The Project Gutenberg eBook, Fremde Straßen, by Peter Rosegger
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Fremde Straßen
Von
Peter Rosegger
Elftes bis fünfzehntes Tausend
1922
Verlag von L. Staackmann in Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Druck von C. Grumbach in Leipzig
[Verhandlung zwischen Autor und Verleger.]
1884.
Als Vorwort zum »Geschichtenbuch des Wanderers«.
Der Verleger: Zeit ist Geld. Also zur Sache: Ich wünsche ein neues Buch von Ihnen.
Der Autor: Sie sind ein kühner Mann. Haben Sie doch schon fast anderthalb Dutzend Bände von mir!
V. Machen Sie die genannte Zahl voll.
A. Ich würde an Ihrer Stelle die Verlagswerke nicht zählen, sondern wägen.
V. Das überlasse ich dem Makulaturkäufer. Doch einstweilen ist man gewohnt, unter dem Christbaum einen neuen Band vom Waldpoeten zu finden.
A. Man vergißt über die Waldbücher den Wald.
V. Wir brauchen keinen Wald. Wenn alles Holz vertan ist, brennen wir Bücher.
A. Wissen Sie, warum den Faust der Teufel geholt hat? Weil er den Bücherdruck erfunden. – Soll ich denn so viel schreiben, daß man mich auf meinen Schriften verbrennen kann?
V. Machen Sie sich nichts draus. Der Karthager Clitomachus schrieb über vierhundert Bücher, Chrysippus an siebenhundert, Didymus gar viertausend. Keiner ward verbrannt.
A. Weil sie keiner drucken ließ.
V. Luther ließ 1136 Schriften und Broschüren drucken.
A. Die Tinte eines solchen Mannes ist, wie der Koran sagt, wertvoll gleich dem Blute des Märtyrers. Wenn wir anderen dem Beispiele folgen wollten, müßte unsere Erdoberfläche in kurzer Zeit ein Bücherbrett werden.
V. Sie übertreiben. Ein moderner Schriftsteller schreibt sein ganzes Leben lang nicht mehr, als was ein Esel ihm nachzuschleppen vermag.
A. Aber bedenken Sie, daß kein Esel groß genug ist, um mit einem deutschen Dichter zu gehen. – Des bin ich zwar überzeugt, wenn aller Spreu von der Weltliteratur aller Zeiten ausgeschieden wäre, so trüge sie ein Esel leicht auf seinem Rücken, und zwar auf einmal.
V. Sie wären frivol genug, sich über den Untergang der Alexandrinischen Bibliothek zu freuen?
A. Bedauern können den Verlust fremder Gedanken nur die, so keine eigenen haben. Hingegen vergleiche ich Schriftstehler, welche aus fremden Büchern eigene schreiben, mit jener Katze, die ein Pfund Butter fraß und doch nur dreiviertel Pfund wog.
V. Herr, Ihre Bemerkungen mögen am Ende auch kein eigenes Fett sein.
A. Vielleicht spare ich mir selbes auf das Werk, das Sie haben wollen.
V. Sie schreiben doch jeden Tag!
A. Briefe.
V. Wohl doch nicht lauter –
A. Nein, nicht lauter Besänftigungsbriefe an die Gläubiger, sondern auch Artigkeitsschreiben an gute Leute, die in Zuschriften meine Bücher loben und um Freiexemplare bitten; tiefsinnige Sprüche für Autographensammler, Gedichte für Anthologien und Wohltätigkeitsalbums. Ferner Antworten auf briefliche Anfragen wißbegieriger Leser, in welchem Bergwinkel der »Waldschulmeister« spielte, wann und wo sich die Geschichte des »Gottsucher« zugetragen habe, wo man die »Dorfsünden« zu kaufen und den »Heimgarten« zu schenken kriege? – So vergeht der Vormittag.
V. Und nachmittags?
A. Macht man sich über die historischen Dramen hoffnungsvoller Gymnasiasten, über die lyrischen Gedichte feinbesaiteter Ladenschwengel, über die Novellen und Romane höher gebildeter Töchter usw., die mit dem Ersuchen geschickt worden sind, darüber ein »wenn auch noch so strenges Urteil« zu fällen und sie einer Zeitungsredaktion oder einem Verleger zu rekommandieren. So vergeht der Tag.
V. Um Gotteswillen, wann dichten Sie denn Ihre Novellen und Skizzen, denen man in den Blättern begegnet?
A. Beim An- und Auskleiden, auf der Eisenbahn, wenn ich Besuch habe oder öffentlichen Vorlesungen über Kunst und Literatur beiwohne, bei welchen man ungestört seinen eigenen Gedanken nachhängen kann.
V. Gut. Und von diesen Dorfgeschichten, Waldnovellen, Volksschilderungen und dergleichen wollen wir wieder eine neue Sammlung flott machen.
A. Denken Sie an die Kritiker! Immer wieder Bauern und nichts als Bauern! Geben Sie acht, den Herren reißt endlich die Geduld!
V. So schreiben Sie einmal aus der Gesellschaft, aus der großen Welt.
A. Wollen Sie mich zugrunde richten? Wissen Sie nicht, daß man mir meine Dorfgeschichten nur verzeiht, weil es keine Stadtgeschichten sind? Wissen Sie nicht, daß die Rezensenten unruhig werden, so oft man einen Bauernburschen zu den Soldaten nimmt, oder ein hoffärtiges Dienstmädel aus einer Dorfgeschichte weg in die Stadt läuft – weil sie fürchten, daß der Autor diesen Leutchen nun geistig nicht mehr zu folgen vermöge!
V. Seit wann denken denn Sie an die Rezensenten, anstatt an das, was in Ihnen keimt und reift und gedichtet sein will? Hat die Gesellschaft, die Welt, in der Sie nun doch schon seit zwanzig Jahren leben, Sie denn niemals angeregt? Vermag denn das Kulturleben und seine alles mit sich fortreißende Gewalt, sein Tausenderlei von Gestalten, Ideen, Bestrebungen, Verirrungen Sie nicht zu begeistern, zu interessieren, aufzuregen, Ihre dichterische Kraft herauszufordern?
A. Gewiß.
V. Nun also! Warum schreiben Sie nicht auch Weltgeschichten, wie Sie Waldgeschichten schreiben?
A. Sie haben wirklich recht. Ich erinnere mich, daß selbst die fruchtbarste Scholle einmal brach liegen will. Oder was anderes hervorbringen möchte. – Auf meines Vaters Acker wollte nicht jedes Jahr Korn wachsen. So bauten wir auch manchmal Hafer drauf an, dann Kraut, Rüben, Flachs; oder ließen wildes Gras wachsen auf dem Acker. Nach all dem wuchs wieder schönes Korn. Eine solche Wechselwirtschaft ist endlich auch auf dem Dichterfeld nötig. Anstatt Waldgeschichten sollen Sie einen Band Weltgeschichten haben. Oder auch solche, die nicht äußerlich erlebt, vielmehr innerlich geschaut sind. Sie verstehen schon: Ich werde Ihnen ein Buch geben, das ich nicht hätte schreiben sollen. Von der Kritik mir untersagte Gebiete. Fremde Straßen mit der Aufschrift: Für Bauerndichter verbotener Weg. Trotzdem werde ich auf solchen Straßen einmal marschieren – weil es mich freut, wie den Burschen die Wanderschaft. – Bin ich doch wirklich schon viel herumgekommen, in der Gesellschaft unten und oben, in der Welt hier und dort, nicht allein von Tal zu Berg und von Land zur See, ich bin – auf den Beinen des ewigen Juden – durch die Geschichte geschritten von Epoche zu Epoche, bin gewandert vom Bauer bis zum Fürsten und wieder zurück bis zum Zigeuner. Ich habe nicht allein in der Werkstatt angehalten und in der Stube des Bürgers, sondern auch beim Lehrer und Gelehrten, beim Künstler und Soldaten, beim Geistlichen und Aristokraten. Ich habe erfahren, gelernt und gelesen, wie andere. Manches hat mich gefördert, vieles hat mir mißfallen. Daß ein freies Auge in Dorf und Wald klarer und richtiger sieht, als durch die Stadtbrille, ist natürlich. Aber die Freude, der Schmerz, der Spott und der Zorn über das, was ich auf meinen Wanderungen gesehen, schrie nicht minder laut nach Gestaltung, als die Eindrücke des Landlebens in meiner Heimat. Ich habe vieles davon aufgeschrieben.
V. Wo sind diese Manuskripte?
A. In meinem Kasten, mit sieben Schlössern verschlossen.
V. Und die Schlüssel?
A. Ins Wasser geworfen.
V. Ich habe einen Krebs gekauft, der Schlüssel in der Schere trug. Also können wir die Sachen drucken?
A. Sind Sie denn ein Freund von Krebsen, Herr Verleger?
V. Nur von denen aus dem Tierreich.
A. Und sind Sie sicher, daß Ihnen meine Schriften aus fremden Straßen nicht zurückgehen werden? Ich habe Sie bisher für einen klugen Mann gehalten.
V. Sehr schmeichelhaft. Ein kluger Mann macht zuweilen ein Experiment. Fremde Straßen. Romantische, naturalistische, moderne – pikant?
A. Werter und Verehrter, ich will Ihnen was sagen. Diese Straßen- und Weltgeschichten kamen ebenso tief aus mir hervor, als die Dorfbücher; es mag mancher Tropfen Galle und Schalkheit daran sein, aber sicherlich auch Herzblut. Das Herzblut den Menschen, die Galle den Spitzbuben und Toren.
Zudem muß sich doch eine übermütige Phantasie einmal ein bißchen aushüpfen können auf freier Straße.
V. So gefallen Sie mir. Daß Sie endlich doch einmal auch den Gegnern der Dorf- und Waldgeschichten eine Freude machen.
A. Ah, Sie meinen die literarischen Bauernfresser.
V. Wissen Sie, was vor kurzem so einer geschrieben hat? »Der Realismus in der Literatur«, schrieb der Gelehrte, »wird nachgerade unerträglich! Besonders das Dorfgeschichtenunwesen! Was fängt der echte Dichter mit dem Bauern an? Dieser bietet viel zu wenig psychologische Probleme dar, er hat keine Berührungspunkte mit der Welt, sein Horizont ist zu klein. Höchstens ist der Bauer in der Poesie als komisches Element zu gebrauchen, etwa für Posse und Schwank.«
A. Schön. Somit sind gleichzeitig große soziale, volkswirtschaftliche Fragen gelöst. Der Bauer ist nicht ernst zu nehmen. Er läuft in der Welt nur so nebenher und schlägt seine Purzelbäume.
V. Nun, was sagen Sie dazu?
A. (Ironisch.) Daß uns die Sozialisten, Naturforscher, Psychologen, Ethnographen, Literarhistoriker usw. hinters Licht geführt haben. Da faselten sie, daß die ganze Sippe der Bauer ernähren müsse, und größtenteils auch beschützen. Nach Darwin sollen die Menschen sogar vom Bauern abstammen. Sozialisten behaupteten, die Poesie kenne weder politische Grenzen noch Standesunterschiede, ihr Reich sei in allen Menschenherzen. Ethnographen und Psychologen wollen gefunden haben, daß der Landmann in bezug auf die Kraft seines Sinnenlebens, in bezug auf den Schwung seiner Weltanschauung, in bezug auf die Gewalt seiner Phantasie mit dem Städter sich messen könne. Die Literarhistoriker haben die ältesten und unsterblichsten Denkmäler der Poesie angeblich dort entdeckt, wo das Volk in der Werkstatt wohnt und in der Hütte: Das Volksmärchen, das Volkslied. Wie schwer hierin selbst große Poeten irren können, beweist, daß Goethe seine lieblichste, Schiller seine herrlichste Dichtung bei den Bauern spielen ließ. – Nun wissen wir es besser, der Bankier auf der Börse, der Hausherrnsohn am Billard oder an der Kredenz der Kassierin, der gelehrte Stubenhocker, die Ehebrecherin im Salon, die Theaterdame usw., das sind poesiefähige Leute. Aber Andreas Hofer ist es nicht. Die frischen Burschen und Dirnen, die sich vor lauter Lebensfreude kein Ende wissen; der Bauer mit den eisenstarren Rechtsbegriffen ist nicht poesiefähig. Der äußerlich wilde, innerlich gemütstiefe Waldmensch; der als Soldat in der Fremde vor Heimweh vergehende Alpenjunge; die bis in ihr hohes Alter zum Vorteile anderer ununterbrochen arbeitende und geplagte, aber innerlich zufriedene und humorvolle Magd ist nicht poesiefähig. Der arme Dorfpfarrer, der bescheidene Schulmeister, die der Menschheit höchste Güter für ihre Gemeinde hüten und austeilen, haben mit Poesie nichts zu schaffen. Die ländliche Liebe ist nicht poetisch, »weil ihr Horizont zu klein ist«. Des Landvolkes Vereinigung mit der Natur, sein stilles Walten in derselben, sein Leben und Beben unter ihren Gewalten ist nichts; sein Glauben, Zweifeln und Wiederaufrichten in der Religion, der rasende Aufschrei des Verzweifelnden in Waldesnacht ist nichts, »weil die psychologischen Probleme fehlen«. Die Dorfgeschichte und was wir alles in diesen Sack stecken, hat also nur einigen ethnographischen, vielleicht bloß zoologischen Wert. – Und die unzähligen hervorragenden Männer, die aus dem Bauernstande hervorgewachsen und in der Weltgeschichte glänzend verzeichnet sind? Wir ignorieren sie. Und daß es keine Berührungspunkte zwischen Bauer und Welt gebe, behaupten wir. Und von den modernen Erscheinungen und Bindemitteln, als der allgemeinen Wehrpflicht, der bäuerlichen Neigung zur Stadt, zum Studieren, von den zahllosen Autodidakten, dem Eisenbahnwesen, der Tourist, den Sommerfrischen, haben wir – die literarischen Bauernfresser – noch nichts gehört. – Wir sitzen noch auf dem alten Schimmel, den die Literaturprofessoren geritten zur Zeit, als der Ritter und die Köhlerin, die Räubermühle, die Zauberliese usw. die Literatur bevölkerten. Wir wissen nichts davon, daß dem modernen Erzähler für den Salonroman wie für die Dorfgeschichte der gleiche Grundsatz gilt, daß nicht das Häufen packender Tatsachen, effektvoller Ereignisse die Hauptsache sei, sondern die Darstellung der seelischen Zustände, deren Entwicklung aus innerer Notwendigkeit, das organische Heranwachsen der Geschehnisse, des Segens, der Schuld und des Unheils aus der Artung der handelnden Personen. – Und indem wir also die moderne Dorfnovelle nach jener Schablone abtun wollen, die einst für die Räuber- und Zufallsgeschichten geschnitten worden ist – sind wir vergleichbar jenem Märchenmann, der – aus hundertjährigem Schlafe plötzlich auffahrend – nach seinem Zopfe greift und nun mit Verwunderung inne werden muß, daß ihm mittlerweile alle Haare ausgegangen sind.
V. Nur hat solcher Märchenmann den Vorteil, daß man ihn nicht beim Schopf nehmen kann. –
A. Weil er keinen hat.
V. Also was geht aus dem Gesagten hervor? Daß Sie den Bauerngeschichtengegnern wirklich einmal eine Freude machen und ihnen zeigen sollen, um wieviel die Novellen aus der größeren Welt besser sind.
A. Wie schlau Sie sind, Herr Verleger! Sie meinen, den Leuten würden meine Waldgeschichten wieder besser schmecken, sobald sie erst meine Weltgeschichten kennen gelernt haben. Das ist ein Standpunkt. – Gut, wagen wir's. Und das Buch nennen wir: »Fremde Straßen.«
Der Gutsherr auf Zurkow.
Es war das reizendste Erkerzimmer, das ich je bewohnt habe. – Es war mit mattfarbigem Samte tapeziert, mit meisterhaften Jagd- und Genrebildern geschmückt, mit echt orientalischen Teppichen belegt, mit kunstvoll geschnitzten Eichenholzmöbeln bestanden und es hatte an der Wand einen elfenbeinernen Telegraphentaster, der nach der Versicherung des Hausherrn bereit war, neu auftauchende Wünsche des Gastes promptest zu erfüllen. Und das war noch das wenigste, derlei besitzt in irgendwelcher Stadt jeder reiche Schlucker.
Aber zwei Fenster waren da, deren Spiegelscheiben so hell und rein waren, daß man meinte, sie stünden offen und die reine Nordlandsluft wehe aus und ein. Das eine Fenster zeigte die hellgrünen Buchen- und Eichenwälder von Jasmund und die weißen Strandfelsen von Stubbenkammer, das andere die blaue Bandlinie des Meeres. Die sinkende Nachmittagssonne legte Gold auf die Wälder, Silber auf die Kreidefelsen, und ein Segelschiff am Horizont leuchtete wie ein aufsteigendes Sternlein.
Ich hatte an jenem Tage zum ersten Male das Meer gesehen. Ich war erst vor zwei Stunden von der Reise gekommen, die von Wien bis Rügen zwei Tage und Nächte ununterbrochen gedauert hatte. Die Neugierde, den alten Freund zu sehen und wie sich der einstige arme Zimmermalerjunge als Gutsbesitzer ausnehme, hatte mir weder ein Interesse an den malerischen Elbeufern der sächsischen Schweiz, noch an der stolzen Kaiserstadt Berlin aufkommen lassen. In Stralsund hatte er mich erwartet – es war sonst noch der alte Bursche; aber Welt hatte er nun stellenweise, als wäre er geborner Adelsherr auf diesem zauberhaften »Edelsitz« Zurkow. In drei Stunden hatten wir mit den feurigsten Hengsten, die mich je durch die Luft gerissen, die ganze Insel Rügen von Westen nach Osten durchschnitten.
Auf Zurkow angelangt, erwartete uns ein Mahl, welches zwei weißbehandschuhte Diener servierten, die so stumm waren, wie der Fisch im Wasser. Mein Gastherr wußte auch nicht gleich, wo und wie er das vor sechs Jahren durch eine plötzliche Studienreise nach Italien unterbrochene Gespräch wieder anknüpfen sollte und glaubte es am schicklichsten damit zu tun, daß er die Abwesenheit seiner Frau entschuldigte, die einer unaufschiebbaren Familienangelegenheit wegen nach Putbus gefahren sei.
Und ich? Fürwahr, mit einem Millionenmann, den man in der Künstlerbluse eines Wandmalers so oft gesehen und so liebgewonnen hat, spricht sich's etwas unglatt. Ich konnte nicht leugnen, daß alles sehr gütig und wohlgemeint war, was mir in diesem Hause zu widerfahren begann, und doch blickte ich immer wieder mit verstohlenem Mißtrauen auf den Gastherrn hin, ob er's denn wirklich sei, der gute Wendel Blees. Daß er's gewesen war, konnte man hie und da noch spüren, aber ob er's noch sei, das schien mir in der Tat zweifelhaft. Ein hübscher Junge war er immer gewesen, aber sein Schnurrbärtchen war nun entschiedener, seine Gesichtszüge ausdrucksvoller und vornehm blaß, sein Mund höflicher und sein braunes Auge lebhafter geworden. Daß er seine Absicht, Künstler zu werden, nicht bewerkstelligt hatte, war aus seinem Wesen unschwer zu ersehen. Nirgends der schöpferische, idealbeschwingte Geist; überall der formenängstliche reiche Mann. An dem überladenen Aufputz der Tafel, an der Auswahl der ziemlich auffallenden Leckerbissen und an der etwas klobigen Art, womit er die Dienerschaft behandelte, war zu erkennen, daß er in diesen Verhältnissen nicht immer heimisch gewesen und das rechte Maß nicht ganz leicht zu treffen wisse.
Nachdem ich meine Reiseerlebnisse kurz angedeutet und meinem Freunde über das allgemeine Befinden die geziemende Mitteilung gemacht hatte, schloß Wendel, daß ich von der Reise ermüdet sein würde und wies mir mein Zimmer an, »um mich auszuruhen«.
Ich hatte nun unersättlich zu den Fenstern hinausgeschaut in die mir so seltsame, zauberhaft schöne Gegend. Ich hatte eine der vortrefflichen Zigarren angebrannt und mich auf das Ruhebett hingestreckt und den mich umgebenden Luxus betrachtet und in die stille leere Luft hinein gefragt: Wendel Blees, du leichtsinnig Wienerkind, wie kommst du zu diesem Herrensitz im Inselreiche der Hünen?
Es war damals kaum neun Jahre her, seit ein aufgeschossenes Bürschchen ziemlich selbstsicher in meine Arbeitsstube getreten war, meine Bilder scharf angeblickt und mich gebeten hatte, daß ich ihn in seiner Absicht unterstützen möge, er wolle Maler werden. Wer er wäre? fragte ich. »Nichts,« war seine Antwort, »ich bin ein Waisenkind, das ein entfernter Verwandter aufgezogen und dann im städtischen Rechnungsamte untergebracht hat, wo ich Ziffern zeichnen soll. Das ist aber nichts, ich bin durchgegangen, denn ich will Maler werden.« Ob er mir Proben von seinem Talente zeigen könne? Da hatte er schon mehrere Papierblätter aus der Tasche gezogen; dieselben enthielten Zeichnungen aus dem Schönbrunner Tiergarten, aus dem Militärleben und eine Auffahrt bei Hofe; manches war mit ziemlich grellen Farben bemalt. Nachdem ich diese Bilder besehen hatte, gestand ich dem jungen Mann, daß ich aus diesen Proben nichts zu erkennen vermöge und ihm doch rate, sich einem Beruf zuzuwenden, der weniger trügerisch sei, als das Künstlertum. Er verwies auf Maler, die so klein wie er angefangen, es aber zum Ruhm gebracht hätten. Ich blieb bei meiner Ansicht, lud ihn jedoch ein, wenn er in seinen freien Stunden neue Bilder versuchen sollte, mir sie seinerzeit wieder zu bringen. Das war das erste Begegnen mit Wendelin Blees. Wir sahen uns von diesem Tage an oft. Obwohl ich gar nichts für ihn zu tun vermochte, schloß er sich an mich. Da er bei einem Maler nicht unterkommen konnte, so ging er zu einem Anstreicher in die Lehre, denn die Farbe hatte ihm's angetan. Die freien Stunden, die er hatte, war er bei mir, sah meinen Arbeiten zu und übte sich selbst. Er eignete sich eine gewisse Technik an, aber es war kein Schwung da, keine Originalität – kurz kein Talent.
Ich sagte es ihm, er glaubte mir nicht.
Indes gewann ich ihn lieb, anfangs seines Schwärmens für die Kunst wegen, später, weil er ein offener, herzens- und geistesfrischer, fröhlicher Junge war. Schrullen hatte er freilich, oft so wunderliche Schrullen, daß ich mir dachte: das wächst sich zu einem Narren oder doch zu einem großen Manne aus. Er war um ein Bedeutendes jünger als ich, aber wir wurden Freunde. Er hatte eigentlich keine Bildung genossen, aber er hatte liebenswürdige Naturanlagen, und wenn in seinem Wesen auch ein gewisser Trotz lag, so diente derselbe mehr zur Stählung seines Charakters, als um anderen Menschen unangenehm zu sein. Es hat sich manch strenge geschulter Mann als mein Freund bekannt, der mir nicht so viel war als der kleine Wendel. Er hat während unseres zweijährigen Beisammenseins nur eine einzige Dummheit gemacht. Auf mehreren Ausstellungen erregte ein Bild von mir besonderes Aufsehen. Als Folge des Beifalls erwuchsen – wie das immer so geht – auch die Widersacher. Einen solchen Widersacher, es war ein Zeitungsrezensent, forderte der kleine Wendel meines Bildes wegen zum Duell. Der Rezensent machte ihn abtreten und lachte ihn aus. Nun kam er wütend zu mir und ich lachte ihn auch aus.
Seinem Meister, dem Anstreicher und Zimmermaler, war er ein fleißiger Gehilfe, aber niemand als ich wußte, mit welchem Widerwillen er das Handwerk betrieb. Und eines Tages trat er aufgeregter als sonst in meine Stube und sagte, daß er nun komme, um von mir Abschied zu nehmen. Er habe sich so viel erspart, daß er nach Italien gehen könne, um an den berühmten alten Meistern groß zu werden.
Ich fragte, ob er wohl ermesse, was er gesagt habe. Er antwortete, daß ich noch von ihm hören würde und daß er auch als Künstler meine Freundschaft, die ihm das Teuerste auf der Welt sei, behalten wolle. Ich suchte ihm in der Eile ein paar Empfehlungsschreiben aufzudrängen, dann ging er. Ging ohne Geld – denn sein Erspartes half ihm kaum bis über die Grenze – ohne Kenntnisse, ohne Freunde und ohne Plan nach Italien.
Von dem Tage seiner Abreise an war er verschollen. Und war's jahrelang, so daß mein Gedenken an ihn voll Wehmut wurde, wie man eines Toten gedenkt. Mein Leben ging in der Stille fort, aber jedes Jahr machte mich um mehrere Jahre älter, weil mit dem Wachsen meiner Einsicht mich meine künstlerischen Erfolge, so lärmend sie auch sein mochten, immer weniger und weniger befriedigen wollten. Die Ehre, welche mir die durch Effekt leicht zu bestechende Menge zollte, vermochte meinen inneren Unmut nicht aufzuwiegen und so zog ich mich sachte zurück in die Beschaulichkeit, lebte der Natur und machte Reisen von Galerie zu Galerie, um das an anderen mit Ehrfurcht zu bewundern, was mir selbst nicht gelingen wollte. Von Wendel fand ich auch nicht die leiseste Spur. Da erhielt ich eines Tages in Wien das folgende Schreiben:
»Geschätzter Freund!
Für den Fall Du einmal Lust nach malerischen Landschaften hast, so reise nach der Insel Rügen. Und wenn Du dort sein wirst, so versäume ja nicht, nach dem Landgute Zurkow zu fragen, denn der Besitzer ist ein alter Freund von Dir, der Dich bittet, es Dir bei ihm recht wohlergehen zu lassen. Er hofft, daß Du seiner nicht vergessen haben wirst und freut sich sehr, Dich nach sechs Jahren endlich wieder zu sehen. Es ist Dein alter
Wendelin Blees.«
Die Schrift war glatter geworden als sie einst gewesen, aber es war die seine. Mein Erstaunen war fast grenzenlos. Zur alten Neigung kam nun auch die Neugierde. Leicht locker gemacht war ich überhaupt und schon an einem der nächsten Tage saß ich auf der Nordbahn.
Von Anklam bis Stralsund hatte ich Gelegenheit, mich bei einem Reisenden, der aus Bergen, dem Hauptorte der Insel Rügen, war, nach dem Landgute Zurkow und seinem Besitzer zu erkundigen. Da erfuhr ich, daß Zurkow zwar kein Edelsitz sei, wohl aber eines der schönsten und reichsten Güter der Insel. Es wäre ein Edelsitz gewesen, aber der letzte Edelmann hätte ihn am Spieltisch eines rheinischen Bades verloren und sich flink darauf erschossen. Hierauf sei ein holländischer Kaufmann gekommen, Marketze geheißen, der habe das zerfahrene Zurkow gekauft und in einen Stand gesetzt, wie es seit Menschengedenken nicht erhört worden. Der Landbau und die Waldwirtschaft, die Jagd und die Fischerei blühten nun. Auch habe der Eigentümer von Zurkow Bergwerke in England besessen und Schiffe, die zwischen Stettin und Kopenhagen verkehrten. Und das Schloß habe er herstellen und einrichten lassen, daß es nun einer königlichen Residenz ähnlich sehe. Das habe ihm aber alles nichts geholfen; mit seinem Sohne sei er unglücklich gewesen und so sei er, nachdem das Gut so fürtrefflich hergestellt war, aus Gram gestorben. Es sei aber ein junger Mensch aus dem Süden gekommen, ganz fremd, der sitze nun auf Zurkow und sei gut für drei Millionen Taler. Man erzähle sich von dieser Familie mancherlei, aber da nichts Bestimmtes zu sagen sei, so tue man am besten, zu schweigen.
So war ich vorbereitet worden und so lag ich nun auf dem Ruhebette des Schlosses Zurkow – ich konnte nicht sagen, daß mir gerade wohl zu Mute war.
Endlich dämmerte es, und als ich wieder zum Fenster hinausblickte, war das Meer nicht blau, sondern lichtgrau und in seinem Quecksilberschimmer am Horizonte scharf abgeschnitten von der aufsteigenden Nacht. Das Schiff, welches früher fern wie ein Sternchen gefunkelt, war näher gekommen, es war das einzige Fahrzeug auf der dunkelnden Fläche. Auf den Felsen von Stubbenkammer glühte der Widerschein des Abendrotes und sie spiegelten sich im Meere wie blutige Schatten.
Als ich träumend so zum Fenster hinausgeschaut, legte sich sachte eine Hand auf meine Achsel. Wendel stand hinter mir.
»Wenn du ausgeruht hast,« sagte er, »so lade ich dich ein, mit mir zum Abendbrot zu kommen.«
»Hier hast du eine merkwürdige Welt um dich,« lautete meine Entgegnung, »ich habe diesen stillen, meerumschlungenen Hain als Knabe im Traume gesehen, zur Zeit, da wir die nordische Mythologie studierten.«
»So ist es,« antwortete er rasch, »so ist es, Mythologie! Darum kann dieser Ort so anheimelnd und so schrecklich sein.«
»So schrecklich?«
Jetzt faßte mich Wendel an meinen beiden Händen und sagte: »Geliebter Freund, ich danke dir tausend-, vieltausendmal, daß du zu mir gekommen bist.«
Seine Stimme war so bewegt, daß es mir durch Mark und Bein ging.
Die Kruste war nun gebrochen, bei ihm, bei mir. Arm in Arm gingen wir auf das Zimmer, in dem unser Abendtisch gedeckt war. Es war ein anderes als jenes, in welchem wir das Mittagsmahl genommen hatten, es war viel einfacher und viel heimlicher. An der Wand fiel mir ein technisch mit Meisterschaft gemachtes Ölporträt meines Gastherrn auf. Wir saßen uns bei etwas gedämpftem Lampenlichte an einem kleinen Tisch gegenüber; sonst war niemand da, und der Mann, der uns bediente, erschien nur, wenn er mit dem Glöcklein gerufen wurde. Die Speisen waren nach Wiener Art zubereitet, und anstatt des aufgeblasenen Champagners stand eine Flasche jenes ehrlichen, männlich herben Rotweines da, wie er in den gottgesegneten Talungen der tirolischen Etsch wächst und wie ich ihn in Gemeinschaft mit Wendel einst so gerne getrunken hatte.
»Nun haben wir uns wieder,« sagte mein Freund und schaute mir mit feuchtem Auge ins Gesicht.
»Ich kann mich immer noch kaum fassen vor Verwunderung, dich so wiederzufinden,« bemerkte ich.
»Mir erging es nicht anders,« sagte er, »aber ich bin in den letzten Stunden, während du dich von den Reisestrapazen ein wenig erholtest, nicht müßig gewesen. Ich habe nach der Art gesucht, die uns wieder zusammenbringen soll, wie wir dazumal beisammen gewesen sind. Offen herausgesagt: mit den ersten Stunden unseres Wiedersehens war ich nicht zufrieden.«
»Ich auch nicht. Aber nun sage mir endlich, Wendel, was um alles in der Welt ist mit dir vorgegangen?«
»Du siehst es,« antwortete er mit einer wehmütigen Miene, »ein reicher Mann bin ich geworden.«
»Das passiert manchem, und geht es gewöhnlich mit so natürlichen Dingen zu, daß man weiter gar nicht darüber spricht. Aber bei dir ist's ein anderes. Du warst stets unpraktisch, hast weder Schick gehabt zum Spiel noch zum Spekulieren, hast, so viel ich weiß, weder ein Los besessen noch einen reichen Onkel. Du hast auch meines Wissens nie ein Interesse gehabt an Geld und Herrlichkeit – Künstler werden wolltest du, diesen Weg sah ich dich von mir fortziehen, nun finde ich einen Millionär. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, mein Freund!«
»Du hast eine naheliegende Eventualität nicht erwähnt.«
»Ich weiß es, die reiche Heirat. Doch der Gedanke ist mir zu trivial.«
»So dekoriere ihn mit der Liebe.«
»Wirklich! Nun, die Liebe rentiert eine reiche Heirat immerhin.«
»Und meinst du, daß eine reiche Heirat nicht auch die Liebe rentieren könnte?«
Der Ton und Blick, mit dem diese Worte gesprochen wurden, war verblüffend. Ich schwieg.
»Du hattest damals recht,« fuhr er fort, »ich bin kein Künstler geworden.«
»Aber du bist Mann geworden, das ist mehr.«
»Es mag mehr sein, aber es ist nicht so schön. Freund, wann war ich glücklicher als damals, als ich mich wie ein Bettelvagabund durch die Alpenländer nach Italien schlug! Ich war fest überzeugt, daß meine Rückkehr ein Triumphzug sein würde und daß die abenteuerliche Wanderschaft des Zimmermalers einst ein prächtiges Kapitel in der Biographie des berühmten Künstlers geben müsse. Ein junger Idealist, und wäre es auch nur ein eitler Tropf, nimmt im Reigen irdischer Seligkeit den ersten Platz ein. Ich habe diesen Platz bald verloren. In Mailand auf einer Wand sah ich das Abendmahl – ein Triumph der Zimmermalerei,« setzte Wendel lächelnd hinzu. »Ich griff dort aus Not wieder nach dem alten Gewerbe. Ein Zufall verschlug mich mit einem Arbeitgeber nach Genua und vor dem barocken Denkmale des Kolumbus kam mir der Gedanke, ob ich mich nicht etwa der Bildhauerei zuwenden sollte. Auf jeden Fall wollte ich von hier aus zur See nach Rom gehen, dort weht alte, echte Künstlerluft, die wollte ich erst atmen, das weitere konnte nicht fehlen. Da trat ich eines Tages in ein Gasthaus der Via nuova. Das, Freund, war der erste Schritt nach dem Herrengute Zurkow auf Rügen.«
»Im Gasthause lerntest du sie kennen, nicht wahr?«
»Wen?«
»Die schöne Maid, die mit dem Vater auf Reisen war und die hernach deine Frau wurde.«
»Du dichtest,« sagte Wendel Blees, »aber du dichtest banal. Du mußt schon tiefer ins Unglaubliche.«
»Ich bitte dich, erzähle!«
»So werde ich rasch und kurz erzählen. – In einer Weinlaube des Gasthausgartens setzte ich mich ermüdet hin und musterte die Speisekarte. Ich suchte nicht nach dem feinsten Braten, sondern in der Preisrubrik nach der kleinsten Ziffer – nun, das kannst du dir ja denken. Es war für die Italiener noch nicht die Zeit des Mittags, so war der Garten fast leer, nur hinter einem Zitronenbaum saß ein Herr mit weißem Backenbart und schaute zwischen den grünen Blättern zu mir herüber.
Lange so, und immer wieder. Endlich schob er seinen Teller beiseite und blickte noch schärfer auf mich her. Dann stand er auf, kam an meinen Tisch und drückte mir die Hand. Er tat es, ohne ein Wort zu sagen, dann trat er wieder an seinen Tisch zurück und brütete vor sich hin. Hernach zog er aus seinem Ledertäschchen eine Photographie und sah sie an und schaute auf mich – und stützte sein Haupt traurig auf die Hand. Jetzt mußte auch ich immer wieder auf ihn hinblicken und wurde dabei unruhig; ich bildete mir ein, das wäre ein großer Künstler und habe an mir vielleicht das Genie entdeckt; du siehst, ich hatte nicht mehr weit zum letzten Ziele manchen Künstlers – zum Narrenhaus. Es gehörte ein Wunder dazu, um mich davon zu retten – und das Wunder geschah.«
»Als ich,« fuhr mein Freund Wendel fort, »mich zur Not gesättigt hatte, erhob ich mich, um meine nebelhaften Wege weiter zu wandeln. Da sprang der Mann am Zitronenbaume auf, hielt mich zurück, er wolle wissen, wer ich wäre.«
»Also ein Polizeiorgan!« rief ich aus.
»Mein Bester,« sagte Wendel, »ich sage dir noch einmal, wenn du in meiner Geschichte die Wahrheit erraten willst, so mußt du dich gerade an die größten Unwahrscheinlichkeiten halten. Der Mann hörte meine Geschichte, kaufte mir neue Kleider und ich war tagelang sein Gast. Er war liebevoll und fast zärtlich mit mir, und er war doch nur ein Fremder. Mehrmals sah ich ihn weinen. Er lud mich ein, mit nach Rügen zu kommen, wo er ein Gut habe, er wolle für mein Fortkommen sorgen helfen.«
»Er hatte dich so plötzlich liebgewonnen?«
»Und weißt du, warum? Weil ich große Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Sohne hätte.«
»Du gingst mit ihm?«
»Natürlich, ich ging nicht mit ihm, ich ging nach Rom. Und als ich dort meine Künstlergelüste gründlich ausgehungert hatte, und in dem Gemäuer des Kolosseums bei den Fledermäusen mein Nachtlager hielt, fiel mir wieder die Einladung des greisen Mannes ein. Ich schrieb ihm, daß ich nun kommen wolle und ob er für mich einen Erwerb hätte; wäre es was immer, nur ein ehrlich Brot. Er schickte mir Geld, ich reiste auf dem kürzesten Wege nach Rügen. Als ich nach Zurkow kam – auf dieses schöne, reiche Zurkow, ja – da hat er mich wie einen lieben Anverwandten empfangen, hat seine Tochter gerufen, mich ihr vorgestellt und ausgerufen: Nun Freda, ist er's nicht? – Ja, sagte Freda, und doch wieder nein, Albin war nicht so schlank. – Aber er hatte dasselbe nußbraune Haar, das ihm geradeso in die Stirn stand, denselben Mund, das ganze Gesicht; schau' sein Aug' an, Freda, schau' sein Aug' an! O Gott, mein Albin! – Er hat geweint, sie hat ihn mit Mühe beruhigt –«
»Und dein Auge?«
»Das hat sie angeschaut.«
»Dann verliebt?«
»O nein,« antwortete mein Freund Wendel, »so schnell ging das nicht. Wir mußten uns erst aneinander gewöhnen. Der Alte gab uns zu schaffen, der wollte – höre es! – er wollte uns schon in den nächsten Wochen zusammenhaben. Er war durch den plötzlichen Verlust seines Sohnes verwirrt, beinahe schwachsinnig geworden.«
Wendel führte mich dann zum Fenster: »Du siehst dort die weißen Felsen?«
Ich sah sie in des Mondenscheines nebelhafter Blässe schroff aus dem Meere aufragen.
»Von jenem Felsen,« fuhr mein Freund fort, »ist Albin Marketze, der einzige Sohn des reichen Mannes, in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre auf einer geologischen Exkursion, bei der er sich zu tollkühn an die Hänge hinauswagte, in das Meer gestürzt und zugrunde gegangen. Der Vater war trostlos, seine Tochter, nun sein einziges Kind, suchte ihn umsonst zu zerstreuen, er gab sie zu Verwandten nach Putbus, überließ das Gut einem Verwalter und ließ sich von seinem Grame ziellos in der Welt herumtreiben. So war er auch nach Genua gekommen, wo wir uns also begegnet waren. Ich kann ihm die Liebe, die er mir schenkte, nimmer vergelten, der kranke Greis sah in mir seinen verstorbenen Sohn. – Hast du dieses Bild schon betrachtet?« Wendel wies auf das Ölgemälde an der Wand.
»Das scheint ein gewandter Künstler geschaffen zu haben,« bemerkte ich, »es ist Individualität in dem Bilde und doch stört mich etwas in den Zügen. Durch die wohlbekannte Form schaut mich eine fremde Psyche an.«
»Im ganzen leugnest also auch du die Ähnlichkeit nicht. Und siehe, das ist das Porträt des verunglückten Albin.«
Das fand ich denn doch merkwürdig und nun fing ich an, das besondere Interesse des alten Marketze für Wendel zu begreifen.
»Da mir,« fuhr mein Freund fort, »die Lust, Maler zu werden, begreiflicherweise vergangen war, wenigstens einstweilen vergangen, so fügte ich mich gerne den fürsorglichen Wünschen meines Gönners, ich gab mich, anfangs gleichgültig, später mit Interesse, der Landwirtschaft hin und machte in derselben Fortschritte. Außerdem geschah manches zur Vermehrung meiner sonstigen Kenntnisse, damit wuchs auch – möchte ich sagen – mein Herz und ich schloß mich warm und dankbar meinem Wohltäter an. Ich war kaum drei Jahre auf Zurkow, als mir Marketze eines Tages zu verstehen gab, daß es ihm lieb wäre, wenn noch vor seinem Tode meine Verbindung mit seiner Tochter zustande käme. Freda war um einige Monate älter als ich, sie war mir nicht unangenehm gewesen. Es hatten sich, wie leicht erklärlich, reiche Bewerber eingefunden, allein –«
»Sie hat den frischen guten Jungen vorgezogen,« unterbrach ich in meiner vorwitzigen Ungeduld, »reich war sie selbst, gesellschaftliche Rücksichten war sie nicht schuldig, so nahm sie sich einen Herzensmann. Ich habe mir oft gedacht, Wendel, daß in dir Trotz und Geschmeidigkeit, Männlichkeit und Weichlichkeit geradeso gemischt sind, wie es die Weiber gerne haben.«
»Genug. Als der Vater starb, waren wir ein Ehepaar und ich habe mich wohl oder übel mit meiner neuen Würde und Herrlichkeit abfinden müssen.«
»Aufrichtig gesagt, hoffe ich, daß dir die Kunst, ein reicher und glücklicher Mann zu sein, besser gelingen wird, als dir jemals ein gutes Gemälde gelungen wäre.«
Eine Weile nach dieser Bemerkung antwortete Wendel: »Es gehört zum einen wie zum andern ein großes Talent. Wenn sich der reiche Mann in seine Lage nicht zu schicken weiß, so ist er ein armer Mann.«
Derlei besprachen wir, da begann allmählich das Gespräch zu stocken. Wir machten noch manchen stillen Schluck aus unseren Gläsern, dann wünschten wir uns in freundlicher Höflichkeit gute Ruhe, und ich wurde hierauf in mein Zimmer geführt.
Ich stand noch lange am Fenster und blickte in die Nacht hinaus. Auf dem Meere lag der Schimmer des Mondes und die zackigen Kreidefelsen von Stubbenkammer standen wie Gespenster da. Jetzt legte sich auf meine Schulter wieder die Hand. Wendel stand neben mir und war bleich und verstört, wie ein Nachtwandler.
»Verzeihe mir, mein Freund, daß ich deine Ruhe störe,« sagte er mit unsicherer Stimme, »ich wollte dich heute noch fragen, wann du von hier abreisest?«
Mit Befremden entgegnete ich: »Wann ich abreise? Ich glaube, du könntest es ebensogut erfahren, wenn du mich gefragt hättest, wie lange ich denn zu bleiben gedächte. Du weißt, daß ich auf deine Einladung aus Wien komme, um dich zu besuchen.«
»Ich danke dir, daß du gekommen bist!« stieß er hervor, »aber ich verreise morgen und wünsche in deiner Gesellschaft zu reisen.«
Ich starrte ihn an.
»Du hältst mich für verrückt,« sagte er.
»Allerdings –«
»So muß ich dir's denn gestehen, Freund,« er verdeckte mit krampfiger Hand sein Gesicht, »ich bin sehr unglücklich. Ich ertrage es nicht mehr länger, ich will fliehen, ich will nach Wien zurück. Mein Weib und ich, wir lieben uns nicht. Sie behandelt mich mit Hochmut, sie hat ihre Freunde, mit denen sie sich herumtreibt, fischt und jagt; ihrem Reitpferde schenkt sie mehr Aufmerksamkeit als mir. Von einem Familienleben ist in diesem Hause nicht der Schatten, entweder sie zieht ihre junkerlich faden oder aufgeblasenen Sportgenossen herbei und gibt laute Feste, wobei ich offen oder verstohlen die Zielscheibe ihrer Launen bin, oder sie reitet davon und läßt mich allein in diesem Schlosse, das mir unheimlich geworden ist wie eine Gruft. Ich hätte mit ihr für mein Leben gern einmal eine Reise nach Österreich gemacht; sie schlug mir's ab, ich möge allein reisen, wenn es mir auf Zurkow nicht behage, sie sei keine Freundin der vielgerühmten österreichischen Gemütlichkeit. Das einzige Glück ist, daß ich sie nicht liebe, denn sonst müßte ich mich von jenem Felsen dort, der die erste Ursache meiner Leiden ist … Kurz, ich habe nichts und will nichts, ich bin frei, ich verlasse Zurkow noch in den nächsten vierundzwanzig Stunden, arm wie ich gekommen bin. Ich gehe mit dir nach Wien.«
»Du mußt deine Aufregung vorübergehen lassen, armer Freund,« sagte ich, »wenn du ruhig geworden sein wirst, wollen wir es überlegen.«
»Diese Zeremonie ist nicht mehr nötig. Ich habe es längst überlegt und heute mich entschlossen. Ich habe sie von deiner Ankunft unterrichtet und sie gebeten, daß sie zu Hause bleibe, um dich zu empfangen: sie weiß, daß du mein liebster Freund bist, der aus der Ferne zu mir kommt, und sie konnte das Haus verlassen, und sie konnte mir das lieblose Wort sagen.«
»Welches Wort?«
»Wen ich eingeladen, den möge auch ich bewirten, sie könne sich denken, wie mein bester Freund aus der Zeit der Farbenkleckserei aussehe, sie sei auf derlei vagabundierendes Künstlervolk nicht neugierig. Tiefer hätte sie mich nicht mehr verletzen können. Ich trenne mich von ihr.«
»Ich danke dir,« sagte ich, »also mich willst du zur Ursache eines unsinnigen Schrittes machen! Dann empfehle ich mich.«
»Bleib', Hans!« schrie er auf und packte mich an beiden Armen, »von dir ist keine Rede. Es handelt sich um mich! Mir hat sie den Schlag versetzt, sonst wollte sie nichts, als mich, mich beleidigen, aber das wollte sie. Meiner überdrüssig ist sie, den Bruch wünscht sie zu vollziehen. Der Wunsch kann erfüllt werden.«
Der Mann schoß wildsprühende Blicke um sich, er knirschte mit den Zähnen.
»Du hassest sie also?« war meine Frage.
Hierauf antwortete Wendel: »Wenn ich sie haßte, so würde ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen, ich würde Herr auf Zurkow bleiben und das Leben des Reichen genießen und ihr im Wege stehen und mich an ihrem ohnmächtigen Ärger belustigen. Nein, ich hasse sie nicht. Von jetzt ab – sie ist mir gleichgültig.«
»Gleichgültig? Deine Aufregung straft dich Lügen.«
»Bin ich aufgeregt? Dann bin ich's nicht ihretwegen, sondern meinetwegen. Mein Unglück, ich schleudere es von mir, ich nehme wieder die Armut und Nichtigkeit auf mich. Seit ich dich sehe, mein Freund, habe ich wieder Mut, ich gehe mit dir nach Wien!«
Das kam mir nun alles verworren vor; da fragte er mich: »Könntest du an meiner Stelle bleiben? Es mögen Gesetze und Sitten hundertmal für dich sprechen, wenn die Tatsache zeigt, daß du überflüssig bist, so wirst du verzichten und lieber mit Stolz und Ehren wieder der arme Anstreichergeselle sein, als auf Zurkow ein – was weiß ich! Es war ja nichts, ein toller Traum, nichts als ein Roman, aber ein Roman ohne Liebe. Eine fixe Idee, geschmeichelte Eitelkeit und der Kitzel, reich zu sein, waren die Helden! Könntest du mich denn achten, wenn ich so noch hier sitzen bliebe?«
»Ich gebe keine Antwort, solange ich nicht deine Frau gesehen habe.«
»Die wirst du nicht sehen,« sagte Wendel Blees, »wie ich sie kenne, kehrt sie erst zurück, wenn sie die Gewißheit hat, daß du nicht mehr im Hause bist.«
»Dann erlaube mir, daß ich jetzt einige Stunden ruhe. Bevor die Sonne aufgeht, werde ich dieses Haus verlassen.«
»Tue so, mein Freund, und schlafe wohl.«
Rasch hatte sich mein Gastherr nun entfernt. Unsere Unterredung hatte einen fast trotzigen Charakter gehabt. Ich schlief schlecht in derselben Nacht. Reue, daß ich hierher gekommen, Mitleid mit dem armen Wendel, Ratlosigkeit, was nun anzufangen, peinigten mich. Es kam mir der Gedanke, Frau Freda aufzusuchen und den Vermittler zu spielen; diesen Gedanken schleuderte ich rasch von mir – zwischen Eheleute dränge sich kein Dritter, am wenigsten ein Fremder. Er würde es unter allen Umständen schlechter machen. Als der erste Schimmer des Morgens aus dem Meere stieg, war ich entschlossen. Ich packte hastig meine Sachen zusammen, schrieb auf ein Blättchen Papier die Worte:
»Wendel, ich bin aus der Ferne gekommen, um Dir auf dieses Stück Papier das Wort zu schreiben: Sei ein Mann! Lebe wohl.
Dein treuer Hans.«
Als ich durch den Hof eilen wollte, fuhren zwei große Hunde auf und ließen mich nicht weiter. Ich mußte umkehren in mein Zimmer, warf mein kleines Gepäck zum Fenster hinaus und kletterte selbst nach in den Garten. Das Schloß und das naheliegende Gehöfte lagen noch in Ruhe da; ich huschte durch Gestrüppe und bog erst eine Strecke weiter hin zum Wege.
Ich war auf demselben etwa dreihundert Schritte gegangen, als von einer Eichengruppe ein Mann auf mich zusprang und mich mit dem Worte: »Da bist du ja schon!« an der Hand faßte.
Wendel war's, der Herr auf Zurkow: und doch nicht mehr Herr auf Zurkow, in dem Kleide eines fahrenden Gesellen stand er da.
»So, Kamerad,« sagte er, »nun wollen wir einmal mitsammen wandern.«
Dagegen ließ sich nun nichts einwenden. Wir trabten wortkarg nebeneinander her. Als wir eine Stunde gegangen waren, machte mein Begleiter plötzlich einen Juchschrei, wie er so frisch und laut auf Rügen vorher wohl kaum erklungen sein mochte.
»Sieh da, dieser Stein ist mir noch auf dem Herzen gelegen,« sagte er hernach und deutete auf einen bemoosten Grenzstein, »hier endet das Gut Zurkow, hier beginnt die weite Welt. Freund, nun bin ich wieder dein!«
Da dachte ich: Wenn ich nur wüßte, was ich mit dir anfangen soll!
So begann die Wanderschaft. Den Sund übersetzten wir auf einer abseits gelegenen Fischerbarke, Stralsund umgingen wir, weil Wendel sich vor dem Erkanntwerden fürchtete. Und dann wollte er zu Fuß nach Wien reisen. Er hatte von dem Schlosse ja nichts mit sich genommen, als was er einst dahin mitgebracht hatte, ein abgeschabtes Ledertäschchen und einen Hagenstock. Ich hatte viele Mühe, um ihm die Eisenbahnfahrt aufzuzwingen. Endlich, als es ins Österreich hereinging, fanden wir uns und waren harmlos heiter, wie einst; ich suchte seine Verhältnisse mit Ruhe und Erwägung zu besprechen, allein er war dazu viel zu nervös aufgeregt: bei ihm ging alles im Überschwunge und sein ganzes Wesen wurde mit fortgerissen.
Als er die alte Kaiserstadt sah, war er überglücklich. So saßen wir nun endlich wieder in meiner Stube, wo wir vor Jahren oft froh beisammen gesessen und ich fragte ihn: »Wenn du jetzt zurückdenkst auf Zurkow, wie ist dir zu Mute?«
»Unsäglich wohl!« rief er, »hast du einen zweiten Freund, Hans, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib von sich zu schleudern, wie eine faule Birne?«
»Du bist der einzige,« sagte ich, »und nun suche ich mir noch einen, der imstande ist, ein Herrenschloß und ein reiches Weib zu beherrschen.«
»Da wird sie zurückgekehrt sein auf Zurkow,« sagte Wendel, »ausgerüstet mit neuen Mitteln mich zu demütigen, und wird selbst die größte Demütigung erlebt haben, die ein reiches Weib erleben kann: von dem Bettler abgelehnt zu sein.«
Schon am nächsten Tag war Wendel Blees so glücklich, in einem Vororte Wiens als Zimmermaler Beschäftigung zu finden. Er besuchte mich häufig, aber für meine Bilder und ästhetischen Studien hatte er kein Interesse mehr, er saß zumeist still da und blickte zum Fenster hinaus auf die alten Ulmen und Eichen eines verwahrlosten Parkes. Von seinem abenteuerlichen Gutsherrnleben sprachen wir nicht mehr; ich aber dachte daran und mir kam die ganze Geschichte noch wunderlicher vor.
Ich wußte nur, daß er seiner Gattin nicht schrieb und ihr absichtlich seinen Aufenthaltsort verheimlichte. Um so eifriger las er ein pommersches Wochenblatt und in demselben einmal eine Feilbietung des Gutes Zurkow auf Rügen. Er zeigte mir mit dem Finger die Stelle; wir haben nicht ein Wort darüber gesprochen.
Mittlerweile bemerkte ich, daß die Farben – die grünen sollen besonders schädlich sein – dem Wendel Blees nicht mehr so wohl bekamen als einst, er wurde bleich und bekam eingefallene Wangen. Seine Besuche bei mir verminderten sich, er strich in seinen freien Stunden allein umher in den Vorstädten oder er saß in seiner Dachkammer und brütete vor sich hin. Als ich von einer größeren Reise zurückgekehrt war, gedachte ich wieder einmal seiner und suchte ihn auf. Ich fand ihn auf dem Fußboden kauernd, wo er eben ein paar Patronen (Formen für Zimmermalerei) aneinanderzuheften vorhaben mochte, aus Erschöpfung aber rasten mußte. Ich erschrak vor der herabgekommenen krankhaften Gestalt, vor dem stieren Blick, der mich völlig unheimlich anglotzte.
»Bist du krank, Wendel?« fragte ich.
»Was habt Ihr denn mit mir?« fuhr er jetzt auf, »warum soll ich krank sein?« Dann setzte er wehmütig und sanft bei: »So hast du doch nicht ganz meiner vergessen. Du kannst mir aber nicht helfen.«
»Willst du nicht bisweilen mit mir einen kleinen Spaziergang machen? Das zerstreut und erfrischt.«
»Wenn du recht langsam gehen willst,« meinte er, »ich war schon lange nicht mehr auf der Gasse und habe das Gehen verlernt.«
Als ich von ihm fortging, hastete mir die alte Frau, die ihn pflegte, zur Türe nach und fragte: »Wie lang' kann er's denn noch machen, Herr Doktor?«
Es waren freundliche Spätherbsttage. – Ich führte den armen Wendel mehrmals auf den Ring; er sprach wenig, nur einmal, als er stehen blieb und sich an mich stützte, sagte er, mit großen Augen hinschauend: »Es ist eine herrliche Stadt!« Dann saßen wir auf einer stillen Bank des Stadtparkes und er schaute die gilbenden Blätter an, wovon eins ums andere langsam zu Boden sank.
Da war's eines Tages, als wir über den Schwarzenbergplatz schritten, daß mein Begleiter plötzlich einen Schrei ausstieß. Ein Fiaker rollte vorüber, in welchem eine schwarzgekleidete Dame saß. Wendel riß sich von mir los und mit ausgestreckten Armen lief er dem Wagen nach. Ich suchte ihn zurückzuhalten, aber er eilte, als wären seine Arme Flügel, er verfolgte den Wagen bis zur Brücke, dort stürzte er zusammen.
Allsogleich waren wir von einem Menschenhaufen umringt. Wir hoben ihn auf. Seinem Mund entströmte Blut; er schlug die Augen weit auf und stierte um sich und murmelte: »Sie ist fort.«
»Wen meinst du, Wendelin?«
»Freda!« hauchte er matt.
Man trug ihn in einem geschlossenen Lederkasten ins nächste Lazarett; als sie ihn in der Halle niederließen und ich die Klappe öffnete, um zu fragen, wie er sich befinde, da waren die Lippen für immer verstummt.
Man erinnert sich vielleicht noch an eine Zeitungsnotiz, daß an jenem Oktobertage ein Mann einem Fiaker nachgelaufen, auf der Schwarzenbergbrücke mit dem Rufe: »Freda!« zusammengebrochen und bald darauf verschieden sei.
Aber man weiß wohl nicht, daß diese Notiz einen seltsamen Besuch in der Leichenhalle zur Folge gehabt hat. Eine fremde Dame fand sich ein, bat sich die Leiche des Zimmermalers Wendelin Blees aus, bekränzte sie mit Eichenlaub, überführte sie auf einen still und lieblich gelegenen Friedhof des Wienerwaldes und begrub sie in einem eigenen Grabe.
Auf dem Steine steht das Wort, das einzige Wort: »Verzeihe!«
Das Mündel-Kindel.
Im Garten des Gasthauses zum »Roten Herzen«, an einem Ecktische saß ein junger Mann. Er war der einzige Gast, die Mittagsleute hatten sich schon verzogen und die Nachmittagszecher waren noch nicht angerückt. Die jungen Wildkastanien gaben wenig Schatten, auf den runden Tischen mit den unordentlich verschobenen Tischtüchern, an denen hie und da Spuren der Bratensauce sichtbar waren, lag die grelle Aprilsonne. Drinnen in einem Winkel der Gaststube kauerte der Kellner, der einen Teil des Schlafes, den in der Vornacht anhaltende Trinker ihm gestohlen, einzubringen hatte. Der junge Gast, auf dessen blassem Gesicht schwarze Augenbrauen und ein schwarzes dünnes Schnurrbärtchen lagen, stützte sein Haupt auf den Ellbogen, so daß der gesprenkelte Strohhut auf dem Ohre lag. Er hatte vor sich ein volles Glas Bier stehen, in dem der weiße Schaum bereits zerronnen war. Er blickte hinaus auf die Kastanienallee, in der gelangweilte Spaziergänger hin und her siffelten oder auf den Bänken saßen. Am Alleedamme balgten ein paar Gassenjungen, die grüne Gesichter und dunkle Ringe um die Augen hatten und die paar Lumpen, die sie an den mageren und schmutzigen Gliedern trugen, sich gegenseitig vollends herabzureißen suchten. – Aus dem Sinnen über die Zukunft solcher verwahrloster Kinder wurde der junge Mann geweckt durch einen rasch in den Garten tretenden zweiten, der Überrock und Stock auf einen Sessel warf und sich bei dem Freunde entschuldigte, daß er ihn hatte warten lassen. Mit beiden Händen seinen braunen Vollbart streichend, setzte er sich an den Tisch, rief nach einem Glas Bier und auch der erstere ließ sein abgestandenes Glas gegen ein frisches umtauschen.
»Ich hatte zum Schluß noch eine Überstunde mit drei Prozessen,« erzählte der Ankömmling. »Eine Ehrenbeleidigung und zwei Paternitätsklagen.«
»Paternitätsklagen?« fragte der junge Mann und hob jetzt seinen Kopf in die Höhe. »Das ist interessant.«
»Ach, was verstehst du davon,« lachte der Bezirksrichter.
»Aber anhören kann man's doch.«
»Im Vertrauen gesagt, Alfons, du siehst mir seit einiger Zeit gar nicht danach aus, als ob dir mit Widerlichkeiten gedient wäre. Nein, für Kopfhänger sind Gerichtsangelegenheiten nicht die richtige Unterhaltung. Heil dir!«
Er hob sein Glas zum Anstoßen, Alfons tat ihm verdrossen Bescheid und goß dann sein Bier auf einem Zug hinunter, während der Richter sich mit einem Halben genug tat, den er mit Behagen vollführte, um dann seinen etwas genetzten Bart wieder in Ordnung zu bringen.
»Sage mir, Freund, was fehlt dir? Hast du deine Lustigkeit in den Taschen des Winterrocks gelassen? Gibt dir das Staatsexamen so viel zu schaffen oder hat dir dein Alter die Rationen beschnitten? Andere Mißgeschicke kann ich mir bei einem Studiosus nicht denken.«
»Nicht?«
»Oder unglückliche Liebe? Doch dazu hast du, so viel ich weiß, nie Talent gehabt.«
»Nein, dazu habe ich nie Talent gehabt,« sagte Alfons gelassen nach und schob auf dem Tisch das Salzgefäß beiseite, obschon es ihm nicht im Wege gewesen war. Und rief nach Bier. Aber als der Kellner um das Glas kam, wehrte er ab: »Ich danke. Ich trinke nicht mehr.«
Mit einiger Befremdung betrachtete nun der Bezirksrichter seinen Freund daraufhin, ob er nicht etwa krank sei. Der andere hielt das nun nicht mehr lange aus. Diese Gelegenheit war ihm ja erwünscht. Für die Länge ist solch ein Anliegen nicht zu ertragen, ohne es mitteilen zu können. Und wem sollte er es mitteilen, als diesem Manne, der, um etliche Jahre älter, entfernt mit ihm verwandt und seit Kindheit vertraut, sich stets als verläßlicher und verschwiegener Freund erwiesen hatte.
»Gustav,« sagte er plötzlich und rückte seinen Sessel. »Ich möchte dir etwas sagen. Vielleicht kannst du mir einen Rat geben. Aber sitzen bleiben möchte ich nicht hier. Machen wir einen Spaziergang.«
Sie legten ihre Münzen hin und gingen. Durch die Allee hinaus schwieg Alfons, erst als sie in den Eichenwald kamen, wo der Kiesweg mit dem Schatten der treibenden Baumzweige besprenkelt war, bückte er sich nach einem Steinchen, warf es wieder fort und sagte: »Denke dir, Gustav, ich habe Malheur gehabt. Mit der kleinen Blonden.«
»Mit der Strohhutmamsell? Aber das ist doch wohl tempi passati. Du hast mir ja schon lange nichts mehr von ihr erzählt.«
»Nun eben dann hättest du dir's denken können. Sie ist tot und – das Kind lebt.«
Da blieb der Richter stehen, kehrte sich dem Freunde zu und sagte leise und gedehnt: »Na, hörst du!« –
Alfons schaute ihn unsicher an. »Dein Richterantlitz magst du nur abseits lassen. Das kann ich jetzt nicht brauchen. Ich bin schwer abgestraft. So teuer ist dir das sicher nie zu stehen gekommen. Sie starb in der Klinik. Das Kleine – heute sechs Tage alt – ist im Findelhaus.«
»Nun also!« rief der Richter, aber Alfons fand den Ruf nicht ganz harmlos. »Entweder,« sagte er, »glaubst du, ich gebe mich mit dem Findelhaus zufrieden, oder –. Sei versichert, daß mir die Sache verteufelt nahegeht. Soll es nun ins Waisenhaus? Oder in eine andere Anstalt? Ich höre, man bringt so einen Wurm nirgends unter. Dann geben sie ihn aufs Land hinaus. Wo sie Engerl machen.«
»Aber, das wirst du doch nicht zulassen!«
»Ja, glaubst du denn, ich werde mich nennen und bekennen?«
»Mein lieber Alfons, das wirst du allerdings müssen.«
»Du kennst doch meinen Alten. Der würde mich enterben. Was sage ich, enterben. Ermorden! Wenigstens träfe ihn der Schlag.«
»Dein Vater mag zwar ein bißchen so etwas sein, wie ein Moralphilister. – Du verzeihst schon. Aber ich halte ihn auch für einen anständigen Mann – du verzeihst abermals. Das Kind seines Sohnes wird er nicht verderben lassen. Ist es ein Knabe?«
»Natürlich! Aber daß ich den Alten in die Geschichte einweihe, das ist ganz ausgeschlossen. Wenn ich nur Geld hätte, dann ließe sich's leicht machen.«
»Setzt er dir immer noch bloß zwanzig Kronen aus, monatlich?«
»Könnte ich mir ein Automobil halten oder wenigstens ein Reitpferd, wie andere unserer Sippe, ich hätte mich nie nach dieser Richtung hin so weit verloren. Ich habe schon gedacht, ob ich jetzt nicht die Reise nach England machen sollte, wie es mein Alter wünscht. Natürlich hielte ich mich die Zeit über bei einem guten Freunde verborgen und mit dem Gelde wäre das Kind für eine Weile versorgt. Was meinst du?«
Als die beiden Männer langsam weiter gingen, sagte der Richter in einem etwas singenden Tone: »Ja, ja. So machen sie's alle. Fast alle. Ist die eine Dummheit vollbracht, dann machen sie die zweite. Aber es ist ja gar nicht nötig, Alfons, daß du deines Kindes wegen ein Schwindler wirst. Es wird auch so gedeihen. Hat es schon einen Vormund?«
»Was weiß ich. Wenn's erst auf so einen Vormund ankommt – das sind mir auch die rechten. Die Waisen, die da auf dem Lande draußen verlausen und versumpern und endlich Trottel oder Lumpen werden – alle haben ihre Vormünder. Du siehst, daß ich mich schon unterrichtet habe.«
»Also deinem Vater willst du nichts sagen?«
»Nein. Es würde das ganze Familienglück – was man so nennt – zerstören. Am meisten würde Mama darunter zu leiden haben. Nein, daheim in der guten Stube breite ich meine Sache nicht aus. Niemals.«
»Lieber verleugnest du das arme Kind, lässest es verderben, zum Trottel oder Spitzbuben werden. Na, ich dank' schön.«
Da faßte Alfons den Freund am Arm und sprach: »Ich habe dir nicht vertraut, damit du mich rasend machen sollst. Wenn du keinen Rat weißt – ich habe dich ja nicht verpflichtet dazu.«
»Fonserl! Fonserl! Nachdem, wie du jetzt geneigt bist, anderen Unrecht zu tun, sehe ich klar, daß du dich in Unrecht fühlst. Und das freut mich. Das Unrecht kommt von deinem Kummer und der Kummer kommt von der Liebe. Du liebst deinen Knaben.«
»Aber ja!« brauste Alfons auf, zornig erregt darüber, daß ihm eine fremde Hand so tief in den verstecktesten Herzwinkel griff. Die andere Liebe hatte er dem Freunde gern verraten, dieser hatte er sich geschämt Sie war zu zart und wundersam, er war ihrer zu ungewohnt. Dieses so sanft und so unwiderstehlich hinneigende wehe Gefühl, dieses Lustgefühl, dieses Angstgefühl – dieses abgrundtiefe Erbarmen – wenn das Vaterliebe war! – Dann erzählte er, wie er durch mancherlei Liste ins Findelhaus gekommen war und das Kind gesehen hatte. Für eine Verwandte in der Provinz sollte er ein kleines Kind aussuchen, eine lächerlichere Lüge fiel ihm nicht ein, doch sie war gut genug, um ihn vor das Bettchen zu bringen, über dem auf der Tafel der Name Richard Fachler und eine Nummer stand. Das war auch alles, was sein Kind besaß, und er – der junge Vater – sollte einmal drei Stadthäuser erben. Und konnte ihm nichts davon geben. So klein lag es da und sein rotes Köpfchen war kaum größer wie ein Apfel. Den Mund und das Näschen hatte es, so deuchte ihm, von seiner Mutter, dem guten armen Mädel, das sie am selben Tage in die Leichenkammer getragen. Die Augen des Kindes hatte er nicht gesehen, es schlief, es versäumte den Augenblick, da sein Vater vor ihm stand, das erste- und vielleicht das letztemal.
»Und seither,« sagte Alfons, »wohin ich blicke, überall dieses Kindergesicht. Vorhin im Gastgarten sah ich Gassenjungen, verkommene Rangen, und einer hatte das Gesicht Richards, der Teufel hol's, und war doch eine Fratze! – Freund, ich glaube, ich bin hysterisch.«
»Weißt du, was man draußen im Volke sagt?« sprach nun der Richter. »Wenn von den Eltern eines stirbt, erbt der andere Teil die Liebe desselben zum Kind, so daß er eine doppelte Liebe hat, die des Vaters und die der Mutter. Wörtlich weiß ich nicht, wie es lautet, ein Spruch ist's.«
»Ja mein Gott, was finge denn ich mit dieser doppelten Liebe an! Und kein Kind dazu. Nein doch, auf einmal so ein kleines, kreischendes Kind haben, und doch wieder keines haben – etwas Komischeres gibt's nicht mehr.« So der junge Mann, und dabei mußte er sich heftig schneuzen.
»Regnet's denn?« rief plötzlich der Richter; zwischen den Ästen der Eichen klatschten einige Tropfen nieder. »Es muß wohl, denn ich habe den neuen Überzieher an und keinen Schirm bei mir. Da regnet's immer. – Schon wieder vorüber. Aprilwetter. – Ja, Freund, du hast mich zwar nicht um Rat gefragt in deiner Angelegenheit. Es gibt eigentlich weiter auch keinen. Aber ich biege das Dokument ein. Das heißt, es wird berücksichtigt. Es ist ja nicht ganz unmöglich, daß sich etwas machen läßt.«
Solches ist besprochen worden auf jenem Spaziergange. Am Abende, als die Freunde auseinandergingen, schlenderte Alfons noch eine Weile durch die Stadt, es tat ihm aber das elektrische Licht weh und er suchte die Gassen, wo nur noch einige der alten, trüben Gaslaternen brannten. Er kam auch zu dem Gebäude der Findelanstalt, ging einen recht langsamen Schritt und kam endlich doch vorüber. Nach dem Friedhofe führte diese schmale, winklige Gasse hinaus. Aber er sagte sich: Nicht sentimental sein! Wenn du was Warmes übrig hast, so gib es Lebenden. Er kehrte um und kam wieder am Findelhause vorüber. Es war schon spät in der Nacht.
Am Stadtplatz, links von der Rathausecke mit dem sechseckigen Turm, standen in geschlossener Reihe die Häuser des Kaufmannes Marand. Das letzte derselben, das Eckhaus an der Bürgerstraße, trug das Schild »zu den drei Schaufeln«. Es war vom Erdgeschoß bis zum dritten Stock mit Waren aller Art angestapelt; die Treppen, Hofsöller und Hallen surrten den ganzen Tag wie ein Bienenschwarm von Kauflustigen, die von zahlreichen Kommis und Handlangern bedient wurden. Durch das Gedränge schritt manchmal, die Hände am Rücken, ein alter stattlicher Herr, mit weißem, halbkurzgeschnittenem Haar und grauem Spitzbart. Er machte vornehmeren Kunden die Honneurs, wer ihn aber nach einer Ware oder deren Preis fragte, den wies er mit einer leichten Handbewegung an die Bedienenden. Das war Herr Josef Marand, der Chef des Hauses. Im vierten Stock hatte er eine geräumige Wohnung für sich, sein kleines Frauchen und seinen einzigen Sohn Alfons. So lebhaft es in den unteren Stockwerken herging, so still war es im obersten. Der Sohn, ein studiosus juris war selten zu Hause, und wenn doch, so war er in neuester Zeit schweigsam und schwermütiger Stimmung. Die Mutter suchte ihm seine Lieblingsspeisen aufzudrängen, durchwärmte übermäßig sein Zimmer, wollte mehrmals schon den Arzt rufen, denn sie war überzeugt, daß eine innere Krankheit in ihm nage. Sein Vater war der Meinung, Alfons arbeite zu wenig und der Müßiggang mache mißlaunig.
Nun wurde der alte Herr selbst, obschon er stets tüchtig arbeitete, eines Tages in eine große Mißlaune versetzt. Kam er zum Mittagsmahl mit zorngeröteten Wangen, einen grauen Papierbogen in der Hand. »Da haben wir's!« polterte er auf seine erschrockene Frau los. »Diese Lumpen! Da setzen sie Kinder auf die Welt und lassen andere dafür sorgen. Sie können mich zwingen, sagt mein Rechtsanwalt, und ich sage, sie können mich nicht zwingen. Geht das Bezirksgericht kurzer Hand her und kommandiert mich zum Vormund eines Findelkindes. Oder so etwas. Den Herrn Papa kennt man nicht, natürlich, und die Mutter stirbt bei der Geburt. Diese Gewissenlosigkeit! Und jetzt drängen sie mir den Balg auf, es ist ja zum Totlachen! Aber ich rekurriere! Zwingen! Ich glaube nicht, daß man zu so etwas gezwungen werden kann. Das ist doch eine Gewissenssache, und zu einer solchen kann kein Mensch gezwungen werden. Nein, was sie einem bei uns alles aufmutzen wollen!«
Seine Frau war bald beruhigt und meinte, das Unglück sei ja nicht so groß. Er hätte doch öfter schon Vormundstelle vertreten und wisse, daß außer ein bißchen Überwachung des Mündels nichts verlangt werde.
»Nichts verlangt, nichts verlangt? Schon morgen bin ich zu Gericht beschieden zur Pflichtgelobung, um neun Uhr. Gerade diese fatale Stunde, wo die erste Post abzufertigen ist. Und so geht's hernach fort mit den Laufereien, einmal zum Gericht, dann zum Kind, dann in den Stadtrat, dann zum Vater –«
»Aber wenn man den Vater gar nicht weiß,« lachte die kleine muntere Frau.
»Eben, der Vormund soll ihn suchen, das gehört zu seinen ersten Pflichten. Und wenn man so 'nen Kerl dann noch bei den Ohren nehmen dürfte! Hat der Vormund Rechte? niemals, nur Pflichten – ich pfeife darauf.«
Alfons saß bereits bei seinem Suppenteller und löffelte tüchtig darauflos.
»Du ißt schon wieder zu heiß, Kind!« verwies ihm die Mutter, denn er war rot im Gesicht bis hinter die Ohren. Während des Essens stellte er sich dann gelangweilt, lugte aber doch heimlich auf das Dekret, das der Alte neben sich auf die Kommode geworfen hatte. Der Name interessierte ihn ein bißchen. – Es war richtig. Richard Fachler. Sein Vater war Vormund des Enkels geworden.
An einem der nächsten Tage begegnete Alfons seinem Freunde Gustav auf der Promenade. Ganz flüchtig, denn beide gingen in Gesellschaft. »Zufrieden?« rief ihm der Bezirksrichter zu.
Nun kam die Notwendigkeit heran, daß Marand im Findelhaus sich nach dem Kind erkundigte. Die Besuchsstunde traf sich gerade mit einer Handelskammersitzung, er hatte also nicht Zeit und schickte seine Frau. Die kam ganz erregt nach Hause. Ein so herziges Kind habe sie noch ihr Lebtag nicht gesehen. Dann begann sie, es zu beschreiben, während der Alte mit finsterem Gesicht den Kurszettel durchsah und Alfons mit der Seidenbürste seinen Zylinder glättete. So ordentlich hatte er den Hut noch nie gebürstet; so lange die Mutter redete stand er am Fenster und bürstete den Hut. Sie hatte auch die Papiere der Kindesmutter mitgebracht, derer bemächtigte sich sofort der Student, um seinem vielbeschäftigten Vater die Durchsicht zu ersparen. Außer den gewöhnlichen Dokumenten war ein zierliches Notizbüchlein da, das er unterschlug und aus dem er später ein paar Blätter entfernte.
In der nächsten Woche wurde Marand – und zwar zu sehr ungelegener Stunde, er hatte notwendig im Warenmagazine zu tun gehabt – zu Gerichte beschieden, um seine Unterschrift zur Verfolgung und Habhaftmachung des Kindesvaters zu leisten. Er tat ein übriges und bestimmte für die Auffindung dieses »Strolches« ein Prämium von fünf Dukaten. Mittlerweile kündigte das Findelhaus dem Kinde den Aufenthalt, es sei eigentlich kein Findelkind, weil ja die Mutter bekannt war, es gehöre in ein Kinderasyl. Da gab es nun neuerliche Laufereien zu den Behörden, zu allerlei Anstalten und Persönlichkeiten und der Arzt verlangte, das Kind müsse eine Amme haben, es sei schwächlicher Natur und könne nur durch besondere Sorgfalt am Leben erhalten werden. Unter solchen Plagen nahm Marand eines Abends, als er mit seiner kleinen Familie beim Tee saß und eine vorzügliche Havanna rauchte, Anlaß, über die Folgen eines Fehltrittes zu sprechen und ganz ausdrücklich seinen Sohn davor zu warnen. »Wenn du einmal so was anstelltest, Alfons! Ich weiß nicht! Ich möcht's nicht erleben! Merk' dir's!« – Darob war die Mutter etwas ungehalten und meinte, das sei wirklich ganz überflüssig, vor Alfons solche Sachen zu besprechen; wenn sie sonst keine Sorgen hätte; diese, daß ihr Sohn in fraglicher Beziehung etwa nicht musterhaft sei, wolle sie leicht ertragen. Man müsse ihn nur nicht mit der Nase daraufstoßen.
Am nächsten Morgen, als Alfons auf die Universität ging, begegnete ihm auf der Treppe ein Weib vom Lande. Es hatte einen großen Handkorb bei sich, das runzelige Gesicht, das nur teilweise aus dem wulstigen Kopftuche hervorguckte, war über der Nase mit einem Leinwandpflaster bedeckt. Zu ihren Füßen heulte plötzlich ein braunes Dachshündchen auf, dem sie auf die Pfote getreten. »Luder, verdammtes!« kreischte die Alte und stach mit ihrem roten Regenschirm nach dem Tiere. Und dann erkundigte sie sich mit einer dünnen singenden Stimme, die aus zahnlosem Munde kam, ob in dem Hause der Kaufmann Marand wohne. Sie habe gehört, er sei der Vormund eines Findelkindes und da sie gerade beim Arzt in der Stadt zu tun gehabt habe, so wolle sie gleich ein kleines Kind mit nach Hause nehmen und da möchte sie halt anfragen, was dafür bezahlt würde.
Alfons antwortete, der Mann wohne allerdings im Hause, aber er würde sie, wenn sie in dieser Sache vorspreche, unfehlbar über die Stiege herabwerfen. Darob ist die Alte umgekehrt und Alfons hat auf seinem Weg in die Vorlesung und während derselben den Gedanken weitergesponnen, wie, wenn der kleine Richard diese Hexe zur Nähr- und Pflegemutter bekäme?
Bei einem Vorspruch im Findelhaus, um für das Kind die Bleibefrist zu verlängern, fand der alte Herr sich doch genötigt, sein Mündel anzusehen. Und als er nach Hause kam, war er unwirsch und über sein Journal gebeugt rief er aus: »Der arme Wurm kann ja schließlich nichts dafür. Es ist ein armer Wurm. Anders kann man's nicht sagen.« – Und abends beim Tee lauerte er die Stimmung seines Frauchens ab. Sie hatte viele gute Tage und er wollte nicht gerade einen der wenigen schlechten erwischen.
»Die Sache bin ich satt,« polterte er plötzlich hervor. »Ein Gelaufe hin und her, schon wochenlang. Eine Behörde schiebt's auf die andere, niemand will sich annehmen ums arme Wesen. Wenn ich – wie es beinahe aussieht, das Findelhaus bezahlen soll und die Amme verlohnen und fürs weitere Fortkommen sorgen – ja zum Satan, da ist's einfacher, man nimmt das Kind ins Haus – –.«
Und nun forschte er, was sie dazu für ein Gesicht zog. Sie zog aber gar keins, sondern behielt ihr natürliches bei, das gute freundliche, feinrunzlige Gesicht. Hingegen hatte Alfons, der gerade eine Zigarette zu drehen im Begriffe war, mit einer plumpen Armbewegung die Tabakschachtel über den Tischrand hinabgestoßen, nun konnte er sich den feinen Türkischen auf dem persischen Teppich zusammenfegen.
»Im Gartenzimmer,« setzte der alte Herr bei, »würde es wenig genieren. Natürlich eine Amme dazu, und die Sache hat sich gehoben. Selbstverständlich nur für die erste Zeit, bis das Geschöpf etwas kräftiger ist und ohne Bedenken aufs Land gebracht werden kann.«
Die Frau war über diesen Vorschlag verwundert. Instinktiv regt es eine Frau auf, wenn der Mann plötzlich ein fremdes Kind unsicherer Herkunft ins Haus nehmen will.
»Was meint Ihr?« fragte er.
»Mich geniert's nicht,« antwortete Alfons mit gleichgültiger Miene.
Die Mutter meinte, das müßte erst gut überlegt werden. Hätte man so etwas einmal im Hause, dann wäre es schwer, es wieder fortzubringen. Es müsse extra dafür eine Magd gehalten werden und allerlei sonst. Die Männer hätten keine Ahnung, was das heißt, ein kleines Kind im Hause haben. Aber sie seien nachher doch die ersten, die sich über das Kindergeschrei beklagen.
»Mich geniert's gar nicht,« versicherte Alfons noch einmal.
»Ich glaube endlich auch dem Vater auf der Spur zu sein,« sagte der Alte. »Heißt das, positive Anhaltspunkte sind noch keine vorhanden, aber mancherlei stimmt auffallend. Ihr erinnert euch noch an den Kommis Steiner, den ich vor zwei Jahren entlassen mußte. Der soll in dem Hause des Strohhuthändlers Goll gewohnt haben. Beim Goll im Hause, dort ist ja auch die Kindsmutter gewesen.«
Das Tabakzusammenfegen auf dem Teppich erlitt eine Unterbrechung. Alfons war für zwei Augenblicke erstarrt.
»Der Steiner, meinst du?« fragte die Frau. »Wenn ich nicht irre, ist der damals ja nach Triest übersiedelt.«
»Ei richtig, Frau, du hast recht. Man hörte sogar, daß er nach Südafrika ausgewandert sei, ich erinnere mich. Also der nicht. Dann ist's aber jedenfalls ein anderer. Ich werde ihm schon noch draufkommen.«
Die Tabaksammlung ging wieder ruhig vonstatten.
»Natürlich, in dieser Angelegenheit kommt's auf die Hausfrau an,« sagte der Kaufmann. »Wenn es dir nicht recht ist, dann nicht.«
»Mein Gott, recht ist – recht ist!« entgegnete sie gutmütig greinend. »Wenn ein gutes Werk geschieht, das muß einem wohl immer recht sein.«
Da klatschte Alfons die Hände zusammen und rief in aller Lustigkeit aus: »Die Mama! Jetzt hat sie ein kleines Kind bekommen!« Und schon lange nicht mehr, wenn er des Abends auf sein Zimmer ging, klang's so warm und froh wie heute: »Gute Nacht, Vater! Gute Nacht, Mutter!«
Nun war der kleine Richard im Hause Marands. Anfangs gab es Unebenheiten im Haushalte. Ein Kind, und es mag noch so klein sein, beherrscht das Haus. Aber sie ertrugen es. Hatten sie sich's doch selbst eingebrockt. Der Vater hatte es im Hause haben wollen, die Mutter hatte ja gesagt. Alle vormundlichen Laufereien des beschäftigten Kaufmannes hatten ein Ende, das Gericht sagte nichts weiter, denn es wußte die Waise in guter Hut. Alfons war jetzt fast immer zu Hause, er brachte manche Stunde im Gartenzimmer zu und spielte mit dem Knaben, der von Woche zu Woche prächtiger gedieh und ein sehr schönes Kind war. Und selbst zur Zeit, wenn andere Studenten in der Kneipe saßen, blieb Alfons daheim und spielte mit dem Kind.
Nach ein paar Jahren war der Knabe ein gesundes, kräftiges Menschlein geworden. Ein lieber kleiner Kerl. Das Haar war nachgedunkelt, die langen Augenwimpern und Brauen waren pechschwarz und die großen runden Augen schauten frisch und kindlich in die gute Welt hinaus, die liebevoll um ihn aufgerichtet worden war. Nun bekam er die erste Hose und das übrige dazu – einen »Matrosenanzug« mit den flotten Schulterklappen und den goldenen Ankern daran, und das Käppchen, wie es ähnlich einst auch Alfons gehabt.
Zur Zeit fiel Josef Marands sechzigster Geburtstag.
Am Vorabende lud der Jubilar seine Frau und seinen Sohn zu einer Besprechung ein.