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Die Försterbuben

Ullstein-Bücher

Eine Sammlung
zeitgenössischer
Romane

Die
Försterbuben

Ein Roman aus den steirischen Alpen von

Peter Rosegger

Ullstein & Co
Berlin-Wien

Die Bestattung des Prinzen

»Juch! Juch!« Hell jauchzend sprang er vom Waldrande herab auf den Weg. Ein junger Mann – schwang seinen hochbefederten Hut: »Juch! Juch!«

»Das ist ja Försters Fridolin!« lachten die Leute, die in bewegten Gruppen daher kamen. »Friedl, gehst du auch zu der Leich?«

»Wohin denn sonst?« lachte er, »freilich geh ich auch zu der Leich! Juchhe!«

Viele jauchzten mit.

Es waren zumeist junge Mannsleute in halb feiertägiger Bauerntracht. Jeder auf dem grünen Hut stramm befedert. Weiße flaumige Stoßfedern, schwarze sichelkrumme Birkhahnfedern, fächerförmig oder pinselartig gefaßter Gemsbart, und lauter solche Zeichen, daß sie aufgelegt sind heute zu jeglicher Unternehmung, sei es zum Raufen oder zum Schuldenmachen oder zum Weiberleutfoppen! Man konnte ihnen schon etwas zutrauen, diesen derben, urfrischen »Alpenjodeln«. Das Liebste, was sie taten, war freilich Singen und Jauchzen; und so jauchzten sie auch in allen Glockentönen. Ein anderes Geläute gab es nicht bei diesem Begräbnisse.

Von den Einzelhöfen kamen sie herbei. Aber dort am Eschbaum, wo der Weg sich zweigt – der eine ins Kirchdorf Ruppersbach, der andere zu den Häusern von Eustachen – bogen sie gegen Eustachen ein.

Hinterher waren auch ein paar alte Bäuerinnen gekommen, schwarz und schlapp gewandet, in Filzhüten mit breiten Krempen. Fäuste machten sie, als sie das Treiben der Burschen sahen, und um die Fäuste hatten sie Betschnüre gewunden.

An der Wegscheide rief dieser Matronen eine mit scharfem Zünglein den jungen Leuten zu: »Ihr vergeht euch ja! Die Kirchen, die steht nit in Eustachen, die steht in Ruppersbach.«

»Aber in Eustachen steht das Wirtshaus!« rief einer der Burschen lustig herüber.

»Laßt euch lieber Staub und Aschen auf die Schädel streichen!« rief die Alte. »Oder wollt ihr am heiligen Aschermittwoch auch noch Faschingtag halten? Gleichschauen tät’s euch, ihr Fleischkrapfenjodeln, ihr fürwitzigen. Aber denkt nur darauf: Werdet auch einmal sterben müssen!«

»Ja, nachher haben wir Aschermittwoch genug,« gab der Bursche zurück.

»Laß dich nit auslachen, Seppel, daß du mit alten Weibern wortelst!« rief des Försters Fridolin.

»Derselbig ist auch so einer!« eiferte die Alte, ihre Faust nach dem Burschen drohend, »der alleweil heilig Sach tut verspötteln. Euch wird’s schon noch heimkommen, werd’t es schon sehen, wie sie werden zwicken, die Spitzhörndel-Teufelein!«

Sie verstanden sich nicht mehr, die Wege gabelten schon zu weit.

Die Weiber trippelten hinab zur Kirche, wo an diesem Tage nach kirchlichem Brauch der Priester den Gläubigen der Reihe nach Asche an die Stirn rieb: »Du bist von Staub und Aschen und wirst zu Staub und Aschen!«

Anders ging’s her zu Eustachen.

Dort vor dem Straßenwirtshause, genannt »Zum schwarzen Michel«, hatte sich allerlei Volk zusammengefunden. Mitten auf dem Platze war bereits der Kondukt aufgestellt: ein dicker, wuppiger Sarg, mit schwarzem Tuche eingehüllt, vorn und hinten die Bahrstangen, der Träger harrend. Über den Köpfen flatterten blaue Fahnen. Aus dem Wirtshause trat, von zwei Jungen mit Stallaternen begleitet, eine Trauergestalt. Man hätte mögen meinen, ein fürnehmer russischer Pope wäre es, wie hinter ihm her zwei Knaben in langen Nachthemden die Schleppe seines Mantels trugen. Schwarz war sein Haar und schwarz sein langer Bart. Und das Schwärzeste daran sein großes Auge mit dem glosenden Feuer. So leuchtet in der Kohle die Glut.

Die würdige Gestalt stellte sich vor der Bahre auf und hob beide Arme empor. Da dämpfte sich in der Menge der Lärm, und der Schwarze begann in feierlichem Trauerbasse also zu sprechen:

»Liebe lustige Leidtragende!

Öffnet die geehrten Ohren! Wir haben einen großen Verlust verloren. Gestern um diese Stund noch frisch und gesund, die Wangen rot, gesungen, gesprungen, geloffen, gesoffen – und heut schon mausetot. Unser liebster Freund! Eine Trauerred sollt ich halten, aber mein! Mir fallt nix ein. Gehn ma weiter, sein ma heiter und tun ma weinen ohne Wein, leicht fallt uns unterwegen was ein.«

Die Träger heben den verhüllten Sarg, der Zug ordnet sich unter dem Geheule der Trauergäste. Voran dem Zuge geht Försters Fridolin, auf einer senkrecht gehobenen Stange ein verhülltes Heiligtum tragend. Hinter ihm Musikanten mit Hafendeckeln, Pfannen, Feuerzangen und anderen Musikinstrumenten. Hinter diesen ein hagerer langer Mann mit einer segeltuchenen Mütze, an deren wulstigem Rande ringsum runde Schellen hängen, ihrer sieben, weshalb ein Teil der Leute im Litaneienton ausruft: »Heiliger Schellsiebener!« und der andere Teil beisetzt: »Bitt für uns!« – Diesem nach kommen die Buben mit den Laternen, der Pope mit den Mantelpagen, die blauen Fahnen und dann der Sarg. Hinter diesem das wirbelnde, johlende Volk, worunter mancher torkelnd und lallend oder mit verglasten Augen schlaftrunken dreingrinsend. Und doch wollen auch diese Invaliden des Prinzen noch mittun.

Er stirbt ja nur einmal – alle Jahre.

Der Pope ruft in singendem Tone: »Nun stimmt an ein schönes Gesang, aber nit lang, nit lang, aber nit lang!«

Darauf beginnen die Burschen:

»Wann ich amal stirb, stirb, stirb,

Schlagt auf die Truhen drauf,

Aft steh ich wieder auf,

Alleweil fideel, fideel, juchhee!

Traurig sein mag ich nit,

Na, meiner Seel!

Bin ich einmal tot, tot, tot,

Müssen mich d’ Steirer trag’n

Und dabei Zithern schlag’n,

Alleweil fideel, fideel, juchhee!

Traurig sein mag ich nit,

Na, meiner Seel!«

Männer, Weiber, Kinder, Hunde aus der ganzen Umgebung, aus den Wäldern, Gräben und ferneren Ortschaften – alles durcheinander, singend, grölend, lachend, bellend – so wirbelt’s und trudert’s hinaus, über die lehmigen Felder hin gegen den Ruppersbacher Friedhof. Vor dem Tore desselben biegt der Zug ab in die bestrüppte Schlucht, alldorten ist aufgetan das Grab. Unter hohlem Gedröhne wird der Sarg hinabgelassen und der Pope hält die Grabrede:

»Königliche Hoheit, Prinz Karneval!

Was du hast getrieben, das war ein Skandal! Aber komm doch bald wieder einmal. Wir werden dich nimmer vergessen. Bei dir haben wir gut getrunken und gegessen. Tanzende Dirnlein hast uns gebracht, hast uns unterhalten Tag und Nacht, den Kopf hast uns schwer, die Taschen leichter gemacht. Aschen, Aschen! sonst haben wir heut nix mehr zu naschen. Fleischliche Hoheit, so heißt es jetzt scheiden. Dein Denkmal steht beim Wirt auf der Tür mit der Kreiden. Rekiskart in bazi – wer’s nit glaubt, den kratz ih!«

Die Menge stimmt neuerdings Lieder an, hier: »O du lieber Augustin!« dort: »Alleweil fideel, fideel!« weiter hinten: »In Ruppersbach ist’s lustig, in Ruppersbach ist alles frei, da gibt’s ka Polizei!«

Derweil werden am Grab die Stallaternen ausgelöscht und von den Fahnenstangen die Weiberschürzen herabgerissen. An Fridolins Stab wird das Symbolium enthüllt: Im Strohkranz eine leere Brieftasche, beim Lederläppchen an der Stange festgenagelt. Vom Sarge ziehen sie das schwarze Tuch weg, ein altes Faß mit gähnendem Spundloch. Und im Fasse ist aller Sinnenlust Geheimnis enthalten – es ist leer. Oder wäre Prinz Karneval schon wieder unterwegs? Ist das nicht der ewige Jude in der Narrenkappe? Ein König, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht.

Der Pope schüttelt seinen mit Ruß geschwärzten Küchentopf vom Haupte, daß er auf der Erde zerschellt, und wirft die dunkle Pferdedecke ab. Steht einer da, der nicht hätte vermutet werden können unter den Trauergewändern. Ein kleiner, schlanker, behendiger Mann in Steirergewand, an dem von aller schwarzen Zier nichts übrig geblieben als der lange schwarze Bart und das schöne schwarze Auge, das jetzt so klug und schalkhaft ernst in die Welt blickt. Und ist’s der Michel Schwarzaug, genannt der Wirt »Zum schwarzen Michel« in Eustachen.

Die Narrheit ist abgetan, begraben – und wohl gar lebendig begraben, maßen sie, wie genugsamlich bekannt, unsterblich ist.

Die Leute sind ruhig und sittig geworden und plaudern miteinander, als ob nichts gewesen wäre. Dann zerstreuen sie sich und gehen gelassen heim, mit einer rechten Befriedigung, auch dies Jahr den Aschermittwochsbrauch redlich mitgespaßt zu haben.

Försters Fridolin, der die leere Brieftasche getragen, dem wäre noch ums Singen. In dem hübschen, blondköpfigen Jungen zuckt das warme Leben. Aber jetzt ist Fastenzeit geworden, ganz plötzlich, frostig – wie ein Reif im Mai. Er sieht, wie die anderen Burschen ihre grünen Hüte abziehen und die Federn aus dem Bande reißen. Auch er nimmt sein Lodenhütlein ab, hält es vor sich in die Luft hinaus und schaut das schöne Gefieder an – vom Wildhahn, den er im vorigen Frühjahre geschossen hat auf der Seealm. Soll auch er dieses Zeichen junger Mannhaftigkeit wegwerfen? Ist nicht die krumme Hahnenfeder wie ein Fragezeichen: Dirndel, bist du zu haben?

In einem Schnaderhüpfel singt er den Gedanken hinaus. Da lacht ein anderer Bursche: »He, he, der braucht erst ein Fragezeichen!« Und wies auf den hochstehenden Federstoß seines Hutes: »Schau den an! Das ist kein Fragezeichen, das ist ein Ausrufungszeichen, wer’s von der Schul her noch weiß, was das ist. Ja, mein Lieber!«

Der Friedl stellte sich gerade einmal so hin vor diesen jungen Mann mit den schlaffen Wangen und den langen plumpen Kinnbacken und schaute ihn munter an und rief:

»Du ein Ausrufungszeichen? So ein kreuzsauberen Kerl wird sich doch nit erst ausrufen müssen!«

Der andere, der Wegmachergehilfe Kruspel war’s, stutzte ein wenig und erwog, ob das gelobt oder gefoppt sein sollte, und zupfte mit scharfen Fingernägeln am Mundwinkel, wo ein zartes falbes Schöpfchen war.

»Wart, Kruspel!« sagte der Försterische lachend und schlug ihm zärtlich die flache Hand auf den Nacken, »auf dem Mittfastenmarkt demnächst kauf ich dir ein Zangerl, daß du dir dein’ Schnurrbartel besser kannst herausziehen.«

Jetzt wußte der Kruspel schon, wie er dran war. »Du!« drohte er. »Keine Amtsbeleidigung! weißt du, ich bin kaiser-königlicher Straßenschotterer! Ja, mein Lieber!«

»Wohl, wohl,« sagte der Friedl. »Du bist ein Kaiser-königlicher, du. Aber weil du für einen Soldaten viel zu schön gewachsen bist zum Derschossenwerden, so laßt dich der Kaiser bei der Straßenschotterei.« Harmloses Lachen milderte den Spott. »Aber jetzt, Buben,« er wendete sich an die übrigen, denn sein Fußsteig zweigte hier ab gegen das Forsthaus, »behüt euch Gott und am Sonntag nachmittag! Rodeln! Vergeßt nit drauf!«

»Ja, rodeln, wenn kein Schnee mehr ist!«

»Auf der Siebentaler-Leiten Schnee genug. Laßt euch Zeit miteinander und laßt euch’s Fasten schmecken!«

Als er oben am Rande des Lärchenwaldes hin ging gegen das Hochtal, hörte man ihn noch singen und jodeln. So läutet undämpfbare Jugendlust die Fastenzeit ein. –

Dem Wirt »Zum schwarzen Michel« war bei der Heimkehr von diesem Leichenbegängnisse der Pfarrer von Ruppersbach begegnet, dessen Talar mit den beiden schwarzen Schleifen im Winde flatterte. Er war ein Benediktiner.

»Mir scheint, bei euch Eustachern muß man auch manchmal ein Auge zudrücken,« so grüßte der Pfarrer den Wirt.

»All zwei, Hochwürden, wenn wir dürften bitten. Und hübsch fest zudrucken.« Er sagte es mit Bedacht. »Ist mir schon selber ein bissel uneben aufgefallen heut, wie ich die alten Sprüchlein so hab hergesagt. Sapperlot, so was kunnt fuchsfeuerfaul sündig auch noch sein! der Teuxel noch einmal! Aber halt abkommen lassen tut man’s doch nit gern, die alten Sitten. Wenn man die lustigen Bräuch all tät abbringen, wollt’s doch ein bissel gar zu traurig werden auf der Welt.«

»Na, na, Michel, wenn’s einmal auf euer Faschingbegraben ankommt, daß ihr die Welt wieder lustig macht, dann laßt euch nur schnell auch selber mit begraben, ’s ist die höchste Zeit. Ihr seid mir schon auch die Rechten, ihr!«

Schmunzelte der Wirt, zupfte den Pfarrer am Talarflügel und flüsterte vertraulich: »Nit giften, Herr Pfarrer, schauns, in der Stadt drin tuns den Fasching nit begraben, dort lassens ihn leben bis schier in die Palmwochen hinein, und noch um Mittfasten fliegen die Kittel und blädern die Hosen auf dem Tanzboden. Bei uns da kunnt er auch so lang leben, der Lump, wenn wir ihn nit am Aschermittwoch so sorgfältig täten begraben. Seins froh, Herr Pfarrer, daß wir eine Lustbarkeit draus machen. Täten wir ihm nachweinen, dem Galgenstrick, das wär gar noch schlimmer. Ist’s nit wahr?«

»Du hast recht, da ist’s mir schon lieber, ihr begrabt ihn beizeiten und lacht dazu,« sprach der Pfarrer, »wenn den Leuten bei diesem Faschingbegraben nur auch einmal was Rechtes einfallen wollte.«

»Viel Gescheites kann einem dabei freilich nit einfallen.«

»Zum Beispiel, was am Ende denn so eigentlich recht übrig bleibt von aller Weltlust!«

»Weiße Ziffern auf der schwarzen Tafel, Herr Pfarrer.«

»Und ein – hohles Faß. Gleichnisweise genommen.«

»Versteh schon, versteh schon. Daß die ganz Welt eine hohle Nuß ist oder ein hohles Faß. Ist mir auch schon eingefallen. Und jetzt derohalben möcht ich schier meinen, weil inwendig nix ist, sollt man auswendig bissel was machen. Kommens doch bald wieder einmal auf Besuch, Hochwürden.«

»Wenn der Michelwirt nicht wieder gar zu gescheit wird. Da kann unsereiner nicht mit. Aber singen, das wohl. Wann wird denn wieder gesungen?«

»Wann der Will. Allzeit aufgelegt. Heißt das, wenn der Baß nit bei den Bären ist.«

Der Baß, das war der Förster Rufmann, dessen Amt es freilich weniger sein konnte, im Wirtshause zur Zither zu brummen als in den Wäldern bei den Holzknechten. Mußte manchmal das letztere, tat aber lieber das erstere.

Von Michels Haus- und Lebensgenossen

Der kleine schwarze Michel war noch nicht heimgekehrt in sein Wirtshaus. Da war’s wie ein Weltgericht – in diesem Wirtshaus. Mägde scheuerten in der Gaststube die Tische, die Bänke und den Fußboden. Da gab’s noch viel Fasching hinauszuschwemmen. Die letzten drei Tage und Nächte waren üppig gewesen!

»Heunt ist der Faschingtag,

Heut sauf ich, was ich mag,

Morg’n mach ich Testament,

’s Geld hat ein End.«

Diese Gedenkschrift hatte einer hinterlassen, mit Kreide verewigt auf dem braunen Brette des Uhrkastens. Und nicht weniger bedeutsam waren die Reihen der Namen und Ziffern, die auf der Tür standen.

Die Pipen im Keller tröpfelten nur mehr in die untergestellten Holznäpfe, der säuerliche Weingeruch durchatmete noch das ganze Haus. In der Küche war das Herdfeuer ausgegangen. Das Küchenmädel hatte unter den Tischen und Bänken einen großen Korb voll Knochen gesammelt und dieselben draußen im Viehhof ausgeschüttet auf den Dunghaufen.

Frau Apollonia, die Wirtin, siebte in der Küche Fisolen. Das wird von jetzt ab das tägliche Brot sein bis zum Ostersonntag, da wieder die Fleischtöpfe brodeln werden. Sieben Wochen lang Fisolen! Der Frau war das recht. Sie, die am Herde fast allein vom Speisenduft satt wurde, konnte nie begreifen, wie die Leute denn so viel zusammenessen und trinken könnten. Und sterben doch nicht dran. Sie war indes überzeugt, daß viel mehr Leute sich zu Tode essen als zu Tode hungern. Aber das sagte die Wirtin nicht. Sie sagte überhaupt nichts von all den tausend Dingen, die nicht gerne gehört werden. Und da unter Umständen nichts gerne gehört wird als das, was man sich selber sagt, so fand Frau Apollonia alles Reden für eine überflüssige Ausgabe und sagte am liebsten gar nichts. Sie war eine ruhige, schlanke Frau, bei der die Küchenschürze hinten zusammenlangte. Ihr Auge hatte – wenn man in einem musikalischen Wirtshause auch von Farben musikalisch sprechen dürfte – einen lichtgrauen Ton, nicht allzutief gestimmt. Sie war nicht seicht und nicht tief, sie war praktisch. Ihr schon grauendes Haar über dem schmalen Gesicht war in der Mitte gescheitelt; sie sah eher wie eine Mädcheninstitutsvorsteherin aus als wie eine Dorfwirtin. Ihr Schweigen nahm sie so ernst, daß man sie auch nie zanken hörte; ein Blick, ein Wink, und die Mägde wußten, wie sie daran waren.

So ging in der Küche alles stets friedlich ab, und die Mägde, die Frau Apollonia einmal aufgenommen, wurden alle bei ihr alt; keine wollte fort, außer wenn der Freier kam, und da gab es einen Kasten voll Flachs oder Leinwand als Heiratsgut.

Niemals kam jemand geradehin betteln zur Michelwirtin. Bisweilen wohl humpelte ein Armer zur niederen Küchentür herein, setzte sich im Winkel auf eine Bank und seufzte ein Erkleckliches. Nichts weiter. Dann kam die Wirtin und fragte nach dem Anliegen, teilte eine Gabe, und den Dankesworten winkte sie mit der Hand ab. Kein Mensch in Eustachen lobte die Frau Apollonia, im stillen geehrt war sie von allen. Es war auch schon selbstverständlich, wer ein Anliegen hat, der geht zur Frau Apollonia.

Manch einer oder eine ist freilich umsonst gegangen, und zu solchen redete sie: »Du lieber Mensch, du! Gern, daß ich dir was wollt geben, aber schau, du bist halt ein Lump. Wenn du brav wirst, nachher darfst schon kommen.« Und das sagte sie so freundlich und mütterlich, daß die Abgewiesenen schier wie geehrt davongingen und es weiter sagten, was die Michelwirtin für ein »gutes Leutel« ist. Manch einer kam später wieder mit der Nachricht, er glaube sich beim Lumpbleiben doch besser zu stehen als mit der Freundschaft der schweigsamen Michelwirtin.

Unter einer solchen Frau und Mutter war auch das einzige Kind aufgewachsen, die schlanke blonde Helenerl. An Gutmütigkeit und Schweigsamkeit war sie ihrer Mutter ganz ähnlich geworden. Ob der Mutter jedoch die Freudigkeit je einmal so aus den Augen gelacht hat wie dieser Tochter? Wo es lieblich und froh herging – war es im Garten bei dem gedeihenden Gemüse oder bei den still brennenden Blumen, oder im Hofe bei den regen Hühnern und Küchlein, oder bei den tollenden Nachbarskindern, oder war es bei harmlosen Sängern in der Gaststube – da war sie gern in der Nähe. Aber womöglich im Hinterhalte. Ausgeben mochte sie sich nicht, nur immer in sich aufnehmen, von den Blumen das Blühen, von der Sonne das stille Lachen, von den Kindern die unschuldige Lust. Es war, als ob sie aller Welt Frohheit in sich sauge und davon schon einen so großen Vorrat gesammelt habe, daß er einmal explodieren wird, wenn der rechte Zunder dazu kommt. Es gab freilich auch Meinungen darauf hin: Explodieren würde an diesem Mädel nie etwas, das werde, wie die Mutter ist, immer klug, gelassen und freundlich sein. Vielleicht als Zugabe ein bißchen schalkhafte Trutzigkeit vom Vater. So wie sie vom väterlichen Schwarzaug und vom mütterlichen Grauaug das schönste Blauaug erhalten hatte, so durfte man wohl auch in ihrer Seele die Sanftmut und Gleichmäßigkeit der Mutter, gleichwie künftig noch die überschwengliche Lustigkeit und die zeitweilige traumhafte Wehmut des Vaters zu finden hoffen.

Da zum Wirtshause auch eine größere Landwirtschaft gehörte, so gab es nebst der bewegsamen Kellnerin und dem derben Hausknecht auch noch Alt- und Jungknechte, Mägde und halbwüchsiges Volk. Das Gesinde hielt im nahen Wirtschaftsgebäude seine Ständigkeit.

Das waren nun die Hausgenossen Michels, des kleinen Wirtes mit den kurzen, stets emsigen Beinen, mit dem schwarzen langen Bart und den dunklen Augen, in denen immer Kohlenglut gloste, manchmal auch sprühte.

Zwischen dem Michel und seiner Frau schien eine Gegensätzlichkeit vorhanden zu sein, deren Tiefe nicht ergründet war. Da es nie einen Sturm gab, wie solcher auf seichten Gewässern leicht vorkommt, so riet man auf eine große Tiefe. Michels Abstand zu dem stillen, blühenden Töchterlein war gerade so groß, daß er sie mit einer Art frommen Wohlgefallens betrachten und mit einer zarten Verschämtheit anbeten konnte. Er ahnte es kaum, daß er sie anbetete, hatte es noch nicht einmal so weit gebracht, ihr offen zu sagen, wie sehr er sie lieb hatte. Zu jedem Gast konnte er »mein Lieber« sagen, zu der schönen Gastin erst recht »meine Liebe!«. Geschätzte und liebe Muhmen und Schwägerinnen hatte er eine Menge; aber eine »liebe Tochter«, ein »liebes Kind« gab es nicht, dafür hatte er sein Helenerl zu lieb.

Mit Frau Apollonia stand das insofern anders, als er sie in früheren Jahren wirklich etlichemale mit: »Ja, meine Liebe!« angesprochen hatte. Weil solches aber zumeist nur bei größeren Meinungsverschiedenheiten und in gereiztem Tone geschah, so kam der Ausdruck in eine zweifelhafte Stimmung. Und als sie mit der Zeit in allem ganz einig geworden, weil eins das andere hatte verstehen und behandeln gelernt, so ist das Wort »lieb« endlich gar nicht mehr ausgesprochen worden oder höchstens vielleicht in Augenblicken, da die Zunge nicht mehr weiß, was sie spricht und ihr Stammeln auch gleichgültig ist.

Die Ehegatten hatten übrigens ihr getrenntes Bereich auch in der Wirtschaft. Frau Apollonia kam gar selten aus ihrer Küche hervor. Er ließ sie im Haushalte gewähren und war froh, der Sorgen enthoben zu sein und sich seinen Gästen heiter oder auch ernsthaft widmen und sich seinen Liedern und Büchern hingeben zu können. Er hatte so seine Passionen, mit denen er der Frau Apollonia allerdings nicht kommen durfte: ihr war alles Nachdenken über Himmel und Erden zum mindesten unnütz, wenn nicht Frevel. Der Michel hingegen war manchmal wie eine Spinne, die ihre Fäden spinnt und wartet, wohin der Wind sie tragen wird; dorthin nahmen dann seine Gedanken ihren Weg, gleichgültig, ob in Höhen oder Tiefen, nur fort ins Ungemessene und Traumhafte.

Für solche Ausflüge in unbekannte Welten hatte er einen Freund, der ihn nicht ungern begleitete. Das war der Förster Paul Rufmann. Mitdenken und mitreden konnte zwar auch der nicht viel, um so erstaunter jedoch zuhören, wenn der Michel seinen jetzt tiefsinnigen, jetzt wieder krausen Gedanken freien Lauf ließ. Am besten verstanden diese Freunde sich – im Singen. Kamen sie im Wirtshause zusammen, so sangen sie ihre Volkslieder nach der Zither; kamen sie im Forsthause zusammen, so sangen sie nach der Laute, und waren sie im Walde selbander, so sangen sie ohne Begleitung – der Michel in Tenor, der Paul in Baß. Übermütige Gesänge aus dem Wald- und Almleben, aber auch uralte Weisen, in denen jauchzende Lust oder blutiges Leid oder inniges Gebet der Ahnen zu uns herüberhallen.

Jetzunter geht das Frühjahr an

Nachdem der Fasching begraben und der Michel heimgekehrt war zu seinem Hause, blieb er davor stehen auf dem Lindenplatz. Zwei Stimmungen zogen an ihm, und da konnte er nicht vorwärts und nicht rückwärts. So wohl ihm die Ruhe tat, die Fäden der Geselligkeit waren zu plötzlich gerissen. Die Enden hingen noch wirr an seinem Gemüte. Nun betrachtete er wieder einmal sein Haus – den Stammsitz der Väter.

Behäbig und stattlich steht es da. Des Wohn- und Wirtshauses Unterbau aus Stein und weiß getüncht; große Fenster mit grünen Läden. Das Tor mit braunen Holzbrettchen beschlagen, die ein verschobenes Viereck bilden, in dessen Mittelpunkt der Handknopf ist. Der erste Stock, aus rötlich leuchtendem Holz gezimmert, hat auch eine Reihe Fenster mit hellblinkenden Scheiben. An einer Front der Söller mit den zierlich durchbrochenen Brettchen. Unter dem vorspringenden Dache die Reihe der weißen Schußscheiben, so die Michelwirte sich je erschossen hatten. Aus dem breiten, halbsteilen Dache stehen zwei schneeweiße Schornsteine auf und der Giebel trägt einen Wetterhahn.

Jetzt in der Feiertagsruh ohne Fuhrwerkgeknarre und Gästelärm lag über dem Hause und seinem sich rückwärts in die Gärten und Felder hinziehenden Wirtschaftsgebäude schier etwas Vornehmes. Die Schwarzaugen waren ein altes Bauerngeschlecht und das Schild »Zum schwarzen Michel« hatte keinen Makel.

Als der Michel endlich zum Tore eintrat, wollte gerade der Förster Rufmann herausgehen.

»Dieses Wirtshaus heißt heute beim Kehraus,« sprach der Mann lachend. »Der Gläserkasten steht im Vorhaus, die Kellertür ist verrammelt mit Waschzubern und die Weibsleute krauchen auf dem Fletz herum wie die Schildkröten.«

»Ich sag dir, Rufmann,« entgegnete der Wirt, »vom Herzen bin ich froh, daß sie den Toifel hinauswaschen.«

»Ja, hörst du, Wirt! Wenn das Wirtshaus den Fasching nimmer mag, dann weiß ich nicht, wer ihn sonst mögen soll.«

»Der Satan. In allem Ernst, Rufmann, es ist eine Schweinerei!«

»Einen Katzenjammer hast.«

»Kannst recht haben. Wenn auch nit just im Magen allein. Daß einer die Lumpenkomödie mitmachen muß! Und noch daran eine Freud merken lassen soll. Aber was kannst du machen, wenn du Wirt bist. Mich wundert nur allemal, daß so was erlaubt ist.«

»Weißt, der Wildfang im Menschen muß auch seinen Tag haben. Zum ewigen Gedächtnis, daß er vom wilden Tier abstammt. Hat er sich ausgetobt, dann ist er wieder für ein Jahr ein zahmes Menschenschaf.«

»Muß so was sein. – Aber Paul, du wirst jetzt doch nit fort wollen. Geh, bleib ein bissel da bei mir!« Bei diesen Worten hing der Wirt sich in den Arm des Försters. »Wir gehen in mein Zimmer hinauf. Mußt ein bissel dableiben. – Mariedl!«

Die Kellnerin rief er. Und während sie sich in der kleinen, mit Zirmholz vertäfelten Stube zurechtsetzen am lichten Tisch, zwackt der Förster die Saiten der Zither, die an der Wand hängt. Kommt schon die kleine bucklige Person hereingetrottet. Mit dem weißen Schürzenzipfel will sie sich den Schlaf aus den Augen reiben, auch das Mundwerk ist übernächtig, das Zeug geht nur noch mechanisch weiter: »Was schaffens, Herr von Rufmann? Bier? Wein?«

»Ein Glas Wein.«

»Weißen? Schwarzen? Was zu essen? Schnitzel, Nierenbraten, Geselchtes mit Kren –«

»Schau, daß du in dein Bett kommst!« fährt sie der Wirt an. »Nierenbraten! Geselchtes! Am Aschermittwoch! Geh und schlaf dich aus!«

Während er selbst hinabsteigt in den Keller, stimmt Rufmann an der Zither herum und seinen Baß dazu. »Jetzt gang ich ans Brünnele, trink aber nit …«

Der Michel kam mit einer stark bestaubten Flasche und zwei Kelchgläsern. »So! Vom vielen Trinken drei Tag lang, da wird man durstig. Wohl komm dir’s, Paul!«

»Ich komm dir!« dankte der Förster, und nach dem Trunke: »Ist es wieder recht würdig ausgefallen, das Begräbnis?«

»Ha!« sagte der Wirt überlaut lustig und strich sich mit den Händen den Bart, was allemal ein Zeichen seiner Behaglichkeit war. »Der Scherenfanger hätt froh sein können, wenn ihm ein solches Begräbnis wär zuteil geworden, wie seiner Hoheit, diesem Schweinekerl.«

»Scherenfanger? den Kajetan meinst? Aber der hat doch keine Ehr’ verlangen können. Der hat sich ja selber das Leben genommen.«

»Derowegen, sage ich. Weit ist’s nit g’fehlt, daß sie beieinander liegen, der alte Kajetan und mein altes Faß. In der Staudenschlucht neben dem Kirchhof.«

Das fing der Förster auf, es schien ihn anzufassen, er vergaß der Zither. Er hatte den böhmischen Maulwurf- und Insektenvertilger recht gut gekannt, aber doch nicht so gut, daß er den Selbstmord hätte verstehen können. Damals, als er mit dem Mann den Versuch besprochen, wie man den Kieferspinner, diesen schrecklichen Waldverderber, vertilgen könnte, wie war der Kajetan da noch spaßhaft gewesen! Und als er jenen Ruppersbacher Maulwurfsfeinden die schaudervolle Hinrichtung des berüchtigten »Wiesengrundverderbers« vorgeschlagen! Der Maulwurf, wenn er gefangen werde, sei viel zu niederträchtig, als daß man ihm die ehrenvolle Todesart des Erschlagens antun dürfe; der müsse zum gerechten Lohn für seine heimtückische Wühlarbeit und zum abschreckenden Beispiel für seine Sippe eines ausnehmend grausamen Todes sterben; man solle ihn, den Maulwurf – lebendig begraben! Das haben sie endlich verstanden und ihn nicht wieder angerufen zum Vertilgen des nützlichen Bodenlockerers und Insektenfressers. – Solcherlei Schwänke hat er gern getrieben. Und so ein lustiger Mensch knüpft sich eines Tages an den Wandnagel.

»Wie denn das hat sein können mit dem Kajetan?« sagte der Förster.

Und der Michel antwortete: »Weil er verruckt ist worden. Ein schlechtes Buch, oder was, muß er derwischt haben. Denk dir, den Herrgott hat er so gefürchtet.«

»Den Herrgott gefürchtet? Nun, ich habe doch immer gehört, den Herrgott soll man fürchten.«

»Soll ihn auch. Aber bissel anders wie der Kajetan. Gottesfurcht ist schon recht. Aber Gottesangst ist eine Sünd gegen den heiligen Geist. Oder ich sag’s besser: ist eine Narrheit. Wer ordentlich und brav ist, wie der Mann sein Lebtag gewest – wenn so einer Angst vor dem Herrgott hat, dann lachen ja die Spitzbuben, die keinen haben. Versinniert hat er sich halt.«

»Zu viel sinnieren soll der Mensch nicht,« sagt der Förster.

Spricht der Michel weiter: »Da unten in der Gaststuben hat er mir’s einmal erzählt, wie’s ihm ist vorgekommen. Du, das ist ein kurioser Vogel gewest. Dem sein Glauben! Die Welt, Himmel und Erden, sagt er, und alles, was ist, das ist nichts anderes als Gott selber. Jedes Tier und jeder Grashalm und jeder Wassertropfen ist der Herrgott selber! Alles zusammen ist der Herrgott. – Und jetzt denk dir, Michelwirt, hat der Insektentod gesagt, was ich mein Lebtag schon hab Herrgott umgebracht! Tu nichts anders Jahr für Jahr, als Herrgott umbringen. Und jetzt, Wirt, stell dir vor, wie ich dran bin, wenn’s zum Sterben kommt. – Aber Mensch! sag ich ihm drauf, wenn du’s so nimmst, da hilft sich der Herrgott ja selber umbringen, alle und alle Tag. Wenn das Vieh Gras frißt und der Mensch das Vieh! Und der Krankheitskeim den Menschen frißt. Und wenn du selber Gott bist und hilfst ihn umbringen, damit du leben kannst! Den Unsinn mußt doch einsehen, hab ich gesagt. Wenn du Insekten tötest, so rettest du besseren Wesen das Leben, hab ich gesagt. Da ist er dir aufgefahren: Es gibt keine besseren Wesen! Und keine schlechteren. Alles ist gleich, keines hat das Recht, ein anderes zu vernichten. Desweg bin ich der Mörder. Ein Herrgottsmörder bin ich worden! – Ich sag dir’s, Paul, angst und bang hätt einem werden mögen neben seiner. Hat selben auch nit mehr viel gearbeitet. Alleweil in der Einsam herumsinniert, na – bis das Unglück halt nachher geschehen ist.«

»Ist zu dumm!« brummte der Förster, »das ist ein siebendoppelter Unsinn!«

»Wenn du halt irrsinnig bist,« gab der Wirt zu bedenken. »Schlechtes kann ich dabei nix finden, und wenn ich Pfarrer bin, in der Schluchten laß ich den armen Hascher nit begraben.«

»Hat mich auch recht gewundert von unserem Pfarrer.«

»O mein, sagt er, wie wir dazumal bei ihm sind gewest, der Gerhalt und ich, wegen der selbigen Sach, wenn’s auf mich tät ankommen – unter dem großen Kreuz sollt er liegen, mitten auf dem Kirchhof. Aber die Vorschriften! Und sonst wohl auch. Die Angst vor dem ungeweihten Grab hält doch immer einen zurück. Weisen wir hin: Bei den vieltausend Selbstmördern alle Jahr, die man in der Zeitung liest, sollt man halt doch nit so streng sein. – Just derohalben! sagt der Pfarrer, wird ja rein Modesach, der Selbstmord! – Trink, Paul! Du trinkst ja heut nix.«

»Wie der Will,« sagte der Förster und tat einen Schluck aus dem Kelchglas, »’s ist mir einmal unfaßbar, wie ein Mensch sich selber das Leben nehmen kann.«

»Weißt, just zu verstehen ist es schon. Wenn das Elend halt zu groß wird. Wenn alles verspielt ist und alles gegen dich ist, daß es frisch nimmer zu ertragen ist!«

»Ah geh,« sagte der Förster, »unsereiner hat auch schon seine Sacherln durchzumachen gehabt. Damals zum Beispiel, wie mir das Weib ist gestorben. Da wär’s mir schon auch lieber gewesen, heut wie morgen. Und ’s Schußgewehr alleweil im Zimmer. Nicht einmal ist mir der Gedanke gekommen, nicht einmal!«

»Das glaub ich dir. Wenn zwei Würmeln da sind, die den Vater brauchen. ’s ist hart genug, Paul, was dich selben hat getroffen. Aber das größte Unglück ist es nit.«

»Was wir da auf dumme Sachen sind zu reden gekommen,« sagte der Förster. »Das richtige Aschermittwochgespräch.«

»Ist eh wahr,« lachte der Wirt.

»Gescheiter ein bissel singen.«

»Mein Stimmstock,« sprach der Michelwirt und griff sich an die Kehle. »Zu stark strapaziert worden die letzten Täg. Jetzt hab ich den Pelz im Hals.«

»Du, sag mir, Michel, ist mein Bub heut auch dabei gewesen?«

»Der Friedl? Aber na freilich. Hat ja die Stang getragen mit der leeren Brieftaschen.«

»So, die leere Brieftasche. Kann dem schon noch öfter passieren. Aufs Geld kann er mir schon gar nicht achtgeben.«

»Bei mir laßt er just nit viel springen,« sagte der Wirt lustig.

»Na gerade trinken, da könnte ich just nit klagen. Da tut er schon lieber seine Kameraderln traktieren. Da wird er dir mitunter üppig. Und seine harben Seiten! Ein Zornnickel immer einmal,« vertraute der Förster dem Freunde, »ein Trutzkopf unterweilen – was du dem lustigen Springinsfeld gar nicht ansiehst. Wenn der so fort macht!«

»Ist halt ein junges Blut und stammt nicht umsonst von seinem Vater ab.«

»Und dann das verfluchte Rauchen! Seit ich ihm die Pfeife in den Ofen geworfen hab, raucht er Zigarren. Britanika, sagt der Ruppersbacher Tabakkramer. Hält die Sorte extra für den Herrn Förstersohn! Ja der Förstersohn, das ist er. Sonst noch nichts.«

»Waldkulturminister kann er freilich noch nit sein mit zwanzig Jahren. Derweil mußt ihn halt ein bissel mehr verdienen lassen im Holzschlag. Er ist ja Holzmesser.«

»Und soweit nicht ungeschickt dabei.«

»Na, siehst, da ist er doch schon wer.«

»Soviel als ein Knecht. Trotz seiner Realschule. Und besser als einen andern Knecht kann ich ihn nicht lohnen. Es geht nicht. Froh, wenn er so viel verdient. Bei dem geht die Sonne ja alle Tag um eine Stund später auf und um eine früher unter. Meinetwegen, er hat einen weiten Weg in den Holzschlag. Letztens ist er mir einmal nicht nach Hause gekommen am Abend. Ist in der Bärenstuben übernachtet, beim Kohlenbrenner.«

»Beim Krauthas?!« fragte der Wirt auf.

»Gekartelt haben sie und geschnapselt, und geraucht natürlich.«

»Hat der Krauthas sein Dirndel noch bei sich?«

»Daran habe ich auch gleich gedacht. Nein – ist nicht mehr in der Hütte. Soll zu Löwenburg unten sein, in Diensten.«

»Na, so laß ihm die Freud beim Krauthasen.«

»Viel Gutes wird er nicht lernen dort. Übrigens – der Weibsbilder wegen, das wäre auch noch keine Sorge. Soweit ist der Bub noch brav, mein ich. Da könnte man nichts sagen. Wenn’s drauf ankommt, ein herzensguter Bub. Ist ja eben das Schlechte bei ihm, daß er so gut ist.«

»Nit übel!« lachte der Michelwirt, »leicht sagst ihm’s einmal, daß es gut wär, wenn er schlecht wär.«

»Den möchte ich mir halt für eine Besondere aufsparen, wenn er einmal so weit sein wird, daß er heiraten kann. Für den wüßt ich eine! Aber bei den jungen Trotzköpfen muß man sich hüten, die rechte zu nennen. Sonst schauen sie justament die nicht an.«

»Geh, was du nit glaubst!«

»Wie es beim Staufer in der Sandau ist gewesen. Der hat auch so einen Trutzbock gehabt. Er hätt’s gern gesehen, daß der Sohn die Lehnerische nimmt. Und just die will der Bub nicht. Sagt der Alte: Recht hast, die wär auch meine letzte, und hebt an zu schimpfen über die Lehnerische. Da ist’s dem Burschen: Und grad die nehm ich. Hat sich der Staufer ins Fäustel gelacht. Auch der meinige könnt einer sein von dieser Gattung.«

»Rufmann, du kannst dir alle zehn Finger abschlecken dafür, daß du ein paar solche Burschen hast. Nit allemal g’rat’s so gut, wenn die Mutter fehlt.«

Da leuchtete des Försters Gesicht. Es war ein schönes braunes Antlitz mit tiefliegenden Augen und einem halb kurzgeschnittenen, stark angegrauten Bart. Die gerade und feingebaute Nase war an der Spitze kaum merklich gerötet, hingegen schimmerten unter dem Schnurrbart die frischen Zähne des Oberkiefers ein wenig hervor. Wenn in ihm was vorging, bewegten sich die sehr buschigen Augenbrauen auf und nieder. So auch jetzt, da der Freund so gut von seinen Buben sprach. Es besteht der Verdacht, daß er seine Söhne eigens manchmal in den Anklagestand versetzte, um vom Freunde ihre Verteidigung und Rechtfertigung zu hören. Diese Kinder sind ja sein ganzes –. Nein, er getraut es nicht auszusprechen, das stolze Wort. Alle Liebe ist abergläubisch. So wollte er schon eher von den Sorgen sprechen, die sie ihm machen, da wird der Teufel, oder wer es ist, doch nicht zum Neide gereizt werden.

»Mit dem jüngeren,« sagte nun der Förster, »dem Elias, habe ich jetzt ohnehin auch mein Anliegen.«

»Der kommt zu Ostern wohl wieder auf Vakanzen heim?« riet der Wirt.

»Vielleicht schon früher. Gestern habe ich einen Brief erhalten aus dem Seminarium. Der Präfekt schreibt, daß der Bub kränklich ist, und es dürfte angezeigt sein, wenn er bald auf etliche Wochen in die Gebirgsluft käme.«

»Na ja, weil alle bleichsüchtig werden in derer dummen Stadt da drinnen!« rief der Michel. »Bissel blutarm ist der Elias immer gewest. An deiner Stell heut noch tät ich telegraphieren, sie sollten ihn gleich herschicken.«

»Ist halt bitter, wenn er etwa das halbe Jahr verlieren muß.«

»Im fünften Jahrgang ist er, gelt? Eh schon weit mit fünfzehn Jahren. Ich glaub alleweil, um solche Zeit lernt der Bub im Wald mehr als in der Schulstuben.«

»Kommt nur drauf an, was.«

»Laß es drauf ankommen. Denk an, Rufmann, wie du selber vor etlichen zwanzig Jahren aus München bist in unsere Gegend kommen. Das war ein Krisperl! Nit fünf Groschen hätt einer geben für das bissel Forstadjunkten. Und ’s andere! Wie oft hast mir’s erzählt, daß du da im Waldgebirg in einem halben Jahr mehr hättest gelernt als in drei Jahren der Stadtschul!«

»Ein Forstadjunkt. Das ist doch natürlich. Was soll aber ein Theologe im Wald lernen?«

»Die Natur, den Menschen! So ein geweihtes Bürscherl mit seiner papierenen Welt, das weiß ja gar nix, wenn es herauskommt. Das hat nur Sünder und Engel und Teufel im Kopf – aber keinen Menschen, wie sie sind. Geh, laß dein Bübel kommen. Jetzt geht das Frühjahr an.«

»Jetzunter geht das Frühjahr an!« begann der Förster, den’s schon lange danach juckte, zu singen, und der Michel fiel mit ein:

»Und alles fängt zu blühen an

Auf grüner Heid’ und überall.

Es ist nichts Schön’res auf der Welt,

Als wie die Blümlein auf dem Feld,

Weiß, blaue, rote – ungezählt.

Und wenn sich alles lustig macht,

Und ich schon gar nit schlafen mag,

Geh ich zum Schatzerl bei der Nacht.«

»Für einen Theologen wäre das gerade nicht die richtige Weis«, lachte der Förster. Der Michel überhörte es, war schon bei dem zweiten Gesätzel:

»Jetzunter geht das Frühjahr an

Die Vöglein heben zu singen an,

Die Schäflein scherzen auf der Au …«

Das liebliche Singen wurde noch lieblicher unterbrochen. Ganz leise hatte es an die Tür geklopft. Der Wirt kannte den Boten schon im Klopfen und sagte laut: »Ja, Helenerl!«

Die kam bescheidentlich herein in ihrem lichten blauen Kleid, über das rückwärts zwei güldene Haarzöpfe niederhingen.

»Die Suppen steht schon seit einer halben Stund auf dem Tisch, sie wird kalt!« sagte sie munter.

»Stell sie ans Feuer. In einer halben Stund kommen wir, derweil wird sie wieder warm,« antwortete der Vater, da war sie schon fort.

Der Förster schaute eine Weile auf die Tür hin, als ob die Erscheinung noch einmal auftauchen müßte. Der Wirt schaute den Freund an mit einem Blick, in dem freudiger und demütiger Vaterstolz leuchtete.

Endlich sagte der Förster: »Sapperment, die ist schön geworden!« Und summte launig: »Jetzunter geht das Frühjahr an! – Michel, auf die gib acht!«

»’s ist nit so gefährlich, wenn’s so bleibt,« sagte der Wirt. »Vor der haben die Wildbären Respekt. Laß dir sagen. Am vorigen Sonntag auf den Abend in der Gaststuben, wie die Bauern und die Holzleut schon beim gewissen Reden sind, weißt eh, da fahr ich sie zweimal an: Seids stad! Weil mir schon graust. Gelacht habens und noch kecker haben sie’s getrieben, die Saumagen. Tritt auf einmal das Mädel in die Stuben, zum Gläserkasten, ich weiß nit, eine Noten oder was hat sie zu wechseln gehabt. Abgezuckt haben die Manner in ihrem sauberen Diskurs, still sind sie gewest und einer hat beim Fenster ’naus geschaut: Schneien tat’s anfangen. Ihr lustiges Gesichtl schaut über die Leut hin, nachher ist sie wieder hinausgegangen. Das hat mir gefallen.«

»Im Wald ist’s auch so,« sagte der Förster, »wohin die Sonne scheint, da wachsen keine Giftschwämme. – Unsere liebe Frau beschütze uns die Kinder!«

Es war ein Gebet mit Glockenläuten, denn sie stießen klingend die Gläser an.

»Und jetzt komm, Rufmann, und iß mit uns zu Mittag. Bissel Fastenspeise, viel kriegst eh nit.«

»Wenn du dein Wort hältst, auf einen Halberabendkaffee demnächst im Forsthaus.«

Heimkehr ins Forsthaus

Bei dem kleinen Dorfe Eustachen, wo die steile Wand des Ringsteins aufragt, zweigt quer ins Waldgebirge hinein ein Seitental.

Es ist ein Hochtal und heißt auch so. Anfangs ist es so breit, daß an der Tauernach links und rechts schöne Wiesen liegen können zwischen den steil ansteigenden Forsten. Dann engt sich das Tal zu einer Schlucht und vor dieser Stelle steht das Forsthaus. Es ist ein behaglich sich breitender Bau aus lichtgebräuntem Lärchenholz, mit großen, klaren Fenstern, den unvermeidlichen Hirschkronen und Raubvögeln, die mit ausgespreiteten Flügeln an die Giebelwand genagelt sind. Das halbflache Hausdach schützt auch die lange Wandbank an der Hauswand vor Regen; die Sonne, wenn sie über dem Bergrücken doch einmal niederscheint, tut ohnehin nicht weh.

Von dem Sträßlein, das durchs Hochtal und weiter durch die Schlucht geht, führt über die rauschende Ach eine Brücke hinüber zum Hause. Und an dieser Brücke steht die alte Bretterkapelle, die gleichzeitig ein Brunnen ist für Wanderer, so auf dem Wege andächtig oder durstig geworden sind. Im Hochsommer und Herbst sind mitunter Wanderer zu sehen, die übers Hochgebirge wollen oder von demselben herabkommen. Just am Punkte neben der Kapelle kann man im Hintergrunde der dunkelnden Waldschluchten ein schneeweißes Dreiecklein aufragen sehen, das manchen Touristen aus weiten Fernen herbeizieht wie ein gewalttätiger Magnet. Über dem Kapellentürchen steht der Spruch: »Heiliger Eustachius, bitte für uns. In Ewigkeit Amen.« In der Kapelle wo sonst der Altar zu sein pflegt, ragt aus der Wand ein lebensgroßer, aus Holz geschnitzter Hirschkopf hervor, aus dessen Nasennüstern das Wasser sprudelt. Zwischen den mächtigen Geweihen dieses Hirschkopfes, die von einem Tiere stammen sollen, das der Fürst selbst erlegt hat, ragt ein Kruzifix. Also die Legende kündend vom heiligen Hubertus. Nach anderer Legende war es der heilige Eustachius gewesen, dem auf einem Hirschkopf das Kruzifix erschienen. Die Leute meinen, das Wunder wäre gerade in dieser Gegend geschehen, weshalb das Dorf St. Eustachen hieße.

Hinter dem Forsthause steigt steil der Lärchenwald an, der im Sommer das helle zarte Grün hat, um unsere Jahreszeit aber wie ein Gewuste fahler Besen regungslos dasteht. An der anderen Seite des Tales lehnt eine weite, glatte Fläche sachte an, immer höher, bis zu Felsgruppen im Hintergrund. Sie ist noch ganz mit Schnee bedeckt, der fast bis zur Ach herniederreicht und mit unzähligen Tierspuren in kreuz und krumm durchzogen ist. Es ist die Siebentaler-Leiten, die ihr einstiger Besitzer, ein überkluger Bauer, bei einer Wette gegen sieben Taler verspielt haben soll. Sie gehört längst auch dem Fürsten, der im Laufe der Zeit des ganzen Waldgebirges Herr geworden ist, auch der Almen weiter oben, mit Ausnahme von einigen Bauernservituten. Und Herr geworden endlich der Felsenwelt, die belebt ist von Gemsen und Habichten. Weit hinten in jenem wilden Gebirge, auf einer kahlen felsigen Hochebene steht das Jagdschloß, in welches der Fürst alljährlich einmal auf zwei oder drei Tage kommt, um ein paar Dutzend Gemsen zu erlegen und das Fleisch dann an die Bevölkerung der Holzer und Kleinhäusler abzulassen.

Die Besitzungen werden hauptsächlich von der Residenz aus verwaltet; doch das Gebiet der Waldungen und der Almen gehört in das Bereich des Forstamtes, das vom Förster und einem Kanzleischreiber versehen wird. Jäger, die in früherer Zeit auch dagewesen, sind abgeschafft worden. Etwaige Raubtiere erlegt der Förster. Das ist unser Paul Rufmann. Einen vieljährigen Kampf hat es dem Rufmann gekostet, um die waldkulturschädliche Wildhegung in den Forsten abzubringen. Um so zufriedener ist Seine Hoheit jetzt mit dem Forstertrage; ein Umstand, der dem Rufmann den Titel »Oberförster« eingebracht hat, den er aber nicht ausnützt. Vielleicht, daß ihn der Friedl einmal annimmt!

Diesen Förster, der kein Jagdheger ist, mögen auch die Bauern leiden, um so mehr, als er ihnen gelegentlich mit Holz, Waldstreu und Weide auszuhelfen pflegt.

Nun ins Forsthaus tretend, sehen wir in der Vorhalle an der Wand noch die alten Jägersprüche. Es sind verblaßte, tote Buchstaben geworden. Über dem Eingangstore aber hat der Rufmann in großen Buchstaben die Worte malen lassen: »Wer hat dich aufgebaut so hoch, du schöner Wald da droben!«

Das Forsthaus hat mehrere geräumige Stuben. Anstatt der Hirschgeweihe hängen hier Kupferstiche mit Darstellungen aus germanischer Sage, an der Wand auch eine Laute. Der Förster ist zur Stunde in den Bergen.

In einer Kammer neben der Küche hockt auf der Truhe eine kleine alte Person vor dem Wäschekorb. Sie bessert Hemden aus und Hosen und greint ein wenig in die Leinwand hinein, daß diese Manner doch gar alles zerreißen müssen. »Dem Alten halt’s kein Hinterer, dem Jungen kein Knie – aber nit etwa vom Beten!« – Rechterseits am Halse hat sie ein nußgroßes Kröpflein, das sachte auf und nieder wurlt, wenn sie greint. Auf dem runden Näschen hat sie große Brillen mit beinener Einfassung sitzen, die immer so weit herabrutschen, daß sie mehr über als durch die Gläser hinausschaut. Auf die Ferne sieht sie ohne Brillen weit besser; es ist nichts und es geschieht nichts im Forsthause, was sie nicht sähe, ja sie sieht sogar manches, aber wohl freilich nicht alles, was andere im tiefen Waldschatten verborgen glauben, oder auch, was morgen und übermorgen sein wird, oder was unter den Brustleibeln ihres Hausherrn und seiner Kinder vorgeht. Diese umsichtige Person ist seit dem Tode der Förstersfrau hier die Haushälterin und heißt Sali. Sie hat die Familie gleichsam ererbt, ein Vermächtnis der Sterbenden.

Als damals, bald nach der Geburt des zweiten Sohnes, der Frau Cäcilia letzter Tag gekommen, hat sie die Magd an ihr Bett rufen lassen, hat sie bei der Hand genommen und mit schon fast gelähmter Zunge so gesprochen: »Sali, tu meine Leut nit verlassen. Schau, daß sie was zu essen haben und was Ordentliches anzulegen. Tu sie nit verlassen!« Und seither ist’s fünfzehn Jahre und die alte Person steht auf ihrem Posten, wird nicht älter und nicht jünger, hat alleweil den gestreiften Lodenkittel an, und beim Flicken oder Sonntags über dem Gebetbüchel die großen Brillen auf, greint alleweil ein wenig und bleibt immer gleich umsichtig und verläßlich. Sie für sich selber scheint nicht zu existieren, nur für »ihre Leut«. Aber ein paarmal im Jahre hat sie »die bösen Täg«. Da brummt und greint sie nicht, da ist sie stumm wie ein Grab, aber nicht ganz so friedsam, da wirft sie die Holzscheiter hin und her, daß es poltert, da schlägt sie die Türen zu, daß das ganze Haus schüttert, da stößt sie Töpfe und Teller in Scherben – um am nächsten Sonntag dafür wieder neue anzuschaffen, in aller Demut von ihrem eigenen Gelde.

Das also ist die Haushälterin Sali, die jetzt in der Kammer am Wäschekorbe hockt, auf einmal aber das weißbehäubte Köpflein hebt und horcht. In der Nebenstube hat sie etwas gehört. Und schreit mit scharfer Stimme: »Wer ist denn da?« Und geht nachschauen, und tut einen hellen Schrei, halb in Schrecken und halb in Freuden. Mitten in der Stube steht der Elias. Das Studentel!

Er schmunzelt ein wenig und reicht ihr die Hand.

»Aber Jessas Mariassas Joselas!« ruft sie aus. »Bist denn heut schon da? Zum Samstag hat dich der Vater erwartet! Na, weil d’ nur da bist. Aber g’spitzt ausschaun tust, Elerl! Ja was denn, was tut dir denn fehlen?«

»Ah, nix weiter. Bissel mattschlachtig,« gibt der Junge zur Antwort.

»Mattschlachtig sagst! Werden wir schon machen. Will dich schon aufpappeln, aber heimbleiben mußt, nit gleich wieder fortlaufen. Das dumme Lernen da! Mag’s eh was nit ausstehn, das dumme Lernen. Geistlinger kannst ja so auch einer wer’n, wenn d’ nur fromm bist. Mit ’m Lernen ist noch kein Mensch in den Himmel kommen. Aber, weil’s wahr ist! – Gib her den Zegger!« Sie nahm ihm die Seitentasche ab, »aber so ein schweren Zegger schleppen!«

»Bücher hab’ ich drin.«

»Und hast die Kammertuchhemden mitbracht? Nit? Ja, du heiligs Kreuz, was wirst denn anlegen daheim? Die rupfenen, die werden dem jungen Stadtherrn wohl schon zu viel kratzen.«

»Ah na, das macht mir nix,« sagte der Junge, »wo ist denn der Vater?«

»Häst geschrieben, wann du kommst, wär er heimblieben. Wo wird er denn sein? Bei den Holzknechten im Teschenschlag. Der Friedl auch. Na, weil d’ nur wieder da bist. Dein’ Kaffee kriegst jetzt. Derweil wird die Stuben warm. Nur nit gleich ungeduldig. Daß die jungen Leut schon einmal gar keine Geduld haben!«

»Aber Sali, ich hab’ ja nichts gesagt, es eilt ja nicht.« Er mußte lachen, wie sie ihm gleich wieder Fehler ansinnen wollte, um darüber greinen zu können. Er warf das weiche Filzhütlein auf die Bank, legte seinen lodernen Oberrock ab; nun stand das schlanke, dunkelgraue Studentlein da. Das nußbraune Haar war schräms über die Stirn gelegt, es war ein wenig feucht, so daß die Sali gleich ihren Schürzenzipf hob, um ihn abzutrocknen. »Schwitzest ja wie nit gescheit! Mit dem närrischen Laufen allemal! Wirst dir noch sauber die Lungen kaput rennen!« – Unter seiner breiten Stirn die braunen Augen blickten weder krank noch traurig, aber gegen das Kinn herab wurde das blasse Gesicht bedenklich schmal und spitzig. Trotzdem stand die schon leicht ins Steirische biegende Nase und die kecklich aufgeschwungene Oberlippe munter in die Welt, in die Welt seiner freien, goldenen Waldjugend. Wieder daheim!

»Was macht denn der Waldl?« fragte er und eilte hinaus in den Hof zu dem Hundekobel. Das schöne Tier mit dem glatten kästengrauen Fell sprang ihn vor Freude so heftig an, daß er schier nach rückwärts taumelte. Sie scherzten miteinander und der Junge ließ ihn sofort alle Kunststücke treiben, die sie im vorigen Sommer miteinander eingelernt hatten. Aber die Sali kam bald nach, packte ihn fest bei der Hand und führte ihn aus der frostigen Märzluft in die Stube zum heißen Kaffee.

Abends das Wiedersehen mit Vater und Bruder war scheinbar gelassen. Sie küßten sich nicht, sie reichten sich ruhig die Hand, und der Förster fragte nur: »Ja, wo fehlt’s denn, Elias?«

Der zuckte rasch die Achseln. Er konnte es wirklich nicht sagen.

»Sie haben halt gesagt, ich sollt jetzt einmal heimgehen.«

»Beim Lernen – hat’s doch nichts?«

»Hab’ eh das Zeugnis mit,« antwortete der Junge. Als der Förster dasselbe durchlas, nickte er sehr wohlgefällig mit dem Kopf. »Friedl,« sagte er zu dem andern Sohne, »da könnte sich jemand ein Beispiel nehmen. Schau nur gerade einmal da her: Fleiß ausdauernd, Sitten musterhaft.«

Der Friedl schritt, die Hände in den Hosentaschen, in der Stube auf und ab. Das war er schon gewohnt, unter der Hand immer so ein bißchen erzogen zu werden. Weil einen halt ’s Leben freut. Die paar Jahre Realschule in Löwenburg bei den lustigen Kameraden, die haben doch nichts verdorben, im Gegenteil, da sind wir erst inne worden, was es auf der Welt für feine Sachen gibt! – Mit einem gutmütigen Bedauern blickte er auf seinen Musterbruder.

Dieser wieder betrachtete den leichtlebigen Friedl, der daheim so stattlich und hübsch aufgewachsen war. Wie eine junge Tanne, so gerade stand er da, im gebräunten Gesicht die schwarzen Augenbrauen, den kleinen, dunklen, leicht gewirbelten Schnurrbart. Die Nase, deren Entwicklung seit Jahren seine Sorge gewesen, war nun sein Stolz geworden; so stattlich wächst sie sich aus, und es ist kein Zweifel mehr an ihrem kühnen Adlernasenschwung. Besonders wenn man auch noch ein bißchen nachhilft.

Zum Abendessen gab es des Heimkömmlings Lieblingsspeisen. Rahmsuppe und Eier in Essig. Derlei war im Seminarium auch nicht ein einziges Mal vorgekommen. Dort lebt man von Reis, Wurst, Kartoffeln, Latein und Griechisch.

Nach dem kleinen und frohen Mahle, als der Friedl schon in die Schlafstube vorausgegangen war, kramte Elias aus der Ledertasche die Geschenke hervor, die er mitgebracht hatte. Für den Vater ein Gummibecherlein, womit er an Waldquellen Wasser schöpfen und trinken konnte. Für die Sali ein Muttergottesständel aus weißem Porzellan. Dafür ward er ausgezankt. Das habe er sich gewiß wieder vom Mund abgemagert. Ja, dann glaube sie’s freilich. Vom Sachenwegschenken werde man nicht fett. Ob die Muttergottes auch schon ihre heilige Weih’ hätte? Noch nicht? »Wird ein sauberer Geistlinger werden, der ungeweihte Heiligenbilder verteilt! Aber g’freun tut’s mich wohl, du Donnersbub du, daß d’ auf die alt Sali nit vergißt!«

Als Elias in die Schlafstube kam, die er mit dem Bruder von jeher gemeinsam hatte, stand der Friedl vor dem kleinen Wandspiegel und tat mit den Fingern an der Nase herum.

»Was machst denn, Friedl?«

»Nasen kneten. Weißt, daß sie einen schönen Schwung kriegt.«

Elias entgegnete weiter nichts, sondern brachte einen in Papier gewickelten länglichen Gegenstand zum Vorschein.

»Ein bissel was mitgebracht habe ich dir, Bruder.«

»Was, Zigarren? O du goldener Kerl!«

»Nein, Zigarren sind das nicht. Die Zigarrenraucher werden lauter Abbrandler, sagt unser Deutschprofessor, und können sich vorher nicht einmal assekurieren lassen.«

»Raucht der Herr Professor nit?«

»Nur schnupfen.«

»Assekuriert?«

»Geh weiter! Schau her da! Du hast nie einen Schnitzger im Sack.«

Ein Taschenmesser wickelte er hervor, das hatte eine schimmernde Perlmutterschale und mehrere Klingen.

»Und das gehört mein?« rief der Friedl, die große funkelnde Stahlklinge gleich aufklappend. »Hat’s auch einen Stoppelzieher?«

»’s ist eine Kapfenberger Klinge. Aber nicht zum Verlieren! Zum Behalten!«

»Und zum –,« der übermütige Bursche machte mit dem offenen Messer eine Geste gegen den Hals des Studenten.

»Fahr ab!« verwies dieser. »Du bist alleweil der gleiche. Solche Dummheiten mußt du dir abgewöhnen. Drei Tag Karzer bei uns, wenn einer so was saget.«

»Was kostet das Lot Spaß bei euch im Seminar?«

»Ich versteh dich nicht.«

»Und den Spaß auch nit. Der Bär hat ihn gefressen, gelt? Aber das macht nichts. Ihr braucht keinen, habt eh die Gescheitheit.«

»Pack ein mit der deinigen!«

»Gern haben muß man sie ja doch, die gescheiten Herren Studenten, weil sie so schöne Taschenmesser mit heimbringen.«

Sich so zu necken, das war immer ihre Gewohnheit, und dem Elias tat es ordentlich wohl, daß er hier einmal der moralisch überlegene sein konnte. Im Seminar gab’s das nicht, dort war jeder überlegen, zwar nur untereinander. Aber vor den Professoren gehorsame Diener.

Als sie schon in ihren Betten lagen und das Licht ausgelöscht war, erhob Elias noch einmal seine Stimme, gedämpft sagte er: »In Ernst, Friedl, deine Torheiten mußt du dir abgewöhnen. Nasen kneten! Laß deine Nase wachsen, wie der Herrgott sie haben will. Bist ja doch kein Frauenzimmer, daß du so eitel sein müßtest. Hast du bei unserem Vater einmal eine solche Kinderei gesehen?«

»Ha, ha!« lachte der Friedl auf, »ich laß auch meine Söhne nit zuschauen beim Nasenkneten.«

»Du bist frivol, Friedl, du bist einfach frivol! Deswegen habe ich den Vater genannt, daß du dir an ihm ein Beispiel nimmst. Hörst! und jetzt gute Nacht!«

Begann der Friedl in seinem Bette singend das Sprüchlein zu lallen:

»Die Predigt ist aus,

Der Pfaff geht zum Schmaus,

Die Katz zu der Maus.«

Ein paar Minuten später schnarchten beide.

Am nächsten Morgen beim Waschen und Anziehen wollte der Friedl gleich wieder plaudern, aber der Elias war wortkarg. Er wird beten, dachte der Friedl, er wird wahrscheinlich schon Brevier beten müssen. So inwendig. Aber als der Student auch später in sich gekehrt blieb, wurde der Friedl besorgt, er könnte den Bruder gestern beleidigt haben. Dann mußte er ihn wieder gut machen. Und mußte bewiesen werden, daß auch er ihm nichts nachtrage, obschon – wie er fand – das Stadtherrlein eigentlich ein bißchen impertinent gewesen war, gestern bei dem Schlafengehen. Unter allen Umständen Friedensschluß. Als Elias die Sachen aus der Tasche in den Kasten einordnete, trat der Friedl vor, legte ihm die Hand auf die Achsel und sprach recht weich und warm: »Brüderl, du könntest mir einen Gefallen tun.«

»Warum denn nicht?«

»Du hast gewiß noch was. Ich hab nix mehr. Geh, sei so gut. Bis auf den ersten April.«

»Aber viel habe ich nicht!«

»Wenn’s auch nur ein paar Zehnerln sind.«

Schneeweiße Jugendlust

Es würde nicht genug Schnee sein, hatten die Burschen von Eustachen besorgt, als der Förster-Friedl sie damals eingeladen zum Rodeln. Aber es war jetzt zu viel Schnee. Es schneite wie mitten im Winter.

In den Mittagsstunden, als sie zusammenkamen vor dem Forsthause bei der Kapelle und als sie die Siebentaler-Leiten in Angriff nahmen, ging es noch recht gut. Da stapften sie, jeder seinen leichten, selbstgezimmerten Rodelschlitten auf dem Rücken, munter bergan. Der Friedl voraus, hinter ihm die Kameraden, zwei Gerhaltsöhne aus Eustachen, die Richterbuben, wie sie genannt wurden, weil ihr Vater, der Gerhalt, seit vielen Jahren Dorfvorsteher war. Sie schleppten gemeinsam einen dreisitzigen Schlitten. Neben ihnen strampften die Säbelbeine des kaiser-königlichen Straßenschotterers Kruspel, der an diesem Tage, obschon Sonntag war, eigentlich kaiser-königlicher Schneeschaufler sein sollte, wenn ihm nicht das Rodeln mehr Vergnügen machte. Er bestand auf seiner »Sonntagsruhe«, bei der er sich anstrengte, wie sonst die ganze Woche nicht. Dann noch ein paar Holzknechtbuben und hinterdrein Elias, der keinen Schlitten hatte, weil er als Patient vom Vater nicht die Erlaubnis bekommen, mitzutun.

Unter allen Umständen dabei sein wollte er doch, so hatte die Sali ihn vom Kopf bis über den Bauch hinab mit Tüchern eingewickelt wie eine Mumie. Als der Junge in dieser Tracht vom Hause so weit entfernt war, daß er im Schneegestöber nicht mehr gesehen werden konnte, riß er sich die Tücher vom Leibe, eines nach dem anderen, warf sie in die Kapelle und stapfte in seinem gewöhnlichen Rocke den anderen nach, die steile Leiten hinan. Hatten die Burschen doch ihre Jacken aufgeknöpft; es war gar nicht kalt. Elias bekam, wie die anderen, rote Wangen, das erste Mal, seit er aus der Stadt gekommen war. Und je schärfer die Schneeflocken ihn anflogen, je glühender wurde sein Gesicht. Nach einer Weile wurde die Leiten (Berglehne) ein wenig flacher, um dann neuerdings steil anzusteigen bis zu den Felsgruppen, die, so licht sie zur Sommerszeit ins Tal schimmern mochten, heute grau sich über dem weißen Schnee erhoben. Länger als eine halbe Stunde hatten sie zu stapfen gehabt, dann waren sie oben bei diesen Wänden und das Abfahren begann.

Jeder setzte sich auf seinen Schlitten, lehnte sich rücklings, streckte die Beine hoch und glitt davon. Fast lautlos geschah alles; sie nahmen sich nicht Zeit zum Sprechen, noch weniger zum Singen und Jauchzen, die Gier nach dem Abfahren war zu groß. Und zu köstlich, wie sie nun durch den scharf schneidenden Wind flogen, in einem Meere von Weiß, still und zart, als schwebten, sausten sie in den freien Lüften. Das Feuer einer großen Lust glühte auf allen Gesichtern.

Elias stand oben und blickte ihnen nach, wie sie davonschliffen, immer rascher und tiefer hinab, bis sie im Gestöber, Nebel und aufgewirbelten Schneestaub verschwanden. – Was wird er jetzt tun? Er schaute ungewiß in die stöbernde Luft auf. Sein Bruder hatte ihn noch geneckt, er solle doch warten, bis sie wieder heraufkämen, und nicht gleichwie sein hebräischer Namensheiliger in den Himmel hineinrodeln auf feurigem Schlitten. Das hatte der Junge einstweilen auch gar nicht im Sinne. Vielmehr trachtete er sich irdisch zu beschäftigen und Geschöpfe zu formen nach Gottes Ebenbilde. Als sie nach einer Stunde wieder herausgekommen waren, lachend und keuchend, da war ein stattlicher Schneemann fertig, der auch schon Arme hatte und sie ausstreckte, entweder um die Welt zu segnen oder sich sein gutes Teil von ihr zu nehmen.

Mittlerweile war das Schneegestöber so dicht geworden, daß es keine Flocken mehr waren, nur ein unendliches Gestäube, das nicht fünfzehn Schritt weit sehen ließ. Noch einmal hatten sie es mit dem Abfahren versucht; die Kufen kamen in dem tiefen, feuchtflaumigen Schnee nicht recht vorwärts. Aber das gab keine weitere Verlegenheit. Lustig begannen sie Schneemänner zu bauen, Schneebären, Schneehirschen, Ungetüme mit drei Hörnern, mit zwei Köpfen, mit aufgespreiteten Rachen, ein wüstes Geschlecht, das mitten in dem Gejohle der Väter lautlos dastand. Nun fiel plötzlich einem der Schneemänner der Kopf vom Leibe und kugelte sachte weiter, bis er liegen blieb.

»Oho, Köpfel!« rief der Friedl, »wenn man einmal was angeht, muß man nit faul werden und liegen bleiben. Weiter!« Er begann den Ballen weiter zu wälzen und der wurde mit jeder Umdrehung größer, jetzt wie ein Zuber, jetzt wie ein Faß, jetzt wie eine Heufuhr – und da wollte er liegen bleiben, denn es war der Boden flach. Hei, wie die Jungen dranstürmten, wie zehn Hände hoben und schoben, um die Wucht weiterzuwälzen. Träge und schwer schlug sie über, einmal, zweimal, zuerst langsam wachsend, immer wachsend, breiter und höher, ein massiger Riesenklumpen, wie ein Haus so groß, wie einer jener Felsklumpen, die sich bisweilen im Gewände loslösen, hinabdonnern, um unten auf grüner Wiese jahrtausendelang als ein Denkmal des Schreckens liegen zu bleiben. Nun kam das weiße, sich mit jedem Augenblicke vom Boden mächtiger mästende Ungeheuer an die Stelle, wo der Hang steiler wird, und nun wirbelte es hinab – hinab – und verschwand im Gestöber. Durch das stille Schneien drang ein dumpfes Dröhnen herauf.

»Jesus, das Haus!« schrie grell die Stimme des Elias. »Das Haus ist hin!«

»Das Forsthaus!«

»Schnurgrad drauf los!« rief der Kruspel mit kreischendem Lachen. »Beim Kugelschieben muß auch der Kegel fallen, mein Lieber!«

Dünn zitterte die Luft. Wie ein hohles Branden aus der Tiefe, so kam es herauf, dann ein gedämpfter Knall, als ob etwas geplatzt wäre, und dann Stille. – Der weiße, unermeßliche Schleier sank lautlos vom Himmel.

Als ob die warmlebigen Burschen selbst Schneemänner geworden wären, so starr standen sie da, schwer erschrocken auch der boshafte Kruspel. Friedl und Elias waren totenblaß. Der Vater ist zu Hause gewesen …

Endlich huben sie an, mit zitternden Beinen talwärts zu gehen. Der Friedl versuchte vergeblich den Schlitten. Der Schnee reichte bis an die Knie. Rasch und rascher kamen sie trotzdem zur Tiefe. Schon hörten sie die Ach rauschen, alles übrige verdeckte noch der schneiende Nebel. Der Friedl blieb stehen, legte die Hand aufs Herz und sagte: »Elias, ich kann nimmer weiter!«

»Komm, Bruder! Unser Herrgott! Vertrauen wir!«

Er zog ihn mit sich. Beider Augen wie Spieße in die Nebel stechend. Jetzt – dort – ein dunkler Streifen. Die Tauernach. Höher hin eine dunkle Fläche, als ob blauer Rauch stünde. Das ist der Lärchenwald hinter dem Hause. Alles andere grau in grau. Siehst du? Ist dort nicht? Das ist die Tanne, die hinter dem Garten steht. Und wieder verschwimmt alles im blassen Schneewirbel.

»Wenn er nicht mehr ist, Friedl?« sagte Elias stockend, »wenn er nicht mehr ist?«

»Ich hab’s getan!« sprach der Friedl vor sich hin.

»Sei nicht dumm. Gott hat’s getan und niemand anderer.«

»Dort steht es ja!« jauchzte Friedl hell auf.

Jenseits des Baches stand klar das dunkle Viereck des Forsthauses.

Doch als sie dann zum Hause hin wollten, über die Brücke, war diese verschüttet von einer wüsten Schneewucht. Da lag der zerschellte Ball. Es war nichts geschehen, auch die Brücke stand.

»Aber mir kommt’s doch anders vor wie sonst. Wo ist denn die Kapelle?«

»Die Kapelle ist nicht mehr da. Sie liegt unter dem Schnee.«

Die Burschen aus Eustachen haben sich sachte verzogen. Die beiden Brüder kletterten über den Schneehügel auf die Brücke und gingen zögernd dem Hause zu, das im Schleier der sinkenden Flocken stille dastand. An der Türe sind sie eine Weile verblieben. Der Friedl legte seine Hand an die Klinke und drückte doch nicht nieder.

Elias sagte: »Gelt, Bruder, wir wollen nimmer übermütig sein!«

Der Friedl nickte bedenklich mit dem Kopfe: »Wenn uns heut’ der Alte karabatscht!«

Der Alte tat nichts, er wußte es ja auch nicht, welcher Spatz die »Schneelawine« veranlaßt hatte. Aber die Sali! Die machte kein schlechtes Wetter, als sie den ohnehin immer kränkelnden Studenten durch das Schneegestöber herankommen sah. Und zwar ohne Überrock und ohne alle jene Umwicklungen, mit denen sie ihn mittags unter Einschärfung strengster Obacht entlassen hatte.

Das Beängstigende zuerst war, daß sie nicht greinte, daß sie schwieg. Dann fuhr sie sich verstohlen mit ihrer Schürze über das Gesicht und endlich sagte sie ganz gedämpft: »Mit den Kindern ist wohl ein rechtes Kreuz!«

Dann fragte sie den Jungen: »Ja so sag mir doch um Gottes willen, seit wann ist’s denn, daß der Mensch sich selber darf umbringen!«

Aber die Betrachtungen dauerten nicht lange. In drohendem Zorn befahl sie dem Elias, sich ganz augenblicklich auszuziehen und ins Bett zu legen. Dieweilen brüllte im großen Ofen der Schlafstube auch schon das Feuer. Die Sali wärmte an demselben schleunigst die Bettdecken und warf sie über den Jungen. Alle Decken und Kotzen und Kissen, die im Hause zu finden, trug sie herbei und schichtete sie über den armen Elias, daß er kaum Atem holen konnte. Solange er noch zu sprechen vermocht, hatte er beteuert, daß ihm ganz und gar wohl sei, daß er sich gewiß nicht erkältet habe. Sie wies nur auf sein nasses Gewand, und es half ihm nichts, er wurde lebendig begraben.

Mittlerweile tat die Hilfsmagd schon spanischen Tee kochen, den er heiß verschlucken mußte. Ferner bekam er für die Nacht an den Füßen noch einen heißen Backstein und heiße Hafendeckeln über den Magen.

Der Junge benützte die Lockerung der Hüllen, um immer wieder auszurufen: »Aber Sali, mir fehlt ja nichts. Ich bin ja ganz gesund.«

»Macht nix. Du wirst schwitzen.«

Das tat er im Übermaß.