehlern unserer Kinder und Frauen, wenn die Nachbarn schon laut davon sprechen.“ — Aber wenn auch spät, einmal wird es doch offenbar; was alle wissen, bleibt einem einzigen auf die Dauer auch nicht verborgen.

Dies war, nachdem einige Monate verflossen waren, auch das Schicksal unserer Liebe. Ach, wie zerriß diese Entdeckung dem Oheim das Herz! Wie groß war der Schmerz, der die Liebenden selbst durch die nun folgende Trennung traf! Welche Schande, welche Verlegenheit für mich! Mit welcher Verzweiflung erfüllte mich das Unglück des Mädchens! Welche Qualen, welche Trauer über den Verlust meines eigenen guten Leumunds stand ich aus! Jedes von uns beklagte nicht sein eigenes Mißgeschick, sondern nur das des andern. Allein die körperliche Trennung befestigte nur das Band unserer Seelen und unsere Liebe wurde um so glühender, je mehr die Befriedigung ihr fehlte. Nachdem unsre Leidenschaft einmal die Fesseln der Scham durchbrochen hatte, wurden wir unempfindlich gegen sie, und das Schamgefühl hatte um so weniger Einfluß auf uns, je lockender die Sünde erschien, die wir begangen. Wir erlebten an uns dasselbe, was der Dichter von Mars und Venus erzählt, als sie bei einander überrascht wurden.

Bald darauf fühlte Heloise sich Mutter; in der höchsten Freude benachrichtigte sie mich davon und fragte mich um Rat, was nun zu thun sei. Nachdem wir vorher darüber eins geworden waren, entführte ich sie ihrem Oheim in einer Nacht, da er nicht zu Hause war. Unverzüglich geleitete ich sie in meine Heimat zu meiner Schwester, bei der sie bis zur Geburt eines Knäbleins verblieb, dem sie den Namen Astralabius gab. Fulbert gebärdete sich bei seiner Heimkehr wie ein Rasender; nur wer es selbst mit ansah, kann sich eine Vorstellung machen von der Wut seines Schmerzes und von seiner peinlichen Verlegenheit. Er wußte nicht, was er mir anthun, welche Rache er an mir nehmen sollte. Mir nach dem Leben zu stehen oder mir einen leiblichen Schaden zuzufügen — davon hielt ihn die Angst ab, seine vielgeliebte Nichte möchte dies bei den Meinigen zu büßen bekommen. Auch konnte er sich nicht etwa meiner Person bemächtigen und mich mit Gewalt in irgend einen Gewahrsam bringen. Denn gerade in dem Punkt war ich sehr auf meiner Hut; ich kannte ihn als einen Mann, der sich nicht lange besinnen würde, wenn sich gute Gelegenheit zu einem Wagnis böte. Zuletzt aber bekam ich selbst Mitleid mit dem ungemessenen Schmerz des Mannes, auch machte ich mir Gewissensbisse über die Art und Weise, wie ich ihn um meiner Liebe willen hintergangen hatte, und klagte mich des schwärzesten Verrates gegen ihn an. So ging ich denn zu Fulbert, bat ihn um Vergebung und bot ihm jede beliebige Entschädigung an. Ich beteuerte ihm, daß niemand über meine That befremdet sein könne, der die Macht der Liebe einmal erfahren habe und der wisse, wie schmählich von Anbeginn der Welt an selbst die größten Männer durch die Weiber zu Fall gebracht worden seien. Um ihn völlig zu besänftigen, bot ich ihm eine Genugthuung an, die er nicht erwarten konnte: nämlich das verführte Mädchen zu meiner rechtmäßigen Frau zu machen, unter der einen Bedingung, daß unsere Ehe geheim bleiben sollte, damit ich an meinem Ruf keine Einbuße erleide. Fulbert ging darauf ein und er sowohl als seine Freunde gaben mir die Hand darauf und besiegelten durch Küsse den Friedensschluß — nur um mich desto sicherer zu verraten.

Ich kehrte nun in meine Heimat zurück und holte die Geliebte ab, um sie zu meiner Frau zu machen. Aber Heloise war keineswegs damit einverstanden und riet mir aus zwei Gründen dringend von meinem Vorhaben ab: nämlich wegen der Gefahr und wegen der Unehre, der ich mich dadurch aussetze. Sie versicherte mich, Fulbert lasse sich durch keine Genugthuung über das, was geschehen sei, beruhigen. Es zeigte sich später, daß sie recht hatte. Sie fragte mich, wie sie sich meines Besitzes sollte freuen können, wenn sie dadurch meinen Ruhm untergrabe und sich und mich zugleich erniedrige. Wie könnte sie es vor der Welt verantworten, wenn sie ihr eine solche Leuchte entzöge! Wie viel Verwünschungen würden diesem Ehebund nachgesandt werden, welcher Schaden würde der Kirche daraus erwachsen, wie viel Thränen würde die Wissenschaft darüber vergießen! Wie erbärmlich und kläglich wäre es, wenn ein Mann wie ich, geschaffen für die ganze Welt, sich durch ein Weib binden lassen und sich unter ein schimpfliches Joch beugen wollte! Sie verwarf diese Ehe aufs lebhafteste, da sie mir in jeder Hinsicht nachteilig und eine Last sei. Sie hielt mir ferner die geringe Achtung vor, in der die Ehe stehe und die Unannehmlichkeiten, die damit verbunden seien, zu deren Vermeidung der Apostel uns mahnt mit den Worten: „Bist du los vom Weib, so suche kein Weib. So du aber freiest, sündigest du nicht, und so eine Jungfrau freiet, sündiget sie nicht; doch werden solche leibliche Trübsal haben; ich verschonete aber euer gerne.“ — Und noch einmal sagt er: „ich wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret.“ — Und wenn ich weder den Rat des Apostels noch die Warnungen der heiligen Väter vor dem Joch der Ehe annehmen wolle: so möchte ich doch wenigstens auf die Philosophen hören und auf das, was in dieser Hinsicht entweder durch sie oder über sie geschrieben worden sei. Auch die Kirchenväter beziehen sich ja vielfach auf sie, um uns zu warnen. Als Beispiel führte sie den heiligen Hieronymus an, der im ersten Kapitel seiner Schrift „Gegen Jovinianus“ von Theophrastus erzählt, daß dieser in einer ausführlichen Besprechung der unerträglichen Beschwerden und beständigen Aufregungen, die der Ehestand mit sich bringe, schließlich mit den überzeugendsten Gründen zu dem Schluß komme: der Weise sollte überhaupt nicht heiraten. Am Schluß seiner Betrachtungen über jene Äußerungen des Philosophen sagt Hieronymus selbst: „Welcher Christ muß sich nicht beschämt fühlen, wenn er einen Theophrastus also reden hört?“ In derselben Schrift — fuhr Heloise fort — führt Hieronymus das Beispiel Ciceros an. Als dieser sich von Terentia hatte scheiden lassen, redete ihm sein Freund Hircius zu, er solle seine Schwester heiraten; allein er lehnte dies entschieden ab, da er sich nicht zugleich einer Frau und der Philosophie widmen könne. Er sagt nicht einfach „sich widmen“, sondern fügt das Wort „zugleich“ hinzu. Er wollte nichts thun, was ihn verhindert hätte, seine Aufmerksamkeit völlig auf die Philosophie zu beschränken.

Doch ich will davon nicht weiter sprechen, welches Hindernis für deinen gelehrten Beruf eine bürgerliche Ehe wäre. Denke nur an das übrige, was sie in ihrem Gefolge hätte. Was für ein Durcheinander! Schüler und Kammerzofen, Schreibtisch und Kinderwagen! Bücher und Hefte beim Spinnrocken, Schreibrohr und Griffel bei den Spindeln! Wer kann sich mit Betrachtung der Schrift oder mit dem Studium der Philosophie abgeben und dabei das Geschrei der kleinen Kinder, den Singsang der Amme, der sie beruhigen soll, die geräuschvolle Schar männlicher und weiblicher Dienstboten hören? Wer mag die beständige widerliche Unreinlichkeit der Kinder gern ertragen? Reiche Leute wissen sich in dieser Beziehung zu helfen, das gebe ich zu, denn sie sind in ihren fürstlichen Räumen nicht beschränkt, sie brauchen in ihrem Überfluß nicht auf die Kosten zu sehen und die Sorge ums tägliche Brot liegt ihnen fern. Allein die Lage der Philosophen ist eine andere als die der Reichen und wiederum: wer nach irdischen Schätzen trachtet und in die Sorgen dieser Welt verwickelt ist, hat keine Zeit für göttliche oder philosophische Dinge.

Darum haben auch die großen Philosophen der alten Zeit voll Weltverachtung das Leben in der Welt aufgegeben, ja förmlich geflohen, jeden irdischen Genuß sich versagend, um allein in den Armen der Weisheit Ruhe zu finden. Einer der größten von ihnen, Seneca, giebt dem Lucilius folgende Anweisung: „Nicht bloß deine freie Zeit darfst du der Philosophie widmen: ihr zulieb muß man alles andere hintansetzen, nie kann man auf sie zu viel Zeit verwenden. Vernachlässigst du das Studium der Philosophie eine Zeitlang, so ist dies fast ebenso, wie wenn du es ganz aufgeben würdest; denn durch zeitweise Unterbrechung geht der ganze Gewinn verloren. Anderweitigen Ansprüchen müssen wir aus dem Wege gehen und sie fern von uns halten, statt sie zu befriedigen.“ Was noch jetzt unsere Mönche, wenigstens die diesen Namen wahrhaft verdienen, aus Liebe zu Gott thun, das thaten in der alten Zeit aus Liebe zur Weisheit die edlen heidnischen Philosophen. Denn in jedem Volke, sei es heidnischen, jüdischen oder christlichen Glaubens, hat es von jeher Männer gegeben, die durch Glauben oder Sittenreinheit über den anderen standen und durch einen besonderen Grad von Enthaltsamkeit und Strenge von der großen Menge geschieden waren.

So gab es bei den Juden von alters her Nasiräer, die sich nach einer besonderen Gesetzesvorschrift Gott weihten; da waren ferner die Söhne der Propheten, die Jünger des Elia und Elisa, die uns im Alten Testament nach dem Zeugnis des heiligen Hieronymus wie Mönche beschrieben werden. Etwas ähnliches waren auch jene drei philosophischen Sekten, die Josephus in seinen „Altertümern“, Kapitel XVIII, aufzählt und teils Pharisäer, teils Sadducäer, teils Essäer nennt. Bei uns sind die Mönche an ihre Stelle getreten, die entweder das gemeine Leben der Apostel nachahmen, oder nach dem ältern Vorbild das Einsiedlerleben des Johannes. Die Heiden aber hatten dafür, wie gesagt, ihre Philosophen. Denn unter dem Namen „Weisheit“ oder „Philosophie“ verstanden sie weniger den Betrieb der Wissenschaft als eine gottgeweihte Lebensführung; dies lehrt uns die ursprüngliche Bedeutung des Wortes und außerdem auch das Zeugnis der heiligen Väter. So sagt der heilige Augustin im achten Kapitel seines Buches „Vom Gottesstaat“, wo er die verschiedenen Philosophenschulen aufzählt, folgendes: „Der Stifter der Italischen Schule ist Pythagoras von Samos; man sagt, daß von ihm der Name ‚Philosophie‘ herrühre. Früher nämlich wurden Männer, die sich durch tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben, Weise genannt. Pythagoras dagegen sagte, als man ihn nach seinem Beruf fragte, er sei ein Philosoph, d. h. ein Jünger oder Liebhaber der Weisheit; sich einen Weisen zu nennen, hielt er für eine Anmaßung.“

Nun geht aus den Worten: „die sich durch tadellose Lebensführung irgendwie über die andern erhoben“ — deutlich hervor, daß die heidnischen Weisen, d. h. die Philosophen, ihren Namen nicht dem Ruhm ihres Wissens, sondern der Vortrefflichkeit ihres Lebenswandels verdankten. Für die Nüchternheit und Enthaltsamkeit ihres Lebens brauche ich dir aber nicht erst Beispiele anzuführen: das hieße Eulen nach Athen tragen. Wenn aber Laien, und dazu Heiden, durch kein religiöses Gelübde gebunden, also gelebt haben, was wirst dann du zu thun haben, du, ein Geistlicher und Chorherr? Wolltest du dem Dienste Gottes niedrige Sinnenlust vorziehen und dich in ihren Strudel hineinziehen lassen, wolltest du in diesem Schlamm versinken, jeder Scham bar und ohne Hoffnung auf Rückkehr? Wenn dich die Rücksicht auf deinen geistlichen Beruf nicht zurückzuhalten vermag, so wirf wenigstens die Würde des Philosophen nicht weg. Lässest du die Gottesfurcht außer acht, so möge doch das Ehrgefühl deine Begierde zügeln. Denke an die unglückselige Ehe des Sokrates, und wie schwer er den Verrat an der Philosophie büßen mußte, allen anderen zum abschreckenden Beispiel. Hieronymus spricht davon im ersten Buch seiner Schrift „Gegen Jovinianus“, wo er eben von Sokrates erzählt: „Xanthippe überschüttete ihn einmal vom Fenster aus mit einer endlosen Flut von Schimpfworten. Sokrates ließ es ruhig über sich ergehen, und als ihm seine Ehehälfte auch noch schmutziges Wasser auf den Kopf goß, trocknete er sich ruhig ab und sagte: ‚Ich wußte wohl, daß ein solches Donnerwetter nicht ohne Regen bleiben werde.‘“

Heloise stellte mir außerdem noch vor, wie gefährlich es für mich sei, sie nach Paris zurückzuführen, und wie viel lieber sie meine Geliebte als meine Gattin heißen wolle, abgesehen davon, daß jenes für mich ehrenvoller sei. Einzig und allein der freien Liebe wolle sie meinen Besitz verdanken, nicht dem Zwang des ehelichen Bandes. Und je seltener unsere Zusammenkünfte stattfinden könnten, desto süßer werden die Freuden unserer Vereinigung nach der zeitweiligen Trennung sein.

Da sie nun durch derartige Ratschläge und Warnungen meinen verblendeten Sinn nicht umzustimmen vermochte und mich doch auch nicht beleidigen wollte, brach sie ihre Vorstellungen unter Seufzen und Thränen mit den Worten ab: dies allein bleibt uns noch zu thun übrig: so wird unser gemeinsames Verderben besiegelt sein und ein Jammer über uns kommen, so groß wie einst unser Liebesglück war. Und auch darin — die ganze Welt weiß es — hatte ihr prophetischer Geist nur allzurichtig gesehen.

Wir ließen unser Kind in der Obhut meiner Schwester und kehrten heimlich nach Paris zurück. Dort wurden wir bald nach unserer Ankunft eines Morgens in aller Frühe getraut, nachdem wir die Nacht in einer Kirche mit der Feier der Vigilien in der Stille verbracht hatten. Als Zeugen waren zugegen der Oheim Heloisens, sowie einige Verwandte von meiner und ihrer Seite. Dann trennten wir uns alsbald — jedes ging still seines Wegs, und von da an sahen wir uns nur noch selten und verstohlen, da unsere Ehe geheim bleiben sollte.

Heloisens Oheim jedoch und seine Angehörigen, die den ihnen zugefügten Schimpf immer noch nicht verschmerzt hatten, fingen an, unser Ehebündnis bekannt zu machen und brachen damit das Versprechen, das sie mir gegeben hatten. Heloise ihrerseits verschwor sich hoch und teuer, daß jene lügen, und zog sich dadurch vielfach Mißhandlungen des erbitterten Fulbert zu. Als ich davon hörte, brachte ich sie in das Nonnenkloster Argenteuil bei Paris, in dem Heloise erzogen worden war. Ich ließ sie auch die Gewandung anlegen, die das Klosterleben erfordert — mit Ausnahme des Schleiers. Nun aber glaubten Fulbert und seine Verwandten, ich hätte sie jetzt erst recht hintergangen und Heloise zur Nonne gemacht, um sie los zu werden. Aufs höchste entrüstet vereinigten sie sich zu meinem Verderben. Nachdem sie meinen Diener durch Geld gewonnen hatten, nahmen sie eines Nachts, als ich ruhig in meiner Kammer schlief, die denkbar grausamste und beschämendste Rache an mir, so daß alles darüber entsetzt war: sie beraubten mich dessen, womit ich begangen hatte, worüber sie klagten. Die Thäter ergriffen alsbald die Flucht, zwei von ihnen wurden jedoch festgenommen, geblendet und entmannt. Einer davon war jener Diener, der stets in meiner Umgebung gewesen und durch seine Geldgier zum Verräter an mir geworden war.

Als es Tag wurde, strömte die ganze Stadt vor meiner Wohnung zusammen, und es ist schwer, ja geradezu unmöglich, die Äußerungen des Entsetzens, des Jammers, des Geschreis, der Klagen zu beschreiben, die nun laut wurden. Hauptsächlich die Kleriker und ganz besonders meine Schüler vermehrten meine Qual durch ihre unerträglichen Lamentationen. Ihr Mitleid war mir schmerzlicher, als meine Wunde selber; das Gefühl meiner Schmach war lebendiger in mir als der körperliche Schmerz, ich dachte mehr an die Schande als an die Verletzung. Der hohe Ruhm, dessen ich mich eben noch erfreut hatte — wie schwer war er in einem Augenblick geschädigt worden! Ja, vielleicht war er für immer dahin! Wie gerecht war Gottes Strafe, die mich an dem Teil meines Körpers schlug, mit dem ich gesündigt hatte! Wie recht hatte der, den ich zuerst verraten hatte, wenn er mir nun Gleiches mit Gleichem vergalt! Wie werden — so sagte ich mir — meine Widersacher die Gerechtigkeit preisen, die hier so offenbar waltete! In welch untröstliche Betrübnis wird dieser Schlag meine Eltern und Freunde versetzen! Wie wird die Kunde von dieser seltenen Schmach die ganze Welt durchlaufen! Blieb mir überhaupt noch ein Ausweg? Wie konnte ich’s noch wagen, in der Öffentlichkeit zu erscheinen, da alles mit Fingern auf mich deuten und hinter mir herzischeln mußte? Würde ich nicht von allen als ein ungeheuerliches Schauspiel betrachtet werden?

Nicht zum wenigsten ängstigte mich auch die folgende Erwägung: nach dem tötenden Buchstaben des Gesetzes sind Eunuchen vor Gott ein solcher Greuel, daß Leute, die ihrer Mannheit beraubt sind, als anrüchig und unrein den Tempel nicht betreten dürfen, und daß sogar Tiere, bei denen dies der Fall ist, nicht zum Opfer zugelassen werden. Im Levitikus heißt es: „Du sollst dem Herrn kein Zerstoßenes oder Zerriebenes oder Zerrissenes oder was verwundet ist, opfern“ — und 5. Mos., Kap. 23: „Es soll kein Zerstoßener noch Verschnittener in die Gemeinde des Herrn kommen.“

In dieser verzweifelten Lage trieb mich weniger ein aufrichtiges religiöses Bedürfnis — ich gestehe es offen — als die Verlegenheit und die Scham in den bergenden Schutz der Klostermauern. Heloise hatte schon vorher auf meinen Wunsch bereitwillig den Schleier genommen. Und so trugen wir nun beide das geistliche Gewand: ich in der Abtei von St. Denis, sie im Kloster von Argenteuil. Noch erinnere ich mich: man hatte vielfach Mitleid mit ihrer Jugend und stellte ihr, um sie abzuschrecken, das Joch der Klosterregel als eine unerträgliche Last dar. Vergebens: unter Thränen schluchzend brach sie in jene klagenden Worte der Cornelia aus:

„O herrlicher Gatte,

Besseren Ehbetts wert! So wuchtig durfte das Schicksal

Treffen ein solches Haupt? Ach mußt ich darum dich freien,

Daß dein Unstern ich würd? — Doch nun empfange mein Opfer

Freudig bring ich es dir —“

Mit diesen Worten trat sie vor den Altar, empfing aus der Hand des Bischofs den geweihten Schleier und legte vor dem ganzen Konvent das Klostergelübde ab.

Ich hatte mich kaum von meiner Verletzung erholt, als die Kleriker in Menge herbeiströmten und sowohl meinen Abt wie mich selbst mit Bitten bestürmten: ich solle das, was ich bisher aus Verlangen nach Geld oder Ruhm gethan habe, jetzt aus Liebe zu Gott thun. Ich solle bedenken, daß Gott das Pfund, das er mir anvertraut, mit Zinsen von mir zurückverlangen werde! Bisher habe ich mich fast nur mit Reichen abgegeben, jetzt solle ich meine Kräfte in den Dienst der Armen stellen. Ich möchte erkennen, daß die Hand des Herrn mich vor allem deshalb geschlagen habe, damit ich desto unbehinderter, den Lockungen des Fleisches und dem unruhigen Treiben der Welt entrückt, der Wissenschaft leben könne, und nicht mehr die Weisheit dieser Welt, sondern die wahre Gottesweisheit lehren möge.

In dem Kloster, in das ich eingetreten war, herrschte zu jener Zeit ein überaus weltliches, sittenloses Leben. Je höher der Abt selbst seinem Range nach über den andern stand, desto schlimmer und berüchtigter war sein Lebenswandel. Da ich nun ihre empörende Sittenlosigkeit teils im vertrauten Kreis, teils öffentlich mehrmals aufs nachdrücklichste rügte, so wurde ich ihnen überaus unbequem und verhaßt. Mit Vergnügen sahen sie, wie meine Schüler Tag für Tag unermüdlich mit Bitten in mich drangen; denn dieser Umstand gab ihnen Gelegenheit, sich meiner zu entledigen. Da nun jene mir unaufhörlich zusetzten und mir keine Ruhe ließen, auch der Abt und die Brüder sich in den Handel mischten, gab ich endlich nach und zog mich in eine Einsiedelei zurück, um meine gewohnte Lehrthätigkeit wieder aufzunehmen. Hier strömte nun eine solche Menge von Schülern zusammen, daß es ebenso an Raum, sie zu beherbergen, wie an Lebensmitteln zu ihrem Unterhalt fehlte.

Wie es meinem jetzigen Beruf entsprach, hielt ich hauptsächlich theologische Vorlesungen. Doch gab ich die Unterweisung in den weltlichen Wissenschaften deshalb nicht ganz auf; in ihnen war ich einst am besten bewandert gewesen und um ihretwillen suchte man mich hauptsächlich auf. So benutzte ich sie gleichsam als Köder, um durch diese etwas nach Philosophie schmeckende Lockspeise meine Zuhörer für das Studium der wahren Philosophie zu gewinnen, wie denn die „Kirchengeschichte“ dasselbe Verfahren von Origenes berichtet, jenem größten aller geistlichen Philosophen. Da es nun aber ersichtlich wurde, daß Gott mich mit heiliger wie mit weltlicher Wissenschaft in gleicher Weise begabt hatte, so vermehrte sich die Zahl meiner Zuhörer in beiden Fächern, während die andern Schulen sich bedenklich leerten. Dadurch zog ich mir den heftigsten Neid und Haß der Lehrer zu, die nun alles aufboten, um mir Abbruch zu thun. Hauptsächlich zwei Vorwürfe waren es, die sie immer wieder gegen mich erhoben, während ich fern war: daß sich mit dem Beruf eines Mönchs das Studium weltlicher Wissenschaft nimmermehr vertrage und daß ich mir ein Lehramt in der Theologie angemaßt habe, ohne vorher selbst in die Schule gegangen zu sein. Sie hätten es am liebsten gesehen, wenn mir die Ausübung meiner Lehrthätigkeit ganz untersagt worden wäre, und waren unablässig bemüht, Bischöfe, Erzbischöfe, Äbte und sonstige einflußreiche Kirchenmänner für ihre Absicht zu gewinnen. Ich befaßte mich nun zuerst damit, das Fundament unseres Glaubens selbst durch menschliche Vernunftgründe faßlich zu machen. Zu diesem Zweck schrieb ich eine theologische Abhandlung „über die göttliche Einheit und Dreiheit“ für den Gebrauch meiner Schüler, die nach vernünftigen, wissenschaftlichen Gründen verlangten, und nicht bloß Worte hören, sondern sich auch etwas dabei denken wollten. Sie meinten, es sei vergeblich, viele Worte zu machen, bei denen sich nichts denken lasse; man könne doch nichts glauben, was man nicht vorher begriffen habe; es sei lächerlich, wenn einer etwas predigen wolle, was weder er selbst noch seine Zuhörer mit dem Verstand fassen könnten; das seien „die blinden Blindenleiter“, von denen der Herr spreche. Mein Buch gefiel allen meinen Schülern außerordentlich, denn hier — so schien es — fand man auf alle Fragen, die über diesen Gegenstand schwebten, eine befriedigende Antwort. Und gerade diese Fragen galten damals für ganz besonders schwierig; je größeres Gewicht man ihnen aber beilegte, desto mehr wurde die Feinheit der Lösung geschätzt. Meine Neider jedoch gerieten dadurch in gewaltige Aufregung und sie beriefen gegen mich ein Konzil, an ihrer Spitze meine beiden alten Widersacher, Alberich und Lotulf. Diese maßten sich nach dem Tode unserer gemeinsamen Lehrer Wilhelm und Anselm die Alleinherrschaft an und wollten sich gleichsam in das Erbe der beiden berühmten Männer teilen.

Alberich und Lotulf lehrten damals beide zu Rheims und sie brachten es bei ihrem Erzbischof Radulf durch allerhand Einflüsterungen in der That soweit, daß man unter Beiziehung des Bischofs von Präneste, Conanus, der damals päpstlicher Legat in Frankreich war, eine dürftige Versammlung unter dem stolzen Namen eines Konzils in Soissons abhielt und mich einlud, mein vielbesprochenes Buch „Über die Dreieinigkeit“ dorthin mitzubringen. Und so geschah es.

Indessen hatten mich meine beiden Hauptwidersacher bei Klerus und Volk noch vor meiner Ankunft in ein so übles Licht gestellt, daß ich mit meinen paar Begleitern von der Menge beinahe gesteinigt worden wäre; es hieß, ich lehre in Wort und Schrift drei Götter — das hatte man ihnen vorgeredet.

Sogleich nach meiner Ankunft in Soissons ging ich zum Legaten und übergab ihm mein Buch zur Prüfung und Beurteilung; zugleich erklärte ich mich bereit, meine Lehre zu berichtigen oder zu widerrufen, falls sie mit dem katholischen Glauben im Widerspruch stehe. Der Legat jedoch schickte mich mit meinem Buch zum Erzbischof und zu meinen Gegnern; die Männer sollten über mich zu Gericht sitzen, die mich angeklagt hatten, und an mir sollte sich das Wort erfüllen: „Meine Feinde sind meine Richter“.

Sie durchstöberten nun mein Buch mehrmals von vorn bis hinten, fanden aber nichts, das sie in der Versammlung gegen mich hätten vorbringen können und verschoben darum die Verdammung des Buchs, nach der sie lechzten, bis auf den Schluß des Konzils. Ich meinerseits benutzte die Zeit ehe die Sitzungen abgehalten wurden täglich zu öffentlichen Vorträgen über den katholischen Glauben, wie er in meinen Schriften zum Ausdruck kam, und unter meinen Zuhörern war nur eine Stimme des Lobes und der Bewunderung für meine Redegewandtheit wie für meinen Scharfsinn. Das Volk aber und die Geistlichkeit fingen an zu murren: „Sehet, nun redet er frei und offen vor aller Welt und niemand widerspricht ihm! Das Konzil, das doch seinetwegen vor allem berufen wurde, ist nächstens zu Ende. Sind vielleicht die Richter zu der Einsicht gekommen, daß sie selber irren, nicht er?“

Infolgedessen stieg die Wut meiner Gegner von Tag zu Tag. Eines Tags nun kam Alberich mit einigen seiner Schüler zu mir, um mir eine Schlinge zu legen. Nach einigen einleitenden höflichen Redensarten sagte er, eine Stelle in meinem Buch habe ihn befremdet: nämlich, obwohl Gott Gott gezeugt habe und nur ein Gott sei, leugne ich doch, daß Gott sich selber gezeugt habe. Unverzüglich antwortete ich ihm: „ich bin bereit, hierüber Rechenschaft abzulegen, wenn es euch genehm ist“. Darauf versetzte er: „In solchen Fragen lassen wir nicht menschliche Vernunftgründe oder unsre eigene Weisheit gelten, sondern einzig und allein die Autorität der Väter.“ — „Schlaget nur in meinem Buche nach,“ erwiderte ich, „und ihr werdet eine solche Autorität finden.“ — Das Buch war zur Hand; er hatte es selbst mitgebracht. Ich schlug die Stelle auf, die ich im Kopfe hatte und die dem Alberich entgangen war, weil er nur nach solchen suchte, die mir schaden konnten. Gott wollte es, daß ich das Gewünschte alsbald fand. Es war ein Citat aus dem ersten Buche von Augustins Werk „Über die Dreieinigkeit“ und lautete: „Wer da glaubt, Gott habe die Macht sich selbst zu erzeugen, ist in einem schweren Irrtum befangen, denn diese Fähigkeit kommt Gott so wenig zu wie irgend einer anderen geistigen oder leiblichen Kreatur; es giebt überhaupt kein Wesen, welches sich selbst erzeugen könnte.“

Diese Worte versetzten die Schüler Alberichs in peinliche Verlegenheit. Er selbst, um nur irgend etwas zu sagen, meinte: „Das ist allerdings deutlich.“ Ich erwiderte ihm, diese Ansicht sei nicht neu, allein für den Augenblick falle sie nicht ins Gewicht, da er ja nur nach Worten suche und nicht den tieferen Sinn, der ihnen zu Grunde liege. Falls er aber eine Darlegung und Begründung ihres eigentlichen Sinnes anhören wolle, so sei ich bereit, ihm aus seinen eigenen Worten nachzuweisen, daß er in die Ketzerei verfallen sei, die annehme, daß Gott-Vater sein eigener Sohn sei. Daraufhin geriet Alberich in große Wut, nahm seine Zuflucht zu Drohungen und versicherte mich, daß weder meine eigene Weisheit, noch meine Berufung auf andere Autoritäten mir etwas helfen sollten. — Und damit ging er.

Der letzte Tag des Konzils war herangekommen. Vor der Sitzung hatten der Legat und der Erzbischof von Rheims mit meinen Gegnern und einigen andern Personen eine lange Beratung darüber, was in Anbetracht meiner Person und meines Buches zu thun sei; denn um dieser Sache willen war ja das Konzil hauptsächlich berufen worden. In meinen Worten oder in meiner Schrift, die vorlag, fand man nichts, was man gegen mich hätte vorbringen können. Einen Augenblick herrschte allgemeines Schweigen und was sich hören ließ, waren nur schüchterne Einwürfe. Da ergriff Gottfried, Bischof von Chartres, durch den Ruf seiner Frömmigkeit und das Ansehen seines Stuhles den übrigen Bischöfen überlegen, das Wort und sprach also: „Würdige Herren! Euch allen, die ihr hier versammelt seid, ist es wohl bekannt, daß die Lehre dieses Mannes, welcher Art sie auch sein mag, und der Reichtum seines Geistes, welchem Gebiet immer er sich zugewandt hat, viel Beifall gefunden und große Anziehungskraft ausgeübt haben, so daß dadurch selbst der Ruhm seiner und unserer Lehrer verdunkelt worden ist und man fast sagen könnte, die Reben seines Weinbergs seien von Meer zu Meer gerankt.

Wolltet ihr nun, was ich nicht glauben kann, einen solchen Mann ungehört verurteilen, so würdet ihr mit einem solchen Urteil, selbst wenn es seinen guten Grund hätte, sicherlich vielen Leuten vor den Kopf stoßen, und es würde nicht an solchen fehlen, die für ihn Partei ergreifen würden; zumal sich in der Schrift, die er vorgelegt hat, nichts findet, was einer offenen Ketzerei ähnlich wäre. Denken wir an das Wort des Hieronymus: ‚Stets hat die Tüchtigkeit den Neid zum Begleiter‘ und daran, daß ‚der Blitz die höchsten Gipfel trifft‘! Hüten wir uns davor, seinen Namen durch ein gewaltsames Vorgehen noch mehr zum Gegenstand der allgemeinen Teilnahme zu machen. Wir würden uns selbst dadurch, daß wir uns den Vorwurf des Neides zuziehen, mehr schädigen, als wir dem Angeklagten durch unsern Richterspruch schaden können. Denn ‚falscher Ruhm‘ — sagt der ebengenannte Lehrer — ‚erlischt schnell und die Folgezeit richtet das Vorleben.‘“

„Beliebt es euch aber, nach Recht und Brauch mit ihm zu handeln, so möge seine Lehre oder sein Buch hier öffentlich vorgetragen werden und ihm selbst soll gestattet sein auf die Fragen, die man ihm vorlegt, Rede und Antwort zu geben, um dann, wenn er überwiesen und zum Widerruf bewogen werden könnte, für immer zu schweigen. Dies war schon die Meinung des frommen Nikodemus, als er, um dem Herrn selbst die Freiheit zu ermöglichen, sagte: ‚Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhöret und erkenne was er thut?‘“

Auf diese Worte hin erhoben meine Gegner einen gewaltigen Lärm: „Schöne Weisheit“, riefen sie, „die uns zumutet, mit diesem Wortkünstler zu streiten, dessen Schlüssen und Finten die ganze Welt nicht standhalten kann!“ — Und doch — es war gewiß noch viel schwerer, mit Christus selbst zu streiten; trotzdem hat Nikodemus ihn vor seinen Richtern zum Wort kommen lassen wollen, wie es das Gesetz gestattet.

Als nun der Bischof Gottfried die Anwesenden nicht für seine Absicht gewinnen konnte, suchte er ihre Mißgunst durch ein anderes Mittel zu zügeln. Er machte geltend, daß die Versammlung nicht vollzählig genug sei, um über eine so wichtige Sache zu entscheiden, und daß diese Angelegenheit einer gründlichen Prüfung bedürfe. Sein Rat gehe deshalb dahin, mein Abt solle mich in das Kloster St. Denis zurückbringen, woselbst dann meine Sache einer größeren Anzahl von gelehrten Männern zu erneuter gründlicherer Untersuchung vorgelegt werden solle. Dieser letzte Vorschlag fand den Beifall des Legaten und aller übrigen Anwesenden. Alsbald erhob sich der Legat, um vor dem Beginn der Sitzung die Messe zu lesen, und ließ mir durch den Bischof Gottfried die förmliche Erlaubnis zur Rückkehr in mein Kloster übermitteln, wo ich dann das weitere erwarten solle.

Nun aber fiel es meinen Gegnern ein, daß für sie nichts gewonnen wäre, wenn mein Prozeß außerhalb ihres Sprengels geführt würde, wo sie dann auf das Urteil keinen Einfluß ausüben könnten; denn bei dem Gedanken, einfach der Gerechtigkeit den Lauf zu lassen, konnten sie sich freilich nicht beruhigen. Darum stellten sie dem Erzbischof vor, daß es eine große Schande für sie wäre, diese Sache an eine andere Behörde zu verweisen und daß es gefährlich sei, mich so davonkommen zu lassen. Sie liefen auch zum Legaten und wußten ihn, halb gegen seinen Willen, dahin umzustimmen, daß er mein Buch unbesehen verdammte, es vor aller Augen verbrannte und über mich lebenslängliche Haft in einem auswärtigen Kloster verfügte. Sie sagten nämlich, zur Verurteilung meines Buches sei schon der Umstand hinreichend, daß ich mir erlaubt habe, es ohne die Genehmigung des Papstes oder der Kirche öffentlich vorzutragen und daß ich es schon vielen zum abschreiben überlassen habe; es könne nur zur Kräftigung des christlichen Glaubens dienen, wenn einmal, um einer ähnlichen Anmaßung zuvorzukommen, an mir ein Exempel statuiert werde. Der Legat war wissenschaftlich nicht so gebildet, wie er hätte sein sollen, und folgte deshalb in der Hauptsache dem Rate des Erzbischofs; dieser seinerseits ließ sich von meinen Gegnern bestimmen.

Als der Bischof von Chartres hiervon Kunde erhielt, setzte er mich alsbald von diesen Umtrieben in Kenntnis und ermahnte mich eindringlich, ich möchte diese Wendung geduldig tragen, um so mehr, als das Vorgehen meiner Widersacher eine offenbare Vergewaltigung sei. Eine solche, klar am Tag liegende, gewaltthätige Mißgunst könne jenen nur schaden, mir nur Nutzen bringen — davon dürfe ich überzeugt sein; auch solle ich mir wegen der Klosterhaft keine Sorgen machen: er wisse gewiß, daß der Legat, der sich dieses Urteil nur habe abnötigen lassen, mich nach seiner Abreise von hier alsbald in volle Freiheit setzen werde. So suchte er mich zu trösten so gut es ging, indem er selbst mit dem Weinenden weinte.

Ich wurde vor das Konzil berufen, und ohne Untersuchung, ohne Prüfung zwang man mich, mein Buch mit eigener Hand ins Feuer zu werfen. Und so ging es in Flammen auf. Während dieses Vorgangs schien jedermann absichtlich zu schweigen. Nur einer meiner Gegner machte schüchtern die Bemerkung, er habe in dem Buch den Satz gefunden, Gott-Vater allein sei allmächtig. Auf diese Bemerkung antwortete der Legat höchlich erstaunt: einen solchen Irrtum dürfe man ja nicht einmal einem Kinde zutrauen, da doch der gemeinsame Glaube ausdrücklich dahingehe, das alle drei Personen der Gottheit allmächtig seien. — Daraufhin citierte ein gewisser Terricus, Vorsteher einer Schule, höhnisch den Satz des Athanasius: „und dennoch nicht drei allmächtig, sondern einer allmächtig“. Und als ihn sein Bischof zurechtweisen und zum Schweigen bringen wollte, als hätte er ein Majestätsverbrechen begangen, ließ er sich nicht im mindesten einschüchtern, sondern sprach wie ein zweiter Daniel also: „Seid ihr von Israel solche Narren, daß ihr einen Sohn Israels verdammt, ehe ihr die Sache erforschet und gewiß werdet? Kehret wieder um vors Gericht und richtet den Richter selber. Denn der Richter, den ihr eingesetzt habt zur Unterweisung im Glauben und zur Beseitigung des Irrtums, der hat sich selbst gerichtet durch seinen eigenen Mund, da er andere richten sollte. Den Mann, dessen Unschuld heute Gottes Barmherzigkeit an den Tag gebracht hat — befreiet ihn, wie einst die Susanna, von seinen falschen Klägern.“

Nun erhob sich der Erzbischof, und indem er die Worte den Umständen gemäß leicht abänderte, bestätigte er den Satz des Legaten mit den Worten: „In der That, ehrwürdiger Herr, allmächtig ist der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der heilige Geist, und wer von dieser Meinung abweicht, ist in offenbarem Irrtum befangen und nicht anzuhören. Doch vielleicht dürfte es sich empfehlen, daß dieser unser Bruder seinen Glauben vor der ganzen Versammlung bekenne, damit er je nach Umständen gebilligt oder beanstandet und verbessert werde.“ Als ich mich daraufhin anschickte, mein Glaubensbekenntnis abzulegen, und meinen Gedanken einen selbständigen Ausdruck geben wollte, da riefen meine Gegner mir zu, ich brauche nur das Athanasianische Glaubensbekenntnis herzusagen, was jedes Kind ebensogut hätte thun können. Und damit ich nicht etwa die Ausrede gebrauchen könnte, ich wisse den Wortlaut nicht auswendig, gab man mir den geschriebenen Text zum Vorlesen. Unter Seufzern und mit thränenerstickter Stimme las ich, so gut es ging. Hierauf wurde ich wie ein seines Vergehens überwiesener Verbrecher dem Abt von St. Medardus, der auf dem Konzil anwesend war, übergeben und in dessen Kloster, als in mein Gefängnis, abgeführt. Das Konzil selbst wurde alsbald aufgelöst.

Der Abt indessen und seine Mönche, die nicht anders glaubten, als daß ich nun für immer bei ihnen bleiben werde, nahmen mich mit Freuden auf und bemühten sich vergeblich, mich durch möglichst liebevolle Behandlung über mein Schicksal zu trösten. O Gott, der du gerecht richtest! So sehr war mein Herz vergiftet und verbittert, daß ich in verblendetem Wahn wider dich selbst murrte und Klage erhob und unablässig jenen Seufzer des heiligen Antonius wiederholte: „Guter Jesus, wo warest du?“ Schmerz, Beschämung, Verzweiflung — damals habe ich all diese Gefühle durchgekostet, aber sie zu beschreiben, ist mir nicht möglich. Was ich jetzt zu leiden hatte, hielt ich zusammen mit dem früheren Unglück, das mir an meinem Körper widerfahren war, und ich achtete mich für das elendste aller Menschenkinder. Im Vergleich mit diesem neuen Unglück erschien mir jene ruchlose That geringfügig, und ich beklagte weniger den Schaden meines Leibes als den Verlust meines Ruhms. Jenen hatte ich gewissermaßen selbst verschuldet. Dieser offenen Gewalt aber war ich zum Opfer gefallen, obwohl mich nichts anderes als die lauterste Absicht und die Liebe zu unserem Glauben zum Schreiben gedrängt hatte.

Wohin auch die Kunde von diesem grausamen und brutalen Verfahren gegen mich gelangte, überall fand es lebhafte Mißbilligung; von denen, die bei der Verhandlung gewesen waren, schob nun jeder die Schuld auf den andern. Sogar meine Feinde leugneten jetzt, daß sie an dem Urteil der Synode schuld seien, und der Legat bedauerte öffentlich die Mißgunst der Franzosen. Während er für den Augenblick ihrer feindseligen Absicht gegen mich unfreiwillig nachgegeben hatte, bereute er gleich darauf seine Maßregel und ließ mich nach einigen Tagen schon aus dem fremden Kloster in mein eigenes nach St. Denis zurückkehren.

Freilich waren dessen Insassen mir fast alle schon von früher her feindlich gesinnt. Bei der Unordentlichkeit ihres Lebenswandels und dem freien Ton, der unter ihnen herrschte, war ich ihnen ein höchst unbequemer Mahner. Es vergingen nur wenige Monate, da bot sich ihnen eine geschickte Gelegenheit, mich zu verderben. Eines Tages fand ich nämlich beim Lesen zufällig eine Stelle in Bedas Auslegung der Apostelgeschichte, worin die Ansicht ausgesprochen war, daß Dionysius Areopagita nicht Bischof von Athen, sondern von Korinth gewesen sei. Dies mußte natürlich die sehr befremden, die in dem Schutzpatron ihres Klosters eben jenen Dionysius Areopagita verehren, in dessen Lebensgeschichte ausdrücklich stand, daß er Bischof von Athen gewesen sei. Ich zeigte einigen der umherstehenden Brüder halb im Scherz jene Stelle des Beda, die gegen uns sprach. Sie aber erklärten in höchster Entrüstung den Beda für einen Erzlügner und beriefen sich auf ihren Abt Hilduin, als auf einen zuverlässigeren Zeugen. Dieser habe lange Zeit in Griechenland selbst Forschungen gemacht und dann den wahren Sachverhalt in einer Lebensbeschreibung des Dionysius ganz unanfechtbar dargestellt. Einer der Umstehenden drang mit der Frage in mich, wem ich in diesem Streite recht gebe, dem Beda oder dem Hilduin. Ich sagte, das Zeugnis des Beda, dessen Schriften in der ganzen abendländischen Kirche in Ansehen stünden, scheine mir gewichtiger zu sein. Als die Mönche das vernahmen, erhoben sie ein wütendes Geschrei: nun trete die feindselige Gesinnung, die ich von jeher gegen unser Kloster gehegt habe, einmal deutlich hervor; am ganzen Land werde ich zum Verräter, indem ich es seines höchsten Ruhmestitels beraube, da ich leugne, daß Dionysius Areopagita ihr Schutzpatron sei. Ich erwiderte, das leugne ich ja gar nicht, und überdies komme wenig darauf an, ob ihr Schutzpatron wirklich der Areopagite gewesen sei oder ein Mann von anderer Herkunft, da er doch jedenfalls von Gott so großer Ehre würdig befunden worden sei. Sie aber liefen zum Abt und zeigten ihm an, was sie mir zur Last legten. Dieser begrüßte die Gelegenheit, mich einmal demütigen zu können, mit Freuden; denn da er ein sittenloseres Leben führte als alle übrigen, so fürchtete er sich vor mir um so mehr. Vor versammeltem Konvent erteilte er mir einen scharfen Verweis und drohte, er wolle mich unverzüglich vor den König schicken, damit mich die Strafe treffe, die dem gebühre, der den Ruhm und die Ehre des Königreichs antaste. Inzwischen bis zu der Zeit, da er mich dem König vorführen wollte, ließ er mich unter strenge Aufsicht stellen. Vergebens erklärte ich mich bereit, die vorgeschriebene Buße auf mich zu nehmen, falls ich etwas verbrochen hätte. Und nun ergriff mich ein förmlicher Ekel vor der Schlechtigkeit dieser Menschen, und ich, den seit so langer Zeit das Mißgeschick unablässig verfolgte, geriet an den Rand der Verzweiflung: die ganze Welt — so schien es — war gegen mich verschworen. So entwich ich denn mit Wissen einiger Brüder, die Mitleid mit mir hatten, und unter Beihilfe einiger meiner Schüler heimlich bei Nacht aus dem Kloster und flüchtete in das angrenzende Gebiet des Grafen Theobald, wo ich früher in einer Einsiedelei gelebt hatte.

Der Graf selbst war mir nicht ganz unbekannt; auch hatte er mit großer Teilnahme von meinem mannigfachen Unglück gehört. Ich hielt mich zunächst bei dem Schloß Provins auf, in einer Klause der Mönche von Troyes, deren Prior mir vorzeiten befreundet gewesen war und mich ins Herz geschlossen hatte. Dieser nahm den Flüchtling mit Freuden auf und sorgte für mich auf die liebenswürdigste Weise.

Eines Tags nun kam mein Abt in geschäftlichen Angelegenheiten zum Grafen auf das Schloß. Als ich dies erfuhr, ging ich mit dem Prior ebenfalls zum Grafen und bat ihn, er möchte sich bei meinem Abt für mich verwenden, daß er mich absolviere und mir die Erlaubnis gebe, als Mönch zu leben, wo ich einen passenden Ort finde. Der Abt und seine Begleiter zogen die Sache in Erwägung und wollten den Grafen noch am gleichen Tage vor ihrer Heimkehr darüber Bescheid sagen. Als sie nun die Sache näher überlegten, kamen sie auf die Meinung, ich wolle in ein anderes Kloster eintreten, was nach ihrer Ansicht eine große Schande für sie gewesen wäre. Denn sie thaten sich viel darauf zu gut, daß ich mich gerade in ihr Kloster zurückgezogen hatte, sie sahen darin eine Bevorzugung des ihrigen vor allen andern Klöstern, und jetzt, fürchteten sie, würde es ihnen zu großer Unehre gereichen, wenn ich ihr Kloster verließe und mich an ein anderes wendete. Deshalb hörten sie weder mich noch den Grafen in dieser Sache an, sondern begnügten sich damit, mich mit der Exkommunikation zu bedrohen, falls ich nicht unverzüglich ins Kloster zurückkehre. Dem Prior aber, bei dem ich eine Zuflucht gefunden hatte, untersagten sie aufs strengste, mich weiterhin bei sich zu behalten, falls er nicht ebenfalls der Strafe der Exkommunikation verfallen wolle. Dieser Bescheid erfüllte den Prior und mich mit großer Besorgnis. Da starb zum Glück mein Abt wenige Tage, nachdem er mit dieser Drohung in sein Kloster zurückgekehrt war.

Als sein Nachfolger eingesetzt war, ging ich mit dem Bischof von Meaux zu ihm und bat ihn, er möchte mir die Bitte gewähren, die ich schon an seinen Vorgänger gerichtet habe. Als auch er zuerst nicht recht auf die Sache eingehen wollte, gewann ich durch Vermittlung einiger Freunde den König und seinen Rat für mein Anliegen und erreichte so meinen Zweck. Der damalige Seneschall des Königs, Stephanus, nahm den Abt und dessen Vertraute beiseite und stellte ihnen vor, warum sie mich gegen meinen Willen zurückhalten wollten; sie könnten sich dadurch leicht in ärgerliche Händel verwickeln und hätten jedenfalls wenig Nutzen davon, da meine Lebensweise und die ihrige nun einmal nicht zusammenpasse. Ich wußte aber, daß man im königlichen Rat dem Kloster absichtlich manche Unregelmäßigkeit hingehen ließ, um es dafür dem König desto gefügiger zu erhalten und es für weltliche Zwecke ausbeuten zu können. Darum glaubte ich auch, die Zustimmung des Königs und seiner Räte für mein Vorhaben erlangen zu können. Und wirklich, es gelang mir.

Damit aber unser Kloster des Ruhmes, den es an meiner Person hatte, nicht verlustig gehe, sollte ich mich zwar zurückziehen dürfen, wohin ich wollte, aber unter der Bedingung, daß ich nicht in ein anderes Kloster eintrete. Dies wurde in Gegenwart des Königs und seiner Räte von beiden Seiten gutgeheißen und bekräftigt. So begab ich mich in eine einsame Gegend im Gebiet von Troyes, die mir von früher bekannt war. Dort wurde mir von einigen Leuten ein Stück Land zur Verfügung gestellt, und mit Genehmigung des Bischofs erbaute ich daselbst nur aus Binsen und Stroh eine Kapelle zu Ehren der heiligen Dreifaltigkeit. In dieser Einsamkeit, mit einem befreundeten Kleriker lebend, konnte ich allen Ernstes dem Herrn das Lied singen: „Siehe, ich habe mich ferne weggemacht und bin in der Wüste geblieben.“

Bald kam die Kunde von meinem neuen Aufenthalt zu meinen Schülern. Und nun belebte sich meine Einsamkeit. Sie verließen die Städte und festen Plätze und ihre behaglichen Wohnungen, um sich hier elende Hütten zu bauen; ihre ausgesuchten Mahlzeiten vertauschten sie mit der dürftigen Nahrung, die in Kräutern und trockenem Brot bestand; statt weicher Betten gab es hier nur ein Lager aus Binsen oder Stroh und die Tische mußten durch Rasenbänke ersetzt werden. Man hätte wirklich glauben können, sie wollen die alten Philosophen nachahmen, deren Lebensweise dem heiligen Hieronymus im zweiten Buch seiner Schrift „Gegen Jovinianus“ zu folgender Betrachtung Anlaß giebt: „Durch unsere Sinne dringen die Laster wie durch eine Art Fenster ins Herz ein. Die Stadt und Festung der Vernunft kann nicht genommen werden, wenn das feindliche Heer nicht durch die Thore eindringt. Wenn jemand seine Lust hat an Cirkusspielen, an Ringkämpfen, an Gauklerkünsten, an üppigen Frauen, an prächtigem Geschmeide, an Kleiderputz und dergleichen Dingen, dessen Seele hat ihre Freiheit durch die Fenster der Augen verloren und von ihm gilt das Wort des Propheten: ‚Der Tod ist hereingekommen durch unsere Fenster.‘ Wenn nun die Anfechtungen dieser Welt wie ein feindlicher Keil durch solche Thore in die Burg unsres Herzens eingedrungen sind — wo wird dann unsre Freiheit bleiben, wo unsre Tapferkeit, wo der Gedanke an Gott? Zumal das einmal geweckte Herz auch die vergangenen Freuden mit neuen Farben sich ausmalt, mit der Erinnerung an einstige Leidenschaften neue Schmerzen in der Seele weckt und sie gewissermaßen etwas, was in Wirklichkeit nicht mehr besteht, noch einmal durchzumachen nötigt. Aus diesen Gründen haben viele Philosophen die volksbelebten Städte und die städtischen Lustgärten verlassen, wo das bewässerte Land, das Grün der Bäume, das Zwitschern der Vögel, die krystallklare Quelle, der murmelnde Bach und so manches andre Aug’ und Ohr bezauberte; sie wichen der Üppigkeit und der Überfülle, die sich ihnen darbot, aus, damit die Kraft ihrer Seele nicht erschlaffe und ihre Keuschheit nicht befleckt werde. Und in der That: der öftere Anblick dessen, was uns berücken könnte, kann ja nur schädlich wirken, und warum sollte man einen Genuß kennen lernen wollen, auf den man nachher nur mit Schmerzen wieder verzichten kann?“

Auch die Schüler des Pythagoras gingen dem Treiben der Welt aus dem Wege und wohnten in der Einsamkeit und in der Wüste. Selbst Plato, der mit den Gütern dieser Welt gesegnet war und welchem Diogenes einmal sein Ruhebett mit schmutzigen Schuhen bearbeitete, selbst er wählte, um ganz Philosoph sein zu können, einen Ort auf dem Lande, fern von der Stadt, nicht bloß in abgelegener, sondern auch in ungesunder Gegend: durch die beständige Besorgnis vor Krankheiten sollten die Begierden erstickt werden, und seine Schüler sollten keinen anderen Genuß kennen, als den des Studiums. Eine ähnliche Lebensweise sollen auch die Jünger des Propheten Elisa geführt haben. Hieronymus stellt sie als die Mönche jener Zeit dar und schreibt über sie dem Mönche Rusticus unter anderem folgendes: „Die Prophetenschüler, von denen das Alte Testament wie von Mönchen redet, bauten sich an den Ufern des Jordan kleine Hütten, verließen die Gesellschaft und die Stätten der Menschen und lebten von Mais und Kräutern des Feldes.“

In dieser Weise bauten sich auch meine Schüler ihre Hütten am Ufer des Flusses Arduzon, und man meinte eher Einsiedler vor sich zu haben als Jünger der Wissenschaft. Je größer aber der Zulauf von Schülern wurde und je härter die Lebensweise war, die sie meinem Unterricht zuliebe auf sich nahmen, desto ängstlicher sahen meine Nebenbuhler meinen Ruhm wachsen und ihr eigenes Ansehen sinken. Zu ihrem großen Leidwesen mußten sie es erleben, daß alles Böse, das sie mir zugedacht, zu meinem Vorteil ausschlug, und obwohl ich nach dem Wort des Hieronymus fern von dem Treiben der Städte und Märkte, fern von den Händeln der Welt lebte — dennoch fand mich, wie Quintilian sagt, selbst in der Verborgenheit der Neid. Seufzend und klagend sprachen jene zu sich selbst: „Siehe, die ganze Welt läuft ihm nach; nichts haben wir ausgerichtet mit unseren Verfolgungen, ja, wir haben seinen Ruhm nur noch größer gemacht. Wir gedachten, die Leuchte seines Namens zu verlöschen, und wir haben sie nur heller angefacht. In den Städten haben die Schüler alles zur Hand, was sie brauchen, aber auf alle Genüsse menschlicher Kultur verzichtend, strömen sie hinaus in die unwirtliche Einöde und setzen sich freiwillig dem Mangel aus.“

Zu jener Zeit nötigte mich meine drückende Armut, eine regelrechte Schule einzurichten; denn graben mochte ich nicht und schämte mich zu betteln. An Stelle der Handarbeit nahm ich darum, zu meiner eigentlichen Kunst zurückkehrend, die Arbeit des Geistes wieder auf. Gern reichten mir meine Schüler dar, was ich an Nahrung und Kleidung brauchte, sie nahmen mir auch die Bestellung des Feldes und die Errichtung notwendiger Baulichkeiten ab, damit ich durch keine wirtschaftliche Sorge von der Wissenschaft abgezogen würde. Da unsere Kapelle nur den kleinsten Teil der Anwesenden fassen konnte, so vergrößerten sie dieselbe und verwandten zu dem Umbau nunmehr ein besseres Material, nämlich Stein und Holz. Ich hatte die Kapelle einst im Namen der heiligen Dreifaltigkeit gegründet und sie ihr geweiht. Nun aber gab ich ihr den Namen „Paraklet“ (Tröster),[3] in dankbarer Erinnerung an die Wohlthat, die mir einst hier zu teil geworden war: denn an diesem Ort hatte ich, ein schon verzweifelnder Flüchtling, die Gnade des göttlichen Trostes gefunden, hier hatte ich zuerst wieder aufatmen dürfen. Viele Leute erstaunten nicht wenig über diesen Namen; ja einige griffen mich deshalb heftig an und behaupteten, nach altem Herkommen könne man eine Kirche nicht dem heiligen Geist im besonderen weihen, so wenig als Gott dem Vater allein; sondern nur entweder dem Sohn allein oder der ganzen Dreieinigkeit zusammen. Zu diesem Angriff ließen sie sich jedenfalls dadurch verführen, daß sie zwischen den Begriffen „Paraklet“ und „Geist Paraklet“ keinen Unterschied machten. In Wirklichkeit kann ja der Trinität und jeder einzelnen Person der Trinität mit dem gleichen Recht, wie sie Gott oder Helfer genannt wird, auch der Name Paraklet, d. h. Tröster, beigelegt werden — nach dem Wort des Apostels: „Gelobet sei Gott und der Vater unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Barmherzigkeit und Gott alles Trostes, der uns tröstet in aller unsrer Trübsal“ — und auch nach dem Wort, das die Wahrheit spricht: „Und er soll euch einen andern Tröster geben.“ — Da doch jede Kirche im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes geweiht wird und sie alle drei an dem Besitz gleichen Anteil haben — warum soll man denn nicht auch einmal ein Gotteshaus Gott dem Vater oder dem heiligen Geist im besondern zueignen dürfen, so gut wie dem Sohne? Wer wollte sich erlauben, den Namen dessen, dem das Haus gehört, über dem Eingang zu tilgen? Oder wenn der Sohn sich dem Vater zum Opfer darbringt und demgemäß bei der Messe die Gebete an Gott den Vater besonders gerichtet werden, wie auch er es ist, dem das Opfer gebracht wird: sollte da nicht der Altar ganz im besonderen ihm zu eigen sein, dem doch Gebet wie Opfer gilt? Ist der Altar nicht mit größerem Rechte dem zuzusprechen, welchem geopfert wird als dem, der geopfert wird? Oder wollte jemand behaupten, daß dem Kreuz oder Grab des Erlösers, oder dem heiligen Michael, Johannes, Petrus oder sonst einem Heiligen ein Altar zukomme, da doch weder sie selbst mit einem Opfer irgend etwas zu thun haben, noch auch Gebete an sie gerichtet werden? Auch bei den Heiden wurden nur denjenigen Wesen Altäre oder Tempel zugeeignet, denen man Opfer und göttliche Ehren darbringen wollte. Aber vielleicht möchte jemand glauben, es sei deshalb nicht zulässig, Gott dem Vater Kirchen oder Altäre zu weihen, weil es kein Fest in der Kirche gebe, das zu seiner besonderen Feier eingesetzt wäre. Dieser Grund mag zwar gegen die Trinität angeführt werden, allein in betreff des heiligen Geistes gilt er nicht, denn dieser hat zum Gedächtnis an sein Herabkommen ein eigenes Fest, nämlich Pfingsten, so gut wie der Sohn das Fest seiner Geburt hat. Denn wie einstens der Sohn in die Welt gesandt wurde, so kam der heilige Geist auf die Jünger und hat zum Andenken daran mit Recht sein eigenes Fest. Ja, wenn wir die Meinung der Apostel und die Wirksamkeit des heiligen Geistes genauer ins Auge fassen, so muß es uns natürlicher erscheinen, ihm einen Tempel zu weihen als irgend einer der andern göttlichen Personen. Denn keiner der letzteren schreibt der Apostel ausdrücklich einen geistigen Tempel zu, wie dem heiligen Geist. Denn er spricht nicht von einem Tempel des Vaters oder des Sohnes, wohl aber von einem solchen des heiligen Geistes, wenn er im ersten Korintherbrief sagt: „Wer dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm“ und ferner: „Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des heiligen Geistes ist, der in euch ist, welchen ihr habt von Gott und seid nicht euer selbst.“ Und wer wollte verkennen, daß die Wohlthat der heiligen Sakramente, welche in der Kirche verwaltet werden, ganz ausdrücklich der Wirkung der göttlichen Gnade d. h. des heiligen Geistes zugeschrieben werden? Aus Wasser und aus Geist werden wir ja in der Taufe wiedergeboren, und erst dadurch wird aus uns ein eigentlicher Tempel Gottes. Und zum vollständigen Ausbau dieses Tempels wird uns in siebenfacher Gnadengabe der heilige Geist zu teil, und so erhält der Tempel Gottes seinen Schmuck und seine Weihe. Was hat es also auf sich, wenn wir dem einen sichtbaren Tempel weihen, welchem der Apostel einen geistigen zuteilt? Oder welcher Person der Dreieinigkeit könnte man mit größerem Recht eine Kirche zueignen, als derjenigen, welcher alle Gnadenwirkungen, die die Kirche vermittelt, vor anderen zugeschrieben werden? — Wenn ich übrigens meiner Kapelle den Namen „Paraklet“ beilegte, so wollte ich sie damit nicht einer der drei göttlichen Personen geweiht haben. Ich habe schon oben gesagt, warum ich sie so genannt habe: nämlich zur Erinnerung an den Trost, den ich hier gefunden. Im übrigen — auch wenn ich das Gotteshaus in jenem anderen Sinn so genannt hätte, wäre dies nicht gegen die Vernunft, sondern nur gegen das gewöhnliche Herkommen gewesen.

Dieses Asyl gewährte zwar meiner Person den Schutz der Verborgenheit, aber Gerüchte über mich durchliefen gerade damals die ganze Welt und ließen sich allerorten hören nach Art jenes Fabelwesens, Echo genannt, das viel Lärm macht und doch ein wesenloses Ding ist. Meine alten Feinde, ihren eigenen Anstrengungen keinen Erfolg mehr zutrauend, erweckten nun zwei neue Apostel gegen mich, denen die Welt großen Glauben schenkte. Der eine von ihnen rühmte sich, dem Leben der regulierten Chorherren, der andere, dem der Mönche einen neuen Aufschwung gegeben zu haben. Diese Menschen liefen predigend in der Welt herum, verketzerten mich mit der Unverfrorenheit, die ihnen eigen war, und machten mich, wenigstens für den Augenblick, bei weltlichen und geistlichen Obrigkeiten verächtlich. Ja, sie sprengten über meinen Glauben und über mein Leben so abenteuerliche Gerüchte aus, daß selbst achtungswerte Freunde sich von mir abwandten und auch diejenigen, welche mir ihre Freundschaft bis auf einen gewissen Grad erhielten, doch aus Furcht vor jenen nicht den Mut hatten, dieselbe irgendwie zu bekennen. Gott ist mein Zeuge: so oft ich vernahm, daß eine Versammlung von Männern der Kirche im Werk sei, fürchtete ich schon, es geschehe zum Zweck meiner Verurteilung. Wie einer, der jeden Augenblick fürchten muß, vom Blitz getroffen zu werden, so wartete ich in dumpfer Angst darauf, daß ich als Ketzer und räudiges Schaf vor ihre Versammlungen und Schulen geschleppt würde. Und in der That — wenn man den Floh mit dem Löwen, die Ameise mit dem Elefanten vergleichen darf — ich wurde damals von meinen Gegnern mit derselben unbarmherzigen Wut verfolgt, wie einst der heilige Athanasius von den Ketzern. Ja oftmals — Gott weiß es — kam ich in meiner Verzweiflung auf den Gedanken, das Gebiet der Christenheit überhaupt zu verlassen und mich zu den Heiden zu wenden, um bei den Feinden Christi in Ruhe christlich zu leben, unter welcher Bedingung es auch sei. Ich sagte mir, sie werden um so eher geneigt sein, mich bei sich aufzunehmen, als mein Christentum ihnen wegen der Verfolgungen, die ich von Christen erlitt, verdächtig erscheinen mußte; vielleicht würden sie aus demselben Grund auch meinen, sie könnten mich zu ihrer Religion bekehren.

Während ich nun unausgesetzt von solchen Seelenängsten gequält wurde, so daß ich als letztes Mittel bereits den Gedanken gefaßt hatte, bei den Feinden Christi eine Zuflucht zu Christus zu suchen: schien sich mir ein Ausweg aus diesen Nöten zu eröffnen, der mich jedoch in Wirklichkeit nur in die Hände von Christen und dazu noch Mönchen führte, die unbändiger und schlechter waren als die Heiden.

In der Bretagne, im Bistum Vannes, lag ein Kloster des St. Gildas von Ruys. Dieses war durch den Tod seines Abtes verwaist, und die einstimmige Wahl der Mönche rief mich mit Genehmigung des Landesfürsten an diese Stelle, womit auch mein Abt und sein Konvent zufrieden waren. So trieb mich die Feindschaft der Franken nach dem Westen, wie einst den Hieronymus die der Römer nach dem Osten. Denn niemals wäre ich, bei Gott, auf jenen Vorschlag eingegangen, wenn ich nicht gehofft hätte, so den fortwährenden Anfeindungen, die ich zu leiden hatte, einigermaßen aus dem Wege zu gehen. Das Land war mir fremd, die Landessprache mir unbekannt, die Lebensweise der dortigen Mönche wegen ihrer Unordentlichkeit und Zuchtlosigkeit weithin berüchtigt, die übrige Bevölkerung roh und unkultiviert. Wie einer, um dem drohenden Todesstreich zu entgehen, in seiner Angst sich in den Abgrund stürzt und so eine Todesart mit der andern vertauscht, nur um eine Sekunde Frist zu gewinnen: so habe ich mich aus einer Gefahr wissentlich in eine andere begeben. Dort wo des Oceans donnernde Wogen am Ufer sich brachen, am Ende der Erde, darüber hinaus es keine Flucht mehr gab, da hab ich, ach, wie oft jenes Gebet wiederholt: „Von den Enden der Erde habe ich zu dir geschrieen, da meine Seele in Ängsten war.“ Ich glaube, es ist niemand verborgen geblieben, wie mich jene zuchtlose Herde von Mönchen, über die ich gesetzt war, Tag und Nacht quälte und ängstete und mich mit allen Gefahren des Leibes und der Seele vertraut machte. Es stand mir zweifellos fest, daß ich mein Leben verwirkt habe, wenn ich sie zu dem kanonischen Leben, dem sie sich doch geweiht hatten, zu zwingen versuchen würde, andererseits war ich zu verdammen, wenn ich in dieser Hinsicht nicht alles that was in meinen Kräften stand. Die Abtei selber hatte der in seiner Macht unbeschränkte Landesfürst, indem er sich die ungeordneten Verhältnisse des Klosters zu nutze machte, so sehr unter seine Botmäßigkeit gebracht, daß er sich die Nutzniesung des gesamten Klostergebietes angeeignet und den Mönchen schwerere Abgaben auferlegt hatte, als selbst die steuerpflichtigen Juden zu entrichten haben.

Die Mönche lagen mir fortwährend mit ihren täglichen Bedürfnissen in den Ohren. Ein Gemeinschaftsbesitz, aus dem man diese Bedürfnisse hätte befriedigen können, war nicht vorhanden, und so unterhielt jeder von seinem beigebrachten Eigentum sich und seine Konkubine mit Söhnen und Töchtern. Es war ihnen ein Vergnügen, mir Verlegenheiten zu bereiten, ja, sie scheuten sich selbst nicht davor, zu stehlen und an sich zu nehmen was sie konnten, damit ich mit der Verwaltung nicht zurechtkäme und so gezwungen wäre, bei der Ausübung der Disciplin ein Auge zuzudrücken, oder ganz von derselben abzusehen. Da aber das ganze Land in seiner Barbarei in der gleichen Gesetz- und Zuchtlosigkeit steckte, so konnte ich mich an niemand um Hilfe wenden; allen stand ich gleich fremd gegenüber. Draußen waren es der Fürst und seine Gefolgschaft, die mich fortwährend bedrängten, drinnen wurde ich unaufhörlich von den Brüdern angefeindet. Das Wort des Apostels: „Draußen Streit, drinnen Furcht“ schien geradezu für mich geschrieben zu sein. Oft quälte ich mich mit dem Gedanken, wie nutzlos und elend mein Leben dahingehe, wie weder ich noch sonst jemand etwas davon habe. Früher hatte ich doch unter meinen Schülern eine große Wirksamkeit geübt, jetzt, nachdem ich sie verlassen hatte und zu den Mönchen gegangen war, war ich weder für diese noch für jene von irgend welchem Nutzen. Fruchtlos und ohne Wert war alles, was ich jetzt begann und versuchte und man konnte mir mit Recht den Vorwurf machen: „Dieser Mensch hob an zu bauen und kann es nicht hinausführen.“ Der Gedanke an das, was ich verlassen und was ich dafür eingetauscht hatte, brachte mich zur Verzweiflung. Meine früheren Mißgeschicke achtete ich für nichts im Vergleich mit der traurigen Gegenwart, und seufzend mußte ich mir oftmals selber sagen: „Ich leide nur, was ich verdient habe; den Parakleten, das ist den Tröster, habe ich verlassen und habe mich der sicheren Trostlosigkeit ausgeliefert; Drohungen fürchtete ich und in offenbare Gefahren habe ich mich hineingestürzt.“ Das aber war mein größter Schmerz, daß in der verlassenen Kapelle jede gottesdienstliche Feier unterbleiben mußte, da die Dürftigkeit jener Gegend kaum für die Bedürfnisse eines Menschen genügte. Allein der wahre Tröster selbst senkte in mein trostloses Herz den echten Trost und sorgte für sein eigenes Haus, wie es sich ziemte.

Es begab sich nämlich, daß der Abt von St. Denis auf jenes Kloster Argenteuil Ansprüche erhob, in welchem Heloise, jetzt vielmehr meine Schwester in Christo als meine Gattin, einst den Schleier genommen hatte. Nachdem er es unter dem Vorwand, daß es von alters her unter die Gerichtsbarkeit von St. Denis gehört habe, an sich gebracht hatte, vertrieb er mit Gewalt den ganzen Konvent der Nonnen, deren Äbtissin meine Freundin gewesen war. Während diese sich nun heimatlos in alle Winde zerstreuten, kam mir der Gedanke, daß der Herr selbst mir hier eine Gelegenheit biete, für mein Oratorium zu sorgen. Ich kehrte nun dorthin zurück und lud Heloise mit den wenigen Nonnen aus ihrer Kongregation, die bei ihr geblieben waren, ein, nach dem Paraklet zu kommen. Hierauf setzte ich sie in den Besitz des Oratoriums mit allem, was dazu gehörte. Und diese Schenkung wurde, dank der Zustimmung und Verwendung des Landesbischof, von Papst Innocenz II. ihnen und ihren Nachfolgerinnen durch ein Privilegium für alle Zeiten bestätigt.

Anfangs zwar führten die Frauen dort ein dürftiges Leben und manchmal wollten sie den Mut verlieren; allein Gott, dem sie in Frömmigkeit dienten, sah barmherzig ihr Elend an und tröstete sie in kurzem; auch ihnen zeigte er sich als der wahre Paraklet und wandte die Herzen der benachbarten Bevölkerung zur Barmherzigkeit und Mildthätigkeit. Und nach Verfluß eines Jahres — Gott mag es bezeugen — waren sie an irdischem Besitz reicher als ich es geworden wäre, wenn ich hundert Jahre dort gelebt hätte. Denn eben weil das weibliche Geschlecht das schwächere ist, regt seine hilflose Lage das menschliche Mitgefühl an, und die Tugend der Frauen ist vor Gott und Menschen um so angenehmer. Gott aber ließ unsere geliebte Schwester, die den anderen vorstand, in aller Augen so viel Gnade finden, daß sie von den Bischöfen wie eine Tochter, von den Äbten wie eine Schwester, von den Laien wie eine Mutter geliebt wurde, und alles rühmte gleicherweise ihre Frömmigkeit, Klugheit und unvergleichliche Sanftmut und Geduld, die sie bei jeder Gelegenheit bewahrte. Selten ließ sie sich in der Öffentlichkeit sehen, um bei geschlossener Thür ungestört dem Gebet und frommer Betrachtung zu leben. Um so begieriger suchten Leute, die in der Welt lebten, die Gelegenheit auf, sie zu sehen und ihre erbaulichen Reden zu genießen.

Die Nachbarn des Klosters machten mir lebhafte Vorwürfe, daß ich für die Bedürfnisse der Nonnen nicht in dem Grade besorgt sei, wie ich könnte und müßte, da ich doch in meiner Predigt ein leichtes Mittel dazu habe; daher besuchte ich sie öfters, um ihnen so viel wie möglich behilflich zu sein. Allein auch so entging ich nicht mißgünstigem Gerede und dem, was die reinste Liebe mich zu thun drängte, legte die Schlechtigkeit meiner Neider die gemeinsten Beweggründe unter; ich sei eben noch immer im Banne sinnlichen Verlangens und könne den Verlust der einstigen Geliebten schwer oder überhaupt nicht verschmerzen. Oft mußte ich da an die Klage des heiligen Hieronymus denken, die er in dem Brief an Asella über falsche Freunde erhebt: „Nichts macht man mir zum Vorwurf als mein Geschlecht und auch das nur, seitdem Paula mit mir nach Jerusalem gegangen ist.“ Ferner sagte er: „Ehe ich in das Haus der frommen Paula kam, war nur eine Stimme des Lobes über mich in der ganzen Stadt; ja, ich war nach dem Urteil aller würdig, das Amt des höchsten Priesters in der Kirche zu bekleiden. Aber ich gedenke trotz guten und schlechten Geredes durchzudringen zum Himmelreich.“ Indem ich mir die Ungerechtigkeit und Verleumdung vorstellte, unter der selbst ein solcher Mann zu leiden hatte, schöpfte ich daraus einen nicht geringen Trost. Ich sagte mir: Wie würde ich schlecht gemacht werden, wenn meine Feinde einen derartigen Verdachtsgrund bei mir ausfindig machen könnten! Nun aber, da Gottes Barmherzigkeit mich von der Möglichkeit solchen Verdachtes befreit hat und mir die Fähigkeit in dieser Hinsicht mich zu vergehen geradezu benommen ist, wie kommt es, daß die Stimme der Verleumdung trotzdem nicht schweigt? Was sollte diese neueste freche Beschuldigung heißen? Der Zustand, in dem ich mich befinde, beseitigt ja doch sonst insgemein jeglichen Argwohn derartiger Ausschreitungen so gründlich, daß wer Frauen in sicherer Aufsicht wissen will, Eunuchen zu diesem Zweck anstellt: so berichtet die heilige Geschichte von Esther und von den anderen Frauen des Ahasverus. Wir lesen auch von jenem vornehmen Schatzmeister der Königin von Candace, daß er ein Eunuch gewesen, zu dessen Bekehrung und Taufe der Apostel Philippus vom Engel des Herrn angewiesen wurde.

Solche Männer standen bei ehrbaren unbescholtenen Frauen von jeher in hohem Ansehen und genossen ihr besonderes Vertrauen, eben weil der Verkehr mit ihnen jeden Verdacht unmöglich machte. Von Origenes, dem größten aller christlichen Philosophen, erzählt die „Kirchengeschichte“ im sechsten Buch, er habe selbst Hand an sich gelegt, um bei dem Unterricht der Frauen, dem er sich widmete, von jeder Verdächtigung verschont zu bleiben. Dabei mußte ich mir sagen, daß es die göttliche Barmherzigkeit mit mir noch besser gemeint habe als mit jenem. Denn bei Origenes kann man der Ansicht sein, daß er im Übereifer gehandelt und so ein schweres Verbrechen an sich selbst verübt habe. Mich dagegen ließ Gott, um mich in ähnlicher Weise wie jenen freizumachen, durch fremde Schuld dasselbe erleben; auch die Schmerzen waren bei mir geringer, da mein Geschick mich so rasch und plötzlich ereilte; wurde ich doch im Schlaf überfallen, so daß ich fast nichts von Schmerz empfand, als man Hand an mich legte. Aber wenn damals mein körperlicher Schmerz verhältnismäßig gering war, so leide ich jetzt um so mehr unter der Verleumdung und der Verlust meines Ruhmes quält mich mehr als der Schaden an meinem Körper. Denn so steht geschrieben: „Ein guter Name ist besser als große Schätze Goldes“ — und der heilige Augustin sagt in einer Predigt über Leben und Sitten des Geistlichen: „Wer im Vertrauen auf sein gutes Gewissen keine Rücksicht auf seinen Ruf nimmt, der ist grausam gegen sich selbst.“ Und weiter oben: „Wir wollen nicht nur vor Gott, sondern auch vor den Menschen rechtschaffen dastehen. Für uns genügt das Zeugnis unseres Gewissens; aber der andern wegen darf unser guter Name nicht befleckt werden, sondern muß fleckenlos bleiben. Gewissen und Ruf sind zweierlei Dinge: an das eine magst du dich halten, an das andere hält sich dein Nächster.“

Aber würden jene Leute mit ihren bösen Zungen selbst Christum oder seine Glieder, die Propheten und Apostel oder sonst die heiligen Väter, verschont haben, wenn sie in jener Zeit gelebt hätten? besonders wenn sie gesehen hätten, wie diese Männer bei unversehrtem Körper gerade mit Frauen im vertrautesten Umgang standen. Auch der heilige Augustin zeigt in seinem Buch „Vom Werk der Mönche“, wie eben die Frauen die unzertrennlichen Begleiterinnen Christi und der Apostel gewesen, und daß sie ihnen überall folgten, wo sie predigend umherwanderten. „In ihrem Gefolge“ — sagte er — „befanden sich gläubige Frauen, die mit den Gütern dieser Welt gesegnet waren, und ihnen von ihrem Überfluß Handreichung thaten, damit sie an dem, was zum Unterhalt des Lebens nötig ist, keinen Mangel litten.“ Und wer es etwa nicht glauben wollte, daß die Apostel sich die Begleitung von frommen Frauen auf ihren Wanderungen haben gefallen lassen, der mag aus dem Evangelium selbst ersehen, wie sie hierin dem Beispiel des Herrn selber folgten. Es steht nämlich im Evangelium zu lesen: „Und es begab sich danach, daß er reisete durch die Städte und Märkte und predigte und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes und die Zwölfe mit ihm. Dazu etliche Weiber, die er gesund hatte gemacht von den bösen Geistern und Krankheiten, nämlich Maria, die da Magdalena heißet, von welcher waren sieben Teufel ausgefahren, und Johanna, das Weib Chusa, des Pflegers Herodis, und Susanna und viel andere, die ihnen Handreichung thaten von ihrer Habe.“ Auch Leo IX. sagt in seiner Erwiderung auf den Brief des Parmenianus „Über das Klosterleben“: „Wir halten durchaus daran fest, daß kein Bischof, Presbyter, Diakon oder Subdiakon unter dem Vorwande der Religion sich der Fürsorge für seine Ehefrau entschlagen darf; und zwar verstehen wir dies so, daß er sie mit Nahrung und Kleidung versorgen, nicht aber geschlechtlichen Umgang mit ihr haben soll.“ So haben es auch die heiligen Apostel gehalten, wie denn Paulus sagt: „Haben wir nicht auch Macht, eine Schwester als Weib mit umherzuführen, wie die Brüder des Herrn und Kephas?“ Thorheit wäre es zu behaupten, er habe gesagt: „Haben wir nicht auch Macht mit einer Schwester in der Ehe zu leben?“ Vielmehr heißt es ‚sie mit herumzuführen‘. Sie sollten also diese Frauen von dem Ertrag ihrer Predigt unterhalten, ohne doch durch das Band ehelichen Verkehrs vereinigt zu sein.

Jener Pharisäer, welcher von dem Herrn im stillen sagte: „Wenn dieser ein Prophet wäre, so wüßte er, wer und welch ein Weib das ist, die ihn anrühret, denn sie ist eine Sünderin“ — dieser Pharisäer konnte nach menschlichem Urteil viel eher dazu kommen, über Jesus einen schlimmen Verdacht zu fassen, als meine Gegner mir gegenüber Anlaß dazu hatten. Oder wer an die Mutter des Herrn denkt, die dem Jüngling anvertraut wird, und an die Propheten, die so vielfach bei Witwen zu Gaste waren und mit ihnen verkehrten, könnte ja am Ende darin noch viel eher etwas Verdächtiges sehen.

Ja, was hätten meine Neider erst gesagt, wenn sie jenen gefangenen Mönch Malchus, von welchem Hieronymus erzählt, mit seinem Weib unter einem Dach hätten leben sehen. Was hätten sie für ein Geschrei erhoben über eine Sache, von welcher der große Kirchenlehrer mit großer Anerkennung spricht. Nachdem er persönlich sich davon überzeugt hatte, läßt er sich folgendermaßen darüber aus: „Es war da ein hochbetagter Mann, Namens Malchus, in der dortigen Gegend selbst geboren. Eine alte Frau teilte mit ihm seine Wohnung. Beide waren voll religiösen Eifers und wichen nicht von der Schwelle der Kirche; man hätte sie für Zacharias und Elisabeth im Evangelium halten können, nur daß ein Johannes fehlte.“ Warum, frage ich, verleumden jene nicht auch die heiligen Väter, von denen wir so häufig lesen oder auch mit eigenen Augen sehen, daß sie Frauenklöster einrichten und sich in den Dienst derselben stellen — nach dem Beispiel jener sieben ersten Diakonen, welche von den Aposteln an deren eigener Stelle eingesetzt wurden, um für die leiblichen Bedürfnisse der Frauen zu sorgen. Das schwächere Geschlecht ist auf die Hilfe des stärkeren angewiesen. Darum verordnet auch der Apostel, daß der Mann stets des Weibes Haupt sein solle; und des zum Zeichen sollen die Frauen ihr Haupt verhüllt tragen.

Darum bin ich auch nicht wenig erstaunt, daß in den Klöstern diese alten Bräuche längst vergessen sind, sofern man jetzt Äbtissinnen über die Nonnen setzt, wie man für die Mönche Äbte hat und daß beide, Nonnen wie Mönche, auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, während diese doch manches enthält, was von Frauen niemals eingehalten werden kann, von den Vorgesetzten so wenig wie von den Untergebenen. Vielfach kann man ja sogar die Beobachtung machen, daß das natürliche Verhältnis sich umgekehrt hat und Äbtissinnen und Nonnen über die Kleriker herrschen, von denen das Volk abhängig ist. Je unumschränkter ein solches Weiberregiment ist, desto leichter bietet sich die Gelegenheit, in den Männern unerlaubte Gelüste zu wecken und sie unter einem drückenden Joch zu halten. Darum sagt auch ein satirischer Dichter mit Recht: „Unerträglicher nichts, als Macht in den Händen des Weibes.“

Nachdem ich mich mit solchen Gedanken des öftern beschäftigt hatte, war ich zu dem Entschluß gekommen, für die Schwestern im Paraklet nach Möglichkeit zu sorgen und mich ihrer anzunehmen; auch, da ihre Verehrung für mich groß war, durch persönliche Anwesenheit bei ihnen aufmunternd zu wirken, und auf diese Weise ihren Bedürfnissen mehr Rechnung zu tragen. Gerade damals hatte ich häufiger und heftiger unter der Verfolgung meiner eigenen Söhne zu leiden als in früheren Zeiten unter derjenigen meiner Brüder; und so flüchtete ich mich aus der Drangsal dieses Sturmes zu den Schwestern wie in einen stillen Hafen, um dort ein wenig Atem zu schöpfen. Bei jenen Frauen gedachte ich einigermaßen im Segen zu wirken, der ich an den Mönchen keine Frucht erlebt hatte. Und je notwendiger meine Wirksamkeit ihrer Schwachheit war, desto segensreicher sollte sie für mich selber werden. Aber der Satan hat mir nicht vergönnt, irgendwo zur Ruhe zu kommen und ein menschenwürdiges Dasein zu führen; sondern der Fluch des Kain lastete auf mir: unstet und flüchtig umherzuirren von Ort zu Ort. Ich bin der Mann, den — wie ich schon sagte — „draußen Streit, drinnen Furcht“ unablässig quälen, ja, vielmehr beides zugleich innen und außen Streit und Furcht.

Die Angriffe, die ich von meinen Söhnen zu erleiden habe, sind viel gefährlicher und viel zahlreicher als die meiner Feinde. Denn mit meinen Söhnen muß ich fortwährend leben, und habe mich unausgesetzt ihrer Nachstellungen zu erwehren. Wenn mir mein Feind mit Gewalt nach dem Leben steht, so kann ich die Gefahr bemerken, wenn ich außerhalb des Klosters meines Weges ziehe. Aber im Kloster selber bin ich fortwährend gewaltthätigen wie hinterlistigen Angriffen ausgesetzt, und zwar von seiten meiner eigenen Söhne, d. h. der Mönche, die unter meiner, ihres Abtes, väterlicher Obhut stehen. O wie oft suchten sie mich durch Gift aus dem Weg zu schaffen, wie man es dem heiligen Benedikt bereitet hat. Derselbe Grund, der den heiligen Mann veranlaßt hat, seine Söhne zu verlassen, konnte auch mich dazu treiben, seinem Beispiel zu folgen; denn andernfalls setzte ich mich der sicheren Gefahr aus, und meine Verwegenheit konnte man mir eher als Leichtsinn gegen mich selbst und als ein Gottversuchen auslegen, denn als Liebe zu Gott.

Da ich vor derartigen Nachstellungen, die mir von seiten der Mönche täglich drohten, auf der Hut war so gut ich konnte und namentlich Speise und Trank, die ich zu mir nahm, sorgfältig überwachte, so suchten sie mich sogar während des Hochamts am Altar zu vergiften, indem sie mir Gift in den Kelch mischten. Als ich eines Tages nach Nantes ging, um den Grafen in seiner Krankheit zu besuchen und bei einem meiner leiblichen Brüder zu Gaste war, so versuchten sie, mich durch einen Diener aus meinem eigenen Gefolge vergiften zu lassen, in der Meinung, daß ich auf einen Anschlag von dieser Seite nicht gefaßt sein werde. Allein der Himmel fügte es so, daß ich von der Speise, die man mir vorsetzte, nichts anrührte, während ein Klosterbruder, den ich mitgenommen hatte, ahnungslos davon aß und auf der Stelle tot niederfiel, worauf jener Diener, durch sein Gewissen und durch den unleugbaren Sachverhalt erschreckt, die Flucht ergriff. Da sich die Ruchlosigkeit meiner Mönche so schamlos breit machte, so ergriff ich von jetzt an ganz offen meine Vorsichtsmaßregeln so gut ich konnte: ich entfernte mich aus der Abtei und hielt mich mit wenigen Getreuen in kleinen Zellen auf. Hatten jene in Erfahrung gebracht, daß ich irgend wohin gehen müsse, so stellten sie gedungene Mörder auf meinen Weg, um mich auf die Seite zu schaffen.

Während ich in solchen Gefahren schwebte, traf mich auch noch die Hand des Herrn gar schwer: ich stürzte eines Tages vom Pferd und verletzte mich dabei an den Halswirbeln, und dieser unglückliche Sturz machte mir mehr zu schaffen als meine einstige Verletzung.

Von Zeit zu Zeit versuchte ich der unbändigen Zuchtlosigkeit der Mönche durch die Strafe der Exkommunikation entgegenzutreten, und einige von ihnen, die ich am meisten zu fürchten hatte, brachte ich dazu, daß sie mir durch einen feierlichen Eid vor Zeugen versprachen, die Abtei für immer zu räumen und mich in keiner Weise mehr zu beunruhigen. Allein sie brachen ganz offen und in frechster Weise Wort und Eidschwur und erst als Papst Innocenz selber sich der Sache annahm und einen besonderen Legaten deswegen entsandte, brachte man sie dazu, daß sie in Gegenwart des Grafen und der Bischöfe zu dem alten Versprechen und außerdem zu verschiedenen anderen Bedingungen aufs neue sich eidlich verpflichteten. Aber trotz alledem gaben sie noch immer keine Ruhe. Erst vor kurzem noch, als diese Menschen aus dem Kloster vertrieben waren und ich dahin zurückkehrte, um mich den Brüdern anzuvertrauen, die ich weniger fürchten zu müssen glaubte, mußte ich die traurige Erfahrung machen, daß die Zurückgebliebenen noch schlimmer waren als die anderen. Sie griffen allerdings nicht zum Gift, dafür aber bedrohten sie mein Leben mit dem Schwert, so daß ich mich unter dem Schutz eines angesehenen Herrn mit Mühe und Not rettete. Und selbst jetzt noch schwebt diese Gefahr über mir, und Tag für Tag sehe ich das Schwert über meinem Haupt hängen, so daß ich kaum ruhig bei Tische sitzen kann. Es ging mir wie jenem Mann, der die Macht und die Schätze des Tyrannen Dionysius für das höchste Glück der Erde hielt und durch den Anblick eines Schwertes, das an einem Faden über seinem Haupt hing, darüber belehrt wurde, was es mit dem Glück irdischer Macht für eine Bewandtnis habe. Dieselbe Erfahrung muß ich nun tagtäglich machen, der ich vom unscheinbaren Mönch zu der Würde des Abtes emporgestiegen bin und mit der größeren Ehre nur größere Mühsal mir erkoren habe, auf daß ich denen zum warnenden Beispiel dienen möge, die ihr Ehrgeiz nach hohen Dingen zu streben treibt.

Geliebter Bruder in Christo und altbewährter Freund! Was ich dir bis hierher mitgeteilt habe von der Geschichte meiner Leiden, die mich von der Wiege an ohne Aufhören heimgesucht haben, möge genügen, um dich über dein Mißgeschick zu trösten. Wie ich gleich im Anfang sagte, war es meine Absicht, dich zu der Überzeugung zu bringen, daß dein Leiden im Vergleich zu dem meinigen überhaupt nicht nennenswert oder doch erträglich sei. Je mehr es bei näherer Betrachtung an Schwere verliert, desto geduldiger magst du es tragen und dich trösten mit dem Wort, das Christus seinen Gliedern von den Gliedern des Satans vorausgesagt hat: „Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch auch verfolgen. So die Welt euch hasset, so wisset, daß sie mich vor euch gehasset hat. Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb.“ An einer andern Stelle sagt der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo, müssen Verfolgung leiden.“ Und ferner: „Gedenke ich Menschen zu gefallen? wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht.“ Und der Psalmist sagt: „Die den Menschen gefallen, sind zu Schanden geworden, weil Gott sie verworfen hat.“ In diesem Sinn sagt auch der heilige Hieronymus, der mir die Leiden der Verleumdung als ein besonderes Erbteil hinterlassen zu haben scheint, in seinem Brief an Nepotianus: „Der Apostel schreibt: wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht — er hat aufgehört, den Menschen zu gefallen und ist ein Knecht Christi geworden.“ Derselbe Kirchenlehrer schreibt an Asella in der Schrift über falsche Freunde: „Ich danke meinem Gott, daß ich würdig bin, von der Welt gehaßt zu werden.“ Und an den Mönch Heliodorus: „Du bist sehr im Irrtum, lieber Bruder, wenn du glaubst, daß ein Christ jemals der Verfolgung entgehen werde. Unser Widersacher schleicht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge, und du glaubst an Frieden? Der Feind lauert im Hinterhalt mit den Mächtigen dieser Welt.“

Aus solchen Sprüchen und Beispielen wollen wir Mut schöpfen und das was uns zustößt tragen, je unverdienter es ist, desto mutiger. Wenn unsre Leiden uns nicht zum Verdienst angerechnet werden, so dienen sie doch — so viel ist sicher — zu unserer Läuterung. Und weil doch alles nach Gottes Ratschluß sich vollzieht, so kann sich jeder Gläubige in aller Not wenigstens damit trösten, daß Gottes Güte nichts Unrechtes geschehen läßt und daß er selber alles, was der göttlichen Ordnung widerspricht, zu einem guten Ende führt. Darum ist es gut, in jeder Lebenslage zu sprechen: „Dein Wille geschehe.“

Welch kräftiger Trost für die, so Gott lieben, in dem Wort des Apostels: „Wir wissen, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum besten dienen.“ Dies meinte auch der Weiseste der Weisen, wenn er im Buch der Sprüche sagt: „Es wird dem Gerechten kein Leid geschehen, was ihm auch widerfahre.“ Damit sagt er deutlich, daß diejenigen vom rechten Pfad abweichen, die sich gegen irgend eine Prüfung auflehnen, von der sie doch wissen, daß Gottes Hand sie ihnen auferlegt. Solche Menschen richten sich nach ihrem eigenen, statt nach Gottes Willen; sie führen wohl das Wort im Munde: „Dein Wille geschehe,“ aber die verborgenen Wünsche ihres Herzens stehen damit im Widerspruch, da sie ihren eigenen Willen über den Willen Gottes setzen. — Lebe wohl!

II. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Ihrem Herrn, ja vielmehr Vater; ihrem Gatten, vielmehr Bruder — seine Magd, nein, seine Tochter; seine Gattin, nein seine Schwester; ihrem Abaelard — Heloise.)

Der Brief, den Ihr einem Freund zum Trost geschrieben, innig geliebter Mann, ist vor kurzem durch einen Zufall in meine Hände gekommen. Gleich an den ersten Worten erkannte ich Euch und mit wahrer Gier verschlang ich den Brief; steht doch der Schreiber dieser Worte meinem Herzen so nahe! und habe ich ihn selbst gleich für immer verloren, so sollten doch seine Worte, aus denen sein teures Bild mich ansah, mein Herz erquicken.

Freilich, ich weiß, deine Worte waren voll Galle und Wermut, da du, mein Einziger, die traurige Geschichte unserer Bekehrung und deine endlosen Leiden erzähltest. In der That: du hast gehalten, was du dem Freund im Anfang des Briefes versprochen: er konnte wirklich seine eigenen Beschwerden, wenn er sie mit den deinigen verglich, für nichts oder doch für gering ansehen. Du schilderst die Verfolgungen, die du von seiten deiner Lehrer zu erdulden hattest und die ruchlose Schandthat, die man an deinem Leibe verübt hat, endlich die verabscheuungswürdige Mißgunst und Gehässigkeit deiner eigenen Mitschüler, des Alberich von Reims und Lotulfs, des Lombarden. Du erzählst das traurige Schicksal, das infolge ihrer Verleumdung dein ruhmvolles theologisches Werk ereilte, und wie du selbst zur Kerkerhaft verurteilt wurdest. Alsdann kommst du an die Erzählung von der Tücke deines Abtes und deiner falschen Brüder und von dem schweren Schaden, den dir jene beiden Lügenapostel zufügten, aufgehetzt von den oben genannten Nebenbuhlern, und gedenkst ferner des Ärgernisses, das viele daran nahmen, daß du dein Oratorium gegen das gewöhnliche Herkommen dem Parakleten weihtest. Und endlich beschließest du die Geschichte deiner Leiden mit der Schilderung jener schrecklichen Verfolgungen, die du durch deinen unversöhnlichen Feind und die ruchlosen Mönche, die du deine Söhne nennst, zu erdulden hattest und vor welchen du selbst jetzt noch nicht sicher bist.

Niemand, glaube ich, kann diese traurige Geschichte trockenen Auges lesen oder anhören. Je lebhafter und eingehender deine Schilderungen sind, desto lebhafter ist das Gefühl des Schmerzes, das sie aufs neue in mir weckten; ja, meine Angst wächst noch im Gedanken daran, daß du selber von immer noch wachsenden Gefahren sprichst. So müssen wir denn alle für dein Leben zittern, und mit klopfendem Herzen und bebender Brust Tag für Tag der Trauerbotschaft von deinem Tode gewärtig sein. Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre gerettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir treu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz, und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen. Und wenn der gegenwärtige Sturm sich ein wenig gelegt hat, dann laß es uns um so früher wissen und solche Botschaft wird uns um so willkommener sein. Im übrigen: was es auch sei, das du uns schreibst, immer werden deine Briefe eine Wohlthat für uns sein schon darum, weil wir daran sehen, daß du unsrer gedenkst. Welche Freude uns Briefe von Freunden in der Ferne bereiten, das bestätigt Seneca aus eigener Erfahrung; in einem Brief an seinen Freund Lucilius heißt es: „Ich bin dir sehr dankbar, daß du mir so fleißig schreibst. Ist dies doch unter den gegebenen Umständen die einzig mögliche Art, dich bei mir einzustellen. Jeder Brief, den ich von dir erhalte, schlingt das Band der Gemeinschaft um uns. Wir erfreuen uns an den Bildern der fernen Freunde, weil die Erinnerung an sie dadurch aufgefrischt wird und weil uns der Anblick des Bildes für die mangelnde Gegenwart derselben ein Ersatz ist, wenngleich ein trügerischer und dürftiger. Wie viel wertvoller müssen uns erst Briefe sein, die uns wirkliche Lebenszeichen von dem abwesenden Freunde geben!“ Gott sei Dank, daß du wenigstens auf diese Weise unter uns weilen kannst, ohne die Verleumdung fürchten zu müssen und ohne auf Hindernisse zu stoßen: darum beschwöre ich dich, du wollest nicht gleichgültig säumen!

Den Freund hast du in einem ausführlichen Brief getröstet und hast ihm deine eigenen Mühsale erzählt, damit er die seinigen vergesse. Während du aber ihn mit der ausführlichen Schilderung deiner Leiden zu trösten suchtest, hast du uns jeder Hoffnung beraubt; während du seine Wunden zu heilen dich bestrebtest, hast du uns neue schmerzliche Wunden geschlagen und die alten noch vertieft. Heile nun, ich bitte dich, wo du selber verletzt hast, der du, was andre verübt haben, gut zu machen bestrebt bist. Deinem Freund und Genossen hast du Genüge gethan und hast ihm den Zoll der Freundschaft und Brüderlichkeit entrichtet: uns gegenüber jedoch bist du noch mehr verpflichtet; denn wir dürfen uns nicht bloß deine Freundinnen, sondern deine Herzensvertrauten, nicht deine Genossinnen, vielmehr deine Töchter nennen, oder wenn es einen anderen Namen giebt, noch süßer, noch heiliger: uns kommt er zu. Wie sehr du aber unser Schuldner bist, dafür braucht es keine Beweise, keine Zeugen; hier ist ein Zweifel nicht möglich, und wenn alle schweigen, die Sache selbst redet laut und deutlich. Du allein bist, nächst Gott, der Gründer dieses Klosters, du allein der Erbauer dieses Oratoriums, du und nur du der Stifter dieser heiligen Gemeinschaft. Nicht auf fremden Grund hast du gebaut. Deine Schöpfung ist alles, was hier ist. Wildnis war ringsumher, nur wilden Tieren oder Räubern eine Zuflucht gewährend; nirgends eine menschliche Wohnung, kein Haus weit und breit. Unter den Lagerstätten des Wildes, bei den Höhlen der Räuber, wo selbst der Name Gottes unbekannt war, hast du das göttliche Tabernakel aufgerichtet und einen Tempel dem heiligen Geist geweiht. Nicht hast du zum Bau desselben Könige und Fürsten um ihre Schätze angegangen, obwohl du sie in reicher Fülle hättest haben können; vielmehr alles was geschah, wolltest du dir allein verdanken. Geistliche und Schüler, die um die Wette hier zusammenströmten, um deinen Unterricht zu genießen, thaten die nötige Handreichung. Leute, die selber auf Kosten der Kirche ihren Unterhalt fristeten, die nicht ans Schenken denken konnten, sondern nur aufs Empfangen angewiesen waren, und welche die Hand nicht zum Geben, sondern nur zum Nehmen offen hatten: die waren jetzt mit Leistungen zur Hand und waren verschwenderisch damit.

Dein also, ja wirklich dein eigen ist diese neue gottgeweihte Pflanzung und das Wachstum ihrer zarten Sprossen erheischt reichliche Bewässerung. Schon infolge der zarten Natur ihres Geschlechts ist es ja eine schwache Pflanzung; sie wäre nicht stark, auch wenn sie nicht so jung wäre. Darum hat sie sorgfältige und vielfache Pflege nötig nach jenem Wort des Apostels: „Ich habe gepflanzt, Apollo hat begossen, aber Gott hat das Gedeihen gegeben.“ Gepflanzt hatte der Apostel und im Glauben begründet durch Lehre und Predigt die Korinther, denen er schrieb. Begossen hatte sie später des Apostels Schüler Apollo mit frommen Mahnungen, und also wurde ihnen durch die göttliche Gnade Wachstum in aller Tugend geschenkt. Den fremden Weinstock, den du nicht gepflanzt und dessen Süßigkeit sich dir in Bitternis verwandelt hat, suchst du vergeblich mit Mahnung und frommer Zurede zu erbauen. Denke doch an deine eigene Pflanzung, der du auf die fremde so viel Sorgfalt verwendest. Du lehrst und mahnst die Empörer und richtest nichts aus. Vergeblich wirfst du die Perlen des göttlichen Worts vor die Säue. Der du für Widerspenstige also viel übrig hast, vergiß nicht, was du denen schuldig bist, die dir gerne gehorchen. Deinen Widersachern schenkst du so reichlich, o gedenke auch deiner Töchter! Um von den Schwestern zu schweigen: wäge selbst die Schuld ab, die du mir gegenüber einzulösen hast, und was du den frommen Frauen allen zusammen schuldest, das entrichte um so gewissenhafter der einen, die ganz und gar dein ist. Die zahlreichen, ausführlichen Schriften der heiligen Väter zur Belehrung, Mahnung und Tröstung frommer Frauen, und die Liebe, mit welcher dieselben geschrieben wurden, sind deinem hohen Wissen besser bekannt als meinem geringen Gedächtnis. Darum hat es mich nicht wenig befremdet, daß du das von dir begonnene Werk unsrer gottgeweihten Lebensgestaltung sobald wieder vergessen konntest. Nicht Gottesfurcht, nicht Liebe zu uns, nicht das Beispiel der heiligen Väter konnte dich bewegen, selber zu mir zu kommen, mich zu trösten oder doch durch Briefe mein unruhiges Herz aufzurichten, das sich in seinem alten Gram verzehrt.

Und doch, du weißt es wohl, daß du mir vor andern verpflichtet bist; ist es doch das heilige Band der Ehe, das uns verbunden hält, und mein Schuldner bist du um so mehr, als ich dich allezeit — wer weiß es nicht? — mit grenzenloser Liebe umfaßt habe. Du weißt es, Geliebter, und die Welt weiß es, was ich in dir verloren habe, und wie jene allgemein bekannte verräterische Schandthat mich so vernichtend getroffen hat wie dich, und daß mich die Art und Weise des Verlustes unendlich tiefer schmerzt als das Unglück selbst. Aber wo viel Grund zum Schmerz vorhanden ist, da müssen auch stärkere Trostmittel angewandt werden. Aber nicht fremden Trostes begehr’ ich, sondern du allein, der du meines Leidens Grund bist, du allein magst mich nun auch trösten. Du allein kannst mich elend machen, du nur mein Herz erfreuen und mich trösten. Und du allein hast auch die Pflicht es zu thun; war ich doch allezeit deinem Willen so blind ergeben, daß ich auf ein Wort von dir mich selbst vernichtet hätte, denn dir zuwider zu handeln, war mir unmöglich.

Aber noch mehr widerfuhr mir, noch Seltsameres; meine Liebe selbst wurde zum Wahnsinn, also daß sie selber auf das, was sie einzig begehrte, verzichtete ohne Hoffnung, es je wieder zu erlangen. Dies geschah damals, als ich deinem Willen gehorsam zugleich mit dem Gewand auch mein Herz zu ändern unternahm, um dir zu zeigen, daß du allein Herr meines Leibes und meiner Seele seist. Nichts habe ich je bei dir gesucht — Gott weiß es — als dich selbst; dich nur begehrt’ ich, nicht das, was dein war. Kein Ehebündnis, keine Morgengabe hab ich erwartet; nicht meine Lust und meinen Willen suchte ich zu befriedigen, sondern den deinen, das weißt du wohl. Mag dir der Name „Gattin“ heiliger und ehrbarer scheinen, mir klang es allzeit reizender, deine „Geliebte“ zu heißen; oder gar — verarg es mir nicht — deine „Buhle“, deine „Dirne“. Je tiefer ich mich um deinetwillen erniedrigte, desto mehr wollte ich dadurch Gnade vor deinen Augen finden, und um so weniger dachte ich auf diese Weise deinem glänzenden Rufe zu schaden. Und du selbst sprichst in jenem Trostbrief an deinen Freund von dieser meiner Gesinnung. Du hast es nicht verschmäht, einige der Gründe anzuführen, mit denen ich versuchte, dir den unseligen Gedanken an ein Ehebündnis auszureden; allein du hast diejenigen fast alle unerwähnt gelassen, die mich bestimmten, die Liebe der Ehe, die Freiheit dem Zwang vorzuziehen. Gott ist mein Zeuge: wollte mich heute der Kaiser, der Herr der Welt, der Ehre seines Ehebetts würdigen und mich für immer über die ganze Welt gebieten lassen: für süßer und würdiger achtete ich’s, deine Buhle zu heißen als seine Kaiserin. Denn der Wert eines Menschen richtet sich ja nicht nach seinem Reichtum und seiner Macht, diese sind Zufall, jener ist Verdienst. Die muß sich ja selbst für eine feile Person halten, die einen Mann seines Goldes wegen einem Armen vorzieht und weniger den Mann selber begehrt als das, was er hat. Gewiß, die Frau, die ein solches Gelüste zur Ehe treibt, sollte man bezahlen, nicht lieben. Denn es liegt ja auf der Hand, daß sie nach dem Besitz verlangt, nicht nach dem Mann, und daß sie sich, wenn sie nur Gelegenheit hätte, einem reicheren Mann noch lieber preisgeben würde. Diesen Sinn hat auch eine philosophische Ausführung der berühmten Aspasia, die sie in einem Gespräch mit Xenophon und seiner Gattin bei Äschines, einem Schüler des Sokrates, vorbrachte. Die Philosophin wollte die beiden Gatten miteinander aussöhnen und schloß ihre Beweisführung mit folgenden Worten: „Sobald ihr es dahin gebracht habt, daß es in der ganzen Welt keinen Mann und kein Weib giebt, besser und auserlesener als ihr, werdet ihr sicherlich das zu erlangen suchen, was ihr für das beste haltet: du wirst die beste Frau haben wollen und sie wird mit dem besten Mann verheiratet sein wollen.“

Wahrlich ein verehrungswürdiger und mehr als philosophischer Ausspruch, der aus der Weisheit selbst, nicht bloß aus der Liebe zur Weisheit stammt! Heiliger Irrtum, selige Täuschung, wo die eheliche Liebe so groß ist, daß eins das andre für vollkommen hält; da wird das Band der Ehe unverletzt erhalten bleiben nicht durch die Keuschheit des Leibs, sondern durch die Einfalt der Seelen. Aber was bei den andern doch immer nur eine Einbildung ist, das habe ich wirklich und wahrhaftig besessen. Denn was andere Frauen in ihre Männer nur hineinlegen, das habe ich, das hat die ganze Welt von dir nicht bloß geglaubt, sondern sicher gewußt, und so ist denn meine Liebe zu dir um so wahrhaftiger, je mehr der Irrtum von ihr ausgeschlossen ist.

Denn wo ist der König oder der Weise, der dir an Ruhm gleichkäme? In welchem Land, in welcher Stadt, in welchem Dorf war man nicht darauf erpicht, dich zu sehen? Wer, frage ich, beeilte sich nicht, dich zu erblicken, wenn du in der Öffentlichkeit erschienst, und zogst du dich zurück, folgte man dir da nicht nach mit gerecktem Hals und unverwandtem Blick? Sehnte sich nicht jede Frau, jedes Mädchen nach dem Abwesenden? Glühten sie nicht alle für dich, wenn du zugegen warst? Welche Fürstin, welche hohe Dame beneidete mich nicht um meine Freuden, um das Lager meiner Liebe?

Ein Zwiefaches war es vor allem, das dir die Herzen aller Frauen unfehlbar gewann: die Gabe der Dichtung und des Gesanges, die man sonst meines Wissens bei Philosophen nicht findet. Bei ihr erholtest du dich wie bei einem Spiel von den Anstrengungen deiner geistigen Arbeit, und eine ganze Anzahl von Gedichten und Liebesweisen sind von dir noch vorhanden, die um ihres schönen Wortlauts und um ihrer lieblichen Melodie willen oft und viel gesungen deinen Namen in aller Munde lebendig erhielten. Schon die Anmut deiner Weisen machte auch ungebildete Leute mit deinem Namen vertraut. Und das vor allem war der Zauber, mit dem du den Frauen Seufzer der Liebe entlocktest. Die große Mehrzahl dieser Gedichte feierte unsere Liebe und so klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in mancher Frau die Eifersucht. Denn welche Gabe des Körpers und des Geistes zierte nicht deine Jugend? Welche Frau, die mich einst beneidete, würde nicht jetzt, da ich solcher Wonne beraubt bin, durch mein Unglück zum Mitleid gestimmt? Wo ist der Mann, die Frau, und wären sie mir einst noch so feind gewesen, die sich jetzt nicht erweichen ließen durch das natürliche Gefühl des Mitleids mit mir?

Ganz schuldig bin ich, und doch auch, du weißt es, ganz und gar schuldlos. Denn nicht die bloße That für sich, sondern die Gemütsverfassung des Thäters muß man in Betracht ziehen, und ein billiger Richter sieht nicht allein darauf, was geschieht, sondern in welcher Gesinnung etwas geschieht. Welche Gesinnung mich aber dir gegenüber allezeit beseelt, das kannst du allein beurteilen, der du’s erfahren hast. Deinem Urteil überlasse ich ruhig alles, deiner Entscheidung füge ich mich in allen Stücken.

Nur das eine sag mir, wenn du kannst: warum du nach meinem Eintritt ins Kloster, der doch nur auf dein Geheiß geschah, mich so ganz vernachlässigt und vergessen hast, daß mir weder die Erquickung des mündlichen Wortes, noch der Trost eines Briefes von deiner Seite zu teil wurde. Warum das? sag an, wenn du kannst, oder ich spreche aus, was ich denke, ja, was jedermann argwöhnt. Ach! Begierde mehr als Freundschaft gesellte dich zu mir, glühende Sinnenlust mehr als Liebe. Nun dahin ist, was du begehrtest, ist auch das Gefühl erloschen, das du einst an den Tag legtest, um dein Ziel zu erreichen. Das, mein Geliebter, ist nicht etwa meine besondere Meinung, sondern alle Welt denkt so.

Wäre es doch nur ein Wahn von mir! Daß es doch eine Rechtfertigung deiner Liebe gäbe, durch die mein Schmerz einigermaßen besänftigt werden könnte! Könnte ich doch Gründe entdecken, dich zu entschuldigen und zugleich mein Elend zu decken!

Höre meine Bitte, ich beschwöre dich! Ihre Erfüllung ist dir ein Geringes und Leichtes. Da ich nun einmal deiner Gegenwart beraubt bin, so laß doch in Worten der Liebe, die dir so reichlich zu Gebote stehen, dein süßes Bild bei mir einkehren! Wie darf ich auf deine Freigebigkeit hoffen, wenn es sich einmal wirklich darum handelt, da du selbst mit deinen Worten geizest. Ich hatte geglaubt, ich hätte mir ein Recht auf deinen Dank erworben, da ich um deinetwillen alles that und bis heute unter deinem Willen stehe. Denn nicht Frömmigkeit, sondern dein Wille allein hat mich in blühender Jugend dem düsteren Klosterleben zugeführt; habe ich dadurch nicht deinen Dank verdient, dann — das mußt du selbst sagen — war mein Opfer vergeblich. Denn von Gott versehe ich mich keines Lohns dafür, da nimmermehr aus Liebe zu ihm geschehen ist, was ich gethan.

Da du bei Gott deine Zuflucht suchtest, bin ich dir gefolgt, nein, vorangeeilt bin ich dir. Als dächtest du an Lots Weib, das sich einst rückwärts wandte, hast du erst mich den Schleier nehmen und das Gelübde ablegen lassen, ehe du selbst dich Gott zum Eigentum weihtest. Mit Schmerz und Scham hat es mich erfüllt, ich sage es offen, daß du mir damals weniger zutrautest als dir selbst. Und doch, bei Gott, ich wäre auf dein Wort ohne Zögern dir in die Hölle vorangeeilt oder gefolgt. Mein Herz war ja nicht mehr mein, ich hatte es an dich verloren. Und wenn es jetzt auch bei dir keine Statt mehr findet, dann hat es überhaupt keine Heimat mehr, denn ohne dich mag es nirgendwo sein. Ach, laß es bei dir geborgen sein, ich bitte dich drum. Und wohlgeborgen wird es bei dir sein, wenn es dich gütig findet, wenn du Liebe mit Liebe vergelten willst, Großes mit Kleinem, Opfer mit Worten. Ach, wärst du, Geliebter, meiner Liebe doch nicht so sicher, du würdest dich mehr darum sorgen! Nun, da ich dich so sicher gemacht, muß ich deine Gleichgültigkeit tragen. Ach, denke dran, was ich für dich gethan habe und vergiß nicht, was du mir schuldest. Als ich des Fleisches Lust in deinen Armen genoß, da konnte man zweifeln, ob Liebe oder Lüsternheit mich dazu treibe. Jetzt aber zeigt ja der Ausgang, was für Gefühle mich einstens geleitet haben. Auf alle Freuden habe ich verzichtet, um deinem Willen zu leben. Nichts habe ich mir zurückbehalten, als den Wunsch, ganz und gar nur dir zu gehören.

Darum bedenke, wie ungerecht du an mir handelst, wenn du mir geringeren Dank entrichtest als ich verdiene, oder wenn du überhaupt nichts für mich übrig hast — zumal da es ja ein Geringes und eine Kleinigkeit für dich ist, was ich verlange. Darum, bei dem Gott, dem du dich zu eigen gegeben, beschwöre ich dich: erfreue mich mit deiner Gegenwart, so gut es geht und laß mir zum Trost wenigstens eine schriftliche Kunde von dir zukommen, damit ich, also gestärkt, mit neuer Freudigkeit dem Dienste Gottes mich weihen möge.

Ach, einstens, da du die Freuden der Welt bei mir suchtest, spartest du deine Briefe nicht, und der Name deiner Heloise, in so manchem Liede gefeiert, war in aller Munde; auf allen Gassen, in jedem Hause erklang er. Wie vielmehr solltest du mich jetzt zur Gottesliebe erwecken, da du mich einst zur Wollust verlocktest!

Bedenke, was du mir schuldest und höre auf meine Bitte. Und so laß mich den langen Brief mit dem kurzen Worte beschließen: Lebe wohl, du mein Ein und Alles!

III. Brief.
Abaelard an Heloise.

(An Heloise, seine geliebte Schwester in Christo — Abaelard, ihr Bruder im Herrn.)

Daß ich seit unserem Rückzuge aus der Welt zu Gott noch keine Worte des Trostes und der Mahnung an dich geschrieben habe, darfst du nicht meiner Gleichgültigkeit zuschreiben, sondern deiner eigenen Verständigkeit, auf welche ich allezeit große Stücke gehalten habe. Ich dachte nicht, daß du es nötig hättest, da dich die göttliche Gnade mit allem, was not thut, überreichlich ausgestattet hat — also, daß du selber die Irrenden durch Wort und Beispiel belehren, die Kleinmütigen trösten, furchtsame Seelen aufrichten kannst; und dieses zu thun, bist du ja schon seit jener Zeit gewöhnt, da du noch einer Äbtissin untergeben warst und das Amt einer Priorin bekleidetest. Wenn du jetzt mit derselben Liebe für deine Töchter besorgt bist, wie ehemals für die Schwestern, so wirst du gewiß allen Ansprüchen genügen und einer Belehrung und Mahnung von meiner Seite wird es dann sicher nicht bedürfen. Wenn du aber in deiner Bescheidenheit anderer Meinung bist und auch in religiösen Dingen meine schriftliche Belehrung nötig zu haben glaubst, so teile mir mit, über welchen Gegenstand du belehrt sein willst und ich werde dir antworten, soweit der Herr mir die Kraft dazu schenkt.

Gott aber sei gedankt, der eurem Herzen die Sorge um die schweren und beständigen Gefahren, denen ich ausgesetzt bin, eingeflößt und euch zu Genossinnen meiner Anfechtungen gemacht hat. So wird Gottes Barmherzigkeit mich um eurer Gebete willen beschützen und bald den Satan unter meine Füße treten. Darum beeile ich mich, dir den Psalter zu schicken, den du so dringend verlangtest, liebe Schwester, einst in der Welt mir so teuer und noch viel teurer jetzt in Christo. Aus ihm magst du zur Sühnung meiner vielen schweren Sünden und zur Abwehr der Gefahren, die mir täglich drohen, dem Herrn ein beständiges Gebetsopfer entrichten.

Wie viel aber bei Gott und seinen Heiligen das Gebet der Gläubigen vermag, insbesondere das Gebet von Frauen für solche, die ihnen lieb sind und dasjenige der Gattinnen für ihre Männer, dafür haben wir viel Zeugnisse und Beispiele. Dies hat auch der Apostel im Auge, wenn er uns mahnt, ohne Unterlaß zu beten. Wir lesen, daß der Herr zu Moses sagte: „Laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme.“ Und zu Jeremia spricht der Herr: „Du sollst für dies Volk nicht bitten und mir nicht widerstehen.“ In diesen Worten gesteht der Herr selbst deutlich zu, daß durch das Gebet der Gerechten seinem Zorn gewissermaßen ein Zügel angelegt werde, damit er nicht in seiner ganzen Schwere über die Sünder komme, wie sie es eigentlich verdienen. Seine Gerechtigkeit treibt ihn unwillkürlich zur Rache, aber die Fürbitte der Frommen stimmt ihn um und nötigt ihn gleichsam gegen seinen Willen, einzuhalten. Und so wird dem, der bittet oder bitten will, gesagt: „Laß mich und widerstehe mir nicht!“ Der Herr verbietet also, daß man für den Gottlosen bete. Allein der Fromme legt Fürbitte ein gegen den Willen Gottes, und wirklich erlangt er von ihm, was er bittet, und hebt den Spruch des erzürnten Richters auf. So heißt es denn weiter von Moses: „Und der Herr ließ sich versöhnen und strafte sein Volk nicht, wie er gesagt hatte.“ An einer andern Stelle heißt es von den Werken Gottes überhaupt: „Er spricht, so geschieht’s.“ Hier aber wird erzählt, Gott habe zwar gesagt, daß sein Volk Strafe verdiene, allein durch die Kraft des Gebetes umgestimmt, habe er seine Drohung nicht ausgeführt.

Erkenne daraus, wie groß die Wirkung des Gebets ist, wenn wir so beten, wie wir sollen: hat doch der Prophet selbst durch ein Gebet, das Gott ihm eigentlich verboten hatte, erreicht was er wollte, und hat den Herrn dadurch von seinem Vorhaben abgebracht.

Ein anderer Prophet sagt zu ihm: „Und wenn du erzürnt bist, so gedenke deiner Barmherzigkeit.“ Das mögen die Fürsten dieser Welt zu Herzen nehmen und danach thun, die so oft unter dem Vorwand der unbeugsamen Gerechtigkeit mehr eigensinnig als gerecht erfunden werden; die nicht barmherzig sein wollen, weil sie fürchten für schwach gehalten zu werden oder für wortbrüchig, wenn sie einen Befehl, den sie erlassen, abändern, eine unüberlegt getroffene Bestimmung nicht ausführen, womit sie doch nur ihre Worte durch ihre Handlungen verbessern würden. Solche Menschen sind wie Jephtha, der die Thorheit seines Gelübdes noch dadurch steigerte, daß er es erfüllte und sein einziges Kind opferte. Wer aber ein Kind Gottes sein will, der spricht mit dem Psalmisten: „Deine Barmherzigkeit und dein Gericht will ich preisen, o Herr.“ — „Die Barmherzigkeit“ — heißt es in der Schrift — „rühmet sich wider das Gericht.“ Aber wohlgemerkt: die heilige Schrift enthält auch die Drohung: „Es wird ein unbarmherziges Gericht über den gehen, der nicht Barmherzigkeit gethan hat.“

So hat auch der königliche Psalmsänger selber auf die Bitte der Gattin Nabals, des Karmeliten, seinen Eid, den er nach dem Recht geschworen hatte, ihren Mann und sein Haus zu vernichten, aus Mitleid rückgängig gemacht. Er hat also das Flehen über die Gerechtigkeit gestellt, und was der Mann verbrochen hatte, wurde durch die Fürbitte der Frau wieder gutgemacht.

Dies, liebe Schwester, möge dir ein Vorbild und eine sichere Bürgschaft sein: wenn schon das Gebet dieses Weibes bei einem Menschen so viel vermochte, so kannst du daraus sehen, wie viel erst deine Fürbitte für mich bei Gott auszurichten vermag. Gott, der unser Vater ist, liebt ja seine Kinder mehr als David jenes bittende Weib liebte. David war ja wohl fromm und barmherzig; Gott aber ist die Liebe und Barmherzigkeit selber. Und jene Frau, die damals ihre Bitte vorbrachte, gehörte der Welt an und weltlichem Volk, und war nicht, wie du, Gott geweiht durch ein heiliges Gelübde. Und sollte dein eigenes Gebet nicht zum Ziele führen, so wird die heilige Schar der Jungfrauen und Witwen, die um dich ist, gewiß das erlangen, wozu dein Gebet allein nicht ausreicht. Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ und weiter: „Wo zwei unter euch eins werden auf Erden, warum es ist, daß sie bitten wollen, das soll ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel.“ Ist hieraus nicht deutlich zu sehen, wie viel das inständige Gebet einer frommen Gemeinschaft bei Gott vermag? Der Apostel sagt: „Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist“ — wie viel dürfen wir dann erst von dem Gebet einer frommen Gemeinde erwarten?

Aus der 38. Homilie des heiligen Gregor weißt du, geliebte Schwester, wie einem Bruder ganz gegen seinen Willen das Gebet der Mitbrüder mächtig geholfen hat. Deiner Klugheit ist wohl bekannt, was dort erzählt wird: wie der Mann schon in den letzten Zügen lag, wie seine arme Seele mit der Todesangst rang, und wie er in seiner Verzweiflung im Lebensüberdruß die Brüder vom Gebet abhalten wollte. Möge dies Beispiel dir und dem Konvent der frommen Schwestern Mut machen, für mich zu beten, auf daß der mich euch am Leben erhalte, durch den, nach dem Zeugnis des Paulus, „die Weiber haben selbst ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.“

Schlage die Schriften des alten und neuen Bundes nach und du wirst finden, daß die großen Wunder der Totenerweckung allein oder vornehmlich Frauen zulieb geschehen sind, für sie oder an ihnen bewirkt wurden. Das Alte Testament weiß von zwei Toten, die auf die Bitte ihrer Mütter durch Elias und durch dessen Schüler Elisäus erweckt wurden. Das Evangelium aber erzählt von drei Totenerweckungen, welche der Herr Frauen zuliebe vollzogen hat, und jenes Wort des Apostels, das ich oben angeführt habe, erhält dadurch seine Bestätigung: „Die Weiber haben ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen.“ Den Sohn der Witwe von Nain hat Jesus vor dem Thore der Stadt erweckt und hat ihn, von Mitleid bewegt, seiner Mutter wiedergegeben. Auch Lazarus, seinen Freund, hat er auf die Bitten seiner Schwestern Maria und Martha ins Leben zurückgerufen. Und wenn er dem Töchterlein des Jairus dieselbe Gnade auch auf die Bitte ihres Vaters erwiesen hat, so haben doch auch hier „die Weiber ihre Toten von der Auferstehung wiedergenommen“; denn wie jene den Leichnam der Ihrigen, so erhielt sie ihren eigenen Leib aus den Banden des Todes zurück. Und diese Erweckungen geschahen alle auf die Bitte einer kleinen Anzahl von Leuten. Wenn aber eure ganze fromme Gemeinschaft sich im Gebet für die Erhaltung meines Lebens vereinigt, so wird eure Bitte gewiß erfüllt werden. Je mehr das Gelübde der Armut und Keuschheit, das ihr Gott abgelegt habt, angenehm vor ihm ist, desto geneigter werdet ihr ihn finden. Und vielleicht waren die meisten von denen, welche vom Tod erweckt wurden, nicht einmal Gläubige; wenigstens lesen wir von jener Witwe, der Jesus ihren Sohn erweckte, ohne daß sie darum bat, nicht, daß sie gläubig gewesen sei. Uns aber verbindet miteinander nicht allein die Gemeinschaft des unverfälschten Glaubens, sondern auch ein und dasselbe heilige Gelübde.

Aber ich will von der heiligen Gemeinschaft eures Kollegiums schweigen, in welchem die Schar frommer Jungfrauen und Witwen Gott beständig dient. Ich will allein von dir reden, deren Frömmigkeit gewiß bei Gott viel vermag, und die mir besonders jetzt ihre Hilfe nicht versagen darf, da ich mit so viel Mißgeschick zu kämpfen habe. Gedenke in deinen Gebeten allezeit dessen, der dein ist in ganz besonderem Sinn und wache mit um so größerem Vertrauen im Gebet, als du ja weißt, daß es nur recht und billig ist, was du thust, und daß du dem, zu welchem du flehst, nur um so angenehmer bist um deines Gebetes willen.

Höre mit dem Ohr des Herzens, was du schon so oft mit dem leiblichen Ohr gehört hast. In den Sprüchen steht geschrieben: „Ein fleißiges Weib ist eine Krone ihres Mannes“ und „Wer eine Ehefrau findet, der findet was Gutes und bekommt Wohlgefallen vom Herrn“. Weiter heißt es; „Haus und Güter vererben die Eltern, aber ein vernünftiges Weib kommt vom Herrn“. Der „Prediger“ aber sagt: „Selig der Mann, dem ein gutes Weib beschieden ist“, und bald darauf: „Ein gutes Weib, ein gutes Teil.“ Und die Meinung des Apostels ist: „Der ungläubige Mann ist geheiligt durch ein gläubiges Weib“. Diese Wahrheiten hat die göttliche Gnade gerade in unserer Heimat, im Frankenreich, durch ein glänzendes Beispiel bestätigt. Wurde ja doch der König Chlodwig nicht durch die Predigt der Priester, sondern durch das Gebet seiner Gemahlin dem christlichen Glauben zugeführt; das ganze Reich wurde infolgedessen unter das göttliche Gebot gestellt, und durch das Beispiel der Großen wurden die Unterthanen zur Beharrlichkeit im Gebet veranlaßt.

Zu solcher Ausdauer ladet uns gar dringend das Gleichnis des Herrn ein, in welchem er sagt: „Und ob er nicht aufstehet und giebt ihm darum, daß er sein Freund ist, so wird er doch um seines unverschämten Geilens willen aufstehen und ihm geben, wieviel er bedarf.“ Mit dieser — wenn man so sagen darf — Aufdringlichkeit des Gebetes hat Moses, wie ich oben erwähnt, die Strenge der göttlichen Gerechtigkeit erweicht und Gottes Spruch aufgehoben.

Du weißt es, Geliebte, welche Liebesglut einst euer ganzer Konvent in den Gebeten für mich an den Tag legte, da ich noch unter euch weilte. Jeden Tag pflegtet ihr zum Abschluß der Horen ein besonderes Gebet für mich zu verrichten und zwar so, daß, nachdem Versus und Responsum gesungen war, Gebet und Kollekte sich anschloß in folgendem Wortlaut:

Responsum: „Verlaß mich nicht, o Herr, und weiche nicht von mir.“

Versus: „Sei allzeit zu meiner Hilfe bereit, o Herr.“

Gebet: „Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. Herr, erhöre mein Gebet, und mein Geschrei komme vor dich.“

Kollekte: „O Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, laß ihn und uns in deinem Willen beharren. Durch unsern Herrn Jesum Christum.“

Jetzt aber bin ich fern von euch und habe den Beistand eures Gebetes um so nötiger, als die Angst und Gefahr, in der ich schwebe, größer geworden ist. Darum bitte ich euch herzlich und dringend, daß ich gerade jetzt in der Ferne die Wahrhaftigkeit eurer Liebe möge erfahren dürfen; wollet also dem Schluß der Horen noch das folgende besondere Gebet für mich beifügen:

Responsum: „Verlaß mich nicht, o Herr, Vater und Gebieter meines Lebens, auf daß ich nicht falle vor den Augen meiner Feinde, daß sich mein Widersacher nicht freue.“

Versus: „Nimm deine Wehr und Waffen und erhebe dich zu meiner Hilfe, daß mein Feind sich nicht freue.“

Gebet: „Errette deinen Knecht, o mein Gott, denn er harret auf dich. Sende ihm Hilfe, o Herr, von deinem Heiligtum, und gewähre ihm Schutz von Zion. Sei du ihm, o Herr, ein fester Turm, vor dem Antlitz seines Feindes. Herr, erhöre mein Gebet und mein Geschrei komme vor dich.“

Kollekte: „Gott, der du deine Mägde gewürdigt hast, durch deinen Knecht in deinem Namen vereinigt zu werden, wir bitten dich, schütze ihn vor allem Unheil und gieb ihn wohlbehalten deinen Mägden wieder. Durch Jesum Christum unsern Herrn.“

Sollte mich aber der Herr in die Hände meiner Feinde fallen lassen — sei’s daß sie mich überwältigen und töten oder daß ich sonstwie ferne von euch den Weg alles Fleisches gehe — so beschwöre ich euch: lasset meinen Leichnam, wo er auch begraben sei oder liege, in euren Friedhof überführen. Da mögen dann meine Töchter, meine Schwestern in Christo, mein Grab besuchen und dann und wann Gebete für mich zum Himmel schicken. Denn ich wüßte für eine schmerzvolle und ob des Irrtums ihrer Sünden trauernde Seele keinen weihevolleren heilsameren Ort als den, der dem Parakleten, das ist dem Tröster, zum Eigentum geweiht ist und dessen Namen trägt. Auch ruht ein Christ wohl bei keiner gläubigen Gemeinschaft so süß, wie bei gottgeweihten Frauen. Denn Frauen waren einst besorgt um das Begräbnis unseres Herrn und salbten ihn vor und nach seinem Tod mit köstlichen Salben, und sie weinten an seinem Grab, wie geschrieben steht: „Frauen saßen am Grab und weinten und klagten um den Herrn“. Dort wurden sie auch zuerst mit der Kunde von der Auferstehung getröstet, durch die Erscheinung und Ansprache der Engel, und gleich darauf durften sie zu ihrer Freude den Auferstandenen selber sehen und mit Händen berühren, der ihnen zweimal erschien.

Zum Schluß über alles andere die eine Bitte: sorget dereinst mit der gleichen Angst um das Heil meiner Seele, wie ihr jetzt um mein Leben fast allzu ängstlich besorgt seid, und erweiset dem Toten die Liebe, die ihr dem Lebenden nicht versagt habt, indem ihr ihm mit der besondern Hilfe eures Gebets beistehet.

Lebe wohl, du und deine Schwestern, lebet dem Herrn und gedenket mein!

IV. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Ihrem Ein und Alles nach Christus die Seinige ganz in Christus.)

Es befremdet mich, teuerster Freund, daß du gegen den sonstigen Gebrauch, ja gegen die natürliche Ordnung der Dinge selbst in der Anrede deines Briefes meine Person vor die deinige zu setzen beliebtest: die Frau vor den Mann, die Gattin vor den Gatten, die Magd vor den Herrn, die Nonne vor den Mönch und Priester, die Diakonisse vor den Abt. Nach gutem Recht und Brauch setzt man den Namen des Briefempfängers vor den eigenen, wenn man an Vorgesetzte oder Gleichstehende schreibt. Schreibt man dagegen an Untergebene, so richtet sich die Reihenfolge der Namen nach derjenigen des Ranges der einzelnen.

Auch das hat uns nicht wenig befremdet, daß du die Angst derjenigen noch vermehrt hast, denen du den Balsam des Trostes hättest reichen sollen, und daß du, statt Thränen zu stillen, Thränen geweckt hast. Denn wer von uns kann mit trockenen Augen anhören, was am Schluß deines Briefes steht: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt, daß sie mich überwältigen und töten“ u. s. w. O mein Geliebter, wie konntest du so etwas denken und aussprechen! Möge Gott niemals seine Dienerinnen so weit vergessen, daß er sie deinen Tod erleben lasse. Möge er uns nimmermehr ein Leben fristen lassen, das schwerer ist als alle Qualen des Todes. Dir ziemt es, unsere Exequien zu feiern, du mußt Gott unsere Seelen empfehlen und diejenigen zu ihm vorangehen lassen, die du zu einer Gemeinde Gottes vereinigt hast. Von keiner Sorge um sie wirst du dann mehr beunruhigt werden, und um so freudiger wirst du uns nachfolgen, je gewisser du über unser Seelenheil geworden bist.

Verschone uns, ich beschwöre dich, mein Gebieter, mit solchen Worten, die unser Unglück zur Verzweiflung steigern; nimm uns nicht vor dem Tod, was uns das Leben noch möglich macht. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe, und jener Tag, ganz in Bitterkeit gehüllt, wird jedem, dem er anbricht, Angst genug bereiten. „Denn wozu soll man,“ sagt Seneca, „Übel heraufbeschwören und das Leben vor dem Tod verlieren?“

Du bittest darum, mein einzig Geliebter, wir sollen deinen Leichnam, falls du dein Leben fern von uns beschließen solltest, nach unserer Begräbnisstätte überführen lassen, auf daß dir die Gebete, in welchen wir deiner beständig gedenken, eine reiche Frucht des Segens schaffen mögen. Aber wie kannst du glauben, daß dein Andenken überhaupt aus unserm Gedächtnis schwinden könne? Oder wird es dann Zeit zum Gebet sein, wenn die höchste Seelenangst uns ruhelos umtreibt? wenn der Geist die Fähigkeit zum Denken verliert und die Zunge nicht mehr der Rede mächtig sein wird? Wenn das Herz in seinem Wahn sich gegen Gott empört und ihn mit seinem Murren zum Zorn reizt, statt ihn mit Gebeten zu begütigen? Dann werden wir Armen nur noch Thränen haben und kein Wort des Gebetes finden, und wir werden größere Eile haben, dir im Tode nachzufolgen als dich zu bestatten, und wir werden selbst für das Grab reif sein, statt daß wir dich begraben. Da uns mit dir unser Leben verloren geht — wie sollen wir weiter leben, wenn du von uns scheidest? Ach würde es uns erspart, auch nur bis dahin zu leben! Schon der Gedanke an deinen Tod ist so gut wie Tod für uns. Möge Gott nicht zugeben, daß wir am Leben bleiben, um an dir diese Liebespflicht zu erfüllen und diesen letzten Dienst dir zu erweisen, den wir vielmehr von dir erwarten. Darin wollen wir dir vorangehen, nicht folgen!

Darum schone unser, ich beschwöre dich, schone wenigstens derjenigen, die nur in dir lebt; laß uns nicht solche Worte hören, die gleich tödlichen Schwertern durch unsere Seele gehen, also daß was dem Tod vorangeht, schwerer ist als der Tod selbst. Ein kummerschweres Herz findet keine Ruhe und ein geängsteter Geist kann sich nicht wahrhaft mit Gott beschäftigen. Ich bitte dich, mach uns den Dienst des Herrn nicht unmöglich, dem kein anderer als du uns geweiht hat. Wenn uns eine schwere Heimsuchung droht, die unvermeidlich ist, dann möge sie lieber schnell hereinbrechen, damit nicht ein Geschick uns lange vorher mit unnützer Angst quält, das doch durch keine Vorsicht abzuwenden ist. So meint es auch der Dichter, wenn er Gott bittet:

„Plötzlich komme, was du verhängst, und blind für die Zukunft

Bleibe des Menschen Sinn, und Hoffnung lindre die Furcht ihm.“

Aber welche Hoffnung bleibt mir, wenn ich dich verloren habe? Oder was könnte mich dann noch bestimmen, meine irdische Pilgerschaft fortzusetzen, in der ich keinen andern Trost habe als dich. Ja selbst von dir bleibt mir ja nur noch das frohe Bewußtsein, daß du lebst, da die Wonne, die ich einst bei dir fand, dahin ist. Ja, nicht einmal deine Gegenwart ist mir vergönnt, in deren Genuß ich doch von Zeit zu Zeit wenigstens mich wiederfinden könnte.

Ja, wenn’s kein Frevel wäre — wollte ich’s hinausrufen in alle Welt: „O du grausamer Gott, grausam in allen Stücken! O unbarmherzige Barmherzigkeit! O unseliges Geschick!“ Alle seine bitteren Geschosse hat es an mich verschwendet, und es bleibt ihm keines mehr übrig, um gegen andere zu wüten. Seinen ganzen vollen Köcher hat es an mir erschöpft, so daß niemand mehr seine Pfeile zu fürchten braucht. Ja, selbst wenn es noch ein Geschoß übrig hätte, es wäre kein gesunder Fleck an mir, der noch verwundet werden könnte. Nur das eine hat es bei so vielen Wunden zu fürchten, daß mein Tod diesen Qualen ein Ende mache! und obwohl es nicht aufhört, mich zu martern, so fürchtet es sich, daß mein Tod, an welchem es arbeitet, zu schnell herbeikommen möchte!

O ich Elendeste der Elenden! Ich aller Unglücklichen Unglücklichste! Stand ich nicht höher als alle Frauen der Welt, da du mich über alle stelltest? Um so tiefer und schwerer war der Fall, den ich an dir und mir zugleich erleben mußte. Denn je höher einer emporgestiegen, desto tiefer ist der Sturz, wenn er fällt. Gab es unter allen edlen und hohen Frauen eine, deren Glück das meinige überstiegen hätte oder ihm auch nur gleichgekommen wäre? Aber giebt es auch eine, die das Geschick so in die Tiefe gestürzt hat und so mit Leid überschütten konnte? Den höchsten Ruhm hat es mir durch dich gebracht und hat mir das tiefste Elend in dir bereitet. Nicht im Guten, nicht im Bösen hat es Maß gehalten, grenzenlos hat es mir beides beschert. Nur um mich zur elendesten aller Frauen zu machen, hat es mich vorher so glücklich gemacht, damit ich im Gedanken an das Verlorene desto lauter klagen sollte, je schwerer ich geschädigt worden war. Der Verlust sollte mich um so mehr schmerzen, je teurer mir der Besitz gewesen war. Und das Ende der höchsten Lust und Wonne sollte die tiefste Trauer sein.

Ja, um uns noch mehr zu reizen, wurden alle Gebote der Gerechtigkeit an uns in Ungerechtigkeit verwandelt. Denn so lange wir sorglos die Freuden der Liebe genossen und, um ein stärkeres aber bezeichnenderes Wort zu gebrauchen, der Buhlerei uns hingaben, so lange hat Gott seine Strenge nicht gegen uns angewandt. Als wir aber an Stelle der verbotenen Liebe die erlaubte setzten und das Anstößige unseres freien Liebesverkehrs durch ein ehrbares Ehebündnis gedeckt hatten, da erst hat uns der Herr in seinem Grimm seine gewaltige Hand fühlen lassen, und das reine Ehebett fand keine Gnade vor dem, der das befleckte vorher so lange geduldet hatte.

Für Männer, die man im Ehebruch betroffen hätte, wäre die Strafe hart genug gewesen, die dich ereilt hat. Was andere durch das Vergehen des Ehebruchs verdienen, das hast du infolge deiner rechtmäßigen Ehe erlitten, durch welche du alle Sünden glaubtest gebüßt zu haben. Was Buhlerinnen ihren Mitschuldigen zuziehen sollten, das hat deine Gattin über dich gebracht. Unser Geschick hat uns auch nicht ereilt, so lange wir in den alten Genüssen schwelgten; vielmehr lebten wir ja gerade damals in keuscher Trennung voneinander: du hieltest in Paris deine Schule, ich lebte auf deinen Wunsch unter den Nonnen zu Argenteuil. So hatten wir unsere Gemeinschaft aufgehoben, damit du desto eifriger dem Unterricht obliegen könntest, ich um so ungestörter dem Gebet und frommer Betrachtung mich widmete, und während wir keuscher und darum unsträflicher lebten als sonst, hast du an deinem Leib die Schuld allein bezahlt, die wir beide gemeinsam begangen hatten. Schuldig waren wir beide, gestraft wurdest nur du; du, der weniger schuldig war, hast die ganze Strafe getragen. Du hattest aller Gerechtigkeit genug gethan, da du dich um meinetwillen erniedrigtest, mich aber und mein ganzes Geschlecht zu dir emporhobst, um so weniger durftest du Strafe fürchten von Gott oder gar von den Verrätern, denen du zum Opfer gefallen bist.

Ich Unselige! mußte ich geboren werden, um die Ursache eines solchen Verbrechens zu werden? Daß doch den größten Männern allezeit von Frauen das tiefste Verderben droht! Darum steht auch in den Sprüchen die Warnung vor den Weibern: „Mein Sohn, höre mich und merke auf die Worte meines Mundes: laß dein Herz nicht weichen auf ihren Weg und laß dich nicht verführen auf ihrer Bahn. Denn sie hat viele verwundet und gefället und sind allerlei Mächtige von ihr erwürget. Ihr Haus sind Wege zur Hölle, da man hinunterfährt in des Todes Kammer.“ Und im „Prediger“ heißt es: „Ich habe alle Dinge durchforscht in meinem Geist und fand, daß ein solches Weib, welches Herz Netz und Strick ist und ihre Hände Bande sind, bitterer sei, denn der Tod. Wer Gott gefällt, der wird ihr entrinnen; aber der Sünder wird durch sie gefangen.“

Schon das erste Weib im Paradies hat den Mann verführt und während sie ihm von Gott zur Gehilfin geschaffen war, ist sie ihm zum größten Fluch geworden.

Der starke Simson, der durch das Nasiräergelübde dem Herrn geweiht war und dessen Geburt seiner Mutter durch einen Engel verkündigt wurde — Delila allein hat ihn überwunden, sie war es, die ihn seinen Feinden in die Hände lieferte; sie war schuld daran, daß er des Augenlichtes beraubt, endlich in wildem Schmerz sich und seine Feinde unter den Trümmern des Tempels begraben hat.

Salomo, aller Weisen Weisester, wurde allein durch das Weib, mit dem er sich verbunden hatte, zum Thoren. Durch sie verlor er so gänzlich seinen Verstand, daß er, den doch der Herr zum Erbauer seines Tempels auserlesen hatte, während der fromme David, Salomos Vater, nicht dazu gewürdigt worden war, bis an sein Lebensende zum Götzendienst sich verleiten ließ und von dem wahren Gott, den er in Wort und Schrift predigte und lehrte, abfiel.

Der fromme Hiob hatte den letzten und härtesten Kampf mit seinem Weibe zu bestehen, die ihn dazu verleiten wollte, Gott zu fluchen. Der schlaue Versucher wußte wohl — er hatte es zu oft erprobt — daß die Männer am leichtesten durch ihre Frauen zu Fall kommen.

So hat er denn seine gewohnte Teufelei auch auf uns angewandt und hat dich durch die Ehe zu Fall gebracht, da er dich durch die verbotene Liebe nicht verderben konnte. Das Schlechte hatte er nicht zu unserem Schaden ausnützen dürfen, darum wirkte er aus dem Guten Schlechtes.

Gott aber sei Dank wenigstens dafür, daß mich der Versucher nicht wie die genannten Frauen mit meiner Zustimmung schuldig werden lassen durfte, wenn schon er meine Liebe als Werkzeug für seine Bosheit benutzt hat. Und doch, wenn ich auch in diesem Punkt ein reines Gewissen habe und mich keine Schuld an jenem Verbrechen trifft, so habe ich doch vorher so viele Sünden begangen, daß ich mich auch nicht ganz von der Schuld an diesem Vergehen freizusprechen wage.

Denn lange vorher schon hatte ich den Lockungen fleischlicher Lüste nachgegeben; schon damals hätte ich verdient, was ich jetzt leide und das Geschick, das mich später ereilte, ist die gerechte Strafe für meine früheren Sünden. Hat man schlimm angefangen, so muß man sich auch auf einen schlimmen Ausgang gefaßt machen. Ja, könnte ich nur wenigstens recht ernstlich bereuen, was ich gethan! Könnte ich durch anhaltende Reue und Zerknirschung die schreckliche Wunde, die man dir geschlagen hat, nur einigermaßen gut machen. Den Schmerz, den du einen Augenblick lang an deinem Körper aushalten mußtest — wie gerne wollte ich ihn — es wäre ja nur recht und billig — mein ganzes Leben lang in meinem trauernden Herzen tragen und so, wenn nicht Gott, doch wenigstens dir Genugthuung leisten.

Allein, laß mich die ganze Schwachheit meines geängsteten Herzens bekennen: ich finde in mir nicht die Kraft einer wahren Reue, mit der ich Gott versöhnen könnte; ja, ich muß ihn vielmehr ob jener ungerechten Heimsuchung der höchsten Grausamkeit zeihen, ich murre wider seine Fügung und reize ihn durch meine Widerspenstigkeit zum Zorn, statt ihn durch aufrichtige Bußfertigkeit zu begütigen. Denn mag man den Leib noch so sehr kasteien: kann man da von wahrer Reue sprechen, wo das Herz an der Lust zur Sünde noch festhält und nach den alten Genüssen noch immer glühend verlangt? Es ist wohl leicht, seine Sünden zu bekennen und sich selber anzuklagen, oder dem Leib durch äußerliche Bußübung wehe zu thun; aber schwer, unendlich schwer ist es, das Herz loszureißen von der Sehnsucht nach den süßesten Genüssen. Darum, wenn der fromme Hiob sagt: „Ich will meine Klage bei mir gehen lassen!“ d. h. ich will meinen Mund öffnen und mich frei und offen meiner Sünden anklagen — so fügt er mit Recht alsbald hinzu: „Ich will reden von Betrübnis meiner Seele“. Der heilige Gregorius erklärt diese Worte also: „Es giebt Leute, die mit lauter Stimme ihre Sünden bekennen; aber ihr Sündenbekenntnis entlockt ihnen keinen Seufzer, und mit fröhlicher Miene sprechen sie Dinge aus, über die sie weinen sollten.“ So ist es denn nicht damit gethan, daß man seine Sünden verurteilt und bekennt, sondern man muß sie in der Betrübnis seiner Seele bekennen, und diese Betrübnis muß eben die Strafe sein für die Sünden, welche die vom Gewissen geleitete Zunge bekennt.

Aber wie selten dieses bittere Gefühl wahrer Reue sich finde, das spricht der heilige Ambrosius aus in dem Satz: „Ich habe mehr Leute kennen gelernt, die ihre Unschuld unverletzt bewahrt als solche, die Buße gethan haben“. Ich fand in den Freuden der Liebe, die wir miteinander genossen, so viel Wonne, daß sie noch jetzt ihren Reiz für mich haben und mich der Gedanke daran kaum verläßt. Wohin ich mich wende, immer stehen sie mir vor Augen und wecken sehnsüchtiges Verlangen. Bis in meinen Schlummer verfolgen mich die lockenden Phantasien. Mitten im feierlichen Hochamt, wo das Gebet reiner zu Gott sich erheben soll als sonst, wird mein armes Herz so ganz von jenen wohllüstigen Gebilden eingenommen, daß ich nur für ihre Lüsternheiten Gedanken habe, nicht für das Gebet. Ich sollte über meine Sünden weinen und ich seufze nach dem, was ich verloren.

Und nicht allein was wir gethan steht lebendig vor meiner Seele; nein, auch die Orte, die Stunden, in denen wir gesündigt, haben sich so fest meinem Herzen eingeprägt, daß ich immer wieder aufs neue alles mit dir durchlebe und auch im Schlaf keine Ruhe finden kann. Dann und wann verrät eine unwillkürliche Bewegung des Körpers meines Herzens Gedanken oder ein Wort, das sich mir wider Willen auf die Lippen drängt. O gewiß, mein Elend ist groß! und ich darf wohl einstimmen in die Klage eines bangen Herzens: „Ich unglückseliger Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ O könnte ich auch die darauffolgenden Worte aus vollem Herzen nachsprechen: „Ich danke Gott durch Jesum Christum, unsern Herrn.“

Dir, mein Geliebter, ist die göttliche Gnade entgegengekommen und hat dich auf einmal von all diesen Anfechtungen befreit, durch eine körperliche Wunde hat sie dich aller Seelenleiden enthoben, und wo Gott es böse mit dir zu machen schien, gerade darin hat sich seine Güte gegen dich gezeigt: nach Art eines guten Arztes, der, um zu heilen, den Schmerz nicht erspart. Bei mir dagegen werden die Reizungen des Fleisches, die Begierde nach Genuß noch verschärft durch die Glut meines jungen Blutes und durch die Erinnerung an die wonnigen Genüsse, die ich einst gekostet habe. Und je schwächer die Natur ist, der der Angriff gilt, desto leichter erliege ich dem Ansturm der Leidenschaften. Man nennt mich keusch, weil man nicht weiß, daß alles nur Schein ist. Man rechnet mir die Reinheit des Fleisches als Tugend an, aber nicht Reinheit des Leibes, sondern Keuschheit der Seele ist Tugend! Menschen rühmen mich, vor Gott aber, der Herzen und Nieren prüft und ins Verborgene siehet, habe ich kein Verdienst. Man nennt mich fromm zu einer Zeit, in der nur der geringste Teil der Frömmigkeit nicht Heuchelei ist; wo der am meisten gelobt wird, der niemand vor den Kopf stößt.

Es ist ja wohl lobenswert und vor Gott gewiß angenehm, wenn jemand, was für eine Gesinnung er sonst habe, nicht durch seine Handlungen ein schlechtes Beispiel giebt und der Kirche Ärgernis dadurch bereitet, oder wenn er sich davor hütet, daß nicht um seinetwillen der Name Gottes gelästert werde unter den Heiden oder daß er den Kindern der Welt keinen Anlaß gebe, seinen heiligen Stand zu verunglimpfen. Aber auch das ist eigentlich nur ein Geschenk der göttlichen Gnade; von ihr allein kommt uns die Kraft, das Gute zu thun und das Böse zu lassen. Vergeblich aber ist es, das erstere zu thun, wenn das andere nicht auch geschieht; denn es steht geschrieben: „Wende dich ab vom Bösen und thue das Gute.“ Und beides ist wiederum vergeblich, wenn uns nicht die Liebe Gottes dazu treibt.

Ich aber habe — Gott weiß es — jederzeit mich mehr davor gescheut, dich zu beleidigen als Gott. Du bist es, dem ich gefallen will, nicht Gott. Dein Befehl hat mich zur Nonne gemacht, nicht die Liebe zu Gott. Ach sieh mein Unglück an, führe ich nicht das jammerwürdigste Leben, wenn das alles, was ich leide, umsonst ist und kein Dank in der Zukunft mich erwartet? Auch du hast dich, gleich vielen anderen, durch den Schein betrügen lassen und hast meine Heuchelei für Frömmigkeit gehalten. Darum empfiehlst du dich so dringend für mein Gebet und verlangst von mir, was ich von dir erwarte. Ich beschwöre dich, du wollest keine so hohe Meinung von mir haben und nicht aufhören, deinerseits für mich zu beten. Halte mich nicht für gesund, damit du mir nicht die Wohlthat deiner Arznei entziehest. Glaube nicht, ich brauche nichts und zögere nicht, mir in meiner Not zu helfen. Denke nicht, ich sei stark: ich möchte sonst stürzen, ehe du mich halten könntest. Vielen hat schon falsches Lob Schaden gebracht und ihnen die Stütze genommen, die sie brauchten. Durch den Mund des Jesaias ruft der Herr: „Mein Volk, deine Tröster verführen dich und zerstören den Weg, den du gehen sollst“. Und bei Ezechiel heißt es: „Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beides Jungen und Alten, die Seele zu fahen“.

Dagegen finden wir bei Salomo den Spruch: „Die Worte der Weisen sind Spieße und tief eingeschlagene Nägel, die nicht die Haut ritzen, sondern tiefe Wunden reißen.“

Ich bitte dich, höre auf mich zu loben, damit du nicht den Vorwurf niedriger Schmeichelei dir zuziehest oder des Vergehens der Lüge dich schuldig machest. Oder wenn du wirklich glaubst, daß etwas Gutes an mir sei, so gieb acht, daß nicht das, was du an mir lobst durch den giftigen Hauch der Eitelkeit zu nichte werde. Kein erfahrener Arzt beurteilt eine innere Krankheit bloß nach dem Befund des äußerlichen Zustandes eines Kranken. Leistungen, welche Verworfene so gut aufweisen können wie Auserwählte, haben vor Gottes Augen keinen Wert. Derart sind aber die äußerlichen guten Werke und keiner der Heiligen ist so eifrig darauf bedacht, wie die Heuchler. „Es ist das Herz ein trotziges und verzagtes Ding, wer kann es ergründen?“ Ferner: „Es gefällt manchem ein Weg wohl; aber endlich bringt er ihn zum Tode“. — „Der Mensch soll nicht voreilig über Dinge urteilen, die allein dem Urteil Gottes vorbehalten sind.“ Darum steht auch geschrieben: „Man soll keinen Menschen loben, so lange er lebt“. Das ist so viel als: lobe keinen Menschen, weil zu fürchten steht, daß du ihn durch dein Lob weniger lobenswert machest.

Für mich selber ist ein Lob von dir um so gefährlicher, je angenehmer es mir ist; und es klingt mir um so verführerischer und schmeichlerischer ins Ohr, weil ich dir in allem gefallen möchte. Ich bitte dich: laß allezeit deine Furcht um mich größer sein als das Vertrauen, das du auf mich setzest, damit mir stets deine fürsorgende Hilfe zur Seite stehe. Und jetzt hast du ganz besonderen Grund, für mich zu fürchten, weil mein sinnliches Verlangen bei dir keine Befriedigung mehr finden kann. Sage mir nicht: „Die Kraft ist in den Schwachen mächtig“ oder: „Niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Ich verlange keine Siegeskrone; es ist mir genug, wenn ich der Gefahr entgehe. Es ist leichter, der Gefahr aus dem Wege zu gehen als den Kampf aufzunehmen. Welchen Winkel seines Himmels Gott mir anweisen will — ich werde zufrieden sein. Dort wird keiner den andern beneiden, jeder wird mit dem was er hat, sich begnügen. Um diese meine Ansicht durch das Gewicht einer Autorität zu stützen, will ich das Wort des heiligen Hieronymus anführen: „Ich gestehe meine Schwachheit ein, ich will nicht kämpfen in der Hoffnung auf Sieg, damit ich des Sieges nicht verlustig gehe.“ Sollten wir sicheres aufgeben und Unsicherem nachjagen?

V. Brief.
Abaelard an Heloise.

(An die Braut Christi — der Knecht Christi.)

Dein letzter Brief zerfällt, so viel ich mich erinnere, der Hauptsache nach in vier Abschnitte, in welchen du deinem Schmerz Ausdruck giebst. Fürs erste klagst du darüber, daß in der Anrede meines Briefes dein Name vor den meinigen gesetzt sei, was in Briefen sonst nicht üblich sei und sogar der natürlichen Ordnung der Dinge widerspreche. Zum zweiten beklagst du dich darüber, daß ich eure Seelenangst vermehrt habe, statt euch Trost zu bringen, daß ich, statt Thränen zu stillen, solche geweckt habe durch jenes Wort in meinem Brief: „Falls mich Gott in die Hände meiner Feinde fallen läßt“ u. s. w. Zum dritten wiederholst du jene alte Klage gegen Gott über die Art und Weise unserer Bekehrung und über den ruchlosen Verrat, dem ich zum Opfer gefallen bin. Endlich erhebst du im Gegensatz zu dem Lob, das ich dir gespendet, eine Anklage wider dich selbst und bittest mich dringend, ich solle in Zukunft keine so hohe Meinung mehr von dir haben.

Ich will dir nun auf jeden einzelnen dieser Punkte antworten, nicht um mich zu entschuldigen, sondern um dich zu belehren und aufzurichten, und ich denke du wirst meinen Forderungen um so bereitwilliger Gehör schenken, je mehr du einsehen lernst, wie berechtigt sie sind. Du wirst die Wünsche, die ich in Beziehung auf deine Person ausspreche, um so lieber erfüllen als du finden wirst, daß ich mit denselben nur recht habe, und du wirst um so weniger geneigt sein, meinen Rat gering zu achten, je weniger tadelnswert ich dir erscheine.

Was nun zunächst die, wie du meinst, verkehrte Reihenfolge der Namen in der Anrede meines Briefes betrifft, so stimmt dieselbe, wenn du näher zusiehst, mit deiner eigenen Ansicht überein. Sagst du doch selbst in deinem Brief — und niemand bezweifelt dies — daß, wenn man an Höhergestellte schreibt, die Namen derselben vorangestellt werden. Bedenke, daß du über mir stehst seit der Zeit, da du als die Braut Gottes meine Herrin geworden bist, wie auch der heilige Hieronymus an Eustochium schreibt: „Darum schreibe ich: meine Herrin. Denn Herrin muß ich nennen die Verlobte meines Herrn“.

Glücklicher Tausch des Ehebundes, der dich, einstmals die Gattin eines armen elenden Menschen, nun in das Brautgemach des Königs aller Könige erhebt und dich durch diese hohe Ehre nicht allein über deinen bisherigen Gatten, sondern über alle Knechte dieses Königs setzt. Darum wundere dich nicht, wenn ich mich für Leben und Sterben in den Schutz deines Gebetes befehle; denn nach dem allgemeinen Recht gilt ja bei den Herren des Hauses die Fürsprache der Ehefrau mehr als diejenige des Gesindes, die Herrin mehr als die Knechte. Als das Urbild solcher Frauen wird uns jene Königin und Braut des höchsten Königs beschrieben, wenn es im Psalm heißt: „Die Braut steht zu deiner Rechten“. Weiter ausgeführt will dies besagen: „Sie steht mit ihm in trautem Verein Seite an Seite und schreitet neben ihm einher, während alle anderen in ehrfurchtsvoller Ferne stehen oder nachfolgen.“

Der Freude über dieses hohe Vorrecht giebt die Braut im Hohenlied, jene Äthiopierin, in den Worten Ausdruck: „Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems; darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt“. Und weiter: „Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt“. Diese Worte beziehen sich im allgemeinen auf die beschauliche Seele, die im besonderen die Braut Christi genannt wird; aber noch deutlicher bezeugt es das Gewand, das ihr traget, daß die Worte auf euch sich beziehen. Denn die Tracht eurer schwarzen Gewänder aus grobem Stoff, ähnlich dem Trauergewand der frommen Witwen, welche um die Männer, die sie geliebt hatten, trauern, bezeugt, daß ihr nach dem Wort des Apostels rechte, untröstliche Witwen in dieser Welt seid, die von den Almosen der Kirche leben. Von der Trauer solcher Witwen um ihren Bräutigam am Kreuz spricht die Schrift, wenn sie sagt: „Frauen saßen am Grab und klagten und weinten um den Herrn.“

Die Äthiopierin erscheint äußerlich allerdings von schwarzer Farbe und der oberflächlichen Betrachtung mag sie häßlicher scheinen als andere Frauen. Aber an inneren Vorzügen steht sie ihnen nicht nach; ja einiges an ihr ist sogar schöner und weißer als bei den andern, z. B. ihre Knochen und ihre Zähne. Die weiße Farbe der letzteren wird ja auch von ihrem Geliebten gefeiert, welcher sagt: „Und ihre Zähne sind weißer als Milch“. Sie ist also äußerlich angesehen schwarz, im Innern aber lieblich und schön. Denn die vielfachen Widerwärtigkeiten und Anfechtungen dieses Lebens haben ihren Körper angegriffen und lassen ihn äußerlich schwarz erscheinen; sagt doch auch der Apostel: „Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden“. Wie nämlich durch die weiße Farbe das Glück bezeichnet wird, ebenso passend kann man Schwarz als Symbol des Unglücks ansehen. Im Innern aber, gleichsam an den Gebeinen, ist sie weiß, weil ihre Seele an allen Tugenden reich ist, wie geschrieben steht, „des Königs Tochter ist inwendig ganz herrlich“. Denn die Gebeine, welche im Innern sind und nach außen von Fleisch umgeben werden, bilden die Kraft und Stärke eben des Fleisches, welches sie stützen und tragen und stellen so in einem anschaulichen Bilde die menschliche Seele dar, welche den Körper, in dem sie wohnt, belebt, aufrecht erhält, bewegt und lenkt und ihre Kraft ihm mitteilt. Ihre Weiße und Schönheit sind die Tugenden, mit denen sie sich schmückt. Äußerlich angesehen ist freilich auch sie von schwarzer Farbe, denn während ihrer Pilgerfahrt hienieden in der Fremde hält sie sich unscheinbar und gering, bis sie dereinst in jenem andern Leben, das mit Christus in Gott verborgen ist, in ihre Herrlichkeit eingesetzt wird, wenn sie die Heimat erreicht hat. Die Sonne der Wahrheit aber verfärbt sie, wenn die Liebe ihres himmlischen Bräutigams sie demütigt und mit schmerzlichen Anfechtungen heimsucht, damit sie ihres Glückes sich nicht überhebe.

Die Sonne verfärbt sie, d. h. so viel als: sie macht sie den anderen Frauen unähnlich, die nur auf irdisches Gut bedacht sind und nach weltlichem Ansehen geizen, so wird sie durch ihre Demut in Wahrheit die Lilie im Thale, nicht eine Lilie der Berge wie jene thörichten Jungfrauen, welche auf ihre fleischliche Reinheit und äußerliche Keuschheit eitel sind, in ihrem Innern aber von glühenden Begierden verzehrt werden.

Mit gutem Recht aber redet sie die Töchter Jerusalems, d. h. die im Glauben Schwachen — daher sie Töchter heißen, nicht Söhne — mit den Worten an: „Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin, denn die Sonne hat mich so verbrannt“. Mit diesen Worten will sie sagen: „daß ich mich demütige und alle Widerwärtigkeiten so männlich trage, ist nicht mein Verdienst, sondern das Gnadengeschenk dessen, dem ich diene“. Ganz anders die Häretiker und die Heuchler: vor dem Angesicht der Menschen pflegen sie sich gar demütig zu gebärden und sich viel unnütze Lasten aufzulegen. Eine solche Demut und Selbstpeinigung kann nur unsern Widerwillen erregen; denn diese Menschen sind ja bedauernswerter als alle anderen, da sie weder die Güter dieses Lebens, noch die des zukünftigen genießen. Im Hinblick darauf sagt die Braut: „Wundert euch nicht, daß ich also thue“. Wundern muß man sich vielmehr über diejenigen, welche vergeblich glühend von Begierde nach irdischen Ruhm sich doch alle irdischen Güter vorenthalten, und die darum hienieden so elend sind wie einst im Jenseits. Ihre Enthaltsamkeit ist wie diejenige der thörichten Jungfrauen, vor denen die Thür zugeschlossen wurde.

Mit Recht sagt sie auch, daß sie, weil schwarz und lieblich, vom König geliebt und in seine Kammer geführt worden sei, d. h. in die geheimnisvolle Ruhe der Betrachtung, und in jenes Bett, von welchem sie an einer andern Stelle sagt: „Ich suchte des Nachts in meinem Bette, den meine Seele liebt“. Denn wegen der Schwärze ihrer Farbe hält sie sich lieber im Verborgenen auf als in der Öffentlichkeit und liebt mehr die Einsamkeit als große Gesellschaft. Ein solches Weib wird auch die verschwiegenen Freuden, die sie mit ihrem Mann genießt, allen öffentlichen Vergnügungen vorziehen; sie wird sich lieber im Ehebett fühlbar machen, als bei Tische glänzen.

Vielfach ist auch die Haut dunkelfarbiger Frauen zwar weniger lockend für das Auge, aber um so reizvoller bei der Berührung, und darum ist der geheime Liebesgenuß, welchen sie spenden, größer und süßer als öffentliche Freuden; und um ihn zu genießen, werden solche Frauen von ihren Männern lieber in das Schlafgemach geführt als in die Öffentlichkeit.

Nachdem die Seelenbraut in dieser bildlichen Weise die Worte vorausgeschickt hat: „Ich bin schwarz aber lieblich“ — fügt sie alsbald hinzu: „Darum hat mich der König geliebt und in seine Kammer geführt“, und setzt so die einzelnen Worte in bestimmte Beziehung zu einander: „Weil ich schön, hat er mich geliebt — weil schwarz, hat er mich in die Kammer geführt“. — „Schön“ bezieht sich, wie schon gesagt, auf ihre inneren Vorzüge, welche der Bräutigam liebt; „Schwarz“ — auf die leiblichen Anfechtungen und Widerwärtigkeiten. Diese Schwärze, d. h. diese körperlichen Anfechtungen, lenken das Herz der Gläubigen unwillkürlich hinweg von der Unruhe des Weltlebens zur friedlichen Stille frommer Betrachtung. So ging es nach dem Berichte des Hieronymus auch dem Paulus, dem Begründer des Klosterlebens, das wir erwählt haben.

Auch die Dürftigkeit unserer Ordenstracht ist mehr für die Einsamkeit berechnet als für den Verkehr in der Welt und paßt vortrefflich für die Rauheit und Abgeschiedenheit des Ortes, wie sie unsere Regel verlangt. Denn nichts verlockt so sehr dazu, in der Öffentlichkeit sich zu zeigen, als eine kostbare Gewandung. Und daß man nach einer solchen begehre einzig und allein, um der nichtigen Eitelkeit und Großthuerei willen, dies bestätigt schon der heilige Gregorius mit den Worten: „Niemand schmückt sich für die Einsamkeit, sondern um sich sehen zu lassen“.

Unter dem obengenannten Brautgemach ist die Kammer gemeint, in welche uns der Bräutigam selbst im Evangelium zum Gebet einladet mit den Worten: „Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Thür zu und bete zu deinem Vater“; mit andern Worten: „nicht auf den Gassen und Märkten wie die Heuchler“. Unter der Kammer ist also verstanden ein einsamer, dem Lärm und den Augen der Welt entrückter Ort, da man gesammelter und reiner beten kann als anderswo. Dies trifft zu bei der Stille klösterlicher Zurückgezogenheit; auch da sollen wir die Thüre schließen, d. h. alle Zugänge sperren, damit die Reinheit unseres Gebetes nicht gestört werde und unser Auge unsere arme Seele nicht verführe. Schmerzlich empfinden wir’s, daß es unter denen, die unser Gewand tragen, so viele Verächter dieses Rates oder vielmehr dieser göttlichen Vorschrift giebt. Wenn sie das heilige Hochamt feiern, sperren sie Thüren und Chöre auf und geben sich ohne Scham den neugierigen Blicken der Frauen wie der Männer preis, und besonders benutzen sie die hohen Feste als Gelegenheit, um vor den Laien im glänzenden Schmuck ihrer Gewänder zu prahlen. Nach ihrer Meinung ist ein Fest um so schöner, je mehr Pomp dabei entfaltet wird und je üppiger das nachfolgende Festmahl ausfällt. Über die unselige Verblendung dieser Leute, die zu der armen Religion Christi ganz und gar im Widerspruch steht, ist es besser kein Wort zu verlieren, um kein Ärgernis zu erregen. Ganz in jüdischer Weise setzen sie an Stelle der Regel ihr eigenes Herkommen und haben Gottes Gebot zu nichte gemacht durch Menschensatzungen; sie fragen nicht danach, was Pflicht, sondern was Gewohnheit ist. Und doch — der heilige Augustin erinnert daran — der Herr hat gesagt: „Ich bin die Wahrheit“, nicht: „Ich bin die Gewohnheit“.

Ihrem Gebet, das bei offener Thür verrichtet wird, mag sich anbefehlen, wer da will. Ihr aber, liebe Schwestern, die ihr, eingeführt in das Gemach des himmlischen Königs und in seinen Armen ruhend, bei allezeit verschlossener Thür ganz euch ihm hingebet: je inniger ihr euch mit ihm vereiniget — nach dem Wort des Apostels: „Wer dem Herrn anhanget, ist ein Geist mit ihm“ — desto reiner und wirksamer, das glaube ich fest, wird euer Gebet sein, und darum bitten wir auch so dringend um seine Beihilfe, und ich meine: ihr müsset es um so andächtiger verrichten, je größer die Liebe ist, die uns verbindet.

Ich habe euch ferner durch die Erwähnung der Gefahr, in welcher ich schwebe und durch meine Todesfurcht in Aufregung versetzt; allein das ist auf deine eigene Aufforderung, ja, auf deine dringende Bitte hin geschehen. In dem ersten Brief, den du an mich geschrieben, heißt es folgendermaßen: „Darum im Namen dessen, der dich bisher aus allen Gefahren zu seiner Ehre errettet hat, im Namen Jesu Christi bitten wir dich, du mögest seinen und deinen Dienerinnen durch öftere Nachricht Gewißheit verschaffen über die Stürme, von denen dein Lebensschiff jetzt noch hin- und hergeworfen wird; so wirst du wenigstens an uns, die wir allein dir getreu geblieben, Genossinnen deiner Leiden und deiner Freuden haben. Geteilter Schmerz, sagt man ja, ist halber Schmerz und jede Last wird leichter oder läßt sich ganz vergessen, wenn andere daran mittragen“. Warum also wirfst du mir vor, daß ich euch in meine Angst eingeweiht habe, da du mich doch selbst so dringend dazu aufgefordert hast? Wolltet ihr euch freuen, während ich unter Ängsten und Nöten mein Leben friste? Wollet ihr nur Genossinnen meiner Freude, nicht auch meines Leides sein, wollet ihr euch nur mit den Freuenden freuen, nicht auch weinen mit den Weinenden? Darin eben unterscheiden sich wahre Freunde von falschen, daß jene im Unglück, diese nur im Glück uns treu sind. Ich bitte dich, höre auf mit solchen Vorwürfen und halte an dich mit derartigen Klagen, die dem Wesen der Liebe so fremd sind. Wenn aber dein Herz noch immer verwundet ist durch die Beschreibung meiner Leiden, so bedenke, daß es bei der drohenden Gefahr, in der ich schwebe und bei der Hoffnungslosigkeit, die mich jeden Tag am Leben verzweifeln läßt, meine Pflicht ist, mich ängstlich um das Heil meiner Seele zu kümmern, und so lange es Zeit ist, für dasselbe zu sorgen. Und du wirst mir diese Besorgnis gewiß nicht übel nehmen, wenn du mich wirklich liebst. Ja, wenn du dir von der göttlichen Barmherzigkeit irgend etwas für mich versprechen könntest, dann solltest du mir die Erlösung von den Mühsalen dieses Lebens um so lebhafter wünschen, als du weißt, wie unerträglich sie für mich geworden sind. Du weißt ja, daß jeder, der mich vom Leben befreit, den größten Qualen mich entreißt. Was mir die Zukunft noch bringen wird, ist ungewiß; aber was ich hinter mir lasse, wenn ich befreit werde, das weiß ich. Dem Unglücklichen ist das Ende des Lebens stets willkommen, und wer wirklich aufrichtiges Mitleid mit dem Gequälten hat, der kann ihm nur das Ende wünschen; selbst in dem Fall, daß jemand den Leidenden wahrhaft liebt und sein Tod ihn schmerzt, soll er doch nicht sein eigenes Bestes wünschen, sondern das des anderen. So wird selbst eine Mutter ihrem langsam hinsiechenden Kind den Tod und damit das Ende des Siechtums wünschen, das sie nicht mehr mit ansehen kann; lieber erträgt sie den Verlust ihres Kindes als daß sie es leidend behalten möchte. Und wenn jemand noch so gern der Gegenwart eines Freundes sich erfreuen möchte, so wird er ihn doch lieber in der Ferne glücklich wissen als ihn zu seinem eigenen Nachteil in der Nähe haben wollen; denn wenn wir die Leiden anderer nicht mildern können, dann mögen wir sie lieber gar nicht leiden sehen. Dir ist der Genuß meiner Gegenwart, selbst einer unbefriedigenden, versagt. Ich sehe deshalb nicht ein, warum du mir nicht lieber ein seliges Ende als ein elendes Leben wünschen solltest, besonders da du ja gar nichts von mir hast. Wünschest du aber nur in Rücksicht auf dein eigenes Wohlbehagen eine Verlängerung meiner Leiden, dann würdest du als Feindin, nicht als Freundin an mir handeln. Willst du diesen schlimmen Schein meiden, dann, ich beschwöre dich noch einmal, höre auf mit diesen Klagen.

Daß du mein Lob ablehnst, billige ich; denn du zeigst dich dadurch desselben nur um so würdiger. Es steht ja geschrieben: „Der Gerechte klagt sich selber zuerst an“ und: „Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöhet werden“. Nur daß es auch in deinem Herzen wirklich so aussieht, wie du schreibst! Ist dem wirklich so, dann ist deine Demut echt und kann durch meine Worte nicht geschädigt werden. Aber sieh doch ja zu, daß du nicht eben, indem du das Lob vermeiden zu wollen scheinst, vielmehr nach Lob trachtest, und das, was du mit dem Munde zurückweisest, im Herzen begehrst. Der heilige Hieronymus schreibt darüber unter anderem an die Jungfrau Eustochium folgendes: „Wir lassen uns durch unsere böse Naturanlage verleiten. Denen, die uns schmeicheln, schenken wir nur zu gerne Gehör; wir beteuern wohl unsere Unwürdigkeit und eine gemachte Schamröte bedeckt unser Gesicht, aber dennoch freuen wir uns im innersten Herzen des uns gespendeten Lobes“. Ähnlich beschreibt Virgil die Schlauheit der lüsternen Galathea, die das was sie wollte durch die Flucht zu erlangen suchte und den Geliebten durch scheinbare Zurückweisung nur begieriger nach ihrem Besitz machte. „Flüchtet sich ins Gebüsch mit dem Wunsch, er möchte sie sehen.“ Ehe sie sich versteckt, möchte sie noch von ihm gesehen werden; die Flucht selber, durch welche sie der Umarmung des Jünglings scheinbar sich entziehen will, muß ihr zum Zwecke behilflich sein. So fliehen auch wir oftmals scheinbar das Lob der Menschen und lenken es eben dadurch nur noch mehr auf uns, und während wir so thun, als wollten wir unbemerkt bleiben, damit niemand etwas an uns zu loben finde, täuschen wir dadurch thörichte Menschen und veranlassen sie nur noch mehr dazu, uns zu loben, weil wir durch unsere scheinbare Bescheidenheit in ihren Augen des Lobes um so würdiger werden. Dies sage ich nur, weil es gar häufig in der Welt so zugeht, nicht etwa weil ich dir so etwas zutrauen würde, denn an der Echtheit deiner Demut zweifle ich nicht. Ich möchte dich nur davor warnen, Äußerungen zu thun, die dir Leute, welche dich nicht näher kennen, so auslegen könnten, als wolltest du, um mit Hieronymus zu reden, „Ruhm suchen, indem du vor ihm fliehst“. Ein Lob von meiner Seite wird dich gewiß nicht eitel machen, sondern es wird dich nur zum Guten antreiben und du wirst in den Stücken, die ich an dir lobenswert finde, immer mehr dich zu vervollkommnen trachten, wenn es anders wirklich dein Wunsch ist, mir zu gefallen. Wenn ich dich lobe, so bist du darum deiner Tugendhaftigkeit noch lange nicht sicher und darfst dir nichts darauf zu gute thun. Die Anerkennung der Freunde darf man nicht allzuhoch anschlagen, so wenig wie Verunglimpfungen der Feinde.

Ich komme nun noch auf deine alte und ewig sich wiederholende Klage über die Art und Weise unserer Bekehrung zu sprechen, durch welche du dir erlaubst, Gott zu beschuldigen, statt wie es sich ziemte, ihn zu preisen. Ich hätte gedacht, deine Verbitterung sei längst gewichen vor dem Gedanken an die sichtlich so barmherzige Fügung Gottes. Dieser Gemütszustand, in welchem du dich an Leib und Seele verzehrst, ist für dich selbst eine große Gefahr und ein Unglück, und für mich eine Pein. Wenn es wirklich wahr ist, daß du in allen Stücken mir zu Gefallen leben willst, so höre wenigstens auf, mich zu quälen, und wenn du mir einen Gefallen thun willst, stehe ab von dieser Gesinnung, mit der du meinen Beifall nicht gewinnen kannst und mit welcher du nicht mit mir die ewige Seligkeit erlangen wirst. Könntest du’s ertragen, wenn ich ohne dich dorthin ginge, du, die mir selbst in die Hölle nachfolgen wollte? Thu was du kannst, um durch deine Frömmigkeit das zu erlangen, daß du nicht von mir getrennt werdest, wenn ich, wie du glaubst, zu Gott eile; und der Gedanke an das selige Ziel, dem wir entgegengehen, wird dich in deinem Eifer bestärken. Dann wird unsere Gemeinschaft erst recht glücklich und selig sein.

Erinnere dich dessen, was du über die Umstände gesagt und geschrieben hast, durch welche unser Leben ein anderes wurde. Gott, den man wegen jener Fügung vielfach der Härte gegen mich beschuldigt, habe sich mir vielmehr, wie es ja offenbar ist, gnädig erwiesen in seinem Thun. Laß dir seinen Ratschluß wenigstens im Gedanken daran gefallen, daß er zu meinem Heil gedient hat; ja, nicht bloß zu meinem, sondern gleicherweise auch zu deinem Heil: das wirst du einsehen, wenn dein Schmerz dir erst wieder den Gebrauch des klaren Verstandes verstattet. Bedauere nicht, die Ursache einer so großen Wohlthat zu sein und glaube, daß du eben damit den Zweck erfüllt hast, zu welchem du von Gott erschaffen bist. Klage nicht über das, was ich zu leiden hatte, weine vielmehr über die Leiden der Märtyrer und über den Tod des Herrn, der zu unserem Heil gestorben ist. Wenn ich mein Unglück verdient hätte, würdest du es dann geduldiger tragen, würde es dich weniger empören? Wahrhaftig, wäre es so, dann müßte dein Schmerz noch viel größer sein; denn dann wäre mein Unglück für mich wirklich eine Schande und meinen Feinden ein Triumph; sie stünden gerechtfertigt da und auf mir läge die ganze Schmach der Schuld: niemand würde fürder mehr bedauern, was mir zugestoßen ist, oder mich bemitleiden.

Um indes deinen bittern Schmerz noch weiter zu besänftigen, will ich zeigen, daß das, was uns zugestoßen ist, ebenso gerecht wie heilsam für uns war, und daß Gott uns mit vollem Recht strafte, als wir in rechtmäßiger Ehe lebten und nicht während wir verbotener Liebe huldigten. Du erinnerst dich: als du nach unserer Verheiratung bei den Nonnen im Kloster Argentueil lebtest, kam ich einmal zu heimlichem Besuche zu dir und du weißt wohl noch, wie weit ich mich in meiner unbändigen Leidenschaft mit dir vergaß, und zwar in einem Winkel des Refektoriums selber, da wir sonst keinen Ort hatten, wohin wir uns hätten zurückziehen können. Du weißt, daß wir damals durch unser Thun den ehrwürdigen, der heiligen Jungfrau geweihten Ort geschändet haben. Dies allein hätte schon eine viel schwerere Strafe verdient, abgesehen von allen unseren früheren Sünden. Soll ich von dem unkeuschen Leben, das wir führten und von dem Schmutz reden, mit welchem wir uns ohne Scham befleckten, ehe wir den Ehebund geschlossen hatten? Soll ich erinnern an den empörenden Verrat, dessen ich mich um deinetwillen deinem Oheim gegenüber schuldig machte, mit dem ich so lange unter einem Dache gelebt hatte? Muß nicht jedermann zugeben, daß ich mit vollem Recht von dem Manne betrogen wurde, den ich vorher selbst so schändlich betrogen hatte? Glaubst du, der kurze Schmerz meiner damaligen Verwundung sei eine genügende Strafe für solche Vergehen gewesen? Vielmehr: habe ich mit solchen Schulden so viel Gnade verdient? Welcher Schlag, glaubst du, konnte der göttlichen Gerechtigkeit Genüge thun für die Schändung des der Mutter Gottes geweihten Ortes. Ja, wenn mich nicht alles täuscht, so büße ich diese Sünden nicht durch jenen Schlag, der ja nur heilsam für mich war, sondern durch die Qualen, die ich jetzt noch täglich ohne Ende erdulde.

Du erinnerst dich auch wohl noch daran, wie ich dich damals, als du schwanger warst, in meine Heimat gebracht habe, und zwar, um den Schein zu erwecken, als seist du eine Nonne, angethan mit dem heiligen Gewand; durch diese Vermummung habe ich damals den heiligen Stand verhöhnt, dem du jetzt angehörst. Wie richtig war es, wenn dich die göttliche Gerechtigkeit, ja, vielmehr die göttliche Gnade gegen deinen Willen in den Stand versetzt hat, welchen zu verhöhnen du dich nicht gescheut hast: so mußtest du in eben dem Gewand büßen, gegen welches du dich vergangen hattest, und der wirkliche Verlauf der Dinge mußte die Lüge wieder gut machen und den Betrug verbessern.

Wenn du, abgesehen von der Gerechtigkeit Gottes, noch das in Betracht ziehen willst, was zu unserem Besten geschehen ist, so kann man das, was Gott damals an uns gethan, schon nicht mehr Gerechtigkeit, sondern nur Gnade nennen. Denke doch daran, Geliebte, wie uns der Herr mit Netzen seiner Barmherzigkeit aus dem tiefen Meere des Verderbens gezogen hat; ja, aus dem Strudel der Charybdis, in dem wir Schiffbruch gelitten, hat er uns gegen unsern Willen errettet, und wir beide können ausrufen: „Der Herr hat sich Sorge gemacht um meinetwillen“. Erinnere dich wieder und wieder daran, in welche Gefahren wir uns hineinbegeben hatten und wie der Herr uns ihnen entrissen hat; erzähle es allezeit mit innigem Dank, wie Großes der Herr an uns gethan und tröste mit unserm Beispiel alle Sünder, welche an Gottes Güte verzweifeln wollen, auf daß alle inne werden, was denen zu teil wird, die demütig bitten, da schon an Sündern und Undankbaren so Großes geschieht. Erwäge den hohen Ratschluß der göttlichen Liebe über uns, die Barmherzigkeit, mit welcher der Herr sein Gericht uns zur Besserung werden ließ und die Weisheit, der selbst das Böse zum Guten dienen mußte, die aus gottlos gottselig zu machen verstand, die, indem sie einen Teil meines Leibes verletzte, wie es mir gehörte, zwei Seelen geheilt hat. Vergleiche miteinander die Gefahr und die Art der Befreiung. Vergleiche die Krankheit und das Heilmittel. Sieh an, was wir verdient und bewundere die liebevolle Barmherzigkeit.

Du weißt, mit welchen Schamlosigkeiten unser Leib durch meine zügellose Begierde vertraut geworden war. Selbst in den Tagen der Passion unseres Herrn und an den höchsten Festen wälzte ich mich im Schmutz der Lüsternheit, ohne mich durch Schamgefühl oder Gottesfurcht abhalten zu lassen. Ja, mehr als einmal habe ich dich, selbst wenn du nicht wolltest, obwohl du ja von Natur schwächer warst, mit Drohungen und Schlägen gezwungen, mir zu Willen zu sein, trotz deines Sträubens und deiner Widerrede. Denn so widerstandslos kettete mich die Glut meiner Begierde an dich, daß ich über jenen elenden Genüssen, deren Namen uns schon erröten macht, Gott und mich selber vergaß; es war soweit gekommen, daß die göttliche Gnade mich offenbar nicht anders mehr retten konnte, als dadurch, daß sie mir jede Aussicht auf ferneren sinnlichen Genuß von Grund aus benahm. So hat die göttliche Gerechtigkeit und Milde den schmählichen Verrat deines Oheims als Werkzeug benutzt und hat mich, auf daß ich in vielen anderen Stücken wüchse, um denjenigen Teil meines Körpers verkürzt, welcher der Sitz der sündlichen Lust war und die Ursache meines unreinen Begehrens. Es entsprach ganz der göttlichen Gerechtigkeit, daß das Glied getroffen wurde, welches mich zur Sünde verleitet hatte, und daß es durch sein Leiden für die sträflichen Freuden büßen mußte, die es gewährt hatte. So wurde ich nach Leib und Seele von aller Unreinigkeit befreit, in die ich versunken war wie in einen Sumpf; und für den heiligen Dienst des Altars wurde ich um so tauglicher, als mich nun kein fleischliches Gelüste mehr störte. Wie milde ist Gottes Fügung auch darin gewesen, daß er mich nur an dem Gliede strafte, dessen Verlust meiner Seele zum Heil diente und zugleich den Körper nicht entstellte; auch an der Ausübung meines Amtes mich in keiner Weise hinderte, sondern mich im Gegenteil zu jeglichem ehrbaren Thun nur tüchtiger machte, in dem Maße, als er mich von dem schweren Joch der Sinnenlust befreite. Wenn mich also die göttliche Gnade von diesen verächtlichen Gliedern, die wegen ihrer niedrigen Verrichtungen nur Schamglieder heißen und nicht einmal mit ihrem eigentlichen Namen genannt werden können — wenn mich die göttliche Gnade davon befreit hat — eine Beraubung war es ja nicht —: hat sie damit nicht bloß den Schmutz und das Laster entfernt und die Reinheit und Tugend gerettet?

Im heftigen Verlangen nach solcher Reinheit und Keuschheit haben einige weise Männer, so wird uns berichtet, selbst Hand an sich gelegt, um die Sünde der Wollust mit der Wurzel in sich auszurotten. Man glaubt ja sogar von dem Apostel Paulus, er habe den Herrn um Befreiung von diesem Pfahl im Fleisch gebeten, ohne jedoch Erhörung zu finden. Ein anderes Beispiel dafür ist jener große christliche Philosoph Origenes, der sich nicht scheute, selbst Hand an sich zu legen, um die Flamme in seinem Innern für immer zu ersticken. Nach dem strengen Buchstaben der Schrift hielt er wohl nur diejenigen für wahrhaft selig, die sich selbst verschneiden um des Himmelreichs willen, und scheint der Meinung gewesen zu sein, daß nur solche Leute das Gebot wirklich erfüllen, welches der Herr in betreff der Glieder, die uns ärgern, ausgesprochen hat: nämlich, daß man sie abhauen und von sich werfen solle. Auch hat er offenbar jenes prophetische Wort des Jesaias wörtlich statt mystisch aufgefaßt, nach welchem der Herr die Eunuchen den übrigen Gläubigen vorzieht. Dasselbe lautet: „Den Verschnittenen, welche meine Sabbathe halten, und erwählen was mir wohlgefällt und meinen Bund fest fassen: ich will ihnen in meinem Hause und in meinen Mauern einen Ort geben und einen bessern Namen, denn den Söhnen und Töchtern; einen ewigen Namen will ich ihnen geben, der nicht vergehen soll“. Dennoch hat Origenes eine schwere Schuld auf sich geladen, da er, um der Sünde zu entgehen, seinen Leib verstümmelte. Er eiferte um Gott, gewiß; aber es war ein blinder Eifer, und so hat er die Schuld des Mordes auf sich geladen, indem er gegen sich selbst wütete. Entweder war es teuflische Eingebung oder ein höchst bedauerlicher Wahn, was ihn trieb, das an sich zu vollstrecken, was die Barmherzigkeit Gottes an mir durch einen andern Menschen hat verüben lassen. Ich entgehe der Schuld, ohne anderweitig Gefahr zu laufen. Ich verdiene den Tod und erlange das Leben. Gott ruft mir, und ich widerstrebe. Ich beharre in meinen Sünden, und die Verzeihung wird mir aufgenötigt. Der Apostel bittet und wird nicht erhört; er hält an mit Flehen und erlangt nichts. Wahrlich: „Gott hat sich Sorge gemacht um meinetwillen“. Darum will ich hingehen und verkünden, „wie große Dinge der Herr an mir gethan hat“.

Tritt auch du herzu, meine treuverbundene Gefährtin und vereinige dein Dankgebet mit dem meinigen, die du Sünde und Gnade mit mir geteilt hast. Denn auch deines Heils vergißt der Herr nicht; vielmehr gedenkt er deiner vor anderen; ja, indem er dich nach seinem eigenen Namen, der Heloim lautet, Heloissa genannt hat, wollte er schon durch deinen Namen wie durch eine Art Prophezeiung andeuten, daß du in ganz besonderem Sinne sein Eigentum sein sollest. Er hat in seinem milden Rat beschlossen, durch das eine von uns alle beide zu retten, während der Teufel uns miteinander zu vernichten trachtete.

Denn ganz kurz, bevor das Ereignis eintrat, hatte er uns durch das unlösliche Band der heiligen Ehe miteinander verbunden. Wohl war es mein Wunsch, dich, die ich über alles liebte, auf diese Weise für immer an meiner Seite festzuhalten; aber eigentlich war es doch Gott selber, der diese Wendung der Dinge dazu benutzte, uns beide zu sich zu ziehen. Denn hätte dich nicht schon das Band der Ehe an mich gefesselt, als ich mich aus der Welt zurückzog, du hättest dich vielleicht durch das Zureden deiner Angehörigen oder durch die lockende Aussicht auf des Fleisches Lust bestimmen lassen, an der Welt hängen zu bleiben. Darum siehe, wie Gott sich um uns bemüht hat, als hätte er uns noch zu großen Dingen bestimmt, als wäre er unwillig und bekümmert darüber, daß die reiche Gabe der Gelehrsamkeit und Wissenschaft, die er uns beiden verliehen, nicht zur Ehre seines Namens verwendet werde; oder als fürchte er, es möchte bei der Unenthaltsamkeit seines schwachen Knechtes auch auf ihn das Wort der Schrift seine Anwendung finden: „Die Weiber machen auch Weise abtrünnig“, wofür der weise Salomo ein treffendes Beispiel ist.

Welch reichliche Zinsen trägt das Pfund deiner Weisheit Tag für Tag dem Herrn! Wie viel geistliche Töchter hast du ihm schon geboren, während ich gänzlich unfruchtbar bleibe und mich vergeblich abmühe mit den Kindern des Verderbens! Welch unheilvoller Verlust, welch beklagenswerter Schaden, wenn du dich den schmutzigen Lüsten des Fleisches hingegeben, mit Schmerzen wenige Kinder zur Welt gebracht hättest, die du jetzt mit Freuden eine zahlreiche Schar für das Himmelreich gebierst. Ein Weib wärest du geblieben wie alle anderen, die du jetzt hoch selbst über den Männern stehst, die du Evas Fluch in den Segen der Maria gewandelt hast! Wie wären diese heiligen Hände, die jetzt nur in Berührung kommen mit den Blättern der heiligen Bücher, entweiht worden durch die Beschäftigung mit der Kleinlichkeit weiblicher Sorgen!

Gott selbst hat geruht, uns der Berührung mit dem Gemeinen und diesen schmutzigen Freuden zu entreißen und uns zu sich zu ziehen mit jener Gewalt, durch die einst Paulus erschüttert und bekehrt worden ist; vielleicht wollte er durch unser Beispiel auch andere, die in den Wissenschaften bewandert sind, von ähnlicher Überhebung abschrecken.

Darum, liebe Schwester, laß dich unser Geschick nicht anfechten und werde dem Vater, der uns so väterlich zurechtgewiesen, durch deine Klagen nicht lästig. Denke an den Spruch: „Welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er annimmt“ und an den anderen: „Wer der Rute schonet, der hasset seinen Sohn“. Unsere Strafe ist eine zeitliche, nicht eine ewige; wir werden geläutert, nicht verurteilt. Richte dich auf an dem Wort des Propheten: „Der Herr geht nicht zweimal ins Gericht mit Einer Sünde; es wird das Unglück nicht zweimal kommen“. Nimm zu Herzen jene hohe und wichtige Mahnung dessen, der die Wahrheit selbst war: „So ihr geduldig seid, werdet ihr eure Seelen erretten“. Daher auch Salomo spricht: „Ein Geduldiger ist besser denn ein Starker und der seines Mutes Herr ist, denn der Städte gewinnet“.

Rührt dich nicht das Bild des eingeborenen Gottessohnes zu Thränen und Trauer? Er, um deinet- und aller Welt willen von den Sündern ergriffen, vor den Richter geschleppt, gegeißelt, verhöhnt, ins Angesicht geschlagen, verspeit, mit Dornen gekrönt und zuletzt am Schandpfahl des Kreuzes unter Mördern aufgehenkt und erwürgt durch den martervollsten fluchwürdigsten Tod? Ihn, liebe Schwester, deinen und der ganzen Kirche wahrhaftigen Bräutigam, habe stets vor Augen und im Herzen. Sieh auf ihn, wie er hinausgeht, um für dich sich kreuzigen zu lassen und wie er selber sein Kreuz trägt. Mische dich unter das Volk und die Frauen, die um ihn weinten und klagten, wie Lukas erzählt: „Es folget ihm aber nach ein großer Haufe Volks und Weiber, die klageten und beweineten ihn“. Und er, in milder Güte zu ihnen gewandt, kündet ihnen das Verderben, das zur Strafe für seinen Tod hereinbrechen werde, vor dem sie sich aber retten können, wenn sie klug seien und seinen Worten folgen: „Ihr Töchter Jerusalems, sprach er, weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder. Denn siehe, es wird die Zeit kommen, in welcher man sagen wird: ‚Selig sind die Unfruchtbaren und die Leiber, die nicht geboren haben und die Brüste, die nicht gesäuget haben. Dann werden sie anfahen zu sagen zu den Bergen: Fallet über uns! und zu den Hügeln: Decket uns! Denn so man das thut am grünen Holz, was will am dürren werden?‘“

Leide mit dem, der, dich zu erlösen, freiwillig leidet! und traure um ihn, der um deinetwillen ans Kreuz geschlagen ist. Steh im Geist allezeit an seinem Grabe und weine und klage mit den gläubigen Frauen. Von ihnen heißt es, wie ich schon oben gesagt habe, in der Schrift: „Frauen saßen am Grab, klagten und weinten um den Herrn“. Bereite mit ihnen Spezereien zu seinem Begräbnis, aber nicht stoffliche, sondern bessere, geistige: denn nur wer diese nicht kennt, verlangt nach jenen. Von solchen Gedanken laß dein Herz bis ins Innerste erschüttern.

Der Herr selbst ermahnt die Gläubigen durch den Mund des Propheten Jeremia zur herzlichen Teilnahme an seinem Leiden also: „Ihr alle, die ihr vorübergeht, schauet doch und sehet, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz“; d. h. ob irgend ein Leidender so sehr Mitleid verdient wie ich, der ich allein schuldlos die Sünden anderer büße. Er selbst aber ist der Weg, durch den die Gläubigen aus der Fremde eingehen zum Vaterland. Darum hat er sein Kreuz, von dem herab er uns also zuruft, für uns aufgerichtet als eine Leiter des Heils. Er ist für dich getötet, der Eingeborene Gottes ist geopfert worden, also war es sein Wille. Er allein verdient dein schmerzvolles Mitleid und deinen mitleidigen Schmerz. Mache wahr, was der Prophet Zacharias von den frommen Seelen weissagt: „Sie werden ihn klagen, wie man klaget ein einiges Kind und werden sich um ihn betrüben, wie man sich betrübet um ein erstes Kind“.

Sieh zu, meine Schwester, welche Klage unter den Freunden eines Königs sich erhebt, wenn sein erstgeborener und einziger Sohn stirbt. Betrachte, in welchen Jammer, in welche Trauer die Königsfamilie und der ganze Hof versetzt wird, und das Wehgeschrei, das die Braut des Toten erhebt, wirst du gar nicht mit anhören können. Also, meine Schwester, soll deine Trauer und deine Klage beschaffen sein, denn du hast mit jenem herrlichen Bräutigam den seligen Ehebund geschlossen. Er hat dich erworben nicht mit seinen Schätzen, sondern mit sich selber. Mit seinem eigenen Blut hat er dich erkauft und hat dich erlöset. Darum bedenke, welches Recht er auf dich hat und vergiß nicht, wie teuer du erkauft bist. Im Gedanken an diesen Kaufpreis und in Erwägung der Frage, was der in Wirklichkeit wert sei, für den ein solcher Preis bezahlt wurde und was für einen Dank er für diese hohe Gnade erstatten könne, sagt der Apostel: „Es sei aber ferne von mir, rühmen, denn allein von dem Kreuz unseres Herrn Jesu Christi, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“.

Mehr als der Himmel bist du, mehr als die Welt, du, für welche sich der Schöpfer der Welt selbst zum Preis gegeben hat. Sprich, was hat er an dir gefunden, er, der keines Menschen bedarf, daß er, um dich zu gewinnen, die Qualen des schrecklichsten, schimpflichsten Todes durchgekämpft hat? Was sucht er an dir, ich frage noch einmal, wenn nicht dich selbst? Der ist dein wahrer Freund, der nicht das deine begehrt, sondern dich selber. Das ist der wahre Freund, der für dich in den Tod gehend sprach: „Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde“. Er hat dich wahrhaft geliebt, nicht ich. Meine Liebe, die uns beide in Sünden verstrickte, verdient den Namen Begierde, nicht den der Liebe. Befriedigung meiner sündlichen Lüste suchte ich bei dir, das war meine ganze Liebe. Für dich habe ich gelitten, sagst du, und vielleicht ist etwas Wahres daran; aber noch mehr durch dich und auch das wider meinen Willen; nicht aus Liebe zu dir geschah es, sondern weil ich der Gewaltthat erlag, und nicht zu deinem Heil, sondern zu deinem Schmerz. Er aber hat um deines Heiles willen, er hat aus eigenem Trieb für dich gelitten. Er heilt durch sein Leiden alle Krankheit, er stillt alles Leid. Ihm, ich bitte dich, nicht mir weihe deine ganze Liebe, dein ganzes Mitleid, deinen ganzen Schmerz. Weine über die Grausamkeit und Ungerechtigkeit, die sich so an der Unschuld vergreifen durfte, nicht über die gerechte Strafe, die mich betroffen und die für uns beide, ich wiederhole es, die größte Wohlthat war. Denn die Gerechtigkeit nicht lieben, heißt ungerecht sein, und ganz ungerecht bist du, wenn du mit Wissen dem Willen oder vielmehr der hohen Gnade Gottes widerstrebst.

Klage um deinen Retter, nicht um deinen Verführer; um deinen Erlöser, nicht um deinen Buhlen; um den Herrn, der für dich gestorben, nicht um den Knecht, der noch lebt, ja, der erst jetzt wirklich vom Tode befreit ist. Gieb acht, ich beschwöre dich, daß man nicht zu deiner Schande das Wort auf dich anwenden könne, das einst Pompejus zu der trauernden Cornelia gesagt hat:

„Noch lebt nach dem Kampfe die Größe;

Aber das Glück ist tot: das hast du geliebt, das beweinst du.“

Daran denke und halte dein Schamgefühl wach: du möchtest sonst die begangenen Frevel durch noch Frevelhafteres verstärken. Und so nimm denn geduldig hin, meine liebe Schwester, ich bitte dich drum, was die göttliche Barmherzigkeit über uns geschickt hat. Das ist die Rute des Vaters, nicht das Schwert des Verfolgers. Der Vater züchtigt, um zu bessern, damit nicht der Feind schlage, um zu töten. Durch die Wunde führt er nicht den Tod herbei, sondern rettet vor ihm; er wendet das Messer an, um abzuschneiden, was krank ist. Er verwundet den Leib und heilt die Seele. Er hätte töten sollen und macht lebendig. Er entfernt die Unreinigkeit, bis alles rein ist. Er straft einmal, um nicht ewig strafen zu müssen. Einer muß die Verletzung erleiden, damit zwei mit dem Tode verschont werden. Zwei in der Schuld, einer in der Strafe. Die göttliche Barmherzigkeit hat Nachsicht gehabt mit der Unkraft deiner Natur, und das gewiß mit Recht. Schon durch dein Geschlecht warst du von Natur schwächer und dennoch stärker in der Enthaltsamkeit, und darum weniger strafwürdig. Auch dafür sage ich dem Herrn Dank, daß er dir die Strafe erlassen und dir die Ehrenkrone aufbehalten hat. In mir hat er, um mich zu retten, durch einen einmaligen körperlichen Schmerz für immer alle Glut der Begierde erstickt, in der mich meine unbändige Leidenschaft gefangen hielt. Dein junges Herz hat er durch die beständige Lockung des Fleisches vielen noch größeren Leiden anheimgegeben, um dich der Märtyrerkrone teilhaftig werden zu lassen. Es mag dich vielleicht verdrießen, dies zu hören; du möchtest mir vielleicht das Wort verbieten, aber es ist die offenkundige Wahrheit selber, die hier redet. Wer beständig zu kämpfen hat, dem wird zuletzt auch die Krone zu teil; denn „keiner wird gekrönt, er kämpfe denn recht“. Mir aber winkt keine Krone, weil ich keinen Anlaß zum Kampfe mehr habe. Wem der Stachel der Begierde genommen ist, dem fehlt der Grund zum Kämpfen.

Doch wenn ich schon hienieden keine Krone erlange, so ist es doch gewiß immer schon etwas, daß ich keine Strafe mehr zu fürchten habe und daß mir um den schmerzhaften Augenblick meiner Bestrafung auf Erden vielleicht viele Strafen in der Ewigkeit erlassen werden. Denn von den Menschen, die an dieses elende Leben sich hängen, gilt das Wort der Schrift, das von den Tieren geschrieben steht: „Das Vieh ist verfault in seinem Mist“.

Ich will mich nicht darüber beklagen, daß ich mein Verdienst schwinden sehe, weil ich dessen sicher bin, daß das deinige zunimmt. Denn in Christus sind wir beide eins, ein Fleisch durch das Band der Ehe. Alles was dein ist, achte ich auch mir nicht fremd. Dein aber ist Christus, denn du bist seine Braut geworden. Darum bin ich jetzt, wie ich schon oben sagte, dein Knecht, ich, den du einst deinen Herrn nanntest: doch bin ich dir mehr in geistiger Liebe verbunden, als in Furcht unterthan. Darum verspreche ich mir auch so viel von deiner Verwendung für mich bei Jesus Christus und hoffe durch deine Fürsprache zu erlangen, was mein eigen Gebet nicht erwirken kann; vornehmlich in dieser bedrängten Zeit, wo tägliche Gefahr und Anfechtung mir kaum Zeit zum Leben, geschweige zum Beten läßt. Auch kann ich nicht dem Beispiel jenes frommen Eunuchen folgen, jenes vornehmen Mannes am Hofe der Äthiopenkönigin Candace, der über alle ihre Schätze gesetzt war und die weite Reise gemacht hatte, um in Jerusalem anzubeten. Zu ihm wurde auf dem Heimweg vom Engel des Herrn der Apostel Philippus gesandt, daß er ihn zum rechten Glauben bekehre: denn der Mann hatte es verdient durch sein Gebet und durch fleißiges Lesen der heiligen Schrift. Nicht einmal unterwegs ließ er davon ab; darum fügte es Gott in seiner gnädigen Nachsicht, wiewohl jener ein reicher Mann und Heide war, also, daß er auf eine Stelle der heiligen Schrift stieß, die dem Apostel eine treffliche Gelegenheit zur Anknüpfung bot.

Damit aber meiner Bitte nichts im Wege stehe und die Erfüllung derselben hinausschiebe, so beeile ich mich, den Wortlaut des Gebetes, welches ihr für mich in Demut vor den Herrn bringen möget, hier aufzusetzen und dir zu übersenden:

„O Gott, der du von Anbeginn der Schöpfung, da du aus der Rippe des Mannes das Weib gebildet, das heilige Sakrament der Ehe eingesetzt und es zu unendlicher Ehre erhoben hast, indem du selbst durch ein Weib Mensch geworden bist und dein erstes Wunder auf einer Hochzeit gethan hast; der du auch meiner Unenthaltsamkeit und Schwachheit die Ehe als Heilmittel nach deinem Wohlgefallen gewährt hast: verschmähe nicht die Bitten deiner Magd, die ich für meine und meines Geliebten Vergehen in Demut vor dein heiliges Angesicht bringe. Vergieb, o Allgütiger, der du die Güte selber bist, vergieb uns unsere Sünden, so groß und viel sie sind, und laß an der Menge unserer Schulden den Reichtum deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit offenbar werden. Ich flehe dich an: strafe die Schuldigen hienieden, damit du sie drüben schonen könnest. Strafe sie in der Zeit, daß du nicht in der Ewigkeit strafen müssest. Nimm die Rute der Zucht für deine Knechte zur Hand, nicht das Schwert deines Grimms. Schlage das Fleisch, daß die Seelen erhalten bleiben. Läutere uns, aber vergilt uns nicht nach unserer Missethat: laß deine Güte walten mehr als Gerechtigkeit; sei uns ein barmherziger Vater, nicht ein strenger Herr.“

„Prüfe und versuche uns so, wie der Prophet es für sich selber von dir erfleht mit Worten, die so viel sagen wollen als: siehe zuerst auf meine Kräfte und bemiß nach ihnen die Last der Prüfung. Auch der heilige Paulus giebt ja seinen Gläubigen den Trost: ‚Denn Gott ist getreu, der euch nicht lässet versuchen über euer Vermögen, sondern macht, daß die Versuchung so ein Ende gewinne, daß ihr es könnet ertragen‘.“

„Du hast uns vereint, o Herr, und wiederum getrennt, wie und wann es dir gefallen hat. Nun Herr, vollende in deiner großen Barmherzigkeit, was du so gnädig begonnen; die du in der Welt für kurze Zeit auseinander gerissen, vereinige sie mit dir im Himmel für alle Ewigkeit. Denn du bist unsere Hoffnung, unser Erbteil, unsere Sehnsucht, unser Trost, o Herr, gepriesen in Ewigkeit. Amen.“

Lebe wohl in Christo, du Braut Christi, in Christo lebewohl, und lebe Christo! Amen.

VI. Brief.
Heloise an Abaelard.

(Ihrem unumschränkten Herrn seine ergebene Dienerin.)

Damit du mich nicht in irgend einem Stück des Ungehorsams zeihen könnest, so habe ich nach deinem Befehl den Äußerungen meines Schmerzes, so groß er ist, Zügel angelegt und will mich wenigstens beim Schreiben davor hüten, Worte zu gebrauchen, die ich bei der mündlichen Rede schwerlich, ja unmöglich würde zurückhalten können. Denn nichts haben wir so wenig in der Gewalt als unser Herz und statt ihm gebieten zu können, müssen wir ihm folgen. Darum, wenn wir den Stachel seiner Leidenschaften fühlen, ist niemand imstande, seine ungestümen Triebe so zu dämpfen, daß sie nicht leicht zu Thaten werden und noch leichter durch Worte sich Luft machen, welche stets die bereitwilligen Dolmetscher leidenschaftlicher Herzen sind, nach dem Worte der Schrift: „Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über“. Darum will ich wenigstens beim Schreiben meiner Hand Halt gebieten, wenn ich schon meiner Zunge das Wort nicht verbieten könnte. Wäre doch mein trauerndes Herz so bereit zu gehorchen, wie die schreibende Hand!

Etwas kannst du doch zur Milderung unseres Schmerzes beitragen, wenn du ihn auch nicht ganz zu stillen vermagst. Wie nämlich ein Nagel durch den andern ausgetrieben wird, so verdrängt ein Gedanke den andern, und der Geist, in anderer Richtung in Anspruch genommen, muß die Erinnerung an Früheres schwinden oder doch in Hintergrund treten lassen. Ein Gedanke beschäftigt aber den Geist um so lebhafter und ausschließlicher, je edler sein Inhalt ist und je notwendiger die Angelegenheit erscheint, auf welche wir unser Sinnen und Denken richten. Wir alle nun, Dienerinnen Christi und in Christus deine Töchter, bringen in Demut zwei Bitten vor dich als unsern Vater, deren Erfüllung für uns von der höchsten Wichtigkeit ist. Die erste Bitte ist die: du möchtest uns über den Ursprung des Standes der Nonnen und über das Wesen unseres Berufes aufklären. Die zweite: du möchtest uns eine Regel aufstellen und zusenden, in welcher den besonderen Bedürfnissen des weiblichen Geschlechts Rechnung getragen und die Einrichtung und Gestaltung unseres Ordenslebens von Grund aus festgesetzt würde: denn wir haben uns überzeugt, daß dies von den heiligen Vätern bis jetzt unterlassen worden ist. Diese Versäumnis hat die unangenehme Folge, daß jetzt bei der Aufnahme ins Kloster Männer und Frauen gleicherweise auf ein und dieselbe Regel verpflichtet werden, und daß das schwache Geschlecht unter dieselbe Klosterordnung sich beugen muß wie das starke. Zu der Regel des heiligen Benediktus bekennen sich in der abendländischen Kirche die Frauen genau so wie die Männer. Es ist aber klar, daß sie ausschließlich für Männer aufgestellt worden ist und darum auch nur von Männern eingehalten werden kann, von Untergebenen wie von Vorgesetzten. Um von anderen Bestimmungen der Regel zu schweigen: was sollen wir Frauen anfangen mit den Vorschriften über Kutten, Beinkleider, Skapulire? Wie können sich Frauen die Bestimmung über Unterkleider oder wollene Hemden zu eigen machen, da sie doch solche wegen ihrer monatlichen Reinigung gerade gar nicht brauchen können? Was soll ihnen ferner die Vorschrift, daß der Abt das Evangelium selbst verlesen und danach den Hymnus anstimmen solle? Und daß der Abt mit den Pilgern und Gästen abseits an einem besonderen Tische sitzen solle? Was schickt sich für unsern Stand? Sollen wir überhaupt keine Männer gastlich aufnehmen oder soll die Äbtissin mit den Männern, die zu Gaste sind, an Einem Tisch essen? O wie schnell ist es um ein Herz geschehen, wo Männer und Frauen unter Einem Dach zusammenwohnen! Vollends aber bei Tische, wo so oft Völlerei und Trunkenheit herrscht und wo im süßbethörenden Wein die Lüsternheit lauert. Davor warnt auch der heilige Hieronymus in seinem Brief an eine Mutter und ihre Tochter: „Schwer ist’s, bei Schmausereien die Keuschheit zu wahren“. Auch Ovid, aller lüsternen Üppigkeit Sänger und Meister, beschreibt es in seinem Buch von der „Kunst zu lieben“ des langen und breiten, wie bei festlichen Gelagen die Buhlerei ihre Rechnung finde:

„Sind vom Wein erst benetzt die durstigen Flügel Cupidos,

Dann verweilt er und weicht nimmer von selbigem Ort.

Frohes Lachen ertönt, der Traurige hebet das Haupt nun

Sorg’ entweichet und Schmerz, glatt wird die faltige Stirn.

Manchem Knaben ging so das Herz an die Mädchen verloren;

Lieb’ durchströmet den Leib, Glut sich entzündet an Glut.“

Ja, selbst wenn man nur Frauen Herberge und Tischgemeinschaft gewährt: lauert nicht auch hier schon die Gefahr? Wahrhaftig, das wirksamste Mittel, ein Weib zu verführen, sind die Schmeicheleien durch ein anderes Weib. Auch vertraut am liebsten eine Frau der andern ihr verdorbenes Herz an. Darum warnt auch Hieronymus Frauen, die sich einem heiligen Beruf geweiht haben, nachdrücklich vor dem Verkehr mit weltlichen Frauen.

Wenn wir nun aber die Männer von unserer Gastfreundschaft ausschließen und nur Frauen unsere Pforte öffnen, so werden wir — das sieht jeder ein — durch solche Unfreundlichkeit den Männern, auf deren Unterstützung die Klöster des schwächeren Geschlechts angewiesen sind, vor den Kopf stoßen, da es dann den Anschein hat, als wollten wir denen wenig oder nichts geben, von denen wir das meiste empfangen.

Können wir aber nicht den ganzen Inhalt der Regel befolgen, so fürchte ich, es möchte in jenem Worte des Apostels Jakobus auch unsere Verurteilung ausgesprochen sein: „So jemand das ganze Gesetz hält und sündiget an einem, der ist’s ganz schuldig“. Das heißt: Einer, der viel thut, wird gerade dadurch schuldig, daß er nicht alles erfüllt. Zum Übertreter des Gesetzes wird er schon durch eine Versäumnis; erfüllt hat er das Gesetz erst dann, wenn er alle Gebote desselben befolgt hat. Dies meint auch der Apostel, wenn er sagt: „Der gesagt hat: du sollst nicht ehebrechen, der hat auch gesagt: du sollst nicht töten. So du nun nicht ehebrichst, tötest aber, bist du ein Übertreter des Gesetzes“. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Weil der Herr selbst das eine Gebot so gut wie das andere aufgestellt hat, darum macht sich der Übertretung des Ganzen schuldig, wer auch nur Eines nicht hält, gleichviel was für eines es sei. Und die Übertretung jedes einzelnen Gebotes ist eine Mißachtung gegen den Gesetzgeber, der sein Gesetz nicht etwa auf Ein Gebot gestellt hat, sondern gleichmäßig auf alle zusammen.

Doch ich will nicht reden von den Bestimmungen der Regel, die wir überhaupt nicht, oder doch nicht ohne Gefahr einzuhalten vermögen. Ich möchte nur fragen: wo in aller Welt ist es Sitte, daß Nonnen aufs Feld gehen, um die Ernte einzuheimsen und den Acker zu bestellen? Ferner: ist ein einziges Probejahr genügend für die Frauen, die in den Orden aufgenommen sein wollen, und sind sie hinreichend unterrichtet, wenn man ihnen die Regel dreimal vorgelesen hat, wie dies die Regel selber verlangt? Was ist thörichter, als einen unbekannten und noch nicht deutlich gezeichneten Weg zu beschreiten? Was ist voreiliger, als ein Leben zu erwählen und zu seinem Beruf zu machen, das man noch gar nicht kennt, oder ein Gelübde zu thun, das man doch nicht halten kann? Wenn die Klugheit die Mutter aller Tugenden ist und die Vernunft die Vermittlerin aller Güter — wer wird dann etwas, das mit ihnen in Widerspruch steht, für ein Gut oder für eine Tugend halten? Selbst die Tugenden, sagt Hieronymus, können zum Laster werden, wenn sie Maß und Ziel überschreiten. Das ist aber ganz gewiß ein unkluges vernunftwidriges Verfahren, wenn man jemand eine Last auflegen will, ohne vorher die Kräfte dessen, der sie tragen soll, zu untersuchen, so daß die zugemutete Leistung im richtigen Verhältnis zur natürlichen Fähigkeit steht. Wer wird einem Esel die gleiche Last zumuten wie einem Elefanten? Wer wird Kindern und Greisen dieselbe Bürde aufladen wie Männern? Schwachen so viel wie Starken, Kranken so viel wie Gesunden, Frauen so viel wie Männern? Dem schwächeren Geschlecht so viel wie dem starken?

Mit Rücksicht darauf hat der Papst Gregorius im 24. Kapitel seines „Pastoralis“ in Beziehung auf Ermahnungen und Vorschriften folgenden Unterschied gemacht: „Anders sind Männer zu ermahnen, anders Frauen; jenen kann man Schwereres zumuten, diesen nur Leichtes. Männer mögen sich in harter Übung bewähren, Frauen werden am besten durch Sanftmut und Milde gewonnen“. Diejenigen aber, welche Klosterregeln aufgestellt haben, haben nicht nur die Frauen mit gänzlichem Stillschweigen übergangen, sondern sie haben auch Bestimmungen getroffen, von denen sie wissen mußten, daß sie für Frauen keineswegs passen: wußten sie ja doch auch sehr wohl, daß man nicht Stier und Kuh unter das gleiche Joch spannen darf, weil man denen, die von Natur verschieden sind, nicht die gleiche Arbeit zumuten kann.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus keineswegs vergessen, und gleichsam vom Geiste aller Gerechten erfüllt, trägt er in allem der Verschiedenheit der Menschen wie der Zeiten Rechnung, damit alles, wie er dies selbst in seiner Regel festsetzt, im richtigen Maße geschehe. Beim Abt beginnend, verlangt er von demselben, er solle in der Weise das Regiment führen, daß er dem Charakter und der Einsicht eines jeden seiner Untergebenen Rechnung trage und sich so mit allen in ein gutes Einvernehmen setze; so werde er es nicht erleben müssen, daß die ihm anvertraute Herde Schaden nehme, im Gegenteil werde er sich ihres Wachstums freuen dürfen … Seine eigene Gebrechlichkeit solle er niemals vergessen und daran denken, daß man das geknickte Rohr nicht zertreten dürfe. Er soll auch mit den besonderen Zeitumständen rechnen und sich die Klugheit des frommen Jakob zum Beispiel nehmen, welcher sagte: „Wenn sie einen Tag übertrieben würden, würde mir die ganze Herde sterben.“ Solche und ähnliche Beispiele von kluger Erwägung, die aller Tugenden Mutter ist, soll er vor Augen haben und in allem so maßvoll handeln, daß die Starken genug zu thun haben und die Schwachen nicht zurückschrecken.

Diesem Bestreben, allen gerecht zu werden und überall das richtige Maß zu halten, verdanken ihren Ursprung die Ausnahmebestimmungen für Kinder, Greise und überhaupt gebrechliche Leute, ferner die Verordnung, daß der Vorleser, der, welcher den Wochendienst hat und der Koch vor den übrigen ihr Essen bekommen sollen, endlich die Fürsorge dafür, daß beim gemeinsamen Mahl Speise und Trank nach Güte und Menge mit Rücksicht auf die Art der einzelnen Leute verteilt werden — worüber genaue Einzelvorschrift vorhanden sind. Auch für die festgesetzten Fastenzeiten sind in der Ordensregel in Rücksicht auf die Jahreszeit oder ausnahmsweise Arbeitslast mildernde Bestimmungen enthalten, wie die Schwachheit der menschlichen Natur sie erfordert.

Der Mann, der in solcher Weise in allen Stücken der besonderen Beschaffenheit der Menschen und der Zeiten Rechnung getragen hat, so daß seine Verordnungen von allen ohne Murren erfüllt werden können: wie hätte der die besonderen Bedürfnisse der Frauen berücksichtigt, wenn er seine Ordensregel, die ursprünglich nur für Männer bestimmt war, auch auf das weibliche Geschlecht hätte ausdehnen wollen! Sieht er sich schon in Rücksicht auf Knaben, Greise und Kranke wegen der Hinfälligkeit und Schwachheit der menschlichen Natur genötigt, in einigen Stücken von der Strenge der Regel etwas nachzulassen: wie viel mehr hätte er Sorge getragen für das zarte Geschlecht, das von Natur — wie jeder weiß — schwach und kraftlos ist. Darum so erwäge, wie es jedem vernünftigen Denken widersprechen würde, wollte man Frauen und Männer auf ein und dieselbe Regel verpflichten und die gleiche Last Schwachen wie Starken auflegen. Ich glaube, daß es in Anbetracht unserer Schwachheit genug ist, wenn wir in der Tugend des Gehorsams und der Keuschheit den Leitern der Kirche und den Geistlichen, die in frommen Gemeinschaften leben, gleichstehen; auch der Mund der Wahrheit spricht ja: „Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister“. Schon das müßte uns als Leistung angerechnet werden, wenn wir es nur frommen Laien gleichthun könnten. Denn an Starken schätzt man manches nicht sonderlich, was man am Schwachen bewundert, und nach dem Wort des Apostels „ist die Kraft in den Schwachen mächtig“.

Wir wollen nur die Frömmigkeit von Laien, wie Abraham, David, Hiob, wiewohl sie im Stand der Ehe lebten, nicht geringschätzen! Es fällt mir da eine Stelle aus der siebenten Predigt des Chrysostomus über den Hebräerbrief ein: „Es giebt mancherlei Mittel, womit man das wilde Tier im Innern einschläfern kann. Was für Mittel sind das? Der Hände Arbeit, Lesen, Nachtwachen. Aber was geht das uns an, die wir keine Mönche sind? Das entgegnest du mir? Sag es doch dem Paulus, bei dem es heißt: ‚Haltet an mit Wachen und Beten in aller Geduld‘; oder: ‚Wartet des Leibes nicht also, daß er geil werde‘. Diese Worte sind nicht bloß für Mönche geschrieben, sondern für alle, die zu einem bürgerlichen Gemeinwesen gehören. Denn ein Laie soll vor einem Mönch nichts weiter voraushaben, als daß er mit seiner Frau zusammenleben darf. Das ist sein Vorrecht, ein anderes giebt es nicht für ihn, vielmehr soll er in allem anderen leben wie ein Mönch. Denn auch die Seligpreisungen, die Christus ausgesprochen hat, sind nicht bloß den Mönchen verheißen. Die ganze Welt müßte ja zu Grunde gehen, wenn alles, was Tugend heißt, in den engen Raum eines Klosters eingeschlossen wäre. Und wie könnte der Stand der Ehe ehrlich sein, wenn sie ein so großes Hindernis für unser Seelenheit wäre?“

Daraus geht deutlich hervor: Wer zu den Geboten des Evangeliums noch die Tugend der Enthaltsamkeit hinzufügt, der erreicht die sittliche Vollkommenheit des Mönchs. Möchten wir es in unserm Stande doch nur dahin bringen, daß wir das Evangelium erfüllten, ohne es überbieten zu wollen; daß wir doch nicht mehr sein wollten als gute Christen!

Von diesem Gedanken geleitet, haben, wenn ich mich nicht täusche, die frommen Väter darauf verzichtet, auch für uns Frauen, wie für die Männer, eine besondere Regel, gleichsam als ein neues Gesetz aufzustellen und durch schwere Gelübde unsere Schwachheit zu belasten. Sie dachten dabei wohl an das Wort des Apostels: „Das Gesetz richtet nur Zorn an; denn wo das Gesetz nicht ist, da ist auch keine Übertretung“ und ferner: „Das Gesetz aber ist neben einkommen, auf daß die Sünde mächtiger würde“. Derselbe strenge Prediger der Enthaltsamkeit nötigt aber doch gewissermaßen im Gedanken an unsere Schwachheit die jungen Witwen zur zweiten Ehe, indem er sagt: „So will ich nun, daß die jungen Witwen freien, Kinder zeugen, Haus halten, dem Widersacher keine Ursach’ zu schelten geben“. Auch der heilige Hieronymus hält diese Verordnung für ganz heilsam und giebt der Jungfrau Eustochium mit Rücksicht auf unbedachte Gelübde von Frauen folgenden Rat: „Wenn sogar diejenigen, die ihre Jungfräulichkeit bewahrt haben, wegen ihrer sonstigen Sünden nicht vorwurfsfrei sind: was wird erst denen geschehen, die die Glieder Christi preisgegeben und den Tempel des heiligen Geistes in ein Freudenhaus verwandelt haben? Es ist dem Menschen besser, das Joch der Ehe auf sich zu nehmen und auf der ebenen Erde zu bleiben als hoch hinaus zu wollen und schließlich in den Rachen der Hölle hinabzustürzen“. Auch der heilige Augustin schreibt in seinem Buch „Über die Enthaltsamkeit der Witwen“ an Julian folgendes zur Warnung vor unbesonnenem Ablegen eines Gelübdes: „Die, welche sich noch nicht gebunden hat, soll es sich wohl überlegen, hat sie aber einmal den Schritt gethan, dann soll sie auch dabei bleiben. Man soll dem Widersacher keine Gelegenheit geben und Christus kein Opfer entziehen.“ Darum steht auch in den Kanones mit Rücksicht auf unsere Schwachheit die Bestimmung, daß Diakonissen nicht vor dem vierzigsten Jahr ordiniert werden dürfen und auch dann nur, wenn sie ein gutes Zeugnis haben; während man zum Diakon schon vom zwanzigsten Jahr an befördert werden kann.

In klösterlichen Vereinigungen leben aber auch die sogenannten regulierten Chorherren, die sich, wie man sagt, zu einer Regel des heiligen Augustin bekennen und sich in keinem Stück geringer achten als die Mönche, obwohl sie, wie bekannt, Fleisch zu essen und linnene Gewänder zu tragen sich erlauben. Wenn unsere Schwachheit wenigstens diese Stufe der Vollkommenheit erreichen könnte, wäre das für nichts zu achten?

Man könnte uns, was die Nahrung anbelangt, schon deshalb ohne Gefahr alle Speisen erlauben, weil die Natur selbst uns vor Ausschreitungen behütet, indem sie unserem Geschlecht an der Tugend der Nüchternheit einen schützenden Halt gegeben hat. Man weiß, daß Frauen zu ihrem leiblichen Unterhalt weniger bedürfen als die Männer und die Physik lehrt uns, daß das weibliche Geschlecht auch weniger leicht der Trunkenheit anheimfällt. Macrobius Theodosius macht im 7. Kapitel seiner Saturnalia folgende Bemerkung: „Aristoteles sagt, die Weiber werden selten berauscht, die Greise oft. Der Körper des Weibes hat einen sehr großen Feuchtigkeitsgehalt. Ein Beweis dafür ist die Glätte und der Glanz ihrer Haut, und ganz besonders sprechen dafür die regelmäßigen Reinigungen, durch welche ihr Körper von überflüssiger Feuchtigkeit entlastet wird. Der Wein verliert seine Stärke, wenn er mit so überreichem flüssigem Stoff sich mischt und steigt nicht so leicht zu Kopfe, da seine Wirkung auf diese Weise gelähmt wird“. Ferner heißt es dort: „Der weibliche Körper unterliegt häufigen Reinigungen und hat an seiner Oberfläche zahlreiche Öffnungen und Poren, durch welche die Feuchtigkeit ihren Ausgang sucht und findet. Durch diese Poren entweicht auch der Dunst des Weines gar schnell. Alte Männer dagegen haben einen ausgetrockneten Körper, was man schon an der Rauheit und der dunklen Farbe ihrer Haut sehen kann“.

Du magst hieraus ersehen, wie durchaus ungefährlich, ja, wie billig es ist, uns in Anbetracht unserer schwachen Natur in Speise und Trank volle Freiheit zu gewähren, da wir ja der Schwelgerei und der Trunkenheit nicht leicht zum Opfer fallen können; vor jener bewahrt uns unsere Bedürfnislosigkeit, vor dieser die Beschaffenheit des weiblichen Körpers, wie oben ausgeführt worden ist. Für unsere schwachen Kräfte muß es genug sein und alles, was man verlangen kann, wenn wir enthaltsam und besitzlos leben, mit dem Dienst Gottes unsere Zeit ausfüllen und im Essen und Trinken es halten, wie die Leiter der Kirche selbst oder wie fromme Laien oder endlich wie die regulierten Chorherren, die vor andern ein apostolisches Leben zu führen behaupten.

Es ist ein Beweis von großer Klugheit, wenn die, welche sich Gott durch ein Gelübde verpflichten, weniger versprechen und mehr halten, so daß sie allezeit einen Überschuß haben, den sie aus freien Stücken zu der pflichtmäßigen Leistung hinzufügen können. Die Wahrheit selber spricht: „Wenn ihr alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte, wir haben gethan, was wir schuldig waren“. Deutlicher ausgedrückt soll dies heißen: Darum sind wir für unnütz und unwert zu achten und ohne Verdienst, weil wir, zufrieden mit der Erfüllung des Notwendigen, nicht aus freien Stücken mehr gethan haben. Über solche freiwillige Leistungen sagt der Herr selbst an einer andern Stelle gleichnisweise: „So du was mehr wirst darthun, so will ich dir’s bezahlen, wenn ich wiederkomme“.

Möchten dies doch in unserer Zeit alle diejenigen zu Herzen nehmen, die leichtsinnig das Klostergelübde ablegen; wollten sie sich’s doch klar machen, was es mit diesem Gelübde für ein Bewandtnis hat und vorher die Regel nach ihrem ganzen Inhalt genau durchforschen: dann kämen weniger Verstöße gegen dieselbe und weniger Fahrlässigkeitssünden vor. Jetzt aber drängt sich alles ohne Wahl zum Klosterleben; so oberflächlich die Aufnahme solcher Leute vor sich geht, ebenso ist nachher das Leben, das sie führen. Leichtsinnig verpflichten sie sich auf eine Regel, die sie gar nicht kennen, ebenso leichtsinnig lassen sie dieselbe nachher unbeachtet und setzen an die Stelle des Gebotes das was ihnen beliebt. Darum wollen wir Frauen uns hüten, eine Last auf uns zu nehmen, unter der wir die Männer fast alle wanken, ja erliegen sehen. Es scheint, als wäre die Welt alt geworden, als hätten die Menschen samt den anderen Kreaturen ihre ursprüngliche Jugendfrische verloren, als wäre, nach dem Worte der Wahrheit, die Liebe nicht bloß in vielen, sondern in allen erkaltet. Da sich die Menschen geändert haben, sollte man auch die sittlichen Gebote, die für sie aufgestellt sind, ändern oder ihre Strenge mäßigen.

Diesen Unterschied hat der heilige Benediktus wohl beachtet; er giebt von seiner Regel zu, die Strenge der mönchischen Askese sei durch dieselbe so ermäßigt worden, daß seine Regel im Vergleich zu den früheren Bräuchen nur eine Art Anleitung zur Rechtschaffenheit und eine Einführung ins Klosterleben genannt werden könne. „Diese Regel, sagt er, haben wir verfaßt, damit sie uns, wenn wir nach ihr leben, ein Wegweiser zur Rechtschaffenheit oder die Grundlage unserer Lebensweise werde. Im übrigen, wer nach Vollkommenheit strebt, dem stehen die Lehren der heiligen Väter zu Gebote, deren Befolgung den Menschen zur Höhe der Vollendung emporführt“. Weiter sagt er: „Wer du auch seist, der du der himmlischen Heimat zustrebst: erfülle zuerst mit Christi Hilfe zur Vorübung das Geringe, das unsere Regel verlangt, alsdann erst wirst du unter Gottes Schutz zu den erhabenen Gipfeln der Weisheit und Tugend gelangen.“ Während wir von den heiligen Vätern lesen, daß sie an Einem Tag den ganzen Psalter gebetet haben, sagt Benedikt selber, er habe in Anbetracht der lauen Gemüter die Übung des Psalmodierens dahin ermäßigt, daß die Psalmen über die ganze Woche verteilt wurden, so daß jetzt die Mönche sogar weniger zu thun haben als die Kleriker.

Was ist dem frommen Stand und der Ruhe des Klosterlebens mehr zuwider als das, was der Üppigkeit Nahrung zuführt und Streit und Zank erregt, ja, das Ebenbild Gottes in uns, das uns von den andern Kreaturen scheidet, das heißt die Vernunft, zerstört? Dies aber thut der Wein; darum versichert uns die Schrift, daß er von allem, was dem Menschen zur Nahrung dient, am schädlichsten sei und warnt uns vor ihm. Der größte aller Weisen sagt im Buch der Sprüche von ihm: „Der Wein macht lose Leute und starkes Getränke macht wild; wer dazu Lust hat, wird nimmer weise … Wo ist Weh, wo ist Leid? Wo ist Zank? Wo ist Klagen? Wo sind Wunden ohne Ursach’? Wo sind rote Augen? Nämlich wo man beim Wein liegt und kommt auszusaufen, was eingeschenket ist. Siehe den Wein nicht an, daß er so rot ist und im Glase so schön stehet. Er gehet glatt ein, aber danach beißt er wie eine Schlange und sticht wie eine Otter. So werden deine Augen nach andern Weibern sehen und dein Herz wird verkehrte Dinge reden. Und du wirst sein wie einer, der mitten im Meer schläft, wie ein Steuermann, der eingeschlafen ist und das Ruder verloren hat. Und du wirst sprechen: Sie schlagen mich, aber es thut mir nicht wehe, sie zerren mich hin und her, aber ich fühle es nicht. Wann will ich aufwachen, daß ich wiederum Wein finde?“ Und weiter heißt es: „O nicht den Königen, Lamuel, gieb den Königen nicht Wein zu trinken, denn nichts bleibt geheim, wo die Trunkenheit herrscht. Sie möchten trinken und der Rechte vergessen und verändern die Sache irgend der armen Leute“. Im Buch Sirach steht geschrieben: „Wein und die Weiber bethören die Weisen“.

Auch Hieronymus, in seinem Brief an Nepotianus „vom Leben der Kleriker“, hält sich darüber auf, daß die Priester des alten Bundes in der Enthaltsamkeit von allen berauschenden Getränken strenger waren als die heutigen. Er sagt: „Rieche nicht an den Wein, damit du dir nicht das Wort des Philosophen sagen lassen mußt: hoc non est osculum porrigere, sed vinum propinare (das heißt nicht küssen, sondern die Schale zum Munde führen)“.

Auch der Apostel verurteilt weinselige Priester, und das Gesetz Mosis verbietet ihnen den Weingenuß: „Die den Dienst des Altars besorgen, sollen nicht Wein und Gegorenes trinken“. — „Sicera“ heißt im Hebräischen jedes berauschende Getränk, gleichviel, ob es bereitet wird aus dem gegorenen Saft von Früchten oder aus eingekochtem Honig und Kräutern oder aus der gepreßten Frucht der Palme oder aus Früchten, die man zu Sirup zerkocht. „Alles was berauscht und dich um den Verstand bringt, das fliehe wie den Wein.“

Der Wein also, vor dessen Genuß die Könige gewarnt werden, der den Priestern gänzlich verboten wird, ist sicherlich von allen Nahrungsmitteln das gefährlichste. Gleichwohl sieht sich ein so geistbegnadeter Mann wie der heilige Benedikt genötigt, den Bedürfnissen seiner Zeit Rechnung zu tragen und für die Mönche eine Ermäßigung eintreten zu lassen. „Wir lesen zwar,“ sagt er, „daß der Wein für die Mönche überhaupt nichts sei, allein weil man in unserer Zeit die Mönche davon doch nicht überzeugen kann u. s. w.“

Er hatte wahrscheinlich auch gelesen, was in dem „Leben der Altväter“ berichtet wird: „Man hatte einem Vater von einem Mönche gesagt, daß er keinen Wein trinke, worauf dieser erwiderte: der Wein ist überhaupt nichts für Mönche“. Ferner ist dort zu lesen: „Eines Tages feierte man die Messe auf dem Berge des Vaters Antonius, und fand daselbst ein Gefäß mit Wein. Einer der Alten hob es auf und brachte einen Becher voll dem Vater Sisoi. Der trank ihn aus, nahm zum zweitenmal und leerte ihn wieder. Als ihm aber zum drittenmal angeboten wurde, wies er’s zurück und sagte: ‚Laß genug sein, Bruder, vergissest du, daß der Teufel darin steckt?‘“ Und weiter wird von dem Vater Sisoi berichtet: „Abraham sagte zu seinen Schülern: ‚Wenn man an einem Feiertag oder Sonntag zur Kirche geht und trinkt drei Kelche Wein, ist das nicht zu viel?‘ Und es antwortete der Alte: ‚Es wäre nicht zu viel, wenn der Satan nicht wäre‘“.

Wo in aller Welt, ich bitte dich, ist der Fleischgenuß von Gott mißbilligt und den Mönchen verboten worden? Beachte wohl, wie Benedikt sich genötigt sah, die Strenge seiner Regel zu ermäßigen, sogar in einem Stück, das für die Mönche noch viel gefährlicher ist und wovon er wußte, daß es überhaupt nichts für sie sei; er that es, weil er die Mönche zu seiner Zeit schon nicht mehr von der Notwendigkeit, in diesem Stück enthaltsam zu sein, überzeugen konnte. Möchte man doch auch in unserer Zeit mit derselben Schonung verfahren, und wenigstens die Dinge, welche in der Mitte zwischen Gut und Böse liegen und darum Indifferentien heißen, mit derselben Unbefangenheit behandeln. Etwas, das jetzt niemand mehr einleuchtet, sollte das Gelübde nicht verlangen; man sollte sich damit begnügen, alles, was in der Mitte liegt, zu erlauben, ohne Anstoß daran zu nehmen und nur das wirklich Sündhafte zu verbieten. Auch in Beziehung auf Nahrung und Kleidung sollte man die Forderungen dahin ermäßigen, daß man sich dessen bedienen dürfte, was billig zu haben ist; in allem sollte man auf das Notwendige sehen und alles Überflüssige meiden. Denn was uns nicht tüchtig macht für das Reich Gottes oder was uns vor Gott nicht besser macht, das ist auch unserer Sorge nicht wert. Dazu gehören alle äußerlichen Verrichtungen, an denen Verworfene und Auserwählte, Heuchler und Fromme in gleicher Weise teilnehmen. In nichts unterscheiden sich Christen und Juden so sehr als in den äußeren und inneren Werken; denn die Liebe allein, die der Apostel des Gesetzes Erfüllung und Ende nennt, scheidet die Söhne Gottes von denen des Teufels. Darum setzt der Apostel auch den Ruhm der Werke so sehr herunter, um dafür die Gerechtigkeit durch den Glauben zu erheben und ruft den Juden zu: „Wo bleibt nun der Ruhm? Er ist aus. Durch welch Gesetz? Durch der Werke Gesetz? Nicht also, sondern durch des Glaubens Gesetz. So halten wir es nun, daß der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke allein durch den Glauben“. Weiter heißt es: „Ist Abraham durch die Werke gerecht, so hat er wohl Ruhm, aber nicht vor Gott. Was saget aber die Schrift? Abraham hat Gott geglaubt und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet“. Und wiederum sagt er: „Dem, der nicht mit Werken umgehet, glaubet aber an den, der die Gottlosen gerecht macht, dem wird sein Glaube gerechnet zur Gerechtigkeit, nach dem Vorsatz der Gnade Gottes“.

Derselbe Apostel giebt auch den Christen volle Freiheit, alle Speisen zu essen und unterscheidet davon das, was wirklich gerecht macht: „Das Reich Gottes, sagt er, ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im heiligen Geist. Es ist zwar alles rein, aber es ist nicht gut dem, der es isset mit einem Anstoß seines Gewissens. Es ist viel besser du essest kein Fleisch und trinkest keinen Wein oder das, daran sich dein Bruder stößt oder ärgert oder schwach wird“.

An dieser Stelle wird nicht der Genuß einer Speise überhaupt verboten, sondern das Ärgernis, das daraus entstehen könnte; wie denn wirklich einige der bekehrten Juden Ärgernis daran genommen hatten, als sie sahen, wie die anderen auch solche Speisen aßen, die im Gesetz verboten waren. Diesen Anstoß wollte auch der Apostel Petrus vermeiden und wurde darum von Paulus nach dessen eigenem Bericht im Galaterbrief schwer getadelt und heilsam zurechtgewiesen. Dasselbe schreibt er den Korinthern: „Die Speise macht uns nicht besser vor Gott“ und wiederum: „Alles was feil ist auf dem Fleischmarkt, das esset … denn die Erde ist des Herrn und was drinnen ist“. Und an die Kolosser schreibt der Apostel: „So lasset nun niemand euch Gewissen machen über Speise oder über Trank“ und gleich darauf: „So ihr denn nun abgestorben seid mit Christus den Satzungen der Welt, was lasset ihr euch dann fangen mit Satzungen, als lebetet ihr noch in der Welt, die da sagen: du sollst das nicht angreifen, du sollst das nicht kosten, du sollst das nicht anrühren, welches sich doch alles unter Händen verzehret, und ist Menschengebot und Lehre“.

Satzungen dieser Welt nennt er die Anfangsstufen des Gesetzes, welche sich auf die äußerlichen Regeln des Fleisches beziehen, in deren Befolgung die Welt, das heißt ein bislang noch fleischliches Volk, sich anfangs übte, wie an einem Alphabet. Diesen Anfangsstufen, d. h. diesen Regeln des Fleisches sind die abgestorben, die Christo angehören. Sie bedürfen ihrer nicht mehr, da sie nicht mehr in dieser Welt leben, d. h. nicht mehr im Fleisch nach dem Sichtbaren trachten und Unterschiede machen in den Speisen und in anderen Dingen, indem sie sagen: rühret dieses und jenes nicht an. Solche Dinge können durch die Art und Weise, wie man sie gebraucht, der Seele zum Verderben werden, wenn man sie, um mit dem Apostel zu reden, angreift, kostet, anrührt; aber man kann sich ihrer auch in demütiger Gesinnung bedienen; „Menschengebot und Lehre“ soll heißen: Gebot und Lehre fleischlich gesinnter, das Gesetz nur in äußerlichem Sinn verstehender Menschen, nicht Lehre Christi und der Seinigen. Denn er hat seinen Jüngern, als er sie aussandte zu predigen, in Beziehung auf Essen und Trinken volle Freiheit gelassen, obwohl es gerade für sie besonders wichtig war, jeden Anstoß zu vermeiden. Wo sie gastlich aufgenommen wurden, da sollten sie leben wie ihre Gastgeber, und essen und trinken, was man ihnen vorsetzte. Paulus scheint indessen schon im Geiste vorausgesehen zu haben, daß man von dieser Vorschrift des Herrn, die zugleich seine eigene war, abkommen werde. Denn an Timotheus schreibt er: „Der Geist aber saget deutlich, daß in den letzten Zeiten werden etliche von dem Glauben abtreten und anhangen den verführerischen Geistern und Lehren der Teufel durch die, so in Gleißnerei Lügenredner sind, und verbieten, ehelich zu werden und zu meiden die Speise, die Gott geschaffen hat, zu nehmen mit Danksagung, den Gläubigen und denen die die Wahrheit erkennen. Denn alle Kreatur Gottes ist gut und nichts verwerflich, das mit Danksagung empfangen wird. Denn es wird geheiliget durch das Wort Gottes und Gebet. Wenn du den Brüdern solches vorhältst, so wirst du ein guter Diener Jesu Christi sein, auferzogen in den Worten des Glaubens und der guten Lehre, bei welcher du immerdar gewesen bist“.

Wenn man allein das äußere Werk der Enthaltsamkeit mit dem leiblichen Auge ansehen wollte, müßte man da nicht den Johannes und seine Jünger, die sich mit übertriebener Kasteiung quälten, über Jesus und seine Jünger stellen? Haben doch eben die Jünger Johannes, weil sie noch in der äußerlichen Werkheiligkeit der Juden steckten, Christum und die Seinigen getadelt und den Herrn selbst gefragt: „Warum fasten wir und die Pharisäer so viel und deine Jünger fasten nicht?“

In Erwägung dieses Gedankens macht der heilige Augustin einen Unterschied zwischen echter und äußerlicher Tugend und urteilt, daß durch rein äußerliche Werke kein besonderes Verdienst erworben werden könne. So sagt er in seiner Schrift „Über das Gut der Ehe“: „Keuschheit ist nicht eine Tugend des Leibes, sondern der Seele. Tugenden der Seele aber zeigen sich bisweilen am Körper, bisweilen bethätigen sie sich in der Gesinnung: so wird die Tugend der Märtyrer offenbar, wenn sie körperliche Leiden erdulden“. Weiter sagt er: „Hiob besaß schon vorher die Geduld, dem Herrn war sie bekannt und er legte Zeugnis davon ab, aber die Menschen lernten sie erst durch die Prüfungen und Heimsuchungen kennen, die er durchzumachen hatte“. Ferner: „Um aber ganz deutlich zu machen, daß die Tugend in der Gesinnung bestehen könne, auch ohne äußerlich sichtbares Werk, so will ich ein Beispiel anführen, das jeden Gläubigen überzeugen wird. Daß der Herr Jesus in Wirklichkeit gehungert und gedürstet, gegessen und getrunken habe, daran zweifelt keiner, der an das Evangelium glaubt. Stand er darum in der Tugend der Enthaltsamkeit von Speise und Trank vielleicht Johannes dem Täufer nach? Denn: ‚Johannes ist kommen, aß nicht Brot und trank keinen Wein, so sagten sie: er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist kommen, isset und trinket, so sagen sie: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund‘. Und nachdem er von Johannes und von sich selber dies ausgesagt, fügte er noch bei: ‚Die Weisheit ist gerechtfertigt worden durch ihre Kinder, welche sehen, daß es bei der Tugend der Enthaltsamkeit allezeit in erster Linie auf die Beschaffenheit des Herzens ankomme, daß sie sich aber je nach Zeit und Gelegenheit auch äußerlich bethätige, wie die Tugend der heiligen Märtyrer durch ihre Geduld im Leiden.‘ Darum ist das Verdienst des Petrus, der den Märtyrertod erlitten, nicht größer als das des Johannes, der nicht gelitten hat; auch hat sich Johannes, der nie verehelicht war, durch seine Enthaltsamkeit kein größeres Verdienst erworben als Abraham, der Kinder gezeugt hat: beide haben an ihrem Teil und zu ihrer Zeit Christo gedient, der eine im ehelosen Stand, der andere in der Ehe. Aber Johannes hat die Enthaltsamkeit auch äußerlich bethätigt, Abraham übte sie nur in der Gesinnung. Auf die Tage der Patriarchen folgte eine Zeit, in welcher durch das Gesetz jeder verdammt wurde, der in Israel keine Nachkommenschaft erzeugte; dennoch traf denjenigen nicht der Fluch des Gesetzes, der unfähig war, Kinder zu erzeugen. Nun aber ist die Fülle der Zeiten erschienen, wo es heißt: ‚Wer es fassen kann, der fasse es; wer da hat, der wirke Werke; wer aber nicht Werke wirken will, der sage nicht, daß er etwas in sich habe‘“. Aus diesen Worten geht klar hervor, daß vor Gott die tugendhafte Gesinnung allein ein Verdienst hat und daß alle, die an solcher Gesinnung einander gleich sind, und wären sie in Ansehung der Werke noch so verschieden, von Christus gleich belohnt werden. Darum sind alle wahren Christen so ganz mit ihrem inneren Menschen beschäftigt, ihn mit Tugenden zu zieren und von Fehlern zu reinigen, daß sie sich um das Außenwerk nicht oder wenig kümmern. So lesen wir auch von den Aposteln, daß ihr äußeres Gebaren, selbst als sie dem Herrn nachfolgten, so bäurisch und fast unanständig gewesen sei, daß es aussah, als hätten sie Ehrfurcht und Anstandsgefühl gänzlich vergessen. Scheuten sie sich doch nicht, beim Gang durch die Felder Ähren zu raufen, mit den Händen zu zerreiben und zu essen, wie Kinder, und auch mit dem Waschen der Hände vor dem Essen nahmen sie es nicht genau. Als sie aber deswegen von den Leuten der Unreinlichkeit gezeiht wurden, entschuldigte sie der Herr mit den Worten: „Mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt den Menschen nicht.“ Und er fügt gleich den allgemeinen Satz hinzu, daß überhaupt durch Äußerlichkeiten die Seele nicht befleckt werden könne, sondern nur durch das, was aus dem Herzen hervorkomme, nämlich arge Gedanken, Ehebruch, Mord u. s. w. Denn wenn nicht durch den bösen Willen die Seele vorher verderbt würde, so könnte das, was äußerlich mit dem Leibe geschieht, nicht Sünde sein. Darum heißt es ganz richtig, daß auch der Ehebruch und der Mord aus dem Herzen komme. Denn keine körperliche Berührung ist dazu nötig — nach dem Spruch: „Wer ein Weib ansiehet, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen“ und nach dem andern: „Wer seinen Bruder hasset, der ist ein Totschläger“. Andererseits bewirkt die bloße äußere körperliche Berührung oder Verletzung noch keineswegs das Verbrechen: ein Weib, das der Gewalt erliegt, wird niemand des Ehebruchs zeihen, so wenig wie einen Richter, der nach Recht und Gerechtigkeit einen Verbrecher zum Tode verurteilt, des Mordes. „Denn kein Mörder — steht geschrieben — hat teil am Reiche Gottes“.

Wir müssen also weniger darauf sehen, was geschieht, als darauf, aus welcher Gesinnung eine Handlung entspringt, wenn wir dem gefallen wollen, der Herzen und Nieren prüft und im Verborgenen siehet, der, wie Paulus sagt, „richten wird das Verborgene der Menschen laut meines Evangeliums“, d. h. nach der Lehre meiner Predigt. Darum ist auch die bescheidene Gabe der Witwe, die zwei Scherflein einlegte, die machen einen Heller, allen prunkenden Gaben der Reichen von dem vorgezogen worden, zu welchem wir sprechen: „Du bedarfst nicht meiner Güter“, und der die Gabe nach dem Geber beurteilt, nicht den Geber nach der Gabe, wie geschrieben steht: „Der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer“; das will sagen: er sah vorher an die Frömmigkeit des Opfernden und um deswillen, der es gab, war ihm das Opfer angenehm.

Wahre Herzensfrömmigkeit hat vor Gott um so höheren Wert, je weniger wir unser Vertrauen auf äußere Werke setzen. Darum schreibt auch der Apostel dem Timotheus, nachdem er in der oben geschilderten Weise den Genuß aller Speisen freigegeben, über leibliche Übung und Kasteiung folgendes: „Übe dich selbst in der Gottseligkeit; denn die leibliche Übung ist wenig nutz, aber die Gottseligkeit ist zu allen Dingen nütze und hat die Verheißung dieses und des zukünftigen Lebens“. Denn die fromme Ergebung in Gott erhält von ihm die Notdurft dieses Lebens und dereinst die Güter der Ewigkeit.

Aus diesen Zeugnissen sollen wir nichts anderes lernen als die christliche Weisheit; wir sollen, gleich Jakob, von den Tieren des Hauses unserem Vater eine Labung bereiten, nicht wie Esau draußen nach Wildbret fahnden und in jüdischer Art am Außenwerk hängen bleiben. So ist auch jenes Wort des Psalmisten gemeint: „Vor mir sind, o mein Gott, die Gelübde, die ich dir gethan, und ich will sie lösen, indem ich dich preise“. Nimm dazu noch das Wort des Dichters: „Suche dein Wesen nicht außer dir selbst“.

Viele, ja unzählige Aussprüche weltlicher und geistlicher Lehrer legen Zeugnis dafür ab, daß man sich um äußerliche und gleichgültige Dinge nicht gar sehr kümmern solle. Wo nicht, so müßten ja die Werke des Gesetzes und das nach dem Ausspruch des Petrus unerträgliche Joch seiner Knechtschaft der Freiheit des Evangeliums vorzuziehen sein, und dem sanften Joch Christi und seiner leichten Last. Christus selbst ladet uns ein zu diesem sanften Joch, zu dieser leichten Last: „Kommet her zu mir, ruft er, alle die ihr mühselig und beladen seid“. Darum hat auch der Apostel einige zum Christentum bekehrte Juden scharf getadelt, als sie dafür hielten, man müsse die Werke des Gesetzes noch beibehalten. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte sagte er: „Ihr Männer, lieben Brüder, was versucht ihr denn nun Gott mit Auflegen des Jochs auf der Jünger Hälse, welches weder unsere Väter noch wir haben mögen tragen. Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesu Christi selig zu werden, gleicherweise wie auch sie“.

Dich selbst aber, der du nicht bloß Christi Vorbild nachlebst, sondern auch seinem Apostel durch deine Klugheit wie durch deinen Namen gleichst, beschwöre ich: halte in den Forderungen äußerer Werke das Maß, welches durch die Rücksicht auf unsere schwache Natur geboten ist, damit wir uns um so mehr dem Dienste und Preise Gottes widmen können. Denn nachdem der Herr alle äußerlichen Opfer abgelehnt hat, empfiehlt er dieses ausdrücklich mit den Worten: „Wo mich hungerte, wollte ich dir nicht davon sagen; denn der Erdboden ist mein und alles was darinnen ist. Meinest du, daß ich Ochsenfleisch essen wollte oder Bocksblut trinken? Opfere Gott Dank und bezahle dem Höchsten deine Gelübde. Und rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten, so sollst du mich preisen“.

Wir reden nicht davon als wollten wir überhaupt die Anstrengung äußerlicher Arbeit verwerfen, soweit dieselbe notwendig ist; nur wollen wir das, was der leiblichen Notdurft dient und uns in der Verrichtung des Gottesdienstes hinderlich ist, nicht gar zu hoch schätzen; besonders da durch apostolische Autorität frommen Frauen gerade das zugestanden wird, daß sie mehr durch fremde Handreichung ihren Lebensunterhalt bestreiten als durch eigene Arbeit. Darum schreibt auch Paulus an den Timotheus: „So aber ein Gläubiger Witwen hat, der versorge dieselbigen und lasse die Gemeine nicht beschweret werden; auf daß die, so rechte Witwen sind, genug haben“. Unter rechten Witwen versteht er nämlich diejenigen, welche sich Christo geweiht haben, denen nicht nur ihr Mann gestorben, sondern denen auch die Welt gekreuzigt ist und sie der Welt. Diese haben ein gutes Recht darauf aus den Mitteln der Kirche, die gleichsam das Eigentum ihres himmlischen Bräutigams sind, unterhalten zu werden. Darum hat auch der Herr seine Mutter unter den Schutz des Apostels gestellt, nicht unter den ihres Mannes, und die Apostel haben sieben Diakonen, d. h. Diener der Kirche, eingesetzt, die den gläubigen Frauen Handreichung thun sollten.

Wir wissen zwar wohl, daß der Apostel in seinem Brief an die Thessalonicher einen Teil der Gemeinde, der sich einem müßigen, träumerischen Leben ergab, scharf verurteilt hat und auch die Regel aufstellte: „Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen“; auch ist uns bekannt, daß der heilige Benedikt, um dem Müßiggang zu steuern, Handarbeit vorgeschrieben hat. Allein saß nicht auch Maria einst müßig zu den Füßen des Herrn, um ihm zuzuhören, während Martha ihr und dem Herrn diente und mit einem gewissen Neid über die Saumseligkeit der Schwester murrte, welche sie allein des Tages Last und die Hitze tragen lasse? So sehen wir noch heute oftmals diejenigen, die mit äußerlichen Geschäften sich abmühen, murren, wenn sie denen mit der irdischen Notdurft dienen sollen, welche sich dem Dienste Gottes geweiht haben. Und oftmals beklagen sie sich über einen Verlust, den sie durch eine Gewaltthat erleiden, nicht so sehr, wie über das, was sie solchen müßigen Faulenzern, wie sie sagen, entrichten müssen. Und doch sehen sie, daß solche Leute nicht allein damit beschäftigt sind, die Worte Christi zu hören, sondern daß ihre Zeit auch mit dem Lesen und Singen derselben ausgefüllt ist. Sie vergessen, daß es, wie der Apostel sagt, nichts besonderes ist, wenn sie diejenigen mit dem Leiblichen versorgen, von denen sie geistliche Gaben erwarten, und daß es nicht mehr als billig ist, wenn die, deren Streben auf das Irdische gerichtet ist, denen dienen, welche sich mit dem Geistlichen beschäftigen. Darum ist diese heilsame Muße und Freiheit auch vom Gesetz selber den Dienern der Kirche eingeräumt worden: der Stamm Levi sollte keinen Teil an dem erblichen Landbesitz haben, um desto ungestörter dem Herrn dienen zu können; dafür sollten ihm Zehnten und Abgaben von der Arbeit der anderen zufallen.

Was Fasten und Enthaltsamkeit betrifft, die der Christ mehr den Lastern gegenüber üben soll als in Beziehung auf Essen und Trinken, so wird es sich fragen, ob es sich empfiehlt, hierin zu der kirchlichen Vorschrift noch weitere Forderungen hinzuzufügen, und dann soll man diejenige Verordnung geben, die für uns am besten paßt. Ganz besonders richte dein Augenmerk auf die gottesdienstlichen Verrichtungen und auf die Verteilung der Psalmen, und trage wenigstens in diesem Stück, wenn irgend möglich, unserer Schwachheit Rechnung. Wir wollen nicht jede Woche den ganzen Psalter durchmachen und so immer dieselben Psalmen wiederholen müssen. Auch der heilige Benedikt, der die Woche so einteilte, wie er’s für angemessen hielt, hat doch seinen Nachfolgern in diesem Punkt freie Hand gelassen, indem er sie ermahnt, eine andere Ordnung einzuführen, wenn sie sich mehr empfehlen sollte. Er war sich dessen bewußt, daß im Laufe der Zeit die Herrlichkeit der Kirche immer schöner sich entfalten werde und daß sie, anfangs gegründet auf ein unscheinbares Fundament, dereinst zum herrlichen Bauwerk sich erheben werde.

Das aber bitten wir dich vor allem festzusetzen, wie wir uns zu verhalten haben in Beziehung auf die Verlesung des Evangeliums und auf die nächtlichen Vigilien. Denn um diese Zeit Priester oder Diakonen zu solcher Verrichtung bei uns einzulassen, scheint mir gefährlich, da wir doch die Nähe und den Anblick von Männern peinlich meiden sollen, um uns desto aufrichtiger Gott widmen zu können und vor Versuchungen desto sicherer zu sein.

Dir, mein Geliebter fällt die Aufgabe zu, so lange du noch lebst, uns eine Regel zu geben, die für alle Zeiten bei uns in Geltung bleiben soll. Du bist ja doch nächst Gott der Gründer dieses Heiligtums, du warst durch Gottes Hand der Schöpfer unserer Gemeinschaft, du sollst jetzt mit Gottes Hilfe der Gesetzgeber unseres Ordens sein. Vielleicht bekommen wir einst nach dir einen andern Lehrer, der einen andern Grund legen und darauf bauen möchte. Wir fürchten, ein solcher möchte weniger für uns besorgt sein oder es möchte uns schwerer fallen, ihm zu gehorchen; auch könnte er vielleicht wohl den guten Willen, aber nicht die Kraft zum Vollbringen haben. Rede du zu uns und wir werden hören. Lebe wohl!

VII. Brief.
Abaelard an Heloise.

Geliebte Schwester! Deine Liebe verlangt in deinem und in deiner geistigen Töchter Namen Aufschluß über den Orden, welchem ihr angehöret und über den Ursprung des Standes der Nonnen: ich will dir so kurz und knapp als möglich darüber Auskunft geben.