Anmerkungen zur Transkription

Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht verändert. Die Erzählung ‚Plauderei‘ wurde zwei Mal abgedruckt (siehe [S. 31] und [S. 170]).

Die nachfolgende Widmung wurde zum Andenken an die Bearbeiterin in dieses Buch aufgenommen.

In memoriam

„Mama Beth“

in immerwährender Freundschaft und Dankbarkeit.

Das schönste Denkmal,
das ein Mensch bekommen kann,
steht in den Herzen seiner Mitmenschen.

The most beautiful monument
a person can have
is one that is in the hearts of others.

(Albert Schweitzer)

Werke von Peter Altenberg

Wie ich es sehe

Fünfzehnte vermehrte Auflage. Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.

Was der Tag mir zuträgt

Achte vermehrte Auflage. Geh. 6 M. 50 Pf., geb. 9 M.

Prodromos

Fünfte Auflage. Geh. 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark 50 Pf.

Märchen des Lebens

Sechste vermehrte Auflage. Geh. 5 M. 50 Pf., geb. 8 M.

Neues Altes

Dritte Auflage. Geheftet 5 Mark, gebunden 7 Mark 50 Pf.

„Semmering 1912“

Sechste vermehrte Auflage. Geh. 5 M., geb. 7 M. 50 Pf.

Fechsung

Sechste Auflage. Geheftet 5 Mark 50 Pf., gebunden 8 Mark

Nachfechsung

Fünfte Auflage. Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark

Vita ipsa

Zehnte Auflage. Geheftet 6 Mark, gebunden 8 Mark 50 Pf.

Mein Lebensabend

Achte Auflage. Geheftet 6 Mark 50 Pf., gebunden 9 Mark



Peter Altenberg (Signatur)


Semmering 1912
von
Peter Altenberg

S. Fischer, Verlag, Berlin

1919


Fünfte und sechste vermehrte Auflage.

Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten.

Copyright 1913 S. Fischer, Verlag, Berlin.


INHALT

Bergeswelt [15]
Bozen [16]
Gartengedanken [17]
Moderner Dichter [21]
Die Tänzerin [22]
Zwei Skizzen [27]
Erziehung [29]
Plauderei [31]
Lied ohne Reime [32]
Forellenfang [33]
So wurde ich [35]
Loca Minoris resistentiae [37]
Dolomiten [39]
Mama [41]
Moderne Annonce [43]
Semmering [44]
Winter auf dem Semmering [45]
Vollkommenheit [46]
Nachwinter [47]
Heimliche Liebe [49]
Das Kino [51]
Lebensbild [52]
So sind wir [53]
Mein grauer Hut [55]
Die Kostüme auf dem Semmering in der Silvesternacht [57]
Fortschritt [58]
Abschied [60]
Besuch [61]
Buchbesprechung [63]
Ein Brief [65]
Das Hotel-Stubenmädchen [67]
Gespräch [68]
Bobby [69]
Psychologie [71]
Vorfrühling [73]
Das Glück [75]
Das Duell [76]
Stammgäste [77]
Sanatorium für Nervenkranke [78]
Die Romantikerin I. [83]
Erbleichet! Errötet! [85]
Ostermontag auf dem Semmering [86]
Berghotel-Front [88]
Landpartie [89]
Psychologie [91]
Vor-Vorfrühling [93]
Gedenkblatt [95]
Oberflächlicher Verkehr [97]
Beauté [99]
Die Spielereien der reichen Leute [100]
Richtige, aber eben deshalb wertlose Betrachtungen [101]
Die Probe [102]
Ereignis [103]
Ende [104]
Nach abwärts [105]
Abschied [106]
Kranken-Toilette [107]
Kusine [109]
Lied [110]
Echt [111]
Gespräch [112]
Bilanz [113]
Sehr geehrtes Fräulein! [115]
Herbstlied [116]
Ewige Erinnerung [117]
Gesang [118]
Souper [119]
Die Wagenfahrt [120]
Wagenpartie [121]
Abschiedsbrief des englischen Offiziers [124]
Wie ist es?! [125]
Vom Rendezvous [126]
Examen [127]
Les Larmes [128]
Testament [129]
Aconitum Napellus [130]
Manövers [131]
Gift [132]
Luftveränderung [133]
Ein Nachtrag [135]
Buchbesprechung [137]
An —— [138]
Nekrolog (Fritz Strauß) [139]
Erster Schnee [140]
Der Maler [141]
Betrachtungen [143]
Ur-Seele [144]
Frage [145]
Letzte Unterredung [146]
Die Niere [147]
Krankheit [148]
Güte [149]
Annonce [150]
Plauderei [153]
Richtig [154]
Reminiszenzen [155]
Werte [157]
Schlafmittel [159]
Fahrt [160]
Lied [163]
Abschied [164]
Gespräch mit einer Baronin, Exzellenz-Frau, über ihren herrlichen zwölfjährigen Sohn [165]
Entzweit [166]
Gespräch mit der sechsjährigen Sonja Dungyersky [167]
Gleich beim Hotel [168]
Gespräch mit einer wunderschönen Dame von 30 Jahren [169]
Plauderei [170]
Gegen [171]
Rompe! [172]
Waschungen [173]
Respekt [174]
Falzarego-Paß-Höhe [175]
Enterbte des Schicksals [176]
Frühling [177]
Erlebnis [178]
Die Tänzerin [179]
Meine Ehrungen [180]
Klara [181]
Berghotel-Terrasse, Semmering [182]
Erkenntnis [183]
Klara [184]
Ein Komtessen-Brief [185]
Märchen des Lebens [186]
Worüber man noch immer weint, und ewig weinen wird! [187]
Besuch [188]
Liebesgedicht [189]
Das größte Kompliment [190]
Le monde [191]
Ein Regentag [192]
In 24 Stunden [193]
Hotel-Stubenmädchen [194]
Moderner Dichter [195]
Natur [196]
Noch nicht einmal Splitter von Gedanken [197]
Zyklus: „Venedig“ [215]

Dieses Buch ist gewidmet den Damen:

Lilly Steiner

Gretl Engländer

Kamilla von Nagy

Ilci Honus

Cäcilia Brandstätter

Frieda Frank

Lioschka Maliniéwich

Mitzi Thumb

Frau Machlup


BERGESWELT

Bergesregionen, dort wo „nichts mehr gedeiht“ als Krummholz, sturmgebogen, ist seit jeher meine „Märchenwelt“! Nach 40 Jahren fand ich das wieder auf dem „Falzarego-Passe“, „Tre Croce“, „Pordoijoch-Paß“. Weißgraue Felstrümmer, schwarze triefende Erde, Zirbelkieferwälder bis an die Hotels herankriechend. Von Felsen träufelt, rieselt es, Nebelfetzen überall. Nichts will gedeihen als die Edel-Einsamkeit. Vor dem Pordoijoch-Hotel grauschwarze Wälder von dichtem Erlengebüsch, dem der Bergsturm nichts antut. Es braust nur und erschauert. Daß hier nichts mehr gedeiht, ist die Düster-Romantik der Bergeswelt. Keine Farbe einer Blume, kein Schrei eines Vogels, kein Schmetterling, kein Käfer. Diese tönende Eintönigkeit! Eine schrieb ins Fremdenbuch ein: „Ohne Jemanden nicht leben können und wollen, selbst wenn man es vorher bestimmt geglaubt hatte, es sei unmöglich, — — — hier vergißt man darauf!“

BOZEN

Auf dem Hauptplatze in Bozen steht das Walther von der Vogelweide-Denkmal aus Sandstein. Er hat die Stellung des Wolfram von Eschenbach, bevor er das Lied singt an die selbstlos Geliebte. Das ist sehr gut. Denn auch Vogelweide war so Einer. Er besaß die Kraft, zu singen und zu weinen! Nun setzten sich gerade auf seine Kappe zwei Tauben, und pflogen emsig der Liebe! Vogelweide hielt ganz still dabei, in seine Träumereien versunken von Liebesleid, gönnte den Tauben ihr billiges, leicht erreichbares Vergnügen.

GARTENGEDANKEN

Ich habe nichts hinzugelernt durch das ausgezeichnete Buch „Gartengestaltung der Neuzeit“, und dennoch habe ich das Höchste profitiert — die Festigung meiner Intuitionen! Gärten wirkten seit jeher auf mich wie die Natur selbst; so eine eingefangene und dennoch freigelassene Natur, ein Extrakt derselben! Unser Wiener Rathauspark ist mir ein Muster, nur fehlt ihm die romantische Verwendung von Wasser in Form von unregelmäßigen Bassins und Wiesenbächlein samt Wasser- und Sumpfpflanzen! Ich schrieb schon vor 15 Jahren eine Skizze: „Der Farbengarten“. Zum Beispiel Graufichte, Picea pungens glauca, graue Bodenbedeckungspflanzen, grauer Steinbrunnen und Rosen, Rosen, Rosen. Irgendwo an einem Baumast ein silberner großer Käfig mit einem grauen Papagei, Lori! Zwei-Farben-Gärten! Nun einige Anregungen: weite Rasenflächen sind still-aristokratisch, werden aber durch alte, knorrige, spärlich unregelmäßig hingesetzte Obstbäume sofort bewegt-romantisch! Es dürfte nie heißen: ein Garten, sondern immer nur: sein Garten. Goethe hat einen andern Garten als Victor Hugo.

Wasserpflanzen und Steinpflanzen erfordern Bassins und Mauern. Diese können aber nicht diskret bescheiden genug sein. Der Kurpark in Baden bei Wien entspringt gleichsam einer dunklen, echten Waldquelle, die die Wiesenabhänge herabstürzt, sich zerteilend und winzige Tümpel bildend. Hier ist die Natur am allerdiskretesten organisiert! Ein enragierter Feind jedoch bin ich seit jeher der Teppichbeete, die mir wie als Smyrnateppiche mißbrauchte Blumenpracht erscheinen. Man überlasse diese stilisierten Farbensymphonien den Webern und Knüpfern. Ich bin gegen die Riesenlineale, Riesenzirkel, gespannten Stricke der Gartenkunst! Rhabarber erscheint im Gemüsegarten als Nutzpflanze, an Teichen jedoch als Wildstaude, pittoresk. Jeder Platz eine andere Welt!

Waldrebe, Klematis, ist, an alten Bäumen, unsre „Liane des Urwalds“. Der Boden ist so reich, daß er auch noch die Schmarotzer in Üppigkeit erhalten kann. Immergrün als Bodenbedeckung ist ein natürlicher Rasen. Rasen braucht doch Schneiden, Spritzen, Walzen und Düngen. Rasen will „gepflegt, gehegt“ werden. Immergrün ist einfach immer grün. Es läßt den Wurzeln aller andern Pflanzen das Regenwasser, das Gießwasser, das Tauwasser, das Schneewasser, während der Rasen sich vollsauft und andre verdursten läßt! Selbst im Winter gibt Sedum spurium noch einen lebendigen bräunlichgrünen Bodenüberzug, während unser Rasen dann nur „Winterlieder zum Cello“ in der Seele hervorbringt. Sedum spurium wirkt körperlicher, plastischer, naturgemäßer, dichter, verworrener als Rasen, der mir stets den Eindruck von geschnittenem Samt und Plüsch hinterläßt.

Ich bin sehr für Trockenmauerwerk mit schmiedeeisernen Geländern und dicht bepflanzt mit Kapuzinerkresse. Wie wenn die überstarke Natur auch da noch Stein und Eisen schmücken möchte mit Grün und Dunkelgelb. Zur Schlingpflanze gehört ihre Stütze. Man soll sie sehen, sie ist ein naturgemäßer Schmuck. Ihr Holzgitterwerk kann daher sogar aus Edelholz sein, oder in diskreten Ölfarben, Ocker, Ruß, steingrau. Ich weiß nicht, weshalb man nicht an niederen Ästen von exotischen Bäumen, Tulpenbaum, Trompetenbaum, herrliche Käfige mit exotischen Vögeln aufhängt, so als Urwaldstaffage?! Brombeere, Himbeere, Kletterrose sind mir ein sympathisches Dickicht, so Dornröschenwald, undurchdringlich einsam. Weshalb sind Villen nicht dicht bedeckt mit Bauerngärtengeranke?! Ein Überfluß der Reichen und der Armen.

Steinplattenwege im Garten, in deren Fugen Blumen sprießen, sind romantisch. Das Haus ströme gleichsam in den Garten aus, erweitere sich, erhöhe sich zum Garten, verliere seine Bedachungen, an deren Stelle der blaue Himmel, die graue Wolke tritt. Ich sah an einem Lindenpark ein dickes rotes Backsteinportal mit eichener Holztür. Da können keine Talmimenschen wohnen, sondern nur gediegene. Grellrote Holzpforte zwischen Granitmauern. Gelbe Eschenholzpforte zwischen weiß-schwarzen Betonmauern.

Weiße Rankrosen geben Märchenstimmung. Gartenlaube am Wasser, Nachmittagstraumplatz. Buchenjungwald, wunderbar im Vorfrühling und im Spätherbst. Ein Teppich von raschelnden braunen Blättern darunter. „Warte nur, balde ruhest du auch!“

Weshalb bepflanzt man die Bergwiesen in Berggärten (Semmering) nicht dicht mit Wacholder, Rhododendron, Zirbelkiefer, das, was Rax und Schneeberg von selbst leisten in ihrem künstlerischen Naturgeschmack?! Stauden vor Gebüsch, ein ideales Ausklingen! Birken, Schlehen, Eriken, und schon ahnst du den Sandboden der „Mark“. Mit gewissen Pflanzen kannst du ferne Gegenden herzaubern! Meine Lieblingsbäume: Lärche, Graufichte, Knieholz, Blutbirke, Rotbuche, Weide! Wasser, Wasser, fließend oder stehend, du bist der Dichter in dieser Realität: Landschaft! Du bringst die Romantik, die Musik der Landschaft!

Des Teiches Stille singt des Lebens Schwermut.

Des Baches Murmeln klingt wie Wiegenkindes Plaudern aus dem Traum.

Der Wasserfall singt dir von einer Welt, deren Getöse auch nicht mehr enthält!

Springbrunnen’s Melodie bei Tag und Nacht,

die sanften Herzen melancholisch macht.

Der Sommerregen trommelt auf hunderttausend Blätter,

dürstenden Blumen zärtlicher Erretter!

Über dem Gartensumpf schwirrt die Libelle,

Vom Froschsprung klagt ans Ufer eine Welle!

Gießkannen rieseln sanft auf schwarze Erde,

damit die Pracht des Sommers baldigst werde!

Hörst du dem Brünnlein lange, lange zu,

kommt über dich unmerklich Fried’ und Ruh’!

Oh Mensch, worauf willst du denn ewig warten?!

Such’ deine kleine große Welt in deinem Garten!

MODERNER DICHTER

In unserm Leben gibt’s so viel Nuancen — — —

Die eine sagt: „Arzt meiner kranken Seele!“

Die andre sagt: „Wie schrecklich er nur aussieht!“

Die eine lauscht begierig der Persönlichkeit,

die andre sieht pikiert den Gegensatz zu den andern!

Die eine schreibt: „Darf ich zu Ihnen kommen?!“

Die andre hält’s bereits für zynisch, wenn er im Gespräch

sanft-zärtlich ihre Hand berührt.

Die eine sagt: „Ein Romantiker ohne Herz!“

Die andre sagt: „Ein Herzlicher ohne Romantik!“

Und eine jede sieht ein „für“ und „wider“ — — —

und keine spürt, daß „für“ und „wider“ eins ist

in einem, in dem „für“ und „wider“ zugleich sind!

DIE TÄNZERIN

Das Kind, allein in der Garderobe der Tänzerin, ordnet liebevollst alles — —.

Sie setzt sich dann in eine Ecke auf ein niedriges Stockerl, kauernd in sich versunken.

Die Tänzerin kommt, erhitzt, erregt vom Tanzen.

Sie setzt sich an den Toilettetisch.

Sie wendet sich um, erblickt das kauernde Kind.

„Immer, Marie, kauerst du da in der Ecke in meiner Garderobe, stundenlang. Wird dir denn das nicht langweilig?!?“

„Nie, Fräulein! Nur Menschen, die ich nicht lieb habe, langweilen mich. Menschen, die ich lieb habe, langweilen mich nie! Wodurch sollten sie es?!? Alles an ihnen ist mir wert und teuer. Ich könnte ihnen zuschauen von früh bis abends.“

Die Garderobiere blickt herein:

„Was ist das, Mizerl, schon wieder da?! Das Fräulein wird sich bedanken. Entschuldigen Sie, Fräulein, der Fratz ist gar so romantisch veranlagt. Der Vater sagt immer: ‚Wie du zu uns ehrsamen Bürgersleuten kommst — — —.‘ Gestern hat sie beim Nachtmahl gesagt: ‚Jetzt verbrenn’ ich alle meine dummen Märchenbücher — — — ich habe eine lebendige Fee gefunden!‘ So ein Fratz, was?! Man sollt’s nicht für möglich halten. Aber bitt’ Sie, 10 Jahre!? Sie wird’s schon billiger geben mit den ‚lebendigen Feen‘! Die Männer tun uns beizeiten die Märchen austreiben — — —.“ Ab.

Das Kind: „Meine Mutter blamiert mich vor Ihnen. Sie versteht gar nichts von meiner Andacht. Ich habe eine Andacht für Sie, obwohl Sie nur eine Tänzerin sind!“

Es klopft.

„Blumen abzugeben von einem Herrn von Willigsdorf — — —.“

Türe zu.

Es klopft.

„Ah, Max — — —.“

„Ich bin entzückter von dir als je. Du hast dich, gestatte mir die konventionelle Phrase, selbst übertroffen. Aber das empfinde ich! Gott, daß diese kalten Kerls das mitgenießen dürfen!? Aber Gott sei Dank, sie könnens nicht! Nur ich kann es, nur ich kann es, nur, nur ich! Wenn du mir das wenigstens glauben könntest, Hélèn, nur das wenigstens. Es wäre fast alles! Mehr brauchte man ja eigentlich gar nicht!“

„Ich glaube es dir, Max, sonst könntest du es unbedingt nicht so leidenschaftlich überhaupt vorbringen!“

„Diese schönen Blumen! Irgend jemand versucht es mit 50 Kronen mein Lebensglück zu zerstören!“

„Jawohl, Max, alle versuchen das, andere wollen es sogar noch billiger unternehmen und geschickter. Aber alles hängt bei uns Frauen von unserem guten Willen ab; und den habe ich nur für dich! Es ist vielleicht ein Zufall, aber es ist so, Max!“

Er führt ihre Hand tief gerührt zum Munde. Das Kind steht auf, küßt ihm ehrerbietigst die Hand.

„Wer ist dieses Kind?!?“

„Es ist das Töchterchen unserer Garderobiere! Sie kauert immer in der Ecke meiner Garderobe, hält alle meine Sachen in bester peinlichster Ordnung — — —.“

„Hast du die Tänzerin auch so lieb wie ich — —.“

„Das kann ich nicht wisse — — —.“

„Möchtest du ihr alles, alles verzeihen, sogar wenn sie dir ganz ohne Grund eine schreckliche Ohrfeige gäbe?!?“

„Ja, ich möchte es ihr ganz gewiß verzeihen, wegen ihres Tanzens, das ich gesehen habe. Ich möchte mir nur denken: Weshalb tust du das einem Menschen an, der dich so lieb hat?! Wenn du eine Ohrfeige austeilen willst, gib sie doch lieber einem, dem du gleichgiltig bist! Der spürt es doch weniger schmerzlich — — —.“

„Ich glaube, du bist eine gefährlichere Konkurrentin für mich als die Herren, die Blumen schicken — — —.“

Ab.

Es klopft.

Der Theatermeister.

„Herr Theatermeister, Sie haben wieder zu spät hell gemacht, wenn die Sonne bei meinem Tanze endlich sieghaft durchdringen sollte. Es ist schrecklich. Ich glaube, Sie machen es absichtlich — —.“

„Fräulein, so etwas lasse ich mir von niemandem sagen. Das ist eine Gemeinheit, Sie verzeihen schon — — —.“

Die Tänzerin legt ihren Kopf auf den Toilettetisch, beginnt bitterlich zu weinen. Das Kind erhebt sich langsam, macht einen Schritt gegen den Theatermeister, streckt sich, hebt den Arm, sagt: „Hinaus, Sie roher Mensch!“

Der Theatermeister geht langsam ab.

Das Kind kauert wieder in seiner Ecke. Die Tänzerin weint wie ein Kind. Dann trocknet sie ihre Tränen.

Sie wendet sich nach dem Kinde um.

„Niemand hat mich so lieb wie du, niemand — — —.“

Das Kind erhebt sich, steht kerzengerade: „Ich möchte alle töten, die Ihnen etwas Böses antun, Fräulein — — —!“

Ein Diener bringt eine Karte.

„Bitte — — —.“

Ein älterer Herr tritt ein.

„Mein Sohn hat sich gestern erschossen, Ihretwegen — — —. Konnten Sie ihm wirklich nicht helfen, daß er diese seelische Krankheit besiege?!?“

„Nein, ich konnte es nicht, obzwar ich ihm dezidiert sagte, daß er mir völlig unsympathisch sei!“

„Vielleicht hätten Sie es ihm eben nicht so dezidiert sagen sollen — — —.“

„Pardon, mein Herr, ich mußte es! Ich bin eine arme Tänzerin, ausgesetzt ununterbrochen allen Gefahren, die es überhaupt für eine Frau gibt! Überlassen Sie mir das heilige Recht, gegen Eindringlinge, gegen ‚Buschklepper der Seele‘, ‚Rowdys der Seele‘, mich zu wehren!“

„Ich bitte Sie um Verzeihung, Fräulein. Ich bin aber der unglückselige Vater — — —.“

Ab.

Das Kind stürzt zu den Füßen der Tänzerin hin: „Was haben Sie da angestellt, Fräulein?!?“

„Kind, das verstehst du nicht, das verstehst du nicht — — —. Das Leben stellt so viel Schreckliches mit uns an, und wir, wir können es nicht hindern — —.“

Das Kind kauert weinend in seiner Ecke.

Der Theatermeister erscheint:

„Fräulein, es kommt gleich Ihr Tanz in der Krinoline — — —.“

„So, ich danke Ihnen. Bringen Sie aber die Beleuchtung richtig diesmal.“

„Gewiß Fräulein — — —.“

„Und du, Kind, warte auf mich hier. Ich kann dich nicht mehr entbehren — — —.“

Vorhang.

ZWEI SKIZZEN
Das kleine Leben

Ich sah Arbeiter an einer Telegraphenstange arbeiten, die im Hochwald der Nachtsturm zerbrochen hatte, von 7 Uhr morgens bis 6 Uhr abends. Es frappierte mich, wie sorgenlos sie waren, keine Spur eines Gedankens darüber, ob es denn dafürstehe, auf die Welt gekommen zu sein, um abgebrochene Telegraphenstangen im Hochwald, der dem Fürsten gehört, wieder praktikabel zu machen. Im Gegenteil, sie schienen es für das Wichtigste von der Welt zu halten, daß die Telegraphenstange sobald als nur irgend möglich wieder hergestellt werde. Es waren Telegraphenstangenärzte. Um sie herum waren Gimpel und Eichkätzchen auf Altfichten, Regen kam, Nebel und wieder Sonne; aber immer war alles konzentriert auf die Errichtung der Telegraphenstange. Ihr gehörte ihre ganze Sorge, sie war ein Teil des Weltgetriebes. Es gab Genies unter diesen Arbeitern, die alles mit einem Schlag erfaßten, was zu tun war; dann waren Bedächtige, Vorsichtige; und dann waren Tagarbeiter nach vorgeschriebener Pflicht. Die ganze Menschheit also war eigentlich um diese Telegraphenstange im fürstlichen Hochwald versammelt. Ich ging vorüber und verteilte Trabukos, a la Kaiser Josef, nur billiger. Weshalb nicht?! Das Prager Tagblatt hatte mir doch gerade für Nachdruckhonorare 9 Kr. geschickt. Nachdrucken ist doch schon Ehre genug. Das Geld setzte ich teilweise in Mäzenatentum und in Menschheitsbeglückung um. Die Arbeiter waren ganz verblüfft. Einer sagte: „Auf der Liechtensteinstraße hat der Sturm einen halben Meter dicke Bäume abgeschlagen!“ Diese Mitteilung war eine Art von Revanche für meine Liebenswürdigkeit. „Ist es möglich?!“ sagte ich freundlich erstaunt, und ging befriedigt von dannen.

Liebesgedicht

Niemand beachtete dich, edle, verschwiegene Goldrote, in dienender Stellung.....

Ich zog dich hervor aus deinem Versteck und segnete dich.

Da wurden die anderen aufmerksam, schickten Blumen und Briefe....

Da zog ich mich zurück.

„Sind Sie eifersüchtig?!“ sagte sie.

„Nein, aber ich hasse die elende Dummheit der Männer, die erst einen alten kranken glatzköpfigen Bettler brauchen.... Wer, wer sagte mir, daß man um Sie sich grämen dürfe...?!?“

„Aber um Gotteswillen, irgend jemand muß einen doch entdecken, wozu sind denn die Dichter da?!?“

ERZIEHUNG

Ich habe einen scharfen Blick für Mütter, die die „Persönlichkeit“ ihres geliebten Kindchens achten und berücksichtigen. Es sind das sogenannte Künstlernaturen des Lebens selbst! Sie betrachten ihr Kindchen als ein von ihnen geschaffenes „lebendiges Kunstwerk“, apart und vor allem den meisten unverständlich, die mit dem Ausspruche: „ein ganz nettes Kind, nichts weiter“, ihre künstlerische Unfähigkeit klar erweisen. Merkwürdigerweise funktionieren so brutal-verallgemeinernd fast alle Väter, die immer nur den Herrn Hofrat wittern, der einst, in der Ferne, erscheinen soll und zu dem Kindchen sagen soll: „Du bist mein alles!“ Daß das gar kein Kompliment sein wird für das Töchterchen, spüren sie nicht! Du bist mein alles, ja, aber wessen alles, darauf kommt es an! Viele Mütter hingegen haben eine künstlerische melancholische Zärtlichkeit. Sie teilen das Leben ihres Kindchens in „interessante, spannende, merkwürdige Lebenskapitel“ ein, sind selbst äußerst gespannt, wie der Roman enden werde, während die Väter ein biblisches Dogma aufstellen, über das das Leben jedoch nur ein flüchtiges Lächeln hat. Mütter wissen, wie ihr Kindchen geht, steht, sitzt, wann es verlegen ist oder düster, Väter wissen höchstens, ob es „Stuhl“ gehabt habe, und das wissen sie nicht einmal. Ein schreckliches Wort leitet sie durchs ganze Leben ihres Kindes, das Wort „gediegen“. Alles soll „gediegen“ sein, die Lehrer, die Gouvernanten, der „Zukünftige“, der „Charakter“. Das ganze kommt mir vor, wie das Wort „gediegenes Gold“, das auszusprechen schon eine Art Berauschungsmittel ist! Ich glaube nicht, daß Eleonora Duse, Sarah Bernhardt, Yvette Guilbert, Fanny Elsler, Adelina Patti, Bird Millman, Barbarina Campanini sehr „gediegen“ waren, jedesfalls war es eine höchst nebensächliche Eigenschaft dieser Damen, deren Väter jedesfalls auch nur sich „Gediegenheit“ erwünscht hatten für ihre Töchterchen! Mütter „beobachten“ das Leben ihrer Kinder, Väter schreiben es ihnen vor! Sie sind selbst durch Beruf, Sorge, Eitelkeit, Ehrgeiz, Konkurrenz, Rücksichten Geknechtete des Daseins, erwünschen dasselbe daher ihren Sprößlingen. Künstlerisch empfindsame Mütter hingegen trauern um ihr eigenes Lebensgefängnis, möchten ihren geliebten Töchterchen den weißen Flug gönnen ins „romantische Land“!

PLAUDEREI

Ausspruch eines fünfjährigen Mädels:

„Wenn man alleweil brav ist, wissen die Leut’ dann gar nicht, ob man noch auf der Welt ist!“

Die Eltern tragen mir ununterbrochen Anekdoten über ihre vergötterten Kindchen zu. Sie sind tief überzeugt davon, daß es gerade mich interessiere! Ich interessiere mich auch wirklich dafür, daß sie alle so tief überzeugt davon sind, daß ich mich dafür interessiere! Denn diesen schönen Schein zu erwecken, heißt eben ein Dichter sein! Und als das möchte man doch gerne gelten, wenn man schon weder Beruf noch Geld hat, nicht?!?

„Mein Knabe sagte mir gestern“, „mein Mäderl sagte mir vorgestern“, höre ich alle Tage zehnmal. Ob eines dieser kleinen Mistviecherl einmal zu der reichen Mama den genialen Ausspruch täte:

„Mama, wenn du mich wirklich lieb hast, dann gibst du diesem entzückenden alten kranken Dichter eine Monatsrate von fünfzig Kronen — — —!“

Ausspruch eines sechsjährigen Mäderls beim Abschied vom Semmering: „Ach, wie werde ich fürder ohne meinen geliebten Pinkenkogel und Sonnwendstein existieren können?!“

Ich hätte gerne geantwortet: „Sehr gut wirst du fürder existieren können, indem ich dir fürder für jeden affektierten, verlogenen, manierierten Ausspruch deinen Hintern aushauen werde — — —!“

LIED OHNE REIME

Ihr Reichen,

hab’ ihr das Nachtmahl nicht bezahlen können im kleinen lieben Gasthaus — — —;

hab’ mein Mädel verlieren müssen — — —;

hab’ ihr ein Kleid für den Sonntagausgang nicht schenken können — — —;

hab’ ihrem Bruder nicht ewig Zigarren kaufen können — — —;

hab’ ihrer Schwester die Krankheit nicht bezahlen können — — —;

hab’ ihrem Vater seinen Vierteljahrszins nicht geben können;

hab’ mein Mädel nicht in den „Zirkus Schumann“ führen können — — —;

und sie schwärmt doch so für edle Pferde — — —;

da hat einer zu ihr gesagt: „Ich gebe dreihundert Kronen monatlich und die Kostüme“ — — —;

Ihr Reichen!

Hab’ mein Mädel verlieren müssen — — —;

kann nur mehr Kleinigkeiten schenken,

zum Namenstag, zum Geburtstag und zu Weihnachten — — —.

FORELLENFANG

75 Kilometer lang ist das gesamte Gebirgswasser in Naßwald. Es ist flaschengrün, weiß und graugrün; es steht mäuschenstill in winzigen Felsbuchten, es schäumt bösartig weiß, es zieht gemächlich graugrün über flachen Kiesboden. Hinter jedem Stein eine Forelle! Kein Stein ohne Forelle dahinter, es wäre denn, daß sie gerade weggeangelt wurde. Hinter jedem Stein also lauert der heimtückische Insektenmörder. Plötzlich wird er von der Angelrute herausgeschnellt im Bogen. Man sieht etwas herrliches Silbernes und schon liegt es auf der Wiese. Man schlägt es an dem Fußabsatz ab, wenn es ein Regenwurmfang war, setzt es in den Bottich, wenn es ein Kunstfliegenfang war. Es gibt berühmte Kunstfliegenangler. Ihre Kunst besteht darin, die Kunstfliege so auf das Wasser hinzuwerfen, daß es wie eine echte aussieht. Das ist ja im Leben überhaupt oft so. So wird man berühmt. Man wirft den Köder aus, und — — die Forelle nimmt es für eine echte, und man hat sie! Forellenangeln und Naturfreund sein, ist eines! Denn man muß wandern, wandern von Stein zu Stein. Hinter jedem hockt eben eine. Und diese Wanderung befriedigt nur, wenn man die umgebende Natur herzlich lieb hat. Der Hecht verlangt keine Naturfreude vom Angler. Er steht irgendwo und man hat zu warten. Man wartet, wartet, bis das Ereignis eintritt. Dann beginnt die Geschicklichkeit. Aber mit der Natur hat es nichts zu tun. Es ist nur aufregend.

Der Forellenfänger liebt das Gebirgswasser leidenschaftlich, er vergißt darüber Weib und Kind, oft sogar das Essen. Er versenkt sich in die Details der Umgebung, ein einziges Zeichen wirklichen Genießens! Denn „in Bausch und Bogen“ ist es brutal und wertlos! Er zieht dahin, von Stein zu Stein, er sieht alles, alles. Und wenn er ermüdet heimkehrt mit seiner reichen Beute, glaubt er etwas geleistet zu haben. Ja, denn er hat sich sogar einen urgesunden tiefen Schlaf verschafft!

SO WURDE ICH

Ich saß im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine Tageszeitung unmöglich bringen, ich saß im Café Central, Wien, Herrengasse, in einem Raume mit gepreßten englischen Goldtapeten. Vor mir hatte ich das „Extrablatt“ mit der Photographie eines auf dem Wege zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens. Sie hieß Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen, tieferschüttert, meine Skizze „Lokale Chronik“. Da traten Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: „Ich habe gar nicht gewußt, daß Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein Porträt, das ist verdächtig!“ Und er nahm meine Skizze „Lokale Chronik“ an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein „literarisches Souper“ und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage später schrieb mir Hermann Bahr: „Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete Wochenschrift ‚Die Zeit‘“ Später sandte Karl Kraus, auch der Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Welt die Fackel seines genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens „im Feuer zu läutern“, an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin W., Bülowstraße 90, einen Pack meiner „Skizzen“, mit der Empfehlung, ich sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer abgeschickt, denn er ist ein „Eigener“, ein „Unbeeinflußbarer“. Alle zusammen jedoch haben mich „gemacht“. Und was bin ich geworden?! Ein Schnorrer!

LOCA MINORIS RESISTENTIAE

Jeder Organismus hat seine sogenannte „Achillesferse“, das heißt eine Stelle, an der er besonders leicht und empfindlich verwundbar ist! Ich zum Beispiel habe meine Achillesferse im Gehirn, aber nicht, wie meine boshaften und heimtückischen Freunde (Feinde sind viel milder gestimmt, indem sie einen in Bausch und Bogen ein für allemal verurteilen) glauben werden, in meinen Denkpartien, sondern in jener mysteriösen Partie des Gehirns, wo die Eifersucht ihren Höllensitz aufgeschlagen hat, und zwar die Eifersucht in bezug auf Männer, die mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz als ich besitzen, also drei den Frauen besonders wertvoll erscheinende Eigenschaften! Sobald ich nur ein solches Ungetüm irgendwo erblicke, das mehr Haare, mehr Geld und weniger Intelligenz besitzt als ich, bekomme ich sofort, wie der technische Ausdruck lautet, einen sogenannten „roten Kopf“, und ich denke nur mehr an Browningpistolen, Arsenik oder die Hundspeitsche, natürlich für den anderen! Ich betrachte meine mich bisher fanatisch vergötternde Geliebte als bereits endgültig verloren, und treffe Anstalten, sie grundlos durchzuprügeln! Das sind also meine „loca minorum resistentium“, das heißt zu deutsch, jene Partien unseres komplizierten Organismus, die auf Reizungen besonders empfindlich reagieren, und zwar sofort! Solche Partien haben viele Menschen Kellnern gegenüber oder Raseuren, die sie schlecht bedienen; obzwar in solchen weniger gefährlichen Fällen ein erhöhtes Trinkgeld meistens gute Dienste leistet.

Die „loca minorum resistentium“ haben in neuester Zeit einen besonderen Wert gewonnen für die Herren Ärzte; denn jede Partie des Körpers, über die ein Patient sich heutzutage beklagt, wird vom Arzt sogleich ernst und verständnisvoll als: „Aha, das sind Ihre loca minorum resistentium, mein Lieber — — —!“ bezeichnet, worauf der Patient sich, zwar nicht geheilt, aber um ein Bedeutendes, vor allem um das ärztliche Honorar erleichtert, entfernt. Viele Damen haben solche loca minorum resistentium in ihrem Organismus, im Augenblick, wo sie an einer Dame einen kostbarern Pelz bemerken, als sie selbst besitzen. Aber hier fange ich bereits an banal zu werden, und deshalb schließe ich hiermit rasch diese immerhin interessante Plauderei.

DOLOMITEN

Ich hatte mein ganzes Leben lang von den Dolomiten gehört, einem „Märchen der Natur“. Nun kam ich, per Auto, halb 8 Uhr abends, 11. August, in Toblach an. Eine riesige ungepflegte, ja verwahrloste Bergwiese, die ein feenhafter Berggarten leicht hätte sein können. Ich ging ein paar Schritte die Fahrstraße entlang, die ins Gebirge, Monte Cristallo, führt. Ich sah in die weiße Waldstraße hinein, und war ganz ergriffen. Jahrelang im „Café Central“, Ecke Herrengasse—Strauchgasse, und nun am Eingang in die „Dolomiten“! Ich sah Wälder im Abendschatten und in der Ferne einen leuchtenden riesigen Felsen. Ich kehrte zurück und dachte mir die riesige schrecklich ungepflegte Bergwiese vor dem Riesenhotel, bewachsen mit Zirbelkiefer, Rhododendron, Speik, so ein botanischer Berggarten, mit Murmeltieren und Schneehasen. Aber Toblach begnügt sich, ein „Eingang“ zu sein, und selbst die Geschäftsläden erinnern an „Praterbuden“. Nur irgendwo sah ich in einer Ansichtskartenbude eine 14jährige Verkäuferin. Ich blickte sie an: „Du, du allein paßt in diesen Dolomiten-Märchen-Eingang!“ Da ich den schönen grauen Gems-Kaiser-Lodenhut auf hatte und sehr gebräunt war, blickte sie mich freudig-erstaunt an. Ich wollte etwas sagen, das heißt, ich wollte eben gar nichts sagen, aber als die Ansichtskartengeschäfte abgewickelt waren, blickte ich sie noch immer gerührt an. Sie sagte auch nichts, aber sie spürte ihre Wirkung auf mich. Es war nicht sehr lange, und doch vielleicht oder wahrscheinlich eine besondere Welt, die nie nie mehr wiedererstehen wird. Es ging nicht an, sie länger anzublicken. Und infolgedessen ging ich. Ich lüftete nicht den Hut, damit sie nicht sehe, daß ich kahlköpfig sei; denn ich mußte auf ihre Träumereien Rücksicht nehmen, daß ein verhältnismäßig apart aussehender Herr sie beim Ansichtskartenverkaufe liebevollst angeblickt hatte — — —. So wie wenn er ihr Glück wünschte zu ihrem künftigen Schicksale und sie getreulich segnete mit seinen Augen. Sie hat gewiß niemand davon erzählt, was gäb’ es auch darüber zu erzählen?! Und doch blieb es in ihr. Und doch wird sie, unmittelbar vor einem ersten Kuß der Jugendsinne fühlen: „Nein! Ich sehe nicht auf Deinem Antlitz, Mann, den Zug von Rührung, den der fremde Herr mit dem grauen Gemsjagd-Kaiser-Lodenhute damals hatte — — —.“ Am nächsten Morgen ging es nach Cortina. Rotgraue Bergwelt, sei bedankt, gesegnet! Es türmt sich auf, lichtgrau und rosig, es wächst ins Himmelblau hinein und überall ist Friede — — —.

MAMA

Meine Mama wollte „ein großes Haus“ führen, um ihre wunderschönen Töchter reich zu verheiraten. Das nahm ich ihr übel. Denn, wenn es gelingt, ist es wie ein Haupttreffer auf eine in der Tabaktrafik gekaufte Promesse. Ich bin gegen das „Spiel“ im Leben. Man riskiert zu viel. Das ist es. Also, wie gesagt, ich war sehr dagegen. Aber in meiner Kindheit hatte ich einen vollkommen krankhaften Fanatismus für sie, und meine Liebe zu ihr war keine ruhig-selbstverständliche eines guten anhänglichen Kindes, sondern zehrte an mir, wie wenn ich ein unglücklich Liebender wäre, der an „inneren Zärtlichkeitsgefühlen“ zugrunde geht, während doch Mama mich sehr, sehr, sehr lieb hatte und meinen „kindlichen begeisterten Blick“ zu würdigen verstand. Oft sagte sie: „Du dummer Kerl, was willst du denn, ich hab’ dich ja so wie so riesig gern und außerdem bin ich mit dir sehr zufrieden, der Hofmeister, die Gouvernante, der Violinlehrer und Mr. Palotta, alle, alle loben und lieben dich — — —.“ Aber meine Zärtlichkeit für Mama zehrte an mir. Vor ihr niederknien und den Saum ihres Kleides mit den Lippen berühren, daran dachte ich nicht. Ich sah sie an und war voll übertriebener Zärtlichkeit, als ob ich noch überhaupt bewußtlos in ihrem Schoße läge, von ihren Kräften innerlichst behütet, genährt, gepflegt, so vorzeitig herausgestellt in eine Welt, in die ich noch nicht hineingehörte! Mama! Mama! Als ich mit zehn Jahren, gerade der Primus im Gymnasium, an einer Fußbeinhautentzündung schwer erkrankte, hatte sie ein Jahr lang ihr Bett neben dem meinen und nahm nächtelang meine Seufzer in ihr Herz auf. Nachmittags sang sie im Nebenzimmer Schubertlieder. „Ihre Stimme klingt etwas ermüdet!“ sagte der liebevolle junge Gesangsmeister. „Mein Sohn hat heute Nacht wieder sehr gestöhnt“ erwiderte sie. Eines Tages sagte Professor Dittel: „Es muß geschnitten werden, der Fuß ist ganz in Eiterung.“ Da saß sie nachmittags an meinem Bette und zupfte aus Leinwandfetzen Charpiewolle. „Was machst du da, Mama?!“ — „Daß die Zeit vergeht“ erwiderte sie. Am nächsten Tage sagte Professor Billroth: „Ich pflege in einem solchen Falle noch nicht zu schneiden, es wird sich aufsaugen!“ Da kniete meine Mama vor meinem Bette nieder, aber nur für einen Augenblick. Dann ging sie ins Nebenzimmer und spielte und sang am Klavier die „Forelle“ von Schubert. Der Gesangsmeister sagte: „Heute klingt Ihre Stimme frischer, Sie dürften gestern eine ruhigere Nacht gehabt haben!“ — „Nein,“ sagte sie, „aber ich werde sie heute nacht haben!“

MODERNE ANNONCE

Semmering, 1000 Meter Höhe.

Page 69: „C’est à Saint-Gervais que je devais faire ce que les Allemands appellent: „Die Nachkur“, et à laquelle ils attachent, non sans raison, une grande importance.“

Die Nachkur ist wichtiger als die Kur!

Eine meiner Thesen, auf die ich mir mehr einbilde als auf alle meine Dichtungen zusammen, obzwar alle Ärzte sie seit lange, die These nämlich, kennen.

Die Kur ist der melancholische und mühselige Versuch, eine gebrochene Maschinerie zu reparieren. Höchstens bringt man sie da mit Müh’ und Not wieder auf gleich, kleistert sie zusammen. Aber die Nachkur ist bereits eine freudige künstlerische Angelegenheit: man ist daran, einer wiederhergerichteten Maschine höchste Energien, Spannkraft, Bewegung, Elastizität, Lebendigkeiten zu verleihen! Aus einem Invaliden einen neuen feurigen Kämpfer zu machen!

Die Kur ist eine ernste Notwendigkeit, die Nachkur ist ein heiteres Fest! Gerade der erst kürzlich gesundete Körper bedarf bei seinen zarten Vernarbungen allerzärtlichster Rücksicht. Geld und Zeit für die Nachkur sind wichtiger als für die Kur. Keine Kur ohne Nachkur! Die Nachkur ist erst die Kur! Semmering, 1000 Meter Höhe.

SEMMERING

Es wurde wieder Winter, November 1912. Überflüssig, die Berglandschaft zu schildern. Das können Russen, Schweden, Dänen viel, viel besser. Sie kennen das Gepräge jedes Baumes, und wie der Schnee sich ansetzt, je nachdem. Sie kennen die Eintönigkeit und ihre Poesien, sie kennen die Melodie der Stille, und der Krähen Mißton wird ein schaurig-melancholisches Leitmotiv: Winter! Ich liebte den Sommer, weil ich gesund war, und seinen Symphonien von Farben, Düften lauschen konnte, unbeirrt durch etwas, was mich drückt und niederzwingt. Nun ist es Winter. Ich sehe alles nur so, wie wenn ein gütiges Schicksal den Abschied mir nicht schwer machen wollte. Eine einzige Begeisterung ist geblieben und ringt sich durch, wie wenn mein Bestes mir erhalten bleiben sollte. Ich sah meine kleine Heilige im roten Wintersportkostüm. Der Wintertag leuchtete auf ihrem geliebten Antlitz. Ich sah sie rodeln, ich hörte ihr geliebtes jauchzendes Gekicher, sie flog davon, den scharfen Kurven nach im weißen Fichtenwalde. Ich hatte sie gesehen! Ich ging zurück ins Zimmer und versank in düsteres Sinnen ... Und es ward Winter 1912!

WINTER AUF DEM SEMMERING

Ich habe zu meinen zahlreichen unglücklichen Lieben noch eine neue hinzubekommen — — — den Schnee! Er erfüllt mich mit Enthusiasmus, mit Melancholie. Ich will ihn zu nichts Praktischem benützen, wie Scheerngleiten, Rodeln, Bobfahren; ich will ihn betrachten, betrachten, betrachten, ihn mit meinen Augen stundenlang in meine Seele hineintrinken, mich durch ihn und vermittelst seiner aus der dummen, realen Welt hinwegflüchten in das sogenannte „weiße und enttäuschungslose Zauberreich“! Jeder Baum, jeder Strauch wird durch ihn zu einer selbständigen Persönlichkeit, während im Sommer ein allgemeines Grün entsteht, das die Persönlichkeiten der Bäume und Sträucher verwischt. Ich liebe den Schnee auf den Spitzen der hölzernen Gartenzäune, auf den eisernen Straßengeländern, auf den Rauchfängen, kurz überall da am meisten, wo er für die Menschen unbrauchbar und gleichgültig ist. Ich liebe ihn, wenn die Bäume ihn abschütteln wie eine unerträglich gewordene Last, ich liebe ihn, wenn der graue Sturm ihn mir ins Gesicht nadelt und staubt und spritzt. Ich liebe ihn, wenn er in sonnigen Waldlachen zerrinnt, ich liebe ihn, wenn er pulverig wird vor Kälte wie Streuzucker. Er befriedigt mich nicht, ich will ihn nicht benützen zu Zwecken der süßen Ermüdung und Erlösung, ich will nicht kreischen und jauchzen durch ihn, ich will ihn anstarren in ewiger Liebe, in Melancholie und Begeisterung. Er ist also eine neue letzte „unglückliche Liebe“ meiner Seele!

VOLLKOMMENHEIT

Vollkommenheit ist ein heutzutage ganz mißverstandenes Wort. Man sagt: Gustav Klimt, der vollkommene moderne Maler; Frau Bahr-Mildenburg, die vollkommene Wagner-Darstellerin; Oberbaurat Otto Wagner, der vollkommene Architekt; Peter Altenberg, der vollkommene Skizzenschreiber, Karl Kraus, der vollkommene „Angreifer, Verhöhner, Vernichter“! Aber vollkommen kann ein jeder sein, in jeglicher Sache! Ein Orangenverkäufer kann vollkommen sein, wenn er den Geschmack, den Saftgehalt, den Zuckergehalt jeder Orange oder Mandarine schon von außen, gleichsam durch die Schale hindurch, erkennt mit unfehlbarer Sicherheit! Ein Kastanienbrater kann vollkommen sein, wenn er das Gefühl dafür hat, wann und unter welchen Umständen seine Kastanien schön gleichmäßig goldgelb gebraten sind, ohne bräunliche schwarze harte Stellen zu bekommen. Ein Bar-Mixer kann vollkommen sein, eine liebende Frau, ein stichelhaariger Foxterrier, eine Hemdenputzerin, ein Kommis, in seiner Art zu bedienen, ein Koch, eine Stenographin, kurz: alle, alle, alle, insofern sie in ihrer Sache das Vollkommenste leisten! Pereant die protokollierten Firmen des allgemeinen succès; es leben hoch die Unbekannten, die göttlich singen beim Waschen und Anziehen, ohne an der Hofoper engagiert zu sein! Es leben die exzeptionellen Weber und Tuchfabrikanten, es lebe die kroatische, bosnische, ungarische, schottische, irländische, dänische, schwedische Hausindustrie! Was vollkommen ist, ist vollkommen, worin immer es sich auch betätige!

NACHWINTER

9. März. Mein 53. Geburtstag. Es ist schon wieder Schnee gefallen die ganze Nacht, Hochwinter im März. Man kann noch nicht „rodeln“, denn der Schnee ist noch flaumig wie flaumige Eiderdaunen. Aber das Auge weiß davon nichts. Nur die Fußspuren sind braungrau. Es hat null Grad im Schatten. Es ist ein Winterbild, an das man nicht recht glaubt. So Nachzügler einer Armee „Winter“! Meine Schneeschuhe, ein Geschenk des berühmten Architekten Adolf Loos, vor fünf Jahren, sind mir gestern abhanden gekommen. Der anständige Dieb hat wahrscheinlich nicht mit diesem Winter-Rückfall gerechnet, der mich nun in Verlegenheiten bringt! Sie waren mir teuer, obzwar sie mich nichts gekostet haben. Ich hatte fünf Jahre lang den Ehrgeiz, sie mir weder vertauschen, noch stehlen zu lassen. Der Kellner sagte mir oft: „Lassen Sie Ihre Schneeschuhe ruhig irgendwo stehen, es geschieht ihnen nichts!“ Nun, es ist ihnen wirklich nichts geschehen, sie haben nur ihren Besitzer gewechselt. Möge er sie ebenso zärtlich rücksichtsvoll behandeln wie ich, und möge ich eine neue Schneeschuh-Wurzen baldigst finden! Einer machte schon eine leise Anspielung, aber es stellte sich heraus, daß er mir nur mitteilen wollte, dieser Nachwinter könne ja ohnedies nicht mehr von langer Dauer sein, und da genügten dann gewöhnliche Galoschen. Als ich bemerkte, daß ich auch solche nicht besitze, erklärte er, Galoschen seien ungesund und verhinderten die Hautausdünstung. Also, in dieser Winterpracht feiere ich meinen 53. Geburtstag. Es wird kein Geld regnen, da ich keine Danae bin. Aber in die schlechte Bilanz des Jahres 1912 muß ich doch den Plus-Kontoposten meines Lebens einrechnen: „Nachwinter im März auf dem Semmering, und eine romantische ‚Petrarca-Liebe!‘“

Hier ist es friedvoll, vertauschte Haselnußbergstöcke, vertauschte Schneeschuhe, vertauschte Frauen sind das einzige bemerkenswerte Ereignis. Aber man findet sich in alles. Eine Dame sagte mir: „Sehen Sie, dieser von Ihnen gestern so gepriesene Herr ist doch kein Gentleman. Er trägt abends zu Lackpantoffeln, pumps, Wollsocken!“ — „Pardon,“ erwiderte ich, „ich habe das im Drang meiner Begeisterung übersehen!“ — „Ein so scharfer Beobachter wie gerade Sie, Herr Altenberg?!“ — „Ja, auch wir sind eben nur irrende Menschenkinder!“

HEIMLICHE LIEBE

Wir müssen von den Gefühlen unserer eigenen Seele leben können! Das ist die „neue Religion“ für unsere, sonst zum Leiden verurteilten impressionablen Nerven. Man kann uns alles wegnehmen, alles rauben, alles verhindern, alles verbieten — — nur nicht unsere Gefühle, die wir für geliebte Menschen haben! Hier beginnt unsere unbesiegbare Macht unserer Seele! Man wünscht es, unsere Tränen nicht zu sehen, nicht zu spüren, nichts darüber in alle Ewigkeit zu vernehmen — — — und sie rinnen dennoch auf den Kopfpolster, zum Preise der Entfernten! Könnt Ihr uns verbieten, in dem Bergkirchlein für ihr Heil zu beten?! Könnt Ihr uns es verbieten, im Schnee des „Hochwegs“ ihre Fußspuren zu ahnen?! Vielleicht sind es fremde, gleichgültige. Aber wir, wir träumen sie uns als die ihrigen, vermittels der Kraft unserer unzähmbaren, unbesiegbaren Seele! Kann sie zu uns sprechen: „Knie vor meinen Fußspuren nicht in den Schnee hin!?!“ Nein, das kann, das darf niemand zu uns sprechen. In diesen „Gefilden der entrückten Seele“ verliert die verbietende Menschenstimme ihre Macht und Gott sagt: „Du darfst!“

Ich habe Dein Glas in mein Zimmer mitgenommen, aus dem Du getrunken hast. Ich habe dem Kellner gesagt: „Ich habe ein Glas zufällig zerbrochen, da haben Sie zwei Kronen dafür!“ Er sagte: „Auf ein Glas mehr oder weniger kommt es, bitte, bei uns nicht an — — —.“ Also besaß ich das „geheiligte Glas“ umsonst. Ich ließ ihm ein Postamentchen machen aus Zirbelholz, ließ eingravieren: „Deine Lippen berührten es.“ Kann mir das irgend jemand verbieten?! Niemand kann mir meine Leiden verbieten, er kann sie nur steigern, und das ist gut für meine Seele — — —. Wen, wen wollt Ihr schützen vor meinen Tränen, die niemand, niemand sieht?!

DAS KINO

Ich schleudere hiermit meinen Bannfluch gegen alle jene, die, in „bestgemeinter Absicht“ oder aus Geschäftsinteresse, sich in neuerer Zeit gegen die Kinotheater wenden! Es ist die beste, einfachste, vom öden Ich ablenkendste Erziehung, besser jedenfalls, tausendmal besser als die bereits als „freche Gaunerei“ entlarvte „Kunstdarbietung“, ausgeheckt in ehrgeizigen, verdrehten Gehirnen und präpariert für den „seelischen Poker-Bluff“; infame Düpierung einfach-gerader Menschenseelen! Im Kino erlebe ich die Welt; und selbst die erfundenen Sketches sind schon, der Natur der Sache nach, auf edel-primitive Wirkung hin gearbeitet, Seelenkonflikte a la „3 und 2 macht 5“, nicht aber absichtlich 6 oder 7! Das Volk soll sich erheben für die Kinotheater und sich nicht neuerdings in kleinsten und belanglosesten Angelegenheiten beschwatzen und betören lassen von den „psychologischen Clowns“ der Literatur! Meine zarte 15jährige Freundin und ich, 52jähriger, haben bei dem Natursketch: „Unter dem Sternenhimmel“, in dem ein armer französischer Schiffzieher seine tote Braut flußaufwärts zieht, schwer und langsam, durch blühende Gelände, heiß geweint! Wehe euch, deren „trockenen Geist“ wir „trockenen Herzens“ angeblich begeistert genießen müssen! Wir müssen und wollen nicht!

Ein „berühmter Schriftsteller“ sagte zu mir: „Wir sind jetzt unter uns, was finden Sie eigentlich Besonderes an den Kinovorstellungen?!?“

„Nein,“ sagte ich, „wir sind nicht unter uns, sondern Sie sind unter mir!“

LEBENSBILD

Wesen der Engländerin:

„O, mein geliebter Freund, was nützte mir denn deine ganze tiefe Liebe, wenn du mir bei der Tür nicht den Vortritt ließest?!?“

Wesen der Amerikanerin:

Natürlich zu sein, so wie man eben einfach von Natur aus ist!“

Dies schrieb ich einer jungen, edlen Amerikanerin ins Stammbuch.

„O,“ sagte sie, „sehr, sehr schön; und vor allem sehr, sehr wahr! Aber, bitte, was würden Sie denn einer jungen Engländerin in ihr Stammbuch hineinschreiben?!?“

„Ich? Natürlich gerade das Umgekehrte!“

SO SIND WIR

Wir wollen aufrichtig sein, vor allem diesmal ich, Sophie B.; vielleicht für alle meine Mitschwestern. Nichts ist rätselhafter für uns, als es zu sehen, wie jemand uns gar nicht mehr lieb hat! Gar nicht mehr ein bißchen. Wir machen da sozusagen nachträglich alle seine Qualen mit, und alle unsere vollkommen unnötig gewesenen Grausamkeiten, Ungezogenheiten, Rücksichtslosigkeiten usw. usw. Wie ein schreckliches Bild zieht es an uns vorüber, nebelhaft, und dennoch schreckhaft deutlich! Ja, wir waren Königinnen, wie Chinas mysteriöse Beherrscherin einst, und nun sind wir entthront! Man bittet uns nicht mehr um Gottes willen um eine Haarlocke, man versucht es nicht mehr, unser Knie unter dem Tisch sanft zu berühren! Wir sind entthront, entwertet und verstoßen! Wir haben uns „Herzen“ entfremdet; und Gott will das nicht. Das heißt, Er hat nichts dagegen, falls es sein muß, aber es soll in Seiner Milde, in göttlicher Milde vor sich gehen, so zart behutsam, daß wir alle Tränen trocknen, die seit Monaten um uns geflossen sind! Mit Kranken schreit man nicht herum! Wir haben nie seine Briefe verstanden, in denen er uns doch ganz verständlich mitteilte, er habe unseretwegen die ganze Nacht geweint. Jetzt verstehen wir diese Briefe, die wir bereits zerrissen haben!

Also, da sitzt er nun vor uns, der einst ein Narr in unseren Augen war, und unsere ausgespuckten Traubenschalen liebevollst in seinen Mund nahm!

Da sitzt er nun vor uns. Wir sind ihm nichts. Er schaut, und ist selbst verständnislos geworden!

Oh — — — oh — — —! Wie schade!

Unser Atem ist ihm nicht mehr süß — — — vielleicht ekelt er ihn sogar — — —!

MEIN GRAUER HUT

Der Märzwind klagt durch die winter-erfrorenen rostroten Gebüsche. Über die grauen Wiesen bürstet er grauen Märzstaub auf, zieht in die Wälder hinauf, um rotes starres Laub zum Rascheln zu bringen, zum Vorfrühling-Tanze!

Neben mir liegt mein geliebter grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hütchen. Er erinnert mich an alles, was ich verloren habe, an Alles! Ich habe ihn in Mürzzuschlag gekauft, nach langem Suchen, er ist mein Ideal-Hut. Nun blicke ich ihn an, in tiefster Zärtlichkeit, als ob er noch die hellen scharfen Lüfte und Düfte vom Semmering-Paradiese in seinem Filzgewebe berge. Ja, für mich birgt er sie, alle die Schätze, die mein Auge dort droben in der lichten scharfen Luft in sich hineingetrunken hat, auf der Beton-Terrasse, 6 Uhr morgens, mit sonnigem Wiesennebel und dem Mürz-Nebel-Strom ins Haidbachtal, weiß und leuchtend, ein Märchen-Strom! Und abends die goldenen Wolken im Mürztal; und immer, immer war es noch schöner als am Vortage, und meine Seele war reich durch Begeisterung. Nichts entging mir von Gottes Pracht.

Nun denke ich an das Holdeste, Klara und Franziska Panhans, Magda Simon, Eva Leopold, Frau Machlup, ebenfalls Gebilde der gütigen edel-gestaltenden Natur! Für alle hatte ich den Blick fanatisch-zärtlicher Begeisterung! Nun aber bleibt mir nur mein kleiner grauer Filzhut, Gemsjagd-Kaiser-Hut; er liegt vor mir, unscheinbar, nichtssagend. Mir aber scheint die untergegangene Sonnenwelt „Semmering“ daraus entgegen, und sagt mir „adieu“, adieu für immer — — —. Weshalb dieses Schicksal?! Ich weiß es nicht — — —.

8. März 1913. Vortag meines 54. Geburtstages. Für Frau Lilly St.

DIE KOSTÜME AUF DEM SEMMERING IN DER SILVESTERNACHT

Ich sah ein ockergelbes Musselinkleid-Hemd mit breitem lila Samtband geputzt. An der Brust eine große lila-weiße Kamee. Dann sah ich an dem herrlichen Fräulein Schw... eine weiße seidene Wolke, am Rande bestickt mit grellem Silberschimmer aus großen viereckigen Silberplättchen. Dann sah ich an der braunen Frau S. eine schwarze Tüllrobe, mit schwarzem Hut, mit einer schwarzen samtenen Tulpe an der Brust. Kardinalfarbene Seidenrobe, bestickt mit kardinalfarbigen Glasperlen. Eine staubgraue, nebelgraue Tüllrobe, mit breiten ockergelben Samtbändern. Eine erbsengrüne Tüllrobe, mit hechtgrauen Glasperlen bestickt; braungelbe Orchideen an der Brust. Frauenschuh. Dann sah ich eine — — — da wußte ich gar nicht, was sie anhatte; denn ich sah nur ihr Antlitz, ihr süßes, süßes Antlitz, mit den klaren schimmernden Madonnenaugen — — —. Da sagte eine ältere Dame zu mir: „Nicht wahr, das bemerke ich sofort, die Toilette dieser jungen Dame ist ganz nach Ihrem etwas aparten und übertriebenen Geschmack — — —!?!“ — „Jawohl“, erwiderte ich, „obzwar ich gar nicht sah, was sie anhatte — — —.“ — „Ja, Sie urteilen eben auch nur nach dem Äußeren, mein Lieber, sehen Sie wohl?!?“ — „Ja, leider“, erwiderte ich und starrte die Madonnenaugen an — —. Sie hieß Kl. P. und dennoch kann niemand ahnen, wer es ist — — —.

FORTSCHRITT

Es gibt Leute, die heutzutage nicht mehr auf den Boden eines Kaffeehauses spucken können, und solche die es noch ganz gut können. Diese Zweiteilung ist ein Zeichen eines wenn auch geringen allgemeinen Fortschrittes. Es gibt Leute, die selbst bei einer automatisch von selbst schließenden Tür ängstlich hinter sich blicken, ob die Maschinerie auch wirklich funktioniere. Das sind bereits „Gentlemen der Entwicklung“. Beim „Sport“ darf man keiner Dame helfen, irgendwie behilflich sein in einer schwierigen Situation. Dadurch gewöhnt man sich allmählich auch das sklavische „Pakettragen“ oder „Schirmaufheben“ oder „Zigarettenanzünden“ ab. Wieder ein kleiner Fortschritt! Jetzt fehlt noch der hohe englische Fußschemel beim Friseur, und die Ventilatoren in jeder Fensterscheibe, wobei niemand rufen darf: „Es zieht!“ Preise an Schriftsteller-Millionäre zu vergeben, ist noch rückschrittlich. Mit Geld kann man nur Künstler ehren, die keines haben! Turbot samt seiner dunklen schuppigen Haut essen und noch dabei behaupten, das gebe dem edlen Fische erst den Geschmack, ist eine mittelalterliche Zurückgebliebenheit, die man eventuell einem eisengepanzerten Recken oder Drachentöter nachsehen könnte! Eine übertrieben deutliche Schrift haben, ist einer der wenigen zu begrüßenden Snobismen. Man schreibt für den, der es lesen soll! Eine Frau in der Weise bewundern, daß es dem zugute kommt, dem sie angehört, und nicht dem, der sie bewundert, ist „höchste Kultur“! Mehr als zweimal im Tag mitteilen, man habe im rechten Knie beim Drücken einen Schmerz, ist nicht „fortschrittlich“. „Tamar Indien Grillon“ anpreisen, ist höchste Kultur. Aber auch hierin gibt es zarte Grenzen. Ich hörte einmal an einem herrlichen Herbstmorgen einen jungen Griechen eine junge Serbin fragen: „Oh bonjour, mademoiselle, combien de pilules „Purgén“ est-ce-qu’on ose prendre à la fois?!“ „36“ erwiderte die junge Dame schlagfertig, worauf man den Griechen acht Tage lang nicht mehr erblickte. Leute ins Gespräch ziehen, um ihnen Ansichten herauszulocken, zum Zwecke, sie ihnen widerlegen zu wollen, ist unkultivirt. Um „Proselyten“ zu machen, gehört mindestens die Entschuldigung eines „heiligen Fanatismus“. Zwischen Tee und „kleiner Bäckerei“ hat solches nicht stattzufinden! „Anonyme Briefe“ sind eine Gemeinheit. „Nicht anonyme Briefe“ sind eine noch größere Gemeinheit. Man hat zu schreiben: „Ich verehre Sie!“ Im allgemeinen aber zeigt sich doch in der „vie quotidienne“ ein beträchtlicher Fortschritt. „In der Nase bohren“ findet man sogar bei Kindern verhältnismäßig nur mehr selten, obzwar es noch vor 20 Jahren zu den sogenannten „billigen Freuden des Daseins“ gehörte! Häufiger kommt es vor, daß Liebesleute vor Fremden sich gegenseitig zu blamieren, zu desavouieren suchen, kurz den Anschein eines Täubchenverhältnisses zu bewahren, für Augenblicke außer acht lassen. Den „Dritten“ dabei als Richter anzurufen, ist aber eine der allergrößten Infamien, besonders falls er auf die Frau ein oder mehrere Augen bereits geworfen hat. Es gibt also noch immer eine Anzahl von verbesserungsbedürftigen Dingen — — —!

ABSCHIED

„Herr Altenberg, ich danke Ihnen noch zuletzt für alles, für alles!“

„Wofür, das verstehe ich nicht — — —.“

„Das kann man nicht so sagen, wofür man Ihnen in einem wochenlangen Verkehr zu danken hat! Man ist gleichsam von sich selbst erst zu sich selbst gekommen, erblickt das Leben einfacher, selbstverständlicher und klarer als bisher. Deshalb muß man zu Ihnen sagen: ‚Ich danke Ihnen für alles, für alles — obzwar man durchaus nicht weiß, worin es besteht!‘“

Es war der tiefste Abschied, eigentlich aber ein ewiges Zusammenbleiben!

BESUCH

Mein Freund, der Doctor philosophiae aus Heidelberg, schrieb mir, er sei in tief deprimierter Stimmung, wolle in den „Frieden der Berge flüchten“, höchst moderne Ausdrucksweise, und vor allem beim Dichter eine Art von „seelisch-geistigem“ Reinigungsbad nehmen. Als er ankam, begann ich daher von Rax und Schneeberg, Pinkenkogel und Sonnwendstein zu schwärmen. Er erwiderte: „Lasse gefälligst diese Marlittiaden einer überwundenen Epoche und zeige mir lieber eine Dame, mit der man stundenlang über Ibsen, Hofmannsthal, Stephan George und ähnliche Geschöpfe seine endgültigen Ansichten los werden kann.“ Er war glücklich, als ich ihm mitteilte, daß ich zufälligerweise gerade jetzt drei solcher Damen auf Lager habe, leider aber eine jede in einem anderen Berghotel. Er meinte, er wolle gern den Wagen bezahlen, und wir sollten von einer zur anderen fahren. Auf dem Wege könne man ohne weitere Schwierigkeiten die Schönheit, den Frieden der Bergwelt, aber ohne Exaltationen über jeden einzelnen Baum, sondern in Bausch und Bogen genießen. Dieser annehmbare Plan wurde zu allgemeiner Zufriedenheit ausgeführt. Eine vierte Dame, die sich anschloß, konnte wegen Zeitmangels nicht ins Gespräch gezogen werden über die Philosophie in der Musik des Debussy. Der Doktor sagte zu mir: „Ist es also wirklich wahr, daß man nur bis 11 Uhr abends hier Getränke bekommt?!“ — „Nein,“ erwiderte ich, „das ist eine Verleumdung, man erhält bis Mitternacht Limonade und Soda-Himbeer!“ — „Esel,“ sagte er, „ich meine schweren Burgunder!“ Er schlug nun vor, schon um 7 Uhr abends anzufangen, damit man bis zur Schank-Sperrstunde das Nötige absolviert haben könne. Ich erklärte ihm, daß ich seit anderthalb Jahren Antialkoholiker sei und daher vor halb 8 Uhr abends nicht anfangen könne! Er sagte, er sei einverstanden, da er mich von meinen schwer errungenen Grundsätzen nicht abbringen wolle. Im Laufe des Abends gesellten sich einige Herren zu uns, die er in liebenswürdigster Weise anstänkerte, indem er sie fragte, ob sie sich ernstlich von der Bergluft und der Enthaltsamkeit eine Heilung ihrer anscheinend doch unheilbaren Leiden erwarteten?!? Bald waren wir allein, und später erklomm er mit meiner Bergführerhilfe die Treppe. Er sagte noch: Rax, Schnee—berg, Sonn—wend—stein, Pin—ken—ko—gel ..., dann verschwand er hinter der gepolsterten Tür.

BUCHBESPRECHUNG

Ich lese jetzt Tolstois „Chadschi Murat“, aus dem Nachlaß. Es ist immer dieselbe Art, plastisch-historisch, lebendig gewordene Wachsfigurenkabinette, psychologische Wachsfiguren, z. B. der großartig geschilderte wachsbleiche fette Kaiser mit dem nichtssagenden streng-starrenden Antlitz, der weiß, daß er nichts weiß, und dennoch die Geschicklichkeit besitzt, sich immer, in jeder Situation, es einzureden, daß er „zum Heile und zur Ordnung der Welt“ unentbehrlich sei. Aber auf Seite 161 fand ich ein besonderes und bisher, vor allem mir, unbekanntes Sprichwort: „Der Hund bewirtet den Maulesel mit Fleisch und der Maulesel den Hund mit Heu — infolgedessen bleiben beide hungrig!“ Ich finde das wunderbar; es ist ein Bild unseres ganzen tragischen Lebens, besonders dessen zwischen Mann und Frau! Ein jeder bewirtet uns mit einer Kost, die für ihn die beste, für den Bewirteten meistens jedoch die allerschlechteste ist!

Einer meiner sogenannten „Freunde“, andere als „sogenannte“ gibt es nämlich hienieden nicht, würde natürlich sagen, daß dieses Sprichwort einen natürlich ganz anderen Sinn habe als den ihm von mir willkürlich unterlegten, ferner, daß es längst allgemeinst, vor allem ihm selbst, bekannt sei; daß es schon im „Sanskrit“ erwähnt werde und nichts anderes bedeuten könne als die „Güte des Schöpfers allen seinen Kreaturen gegenüber“! Du Esel! Trotzdem halte ich das erwähnte Sprichwort für überaus wertvoll und sinnvoll und glaube nicht, daß ich bis Seite 203, Ende, etwas annähernd ebenso Tiefes finden werde.

Wenn man einmal so weit ist, die Menschen des übrigens alltäglichen Lebens ebenso scharf aufs Korn zu nehmen, wie Tolstoi es tut in seinen Romangebilden, oder wie Charles Dickens und Thackeray in milderer Form, so verringert sich naturgemäß die Distanz zwischen Künstler und Leser. Der Leser weiß einfach ganz dasselbe, ohne sich die lächerliche Mühe zu nehmen, es niederzuschreiben!

EIN BRIEF

Sehr geehrte gnädige Frau!

Sie wollen „glücklich“ sein? Das ist schrecklich! Beethoven, Schiller, Hugo Wolf, Novalis, Lenau waren nicht glücklich. Mit welchem Rechte wollen Sie also glücklich sein? Mit dem Rechte der „Inferiorität?“ Aber darauf haben Sie keinen legitimen Anspruch, da Sie es doch nicht sind! Sie erzählen mir, daß irgend jemand um Sie bange war, um Sie geweint hat? Erzählen Sie mir doch lieber, daß Sie um irgend jemand besorgt waren, geweint haben! Sie sagen mir, was man von Ihnen halte? Sagen Sie mir doch lieber, was Sie von den andern halten! Sagen Sie mir, von wem Sie schwärmen, und sagen Sie mir nicht, wer von Ihnen schwärmt! Ihre eigene Welt ist gerade so wie sie ist, aber die Welt der andern, der „Nicht-Sie-Seienden“, die ist eine Bereicherung Ihres Denkens, Ihres Fühlens! Zeugnisse mit ausgezeichneten Referenzen sich von Nichtverstehern ausstellen lassen, ist eine allzu billige Befriedigung! Sind Sie die Duse, die Yvette Guilbert, die Else Lehmann! Nun also! Sagen Sie stets: „Ich verehre!“ sagen Sie niemals: „Ich werde verehrt!“ Ein „labiles Selbstbewußtsein“ ist an und für sich „unkünstlerisch“! Sei, der du bist! Nicht mehr, nicht weniger! Wenn Sie vom „Russischen Ballett“ schwärmen, von Nidjinsky, von der Karsawina, von der Niedermetzelung der Haremswächter, von den russischen Volksmelodien, von den Damen in den Logen und den Silberreifen um ihre süßen Lockenköpfe, von Samthemden in Violett und Grasgrün, die alles verbergen wie edel-verschwiegene schwere Portieren — dann, dann sind Sie Sie selbst! Eine Aufsaugerin der Schönheiten der Welt, eine Bereicherte! Aber wenn Sie von sich selbst sprechen, werden Sie armselig! Eine, die erzählt, man habe ihr ein Almosen gegeben; eine Bettlerin an der Brücke, die hinüberführt ins „Versorgungshaus des Lebens“!

DAS HOTEL-STUBENMÄDCHEN

Sie saß nachts, ganz zerpatscht von Stiegensteigen, Sorgsamsein für fremde Menschen, Aufmerken auf fremde Wünsche, in der Portiersloge, zählte einen Haufen Trinkgelder in ihre Schürze. Ich wußte, daß sie ein entzückendes dreijähriges Mäderl habe, und der Gatte war verschollen.

Ich sagte: „Woher sind Sie, Marie?!“

„Aus Kärnten.“

„Sie müssen ja die Dorfschönheit gewesen sein — — —.“

„Das war ich!“

„Und alle Jünglinge müssen sich um Sie beworben haben — — —.“

„Das haben sie getan.“

„Und da haben Sie sich den gerade aussuchen müssen?!“

Er mich!

„Und Sie sind so ruhig, so gesichert — — —.“

„Da kann man nicht aufbegehren. Es ist das Schicksal!“

„Nein, die Dummheit war es, die Borniertheit — — —.“

Das ist ja unser Schicksal!

Später sagte sie: „Rühren Sie mich nicht an, es passt mir nicht. Weshalb streicheln Sie meine Haare?! An mir ist nichts mehr zum Streicheln — — —.“

Ich schenkte ihr eine Krone.

„Wofür geben Sie mir das?!“

„Gewesene Dorfschönheit!“ erwiderte ich. Da begann sie zu weinen.

GESPRÄCH

„Sie, sagen Sie, mein lieber Peter Altenberg, wie lang sind Sie eigentlich schon da, auf diesem Semmering?!?“

„Elf Wochen?!“

„So? No, und das können Sie so aushalten, so ganz ohne Weiber?!?“

„Nur ohne Weiber! Mit Weibern könnt’ ich’s gar nicht aushalten!“

„Komischer Mensch, was Sie sind!“

„Weshalb komisch?!?“

„No, Sie sind doch der größte Troubadour für die Weiber, was wir haben heutzutage?!?“

„No, könnt’ ich denn ihr größter Troubadour sein, wenn ich alleweil mit ihnen beisammen wär’?!?“

BOBBY

Ich habe sowieso nichts mehr zu verlieren, nichts mehr zu gewinnen, ich stehe vor der „großen Abrechnung“ meines Lebens. Jetzt erkläre ich, daß ich die weiße, hellbraungefleckte echtrassige Foxterrierhündin Bobby, mit ihren acht rosigen Brust- und Bauchwarzen (selbst die edelsten Damen haben nur deren zwei), für schöner, graziöser, liebenswürdiger, herzlicher, menschenfreundlicher halte als die meisten Frauen. Sie erregt nie in mir Eifersuchtsqualen und Verzweiflung, hat eine unbeschreibliche Freude, wenn ich nett zu ihr bin, sagt nie bei einer solchen feinfühligen Gelegenheit: „Zahl’ lieber an Kaviar und laß die billigen Faxen — — —.“ Denn erstens frißt sie Gott sei Dank gar nicht Kaviar, und zweitens „fliegt sie“ grad auf meine „billigen Faxen“, d. h. meine seelische Verehrung, Anerkennung und Liebe!

Ich ziehe also Bobby allen Frauen vor, freilich sage ich das erst öffentlich am Ende meiner sogenannten „Liebeslaufbahn“, mit einem Wort: nach meiner Schlacht von Sedan. Bobby hat um mich geweint, gewinselt, sich gekränkt, den Appetit verloren. Die übrigen Weibchen hatten gerade in meiner Gesellschaft stets einen riesigen Appetit, während ich kaum die Absicht hatte, ihnen ein „Kalbsgulasch“ zu bezahlen. Und dann, Bobby hat noch einen großen Vorteil, sie gehört nämlich gar nicht einmal mir, sondern einer reizenden bekannten Dame, der die Fürsorge für sie obliegt. Ich selbst schmeichle mich nur bei Bobby ein, um ihre zärtliche Freundschaft zu genießen. Ich will keine Spesen haben, und „äußerln“ führe ich auch nicht. Frauen haben immer irgendwelche Bedürfnisse! Aber ich bin nicht in der Lage, sie zu befriedigen — — —. Das nimmt zu viel Kräfte weg und Zeit! Liebe ohne alle Spesen ist meine letzte Erkenntnis auf Erden.

PSYCHOLOGIE

Mich interessiert an einer Frau meine Beziehung zu ihr, nicht ihre Beziehung zu mir!

Daß ich ihr eine exzeptionelle Achatbrosche schenken darf, macht mich glücklich, nicht daß sie es gerührt annimmt!