Anmerkungen zur Transkription:

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.

RABINDRANATH TAGORE

DER
ZUNEHMENDE
MOND

KURT WOLFF VERLAG

Copyright 1915

Kurt Wolff Verlag, Leipzig

Berechtigte deutsche Übertragung von
HANS EFFENBERGER
nach der von Rabindranath Tagore
selbst veranstalteten englischen Ausgabe

DIE HÜTTE

Ich ging allein den Weg über das Feld, während der Sonnenuntergang sein letztes Gold wie ein Geizhals verbarg.

Des Tages Licht sank tiefer und tiefer in die Dunkelheit, und das verwitwete Land, der Ernte brach, lag schweigend.

Plötzlich stieg eines Knaben schrille Stimme in den Himmel. Er durchdrang ungesehn das Dunkel und ließ die Spur seines Liedes über der Stille des Abends.

Seine Hütte lag im Dorf am Ende des öden Landes, hinter dem Zuckerrohrfeld, verborgen in den Schatten der Bananen und der schlanken Arēka-Palme, der Kokosnuß und der dunkelgrünen Brotfruchtbäume.

Ich hielt einen Augenblick inne auf meinem einsamen Gang im Licht der Sterne und sah ausgebreitet vor mir die dunkelnde Erde, in ihren Armen zahllose Hütten mit Wiegen und Betten, Mutterherzen und Abendlampen und jungen Leben, froh von einer Freude, die nicht weiß, was sie der Welt bedeutet.

AM MEERUFER

Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder.

Der grenzenlose Himmel zu Häupten ist ohne Bewegung, und das ruhlose Wasser ist ungestüm.

Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder mit Jubeln und Tanzen.


Sie bauen ihre Häuser aus Sand, und sie spielen mit leeren Muscheln. Aus welken Blättern flechten sie ihre Boote und lassen sie lächelnd über der ungeheuren Tiefe treiben. Kinder haben ihr Spiel am Meerufer der Welten.


Sie können nicht schwimmen, sie können nicht Netze werfen. Perlenfischer tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in ihren Schiffen, während Kinder Kiesel sammeln und sie wieder verstreun. Sie suchen nicht nach verborgenen Schätzen, sie können nicht Netze werfen.


Das Meer schäumt auf in Gelächter, und fahl glänzt das Lächeln des Gestades. Todbringende Wellen singen verständnislose Balladen den Kindern, wie eine Mutter beim Einwiegen. Das Meer spielt mit Kindern, und fahl glänzt das Lächeln des Gestades.


Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder. Sturm streicht am pfadlosen Himmel, Schiffe kentern in dem spurlosen Wasser, der Tod ist unterwegs, und Kinder spielen. Am Meerufer endloser Welten ist das große Begegnen der Kinder.

DER URSPRUNG

Der Schlaf, der über des Kindleins Augen huscht – weiß jemand, woher der kommt? Ja, es geht ein Gerücht, daß er in dem Märchendorfe wohnt. Unter Waldesschatten, von Glühwürmern trüb erhellt, hängen zwei Zauberknospen. Von dort kommt er, des Kindleins Augen zu küssen.

Das Lächeln, das auf des Kindleins Lippen flackert, wenn es schläft – weiß jemand, wo das geboren ward? Ja, es geht ein Gerücht, daß ein junger, blasser Strahl des zunehmenden Mondes den Saum einer schwindenden Herbstwolke berührte, und da wurde das Lächeln zuerst geboren in dem Traum eines taureinen Morgens – das Lächeln, das auf des Kindleins Lippen spielt, wenn es schläft.

Die süße, sanfte Frische, die auf des Kindleins Gliedern blüht – weiß jemand, wo die so lange verborgen war? Ja, sie lag, als Mutter noch ein junges Mädchen war, ihr Herz durchdringend, im zarten und schweigenden Geheimnis der Liebe – die süße, sanfte Frische, die auf des Kindleins Gliedern aufgeblüht ist.

DES KINDCHENS WESEN

Wenn Kindchen nur wollte, könnte es in diesem Augenblick zum Himmel auffliegen.

Es ist nicht umsonst, daß es uns verläßt.

Es liebt es, seinen Kopf auszuruhn an Mutters Brust und kann es niemals ertragen, wenn seine Augen sie nicht sehn.


Kindchen kennt allerhand weise Worte, wenn auch Wenige auf Erden ihren Sinn verstehen können.

Es ist nicht umsonst, daß es niemals zu sprechen verlangt.

Das einzige, das es verlangt, ist Mutters Worte von Mutters Lippen zu lernen. Darum schaut es so unschuldig drein.


Kindchen hatte einen Haufen Gold und Perlen und doch kam es wie ein Bettler in diese Welt.

Es ist nicht umsonst, daß es in solcher Verkleidung kam.

Dieser liebe, kleine, nackte Bettler gibt vor, ganz hilflos zu sein, damit er um Mutters reiche Liebe betteln kann.


Kindchen war so frei von jeder Fessel im Lande des kleinen, zunehmenden Monds.

Es war nicht umsonst, daß es seine Freiheit aufgab.

Es weiß, daß Raum ist für endlose Freude in dem kleinen Winkel von Mutters Herzen und daß es viel süßer ist als Freiheit, in ihren lieben Armen gefangen und geherzt zu werden.


Kindchen wußte nichts vom Schreien. Es wohnte im Lande der vollkommenen Seligkeit.

Es ist nicht umsonst, daß es das Weinen erwählt hat.

Wenn es auch mit dem Lächeln seines lieben Gesichtes Mutters sehnendes Herz zu sich zieht, so schlingen doch seine kleinen Schreie über winzige Kümmernisse das doppelte Band von Mitleid und Liebe.

DAS UNBEACHTETE SCHAUSPIEL

Ach, wer war's, der diesen kleinen Kittel bunt färbte, mein Kind, und Deine süßen Glieder mit diesem kleinen, roten Rock bedeckte?

Du bist herausgekommen im Morgen, auf dem Hof zu spielen, torkelnd und taumelnd, wenn Du läufst.

Aber wer war's, der diesen kleinen Kittel bunt färbte, mein Kind?


Was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe?

Mutter steht auf der Schwelle und lächelt Dich an.

Sie klatscht in ihre Hände, und ihre Spangen klirren, und Du tanzest mit Deinem Bambusstock in der Hand wie ein kleinwinziger Hirte.

Aber was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe?


O Bettler, was bettelst Du, Mutters Nacken mit Deinen beiden Händen umschlingend?

O gieriges Herz, soll ich die Welt pflücken wie eine Frucht vom Himmel, um sie in Deine kleine, rosige Hand zu legen?

O Bettler, um was bettelst Du denn?


Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner Fußschellen davon.

Die Sonne lächelt und bewundert Dein Kleid.

Der Himmel wacht über Dir, wenn Du schläfst in Mutters Armen, und der Morgen kommt auf Zehenspitzen an Dein Bett und küßt Deine Augen.

Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner Fußschellen davon.


Die Feenkönigin der Träume kommt zu Dir durch den Dämmerhimmel geflogen.

Die Weltenmutter sitzt bei Dir in Deiner Mutter Herzen.

Er, der seine Musik den Sternen spielt, steht an Deinem Fenster mit seiner Flöte.

Und die Feenkönigin der Träume kommt zu Dir durch den Dämmerhimmel geflogen.

SCHLAFDIEBIN

Wer den Schlaf von Kindchens Augen stahl, muß ich wissen.

Den Krug auf der Hüfte, ging Mutter Wasser holen aus dem nahen Dorf.

Es war Mittag. Der Kinder Spielzeit war vorüber. Im Teich die Enten schwiegen.

Der Hirtenknab' lag eingeschlafen unter dem Schatten des Feigenbaums.

Der Kranich stand ernst und still in dem Sumpf am Mangohain.

Mittlerweile kam die Schlafdiebin, haschte den Schlaf von Kindchens Augen und flog davon.

Als Mutter heimkehrte, fand sie Kindchen auf allen Vieren durchs Zimmer kriechen.


Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, muß ich wissen. Ich muß sie finden und anketten. Ich muß dort in die schwarze Höhle schaun, wo durch Felsen und düstres Gestein ein kleiner Bach sickert.

Ich muß suchen in dem Schlummerschatten des Bakulahains, wo Tauben in den Verstecken gurren und Elfenringe in der Stille der Sternennächte klirren. Des abends will ich in das flüsternde Schweigen des Bambuswaldes lugen, wo Leuchtkäfer ihr Licht verschwenden, und will jedes Wesen fragen, das ich treffe: »Kann einer mir sagen, wo die Schlafdiebin wohnt?«


Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, muß ich wissen.

Würd' ich ihr nicht ordentlich Bescheid sagen, wenn ich sie nur erwischen könnte! Ihr Nest würd' ich überfallen und sehn, wo sie all ihren gestohlenen Schlaf hütet. Ich würde es ganz plündern und ihn heimtragen.

Ich würd' ihre zwei Flügel fest zusammenbinden, sie an das Ufer des Flusses setzen und sie dann die Fischerin spielen lassen zwischen den Binsen und Wasserlilien.

Wenn abends das Markten vorüber ist, und die Dorfkinder ihren Müttern im Schoß sitzen, werden die Nachtvögel ihr spottend in die Ohren kreischen:

»Wessen Schlaf stiehlst Du Dir jetzt?«

DER ANFANG

»Wo bin ich hergekommen, wo hast Du mich aufgelesen?« fragte das Kind seine Mutter.

Sie antwortete halb weinend, halb lachend und drückte das Kind an ihre Brust:

»Du warst verborgen in meinem Herzen als seine Sehnsucht, Liebling.

Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele; und wenn ich aus Lehm das Bildnis meines Gottes formte jeden Morgen, dann formte und vernichtete ich Dich.

Du warst mit eingeschlossen in der Gottheit unsres Hauses; sie verehrend, verehrte ich Dich.

In all meinem Hoffen und Lieben, in meinem Leben, in dem Leben meiner Mutter hast Du gelebt.

Im Schoß des unsterblichen Geistes, der über unserm Hause waltet, bist Du genährt worden durch Menschenalter.

In meiner Mädchenzeit, da mein Herz seine Blumenblätter aufschloß, schwebtest Du als ihr Duft darüber.

Deine zarte Sanftheit blühte in meinen jugendlichen Gliedern wie ein Wolkenglühn vor Sonnenaufgang.

Himmelserwählter Liebling, Zwilling des Morgenlichts, Du bist den Strom des irdischen Lebens heruntergeschwommen und zuletzt bist Du an meinem Herzen gestrandet.

Ich schaue in Dein Gesicht, und Unfaßbares überkommt mich: Du, der allen gehört, bist mein geworden.

Vor Angst, Dich zu verlieren, halt' ich Dich eng an meine Brust. Welcher Zauber hat den Schatz der Welt in diese meine schlanken Arme verstrickt!«

KINDCHENS WELT

Ich wünsche, ich könnte eine stille Ecke haben im Herzen von Kindchens ureigenster Welt.

Ich weiß, sie hat Sterne, die zu ihm reden, und einen Himmel, der niedersteigt zu seinem Gesicht, um ihn mit seinen närrischen Wolken und Regenbogen zu vergnügen.

Solche, die tun, als wären sie stumm und dreinschaun, als könnten sie sich niemals bewegen, kommen zu seinem Fenster gekrochen mit ihren Geschichten und mit Kästen voll herrlichem Spielzeug.


Ich wünsche, ich könnte die Straße wandern, die durch Kindchens Gedanken führt, und weiter, hinaus über alle Schranken;

Wo Sendboten unterwegs sind ohne Grund zwischen den Königreichen der Könige, die keine Geschichte kennt;

Wo die Vernunft Drachen macht aus ihren Gesetzen und sie fliegen läßt, und die Wahrheit die Tat befreit von ihren Fesseln.

WANN UND WARUM

Wenn ich Dir buntes Spielzeug bringe, mein Kind, begreife ich, warum ein solches Spiel von Farben in den Wolken und auf dem Wasser ist, und warum die Blumen in Farben gemalt sind – wenn ich Dir buntes Spielzeug schenke, mein Kind.

Wenn ich singe, damit Du tanzest, weiß ich fürwahr, warum Musik in den Blättern ist, und warum Wellen ihrer Stimmen Chor zu dem Herzen der lauschenden Erde senden – wenn ich singe, damit Du tanzest.

Wenn ich Süßigkeiten bringe für Deine gierigen Händchen, weiß ich, warum Honig in dem Kelch der Blume ist, und warum Früchte heimlich mit süßem Saft gefüllt sind – wenn ich Süßigkeiten bringe für Deine gierigen Händchen.

Wenn ich Dein Gesicht küsse, damit Du lächelst, mein Liebling, begreife ich gewiß, welche Wonne vom Himmel träuft im Morgenlicht, und welch Entzücken die Sommerbrise meinem Körper bringt – wenn ich Dich küsse, damit Du lächelst.

VERLEUMDUNG

Warum sind diese Tränen in Deinen Augen, mein Kind?

Wie grausam von ihnen, Dich immer zu schelten, ohne Grund!

Du hast Dir Finger und Wangen mit Tinte beschmiert beim Schreiben – heißen sie Dich darum schmutzig?

O, pfui! Würden sie es wagen, den Vollmond schmutzig zu heißen, weil er sein Gesicht mit Tinte besudelt hat?


Wegen jeder Kleinigkeit tadeln sie Dich, mein Kind. Sie sind bereit, Fehler zu finden, ohne Grund.

Du zerreißest Deine Kleider beim Spielen – heißen sie Dich darum unordentlich?

O, pfui! Was würden sie einen Herbstmorgen heißen, der durch seine zerfetzten Wolken lächelt?


Achte nicht darauf, was sie zu Dir sagen, mein Kind.

Sie machen eine lange Liste Deiner Missetaten.

Jeder weiß, wie Du Süßigkeiten liebst – heißen sie Dich darum naschhaft?

O, pfui! Was würden sie dann uns heißen, die Dich lieben?

DER RICHTER

Sagt von ihm, was ihr wollt, ich kenne doch meines Kindes Fehler.

Ich lieb' ihn nicht, weil er gut ist, sondern weil er mein kleines Kind ist.

Woher wollt ihr wissen, wie lieb er sein kann, wenn ihr versucht, seine Tugenden gegen seine Schwächen abzuwägen?

Wenn ich ihn strafen muß, wird er um so mehr ein Teil meines Seins.

Wenn ich Ursache bin, daß ihm die Tränen kommen, weint mein Herz mit ihm.

Ich allein habe ein Recht, zu tadeln und zu strafen, denn der nur darf züchtigen, der liebt.

SPIELZEUG

Kind, wie glücklich sitzest Du im Staub und spielst mit einem zerbrochnen Zweig den ganzen Morgen.

Ich lächle über Dein Spiel mit diesem kleinwinzigen, zerbrochnen Zweiglein.

Ich bin eifrig bei meinen Rechnungen, stundenlang Zahlen zusammenzählend.

Vielleicht schaust Du auf mich und denkst: »Was für ein dummes Spiel, damit Deinen Morgen zu verderben?«

Kind, ich habe die Kunst vergessen, in Stöcke und Sandhügel vertieft zu sein.

Ich suche nach teurem Spielzeug und sammle Klumpen von Gold und Silber.

Was immer Du findest, Du schaffst Dir damit Deine frohen Spiele; ich verschwende meine Zeit und Kraft an Dinge, die ich niemals erreiche.

In meinem schwanken Boot kämpf' ich, der Sehnsucht Meer zu durchkreuzen und vergesse, daß auch ich ein Spiel spiele.

DER ASTRONOM

Ich sagte nur: »Wenn sich des abends der runde Vollmond in den Zweigen jenes Kadambaums verwirrte, könnte ihn da jemand fangen?«

Aber Dādā[(1)] lachte mich an und sagte: »Bubi, Du bist das dümmste Kind, das ich je gekannt habe.

Der Mond ist, ach so weit von uns, wie könnte ihn denn einer da fangen?«

[(1)] Der ältere Bruder.

Ich sagte: »Dādā, wie närrisch Du bist! Wenn Mutter hinausschaut aus ihrem Fenster und herunter lächelt auf uns beim Spielen, würdest Du sagen, sie wäre weit weg?«

Doch Dādā sagte: »Du bist ein einfältiges Kind! Bubi, wo würdest Du denn ein Netz hernehmen, groß genug, um den Mond damit zu fangen?«

Ich sagte: »Sicherlich könntest Du ihn mit Deinen Händen fangen.«

Aber Dādā lächelte und sagte: »Du bist das dümmste Kind, das ich kenne. Wenn er näher käme, würdest Du sehn wie groß der Mond ist.«

Ich sagte: »Dādā, was für Unsinn sie in Deiner Schule lehren! Wenn Mutter ihr Gesicht herunterbeugt, um uns zu küssen, schaut ihr Gesicht sehr groß aus?«

Dādā sagt aber doch: »Du bist ein dummes Kind.«

WOLKEN UND WELLEN

Mutter, das Volk, das in den Wolken droben wohnt, ruft mir zu:

»Wir spielen vom Aufwachen bis der Tag endet.

Wir spielen mit der goldnen Morgenröte, wir spielen mit dem silbernen Mond.«

Ich frage: »Aber wie kann ich zu Euch hinaufgelangen?«

Sie antworten: »Komm' an den Rand der Erde, heb' Deine Hände zum Himmel und du wirst aufgenommen werden in die Wolken.«

»Meine Mutter wartet auf mich zu Hause«, sag' ich. »Wie kann ich sie verlassen und kommen?«

Dann lächeln sie und schwimmen vorüber.

Aber ich weiß ein schöneres Spiel als das, Mutter.

Ich werde die Wolke sein und Du der Mond.

Ich werde Dich verdecken mit meinen beiden Händen und unser Giebel wird der blaue Himmel sein.


Das Volk, das in den Wellen wohnt, ruft mir zu:

»Wir singen von Morgen bis Abend; wir wandern und wandern und wissen nicht, wohin wir gleiten.«

Ich frage: »Wie soll ich mich denn zu Euch gesellen?«

Sie sagen mir: »Komm' an den Rand des Ufers und steh' mit fest geschlossenen Augen und Du wirst davongetragen werden auf den Wellen.«

Ich sage: »Meine Mutter braucht mich immer daheim des abends – wie kann ich sie verlassen und gehn?«

Dann lächeln sie, tanzen und gleiten vorüber.

Aber ich weiß ein besseres Spiel als das.

Ich will die Welle sein, und Du wirst eine fremde Küste sein.

Ich werde rollen fort und fort und fort und an Deinem Schoß zerschellen mit Gelächter.

Und niemand in der Welt wird wissen, wo wir beide sind.

DIE CHAMPABLÜTE

Denk' Dir, ich würde eine Champablüte, nur zum Scherz, und wüchse auf einem Ast hoch oben in jenem Baume und schütterte im Wind vor Lachen und tanzte auf den neu entkeimten Blättern; würdest Du mich kennen, Mutter?


Du würdest rufen: »Kindchen, wo bist Du?«, und ich würde lachen für mich und ganz stille sein.

Ich würde heimlich meine Blüte öffnen und Dir bei der Arbeit zuschaun.


Wenn Du nach dem Bad, das nasse Haar über Deine Schultern gebreitet, durch den Schatten des Champabaumes gingest zu dem kleinen Hof, in dem Du Deine Gebete sagst, würdest Du den Duft der Blume merken, aber nicht wissen, daß er von mir käme.

Wenn Du nach dem Mittagsmahl am Fenster säßest, Rāmāyana lesend, und des Baumes Schatten über Haar und Schoß Dir fiele, würd' ich Dir meinen kleinwinzigen Schatten auf die Seite Deines Buches werfen, grad dahin, wo Du liest.

Aber würdest Du raten, daß es der zarte Schatten Deines kleinen Kindes war?

Wenn Du des abends zu den Kühen gingest, mit der brennenden Lampe in der Hand, würde ich plötzlich wieder auf die Erde niederfallen und noch einmal Dein eignes Kind sein und Dich bitten, mir eine Geschichte zu erzählen.

»Wo bist Du gewesen, Du schlimmes Kind?«

»Ich mag's nicht erzählen, Mutter.« Das würden Du und ich dann sagen.

MÄRCHENLAND

Wenn die Leute wüßten, wo meines Königs Palast ist, er würde entschwinden.

Die Mauern sind von weißem Silber und das Dach von leuchtendem Gold.

Die Königin lebt in einem Palast mit sieben Höfen und sie trägt ein Juwel, das war wert allen Reichtum von sieben Königreichen.

Aber laß' es mich, Mutter, Dir flüsternd sagen, wo meines Königs Palast ist.

Er ist da in der Ecke unsrer Terrasse, dort wo der Topf mit der Tulsispflanze steht.

Die Prinzessin liegt schlafend an der weit weiten Küste der sieben unwegsamen Meere.

Es gibt keinen in der Welt, der sie finden kann, als ich.

Sie hat Spangen an ihren Armen und Perlentropfen in ihren Ohren; ihr Haar wallt nieder bis zum Boden.

Sie wird aufwachen, wenn ich sie mit meinem Zauberstab berühre, und Edelsteine werden von ihren Lippen fallen, wenn sie lächelt.

Aber laß' mich Dir ins Ohr flüstern, Mutter; sie ist da in der Ecke unsrer Terrasse, dort wo der Topf mit der Tulsispflanze steht.

Wenn es Zeit für Dich ist, zum Flusse baden zu gehn, steig' hinauf zu der Terrasse auf dem Dach.

Ich sitz' in der Ecke, wo die Schatten der Mauern zusammentreffen.

Nur Miez darf mit mir kommen, denn sie weiß, wo der Barbier aus dem Märchen wohnt.

Aber laß' mich, Mutter, Dir ins Ohr flüstern, wo der Barbier aus dem Märchen wohnt.

Es ist da in der Ecke der Terrasse, wo der Topf mit der Tulsispflanze steht.

DAS LAND DER VERBANNUNG

Mutter, das Licht ist grau geworden am Himmel; ich weiß nicht, wie spät es ist.

Mich freut mein Spiel nicht, da bin ich zu Dir gekommen. Es ist Sonnabend, unser Feiertag.

Laß' Deine Arbeit, Mutter; sitz' hier beim Fenster und erzähl' mir, wo die Wüste von Tepāntar in dem Märchen ist.


Der Regenschatten hat den ganzen langen Tag zugedeckt.

Der wilde Blitz zerkratzt den Himmel mit seinen Nägeln.

Wenn die Wolken rollen und es donnert, lieb' ich es, mich zu fürchten im Herzen und mich an Dich zu schmiegen.

Wenn der schwere Regen stundenlang auf die Bambusblätter plätschert, und unsre Fenster schüttern und klirren unter den Windstößen, sitz' ich gern allein im Zimmer, Mutter, mit Dir und hör' Dich erzählen von der Wüste Tepāntar in dem Märchen.


Wo liegt sie, Mutter, an der Küste welchen Meeres, am Fuße welcher Hügel, in wessen Königs Königreich?

Da gibt's keine Hecken, die Felder zu grenzen, keinen Fußpfad hindurch, auf dem die Dorfbewohner des abends ihr Dorf erreichen oder die Frau, die dürres Holz im Walde sammelt, ihre Bürde zu Markte bringen kann. Mit Flecken gelben Grases im Sand und einem einzigen Baum, in dem das weise, alte Vogelpaar sein Nest hat, liegt die Wüste von Tepāntar.


Ich kann mir vorstellen, wie gerade an einem so wolkigen Tage der junge Königssohn auf grauem Roß allein durch die Wüste reitet, auf der Suche nach der Prinzessin, die im Palast des Riesen über dem unbekannten Wasser gefangen liegt.

Wenn der Regennebel herunterrieselt am fernen Himmel und der Blitz aufzuckt wie ein plötzlicher Schmerz, denkt er da seiner unglücklichen Mutter, wie sie, vom König verstoßen, den Kuhstall fegt und ihre Augen wischt, während er durch die Wüste Tepāntar reitet, wie das Märchen erzählt?


Sieh', Mutter, es ist beinahe dunkel, ehe noch der Tag vorüber ist, und es gehn keine Wandrer drüben auf der Dorfstraße.

Der Hirtenknab' ist frühe heimgekommen von der Weide und die Menschen haben ihre Felder verlassen, um auf Matten zu sitzen unter der Dachtraufe ihrer Hütten, nach den dräuenden Wolken spähend.

Mutter, ich habe alle meine Bücher in dem Spinde gelassen – heiße mich nicht, jetzt meine Aufgaben machen.

Wenn ich aufwachse und groß wie mein Vater bin, werde ich alles lernen, was gelernt werden muß. Aber nur heute gerade, erzähle mir, Mutter, wo die Wüste von Tepāntar ist, von der das Märchen erzählt.

DER REGENTAG

Tückische Wolken ballen sich rasch über der schwarzen Franse des Waldes.

O Kind, geh' nicht hinaus!

Die Palmenreihe am See schlägt ihre Häupter wider den schrecklichen Himmel; die Krähen mit ihren schmutzigen Schwingen sitzen still auf den Tamarindenzweigen, und das östliche Ufer des Flusses geistert in einem verdunkelten Glühn.


Unsre Kuh muht laut, an den Zaun gebunden.

O Kind, wart' hier, bis ich sie in den Stall bringe.

Menschen drängen hinaus auf das überschwemmte Feld, um die Fische zu fangen, die aus den überflutenden Teichen entkommen; das Regenwasser rinnt in Rillen durch die engen Gassen, wie ein lachender Junge, der seiner Mutter davongerannt ist, um sie zu necken.


Horch', irgendwer ruft nach dem Bootsmann an der Furt.

O Kind, des Tages Licht ist trüb' und die Arbeit an der Fähre ruht.

Der Himmel scheint rasch zu reiten auf dem wildstürzenden Regen; das Wasser im Fluß ist laut und ungestüm; Frauen sind früh nach Haus geeilt vom Ganges mit ihren gefüllten Krügen.


Die Abendlampen müssen fertiggemacht werden.

O Kind, geh' nicht hinaus!

Die Straße zum Markt ist einsam, die Gasse zum Fluß ist schlüpfrig. Der Wind stöhnt und wütet in den Bambuszweigen wie ein wildes Tier, in einem Netz verfangen.

PAPIERSCHIFFCHEN

Tag für Tag laß' ich meine Papierschiffchen, eins nach dem andern, den eilenden Strom hinunterschwimmen.

In großen, schwarzen Buchstaben schreib' ich meinen Namen darauf und den Namen des Dorfes, wo ich lebe.

Ich hoffe, daß irgendwer in einem fremden Land sie finden wird und wissen, wer ich bin.

Ich belade meine kleinen Boote mit Shiuliblumen aus unserm Garten und hoffe, daß diese Blüten der Dämmerung heil ans Land getrieben werden zur Nacht.

Ich lichte meine Papierschiffchen und schaue hinauf in den Himmel und sehe die kleinen Wolken ihre weißen, blähenden Segel setzen.

Ich weiß nicht, wer von meinen Gespielen im Himmel sie hinunterschickt durch die Luft, damit sie wettlaufen mit meinen Booten!

Wenn Nacht kommt, vergrabe ich mein Gesicht in meine Arme und träume, daß meine Papierschiffchen weiter und weiter treiben unter den Mitternachtssternen.

Die Schlafelfen segeln darin, und die Ladung sind ihre Körbe voll Träume.

DER SEEMANN

Das Boot des Bootsmannes Madhu ist an der Werft von Rajgunj verankert.

Es ist unnütz beladen mit indischem Flachs und liegt schon so lange zwecklos da.

Wenn er mir nur sein Boot leihen wollte, ich würd' es mit hundert Rudrern bemannen und Segel hissen, fünf oder sechs oder sieben.

Ich würd' es nicht nach dummen Märkten steuern.

Ich würde über die sieben Meere segeln und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.


Gelt Mutter, Du würdest nicht weinen, um mich in einer Ecke?

Ich geh' nicht in den Wald wie Rāmachandra, um erst nach vierzehn Jahren heimzukehren.

Ich werde der Märchenprinz sein und mein Boot füllen, mit allem, was mir gefällt.

Ich werde meinen Freund Ashu mit mir nehmen. Wir werden frohlustig über die sieben Meere segeln und die dreizehn Flüsse des Märchenlands.


Wir werden die Segel setzen im frühen Morgenlicht.

Wenn Du des mittags am Teiche badest, werden wir im Land eines fremden Königs sein.

Wir werden die Furt von Tipurni passieren und hinter uns lassen die Wüste von Tepāntar.

Wenn wir heimkommen, wird es anfangen zu dunkeln, und ich werde Dir von allem erzählen, was wir gesehen haben.

Ich werde die sieben Meere kreuzen und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.

DAS ANDERE UFER

Ich möchte hinübergehn an das Ufer des Flusses drüben,

Wo jene Boote angeseilt sind an die Bambuspfähle in einer Reihe;

Wo Männer in ihren Booten überfahren in der Frühe, mit Pflügen auf ihren Schultern, ihre Felder weit draußen zu ackern;

Wo die Kuhhirten ihre blökenden Kälber über den Strom schwimmen lassen nach den Uferweiden;

Von wo sie alle heimkommen am Abend und lassen auf der Insel, der von Unkraut überwucherten, die heulenden Schakale zurück.

Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, wenn ich einmal groß bin.


Sie sagen, es sind seltsame Sümpfe verborgen hinter jenem Ufer,

Wo Schwärme wilder Enten hinkommen, wenn die Regen vorüber sind, und dickes Rohr wächst um die Ränder, da Wasservögel ihre Eier legen;

Wo Schnepfen mit ihren tanzenden Schwänzen ihre kleinen Zehenmale in den reinen, weichen Schlamm drücken;

Wo im Abend die hohen Gräser, mit weißen Blüten behelmt, den Mondstrahl einladen, auf ihren Wogen zu spielen.

Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, wenn ich einmal groß bin.


Ich werde hinüber- und herüberfahren von Ufer zu Ufer, und alle die Jungen und Mädchen im Dorf werden mich anstaunen, während sie baden.

Wenn die Sonne des Himmels Mitte erklimmt und der Morgen in den Mittag vergeht, werde ich nach Hause gelaufen kommen und sagen: »Mutter, ich habe Hunger!«

Wenn der Tag um ist und die Schatten unter den Bäumen kauern, werd' ich im Dämmern heimkommen.

Ich werde nie weggehen von Dir, in die Stadt arbeiten, wie Vater.

Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, wenn ich einmal groß bin.

DIE BLUMENSCHULE

Wenn Sturmwolken am Himmel rumoren und Junischauer herunterkommen,

Kommt der feuchte Ostwind über die Heide marschiert, um seinen Dudelsack im Bambusgeröhr zu pfeifen.

Dann kommen auf einmal Scharen von Blumen heraus – weiß niemand woher – und tanzen auf dem Gras in wilder Lust.


Mutter, wirklich, ich denke, die Blumen gehn unter der Erde zur Schule.

Sie machen ihre Aufgaben bei geschlossenen Türen, und wenn sie herauskommen wollen, zu spielen, eh' ihre Zeit ist, läßt sie der Lehrer in einer Ecke stehn.


Wenn die Regen kommen, haben sie ihre Ferien.

Zweige prasseln zusammen im Walde, und die Blätter rascheln im wilden Wind, die Donnerwolken klatschen ihre Riesenhände, und die Blumenkinder stürzen heraus in Kleidern rosig und gelb und weiß.