RABINDRANATH TAGORE

DIE NACHT
DER ERFÜLLUNG

ERZÄHLUNGEN

MÜNCHEN
KURT WOLFF VERLAG

Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der
von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten
englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von
Helene Meyer-Franck

1.–20. Tausend
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G. in München
Gedruckt im Frühjahr 1921 in der Spamerschen
Buchdruckerei in Leipzig
Einbände von H. Fikentscher in Leipzig


INHALT

[Die Nacht der Erfüllung] 3
[Der Sieg] 18
[Maschi] 33
[Das Skelett] 63
[Der Hüter des Erbes] 80
[Die ältere Schwester] 101
[Subha] 124
[Die glückverheißende Schau] 138
[Der Postmeister] 150
[Die Flußtreppe] 163
[Der Ausgestoßene] 174
[Das Kartenkönigreich] 197

[DIE NACHT DER ERFÜLLUNG]

ICH ging mit Surabala bei demselben alten Fräulein in die Schule, und wir spielten zusammen Mann und Frau. Wenn ich sie in ihrem Hause besuchte, pflegte ihre Mutter mich zu hätscheln, und oft stellte sie uns nebeneinander und sagte für sich: „Welch ein reizendes Paar!“

Ich war damals noch ein Kind, aber ich verstand doch sehr gut, was sie meinte. Die Vorstellung setzte sich bei mir fest, daß ich ein besonderes Recht auf Surabala hätte. So kam es, daß ich im stolzen Gefühl meines Eigentumsrechts sie zuweilen bestrafte und quälte; und auch sie ihrerseits plagte sich willig für mich ab und ertrug alle meine Strafen ohne Klage. Das ganze Dorf pries ihre Schönheit, aber in den Augen eines jungen Barbaren wie ich hatte diese Schönheit nichts Besonderes; – ich wußte nur, daß Surabala eigens dazu geboren war, mein Joch zu tragen, und daß ich mir daher nicht viel aus ihr zu machen brauchte.

Mein Vater war Gutsverwalter der Tschaudhuris, einer reichen Gutsbesitzerfamilie. Es war seine Absicht, mich, sobald ich mir eine gute Handschrift angeeignet hätte, in der Gutsverwaltung auszubilden und mir dann irgendwo eine Stelle als Pachteinnehmer zu verschaffen. Aber ich lehnte innerlich diesen Vorschlag ab. Nilratan, ein Junge aus unserm Dorfe, war seinem Vater durchgebrannt nach Kalkutta, hatte dort Englisch gelernt und war endlich Nazir[1] des Distrikts geworden. Das war mein Lebensideal: ich war im geheimen entschlossen, wenigstens oberster Gerichtssekretär zu werden, wenn ich es nicht bis zum Nazir bringen sollte.

Ich sah, daß mein Vater diese Gerichtsbeamten immer mit der größten Ehrfurcht behandelte. Ich wußte von meiner Kindheit her, daß man sie sich durch allerlei Geschenke wie Fische, Gemüse oder selbst Geld, geneigt machen mußte. Darum hatte ich in meinem Herzen diesen unteren Gerichtsbeamten bis zu den Gerichtsvollziehern hinab einen hohen Ehrenplatz eingeräumt. Dies sind die Götter, die man in unserm lieben Bengalen verehrt, – eine moderne Miniaturausgabe der 330 Millionen Gottheiten des Hindu-Pantheon. Wo es sich um die Gewinnung materiellen Erfolges handelt, haben die Leute mehr wirkliches Vertrauen zu ihnen, als zu dem guten alten Gott Ganesch, dem Spender des Erfolgs, und so opfern sie jetzt diesen Beamten alles, was früher Ganeschs Anteil war.

Durch das Beispiel Nilratans angefeuert, ergriff auch ich eine günstige Gelegenheit und rannte fort nach Kalkutta. Dort stieg ich einstweilen in dem Hause eines Bekannten aus dem Dorfe ab, und dann erhielt ich von meinem Vater eine kleine Summe für meine Ausbildung. So konnte ich regelmäßigen Unterricht nehmen.

Daneben trat ich politischen und sozialen Vereinigungen bei. Es wurde mir jetzt plötzlich klar, daß ich unbedingt irgendwie mein Leben für mein Vaterland opfern müsse. Aber ich wußte nicht wie, und niemand zeigte mir den Weg.

Aber das tat meiner Begeisterung keinen Abbruch. Wir Dorfjungen hatten noch nicht gelernt, über alles zu spotten, wie die frühreife Jugend von Kalkutta, und so war unser Glaube sehr stark. Die „Führer“ unserer Vereinigungen hielten Reden, und wir gingen in der heißen Mittagssonne mit leerem Magen von Tür zu Tür und sammelten Unterschriften, oder wir standen an den Straßenecken und teilten Zettel aus, oder stellten Stühle und Bänke im Vortragssaal auf, und wenn irgend jemand nur die leiseste abfällige Bemerkung über unsern Führer machte, so waren wir gleich bereit, uns mit ihm zu schlagen. Die Stadtknaben aber lachten über diese „törichten Jungen vom Lande“.

Ich war nach Kalkutta gekommen, um Nazir oder Gerichtssekretär zu werden, aber jetzt fühlte ich mich auf dem Wege zu einem Mazzini oder Garibaldi.

Um diese Zeit vereinbarten Surabalas Vater und mein Vater, daß wir uns heiraten sollten. Ich war mit fünfzehn Jahren nach Kalkutta gekommen; Surabala war damals acht. Jetzt war ich achtzehn und nach der Ansicht meines Vaters bald über das Heiratsalter hinaus. Aber ich hatte mir im stillen gelobt, niemals zu heiraten, sondern für mein Vaterland zu sterben, daher sagte ich meinem Vater, ich wolle nicht heiraten, bevor ich meine Studien zum Abschluß gebracht hätte.

Nach zwei oder drei Monaten erfuhr ich, daß Surabala mit einem Rechtsanwalt namens Ram Lotschan verheiratet worden sei. Ich war damals eifrig dabei, Unterschriften für die Beihilfe zur Wiederaufrichtung Indiens zu sammeln, und so berührte mich diese Nachricht gar nicht.

Ich hatte mich immatrikulieren lassen und wollte gerade mein Zwischenexamen machen, als mein Vater starb. Ich stand nicht allein, sondern hatte meine Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Daher mußte ich die Universität verlassen und mich nach einer Anstellung umsehen. Nach vielen Bemühungen erhielt ich die Stelle eines zweiten Lehrers an der Präparandenanstalt einer kleinen Stadt im Distrikt Noakhali.

Ich meinte, hier würde ich gerade am Platze sein. Jeden einzelnen meiner Schüler wollte ich durch meinen persönlichen Einfluß zum Führer des künftigen Indiens heranziehen.

Ich begann mit meiner Arbeit und merkte bald, daß das bevorstehende Examen eine dringendere Angelegenheit war, als die Zukunft Indiens. Der Direktor wurde zornig, wenn ich von irgend etwas anderm redete, als Grammatik oder Algebra. Und in ein paar Monaten war es mit meiner Begeisterung aus.

Ich bin kein Genie. In der Stille meines Hauses fasse ich wohl kühne Pläne, aber wenn ich das Arbeitsfeld betrete, muß ich wie der indische Stier meinen Nacken unter das Joch des Pfluges beugen, die Stachelpeitsche meines Herrn ertragen, den ganzen Tag geduldig und mit gebeugtem Haupt die Schollen aufwerfen und zufrieden sein, wenn ich am Abend etwas wiederzukäuen habe. Solch ein Geschöpf ist nicht dazu geschaffen, sich aufzubäumen und Sprünge zu machen.

Einer von den Lehrern mußte der Feuersgefahr wegen in der Schule wohnen. Da ich unverheiratet war, fiel diese Aufgabe mir zu. Ich wohnte in einem Strohschuppen, dicht bei dem großen Schulhause.

Das Schulhaus stand in einiger Entfernung von der Stadt, neben einem großen Teich. Um diesen herum standen Areka- und Kokospalmen und Madarpflanzen, und ganz dicht neben dem Schulgebäude wuchsen zwei große alte Paternosterbäume und warfen weithin kühlen Schatten.

Etwas vergaß ich zu erwähnen, und es schien mir bis hierher auch nicht erwähnenswert. Der dortige Staatsanwalt Ram Lotschan Ray wohnte in der Nähe unserer Schule. Ich wußte auch, daß seine Frau, meine einstige Spielgefährtin Surabala, dort mit ihm wohnte.

Ich machte die Bekanntschaft des Herrn Ram Lotschan. Ich kann nicht sagen, ob er wußte, daß ich Surabala in ihrer Kindheit gekannt hatte. Ich hielt es nicht für angebracht, diese Tatsache bei unserer ersten Bekanntschaft ihm gegenüber zu erwähnen. Ja, ich muß sagen, ich erinnerte mich damals kaum, daß Surabala je irgendwie mit meinem Leben verbunden gewesen war.

An einem schulfreien Tage machte ich Herrn Ram Lotschan einen Besuch. Ich weiß nicht mehr, worüber wir uns unterhielten, wahrscheinlich über die unglückliche Lage des heutigen Indiens. Nicht als ob sie ihm besonders am Herzen gelegen hätte, aber man konnte sich so gut ein paar Stunden über diesen Gegenstand breit und behaglich ergehen, während man dazu seine Pfeife schmauchte.

Während wir uns so unterhielten, hörte ich im Nebenzimmer leichte Tritte, das Rauschen eines Gewandes und ein ganz leises Klirren von Armbändern, und ich war gewiß, daß zwei neugierige Augen mich durch den Spalt eines kleinen Fensters beobachteten.

Plötzlich tauchte vor meinem Geiste ein Augenpaar auf, dunkle Augen, aus denen Vertrauen, Unschuld und mädchenhafte Liebe leuchteten, – schwarze Pupillen, lange, dunkle Wimpern, – und die Augen waren ruhig und fest auf mich gerichtet. Mein Herz wurde wie mit eisernem Griff gepackt und krampfte sich in jähem Schmerz zusammen.

Ich kehrte nach Hause zurück, aber der Schmerz wollte nicht weichen. Ob ich las, schrieb oder irgend etwas anderes tat, ich konnte die Last nicht von meinem Herzen abschütteln, sie lag wie ein schwerer Alp auf mir und preßte mir die Brust zusammen.

Am Abend wurde ich etwas ruhiger, und ich versuchte zu überlegen. „Was fehlt mir denn eigentlich?“ In mir fragte etwas: „Wo ist deine Surabala jetzt?“ Ich erwiderte: „Ich habe sie freiwillig aufgegeben. Ich konnte nicht erwarten, daß sie ewig auf mich warten würde.“

Aber die Stimme in mir beharrte: „Damals konntest du sie haben, wenn du nur wolltest. Heute kannst du tun, was du willst, du hast nicht einmal das Recht, sie anzusehen. Die Surabala deiner Knabenzeit mag dir noch so nahe sein; du kannst das Klirren ihrer Armspangen hören und den Duft ihres Haares in der Luft spüren, – und doch wird immer eine Mauer zwischen euch beiden sein.“

Ich antwortete: „Nun gut, sei dem so. Was ist mir Surabala?“

Mein Herz fuhr fort: „Heute ist Surabala dir nichts. Aber was hätte sie dir sein können?“

Ach, das ist wahr. Was hätte sie mir sein können! Das geliebteste aller Wesen, das mir näher stände als die ganze Welt, das alle meine Freuden und Leiden teilte, – das hätte sie sein können. Und jetzt ist sie mir so fern, so fremd, daß sie anzusehen verboten, mit ihr zu sprechen unschicklich, an sie zu denken Sünde ist! – während dieser Ram Lotschan plötzlich von irgendwoher auftaucht, ein paar auswendig gelernte religiöse Formeln murmelt und dann mit einem Griff Surabala davonträgt als seinen alleinigen und unbestrittenen Besitz.

Ich will kein neues Sittengesetz predigen oder die Gesellschaftsordnung stürzen, ich habe nicht die Absicht, Familienbande zu zerreißen. Ich will nur genau das ausdrücken, was in mir vorging, wenn es auch nicht vernünftig ist. Ich konnte auf keine Weise das Gefühl loswerden, daß Surabala, die da im Schutze von Ram Lotschans Heim waltete, weit mehr mir als ihm gehörte. Diese Vorstellung war – das gebe ich zu – unvernünftig und ungehörig, aber unnatürlich war sie nicht.

Von nun an konnte ich meine Gedanken nicht auf irgendeine Arbeit richten. Wenn am Mittag die Schüler in meiner Klasse durcheinandersummten, wenn draußen die Mittagshitze brütete, wenn die laue Brise den süßen Duft der Paternosterblüten ins Zimmer trug, dann wünschte ich mir, – ich weiß nicht, was ich wünschte, aber so viel ist gewiß, daß ich mir nicht wünschte, mein ganzes Leben damit zuzubringen, die grammatischen Aufgaben jener Zukunftshoffnungen Indiens zu verbessern.

Wenn die Schule aus war, konnte ich es in meinem einsamen Hause nicht aushalten; und doch langweilte mich jeglicher Besuch. Wenn ich in der Dämmerung am Teich saß und hörte, wie die Brise seufzend durch die Blätter der Areka- und Kokospalmen strich, dann dachte ich, daß doch die menschliche Gesellschaft ein einziges Gewebe von Fehlern sei; niemand hat Verstand genug, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun, und wenn die Gelegenheit vorbei ist, zermartern wir uns das Herz in vergeblichem Sehnen.

Ich hätte Surabala heiraten und zeitlebens glücklich sein können. Aber ich wollte durchaus ein Garibaldi werden, – und wurde schließlich der zweite Lehrer an einer Landschule! Und der Rechtsanwalt Ram Lotschan Ray, der gar kein Anrecht darauf hatte, Surabalas Gatte zu werden, für den vor seiner Heirat Surabala durchaus nichts anderes bedeutete, als hundert andere Mädchen, hat sie ganz ruhig geheiratet und verdient als Staatsanwalt einen Haufen Geld; wenn ihm das Essen nicht schmeckt, so schilt er Surabala, und wenn er guter Laune ist, schenkt er ihr eine Spange! Er ist glatt und rund, gut gekleidet und frei von jeder Sorge; er bringt nie seinen Abend damit zu, am Teich zu sitzen und seufzend die Sterne anzustarren.

Ram Lotschan wurde in einem wichtigen Rechtsfall auf ein paar Tage aus der Stadt abberufen. Surabala war in ihrem Hause ebenso einsam wie ich in meiner Schule.

Ich erinnere mich, es war an einem Montag. Der Himmel war schon am frühen Morgen mit Wolken bedeckt. Um zehn Uhr setzte ein feiner Sprühregen ein. Bei dem drohenden Himmel hielt unser Direktor es für ratsam, die Schule früh zu schließen. Den ganzen Tag lang liefen dunkle Wolken über den Himmel hin, als ob sie sich zu einem großartigen Schauspiel rüsteten. Am nächsten Tage, gegen Nachmittag, erhob sich ein Sturm, und der Regen kam in Strömen herab. Wie die Nacht vorrückte, wuchs die Wut des Sturmes und des Regens. Zuerst blies der Sturm aus Osten, aber dann wandte er sich und raste nach Süden und Südwesten zu.

Es war nutzlos, zu versuchen, in solch einer Nacht zu schlafen. Ich dachte daran, daß Surabala in diesem furchtbaren Wetter in ihrem Hause allein war. Unsere Schule war viel stärker gebaut, als ihr leichtes Sommerhaus. Immer wieder schickte ich mich an, sie in das Schulhaus herüberzurufen, mit der Absicht, selbst die Nacht draußen am Teich zu verbringen. Aber ich konnte mir kein Herz dazu fassen.

Um halb zwei Uhr gegen Morgen hörte ich plötzlich das Rauschen der Flutwoge – die See kam zu uns heraufgestürzt! Ich lief aus meinem Zimmer, Surabalas Hause zu. Dazwischen war ein Damm, eine Eindeichung unseres Teiches, und als ich daraufzu watete, kam mir das Wasser schon bis an die Knie. Als ich den Damm erstieg, war gerade die zweite Woge heraufgekommen und brach zerschellend dagegen. Der höchste Teil des Dammes war mehr als siebzehn Fuß über der Ebene.

Als ich oben ankam, kam gleichzeitig mit mir jemand anders von der entgegengesetzten Seite. Jede Fiber in mir wußte sofort, wer es war, und meine ganze Seele erzitterte in diesem Bewußtsein. Ich zweifelte nicht, daß auch sie mich erkannt hatte.

Auf einer Insel von etwa drei Meilen im Geviert standen wir beide; alles andere um uns her war mit Wasser bedeckt.

Es war eine Zeit der Sintflut; die Sterne am Himmel waren ausgelöscht, und alle Lichter auf Erden waren verschwunden. Wenn wir damals miteinander gesprochen hätten, so wäre es kein Unrecht gewesen. Aber keiner von uns konnte ein Wort finden, keiner von uns fragte auch nur, wie es dem andern ginge. Wir standen da und starrten in die Dunkelheit. Zu unseren Füßen wirbelte der schwarze, wilde, heulende Todesstrom.

Heute hat Surabala die ganze Welt verlassen und ist zu mir gekommen. Heute hat sie niemanden außer mir. In ihrer fernen Kindheit war diese Surabala aus einer andern Welt, aus irgendeinem dunklen, urzeitlichen Reich des Geheimnisses gekommen und hatte im hellen Licht dieser menschenvollen Erde neben mir gestanden, und heute, nach einem langen Zeitraum, hat sie jene Erde verlassen, die so voll ist von Licht und Leben, um in diesem furchtbaren, trostlosen Dunkel, in diesem Todeskampfe der Natur allein an meiner Seite zu sein. Der Strom des Lebens hatte jene zarte Knospe einst mir vor die Füße gespült, und die Flut des Todes hat dieselbe Blume, die jetzt zu voller Blüte sich entfaltet hat, ergriffen und mir zugetragen, mir und niemandem anders! Noch eine Woge, und wir werden von diesem äußersten Rand der Erde, auf dem wir jetzt getrennt sitzen, hinabgefegt und eins werden im Tode.

Möge diese Woge nie kommen! Möge Surabala lange und glücklich in ihrem Heim leben, umgeben von ihrem Gatten, ihren Kindern und Verwandten! Diese eine Nacht, wo ich am Abgrund des Todes gestanden, habe ich ewige Seligkeit gekostet.

Die Nacht ging hin, der Sturm legte sich, die Flut ebbte ab; ohne ein Wort zu sagen, ging Surabala nach Hause zurück, und auch ich kehrte heim zu meinem Schuppen, ohne ein Wort gesagt zu haben.

Ich saß lange und sann: Es ist wahr, ein Nazir oder oberster Gerichtssekretär oder Garibaldi bin ich nicht geworden; ich bin nur der zweite Lehrer an einer armseligen Landschule. Aber die eine kurze Nacht hat auf den ganzen Weg meines Lebens einen Glanz geworfen.

Von allen Tagen und Nächten, die mir zugeteilt sind, war jene eine Nacht die höchste Erfüllung meines Daseins.


[DER SIEG]

SIE war die Prinzessin Adschita. Und der Sänger des Königs Narajan hatte sie nie gesehen. Wenn er dem Könige ein neues Lied vortrug, dann erhob er seine Stimme immer genau so weit, daß unsichtbare Hörer hinter den Vorhängen des Balkons hoch oben über der Halle sie vernehmen konnten. Er sandte sein Lied hinauf zu dem fernen Sternenlande, wo der Planet, der sein Schicksal beherrschte, lichtumflossen thronte, unbekannt und unerreichbar seinem Blick.

Bisweilen erspähte er einen Schatten, der sich hinter dem Vorhang bewegte. Oder sein Ohr vernahm einen leisen, fernen Klang, und er träumte von den Fußspangen, deren goldene Glöckchen jeden Schritt mit Gesang begleiteten. Ach, die rosigen zarten Füße, die über den Staub der Erde hinschwebten und ihn segneten wie Gottes Gnade die Sünder! Der Dichter hatte sie auf den Altar seines Herzens gestellt, wo er zum Ton jener goldenen Glocken seine Lieder wob. Niemals stieg ein Zweifel darüber in seiner Seele auf, wessen Schatten es war, der sich hinter dem Vorhang bewegte, und wessen Fußspangen zu dem Takt seines pochenden Herzens erklangen.

Mandschari, das Mädchen der Prinzessin, kam jeden Tag auf ihrem Wege zum Fluß an dem Hause des Dichters vorbei, und sie versäumte nie, verstohlen ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Wenn die Straße leer war und die Dämmerung ihren Schatten über das Land breitete, dann trat sie kühn in sein Zimmer und setzte sich auf eine Ecke seines Teppichs. Und es schien wohl, daß sie mit besonderer Sorgfalt die Farbe ihres Schleiers und die Blume für ihr Haar gewählt hatte.

Die Leute lächelten darüber und flüsterten allerlei, und man konnte sie deswegen nicht tadeln. Denn der Dichter Schekhar gab sich keine Mühe zu verbergen, daß diese Begegnungen eine Quelle reiner Freude für ihn waren.

Ihr Name bedeutete: Blütensträußchen. Jeder muß zugeben, daß dies ein lieblicher Name ist für ein gewöhnliches sterbliches Wesen. Aber Schekhar genügte er noch nicht, und er nannte sie Frühlingsblütensträußchen. Und die gewöhnlichen Sterblichen schüttelten den Kopf und sagten: Ach, du lieber Himmel!

In den Frühlingsliedern, die der Dichter sang, wiederholte sich auffallend oft das Lob der Frühlingsblütensträußchen. Der König lächelte und blinzelte ihn bedeutungsvoll an, wenn er es hörte, und dann lächelte der Dichter auch.

Der König fragte ihn wohl manchmal: „Hat die Biene nichts anderes zu tun, als im Hof des Frühlings umherzusummen?“

Dann antwortete der Dichter: „O doch, sie muß auch den Honig von den Frühlingsblütensträußchen nippen.“

Und alle, die in der Halle des Königs waren, lachten. Und man sagte, auch die Prinzessin Adschita habe gelacht, daß ihr Mädchen den Namen angenommen, den der Dichter ihr gegeben, und Mandschari war heimlich im Herzen froh.

So vermischt sich im Leben Wahrheit und Irrtum – und zu dem, was Gott baut, fügt der Mensch seinen eigenen Zierat.

Nur das, was der Dichter sang, war reine Wahrheit. Er sang von Krischna, dem göttlichen Liebenden, und von Radha, der Geliebten, dem ewig Männlichen und ewig Weiblichen; er sang von dem Leid, das so alt ist wie die Zeit selbst, und von der Freude, die nie enden wird. Und jeder, vom Bettler bis zum König selbst, erprobte die Wahrheit dieser Lieder in seinem innersten Herzen. Die Lieder des Dichters waren auf aller Lippen. Beim fernsten Mondenschimmer und beim leisesten Flüstern der Sommerbrise brachen seine Lieder in zahllosen Stimmen hervor aus Fenstern und Höfen, aus den Segelboten auf dem Fluß und aus den Schatten der Bäume am Wege.

So rannen die Tage glücklich dahin. Der Sänger sang, der König lauschte seinem Lied, und die Zuhörer riefen Beifall. Mandschari kam immer wieder auf ihrem Wege zum Fluß an dem Hause des Dichters vorüber – der Schatten huschte oben hinter dem Vorhang des Balkons, und die goldenen Glöckchen erklangen von fern.

Gerade um dieselbe Zeit verließ ein Sänger sein Heim im Süden, um seinen Triumphzug durch die Länder anzutreten. Er kam ins Königreich Amarapur zum Könige Narajan. Er stand vor dem Thron und sang ein Lied zum Lobe des Königs. Er hatte alle königlichen Sänger auf seinem Wege zum Wettkampf herausgefordert, und überall war er Sieger geblieben.

Der König empfing ihn ehrenvoll und sagte: „Dichter, ich biete dir Willkommen.“

Pundarik, der Dichter, erwiderte stolz: „Majestät, ich bitte um Kampf.“

Schekhar, der Sänger des Königs, wußte nicht, wie der Musenkampf geführt werden sollte. Er konnte in der Nacht nicht schlafen. Immer tauchte vor ihm im Dunkel die mächtige Gestalt des berühmten Pundarik auf mit seinem etwas zur Seite geneigten stolzen Haupt und der wie ein Säbel gekrümmten Nase.

Mit zitterndem Herzen betrat Schekhar am folgenden Morgen die Arena. Das Theater war von der Volksmenge gefüllt.

Der Dichter verbeugte sich mit schüchternem Lächeln vor seinem Nebenbuhler. Pundarik dankte mit stolzem Kopfnicken und wandte dann den Blick mit vielsagendem Lächeln nach dem Kreise seiner ihn begleitenden Verehrer.

Schekhar sah hinauf nach dem verhängten Balkon, und seine Seele grüßte die Geliebte mit dem Worte: Wenn ich heute Sieger bin in diesem Kampf, Geliebte, so soll dein siegreicher Name gepriesen werden.

Die Trompete erscholl. Die Menge erhob sich und rief: „Sieg dem Könige!“ Der König trat, in einen weiten, weißen Mantel gehüllt, langsam in die Halle, wie eine Herbstwolke, und setzte sich auf den Thron.

Pundarik trat vor, und es ward plötzlich still in der großen Halle. Das Haupt erhoben, die Brust gedehnt, begann er mit Donnerstimme den König Narajan zu preisen. Seine Worte brandeten wie Wogen gegen die Mauern der Halle und schienen der lauschenden Menge bis ins Mark zu dringen. Die Geschicklichkeit, mit der er den Namen Narajan auf verschiedene Weise deutete und jeden Buchstaben in allen möglichen Verbindungen durch das Gewebe seiner Verse flocht, nahm seinen erstaunten Hörern den Atem.

Nachdem er wieder Platz genommen hatte, hallte noch minutenlang seine Stimme zwischen den zahllosen Säulen der königlichen Halle und in Tausenden von sprachlosen Herzen nach. Die gelehrten Professoren, die aus fernen Ländern gekommen waren, erhoben ihre Rechte und riefen: Bravo!

Der König warf einen Blick auf Schekhar, und dieser richtete einen Augenblick die Augen schmerzerfüllt auf seinen Herrn; dann erhob er sich wie ein angeschossenes Wild in höchster Not. Sein Antlitz war bleich, seine Schüchternheit war fast die eines Mädchens, seine schlanke, jugendliche Gestalt schien wie eine straff gespannte Leier bei der geringsten Berührung in Musik ausbrechen zu wollen.

Er begann gesenkten Hauptes, mit leiser Stimme. Die ersten Verse waren fast unhörbar. Dann hob er langsam das Haupt und seine klare, süße Stimme stieg wie eine zitternde Feuerflamme in die Lüfte.

Er begann mit der alten Sage aus dunkler Vorzeit von dem Geschlecht des Königs und erzählte von dem Heldensinn und dem unvergleichlichen Edelmut dieses Geschlechts bis hinab in die Gegenwart. Er richtete den Blick auf das Antlitz des Königs, und die ganze unermeßliche Liebe zum Königshause, die das Volk still im Herzen hegte, fand Ausdruck und stieg wie Weihrauch in seinem Liede auf, den Thron von allen Seiten einhüllend. Dies waren seine letzten Worte, als er sich zitternd setzte: „Herr, wohl mag man mich im Spiel der Worte übertreffen, aber niemals in meiner Liebe zu dir.“

Tränen füllten die Augen der Hörer, und die Steinmauern erbebten von dem Beifallssturm.

Doch Pundarik schüttelte bei diesem allgemeinen Gefühlsausbruch nur erhaben sein majestätisches Haupt. Dann erhob er sich und warf mit verächtlichem Lächeln die Frage in die Versammlung: „Was gibt es Höheres als das Wort?“ Augenblicklich verstummte der Beifall.

Und nun bewies er, indem er eine erstaunliche Gelehrsamkeit entfaltete, daß das Wort von Anfang an gewesen sei, daß das Wort Gott sei. Er brachte einen Haufen von Belegen aus den heiligen Schriften und errichtete daraus dem Wort einen hohen Altar, daß es darauf throne über allem, was im Himmel und auf Erden ist. Er wiederholte mit seiner mächtigen Stimme: „Was gibt es Höheres als das Wort?“

Stolz blickte er um sich. Niemand wagte, seine Herausforderung anzunehmen, und er setzte sich, langsam wie ein Löwe, der sich eben an seinem Opfer gesättigt hat. Die gelehrten Brahmanen riefen: „Bravo!“ Der König war stumm vor Staunen, und der Dichter Schekhar kam sich ganz unbedeutend vor neben dieser verblüffenden Gelehrsamkeit. Die Versammlung war damit für den Tag geschlossen.

Am nächsten Tage stimmte Schekhar sein Lied an. Er sang von jenem Tage, wo das Flötenspiel der Liebe zum ersten Mal die Lüfte des Brindawaldes aus ihrem Schweigen aufschreckte. Die Schäferinnen wußten nicht, wer der Spieler war und von wannen die Musik kam. Bald schien sie aus dem Herzen des Südwindes zu kommen, und bald aus den Wolken, die über die Hügel hinzogen. Sie kam und brachte Liebesbotschaft vom Lande des Sonnenaufgangs, und sie schwebte mit Seufzern der Sehnsucht vom Tal des Sonnenuntergangs her. Die Sterne schienen die Register des geheimnisvollen Instruments zu sein, das die Träume der Nacht mit Melodien überflutete. Es war, als ob die Musik plötzlich von allen Seiten heranströmte, von Feldern und Hainen, von schattigen Heckenwegen und einsamen Landstraßen, aus dem zarten Blau des Himmels und aus dem schimmernden Grün des Grases. Sie verstanden ihren Sinn noch nicht und wußten nicht, was die Sehnsucht in ihrem Herzen bedeutete. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihr Leben sehnte sich, hinabzutauchen ins Meer des Todes und sich ganz darin zu verlieren.

Schekhar vergaß seine Hörer, vergaß, daß er dabei war, sich im Kampf mit seinem Nebenbuhler zu messen. Er stand ganz allein inmitten seiner Gedanken, die um ihn rauschten und flüsterten wie Blätter im Sommerwind, und er sang das Lied von der Flöte. Vor seinem Geiste stand ein Bildnis, das geboren war aus einem Schatten und aus dem leise klingenden Laut eines fernen Schrittes.

Er setzte sich. Ein unnennbares Gefühl wehmütiger Wonne, unbestimmt und grenzenlos, durchbebte die Hörer, und sie vergaßen, ihm Beifall zu rufen. Als sich die Wogen dieses Gefühls legten, trat Pundarik vor den Thron und forderte seinen Nebenbuhler auf zu erklären, wer der Liebende und wer die Geliebte sei. Er blickte stolz und selbstbewußt um sich, lächelte seinen Anhängern zu und fragte noch einmal: „Wer ist Krischna, der Liebende, und wer ist Radha, die Geliebte?“

Dann begann er, die Etymologie dieser Namen zu erklären, und wie man ihre Bedeutung auf verschiedene Weise auslegen könne. Mit vollendeter Geschicklichkeit brachte er alle die verwickelten Systeme der verschiedenen philosophischen Schulen vor die ganz betäubten Zuhörer. Jeden Buchstaben jener Namen trennte er von seinem Nachbarn und hetzte sie alle einzeln mit unbarmherziger Logik, bis sie vernichtet in den Staub sanken. Doch dann griff er sie wieder auf und gab ihnen eine ganz neue Bedeutung, auf die auch der scharfsinnigste Wortkrämer nicht verfallen wäre.

Die Gelehrten waren in Ekstase; laut lärmten sie Beifall, und die Menge stimmte ein, von dem Wahn hingerissen, daß jetzt eben hier vor ihren Augen durch ein Wunder von Intellekt der Vorhang vor der Wahrheit bis auf den letzten Faden zerrissen worden sei. Diese gewaltige Leistung entzückte sie so, daß sie ganz vergaßen, zu fragen, ob denn die Wahrheit nun auch wirklich hinter diesem Vorhang war.

Der König war von Staunen überwältigt. Die Luft war von allen Musikträumen vollständig gereinigt, und die Welt, die vorher im frischen jungen Grün dagelegen hatte, hatte sich in eine solide, gut gepflasterte Landstraße verwandelt.

Dem versammelten Volk erschien ihr Dichter jetzt wie ein bloßer Knabe an der Seite jenes Riesen, der so sicher dahinschritt durch die Welt der Worte und Gedanken und alle Schwierigkeiten mit einem Tritt zu Boden stampfte. Zum erstenmal wurde es ihnen klar, daß die Dichtungen Schekhars lächerlich einfach waren, und daß sie sie ebenso gut selbst hätten schreiben können. Sie waren weder neu, noch schwer verständlich, noch belehrend, noch unentbehrlich.

Der König versuchte heimlich durch scharfe Blicke seinen Dichter zu einem letzten Versuch anzuspornen. Aber Schekhar beachtete es nicht und blieb stumm auf seinem Platz sitzen.

Da stand der König zornig auf von seinem Thron – nahm seine Perlenkette ab und legte sie Pundarik um das Haupt. Alle in der Halle riefen Beifall. Oben vom Balkon her kam ein leises Geräusch, wie das Rauschen eines Gewandes und der Klang von goldenen Glöcklein. Schekhar erhob sich und verließ die Halle.

Die Nacht war dunkel, die Sichel des abnehmenden Mondes gab nur ein mattes Licht. Der Dichter Schekhar nahm seine Manuskripte aus dem Schrank und häufte sie auf dem Fußboden auf. Einige davon enthielten seine ersten Dichtungen, die er fast vergessen hatte. Er blätterte darin und las hier und da eine Seite. Sie schienen ihm alle so unbedeutend und armselig, bloße Worte und kindische Reime.

Er zerriß seine Bücher eins nach dem andern und warf sie ins Feuer, indem er sagte: „Dir, dir will ich sie weihen, o meine Schönheit, mein Feuer! Du hast all diese verlorenen Jahre in meinem Herzen gebrannt. Wenn mein Leben ein Stück Gold gewesen wäre, so wäre es strahlender aus dieser Feuerprobe hervorgegangen. Aber es ist eine zertretene Rasenscholle und nichts bleibt von ihm übrig als diese Handvoll Asche.“

Die Nacht rückte langsam vor. Schekhar öffnete seine Fenster weit. Er breitete auf seinem Lager die weißen Blumen aus, die er so liebte: Jasminblüten, Tuberosen und Chrysanthemen, brachte alles, was er an Lampen im Hause hatte, in sein Schlafzimmer und zündete sie an. Dann vermischte er den Saft einer giftigen Wurzel mit Honig, trank ihn und legte sich auf sein Lager.

Da erklangen draußen im Korridor goldene Fußspangen und die Brise trug einen feinen Duft ins Zimmer.

Der Dichter hatte die Augen geschlossen. „Meine Herrin,“ flüsterte er, „hast du endlich Erbarmen mit deinem Diener und kommst zu ihm?“

Eine süße Stimme antwortete: „Mein Dichter, ich bin da.“

Schekhar öffnete die Augen und sah an seinem Lager die Gestalt einer Frau. Er konnte nur noch wie durch einen Nebel sehen. Und es schien ihm, daß das aus dem Schatten geborene Bildnis, das er so lange im geheimen Schrein seines Herzens bewahrt hatte, jetzt in seinem letzten Augenblick in die Welt hinausgekommen war, um ihm ins Antlitz zu sehen.

Die Gestalt sagte: „Ich bin die Prinzessin Adschita.“ Mit äußerster Anstrengung richtete sich der Dichter von seinem Lager auf.

Die Prinzessin flüsterte ihm ins Ohr: „Der König hat dir nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen. Du warst es, mein Dichter, der den Kampf gewann, und ich bin gekommen, um dich mit dem Siegeskranz zu krönen.“

Damit nahm sie den Blumenkranz von ihrem Haar und setzte ihn dem Dichter aufs Haupt, und der Dichter sank tot auf sein Lager zurück.


[MASCHI]

I

„MASCHI!“

„Versuche zu schlafen, Dschotin, es wird spät.“

„Das macht nichts. Ich habe nicht mehr lange zu leben. Ich dachte eben, daß Mani doch lieber zu ihrem Vater sollte nach – wo wohnt er doch noch?“

„In Sitarampur.“

„O ja, Sitarampur. Schicke sie dahin. Sie sollte nicht länger bei einem kranken Mann bleiben. Sie ist selbst nicht kräftig.“

„Nun höre ihn einer! Denkst du denn, sie könnte es ertragen, dich in diesem Zustand zu verlassen?“

„Weiß sie, was die Ärzte –?“

„Aber das sieht sie ja selbst! Als ich neulich nur leise andeutete, daß sie zu ihrem Vater sollte, weinte sie sich fast die Augen aus.“


Wir müssen hier zur Erklärung sagen, daß dieser Bericht die Wahrheit etwas entstellte – um es gelinde auszudrücken. In Wirklichkeit verlief das Gespräch mit Mani folgendermaßen:


„Nun, mein Kind, du hast wohl Nachricht von deinem Vater bekommen? Ich meinte, deinen Vetter Anath hier zu sehen.“

„Ja! Nächsten Freitag ist das Annapraschan-Fest[2] meiner kleinen Schwester. Daher meine ich –“

„Schön, liebes Kind. Schicke ihr ein goldenes Halsband. Darüber wird deine Mutter sich freuen.“

„Ich möchte selbst hinreisen. Ich habe meine kleine Schwester noch gar nicht gesehen, und ich möchte sie gar zu gern sehen.“

„Was fällt dir ein? Du denkst doch nicht im Ernst daran, Dschotin allein zu lassen? Hast du nicht gehört, was der Arzt gesagt hat?“

„Aber er sagte doch, daß augenblicklich keine besondere Ursache zu –“

„Wenn er das auch gesagt hat, du siehst doch, wie krank er ist.“

„Sie ist das erste Mädchen nach drei Brüdern und alle machen soviel aus ihr. – Ich hörte, daß es eine große Sache werden soll. Wenn ich nicht komme, wird Mutter sehr –“

„Ja, ich weiß! Ich verstehe deine Mutter nicht. Aber ich weiß auch sehr gut, wie böse dein Vater sein wird, wenn du jetzt gerade Dschotin allein läßt.“

„Du mußt ihm ein paar Zeilen schreiben und ihm sagen, daß kein besonderer Grund zur Besorgnis da ist und daß, selbst wenn ich reise, auch kein –“

„Ja, da hast du recht; selbst wenn du reist, so ist nicht viel verloren. Aber das wisse: wenn ich deinem Vater schreibe, werde ich ihm offen sagen, was ich denke.“

„Dann brauchst du nicht zu schreiben. Ich werde meinen Mann fragen, und er wird sicher –“

„Nun hör mal, mein Kind. Ich habe ein gut Teil von dir ertragen, aber wenn du das tust, sind wir fertig miteinander. Und dein Vater kennt dich zu gut, als daß du ihn täuschen könntest.“

Als Maschi fort war, warf Mani sich verdrießlich aufs Bett.

Ihre Nachbarin und Freundin kam und fragte, was geschehen sei.

„Denk dir nur! Ist es nicht eine Schande? Jetzt kommt das Annapraschan-Fest meiner einzigen Schwester, und sie wollen mich nicht hinreisen lassen!“

„Aber Mani! Du denkst doch nicht wirklich daran, hinzureisen, wo dein Mann so krank ist?“

„Ich tue doch nichts für ihn, und ich könnte es auch nicht, wenn ich es auch versuchte. Ich will dir offen sagen: Es ist so sterbenslangweilig in diesem Hause, daß ich es nicht aushalten kann!“

„Du bist eine seltsame Frau!“

„Ich kann nur nicht heucheln wie ihr andern und trübsinnig aussehen, nur damit andre nicht schlecht von mir denken.“

„Nun, dann sag' mir, was du jetzt tun willst.“

„Ich muß fort. Niemand kann mich hindern.“

„Kßß! Was du für eine eigenwillige kleine Frau bist!“

II

ALS Dschotin hörte, daß Mani geweint hätte bei dem bloßen Gedanken an eine Heimreise zu ihrem Vater, wurde er so erregt, daß er sich im Bett aufrichten mußte. Er schob das Kissen hinter seinen Rücken und sich darauf zurücklehnend, sagte er: „Maschi, öffne das Fenster ein wenig und nimm die Lampe weg.“

Die stille Nacht stand schweigend am Fenster wie ein Pilger der Ewigkeit, und die Sterne schauten herein, die Zeugen zahlloser Todesszenen in zahllosen Jahrtausenden.

Dschotin sah das Antlitz seiner Mani auf dem Hintergrunde der dunklen Nacht und sah, wie ihre großen dunklen Augen unaufhörlich von Tränen überflossen.

Maschi fühlte sich erleichtert, als sie ihn so ruhig sah, denn sie dachte, er schliefe.

Plötzlich machte er eine hastige Bewegung und sagte: „Maschi, ihr meintet alle, Mani sei zu oberflächlich, um sich in unserem Hause glücklich zu fühlen. Aber jetzt siehst du –“

„Ja, mein Liebling, jetzt sehe ich, daß ich mich irrte, – aber in der Prüfung bewährt sich erst der Mensch.“

„Maschi!“

„Versuch doch zu schlafen, mein Liebling.“

„Laß mich doch ein bißchen denken, laß mich plaudern. Sei nicht böse, Maschi!“

„Nun also, plaudre.“

„Damals, als ich glaubte, ich könnte Manis Herz nicht gewinnen, ertrug ich es still. Aber du –“

„Nein, mein Liebling, das darfst du nicht sagen; ich ertrug es auch.“

„Unsre Herzen, weißt du, sind nicht leblose Dinge, die man nur aufzunehmen braucht, um sie zu besitzen. Ich fühlte, daß Mani ihr eigenes Herz nicht kannte und daß eines Tages, durch ein starkes Erlebnis –“

„Ja, Dschotin, du hast recht.“

„Daher beachtete ich ihre Launen nicht viel.“

Maschi schwieg und unterdrückte einen Seufzer. Nicht einmal, sondern oft hatte sie bemerkt, wie Dschotin die Nacht auf der Veranda zugebracht hatte. Er hatte sich lieber von dem prasselnden Regen durchnässen lassen, als daß er in sein Schlafzimmer gegangen wäre. Wie manchen Tag lang hatte er mit fieberndem Kopf dagelegen, und sie wußte, wie er sich sehnte, daß Mani käme und seine heiße Stirn kühlte, während Mani sich fertig machte, um ins Theater zu gehen. Doch wenn Mani gekommen war, um ihn zu fächeln, hatte er sie verdrießlich fortgeschickt. Sie allein wußte von seiner heimlichen großen Not. Wie oft hätte sie ihm sagen mögen: „Beachte das törichte Kind nicht so viel, laß sie, bis sie selbst Sehnsucht und stille Tränen kennenlernt.“ Aber so etwas kann man nicht sagen, und es wird auch leicht mißverstanden. Dschotin hatte der Gottheit Weib in seinem Herzen einen Altar errichtet, auf dem Mani thronte. Er konnte nicht glauben, daß er keinen Anteil haben sollte an dem Wein der Liebe, den jene Gottheit schenkte. Und so fuhr er fort anzubeten und sein Opfer darzubringen und gab die Hoffnung auf eine Gabe nicht auf.


Maschi glaubte wieder, daß Dschotin schliefe, als er plötzlich ausrief:

„Ich weiß, du dachtest, ich sei nicht glücklich mit Mani, und daher warst du böse auf sie. Aber Maschi, das Glück ist wie jene Sterne. Sie decken nicht die ganze Dunkelheit zu, es sind Lücken dazwischen. Diese Lücken sind unsere Irrtümer. Wir machen Fehler im Leben und verstehen vieles falsch, aber das Licht der Wahrheit dringt doch durch. – Ich weiß nicht, wie es kommt, daß mein Herz heute abend so froh ist.“

Maschi begann sanft über Dschotins Stirn zu streichen, während ihre Tränen ungesehen im Dunkel flossen.

„Ich dachte eben, Maschi, sie ist so jung! Was wird sie tun, wenn ich – –?“

„Jung, Dschotin? Sie ist alt genug. Ich war auch jung, als ich den Geliebten verlor, und ich fand ihn auf immer in meinem Herzen wieder. War das überhaupt ein Verlust? Und meinst du denn, daß man durchaus glücklich sein muß?“

„Maschi, es scheint, daß gerade, wo Manis Herz erwacht, ich – –“

„Sei darum nicht traurig, Dschotin. Ist es nicht genug, daß ihr Herz erwacht?“

Plötzlich fielen Dschotin die Worte aus dem Liede eines Volkssängers ein, das er vor langer Zeit einmal gehört hatte:

O mein Herz, du erwachtest nicht, als der Mann
deiner Liebe an deine Tür kam.
Erst beim Schall seiner scheidenden Schritte erwachtest du.
O, du erwachtest im Dunkel!

„Maschi, wie spät ist es jetzt?“

„Gegen neun.“

„Noch so früh! Und ich glaubte, es müßte wenigstens schon zwei oder drei sein. Meine Mitternacht beginnt ja schon, wenn die Sonne untergegangen ist. Aber warum wolltest du denn, daß ich schlafe?“

„Nun, du weißt, wie lange du gestern wach lagst, als du immerfort sprachst. Daher mußt du heute früh einschlafen.“

„Schläft Mani schon?“

„O nein, sie ist dabei, dir etwas Suppe zu kochen.“

„Das ist doch nicht dein Ernst, Maschi? Tut sie das wirklich?“

„Gewiß! Sie kocht ja alles für dich, die fleißige kleine Frau.“

„Ich dachte, daß Mani überhaupt nicht –“

„Eine Frau braucht nicht lange, um solche Dinge zu lernen. Wenn's not tut, lernt man sie von selbst.“

„Die Fischsuppe, die ich heute morgen aß, hatte einen so besonders köstlichen Geschmack; ich dachte, du hättest sie gekocht?“

„Ach, du meine Güte, nein! Du denkst doch nicht etwa, Mani würde mich etwas für dich tun lassen? Sie besorgt ja deine ganze Wäsche selbst; sie weiß, wie eigen du damit bist. Wenn du nur deine Wohnzimmer sehen könntest, wie blitzblank sie alles hält! – Wenn ich sie häufig in dein Krankenzimmer kommen ließe, so würde sie sich ganz aufreiben. Aber das will sie ja auch gerade.“

„Ist denn Manis Gesundheit –?“

„Der Arzt meint, wir sollten sie nicht zu oft ins Krankenzimmer lassen. Sie ist zu weichherzig.“

„Aber Maschi, wie kannst du sie daran hindern, hereinzukommen?“

„Weil sie mir blind gehorcht. Aber ich muß ihr beständig sagen, wie es dir geht.“


Die Sterne glitzerten am Himmel wie Tränentropfen. Dschotin neigte sein Haupt dankbar seinem Leben, das im Begriff war zu scheiden, und als der Tod durch das Dunkel seine Rechte nach ihm ausstreckte, faßte er sie vertrauensvoll.

Nach einer Weile seufzte Dschotin und sagte mit einer Bewegung leiser Ungeduld:

„Maschi, wenn Mani doch noch wacht, könnte ich da nicht – wenn auch nur eine –?“

„Ja gewiß! Ich will sie rufen.“

„Ich werde sie nicht lange festhalten, nur fünf Minuten. Ich habe ihr etwas Besonderes zu sagen.“

Maschi ging seufzend hinaus, um Mani zu holen. Inzwischen fing Dschotins Puls an, schnell zu schlagen. Er wußte nur zu gut, daß es ihm nie gelungen war, ein vertrauliches Gespräch mit Mani zu haben. Die beiden Instrumente waren verschieden gestimmt, und es war nicht leicht, sie zusammen zu spielen. Immer wieder hatte Dschotin ein plötzliches Gefühl von Eifersucht überkommen, wenn er Mani mit ihren Freundinnen lustig schwatzen und lachen hörte. Dschotin tadelte nur sich, – warum konnte er nicht über oberflächliche Dinge plaudern so wie sie? Nicht daß er es nicht gekonnt hätte; mit seinen männlichen Freunden plauderte er oft über allerlei alltägliche Dinge. Aber das Geplauder, das für Männer paßt, paßt nicht für Frauen. Man kann ein philosophisches Gespräch als Monolog halten und seinen unaufmerksamen Zuhörer gar nicht beachten, aber beim leichten Geplauder müssen mindestens zwei zusammenwirken. Man kann auf einer Sackpfeife spielen, aber nicht mit einer Zymbel. Wie oft hatte Dschotin, wenn er am Abend mit Mani draußen auf der Veranda saß, gewaltsame Anstrengungen gemacht, eine Unterhaltung mit ihr in Gang zu bringen, aber immer wieder riß gleich der Faden ab. Und es war, als ob der Abend sich seines Schweigens schämte. Dschotin war sicher, daß Mani sich von ihm fortsehnte. Dann hatte er selbst ernstlich gewünscht, ein Dritter möchte dazu kommen. Denn eine Unterhaltung zu dreien ist leicht, wenn sie zu zweien schwer fällt.

Jetzt fing er an darüber nachzudenken, was er sagen wollte, wenn Mani käme. Aber so ein künstlich zurechtgelegtes Gespräch wollte ihn nicht befriedigen. Dschotin fürchtete, daß diese fünf Minuten heute abend verloren sein würden. Und doch blieben ihm nur so wenige Augenblicke zu vertraulichem Gespräch.

III

„WAS ist denn das, Kind, du willst doch nicht irgendwohin?“

„Doch, ich will nach Sitarampur.“

„Was denkst du dir denn? Wer soll dich denn begleiten?“

„Anath.“

„Nicht heute, mein Kind, ein andermal.“

„Aber die Kajüte ist schon belegt.“

„Was macht das? Der Verlust läßt sich leicht tragen. Reise morgen, morgen früh.“

„Maschi, ich glaube nicht an die Unglückstage des Kalenders. Was kann es schaden, wenn ich heute reise?“

„Dschotin möchte mit dir sprechen.“

„Schön, ich habe noch etwas Zeit. Ich will noch schnell einmal nach ihm sehen.“

„Aber du mußt ihm nicht sagen, daß du verreisen willst.“

„Gut, ich will ihm nichts sagen. Aber ich kann nicht lange bei ihm bleiben. Morgen ist das Annapraschan-Fest meiner Schwester, und ich muß heute reisen.“

„O mein Kind, ich bitte dich, höre doch dies eine Mal auf mich! Versuch, dich eine Weile ganz still zu fassen und setze dich zu ihm. Laß ihn nicht merken, daß du es eilig hast.“

„Was kann ich tun? Der Zug wartet nicht auf mich. Anath kommt in zehn Minuten zurück. Bis dahin kann ich bei ihm bleiben.“

„Nein, das geht nicht. In dieser seelischen Verfassung werde ich dich nie zu ihm lassen ... O du erbärmliches Geschöpf, der Mann, den du so quälst, wird bald diese Welt verlassen; aber ich warne dich: du wirst diesen Tag zeitlebens nicht vergessen. Daß es einen Gott gibt, daß es einen Gott gibt, das wirst du eines Tages erfahren.“

„Maschi, du mußt mich nicht so verwünschen.“

„O mein armer Junge, mein Liebling! Warum lebst du noch länger? Diese Sünde hat kein Ende, und ich kann nichts tun, sie zu hindern.“


Maschi zögerte noch eine Weile, dann ging sie ins Krankenzimmer zurück in der Hoffnung, daß Dschotin inzwischen eingeschlafen sei. Aber Dschotin bewegte sich im Bett, als sie eintrat. Maschi rief aus:

„Sieh einmal an, was sie nun gemacht hat!“

„Was ist geschehen? Kommt Mani nicht? Warum bist du so lange fortgeblieben, Maschi?“

„Ich fand sie bitterlich weinend, weil sie die Milch für deine Suppe hatte verbrennen lassen. Ich versuchte sie zu trösten und sagte, es gäbe ja noch mehr Milch. Aber daß sie bei der Zubereitung deiner Suppe so nachlässig hatte sein können, der Gedanke brachte sie ganz in Verzweiflung. Mit großer Mühe gelang es mir, sie etwas zu beruhigen und ins Bett zu bringen. Daher habe ich sie heute nicht mitgebracht. Laß sie ihren Kummer verschlafen.“

Obgleich es Dschotin schmerzlich war, daß Mani nicht kam, fühlte er sich doch in gewisser Weise erleichtert. Er hatte so halb und halb gefürchtet, daß die wirkliche Mani das Bild, das er von ihr im Herzen trug, trüben könnte. Das war schon früher geschehen. Und der Gedanke, daß Mani unglücklich war, weil sie seine Milch verbrannt hatte, füllte sein Herz mit überströmender Freude.

„Maschi!“

„Ja, mein Liebling?“

„Ich bin ganz gewiß, daß es mit mir zu Ende geht. Aber ich bin nicht traurig darum. Gräme dich nicht um mich!“

„Nein, mein Liebling, ich werde mich nicht grämen. Ich glaube nicht, daß nur das Leben gut ist, und der Tod nicht.“

„Maschi, du kannst mir glauben, der Tod ist süß.“

Dschotin lag still da und blickte hinaus in den dunklen Nachthimmel, und es war ihm, als ob es Mani selbst sei, die in Gestalt des Todes auf ihn zuschritt. Sie war in ewige Jugend gekleidet, und die Sterne waren Blumen, die die große Mutter der Welt segnend auf ihren dunklen Scheitel gestreut hatte. Es war ihm, als ob er sie jetzt wieder zum erstenmal unter dem Hochzeitsschleier sähe[3]. Die unendliche Nacht wurde ganz erfüllt von dem liebenden Blick aus Manis dunklen Augen. Mani, die Braut dieses Hauses, das kleine Mädchen, wurde zu dem Bild einer Gottheit, das auf dem Altar der Sterne thronte, wo Leben und Tod in einen Strom münden. Dschotin faltete die Hände und flüsterte leise: „Endlich hat sich der Schleier gehoben, die Hülle des tiefen Dunkels ist zerrissen. Ach, Geliebte! Wie oft hast du mein Herz gemartert, aber jetzt wirst du mich nicht mehr verlassen!“

IV

„ICH habe Schmerzen, Maschi, aber du mußt nicht denken, daß ich leide. Es ist, als ob meine Schmerzen sich allmählich von meinem Leben lösten. Bisher folgten sie ihm wie ein beladenes Boot im Schlepptau, jetzt aber ist das Seil zerrissen, und sie treiben dahin mit allem, was mich drückt. Ich sehe sie noch, aber sie gehören nicht mehr zu mir. – Aber Maschi, ich habe diese beiden letzten Tage Mani nicht ein einziges Mal gesehen!“

„Dschotin, ich will dir ein anderes Kissen geben.“

„Es scheint mir fast, Maschi, als ob Mani mich auch verlassen hat und von mir forttreibt wie das beladene Leidensboot.“

„Komm, trink ein Schlückchen von dem Granatapfelsaft, mein Liebling. Dir muß der Hals ganz trocken sein.“

„Ich schrieb gestern mein Testament; habe ich es dir gezeigt? Ich kann mich nicht mehr erinnern.“

„Du brauchst es mir nicht zu zeigen, Dschotin.“

„Als Mutter starb, besaß ich nichts. Du ernährtest mich und zogst mich auf. Daher meine ich – –“

„Unsinn, Kind. Ich hatte nur dies Haus und ein bißchen Vermögen. Das übrige hast du verdient.“

„Aber dies Haus –?“

„Das ist nichts. Du hast ja soviel hinzugebaut, daß es schwer ist zu sagen, wo mein Haus war!“

„Ich bin sicher, daß Manis Liebe zu dir wirklich –“

„Ja, ja, das weiß ich, Dschotin. Nun versuch' zu schlafen.“

„Wenn ich auch mein ganzes Eigentum Mani hinterlassen habe, so ist es praktisch doch deins, Maschi. Sie wird dir ja immer in allem gehorchen.“

„Warum quälst du dich deshalb so viel, mein Liebling?“

„Alles, was ich habe, verdanke ich dir. Wenn du mein Testament siehst, so denke keinen Augenblick, daß – –“

„Aber was fällt dir ein, Dschotin? Glaubst du denn, daß ich es auch nur einen Augenblick übelnehmen könnte, wenn du Mani gibst, was dir gehört? Ich bin doch nicht so kleinlich.“

„Aber du wirst auch – –“

„Nun höre einmal, Dschotin, jetzt werde ich böse. Du willst mich mit Geld trösten.“

„Ach, Maschi, wie gern möchte ich dir etwas geben, was besser ist als Geld!“

„Das hast du ja getan, Dschotin! mehr als genug. Hast du mir denn nicht mein einsames Leben ausgefüllt? Das war solch ein großes Glück, daß ich es mir in vielen früheren Leben verdient haben muß. Du hast mir soviel gegeben, daß ich jetzt, wo dies Leben mir nichts mehr zu geben hat, nicht klagen werde. Ja, ja, hinterlasse nur Mani alles: dein Haus, dein Geld, deinen Wagen und dein Land – mir sind solche Lasten jetzt zu schwer.“

„Ich weiß ja, daß du den Geschmack an den Freuden des Lebens verloren hast, aber Mani ist so jung, daß –“

„O nein, das mußt du nicht sagen. Wenn du ihr dein Eigentum hinterläßt, das ist schon recht, aber was die Freuden des Lebens anbetrifft –“

„Aber warum sollte sie sie auch nicht genießen, Maschi?“

„Nein, nein, das wird sie nicht können in ihrem großen Schmerz. Sie werden ihr wie Staub und Asche sein.“


Dschotin schwieg. Er konnte nicht entscheiden, ob es wahr war oder nicht und ob er es beklagen müsse, wenn Mani die Welt ohne ihn zuwider war.

Er seufzte und sagte: „Das, was wirklich des Gebens wert ist, können wir niemandem zurücklassen.“

„Es ist nichts Geringes, was du gibst, mein Liebling. Ich bete nur, daß sie den Wert dessen, was ihr gegeben wird, erkennen möge.“

„Gib mir noch etwas von dem Granatapfelsaft, Maschi, ich bin durstig. Kam Mani eigentlich gestern zu mir?“

„Ja, sie kam, aber du schliefst gerade. Sie saß lange Zeit am Kopfende deines Bettes und fächelte dich; dann ging sie weg, um deine Wäsche zu besorgen.“

„O wie wunderschön! Ich glaube, ich habe in demselben Augenblick geträumt, daß Mani versuchte, zu mir hereinzukommen. Die Tür war angelehnt, und sie stieß dagegen, aber sie wollte sich nicht öffnen. Aber Maschi, du gehst zu weit, du solltest sie wissen lassen, daß ich sterbe; sonst wird mein Tod ein so furchtbarer Schlag für sie sein.“

„Komm, mein Liebling, ich will dir diesen Schal über die Füße decken, sie werden ganz kalt.“

„Nein, Maschi, ich kann so etwas nicht auf den Füßen haben.“

„Weißt du, Dschotin, daß Mani dir diesen Schal gestrickt hat? Sie hat so fleißig daran gearbeitet, als sie eigentlich hätte schlafen sollen. Erst gestern ist sie damit fertig geworden.“

Dschotin nahm den Schal und streichelte ihn zärtlich. Er empfand die sanfte Weichheit der Wolle als hielte er Manis Hand in der seinen. Nacht für Nacht hatte sie ihre liebenden Gedanken hineingewoben. Er war nicht aus Wolle gemacht, sondern aus ihrer Berührung. Als daher Maschi den Schal über seine Füße legte, war es ihm, als ob Mani seine müden Glieder liebkoste.

„Aber Maschi, ich dachte, Mani könne gar nicht stricken, – jedenfalls mochte sie es nie.“

„So etwas lernt man schnell. Natürlich mußte ich es ihr zeigen. Auch sind allerlei Fehler darin.“

„Laß diese Fehler nur, wir wollen ihn ja nicht auf die Pariser Ausstellung schicken. Er wird trotz der Fehler meine Füße warm halten.“

Dschotin begann sich im Geiste Mani bei der Arbeit vorzustellen, wie sie Fehler machte und nicht damit zustande kommen konnte und doch Abend für Abend geduldig weiter daran arbeitete. Wie lieb und rührend war das doch! Und wieder strichen seine Finger zärtlich über den Schal.

„Maschi, ist der Doktor unten?“

„Ja, er will heute nacht hierbleiben.“

„Aber sag' ihm, es ist nutzlos, wenn er mir einen Schlaftrunk gibt. Der verschafft mir nicht wirklich Ruhe, und ich fühle mich nur schlechter danach. Laß mich richtig wach bleiben. – Weißt du, Maschi, daß unsre Hochzeit in der Vollmondnacht war im Monat Mai? Morgen ist der Tag, und die Sterne jener Nacht werden am Himmel scheinen. Mani denkt vielleicht nicht daran. Ich möchte sie heute daran erinnern; rufe sie doch auf ein paar Minuten her. – … Warum antwortest du nicht? Der Doktor hat dir wohl gesagt, ich sei so schwach, daß jede Aufregung – aber ich versichere dich, Maschi, wenn ich heute abend nur ein paar Minuten mit ihr sprechen kann, brauche ich gar keinen Schlaftrunk. – Maschi, weine doch nicht so! Ich fühle mich ganz wohl. Mein Herz ist heute so voll wie nie zuvor in meinem Leben. Darum möchte ich Mani sehen. – Nein, nein, Maschi, ich kann es nicht ertragen, wenn du so weinst. Du bist alle diese letzten Tage so ruhig gewesen. Was hast du denn nur heute abend?“

„Ach, Dschotin, ich glaubte, daß der Quell meiner Tränen versiegt wäre; aber sie fließen immer wieder von neuem. Ich kann es nicht ertragen.“

„Ruf' Mani! Ich will sie an unsern Hochzeitsabend erinnern, so daß sie morgen – –“

„Ich geh schon, mein Liebling. Schombhu wird an der Tür warten. Wenn du irgend etwas willst, ruf' ihn.“

Maschi ging in Manis Schlafzimmer und sank weinend auf den Fußboden nieder. „O komm, komm dies eine Mal, du herzloses Geschöpf! Erfülle die letzte Bitte dessen, der dir alles gegeben hat. Er stirbt ja schon, gib ihm doch nicht den Todesstoß!“


Als Dschotin draußen Schritte hörte, fuhr er auf und rief: „Mani!“

„Ich bin Schombhu. Hat der Herr mich gerufen?“

„Sage deiner Herrin, sie soll kommen.“

„Wer soll kommen?“

„Deine Herrin.“

„Sie ist noch nicht zurück.“

„Zurück? Von wo?“

„Von Sitarampur.“

„Wann reiste sie dahin?“

„Vor drei Tagen.“

Einen Augenblick war Dschotin ganz betäubt, und alles drehte sich vor seinen Augen. Er glitt von den Kissen herab, die ihn stützten, und stieß den wollenen Schal, der seine Füße bedeckte, auf den Boden.


Als Maschi nach einer langen Weile zurückkam, erwähnte Dschotin Manis Namen nicht, und Maschi dachte, daß er sie ganz vergessen hätte.

Plötzlich rief er: „Maschi, erzählte ich dir den Traum, den ich neulich nachts hatte?“

„Welchen Traum?“

„Wo Mani immer gegen die Tür stieß, und die Tür wollte sich nicht weiter als einen Zoll öffnen. Sie stand draußen und konnte nicht herein. Jetzt weiß ich, daß Mani bis zuletzt draußen vor meiner Tür bleiben muß.“

Maschi antwortete nicht. Sie sah, daß der Himmel, den sie aus Lügen für Dschotin aufgebaut hatte, nun doch eingestürzt war. Wenn das Leid kommt, so ist es am besten, es nicht zu verleugnen. Wenn Gott schlägt, können wir dem Schlag nicht ausweichen.

„Maschi, die Liebe, die du mir gegeben hast, wird durch all meine künftigen Leben dauern. Ich habe dies Leben ganz damit angefüllt und nehme sie mit fort. Ich bin gewiß, in unserm nächsten Leben wirst du als meine Tochter geboren werden, und ich werde dich mit meiner ganzen Liebe hüten und hegen.“

„Was sagst du da, Dschotin? Meinst du, ich soll wieder als Mädchen geboren werden? Kannst du nicht beten, daß ich als Sohn in deine Arme komme?“

„Nein, nein, nicht als Sohn. Du wirst in mein Haus kommen in jener wunderbaren Schönheit, die dich schmückte, als du jung warst. Ich kann mir sogar schon vorstellen, wie ich dich kleiden werde.“

„Sprich nicht so viel, Dschotin, versuch' zu schlafen.“

„Ich werde dich Lakschmi[4] nennen.“

„Aber das ist ein altmodischer Name, Dschotin.“

„Ja, aber du bist ja auch meine altmodische Maschi. Komm wieder in mein Haus mit deiner schönen altmodischen Art.“

„Ich kann doch nicht wünschen, deinem Hause die Enttäuschung zu bringen, daß ein Mädchen statt eines Knaben kommt.“

„Maschi, du hältst mich für schwach und willst mir alles Schwere ersparen.“