RABINDRANATH TAGORE
GITANJALI
(SANGESOPFER)
KURT WOLFF VERLAG
MÜNCHEN
Einzig autorisierte deutsche Ausgabe. Nach der von Rabindranath Tagore selbst veranstalteten englischen Ausgabe ins Deutsche übertragen von Marie Luise Gothein. Zweihundert Exemplare wurden zweifarbig auf Kaiserlich Japan gedruckt, in Ganzleder gebunden und handschriftlich numeriert
28. bis 32. Tausend
1
Du machtest mich endlos – so ist dein Belieben. Dies schwache Gefäß leertest du wieder und wieder und fülltest es immer mit neuem Leben.
Du trugst diese kleine Rohrflöte über Hügel und Täler und hauchtest durch sie ewig neue Melodien.
Bei dem unsterblichen Druck deiner Hände verliert mein kleines Herz seine Grenze in Freude und gebiert unaussprechliche Worte.
Deine unendlichen Gaben empfange ich nur auf diesen meinen sehr kleinen Händen. Zeitalter vergehn und immer gießest du aus, und immer ist Raum, um erfüllt zu werden.
2
Wenn du mir befiehlst zu singen, scheint mir das Herz vor Stolz brechen zu wollen; ich schau in dein Antlitz, und Tränen kommen mir in das Auge. All das, was hart und mißtönig ist mir im Leben, zerschmilzt in eine süße Harmonie – und meine Anbetung breitet die Schwingen gleich einem frohen Vogel im Fluge über die See.
Ich weiß, mein Singen macht dir Freude, ich weiß, nur als Sänger werde ich vor dich gelassen.
Ich rühre mit dem Saume der weitausgebreiteten Schwinge des Sangs deine Füße, die nie zu erreichen ich streben könnte.
Trunken von Freude des Singens vergeß ich mich ganz und nenne dich Freund, der du mein Herr bist.
3
Ich weiß nicht, wie du singest, mein Meister, ich lausche immer in stillem Staunen.
Dein Licht der Musik erleuchtet die Welt. Der Lebenshauch deiner Musik läuft von Himmel zu Himmel. Der heilige Strom der Musik durchbricht alle Hindernisse von Stein und stürzet fort.
Mein Herz ersehnt, deinem Sang sich zu einen und ringt umsonst nach Stimme. Ich wollte sprechen, doch Sprache fügt sich dem Sang nicht, da schrei ich getäuscht auf! O du hast mein Herz gefangen in deines Liedes endlosen Maschen, mein Meister.
4
O du meines Lebens Leben! Immer werd ich mich mühn, rein meinen Leib zu erhalten, wissend, daß auf meinen Gliedern lebendig dein Hauch ist.
Immer werd ich mich mühn, Unwahres mir fern vom Denken zu halten, wissend: du bist die Wahrheit, die mir im Geiste das Licht der Vernunft entzündet.
Immer werd ich mich mühn, von meinem Herzen die Übel zu treiben und meine Liebe in Blüte zu halten, wissend: du thronest im Allerheiligsten meines Herzens.
Und es soll immer mein Streben sein: dich offenbaren in meinem Tun, wissend, daß deine Macht mir Kraft gibt zum Handeln.
5
Ich bitte nur um ein wenig Geduld, um an deiner Seite zu sitzen, das Werk, das ich wirke, wird später vollendet.
Ferne dem Schaun auf dein Antlitz, kennt mir das Herz nicht Ruhe noch Rast; und mein Werk wird endloses Mühn am uferlosen Meere der Mühe.
Heut kam der Sommer ans Fenster mit seinem Summen und Surren, die Bienen singen von Minne am Hofe des blühenden Haines.
Nun ist es Zeit, um stille zu sitzen von Antlitz zu Antlitz mit dir und dir zu singen des Lebens Widmung in dieser schweigenden, überströmenden Muße.
6
Pflück diese kleine Blume und nimm sie und zögre nicht, ich fürchte, sie welkt und fällt in den Staub.
Sie wird keinen Platz in deinem Kranze finden, doch ehre sie mit dem Schmerzensdruck deiner Hand und pflücke sie ab. Ich fürchte, der Tag könnt enden, eh ich es merke und die Zeit des Opferns vergehn.
Ist auch die Farbe nicht tief und ihr Duft nur schwach, nütze die Blume für deinen Dienst und pflück sie, solange es Zeit ist.
7
Mein Lied hat seines Schmuckes sich entäußert, es ist nicht stolz auf Kleid und Zier. Der Schmuck könnt unsre Einigkeit zerstören, er würde zwischen dich und mich sich stellen; dein Flüstern könnt ertrinken in dem Klingklang.
Mein Dichterhochmut stirbt in Scham vor deinem Anblick, o Meisterdichter, ich saß dir zu Füßen. Laß mich mein Leben grad und einfach machen, gleich einer Flöte, die du füllst mit Tönen.
8
Das Kind, dem ein fürstlich Kleid man anzog, und das Juwelen um seinen Nacken trägt, verliert alle Freude an seinem Spiel, behindert vom Kleid bei jedem Schritt.
Aus Furcht, es könnte zerreißen, vom Staube befleckt sein, hält es sich fern von der Welt und fürchtet beinah sich zu regen.
Mutter, es ist kein Gewinn im Zwang deines Putzes, wenn er uns ausschließt vom heilsamen Staube der Erde, wenn er des Rechts uns beraubt, hinzuzutreten zum großen Markt des gemeinen menschlichen Lebens.
9
Narr, der du suchst, dich auf eignen Schultern zu tragen; o Bettler, der du kommst, an eignen Türen zu betteln!
Leg deine Lasten in seine Hände, der alles trägt und schaue nicht zurück in Bedauern.
Deine Begierde löschet sogleich das Licht der Lampe, die sie mit ihrem Atem berührt. Unheilig ist sie – nimm nicht deine Gaben aus ihren unreinen Händen. Nimm nur, was heilige Liebe dir bietet.
10
Hier ist dein Schemel, dort ruhn deine Füße, wo die Ärmsten und Niedersten, wo die Verlorenen leben.
Wenn ich versuche, mich dir zu neigen, kann mein Haupt nicht die Tiefe erreichen, wo deine Füße ruhen unter den Ärmsten und Niedersten, den Verlorenen.
Stolz kann niemals sich nähern, wo du umher gehst in den Gewändern der Demütigen unter den Ärmsten und Niedersten, den Verlorenen.
Mein Herz findet nie seinen Weg dorthin, wo du Freundschaft hältst mit den Freundlosen unter den Ärmsten, den Niedersten, den Verlorenen.
11
Laß dies Stimmen und Singen und Sagen des Rosenkranzes! Wen betest du an in diesem einsamen, dunklen Winkel des Tempels, in dem verschlossenen Tor?
Öffne die Augen und sieh, dein Gott ist nicht vor dir.
Er ist dort, wo der Pflüger den harten Grund pflügt, wo der Steinklopfer Steine bricht. Er ist mit ihnen in Sonne und Regen und wo sein Kleid bedeckt ist mit Staub. Leg ab deinen heiligen Mantel und komme herab mit ihm auf den staubigen Boden.
Befreiung? Wo ist die Befreiung zu finden? Unser Meister hat freudig die Bande der Schöpfung auf sich genommen; er ist mit uns für immer gebunden.
Komm heraus aus deiner Betrachtung, laß Blumen und Weihrauch beiseite! Was schadet es, wenn deine Kleider zerreißen und fleckig werden. Geh ihm entgegen, stehe bei ihm in der Arbeit, dem Schweiß deiner Stirne.
12
Die Zeit, die meine Reise braucht, ist lang, und der Weg ist lang.
Ich kam heraus auf dem Wagen im ersten Strahle des Lichts und setzte die Fahrt weiter fort durch die Wildnis der Welten und ließ meine Spur auf manchem Stern und Planeten.
Es ist der fernste Weg, der am nächsten führt zu dir selbst, und jene Übung ist die schwierigste, die zum allereinfachsten Ton kommt.
An jede fernste Türe muß der Wanderer klopfen, bis er zur eigenen gelangt, durch alle äußeren Welten muß man ziehn, zuletzt zum Allerheiligsten zu kommen.
Und meine Augen streiften weit und breit, eh ich sie schloß und sprach: »Hier bist du!«
Die Frage und der Ruf: »O wo?« zerschmilzt in tausend Tränenströmen und ertränkt die Welt mit der Flut der Versichrung »Ich bin!«
13
Das Lied, das ich kam zu singen, bleibt ungesungen bis auf diesen Tag.
Ich brachte meine Tage hin, mein Instrument zu stimmen und umzustimmen.
Der Takt kam nicht aus, die Worte sind nicht recht gesetzt, nur eine Pein des Wünschens ist im Herzen.
Die Blüte hat sich nicht geöffnet, nur der Wind seufzt vorüber.
Ich habe sein Angesicht nicht gesehn, nicht gelauscht seiner Stimme; nur seinen leisen Fußtritt hab ich gehört auf der Straße vor meinem Hause.
Der lange Tag verging damit, ihm den Sitz am Boden zu breiten, die Lampe aber ist noch nicht entzündet, ich kann ihn nicht in mein Haus bitten.
Ich lebe der Hoffnung ihn zu treffen, doch dieses Treffen ist noch nicht.
14
Meiner Begierden sind viele, mein Schrei heischt Mitleid, aber du hast mich noch immer gerettet durch hartes Verweigern, mit dieser strengen Gnade hast du mein Leben durch und durch gewirkt.
Tag für Tag machst du mich würdig der einfachen, großen Gaben, die du mir ungebeten gabst – des Himmels, des Lichts, dieses Leibes, Lebens und Geistes – und rettest mich aus der Gefahr des Übermaßes der Wünsche.
Es gibt Zeiten, wo träge ich zögre und andre, wo ich erwache und eile, mein Ziel zu suchen; doch grausam birgst du dich vor mir.
Tag für Tag machst du mich würdig deines vollen Empfangs, indem du dich immer versagst und rettest mich vor der Gefahr der schwachen, unsicheren Wünsche.
15
Hier bin ich, dir Lieder zu singen. In deiner Halle hab ich den Sitz im Winkel.
In deiner Welt hab ich kein Werk zu tun, mein nutzlos Leben kann nur ausströmen zwecklos in Tönen.
Wenn die Stunde schlägt für deinen schweigenden Dienst im dunkeln Tempel der Mitternacht, befiehl mir, mein Meister, vor dir zu stehn und zu singen.
Wenn in der Morgenluft die goldene Harfe gestimmt ist, ehre mich und befiehl mir, vor dich zu treten.
16
Ich habe die Ladung gehabt zum Fest dieser Welt, und so ist mein Leben gesegnet. Meine Augen haben gesehn, meine Ohren gehört.
Mein Teil auf diesem Feste war, mein Instrument zu spielen, ich habe alles, was ich konnte, getan.
Nun frag ich, ist endlich die Zeit mir gekommen, wo ich eintreten darf und dein Antlitz sehn und dir schweigend bieten meinen Gruß?
17
Ich warte nur auf die Liebe, um endlich mich in seine Hände aufzugeben. Deshalb bin ich so spät, und deshalb bin ich schuldig so vieler Lücken.
Sie kommen mit ihren Gesetzen und Regeln, um mich zu binden, doch ich entschlüpfe ihnen immer wieder, denn ich warte nur auf die Liebe, um endlich mich in seine Hände aufzugeben.
Die Leute tadeln mich, nennen mich unbedacht, ich zweifle nicht, sie haben Recht zum Tadel.
Der Markttag ist vorüber, alle Arbeit ist getan für die Geschäftigen. Die da kamen umsonst mich zu rufen, gingen voll Zorn. Ich aber warte nur auf die Liebe, um endlich mich in seine Hände aufzugeben.
18
Wolken häufen auf Wolken sich und es dunkelt.
Geliebter, warum läßt du mich draußen vor dem Tore warten ganz allein?
In der geschäftigen Zeit des Mittagwerkes steh ich zur Menge, aber an diesem dunklen, einsamen Tage hoff ich auf dich allein.
Wenn du mir dein Antlitz nicht zeigst, wenn du mich beiseite läßt, so weiß ich nicht, wie ich die langen Regenstunden verbringen soll.
Ich starre zum fernen Schimmer des Himmels, und mein Herz wandert klagend mit dem ruhelosen Wind.
19
Wenn du nicht sprichst, will ich mein Herz mit deinem Schweigen füllen und dulden. Ich warte und halte mich still wie die Nacht mit ihren gestirnten Vigilien, und ihrem Haupte tief geneigt in Geduld.
Der Morgen wird sicher kommen, das Dunkel wird schwinden und deine Stimme in goldenen Strömen sich ergießen und vom Himmel brechen.
Dann werden deine Worte Schwingen nehmen im Gesang von allen meinen Vogelnestern und deine Melodien werden in Blumen in meinen waldigen Hainen aufbrechen.
20
An dem Tag, da der Lotos blühte, schweifte mein Geist, ach, in die Irre, und ich wußte es nicht. Mein Korb war leer, und die Blume blieb ungepflegt.
Nur dann und wann bedrängte mich Traurigkeit, ich fuhr aus dem Traum und fühlte eine süße Spur seltsamen Wohlgeruches im Südwind.
Die flüchtige Süße machte mein Herz weh vor Sehnsucht, und mir deuchte, es sei der brünstige Atem des Sommers, der seine Vollendung suchte.
Ich wußte noch nicht, daß so nah es war, daß es mein war, daß die vollkommene Süße in meines eignen Herzens Tiefe erblüht war.
21
Lichten muß ich mein Boot. Die trägen Stunden vergehen am Ufer – wehe mir!
Der Frühling verblüht und nimmt Abschied und nun mit der Bürde der welken, wertlosen Blätter harr ich und zaudre.
Die Wogen sind ungestüm und am Gestade auf schattigem Rasenhang flattern die gelben Blätter und fallen.
Auf welch eine Leere starrst du! Fühlest du nicht ein Schauern gehn durch die Luft, mit dem Ton eines fernen Liedes verschwebend vom anderen Ufer?
22
Im tiefen Schatten des regnichten Juli wanderst du leisen Tritts, schweigend der Nacht gleich und täuschest die Wächter.
Heut hat der Morgen die Augen geschlossen, achtlos des drängenden Rufes des lauten Ostwinds; ein dichter Schleier ist über den immer wachen, blauen Himmel gezogen.
Die Wälder lassen die Lieder verstummen und an jedem Haus sind die Türen geschlossen. Du bist der einsame Waller in den verlassenen Gassen. O mein einziger Freund, Geliebtester, die Tore sind offen in meinem Hause – geh nicht vorüber wie ein Traum.
23
Bist du draußen in stürmischer Nacht auf deiner Reise der Liebe, mein Freund? Der Himmel ächzt, wie einer, der verzweifelt.
Kein Schlaf kommt heut Nacht zu mir. Ich öffne das Tor immer wieder und schaue ins Dunkel, mein Freund!
Ich kann nichts erkennen vor mir, wo, frage ich, liegt dein Pfad?
An welch dunklem Gestade des pechschwarzen Flusses, welch fernem Rande des dräuenden Forstes, durch welch irrvolle Tiefe des Schattens suchst du deinen Weg zu mir, mein Freund?
24
Wenn der Tag vorbei, wenn die Vögel verstummen, die Winde müde erschlaffen, dann lege den Schleier der Dunkelheit dicht über mich, wie du die Erde gehüllt hast in Decken des Schlafes und zärtlich schlossest im Dämmern die Blätter des schmachtenden Lotos.
Nimm von dem Wandrer, deß Bündel leer ist von Vorrat, ehe die Reise vollendet, dessen Kleid zerrissen und staubbeschwert, dessen Kräfte erschöpft sind, nimm von ihm Armut und Schmach, erneure sein Leben, der Blume gleich unter der Decke der gütigen Nacht.
25
In der Nacht der Ermüdung laß mich dem Schlaf ohne Kampf mich hingeben und ruhen in deinem Vertraun.
Laß den ermatteten Geist mich nicht zwingen zu armer Bereitung für deinen Dienst.
Du ziehst den Schleier der Nacht über die Augen, ermüdet vom Tage, um ihren Blick zu erneun in der frischen Froheit des Wachens.
26
Er kam und saß mir zur Seite, doch ich erwachte nicht. Welch ein verfluchter Schlaf, ich Elender, war das!
Er kam in schweigender Nacht; er hielt die Harfe in Händen und meine Träume tönten wieder seine Melodien.
Wehe, warum sind so meine Nächte verloren? Wehe, warum vermisse ich immer sein Angesicht, dessen Atem den Schlaf mir berührt?
27
Licht! O, wo ist das Licht? Entzünd es am brennenden Feuer der Sehnsucht!
Da ist die Lampe, doch weh, kein Flackern der Flamme – ist das dein Schicksal mein Herz! Dann wäre dir besser bei weitem der Tod.
Elend klopft an die Tür, seine Botschaft kündet: dein Herr ist wachsam, er ruft durch das Dunkel der Nacht dich zum Stelldichein.
Den Himmel verhängen Wolken; der Regen ist endlos. Ich weiß nicht, was in mir sich regt, weiß nicht seinen Sinn.
Ein Blitzstrahl zieht tieferes Dunkel mir übers Aug, und mein Herz tastet den Pfad, auf den die Stimmen der Nacht mich rufen.
Licht! O, wo ist das Licht? Entzünd es am brennenden Feuer der Sehnsucht. Es donnert, der Wind stürzt kreischend durchs Leere. Die Nacht ist schwarz, schwarz wie ein Stein. Laß nicht die Stunden vergehen im Dunkeln. Zünde die Lampe der Liebe mit deinem Leben.
28
Hartnäckig binden mich Fesseln, aber mein Herz schmerzt, wenn ich sie brechen will.
Freiheit ist was ich brauche, aber ich fühle Scham, sie zu hoffen.
Ich bin sicher: unschätzbarer Reichtum ist in dir, und du bist mein bester Freund, doch hab ich das Herz nicht, den Flitter zu kehren, der meine Zimmer erfüllt.
Das Tuch, das mich deckt, ist ein Tuch aus Staub und aus Tod, ich haß es und heg es in Liebe.
Meine Schuld ist groß, mein Vergehn groß, meine Schande ist schwer und geheim, doch wenn ich komme, mein Gut zu erbitten, zittre ich vor Furcht, daß mir erhört mein Gebet sei!
29
Er, den ich mit meinem Namen umschließe, er weint im Gefängnis. Ich bin immer geschäftig, die Mauer um ihn zu bauen und wie der Wall in den Himmel wächst Tag für Tag, verlier ich in seinem tiefen Schatten mein wahres Sein aus dem Auge.
Ich bin stolz auf die mächtige Mauer, verkleb sie mit Staub und mit Sand; daß nicht das kleinste Loch in diesem Namen bleibe. Bei all dieser Sorge verlier ich mein wahres Sein aus dem Auge.
30
Ich zog allein auf meinem Wege zum Stelldichein. Doch wer ists, der im schweigenden Dunkel mir folgt? Ich schleiche beiseite, um ihn zu meiden, doch entkomme ich nicht seiner Gegenwart.
Er wirbelt den Staub von der Erde mit seinem Stolzieren, er fügt seine laute Stimme zu jedem Wort, das ich äußre.
Er ist mein eignes, kleines Selbst, Herr, er kennt keine Scham, doch ich schäme mich, zu deiner Türe in seiner Gesellschaft zu kommen.
31
»Sag mir, Gefangner, wer hat dich gebunden?«
»Es war mein Meister,« sprach der Gefangne, »ich glaubte jeden in der Welt mit Macht und Reichtum auszustechen. Ich häufte im eignen Schatzhaus das Geld, das meinem König gehört. Als mich Schlaf übermannt, ruhte ich aus auf dem Bett, das für meinen Herrn bereitet, erwachend fand ich mich als Gefangner im eigenen Schatzhaus.«
»Sag mir, Gefangner, wer wars, der diese unbrechbaren Ketten geschmiedet?«
»Ich war es,« sprach der Gefangne, »der diese Ketten mit Sorgfalt geschmiedet. Ich glaubte mit unbesiegbarer Macht, die Welt zu fesseln, um Freiheit nur mir ungestört zu erhalten. So wirkte ich Tag und Nacht an der Kette mit großen Feuern und grausamen, harten Schlägen. Und als das Werk getan, vollendet die Glieder und unzerbrechbar, – da fand ich mich selbst in ihrem Griff.«
32
Mit allen Mitteln halten mich fest, die hier mich lieben in dieser Welt. Anders ist es mit deiner Liebe: sie ist größer als ihre, du machst mich frei!
Daß ich sie nicht vergesse, wagen sie nie allein mich zu lassen. Doch Tag geht auf Tag – du bist nicht zu sehn!
Wenn ich dich nicht rufe im Gebet, wenn ich dich nicht halte im Herzen, so wartet doch deine Liebe für mich auf meine Liebe.
33
Als es Tag war, kamen sie in mein Haus und sprachen: »Wir wollen nur den kleinsten Raum.«
Sie sprachen: »Wir helfen dir deinen Gott verehren, nimm du vorlieb mit unserm Anteil an seiner Gnade.« Dann nahmen sie ihren Sitz im Winkel und saßen still und bescheiden.
Doch im Dunkel der Nacht find ich, wie sie den heiligen Schrein mir erbrechen, laut und ungestüm und mit unheiliger Gier das Opfer von dem Altar meines Gottes reißen.
34
Laß nur dies Wenige übrig von mir, daß ich dich nennen darf, mein All.
Laß nur dies Wenige an Willen mir, daß ich auf allen Seiten dich fühle und zu dir komme in jedem Ding, meine Liebe dir biete in jedem Augenblick.
Laß nur dies Wenige übrig von mir, daß ich dich nimmer verberge.
Laß nur dies Wenige an Fesseln mir, womit mich dein Wille gebunden und dein Zweck in meinem Leben erfüllt ist – das ist die Fessel deiner Liebe.
35
Wo der Geist ohne Furcht ist, das Haupt man hoch trägt,
Wo Erkenntnis frei ist,
Wo die Welt nicht zum Bruchstück von engen, häuslichen Mauern wird,
Wo Worte aus Tiefen der Wahrheit kommen,
Wo unermüdet das Streben den Arm zur Vollkommenheit ausstreckt,
Wo der klare Strom der Vernunft seinen Weg nicht verliert in dem trockenen Sand der Gewohnheit,
Wo der Geist, von dir geleitet, zu immer sich weitendem Denken und Handeln geführt wird –
Zu diesem Himmel der Freiheit, laß, Vater, mein Land du erwachen!
36
Dies ist an dich mein Gebet, Herr – triff, triff bis zur Wurzel des Mangels mein Herz.
Gib mir die Kraft, leicht meine Freuden und Sorgen zu tragen.
Gib mir die Kraft, meine Liebe fruchtbar im Dienste zu machen.
Gib mir die Kraft, die Armen nie zu verleugnen und meine Kniee vor frecher Macht nicht zu beugen.
Gib mir die Kraft, meinen Geist über täglichen Kleinkram zu heben.
Und gib mir die Kraft, meine Kraft deinem Willen hinzugeben in Liebe.
37
Ich dachte, daß meine Reise ihr Ende gefunden, bis zum letzten Bereich meines Könnens – daß der Pfad vor mir geschlossen sei, daß der Vorrat erschöpft und die Zeit gekommen, um Schutz zu finden in stiller Verborgenheit.
Aber ich finde: kein Ende kennt dein Wille mit mir. Wenn alte Worte auf der Zunge sterben, dann brechen neue Melodien im Herzen aus; und wo die alte Spur verloren ist, da wird ein neues Land mit seinen Wundern offenbar.
38
Daß ich dich brauche, nur dich, soll mein Herz wiederholen endlos. Alle Wünsche, die mich zerreißen Tag und Nacht, sind nichtig bis auf den Grund.
Wie die Nacht in ihrem Dunkel den Drang nach Licht birgt, so ringt aus der Tiefe des Unbewußten der Schrei sich los: »Ich brauche dich, nur dich!«
Wie der Sturm sein Ziel im Frieden sucht, wenn er den Frieden bekämpft mit all seiner Macht, so schlägt mein Aufruhr gegen deine Liebe, und doch ist mein Schrei: »Ich brauche dich, nur dich!«
39
Wenn mein Herz hart und verdorrt ist, komm über mich mit einem Regen der Gnade.
Wenn die Huld aus meinem Leben verschwand, komm über mich mit dem Sturm des Gesanges.
Wenn die lärmende Arbeit, das Getöse ringsum sich erhebt und mich abschließt vom Jenseits, komm zu mir, Herr des Schweigens, mit deiner Ruhe, dem Frieden.
Wenn mein bettelhaft Herz sich verkriecht, im Winkel verschlossen, brich das Tor, mein König, und komm mit Gepränge des Königs.
Wenn Begierde die Seele blendet mit Täuschung und Staub, o du Heiliger, Wachender, komme mit Blitz und mit Donner.
40
Gott hielt mir den Regen zurück, Tag auf Tag vom verdorrten Herzen. Feurig nackt ist der Horizont, keine dünnste Decke von sanften Wolken, kein schwächster Wink von fernem, kühlenden Schauer.
Schick das zornige Wetter, schwarz wie der Tod, wenns dein Wunsch ist, das mit der Geißel des Blitzes den Himmel von Pol zu Pol peitscht.
Doch ruf ab, Herr, ruf ab diese lastende schweigende Hitze, still, scharf und grausam, die das Herz mit düstrer Verzweiflung verbrennt.
Laß die Wolke der Gnade schwer niederhängen, wie der tränende Blick der Mutter am Tage des Zornes des Vaters.
41
Wo stehst du hinter ihnen allen, Geliebter, und birgst dich im Schatten? Sie stoßen dich, gehn vorüber auf staubigem Wege, als wärest du nichts. Ich warte hier müde Stunden und breite die Gaben für dich, die Vorübergehenden nehmen die Blumen, eine um die andere – mein Korb ist fast leer.
Vorbei ist der Morgen, vorbei der Mittag. Im Schatten des Abends werden die Augen mir schwer von Schlummer. Die Menschen gehn heim und schauen auf mich und lächeln und füllen mit Scham mich. Ich sitze wie ein Bettlermädchen und zieh meinen Rock mir übers Gesicht, und wenn sie mich fragen, was mir fehlt, senk ich die Augen und antworte nicht.
O, wie könnte ich ihnen wohl sagen, daß auf dich ich warte, daß du mir versprachest zu kommen. Wie könnt ich vor Scham erklären, daß ich als Hochzeitsgut diese Armut trage. Ich pfleg diesen Stolz im Geheimsten des Herzens.
Ich sitze im Gras und träum in den Himmel von dem plötzlichen Glanz deines Kommens – alle Lichter entflammen, goldene Fittiche fliegen um deinen Wagen und die am Wege stehn gaffend, wenn sie dich niedersteigen sehn von deinem Sitz, mich vom Staube zu heben, und dir zur Seite zu setzen, das lumpige Bettlermädchen, erzitternd in Scham und Stolz wie eine Ranke im Sommerwind.
Doch die Zeit gleitet hin und noch kein Laut von den Rädern des Wagens. Manch eine Schar zieht vorüber mit Lärm und Glanz und Geschrei. Bist du es nur, der im Schatten steht, schweigend hinter ihnen allen? Und ich nur, der wartet und weint und sein Herz verzehrt in eitlem Sehnen?
42
Früh am Tage hört ich ein Flüstern, wir sollten segeln im Boote, du und ich allein, und keine Seele der Welt sollte wissen von unsrer Pilgerschaft nach keinem Land und keinem Ziel.
In dem uferlosen Ozean bei deinem schweigenden, lauschenden Lächeln würden meine Lieder zu Melodien schwellen, frei wie die Wogen und frei von allen Banden der Worte.
Ist es noch nicht an der Zeit? Gibt es noch Arbeit zu tun? Schau, der Abend senkte sich über die Küste und im sterbenden Lichte fliegen die Seevögel heim zu den Nestern.
Wer weiß, wann die Kette gelöst wird und das Boot, wie der letzte Schimmer der sinkenden Sonne verschwinden wird in die Nacht?
43
Einst war ein Tag, als ich in Bereitschaft nicht war für dich, und ungebeten wie einer der gemeinen Menge tratest Du in mein Herz, mir unbekannt, mein König. Du drücktest dein Siegel der Ewigkeit auf manch einen flüchtigen Augenblick meines Lebens.
Und heute, als ich aus Zufall umherleuchte, find ich die Siegel, finde umhergestreut sie liegen im Staube, vermischt mit Erinnerung an Freuden und Sorgen des Alltags – vergessen.
Du wandtest dich nicht in Verachtung vom kindischen Spiele im Staube, und der Schritt, den ich hörte am Spielplatz, ist der gleiche, der widerhallt von Stern zu Stern.
44
Dies ist meine Wonne zu warten und wachen am Weg, wo der Schatten das Licht jagt und der Regen kommt beim Erwachen des Sommers.
Boten mit Zeitung von unbekannten Himmeln bieten den Gruß mir und eilen den Weg lang. Mein Herz ist froh in mir und der Atem der streifenden Lüfte ist süß.
Vom Morgen zur Dämmerung sitze ich hier vor dem Tor, und ich weiß, daß plötzlich der glückliche Augenblick kommt, wo ich sehend werde.
Inzwischen lächle und sing ich allein. Inzwischen füllt sich die Luft mit dem Duft des Versprechens.
45
Hörtet ihr nicht seinen schweigenden Schritt? Er kommt, kommt, immer kommt er.
Zu jeder Stunde, zu allen Zeiten, zu jedem Tage, zu jeder Nacht, er kommt, kommt, immer kommt er.
Manch einen Sang hab ich gesungen in mancher Stimmung der Seele, doch alle meine Töne verkündeten nur: Er kommt, kommt, immer kommt er.
In duftigen Tagen des sonnigen April auf Waldespfad, er kommt, kommt, immer kommt er.
In dem regnichten Dunst der Julinächte auf dem Donnerwagen der Wolken, er kommt, kommt, immer kommt er.
In Leid nach Leid ist es sein Schritt, der mein Herz drückt und die goldene Spur seiner Füße läßt meine Freude aufleuchten.
46
Ich weiß nicht aus welch ferner Zeit du immer näher kommst, mich zu treffen. Nicht Sonne, nicht Stern kann dich verborgen halten vor mir auf ewig.
An manchem Morgen und Abend hört ich deinen Fußtritt und deine Boten betraten mein Herz und beriefen mich heimlich.
Ich weiß nicht, warum wohl heute mein Leben bewegt ist und eine Wallung von zitternder Freude mein Herz rührt.
Es ist, als wäre die Zeit gekommen, mein Werk zu beschließen, und ich fühle im Wind einen schwachen Duft deines süßen Daseins.
47
Die Nacht ist fast vorbei mit vergeblichem Warten auf ihn. Ich fürchte, daß plötzlich er morgens ins Tor tritt, wenn ich ermüdet in Schlaf sank. O Freunde, laßt den Weg ihm offen, o wehrt ihm nicht.
Wenn der Klang seines Schritts mich nicht weckt, versucht nicht mich aufzurütteln, ich bitte. Ich wünsche nicht, daß vom Schlafe mich ruft der geräuschvolle Chor der Vögel, nicht das Sausen des Winds beim Feste des Morgenlichts. Laßt schlafen mich ungestört, selbst wenn plötzlich mein Herr in mein Tor tritt.
O mein Schlaf, goldener Schlaf, der nur seine Berührung erwartet, zu schwinden. O meine geschlossenen Augen, die ihr die Lider nur öffnet im Licht seines Lächelns, wenn er wie ein Traum vor mir steht, der auftaucht vom Dunkel des Schlafes.
Laßt ihn erscheinen vor meinem Aug als der erste des Lichts, der Gestalten. Den ersten Freudenschauer in meiner erwachenden Seele, ihn gäbe sein Blick mir. Und laßt meine Rückkunft zu mir zugleich auch die Rückkunft zu ihm sein.
48
Das Meer des Schweigens brach aus am Morgen in Triller der Vogelkehlen; und die Blumen am Wege waren alle fröhlich; der Reichtum des Goldes zerstreute durch Spalten der Wolken sich. Wir aber gingen in Eile des Wegs und achteten nichts.
Wir sangen nicht fröhliche Lieder, wir spielten nicht, wir gingen zum Markt nicht zu tauschen; wir sprachen kein Wort und lächelten nicht. Wir zögerten nicht am Weg, wir beschleunigten unsern Schritt wie die Zeit ging.
Die Sonne stieg auf zum Scheitel, und Tauben girrten im Schatten. Welke Blätter tanzten und wirbelten in heißen Lüften des Mittags. Der Hirtenbub dämmerte und träumte im Schatten des Feigenbaumes – und ich legte mich nieder am Wasser und dehnte die müden Glieder ins Gras.
Die Gefährten spotteten mein, mit erhobenem Haupte eilten sie fort. Sie schauten nicht rückwärts, sie ruhten nicht. Sie schwanden im fernen blauenden Dunst. Sie kreuzten Wiesen und Hügel und zogen durch fremde entlegene Lande. Ehre sei dir, du heldisches Heer, auf unendbarem Pfade! Spott und Verachtung spornten mich, weiter zu wandern, aber sie fanden nicht Antwort in mir. Ich gab mich verloren in Tiefen glücklicher Demut, im Schatten dämmriger Freude.
Die Ruhe der sonnengesäumten grünen Dämmrung legte sich langsam über mein Herz. Ich vergaß, warum ich gewandert, und ergab meinen Geist ohne Kampf dem Gewirre von Schatten und Liedern.
Zuletzt erwacht ich vom Schlummer und öffnet die Augen, da sah ich dich vor mir stehn, meinen Schlaf überflutet von deinem Lächeln. Wie hatt ich gefürchtet, daß der Pfad mir zu lang und ermüdend, und der Kampf dich zu erreichen zu hart sei!
49
Du kamst herab von deinem Thron und standest am Tor meiner Hütte.
Ich sang ganz allein für mich in einer Ecke, und dein Ohr fing meine Melodien auf. Du kamst herab und standest am Tor meiner Hütte.
Meister sind viele in deiner Halle, und Sänge singt man dort alle Stunden. Aber des Neulings einfaches Loblied traf deine Liebe. Die klagende kleine Weise mischte sich mit der großen Musik der Welt, und du kamst mit einer Blume als Preis herab und hieltest am Tor meiner Hütte.