Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am [Ende des Buches].

Als ich noch der
Waldbauernbub war.

Von Peter Rosegger.

Für die Jugend ausgewählt
aus den Schriften Roseggers
vom Hamburger Jugendschriftenausschuß.

Einundsechzigstes bis siebzigstes Tausend.

Leipzig,

Verlag von L. Staackmann.

1905.


Außerdem erschien noch:

Als ich noch der Waldbauernbub war

II. Teil u. III. Teil.

Von

Peter Rosegger.

Für die Jugend ausgewählt vom Hamburger
Jugendschriftenausschuß.

Elegant kartoniert 70 Pf.
Elegant und dauerhaft gebunden 90 Pf.

Inhalt des II. Teiles:

In der Christnacht. – Was bei den Sternen war. – Auf der Wacht. – Wie ich mit der Thresel ausging und mit dem Maischel heimkam. – Als ich das Ofenhückerl war. – Als ich um Hasenöl geschickt wurde. – Als ich mir die Welt am Himmel baute. – Von meiner Mutter.

Inhalt des III. Teiles:

Als ich Christtagsfreude holen ging. – Das Schläfchen auf dem Semmering. – Als ich nach Emaus zog. – Am Tage, da die Ahne fort war. – Der Fronleichnamsaltar. – Weg nach Maria Zell. – Als ich der Müller war. – Als ich den Himmlischen Altäre gebaut. – Als ich im Walde beim Käthele war. – Als die hellen Nächte waren. – Aus der Eisenhämmerzeit. – Als ich zum Pfluge kam.

Alle Rechte vorbehalten.


Vorwort.

Ihr lieben jungen Leser alle!

Es ist für mich wie ein Fest, daß ich Euch, die Ihr sicher in recht stattlicher Zahl Euch um das Waldbauernbüblein scharen werdet, ein wenig auf diese Bekanntschaft vorbereiten darf. Verständige Knaben und sinnige Mädchen wie Ihr werden vor einem ernsthaften Wort gewiß nicht davonlaufen, nicht wahr?!

Mein Erstes sei, Euch – soweit Ihr's schon verstehen könnt – auseinanderzusetzen, wie und in welcher Absicht dies Büchlein zustande gekommen ist; wollen Eure Eltern sich auch ein wenig heransetzen und mit zuhören, so ist mir's um so lieber.

Seht! seit Jahren hält der Hamburger Jugendschriften-Ausschuß im Einverständnis mit den übrigen deutschen Prüfungsausschüssen und mit vielen andern Männern und Frauen, die es mit der deutschen Jugend gut meinen, Umschau unter den Schätzen, die unsre Dichter ihrem Volke geschenkt haben, ob nicht Kleinode darunter seien, deren Schönheit auch Eurem Auge schon offen liege. Wir haben gar kostbare Stücke der Art gefunden, ja, manch Eines sieht aus, als sei es eigens für Kindeshand und Kindesherz erschaffen. Da halten wir es nun nicht nur für eine unserer schönsten Aufgaben, Euch solche Werke möglichst bequem zugänglich zu machen, sondern wir sehen darin auch geradezu eine unabweisbare Pflicht! und ich will den Versuch wagen, Euch wenigstens ahnen zu lassen, um welch große Sache es sich dabei handelt. – Ein Bild muß mir helfen:

Siehst Du dort den kühnen Reiter?! – – Ob er seine edle Kunst wohl einst auf hölzernem Kinderpferdchen erlernt hat?! – – Du lachst mir hell ins Gesicht! – Auf ein Roß von Fleisch und Bein hat ihn sein Vater gesetzt! nicht sogleich auf ein wildes, ungebärdiges! – behüte! es that's doch sein Vater! – Aber lebendig war's! und der Knirps hat gejauchzt in hellem Vergnügen! – – Aber schon der Knabe merkte bald, daß das Reiten eine gar ernsthafte Lust sei, die mit ernster, fleißiger Übung erkauft sein wollte; dafür blitzte es aber auch heute dem Manne, der eben auf seinem mutigen Rappen an uns vorüberflog, mit so eigener Freude aus den Augen, daß wir selbst unser Herz höher schlagen fühlten. Was meinst Du? der würde sich doch wohl um keinen Preis auf einen elenden Droschkengaul setzen?!! –

Nun gieb acht, mein lieber aufmerksamer Zuhörer, daß Du mich verstehst! – Wohlerfahrene Männer führen Klage, daß große Kreise unseres Volkes die Lust an seinen Dichtern verlernt haben, daß unabsehbar Viele an elendem Zeug, das sie für schön halten, sich hoch ergötzen, und daß sie an dem wahrhaft Schönen achtlos vorüberstreichen, weil sie's nicht erkennen. Da möchten wir nun nach Kräften helfen, daß unsere Jugend, zu der auch Ihr gehört, die Ihr mich so helläugig anblickt, dereinst nicht solchem Irrtum verfalle. Wir meinen, daß auch die rechte Freude am Kunstwerk eine »ernsthafte Lust« sei, die erlernt sein will, und darum möchten wir es jenem Manne nachthun, der sein Söhnlein frühzeitig vom steifen Holzgaul auf's edle Roß hob: Wir wollen Euch dem Einfluß der für Euch zurecht gezimmerten Jugendschriften entrücken und Euch vor echte Kunstwerke stellen und Euch aufgeben: Genießet sie mit ernsthafter Freude! – Wir wissen zuversichtlich, daß dann auch Euch einst das Auge leuchten wird, wie jenem Reiter! daß auch Ihr Euch vom Gemeinen abkehren werdet, weil Ihr gelernt habt das Schöne zu schätzen! –

Aus solcher Absicht ist Euch im vorigen Jahre Storm's »Pole Poppenspäler« neu geschenkt worden; aus solcher Absicht folgt als diesjährige Weihnachtsgabe das »Waldbauernbüblein«. Der Dichter und sein Verleger – das ist jener Mann, der eines Schriftstellers Werk als Buch herrichten läßt und dieses in die Welt hinaus sendet – sind in der Absicht, recht vielen Kindern Freude zu machen, auf unsere Bitte eingegangen; ja, sie haben uns in schönem Vertrauen die Auswahl freigestellt, und so haben wir denn ausgewählt nach unsrer und zu Eurer Herzenslust. Wir waren dabei keinen Augenblick im Zweifel, daß von den vielen Geschichten Roseggers, an denen Ihr rechtes Genießen erlernen könntet, in allererster Reihe solche vor Euer Ohr gehören, in denen der Dichter aus seiner eignen Kindheit, aus seiner geliebten Waldheimat erzählt.

Nun wißt Ihr, wie und in welcher Absicht das Büchlein, das Ihr in der Hand haltet, zustande gekommen ist, und ich könnte nun von Euch Abschied nehmen, müßte ich nicht fürchten, daß Euch die Aufgabe, die ich Euch gestellt, in Verlegenheit setzt. Oder habt Ihr's etwa garnicht gemerkt! – Genieße diese kleinen Kunstwerke mit ernsthafter Freude! so heißt Deine Aufgabe. – O, hab keine Angst: das Reiten zu erlernen ist viel, viel schwerer! – Willst Du meinen Rat befolgen? Hier ist er:

Lies die kleinen Geschichten nicht, wie Du sicherlich schon manches Indianerbuch durchgelesen hast: Du weißt wohl, in einer Angst und Hast hin zum Ende! und dann womöglich gleich noch ein zweites! und ein drittes! – Nein, nur das nicht! Lies sie hübsch verständig und sinnig, als ob Du sie Dir selbst erzähltest. Bist Du noch im Zweifel, so bitte Deine Eltern oder Deinen Lehrer oder Dein Schulfräulein, daß Eins von ihnen Dir die eine oder andere vorlese; dann wirst Du merken, wie Du selbst Dir die übrigen vorlesen mußt.

Vielleicht wird es Dir nun so ergehen, daß Du, wenn Du mit der letzten Geschichte zuende bist, wieder die erste aufschlägst und gewahr wirst, wie Dir jede nun noch viel besser gefällt. Wenn es so kommt, dann hat Dich Deine Aufgabe schon erfaßt. Halb unwillkürlich wirst Du Dich jetzt hinein sinnen in das Leben und in die Gedanken und in das Empfinden des Waldbauernbuben; ja, zuweilen wird Dir gar sein, als wärest Du selbst der kleine Peter Rosegger. Das, mein braver Junge! mein liebes Mädchen! das ist der rechte Augenblick! jetzt öffne Deine Augen! – Wenn Du jetzt die Welt des Waldbauernbuben – in diesem Augenblick Deine Welt! – immer klarer und greifbarer sich vor Dir ausbreiten siehst: das Haus, den Wald, die Berge, die Thalweide …; wenn Du jetzt die Menschen in dieser Welt – in diesem Augenblick Deine Lieben, Deine Bekannten! – leibhaftig um Dich wandeln siehst: den Vater, die Mutter, die Geschwister, den Vetter Jok, den Meisensepp, die Drachenbinderin und ihren Knecht …; wenn Dir jetzt Dein Herz zuckt, als hörtest Du Deinen Vater aufschluchzen um Dich, als lägest Du selbst in bittrer Reue neben dem schlummernden Hiasel unter dem Kreuz, dann, mein lieber kleiner Leser! dann hat sich Deine Aufgabe erfüllt, und Du hast davon keine Mühe, sondern nur edle Freude gehabt! Dann wirst Du den kleinen Peter ins Herz geschlossen haben, wie ich den großen, und ihm aus dankbarer Seele den Gruß senden, den ich jetzt Dir und ihm zurufe, den treuen Gruß, den er so gern hört:

»Grüß Gott!«

Hamburg, im Oktober 1899.

Im Auftrage des Hamburger
Prüfungsausschusses für Jugendschriften.

W. Lottig.


Inhalt.

Seite
1. Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß [1]
2. Ums Vaterwort [14]
3. Allerlei Spielzeug [22]
4. Wie der Meisensepp gestorben ist [32]
5. Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte [43]
6. Wie das Zicklein starb [50]
7. Dreihundert vierundsechzig und eine Nacht [59]
8. Als ich Bettelbub gewesen [66]
9. Als ich zur Drachenbinderin ritt [76]
10. Als dem kleinen Maxel das Haus niederbrannte [91]
11. Als ich das erste Mal auf dem Dampfwagen saß [98]
12. Als ich – [107]

Nr. 1. 4. 5. 8. 10. sind dem Buche »Waldferien«
Nr. 2. 3. 6. 7. 9. 11. 12. sind dem »Deutschen Geschichtenbuche«
entnommen.


Vom Urgroßvater, der auf der Tanne saß.

An die Felder meines Vaters grenzte der Ebenwald, der sich über Höhen weithin gegen Mitternacht erstreckte und dort mit den Hochwaldungen des Heugrabens und des Teufelssteins zusammenhing. Zu meiner Kindeszeit ragte über die Fichten- und Föhrenwipfel dieses Waldes das Gerippe einer Tanne empor, auf welcher der Sage nach vor mehreren hundert Jahren, als der Türke im Lande war, der Halbmond geprangt haben und unter welcher viel Christenblut geflossen sein soll.

Mich überkam immer ein Schauern, wenn ich von den Feldern und Weiden aus dieses Tannengerippe sah; es ragte so hoch über den Wald und streckte seine langen, kahlen, wildverworrenen Äste so wüst gespensterhaft aus, daß es ein unheimlicher Anblick war. Nur an einem einzigen Aste wucherten noch einige dunkelgrüne Nadelballen, und über diese ragte ein scharfkantiger Strunk, auf dem einst der Wipfel gesessen. Den Wipfel mußte der Sturm oder ein Blitzstrahl geknickt haben – die ältesten Leute der Gegend erinnerten sich nicht, ihn auf dem Baume gesehen zu haben.

Von der Ferne, wenn ich auf dem Stoppelfelde die Rinder oder die Schafe weidete, sah ich die Tanne gern an; sie stand in der Sonne rötlich beleuchtet über dem frischgrünen Waldessaume und war so klar und rein in die Bläue des Himmels hineingezeichnet. Dagegen stand sie an bewölkten Tagen, oder wenn ein Gewitter heranzog, starr und dunkel da; und wenn im Walde weit und breit alle Äste fächelten und sich die Wipfel tief neigten im Sturme, so stand sie still, fast ohne alle Regung und Bewegung.

Wenn sich aber ein Rind in den Wald verlief und ich, es zu suchen, an der Tanne vorüber mußte, so schlich ich gar angstvoll dahin und gedachte an den Halbmond, an das Christenblut und an andere entsetzliche Geschichten, die man von diesem Baume erzählte. Ich wunderte mich aber auch über die Riesigkeit des Stammes, der auf der einen Seite kahl und von vielen Spalten durchfurcht, auf der anderen aber mit rauhen, zersprungenen Rinden bedeckt war. Der unterste Teil des Stammes war so dick, daß ihn zwei Männer nicht hätten zu umspannen vermocht. Die ungeheuren Wurzeln, welche zum Teil kahl dalagen, waren ebenso ineinander verschlungen und verknöchert wie das Geäste oben.

Man nannte den Baum die Türkentanne oder auch die graue Tanne. Von einem starrsinnigen oder übermütigen Menschen sagte man in der Gegend: »Der thut, wie wenn er die Türkentanne als Hutsträußl hätt'!« Und heute, da der Baum schon längst zusammengebrochen und vermodert ist, sagt man immer noch das Sprüchlein.

In der Kornernte, wenn die Leute meines Vaters, und er voran, der Reihe nach am wogenden Getreide standen und die »Wellen« (Garben) herausschnitten, mußte ich auf bestimmte Plätze die Garben zusammentragen, wo sie dann zu je zehn in »Deckeln« zum Trocknen aufgeschöbert wurden. Mir war das nach dem steten Viehhüten ein angenehmes Geschäft, umsomehr, als mir der Altknecht oft zurief: »Trag' nur, Bub', und sei fleißig; die Garbentrager werden reich!« Ich war sehr behend und lief mit den Garben aus allen Kräften; aber da sagte wieder mein Vater: »Bub', Du laufst ja wie närrisch! Du trittst Halme in den Boden und Du beutelst die Körner aus. Laß Dir Zeit!«

Als es aber gegen Abend und in die Dämmerung hineinging und als sich die Leute immer weiter und weiter in das Feld hineingeschnitten hatten, so daß ich mit meinen Garben weit zurückblieb, begann ich unruhig zu werden. Besonders kam es mir vor, als fingen sich die Äste der Türkentanne dort, die in unsicheren Umrissen in den Abendhimmel hineinstand, zu regen an. Ich redete mir zwar ein, es sei nicht so, und wollte nicht hinsehen – konnte es aber doch nicht ganz lassen.

Endlich, als die Finsternis für das Kornschneiden zu groß wurde, wischten die Leute mit taunassem Grase ihre Sicheln ab und kamen zu mir herüber und halfen mir unter lustigem Sang und Scherz die Garben zusammentragen. Als wir damit fertig waren, gingen die Knechte und Mägde davon, um in Haus und Hof noch die abendlichen Verrichtungen zu thun; ich und mein Vater aber blieben zurück auf dem Kornfelde. Wir schöberten die Garben auf, wobei der Vater diese halmaufwärts aneinanderlehnte und ich sie zusammenhalten mußte, bis er aus einer letzten Garbe den Deckel bog und ihn auf den Schober stülpte.

Dieses Schöbern war mir in meiner Kindheit die liebste Arbeit; ich betrachtete dabei die »Romstraße« am Himmel, die hinschießenden Sternschnuppen und die Johanniswürmchen, die wie Funken um uns herumtanzten, daß ich meinte, die Garben müßten zu brennen anfangen. Dann horchte ich wieder auf das Zirpen der Grillen, und ich fühlte den milden Tau, der gleich nach Sonnenuntergang die Halme und Gräser und gar auch ein wenig mein Jöpplein befeuchtete. Ich sprach über all das mit meinem Vater, der mir in seiner ruhigen, gemütlichen Weise Auskunft gab und über alles seine Meinung sagte, wozu er jedoch oft bemerkte, daß ich mich darauf nicht verlassen solle, weil er es nicht gewiß wisse.

So kurz und ernst mein Vater des Tages in der Arbeit gegen mich war, so heiter, liebevoll und gemütlich war er in solchen Abendstunden. Vor allem half er mir immer meine kleine Jacke anziehen und wand mir seine Schürze, die er in der Feldarbeit gern trug, um den Hals, daß mir nicht kalt werde. Wenn ich ihn mahnte, daß auch er sich den Rock zuknöpfen möge, sagte er stets: »Kind, mir ist warm genug«. Ich hatte es oft bemerkt, wie er nach dem langen, schwierigen Tagewerk erschöpft war, wie er sich dann für Augenblicke auf eine Garbe niederließ und die Stirne trocknete. Er war durch eine langwierige Krankheit ein arg mitgenommener Mann; er wollte aber nie etwas davon merken lassen. Er dachte nicht an sich, er dachte an unsere Mutter, an uns Kinder und an den durch mannigfaltige Unglücksfälle herabgekommenen Bauernhof, den er uns retten wollte.

Wir sprachen beim Schöbern oft von unserem Hofe, wie er zu meines Großvaters Zeiten gar reich und angesehen gewesen, und wie er wieder reich und angesehen werden könne, wenn wir Kinder, einst erwachsen, eifrig und fleißig in der Arbeit sein würden, und wenn wir Glück hätten.

In solchen Stunden beim Kornschöbern, das oft spät in die Nacht hinein währte, sprach mein Vater mit mir auch gern von dem lieben Gott. Er war vollständig ungeschult und kannte keine Buchstaben; so mußte denn ich ihm stets erzählen, was ich da und dort von dem lieben Gott schon gehört und gelesen hatte. Besonders wußte ich aus Predigten dem Vater manches zu erzählen von der Geburt des Herrn Jesus, wie er in der Krippe eines Stalles lag, wie ihn die Hirten besuchten und mit Lämmern, Böcken und anderen Dingen beschenkten, wie er dann groß wurde und Wunder wirkte und wie ihn endlich die Juden peinigten und ans Kreuz schlugen. Gern erzählte ich auch von der Schöpfung der Welt, von den Patriarchen und Propheten und von den Zeiten des Heidentums. Dann sprach ich auch aus, was ich vernommen von dem jüngsten Tage, von dem Weltgerichte und von den ewigen Freuden, die der liebe Gott für alle armen, kummervollen Menschen in seinem Himmel bereitet hat.

Ich erzählte das alles in unserer Redeweise, daß es der Vater verstand, und er war dadurch oft sehr ergriffen.

Ein anderesmal erzählte wieder mein Vater. Er wußte wunderbare Dinge aus den Zeiten der Ureltern, wie diese gelebt, was sie erfahren und was sich in diesen Gegenden einst für Sachen zugetragen, die sich in den heutigen Tagen nicht mehr ereignen.

»Hast Du noch nie darüber nachgedacht,« sagte mein Vater einmal, »warum die Sterne am Himmel stehen?«

»Ich habe noch gar nie darüber nachgedacht,« antwortete ich.

»Wir denken nicht daran,« sprach mein Vater weiter, »weil wir das schon so gewöhnt sind.«

»Es wird wohl endlich eine Zeit kommen, Vater,« sagte ich einmal, »in welcher kein Stern mehr am Himmel steht; in jeder Nacht fallen so viele herab.«

»Die da herabfallen, mein Kind,« versetzte der Vater, »das sind keine rechten Sterne, wie sie unser Herrgott zum Leuchten erschaffen hat; – das sind Menschensterne. Stirbt auf der Erde ein Mensch, so lischt am Himmel ein Stern aus. Wir nennen das Sternschnuppen; – siehst Du, dort hinter der grauen Tanne ist just wieder eine niedergegangen.«

Ich schwieg nach diesen Worten eine Weile, endlich aber fragte ich: »Warum heißen sie jenen wilden Baum dort die graue Tanne, Vater?«

Mein Vater bog eben einen Deckel ab, und als er diesen aufgestülpt hatte, sagte er: »Du weißt, daß man ihn auch die Türkentanne nennt. Die graue Tanne heißen sie ihn, weil sein Geäste und sein Moos grau ist, und weil auf diesem Baume Dein Urgroßvater die ersten grauen Haare bekommen hat. – Wir haben hier noch sechs Schöber aufzusetzen, und ich will Dir dieweilen eine Geschichte erzählen, die sehr merkwürdig ist.«

»Es ist schon länger als achtzig Jahre,« begann mein Vater, »seitdem Dein Urgroßvater meine Großmutter geheiratet hat. Er war sehr reich und schön, und er hätte die Tochter des angesehensten Bauers zum Weib bekommen. Er nahm aber ein armes Mädchen aus der Waldhütten herab, das gar gut und sittsam gewesen ist. Von heute in zwei Tagen ist der Vorabend des Festes Mariä Himmelfahrt; das ist der Jahrestag, an welchem Dein Urgroßvater zur Werbung in die Waldhütten ging. Es mag wohl auch im Kornschneiden gewesen sein; er machte frühzeitig Feierabend, weil durch den Ebenwald hinein und bis zur Waldhütten hinauf ein weiter Weg ist. Er brachte viel Bewegung mit in die kleine Wohnung. Der alte Waldhütter, der für die Köhler und Holzleute die Schuhe flickte, ihnen zu Zeiten die Sägen und die Beile schärfte und nebenbei Fangschlingen für Raubtiere machte – weil es zur selben Zeit in der Gegend noch viele Wölfe gab – der Waldhütter nun ließ seine Arbeit aus der Hand fallen und sagte zu Deinem Urgroßvater: Aber Josef, das kann doch nicht Dein Ernst sein, daß Du mein Lenerl zum Weib haben willst, das wär' ja gar aus der Weis'! Dein Urgroßvater sagte: Ja deswegen bin ich heraufgegangen den weiten Weg, und wenn mich das Lenerl mag und es ist ihr und Euer redlicher Willen, daß wir zusammen in den heiligen Ehestand treten, so machen wir's heut' richtig, und wir gehen morgen zum Richter und zum Pfarrer, und ich laß dem Lenerl mein Haus und Hof verschreiben, wie's Recht und Brauch ist. – Und das Mädchen hatte Deinen Urgroßvater lieb, und es sagte, es wolle seine Hausfrau werden. Dann verzehrten sie zusammen ein kleines Mahl, und endlich, als es schon zu dunkeln begann, brach der Bräutigam auf zum Heimweg.

Er ging über die kleine Wiese, die vor der Waldhütten lag, auf der aber jetzt schon die großen Bäume stehen, und er ging über das Geschläge und abwärts durch den Wald, und er war gar freudigen Gemütes. Er achtete nicht darauf, daß es bereits finster geworden war, und er achtete nicht auf das Wetterleuchten, das zur Abendzeit nach einem schwülen Sommertag nichts Ungewöhnliches ist. Auf Eines aber wurde er aufmerksam, er hörte von den gegenüberliegenden Waldungen ein heulendes Gebelle. Er dachte an Wölfe, die nicht selten in größeren Rudeln die Wälder durchzogen; er faßte seinen Knotenstock fester und nahm einen schnelleren Schritt. Dann hörte er wieder nichts, als zeitweilig das Kreischen eines Nachtvogels, und sah nichts, als die dunklen Stämme, zwischen welche der Fußsteig führte und durch welche von Zeit zu Zeit das Leuchten kam. Plötzlich vernahm er wieder das Heulen, aber nun viel näher als das erste Mal. Er fing zu laufen an. Er lief was er konnte; er hörte keinen Vogel mehr, er hörte nur immer das entsetzliche Heulen, das ihm auf dem Fuße folgte. Als er sich hierauf einmal umsah, bemerkte er hinter sich durch das Geäst funkelnde Lichter. Schon hört er das Schnaufen und Lechzen der Raubtiere, die ihn verfolgen, schon denkt er bei sich: 's mag sein, daß morgen kein Versprechen ist beim Pfarrer! – da kommt er heraus zur Türkentanne. Kein anderes Entkommen mehr möglich – rasch faßt er den Gedanken und durch einen kühnen Sprung schwingt er sich auf den untersten Ast des Baumes. Die Bestien sind schon da; einen Augenblick stehen sie bewegungslos und lauern; sie gewahren ihn auf dem Baum, sie schnaufen, und mehrere setzen die Pfoten an die rauhe Rinde des Stammes. Dein Urgroßvater klettert weiter hinauf und setzt sich auf einen dicken Ast. Nun ist er wohl sicher. Unten heulen sie und scharren an der Rinde; – es sind ihrer viele, ein ganzes Rudel. Zur Sommerszeit war es doch selten geschehen, daß Wölfe einen Menschen anfielen; sie mußten gereizt oder von irgend einer andern Beute verjagt worden sein. Dein Urgroßvater saß lange auf dem Ast; er hoffte, die Tiere würden davonziehen und sich zerstreuen. Aber sie umringten die Tanne und schnürfelten und heulten. Es war längst schon finstere Nacht; gegen Mittag und Morgen hin leuchteten alle Sterne, gegen Abend hin aber war es grau, und durch dieses Grau schossen dann und wann Blitzscheine. Sonst war es still, und es regte sich im Walde kein Ästchen.

Dein Urgroßvater wußte nun wohl, daß er die ganze Nacht in dieser Lage würde zubringen müssen; er besann sich aber doch, ob er nicht Lärm machen und um Hilfe rufen sollte. Er that es, aber die Bestien ließen sich nicht verscheuchen; kein Mensch war in der Nähe, das Haus zu weit entfernt.

Damals hatte die Türkentanne unter dem abgerissenen Wipfelstrunk, wo heute die wenigen Reiserbüschel wachsen, noch eine dichte, vollständige Krone aus grünenden Nadeln. Da denkt sich Dein Urgroßvater: Wenn ich denn schon einmal hier Nachtherberge nehmen soll, so klimme ich noch weiter hinauf unter die Krone. Und er that's und ließ sich oben in einer Zweigung nieder, da konnte er sich recht gut an die Äste lehnen.

Unten ist's nach und nach ruhiger, aber das Wetterleuchten wird stärker, und an der Abendseite ist dann und wann ein fernes Donnern zu vernehmen. – Wenn ich einen tüchtigen Ast bräche und hinabstiege und einen wilden Lärm machte und gewaltig um mich schlüge, man meint', ich müßt' den Rabenäsern entkommen! so denkt Dein Urgroßvater – thut's aber nicht; er weiß zu viele Geschichten, wie Wölfe trotz alledem Menschen zerrissen haben.

Das Donnern kommt näher, alle Sterne sind verloschen – 's ist finster wie in einem Ofen: nur unten am Fuße des Baumes funkeln die Augensterne der Raubtiere. Wenn es blitzt, steht wieder der ganze Wald da. Nun beginnt es gar zu sieden und zu kochen im Gewölke wie in tausend brauenden Kesseln. Kommt ein fürchterliches Gewitter, denkt sich Dein Urgroßvater und verbirgt sich unter die Krone, so gut er kann. Der Hut ist ihm hinabgefallen, und er hört es, wie die Bestien den Filz zerfetzen. Jetzt zuckt ein Strahl über den Himmel, es ist einen Augenblick hell, wie zur Mittagsstunde – dann bricht in den Wolken ein Schnalzen und Krachen und Knallen los, und weithin hallt es im Gewölke.

Jetzt ist es still, still in den Wolken, still auf der Erde – nur um einen gegenüberliegenden Wipfel flattert ein Nachtvogel. Aber bald erhebt sich der Sturm, es rauscht in den Bäumen, es tost durch die Äste, eiskalt ist der Wind. Dein Urgroßvater klammert sich fest an das Geäste. Jetzt flammt wieder ein Blitz, schwefelgrün erleuchtet ist der Wald; alle Wipfel neigen sich, biegen sich tief; die nächststehenden Bäume schlagen, es ist, als fielen sie heran. Aber die Tanne steht starr und ragt hoch über den ganzen Wald. Unten rennen die Raubtiere wild durcheinander und heulen. Plötzlich saust ein Körper durch die Äste wie ein Steinwurf. Da leuchtet es wieder – ein schneeweißer Knollen hüpft auf dem Boden und kollert dahin. Dann finstere Nacht. Es braust, siedet, tost, krachend stürzen Wipfel. Ein Ungeheuer mit weitschlagenden Flügeln, im Augenblicke des Blitzes gespenstige Schatten werfend, naht in der Luft, stürzt der Tanne zu und birgt sich gerade über Deinem Urgroßvater in die Krone. Ein Habicht war's, Junge, ein Habicht, der auf der Tanne sein Nest gehabt.«

Mein Vater hatte bei dieser Erzählung keine Garbe angerührt; ich hatte den ruhigen, schlichten Mann bisher auch nie mit solcher Lebhaftigkeit sprechen gehört.

»Wie 's weiter gewesen?« fuhr er fort. »Ja, nun brach es erst los; das war Donnerschlag auf Donnerschlag, und beim Leuchten war zu sehen, wie weißen Wurfspießen gleich Eiskörner auf den Wald niedersausten, an die Stämme prallten, auf den Boden flogen und wieder hoch emporsprangen. So oft ein Hagelknollen an den Stamm der Tanne schlug, gab es im ganzen Baume einen hohlen Schall. Und über dem Heugraben gingen Blitze nieder, und auf den jenseitigen Wald gingen Blitze nieder; plötzlich war eine blendende Glut, ein heißer Luftdruck, ein Schmettern, und es loderte eine Fichte.

Und die Türkentanne stand da, und Dein Urgroßvater saß unter der Krone im Geäste.

Die brennende Fichte warf weithin ihren Schein, und nun war zu sehen, wie ein rötlicher Schleier lag über dem Walde, wie nach und nach das Gewebe der sich kreuzenden Eisstücke dünner und dünner wurde, wie viele Wipfel keine Äste, dafür aber weiße Streifen hatten, wie endlich der Sturm in einen mäßigen Wind überging und ein dichter Regen rieselte.

Die Donner wurden seltener und dumpfer und zogen sich gegen Mittag und Morgen hin; aber die Blitze leuchteten noch ununterbrochen.

Am Fuße des Baumes war kein Heulen und kein Augenfunkeln mehr. Die Raubtiere waren durch das wilde Wetter verscheucht worden. Stieg denn Dein Urgroßvater nieder von Ast zu Ast bis zum Boden. Und er ging heraus durch den Wald über die Felder gegen das Haus.

Es war schon nach Mitternacht.

Als der Bräutigam zum Hause kommt und kein Licht in der Stube sieht, wundert er sich, daß in einer solchen Nacht die Leute so ruhig schlafen können. Haben aber nicht geschlafen, waren zusammengewesen in der Stube um ein Kerzenlicht.

Sie hatten nur die Fenster mit Brettern verlehnt, weil der Hagel alle Scheiben eingeschlagen hatte.

Bist in der Waldhütten blieben, Sepp? sagte Deine Ururgroßmutter. Dein Urgroßvater aber antwortete: Nein, Mutter, in der Waldhütten nicht.

Es war an dem darauffolgenden Morgen ein frischer Harzduft gewesen im Walde – die Bäume haben geblutet aus unzähligen Wunden. Und es war ein beschwerliches Gehen gewesen über die Eiskörner, und es war eine sehr kalte Luft.

Und als am Frauentag die Leute über die Verheerung und Zerstörung hin zur Kirche gingen, fanden sie im Walde unter dem herabgeschlagenen Reisig und Moos manchen toten Vogel und manch anderes Tier; unter einem geknickten Wipfel lag ein toter Wolf.

Dein Urgroßvater ist bei diesem Gange sehr ernst gewesen; da sagt auf einmal das Lenerl von der Waldhütten zu ihm: O, Du himmlisch' Mirakel! Sepp, Dir wachst ja schon ein graues Haar!

Später hat er alles erzählt, und nun nannten die Leute den Baum, auf dem er dieselbige Nacht hat zubringen müssen, die graue Tanne!« –

Das ist die Geschichte, wie sie mir mein Vater eines Abends beim Kornschöbern erzählt hat und wie ich sie später aus meiner Erinnerung niedergeschrieben. Als wir dann nach Hause gingen zur Abendsuppe und zur Nachtruhe, blickte ich noch mehreremale hin auf den Baum, der hoch über dem Wald in den dunklen Abendhimmel hineinstand.

Von dieser Zeit ab fürchtete ich mich nicht mehr, wenn ich an der grauen Tanne vorüberging. Und sie stand noch jahrelang da, zur Winters- und Sommerszeit in gleicher Gestalt – ein wild verworrenes Gerippe von Ästen, mit den wenigen dunkelgrünen Nadelballen auf der Krone und dem scharfkantigen Strunk über derselben.


Ich war schon erwachsen, da war es in einer Herbstnacht, daß mich mein Vater aufweckte und sagte: »Wenn Du die graue Tanne willst brennen sehen, so geh' vor das Haus!«

Und als ich vor dem Hause stand, da sah ich über dem Walde eine hohe Flamme lodern, und aus derselben qualmte finsterer Rauch in den Sternenhimmel auf. Wir hörten das Dröhnen der Flammen, und wir sahen das Niederstürzen einzelner Äste; dann gingen wir wieder zu Bette. Am Morgen stand über dem Wald ein schwarzer Strunk mit nur wenigen Armen – und hoch am Himmel kreiste ein Geier.

Wir wußten nicht, wie sich in der stillen heiteren Nacht der Baum entzündete, und wir wissen es noch heute nicht. In der Gegend ist Vieles über dieses Ereignis gesprochen worden, und man hat demselben Wunderliches und Bedeutsames zu Grunde gelegt. Noch einige Jahre starrte der schwarze Strunk gegen den Himmel, dann brach er nach und nach zusammen, und nun stand nichts mehr empor über dem Wald.

Auf dem Stocke und auf den letzten Resten des Baumes, die langsam in die Erde sinken und vermodern, wächst das Moos.


Ums Vaterwort.

Ich habe im Grunde keine schlechte Erziehung genossen, sondern vielmehr gar keine. War ich ein braves, frommes, folgsames, anstelliges Kind, so lobten mich meine Eltern; war ich das Gegenteil, so zankten sie mich derb aus. Das Lob that mir fast allezeit wohl, und ich hatte dabei das Gefühl, als ob ich in die Länge ginge, weil manche Kinder wie Pflanzen sind, die nur bei Sonnenschein schlank wachsen.

Nun war mein Vater aber der Ansicht, daß ich nicht allein in die Länge, sondern auch in die Breite wachsen müsse, und dafür sei der Ernst und die Strenge gut.

Meine Mutter hatte nichts als Liebe.

Mein Vater mochte derselben Artung sein, allein er verstand es nicht, seiner Wärme und Liebe Ausdruck zu geben; bei all seiner Milde hatte der mit Arbeit und Sorgen beladene Mann ein stilles, ernstes Wesen; seinen reichen Humor ließ er vor mir erst später spielen, als er vermuten konnte, daß ich genug Mensch geworden sei, um denselben aufzunehmen. In den Jahren, da ich das erste Dutzend Hosen zerriß, gab er sich nicht just viel mit mir ab, außer wenn ich etwas Unbraves angestellt hatte; in diesem Falle ließ er seine Strenge walten. Seine Strenge und meine Strafe bestand gewöhnlich darin, daß er vor mich hintrat und mir mit schallenden, zornigen Worten meinen Fehler vorhielt und die Strafe andeutete, die ich verdient hätte.

Ich hatte mich beim Ausbruche der Erregung allemal vor den Vater hingestellt, war mit niederhängenden Armen wie versteinert vor ihm stehen geblieben und hatte ihm während des heftigen Verweises unverwandt in sein zorniges Angesicht geschaut. Ich bereute in meinem Innern den Fehler stets, ich hatte das deutliche Gefühl der Schuld, aber ich erinnere mich auch an eine andere Empfindung, die mich bei solchen Strafpredigten überkam: es war ein eigenartiges Zittern in mir, ein Reiz- und Lustgefühl, wenn das Donnerwetter so recht auf mich niederging. Es kamen mir die Thränen in die Augen, sie rieselten mir über die Wangen, aber ich stand wie ein Bäumlein, schaute den Vater an und hatte ein unerklärliches Wohlgefühl, das in dem Maße wuchs, je länger und je ausdrucksvoller mein Vater vor mir wetterte.

Wenn hierauf Wochen vorbeigingen, ohne daß ich etwas heraufbeschwor, und mein Vater immer gütig und still an mir vorüberschritt, begann in mir allmählich wieder der Drang zu erwachen und zu reifen, etwas anzustellen, was den Vater in Wut bringe. Das geschah nicht, um ihn zu ärgern, denn ich hatte ihn überaus lieb; es geschah gewiß nicht aus Bosheit, sondern aus einem anderen Grunde, dessen ich mir damals nicht bewußt war.

Da war es einmal am heiligen Christabend. Der Vater hatte den Sommer zuvor in Mariazell ein schwarzes Kruzifixlein gekauft, an welchem ein aus Blei gegossener Christus und die aus demselben Material gebildeten Marterwerkzeuge hingen. Dieses Heiligtum war in Verwahrung geblieben bis auf den Christabend, an welchem es mein Vater aus seinem Gewandkasten hervornahm und auf das Hausaltärchen stellte. Ich nahm die Stunde wahr, da meine Eltern und die übrigen Leute noch draußen in den Wirtschaftsgebäuden und in der Küche zu schaffen hatten, um das hohe Fest vorzubereiten, ich nahm das Kruzifixlein mit Gefahr meiner geraden Glieder von der Wand, hockte mich damit in den Ofenwinkel und begann es zu zerlegen. Es war mir eine ganz seltsame Lust, als ich mit meinem Taschenfeitel zuerst die Leiter, dann die Zange und den Hammer, hernach den Hahn des Petrus und zuletzt den lieben Christus vom Kreuze löste. Die Teile kamen mir nun getrennt viel interessanter vor als früher im Ganzen; doch jetzt, da ich fertig war, die Dinge wieder zusammensetzen wollte, aber nicht konnte, fühlte ich in der Brust eine Hitze aufsteigen, auch meinte ich, es würde mir der Hals zugebunden. – Wenn's nur beim Ausschelten bleibt diesmal …? – Zwar sagte ich mir: Das schwarze Kreuz ist jetzt schöner als früher; in der Hohenwanger Kapelle steht auch ein schwarzes Kreuz, wo nichts d'ran ist, und gehen doch die Leute hin, zu beten. Und wer braucht zu Weihnachten einen gekreuzigten Herrgott? Da muß er in der Krippe liegen, sagt der Pfarrer. Und das will ich machen.

Ich bog dem bleiernen Christus die Beine krumm und die Arme über die Brust und legte ihn in das Nähkörbchen der Mutter und stellte so mein Kripplein auf den Hausaltar, während ich das Kreuz in dem Stroh des Elternbettes verbarg, nicht bedenkend, daß das Körbchen die Kreuzabnahme verraten müsse.

Das Geschick erfüllte sich bald. Die Mutter bemerkte es zuerst, wie närrisch doch heute der Nähkorb zu den Heiligenbildern hinaufkäme?

»Wem ist denn das Kruzifixlein da oben im Weg gewesen?« fragte gleichzeitig mein Vater.

Ich stand etwas abseits, und mir war zu Mute wie einem Durstigen, der jetzt starken Myrrhenwein zu trinken kriegen sollte. Indeß mahnte mich eine absonderliche Beklemmung, jetzt womöglich noch weiter in den Hintergrund zu treten.

Mein Vater ging auf mich zu und fragte fast bescheidentlich, ob ich nicht wisse, wo das Kreuz hingekommen sei? Da stellte ich mich schon kerzengerade vor ihn hin und schaute ihm ins Gesicht. Er wiederholte seine Frage, ich wies mit der Hand gegen das Bettstroh, es kamen die Thränen, aber ich glaube, daß ich keinen Mundwinkel verzogen habe.

Der Vater suchte das Verborgene hervor und war nicht zornig, nur überrascht, als er die Mißhandlung des Heiligtums sah. Mein Verlangen nach dem Myrrhenwein steigerte sich. Der Vater stellte das kahle Kruzifixlein auf den Tisch. »Nun sehe ich wohl,« sagte er mit aller Gelassenheit und langte seinen Hut vom Nagel, »nun sehe ich wohl, er muß endlich rechtschaffen gestraft werden. Wenn einmal der Christi-Herrgott nicht sicher geht …! Bleib' mir in der Stuben, Bub'!« fuhr er mich finster an und ging dann zur Thüre hinaus.

»Spring' ihm nach und schau' zum Bitten!« rief mir die Mutter zu, »er geht Birkenruten abschneiden.«

Ich war wie an den Boden geschmiedet. Gräßlich klar sah ich, was nun über mich kommen würde, aber ich war außer Stande, auch nur einen Schritt zur Abwehr zu machen. Die Mutter ging ihrer Arbeit nach, in der abendlich dunkelnden Stube stand ich allein und vor mir auf dem Tisch das verstümmelte Kruzifix. Heftig erschrak ich vor jedem Geräusch. Im alten Uhrkasten, der dort an der Wand bis zum Fußboden niederging, rasselte das Gewicht der Schwarzwälder-Uhr, welche die fünfte Stunde schlug. Endlich hörte ich draußen auch das Schnee-Abklopfen von den Schuhen, es waren des Vaters Tritte. Als er mit dem Birkenzweig in die Stube trat, war ich verschwunden.

Er ging in die Küche und fragte mit wild herausgestoßener Stimme, wo der Bub sei? Es begann im Hause ein Suchen, in der Stube wurden das Bett und die Winkel und das Gesiedel durchstöbert, in der Nebenkammer, im Oberboden hörte ich sie herumgehen, ich hörte die Befehle, man möge in den Ställen die Futterkrippen und in den Scheunen Heu und Stroh durchforschen, man möge auch in den Schachen hinausgehen und den Buben nur stracks vor den Vater bringen – diesen Christabend solle er sich für sein Lebtag merken! Aber sie kehrten unverrichteter Dinge zurück. Zwei Knechte wurden nun in die Nachbarschaft geschickt, aber meine Mutter rief, wenn ich etwa zu einem Nachbar über Feld und Wald gegangen sei, so müsse ich ja erfrieren, es seien mein Jöpplein und mein Hut in der Stube. Das sei doch ein rechtes Elend mit den Kindern!

Sie gingen davon, das Haus wurde fast leer, und in der finstern Stube sah man nichts mehr als die grauen Vierecke der Fenster. Ich stak im Uhrkasten und konnte durch die Fugen desselben hervorgucken. Durch das Thürchen, welches für das Aufziehen des Uhrwerkes angebracht war, hatte ich mich hineingezwängt und innerhalb des Verschlages hinabgelassen, so daß ich nun im Uhrkasten ganz aufrecht stand.

Was ich in diesem Verstecke für Angst ausgestanden habe! Daß es kein gutes Ende nehmen konnte, sah ich voraus, und daß die von Stunde zu Stunde wachsende Aufregung das Ende von Stunde zu Stunde gefährlicher machen mußte, war mir auch klar. Ich verwünschte den Nähkorb, der mich anfangs verraten hatte, ich verwünschte das Kruzifixlein – meinen Leichtsinn zu verwünschen, darauf vergaß ich. Es gingen Stunden hin, ich blieb in meinem aufrechtstehenden Sarge, und schon saß mir der Eisenzapfen des Uhrgewichtes auf dem Scheitel, und ich mußte mich womöglich niederducken, sollte das Stehenbleiben der Uhr nicht Anlaß zum Aufziehen derselben und somit zu meiner Entdeckung geben. Denn endlich waren meine Eltern in die Stube gekommen, hatten Licht gemacht und meinetwegen einen Streit begonnen.

»Ich weiß nirgends mehr zu suchen,« hatte mein Vater gesagt und war erschöpft auf einen Stuhl gesunken.

»Wenn er sich im Walde vergangen hat oder unter dem Schnee liegt!« rief die Mutter und erhob ein lautes Weinen.

»Sei still davon!« sagte der Vater, »ich mag's nicht hören.«

»Du magst es nicht hören und hast ihn mit Deiner Herbheit selber vertrieben.«

»Mit diesem Zweiglein hätte ich ihm kein Bein abgeschlagen,« versetzte er und ließ die Birkenrute auf den Tisch niederpfeifen.

»Aber jetzt, wenn ich ihn erwisch', schlag ich einen Zaunstecken an ihm entzwei.«

»Thue es, thue es – 'leicht thut's ihm nicht mehr weh,« sagte die Mutter und setzte das Weinen fort. »Meinst, Du hättest Deine Kinder nur zum Zornauslassen? Da hat der lieb' Herrgott ganz recht, wenn er sie beizeiten wieder zu sich nimmt! Kinder muß man lieb haben, wenn etwas aus ihnen werden soll.«

Hierauf er: »Wer sagt denn, daß ich den Buben nicht lieb hab'? Ins Herz hinein, Gott weiß es! Aber sagen mag ich ihm's nicht; ich mag's nicht, und ich kann's nicht. Ihm selber thut's nicht so weh als mir, wenn ich ihn strafen muß, das weiß ich!«

»Ich geh' noch einmal suchen!« sagte die Mutter.

»Ich will auch nicht dableiben!« sagte er.

»Du mußt mir einen warmen Löffel Suppe essen! 's ist Nachtmahlszeit,« sagte sie.

»Ich mag jetzt nichts essen! Ich weiß mir keinen andern Rat,« sagte der Vater, kniete zum Tisch hin und begann still zu beten.

Die Mutter ging in die Küche, um zur neuen Suche meine warmen Kleider zusammenzutragen für den Fall, als man mich irgendwo halberfroren finde. In der Stube war es wieder still, und mir in meinem Uhrkasten war's, als müsse mir vor Leid und Pein das Herz brechen. Plötzlich begann mein Vater aus seinem Gebete krampfhaft aufzuschluchzen. Sein Haupt fiel nieder auf den Arm, und die ganze Gestalt bebte.

Ich that einen lauten Schrei. Nach wenigen Sekunden war ich von Vater und Mutter aus dem Gehäuse befreit, lag zu Füßen des Vaters und umklammerte wimmernd seine Knie.

»Mein Vater, mein Vater!« das waren die einzigen Worte, die ich stammeln konnte. Er langte mit seinen beiden Armen nieder und hob mich auf zu seiner Brust, und mein Haar ward feucht von seinen Zähren.

Mir ist in jenem Augenblicke die Erkenntnis aufgegangen.

Ich sah, wie abscheulich es sei, diesen Vater zu reizen und zu beleidigen. Aber ich fand nun auch, warum ich es gethan hatte. Aus Sehnsucht, das Vaterantlitz vor mir zu sehen, ihm ins Auge schauen zu können und seine zu mir sprechende Stimme zu hören. Sollte er schon nicht mit mir heiter sein, so wie es andere Leute waren und wie er es damals, von Sorgen belastet, so selten gewesen, so wollte ich wenigstens sein zorniges Auge sehen, sein herbes Wort hören; es durchrieselte mich mit süßer Gewalt, es zog mich zu ihm hin. Es war das Vaterauge, das Vaterwort.

Kein böser Ruf mehr ist in die heilige Christnacht geklungen, und von diesem Tage an ist vieles anders geworden. Mein Vater war seiner Liebe zu mir und meiner Anhänglichkeit an ihn inne geworden und hat mir in Spiel, Arbeit und Erholung wohl viele Stunden sein liebes Angesicht, sein treues Wort geschenkt, ohne daß ich noch einmal nötig gehabt hätte, es mit Bosheit erschleichen zu müssen.


Allerlei Spielzeug.

Ich habe als Kind mir meine Welt, die von Natur höllisch klein war, auseinandergedehnt, wie mein Vetter Simmerl den Katzenbalg, aus dem er sich einen Tabaksbeutel machen wollte. Und es ist, bigott! ein Sack draus worden, in welchem all' die unglaublichen Phantastereien einer ungezogenen Bauernbubenseele vollauf Platz gehabt haben.

Wie ich mir später die Bücher, die ich nicht kaufen konnte, selber machte, so habe ich mir auch die größten Städte der Welt, die ich nicht sehen konnte, selber gebaut.

Die jahrelange Kränklichkeit meines Vaters verschaffte mir das Baumaterial. Die Hustenpulver vom Doktor, der spanische Brustthee vom Kaufmann, die Medizinflaschen vom Bader waren stets in gutes, oft sogar schneeweißes Papier eingeschlagen; aus diesem Papier schnitzte ich mit der Nähschere meiner Mutter oder, wenn ich diese schon zerbrochen oder verloren hatte, mit jener der Magd, allerlei Häuser, Kirchen, Paläste, Türme, Brücken, bog sie geschickt zur passenden Form und stellte sie in Reihen und Gruppen auf den Tisch. Das gesuchteste Material hiefür waren wohl die alten Steuerbücheln mit ihren steifen Blättern; und kam es freilich vor, daß über der ganzen Hauptfronte eines Herrenpalastes das »Datum der Schuldigkeit« stand, oder ein Kirchturm anstatt Fenster und Uhren nichts als lauter Posten der »Abstattung« hatte. Als es aber ruchbar worden war, daß ich meine Prachtbauten mit den blutigen Steuersummen der Bauern aufführe, da gab's eine kleine Revolution, indem mein Vater einmal mit der flachen Hand mir einige öffentliche Gebäude unter den Tisch hinab wischte.

Eines Tages ging ich einer Hirtenangelegenheit wegen ins Ebenholz hinaus. Ich hatte die Magd ersucht, ob sie mir nicht ihre heilige Monika mit in den Wald leihen möchte.

»Du lieber Närrisch!« hatte die Magd geantwortet, »wenn sie nur ganz wär', aber es ist mir die Maus dazugekommen. Was übrig blieben ist, das magst haben.«

So nahm ich das Büchlein von der heiligen Monika mit in das Ebenholz. Aber als ich in demselben zu lesen begonnen hatte, hub im Sacke die Nähschere meiner Mutter zu sticheln an: ob ich die Geschichte von dieser Heiligen denn nicht schon längst auswendig wisse? ob die Maus nicht etwa schon das Beste weggenagt hätte? ob ich mir für diese grauen und angefressenen Blätter eine bravere Verwendung denken könne, als daraus die schöne Weltstadt Paris zu bauen? – Ich wollte der alten Nähschere meiner Mutter nicht widersprechen.

Nun stand zur selben Zeit im Ebenholz noch die alte Schlagerhütte, die einst ein Bauernhäuschen gewesen und zwischen dem jungen Fichtenanwuchs verlassen und öde hocken geblieben war. Die Fensterchen waren ohne Gläser, die Thür war aus den Angeln gehoben, und auf der Schwelle wucherten Brennesseln. Die Luft in der Hütte roch ganz moderig, und jedes Geräusch wiederhallte grell an den Wänden, als wollte das alte Zimmerholz mit dem Eintretenden allsogleich ein Gespräch anheben. Mir war dieser Bau unheimlich gewesen bis zu jenem Tage, da mich und unseren Knecht Marcus im Walde ein scharfer Wetterregen überraschte und wir uns in die Hütte flüchteten. »Ja,« hatte damals der alte Marcus gesagt, als die Donner hallten und schallten, »ja, wir haben heuer halt ein Schalljahr.« So nennen sie bei mir daheim das Schaltjahr und meinen, der Name komme von dem Schallen des Donners. Als der Regen fortwährte, fragte mich der Marcus: »Kannst kartenspielen, Bub'?«

»Zwicken und Bettlerrufen kann ich,« war meine Antwort, »aber wir sollen lieber den Wettersegen beten.«

»Da ist mir das Bettlerrufen unterhaltlicher.«

»Wenn's aber einschlagt!« gab ich zu bedenken.

Der Knecht zog Spielkarten aus seinem Sack, wir setzten uns an den großen Tisch und kartelten, bis draußen die nassen Zweige funkelten und die helle Sonne zum Fenster hereinschien.

Seither war mir die Hütte heimlich. Und nun ging ich ihr zu, setzte mich an den großen, wurmstichigen Tisch und schnitzte aus den Blättern der »heiligen Monika« die große Weltstadt Paris. Ich stellte die Häuser in langen Gassenreihen auf, und die Gassen und Plätze bevölkerte ich mit blauen Heidelbeeren und roten Preißelbeeren – erstere waren die Männer, letztere die Frauen. Um das Königsschloß postierte ich Reihen von Stachelbeeren, das waren die Soldaten.

Als der Tisch voll geworden war und ich trunkenen Blickes hinschaute auf die vieltürmige Stadt und ihre belebten Gassen, die ich gegründet und wie ein Schutzgeist beschirmte, dachte ich: Nun soll über diese Stadt aber auch einmal eine rechte Straf' Gottes kommen. Wie stehts mit einem Sturmwind? – Ich blies drein – hei, purzelten ganze Häuserfronten über und über. Sie wurden wieder erbaut. Da endlich aber der Abend kam und meines Bleibens in der Hütte nicht mehr länger sein konnte, sann ich nach, wie ich die Stadt Paris am großartigsten zu Grunde gehen lassen könnte. – Eine Feuersbrunst? – Neunjährige Bauernjungen tragen immer schon Streichhölzchen im Sack, weil sie sich doch allmählich mit dem Hauptberufe des Mannes, mit dem Tabakrauchen, bekannt zu machen trachten müssen.

Das Feuer entstand mitten in der Stadt, und nach wenigen Sekunden standen ganze Viertel in Flammen. Die Bevölkerung war starr vor Schreck, das Feuer wogte hin, und die Mauern zitterten, und die kahlen Ruinen ringelten sich. Da der Königspalast verschont bleiben zu wollen schien, so blies ich die Flammen gegen denselben hin – wehe, da flogen die brennenden Häuser über den Tisch und auf den Fußboden, wo in der Ecke noch ein Bund Bettstroh lag. Jetzt wurde der Spaß Ernst. Das Papier hatte so still gebrannt, das Stroh knisterte schon vernehmlicher, und ein greller Schein erhellte die Hütte. Ich wollte eben davonstürzen, als unser Knecht Marcus zur Thür hereinsprang und mit einem buschigen Baumwipfel das Feuer totschlug.

Knecht Marcus war verschwiegen, war ein dunkler Ehrenmann, aber das sagte er mir, wenn ich mich mit Sengen und Brennen auf den Etzel hinausspielen wolle, so thäte er es dem Kaiser schreiben, daß er mich rechtzeitig köpfen lasse.

Von diesem Tage an habe ich keine Stadt mehr gegründet und keine mehr zerstört. Ich ging von der Architektur zur Musik und Malerei über.

Ich hatte bei herumziehenden Musikern, die vor unserer Hausthür uns das Leben schön machten, allerlei Saiteninstrumente kennen gelernt. Ich hatte einen alten Harfenisten nach Beendigung seines Ständchens sogar einmal angesprochen, ob er es für einen Sechser erlauben könne, daß ich mit ihm zum nächsten Nachbar gehe, um sein Spiel dort noch einmal zu hören; worauf der Künstler antwortete, für einen Sechser bleibe er an unserer Thür stehen und spiele, so lange ich wolle. Damals ist mir der ganze Wert unserer legierten Silbersechser zum Bewußtsein gekommen. Nun hatten wir aber an jenem Tage in unserer Stube einen alten, brummigen Schuster, und der hatte gerade seinen Kopfwehtag. Als ich denn vor dem spielenden Musiker, die Hände in den Hosentaschen, dastand, die Zehen in den Sand bohrte, gleichsam, als wollte ich mich einwurzeln, sprang plötzlich der Schuster mit grüngelbem Gesichte zur Thür heraus und ließ einen tollen Fluch fahren über das verteufelte Geklimper.

Mitten in der Herrlichkeit brach der Harfner das Spiel ab. Für einen solchen Baß sei sein Instrument nicht berechnet, meinte er, rückte die Harfe auf den Buckel und ging davon. Seit jenem Tage datiert mein Haß gegen die Schuster, die ihren Kopfwehtag haben.

Die Harfe ging mir nicht aus dem Kopfe. In unserem Rübenkeller stand ein altes, säuerlndes Fäßchen, das mein Vater beim Stockerwirt allemal für die drei Faschingstage mit Apfelmost füllen ließ. Nun war es längst leer, und diese Leere kam mir zu statten. Ich stülpte das Fäßchen auf, zog über den Boden Zwirnsfäden wie Saiten, so daß diese je nach ihrer Länge einen verschiedenen Ton gaben, wenn ich sie mit dem Finger berührte. Da hatte ich ein Saiteninstrument mit dem respektabelsten Resonanzboden. Doch erinnere ich mich nicht mehr, inwiefern ich damit meinen musikalischen Hang ausgebildet habe – ich weiß nur, daß zum nächsten Fasching, als ich unseren tanzlustigen Mägden auf meiner Harfe was aufspielen wollte, wieder frischer Most in dem Fäßchen war.

In denselben Jahren hatte ich mit einem jungen Studenten Bekanntschaft gemacht, mit dem Söhnlein eines Nachbars, welches in Graz auf Geistlich studierte, auf die Ferien stets nach Hause kam und Reichtümer mitbrachte. Ich erwarb mir seine Gunst, indem ich ihn öfters auf unsern Schwarzkirschbaum lud, wo es zu schnabulieren gab. Der Student riß zwar ein um das andere Ästlein ab, um zur süßen Frucht zu gelangen, aber mein Vater, der sonst solcherlei Verstümmelungen scharf ahndete, war der Meinung, einem angehenden Priester dürfe man nichts verwehren, er würde dereinst den Kirschbaum schon in sein Meßopfer einschließen, daß er gedeihe und immerwährend fruchtbar sei. Der Student war für solche Rücksichten erkenntlich und stellte mir all' seine Bücher, Landkarten, Schreib- und Zeichenrequisiten zur Verfügung. Den Schulfleiß des Studenten in Ehren! Dennoch aber glaube ich, daß seine »deutschen Lesebücher für die Gymnasialklassen«, seine »Welter's Weltgeschichte«, sein »Handbuch des katholischen Kultus«, sein »Leitfaden der Erdkunde« u. s. w. während der Vakanzen schier mehr strapaziert wurden, als während des Schuljahres. Als sich der angehende Theologe mit denselben auf sein Hirtenamt vorbereiten sollte, übte ich mit ihnen das meine bereits aus. Doch ließ ich meine Kühe und Ochsen Rinder sein, lag im grünen Grase und las. – O ihr armen Bücherwürmer in den staubigen Bibliotheken, ihr habt gar keine Ahnung davon, was im Waldschatten ein Buch ist! – Viele Bücher würden leicht auch den im Walde Lagernden beunruhigen, verwirren und entmarken; aber ein Buch, ein seelenvolles Buch genießt man dort ganz aus und gedeiht dabei. Ich denke hier an das Lesebuch für die Gymnasialklassen, reich an Gedichten und Aufsätzen von deutschen Klassikern. Ich konnte es nicht einmal ganz verstehen, aber es wirkte tiefer auf mich, als alle spätere Lektüre zusammen.

Als die Kirschen alle waren und die Blätter des Baumes gelb wurden, packte der Student seine Bücher zusammen und ging wieder in die »Studie«.

Einmal ließ er mir ein Kästchen mit Wasserfarben zurück.

Jetzt schnitt ich mir ein Löckchen Haar vom Haupte, band es an ein Stäblein, und mit solchem Pinsel begann ich zu malen. Eine große Anzahl der Heiligenbildchen, die heute noch in verschiedenen Gebetbüchern der Gegend zu finden, ist mit meinem Haar gemalt worden. Die Leute haben sich hell verwundert, wenn sie mir zugeschaut und gesehen, wie man mir nichts dir nichts die Muttergottesen macht. Einmal kam der alte Schneider-Jackel, Küster von Krieglach, in unser Haus, um den Pfarrzehent abzuholen; der sah mich malen. »Na,« sagte er fortwährend, »aber da gehört was dazu! Jetzt malt so ein kleiner Schlingel da himmlische Leut'! Und daß es eine Form hat! Ein hellrotes G'wandl, ein schön's! Ein Gesicht – wie er aber das Gesichtel macht! Die ganze Fleischfarb' – und 's Göscherl! Und die Augen, die blauen, wie sie auslugen! – Spitzbub, Du! Freilich, den Heiligenglanz auch, na, der darf nicht fehlen. Wär' nit ganz, wenn der fehlen thät'! – Schon eine Menge so Bildln hast da! – Bist aber ein Kreuzköpfel – Du mußt schon ein Maler werden! Alles von Dir selber hast' gelernt? Ist viel! Ist viel das! Schau, das thät's nit, die Bildln muß ich alle mitnehmen, 's thät's nit anders, die müssen ihre heilige Weih' kriegen. Dank Dir Gott, Schwarzkünstler, Du kleiner!«

Vor meinen Augen that er die Bildchen – es waren deren allerlei und eine große Anzahl – zusammen, schob sie in seinen Sack und ging davon. Mir blieb der Verstand stehen. Aber mir schwoll der Kamm, als ich bald darauf hörte, der Küster hätte bei seiner Wallfahrt mit der Krieglacher Kreuzschar nach Mariazell meine Heiligenbilder am Gnadenaltare weihen lassen und sie hernach an die Wallfahrer verteilt.

Unter Anderen ist später auch der alte Riegelberger in den Besitz eines solchen Heiligtums gekommen. Er soll es allemal, so oft er sein Gebetbuch aufschlug, brünstig geküßt haben; als er es aber erfuhr, von wem das Bildchen herrühre, ist er schnurgerade in unser Haus gegangen und hat mich zur Rede gestellt, warum ich mit heiligen Dingen Frevel treibe? Ob ich's vielleicht leugnen wolle? Geweihte Sachen hätte ich gemalt!

»Ja,« sagte ich, »wenn Ihr das Kalb auf den Kopf stellt, wird es freilich den Schweif in die Höhe recken.«

»Willst mich fean (höhnen), Bub?«

»Die Bilder sind zuerst gemalt und nachher geweiht worden.«

Es hielt schwer, ihm die Sache begreiflich zu machen, und er rief immer wieder aus, zerfetzen möchte er das schlechte Zeug, wenn's ihm um die heilige Weih' nicht leid thäte.

Ein andermal hatte ich mit demselben Manne eine viel gefährlichere Begegnung. Es waren zur selben Zeit noch die kleinen Papierzehner im Land. Ein solches Notlein habe ich wundershalber einmal nachgemacht. Dem Knecht Marcus kam es zu Augen, der schmunzelte das Streifchen an und ersuchte mich, daß ich es ihm ein wenig leihe. Einen Tag später begegnete ich auf dem Feldwege dem Riegelberger. Er grinste mich schon von weitem an und lächelte mir dann freundlich zu: »Büberl, Du wirst aufgehenkt.«

»Ihr meint, weil ich so allerhand Bildeln gemalt hab'?«

»Bildeln, so viel Du willst. Aber die falschen Banknoten! Ja, lieber Freund! Einen hab' ich von Dir in der Brieftasche und geh' gerade, mir jetzt dafür Tabak kaufen.«

Ich denke, daß ich über diese Mitteilung sehr blaß geworden bin, denn der Riegelberger sagte nun: »Auf ein Pfeiferl hab' ich noch in der Blader. Was giebst mir zu Lohn, wenn ich mir das Pfeiferl jetzt mit Deinem neuen Zehner anzünde?«

In demselben Augenblick ist mir ein Gedanke durch den Kopf geflogen, den ich einfing, weil er mir nicht schlecht vorkam.

»Ihr meint, Riegelberger, weil ich erschrocken bin?« sagte ich; »erschrocken bin ich nur, weil Ihr den schrecklichen Frevel begehen wollt.«

»Möcht' wissen, wie so ich –?«

»Das Papierzehnerl, das Ihr von mir in der Brieftasche gehabt, ist unter meine Heiligenbilder gekommen. Ist in Zell geweiht worden!«

»Geh, geh, das Geld nimmt keine Weih' an,« versetzte der Riegelberger.

»Das Geld freilich nicht, das weiß ich, aber mein Zehner ist keins, ist nur zum Fürwitz eins und will keins sein. Und Ihr wollt Euch für die geweihte Sach' Tabak kaufen? Ist schon recht, probiert es nur! werdet schon sehen, wie Euch ein solcher Tabak in die Nase beißen wird!«

Jetzt wurde der Mann zornig.

»Du Bub!« rief er, »wenn Du alleweil nur Leut' foppen willst!«

Er zog die Brieftasche hervor, das Papierstreifchen heraus und zerriß es vor meinen Augen: »So, da hast Deine Fetzen! und jetzt geh und arbeit' was, bist schon groß genug dazu. Ich, wenn ich Dein Vater wär', wollt Dir Deine Fabeleien und Schmierereien schon vertreiben! Arbeiten, daß die Schwarten krachen, ist gescheiter!«

S'ist doch der beste Rat gewesen, den er mir hätte geben können. Er ist auch gar bald befolgt worden. Aber in den Feierabendstunden habe ich meine kindischen Spiele und künstlerischen Beschäftigungen getrieben, weit über die Kindesjahre hinaus.

Und wenn ich meine heutigen Thaten betrachte – s'ist Alles nur Versuch und Spiel. Es war ein kleines Kind, es ist ein großes Kind – ich bin damit zufrieden.


Wie der Meisensepp gestorben ist.

In meinem Vaterhause fand sich die »Lebensbeschreibung Jesu Christi, seiner Mutter Mariä und vieler Heiligen Gottes«. Ein geistlicher Schatz von Pater Cochem.

Das war ein altes Buch; die Blätter waren grau, die Kapitelanfänge hatten wunderlich große Buchstaben in schwarzen und roten Farben. Der hölzerne Einbanddeckel war an manchen Stellen schon wurmstichig, und eine der ledernen Klappen hatte die Maus zernagt. Seit meines Großvaters Tode war im Hause Niemand gewesen, der darin hätte lesen können; was Wunder, wenn die Tierlein Besitz nahmen von Cochems »Leben Christi« und aus dem »geistlichen Schatz« ihre leibliche Nahrung zogen.

Da kam ich, der kleine ABC-Schütz, verjagte die Würmer aus dem Buche und fraß mich dafür selber hinein. Täglich las ich unseren Hausleuten vor aus dem »Leben Christi«. Den jungen Knechten und Mägden gefiel der neue Brauch just nicht, denn sie durften dabei nicht scherzen und nicht jodeln; die älteren Hausgenossen aber, die schon etwas gottesfürchtiger waren, hörten mir mit Andacht zu; »und das ist,« sagten sie, »als wie wenn der Pfarrer predigen thät; so bedeut ausführen und so eine laute Stimm'!«

Ich kam in den Ruf eines tüchtigen Vorlesers und wurde ein gesuchter Mann. Wenn irgendwo in der Nachbarschaft jemand krank lag oder zum Sterben oder wenn er gar schon gestorben war, so daß man an seiner Leiche zur Nacht die Totenwache hielt, so wurde ich von meinem Vater ausgebeten, daß ich hinginge und lese. Da nahm ich das gewichtige »Leben-Christi-Buch« unter den Arm und ging. Es war ein hartes Tragen, und ich war dazumal ein kleinwinziger Knirps.

Einmal spät abends, als ich schon in meiner kühlen und frischduftenden Futterkammer schlief, in welcher ich zur Sommerszeit bisweilen das Nachtlager hatte, wurde ich durch ein Zupfen an der Decke von unserm Knecht geweckt. – »Sollst fein geschwind aufstehen, Peter, sollst aufstehen. Der Meisen-Sepp hat seine Tochter geschickt, er läßt bitten, Du sollst zu ihm kommen und ihm was vorlesen; er wollt' sterben. Sollst aufstehen, Peter.« –

So stand ich auf und zog mich eilends an. Dann nahm ich das Buch und ging mit dem Mädchen von unserem Hause aufwärts über die Heide und durch die Waldungen. Das Häuschen des Meisen-Sepp stand gar einsam mitten im Wald.

Der Meisen-Sepp war in seinen jüngeren Jahren Reuter und Waldhüter gewesen; in letzterer Zeit hatte er sich nur mehr mit Sägeschärfen für Holzhauerleute beschäftigt. Und da kam plötzlich die schwere Krankheit.

Wie wir, ich und das Mädchen, in der stillen, sternhellen Nacht so durch die Ödnis schritten, sagten wir Keines ein Wort. Schweigend gingen wir neben einander hin. Nur einmal flüsterte das Mädchen: »Laß her, Peter, ich will Dir das Buch tragen.«

»Das kannst nicht,« antwortete ich, »Du bist ja noch kleiner wie ich selber.«

Nach einem zweistündigen Gang sagte das Mädchen: »Dort ist schon das Licht.«

Wir sahen einen matten Schein, der aus dem Fenster des Meisenhauses kam. Als wir diesem schon sehr nahe waren, begegnete uns der Pfarrer, der dem Kranken die heiligen Sakramente gereicht hatte.

»Der Vater – wird er wieder gesund?« fragte das Mädchen kleinlaut.

»Ist noch nicht so alt,« sagte der Priester; »wie Gott will, Kinder, wie Gott will.«

Dann ging er davon. Wir traten in das Haus.

Das war klein, und nach der Art der Waldhütten standen die Familienstube und Schlafkammer gleich in der Küche. Am Herd in einem Eisenhaken stak ein brennender Kienspan, von dem die Stubendecke in einen Rauchschleier gehüllt war. Neben dem Herde auf Stroh lagen zwei kleine Knaben und schlummerten. Sie waren mir bekannt vom Walde her, wo wir oft mitsammen Schwämme und Beeren suchten und dabei unsere Herden verloren; sie waren noch um etliche Jahre jünger als ich. An der Ofenmauer saß das Weib des Sepp, hatte ein Kind an der Brust und sah mit großen Augen in die flackernde Flamme des Kienspans hinein. Und hinter dem Ofen, in der einzigen Bettstatt, die im Hause war, lag der Kranke. Er schlief; sein Gesicht war recht eingefallen, das grauende Haar und der Bart um's Kinn waren kurz geschnitten, so daß mir der ganze Kopf kleiner vorkam, als sonst, da ich den Sepp auf dem Kirchweg gesehen hatte. Die Lippen waren halb offen und blaß, durch dieselben zog ein lebhaftes Atmen.

Bei unserem Eintritt erhob sich das Weib leise, sagte eine Entschuldigung, daß sie mich aus dem Bette geplagt habe, und lud ein, daß ich mich an den Tisch setzen und die Eierspeise essen möge, die der Herr Pfarrer übrig gelassen hatte, und die noch auf dem Tische stand.

Bald saß ich auf demselben Fleck, den der geistliche Herr noch hatte warm gemacht, und jetzt aß ich mit derselben Gabel, die er hatte in den Mund geführt!

»Jetzt schläft er passabel,« flüsterte das Weib, nach dem Kranken deutend. »Vorhin hat er allweg Fäden aus der Decke gezupft.«

Ich wußte, daß man es für ein übles Zeichen auslegt, wenn ein Schwerkranker an der Decke zupft und kratzt; »da kratzt er sich sein Grab«. Ich entgegnete daher: »Ja, das hat mein Vater auch gethan, als er im Nervenfieber ist gelegen. Ist doch wieder gesund worden.«

»Das mein' ich wohl auch,« sagte sie, »und der Herr Pfarrer hat dasselbe gesagt. – Bin doch froh, die Beicht hat der Seppel recht fleißig verrichten mögen, und ich hab' jetzt wieder rechtschaffen Trost, daß er mir noch einmal gesund wird. – Nur,« setzte sie ganz leise bei, »das Spanlicht leckt alleweil so hin und her.«

Wenn in einem Hause das Licht unruhig flackert, so deutet das der Glaube des Volkes: es werde in demselben Hause bald ein Lebenslicht auslöschen. Ich selbst glaubte an dieses Zeichen, doch um die Häuslerin zu beruhigen, sagte ich: »Es streicht die Luft alles zu viel durch die Fensterfugen; ich verspür's auch.« Sie legte das schlummernde Kind auf das Stroh; auch das Mädchen, welches mich geholt, war schon zur Ruh gegangen. Wir verstopften hierauf die Fensterfugen mit Werg.

Dann sagte das Weib: »Gelt, Peter, Du bleibst mir da über die heutige Nacht; ich wüßt mir aus Zeitlang nicht zu helfen. Wenn er munter wird, so liest uns was vor. Gelt, Du bist so gut?«

Ich schlug das Buch auf und suchte nach einem geeigneten Lesestück. Allein, Pater Cochem hat nicht viel geschrieben, was armen, duldenden Menschen zum Troste sein könnte. Pater Cochem meint, Gott wäre unendlich gerecht und die Leute wären unsäglich schlecht, und neun Zehntel der Menschen liefen schnurgerade der Hölle zu.

Es mag ja wohl sein, dachte ich mir, daß es so ist; aber dann darf man's nicht sagen, die Leute thäten sich nur grämen, und des weiteren blieben sie leichtlich so schlecht wie früher. Wenn sie sich bessern hätten wollen, so hätten sie's längst schon gethan.

Die schreckhaften Gedanken gingen wie eine zischelnde Natter durch das Cochem'sche Buch. Fürwitzigen Leuten gegenüber, die mich nur anhörten der »lauten Predigerstimm'« wegen, donnerte ich die Greuel und Menschenverdammung recht mit Vergnügen heraus; wenn ich aber an Krankenbetten aus dem Buche las, da mußte ich meine Erfindungsgabe oft sehr anstrengen, daß ich während des Lesens die harten Ausdrücke milderte, die schaudererregende Darstellung der vier letzten Dinge mäßigte und den grellen Gedanken des eifernden Paters eine freundlichere Färbung geben konnte.

So plante ich auch heute, wie ich, scheinbar aus dem Buche lesend, dem Meisen-Sepp aus einem anderen Buche her Worte sagen wollte von der Armut, von der Geduld, von der Liebe zu den Menschen und wie darin die wahre Nachfolge Jesu bestehe, die uns – wenn die Stunde schlüge – durch ein sanftes Entschlummern hinüberführe in den Himmel.

Endlich erwachte der Sepp. Er wendete den Kopf, sah sein Weib und seine ruhenden Kinder an; dann erblickte er mich und sagte mit lauter, ganz deutlicher Stimme: »Bist doch gekommen, Peter. So dank Dir Gott, aber zum Vorlesen werden wir heut' wohl keine Zeit haben. Anna, sei so gut und weck' die Kinder auf.«

Das Weib zuckte zusammen, fuhr mit der Hand zu ihrem Herzen, sagte aber dann in ruhigem Tone: »Bist wieder schlechter, Seppel? Hast ja recht gut geschlafen.«

Er merkte es gleich, daß ihre Ruhe nicht echt war.

»Thu' Dich nicht gar so grämen, Weib,« sprach er, »auf der Welt ist's schon nicht anders. Weck' mir schön die Kinder auf, aber friedsam, daß sie nicht erschrecken.«

Die Häuslerin ging zum Strohlager, rüttelte mit bebender Hand am Schaub, und die Kleinen fuhren halb bewußtlos empor.

»Ich bitt' Dich gar schön, Anna, reiß mir die Kinder nicht so herum,« verwies der Kranke mit schwächerer Stimme, »und die kleine Martha laß schlafen, die versteht noch nichts.«

Ich blieb abseits am Tische sitzen, und mir war heiß in der Brust. Die Angehörigen versammelten sich um den Kranken und schluchzten.

»Seid Ihr nur ruhig,« sagte der Sepp zu seinen Kindern, »die Mutter wird Euch schon morgen länger schlafen lassen. Josefa, thu' Dir das Hemd über die Brust zusammen, sonst wird Dir kalt. Und jetzt – seid allweg schön brav und folgt der Mutter, und wenn Ihr groß seid, so steht ihr bei und verlaßt sie nicht. – Ich hab' gearbeitet meiner Tag mit Fleiß und Müh'; gleichwohl kann ich Euch weiter nichts hinterlassen, als dieses Haus und den kleinen Garten, und den Rainacker und den Schachen dazu. Wollt' Euch's teilen, so thut es brüderlich, aber besser ist's, Ihr haltet die Wirtschaft zusammen und thut hausen und thut bauen. Weiters mach' ich kein Testament, ich hab' Euch alle gleich lieb. Thut nicht ganz vergessen auf mich, und schickt mir dann und wann ein Vaterunser nach. – Und Euch, die zwei Buben, bitt' ich von Herzen: Hebt mir mit dem Wildern nicht an; das nimmt kein gutes End'. Gebt mir die Hand darauf. So. – Wenn halt Einer von Euch das Sägefeilen wollt' lernen; ich hab' mir damit viel Kreuzer dermacht (erworben); Werkzeug dazu ist da. Und sonst wißt Ihr schon, wenn Ihr am Rainacker die Erdäpfel anbaut, so setzt sie erst im Mai ein; 's ist wohl wahr, was mein Vater fort gesagt hat: Bei den Erdäpfeln heißt's: Baut mich an im April, komm' ich, wann ich will; baut mich an im Mai, komm' ich glei (gleich). – Thut Euch so Sprüchlein nur merken. – So, und jetzt geht wieder schlafen, Kinder, daß Euch doch nicht kalt wird, und gebt allzeit rechtschaffen Obacht auf Eure Gesundheit. Gesundheit ist das Beste. Geht nur schlafen, Kinder.«

Der Kranke schwieg und zerrte an der Decke.

»Frei zu viel reden thut er mir,« flüsterte das Weib gegen mich gewendet. Eine bei Schwerkranken plötzlich ausbrechende Redseligkeit ist eben auch kein gutes Zeichen.

Nun lag er, wie zusammengebrochen, auf dem Bette. Das Weib zündete die Sterbekerze an.

»Das nicht, Anna, das nicht,« murmelte er, »ein wenig später. Aber einen Schluck Wasser giebst mir, gelt?«

Nach dem Trinken sagte er: »So, das frisch' Wasser ist halt doch wohl gut. Gebt mir recht auf den Brunnen Obacht. Ja, und daß ich nicht vergeß', die schwarzen Hosen und das blau' Jöppel weißt, und draußen hinter der Thür, wo die Sägen hängen, lehnt das Hobelbrett, das leg' über den Schleifstock und die Hanselbank; für drei Tag' wird's wohl halten. Morgen früh, wenn der Holzjosel kommt, der hilft mich schon hinauslegen. Schau aber fein gut, daß die Katz' nicht dazu kommt; die Katzen gehen los und schmecken's gleich, wenn wo eine Leich' ist. Was unten bei der Pfarrkirche mit mir geschehen soll, das weißt schon selber. Meinen braunen Lodenrock und den breiten Hut schenk' den Armen. Dem Peter magst auch was geben, daß er heraufgegangen ist. Vielleicht ist er so gut und liest morgen beim Leichwachen was vor. Es wird ein schöner Tag sein morgen, aber geh' nicht zu weit fort von heim, es möcht' ein Unglück geschehen, wenn draußen in der Lauben das Licht brennt. – Nachher, Anna, such' da im Bettstroh nach; wirst einen alten Strumpf finden, sind etlich' Zwanziger drin.«

»Seppel, streng' Dich nicht so an im Reden,« schluchzte das Weib.

»Wohl, wohl, Anna – aber aussagen muß ich's doch. Jetzt werden wir wohl nicht mehr lang' beisammen sein. Wir haben uns zwanzig Jahre gehabt, Anna. Du bist mein Alles gewesen; kein Mensch kann Dir's vergelten, was Du mir gewesen bist. Das vergeß' ich Dir nicht im Tod und nicht im Himmel. Mich gefreut's nur, daß ich in der letzten Stund' noch was mit Dir reden kann, und daß ich gleichwohl so viel bei Verstand bin.«

»– Stirb doch nicht gar hart, Seppel,« hauchte das Weib und beugte sich über sein Antlitz.

»Nein,« antwortete er ruhig, »bei mir ist's so, wie bei meinem Vater: leicht gelebt und leicht gestorben. Sei nur auch Du so, und leg' Dir's nicht schwer. Wenn wir nun auch wieder jedes allein ankommen, zusammen gehören wir gleichwohl noch, und ich heb' Dir schon ein Platzel auf im Himmel, gleim (nahe) an meiner Seit', Anna, gleim an meiner Seit'. Nur das thu' um Gotteswillen, die Kinder zieh' gut auf.«

Die Kinder ruhten. Es war still, und mir war, als hörte ich irgendwo in der Stube ein leises Schnurren und Spinnen. –

Plötzlich rief der Sepp: »Anna, jetzt zünd' geschwind die Kerzen an!«

Das Weib rannte in der Stube herum und suchte nach Feuerzeug; und es brannte ja doch der Span. – »Jetzt hebt er an zu sterben!« wimmerte sie. Als aber die rote Wachskerze brannte, als sie ihm dieselbe in die Hand gab, als er den Wachsstock gelassen mit beiden Händen umfaßte und als sie das Weihwassergefäß vom Gesimse nahm, da wurde sie scheinbar ganz ruhig und betete laut: »Jesus, Maria, steht ihm bei! Ihr Heiligen Gottes, steht ihm bei in der höchsten Not, laßt seine Seele nicht verloren sein! Jesus, ich bete zu Deinem allerheiligsten Leiden! Maria, ich rufe Deine heiligen sieben Schmerzen an! Du, sein heiliger Schutzengel, wenn seine Seel' vom Leib muß scheiden, führ' sie ein zu den himmlischen Freuden!«

Und sie betete lange. Sie schluchzte und weinte nicht; nicht eine einzige Thräne stand in ihrem Auge, sie war ganz die ergebene Beterin, die Fürbitterin.

Endlich schwieg sie, beugte sich über das Haupt des Gatten, beobachtete sein schwaches Atemholen und hauchte: »So behüt' Dich Gott, Seppel, thu' mir meine Eltern und unsere ganze Freundschaft (Verwandtschaft) grüßen in der Ewigkeit. Behüt' Dich Gott, mein lieber Mann! Die heiligen Engel geben Dir das Geleit', und der Herr Jesus mit seiner Gnad' wartet schon Deiner bei der himmlischen Thür.«

Er hörte es vielleicht nicht mehr. Seine blassen, halboffenen Lippen gaben keine Antwort. Seine Augen sahen starr zur Stubendecke empor. Und aus den gefalteten Händen aufragend brannte die Wachskerze; sie flackerte nicht, still und geruhsam und hell, wie eine schneeweiße Blütenknospe stand die Flamme empor – sein Atemzug bewegte sie nicht mehr.

»– Jetzt ist's gar, jetzt ist er mir gestorben!« rief das Weib aus, schrill und herzdurchdringend, dann sank sie nieder auf einen Schemel und begann bitterlich zu weinen.

Die wieder erwachenden Kinder weinten auch; nur das Kleinste lächelte …

Die Stunde lag auf uns, wie ein schwerer Stein.

Endlich richtete sich die Häuslerin – die Witwe – auf, trocknete ihre Thränen und legte zwei Finger auf die Augen des Toten.

Die Wachskerze brannte, bis die Morgenröte aufging.

Durch den Wald war ein Bote gegangen. Dann kam ein Holzarbeiter. Der besprengte den Toten mit Weihwasser und murmelte: »So rücken sie ein, einer nach dem andern.«

Dann thaten sie dem Meisen-Sepp festtägige Kleider an, trugen ihn hinaus in die Vorlauben und legten ihn auf das Brett.

– Das Buch ließ ich liegen auf dem Tisch, für die Leichenwachen der nächsten Nächte, zu denen ich der Häuslerin das Lesen zugesagt hatte. Als ich fortgehen wollte, kam sie mit einem grünen Hut, auf welchem ein weit ausgeborsteter Gemsbart stak.

»Willst den Hut mitnehmen für Deinen Vater?« fragte sie, »der Seppel hat Deinen Vater fortweg gern gehabt. Den Gamsbart magst zum Andenken selber behalten. Bet' einmal ein Vaterunser dafür.«

Ich sagte meinen Dank, ich that noch einen unsteten Blick gegen die Bahre hin; der Sepp lag lang gestreckt und hielt seine Hände über der Brust gefaltet. – Dann ging ich hinaus und abwärts durch den Wald. – Wie war's licht und taufrisch voll Vogelgesang, voll Blütenduft – voll Leben im Walde!

Und in der Hütte, auf dem Bahrbett lag ein toter Mensch.

Ich kann die Nacht und den Morgen – das Sterben mitten in dem unendlichen Lebensquell des Waldes nimmermehr vergessen. Auch besitze ich heute noch den Gemsbart zum Andenken an den Meisen-Sepp.

Wenn mich die Gier anpackt nach den Freuden der Welt, oder wenn mich die Zweifel überkommen an der Menschheit Gottesgnadentum, oder wenn mich gar die Angst will quälen vor meinem vielleicht noch fernen, vielleicht schon nahen Hingang – so stecke ich den Gemsbart des Sepp auf den Hut.


Wie ich dem lieben Herrgott mein Sonntagsjöppl schenkte.

In der Kirche des Alpendorfes Ratten steht links am Hochaltare eine fast lebensgroße Reiterstatue. Der Reiter auf dem Pferde ist ein stolzer Kriegsmann mit Helm und Busch und einem kohlschwarzen Schnurrbärtchen. Er hat das breite funkelnde Schwert gezogen und schneidet mit demselben seinen Mantel entzwei. Zu Füßen des sich bäumenden Rosses kauert eine Bettlergestalt in Lumpen.

Als ich noch so ein nichtiger Knirps war, wie er einem ordentlichen Menschen kaum zum Hosensack emporgeht, führte mich meine Mutter gern in diese Kirche. In der Nähe der Kirche steht eine Marienkapelle, die sehr gnadenvoll ist und in welcher meine Mutter gern betete. Als oft kein Mensch sonst mehr in der Kapelle war und vom Turme schon die Mittagsglocke in den heißen Sommersonntag hinausklang, kniete die Mutter immer noch in einem der Stühle und klagte Marien ihr Anliegen. Die »liebe Frauen« saß auf dem Altare, legte die Hand in den Schoß und bewegte weder den Kopf, noch die Augen, noch die Hände, und da konnte meine Mutter nachgerade sagen, was sie wollte.

Ich hielt mich lieber in der großen Kirche auf und sah den schönen Reiter an.

Und einmal, als wir auf dem Wege nach Hause waren und mich die Mutter an der Hand führte, und ich immer drei Schritte machen mußte, so oft sie einen that, warf ich meinen kleinen Kopf auf zu ihrem guten Angesichte und fragte: »Zuweg steht denn der Reiter allfort auf der Wand oben, und zuweg reitet er nicht zum Fenster hinaus auf die Gasse?«

Da antwortete die Mutter: »Weil Du so kindische Fragen thust und weil es nur ein Bildnis ist, das Bildnis des heiligen Martin, der, ein Soldat, ein sehr gutthätiger frommer Mann gewesen und jetzt im Himmel ist.«

»Und ist das Roß auch im Himmel?« fragte ich.

»Sobald wir zu einem rechten Platz kommen, wo wir rasten können, so will ich Dir vom heiligen Martin was erzählen,« sagte die Mutter und leitete mich weiter, und ich hüpfte neben ihr her. Da wartete ich schon sehr schwer auf das Rasten, und in einemfort rief ich: »Mutter, da ist ein rechter Platz!«

Erst als wir in den schattigen Wald hineinkamen, wo ein platter, moosiger Stein lag, fand sie's gut genug, da setzten wir uns nieder. Die Mutter band das Kopftuch fester und war still, als habe sie vergessen, was sie versprochen. Ich starrte ihr fort und fort auf den Mund, dann guckte ich wieder zwischen den Bäumen hin, und mir war ein paarmal, als hätte ich durch das Gehölz den schönen Reitersmann reiten gesehen.

»Ja, 'leicht wohl, mein Bübel,« begann meine Mutter plötzlich, »allzeit soll man den Armen Hilfe reichen um Gotteswillen. Aber so, wie der Martin gewesen, traben heutzutag nicht viel Herrenleut' herum auf hohem Roß. – Daß im Spätherbst der eiskalte Wind über unsere Schafheide streicht, das weißt wohl, hast Dir ja selber d'rauf im vorig' Jahr schier die Tatzelein erfroren. Siehst Du, völlig eine solche Heide ist's auch gewesen, über die der Reitersmann Martinus einmal geritten an einem späten Herbstabend. Steinhart ist der Boden gefroren, und das klingt ordentlich, so oft das Roß seinen Huf in die Erden setzt. Die Schneeflöcklein tänzeln umher, kein einziges vergeht. Schon will die Nacht anbrechen, und das Roß trabt über die Heide, und der Reitersmann zieht seinen weiten Mantel zusammen, so eng es halt hat gehen mögen. Bübel, und wie er so hinfährt, da sieht er auf einmal ein Bettelmännlein kauern an einem Stein; das hat nur ein zerrissenes Jöpplein an und zittert vor Kälte und hebt sein betrübtes Auge auf zum hohen Roß. Hu, und wie das der Reiter sieht, hält er an sein Tier und ruft zum Bettler nieder: Ja, Du lieber armer Mann, was soll ich Dir reichen? Gold und Silber hab' ich nicht, und mein Schwert kannst Du nimmer brauchen. Wie soll ich Dir helfen? – Da senkt der Bettelmann sein weißes Haupt nieder gegen die halbentblößte Brust und thut einen Seufzer. Der Reiter aber zieht sein Schwert, zieht seinen Mantel von den Schultern und schneidet ihn mitten auseinander. Den einen Teil des Kleidungsstückes läßt er hinabfallen zu dem armen zitternden Greise: Hab' vorlieb damit, mein notleidender Bruder! – Den andern Teil des Mantels schlingt er, so gut es geht, um seinen eigenen Leib und reitet davon.«

So hatte meine Mutter erzählt und dabei mit ihrem eiskalten Herbstabende den schönen Hochsommertag so frostig gemacht, daß ich mich fast schauernd an ihr lindes Busentuch schmiegte.

»'s ist aber noch nicht ganz aus, mein Kind,« fuhr die Mutter fort, »wenn Du es nun gleichwohl weißt, was der Reiter mit dem Bettler in der Kirche bedeutet, so weißt Du's noch nicht, was weiter geschehen ist. Wie der Reitersmann nachher in der Nacht daheim auf seinem harten Polster ruhsam schläft, kommt derselbige Bettler von der Heide zu seinem Bett, zeigt ihm lächelnd den Mantelteil, zeigt ihm die Nägelwunden an den Händen und zeigt ihm sein Angesicht, das nicht mehr alt und kummervoll ist, das strahlet wie die Sonnen. Derselbe Bettelmann auf der Heid' ist der lieb' Herrgott selber gewesen. – So, Bübel, und jetzt werden wir wieder anrucken.«

Da erhoben wir uns und stiegen den Bergwald hinan.

Bis wir heim kamen, waren uns zwei Bettelleute begegnet; ich guckte jedem sehr genau in das Gesicht; ich hab' gemeint, es dürft' doch der liebe Herrgott dahinter stecken.

Gegen Abend desselben Tages, als ich mein Sonntagskleidchen des sparsamen Vaters wegen schon hatte ablegen müssen und nun wieder in dem vielfarbigen Werktagshöslein herumlief und hüpfte und nur noch das völlig neue graue Jöppel trug, das ich nicht ablegen wollen und mir noch für den Tagesrest erbeten hatte, und als die Mutter auch schon lange wieder bei ihrer häuslichen Arbeit war, eilte ich gegen die Schafheide hinauf. Ich mußte die Schäflein, worunter auch ein weißes Lämmchen als mein Eigentum war, heim in den Stall führen.

Wie ich aber so hinhüpfe und Steinchen schleudere und damit die goldenen Abendwolken treffen will, sehe ich plötzlich, daß dort am Fels ein alter weißköpfiger, sehr arm gekleideter Mann kauert. Da stehe ich erschrocken still, getraue mir keinen Schritt mehr zu thun und denke bei mir: Jetzt, das ist aber doch ganz gewiß der lieb' Herrgott.

Ich habe gezittert vor Furcht und Freude, ich habe mir gar nicht zu helfen gewußt.

Wenn es doch der lieb' Herrgott ist, ja, da muß eins ihm wohl was geben. Wenn ich jetzt heimlauf', daß die Mutter komme und gucke und mir sage, wie ich d'ran bin, so geht er mir zuletzt gar dieweilen davon, und es wär' doch eine Schand' und ein Spott. Ich denk', sein wird er's gewiß, just so hat derselb' ja auch ausgeschaut, den der Reitersmann gesehen.

Ich schlich einige Schritte nach rückwärts und begann an meinem grauen Jöppel zu zerren. Es ging nicht leicht, es war so fest über dem grobleinenen Hemde oben, und ich wollte das Schnaufen verhalten, ich meinte, der Bettelmann sollte mich früher nicht bemerken.

Einen gelbangestrichenen Taschenfeitel hatte ich, nagelneu und just scharf geschliffen. Diesen zog ich aus der Tasche, das Röcklein nahm ich unter's Knie und begann es nun mitten auseinander zu trennen.

War bald fertig, schlich zum Bettelmann, der halb zu schlummern schien, und legte ihm seinen Teil von meinem Rock zu Häupten. – Hab' vorlieb damit, mein notleidender Bruder! Das habe ich ihm still in Gedanken gesagt. Dann nahm ich meinen Teil vom Rocke unter den Arm, lugte noch eine Weile dem lieben Gott zu und jagte dann die Schäflein von der Heide.

In der Nacht wird er wohl kommen, dachte ich, und da werden ihn Vater und Mutter sehen, und wir können ihm, wenn er bei uns bleiben will, gleich das hintere Stübel und das Hausaltarl herrichten.

Ich lag im Schiebbettlein neben Vater und Mutter, und ich konnte nicht schlafen. Die Nacht verging, und der, den ich gemeint hatte, kam nicht.

Am frühen Morgen aber, als der Haushahn die Knechte und Mägde aus ihren Nestern hervorgekräht hatte, und als draußen im Hofe schon der laute Werktag anhub, kam ein alter Mann (sie hießen ihn den Schwamm-Veitel) zu meinem Vater, brachte ihm den verschenkten Teil von meinem Rock und erzählte, ich hätte denselben abends zuvor in meinem Mutwillen zerschnitten und ihm das eine Stück an den Kopf geworfen, wie er so ein wenig vom Schwammsuchen ausgeruht habe auf der Schafheide.

Darauf kam der Vater, eine Hand hinter dem Rücken, ganz leicht an mein Bett geschlichen: »Geh', thu' mir's sagen, Bub', wo hast denn Du Dein neues Sonntagsjöppel?«

Das leise Schleichen mit der Hand hinter dem Rücken war mir sogleich verdächtig vorgekommen, und jetzt ging mir schon das Gesicht auseinander, und weinend rief ich: »Ja, Vater, ich hab' gemeint, dem lieben Herrgott hätt' ich es 'geben.«

»Jesses, Bub', Du bist aber so ein Trottel, so ein Halbnarr!« schrie mein Vater, »für die Welt bist Du viel zu dalkert, zum Sterben bist Du gar zu dumm. Dir muß man mit einem rechten Besen die Seel' aus der Haut schlagen!«