Anmerkungen zur Transkription

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Fechsung

von

Peter Altenberg

S. Fischer, Verlag

Berlin 1915

Alle Rechte, besonders die der Übersetzung, vorbehalten

Non nascimur homines, sed crescimus!

Wir werden nicht geboren als Menschen, aber wir wachsen allmählich dazu heran!

Ein modernes Buch soll eine organische Verbindung sein einer einzelnen Menschenseele und einer Weltanschauung!

Ich schreibe das aktuellste, das persönlichste, das allgemeinste Buch: für alle, die da sind und sein werden! Nur nicht für die Gewesenen jeglicher Art! Pereant Seniles!

P. A.

INHALTSVERZEICHNIS

Nachtrag zu Prodromos [9]
Erlebnis [30]
Nester [31]
Entdecken [32]
St. D. [33]
Vergnügungslokal [34]
Moulin Rouge, „Venedig in Wien“ [34]
Karriere [36]
Verein Naturschutzpark [38]
Mimikerinnen [39]
Albert [40]
Mein Bruder [41]
Liebe [42]
Der Luxus von heute und seine Übertreibungen [42]
Meine Schwester [43]
Laotse: Der heilige Baum [45]
Wachsfiguren [46]
Meine andere Schwester [47]
Automne [49]
Venezianerinnen [50]
Ein Lied [51]
Venedig [52]
Venedig [53]
Onkel Emmerich [55]
Das Leben [56]
Onkel Max [57]
Brief an Grete Wiesenthal, die Tänzerin [58]
Frauen [59]
Stammtisch [60]
Italien [61]
Café Capua [61]
Die Kellerstiege [62]
Tschuang Tse: Der Glockenspielständer [65]
Plauderei [66]
Die Urgroßmutter [67]
Die Auffassung [69]
England [70]
Das Glasgeschenk [71]
Vanitas [72]
Ständchen [72]
Mein Fensterbrett [73]
Paulina [74]
Erziehung [75]
Reformationszeitalter [76]
Splitter [76]
Der „Feigling“ [82]
Tabarin [83]
Splitter [84]
55. Geburtstag [86]
Lyrik [87]
Der Tod einer Samariterin [89]
Die Stupiditäten der Vogel-Strauß-Politik [90]
Geistigkeit [92]
Apollotheater [93]
Splitter [95]
Semmering-Photogravüren [105]
Splitter [114]
Brief an eine junge Brasilianerin [114]
Splitter [116]
Kriegszeiten [126]
Sühne [126]
Dora 1 [127]
Dora 2 [128]
Dora 3 [129]
Zum Heldentode des Dr. Frank [130]
Der Vorfrühling [130]
Naturliebe [131]
Witz [132]
Plauderei [132]
Karoline [133]
Meine Schwester Gretl [134]
Krieg [134]
Meine Tränen [136]
Quod licet [137]
Signor Io [137]
Splitter [138]
Ausblicke [138]
Dilemma [139]
Romantik [140]
(Goethe!) Hermann und Dorothea [141]
Farbe [142]
Diätetik der Seele [143]
Splitter [144]
Schule des Lebens [144]
Theater und Krieg [145]
Philosophie [145]
Der letzte Wille eines deutschen Prinzen [147]
Briefwechsel zweier Freundinnen [147]
An die Frauen [148]
Schicksals tragischer Anfang [150]
Gedicht [150]
Man ermannt sich [151]
Plauderei [152]
Anna [153]
Der „Koberer“ (Kuppler) [156]
Weltenbummler 1914 [157]
Wissenschaft und Krieg 1914 [158]
Nach drei Jahren [159]
Liebesgedicht [159]
Christentum 1 [160]
Christentum 2 [161]
Platonisches Gespräch [161]
Die Fliege [162]
Splitter [163]
Liebesgedicht [167]
Revanche [168]
Die „unglückliche“ Liebe [168]
Variation über ein beliebtes Thema [171]
Parte [172]
An die Kokette [172]
Splitter [174]
Der Krieg [186]
Dankgebet [187]
Splitter [188]
Die Schuhpasta [190]
Philosophie [191]
Aus Maxim Gorkis Biographie [192]
Der Schigan [193]
Geselligkeit [193]
Kriegszeiten [194]
Kriegslied einer Fünfzehnjährigen [194]
Kondolenzen [195]
Friede [196]
Verfolgungswahn [196]
Über Mode [197]
Almosen [200]
Splitter [200]
Romantik der Namen! U 9 [201]
Ein Schicksal [202]
Die Liebe [203]
Splitter [204]
De Amicitia [206]
Kriegshymnen [207]
Reale Romantik 1914 [208]
Über die Anständigkeit [209]
Philosophie [210]
Beim Morgenkaffee [211]
Splitter [211]
Die „gewöhnliche Frau“ [214]
Religion [216]
Werdet einfach! [218]
Laotse, uralter chinesischer Philosoph [219]
Die „Taube“ [221]
Über Gerüche [222]
Moderne Architekten [223]
Werthers Leiden [224]
Du hast es so gewollt [225]
Prodromos [226]
Humanitas [227]
Sport [228]
Das Leben [228]
Das Testament [229]
Helfen [229]
Liebe zu Gegenständen [230]
Alma [231]
Der „rote Stadl“, Ausflugsort bei Wien [232]
Poeta [233]
Sappho [234]
Gerechtigkeit [235]
Splitter [236]
Gedicht der Lioschka [238]
La Rampa [239]
Die Kundschaft [240]
Altern [240]
Brief [241]
Der Esel [242]
Angst [242]
Die unentrinnbaren Bedürfnisse der Menschheit [243]
Die Tänzerin [243]
Gymnasium [244]
Jause [245]
Der Abschied [246]
Robert Mayer [246]
Landpartie mit der Fünfzehnjährigen [247]
Über das „Drahn“ [248]
Hochgeehrte gnädige Frau [249]
Porträtmalerei [250]
Bekenntnis einer schönen Seele [250]
Labedamen [251]
Die junge Gattin [252]
Der alte Hausierer [252]
Spaziergang im Herbst [253]
Ein schwarz eingerahmtes Bild in meinem Zimmer [254]
Verwundetenspital [254]
Das braune seidenweiche Muttermal [255]
Japan [255]
Krieg [256]
Geständnis [256]
Autogramme [257]
Idealer Pumpbrief [259]
Kaffeeküche [261]
Politik [262]
Selbstkritik d. h. also Selbstlob [262]
Das Theaterstück eines im Felde stehenden deutschen Offiziers [264]
Splitter [265]
Theaterkarten [267]
Splitter [268]
Sklavin [269]
Bannfluch [269]
Splitter [270]
Gespräch mit der wunderschönen Siebzehnjährigen aus Sarajewo [271]
Splitter [272]
Friedell [273]
An Pia Doré [274]

NACHTRAG ZU PRODROMOS

SIMPLEX VERI SIGILLUM!

Jeder Mann weiß ganz genau, welche Art von Nahrung sein geliebter Hund braucht, um „fit“ zu bleiben, wann, wo und wie er schlafen muß, kennt es ihm sogleich an, wenn ihm irgend etwas fehlt, ja, geht sogleich in zweifelhaften Fällen zum Tierhändler, zum Tierarzt. Aber von der geliebten, zartesten Frau sagt er: „Geht ihr denn was ab? Hat sie sich zu beklagen?! Na also!“ Er forscht nicht nach, sie hat leider die Sprache mitbekommen, sie, diese dennoch ewig Stumme und Verstummende! Von ihrer Ernährung, von ihrer Verdauung weiß er nichts, das weiß er nur von seinem Hunde. Auch kann er nicht wegen ihr zum Tierarzt gehen, leider. Auch zum Tierhändler nicht, denn er hat sie wahrscheinlich nur von einem Menschen erhandelt. Und den trifft keine Verantwortung.

*

Fasten: Wenn du deinem Leibe etwas weniger darreichst, als er benötigt, frißt er dir genial-freundschaftlich zuerst die krankhaften Gewebe und das überflüssige Fettgewebe weg. Herr Banting, Kaufherr, der Bauer Schroth, ahnten das. Aber die Ärzte päppeln dich auf wie das Mastvieh zur Viehausstellung, um von idiotischen Eltern, idiotischen Liebhabern, idiotischen Ehegatten belohnt und belobt zu werden!

*

Zu mager gibt es nicht, es gibt nur zu dick!

*

Die, die über mich lachen, werden später über sich weinen!

*

Ich bin nicht erstaunt, daß jemand, der abends geröstete Kalbsleber oder Nierndln frißt, mir meine geliebteste Geliebte wegnimmt! Bei weichgekochtem Reis hätte er diese Untat nicht vollführt!

*

Schmutzige und vor allem vorstehende Fingernägel (Krallen) sind unnötig. Belästigen wir unsere daran unschuldigen Nebenmenschen mit unseren notwendigen Unzulänglichkeiten, und verschärfen wir unsere ohnedies prekäre Situation, in jeglicher Beziehung, nicht noch durch unnötige Belästigungen der daran völlig unschuldigen Nebenmenschen!

*

Im Augenblicke, da eine geliebte Frau es uns traurig mitteilt, sie habe unideale Brüste, hat man es ihr bereits verziehen; ja, sie rührt uns dann eventuell desto mehr! Nur der Pfau, der mit bereits zerschlissenen Federn noch sein Rad schlägt, ist uns verächtlich!

*

Um gesund zu bleiben oder zu werden haben wir ganz einfach bei Tag und bei Nacht die Darmnerven zu schützen, die Magennerven, die Sexualnerven, die Gehirnnerven und die Herznerven. Und alle anderen Nerven obendrein. Freilich muß man auch Geld haben, keine Eifersuchtsqualen, und stets gerade die Frau, auf die man momentan „fliegt“! Basta.

*

Ein Mensch, auch wenn er nur eine Frau ist, muß nie ungezogen sein, nie taktlos sein, nie vorlaut sein, nie geschmacklos sein, nie roh sein, nie grausam sein, nie frech sein, nie unbescheiden sein, nie arrogant sein, nie habsüchtig sein, nie eitel sein, nie kokett sein, nie neidisch sein! Nein, wahrlich, das muß er nicht! Weshalb sind sie es also fast alle?! Weil sie keine Menschen, sondern „Menscher“ sind!

*

Bei allen Dingen, die man für seine Gesundheit, seine Entmaterialisierung, sein Leicht- und Unbeschwertwerden, unternimmt, muß man vor allem daran fast religiös glauben! Der Skeptiker, Pharisäer, Melancholiker ist verdammt, daß alles Unternommene ihm doch nichts nütze! Der Glaube an die Wahrheit versetzt Berge!

*

Symptome von Krankheiten, Haut-Ekzeme, beheben, statt auf die Ur-Ursache des Leidens tiefzubohren, ist ein feiges Manöver, für das die idiotischen Eltern, der idiotische Geliebte (meistens Gehaßte) oder der in Erwerbssorgen sich erschöpfende idiotische, angeblich liebevolle Gatte (er verdient das Geld) dem Arzt gern und dankbar bezahlen! Vogel-Strauß-Politik: man sieht nichts mehr von der Erkrankung. Nein, sie hat sich wegen schlechter Behandlung ins Innere zurückgezogen und lauert hier auf Rache in Form von künftigem Krebs usw.! Krankheit ist der Notschrei der beleidigten Natur! Halte ihr nicht den Mund zu! Wenn sie schon so gütig ist, zu schreien und um Hilfe dich anzuflehen!

*

Ich sterbe lieber an Diarrhöe als an Verstopfung. Wer das nicht versteht, versteht überhaupt noch nichts. Und vor allem wird er vorzeitig Gott sei Dank elend zugrunde gehen!

*

Hippokrates: „Je mehr ihr einen kranken Organismus ernähret, desto mehr schadet ihr ihm!“ Denn gerade zur Verarbeitung, Assimilierung fehlt ihm im kranken Zustande die nötige Kraft! Man frißt sich viel mehr zu Tode, als man sich zu Tode sauft! Alkohol ist ein sichtbares, erkennbares, spürbares Gift, aber die Wiener Mehlspeisen sind ein unkenntliches heimtückisches Gift, unter den verräterisch-appetitlichen Namen: Tatschkerln, Fleckerln, Wuchterln, Strudel, Erdäpfelnudel, Rahmstrudel, Dalken, Palatschinken, Omelette.

*

Ein Teufelssatz: Was einem schmeckt, kann einem nicht schaden! Richtiger ist, daß, was einem nicht schmeckt, einem nicht schaden kann, denn man läßt es eben stehen!

*

Die Katze ist, abgesehen von ihrer genialen Bewegungsanmut, ein Genie: sie heilt sich von jeder Erkrankung, sogar von Vergiftung, durch Aushungern!

*

Wir brauchen den Mann als ‚Wurzen‘,“ sagte eine ganz süß Aufrichtige. „Aber wieso er uns braucht, das ist mir ganz unverständlich!“

*

Ich entließ mein Stubenmädchen im Grabenhotel, Risa Schmied, mit folgendem Zeugnis, da sie es vorzog, die Privatwohnung des Grafen Kaltenegg zu betreuen: „Wenn Sie bei uns geblieben wären, hätte ich, als Junggeselle, den Tagen der Vereinsamung, des Alterns, der Krankheit ruhig entgegengeharrt, wie ein in Familienliebe Gebetteter! Nein, besser!“

*

Du wirst es mir doch nicht ins Gesicht sagen wollen, Selbstbetrüger, daß dir Austern besser schmecken als mir mit Hunger Gesegnetem dampfende Kipfelerdäpfel in der Schale mit Teschener Butter und Salz?! Gleich wird dich der „Krebs“ holen und die Leberentartung!

*

Rechnen ist so einfach; aber falsch rechnen, da kennt man sich dann gar nicht mehr aus.

*

Fett ist besser als Mehl und Zucker. Weshalb?! Man hört früher auf, weil es einem bald widersteht. Günstig ist alles, was sich einem von selbst bald mies macht! Also auch die geliebte Frau!

*

Ein „Pfleger“ sollte das Zarteste sein, aber er ist das „Roheste“! Nur Trinkgelder können ihn noch menschlich machen! Aussagen von „Pflegern“ Gehör und Glauben schenken, ist das feigste, infamste Verbrechen, das je Ärzte, Verwandte, Gattinnen, Freundinnen, Geschwister begangen haben!

*

Gefährlich sind nur die Dinge, die du auf die Dauer verträgst! Ein festes Verhältnis, die Ehe und Mehlspeisen! Fett und die Hure sind ungefährlich!

*

„Willst du nicht lieber noch auf das Glück des Hungers warten?!“ sagte der Papa zu seinem geliebten Kindchen. „Nein, Papschen, ich möchte lieber jetzt schon essen!“ Der Vater dachte: „Aus dir wird auch kein Genie!“

*

Einem Patienten, der unter deiner Obhut steht, um acht Uhr abends ein ausgiebiges Schlafmittel verabreichen, Paraldehyd 20 Gramm, während im Nebenzimmer einer laut betet und Gott und die Welt zu Zeugen für irgend etwas anruft und mit Ermordung aller Schuldigen droht, ist ein feiges Verbrechen von Ärzten und Pflegern! Schlafmittel haben Nachtruhe zu garantieren, sonst sind sie ein Gift, ein wissentlicher Mord!

*

Meine „Pfleger“ Franz Pfleger und Josef Hennerbichler waren Genies der Menschenfreundlichkeit, wie Beethoven ein Genie der Töne. Aber die andern sollte man alle chinesisch foltern für ihre geheimnisvollen Verbrechen, die sie vollführen und die selbst durch Trinkgelder nicht immer verhindert werden können, am wenigsten aber durch die kontrollierenden (ha, ha, ha, ha!) Ärzte, vulgo „ich kenn mich nix aus“!

*

Der Patient einer Anstalt ist der „schreckliche Mensch“, der den Arzt Tag und Nacht hindert, ein ungestörtes ödes und friedlich-sattes Familienleben zu führen!

*

Ich leide an Ekzem, Hautausschlag, Pusteln, heißt: mein Körper hat die Gnade, mir es mitzuteilen, daß etwas in ihm versteckt tief drinnen nicht ganz in Ordnung ist, und er macht mich daher gnädig bittend aufmerksam, durch äußere Anzeichen, daß drinnen etwas Bösartiges sich ereigne. Wenn ich aber die getreuen Sendboten dieser Meldung, Ekzem, Hautausschlag, Pusteln, vertreibe, vernichten lasse durch Salben, dann bin ich ein gottverlassener Ochs, der der Bestrafung durch ein gerechtes Schicksal nicht entgehen wird!

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Wenn die Frauen es einsähen, daß Fasten eine Verjüngungskur sei, würden sie sich zu Tode fasten!

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Hast du schon auf der Wiese, auf der Alm den Duft frischen Kuhdüngers gespürt?! Er gehört gleichsam zum Duft der Erde und der Gräser! Die Kühe haben nicht das Glück, von Menschen-Almen dasselbe zu behaupten! Aber sie werden es einst! Hoffentlich!

*

Genieße erst eine Frau, bis dich die Sehnsucht nach ihr verzehrt! Auch hier gilt das Sprichwort: Hunger ist der beste Koch!

*

Professor Sandouzy: La sur alimentation n’est que de la sur intoxication! (Vergiftung.)

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Belästigen Sie mich nicht mit den Konfidenzen Ihrer geistig-seelischen Komplikationen! Essen Sie ausschließlich Hafergrütze, Pommes cheeps (in dünnen Scheiben geröstete Salzkartoffeln), Eidotter, Spinat, Spargel, Gervais, schlafen Sie zwölf Stunden bei weit geöffneten Fenstern, nehmen Sie morgens nüchtern einen Eßlöffel voll Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae) — — — und dann wollen wir weitersprechen über Ihre merkwürdigen seelisch-geistigen Komplikationen! Aber zuerst muß die Maschinerie in Ordnung sein! Verstanden?!

*

Nach überstandenem Typhus verjüngt man sich, wenn man eben nicht zufällig daran gestorben ist, bloß darum, weil man in der glücklichen Lage war, sechs Wochen und länger nichts essen zu müssen, zu können! Die Auffassung von Glück ist eben verschieden; ja, die eine ist richtig und die andere unrichtig, die eine ist anständig, die andere ist unanständig, die eine ist eine Weisheit und die andere ist eine Stupidität! Verschwenden ist unrichtig, unanständig und stupid. Ohne tiefste Anhänglichkeit eine Frau genießen wollen, ist unrichtig, unanständig und stupid. Weshalb aber?! Weil sich alles mehr rächt, als es dir Genuß bereitet hat, Esel! Wenn es umgekehrt wäre, hättest du recht, und ich wär der Esel! So aber bist du es!

*

Hunger ist nicht nur der beste Koch, sondern auch der beste Arzt!

*

Bei Überreichung einer weißen Ledertasche mit eingesetzten grünen und rostroten und lila Lederfleckchen, an einem schwarzen dicken Seidenkordon, für Paula-Ju-Ju: Der Wert einer Sache ist eben nicht ihr Geldwert, sondern immer nur der Grad der inneren Kultur des Beschenkers: sein vornehm-exzeptioneller Geschmack! Nie dürfte mir eine Freundin, wenn ich reich wäre, den Schmuck tragen, den diese reichen Unkultivierten schenken! Eine große schwarze Perle ist — — — groß und schwarz, aber schön ist sie nicht. Sie erweckt nur Neid und Eifersucht, ist also ein Geschenk Satans an eine Teufeline!

*

Reine Hände und Füße sind gewiß notwendig und angenehm, aber noch viel, viel notwendiger und angenehmer ist ein reiner, gründlich gereinigter Darm!

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Ihr nehmt parfümierte Seifen zu zwei, drei, fünf Kronen. Aber ein Eßlöffel von Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae) würde euch viel reiner und appetitlicher, froher und leichter machen, nämlich von innen heraus!

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Ich bin fest überzeugt, daß Jago, Franz Moor, Macbeth, Mephisto, Hamlet, Wallenstein an Verstopfung litten!

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Das Überflüssige und das Notwendige — — — Hölle und Paradies!

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Die „Jungfrau von Orleans“ hat nie menstruiert. Die dadurch ersparten Lebensenergien verwendete sie, um Frankreich zu erretten!

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Das tiefste Verbrechen der Ärzte in den Sanatorien ist, Schlafmittel nicht restlos ausschlafen zu lassen, Melancholiker zur Nahrungsaufnahme mit Gewalt zu zwingen; reiche Mäzene sollten Prämien aussetzen für ideale, gutmütige, verständnisvolle Pfleger!

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Der Geist ist die notwendige unentrinnbare Folge des Leibes. Wie das Licht der Lampe die Folge von Docht, Petroleum, Luft ist. Rußen tut nur der Leib; der schlimme Geist, das trübe Licht ist eine Konsequenz des ungepflegten Leibes! Der Geist brennt immer gern klar, wenn Docht, Lampe, Luft nur richtig sind! Es gibt keine „Ausnahmen“. Ausnahmen entstehen dadurch, daß man gewisse Ursachen nicht erschauen kann, obwohl sie vorhanden sind! Eine Ausnahme ist eben einer, dessen Ursache man nicht kennt!

*

Es gibt nur eine Wahrheit, unter verschiedenen Namen. Siede alle Religionen, alle Philosophien der Welt in einem Weisheitskessel aus, und es bleibt ein allgemeingültiger gleicher Extrakt übrig!

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Jeder bedauert seine weisen Erkenntnisse. Wahrscheinlich sind sie eben weder genug weise noch genug Erkenntnisse!

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Banting war ein Kaufherr, Ludwig Kornaro ebenfalls, Schroth war ein Bauer, Prießnitz ebenfalls, Fletscher ist ein Millionär und Altenberg ist ein Dichter. Aber die Ärzte sind — — — Ärzte!

*

Es gibt zwei Dinge, an denen man, bei völliger leiblicher Gesundheit, zugrunde gehen kann; unglückliche Liebe, Eifersucht und Geldkalamitäten. Das sind ja schon drei Dinge. Es wird also jedenfalls noch mehr geben.

*

Anklagen erheben gegen die verbrecherische Stupidität in Sanatorien ist zwecklos. Die Ärzte verstehen nichts, und die Pfleger sind Leute, die ihren Beruf als Fleischer und Gefängniswärter verfehlt haben! Ich erkläre jeden Menschen, der in gutgemeinter Absicht einen lieben Verwandten usw. usw. einem Sanatorium zur Pflege überantwortet, für einen wissentlichen Meuchelmörder! Nein, für ein Rindvieh erster Klasse! Ihr Leitmotiv ist: „Sollen die Ärzte ihr Leid an ihm erleben! Ich kann keine Rätsel auflösen, er sagt, er könne ohne die Anna absolut nicht leben! Kann man ohne eine Anna nicht leben, wenn ein geliebter?! Vater dagegen ist?! Marsch, ins Sanatorium! Dort wird man dir ‚die Anna‘ schon austreiben!“

*

Nichts ist leichter, als erkannte Wahrheiten predigen. Aber sie nicht zu predigen ist eine feige Gemeinheit!

*

Wüste, Steppe, Sümpfe in gesundes Ackerland verwandeln! Aber einige Hypokriten weinen um die verlorengehende Romantik dieser Gegenden!

*

„Sie wollen nicht essen, mein Herr, weil Sie verzweifelt sind, melancholisch sind, der Nahrung nicht bedürfen?! Na, wo ist denn der Gummischlauch, durch die Nase in den Magen?! Da wird Ihnen die Verzweiflung schon vergehen, bei einer anderen!“

*

Es gibt Pfleger, die „Bauchredner“ sind, und daher jedem Unglückseligen das „fremde Stimmen hören“ beibringen können! Ob sie von den „Beteiligten“ dafür bezahlt sind, weiß man nicht!

*

Gebt ihnen nicht das Wissen! Gebt ihnen den Glauben an das Wissen! Siehe, das kann man aber eben nur den Gläubigen! Denn in ihren Herzen ist bereits das Wissen, wenn es auch noch nicht ins Gehirn hinaufgedrungen ist. Sie wissen, mit ihrem gläubigen Herzen! Aber die, so weder mit dem Herzen noch mit dem Gehirne wissend werden können — — — sie sollen unerlöst bleiben ewiglich und verdammt — — — zu innerer Unrast, Unfreiheit und Bösartigkeit!

*

„Mein Herr, es ist leichter zu predigen, als es besser zu machen!“ „Ja, aber es schlechter machen und das Bessere nicht einmal zu predigen, das ist eine Infamie!“

*

Arzt sein heißt, die Natur in ihren genial weisen Plänen unterstützen und es verhindern, daß man ihre geheimnisvolle Rekonstruktionsarbeit störe! Unterstützungen der Natur sind: Restloser Schlaf bei weitgeöffneten Fenstern mit Ohropax (Watte-Wachs-Kugeln) in den Ohren. Rhamnin (Cortex Rhamni Frangulae) ein Eßlöffel vor dem Frühstück. Bestäuben der ganzen Haut mit Eau de Cologne oder Menthol-Franzbranntwein vermittels einer großen Parfümspritze, Vermeidung jeglichen Ärgers (Krebs der Seele, es frißt weg!). Leichtest verdauliche Nahrung: Weichgekochter Karolinenreis, Gervais mit Salz, junger Camembert mit Salz, harte Eidotter mit Salz, Joghurt, saures Oberes, Pularde, Chapon de Styrie, Sterlett, Branzino, Spinat.

*

Nicht trinken dürfen, wenn man durstig ist, gehört zu den scheußlichsten ärztlichen Verordnungen. Freilich kannst du den Durst mit fünf Eßlöffel voll Wasser oft löschen!

*

Suppe verdünnt den Magensaft. Mehr braucht man darüber nicht zu sagen!

*

Die meisten Bedürfnisse sind nur Ungezogenheiten!

*

Kopiös frühstücken heißt, die im Schlafe gewonnenen Lebensenergien sofort für die Verarbeitung völlig überflüssiger Nahrung verschwenden! Das Frühstück hat ein Kultivierter nur zu markieren!

*

Schlafmittel müssen restlos ausgeschlafen werden! Sonst wenden sie sich gegen den Organismus. Bei Schlafmitteln zu einer bestimmten Zeit geweckt werden ist ein heimtückischer Nervenmord! Siehe: Sanatorien mit gemeinsamen Schlafräumen!

*

Schöne Frauen, seid nackt unter euren Kleidern! Dieses Reizmittel ist von der Hygiene geheiligt! Keine Strümpfe, seidene Socken! Keine Höschen! Der nicht abgehärtete Mensch ist noch kein Mensch!

*

„Hast du mich denn aber wirklich auch ein bißchen lieb, Anna?!“

„Liebster, wie könnte ich denn sonst die vielen schönen teuren Geschenke von dir annehmen?!“

*

Eine kultivierte Frau sein heißt ganz einfach, die Milliarde unserer Lebensenergien noch um eine Milliarde vermehren!

*

Dies, siehe, ist vom Teufel: Rohe Eidotter sind gesund, aber fad!

Wie kann etwas fad sein, das gesund ist?!

Gesundheit ist das größte Amüsement!

*

Wenn ihr wüßtet, wie spielend leicht der heilige Magensaft püreeförmige Speisen durchdringt und verarbeitet, verdaut, und wie mühselig feste Stückchen — — — wenn ihr es wüßtet! Aber ihr wißt nichts, zu eurem Verderben!

*

„Ich hab noch an guten Magen!“

Noch!

*

Die Geschmacksnerven müssen durch die Intelligenz ersetzt werden! Die meisten essen nach ihrem Geschmack!

*

Wir sollten nicht so sehr lang leben als kurz sterben wollen!

*

Unsere „Apparate“ haben eine himmlische Nachsicht. Sie verzeihen uns jahrelang alle unsere Infamien, Unanständigkeiten, Stupiditäten, die wir begehen. Aber endlich remonstrieren sie — — — mit Krankheit! Da sollten wir doch endlich weise aufmerksam werden! Nein, wir rennen zum Arzt!

*

Später ist zu spät!

*

Stoff wechseln! Aber nicht nur außen, Batisthemd und seidene Socken, sondern innen, innen! Die innere Wäsche wird gewaschen durch „Verbrennen mit Sauerstoff und Purgieren“! Ihr aber: außen hui, innen pfui!

*

Ich sehe eine Säuferleber und saufe dennoch! Ich sehe eine dicke Frau und heirate dennoch!

*

Vom Geist, von der Seele aus wollt ihr repariert werden?!? Nein, die Maschinerie muß repariert werden! Man denkt anders, man empfindet anders nach Bohnenpüree wie nach Bohnen mit der Schale!

*

Man sollte jede ungezogene, lieblose, hartherzige Frau fragen, was sie denn am Abend vorher supiert habe?! Sagt sie: „Bries mit Spinat,“ dann bist du verloren! Gib jede Hoffnung auf! Aber sagt sie: „G’selchtes mit Knödel“, dann rate ihr zu: „Bries mit Spinat!“ Ein letzter Versuch!

*

Ich kann mir leider auf nichts mehr einbilden, seitdem diese dummen alten Griechen das Wort geprägt haben: „Mens sana in corpore sano!“ Und außerdem waren es sogar Lateiner!

*

Iß schön deine Suppe! ist genial-richtig gesagt. Denn die Suppe muß die Konsistenz einer dickflüssigen Speise haben, sonst verdünnt sie dir nur deinen wertvollen Magensaft, den du doch, wie du nicht weißt, zu Wichtigerem brauchst!

*

Auch „Arteriosklerose“ kann man für zwanzig Jahre besiegen, wenn man rechtzeitig weiß, daß man sie hat! Nur „nicht wissen wollen“, ist eine irreparable Sünde!

*

Sich wiederholen?! Ja, man wiederhole: 2 und 3 macht 5!

*

Napoleon I. soll von einer wunderschönen Frau, die ihn fast mystisch verehrte, gesagt haben: „Qu’elle se déshabille!“ Es gibt aber entgegengesetzte Naturen, die in einem solchen Falle mit ebensolcher Berechtigung sagen könnten: „Qu’elle ne se déshabille pas!“

*

„Wann soll man also eigentlich essen, Herr von Altenberg, nach Ihrer Ansicht?!“ Erstens lassen Sie das „von“ aus, zweitens ist es nicht meine Ansicht, sondern die der Natur selbst, und drittens: Bis dir der Gedanke an eine alte Brotrinde das Wasser im Munde sozusagen zusammenlaufen macht!

„Herr von Altenberg, ist es in ‚sexuellen Dingen‘ vielleicht ebenso?!?“ „Ja, ganz ebenso!

*

Der Sokrates hat den „Giftbecher leeren“ müssen wegen seiner Ansichten über das Leben, mich laden sie wegen meiner Ansichten zu „Champagner“ ein. Jedenfalls eine angenehmere, wenn auch langwierigere Todesart!

*

Eine schreckliche und gefährliche Erkrankung für junge Mädchen ist: Ewige Dezentralisation durch „Amüsements“. Da kann sich nämlich nichts im Innern langsam organisieren, wenn man es immer durch Äußeres stört oder unterbricht! Mütter sind daher schamlose Verbrecherinnen, die darüber erfreut sind, daß ihr Töchterchen immer erfreut ist! „Sie ist kopfhängerisch“ würde natürlich bedeuten: „Sie ist wertvoll!“ „Sie ist lustig“ bedeutet natürlich: „Sie ist flach und wertlos!“

Wollt ihr nicht endlich, Betrüger und Selbstbetrüger, diese verlogenen Ausdrücke: „Liebe“, „Freundschaft“ durch die heiligen Worte ersetzen: „Weise Erkenntnis“?! Niemandem nämlich kannst du nützen wie durch weise Erkenntnis seiner Bedürfnisse! Mutterliebe, die das geliebte Töchterchen aus dem heiligen wertvollen, ja unentbehrlichen Morgenschlaf in das Leben hineinzerrt, ist Mutterhaß! Mütter maßen sich Erziehungsintelligenz an, weil sie konzipiert und geboren haben, zwei Vorgänge, die mit dem „Geist“ nichts gemeinsam haben!

*

Vom „Geist“ aus müßt ihr göttlich werden können, das heißt gerecht, gütig und wahrhaftig, ihr Lügetiere! Es gibt keinen Ehrentitel: Mama, man muß sich ihn erst redlich verdienen!

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Melancholiker (und welcher Kranke wäre keiner?!) in Sanatorien, wo man sowieso in gedrücktester, verzweifelter Stimmung sich befindet, zu normaler Nahrung und Einhaltung von Speisestunden zu zwingen, zumal mit Androhung künstlicher Ernährung durch den Nasenschlauch, ist eine verbrecherische Stupidität, die überall im sogenannten aufgeklärten Europa, inmitten der Kontrolle?! der bürgerlichen Gesellschaft ausgeübt wird, die sich über sibirische Gefängnisse jedoch angenehm skandalisiert! Pfui Teufel! Ihr jesuitischen Feiglinge!

Melancholisch Bedrückte, Stoffwechsel-Verlangsamte, Brütende, Trauernde kommen mit einem Minimum von einem Minimum von Nahrung aus (drei Gläser Joghurt, drei rohe Eidotter mit Salz in Suppe gesprudelt, Milchkaffee, Biskuit). Das Wort „essen“ ist in Mostschädel, Idiotengehirne eingenistet, aber das Wort „verdauen“ begreifen sie nicht! Denn sie verdauen tatsächlich alles, was sie fressen, diese Gesundheitsviecher! Und gerade diese Untiere sollen die Abnormalen, die Kranken, verstehen?!? Die Kranken sollten die Gesunden internieren, damit diese an ihnen keine Gemeinheiten begehen können! Ich sah einen vormittags Bratwürstchen mit Rotkraut verzehren, infolgedessen gab ich den Verkehr sogleich mit ihm auf. Da kann nichts Gutes herauskommen, bei dieser verbrecherischen Lebensführung!

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Wenn ich die Leute in den Sanatorien so Revue passieren lasse — — — lauter nette, feine, gescheite, ruhige, anständige Menschen! Was macht es, daß sich einer für einen Kaiser hält und eine für eine Fürstin?! Alle sind ganz normal, bis auf eine kleine, unscheinbare, fixe Idee. Aber draußen, draußen im Leben, da ist ein jeder voll von fixen Ideen! Der eine hat Ehrgeiz, wozu, weshalb?! Der andere will von einer geliebt werden, die ihn nicht ausstehen kann. Einer stirbt vor Eifersucht wegen einer, die es nicht einmal verdiente, daß man sich ihren Namen, viel weniger ihre Adresse merke. Einer hofft, ewig begehrenswert zu bleiben; eine, ewig taufrisch! Einer glaubt etwas zu sein, weil eine, die nichts ist und noch weniger, auf ihn „fliegt“! Einer läßt sich ein hellblaues Samtgilet machen mit grünen Glasknöpfen. Einer zahlt einer ein Kalbsfilet mit Spargelspitzen und ist überzeugt, bei ihr eine Eroberung gemacht zu haben. Ein anderer zahlt noch mehr und ist noch überzeugter! Die begehrten Frauen fühlen sich wie in einem Irrenhaus. Nur die begehrenden Männer nicht. Die sind zu borniert dazu. Die nehmen alles ernst. Eine junge Dame sagte zu mir: „Daß wir die Männer brauchen, das begreife ich! Als idiotische Wurzen! Aber wozu sie uns brauchen, das kann ich nicht begreifen!“

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Lukullus-Diner: Soupe Crême d’orge; Asperges de Eibenschitz et Pudmeritz; Bries gratiné sauce Parmesan; Zanderfilets, sauce pomo d’oro salée; Crême de framboises; poires bonne femme; Gervais, Camembert, Roquefort, Chester; Café au lait; Kurfürstlicher Magenbitter „Danziger Lachs“; das Recht, seiner schönen Nachbarin, vom servierten Kaffee an, ganz sachte und zart die Hand auf ihr Knie legen zu dürfen!

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Eine angezogene Frau hasse ich wegen ihrer Kompliziertheit, und eine ausgezogene wegen ihrer Primitivität! Wenn man einmal eine angezogene Frau fände, die man sich nicht ausgezogen wünschte, und eine ausgezogene, die man sich nicht angezogen wünschte! — — — Das wäre das Glück!

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„Herr Peter, was spricht man denn stundenlang mit dieser Person, ein so intelligenter Mensch, was Sie sind?!?“

„Dasselbe, was man mit der Antilope spricht, der Gazelle und dem Kolibri! Man bewundert sie!“

Langweilen Sie sich nie mit ihr?!“

„Nein, sie mit mir!“

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Wenn ich sogar mit Beethoven beisammen sitze, so schaue ich doch unwillkürlich, ob er kurzgeschnittene ganz reine Fingernägel habe! Später erst sage ich mir beschwichtigend, er habe die IX. Symphonie gedichtet.

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Eine Frau muß absolut einen nach süßen Mandeln duftenden Atem haben! Diese Tragödie müßte man einmal schreiben, wo eine Frau sämtliche herrlich tiefen Eigenschaften einer wertvollsten Frau habe, und nur einen unidealen, wenn auch noch nicht ganz schlechten, Atem! Aber dazu sind unsere Dichter zu wenig — — — Dichter! Die halten noch bei den Komplikationen der Seele, ha ha ha ha!

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Treue ist ein Wort, das die Männer wegen bequemer Selbsttäuschung und die Frauen wegen Geld erfunden haben!

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Nur die sehnen sich nach dem Unbewußten zurück, denen das Bewußtsein nur die Erkenntnis gebracht hat, daß sie Esel waren und geblieben sind!

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Beweis für „begehrenswert“ sein, ist nur, wenn man mit einer bestimmten Dame lieber als allein in die „Meistersinger“ ginge, lieber mit ihr als allein eine Dolomitentur machte, lieber mit ihr als allein sein Geld ausgeben möchte! Die anderen Anzeichen von „begehrenswert“ sind ungültig!

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Deine allererste Enttäuschung an einer geliebten Frau sei auch immer sogleich deine allerletzte! Glaube ja nicht an Zufälligkeiten! Sie ist stets ein wohlgeordnetes logisches Mistvieh!

ERLEBNIS

Der Dichter an das wunderschöne Mädchen Eva Fâren im „Grand Gala“, Weihburggasse:

„Sie sagten den ganzen Abend zu mir: ‚Herr Professor‘. Ja, ich bin einer. Ich lehre die Menschen nämlich seit siebzehn Jahren in meinen Büchern immer dasselbe: Seele zu bekommen! Aber die meisten bekommen nie eine. Es gibt so viele unaufmerksame und untalentierte Schüler in meiner ‚Klasse der Menschheit‘. So wie in jedem Gymnasium. Nur wenige machen einem Freude, einige plappern mechanisch nach. Aber deshalb muß man dennoch es ununterbrochen versuchen, ihnen eine Seele, wenn auch sehr allmählich, beizubringen, selbst sogar, wenn sie eine solche unbequeme gar nicht besitzen wollen, und sogar es glauben, daß es sie in ihrer sonstigen ernsten Beschäftigung empfindlich störe! Ihnen freilich, allerzarteste Persönlichkeit, allerlieblichste Schönheit, braucht man nichts mehr beizubringen! Sie haben die Seele vom Schicksal mitbekommen, diesen Leitstern in den Wirrsalen eines schönen Frauenlebens! Alles, alles an Ihnen ist eigentlich nichts anderes wie „verkörperte Seele“; Seele, die ein Obdach gefunden hat in einer zarten Hülle! Alles an Ihnen ist zart, fein, nobel, unirdisch; jede Ihrer Handbewegungen, Ihrer gebrechlichen Finger, jeder Blick Ihrer Augen, der Timbre Ihrer ausländischen Stimme und die kindlich-edle Art Ihres Tanzens! Sie können, Sie wollen niemanden kränken; und wenn Sie es tun, tut es Ihnen sogleich unbedingt wieder schrecklich leid. Sollten Sie mir jedoch erwidern, daß ich mich leider irre, und daß Sie die Männer nur aussackeln und ausnützen wollen, so werde ich, ohne zu zögern, es Ihnen ins Gesicht sagen: ‚Ja, aber nur die, die kein anderes Schicksal verdienen!‘“

NESTER

Jeder Vogel hat sein Nest, ihm eigentümlich und von allen anderen unterschieden. Man erkennt es im Wald von weitem, sagt, hier wohnt eine Meise, hier ein Stieglitz, hier ein Nußhäher, hier ein Rotkehlchen, hier ein Dorndreher, hier eine Amsel! Aber bei den Menschen sagt man: „Das hat ihm Herr A. L. eingerichtet!“ Oder Herr H. oder Herr B.! Habt ihr denn keine Nestinstinkte mehr, Menschen, also keine Nestgenialitäten mehr?! Habt ihr keine Lieblingstapete, kein Lieblingsholz, keine Lieblingsfarbe?! Dann, dann schämt euch vor den Vögeln des Waldes, die zu ihrem heiligen, praktischen und idealen Nestbau keines modernen Architekten bedürfen!

ENTDECKEN

„Heute besuchte mich um fünf Uhr abends im Café die ‚vollkommenste Frau‘ dieser Erde! Fräulein G. L.“

„O, die habe ich schon zwei Jahre vor dir auf dem Lido, Hotel Exzelsior, entdeckt. Bilde dir also darauf nur nichts ein!“

„Entdeckt, entdeckt?! Wie hast du das bewerkstelligt?! Worin hat sich dein Entdecken geäußert?!?“

„Geäußert?! Es hat sich ganz einfach darin geäußert, daß ich sie gesehen habe, in ihrem seidenen Badetrikot mit dem roten Lackgürtel, und entzückt war über ihre Vollkommenheit!“

„Das also heißt du: entdecken!? Du hast es bei dir behalten, hast deine Begeisterung hinuntergeschluckt, die andern absichtlich nichts davon merken lassen, vor allem jene Frau nicht, mit der dich zu verhalten dein elender feiger Selbsterhaltungstrieb dich zwingt! Du hast nichts für diese entdeckte Vollkommenheit getan, hast schief weggeschaut von dieser Pracht, die dir deine armseligen Kreise nur stören könnte! Weißt du, was das heißt: entdecken?!? Entdecken heißt ein Tamtam schlagen für eine, daß alle unbedingt aufhorchen müssen; es heißt: sich für sie einsetzen, so daß alle andern bleich werden, krank und giftig-bösartig; schreien, weinen und dichten, alle andern verleugnen, demütigen, auslöschen und vernichten! Das heißt: Eine Besondere, Einzigartige, Vollkommene entdecken!“

„Peter, du bist der Ausrufer in der Praterbude des Lebens! Dazu gibt sich nicht ein jeder her. Es ist ein Beruf wie ein anderer. Aber die Nerven muß man dazu haben. Du hast sie!“

„Es heißt, die Blinden sehend machen, die Tauben aufhorchend, die Stumpfen fühlend, die Geizigen verschwenderisch! Es heißt, es unbedingt riskieren, daß diese entdeckte Göttin sich denen zuwende, die ohne dich sie nie, nie „erkannt“ hätten. Es heißt, dich von ihr allzubald mißhandelt und beiseite gestellt zu sehen, diese einzige Dankbarkeit, die die Entdeckte dir zu spenden hat! Entdeckerschicksal haben, schmähliches, das heißt: entdecken!“

ST. D.

Er wußte, daß ihr brauner Leib

(er liebte jedes Härchen ihrer dunklen Achselhöhlen,

die er ein einziges Mal bei ausgestrecktem Arm und

weiten Seidenärmeln erblickt hatte),

er wußte, daß ihr brauner Leib

in Zärtlichkeiten triefte bei dem andern.

Dies nahm er als unabwendbares Geschick,

wie Verarmung, Krankheit, Sterben.

Ja, es erzeugte sogar der süßen Selbstlosigkeit

bittere Wollust.

Er war gewappnet, stand, ein düsterer Ritter, an

den schweren Toren ihrer leichten Seele.

Doch als sie dem dritten aus seinem Wermutglase

den Zwiebackbrocken mit den Fingern fischte,

und jener den so geheiligten Wein ihr zutrank,

da wurde er entwaffnet, zog sich zurück von seinem

gefahrvollen Posten am schweren Tore ihrer leichten Seele,

ging langsam die weiße Landstraße hinab, und seine

Schritte zogen müd dahin.

VERGNÜGUNGSLOKAL

Im „Tabarin“ gaben die Herren an Blumen aus für das Fräulein Paula:

Lila gefüllte Nelken: 20 Kronen.
Ceriserote Rosenknospen: 30 Kronen.
Mimosa pudica, Büsche: 10 Kronen.
Weiß-grüne Schneeballen, Büsche: 10 Kronen.

„Der Diener soll mir’s ins Auto nachtragen, gib ihm 3 Kronen! Aber vorn, daß die Leut es sehn!“

Am nächsten Morgen sagte das aschblonde wunderbare siebzehnjährige Küchenmädchen zu mir: „Schneeglöckerln gibt’s schon, Jessas, wie bei uns in ‚Steinhaus‘, beim Waldsumpf, aber teuer sein’s noch, 30 Heller das Büscherl!“

MOULIN ROUGE, „VENEDIG IN WIEN“

Lieber Baron!

Ich verdanke Ihnen eine reizende friedvolle „Drahnacht“ mit zwei ausgezeichneten vornehmen, überaus menschlich feinen Amerikanerinnen, Tänzerinnen. Sie haben mir in selbstlosester Art die ganze „Regie des Abends“ überlassen, und ich hoffe, daß es Sie nicht mehr gekostet hat, als das Vergnügen Ihnen wert war. Besonders die Fahrt des Morgens in den Donauauen war märchenhaft! Die Damen waren unbedingt zufrieden in unserer Gesellschaft, und nirgends befand sich ein „trüber Beigeschmack“, der doch überall leicht durch ein „Nichts von einem Nichts“ sonst entstehen könnte!? Es gibt so viele Taktlosigkeiten, unbewußte, zwischen fremden Charakteren! Niemand ahnt es eigentlich, wie häufig er verletzt!

Ich habe in dieser schönen Nacht das Wort geprägt: „Die ‚Regie der Liebe‘ ist wichtiger als die Liebe selbst!“ Freilich kostete es Ihr Geld und nicht das meine! Da kann ich leicht Aphorismen von mir geben — — —. Es gibt keine „Sympathien“ auf der „Bühne des Lebens“, wenn man sie nicht als „geschicktester Regisseur seines eigenen Herzens“ richtig, künstlerisch, taktvoll in Szene setzt!!! Eine jede Frau erwartet „geschickteste Mise en scène!“ Wer seinem eigenen Empfinden allein folgt, vergißt, daß der andere dadurch vielleicht nur in große Verlegenheit, in eigentümliche Mißstimmung gebracht wird — — —. Selbst eine „dargebrachte Rose“ will ihre „zarteste Regie“ haben, um zu wirken! Die Art, der Moment der Übergabe, hundert Dinge sind dabei zu berücksichtigen! Ein „Regisseur seiner selbst“ sein ist alles! Eine „dargebrachte Rose“ kann das echteste Zeugnis eines tief impressionierten Herzens sein! Aber, schlecht und ungeschickt gemanaged, wird sie zu einer banalen, billigen und konventionellen Liebenswürdigkeit! Dieser Abend, diese Nacht also, dieser Morgen in den Donauauen, mit der blutroten Sonne, der breiten stillen Donau, dem Morgendunst über den gelben Grasbüscheln, den rosenroten Gesträuchen, den grauen, gelben, roten, braunen Kieselfeldern von abgerundeten, gleichsam von ewigem Wasser abgeschliffenen Kieseln — — — alles das war wundervoll! Nur das eine störte, daß im Laufe der so schönen friedvollen Stunden ich mich immer intensiver für Ihre Dame, Sie sich immer intensiver für meine Dame zu interessieren begannen — — —. Als wir jedoch beide Damen bei ihrer Wohnung abgesetzt hatten und nun allein der Stadt zufuhren, fühlten wir es: Wäre deine Dame meine Dame und meine Dame deine Dame gewesen, so würden dieselben Empfindungen sich entwickelt haben! Also war die Regie ja doch vorzüglich, denn immer fliegt einer auf die Dame des anderen! Sonst wär’s ja gar zu fad!

KARRIERE

Der Herr Redaktionsphotograph, der zwei Wände meines Zimmers aufnehmen sollte, weil „die großen europäischen Illustrierten“ es ihren gierigen Lesern zeigen wollten, wie P. A. haust, sagte: „Ich möchte auch ein Stück Ihres Schreibtisches dazu aufnehmen.“ — „Ganz unnötig, denn erstens habe ich keinen, zweitens schreibe ich alles im Bett. Nehmen Sie ein Stück von dem Bett auf dazu!“ — Ich sagte: „Wie wird man eigentlich Redaktionsphotograph?! Ich weiß nur, wie man Dichter wird. Man ist eine Schande seiner gütigen Eltern, ist Jurist, Mediziner, Buchhändler und dann gar nichts mehr. Aber wie wird man Redaktionsphotograph?!“

Der Mann legte die Stirne in düstere Falten, ich habe das zwar noch nie und auch diesmal nicht beobachtet, aber nachdem es in Romanen steht, und begann: „Ich hatte eine Stimme, Baß, Bariton und Tenor zugleich!“

„Muß man das haben, wenn man Redaktionsphotograph werden will?!“

„Ich hatte eine Stimme! Operndirektor Herbeck, der unerkannt unter den Zuhörern saß, trat auf mich zu und sagte: ‚Morgen gehen S’ zum Gänsbacher, singen dasselbe, er wird Sie unterrichten, zu zahlen ist nichts!‘ Ich wußte weder, wer Herbeck, noch wer Gänsbacher war. Nur mein Vater weinte Freudentränen, und meine Mutter sagte: ‚Ich hab’s ja immer gefühlt!‘ (Es ist der Beruf der Mütter, alles vorauszufühlen, wenn etwas hinterdrein geschieht, und der Väter eisige Strenge zerschmilzt in heißen und diskreten Tränen, wenn sich irgendwie ein ‚Fortkommen‘ zeigt.) Gänsbacher sagte zu mir: ‚Sie Teufelskerl!‘ Nach der siebzehnten Stunde machte ich einen Ausflug nach Laxenburg, und wie ich, vom Rudern erhitzt, im Kahn niese, kommt ein Luftzug, und ich verlier meine Stimme. Am nächsten Tage sagt der Gänsbacher zu mir: ‚Pfiert Ihnen Gott und kommen S’ mir nimmer wieder. Sie san futsch!‘ Meine Mutter sagte, sie habe alles vorausgeahnt, und mein Vater sagte: ‚Der Leichtsinn liegt dir im Blute!‘ No, so bin i halt Redaktionsphotograph geworden. Und glauben Sie mir, ich bin ebenso glücklich wie bei dem dalkerten Singen!“

VEREIN NATURSCHUTZPARK

Ich begreife es nicht, wieso nicht alle, alle Menschen sich leidenschaftlich beteiligen an gewissen Gesellschaften, ja, es als eine Ehre, eine Pflicht betrachten, sich daran zu beteiligen mit ein paar Kronen und ihren Namen prangen zu sehen unter den Unterstützern!? Da ist vor allem der Verein zum Schutz mißhandelter Kinder und jetzt neuerdings der Verein zum Schutz mißhandelter Natur, der Verein Naturschutzpark! Ich hatte meine ganze Kindheit hindurch sechs Wiesen: die Bodenwiese am Gahns mit ihren schokoladeduftenden lila Kohlröserln, die Apollowiese mit Scharen von Apollofaltern, die Lavendelwiese mit Eau-de-Cologne-Düften, die Königskerzenwiese, die Lakabodenwiese mit Erdbeeren, die Ochsenbodenwiese auf dem Schneeberg. Diese sechs Wiesen liebte ich und kannte sie daher genau. Oder vielmehr, weil ich sie genau kannte, liebte ich sie. Es ist genau wie mit den Frauen, nur umgekehrt: weil man sie genau kennt, liebt man sie nicht mehr. Jede Gegend hat irgendwo eine Seele, das heißt: Strecken, wo ihr ganzer Reiz konzentriert ist, zum Beispiel die Dolomiten in Tre croce. Diese Seele einer jeden Gegend soll man schützen als ihr Wertvollstes! Ebenso Kinder, die noch nicht gemein sind, als die Seele des Menschentums! Schöne Wege soll man mit feinstem Sand bestreuen und prima Wasserspritzwagen zirkulieren lassen! Es soll eine Sache der innern Kultur werden, solchen Vereinen als Mitglied anzugehören, so wie man im Besitze einer besten Zahnbürste und einer Nagelzwicke sein muß. Es gehöre zur innern Reinlichkeit, auf die die Herrschaften weniger Gewicht legen! „Mein Badezimmer stößt direkt an mein Schlafzimmer,“ sagte einer dieser Snobs zu mir. „So!“ erwiderte ich, „sind Sie schon im Verein Naturschutzpark?!“ „Was geht mich der an?!“ „Wenn nur Ihre äußere Hülle rein ist, Sie Schwein!“

MIMIKERINNEN

Mimik ist die Fähigkeit zu sprechen, ohne Worte dazu zu verwenden. Solche edle Mimikerinnen sind Elsa und Berta Wiesenthal. Sie sprechen zu uns unter Musikbegleitung sanfte, tiefe, kindliche, besondere Worte, ohne dabei zu reden. Eine Mama versteht das romantische Lallen ihres geliebten Wiegenkindchens, ein Jäger den Blick seines Hundes, ein Liebender das Schweigen seines Mädchens! Schon seinerzeit in der „Kunstschau“, in der Pantomime von Oskar Wilde „Der Geburtstag der Infantin“, überraschte Elsa Wiesenthal durch edle Würde, durch das Ausdrücken von allem, was der Dichter meinte, in Gebärde, im Blicken! Sie hat alles diesmal gehalten, was sie versprochen hatte, besonders in „Violettapolka“, „Türkischer Marsch“, „Faustwalzer“. Berta ist wie ein getreuer Knappe seiner edlen wunderschönen Herrin. Die Kostüme waren sehr gut. Im „Faustwalzer“ flogen eigentlich zwei herrliche weiße seidene Schmetterlinge! Wir haben bisher von Tänzerinnen folgende bemerkenswerte Typen gesehen: Cleo de Mérode, die ewige Jugend, Saharet, die Akrobatin, Ruth St. Denis, die Indierin, Carmen Aguileras, ganz Spanien, Maria Maraviglia, die Anmut, Grete Wiesenthal, der „modernste Typus“, Elsa und Berta, die Mimikerinnen, Esthère Vignon, das Genie!

ALBERT

Ich erhielt eine Krone, 1893, deren Kopfseite poliert war und den Namen „Albert“ eingraviert hatte. Ich fühlte es sogleich, daß Dichter die Verpflichtung hätten, in einem solchen aparten Fall ihre Phantasie „schweifen“ zu lassen. Jedenfalls hatte eine „Sie“ die durch irgendeine uns unbekannte Begebenheit geweihte Krone, vielleicht die erste gespendete oder die letzte, so transformieren lassen, und in einem Augenblick materieller Not oder aus Haß, Eifersucht, Verzweiflung, Verachtung oder dergleichen sie eines Tages wieder ins Rollen gebracht, ins Leben hinein, bis endlich, 1914, zu mir.

Ich hielt sie lange in Ehren, und Maeterlinck hätte daraus längst einen Einakter gemacht: Krone 1893. Aber als der Lohndiener Anton die Bezahlung der Zigaretten verlangte und ich sagte, ich hätte momentan nichts flüssig, wies er auf diese auf dem Schreibtisch liegende Krone 1893 und sagte: „Da haben wir ja noch eine!“ — „Sie ist ungültig!“ sagte ich, „schauen Sie!“ — „Dös wer’n mer schon machen, da verlassen’s Ihnen auf meine Geschicklichkeit, dös blöde Wort ‚Albert‘ wird kaner sehn!“ Und so verschwand die Krone 1893 aus meinem Besitze und begann wieder ihren Kurs in die Welt hinein, den ich in einer Anwandlung von „falscher Romantik“ eine Zeitlang aufgehalten hatte — — —.

MEIN BRUDER

Es wäre abgeschmackt, über einen leiblichen Bruder eine Hymne zu schreiben. Aber da er außerdem ein „Lebenskünstler“ ist feinster Art, so schreibe ich dennoch über ihn, trotz der nahen Verwandtschaft. Seine „Bedürfnislosigkeit“ gemahnt an Diogenes, obzwar er nicht in einer Tonne, sondern Alserstraße 51 wohnt. Ich schickte ihm einmal, in einer pathologischen Anwandlung von Bruderliebe, hundert Stück seiner Lieblingszigaretten: Hanum, Korkmundstück. Wir sind alle für „Korkmundstück“, da „trocken zu rauchen“ eine Aufgabe des modernen kultivierten Menschen ist. Alles darf naß sein, nur nicht die Zigarette. Zu Ende geraucht, muß sie so trocken sein wie anfangs in der Schachtel, nur natürlich verkürzter um das, was man weggeraucht hat!

Also, ich schickte meinem Bruder hundert Stück „Hanum“ mit Korkmundstück. Am nächsten Tage sagte er zu mir: „Denke dir, welches Malheur mir passieren mußte mit deinen Zigaretten! Ich saß beim Frühstück, machte einige Züge, und deine Zigarette fiel mir in die Teeschale hinein!“ „Nun,“ sagte ich, „du hattest doch noch eine ganze Schachtel voll vor dir stehen!?“ „Pardon,“ erwiderte er, „die sind bereits für neunundneunzig herrliche Frühstücksmorgen eingeteilt!“ Ich hatte keine Tränen im Auge, da ich für solche Marlitt-Utensilien nicht eingerichtet bin. Aber ich hatte sie in der Seele, und vor allem gedachte ich aller verschwenderischen und idiotischen Schurken, die es um mich herum gibt — — —!

LIEBE

Er liebte sie irrsinnig und vergeblich. Man liebt immer nur irrsinnig, wenn es vergeblich ist! Dann wurde sie sehr, sehr krank. Da sagte sie zu ihm: „Ich habe Mitleid mit Ihnen. Ich will mich vor Ihnen noch nackter zeigen als nackt!“ Und sie entrollte ein großes Blatt Papier, auf dem ihr „Röntgenbild“ photographiert war. „O, dieses grazile Knochengerüstchen!“ sagte er entzückt. „Aber bitte nun um den einzigen Gefallen, zeigen Sie es ja nicht dem Herrn — —; das will ich wenigstens vor dem Hund voraus haben!“

DER LUXUS VON HEUTE UND SEINE ÜBERTREIBUNGEN

Eine Rundfrage der „Zeit“

Ich hasse und verachte den Luxus, wie alles hygienisch Unnötige. Ob wir heutzutage den Luxus forcieren? Wir nicht! Die Idioten! Die Übertreibungen des Luxus äußern sich in allem, was nicht unbedingt und direkt zur Gesundheit des Leibes gehört. Der Luxus ist eine „fixe Idee“, eine „Hysterie“ von Halbgebildeten und hohlen Emporgekommenen, also gänzlich Heruntergekommenen! Ich sehe in dem Luxus: Sodom und Gomorrha! Wo Luxus am Platze ist? In bezug auf: Hygiene und Diätetik!

MEINE SCHWESTER