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Luthers Glaube
Briefe an einen Freund

von
Ricarda Huch

Visibilia et Invisibilia


Im Insel-Verlag zu Leipzig
1920

16. – 19. Tausend

Inhalt

[I] [II] [III] [IV]
[V] [VI] [VII] [VIII]
[IX] [X] [XI] [XII]
[XIII] [XIV] [XV] [XVI]
[XVII] [XVIII] [XIX] [XX]
[XXI] [XXII] [XXIII] [XXIV]

[I]

In seinen Kritischen Gängen macht F. Th. Vischer folgendermaßen seiner Begeisterung für Luther Luft:

„Goethes Epigramm gegen das Luthertum meint die Einseitigkeit, womit sich Luther selbst und mit ihm seine Nation rein auf die inneren inhaltsvollen Interessen des Geistes warf, allem schönen Schein, aller sanften, menschlich schönen Bildung zunächst den Rücken kehrte, so daß die bildende Kunst, die Poesie stockte, die Grazien ausblieben und erst im Lauf der Jahrhunderte eine ästhetische Bildung eintrat, welche bei den romanischen Völkern in ununterbrochener Fortentwickelung mit oder nicht allzu spät nach dem Abschluß des Mittelalters ihre Blüte feierte. Und er vergißt sich zu fragen, ob er je einen Egmont, einen Faust, eine Iphigenie, ja, ob er je eines seiner Worte, ob Schiller je eines seiner Werke geschrieben hätte, wenn nicht jene unsere derben Ahnen mitten durch die Welt des bestehenden schönen Scheins mit grober deutscher Bauernfaust durchgeschlagen und so eine Krisis der Zeiten herbeigeführt hätten, eine ethische Krisis, für welche nie und nimmer die ästhetische Bildung ein Surrogat sein kann, welche vielmehr einer echten, tiefen, wahren Kunst und Poesie, wie die neuere es ist, vorausgehen mußte. Wohl uns, daß unsere Vorfahren überhaupt gar die Versuchung nicht kannten, gegen das ethisch Überlebte sich ästhetisch zu verblenden; daß sie solche Tendenzbären waren, daß der schöne Schein sie nicht bestechen, der Glanz der Belladonna sie nicht blenden konnte; wohl uns, daß sie nicht mit der Phantasie umfaßten, was der grobe Verstand, die Vernunft und der moralische Sinn zu entscheiden hat.“

So spricht ein bekannter und geachteter Schriftsteller über Luther, dessen Lebenswerk darin bestanden hat, die Moral zu bekämpfen, der Poesie sprach, wenn er den Mund auftat. Er nennt Luther einen Tendenzbären, ihn, der jede Tendenz im Leben und in der Kunst als teuflisch entlarvt hat, ohne darum in den Irrtum zu verfallen, als sei die Kunst oder sonst irgend etwas um seiner selbst willen da, da nur Gott oder, wenn du lieber willst, das Weltganze um seiner selbst willen da ist. Der Kampf gegen die Moral oder Werkheiligkeit nämlich war der Ausgangspunkt und Mittelpunkt von Luthers Lehre. Als ich diese Vischersche Predigt las, begriff ich, was für ein Zorn, ja was für eine Raserei Luther manchmal ergreifen mußte, wenn ihn trotz seiner klaren und glühenden Worte niemand verstehen wollte oder meinetwegen konnte. Er gab sich ganz hin, und ihm grinste immer nur engherzige oder verstockte Persönlichkeit entgegen. Auch Goethe also, der ohne Luther nicht zu denken wäre, ein Sohn aus Luthers Geiste wie Lessing, Schiller und überhaupt jeder große Deutsche nach ihm, hat ihn verkannt und verleugnet; wiewohl ich glauben will, daß davon mangelhafte Kenntnis die Ursache war.

Mein erster Gedanke war, wie dumm es ist, den Menschen Meinungen seines Herzens mitzuteilen; denn kraftvoller, packender, reiner ausgeprägt sich auszusprechen als Luther ist nicht möglich, und es ist doch nicht möglich, noch gründlicher mißverstanden zu werden, noch dazu von seinem eigenen Volke. Im Grunde ist das noch schlimmer, als gekreuzigt und verbrannt zu werden. Aber Luther streute den Samen seines Wortes trotz Haß und Mißverständnis aus, denn er tat es ja nicht aus Tendenz, sondern weil er mußte, und deshalb ging der Samen auch auf und nährte alle, selbst wider Wissen und Wollen. Ich glaube, es gibt keinen Dichter, dem es weniger um seinen Namen zu tun war, als Luther. Erinnerst du dich der schönen Worte des Marquis Posa: ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr; bescheiden verhüllt er sich in ewige Gesetze. Was für ein Mensch war Luther, daß man auf ihn anwenden kann, was von Gott gesagt ist. Er würde aus Vischerschen und anderen Mißverständnissen jedenfalls nicht die Schlußfolgerung ziehen, daß man sich schweigend in sich zurückziehen, und noch viel weniger die, daß man seine Person ins hellere Licht ziehen sollte, sondern daß seine Ideen wiederholt und verständlicher gemacht werden müßten.

Wenn ich sie gerade dir verständlich zu machen suche, so ist das, weil ich nun einmal so gern dir sage, was ich weiß, wie wenn es dir gehörte. Nehmen wir an, du seiest der König, in dessen Dienst ich stehe, und dem ich deshalb meine Lieder, oder was es sonst ist, widmen muß. Ob das Sinn und Berechtigung hat, zeigt sich vielleicht am Schlusse; einstweilen hoffe ich, daß du deiner Scheherazade ebensogern zuhörst, wie sie dir erzählt, und beschränke meine Vorrede auf die Bitte, daß du nicht ungeduldig wirst, wenn ich etwas sage, was du schon weißt. Es ist ein Unterschied, etwas zu wissen und es von einem anderen, vielleicht in einem anderen Zusammenhange, zu hören.

Ich will mit dem Begriff der Werkheiligkeit anfangen. Luther bemühte sich im Kloster, vermittelst der Vorschriften des Mönchslebens die Seligkeit, den inneren Frieden, zu erlangen, oder, wie er es oft nennt, einen gnädigen Gott zu bekommen. Diese Vorschriften bestanden in Gebeten, Nachtwachen, Kasteiungen, kurz in allerlei Übungen zum Zwecke der Selbstüberwindung; Luther fand aber, daß er sich, je ernstlicher er in ihrer Ausführung war, desto weiter von dem ersehnten Ziel entfernte. Je tadelloser, je heiliger er am Maße der Werke gemessen wurde, desto dunkler, kälter und leerer fühlte er sein Inneres. Was er auch tat, um sich gewaltsam Gott zu nähern, das Ergebnis war, daß er ihm immer ferner rückte, bis an den Rand der Hölle. Unter Verzweiflungsqualen machte er die Erfahrung, daß man zugleich in seinen Handlungen gut und in seinem Innern unselig sein kann; daß zwischen Handeln und Sein eine unüberbrückbare Kluft besteht, solange die Handlungen aus dem bewußten Willen fließen, daß ein Zusammenhang zwischen Handeln und Sein nur da ist, wenn die Handlungen aus dem unbewußten Herzen, eben aus dem Sein entspringen, kurz, daß nur die Taten der Seele zugute kommen, die man tut, weil man muß. Alles Guthandeln, das nicht mit Notwendigkeit aus dem Innern fließt, sondern das der bewußte Wille macht, rechnete Luther unter die Werkheiligkeit, eine Vollkommenheit, die nur Schein ist, weil sie auf das Sein des Menschen gar keinen Bezug hat. Er wies alle derartige Handlungen als ungöttlich, d. h. nicht aus dem Sein fließend, aus dem Gebiet der Religion in das Gebiet der Moral, womit nur die Welt, aber nicht Gott zu tun habe; ja, er trennte nicht nur die Moral vom Reiche Gottes ab, sondern behauptete und wies nach, daß sie in einem feindlichen Gegensatz zu Gott steht.

Daß sogenannte Zeremonien, nämlich kirchliche Vorschriften, als Wachen, Fasten, Beten, Kasteien und ähnliches, die Seligkeit nicht geben können, leuchtet den meisten Menschen ein; man könnte indes bezweifeln, ob moralische Handlungen unter denselben Begriff gehören. Auch hat schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche ein kirchlicher Denker es bestritten; aber Augustinus stellte fest, daß Paulus durchaus nicht nur die Zeremonien, sondern auch die moralischen Handlungen, diese sogar vor allen Dingen, zu den Werken rechnete, die vor Gott nicht rechtfertigen oder gerecht machen.

Unter Guthandeln versteht jeder Mensch ein Handeln, welches das Wohl des Nächsten, nicht das eigene Wohl bezweckt; gut ist gleichbedeutend mit selbstlos, böse gleichbedeutend mit selbstsüchtig. Luther sagt nun, der Wille des Menschen sei nicht imstande, von sich aus etwas anderes anzustreben als das eigene Wohl, das Gute wirke nur Gott im Menschen; jeder also, der seine Handlungen so einrichte, als ob er das Wohl des Nächsten anstrebe, sei ein Heuchler und Gleisner. Er nahm damit den Kampf gegen die Pharisäer wieder auf, den Christus gekämpft hat.

Es versteht sich, daß es auch zu Luthers Zeit Pharisäer in Menge gab, die sich über seine Lehre moralisch entrüsteten. Es entspann sich der berühmte Streit um den freien Willen, von dem Luther, auf Augustinus und Paulus sich stützend, behauptete, daß er der Sünde oder dem Teufel verknechtet sei, und aus dieser Knechtschaft nur durch die Gnade Gottes befreit werden könne. Es ist höchst interessant nachzulesen, wie sich Luthers Gegner wanden und drehten, um ihn in diesem Punkte zu bekämpfen. Auf dem Tridentiner Konzil bemühte sich jeder, eine Formel zu finden, durch welche der freie Wille des Menschen gerettet und doch Gott nicht zunahe getreten würde. Denn man mußte zugeben, daß Gott, wenn überhaupt Gott sei, allmächtig, allwissend, allumfassend sein, daß folglich jede menschliche Kraft von ihm ausgehen müsse; trotzdem glaubte man um jeden Preis an der freien Selbstbestimmung des Menschen festhalten zu müssen, wenn man es auch nur so ausdrückte, daß der Mensch der göttlichen Gnade ein klein wenig entgegenkommen könne, ohne daß ihm das aber als Verdienst anzurechnen sei. Solche Ausflüchte in Worten waren Luthers Sache nicht, da er eine klare und unerschütterliche Überzeugung hatte. Seine Meinung war, daß Gott, Teufel und Mensch im tiefsten Grunde eins sind, Teufel und Mensch von Gott ausgehend, in Gott wurzelnd, und so versteht es sich von selbst, daß alles von Gott, dem einzig wahrhaft Seienden, abhängt, und daß, soweit der Mensch eine Selbsttätigkeit hat, auch diese von Gott verliehen sein muß und nur von Gott wieder zurückgenommen werden kann. Luthers Gegner hingegen hatten die dunkle Vorstellung, als wäre der Mensch eine selbständige Person, die von zwei mächtigeren selbständigen Personen, Gott und dem Teufel, vielmehr die nur von einer mächtigeren Person, Gott, beeinflußt oder beherrscht würde; denn an den Teufel glaubten die wenigsten so recht. Jetzt würde vielleicht mancher sagen, daß das Sein des Menschen, im allgemeinen Sein wurzelnd, verschiedene Entwickelungsphasen mit verschiedenen Bewußtseinsgraden durchläuft; aber diese Begriffe fehlten Luther, obwohl er die Idee hatte. Übrigens blieb er auch absichtlich bei den alten, geläufigen Symbolen und mied die Begriffe, die sich so leicht verflüchtigen, wie er von den Scholastikern wußte. Andererseits trennen sich die Symbole leicht von den Ideen, die sie decken, und sinken zu Hülsen herab; darum ist es in unserer Zeit, so scheint es mir, notwendig festzustellen, was wir uns eigentlich bei Luthers Worten denken können und sollen.

Luther geht davon aus, ganz anders als Rousseau, daß der natürliche Mensch nur sich selbst und sein Wohl wollen kann, und daß, wenn sein Handeln andern zugute kommt, etwa sogar auf seine Kosten, seine Absicht dabei nur auf den Erwerb einer Belohnung oder die Vermeidung einer Strafe gerichtet ist. Ob er den Lohn und die Strafe von Gott in einem vermuteten jenseitigen Leben erwartet, oder ob es ihm um das Ansehen in der Welt zu tun ist, oder ob er die eigene Billigung und Mißbilligung sucht und fürchtet, das eigene Selbst ist immer der Endzweck. Wir unterliegen, solange wir wollend sind, einem inneren Gesetz der Schwere, und Luther gebraucht darum den Ausdruck, daß wir fallen, wie auch, daß wir wohl nach unten, aber nicht nach oben frei sind.

Du wirst sagen, daß Luther demnach die Freiheit des Willens nicht überhaupt leugne, und vermutlich, daß diese seine Ansicht dadurch erst recht unbegreiflich würde. Nun also, daß alles, was geschieht, notwendig geschieht, ist selbstverständlich, da ja alles geprägte Form ist, die sich entwickelt; aber darum streitet Luther hier nicht. Es fragt sich, ob der Mensch das Gute wollen kann, und dagegen behauptet Luther, daß er wollend stets nur alles auf sein Selbst beziehen könne, das Gute wolle er nur durch Gnade, mit anderen Worten, das Gute wolle er nicht, sondern es werde in ihm gewollt. Ein Ausspruch der Heiligen Schrift, den Luther öfters anführt, heißt: Der Mensch ist wie ein Tier, Gott und Satan können ihn lenken. Vielleicht klingt es dir verständlicher oder sympathischer, wenn ich sage, der Mensch sei Werkzeug in der Hand Gottes oder in der Hand des Teufels. Nun gibt Luther zwar zu, daß der Mensch auch selbst wollen könne, und er grenzt dies Gebiet ab als das der Moral; aber er nennt es auch teuflisch, obwohl es sich dem Teufel gewissermaßen entgegensetzt. „Da ja dies das höchste Streben des freien Willens ist, in moralischer Gerechtigkeit und Werken des Gesetzes sich zu üben, durch die seine eigene Blindheit und Ohnmacht befördert wird.“ Zunächst scheint es allerdings weit verdienstlicher zu sein, das Gute zu tun, weil man will, als weil man muß; ja, wenn man muß, so ist gar kein Verdienst dabei. Das soll es nach Paulus und Luther aber auch nicht; Werke, Verdienste, eigenen Willen vor Gott zu haben ist nach ihnen teuflisch. Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt, heißt es in der Bibel. „Du sollst nicht tun, was dir recht dünkt.“ Luther führt eine Geschichte aus dem Alten Testament an, wo einer aus keinem anderen Grunde von Gott gestraft wird, als weil er etwas Gutes getan hatte, was nicht von Gott geboten war. Das scheint absurd, wenn man nicht bedenkt, daß es sich nur um eine Strafbarkeit vor Gott handelt. Daß Werke und Verdienste vor der Welt nützen, bestreitet Luther nicht; nur daß sie „einen gnädigen Gott machen“.

Es hat etwas Überraschendes, wenn Luther sagt, eine Jungfrau, die ehelos bleibe in der Meinung, dadurch etwas Verdienstliches, Gottgefälliges, Heiliges zu tun, sei teuflisch; wenn sie aber ledig bleibe, weil sie keine Neigung zur Ehe habe, auch weil sie vielleicht durch die Pflichten der Ehe von anderen Dingen abgehalten zu werden fürchte, die ihr mehr am Herzen lägen, so handle sie wie eine rechte, christliche Jungfrau. Die also, welche ihre natürlichen Triebe mit großer Anstrengung überwinden, wird Gott nicht nur nicht belohnen, sondern strafen. „Und Matth. 21, 31 spricht es auch, daß Huren und Buben werden eher ins Himmelreich kommen, denn die Pharisäer und Schriftgelehrten, welche doch fromme, keusche, ehrliche Leute waren.“ Aus dieser Stelle siehst du, daß Luther unter Pharisäern nicht nur schlechte Menschen verstand, die sich verstellten, sondern „fromme, ehrliche, keusche“ Leute, deren Schuld nur darin bestand, daß sie absichtlich nicht sündigen wollten. Zu den Zöllnern und Sündern ist, wie du weißt, Christus gekommen, sie nennt er sein teuer erarntes[1] Eigentum. Besser sündigen als gut handeln weil man will, nicht weil man muß; denn das heißt eine Maske vorbinden, hinter welcher das lebendige Gesicht verschwindet. „Sei Sünder und sündige kräftig“, schreibt Luther an den werkheiligen Melanchthon, „aber noch kräftiger vertraue auf Christus und freue dich seiner, der ein Überwinder der Sünde ist, des Todes und der Welt: wir müssen sündigen, solange wir hier sind.“ Das bewundere ich besonders an Luther, daß er begriff, daß der Teufel und die Sünde zwar nicht sein sollen, aber sein müssen, während die meisten Menschen nicht auf die Idee des Guten kommen können, ohne daß sie die Idee des Bösen aus der Welt schaffen möchten. Es muß aber beides sein.

[1] mittelhochdeutscher Ausdruck für erworbenes (erarnen = einernten, erwerben).

Denke nicht, geliebter Freund, du wärest kein Werkheiliger, wenn du kein Pharisäer, wenn du nicht tugendstolz bist. Du hast zu viel Geschmack, um mit Tugenden zu prahlen, die du nicht besitzest; aber du bist zu stolz, um von einem andern als dir selbst einen Tadel ertragen zu können. Dabei ist doch eine verkappte Heuchelei, denn es erscheint nicht alles, was du bist, wenn auch nichts erscheint, was du nicht bist. Du verstellst dich nicht, aber du verbirgst dich. Diejenigen, die keine andere Belohnung suchen, als sich selbst zu genügen, sind, gerade weil sie gottähnlich sein wollen und sind, am allermeisten ungöttlich; sie sind wie Luzifer, der schönste unter den Engeln, der durch seine Schönheit zum obersten Teufel wurde. „Gleichwie vom Anbeginn aller Kreaturen“, sagt Luther, „das größte Übel ist allezeit gekommen von den Besten.“ Dein Unglück, du Liebster und Schönster unter den Menschenkindern, scheint mir zu sein, daß dir nichts und niemand schön genug scheint, um dich zur Sünde zu verführen; darum betest du dich selbst an und verführst, du, der selbst nicht sündigen will, andere dazu, die Sünde, dich anzubeten, mit dir zu teilen. Fast, fast hättest du auch mich dazu verführt; aber ich bin nun einmal in der Gnade und kann dich lieben, ohne Schaden an der Seele zu nehmen, ja ich kann sogar mit dir schelten, und du mußt mir zuhören. Runzle nicht die Stirn und hebe nicht warnend den Finger: ohnehin bricht der Morgenstern durch die erste Nacht und lächelt.

[II]

Darauf war ich vorbereitet, daß du mit einer ablehnenden Gebärde, die alles glatt vom Tisch streicht, was ich dir vorgelegt habe, antworten würdest. Da ich nun einmal deine Scheherazade oder dein Kanzler bin, mein König, finde ich mich hinein, zuweilen auch einem ungnädigen Herrn Vortrag halten zu müssen, und hoffe, daß diesmal entweder ich mich deutlicher ausdrücke oder er mir ein geneigteres Ohr schenkt.

Du schreibst mir, das wissest du wohl, daß ein guter Baum gute Früchte trage und ein schlechter Baum schlechte, und daß es am schönsten sei, wenn einer das Gute tue, weil er müsse; es hätte dich interessiert zu erfahren, wie aus einem schlechten Baum ein guter werden könne, und solange du kein Mittel dafür wüßtest, zögest du gute Früchte, wenn auch durch Eigenwillen hervorgebracht, schlechten vor. Auf die Gnade warten, die vielleicht nie käme, sei im Grunde eine Schlamperei, und du hieltest dich einstweilen an das Wort Goethes: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.

Nebenbei bemerkt liebe ich es nicht, wenn man Goethe wie einen Wandschirm benützt, um sich dahinter zu verstecken; denn nicht alle Worte Goethes sind Worte Gottes und an sich beweiskräftig. Mit diesem Ausspruch indessen erkläre ich mich einverstanden; denn die Engel sagen es von Faust, der gläubig war. Erinnere dich, daß er Mephisto stets zur Seite hat, und wer an den Teufel glaubt, der glaubt auch an Gott. Die ganze Faustdichtung ist überhaupt auf Luthersche Lehre gegründet, wenn auch im zweiten Teile Absicht und Wollen zuweilen störend hervortritt. Gerade Faust sündigt ja gründlich; aber er könnte mit den Worten der Bibel sagen: Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Sein Streben nach dem Guten ist nicht moralisch, sondern aus dem Innern geboren und ihm notwendig, und es macht sein Gesicht schön, anstatt ihm mit einer Maske auszuhelfen. Faust mußte zwar auch erst zum Sündigen aufgefordert werden; aber es glückte doch ziemlich rasch, ja die Aufforderung ging eigentlich von ihm selbst aus; unsere Zeit hingegen ist voll von Melanchthons, die erst nicht sündigen wollen und es schließlich nicht mehr können. Die meisten können es schon von Geburt an nicht mehr, sie liebäugeln nur mit der Sünde; denke aber nicht, daß ich dich zu diesen kalten Koketten zähle. Immerhin bist du des Sündigens wohl so entwöhnt, daß du es nicht ohne weiteres richtig anpacken würdest, und da du außerdem die Ordnung liebst und das letzte Warum von allen Dingen haben willst, so werde ich mit einer Untersuchung der Sünde anfangen.

Man sollte, um eine Idee recht zu verstehen, das Wort betrachten, in dem sie sich ausprägt. Res sociae verbis et verbis rebus: die Substanz ist dem Wort gesellt und das Wort der Substanz. Mir scheint es hier am besten, die Dinge mit Substanz zu übersetzen. Die Sprache, sagt Luther, ist die Scheide, darin das Messer des Geistes steckt. Nun kommt das Wort Sünde von Sondern, und im Begriff des Sonderns, der Absonderung, ist auch der Begriff der Sünde gegeben. Die erste Sünde des Menschen ist die Absonderung von Gott: anstatt im Gehorsam Gottes zu bleiben, sonderte er sich von Gott ab und wollte selbst Gott sein; es ist die Erbsünde, die jedem Menschen anhaftet und seinen Willen knechtet, so daß er nur sich selbst wollen kann. Der selbstische Mensch erkennt nicht, daß er Teil eines Ganzen ist, sondern er hält sich selbst für ein Ganzes und den Herrn oder Mittelpunkt seiner Umwelt, die er für sich ausnützt, anstatt dem All-Mittelpunkt, dem Ganzen zu dienen. Die Erbsünde ist also zugleich eine Sünde gegen Gott und gegen die Menschen, was sich von selbst versteht, da Gott in der Menschheit sich offenbart. Um die Erbsünde oder die Selbstsucht – nimm auch das Wort Sucht bitte in seiner eigentlichen Bedeutung, nämlich Seuche, Krankheit – zu bekämpfen, richtete Gott das Gesetz auf, und die Verfehlungen gegen das Gesetz nennen wir im engeren Sinn Sünde, sie sind gewissermaßen die angewandte Erbsünde.

Indessen habe ich mich unrichtig ausgedrückt, indem ich sagte, Gott habe durch das Gesetz die Sünde bekämpfen wollen; zunächst wenigstens gab er das Gesetz, um die Sünde zu mehren, „damit die Sünde überhandnehme“, wie Paulus sagt. Das Gesetz sollte den Menschen zeigen, was für Sünder sie sind, also handeln sie der Absicht Gottes entgegen, wenn sie nicht sündigen. Gott ruft uns im Gesetz zu: Zeige dich, wie du bist; aber der moralische und luziferische Mensch verbirgt sich hinter dem Feigenblatt der guten Werke, in der Meinung, Gott zu hintergehen. Wenn Luther jemand ermahnt zu sündigen, so will er, daß er sich so selbstsüchtig zeige, wie er ist; ordentliche, kräftige Sünden, auf die kommt es an, offene und offenbare, die der Welt und einem selbst unwiderleglich zeigen, daß man ein Sünder ist. Ich denke, hier spenden die modernen Psychiater Gott, Luther und mir Beifall und sagen: ja, die Sünde muß geäußert, nicht nach innen verdrängt, sie muß begangen und bekannt werden, sonst vergiftet und zerfrißt sie das Innere. Es geht sonst wie Luther sagt: „Auswendig hats eine gute Gestalt, inwendig wirds voll Gift“; und zuletzt hat es auch auswendig keine gute Gestalt mehr. Nur ist dabei zu bemerken, daß auch das Sündigen nicht hilft, wenn es gewollt wird; es muß, wie das Gute, gemußt werden, wenn es fruchten soll.

Neben jener ersten Absonderung von Gott gibt es auch eine im entgegengesetzten Sinne, also eine vom Selbst ab zu Gott zurück. Wie aber jene erste Absonderung zugleich eine Sünde gegen die Menschen war, so muß auch die Wiedervereinigung mit Gott zugleich eine Vereinigung mit den Menschen sein; wer sich mit Gott zu vereinigen glaubt, indem er sich von den Menschen absondert, befindet sich auf einem Irrwege und versinkt anstatt in Gott nur immer tiefer in sein Selbst. „So jemand spricht: Ich liebe Gott! und hasset seinen Bruder, der ist noch in der Finsternis.“ Dies ist, was gerade dem hochstehenden Menschen am wenigsten eingeht, daß er Gott nicht nur, aber doch vorzüglich in den Menschen lieben muß; denn gerade Absonderung von den Menschen verlangt seine luziferische Vorzüglichkeit, weil es ihn vor ihrer Gemeinheit ekelte, veredelte er sich, von ihnen abgewendet. „Hüte dich, daß du nicht so rein seiest, daß du von nichts Unreinem berührt sein willst“, schrieb Luther einem seiner Freunde. Die schon erwähnten Psychiater können dir bestätigen, daß es eine bekannte Zwangsvorstellung Geisteskranker ist, überall Staub oder andere Unreinlichkeit zu wittern, die ihnen Angst und Abscheu einflößt. Dabei fällt mir ein, daß ich einen Menschen kenne, der am liebsten den ganzen Tag an sich herumwaschen würde, der einen sehr feinen Geruchssinn hat und unter schlechten Gerüchen und Schmutz besonders leidet; aber er würde jede menschliche Ekelhaftigkeit, Pest, Krebs, Seuche, Verbrechen anrühren, wenn er den damit Behafteten helfen könnte, und zwar ohne daß es ihn Überwindung kostete. Das ist aber auch ein Sünder und Liebling Gottes. Der natürliche, naiv egoistische Mensch sündigt gegen das Gesetz, und das ist leidlich; der Werkheilige, sei er Pharisäer oder Luzifer, sündigt gegen die Liebe; das ist die Sünde, die Gott verdammt.

Luther unterschied nach den Entwickelungsstufen des Menschen – denn ich sagte dir ja schon, daß er der Sache nach die Idee der Entwickelung schon hatte – drei Stufen der Sünde. Der Teufel, sagt er, versucht den Menschen dreifach, wie er auch Christus tat: durch das Fleisch, durch die Welt und durch den Geist. „Das Fleisch sucht Lust und Ruhe, die Welt sucht Gut, Gunst, Gewalt und Ehre, der böse Geist sucht Hoffart, Ruhm, eigenes Wohlgefallen und anderer Leute Verachtung.“ Die erste betrifft wesentlich die Jugend, die zweite, die mit Reichtum, Ehre, Geltung unter den Menschen lockt, das Mannesalter, die letzte erleiden die alternden, die reifen, die höchstentwickelten Menschen, es ist die Versuchung des Luzifer zur Selbstvergötterung. Wie die Entwickelung der einzelnen ist die der Familien, der Völker und der Menschheit: die Sünde des Luzifer tritt in Zeiten des Verfalls auf. Anfangs verleiht sie wohl eine Schönheit, deren Wirkung sich niemand entzieht; aber allmählich zeigen sich die Folgen des inneren Giftes. Dann kommen die gott- und glaubenslosen Zeiten, wo die Menschen das bißchen Kraft, das ihnen geblieben ist, in sich selbst zurückziehen, um mühsam eine edle Haltung und schöne Gebärden zu tragieren. Es ist eine Verengung, die auf eine starke Erweiterung folgt.

Es kommt dir vielleicht so vor, als zielte ich mit der Luzifer-Versuchung auf dich; vielleicht sagst du auch, du hättest sämtliche Stufen der Versuchung durchgemacht und machtest sie noch durch, und ich müßte das wissen; warum ich dir denn den Vorwurf machte, du sündigtest nicht? Weil ich, geliebter Luzifer, noch nie eine rechte, ordentliche, greifbare Sünde von dir gesehen habe und auch bestreite, daß du eine begangen hast. Natürlich bist du unendlich selbstsüchtig, unendlich ehrgeizig, unendlich stolz, unendlich begehrend. Du gehörst nicht zu den Guten, von denen die Bibel sagt, daß sie von sich selber gesättigt werden, sondern du zehrst dich von Begierde zu Begierde und wirst durch alle verschlungene Beute nur noch hungriger. Aber du verschlingst nur im Geiste, alle deine Sünden gehen nicht in Taten noch in Worten vor sich, du stehst still, um nicht irrezugehen.

Treibt dich nun dein Herz nicht zu guten Handlungen, so sollte es dich wenigstens zu bösen treiben, oder man müßte schließen, daß du überhaupt keins hast. Herrgott, eben überläuft es mich ordentlich. Wenn es nun so wäre, und du hättest kein Herz? Wenn du nicht, wie ich bisher angenommen habe, deinen Willen zu sündigen unterdrückt hättest, sondern wenn dieser Wille nur eine Wallung oder Willenszuckung wäre, weil dein Herz zu eng oder zu schwach ist, um einen richtigen, zwingenden Trieb aufzubringen? Nicht einmal zu Worten? Ich weiß, du wärest zu stolz, um etwas zu tun oder zu sprechen, was nicht aus dem Herzen kommt. Du machst nie Redensarten; aber du schweigst auch. Du bist kein Lügner; aber ehrlich bist du auch nicht: du schweigst. Es ist doch nicht möglich, daß du gar nichts zu sagen hättest! Bist du ein lauer Neutralist, der ebensogut das eine wie das andere tun und sagen könnte? Ich gebe zu, bei vielen Dingen, namentlich weltlichen Dingen, ist das natürlich. Aber irgend etwas muß dir doch wichtig sein, wenn sonst nichts, doch du! Gut, wenn du dann nur von dir sprächest, die abscheulichsten, verdammenswertesten, von dir selbst verdammten Gedanken und Wünsche aussprächest, das wäre hunderttausendmal besser, als wenn gar kein Ich da wäre, oder nur so ein fades, schleichendes, tröpfelndes.

[III]

Der Kanzler hält heute seinen Vortrag mit dem frohen Bewußtsein, daß ihm ein gnädiger König zuhört. Du willst wissen, und darin sehe ich das Gnädige, was du eigentlich bei dem Sündigen gewinnst; denn nur um zu beweisen, daß du ein Herz habest, ließest du dich auf eine so heikle und dir ungewohnte Sache nicht ein. Du schreibst, ich müsse doch zugeben, daß Sünde an sich häßlich sei, beflecke, entstelle; wenn nun ein Mensch aus Stolz, um eines großen Namens willen, das Unreine von sich abwehre, warum das Gott nicht sollte leiden wollen? Ob du dir Gott so eifersüchtig vorstellen müßtest, daß er allen Ruhm für sich allein und den Menschen nicht gestatten wollte, aus eigener Kraft göttlich zu werden? und ob es, von Gott ganz abgesehen, nicht groß und schön sei, aus eigener Kraft etwas Vollendetes in sich darzustellen?

Ja, eifersüchtig ist Gott allerdings, wenn du zum Beispiel das eifersüchtig nennst, daß der Mensch den Anspruch erhebt, die Organe seines Körpers selbst zu regieren. Du mußt doch immer daran denken, daß wir Teile Gottes oder in Gott sind. Sehen wir aber ganz von Gott ab, so dürftest du immerhin aus eigener Kraft göttlich oder vollendet werden, wenn du es könntest. Die Frage ist eben, ob du es kannst, und damit komme ich wieder auf deine erste Frage, was du gewinnst, wenn du sündigst, die zugleich einschließt, was du verlierst, wenn du nicht sündigst.

Durch Sündigen gewinnst du Kraft, und durch gewaltsames Nichtsündigen entkräftest du dich. Es ist eine Kraftfrage, wie überhaupt die Religion eine Kraft- und Lebensangelegenheit ist, da Gottes Wesen in Kraft besteht. Und Kraft zu gewinnen, das ist doch das erste Interesse der Menschen; denn wer Kraft hat, hat alles. Die Alten drückten die Wahrheit, daß man durch Sündigen Kraft gewinnt, in der Sage vom Riesen Antäus aus, der unbesiegbar war, solange er, besiegt, vom Sieger auf die Erde geworfen wurde, denn aus seiner Mutter Erde strömte stets neue Kraft in ihn ein; erst in die Luft gehalten konnte er erwürgt werden. So verendet der Mensch, wenn er in einem naturlos geistigen Klima existieren will, das ein Nichts ist. Nun sind wir zwar nicht mehr in der Lage der Griechen, die Sünde in unserem Sinn noch gar nicht kannten, für die Gott und Natur noch eins waren und die ihre Kraft unmittelbar aus der Natur beziehen konnten; wir können es im allgemeinen nur mittelbar durch den Glauben. Bestimmen wir also zuerst den Begriff des Glaubens.

Schalte bitte aus deiner Vorstellung aus, was man gewöhnlich unter Glauben versteht, nämlich ein Fürwahrhalten. „Glauben ist nicht der menschliche Wahn und Traum, den etliche für Glauben halten … Das macht, wenn sie das Evangelium hören, so fallen sie daher und machen sich aus eigenen Kräften einen Gedanken im Herzen, der spricht: Ich glaube. Das halten sie dann für einen rechten Glauben. Aber wie es ein menschliches Gedicht und Gedanke ist, den des Herzens Grund nimmer erfährt: also tut er auch nichts und folgt keine Besserung hernach.“ Und an anderer Stelle sagt Luther: „Sie heißen das Glauben, das sie von Christo gehört haben, und halten, es sei dem wohl; wie denn die Teufel auch glauben und werden dennoch nicht fromm dadurch.“

Das Fürwahrhalten ist eine Tätigkeit des selbstbewußten Geistes, deren der Glaube nicht, die höchstens umgekehrt des Glaubens bedarf.

Man kann häufig Glauben und Wissen gegenübergestellt lesen, wie wenn das eine das andere ausschlösse, und oft auch wie wenn das Glauben die Sache der Kinder und Träumer, das Wissen die Sache vernünftiger Männer wäre. In Wirklichkeit ist Glauben die Bestätigung und Besiegelung des Wissens, nicht umgekehrt. Was wir wissen, wird uns vermittelst unserer Sinne gelehrt: wir wissen zum Beispiel, daß dort ein Stuhl steht. Was hilft dir das aber, wenn du es nicht glaubst? Deine Sinne können dich ja betrügen. Im Traume kommt es dir oft so vor, als stände da ein Stuhl, wo doch nichts ist. Bevor du nicht glaubst, was du weißt, bleibt dein Wissen unsicher. Gewiß, fest, unerschütterlich, ein Fels, der nicht wankt, ist nur was du glaubst. Mit anderen Worten: das Wissen bezieht sich auf die Erscheinung, der Glaube auf das Sein.

Luther pflegte den Begriff des Glaubens mit den Worten des Paulus aus dem 11. Kapitel des Briefes an die Ebräer zu erklären: Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht des, das man hoffet, und nicht zweifelt an dem, das man nicht siehet. Sage mir nun bitte nicht, daß das Unsichtbare für dich nicht gelte, daß das Hirngespinste wären, daß du nur deinen Sinnen traust. Das ist ja, wie schon gesagt, Selbsttäuschung. Du traust deinen Sinnen, weil sie sich auf Übersinnliches beziehen. Was heißt es zum Beispiel, wenn du sagst, du glaubst an einen Menschen? Du deutest damit offenbar auf etwas, was deine Sinne, deine Erfahrung dir nicht von ihm mitteilen können, denn sonst würdest du es ja wissen. Du willst damit sagen, daß du im Wesen dieses Menschen eine Kraft voraussetzest, zu der du dich alles Guten und Großen versiehst. Da ja nun alle Kraft, alles Wesen und Sein, wie und wo es auch erscheint, Gott ist, so bezieht sich der Ausdruck Glauben immer auf Gott, wenn wir ihn auch auf Menschen anwenden.

Nun offenbart sich Gott niemals unmittelbar und kann also nur durch die Sinne wahrgenommen werden, von dem naiven Menschen namentlich durch den Gesichtssinn in der Schöpfung. Der Glaube aber, heißt es bei Paulus, kommt durch das Gehör, das heißt, das Gehör muß das Wort, das Gott von sich redet, aufnehmen. Um nun Schall hören, wie um Licht sehen zu können, muß etwas in uns sein, was der tönenden und leuchtenden Kraft entspricht, eine Hörkraft und Sehkraft. Wär nicht das Auge sonnenhaft, sagt Goethe, die Sonne könnt es nie erblicken. Du kannst, als moderner Mensch, statt Glauben auch Vernunft setzen, die geistige Kraft im Menschen, die, weil sie Geist, also Gott wesensgleich ist, Gott vernehmen kann.

Die Hörkraft und Sehkraft verhält sich zu Schall und Licht wie das Passive zum Aktiven, so daß wir zunächst nicht von einer Kraft, sondern von Schall- und Lichtempfänglichkeit reden sollten. Wie der Schoß der Frau den Samen des Mannes empfängt, so empfangen Auge und Ohr Licht und Schall und bringen durch sie Gesichts- und Gehörsbilder hervor. Die Empfänglichkeit beruht wieder auf der Empfindlichkeit für die betreffende Kraft, sei es Schall, Licht oder die göttliche Kraft selbst. Handelt es sich um diese, müssen wir sagen, daß wir gottempfindlich sein müssen, um Gottes Wort empfangen zu können, und in diesem Sinne läßt sich der Ausdruck Glauben mit Gottempfindlichkeit, Gottempfänglichkeit, Gottverwandtschaft übersetzen. „Gott und Glaube gehören zu Haufe“, sagt Luther. Sie gehören zusammen wie Mann und Weib, und es hat sich deshalb unwillkürlich, um das Verhältnis zwischen Gott und der gläubigen Seele zu bezeichnen, das Bild von Bräutigam und Braut eingestellt.

Befragen wir die Sprache, so finden wir, daß Glauben mit Geloben, Hören mit Gehören und Gehorchen zusammenhängt. Darin vollendet sich der Glaube, daß man Gott, der uns durch sein Wort ruft, hört und ihm gehorcht: Glaube ist Hingebung und Gehorsam. Der Gläubige hört Gottes Stimme, wie das Schaf die Stimme seines Hirten, wie der Liebende die Stimme der Geliebten hört. Alle Stellen in Luthers Werken, die vom Glauben handeln, sind Gedicht, ja Liebesgedicht, wie im Grunde jedes echte Gedicht Liebesgedicht ist, handle es sich nun um Liebe zu Gott oder zu den Menschen. Zwischen Glauben und Liebe ist der Unterschied, daß sich der Glaube auf das Unsichtbare, die Liebe auf das Erscheinende bezieht; aber es ist ja keins ohne das andere. An Gott glauben wir nicht nur, sondern wir lieben ihn in der Erscheinung, und an alle Menschen, die wir wahrhaft lieben, glauben wir auch, d. h. wir lieben ihre Idee oder Gott in ihnen.

Die meisten Menschen sind so geartet, daß sie Gott selbst, ohne Vermittlung, nicht gehorchen können, und Gott hat deshalb eine Vertretung in der Welt eingesetzt: im Staate die Obrigkeit, in der Familie Eltern und Ehemann. Wenn die Kinder ihren Eltern, die Frauen ihren Männern, die Männer ihren Vorgesetzten gehorchen, so gehorchen sie Gott, vorausgesetzt daß die Vorgesetzten Gott gehorchen. Der Gläubige, der Gottes Stimme hört und Gott selbst gehorcht, ist von jedem Gehorsam in der Welt frei, jenseit von Gut und Böse; aber er gehorcht auch den Menschen freiwillig, um sich nicht abzusondern. Eine glaubenslose Zeit ist eine Zeit ohne Gehorsam, richtiger gesagt eine Zeit, in der die Menschen nur sich selbst gehorchen wollen.

Während der Gehorsam der Welt erzwungen werden kann und muß, kann der Glaube, dessen Quelle das Herz ist, nur freiwillig sein. Daß Gott erzwungene Dienste nicht gefallen, wird in der Bibel oft wiederholt. Du kennst vielleicht die berühmte und wundervolle Stelle aus Luthers Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen, wo er vom Glauben als vom Brautring der Liebenden spricht; ich führe sie deshalb hier nicht an. Im Sermon von den guten Werken heißt es so: „Wenn ein Mann oder Weib sich zum anderen Liebe und Wohlgefallen versieht und dasselbe fest glaubt, wer lehrt sie, wie sie sich stellen, was sie tun, lassen, sagen, schweigen, denken sollen? Allein die Zuversicht lehrt sie das alles und mehr denn not ist. Da ist ihnen kein Unterschied in Werken; sie tun das Große, Lange, Viele so gern als das Kleine, Kurze, Wenige, und dazu mit fröhlichem, friedlichem Herzen und sind ganz freie Gesellen. Wo aber ein Zweifel da ist, da sucht jedes, welches am besten sei. Da beginnt es sich einen Unterschied der Werke auszumalen, womit es Huld erwerben möge, und geht dennoch mit schwerem Herzen und großer Unlust hinzu, ist gleich befangen, mehr denn halb verzweifelt, und wird oft zum Narren darüber.“ Dann geht es nach dem Spruche Salomonis: „Wir sind müde geworden in dem unrechten Wege und sind schwere, saure Wege gewandelt, aber Gottes Weg haben wir nicht erkannt, und die Sonne der Gerechtigkeit ist uns nicht aufgegangen.“ Im Gegensatz zu den schweren, sauren Wegen der Werke spricht Luther von dem königlichen Weg des Glaubens.

Sobald der Glaube schwer und sauer fällt, ist es gar kein Glaube; Glaube ist nur, was frei aus dem Herzen kommt. Etwas im Glauben tun heißt etwas tun, weil man nicht anders kann, und du begreifst nun, welchen lieblichen Sinn die Worte des Paulus haben, daß, was nicht im Glauben geschieht, Sünde ist. Allerdings der, dem nichts von Herzen kommt, der Ungläubige, der kein Herz hat, dem ist es leichter, Brandopfer als sein Herz darzubringen.

Um dem Begriff des Glaubens noch näher zu kommen, laß uns auch seinen Gegensatz, den Unglauben, ins Auge fassen. Luther sagt gelegentlich: der Ungläubige, der nur sich selbst anbetet; und das scheint mir das deutlichste Licht auf das Wesen des Unglaubens zu werfen. Ferner: „Gott ist den Sündern nicht feind, nur den Ungläubigen, das sind solche, die ihre Sünde nicht erkennen, klagen, noch Hilfe dafür bei Gott suchen, sondern durch ihre eigene Vermessenheit sich selbst reinigen wollen.“ Und: „Das muß wohl folgen aus dem Unglauben, der da keinen Gott hat und will sich selbst versorgen.“

Der Ungläubige ist also mein Freund Luzifer, der, weil er sich an Gottes Stelle setzt, sich selbst lenkt, für sich selbst sorgt, selbst Gesetze gibt, denen seine passive, sinnliche Hälfte gehorchen soll. Natürlich muß diese auch alle Kraft aus seinem Ich, seiner aktiven Hälfte, beziehen, die aber beschränkt, endlich ist, und wenn sie sich nicht aus Gott ersetzt, sich bald erschöpft. Beständiges Selbstwollen muß zu vollständiger Entkräftung führen, wenn es sich nicht im Zustande des Nichtwollens erholen kann. Glauben ist Nichtselbstwollen, statt dessen Gott in sich wollen lassen. Die Überspannung der eigenen Kraft zeigt sich in unserer Zeit in der großen Anzahl von Menschen mit überspanntem Nervensystem; sie gehen an ihrer Eigenwilligkeit, an ihrer Unfähigkeit, durch vorübergehende Selbstaufgabe Kraft zu schöpfen, zugrunde. Es wäre ja gegen den schönen Luzifer nichts einzuwenden, wenn er glücklich wäre; aber sein Selbst ist ihm keine Freuden- und Kraftquelle, kein Herrscherthron, sondern ein Marterpfahl, an den er gebunden ist. Die Frucht des Glaubens ist der Friede, heißt es im Evangelium des Johannes; daraus folgt, daß die Frucht des Unglaubens Unfriede ist, innere Zerrissenheit, Kraftlosigkeit. Die Frage: Wie werde ich selig? Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich auch so fassen: Was verschafft mir inneren Frieden und damit Kraft? Die Antwort lautet: Aufgabe deines Selbst und Hingabe an Gott. Nicht nur selbstbewußt, sondern zugleich gottbewußt oder unbewußt leben.

Was der Mensch durch vollständige Aufgabe des Selbstbewußtseins vermag, das hat die Hypnose gezeigt. In dem seines Selbstwollens beraubten Menschen wirkt der Hypnotiseur Wunder: er verfügt über seinen Körper nach Belieben, über das Vermögen des Selbstwollenden hinaus. Fast erschrak man über diese Entdeckung, weil man meinte, sie könne von bösen Menschen zu gräßlichen Verbrechen benutzt werden. Aber erstens gibt es in unserer Zeit sehr viel Nervöse, und die Nervösen können ihr Selbst nicht hingeben und darum auch nicht hypnotisiert werden; und dann gibt es ebensowenig Teufelsgläubige, also im Bösen kraftvolle Menschen, wie Gottgläubige. In früheren Zeiten wurde die Hypnose von Bösen und Guten als schwarze und weiße Magie ausgeübt.

Im Hinblick auf die ihm durch den Glauben zu Gebote stehende Kraft war der Christ für Luther wesentlich der starke, freudige, trotzige Held. „Ein solcher Mann muß der Christ sein, der da könne verachten alles, was die Welt beides, Gutes und Böses, hat, und alles, damit der Teufel reizen und locken oder schrecken und drohen kann, und sich allein setzen gegen alle ihre Gewalt, und ein solcher Ritter und Held werden, der da wider alles siege und überwinde.“ Es ist der Ritter, den Dürer gemalt hat, der gelassen, des Sieges gewiß, an Tod und Teufel vorüberreitet. Luther übersetzte das Wort „Israel“ mit Herr Gottes: „Das ist gar ein hoher, heiliger Name und begreift in sich das große Wunder, daß ein Mensch durch die göttliche Gnade gleich Gottes mächtig wurde, also daß Gott tut, was der Mensch will … Da tut der Mensch, was Gott will, und wiederum Gott, was der Mensch will; also daß Israel ein gottförmiger und gottmächtiger Mensch ist, der in Gott, mit Gott und durch Gott ein Herr ist, alle Dinge zu tun und vermögen.“

Es war Luthers feste Überzeugung, daß der Mensch Berge würde versetzen können, daß ihm nichts unmöglich wäre, wenn er nicht zu schwach im Glauben wäre. Über Schwäche des Glaubens klagt er oft schmerzlich; er hatte Zeiten, wo sein Selbst sich dafür rächte, daß er meistens so gar nicht zu sich selbst kam, wie man sehr richtig zu sagen pflegt. Wie er aber zuweilen Gottes mächtig war, konnte er zeigen, als er den sterbenden Melanchthon ins Leben zurückrief. Der ungläubige, durch seine Zwitterstellung zwischen Gott und Welt stets in Zwiespalt und Unwahrhaftigkeit verstrickte Melanchthon starb, wie ein beleidigtes Kind sich vom Spiel in einen Winkel zurückzieht; wie er dann das Wort des mächtigen Freundes zuerst widerwillig vernimmt, dann doch sich beugt und im alten Gehorsam seine Kraft in sich überströmen läßt, das stellt sich wie ein Abbild des Verkehrs der menschlichen Seele mit Gott dar. Nicht Abbild, sondern die Sache selbst: denn Luther hatte zuvor durch sein Gebet Kraft in sich gezogen, und diese Gotteskraft, nicht Luthers bewußtes Selbst war es, die den Sterbenden weckte.

Ich weiß, du sagst jetzt, du habest keinen Glauben, aber Übermaß von Selbstwollen und Selbstvertrauen könne nicht daran schuld sein, denn das habest du erst recht nicht. Dann hatten es deine Vorfahren; daß es auf die Dauer ohne Glauben schwinden müsse, sagte ich ja. Es fällt mir aber ein, daß Luther überzeugt war, man könne mit seinem Glauben für den fehlenden oder schwachen Glauben anderer eintreten, und so werde ich einstweilen für dich glauben, an dich und für dich.

[IV]

Du willst mir augenscheinlich dartun, daß du wirklich kein Herz habest, indem du mit vernichtender Übergehung meines gefühlsbetonten Briefschlusses tadelst, ich schriebe chaotisch, was du am allerwenigsten vertragen könnest. Vollständige Dunkelheit sei weniger schädlich als Zwielicht voll undeutlich auftauchender Gestalten. Ich behandle, sagst du, Gott, Teufel und ähnliche Phänomene als selbstverständliche Voraussetzung; das sei wohl in religösen Zeiten unter religiösen Menschen erlaubt, welchen diese Namen etwas Bekanntes bezeichneten, jetzt seien sie aber leer und ich hantierte damit herum wie jene listigen Betrüger mit des Kaisers neuen Kleidern. Ich sollte dir einmal schreiben, wie wenn du ein in der Wildnis aufgelesenes, zwar sehr gescheites, aber ganz unwissendes Botokudenkind wärest. Du wissest, daß Gott sich nicht vorrechnen lasse wie ein Exempel, ich solle auch nicht von ihm sprechen, wie einer von seinem Freund, dem Geheimen Kommerzienrat Soundso, spreche; aber auf einen klaren, verständlichen Ausdruck müsse etwas Seiendes sich bringen lassen, wenn auch nicht auf einen erschöpfenden.

Ich werde gehorsam versuchen, den König mit dem gescheiten Botokudenkinde zu verschmelzen und meinen Vortrag danach einzurichten. Die Verbindung ist auch gar nicht so paradox, wie es zuerst scheint. Das Kind sagt zu seiner Mutter: Gib mir die Sterne! Philipp III. befahl Spinola: Nimm Breda! Ich, der König. Du schreibst: Erkläre mir Gott! Es soll mich nicht abschrecken, daß Spinola, wenn eine dunkle historische Erinnerung mich nicht trügt, am Gram über die Ungnade seines Königs gestorben ist.

Die Völker haben nicht damit angefangen, an einen Gott zu glauben; denn der kindliche Geist nimmt die Welt nicht als Ganzes, sondern in Einzeleindrücken auf. Man weiß von einer ganzen Reihe von Völkern, daß sie, auf den ersten Stufen der Entwickelung befindlich, alles als Gott verehrten, was ihnen vorkam, was sie als außer sich seiend auffaßten: nicht nur Bäume, Wiesen, Tiere, Sterne, sondern auch Ereignisse, Vorgänge, Erwünschtes, Gefürchtetes. Alles, was sie von sich selbst und anderen Menschen unterschieden, war ihnen Gott, so daß es ihnen so viel Götter gab, wie sie Eindrücke empfingen. Sie nannten diese Götter zunächst Dämonen, und sie sind als Heilige, Engel und Teufel auch in der christlichen Kirche erhalten geblieben. In der Wissenschaft hat man sie sehr gut Augenblicksgötter genannt; es sind also Eindrücke von Einzelkräften.

Der menschliche Geist hat nun die Eigenart, daß er die Eindrücke von Einzelkräften fortwährend verdichtet, genau so, wie die Kräfte selbst sich verdichten. Wie der rotierende Urnebel sich zu festen Kernen, den Gestirnen, verdichtet, so verdichten sich im menschlichen Geiste die Augenblicksgötter allmählich zu sogenannten Sondergöttern, diese allmählich zu persönlichen Göttern. So ist zum Beispiel dem kindlichen Menschen jede Sonne, im Augenblick wo sie ihm aufgeht, etwas Glückbringendes oder Verderbendrohendes; erst später erfand er etwa die die Saat hervorlockende Frühlingssonne als eine besondere Gottheit, und viele Veränderungen müssen erst in seinem Geiste vorgehen, bevor sich die Kraft der Sonne überhaupt in den persönlichen Gott Apollo verwandelt. Willst du ausführlichere Belehrung darüber haben, so empfehle ich dir ein vorzügliches Werk von Usener mit dem Titel: Götternamen. Aus unzähligen Augenblicksbildern entsteht ein Bild, und aus Myriaden von Augenblicksgöttern entstehen Sondergötter und endlich persönliche Götter.

Die vergleichende Sprachwissenschaft und Mythologie gibt darüber Auskunft, wie die uns bekannten griechischen Götter die alten Augenblicksgötter an sich gezogen, sich untergeordnet und verschlungen haben, obwohl sie zum Teil, auf dem Lande, in dem noch unentwickelt gebliebenen menschlichen Geiste, ein verborgenes Dasein weiter fristeten. Ihrerseits werden die persönlichen Götter nach und nach wiederum verschlungen von dem einen Gott; der menschliche Geist wird allmählich fähig, die Welt als Ganzes aufzufassen, er erhebt sich zu der Einsicht, daß es vielerlei Kräfte gibt, daß aber nur ein Geist ist, der da wirket alles in allem.

Der menschliche Geist erfaßt also zuerst lauter Einzeleindrücke, die sich immer mehr verdichten, bis er zuletzt die Idee der einen unendlichen Welt und des einen unendlichen Gottes erfaßt; er geht von der Vielheit zur Einheit, und zwar im selben Maße, wie er sich selbst immer mehr als Einheit erfaßt. Solange sein eigenes Ich eine Reihe von Einzelempfindungen für ihn ist, ist ihm die Welt eine Reihe von Einzeleindrücken; wie sein Selbst sich verdichtet, verdichtet sich ihm die Welt und in ihr Gott.

Jeder Mensch, der sich seines Ich, seines Selbst, bewußt ist, ist sich eines Nicht-Ich bewußt; denn er erfährt sein Ich ja erst, indem er es vom Nicht-Ich unterscheidet, und dies Nicht-Ich nennt er, soweit es nicht seinesgleichen ist und soweit er sich davon abhängig fühlt, Gott. Ich möchte den Satz aufstellen: Es gibt nichts außer der göttlichen Kraft und der durch das Ich zugleich beschränkten und geprägten Kraft. Luther sagte: Denn außer der Kreatur gibt es nichts, denn die einige, einfältige Gottheit selbst. Als zu sich, zu seinem Selbst gehörig empfindet der Mensch alles, was von ihm abhängt, als zu Gott gehörig alles, was nicht von seiner Willkür abhängt, wovon im Gegenteil er abhängt.

Es ist natürlich, daß gerade der noch unkultivierte Mensch sich in der Gewalt von Naturkräften fühlt; aber auch im Menschen selbst wirken Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen: sein Leben und Sterben, sein Lieben und Hassen, seine Schaffenskraft und sein Unvermögen. „Das Gemüt ist dem Menschen sein Dämon“, hat schon Heraklit gesagt. Alle menschlichen Kräfte, die nicht von seinem Willen abhängen, empfand der Mensch ebensogut als göttlich wie die außer ihm herrschenden. Man hat sie neuerdings wohl das Unbewußte genannt oder darunter mitbegriffen; das, was ich meine, sollte man richtiger das Unwillkürliche nennen, das, was in uns wirkend doch nicht von unserem Willen abhängt. Allerdings entsteht das, was von uns unabhängig in uns gewirkt wird, nach antikem Sprachgebrauch das Dämonische, ohne unser Wissen; erst das vollendete Ergebnis, sei es Idee, Gefühl, Gestalt, tritt in unser Bewußtsein, und insofern kann man vom Unbewußten sprechen. Alles das, was uns nicht erst als fertiges Ergebnis ins Bewußtsein tritt, sondern was wir selbst machen, gehört in das Gebiet des Selbstbewußtseins. Stellt man Selbstbewußtes und Unbewußtes einander gegenüber, so sollte man im Sinn haben, daß im Unbewußten das Bewußtsein des Nicht-Ich für das Ich eintritt, daß man also ebensogut von Allbewußtsein oder Gottbewußtsein sprechen kann. Volkstümlich ist der Unterschied stets empfunden worden und ganz richtig als Unterschied von Kopf und Herz bezeichnet; nur führt dieser Ausdruck leicht zu dem Mißverständnis, als handle es sich um einen Unterschied von Gefühl und Gedanke, was durchaus falsch ist, da auch Gedanken aus dem Herzen kommen: wir nennen sie Ideen oder Einfälle. Wir sind Menschen, soweit wir Kopf, wir sind Gott und Teufel, soweit wir Herz sind. Gewöhnlich sind wir nur bald das eine, bald das andere, ein Durcheinander von beidem; unser Ziel ist, Gottmensch zu sein, das heißt, die gesamte göttliche und die gesamte menschliche Kraft in einer Person harmonisch zusammenzufassen.

Der bequemeren Übersicht halber setze ich dir ein Schema her, wobei ich davon ausgehe, daß die göttlich-menschliche Kraft sich bildend, handelnd und denkend äußert.

Herz Kopf
Gott Mensch
Müssen Wollen
Bilden oder wachsen lassen Machen
Taten tun Überlegt handeln
Ideen haben Denken

Wenn du einmal für den im Menschen sich offenbarenden Gott das Dämonische setzest, welchen Wortes Bedeutung dir ja wohl ohnehin klar war, so werden dir viele Aussprüche aus der Bibel und von Luther sofort viel verständlicher sein und helleres Licht ausstrahlen. Nehmen wir den Spruch: Wenn wir auch sündigen, so sind wir doch die Deinen und wissen, daß du groß bist. Das heißt: Wir sündigen, unsere Leidenschaft reißt uns hin, wir bereuen es, aber unsere Reue macht uns nicht kraftlos und mutlos. Denn gerade daß wir taten, was wir mußten, beweist uns, daß wir Kraft haben; diese Kraft wird uns wieder emporheben und uns große oder gute Taten tun lassen.

Wenn Luther sagt: Der Anfang aller Sünde ist, von Gott weichen und ihm nicht trauen, so heißt das: wer sich nicht auf sein Herz, nur auf seinen Kopf verlassen kann, der hat keinen inneren Frieden, keine Sicherheit und keine Kraft.

Wenn Luther sagt, der Glaube verschlinge die Sünde sofort auch ohne Reue, so heißt das wie oben: dämonische Menschen werden sündigen, aber auch schaffen.

Wie befremdet zunächst das Wort: „Was Gott nicht geboten hat, das ist verdammt.“ Und es heißt doch nur, was jedem unmittelbar einleuchtet: Wer Ideen und Gefühle hat, so stark, daß sie ihm zum Führer und Wegweiser werden, der ist selig. Quo dii vocant eundum ist eine alte Devise, die ich als Kind einmal las und mir zum Motto wählte, ohne ihren Sinn so logisch zu verstehen, wie ich jetzt tue.

„Ein Christ soll pochen nicht auf sich, noch auf Menschen, noch auf den Mammon, sondern auf Gott!“ Das heißt: Wir sollen uns nicht auf irgendeine weltliche Macht, noch auf die Gedanken, Überlegungen, Absichten verlassen, die von uns selbst oder anderen ausgehen, sondern auf die göttliche Stimme in uns, auf unser Gefühl und Gewissen. „Alle Pflanzen, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, werden ausgereutet“, Matth. 15, das heißt: Nicht das Machwerk, sondern das Kunstwerk, das Gewordene, Gewachsene, nicht die moralische Handlung, sondern die Tat aus dem Herzen lebt und zeugt Leben.

Ist es nicht eigentümlich, daß es wahrscheinlich viele Menschen gibt, die der Meinung sind, der Spruch bedeute, daß jeder Mensch verworfen sei, der nicht jeden Sonntag zur Kirche gehe, der nicht zu gegebener Zeit bete und dergleichen; und daß sein wahrer Sinn ungefähr auf das Gegenteil hinausläuft?

Am schrecklichsten zürnt Gott, sagt Luther einmal, wenn er schweigt, nach seiner Drohung bei Jeremias: „Mein Geist wird nicht mehr Richter sein auf Erden.“ Dann tritt an die Stelle lebendigen Wachstums abschnurrende Mechanik. Es ist merkwürdig, daß ein Jahrhundert nach Luther der seltsame Hang die Menschen ergriff, das Perpetuum mobile zu erfinden. Die heimliche Lust am Automatischen und zugleich das Grauen davor gibt den Werken E. T. A. Hoffmanns ihren grotesken Charakter, die Ahnung des Verhängnisses seiner Zeit, mit der er zu seiner eigenen Verzweiflung selbst verwachsen war.

[V]

Ein gewisses Brummen, das du hast ausgehen lassen, fasse ich als Zeichen auf, daß ich wie jene dir hoffentlich bekannte Bärenbraut dich richtig gekraut und gekrabbelt habe. Sogleich werde ich übermütig und gehe vom antiken Gottesbegriff, der dir offenbar kongenialer ist, zum christlichen über. Insofern nun Gott nie etwas anderes sein kann als die eine Kraft, von der alle Kräfte ausgehen und in die alle Kräfte münden, stimmen natürlich die Gottesbegriffe aller reifen Völker im wesentlichen überein. Doch gibt es auch einen wesentlichen Unterschied zwischen antiker und christlicher Gottesauffassung, der dir um so störender sein wird, als du ihn vermutlich nur spürst und nie Lust gehabt hast, ihn genau zu untersuchen. Wenn ich dir nun zum voraus schwöre, daß das Christentum trotz des Unterschiedes doch die Erfüllung der Sehnsucht der ausgehenden Antike war, weswegen es ja auch bei den Griechen sich befestigte und nicht bei den Juden, so wirst du mir von vornherein geneigter zuhören.

Der christliche Gott ist, wie du weißt, ein offenbarter und ein dreieiniger Gott, das heißt: er offenbart sich dreifach. Schon die Alten wußten, daß Gott in seiner Majestät von den Menschen nicht ertragen werden kann: Semele wurde von Zeus verzehrt, als sie ihn in seiner Göttlichkeit schauen wollte. Das reine Sein, die Kraft an sich, ist den Sinnen nicht zugänglich. Wir können auch nichts darüber aussagen, denn es ist jenseit aller Gegensätze, und Eigenschaften sind erst im Gegensatz wahrnehmbar. Eigenschaften gehören einem Einzelnen zu eigen, Gott ist aber nichts Einzelnes, sondern das Ganze. Insofern Gott nichts Einzelnes ist, ist er zugleich das Nichts, denn nichts heißt nicht etwas; das Nichts und das All ist also dasselbe. Ein Gegensatz zu Gott wäre demnach doch vorhanden, nämlich das Einzelsein oder die Vielheit; aber dieser Gegensatz ist im Sein enthalten, wie die Heilige Schrift sagt: in ihm leben, weben und sind wir.

Das indessen können wir doch vom Wesen Gottes aussagen, daß er Geist ist; denn Gott an sich ist unsichtbar. Ferner kann er nichts anderes sein als Kraft; denn Gott kann nicht leidend sein; sein Wesen ist Wirken. Eine Kraft, ein ewig Wirkendes, ist aber ohne einen Stoff, ein Passives, auf das sie wirken kann, nicht zu denken; Gott und die Welt sind nur für unser Begriffsvermögen zu trennen, wir sind gezwungen, zeitlich und räumlich zu denken und sagen also: Gott schuf die Welt, als ob die Kraft irgendwann einmal ohne Stoff gewesen wäre. Daß das Sein wird, richtiger ausgedrückt, daß mit der werdenden Erscheinung ein unsichtbares Sein verbunden ist, von welchem sie abhängt, ist ein Geheimnis, auf das man immer wieder stößt, wenn man sich mit den letzten Dingen beschäftigt, und vor welchem es geboten ist innezuhalten. Die Welt wäre ein öder Mechanismus, wenn dies Geheimnis nicht wäre.

Bei Gott ist alles auf einem Haufen, sagte Luther; das heißt: er ist jenseit von Zeit, Raum und Vielheit. Da wir hier aber an der Grenze der göttlichen Majestät stehen, glaube ich den mythischen Ausdruck gebrauchen zu dürfen: Gott schuf die Kreatur. Luther sagte gewöhnlich Kreatur, um die gesamte Erscheinung, den gesamten Nicht-Gott zu bezeichnen; wir sind gewohnt, von Stoff, Schöpfung, Welt zu sprechen. Nehmen wir das Bewußtsein als Standpunkt, so sagen wir nicht, Gott schuf die Welt, um etwas zu haben, worauf er wirken könne, sondern um sich zu erkennen, um seiner bewußt zu werden. Auch dies ist wieder mythisch ausgedrückt, da ja Gott natürlich nichts fehlt, und wir ihn uns als von jeher so gut selbstbewußt wie unbewußt vorstellen müssen. Wir können aber die Tatsache, daß man zugleich nichtbewußt und selbstbewußt sein kann, mit dem Verstande nicht fassen, obwohl wir sie fühlen können, da wir sie an uns selbst erfahren. Und dabei will ich gleich bemerken, daß wir immer von uns auf Gott und von Gott auf uns schließen können, was mir, als ich zuerst darauf kam, einen geheimnisvollen und fast schauerlichen Eindruck machte. Doch ist es durchaus nicht merkwürdig, sondern folgt mit Notwendigkeit daraus, daß Gott uns zu seinem Bilde schuf, um sich in uns zu erkennen.

Gott schuf das Abbild seiner selbst, seinen Sohn, ihm zum Ebenbilde, sich ganz gleich, Christus, den Erstling seiner Kreatur. Aber als er erschaffen war, schlief er; er war ganz Stoff, ganz Passivität, ganz unbewußt. Wie sollte sich Gott, die pure Kraft, im puren Stoff erkennen? Der Schläfer mußte die Augen öffnen, damit Gott hineinsehen könne. Um ihn sehend zu machen, nahm Gott mit ihm dasselbe vor, was er mit sich vorgenommen hatte, um selbst bewußt zu werden: er spaltete ihn in zwei, das heißt: er machte aus dem ganzen Menschen, der Christus hätte sein sollen, das Menschenpaar, Adam und Eva, den aktiven Mann und das passive Weib. Mit dieser Teilung oder Polarisierung, die durch die gesamte Schöpfung geht, entstand noch etwas, nämlich die Schlange oder der Teufel. Gott konnte sich nur in einer Kraft selbst erkennen, das ist klar; denn die Kraft oder Aktivität ist ja sein Wesen; diese Kraft mußte aber von ihm unterschieden sein, denn sonst wäre sie ja mit ihm selbst eins, und der Zweck des Sicherkennens könnte nicht erzielt werden. Ein Sein oder eine Kraft aber, die nicht Gott ist oder sein darf, muß Gott entgegengesetzt sein, sozusagen ein Gegengott; denn er ist ja aus Gott, hat aber die Aufgabe, nicht Gott selbst zu sein. Ich finde, man stellt sich das am besten vor, wenn man sich Gott als einen Strahl denkt, der sich durch irgendeine Materie hemmt und spiegelt, gegen sich selbst umbiegt; noch besser als Sonne, deren unendliche Strahlen vom unendlichen Stoffe zurückgeworfen werden. Dieser abgeleitete oder reflektierte Strahl ist Gott und Teufel, Gott insofern er aus Gott, göttliche Kraft ist, Teufel insofern er sich für Gott selbst hält und dadurch Usurpator, Rebell, Gegengott wird.

Die Selbstsucht im allereigentlichsten Sinn, die Sucht, alles auf sich zu beziehen, sein Ich, das in Wirklichkeit nur Mittelpunkt einer Einzelheit und Trabant des All-Mittelpunktes ist, für einen selbständigen Mittelpunkt zu halten, diese Selbstsucht ist es, was in der Bibel und bei Luther der Teufel oder das Böse genannt wird. Das Böse soll nicht sein, aber es muß sein, damit Gott sich selbst erkennen, oder, wenn du lieber willst, damit Leben sein kann. Gott ist ein Gott des Lebens, heißt es in der Bibel, Gott hat Lust zum Leben. Ohne Gegensatz aber, ohne die zwischen zwei entgegengesetzten Polen entstehende Spannung ist kein Leben denkbar: ohne das menschliche Ich wäre nur Allsein, das gleichbedeutend mit Nichtsein ist.

Du könntest die Notwendigkeit des Teufels oder des Bösen mythisch auch so erklären: die pure Aktivität müßte notwendigerweise die pure Passivität zerstören; die Aktivität muß sich also eine Hemmung, einen Widerstand setzen, damit der Stoff, den sie braucht, um zu wirken, nicht verzehrt wird. Diese Hemmung gibt sich Gott, indem er dem Stoff Odem einbläst, ihm einen Teil seines Wesens, seiner Kraft gibt, die er selbständig für sich benutzen nicht nur darf, sondern sogar muß, damit Gott nicht nur eine zerstörende, sondern zugleich eine schaffende Kraft ist. Wir haben also den merkwürdigen Fall, daß der Teufel, die menschliche Ichsucht, da sein muß, damit Gott kein Teufel ist.

Mißverstehe mich aber bitte nicht so, als hätte ich gesagt, der Mensch, oder die aktive Kraft des Menschen, und der Teufel wären ein und dasselbe. Die Kraft ist ja ihrem Wesen nach göttlich; teuflisch ist nur der Irrtum des Menschen, seine Einzelkraft für Gott selbst zu halten. Gott liebt die Welt, weil er weiß, daß sie aus ihm und in ihm ist: Liebe ist Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Solange der Mensch dies Bewußtsein, daß alle erscheinenden Kräfte Ausstrahlungen der göttlichen Kraft sind, nicht hat, sondern seine Kraft für den Mittelpunkt hält, ist er dem Teufel verknechtet. Der Teufel ist also nur etwas Negatives, ein Irrtum, ein Mangel an Erkenntnis, und kann deshalb nicht selbst als Person im Fleisch erscheinen. Er ist nur bei der Erschaffung der Welt mit entstanden, wie der Schatten eine Begleiterscheinung von Licht und Körper ist.

Mit der Körperwelt, die ausgedehnt ist und im Raum erscheint, ist der Kampf ums Dasein gegeben. Seiner göttlichen Art nach muß jedes Wesen überall und immer sein wollen, was nur im Sein, nicht aber in der Außenwelt bei der Undurchdringlichkeit der Körper sein kann. Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen, heißt es bei Schiller. Durch die Undurchdringlichkeit der Körperwelt, dadurch, daß sie das Licht nicht durchläßt, das heißt eben dadurch, daß sie auch Stoff und nicht nur Kraft ist, entsteht der Schatten. Der Schatten steht zum Lichte in einem gegensätzlichen Verhältnis, indem der Schatten wächst, wenn das Licht abnimmt, und umgekehrt. Wäre kein Schatten, wäre lauter Licht, es wäre dann aber auch nichts Einzelnes, das heißt nichts. Dasselbe läßt sich vom Teufel sagen: er ist nicht seiend und nicht erscheinend, er hat keinen Körper, ist aber von der körperlichen Welt unzertrennlich. Luther nennt den Teufel häufig den Affen Gottes, insofern alles, was der selbstbewußte Mensch denkt und tut, eine Nachahmung göttlichen Denkens und Tuns ist, oder insofern der selbstbewußt gewordene Mensch das mit Absicht ausführt, was der instinktive Mensch unbewußt tut.

Der wesentlich aktive, selbstische, alles auf sich beziehende Mensch ist der Mann. Es würde, da es unzählig viele Ichs gibt, ein beständiger Krieg aller gegen alle herrschen, wenn der Mann nicht in sich und außer sich eine passive Hälfte hätte; die passive Hälfte, die er außer sich hat, ist das Weib. Daß das Weib, wesentlich Stoff, Gott zugehört, ist schon daraus ersichtlich, daß er durch sie, ohne Mitbetätigung ihres bewußten Willens, Menschen schafft; das Weib gestaltet unwillkürlich im Stoffe. Aus der Schöpfungsgeschichte weißt du, daß die Schlange Eva, nicht Adam verführte; denn sie, die mit Gott Verbundene, mußte fallen, wenn Gott gestürzt werden sollte, und ihre Schwäche bot auch einen Angriffspunkt. Als Stoff gut, selbstlos, deshalb aber auch unendlich verführbar, gab sich Eva wirklich dem Gegengott hin, was die Fortpflanzung, die Entwickelung, das Leben erst möglich machte. Das Weib liebt nicht Gott, die Güte, sondern den Selbstsüchtigen, der sie leiden macht, weil er nur sich selbst lieben kann. Durch das Leiden kommt sie, weil Leiden bewußt macht, zur Erkenntnis ihres Herrn und stellt die Verbindung zwischen der Welt und Gott wieder her. Die Bestimmung der Frau ist, die selbstische, verteufelte Welt mit Gott zu verbinden, der Genius und Schutzgeist des Mannes zu sein, wie auch in Sage und Geschichte die Frau als diejenige auftritt, die den Mann zu großen Taten anregt, ihm gegenüber die göttlichen Gedanken vertritt. Oft allerdings, wenn sie mehr ihm als Gott dient, vertritt sie auch seine teuflischen Gedanken, wovon Lady Macbeth ein Beispiel ist. Heute ist die Frau nicht mehr der Genius des Mannes, weder im Guten noch im Bösen, weil keine Nachfrage mehr nach solchen Frauen ist. Der heutige Mann, ganz weltlich, will nur ebensolche Frauen, oder, schwankend zwischen Welt und Gott, will er sie entweder moralisch oder was man erotisch nennt; den reinen Atem der göttlichen Natur fühlt er nicht oder er ist ihm zu stark, der nur abwechselnd gereizt und in Ordnung gehalten werden will.

Nun aber hat der Mann auch eine passive Hälfte in sich, wie ihrerseits die Frau auch eine aktive Seite hat. Der bloß aktive Mann wäre ein Teufel, etwas nicht Existierendes, die bloß passive Frau wäre purer Stoff, was es ebensowenig gibt. Ganz ohne inneren Gegensatz lebt nichts. Jeder Mann ist auch durch sich selbst mit Gott verbunden, in sehr wechselnden Graden, jede Frau ebenso durch sich selbst mit der Welt. Der Mann im eigentlichen Sinne aber, seinem Wesen nach, ist aktiv, persönlich, selbstisch, teuflisch, wie die Frau ihrem Wesen nach passiv, unpersönlich, unselbständig, Gott angehörig. Insofern jedoch steht der Mann seinem Wesen nach Gott näher, als er Kraft ist. Es ist wohl eine Entschuldigung, zugleich aber das Verdammungsurteil der Frau, daß, wenn sie böse ist, die Ursache immer Liebe zu einem Manne ist; denn das zeigt ihre stoffliche Natur an. Daraus ist zu erklären, daß alte Theologen der Frau die Fähigkeit absprachen, in den Himmel zu kommen. Indessen sagte Luther, obwohl sonst so gut paulinisch: „Wenn aber kein Mann predigt, so wäre vonnöten, daß die Weiber predigen.“ Er fühlte, daß Mann und Frau bestimmt sind, alle Stufen der Entwickelung durchzumachen, in der Weise, daß der Mann seine passive, die Frau ihre aktive Seite auszubilden hat. Offenbar wird das der Frau sehr schwer, da sie trotz der unsäglichen Leiden, die aus ihrer Passivität fließen, immer wieder in dieselbe zurücksinkt.

Ich bewundere das an Luther, daß er, der das Teuflische in sich und außer sich so leidenschaftlich bekämpfte, doch die Notwendigkeit, ich möchte sagen die Würde des Teufels erkannte. Er sagt von sich selbst, daß er ohne den inneren Widersprecher, den Teufel, nie zu seiner Theologie gekommen wäre, und gelegentlich auch, daß die Anfechtungen Gott lieb wären, wenn sie zur wahren Erkenntnis führten. Es ist der Fehler vieler sogenannten Frommen, daß sie den Teufel aus der Welt schaffen wollen und von einem Himmel träumen, wo lauter Güte und Frieden sein soll. Dadurch verleiden sie Christentum, Religion und Frömmigkeit; denn jeder Mensch, wenigstens jeder naive Mensch, hat den Instinkt, den ewigen Sonntag und Engelsgesang unerträglich langweilig zu finden. Luther vergaß nie, daß der Teufel ein Fürst und von Gott zugelassen, ja auch in Gott ist; seinen Gegnern gegenüber betont er und belegt mit biblischen Beweisstellen, daß Gott auch in der Hölle gegenwärtig zu denken ist. An diese Notwendigkeit des Gegensatzes denken diejenigen von Luthers Anhängern nicht, die ihrer Verehrung gelegentliche Worte des Bedauerns über die vermeintlichen Schattenseiten seines Charakters glauben hinzufügen zu müssen, über seinen Stolz, seine Heftigkeit, seine Kampflust, seinen Starrsinn. Ja, wäre er ein Engel im landläufigen Verstande gewesen, so wäre er kein großer Mann gewesen. Es gibt Menschen, die behaupten, eine ganz einfache Frau oder ein Kind, womöglich ein Negerkind, wäre ein größeres Genie als zum Beispiel Beethoven – Leute, die an Entkräftung leiden und sich darum nach der Gott vermittelnden Passivität zurücksehnen. Natürlich kann man niemand hindern, bloßen Instinkt Genie zu nennen, nur wird sich der Betreffende dann mit der Mehrzahl der Menschen schwerlich verständigen, die unter Genie wesentlich die schaffende Kraft verstehen. Und dazu gehört eben beides: auch maßloses Sichselbstwollen und Sichselbstbekennen, der Teufel. Luzifer, der erste Rebell, war der schönste unter den Engeln; Adler und Löwen sind göttliche Geschöpfe, obwohl sie Lämmer zerreißen, weiße, unschuldige Tiere. Man kann als psychologisches Axiom aufstellen, daß ein Wesen desto größer ist, je größere Gegensätze es umfaßt. Das gerade ist die unsägliche Herrlichkeit Gottes, daß er den Teufel in sich begreift. Er spaltete sich in positive und negative Kraft, um in der Überwindung der zwischen diesen entgegengesetzten Kräften entstehenden Spannung Leben zu schaffen.

Macht es dir als Mann Vergnügen, daß ich die Domäne des Mannes feiere? Ach, die modernen Männer haben wenig Ursache, sich des Teufels zu rühmen: seine Zeit ist um. Das Flämmchen, das unter seinen Füßen knistert, langt gerade noch, um ein Mädchenherz oder eine Zigarre damit zu entzünden, die Hauptmasse des Feuers treibt Fabriken. Ich weiß nicht, wie weit das auf dich paßt; aber ich bilde mir ein, du habest auch lechzende Zungen eingemauert. Wäre nicht eine verheerende Feuersbrunst schöner gewesen?

Die Leute haben sich stets am Übel in der Welt gestoßen, haben Gott gern das Böse zum Vorwurf gemacht, haben gemeint, sie, als Gott, würden eine Welt ohne Teufel schaffen; nun werden ihnen alle diese Rätsel durch das Aussterben des Teufels erklärt. Es wird ihnen klar werden, daß, wenn der Teufel stirbt, zugleich auch Gott stirbt, für uns wenigstens, denen er sich in der Welt offenbarte. Das Verschwinden der Schatten zeigt an, daß die Sonne untergegangen ist; sie ist nicht tot, aber wir sehen sie nicht mehr, bei uns ist Nacht. Nun würden wir sie auch mit den Fackeln des Nero licht machen.

Ein Werk wie Burckhards Kultur der Renaissance und eine Erscheinung wie Nietzsche sind der Schrei der Menschheit nach dem Teufel, der ebenso berechtigt ist wie der Schrei nach dem Kinde. Nur lassen weder Kind noch Teufel sich willkürlich hervorbringen, und wenn ich daran denke, wie viele junge Leute sich bengalisch beleuchten, um den Anschein von Hölle zu erzielen, so überläuft mich ein Grauen vor möglichen Mißverständnissen. Es gebärdeten sich ja zu Nietzsches Zeit viele als blonde Bestien, die nicht Tierheit genug zu einem einfältigen Meerschweinchen in sich hatten. Aber du, Geliebter, wirst keinen Verein für Sünder gründen, noch für dich allein Mustersünden im Treibhaus züchten, insofern kann ich mich auf dich verlassen. Luzifer verachtet ja den dummen und den bösen Teufel, seine Vorläufer; ich zürne ihm um so mehr, als er eben, unwillkommenes Licht bringend, am Himmel aufgeht und die Nacht, wo du mir zuhörst, beendet.

[VI]

Geliebter Freund und gefürchteter vernünftiger Tadler, du sagst, ich hätte anstatt von Gott, vom Teufel gesprochen, und ich leugne das nicht, vielmehr freue ich mich darüber. Es kam zufällig und war tiefsinnig: das Wort Teufel hat die Wurzel dev, was im englischen Worte devil noch deutlich zu erkennen ist, und dev bezeichnet das Göttliche. Ich will nun aber zum Anfang meines vorigen Briefes zurückkehren, wo ich sagte, daß Gott in seiner Majestät unzugänglich sei, daß er sich aber nach christlicher Lehre den Menschen offenbare, und zwar ganz und gar, nichts zurückbehaltend. Non est opertum quod non reveletur: es ist nichts verborgen, das nicht offenbart werde. Und zwar offenbart sich Gott dreifach.

Unpersönlich in der ganzen Schöpfung als bildende Kraft oder Natur.

Persönlich in der Menschheit als tätige Kraft oder Liebe.

Überpersönlich in der Menschheit als erkennende Kraft oder Geist.

Er offenbart sich auf diesem dreifachen Wege nicht nur nacheinander, sondern auch nebeneinander, so daß er immer und überall zugleich in der Natur und in der Menschheit da ist.

Der Gott, der sich in der Schöpfung als bildende Kraft offenbart, ist der Gottvater unseres Katechismus. Er war in der Antike der Gott, „der da wachsen läßt“, eine Idee, die in der Sprachwurzel φυ ausgedrückt war, von welcher das Wort Physis und eine Reihe bekannter Zusammensetzungen stammen. Zunächst können wir sagen, daß Gottvater alles hat wachsen lassen, was des Menschen Hand nicht gemacht hat: Sterne, Berge, Menschen, Blumen, die gesamte Schöpfung oder Natur. Diesen Gottvater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden, preist Luther in wundervoller Bildersprache, die sich an die des Alten Testamentes anschließt. Er ist das Allerinwendigste und Allerauswendigste von allem, was erscheint, das, was unablässig wirkt im kleinsten Blatt am Baume wie in den Sternen uns zu Häupten. Er ist der im Innern der Welt verborgene Künstler, der nach dem schönen Ausdrucke Dürers voller Figur ist.

In den Tischgesprächen träumt Luther einmal davon, daß der Mensch nicht eine einzige lebendige Rose selbst machen könne. Man hätte darauf antworten können, daß sie sich selbst macht. Es ist niemand, der die Rose oder der unseren Körper von außen machte, zusammensetzte, sondern sie wachsen von innen. Insofern können wir sagen, daß wir uns selbst machen, nur daß wir es nicht mit bewußten Willenskräften tun, sondern mit jener instinktiven Kraft, die nicht von unserem Willen abhängt; diese nennen wir eben Gott. „Doch innen im Marke lebt die schaffende Gewalt“, heißt es bei Schiller. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Es ist deshalb, nebenbei bemerkt, nicht anders möglich, als daß das Äußere das Innere offenbart.

Gottvater gestaltet nun aber nicht nur unmittelbar in uns, sondern auch mittelbar durch die Kreatur. Er bildet Höhlen und Nester durch Tiere und Kunstwerke durch die Hand des Künstlers. Nicht alle menschlichen Hände wählt er sich, es sind besondere, eben Künstlerhände. Die Menschen der Gestaltungskraft sind vorwiegend instinktiv, naiv, unbewußt, Menschen der ersten Stufe, wesentlich die vorchristliche Menschheit. Die vorchristliche Menschheit war wesentlich voll Figur, plastisch, sie hat die Fülle der Formen geschaffen, mit denen wir jetzt noch hantieren. Die vorchristliche Menschheit erinnert an die sogenannten vorsündflutlichen Tiere; neue Arten sind nachher nicht mehr erschienen.

Auch in der nachchristlichen Menschheit wirkt der gestaltende Gott, aber im Gegensatz zu der an sich positiven, aber in bezug auf ihn negativen menschlichen Kraft, man kann der Kürze halber auch sagen: im Gegensatz zum Teufel. Zunächst ist es das Chaos, der formlose Stoff, die unterste Stufe des Teuflischen, das sich dem Geformtwerden widersetzt. Den passiven Trieb der Natur, sich der Form zu widersetzen, die Form aufzulösen, drückt Goethe mit den Worten aus: „Die Natur hängt immer zum Verwildern hin“, den aktiven Schiller: „Die Elemente hassen das Gebild der Menschenhand.“ Der Widerstand, den Chaos und Elemente fortwährend dem göttlichen Bilden entgegensetzen, läßt die natürliche Form in der Kunst entstehen; die reine göttliche Form macht der Mensch durch Abstraktion aus der Natur, sie ist nirgends wirklich, so wenig wie Gott an sich oder Geist an sich wirklich ist. Man hat die krumme Linie die Linie des Lebens genannt; sie entsteht durch die Ablenkung, die die reine göttliche Linie durch den Widerstand des chaotischen Triebes erfährt, und man könnte sie besser die Linie der Natur nennen. In der Kunst ist sie für die instinktive, volkstümliche Kunst im Gegensatz zur idealen, persönlichen charakteristisch. Man kann den Begriff des instinktiven Schaffens bestimmen als ein solches, bei welchem dem Bewußtsein kein Bild vorschwebt, sondern das im Maße, wie es sich auswirkt, als werdendes Bild erscheint. Die instinktiv geschaffenen Werke sind deshalb auch als Fragmente ein Ganzes. Die instinktive Kunst feiert ihre Triumphe in Werken, die von einer Gesamtheit ausgehen, in Städten, Domen, Epen zum Beispiel; wohl haften legendarische Namen an ihnen, aber sie können sich nur unter Mitwirkung vieler und in längerer Zeitdauer entwickeln.

Je mehr das Selbstbewußtsein des Menschen sich entwickelt, desto mehr nimmt sein chaotischer Trieb ab; es setzt sich nun dem bildenden Gott die geformte Persönlichkeit entgegen. Das selbstbewußte künstlerische Schaffen ist ein solches, bei welchem dem Schaffenden eine Idee vorschwebt, und weil das so entstehende Werk seinem Wesen nach ein Ganzes ist, kann es auch nur als Ganzes, als vollendete Erscheinung genossen werden. Das aus dem Geiste einer Person geschaffene Kunstwerk ist ein in sich abgeschlossenes, nicht fragmentarisches. Nur die geistvolle Persönlichkeit kann das Chaos ersetzen.

Jede antikisierende Kunstrichtung in nachchristlicher Zeit beruht auf erschlaffter Persönlichkeit und Ideenmangel. Mit antikisierender Richtung meine ich aber nicht die italienische Renaissance; denn diese war ein natürliches Wiederaufleben antiker Formen im selben oder nahverwandten Volke.

Es ist unbegreiflich, wie man jemals verkennen konnte, daß Luther zwar nicht Gott und Natur gleichsetzte, aber klar erkannte, dass Gott sich in der Natur offenbart. Luther war ein leidenschaftlicher Gegner des Klosterlebens, darin mit den meisten seiner Zeitgenossen übereinstimmend. Es ist charakteristisch für ihn, daß er es nicht wie diese in erster Linie auf die Mängel in der Lebensführung der Mönche hin bekämpfte: er hätte wahrhaft aszetische Mönche mehr getadelt als unsittliche; sondern er ruhte nicht, bis er den Widerspruch in der Wurzel ihres Wesens bloßgelegt hatte, daß nämlich das Klosterleben nicht von Gott eingesetzt, sondern von Menschen erdacht ist, und deshalb nur in der Welt Wert haben könne, während es doch gerade vor Gott Wert zu haben behauptete. Er wies im einzelnen nach, daß Gehorsam, Armut und Keuschheit ohnehin Gebote Gottes sind, und daß die Mönche sie als besondere Gebote nur deshalb errichtet haben, um die göttlichen zu umgehen; denn sie gehorchen einem besonderen Oberen, um sich dem allgemeinen Gehorsam zu entziehen, sie verzichten auf Einzelbesitz, um als ein von der Allgemeinheit abgesonderter Körper zu besitzen, sie geloben Keuschheit, um sich entweder ihren Begierden ungezügelt im Verborgenen hinzugeben, oder um natürliche Begierden gewaltsam zu unterdrücken. Er wies nach, daß Paulus zwar den angeborenen Trieb zur Keuschheit als eine göttliche, das heißt geistige Gabe gerühmt hat, daß die Heilige Schrift aber niemandem unbedingte Enthaltsamkeit aufzwingen will, nur Keuschheit innerhalb der Ehe.

Es ist die Bemerkung gemacht worden, der moderne Mensch erwarte, Luther werde den Beweis, daß Gott die Ehelosigkeit nicht geboten habe, aus der Natur führen, er habe aber, als ein Sohn seiner Zeit, das nicht getan, sondern sich nur auf die Bibel berufen. Das ist in der Tat nicht so, vielmehr sagt er: „Weil Gott Mann und Weib hat geschaffen, daß sie zusammen sollen, soll ich mir nicht vornehmen einen anderen Stand“, außer wenn, wie schon gesagt, die natürliche Neigung zum ehelosen Leben vorhanden ist. Nur „wider eingesetzte Natur“ soll man nicht Jungfrau sein wollen. „Also sage ich auch hiervon, wir sind alle geschaffen, daß wir tun wie unsere Eltern, Kinder zeugen und nähren, das ist uns von Gott aufgelegt, geboten und eingepflanzt. Das beweisen die Gliedmaßen des Leibes und tägliches Fühlen und aller Welt Exempel.“

Im allgemeinen bezieht sich Luther immer auf die Natur, indem er als gut und beglückend nur das will gelten lassen, was unser Herz, also die Vertretung des Göttlichen in uns, fordert. „Gott hat auch seine Richtschnur und Kanones“, sagt er in den Tischreden, „die heißen die zehen Gebote, die stehen in unserm Fleisch und Blut, und ist die Summa davon das, was du willst dir getan haben, das tue du einem andern auch.“ Man solle überhaupt die zehn Gebote nicht deshalb halten, führt er an anderer Stelle aus, weil Moses sie gegeben habe, denn der Christ sei frei vom Judentum, sondern weil das natürliche Gesetz nirgends so fein und ordentlich verfaßt sei wie bei Moses. Einen Gott haben, sei nicht Moses Gesetz allein, sondern auch natürliches Gesetz, wie Paulus gesagt habe; auch die Heiden wüßten, daß ein Gott sei. Ebenso lehre auch das Naturgesetz das Gebot der Liebe, in welchem alle Gebote des Moses aufgingen: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst.“ „Sonst, wo es nicht natürlich im Herzen geschrieben stände, müßte man lange Gesetz lehren und predigen, ehe sichs das Gewissen annähme; es muß es auch bei sich selbst also finden und fühlen, es würde sonst niemand kein Gewissen machen. Wiewohl der Teufel die Herzen so verblendet und besitzt, daß sie solch Gesetz nicht allzeit fühlen.“ Das natürliche Gesetz sei allen gemeinsam; daneben könnten die Völker ihre eigenen Ordnungen haben, wie die Sachsen den Sachsenspiegel, die aber nur dem betreffenden Volke, nicht allen Menschen verbindlich wären.

Daß man den Sabbat oder Sonntag feiere, müsse man nicht tun, weil es Moses geboten habe, sondern weil die Natur lehre, daß Mensch und Vieh sich jezuweilen einen Tag erquicken müssen. In Krankheitsfällen rät er, entweder natürliche Arznei zu gebrauchen oder aus tiefem Herzen zu Gott zu beten; wieder das Natürliche dem Göttlichen gleichsetzend. Das Recht betreffend sagt er, ein gutes Urteil könne nicht aus Büchern gesprochen werden, sondern aus freiem Sinn daher, als wäre kein Buch. „Aber solch freies Urteil gibt die Liebe und natürliches Recht, des alle Vernunft voll ist.“ Es sei eine Schande, sagt er, als er zur Gründung von Schulen ermahnt, daß man sich reizen lassen müsse, die Kinder und das Volk zu erziehen, da doch die Natur selbst einen dazu antriebe. So bezieht sich Luther häufig auf die Natur, als in der Gott sich offenbare, die aber vom Teufel verderbt sei. Dieser Umstand, daß die Natur und mit ihr das menschliche Herz, denn das ist ja Natur, nicht nur Gott, sondern auch dem Teufel offen ist, wird von den meisten Menschen nicht bedacht; gerade weil Luther so umfassend blickte, wurde und wird er mißverstanden. Es gibt viele, für die alles Natürliche schon göttlich und vorbildlich ist; andere, die das Natürliche dem Guten schlechthin entgegensetzen und der Natur entraten zu können glauben: Luther wollte sie gereinigt, aber als Gott zugehörig geschont wissen. Durch das Wort erhalte die Natur, sagte er, keine neue Kraft, sondern werde in ihrer alten bestätigt; da demnach eine und dieselbe Kraft im Menschen ist, aus welcher Kraft sollte er leben, wenn diese zerstört wäre? Die „selbsterwählte Geistlichkeit und Unbarmherzigkeit über den eigenen Leib“ ist ihm verhaßt, „daß wir uns selbst also ums Leben bringen, so doch Gott geboten hat, man sollte des Leibes pflegen und ihn nicht töten“. Kasteiung dürfe nur getrieben werden zur „Dämpfung der Unkeuschheit“, nicht bis zur „Verderbung der Natur“. „Wo aber dies Ziel übergangen wird, und die Fasten usw. höher getrieben sind, denn das Fleisch leiden kann oder zur Tötung der Lust not ist und damit die Natur verdorben, der Kopf zerbrochen wird, da halte ihm niemand vor, daß er gute Werke getan habe … Er wird geachtet werden als einer, der sich selbst verwahrlost, und so viel an ihm ist, ist er sein eigener Mörder geworden. Denn der Leib ist nicht darum gegeben, ihm sein natürliches Leben oder Werk zu töten, sondern allein seinen Mutwillen zu töten.“ Aus diesem Satze, daß Gerechtigkeit zwar geschehen müsse, aber nur soweit die Natur dabei erhalten bleiben könne, leitet Luther unter anderem ab, daß Aneignen fremden Gutes, um den Hunger zu stillen, nicht als Diebstahl betrachtet werden dürfe, wie in den Sprüchen Salomonis steht: „Wir sollen den Dieb nicht verachten, wenn er stiehlt, auf daß er satt werde, wenn ihn gehungert hat“, was auch nach unserem heutigen Gesetze Geltung hat. „Gott hat seine Gebote nicht gegeben, daß der Leib, die Habe oder die Seele umkommen, sondern daß dies in seinen Geboten vor Schaden bewahrt werde. Darum sind sie immer so zu verstehen, daß du gleichzeitig nicht vergissest, daß Gott den Leib geschaffen habe, die Seele und den Geist, und daß er will, du sollst dich darum bekümmern, auf daß, wenn eines davon in Gefahr kommt, du nun wissest, daß seine Gebote nicht mehr Gebote sind.“ Welche Kühnheit in diesen Gedanken, die ungeheure Folgerungen einschließen! Luther deutet sie selbst an in den Worten: „In der Not sind alle Güter gemeinsam.“ Du weißt, mit welcher Härte er den aufrührerischen Bauern entgegentrat, und wie er überhaupt jede gewaltsame Auflehnung gegen die Obrigkeit, sei sie auch noch so ungerecht, verurteilte. Doch, sagte er, treibe sie es allzu arg, werde Gott einschreiten. Es können Fälle eintreten, wo Gottes Gebote nicht mehr Gebote sind, wo Krieg oder Revolution notwendig werden; aber kein einzelner darf das machen, kein Grund, den ein einzelner beibringen könnte, würde es rechtfertigen, sondern die Not muß es bringen, die Natur, durch die Gott seinen allmächtigen, unwidersprechlichen Willen verkündigt, wenn der Mensch entartet, vom göttlichen Geiste zu weit abgewichen ist. Es gibt geschichtliche Ereignisse, die mit der Unabwendbarkeit von Naturereignissen eintreten, weil die menschliche Willkür so überhandgenommen hat, daß die Natur unter Menschenwerk ersticken würde, wenn sie es nicht verschlänge. Solche geschichtlichen Naturereignisse nennen religiöse Menschen mit Recht Strafgerichte Gottes; sie sind nicht an sich gut, aber infolge menschlicher Verirrung notwendig, von Gott gewollt, um die Natur vor gänzlicher Verderbung zu retten. Schiller vergleicht die Empörung der Natur mit dem angeketteten Löwen, der „des numidischen Walds plötzlich und schrecklich gedenkt“. Er hat diese Idee in seinem Tell ausgeführt und insbesondere in die bekannten Worte gefaßt: „Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht“ und „Gott hilft nur dann, wenn Menschen nicht mehr helfen“. Es ist durchaus lutherisch gedacht, daß die Revolution nicht von Tell, sondern vom Volke ausgeht, dessen Gesamtwillen er nur in einer Tat vollzieht, die ihm die Notwendigkeit im Verein mit dem Zufall, Gott in der Natur, aufzwingt.

Niemals erscheint Luther als grämlicher Gegner der Lebenslust, sondern er ermuntert zur Freude. Er erinnert daran, daß Christus selbst auf der Hochzeit erschien und Wasser in Wein verwandelte, und er wiederholt die schönen Worte des Predigers: „Gehe hin fröhlich, iß und trink und wisse, daß dein Werk Gott wohlgefalle. Allezeit laß dein Kleid weiß sein und das Öl deinem Haupte nimmer gebrechen. Genieße dein Leben mit dem Weibe, das du lieb hast, an allen Tagen deiner unstetigen Zeit, die dir gegeben sind.“ Das allerdings ist die Bedingung, zu wissen, daß das Werk Gott wohlgefalle: wer ohne inneren Frieden genießt, dem ist es Unrecht.

Was für Beschimpfungen und Verdächtigungen hat Luther während seines Lebens und nach seinem Tode über sich ergehen lassen müssen, weil er die Natur heilig hielt. Es ist eigentümlich, daß den Menschen eine Art Wut innewohnt gegen alle, die Gott und Natur in eins fassen; es ist doch wieder am begreiflichsten, wenn man sagt, daß es der Teufel ist, der die Natur Gott entreißen und für sich haben will. Sollte einer, den Lorbeer krönt, auch Rosen tragen dürfen? Was wird aus den Festen der Welt, wenn die Magdalenen zu Christus Füßen liegen? Weil Luthers Lebenswandel keine Angriffspunkte im Sinne der Welt bot, warf man ihm vor, daß er seine Frau aus Liebe geheiratet habe; andere wieder finden, es sei nicht friedlich und salbungsvoll genug in seiner Ehe zugegangen; kurz, man ärgert sich so darüber, daß er von Fleisch und Blut war, wie die Zwinglianer sich ärgerten, daß der Leib des Herrn im Brot und Wein sein sollte.

[VII]

Ich erhielt eine Karte, auf welcher nichts weiter stand als dies: Du mußt nicht immer alles auf einmal sagen wollen. Aus deiner Handschrift schließe ich wohl nicht mit Unrecht auf dich als Urheber und antworte dir, daß das schwer zu vermeiden ist, wenn man vom All spricht. Die Leute, die immer nur von Einzelheiten reden, haben es leicht. Ich weiß, wie das ganze Mammut aussehen muß; wenn es mit der Zusammensetzung der einzelnen Knochen hapert, so hilf mir oder nimm es nicht so wichtig. Darin hast du freilich recht, daß es uns nicht eilt: die herbstlichen Nächte sind lang, und meinen König schläfert nicht.

An Gott wolle jeder glauben, sagte Luther, auch die Heiden taten es; aber das wollten sie nicht glauben, daß Gott sich um die Menschen bekümmere. Da der Denkende auf eine letzte Ursache aller Erscheinungen stößt, so ist er an Gott zu glauben sogar gezwungen, wie es in der Bibel heißt: Die Toren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott. Ein solcher Epikureer bist du vermutlich auch, wie Luther diejenigen nannte, die den fleischgewordenen Gott ablehnten. Daß Gott Mensch wird, ist im Grunde kein anderes Problem, als daß das Sein überhaupt wird; und so müßte der, welcher glaubt, daß Gott sich in der unbewußten Natur offenbart, auch glauben können, daß er Mensch wird. Wie dem aber auch sei, das Wunder der Menschwerdung Gottes ist uns das Wunderbarste, und schon alte Kirchenlehrer meinten, es müsse heißen verbum caro facta est, nicht factum est, da das Werden sich nur auf das Fleisch, nicht auf das Wort beziehen könne.

Ich habe dir kürzlich davon erzählt, daß der reifende Geist der Griechen allmählich anfing, die Welt als Einheit zu erfassen, und im Maße, wie er das tat, erlosch der Glaube an die persönlichen Götter. Schon ziemlich früh taucht die Idee des Einen Gottes auf: so rief man zum Beispiel bei Gebeten sämtliche Götter an und war sehr besorgt, keinen auszulassen; oder man setzte mehreren Hauptgöttern einen gemeinsamen Altar, ja man schmolz alle Götter schon in den einen Namen des Pantheos zusammen. Paulus fand in Athen, wie er in seiner wundervollen Rede sagt, einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gotte. „Nun verkündige ich euch denselbigen, dem ihr unwissend Gottesdienst tut“, sagte er zu den Griechen. Es erscheint zuerst sonderbar, daß der griechische Geist so weit kam, zu erkennen, daß Ein Gott sei, der da wirke alles in allem, daß aber dieser Eine Gott trotz aller Beschwörungen nicht erschien, sondern der Unbekannte blieb. Es hatten sich einst unzählige Augenblicksgötter zu persönlichen Göttern verdichtet; man sollte meinen, einer derselben, Zeus etwa oder Apollo, hätte nun seinerseits alle andern besiegen und als der gesuchte Eine Gott hervortreten können. Das ging indessen deshalb nicht, weil dies nicht Augenblicksgötter, Begriffsgötter, sondern persönliche Götter waren, und das Persönliche ist unteilbar, kann nicht in einer anderen Person aufgehen. Es mußte ein anderer, Mächtigerer kommen, um die Olympier vom Throne zu stoßen. Jehova hätte das nicht sein können, der nur ein persönlicher Gott mehr in der Götterrepublik war, und dasselbe war mit jedem andern Gotte irgendeines andern Volkes der Fall. Man kann sagen, die Idee des einen, unendlichen, allumfassenden Gottes sei zu ungeheuer gewesen, um im menschlichen Geiste Person zu werden. Das Unlösbare wurde gelöst durch ein Wunder: die Idee personifizierte sich nicht im menschlichen Geiste, sondern sie erschien im Fleisch als Jesus Christus. In dem Gottmenschen konnten alle Göttervorstellungen aufgehen.

Was geschah, kann man auch so ausdrücken: Der menschliche Geist war zu der Erkenntnis gereift, daß das Herz der Menschheit zugleich das Herz Gottes ist; daß die Menschheit, die die ganze Natur vertritt und ihrerseits durch Christus vertreten wird, Gott verwirklicht. Nachdem der menschliche Geist lange Zeit Götter hervorgebracht hatte, tat er nun den ungeheuren, den letzten Schritt in seiner Entwickelung, sich selbst als Gott zu erkennen. Diese Wahrheit wurde als frohe Botschaft verkündet und erfüllte die Verkündiger selbst mit überirdischer Seligkeit. Dies, daß Gott Mensch geworden, daß ein Mensch Gott war. Daß aber tatsächlich gerade diese Lehre so viel Widerstreben findet, hat meiner Ansicht nach folgende Gründe, die Luther ohne weiteres und ganz richtig teuflisch nennen würde, da es Gründe der Selbst-Sucht sind. Wäre Gott irgendein weltlicher Fürst gewesen, so wäre das eine Göttlichkeit gewesen, nach der man hätte streben können; aber Christus bekehrte die Sünder und heilte Kranke und erweckte die Toten; das sind Gaben, die nur die Gnade verleihen kann. Ferner: jeder Mensch, wenigstens jeder Mann, hat und muß die Neigung haben, sich selbst als Gott zu setzen; es ist ihm deshalb unerträglich, daß ein Mensch schon Gott ist, und daß er selbst Gott nur sein kann, soweit er sich mit diesem Gottmenschen eins macht. Das bloße Dasein Christi, falls man ihn als Gott anerkennt, macht von vornherein jeden selbstischen Entwurf des Gottseins zur Lüge, zum Irrtum; aus diesem Grunde fühlen sich viele Männer instinktiv im Widerspruch zu Christus.

Dazu kommt etwas anderes. Der menschliche Geist nimmt die Welt anfangs in Einzelbildern auf, die sich allmählich zu persönlichen Göttern verdichten. Diese Götter wohnen nicht im Fleisch auf der Erde, sondern im menschlichen Geiste, welche unsichtbare Wohnung die Menschen selbst als Olymp, Walhalla, Himmel bezeichnen. Daß Götter nicht im Fleisch auf Erden, sondern im Himmel sind, hat sich dem menschlichen Bewußtsein als Tatsache eingeprägt; die meisten Menschen sind sich durchaus nicht bewußt, daß dieser Himmel ihr eigener Geist ist, sondern verlegen ihn an irgendeinen unauffindbaren, außerirdischen und sogar außerweltlichen Ort. Sie suchen ihn auf den Sternen und über den Sternen; daß „der geheimnisvolle Weg nach innen führt“, darauf kommen die wenigsten, noch wenigere aber können es fassen, daß der Weg auch nach außen geht, daß die im Himmel Heimischen im Fleisch auf Erden wandeln sollen. Der Mensch begreift nicht, daß das Unsichtbare mitten im Sichtbaren, daß das Sichtbare ein Ausdruck des Unsichtbaren ist. Daß Ideen Marmor werden, begreift jeder; daß Ideen Fleisch werden, erlebt man täglich um sich her und glaubt es doch nicht. Daß Kinder geboren werden, sagt Luther, sei ein größeres Wunder, als daß Adam aus einem Erdenkloß erschaffen sei.

Bevor ich auf das Persönlichwerden Gottes eingehe, möchte ich dir meinen Begriff der Person auseinandersetzen. Dabei kommt mir das ausgezeichnete Werk von Usener, das ich schon anführte, sehr zustatten; es bestätigt meine Auffassung durch Tatsachen, wie ich es mir nicht besser wünschen konnte. Ich sprach dir schon von den sogenannten Augenblicksgöttern kindlicher Völker, die dadurch entstehen, daß der Mensch die einzelnen Eindrücke, die das im Sichtbaren wirkende unsichtbare Nicht-Ich ihm macht, als Dämon erfaßt und benennt. Solange durch diese Namen die Idee noch durchscheint, bleiben sie unpersönliche Idee. Denke dir zum Beispiel, es gäbe Augenblicksgötter, die Arbeitsamkeit oder Überfluß hießen: es ist einleuchtend, daß sie uns niemals persönliche Götter werden könnten. Erst wenn im Laufe der Zeit das Wort durch allerlei Wandlungen, die es durchgemacht hat, unkenntlich geworden ist, so daß seine Bedeutung nicht mehr durchschimmert, kann es Eigenname werden, den ein einzelnes Ding für sich hat: dies Ding ist dann eine Person. Wenn du dich für Beispiele aus der Mythologie interessierst, verweise ich dich auf den schon genannten Usener. Übrigens erinnere ich dich an die unwillkürliche Abneigung, die man gegen Eigennamen hat, die etwas bedeuten, und an die Vorliebe für Namen fremder Sprache, bei denen die Bedeutung ganz ausgeschlossen ist. Die Namen Benvenuto, Desiderata, Reine haben Reiz für uns: Willkommen, Erwünschte, Königin wären unmöglich. Auch bei Geschlechtsnamen ziehen wir die bedeutungslosen den durchsichtigen wie Hinkefuß, Butterfaß, Rosenzweig usw. vor, wenn auch sehr viel gebrauchte Namen der Art mit der Zeit einen Klang für sich bekommen, der die Bedeutung übertönt. Der Name macht zur Person, vielmehr indem ein Ding einen Namen für sich bekommt, ist es auch ein Ding für sich, eine Person. Das Tier bekommt nur als Familie, Gattung, Art Namen, denn es ist keine Person; nur Tieren, die wir uns persönlich aneignen, geben wir auch einen Eigennamen. Die Substanz tritt, wenn der Eigenname oder die Person geworden ist, hinter dem Namen und der Person zurück; man kann auch sagen, der Eigenname oder die Person bindet die Idee. Wenn wir Flora oder Pomona sagen, so stellen wir uns zuerst Blumen oder Obst vor, sagen wir Diana oder Hermes, so stehen bestimmte persönliche Gestalten vor uns, die Ideen, die ihnen eigentlich den Ursprung gaben, deren Verdichtung sie sind, werden nun durch die Person vertreten.

Diesem Vorgang der Verdichtung der Substanz im Geiste entsprechen genau ebensolche Vorgänge in der Wirklichkeit: nobis res sociae verbis et verba rebus, d. h. die Dinge sind den Worten gesellt und die Worte den Dingen. Denke bitte an die Theorie von der Entstehung der Gestirne: die Substanz, nenne sie nun Äther oder Urweltsnebel, verdichtet sich an einigen Punkten, es bilden sich Kerne, Mittelpunkte, um die herum die Substanz sich drehend schwingt, es entstehen runde Körper, um die herum durch Erstarrung der Substanz eine Kruste sich bildet; sie gehören nun nicht mehr der allgemeinen Substanz an, sondern sind Personen, Dinge für sich, Sterne mit Namen. Auch den Prozeß der Bildung der persönlichen Götter nennt Usener einen Erstarrungsprozeß. Jede Personbildung, geschehe sie im Geiste oder in der Wirklichkeit, ist eine Verdichtung und Erstarrung lebendiger Substanz. Die von der All-Substanz abgesonderte Substanz aber muß allmählich versiegen, woraus folgt, daß jede Person vergehen, sterben muß. Die Absonderung, also die Sünde, die der Person das Leben gibt, verurteilt sie zugleich zum Tode. Man hat so viel Tod in sich, wie man persönliches Leben in sich hat. Wie erschütternd klar wird von diesem Gesichtspunkt aus der Name der Bibel, das Testament: Gott, das ewige Wesen, verkündet, daß es Person werden und als solche sterben muß.

Es ist nun selbstverständlich, daß im Laufe der Entwickelung einer Idee ein Augenblick kommen muß, wo der Kern, die verdichtete Kraft, das selbstbewußte Ich des Menschen, gerade so viel lebendige Substanz gebunden hat, daß Selbst und Substanz miteinander im Gleichgewicht sind. Dies ist offenbar der Höhepunkt der Person; im selben Augenblick, wo er erreicht ist, beginnt der Kern sich aufzulösen, er kann die Substanz nicht mehr binden, sie wird frei, und der Rückfall der Person an das All fängt an. Nimmst du die Menschheit als Person, so ist Christus der Höhepunkt der Menschheit; könntest du die Welt als Person nehmen, was du aber nicht kannst, da sie unendlich ist, das heißt nie erstarren und sterben kann, so wäre die Menschheit ihr Höhepunkt. Vielleicht darf man sagen, da die Welt unendlich ist, ist auch ihr Höhepunkt, die Menschheit, unendlich, woraus dann wieder folgte, daß auch Christus unendlich wäre, was er ja auch ist. Der Mythus drückte den Vorgang der Persönlichkeitsbildung so aus, daß er erzählt, Gott habe Adam seinen Odem eingeblasen; es ist das Teil göttliche Kraft, das der Mensch für sich bekommt, um damit auf seine Art göttlich zu werden. Es ist wie ein Wettbewerb um die Gottheit: ein jeder soll, mit dem Pfunde wuchernd, das er bekommen hat, einen Entwurf mit seinem Gepräge, seine Welt, vorlegen. Dabei aber entsteht ein Widerstreit: die Substanz hat die Neigung, Gott zu spiegeln, sie ist das Weib im Menschen, das Ich will sich selbst darstellen, das ist sein Wesen und seine Aufgabe. Die Heilige Schrift nennt diese Ich-Sucht teuflisch, und sie ist es ja auch, insofern sie eine Absonderung und die Ursache des Todes ist; aber, wie schon öfters gesagt, ist diese Sünde zugleich die Ursache des Lebens und von Gott gewollt, also in gewissem Sinne göttlich. Man kann diesen Widerstreit gut verfolgen, wenn man die Christusbilder in der Malerei betrachtet. Heutzutage gibt es Maler, die schlechtweg ihr Selbstbildnis als Christus ausgeben. Kein Maler der Vergangenheit hat das getan: wir sehen da immer ein Ringen der göttlichen und persönlichen Idee, und in einzelnen Fällen ist eine Verschmelzung gelungen, die der Vollkommenheit nahekommt. Wenn ein Ich von möglichst starker Eigenart, d. h. das sich von möglichst vielen Menschen unterscheidet, so viel göttliche Substanz bindet, umfaßt, daß möglichst viele Menschen sich darin wiedererkennen, so nennen wir eine solche Person ein Genie. Ein Genie ist ein Mensch, der zugleich unendlich viel will und unendlich viel kann. Das Wesen des Ich ist unendliches Wollen, das Wesen Gottes ist unendliches Können. „Ein guter Maler“, sagt Dürer, „ist inwendig voller Figur, und obs möglich wäre, daß er ewiglich lebte, so hätte er aus den inneren Ideen allweg etwas Neues durch das Werk auszugießen.“ Sein Ich bindet Ideen, prägt sie und macht sie dadurch zu seinem Werk.

Eine Person entsteht also dadurch, daß göttliche Kraft und Substanz durch eine selbstbewußte Einzelkraft gebunden und ihr zu eigen gemacht wird. Auch in den Tieren ist göttliche Kraft; aber das einzelne Tier kann sie nicht an sich binden, sondern es wird durch sie gebunden, sie geht durch das Tier hindurch.

Man kann sich vorstellen, ein Vater gäbe jedem seiner Kinder eine Handvoll Wachs oder Lehm zum Spielen. Einige von den Kindern wünschten ihr Teil von dem der andern zu unterscheiden und drückten ihm deshalb ein Zeichen auf, woran sie es wiedererkennten. Durch dies Gepräge erst wäre das Geschenk ihr Besitz, ihr Eigen geworden, mit ihnen zu einer Einheit verschmolzen. Wendest du das auf das menschliche Selbst und die göttliche Kraft an, die der Mensch in seinem Innern hat, so mußte vorhergehen, daß er die Kraft im Gegensatz zu seinem Selbst fühlte. Das Ich und die Kraft müssen zuvor sich voneinander entfernt haben und einander als zwei gegenüberstehen, wenn das Ich die Kraft soll prägen und binden können. Dieser Vorgang der inneren Trennung und Wiedergewinnung war in Christus vollendet.

Insofern sagt Luther, daß kein Heide so böse sein kann wie ein Christ, „denn es hat die Meinung mit uns, daß uns der Teufel viel feinder ist und härter zusetzt denn sonst Unchristen und Heiden. Darum läßt er sich nicht daran genügen, daß wir sind wie die anderen Heiden, geizig, neidisch, untreu, sondern er will uns viel kräftiger machen denn die Heiden. Gottes Wort mag wohl wehren und davor behüten, aber wenn ein Christ anhebt zu geizen, so wird er zehnmal geiziger und ärger denn ein Türke oder Heide. Wo kommt es her? Vom Teufel. Der ist auf uns so erbittert: wenn er aus einem Christen zehn Teufel machen könnte, so tät ers.“

An der inneren Spaltung, an dem rebellischen Ich, das sein eigener Gott sein will, ist der Christ zu erkennen. Erst der Christ ist wirklich ein Herr, einer für sich; wenn er sich dann vor Gott, dem Herrn der Welt, beugt, kann er selbst zum Herrn der Welt werden.

„Und blieb allein. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach,

Und da er sahe, daß er ihn nicht übermochte, rührete er das Gelenk seiner Hüfte an, und das Gelenk seiner Hüfte ward über dem Ringen mit ihm verrenkt.

Und er sprach: Laß mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.

Aber er antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

Er sprach: Wie heißest du? Er antwortete: Jakob.

Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und bist obgelegen.“

Nichts ist so verkehrt, als unter einem Christen sich ein selbstloses, nicht selbst denkendes und selbst wollendes Geschöpf vorzustellen. Es ist natürlich keine Sünde, ein schwaches Selbst zu haben, das von Gott verschlungen wird; ein eigenwilliges aber ohnmächtiges Selbst, das sich Gott vergeblich widersetzt, ist jämmerlich; nur bei einem starken Selbst ist die Möglichkeit, Gott ebenbürtig, wenn auch nie Gott selbst zu sein. „Einer, der selig werden will, soll also gesinnt sein, als sei kein Mensch sonst auf Erden denn er allein, und daß aller Trost und Zusagung Gottes hin und wieder in der Heiligen Schrift ihn allein angehe.“

Stell dir nun bitte vor, das Gepräge, welches das Kind seinem Wachs aufdrückte, enthalte eine ätzende Säure, die allmählich das Wachs aufzehre. Es muß dahin kommen, daß das Gepräge, also die Persönlichkeit, die Substanz überwiegt; während sie anfangs eine Auszeichnung war, wird sie zur Maske, die das Schwinden der Kraft verdeckt. Indessen kann sie das nur eine Zeitlang: der Augenblick muß kommen, wo das Wachs vollständig verzehrt ist und damit auch das Gepräge, dessen Träger es war, sich auflöst: der Mensch stirbt. Es ist das ätzende Gepräge, das die Kraft zerstörte; das Selbstsein bedingt den Tod, ja, je mehr Persönlichkeit, desto mehr Tod hat der Mensch in sich. Luther hebt einmal hervor, daß ein Kind von sieben Jahren noch ganz ohne Todesfurcht sterbe; erst mit der Persönlichkeit entsteht und wächst das Bewußtsein und der Haß des Todes.

Jeder Mensch hat in seinem Leben einen Höhepunkt oder eine Blütezeit, jede Familie hat die ihrige, jedes Volk die seinige; man kann ebensogut sagen, daß jeder Mensch seine geniale Zeit, jede Familie ihr Genie, jedes Volk seine genialen Menschen hat. Es versteht sich von selbst, daß jede Spitze immer nur in bezug auf andere hoch ist, und daß der Höhepunkt eines Menschen oder einer Familie an sich betrachtet ziemlich niedrig sein kann. Je mehr er sich dem göttlichen Richtepunkte nähert, desto mehr ist man berechtigt, von Genialität zu sprechen. Laß uns bitte irgendein Genie, sagen wir Beethoven, im Verhältnis zu seiner Familie untersuchen.

Für uns ist es kein Zweifel, daß Beethoven die Spitze, der Höhepunkt seiner Familie war; er war nicht das Ergebnis seiner Familie, sondern sie war da, damit er sich in ihr entwickelte. Er war eine Idee, ein Urbild, vor dem Erscheinen seiner Familie da; in ihr entwickelte sich das Urbild in Zeit und Raum. Nehmen wir an, daß die Idee Beethoven in einem winzigsten Keim gefangen, in das irdische Leben gesenkt wurde. Wäre uns die Geschichte der Familie genau bekannt, so würden wir die Idee Beethoven schon in ihren Anfängen auftauchen sehen; die große Gestalt, die wir kennen und verehren, würde uns näher und näher rücken, so wie der Wanderer, der durch einen Nebel auf uns zukommt, immer größer und kenntlicher wird. Wie nun das Bild sich verwirklicht, aus der Vergangenheit in die Gegenwart schreitet, rollt es das auf, was vor ihm war, was es hervorgebracht zu haben scheint, und nimmt es mit sich. Es ist ein Gesetz organischer Entwickelung, daß jede höhere Entwickelungsstufe die frühere, einfachere mitnimmt, so daß durch die höchste alle früheren gebunden sind und zu ihr gehören; das vollendete Urbild verdichtet alle Stufen, durch die es hindurchgegangen ist, in seiner Person. Die Vorfahren Beethovens sind in ihm enthalten, er vertritt sie vor der Welt und vor Gott; es mag interessant für uns sein, die Geschichte seiner Vorfahren kennen zu lernen und zu sehen, wie sie ihm desto ähnlicher werden, je näher sie ihm zeitlich sind; aber wir können sicher sein, daß wir nichts in ihnen finden werden, was nicht in ihm Gestalt geworden wäre. Verdankt er das Persönliche, das, was ihn von der übrigen Menschheit unterscheidet, seinen männlichen Vorfahren, so hat er das Göttliche, das, was ihn mit der Menschheit verbindet, von seiner Mutter; wir können auch sagen, er hat es durch seine passive, weibliche Seite, welcher Gott oder die Idee sich mitteilt. Seine göttlichen Ideen stehen mit seinem leidenschaftlich sich selbst wollenden Ich im steten Kampfe; aber wenigstens vorübergehend kann es sie binden, daß sie mit ihm eins werden. Das Genie ist androgyn, männlich und weiblich zugleich, wenn auch im allgemeinen als Mann erscheinend, weil dem Manne vorzugsweise die bindende Kraft des Selbstbewußtseins eigen ist.

Im Höhepunkt eines Menschen bzw. einer Familie sind nicht nur die vergangenen, sondern auch die zukünftigen Stufen seines Lebens gegenwärtig geworden, das heißt: nach dem Höhepunkte kann nichts Höheres und nichts Neues mehr kommen, sonst wäre es nicht der Höhepunkt gewesen. Nach dem Höhepunkt muß die Abwärtsbewegung, nach der stärksten Bindung und Verdichtung muß die Auflösung kommen. Es ist bekannt, daß der geniale Mensch sich körperlich nicht fortpflanzt, oder daß seine Nachkommen nicht fortpflanzungsfähig sind; die Familie erlischt mit ihm, weil ihre Kraft sich in ihm erschöpft hat, weil ihr persönlicher Mittelpunkt die göttliche Substanz nicht mehr binden kann. Es wäre auch widersinnig, wenn sie noch fortlebte, nachdem sie durch ihn endgültig vertreten ist, nachdem ihr letztes Wort gesagt ist. Etwaige Töchter können in anderen Familien aufgehen, bringen aber nicht mehr die lebendige Persönlichkeit ihrer Vorfahren, sondern höchstens ihre Maske mit. Alles, was nach dem Genie der Familie kommt, gleicht von innen erkaltenden Sternen mit undurchdringlicher Kruste oder den „Erlenmädchen hinten hohl“ des Andersenschen Märchens. Diese Verfassung, wo die nicht mehr gebundene Substanz entweicht und an die Stelle der kraftvollen Persönlichkeit die Maske tritt, nennt man Dekadenz.

So wie Beethoven sich in seiner Familie entwickelte, so entwickelte Christus sich in der Menschheit. Christus ist das Genie, die Spitze der Menschheit; Luther nennt ihn deutlich das Haupt, zu welchem die Menschheit hinzugehört als der Körper. Deutlich spricht auch die Bezeichnung der Bibel: des Menschen Sohn; er ist aus der Menschheit hervorgegangen als ihr Erbe, ihr Vertreter, ihr Ziel. So wie Beethoven sich durch seine persönlich-göttliche Seite von seinen Vorfahren unterscheidet, unterscheidet sich Christus von der gesamten Menschheit dadurch, daß er Mensch und Gott ist: sein von allen verschiedenes, alle vertretendes Selbst bindet das All, die Idee der Ideen. In dem größten menschlichen Genie ist doch immer nur ein Teil der Menschheit vertreten, das größte menschliche Genie ist doch nur auf Augenblicke und teilweise mit Gott eins; Christus vertrat die ganze Menschheit und war ganz und gar mit Gott eins. Christus umfaßt zugleich alles menschliche Wollen und alles göttliche Vermögen; wer eine Formulierung wünscht, kann sagen: Christus ist die ganze durch einen Mittelpunkt gebundene menschliche und göttliche Kraft.

Mir scheint es wichtig, zu betonen, daß die Menschheit nicht deshalb Gott ist, weil Gott sich in ihr entwickelt hat; in diesen Irrtum verfallen nämlich die Menschen gern. Christus verhält sich so zur Menschheit, wie der Mensch zur Tierheit: das Bild des Menschen ging durch die Tierheit hindurch, die Tierheit entwickelte sich auf den Menschen hin, im Menschen sind alle Stufen der Tierheit enthalten; aber er ist doch kein Tier, sondern durch sein Menschsein wesentlich von der Tierheit unterschieden, wie Christus durch seine Übermenschlichkeit, durch seine Gottheit von der Menschheit. Den Menschen kann man ein Übertier, das Tier eine Überpflanze nennen; aber ich erwähne das nur nebenbei, es ist überflüssig, es weiter zu verfolgen. Mir kommt es darauf an, zu zeigen, daß die Heilige Schrift und Luther Christus als die Spitze, den Höhepunkt, das Genie der Menschheit auffassen, den Übermenschen oder den Gottmenschen.

Findest du nicht, daß sich auf diesem Punkte ein unendlicher Ausblick öffnet? Auf alle diejenigen, die, nachdem der Übermensch schon da war, Übermensch außer ihm sein wollen und deshalb in Wahnsinn verfallen müssen, das heißt eigentlich schon wahnsinnig sind?

Vielleicht sagst du, es öffne sich auf diesem Punkte kein unendlicher Ausblick, vielmehr schließe sich alles zu, und es gäbe nur noch Rückblick.

In gewisser Hinsicht ist das wahr. Zunächst betrifft das das jüdische Volk, in welchem Christus sich entwickelt hat. Die Juden sind das Volk der Dekadenz κατ ὲξοχην, und sie tragen die Dekadenz in alle Familien, mit denen sie sich verbinden. Bedenke aber bitte, daß unter Dekadenz durchaus nicht schlechthin etwas Schlechtes oder Minderwertiges zu verstehen ist; nur müssen die Dekadenten nicht etwas für sich, etwas neben dem Genie oder gegen das Genie sein wollen, das ihnen vorausging. Die Juden zum Beispiel müssen an Christus glauben, ihr Schicksal ist, in der Zerstreuung zu leben, in andern Völkern aufzugehen.

Es ist, nebenbei bemerkt, ein sonderbarer Irrtum, daß Menschen und Völker so gern aus einer großen Vergangenheit auf eine große Zukunft schließen. Es ist sogar verdächtig, wenn wir anfangen, viel von dieser Vergangenheit zu reden. „Denn das sollt ihr wissen“, sagt Luther, „Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin, sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn in Griechenland: hin ist hin; nun haben sie den Türken. Rom und lateinisch Land haben ihn auch gehabt: hin ist hin, sie haben nun den Papst. Und ihr Deutschen dürft nicht denken, daß ihr ihn ewig haben werdet.“

Man bemerkt das Altern der Völker, wie der Einzelnen, an einem Abnehmen der Produktivität und an der Zunahme der Kultur. Kultur kann man den Zustand nennen, wo die innere Kraft als schöne Maske nach außen tritt. Es möge jedes kultivierte Volk auf seine Kultur und seine Vergangenheit stolz sein, jedes barbarische auf seine Kraft und seine Zukunft.

In weiteren Grenzen ist die ganze Menschheit nach Christus dekadent, das heißt zeitlich nach dem Höhepunkt kommend. Aus der Auffassung Christi als der Spitze der Menschheit erklärt sich, daß Luther den Jüngsten Tag oder das Ende der Welt für bevorstehend hielt; nach den historischen Kenntnissen seiner Zeit konnte er die vor Christi Geburt verflossene Geschichte ganz wohl auf etwa 1500 Jahre ansetzen. Indessen muß man sich doch Christus nicht als Endpunkt einer Linie, sondern als Spitze und Mitte vorstellen; es gibt dann allerdings ein fortwährendes Von-ihm-Zurücksinken, aber gleichzeitig ein fortwährendes Zu-ihm-Hinstreben.

Einen wesentlichen Unterschied zwischen der vorchristlichen und nachchristlichen Menschheit gibt es: sie hatte dadurch, daß Christus sich noch in ihr entwickelte, die göttliche Kraft; wir haben sie verloren, wenn wir sie aber durch den Glauben zurückgewinnen, können wir sie prägen.

Die vorchristliche Menschheit war einheitlicher, harmonischer, da es für sie nur eine Welt gab, die sichtbare. Wir fühlen uns als Bürger der sichtbaren und der unsichtbaren Welt; gelingt es uns aber, diese beiden Welten zusammenzufassen, so ist unsere Welt reicher und unser Selbst stärker und inniger. Die vorchristliche Menschheit ging magnetisch auf ihr Ziel zu, im Können unbegrenzt, da Gott in ihr wirkte; wir haben ein grenzenloses Wollen und sind dadurch entkräftet und ziellos, wenn wir nicht durch den Glauben das Unsichtbare mit dem Sichtbaren vereinigen. Ich kann auch sagen: die vorchristliche Menschheit hatte die Gestaltungskraft der Natur, wir haben die Leuchtkraft des Geistes und die Bindekraft des Herzens. Das allerverkehrteste ist, wenn der nachchristliche Mensch antik sein will; nur der Christ kann, auf einem ganz anderen Wege, dem antiken Menschen gleichkommen. Man hat viel vom Einfluß Italiens und der Antike auf Goethe gesprochen; mir scheint, sie haben überwiegend hemmend auf ihn gewirkt, weil er sich nicht sicher genug in seiner christlichen Kraft fühlte. Luthers und Dürers Verhältnis zur Antike und zu Italien war viel organischer und fruchtbarer, gerade weil sie durch den Gegensatz sich ihrer Eigenart desto mehr bewußt wurden; ihr eigenes Wesen erfuhr keine Hemmung, sondern eine Erweiterung. Nur die Kraft der Persönlichkeit im Verein mit der Trunkenheit des Glaubens kann das antike Erfülltsein vom Gotte ersetzen. Wenn Toga und Maske nicht ein leidenschaftliches Herz, ein „im süßen Wahnsinn rollendes Auge“ verhüllen, so erhalten wir nicht den Eindruck strenger Glut, geformten Lebens, sondern hohler Feierlichkeit.

Gerade durch das, was der antike Mensch vor uns voraus hatte, durch die Einheitlichkeit, bleibt er auch hinter uns zurück: das Auseinandertreten der beiden Pole, des Menschlichen und Göttlichen, des Selbstbewußtseins und des Gottbewußtseins, diese Zerrissenheit und Spannung, macht erst die Überwindung der Spannung durch das Genie möglich. Das persönliche Genie gibt es erst seit Christus, dem Genie der Menschheit, und es wird immer ihm dem Wesen nach gleich sein, wenn auch nicht nach der Person.

Wunderbar finde ich, im Grunde freilich ganz selbstverständlich, daß zu Christus Zeit auch Satan Fleisch wurde, nämlich in den römischen Kaisern. Wohlverstanden kann Satan nur in der Vielheit erscheinen, da er ja nichts Wesentliches ist; er kann nicht selbst in einem einzigen Menschen sich verkörpern. In der Vielheit jedoch mußte er zu der Zeit am mächtigsten sein, wo Gott Fleisch wurde; denn am größten Gegensatz entzündet sich das reichste Leben. Diese Blütezeit der Menschheit wiederholte sich, als in Italien das Altertum, in Deutschland das Christentum neu auflebte. Auf beiden Seiten waren gewaltige, satanische und göttliche Persönlichkeiten. Renaissance und Reformation stehen in einem unzertrennlichen Zusammenhange; aber er besteht nicht etwa darin, daß Luther und Deutschland überhaupt durch die Unsittlichkeit des römischen Lebens zur Einsicht in die Notwendigkeit einer Reform gebracht wären. Es ist ein unterirdischer Zusammenhang zwischen Italien und Deutschland, wenigstens gab es einen solchen, und es wäre meiner Ansicht nach ein schlechtes Zeichen für beide Völker, wenn dies Band zerrisse.

[VIII]

Du bist, geliebter Freund, auf den Inhalt meines letzten Briefes nicht eingegangen, sondern wünschest ihn zunächst vervollständigt. Du sagst, damit Christus ganz fest auf der Erde stehe, müsse seine physiologische Seite erst erörtert werden, kurz, du willst wissen, welche Rolle Joseph nach Luthers Meinung bei der Geburt Christi gespielt habe.

Das Kind entwickelt sich aus dem im Schoße der Mutter gehegten Ei, genährt von ihrem Fleisch und Blut. Der Anteil des Vaters besteht nur darin, daß er den Entwickelungsprozeß einleitet; die Natur, in welcher Gott, die positive Kraft, wirkt, wird angeregt, das Kind hervorzubringen. Die ganze Natur weist darauf hin, daß das Kind der Mutter gehört, und Gebrauch und Gesetz haben grausame Folgerungen daraus gezogen. Das Recht des Vaters am Kinde entsteht erst durch Vertrag; viele Väter verzichten auf ihr Recht, um die damit zusammenhängende Pflicht loszuwerden, und sie werden von der Welt deswegen weder bestraft noch verachtet. Eine Mutter dagegen, die ihr Kind verläßt, wird allgemein verurteilt; man fühlt, daß sie gegen Gott, gegen das Naturgesetz sündigt. Deshalb ist die Mutter mit dem Kinde ein ewiger Gegenstand der Kunst, nicht der Vater mit dem Kinde, und zwar die Mutter mit dem Sohne, weil der Sohn sie ergänzt, ganz macht, ihr Gottesbewußtsein mit seinem Selbstbewußtsein vor der Welt vertritt.

Kaum habe ich den Satz geschrieben, so sehe ich, daß ich das Beste vergessen habe: der Mann hält sozusagen dem Weibe seine Persönlichkeit vor, damit sie sie dem Kinde einpräge. Der Vater gibt dem Kinde sein Bild, sein Selbst, also den abgeleiteten, abgesonderten Strahl der göttlichen Kraft; die Mutter gibt ihm die göttliche Kraft, den göttlichen Geist selbst, welchen sie durch den Glauben zu empfangen imstande ist. „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“ Der Vater gibt das Fürsichsein, die Persönlichkeit, die Mutter das Allsein.

Insofern aber, als Gott dem Kinde seinen Geist gibt, ist Gott der Vater aller Menschen. „Denn wer da bekennt“, heißt es bei Luther, „daß eine Mutter ein Kind gebiert, das Leib und Seele hat, der soll sagen und halten, daß die Mutter das ganze Kind geboren und des Kindes rechte Mutter ist, ob sie gleich der Seele Mutter nicht wäre; sonst würde daraus folgen, daß keine Frau eines Kindes Mutter wäre.“ Dein Sohn, sagt Luther, sind ja nicht zwei Söhne, obwohl er zwei Naturen hat, den Leib von dir, die Seele von Gott allein. Kann man deutlicher sagen, daß nach Luthers Ansicht jede Mutter den Heiligen Geist empfängt, und daß jeder Mensch göttlich und menschlich ist wie Christus, wenn auch nicht, wie Christus, Gott selbst? „Laßt uns Redefiguren mit den Manichäern erdichten“, sagt Luther an anderer Stelle ironisch, „auf daß Christus nicht wahrer Mensch sei, sondern eine Scheingestalt, die durch die Jungfrau, wie der Sonnenstrahl durch das Glas, hindurchgegangen und gekreuzigt ist. So werden wir die Schriften fein behandeln!“ Noch eine sehr deutliche Stelle aus Luther möchte ich dir anführen: „Da Maria, die Jungfrau, Christus empfing und gebar, da war Christus ein leiblicher Mensch und nicht allein ein geistliches Wesen. Dennoch empfing und gebar sie ihn auch geistlich. Wieso? Sie glaubte das Wort des Engels. Mit dem willigen Glauben an des Engels Wort empfing und gebar sie im Herzen Christus geistlich zugleich.“

Was die Jungfräulichkeit der Maria bedeutet, wird klar durch die Bedeutung des Sündenfalls der Eva. Eva wurde Gott untreu, indem sie den selbstischen Mann liebte und ihm gehorchte. Sie hörte nicht mehr vornehmlich die Stimme Gottes, sondern die des Mannes, sie war nicht mehr ganz von Gott erfüllt. Maria liebt ihren Mann nur, weil Gott ihn ihr gegeben und es ihr befohlen hat, sie liebt ihn in Gott oder weil sie Gott liebt. Joseph wird von den Malern als älterer Mann dargestellt und etwas in den Schatten gerückt; das bedeutet, daß wir die Persönlichkeit des Herrn, die er vom leiblichen Vater empfing, als solche nicht kennen lernen sollen, sondern nur die zur Gottheit erweiterte Persönlichkeit. Wir erfahren, daß Christus vom Teufel versucht wurde und ihn überwand; aber nichts von der Art und vom Verlauf dieser Kämpfe. In bezug auf Maria bedeutet es, daß Joseph von ihr nicht fordert, sie solle in ihm aufgehen, sondern daß sie ihm als Werkzeug Gottes heilig ist. Eva gibt dem Manne nur vorübergehend Befriedigung; denn gerade weil sie sich bis zur Selbstaufgabe hingibt, sich in ihm verliert, kann sie ihm keine dauernde Kraftquelle sein.

Es ist längst aufgefallen, daß der geniale Mann seine Begabung von der Mutter, nicht vom Vater ererbt, was vom Sohne selbst auch lebhaft empfunden wird. Man hat sich in manchen Fällen gewundert, daß bei der betreffenden Mutter keine besonderen Zeugnisse geistiger Begabung vorlagen; aber gewiß hat man wenigstens das von ihnen gesagt, daß sie fromm waren, und darauf kommt es ja einzig an. Mit Frömmigkeit bezeichnet man den Glauben, die Fähigkeit also, des Engels Stimme zu hören; man kann auch ein anderes Wort wählen, das manchem vielleicht mehr sagt, nämlich Phantasie. Glaube ist Phantasie, die Fähigkeit, sich das Unsichtbare einzubilden, daher Einbildungskraft. Eva wollte Erkenntnis, weil sie nicht glauben konnte; Maria braucht nicht zu wissen, denn sie hat alles überflüssig durch die Phantasie. Manche Menschen verstehen unter Phantasie eine Fähigkeit, sich allerlei auszudenken; aber es ist vielmehr die Kraft, das Seiende, das, was unsichtbar, aber gerade darum allgegenwärtig ist, aufzunehmen. Weil sie Phantasie hat, vermag Maria dem Sohne das Göttliche einzubilden, weil sie geistvoll ist, gibt sie ihm Geist; durch sie ist er aus Gott geboren und hört wie sie Gottes Stimme. Wie man von seinen Werken auf die Phantasie des Künstlers, so kann man von ihren Kindern auf die Phantasie der Mutter schließen. Auch Menschen kann man, wie Kunstwerken, anmerken, ob sie aus dem Vollen geschöpft oder dürftig zusammengekratzt sind. Es ist nicht sinnlos, daß man schwangeren Frauen rät, schöne Bilder anzusehen und den Anblick des Häßlichen zu vermeiden; allein die Frau, wie sie sein sollte, hat derartige Nachhilfe nicht nötig, denn sie sieht Schönes, das ist Göttliches, überall, weil sie im Sichtbaren zugleich das Unsichtbare sieht.

Von den Eltern der Genies wird man nie hören, weder daß sie sich leidenschaftlich liebten, noch daß sie eine geradezu unglückliche Ehe führten, sondern sie lebten in einer Ehe, die ich Sakramentsehe nennen möchte, insofern sie auf göttlichem Gebote beruht. Die Frau achtet im Manne seine Überlegenheit in allen weltlichen Angelegenheiten, vermöge welcher er sie vor der Welt vertritt, und in allen diesen Angelegenheiten gehorcht sie ihm; der Mann verehrt das Göttliche in ihr und läßt sie in allem, was Gott betrifft, schalten. Er vernimmt Gottes Stimme durch sie.

„Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt“, sagt Goethe. Diejenigen Söhne, deren Väter so weltlich waren, daß sie das Göttliche in der Frau überhaupt nicht erkannten oder es unterdrückten, oder deren Mütter Gott an den Mann verrieten, sich ihm zuliebe verweltlichten, gedenken ihrer Eltern nicht gern, ja, sie hassen denjenigen, der sie um ihr bestes Erbteil betrog. Am wenigsten verzeihen es Kinder der Mutter, wenn sie einen anderen Mann als den Vater liebt. Die gute Mutter ist diejenige, die, wenn sie Kinder hat, vorzugsweise ihnen lebt, ohne noch von Männerliebe berührt zu werden; so waren die Frauen und Mütter bei den Griechen, die für die Liebe eine besondere Klasse von Frauen hielten. Diese Einteilung, die der Genialität eines Volkes so sehr zugute kommt, macht sich bis zu einem gewissen Grade immer wieder von selbst, weil sie Gott oder der Natur entspricht; da sie aber der Moral widerspricht, nimmt sie bei den moralischen Völkern – und das sind jetzt alle – Formen an, die ihr Gutes und Schönes aufheben und sie ins Widerwärtige verzerren. So wie diese Einrichtung bei den nachchristlichen Völkern ist, kommt sie nur der Welt, dem Teufel, nicht Gott zugute. Das Schlimme ist, daß der heutige Mann keine Marienfrau mehr heiratet; ihr kindliches In-sich-selbst-Ruhen, ihre strahlende Heiterkeit, ihre reine Schönheit reizen ihn nicht, im besten Falle erregen sie in ihm ein Gefühl von Scheu und Ehrfurcht, das ihn fernhält. So stehen denn gerade diese Frauen, ohne Organe für die Welt, verlassen in ihr; aber unter dem Schutze Gottes.

Die verhängnisvolle Verwechselung der Religion mit der Moral, an der wahrhaftig Luther keine Schuld trug, hat gemacht, daß man sich unter Maria, der Kindlichen, Phantasievollen, Strahlenden, und unter Christus, dem Genie der Genies, etwas tugendhaft Langweiliges vorstellt. Luther dachte sich Maria als ein feines, tapferes Mädchen, die Holdselige voller Gnaden, Christus als den Helden, den Mann der Liebe und des Hasses, voll freundlichen Ernstes und ernster Freundlichkeit. Du kennst den Vers von Goethe:

Volk und Knecht und Überwinder,
Sie gestehn zu jeder Zeit:
Höchstes Glück der Erdenkinder
Sei nur die Persönlichkeit.

Es ist selbstverständlich, daß wir uns den Gottmenschen nicht ohne dies höchste Glück des Fürsichseins vorstellen dürfen. Daraus, daß er vom Teufel dreifach versucht wurde, geht allein schon deutlich hervor, daß er Selbstbewußtsein hatte, und mehr jedenfalls als irgendein Mensch. Wie hätte es der Mensch nicht haben sollen, der sich als das Ebenbild Gottes erkannte? Aber Christus war nicht nur ganz voll Selbstbewußtsein, sondern auch ganz voll Gottbewußtsein. Der höchste Grad des Selbstgenusses ist in dem Augenblick erreicht, wo das Selbst in einem höheren aufgeht; diesen Augenblick der höchsten Qual und Seligkeit erlebte Christus, als er sagte: Nicht wie ich will, sondern wie du willst. Seine Selbstform ging damit in die göttliche Form über; es war nicht Entpersönlichung, sondern Erweiterung der Einzelpersönlichkeit zur Allpersönlichkeit. Seine Persönlichkeit deckte sich vollkommen mit der Idee des Menschen, die zugleich die Idee Gottes ist. Dieser Augenblick höchster Seligkeit ist dem Teufel nicht zugänglich, weil er vom Anderssein als Gott lebt wie der Schatten vom Nicht-Lichtsein. Man kann umgekehrt auch sagen: Wer nicht fähig ist, in einem Höheren aufzugehen, ist in der Hölle.

Aus der Tatsache, daß Christus Mensch war, natürlicher Mensch wie wir alle, liegt zu folgern nahe, daß wir auch Götter, wenigstens werdende Götter, mögliche Götter oder Gottmenschen sind. Diese Folgerung hat Luther auch gezogen der Heiligen Schrift gemäß, die klar sagt, daß Gott durch Christus, unseren Bruder, unser Vater geworden ist; diese veränderte Stellung des Menschen zu Gott gehört zum wesentlichen Inhalt des Neuen Testaments. Luther erinnert unter anderm an den 82. Psalm, in welchem es heißt: Ihr seid Götter und allesamt Kinder des Allerhöchsten, und daß Christus selbst im Johannesevangelium diese Stelle so auslegt, daß diejenigen Götter sind, zu denen das Wort Gottes geschieht. Sehr charakteristisch finde ich eine Meinungsäußerung Luthers über einen gewissen Hans Mohr, der Zwinglis Richtung folgte und Luther vorwarf, er mache aus der Kreatur den Schöpfer. In bezug darauf schreibt Luther: „Und wenn man gleich spräche, Kreatur ist Schöpfer worden (wie wir in diesem Artikel nicht tun), so wäre es dennoch nicht allerdings falsch, denn wir glauben ja und sagen alle, daß Gott Mensch und Mensch Gott sei in Christo, so daß Mensch Kreatur und Gott Schöpfer ist. Darnach solches bei den Christen nicht so greulich ist, wie sie lästern, und damit hinaus wollen, daß zuletzt auch falsch soll werden, daß Gott Mensch sei.“ Man sieht, in welches Gestrüpp von Mißverständnissen Luther verstrickt war. Zwingli sagte, er wolle bei der alten Theologie bleiben, wonach die beiden Naturen nicht vermischt werden dürften. Er ahnte wohl selbst nicht, was er der Menschheit damit antat. Hätte er sich klargemacht, daß Gott der Geist ist, so würde er wohl nichts daran auszusetzen gefunden haben, daß der Mensch Gott-Mensch, das heißt Geist-Mensch werden kann. An Christus glauben heißt, an das Göttliche im Menschen glauben, glauben, daß der Mensch Geist hat.

So wie ich dich kenne, denke ich mir, daß du noch nicht ganz befriedigt bist, sondern noch etwas über Christus' Leistungen hören willst, worauf du so viel zu geben pflegst, natürlich mit Recht; denn wo Kraft ist, da sind auch Leistungen. Vielleicht findest du, daß man, wenn Christus das Genie der Menschheit ist, künstlerische Leistungen von ihm erwarten dürfte.

In der Tat übte Christus eine Kunst aus, nämlich die Heilkunst; er war der Heiland der Welt, das heißt, da heil ganz bedeutet, der Ganzmacher der von Gott abgesonderten Menschen. Luther nennt ihn deshalb den König der Sünder, und die Bibel sagt häufig, daß er zu den Sündern gekommen sei. Und zwar machte er die Zerrissenen ganz durch die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist, indem sie das Getrennte im Bewußtsein der Zusammengehörigkeit bindet. Viele haben die Vorstellung, als sei Christus ein humaner Wohltäter, ein Sozialist, Reformator oder dergleichen gewesen; aber wo steht das? Er bekehrte Sünder, tröstete Traurige, heilte Kranke durch Wort und Berührung und erweckte Tote. Was das heißt, Tote lebendig machen, wird klar, wenn man daran denkt, daß Gott die Welt durch sein Wort schuf, daß er den Dingen Namen gibt und das, was nicht ist, ruft, daß es sei. Die Dinge sind dadurch, daß sie dem Geiste bewußt werden: Christus machte der Menschheit ihr Fühlen und Ahnen bewußt durch sein Wort. Er lehrte die Wahrheit, Ideen strömten unerschöpflich in Bildern von seinen Lippen, insofern war er der größte Dichter der Menschheit. Es ist wahr, daß er seine Ideen nicht gestaltete; aber er brauchte das nicht, weil er selbst, wie es heißt, voll göttlicher Gestalt war.

Durch das Heraustreten Christi aus der Menschheit zerfiel sie in ihre Bestandteile: Kraft und Stoff, Unsichtbares und Sichtbares, Sein und Erscheinen. Er zerriß sie, aber er, der Heiland, Gott, der sich als Person offenbart, machte sie auch wieder ganz, und zwar durch die Tat. Das selbstbewußte, verantwortliche Ich ist der Punkt, in welchem das Sichtbare und das Unsichtbare eins werden. Dies Ich, die Person, kann sich nur bilden durch die Tat, wie umgekehrt eine Tat auch nur getan werden kann durch ein verantwortliches Ich. Das Ich und die Tat hängen unzertrennlich zusammen, es gibt keine Person ohne Tat und keine Tat ohne Person. Solange das Ich betrachtend zwischen dem Sichtbaren und Unsichtbaren schwebt, bleibt es selbst vereinzelt und die Welt ihm Stückwerk. Der Mensch, der sich bloß erkennend verhält, kommt nie zur Einheit, weil es nur unendliche Möglichkeiten für ihn gibt; erst handelnd begrenzt er sich und wird dadurch ein einheitliches Selbst. Im Inneren des bloß erkennenden Menschen ist ein Abgrund, der ihn verschlingt, handelnd schließt er den Riß, der durch sein Inneres und zugleich durch seine Welt geht. Der Christ ist der Mensch, der nach vorausgegangener Spaltung wieder einheitlich geworden ist durch aus dem Herzen entspringendes und im Selbstbewußtsein bestätigtes, zugleich gemußtes und gewolltes Handeln.

Luther hat nachdrücklich betont, wenn er zwischen Christi Leben und seinem Wort zu wählen hätte, würde er ohne Zögern sein Wort wählen; denn Christus sei in seinem Wort. Das erklärt sich aus Luthers Besorgnis, die Menschen möchten wähnen, sie würden dadurch Christen, daß sie nach Möglichkeit die Handlungen des Herrn nachahmten, wovon dann eine Veräußerlichung oder Moralisierung die Folge wäre. Deshalb verwirft er die Art und Weise, wie Christus gewöhnlich gelehrt und gepredigt werde. Man erzähle von ihm, um Mitleid zu erregen und als Kehrseite davon Haß auf seine Mörder, andere stellten ihn als Beispiel auf und predigten die Nachfolge. Dagegen sagt Luther, es stehe geschrieben, daß man Christus anziehen solle, und Christus anziehen heiße nicht Christus nachfolgen, sondern bevor man ihm nachfolgen könne, müsse man ihn angezogen haben. Einem Freunde erklärte er einmal, er fasse den Glauben oder die Liebe nicht auf als eine Eigenschaft im Herzen, sondern er setze Christus selbst an diese Stelle; denn Christus habe nicht gesagt, er gebe uns den Weg, die Wahrheit und das Leben, sondern er sei das alles, er wolle in uns sein, nicht außer uns.

Wir sollen uns in Christus verwandeln, Tatmenschen sein, und zwar Taten aus dem Herzen tun. Man kann beobachten, daß die Menschen im allgemeinen sich blindlings, mit einer gewissen Lust, einem Tyrannen, wie zum Beispiel Napoleon I. war, unterwerfen und aufopfern, wie sie es einem Edlen oder Weisen nicht tun würden. Sie spüren die starke Persönlichkeit, das selbstbewußte Ich, den mystischen Punkt, in dem Gott Person werden kann. Das teuflische Ich kann sich jeden Augenblick in Christus verwandeln, ja es ist Christus auf der Stufe der Versuchung durch den Teufel. Vielleicht unterliegt er; aber er kann siegen, wenn auch nicht so ganz wie Christus siegte. Sowie das Ich seinen Eigenwillen dem göttlichen Willen aufzuopfern beginnt, fängt die Wiedergeburt, der Lebenslauf des Christen an.

Und solang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

Daß aber dem Sterben das Werden folgen muß, unterscheidet das Christentum von jeder das Leben verneinenden Weltanschauung. Wir sollen die Persönlichkeit nicht dadurch überwinden, daß wir sie unterdrücken, sondern daß wir sie erweitern und in unserem Ich möglichst viele Menschen vertreten. Obwohl Christus unerreichbar über allen Menschen ist, findet sich doch jeder in ihm wieder.

Was Christus vor seinem öffentlichen Auftreten getan hat, danach sollen wir nicht fragen; denn er soll für uns weniger der historische Mensch sein als der Mensch, der Idealmensch, der Gottmensch. Die genialen Menschen haben das auch stets gefühlt, wie man an Hand der Kunst nachweisen kann. Es tauchten wohl in den ersten Jahrhunderten christlicher Zeitrechnung einige Bildnisse mit dem Anspruch auf, den historischen Christus darzustellen, und diese mögen bei der Entstehung des Christustypus ein wenig mitgewirkt haben; im allgemeinen aber haben alle großen Maler und Bildhauer in Christus den Idealmenschen darzustellen gesucht, die Romanen mit Überwiegen der göttlichen Form, die Germanen mit Überwiegen der persönlichen. Sie idealisierten in Christus sich selbst, ihr Volk, die Menschheit. Wenn einer schlechtweg sich selbst als Christus darstellt, wie das neuerdings einige Maler unreligiös und unkünstlerisch genug waren zu tun, so kann man darunter schreiben: Wenn er lügt, so redet er aus seinem Eigenen. Die Verschmelzung der All-Idee mit der Einzel-Idee erst gibt den Gottmenschen.

Mir scheint, daß die großen Maler recht hatten, die Christus schön darstellten, und daß es ein Mißverständnis ist, ihn häßlich zu denken. Häßlich kommt von Haß und bedeutet Haß der göttlichen Form. Die Sklavenvölker und Barbarenvölker sind deshalb immer häßlich gemalt worden, weil sie Haß gegen das Geformtwerden überhaupt haben, und ebenso drückt sich der Haß der teuflischen Persönlichkeit gegen die göttliche Idee als Häßlichkeit aus. Nun ist es ja wahr, daß jedes Genie Chaos, etwas Ungeformtes, in sich haben muß; denn darin liegt ein Teil seiner Kraft; wie auch besonders, daß jedes menschliche Genie stark persönlich sein muß. Darum sind die Frauen das schöne Geschlecht, weil sie unpersönlicher, weniger teuflisch sind als der Mann. Luther hatte sicherlich recht, wenn er sich Paulus nicht als schlechtweg schön vorstellte: irgendwie muß sich das maßlos Leidenschaftliche, das Gegensätzliche in seiner Natur äußerlich ausgeprägt haben, wie das auch bei Luther der Fall war; aber zwischen allen Menschen und dem einen Christus besteht doch der Unterschied, daß Christus das Persönliche hatte und doch zugleich nicht hatte, überwunden hatte. Er muß deshalb ebenso persönlich schön wie göttlich schön gedacht werden. Rembrandt scheint mir der einzige Maler zu sein, der Christus auch unschön malen durfte; denn bei Rembrandts Christus sieht man nicht, daß er diesen oder jenen Umriß, diese oder jene Form hat, sondern nur, daß er leuchtet. Die Erscheinung strömt in das Sein über.

[IX]

Ich erwähnte schon, Geliebter, daß Christus der Menschheit zum Ersatz für sein Scheiden einen Tröster versprochen habe. „Wenn der Tröster kommt, welchen ich euch senden werde vom Vater, der Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgeht, der wird zeugen von mir.“ Es ist der Heilige Geist, der zu Pfingsten über die Jünger ausgegossen wurde, die Gabe, das Wort Gottes, die Wahrheit, daß Christus Gott ist, zu verkünden.

Ich setze voraus, daß du meine Annahme, die Bildung und Auflösung der Person gehe in Wirklichkeit so vor sich, wie wir an Hand der Sprache die Bildung und Auflösung der persönlichen Götter im Geiste verfolgt haben, gelten läßt. Nimm nun bitte die Menschheit als Person. Mit dem Erscheinen Christi hat sie ihren Höhepunkt erreicht, in seiner Person war der gesamte Geist gebunden; denn du weißt ja, daß Gottvater sich in Christus ganz und gar ergossen und nichts zurückbehalten hat, wie Christus sagt: Wer mich sieht, sieht den Vater. Im Augenblick seines Sterbens ist der Höhepunkt überschritten, und der gesamte, durch die vor ihm dagewesene und in ihm vertretene Menschheit gebundene Geist wird frei. Dies ist die Ausgießung des Heiligen Geistes, wie du siehst, ganz wörtlich zu verstehen. Die Menschheit, die bisher voll Geist, von Gott erfüllt war, hat nun den Geist oder wenigstens sie kann ihn haben, da er im Wort verdichtet von ihr losgelöst ist. Sie kann ihn haben durch den Glauben, der durch das Gehör kommt. Ich bitte dich, zu beachten, daß Luther niemals vom Übersinnlichen spricht, sondern vom Unsichtbaren, welches aber hörbar ist. Durch das Wort und das Gehör gesellt sich der sichtbaren Welt die unsichtbare, die Welt des Geistes oder das Reich Gottes. Da ich den Geist nicht sehen und nicht betasten kann, nur hören, muß ich ihm glauben, ihn haben durch die Religion, welches Wort von ligare, binden, kommt; da Gott nicht mehr unbewußt in der Menschheit ist, muß er durch Religion, Glauben, Phantasie an sie gebunden werden. Diese Kraft des Bindens hat die Seele, das selbstbewußte Ich.

„Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort“, sagt Luther. Damit, daß der Mensch spricht, beginnt sein Selbstbewußtsein und zugleich sein Gottbewußtsein; es kann ja eins ohne das andere nicht sein, da das Ich nur am Nicht-Ich zum Bewußtsein seiner selbst kommen kann. Das Wort unterscheidet den Menschen vom Tier; es hat wohl Selbstgefühl und Menschengefühl, aber nicht Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein. In Christus war das Selbstbewußtsein der Menschheit und zugleich das Gottbewußtsein vollendet in dem Augenblick, wo er sich als Gott erkannte und damit Selbst- und Gottbewußtsein zusammenfloß. Mythisch sagten wir, daß Gott die Welt erschaffen habe, um sich seiner selbst bewußt zu werden, um sich zu erkennen: dies Ziel war in Christus erreicht, Gott, der Geist, erkannte sich selbst in ihm. Ich finde, man ist nie genug davon überwältigt; und doch sieht man beständig, wie stark der Trieb der Menschheit ist, Gott außer sich zu suchen.

Gott verdichtete sich zuerst als Form, und wir nennen ihn dann Kraft; dann als Tat, und wir nennen ihn dann Liebe; dann als Wort, und wir nennen ihn Geist. Der Geist ist im Wort; ich führte schon den Ausspruch an: res sociae verbis et verba rebus, was Luther ungleich bildkräftiger ausdrückt: „Die Sprache ist die Scheide, in der das Messer des Geistes steckt.“ Im Evangelium des Johannes heißt es: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Anders ausgedrückt: Gott ist Geist, und Geist ist im Selbstbewußtsein, und mit dem Selbstbewußtsein erscheint die Sprache. Natürlich hatte es Wort schon vor der Ausgießung des Heiligen Geistes gegeben; aber es war dunkel, weil der Geist gebunden war. Erinnere dich bitte, daß der persönliche Gott, indem er sich auflöst, durchsichtig wird; die Idee schimmert durch den dünn gewordenen Eigennamen. Das bedeuten die wundervollen Worte des Paulus: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Der Dichter redet verhüllte Wahrheit in Bildern; der Denker sieht die Wahrheit nackt.

Gott wirkte zuerst gestaltend durch die Hand des Menschen und redend durch seinen Mund: durch den Künstler und den Dichter. Du weißt, daß Dürer gesagt hat: „Denn der alleredelste Sinn des Menschen ist Sehen.“ Dagegen steht Luthers Ausspruch: „Und kein kräftigeres noch edleres Werk am Menschen ist, denn Reden.“ Der eine geht von der Erscheinung, vom Äußeren aus, dessen Sinn das Auge ist, der andere vom Geist, vom Inneren, dessen Sinn das Gehör ist. Ich bin aber überzeugt, Dürer, der Luther so sehr verehrte, würde ihm, mindestens gegen das Ende seines Lebens, recht gegeben haben; denn er war ja ein Genie, welches sich vom bloßen Künstler dadurch unterscheidet, daß es nicht nur Gestalt, sondern das Wort auch hat. Das Wort, als die stärkste Verdichtung des Geistes, kommt zuletzt; der Dichter ist das eigentliche Genie, das Genie κατ ὲξοχην, weil er die vorangegangenen Stufen umfaßt. Der Geist denkt in Bildern, wie das der Traum zeigt; der Dichter ist dadurch Maler, und Luther nennt Paulus einmal in bezug auf seine eindrucksvolle Bildersprache einen großen Maler. Natürlich spreche ich nicht vom bloßen Wortkünstler, sondern vom Dichter, der Phantasie hat. Die Phantasie, die Einbildungskraft, ersetzt die Gestaltungskraft, die man auch plastische, gestaltende Phantasie nennt; sie hat Bilder im Inneren, im Geiste. Genie nennen wir denjenigen Künstler, der auch Denker und Dichter ist, wie Dürer und alle großen Künstler der Vergangenheit waren. Jetzt gibt es keine Genies mehr, ja, die Künstler setzen ihren Stolz hinein, keine zu sein; die Maler wollen nur Maler, die Dichter wollen nur Wortkünstler usw., und in erster Linie wollen alle Weltmenschen sein; was sie auch sind.

Homer, der Dichter, war blind, so erzählt die Sage. Das Auge des Dichters ist von dem des Malers ganz verschieden: das des Malers liegt tief, wie wenn das Organ, welches die Erscheinung aufnimmt, geschützt sein sollte; das des Dichters tritt dagegen mehr oder weniger hervor. Auch hat es einen ganz anderen Blick als das des Malers, der die Erscheinung in sich hineinzieht; das des Dichters geht über die Erscheinung hinweg oder durch die Erscheinung hindurch in das unsichtbare Innere. Der Künstler erfaßt die Welt vom Äußeren aus, der Dichter vom Innern aus, und insofern ist der letztere wirklich blind. Man hat von schönen Bildern Homers nie den Eindruck, daß er blind ist, sondern daß er nach innen schaut und dort die Welt schöner wiederfindet. Nun ist es ja selbstverständlich, daß jeder große Dichter und Künstler beides, das Äußere und Innere, haben muß. Ich finde es sehr interessant, daß das hervortretende Auge zu den sogenannten Degenerationsmerkmalen gehört, das heißt, es erscheint auf einer hohen Entwickelungsstufe, woraus natürlich nicht folgt, daß daraus immer auf reiches Geistesleben geschlossen werden könne. Ohnehin hätte ich eher bedenken sollen, daß ich nicht zu viel auf einmal sagen soll; aber ich sehe dich so gern den Finger heben: Gefahren machen das Leben reizend.

Laß mich bitte darauf zurückkommen, daß in Christus Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein eins wurde, zugleich aber mit seinem Sterben wieder auseinanderfiel; es wieder zu vereinigen liegt jedem einzelnen ob. Seit Christus steht sich Gottbewußtsein und Selbstbewußtsein getrennt gegenüber; du hast wohl nichts dagegen, daß ich jenes als positiv, dies als negativ bezeichne. Daß das Selbst, die Person, die Verneinung oder Hemmung Gottes ist, darüber waren wir uns ja schon einig. Die Hemmung der formenden Kraft ist die Unform und die Eigenform; die Hemmung der Tatkraft die Untätigkeit oder die Missetat, die Hemmung der Wahrheit, des Sinns, ist Unsinn und Lüge; sowohl das Passive wie das Negative hemmt. Viele Menschen bestreiten, daß es eine Wahrheit, wie daß es eine Schönheit, wie daß es ein Gutsein gibt; sie behaupten, für den einen sei dies, für den andern jenes wahr, gut und schön. Der Christ ist anderer Meinung, weil er an das Göttliche im Menschen glaubt; für ihn ist Gott der ewige Richtpunkt, der Weltenrichter mit dem Schwerte, das Gut und Böse, Schön und Häßlich, Wahrheit und Lüge scheidet. Es ist ein tiefsinniger Zug im Evangelium, daß Pilatus zu dem verklagten Christus sagte: Was ist Wahrheit? Sie stand vor ihm, und er fühlte sie ahnend; aber er erkannte sie nicht. Eine andere Frage ist, woran man die Wahrheit erkennen kann. Die aus der Wahrheit sind, sagt Christus, die hören meine Stimme, und an anderer Stelle heißt es: die aus Gott geboren sind, hören Gottes Stimme; man muß götterhaft sein, um Gott zu ergreifen. Einer von den Schwärmern zu Luthers Zeit sagte einmal, wenn Gott sich den Menschen durch die Schrift hätte offenbaren wollen, so hätte er eine Bibel vom Himmel fallen lassen. Darin liegt eben die Schwierigkeit, daß das Wort sich durch Menschen offenbart, die doch auch ihre eigenen Worte haben; wie soll man Worte Gottes von Menschenworten unterscheiden, da der selbstbewußte Mensch als der Affe Gottes sich derselben Sprache bedient wie Gott? Soviel ist sicher, daß unsere Zeit es nicht kann, da sie überhaupt an Gott nicht glaubt; es ist noch viel, wenn sie das Menschenwort ausdrücklich vorzieht und dadurch ihre Theophobie, Angst vor dem Göttlichen, zeigt.

Verbum Dei manet in aeternum, das Wort Gottes bleibt in Ewigkeit. Unter diesem stolzen und demütigen Spruch, dessen Anfangsbuchstaben der Kurfürst von Sachsen seiner Dienerschaft auf die Ärmel sticken ließ, und das so viel mißverstanden ist, forderte der deutsche Prophet die Welt in die Schranken und hatte natürlich alle gegen sich, die auf ihre eigenen Worte eitel waren. Luther hat bekanntlich die Bibel für die Richtschnur erklärt, an welcher alle Menschenmeinung müßte gemessen werden; aber er hielt nicht jedes Wort, das in der Bibel steht, für Wahrheit. Bekanntlich hat er an einige Bücher der Bibel scharfe Kritik angelegt. Noch weniger glaubte er, daß nur die Bibel Wahrheit enthalte, vielmehr sagt er ausdrücklich, daß Gott sich jederzeit den Menschen offenbart habe und es jederzeit tun werde. Nur davon war er überzeugt, daß das Wesen Gottes durch große Dichter, Menschen von schaffender Phantasie, in der Bibel in ewig gültigen Bildern erschöpfend offenbart sei, so daß jede andere Offenbarung der Wahrheit notwendig mit der in der Bibel verkündeten übereinstimmen müsse. Wirklich, vergleichst du Plato, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, alle großen Dichter und Denker aller Zeit mit der Bibel, so wirst du finden, daß sie in der Wahrheit übereinstimmen; was sie lügen, das reden sie aus ihrem Eigenen. Was den Menschen zum Lügner macht, ist die Beziehung aller seiner Wahrnehmungen auf sein Selbst. Du erinnerst dich vielleicht der Äußerungen Vischers über Luther, die unseren Briefwechsel veranlaßten; sofern man Wechselgespräch nennen kann, wenn der eine viel redet und der andere von Zeit zu Zeit mißfällig oder beifällig brummt. Je mehr der Mensch imstande ist, von seinem Selbst abzusehen, die Dinge so aufzufassen, nicht oder nicht nur wie sie ihm erscheinen, sondern wie sie sind, desto weniger lügt er: es ist die vielgerühmte Objektivität des Künstlers und Dichters, die aber durchaus nicht Selbstlosigkeit, sondern vorübergehende Vereinigung von Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein, also Subjektivität in der Objektivität ist. Das Selbstbewußtsein und somit das Menschenwort verdrängt das Gottbewußtsein und das Gotteswort; sie stehen in einem Verhältnis wie zwei Eimer, von denen der eine steigt, wenn der andere sinkt und umgekehrt.

Luther erzählte dem Barbier, Meister Peter, der ihn um Belehrung bat, wie man beten solle, daß er selbst sich nicht an bestimmte Worte binde, wiewohl er mit dem Vaterunser anzufangen pflege. Darüber komme er oft, wie er sich ausdrückt, in reiche Gedanken spazieren: „Und wenn auch solche reiche gute Gedanken kommen, so soll man die anderen Gebete fahren lassen und solchen Gedanken Raum geben und mit Stille zuhören und beileibe nicht hindern: denn da predigt der Heilige Geist selber. Und seiner Predigt ein Wort ist viel besser denn unserer Gebete tausend. Und ich habe auch also oft mehr gelernt in einem Gebet, als ich aus viel Lesen und Dichten hätte kriegen können.“ Anderswo sagt er über das Gebet, es müsse „frei aus dem Herzen gehn ohne alle gemachten und vorgeschriebenen Worte und muß selbst Worte machen, darnach das Herz brennt“. In den Psalmen heißt es: Audiam quid loquatur in me Deus; ich werde hören, was Gott in mir redet. Es gibt keine bessere Vorschrift für einen Dichter.

Vorhin erwähnte ich den Ausspruch Luthers: „Das erste, was aus dem Herzen bricht und sich ergießt, ist das Wort.“ Aus dem Herzen strömt Geist, und in dem Augenblick, wo er auf die Lippen und zugleich auf die Schwelle des Bewußtseins tritt, wird er Wort. Alle Worte, die das Herz zum Ursprung haben, die Quell- oder Urworte, sind deshalb Zauberworte, weil sie verdichteter Gott, also verdichtete Kraft sind.

Zu allen Zeiten hat das Wort zum wirksamen Zauber gehört, das wirst du aus Märchen und Sagen wissen; aber es muß das rechte Wort, das Herzenswort sein, und die meisten Menschen vergessen es. Nur reine Jünglinge und Jungfrauen, das heißt Gottangehörige, wissen es und können damit erlösen. Mit solchem Wort hat Gott die Welt geschaffen. „Er schafft ja nicht als durch sein Wort“, sagt Luther, und Paulus: „Gott ruft oder nennt das da nicht ist, daß es sei.“ Indem die Idee der Welt auf die Schwelle des göttlichen Bewußtseins tritt, ist die Welt da. Man möchte rasend werden, daß Menschen darüber nachgrübeln, ob die Schöpfung der Welt, wie die Bibel sie erzählt, mit den Ergebnissen der Wissenschaft übereinstimmt. Uns ist sie da, wenn sie uns ins Bewußtsein tritt; aus dem Chaos des Herzens steigt sie jeden Morgen, perlend neu, wenn wir sie sehen und nennen. Wer das nicht erlebt, der wird nie begreifen, daß mit dem Zauberworte Gottes: Es werde Licht! die Welt da war.

Das Herz ist das Sprachrohr, der Mund Gottes; umgekehrt ist unser Mund der Brunnenrand des Herzens oder sollte es wenigstens sein. Abundantia cordis os loquitur, aus der Fülle des Herzens spricht der Mund. Luther übersetzte bekanntlich: Wes das Herz voll ist, fließt der Mund über; es ist bildkräftiger gesagt, indem es uns Herz und Mund als einen Becher, dessen Rand der Mund ist, vor Augen stellt. Ein geistvolles Herz muß zuerst da sein, damit der Mund göttliche Worte, Zauberworte, Dichterworte, sprechen kann: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten.“

Du magst meinetwegen sagen, das Meer, aus welchem das Herz gespeist werde, sei das Gedächtnis der Menschheit. So wie der einzelne Mensch etwas in sich aufnehme und es vergesse, bis es gelegentlich aus dem Unbewußten wieder auftauche, so habe die gesamte Menschheit ein Gesamtgedächtnis, an dem jeder einzelne teilhabe, und aus diesem Brunnen stiegen die Ideen, die wahren und ewigen Worte. So läßt die griechische Mythe Mnemosyne, die Erinnerung, die die Welt erinnert, ins Innere aufnimmt, die Mutter der Musen sein. Da Gott sich in der Menschheit entwickelt hat, muß das Gedächtnis der Menschheit wohl die Ideen Gottes enthalten; es kommt also auf dasselbe heraus, ob du von Gott oder dem Unbewußten oder dem Gesamtgedächtnis der Menschheit sprichst. Wenn du nur den Unterschied zwischen Gemachtem oder Gewordenem anerkennst.

Die Geschichte jedes Genies ist die Geschichte vom Kampf des göttlichen Wortes oder der Idee mit dem Menschenworte. Gewohnheit, Nutzen und Zweck, die in der Welt herrschen, müssen sich ihrer Art nach dem himmlischen Fremdling widersetzen.

Der Kampf Luthers mit der katholischen Kirche drehte sich darum, daß der Papst über der Heiligen Schrift stehen, Luther dagegen in Glaubenssachen keine Menschenmeinung anerkennen wollte, die nicht mit der Heiligen Schrift übereinstimmte. Die Katholiken beriefen sich auf einen Ausspruch des heiligen Augustinus, er würde dem Evangelium nicht glauben, wenn er nicht der Kirche glaubte; Luther sagte, das Wort mache die Kirche, nicht umgekehrt. Nur das Vermögen, Menschenwort von Gotteswort zu unterscheiden, schrieb er der Kirche zu; also ein kritisches, das schöpferische sprach er ihr wie allen Menschen ab, das heißt den Menschen, wenn sie „aus ihrem Eigenen“ reden. Aber auch er mußte klagen über die Blinden, „die nicht können so viel Unterschieds haben, daß ein ander Ding ist, wenn der Mensch selbst oder wenn Gott durch den Menschen redet – o furor et amentia his saeculis digna!“

Es ist in der Tat ein Zeichen äußerster Entfernung von Gott, wenn der Mensch nicht einmal mehr kritisieren, das heißt Echtes vom Unechten, das Gewordene vom Gemachten unterscheiden kann. Natürlich kann es der Ungläubige nicht, für den es überhaupt nur Menschliches gibt; und da im Gleichartigen kein Unterschied ist, frißt der ungläubige Kritiker sich selbst auf. Luther spricht einmal davon, daß die Kirche, weil aus der freien Forschung in der Schrift verschiedene miteinander streitende Auffassungen und Irrlehren entstanden seien, das Studium der Bibel überhaupt verboten habe; um Einheit des Glaubens, Wahrheit, zu erzielen, habe sie, eine höchst merkwürdige Verirrung, den Quell der Wahrheit versiegelt. Dasselbe geschieht, wenn die Wissenschaft, aus Angst vor Hirngespinsten und um nicht aus ihren ausgetretenen Geleisen geworfen zu werden, alle Ideen ablehnt; aus Ideenscheu begnügt sie sich mit Einzelbeobachtungen und Experimenten und schließt sich in die Mauer sinnlicher Erfahrung ein, hinter der aus Luftmangel das Leben ersticken muß. Nicht nur Kunst und Wissenschaft, die ganze Welt lebt von Ideen; der Mensch, sagt Christus, lebt von einem jeglichen Wort, das durch den Mund Gottes geht.

Die Zwietracht zwischen Kopf und Herz oder dem unbewußten und bewußten, ich sage lieber dem gottbewußten und selbstbewußten Wort ist von jeher aufgefallen. Man bemerkte, daß Kinder, Narren und Betrunkene die Wahrheit sagen, man betäubte die delphischen Priesterinnen, zu denen man ohnedies einfache Bauernmädchen, nicht Gelehrte wählte. Viele Menschen werden erfahren haben, daß ihnen etwas nicht einfällt, wenn sie sich darauf besinnen, sondern erst, wenn sie nicht mehr daran denken; auf Fragen, die das wache Selbstdenken nicht lösen kann, taucht oft die fertige Antwort des Morgens aus dem Schlafe. Spirat ubi vult, der Geist weht, wo er will. Die Zwietracht unter der Schrift und Menschenlehre, sagt Luther, könne man nicht eins machen: „Sintemal sie nicht mögen eins werden und natürlich müssen untereinander sein, wie Wasser und Feuer, wie Himmel und Erde, wie Jesaias davon redet, Kap. 55. 8, 9: ‚Wie der Himmel von der Erde erhöht ist, so sind meine Wege erhaben von euren Wegen.‘“

Mir scheint das wiederum das Größte an Luther, daß er sich trotz der Erkenntnis dieser Zwietracht nicht darin verrannte, nur das Gotteswort gelten lassen zu wollen. Viele, die das genannte Wechselverhältnis zwischen Menschen- und Gotteswort bemerkt haben, suchen sich dadurch genial, das heißt schaffend, zu machen, daß sie den Verstand ganz unterdrücken, womöglich nichts lernen und über nichts nachdenken; was aber tatsächlich nicht dem Geist, sondern dem Fleisch zugute kommt. Luther sagte: „Wenn die Vernunft vom Heiligen Geist erleuchtet ist, so hilft sie judizieren und urteilen die Heilige Schrift … Also dient die Vernunft dem Glauben auch, daß sie einem Ding nachdenkt, wenn sie erleuchtet ist.“ Die Wahrheit bewährt sich zwar, aber sie kann sich nicht beweisen, beweisen muß das Menschenwort durch die Logik; darum sagt Luther, daß das Gotteswort an einem dünnen Faden, das Menschenwort an einer eisernen Kette hänge. Diese Kette muß das Wort Gottes binden, um es uns zu erhalten; aber es läßt sich nur binden, wenn es geglaubt wird. Gott der Geist selbst, sein Dasein, kann niemals bewiesen, er muß geglaubt werden; glaubt man ihn aber, so offenbart er sich in Werk und Wort, das sich beweisen läßt und bewiesen werden soll. Weit entfernt, der Betätigung des menschlichen Eigengeistes entgegen zu sein, tat Luther den Ausspruch: Schulen erhalten die Kirche. Es war ihm aufgefallen, daß der Erneuerung des Evangeliums das Wiederaufblühen der Sprachen in Italien vorausgegangen war, und er begriff den Zusammenhang. Wenn er sagt, der Heilige Geist habe die Sprachen vom Himmel gebracht, und das Nichtverstehen der Bibelworte komme vom mangelnden Verständnis der Sprache, so heißt das, daß die Sprache der unmittelbare Ausdruck des Geistes ist, und daß man den Geist in den Sprachen müsse ergründen können, sowie man sie nur bis in die Wurzeln verfolge. „Gott gibt niemandem seine Gnade oder seinen Geist“, sagt er, „ohne durch oder mit dem vorgehenden äußerlichen Wort.“ Das äußerliche Wort aber ist dem menschlichen Selbstdenken zugänglich.

Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht der Brief des Apostels Paulus an die Korinther über den Unterschied zwischen Reden mit Zungen und Weissagen. Unter dem Zungenreden verstand er Worte, die sich nur an das Gefühl, nicht zugleich auch an den Verstand wenden, die einer also, nach seiner Ausdrucksweise, nur sich selbst und Gott redet, nicht den Menschen. Hingegen soll man auch den anderen Menschen verständlich sein und das mit Zungen Geredete auslegen, das heißt das Gotteswort dem menschlichen Begriffsvermögen anpassen. „Wie soll es aber denn sein? Nämlich also: ich will beten mit dem Geist und will beten auch mit dem Sinn; ich will Psalmen singen im Geist und will auch Psalmen beten mit dem Sinn.“ Wir würden etwa sagen: Was wir im Rausche empfangen haben, sollen wir in Besonnenheit ordnen. Luther führt als Beispiel den Knaben David an, der den Riesen überwand: er vertraut auf Gott, daß er ihm den Sieg geben wird, aber er gebraucht nichtsdestoweniger seine Waffen. So sollen wir unsern menschlichen Verstand dem Geiste mitwirken lassen, der sich uns ohne unser Zutun gibt.

Aber nicht nur das Gotteswort zu beweisen, soll das Menschenwort dienen, sondern ohne die persönliche Wahrheit wäre die göttliche gar nicht da. Das ist ja gerade der Grund, warum das Weib nicht selbst Genie ist, sondern ihr Sohn, dessen Selbst das Gotteswort, das sie ihm überträgt, binden kann. Nur dem Widersprecher offenbart das göttliche Wort sich ganz; andererseits hat er nur als Widersprecher Wert. Sowie das Menschenwort das göttliche Wort verdrängt, sich an seine Stelle setzt, verliert es auch die eigene Kraft und den eigenen Wert. „Der Teufel“, sagte Luther, „achtet meinen Geist nicht so sehr als meine Sprache und Feder in der Schrift. Denn mein Geist nimmt ihm nichts denn mich allein; aber die Heilige Schrift und Sprache machen ihm die Welt zu eng und tun ihm Schaden in seinem Reich.“

Beide zusammen machen es aus: die Schrift und seine Sprache und Feder in der Schrift, die göttliche Offenbarung, und der persönliche Geist, der die Offenbarung vernimmt.

Wenn man formulieren will, kann man sagen: das Wort ist die gewordene Kraft, die Christus der Menschheit gab, um ihr die werdende zu ersetzen, die sie mit seinem Erscheinen verloren hatte. Sie ist wissend geworden; aber wenn auch die Krone im Lichte steht, muß doch die Wurzel in der fruchtbaren Dunkelheit der Erde bleiben und der Samen aus der Frucht dort hineinfallen.

Du wirst es deiner Scheherazade verzeihen, wenn sie dem Wort einen Überfluß an Worten gewidmet hat. Ich liebe das Wort, wenn es glitzernd und zwitschernd über bewegliche Lippen plätschert, und ich liebe es, wenn es als ein schöner Fremdling auf einen stolzen und scheuen Mund tritt. Ich liebe es, obwohl es zweischneidig ist wie das Schwert und wie das Licht. Ein Lichtbringer ist es, wie der schönste und unseligste der Engel, wie der unbarmherzig-gnädige Morgenstern. Vielleicht bist du diesmal dem silbernen Hahn nicht böse, der uns auseinanderkräht und mich verhindert, über die Doppelzüngigkeit des erleuchtenden Wortes noch mehr Worte zu verschwenden.

[X]

Laß diese dunkelwolkige Nacht dem schönen Feinde Luzifer gewidmet sein; doch muß ich, meiner Gründlichkeit gemäß, mit dem Teufel beginnen, was nicht ganz dasselbe ist. Bei dieser Gelegenheit komme ich wieder einmal auf gewisse lutherische Theologen, die ihren Helden zuweilen so schrecklich mißverstehen und dadurch sein Bild in den Dreck der Dummheit und Lächerlichkeit gezogen haben. Du kannst in allen, wenigstens in vielen – denn ich kenne längst nicht alle – Lutherbiographien gönnerhafte Klagen darüber hören, daß er so abergläubisch und mystisch, wie sie es nennen, gewesen sei, daß er an den Teufel und an Zauberei geglaubt habe, weswegen man ihm jedoch nicht zürnen solle, denn es sei ja nun einmal so, daß jeder große Mann seine Schwächen haben müsse. Sie denken allen Ernstes, Luther habe an einen gefleckten Mann mit Hörnern und Schwanz geglaubt, der in den Straßen herumhinke mit einem Blasebalg, wie man es auf alten Bildern sieht, und den Leuten teuflische Gedanken durchs Ohr ins Herz blase. Sie halten ihn für pueril, wie Ökolampad tat, als Luther die Allgegenwart Gottes an dem Bilde der menschlichen Seele klarzumachen versuchte, die, obwohl eine Einheit, doch in jedem kleinsten Teile des Körpers gegenwärtig sei. Sie wissen nicht, daß, wo kein Teufel, da auch kein Gott ist, und daß, die nicht an den Teufel glauben, dadurch deutlich bezeugen, daß sie auch an Gott nicht glauben. Sie stellen sich, was sie auch sagen mögen, Gott als einen alten Mann mit weißem Bart vor, aus welchem Grunde sie ja auch im tiefsten Herzen gar nicht an ihn glauben; denn wenn sie das nicht täten, würden sie nicht als selbstverständlich voraussetzen, daß für den Teufelsgläubigen der Teufel ein Mann mit Bocksfuß und Hörnern sein müsse. Luther wußte, daß Gott Kraft und der Teufel von Gott abgelenkte oder sich Gott widersetzende Kraft ist; daß er also, soweit er ist, Gott selbst ist, und sein Sein nur im Begriff des Sichwidersetzens liegt, weshalb er ihn oft mit einem gewissen Hohn bloßen Geist, ohne Erscheinung, nennt. In einer berühmten Lutherbiographie kannst du lesen: „Ein wissenschaftlicher Streit war mit Luther nicht zu führen, da er jeden Widerspruch gegen seinen Glauben vom Teufel herleitete; Zwingli dagegen glaubte an das Recht der Vernunft und den Segen der Logik.“ Wenn Luther seine zwinglianischen Gegner als teuflisch betrachtete, so wollte er damit sagen, es sei ihnen nicht um die Wahrheit, sondern um das Durchsetzen eigener Gedanken zu tun oder auch nur, in bezug auf Karlstadt zum Beispiel, um das eigene Ansehen. Übrigens waren die Gründe, die Zwingli, Ökolampad und Karlstadt gegen Luthers Abendmahlslehre vorbrachten, so kindisch, daß ein Kind sie widerlegen könnte, Luther dagegen hat nie geruht, bis er mit unerbittlicher Logik bewiesen hatte, was überhaupt beweisbar ist; Gott selbst, das eine und unteilbare Sein, läßt sich natürlich nicht beweisen, sondern wird geglaubt, wenn es im eigenen Ich gewußt wird.

Luther hat sich über Aberglauben, Zauberei und dergleichen so deutlich ausgesprochen, daß die Menschen ihn nicht mißverstehen könnten, wenn der Teufel sie nicht verblendete, das heißt, wenn sie nicht alles durch das gefärbte Glas ihrer eigenen Persönlichkeit sähen. Man liest gewöhnlich nur, was man schon vorher wußte. Er war der Ansicht, daß der, welcher an das Böse glaubt, geradeso gut Berge versetzen kann wie der, welcher an Gott glaubt; denn Glaube ist Glaube und Kraft ist Kraft, und man kann genau so viel, wie man glaubt. Warum sollte es abergläubisch sein, zu glauben, daß Hexen und Zauberer den Menschen Böses anwünschen können, und nicht abergläubisch, zu glauben, daß Christus Kranke heilen und Tote lebendig machen konnte?

Luther glaubte nichts anderes, als daß Kraft Kraft anzieht, und daß Kraft auf Stoff wirkt, und daß der Mensch Kraft aus seinem Herzen schöpfen kann, göttliche aus einem reinen, teuflische aus einem bösen Herzen.

„Denn diese schwarze Kunst hat ihr verborgenes Geheimnis und geschieht, was sie machen, wenn sie Glauben daran haben!“ Nicht glauben tat Luther, daß Hexen auf einem Besen reiten, daß sie sich in Katzen verwandeln, kurz nichts, was gegen die Naturgesetze ginge. Das sind ihm „lauter Teufelsgespenster und Verblendungen und ist nicht die Sache selber“. Es möge wohl sein, schreibt er, daß Hexen im Schlafe oder in der Verzückung wähnten, sie liefen oder täten dies und das, während sie tatsächlich im Bette lägen. „Und wer mag doch alle leichtfertigen, lächerlichen, falschen, närrischen, abergläubischen Dinge erzählen, so die Weiber treiben, damit sie der Teufel bald betrogen hat. Das ist ihnen von ihrer Mutter Eva angeboren, daß sie sich also äffen und betrügen lassen.“

Ebenso nachdrücklich, wie er vor Verblendung warnt, betont er aber die Möglichkeit vom Einflusse bösen Wollens auf andere Willenskraft oder auf Stoffliches. „Aber ach, daß Gott erbarme! wie sind wir doch heutigen Tages so gar sicher allzumal, beide, groß und klein, Gelehrte und Ungelehrte; tun, als ob der Teufel gestorben wäre, und ist nun dahin mit uns gekommen, daß wir auch, unser Ding zu erhalten, des wir uns närrisch eingebildet, die blutigsten Kriege führen und hadern ohne Aufhören.“

Wenn Luther das Tintenfaß nach dem Teufel geworfen hat, so beweist das nicht, daß er den Teufel leibhaftig vor sich zu sehen glaubte, sondern daß er sich aus einer Selbsttäuschung herausreißen wollte. Einmal entstand in einer Kirche, während er predigte, Aufregung, weil man glaubte, die Gerüste stürzten ein; er schnitt die entstehende Panik damit ab, daß er zu der Gemeinde sagte, sie sollten ruhig bleiben, es sei nichts, das tue der Teufel. Das heißt: eure Furchtsamkeit verblendet euch und läßt euch wahrnehmen, was nicht ist. Gott, sagte er, bestätigt wohl sein Wort mit einem nachfolgenden Zeichen, aber er macht es niemals umgekehrt, und wer Zeichen zu sehen glaube, ohne daß das Wort vorausgegangen ist, befindet sich in einer Selbsttäuschung. Zeichen, die durch vorausgehendes Wort verkündet werden, sind ja nicht Wunder, sondern von wenigen, vielleicht nur von einem erkannte Wahrheiten. Der gebildete Europäer kann den Wilden Sonnenfinsternisse voraussagen und sich dadurch als Wundertäter darstellen; es ist wesentlich nichts anderes, wenn die Propheten das künftige Erscheinen Christi weissagten.

Während der ungläubige Melanchthon sich in die Astrologie versenkte, sagte Luther: Wir sind Herren der Sterne. Er war so vollständig von Aberglauben frei, wie nur der Gottgläubige oder der durchaus Weltgläubige sein kann; der eine hat eine exakte, auf die Wahrheit gerichtete Phantasie, der andere hat gar keine. Der Ungläubige hat eine lügnerische, die ihm vorspiegelt, was er hofft oder fürchtet, was aber nicht ist.

Ich sagte, glaube ich, schon einmal, daß Luther drei Stufen der Versuchung unterschied: die erste durch Trägheit und Sinnlichkeit, die den Menschen in der Jugend befällt; die zweite durch den Ehrgeiz, das Streben nach Macht, Ruhm und Ansehen in der Welt, die Versuchung des Mannesalters; schließlich die dritte und letzte, wo der Mensch, alle anderen verachtend, sich selbst vergöttert, sich an Gottes Stelle setzen will. Man kann nach diesen Stufen den dummen Teufel, den bösen Teufel und den stolzen Teufel, Luzifer, unterscheiden.

Den Teufel ließ Luther, wie du weißt, gelten, er glaubte an ihn. Gott und der Teufel sind ihm zwei Fürsten, die sich gegenseitig bekämpfen. Christus hat zum Teufel gesprochen: Regiere du die Welt; also ist er legitimer Fürst der Welt, wie Gott im Reiche Gottes Herr ist. Es ist selbstverständlich, daß Gott auch der Welt Herr ist; aber er hat sie sich nach einem Ausdruck Luthers an die linke Hand getraut und läßt zu, daß sie dem Teufel dient. Luther, der die Welt durch und durch kannte, haßte sie dementsprechend. Er wußte, daß das Gesetz des Kampfes ums Dasein in ihr herrscht; daß in der Welt, so drückte er es aus, der Stärkere den Schwächeren in den Sack steckt. Es war für ihn das Reich der Tiere, aus denen das Gesetz erst Menschen machen muß. Sein ganzes Leben war ein leidenschaftlicher Kampf gegen die Welt; dennoch dachte er nie daran, sie an sich zu verneinen. Er nannte den Teufel den Affen Gottes, und in diesem Sinne mußten ihm die sichtbare Kirche, Akademien, Universitäten Affen der unsichtbaren Kirche, mußte ihm die Ehe der Affe der Liebe sein; trotzdem hat er weder die Kirche, noch die Universitäten, noch die Ehe abschaffen wollen. Das Christentum ist durchaus paradox, indem es etwas als durchaus verwerflich, zugleich aber als notwendig, und insofern könnte man sagen, als gut hinstellt. Einer von Luthers Gegnern stellte einmal alle Widersprüche in Luthers Lehre in einem Buche zusammen. In bezug darauf schrieb Luther an Melanchthon: „Wie können diese Esel über Widersprüche in unserer Lehre urteilen, die keinen Teil des einander Widersprechenden verstehen? Was kann unsere Lehre in den Augen der Ungläubigen anders sein als bloßer Widerspruch, da sie die Werke zugleich fordert und verurteilt, die Gebräuche zugleich aufhebt und wieder einsetzt, die Obrigkeit zugleich verehrt und anschuldigt, die Sünde zugleich behauptet und leugnet?“ Wie sehr versteht man, daß Luther sich oft Gewalt antun mußte, um seine Gegner nicht schweigend zu verachten, sondern zu bekämpfen!

Während Luther den Teufel als einen Feind haßte, den man doch anerkennt, ja sogar bewundern kann, haßte er Luzifer schlechthin. Von der Versuchung des Luzifer, der er selbst unterworfen war, sprach er nicht ohne Furcht und Grauen. Den gemeinen Teufel nannte er den inkarnierten, den eingefleischten, weil er durch das eigene Fleisch oder in Gestalt anderer Menschen einen angreift, und er beneidete seine Freunde, die nur ihn kannten, nicht den Teufel in seiner Majestät, den Teufel im Geiste, eben Luzifer. Dieser nämlich ist vom Teufel wesentlich verschieden, er hat einen anderen Ursprung und andere Wirkungen. Der böse Teufel kommt aus dem Herzen, wie es in der Bibel heißt: Aus dem Herzen kommen böse Gedanken; und diese gemeinsame Wurzel beweist seine Gottverwandtschaft. Käme das Böse nicht aus dem Herzen, so könnte es keine schwarze Magie geben, da es sonst keine Kraft hätte. Selbstliebe ist so gut Kraft wie göttliche Liebe, es ist dieselbe Kraft, nur auf verschiedene Punkte bezogen; der böse, grausame, tyrannische Mensch kann in jedem Augenblick zum verschwenderisch gütigen werden, wenn seine Liebeskraft von seinem Selbst auf Gott umspringt. Scheinbar kann man sich besser auf den Kopf verlassen als auf das Herz, weil man da auf festem Boden steht; aber was gibt mir dieser Bretterboden oder Steinboden? Ich verlasse mich nur auf ein Herz, obwohl es ein bewegliches, bodenloses, ewig wechselndes Meer ist.

Luzifer hat keinen Sinn für die wilde, zufällige Schönheit; er will vollkommen und Gott gleich sein, nämlich dem abstrahierten Gott, den er sich ausgedacht hat. Er läßt Hörner und Pferdefuß nicht mehr sehen, sondern verstellt sich in einen Engel des Lichts, an den alten Teufel erinnert nichts mehr; sein eigentliches Wesen, seine Selbstliebe verlarvt er. Da ist nun der Punkt, weswegen er so gefährlich ist: er ist nicht wie der gemeine Teufel eine Hemmung der Kraft, die die Kraft erst hervortreten läßt, sondern er ist eine Hemmung der Hemmung und hebt dadurch das Spiel des Lebens auf. Die Form des Lebens ist nicht der Kreis mit einem Mittelpunkte, sondern die Ellipse. So wie der moralische Mensch seine natürliche Selbstsucht erstickt, um eine erdachte Vollkommenheit zu erreichen, vertreibt er auch das Göttliche: er kann, mit anderen Worten, die Tätigkeit des Herzens nicht hemmen, ohne das ganze Herz zu lähmen. An die Stelle der heißen Hölle tritt die kalte oder das Nichts. Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem lebendigen Organismus zu einem Automaten. Insofern die aus Gott abgeleitete, aber sich Gott widersetzende Kraft ihrem Wesen nach der Mann ist, kann man die luziferische Hemmung auch eine Selbstentmannung nennen, deren Folge Unproduktivität ist. Überwiegend moralische Menschen, Völker und Zeiten sind unproduktiv.

Das beständige Wirken der eigenen Kraft, der Selbsttätigkeit, verdrängt Gott, die nicht von unserer Willkür abhängende Kraft, das ist die Liebeskraft oder Schaffenskraft. Im einzelnen äußert sich das als Mangel an Gestaltungskraft, plastischer und dichterischer Phantasie, Mangel an Tatkraft und Ideenlosigkeit. Der moralische und der edle Mensch sind phantasielos, tatenlos und ideenlos. Der Welt kann nun allerdings die Moral zugute kommen, wovon England ein sehr deutliches Beispiel ist; aber mit der Zeit muß infolge des Mangels an lebendiger Kraft doch ein Absterben eintreten. Manchmal geschieht es, daß das hinter der moralischen Larve fast erstickte Feuer sich empört und die Kruste zerreißt, was dann einen vollständigen inneren Zusammenbruch bedeutet. Davon gibt die Geschichte Nietzsches ein tragisches Beispiel. Er lebte in einer durchaus moralischen Zeit und stammte aus einer überwiegend moralischen Familie. Seine Briefe sind unerträglich trocken und dürftig, es fehlt ihnen ganz das, was Wölfflin so schön den Zauber des Zufälligen nennt, das Freie, Überraschende, der göttliche Hauch. Er schloß sich eng an Schopenhauer, der die Wahrheit ahnte, aber niemals aus der moralischen Verlarvung, die er doch haßte, herauszukommen vermochte; ebenso war es mit Wagner. Von diesen beiden bezog er seine Ideen; eigene hatte er zunächst nicht. Bezeichnenderweise fühlte er sich besonders zu Burckhardt hingezogen. Jeder genial begabte Schweizer muß, bevor er schaffen kann, eine außergewöhnlich starke Kruste von Moralität und Eigenheit abschmelzen. Dieser Aufwand von Glut und diese dicke Kruste machen, daß nur wenig Früchte gezeitigt werden, daß sich diese aber durch Reife und Süßigkeit auszeichnen. Die schweizerische Kunst ist kein Brot des Lebens für die Menschheit, sondern ein Leckerbissen für eine erlesene Tafel. Was aber bei Burckhardt organisch war, war bei Nietzsche krankhaft; denn die Schweizer bleiben geduldig in ihrem Gehäuse, das ihnen im Grunde bequem ist, und glühen es nur stellenweise etwas an. Nietzsche dagegen strebte jäh heraus und ruhte nicht, bis die Kruste zerrissen war, ähnlich wie Kleist; das Leben wechselte bei ihnen zwischen Erstarrung und vulkanischen Ausbrüchen. Nietzsche wollte sich von der Moralität durch Immoralität befreien, den Teufel durch Beelzebub austreiben; die höhere Einheit, unter der er den Widerstreit hätte vereinigen können, fand er nicht. Er hatte, anders ausgedrückt, ein Übermaß von Negation in sich, womit er sich nicht abfinden und das er doch nicht aufwiegen konnte. Hätte er sich begnügt, ein paar reife, süße Früchte zu tragen, das wäre möglich gewesen, und er hat es ja auch getan; aber als Deutscher mußte er Brot des Lebens allen Menschen geben wollen, und dazu war er zu verselbstet.

Nicht die Negativität, das Fürsichsein und Fürsichwollen ist verderblich, es ist vielmehr erforderlich; nur dann ist es absolut zu verdammen, wenn es das Göttliche verdrängt, und dahin gerade strebt es mit Notwendigkeit. Es liegt im Wesen des Menschen, der Person, alles für sich zu wollen, also Gott sein zu wollen; im Augenblick, wo er alles erreicht zu haben glaubt, hat er alles verloren.

Ich denke mir, du bist unzufrieden, daß ich die Moralischen und die Edlen und Stolzen zusammenwerfe, während doch die letzteren viel höher stehen. Also will ich den Unterschied noch einmal betonen, der darin besteht, daß die Moralischen irgendeine Belohnung außer sich, die Stolzen nur die eigene Zufriedenheit suchen. Die Worte Adel und Edel haben dieselbe Wurzel, und Adel ist seinem Wesen nach Selbstanbetung und infolgedessen Absonderung durch Inzucht. Die Folge der Inzucht ist zuerst Steigerung des erlangten Typus durch Häufung seiner Merkmale, dann Verkümmerung und Absterben durch Mangel an Gegensatz. Dem Adel in seiner Blüte, wenn er die Macht an sich reißt, ist es nur um diese zu tun, Reinheit des Blutes und auch seine Titel, soweit sie nicht Privilegien einschließen, sind ihm noch nicht sehr wichtig; erst auf dem Höhepunkte seiner Macht schließt er sich ab. Mit dem Eroberertypus, dem, der die Macht erlangt hat, ist die Kraft erschöpft; sein Nachfolger, der Königstypus, erbt nur „des Ahnherrn große Züge“, nicht mehr als Ausdruck des Innern, sondern als Maske. Die Kraft aber, die sein Ich nicht mehr binden kann, umgibt ihn als ein schützender Mantel und hält das Volk in Ehrfurcht von ihm fern, das, wenn es ihn berührte und gewahr würde, daß er „innen hohl“ und unendlich viel schwächer ist als jeder einzelne von ihnen, ihn vernichten würde.

Den Adel der Selbstanbetung kann jeder Mensch, jeder Stand, jedes Volk erreichen. Den adligsten Adel fand ich in der Schweiz; das ganze Volk leidet ja an Selbstanbetung und Absonderung durch Inzucht. Die Ausgeglichenheit und Überlegenheit, die Kultur, die in gewissen Schweizer Städten und Familien vorhanden ist, verhältnismäßig auch auf dem Lande, hat etwas unwiderstehlich Einnehmendes und Imponierendes; aber der damit verbundene Mangel an Herzhaftigkeit entfremdet auch wieder. Mangel an Phantasie, Mangel an Taten und Ideen sind die verhängnisvollste Folge der Selbstanbetung und Absonderung.

Es ist gefährlich, wenn der Mensch in dem Augenblicke, wo er in den Spiegel des Sichselbsterkennens sieht, zu schön ist; je geringer der Unterschied zwischen ihm und der göttlichen Vollkommenheit ist, desto eher kann er sich selbst mit Gott verwechseln. Der Selbstgenuß der eigenen Schönheit ist ein Fluch, wie schon das Märchen von Narkissos lehrte, und sondert vom Leben ab. Deswegen will ich aber der Schönheit ihre Schönheit nicht abstreiten; ja, ich leugne nicht, daß der veredelte Mensch, Luzifer, der Rebell, der aus eigener Kraft gottähnlich werden will, einen gefährlichen Zauber auf mich ausübt. Es ist eine Schönheit, die durch das tragische Siegel des Todes geweiht ist.

Luther sagte einmal: „Gott hat in tausend Jahren keinem Bischof so große Gaben gegeben als mir, denn Gottes Gaben soll man sich rühmen. Ich bin zornig auf mich selbst, daß ich mich ihrer nicht von Herzen freuen noch danken kann.“ Ähnlich sagte Gustav Adolf, der fest glaubte, er sei von Gott verordnet, das Wort Gottes zu schützen, wenn er falle, so liege daran nichts; denn Gott könne wohl einen anderen Kavalier erwecken, der die Kirche noch besser verteidigte, als er getan habe. Das Geheimnis, daß das Genie sich seiner Größe bewußt und doch nicht eitel ist, liegt darin, daß sie aus dem Herzen kommt, das dem Menschen gehört, dem aber auch der Mensch gehört.

[XI]

Ich will die Lehre von der Dreieinigkeit noch einmal zusammenfassen: Gott ist schaffende Liebe; er äußert sich dreifach als Gott-Natur, Gott-Mensch und Gott-Geist. In Gottes Ebenbilde, dem Menschen, äußert sich die göttliche Kraft entsprechend als Gestaltungskraft, Tatkraft und Glaubenskraft oder Vernunft. Auf der ersten Stufe des Geistes, der der Phantasie, erfaßt der Mensch die Welt als unendlich viele Einzelheiten, die ihm alle göttlich sind, so daß die ganze Welt ihm göttlich ist, aber unbewußt; auf der Stufe der Tatkraft erfaßt er die Welt als Gegensatz zwischen dem Einen persönlichen Gott und dem teuflischen Gegengott, dem menschlichen Selbst; zuletzt glaubt er an eine göttliche Welt, deren Inneres mit seinem Inneren zusammenfällt. Seit die Menschheit die Welt als unendlich ansieht, dürfen wir ganz wohl Welt, im Sinne von Kosmos natürlich hier, statt Gott setzen, und da die drei Offenbarungen der göttlichen Kraft sowohl nebeneinander wie nacheinander erscheinen, dürfen wir sagen, daß die Welt sich stufenweise entwickelt. Danach lautet der wesentliche Inhalt von Luthers Glaubensbekenntnis, in die Sprache unserer Zeit übersetzt: Wir glauben an die Welt als an eine sich entwickelnde, endlose und grenzenlose Einheit, deren Mittelpunkt der Mensch ist. Dies Glaubensbekenntnis ist geozentrisch, wie mir scheint, mit Recht; denn Gott, der Geist, der sich im Menschen offenbart, schafft die Welt, folglich muß der Mensch und mit ihm die Erde der Mittelpunkt der Welt sein.

Die Dreieinigkeit drücke sich auch in der allergeringsten Kreatur ab, sagt Luther, insbesondere natürlich im Menschen. Das antike Wort, daß der Mensch die Welt im kleinen, das Maß aller Dinge sei, heißt beim Christen, er sei das Ebenbild Gottes. Die drei Einheiten, die den Menschen bilden, nennt Luther, sich auf Paulus beziehend, Geist, Seele und Leib. Die betreffende Stelle kommt im ersten Brief an die Thessalonicher vor und heißt: Gott, der ein Gott des Friedens ist, der mache euch heilig durch und durch, also daß euer ganzer Geist und Seele und Leib unsträflich erhalten werde auf die Zukunft unseres Herrn Jesu Christi.

Den Geist beschreibt Luther als den „höchsten, tiefsten, edelsten Teil des Menschen, damit er geschickt ist, unbegreifliche, unmittelbare, ewige Dinge zu fassen und ist kürzlich das Haus, da der Glaube und Gottes Wort innewohnt“. Die Seele sei derselbe Geist nach der Natur, aber doch in einem anderen Werke, nämlich in dem, daß er den Leib lebendig mache und durch ihn wirke. Durch die Seele also wirkt der Geist auf den Körper. Die Art der Seele sei, nicht die unbegreiflichen Dinge zu fassen, sondern was die Vernunft (wir würden sagen der Verstand) erkennen und ermessen könne, und die Vernunft sei das Licht in diesem Hause. Sowohl die Erkenntnis wie die Affekte schreibt er, im Einklange mit der Heiligen Schrift, der Seele zu. Um diese menschliche Dreieinigkeit deutlich zu machen, fügt Luther noch ein Bild hinzu; er vergleicht sie nämlich mit dem von Moses beschriebenen Tabernakel. Das Allerheiligste, in dem Gott wohne und in dem kein Licht sei, stellt er dem Geiste gleich, das Sanktum mit dem siebenarmigen Leuchter der Seele, das Atrium, den jedermann zugänglichen Vorhof, dem Körper.

Mir stellt sich das unwillkürlich körperlich vor, nämlich als drei ineinander schwebende Sphären, von denen die innere der Geist, das Allerheiligste ist, die äußere der Körper und die mittlere, welche Geist und Körper verbindet, die Seele. Überträgst du diese Form des Mikrokosmos auf den Makrokosmos, so ergibt sich, daß die Menschheit die Seele der Welt ist; im Selbstbewußtsein der Menschheit wird das Sichtbare und das Unsichtbare, Stoff und Kraft, zur Einheit. Ohne die Menschheit wäre die Welt seelenlos, ja, sie wäre nicht, denn es wäre nur Chaos. Das Wort der zum Selbstbewußtsein erwachenden Menschheit läßt die Welt aus dem Nichts hervortreten.

Vom Allerheiligsten, dem Geiste, sagt Luther, daß es dunkel bleiben soll, und zwar damit das Licht Gottes darin scheinen könne: das Licht scheinet in der Finsternis. Von dem gegensätzlichen Verhältnis zwischen Selbstbewußtsein und Gottbewußtsein war schon die Rede, daß nämlich das eine auf Kosten des anderen wächst und schwindet. Wir sollen Gott in allen seinen Äußerungen Raum lassen. Wie wir das Kind im Schoße der Mutter verborgen wachsen lassen müssen, wie wir Knospen nicht gewaltsam öffnen dürfen, so sollen wir auch Gott in unserem Geiste reifen lassen, ohne das geheimnisvolle Werk voreilig zu stören. Dauernder Betrieb, hastige Geschäftigkeit verscheucht den Gott der Tat: Tell taucht aus dem Dunkel auf zur großen Erlösertat, um dann wieder zu versinken. Ebenso wächst das Wort der Wahrheit im Schweigen und Hören. Du kennst das Gleichnis von Martha, die sich viel zu schaffen machte, während ihre Schwester Maria zu Jesu Füßen saß und seinen Worten zuhörte. Martha, Martha, du machst dir viel Sorge und Mühe, sagte er, aber eins ist not. Dies, was not ist, ist der Glauben, das Stillesein vor Gott, damit er in uns wirke, ein vorübergehendes Zurücktreten, Auslöschen also des Selbstbewußtseins. Ich habe dabei das geometrische Bild vor Augen und sehe, wie die dunkle Sphäre des Geistes zurückgedrängt wird, wenn die erleuchtete Sphäre der Seele zu stark anschwillt; das eine lebt auf Kosten des anderen, sowie die Persönlichkeit ein gewisses Maß übersteigt, leidet Gott. Füllt die Seele das Allerheiligste ganz aus, so muß, wie das Bild unwiderleglich zeigt, früher oder später ein völliges Versiegen folgen, da ja der Seele ihr Inhalt aus der innersten Sphäre zuströmt, die mit Gott eins ist.

Ohne irgendeinen berauschenden Lethe ertrüge der Mensch das Leben nicht, und es strömen ihm zwei Brunnen des Selbstvergessens im Schlaf und in der Liebe. Es hat mir eine hohe Meinung von Keplers Seelenkenntnis gegeben, daß er an Wallenstein die „allzeit wachen Gedanken“, das emsige, unruhige Gemüt als etwas nicht Geheures hervorhebt; diese beständige Wachsamkeit, die uns als strafbare Neugier oft in Sagen begegnet, die Unfähigkeit, sich von dem stets regen Selbst abzulösen, verzehrt die Kraft des Menschen, wie das Licht die Kerze verzehrt. Die Nacht, aus der er gekommen ist, muß auch im Leben ihren Anteil an ihm behalten; Entziehung des Schlafes tötet, und Lieblosigkeit ist schon der Tod. Daß Gott die Welt aus Nichts geschaffen hat, muß man tiefer fassen, als gewöhnlich geschieht; er, der nie einen Augenblick zu schaffen aufhört, läßt sie in jedem Augenblick aus dem Chaos aufsteigen, und es muß umgekehrt Chaos da sein, damit geschaffen werden kann.

Vollkommene Unpersönlichkeit und deshalb vollkommenes Unbewußtsein finden wir beim Kinde; denn es hat sich noch nicht zum Selbst entwickelt. Es ist das Nichts-von-sich-wissen und Nichts-für-sich-wollen, was den Erwachsenen am Kinde entzückt, das göttliche Dunkel des verlorenen Paradieses. Kindes Hand ist leicht zu füllen, sagt das Sprichwort; es greift nach einem Sonnenstrahl, den es nicht halten kann, ja, nur im Anschauen leuchtet es vor Glück. Es ist ganz und gar aufnehmend, im Nicht-Ich aufgehend, ein klarer Spiegel der Welt. Jesus sagte: „Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: wer nicht das Reich Gottes nimmt als ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ Gott herrscht in dem reinen Herzen, das nichts von sich weiß; es ist also unmöglich, daß ein Mensch göttliche Kraft habe, der sich das reine Herz, das Unbewußtsein des Kindes nicht trotz des Selbstbewußtseins, durch das jeder hindurch muß, bewahrt.

Daß es möglich ist, Person und doch Kind, selbstbewußt und zugleich gott- oder unbewußt zu sein, beweist jedes Genie und Luther selbst vor allen. In den Tischgesprächen, wo er sich ganz unbefangen äußert, spricht sein kindliches Herz am klarsten; vernehmbar ist es aber in jedem seiner Werke, ja, ich möchte sagen: in jedem seiner Worte. In fast übermenschlicher Liebestätigkeit vergaß er immer wieder sein Selbst; dies Selbst, diese gewaltige Persönlichkeit, welche sich oft dagegen wehrte in Qualen, die ihn an den Rand des Todes brachten; aber immer wieder ging das gereinigte Herz siegreich hervor und mit ihm die frisch betaute Welt.

Als ein Mittel, das ihm in diesen Kämpfen geholfen habe, führt Luther die Beichte an; ohne sie, meint er, würde der Teufel ihn überwunden haben. Die Zwangsbeichte der katholischen Kirche allerdings verwarf er; nur die Beichte, die freiwillig aus dem Herzen fließt, hielt er für nützlich. Der freiwillig Beichtende nämlich äußert so viel von sich, wie schon in seiner Seele, in seinem Selbstbewußtsein ist, und er denkt, wenn er davon befreit ist, nicht weiter über sich nach, wodurch er der Gefahr der Selbstzergliederung entgeht; bei der erzwungenen Beichte dagegen wird man zur Selbsterforschung angeleitet. Kein Priester soll sich anmaßen, die „Heimlichkeit des Herzens“ zu erforschen; denn über das Herz hat kein Mensch Gewalt, als den edelsten Teil des Menschen hat Gott es sich vorbehalten, das heißt: es soll nur freiwillig sich öffnen und geben. „Die Reue, die man zubereitet durch Erforschen, Betrachtung und Haß der Sünden, wenn ein Sünder mit Bitterkeit des Herzens seine Zeit bedenkt, der Sünde Größe, Menge und Unflat bewegt, dazu den Verlust ewiger Seligkeit und Gewinn ewiger Verdammnis, die macht nur Heuchler und größere Sünder.“ Auch vor anderen und vor sich selbst muß der Mensch Ehrfurcht haben, denn im Menschen offenbart sich Gott; es ist Schamlosigkeit, einem anderen, aber auch sich selbst die letzten Geheimnisse des Herzens zu erpressen, und eine gewisse ängstliche Verlegenheit verrät diejenigen, die diese von Gott gezogene Grenze überschritten haben. Es verrät sie auch ihre Ohnmacht; denn Selbstbetrachtung macht unfruchtbar. Dadurch, daß man sich nach außen ausströmt, rettet man sich vor der Selbstentweihung, die zugleich Entweihung Gottes ist. Vielleicht erinnerst du dich, daß wir den Ungläubigen als denjenigen bestimmten, der sich selbst anbetet, und Selbstbetrachtung ist ja Selbstanbetung. Von solchen Menschen sagt Paulus, daß sie immerzu lernen und nimmermehr zur Wahrheit kommen. „Es sind Menschen, die haben einen verrückten Sinn, untüchtig zum Glauben. Aber sie werden fortan nichts mehr schaffen.“

Beiläufig bemerkt, halte ich es für einen Erziehungsfehler, wenn man den Kindern als ungehörig verweist, von sich selbst zu sprechen; wenigstens sollte man es nur tun, wenn man ihnen zugleich ein solches Interesse für das Nicht-Ich erwecken kann, daß sie sich selbst darüber vergessen. Die meisten Menschen denken desto mehr an sich, je weniger sie von sich sprechen. Jeder sollte einen Freund haben, dem gegenüber er sich gehen lassen und sich aussprechen kann; und wer gar keinen hat, ist wohl durch Selbstanbetung unlösbar an sich gekettet. Wohl demjenigen, dem ein Gott gab, zu sagen, was er leidet; in diesem Sinne nennt Luther einmal die Psalmen das wahre γνῶϑι σαυτον.

Für mein Gefühl ist es der Mangel an Naivität in den heutigen Menschen, der den Umgang so schwer macht und bewirkt, daß man fast am liebsten mit Menschen aus dem Volke verkehrt. Der siebenarmige Leuchter der Seele hat begonnen, alle Winkel des Allerheiligsten hell zu machen; man ißt, trinkt, geht, atmet bewußt, man zerrt und nagt an jeder Knospe. Etwas wesentlich Unwillkürliches und Unbewußtes ist der Tanz; aber heute macht man ein schweres Studium daraus. Dahin gehört auch die heutige Mode, wonach Frauen sich ganz oder fast ganz unbekleidet öffentlich sehen lassen unter dem Vorwande, das Anschauen des nackten menschlichen Körpers gehöre zur künstlerischen Bildung. Nach meiner Meinung gehört die Nacktheit zu den Mysterien; es ist ein Sakrileg, sie öffentlich in irgendeiner bewußten Absicht zur Schau zu stellen, sei sie auch moralisch oder edel. Alle wahrhaft schönen Darstellungen nackter Frauen in der Kunst sind sicherlich dadurch entstanden, daß ein Künstler seine Geliebte malte. Wie ein Dichter nur einen Menschen, braucht ein Künstler nur einen Körper ganz zu kennen; aber diesen muß er lieben. Der Körper braucht nicht vollendet schön zu sein, die Liebe ersetzt, was fehlt. Das Studium des Nackten kann „vor der Welt“ nützlich sein, und es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn man es studiert; aber das Beseligende der nackten Schönheit kann nur von dem Liebenden genossen werden, dem sie sich aus Liebe enthüllt. Sie gehört nicht in einen künstlich beleuchteten Saal vor das Publikum. Ebenso mag es für die Welt nützlich sein, wenn man die Jugend über die Mysterien der Liebe aufklärt; aber die Liebe muß sterben, wenn man sie aus ihrem göttlichen Dunkel reißt.

Es ist selbstverständlich, daß man nicht davor zurückschrecken wird, auch die Kindlichkeit künstlich herzustellen, und vielleicht wird man sich zum Zwecke der Unbewußtheit Freunde halten und ihnen sein Herz ausschütten, lebhafte Liebestätigkeit entfalten oder Schlafmittel nehmen und dadurch nur immer bewußter werden. Alles, was aus dem Herzen kommt, gibt nur die Gnade; Vorläufer der Gnade sind aber das Gesetz und die Not, und so muß man wohl auf diese hoffen.

[XII]

Als ich dieser Tage in Schopenhauer blätterte, fand ich, daß er als körperliche Grundlage des Genies ein stark entwickeltes Gehirn betrachtet; indessen, fügte er hinzu, mache weder das allein noch auch ein feines Nervensystem das Genie vollständig, sondern es müsse ein leidenschaftliches Temperament dazukommen, körperlich sich darstellend als ungewöhnliche Energie des Herzens und folglich des Blutumlaufs, zumal nach dem Kopfe hin. „Denn hiedurch wird zunächst jene dem Gehirn eigene Turgeszenz vermehrt, vermöge deren es gegen seine Wände drückt, daher es aus jeder durch Verletzung entstandenen Öffnung in diesen hervorquillt; zweitens erhält durch die gehörige Kraft des Herzens das Gehirn diejenige innere, von seiner beständigen Hebung und Senkung bei jedem Atemzuge noch verschiedene Bewegung, welche in einer Erschütterung seiner ganzen Masse bei jedem Pulsschlage der vier Zerebralarterien besteht, und deren Energie seiner hier vermehrten Quantität entsprechen muß, wie denn diese Bewegung überhaupt eine unerläßliche Bedingung seiner Tätigkeit ist. Dieser ist eben daher auch eine kleine Statur und besonders ein kurzer Hals günstig, weil auf dem kürzern Wege das Blut mit mehr Energie zum Gehirn gelangt; deshalb sind die großen Geister selten von großem Körper.“

Du erinnerst dich vielleicht, daß Luther mit Paulus den Menschen als eine Dreieinigkeit von Geist, Seele und Leib darstellt, und daß ich dich bat, dir diese Dreieinigkeit als eine Kugel vorzustellen, deren innerste Sphäre der Geist sei. Der körperliche Ausdruck des Geistes ist das Herz, so daß du Geist für Herz setzen kannst, und da Geist Gott ist, könntest du auch Gott für Herz setzen, mit der selbstverständlichen Einschränkung, daß deshalb Gott und das einzelne Herz sich nicht decken. Das Herz ist wie eine Bucht, in die das Meer einströmt, und die das in ihr gesammelte Meer einem bestimmten Lande zuteilt. Man kann dabei an das in der Gebärmutter wachsende Kind denken, und wie das mütterliche Blut in es hineinfließt. Wenn du dir vorstellst, daß man, dieser Übertragung folgend, das Blut vom Kind zur Mutter zurück und immer weiter zurück bis zu einer angenommenen Urmutter verfolgen kann, so gibt das ein Bild von der Verknüpfung des einzelnen mit der Unendlichkeit durch das Herzblut.

Daß nach der Auffassung der Bibel und Luthers Gott durch das Herz mit dem Menschen verbunden ist, habe ich schon mehrmals erwähnt; du dachtest dabei aber wohl nicht an das körperliche Herz und nahmst es mehr für einen bildlichen Ausdruck. „Die Liebe Gottes“, heißt es in den Römerbriefen, „ist ausgegossen in unser Herz durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben ist.“ Die Wiedergeburt bestehe darin, sagt Luther, daß man ein neues Herz und neuen Mut gewinne. Niemals werden die göttlichen Dinge in Verbindung mit der Seele, dem Sitz der menschlichen Vernunft, gebracht, nur insofern, als die Seele vom Geist erleuchtet werden kann. Ich betone das deshalb, weil die meisten Menschen jetzt, wenn sie von Geist sprechen, einen Menschen geistvoll nennen, dabei an etwas Abstraktes, Begriffliches, Anstrengendes denken, eine dunkle Vorstellung von Blaustrümpfen und Gelehrten haben. In Wirklichkeit hat aber der Geist nichts mit dem Kopf zu tun, sondern er offenbart sich dem Herzen, unserem unwillkürlichen Organ, das nicht von uns abhängt, von dem vielmehr wir abhängen. Die geistvollste Frau war jedenfalls Maria, die Mutter des Herrn, ohne Schulbildung, aber voll Liebe, voll Phantasie, voll Heiterkeit, voll von Einfällen, durch welche die Wahrheit hindurchstrahlte. „Des Heiligen Geistes Amt ist nicht Bücher schreiben noch Gesetze machen“, heißt es bei Luther, „sondern daß er ein solcher Geist ist, der in das Herz schreibt und schafft einen neuen Mut.“

Alle genialen Menschen haben dieselbe Ansicht geäußert. „Der Kopf faßt kein Kunstprodukt als nur in Gesellschaft mit dem Herzen. Der Betrachtende muß sich produktiv verhalten, wenn er an irgendeiner Produktion teilnehmen will.“ Dieser Ausspruch ist von Goethe; ich glaube, es ist überflüssig, andere aufzuzählen. Alles Begriffliche, Abstrakte kommt aus dem Kopfe; die Gedanken, die aus dem Herzen kommen, sind daran zu erkennen, daß sie nicht abstrakt, sondern sinnlich, bildlich sind. Das Herz denkt in Bildern; man kann auch sagen, es träumt. Bei Gelegenheit seines Kampfes gegen die Bilderstürmer bemerkte Luther, wenn von einem Kruzifix gesprochen werde, so entwerfe sich in seinem Herzen das Bild eines gekreuzigten Mannes, ob er wolle oder nicht. Wenn Goethe sagt: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist's, was wir uns von Gott erbitten sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.

Durch die Welt, die Gott sich erschuf, wie wir mythisch sagten, geht die Spaltung in aktive Kraft und passiven Stoff, in zeugende Männlichkeit und empfangende Weiblichkeit. Das Aktive, an sich positiv, verhält sich gegensätzlich zu Gott, zu der Kraft, aus der es abgeleitet ist; das Passive, an sich negativ, wird positiv durch die göttliche Kraft, wenn es sich ihr hingibt. Sowohl das Fortpflanzungsorgan wie das Gehirn sind in eine aktive und eine passive Hälfte geteilt; das Herz dagegen ist ganz und gar aktiv seiner Welt gegenüber als ihr Gott; nur Gott gegenüber, dem Meere, das es speist, ist es passiv.

Auch das Herz hat seine Geschichte und sein Schicksal; das Sein wird. Die einzelligen Geschöpfe, aus welchen wir erwachsen, Urzelle jedes einzelnen organischen Wesens und zugleich Urzelle der ganzen unendlichen Reihe, bestehen aus Protoplasma, der sogenannten lebendigen Substanz, in welcher ein Kern zu unterscheiden ist. Dieser Kern ist nicht das Herz, sondern die Keimzelle, das Fortpflanzungsorgan, die körperliche Darstellung des tierischen Selbst; es ist, soweit es mehr aktiv als passiv ist, die Hemmung, die Gott sich gesetzt hat, der Teufel. Das Herz mit dem Blutumlauf ist angedeutet durch eine Anzahl von Hohlräumen, die sich zusammenziehen und die uns die Kraft im Stoffe zeigen. Allmählich erst sammelt sich das eine, monarchische Herz, das Aristoteles das punctum saliens und das Tier im Tiere nannte. Dieser Ausdruck, der ganz falsch wäre, wenn er das ganze Wesen des Herzens erschöpfen sollte, ist aus dem richtigen Gefühl entstanden, daß das Herz ein Lebendiges, Aktives in dem gleichfalls lebendigen Körper ist. Richtiger wäre es, die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane Tiere im Menschen zu nennen. Wir sind Mineral, soweit wir Skelett sind, wir sind Pflanzen, soweit wir atmen und wachsen, wir sind Tiere, soweit wir uns ernähren und fortpflanzen, Menschen, soweit wir denken, Götter, soweit wir liebend und schaffend dies alles zugleich sind. Die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane, früher als das Gehirn entwickelt, sind die alten titanischen Götter, die das neue Regiment nach furchtbarem Kampf entthronte. So sagt die heidnische Mythologie; wir können sagen, es seien die Organe, durch welche Gottvater im Stoff bildet. Durch das Gehirn bildet er im Geiste; aber er wirkt in diesen Organen nicht unmittelbar, sondern mittelbar durch das Herz. Die plastischen Organe sind die Mittelpunkte des Tieres, das Gehirn ist der Mittelpunkt des Menschen, das Herz der göttliche Mittelpunkt. Geschlecht und Gehirn sind die Brennpunkte der Ellipse, das Herz ist der Mittelpunkt des Kreises, welcher aber, als die vollkommene Form, nicht Erscheinung werden kann und soll.

Das Herz, dies wundervolle Organ, allgegenwärtig, allwissend und allmächtig in seiner Welt, erhält sie ganz, ist immer tätig und gebend, auch dann noch tätig, wenn es vom Körper losgelöst ist. Den Körper überall mit dem Netz seiner Adern berührend, ist es doch nicht durch ihn gefesselt; es regiert sich durch seine eigenen Nerven, selbstgenügsam, der Himmel, die Heimat Gottes.

Das Herz ist der Gott im Menschen: est deus in nobis, agitante calescimus illo. Allein die Herrscherstellung des Herzens ist, wie schon gesagt, nur theoretisch: der Himmel ist nicht ohne Erde wirklich, Gott nicht ohne die Welt, das Herz nicht ohne den Körper, auf den es wirkt, und den es erhält, indem es von ihm erhalten wird.

Die natürliche Einheit ist im Kinde vorhanden, dessen Herz kleiner ist als das des Erwachsenen, aber den aktiven Widerstand im Brennpunkte des Körpers und Gehirns noch nicht zu überwinden hat. Mit dem zunehmenden Widerstande entwickelt sich das Herz, das im reifen Mannesalter seine höchste Kraft erreicht hat; später nimmt es wieder ab, aber da im gleichen Maße die Aktivität der Geschlechtsorgane abnimmt, stellt sich ein ähnliches Verhältnis her wie im Kindesalter. Ebenso ist das Herz der Frau schwächer als das des Mannes, hat aber weniger Widerstände zu besiegen, aus welchem Grunde die Frau harmonischer ist als der Mann, nicht so zerrissen, aber andererseits nicht so genial.

Vergegenwärtige dir bitte den Menschen durch folgenden Grundriß:

Hier wird deutlich, daß die Aktivitäten die Brennpunkte sein müssen, damit Funken überspringen können und der ganze Organismus lebt. Ferner siehst du, daß, wenn die Aktivität des Geschlechts überhandnähme, das Herz vollständig durch das Geschlecht gebunden wäre: ein tierähnlicher Zustand. Das Herz muß deshalb, im Verein mit dem Gehirn, der Aktivität des Geschlechtes Herr werden, wohlverstanden aber ohne sie ganz zu töten; denn geschähe das, so wäre das Herz ganz auf das Gehirn beschränkt. Das Gehirn hat die Neigung, das Herz ganz für sich in Beschlag zu nehmen, es vom Körper abzusondern. Der nachchristliche Mensch, dessen Gehirn eine größere Aktivität hat als der vorchristliche, ist immer in Gefahr, seinen eigenen Körper zu töten, indem er ihn vom Herzen absondert. Er entgeht dieser Gefahr nur durch Bewegung, welche den Blutstrom aus dem Herzen auf den ganzen Körper verteilt. Man hat in neuester Zeit das Übel bemerkt und ihm durch allerhand gymnastische Übungen abhelfen wollen; aber das ist nur eine künstliche Aushilfe, durch die der Zweck niemals erreicht werden, die vielmehr schaden kann, da sie den Organismus von außen in eine Tätigkeit versetzt, der die innere Kraft nicht entspricht. Die Bewegung muß zugleich eine innere sein, nur eine aus dem Herzen entspringende Tätigkeit, ein Überwinden innerer und äußerer Widerstände kann das Herz üben und kräftigen. Tätigkeit, die Seele des Menschen, macht das Herz so stark, daß es die inneren Widerstände überwindet, ohne sie zu töten. „Seid getrost“, spricht der Herr, „ich habe diese Welt überwunden.“ Niemals hat Christus gesagt, er wolle die Welt töten, er, der die Ehebrecherin beschützte, weil sie viel geliebt hatte; das Herz muß stärker als die Welt sein, das ist das Geheimnis des Sieges. Das Herz, um die Einheit in der Ellipse herzustellen, muß stärker sein als ihre Brennpunkte. Mit Christus, der das Selbstbewußtsein vollendete, der sich selbst als Gott, als Geist erkannte, war die Aktivität des Gehirns so stark geworden, daß die kindliche Einheit des Kreises auf immer zerstört war. Zugleich indessen brachte er die Erlösung, indem er durch persönliches Handeln, durch eine stärkere Bewegung des Herzens, die Einheit als Dreieinigkeit wiederherstellte. Er gebot den Menschen zu handeln und zu glauben, beides zugleich, da eins ohne das andere nicht sein kann. Wer persönlich handelt, muß glauben, da er sonst die Last der Verantwortung nicht ertragen könnte. Als der Mensch aufhörte gläubig zu sein und dafür moralisch wurde, die Verantwortung auf sich selbst lud, hörte er auch auf zu handeln. Dadurch sonderte er die Sinnlichkeit von dem durch das Gehirn usurpierten Herzen ab und zerfiel in zwei Hälften, einen entgeisteten, also leblosen Körper und ein entkörpertes, verteufeltes Herz, die sich unversöhnt gegenüberstehen. Nur Menschen von solcher Verfassung können sich einbilden, daß sie den zürnenden Gott durch bloße Gymnastik mit der entfremdeten Welt versöhnen können.

Das Herz an sich ist jenseit von Gut und Böse, wie es jenseit von Zeit und Raum ist; es ist an sich blind. Sehend und wissend wird es dadurch, daß es in Berührung mit unendlich vielen anderen Herzen gerät, die es als ebenso viele göttliche Ausstrahlungen begreifen lernt, und die es dadurch zur Einsicht seines eigenen Wesens führen. Durch die Berührung und den Kampf mit der Außenwelt also, mit dem Nicht-Ich, kann das Herz umgekehrt werden; das Wasser der Bucht ebbt durch den Anprall von außen in das Meer zurück, das es verschlingt und aus sich selbst erneuert mit der Flut wieder ins Land wirft. Die Berührung mit der Außenwelt wird durch die Sinnesorgane vermittelt; sie haben die Aufgabe, das Ich, den persönlichen Gott, von dem Dasein anderer persönlicher Götter zu überzeugen und durch sie und sich hindurch von dem Dasein des All-Gottes, der einen Strahlenquelle. Die erste Aufgabe des Herzens ist, sich seiner Göttlichkeit bewußt zu werden; die zweite, sie über die anderer zu vergessen.

Sehr aktive, also sehr teuflische Herzen, wenn du den Ausdruck nicht mißverstehen willst, müssen ihrer Natur nach zunächst das Nicht-Ich heftig zurückstoßen, weil sie sich das Gefühl der Einzigkeit nicht beeinträchtigen lassen wollen; andererseits sind gerade diese die wahrhaft religiösen Herzen und durch ihre Energie zu Vertretern Gottes auf Erden berufen; sie sträuben sich gerade deswegen so sehr, das Nicht-Ich aufzunehmen, weil sie ahnen, daß sie sich ihm opfern werden.

Man hat nicht mit Unrecht die Entstehung der Liebe im höchsten Sinne, auf lateinisch caritas oder dilectio, an die Mutterliebe geknüpft; die Geschlechtsorgane, durch welche die Menschheit sich von Gott absonderte, führen auch wieder zu Gott zurück. Nicht für sich allein, denn zunächst ist die Mutterliebe ein selbstisches Gefühl und kann sogar als solches abstoßend wirken, wenn es das Herz nicht gegen alle Schwachen und Hilflosen öffnet und sie zu eigenen Kindern macht. In der Heiligen Schrift heißt es, daß die Gnade durch das Wort bewirkt werde; das Wort nämlich öffnet das Herz und verbindet Menschen mit Menschen, den einzelnen mit vielen.

In Gemeinschaft mit den Geschlechtsorganen verwirklicht das Herz seine Ideen körperlich, in Gemeinschaft mit dem Gehirn geistig. Beider bedarf das Herz, um seinen Verkehr mit der Außenwelt herzustellen; ohne das Gehirn würde das Herz nicht zu sich selbst kommen, würde die Welt ein Chaos bleiben, während sie ohne die Sinnlichkeit ein Begriff würde.

Sind die plastischen Organe die ältesten, so ist das Gehirn, das erkennende Organ, das jüngste; nach der Schrift geht der Heilige Geist vom Vater und vom Sohn aus. Das Gehirn begleitet das Herz wie der Sänger den Helden, der durch die Verklärung des Wortes seine Taten verewigt und der Welt zu eigen macht. Besinnst du dich auf die schöne Stelle in der Odyssee, wo Odysseus, da der Sänger von seinen Irrfahrten singt, das Gesicht im Mantel verbirgt und weint? So erzittert unser Herz, wenn ihm erinnernd bewußt wird, was es getan und erlitten hat. Aus dem Herzen strömt der Geist, im Gehirn wird er befestigt; es ist wie eine photographische Platte, auf welche das Licht Bilder malt. Die Urbilder dazu sind im Herzen, dem seligen Hain, wo reine Gestalten auf Asphodeloswiesen wandeln; Leben bekommen sie aber erst draußen im Lichte der Sonne, nachdem sie das Blut der Tat getrunken haben. Was ist Wahrheit? Das Leben, das die Wahrheit verwirklicht. Wahrheit ist eine lebendige Seele, ein Mensch in Fleisch und Blut.

Nun aber ist das Gehirn nicht nur begleitend, dienend, weiblich, sondern auch männlich und willkürlich; die Sonne erleuchtet nicht nur, sondern verbrennt auch. Der körperliche Ausdruck des willkürlichen Gehirns wird in der Großhirnrinde gesucht; ich bin, wie du dir denken kannst, nicht imstande, darüber zu urteilen, ob es sich so verhält, mir kommt es nur darauf an, daß diese willkürliche Kraft da ist. Von hier geht die schwerste Versuchung des Menschen aus, die des Teufels in seiner Majestät, die nur die hochentwickelte Menschheit betrifft; hier ist der Luzifer, der sich an Gottes Stelle setzen, das Wort des Herzens verdrängen und durch sein eigenes ersetzen will. Durch die Gnade des Herzens in seine Zauber eingeweiht, kann Luzifer sich in einen Engel des Lichts verstellen, mit den von seinem Herrn erlernten Sprüchen bannt er ihn und zaubert auf eigene Hand. Nachdem er seine Gottähnlichkeit entdeckt hat, meint er, die Welt, in der bisher das Herz herrschte, und die ihm sündig und mängelvoll erscheint, dadurch vollkommen machen zu können, daß er die Moral einführt, und er beginnt damit, die Trägheit, Sinnlichkeit und Herrschsucht, den dummen und den bösen Teufel, zu unterdrücken. Er hemmt die Hemmung, die Gott sich gesetzt hatte, um mit ihr das Leben zu erzeugen.

Aristoteles hat die Ähnlichkeit zwischen dem Herzen mit seinen Adern und dem Gehirn mit seinen Nerven bemerkt und allerlei Schlüsse daraus gezogen, auf die es mir hier nicht ankommt. Aber die Ähnlichkeit muß auffallen, wenn man eine bildliche Darstellung des Herzens und Blutkreislaufes und des Gehirns und Nervensystems vor Augen hat; es sieht fast so aus, als ob das Gehirn der Schatten des Herzens wäre. Es scheint, daß das Herz das Gehirn durch die Schilddrüse, wie die Geschlechtsorgane durch die Geschlechtsdrüse beherrscht, deren Tätigkeit sich gleichsam in den betreffenden Organen spiegelt. Wie schlagend ist von diesem Gesichtspunkt aus der Ausdruck Luthers, der Teufel sei der Affe Gottes, natürlich nur auf das willkürliche Gehirn zu beziehen.

Man hat früher gemeint, das Herz hänge vom Zentralnervensystem im Gehirn ab; indessen ist es festgestellt, daß das Gehirn nur einen regelnden Einfluß auf das Herz ausüben kann, nämlich einen hemmenden und beschleunigenden. Der nervus vagus und der nervus depressor sind hemmende Nerven; ausgezeichnet weist der Name depressor auf die Depressionen hin, die durch die Hemmung des Lebensstromes entstehen. Sowie aus dem leuchtenden Luzifer ein verbrennender wird, sowie das Gehirn befehlen, das Herz in die Zwangsjacke der Moral stecken und dadurch seine Kraft unterbinden will, wird sein Einfluß schädlich. Der Sieg des Teufels ist körperlich dadurch ausgedrückt, daß das Blut entweder in der Region der Geschlechtsorgane oder im Gehirn sich sammelt und diese Organe erhitzt, anstatt daß es immer zum Herzen, der Quelle, zurückkehrt und den ganzen Körper durchblutet, beseelt, zu einer Einheit macht.

Das Eigenmächtigwerden des Gehirns, die neue und furchtbarste Hemmung, die dem Herzen erwächst, machte sich schon vor Christus bemerkbar. Das antike Drama hatte den Riesenkampf zwischen Göttern und Menschen zum Gegenstande, der immer mit dem grausamen Siege der Götter endete. Besonders merkwürdig scheinen mir die Bakchen des Euripides zu sein, wo sich so deutlich das trunken schöpferische Herz und der zweifelnd kritisierende Gedanke gegenüberstehen. Christus, der Gottmensch, verband Herz und Kopf in seiner Person zur Einheit. Er überwindet den Teufel durch die aus dem Herzen entspringende Tat, die den einzelnen mit den vielen verbindet. Da das Christentum die Erkenntnis gebracht hatte, daß Gott in der Menschheit, nicht außer ihr ist, verlegte das nachchristliche Drama den Kampf zwischen Herz und Kopf, Gott und Mensch, in das Innere des Menschen. Vieles und Schönes ist darüber in Schillers Wallenstein gesagt: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne“, „Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme“, besonders aber die Worte Wallensteins: „Recht stets behält das Schicksal; denn das Herz in uns ist sein gebietrischer Vollzieher.“ Nun siegt nicht mehr das grausame Herz über den zerissenen Rebellen sondern durch den Überschuß seiner Kraft, die Seele, schmilzt das geniale Herz die Entzweiten gewaltig zusammen.

Man hat in unserer Zeit eine ungemein interessante Tatsache festgestellt, daß nämlich die lebendige Substanz, das einzellige Lebewesen, die Amöbe, unsterblich ist. Sie vermehrt sich durch Teilung, und diese Teilung kann ins Unendliche fortgesetzt werden, ohne daß ein Teilwesen verginge. Allerdings tritt auch hier ein Punkt des Alterns oder der Depression ein, wo die Stoffwechselprodukte nicht mehr ausgeschieden werden können; aber dieser tote Punkt kann durch Herstellung günstiger Bedingungen überwunden werden. Sie bestehen darin, daß der alternden Substanz durch Kopulation oder durch einen sonstigen neuen chemischen oder mechanischen Reiz neues Leben zugeführt wird. Die Kopulation, die Verschmelzung mit einem anderen Lebewesen, wirkt verjüngend, wenn sie vorgenommen wird, bevor die Erscheinung des Alterns den Organismus ergriffen hat. Ich hätte a priori vorausgesetzt, daß für die lebendige Substanz, für das einzellige Wesen, dieselben Grundgesetze gelten wie für den Menschen, wie für die Familie und das Volk; es ist nur um so eindrucksvoller, wenn die Tatsachen dies bestätigen. Das einzellige Wesen hat wie der Mensch sein gefährliches Alter, wo er aus eigener Kraft nicht weiterleben kann, wo ihm Kraft aus dem Nicht-Ich zuströmen kann. Wölfflin sagt von Dürer, daß er mit dem 50. Lebensjahr in seine letzte größte Epoche tritt, die bedingt ist durch die Erfrischung seiner großen Reise; und er setzt diese Verjüngung derjenigen gleich, die Rubens durch seine Heirat mit einer zweiten jungen, geliebten Frau zuteil wurde. Eine Kopulation, geistig oder körperlich, oder sonst ein starker, neuer Reiz, müssen es tun, ein Zuströmen göttlicher Kraft in das ermüdete oder erstarrte Herz.

Das Herz nämlich ist dasjenige Organ, welches den Menschen regiert: wir leben vom Herzen aus und sterben vom Herzen aus. Sei es, daß wir aus Altersschwäche oder an einer Krankheit oder woran immer sterben, das Versagen des überlasteten Herzens ist es immer, das den Tod herbeiführt. Daß die Nervenzellen, welche der Herztätigkeit vorstehen, sterben, ist die Folge von einer Vergiftung durch die Schlacken des Stoffwechsels, welche nicht ausgestoßen werden können: wir sterben an Ermüdung des Herzens, die durch Selbstvergiftung entsteht. Der doppelten Aufgabe, den Körper zu ernähren und zu entgiften, seine Hemmungen zu überwinden, kann nur ein starkes Herz genügen: es handelt sich also im gefährlichen Alter, wie bei jeder Stockung des Lebens, um eine Anregung, eine Verstärkung des Herzens. Es gibt eine Anekdote von Luthers Frau; sie habe, als Luther einmal in eine schwere Melancholie verfallen sei, Trauerkleider angelegt und auf die erschrockene Frage des Heimkehrenden, ob eines der Kinder gestorben sei, geantwortet, der Herrgott sei tot, um ihn trage sie Trauer. Derselbe Instinkt leitete Charlotte Stieglitz, die sich bekanntlich das Leben nahm, um ihren Mann durch den Schmerz über den Verlust schaffenskräftig zu machen. Das Opfer war vergebens gebracht, Herr Stieglitz hatte offenbar überhaupt kein Herz oder keins für seine Gattin. Überhaupt können Willkür und Absicht nicht helfen, nur verderben: sie verdrängen ja gerade das Herz, dem Raum gemacht werden soll. Die Gott liebt, leitet er selbst zur rechten Zeit zur rechten Stelle. Wie könnte Einsicht den richtigen Zeitpunkt herausfinden, auf den alles ankommt? Ist dieser versäumt, so zerdrückt die einströmende Kraft den mürben Organismus und tötet anstatt zu beleben.

Hier zeigt sich nun, warum es für Völker notwendig ist, Großstaaten zu werden. Das Leben beruht auf der Möglichkeit von Gegenwirkungen. Der abgeschlossene Kleinstaat kann das gefährliche Alter nicht überwinden: das enge verkalkte Herz erlaubt das Zuströmen fremder Kraft nicht, und es wird zuletzt in seiner Kruste verkümmern müssen. Ich las neulich, daß die Tiere, die auf Inseln leben, die Tendenz haben, zu verzwergen. Absonderung ist Sünde; im Kampf mit Gegensätzen, in der Verbindung mit dem Ganzen liegt das Leben.

Diese Verkümmerung und Verzwergung erfahren alle Personen, Stände, Familien, Staaten, die sich absondern und dadurch das Einströmen fremder Kraft unmöglich machen. Der Adel hat seine Blütezeit, solange er sich seines Adels kaum recht bewußt ist; sowie er sich abschließt, verwelkt er im gleichen Maße, wie sein Selbstbewußtsein, seine Selbstvergötterung steigt.

Man kann den Vorgang der Absonderung nach erreichter Blüte und der dann eintretenden Verkümmerung am besten an der Geschichte Spaniens studieren; ich widerstehe der Verführung, darauf einzugehen, um dich nicht zu langweilen. Die Schweiz, die durch Sünde, nämlich durch Absonderung von Deutschland, entstanden ist, hatte den Vorzug des Gegensatzes von Stadt und Land und des Gegensatzes der drei Nationen; diese Gegensätze haben sie so lange lebendig erhalten. Mehr und mehr machen sich jetzt gewisse Symptome beginnender Selbstvergötterung bemerkbar und andererseits ein verhaltenes Bedürfnis nach Erfrischung. Weniger glücklich ist Holland daran, seit es von dem gegensätzlichen Belgien getrennt ist. Auf diese Trennung folgte zuerst für beide Länder eine schnelle, wundervolle Blüte; nachher wäre wohl Vereinigung Belgiens mit Frankreich und Hollands mit Deutschland förderlicher gewesen. Die Lage der kleinen Inselstaaten zwischen großen Ländern, die durch sie die gegenseitige Reibung abschwächen wollen, ist immer bedenklich. Aber nicht nur Holland und die Schweiz, ganz Europa befindet sich augenscheinlich im gefährlichen Alter und strebt leidenschaftlich nach Erweiterung und Aufnahme neuer Kraft. Wenn einmal alle Nationen der Erde einen Einheitsstaat bilden, ist der Jüngste Tag gekommen, weil dann keine Kopulation mehr möglich ist.

Der Einheitsstaat ist der moderne Staat. Als ich eben von der Notwendigkeit des Anschlusses kleiner Staaten an den Großstaat sprach, dachte ich nicht an moderne Verhältnisse. Der moderne Staat, weil er nicht von innen wächst, sondern von außen zusammengesetzt wird, ist seiner Art nach grenzenlos; was natürlich wächst, nach einem inneren Urbilde sich gestaltet, ist begrenzt. Die modernen Staaten müssen sich gegenseitig verschlingen, weil sie ihrem Wesen nach unendlich sind, und der Augenblick muß kommen, wo die Erde ihnen zu klein wird. Der natürliche Staat, der aus der Familie und natürlich sich bildenden Gruppen herauswächst, der germanisch-romanisch-slawische, christliche Staat des Mittelalters, erweiterte sich nicht nur, sondern zog sich auch zusammen, wie das gesunde Herz tut. Jede Zelle seines Körpers war durchblutet, selbsttätig. Unsere alten Kaiser nannten sich zwar allzeit Mehrer des Reichs, aber sie vermehrten, indem sie Lebendiges an Lebendiges angliederten. Sie waren wie weise, sorglose, gläubige Väter, die ihre Kinder wild aufwachsen lassen und nur zuweilen strafend dazwischenfahren, wenn jene es allzu bunt machen. Einem solchen Staat wird die Zeit nie zu lang, der Raum nie zu eng, weil er sich immer aus sich selbst erneuern kann. Der bloß denkende Mensch hat bald die ganze Welt durchmessen, dem tätigen Mann kann sein Dorf zur Welt werden.

Ich glaube, es müßte sich feststellen lassen, daß die Nervenzellen der Westeuropäer mit Stoffwechselprodukten überladen sind, und zwar namentlich diejenigen Nervenzellen, die der Herztätigkeit vorstehen. Daher schreibt sich der Mangel an Genie bei überwiegendem Verstande. Es ist wahr, daß wir unabhängig von der Natur, das heißt von Gott, werden; unsere Lebensweise wird besser geregelt, und unsere Lebensdauer verlängert sich; aber was hülfe uns selbst die Ewigkeit ohne Leben? Gott hat sich das Herz vorbehalten: er will, daß wir es ihm opfern, und gibt es uns verjüngt zurück. Die dem Herrn vertrauen, kriegen neue Kraft, daß sie auffahren wie Adler. Es gehört allerdings zum Gottvertrauen, daß man Gott kein Ziel setzt. Man kann sehr vorsichtig leben, Kampf, Erregung, Schmerz vermeiden und damit auch das Sterben hinausschieben; aber das ist dann schon das Für-sich-selbst-sorgen-wollen, das Luther so sehr verdammt, ein Symptom des Alterns. Gott gibt nur Leben und Tod, beides gemeinsam, der Mensch gibt Ordnung und lange Dauer oder, wenn man so will, langes Leben; aber was für ein Leben! Wer weiß, was Leben heißt, findet den Preis des Todes nicht zu hoch, obwohl er den Tod am glühendsten haßt.

Engherzigkeit ist das Merkmal der westeuropäischen Völker. Das volle Herz beflügelt, und da sie das nicht haben, kriechen sie an der Erde, auch wenn sie mit Schiffen die Luft durchfliegen. Alles, was ihr tut, sagt der Apostel Paulus, das tut von Herzen, als dem Herrn, und nicht den Menschen. Aus der Fülle des Herzens leben ist das Geheimnis des Genies; ein volles Herz ist die Voraussetzung dazu.

Erinnere dich bitte, daß Luther lehrt, der Glaube komme durchs Gehör vermittelst der Predigt des Wortes. „Mit dem Wort nimmt Gott die Herzen.“ Das Gehör ist der Weg, der das Wort zum Herzen leitet; wer musikempfindlich ist, weiß ohne weiteres, daß das Ohr im Herzen mündet. In göttlichen Worten, in Dichter- oder Zauberworten, ist das Herz der Menschheit gebunden, es ist also selbstverständlich, daß das einzelne Herz mit ihnen verbunden sein muß. Alle Dichterworte der Menschheit sind das Geistesmeer, das die Herzen speist, und Ohr und Mund sind die Mündungen des Meeres. „Ich glaube, darum rede ich“, heißt es in der Bibel. Das Gehör nimmt gläubig auf, und liebend gibt der Mund es weiter. Da der Geist sich den Körper baut, und da Ohr und Mund Aus- und Eingang des Herzens sind, werden Ohr und Mund durch ihre Gestalt und Bewegung uns die Art des Herzens am unmittelbarsten verraten.

Dem Ohr muß man ansehen können, ob es mehr weltliches oder mehr göttliches Wort auffängt oder beides. In der Tat kann es nicht schwer sein, den Typus der schönen weiblichen, den der männlich-weltlichen und den beides vereinenden festzustellen, innerhalb welcher es natürlich eine unendliche Menge persönlicher Abweichungen gibt. Man liebt die Ohrmuschel rosig, das heißt, daß das Herz sich schon in der Pforte spiegelt; das findet man kaum außer bei Kindern und Frauen. Das entartete Ohr zeigt das Zurückfallen in die Tierheit an, die Unfähigkeit, das Wort von Gott überhaupt noch zu vernehmen.

Entsprechend dieser Einteilung gibt es verschieden Münder, verschiedene Ränder des Rubinkelches, den wir Herz nennen. Einen Mund kannte ich einmal, den ich am allerliebsten ansah, wenn er, was sein Besitzer mit Vorliebe tat, frivole, unanständige oder gottlose Geschichten erzählte. Ich hörte nur halb nach dem Inhalt der Worte hin und betrachtete verzaubert den Mund, der sich mit unbeschreiblicher Anmut wie ein Quellwasser spielend und zwitschernd bewegte. Er war wie von Asbest und blieb vollkommen lauter, während die schmutzigen Geschichten über ihn hinströmten, daß es mir wie ein Wunder zu sehen war. Wenn er mit einem gewissen Triumph Gott lästerte, mußte ich an einen mutwilligen kleinen Engel denken, der sich vorgenommen hat, während des Lobgesanges einen entsetzlichen Fluch auszustoßen; aber weil er im Himmel und dicht bei Gott ist, kommt immer nur das Heilig, Heilig von seinen Lippen, die so abscheuliche Worte ausstoßen. Dies ist der Kindermund, der jenseit von Gut und Böse ist. Es springen Perlen und Edelsteine von ihm, was immer er auch sagt; denn ihm unbewußt ist er ein Brunnen Gottes. Der Mund, den ich dir eben beschrieb, gleicht dem Shakespeares, wie ich auf einer Abbildung seiner Totenmaske sah.

Dann gibt es den Mund, der gekämpft hat, bis er vermochte, die Tiefe des Herzens auszusprechen, und dann den, der überhaupt nicht mehr aus dem Herzen sprechen kann. Vielleicht ist es ein Papageienmund, der nachplappert, oder er ist zu stolz, das zu tun, und schweigt. Vielleicht ist dann der unterirdische Gang vom Herzen zum Munde nur verschüttet und kann durchbrochen werden. Ist aber die Verbindung auf immer abgebrochen, so entsteht der Habsburger Mund, ein Brunnen, aus dem kein lebendiges Wasser mehr fließt. Er klafft auseinander, wie der Mund der Toten tut. Über die Progenie, die Erscheinung, daß die Zähne des Unterkiefers die des Oberkiefers in frontaler Richtung überragen, sind wertvolle Studien gemacht worden, und man hat bereits bemerkt, daß diese Erscheinung stets mit gewissen anderen Merkmalen zusammenhängt, und geahnt, daß sie alle auf eine biologische Ursache zurückzuführen sind. Gerade im Anschluß an das Habsburger Gesicht ist man schon darauf gekommen, in diesen Erscheinungen Degenerationsmerkmale zu sehen, und wenn man sich gewundert hat, daß auch hervorragende Individuen diese Merkmale führen, und deshalb die Auffassung ablehnen zu müssen meinte, so scheint mir das nur zu beweisen, daß man sich über den Begriff der Entartung noch nicht ganz klar ist. Mit dem Abnormen beginnt ja erst die Möglichkeit der Größe; allerdings nur die Möglichkeit, nicht die Notwendigkeit. Es sind viele berufen, aber wenige sind auserwählt.

[XIII]

In den Tischreden sagt Luther: „Menschen sind dreierlei Art. Die ersten sind der große Haufe, der sicher dahinlebt, ohne Gewissen, erkennet seine verderbte Art und Natur nicht, fühlet Gottes Zorn nicht wider die Sünde, fraget nicht darnach. Der andere Haufe ist derer, die durchs Gesetz erschreckt sind, fühlen Gottes Zorn und fliehen vor ihm, kämpfen und ringen mit Verzweiflung wie Saul. Der dritte Haufe ist derer, die ihre Sünde und Gottes Zorn erkennen und fühlen, daß sie in Sünden empfangen und geboren und derhalben ewig verdammt und verloren müßten sein, hören aber die Predigt des Evangelii, daß Gott die Sünde vergibt aus Gnaden um Christus willen, der für uns dem Vater dafür genug getan hat, nehmens an und glaubens, werden also gerecht und selig vor Gott. Darnach beweisen sie ihren Glauben auch mit allerlei guten Werken als Früchten, die Gott befohlen hat. Die andern zween Haufen gehen dahin.“

Der große Haufe sind die Normalen oder die Weltmenschen, die, welche Nietzsche die Vielzuvielen nannte; aus diesem größten Haufen wird ein anderer berufen, der von der Norm abweicht, also abnorm ist und die Möglichkeit hat, über den großen Haufen hinauszuwachsen, der aber auch Gefahr läuft, unter ihn hinabzusinken. Von diesem sind einige auserwählt, das zu erreichen, wozu sie berufen sind, Früchte zu tragen, die allen übrigen Leben geben: es sind die Schaffenden oder die Genialen; der Stamm γεν bedeutet ja Zeugen, Schaffen. Paulus nennt sie die Auserwählten, Luther auch schlechtweg Christen; man kann sie in der Sprache der Heiligen Schrift auch Gottmenschen oder Geistmenschen nennen.

Man kann auch sagen: die Normalen sind diejenigen, deren Mittelpunkt die Ernährungs- und Fortpflanzungsorgane sind. Der zweite Haufe sind diejenigen, die angefangen haben, auf ihr Gewissen, die Stimme ihres Herzens, zu hören und nun zwischen der Welt und dem Reich Gottes schwanken. Die Geistmenschen sind diejenigen, die aus dem Herzen leben, und zwar so, daß das Herz einen Überschuß über das Gehirn hat.

Es hat mir großen Eindruck gemacht, zu sehen, wie durchaus aristokratisch das Christentum ist. Man hat so viel von dem Volksmann Luther, von dem demokratischen, ja wohl kommunistischen Prinzip des Christentums gehört, daß der Blick sich erst freie Bahn machen muß für die Wahrheit; so wenigstens ging es mir. Allerdings ist Luther jedenfalls selbst von der naiven Annahme ausgegangen, alle Menschen seien in der Hauptsache so wie er; jeder Schaffende tut das, sonst würden ihm Mut und Lust fehlen, sein Herz reden zu lassen. Erst allmählich kam er zu der Einsicht, daß, wie er sich ausdrückte, Christi Regiment nicht über alle Menschen geht, sondern der Christen allezeit am wenigsten sind. „Und kehre dich nicht an die Menge und gemeinen Brauch“, sagte er dann, „denn es sind wenig Christen auf Erden, da zweifle du nicht an, dazu so ist Gottes Wort etwas anderes denn gemeiner Brauch.“ Er erinnerte an Tertullians Worte, daß Christus nicht gesagt habe, ich bin die Gewohnheit, sondern ich bin die Wahrheit. Während ihn anfangs der allgemein gegen ihn erhobene Vorwurf, daß er als Einzelner der großen katholischen Kirche gegenüber recht haben wolle, die so lange bestehe und in der so viele gelehrte und weise Männer gelehrt hätten, sagte er nun: „Fürwahr eine köstliche Ursache, die man nimmt von der Größe und Menge wider das klare und lautere Gottes Wort.“ So kam er zu derselben Erkenntnis, die Goethe den Seufzer erpreßte: „Ach, da ich irrte, hatt ich viel Gespielen, Da ich dich kenne, bin ich fast allein.“ Unter die „Frevelartikel“, vor denen man sich hüten müsse, zählte Luther die, daß jeder Mensch den Heiligen Geist habe, daß jeglicher Mensch glaube, daß jegliche Seele das ewige Leben haben werde.

Es ist merkwürdig, daß man bei den meisten Menschen anstößt, wenn man von einem großen Manne sagt, er sei abnorm oder degeneriert, gerade so, als ob es normal wäre, genial zu sein. Jeder große Mann ist von der Art abgewichen, also entartet; allerdings ist er über die Art emporgestiegen, und es wäre insofern richtiger, zu sagen, er sei überartig. Legt man indessen den Maßstab des normalen Menschen an ihn, so muß man ihn als krank bezeichnen; vor der Welt ist er minderwertig, weil er weniger tüchtig ist, Geld zu verdienen und normale Kinder zu erzeugen.

Die normalen Menschen werden wissenschaftlich erklärt als diejenigen, die am besten geeignet sind, sich und die Art zu erhalten. Sie sind noch ungebrochen; ihr Bewußtsein ist noch nicht zum Selbst- und Gottbewußtsein entwickelt, nur ein blinder Instinkt, der sie ähnlich den Tieren zu den erwähnten Zwecken leitet. Unempfänglich für geistige Genüsse, wollen sie nichts anderes, als was für ihr Gedeihen und ihre Fortpflanzung dienlich ist, und darin erschöpft sich ihr Leben. „Sie haben ihren Lohn dahin“, sagt Christus, und Luther: „Sie gehen dahin.“ Anders ausgedrückt: Sie stellen eine frühe Entwickelungsstufe dar, die von einer höheren aufgerollt, mitgenommen und vertreten wird.

Von diesem großen Haufen sondern sich diejenigen Individuen ab, die nicht mehr vorwiegend tüchtig zu ihrer Erhaltung und zur Erhaltung ihrer Art sind. Ihr Selbst- und Gottbewußtsein hat sich so weit entwickelt, daß sie eine innere Sonderung und zugleich eine Sonderung von der Welt fühlen. Sie haben nun zwei Seelen in sich, eine göttliche und eine tierische, in der Bibel gewöhnlich Geist und Fleisch genannt; sie haben vom Apfel der Erkenntnis gegessen und unterscheiden Gut und Böse. Die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen, die so im Menschen entstanden ist und ihn eigentlich in zwei Stücke reißt, macht ihn für seine nächstliegenden Aufgaben untüchtig; er wendet seine Kraft auf, die Kluft zu überbrücken oder zu maskieren. Der Welt, dem großen Haufen gegenüber ist er der Schwächere geworden und haßt und fürchtet ihn; zugleich verachtet er ihn, weil er ihn an Einsicht und jenseit der Welt liegenden Möglichkeiten überragt. Es hat sich ihm innerhalb der Welt der Erscheinung das Reich des Unsichtbaren aufgetan, das Reich des Geistes oder Gottes, und er ist reicher um die Anwartschaft darauf, ärmer um die feste, gesicherte Stellung in der Welt. Zu diesen Zerrissenen, Gesonderten ist Christus gekommen, um sie wieder ganz zu machen, indem er sie lehrt, auf die Welt zu verzichten, um im Reiche des Geistes zu herrschen und von dort aus die Welt zu überwinden. Nicht die Sünder sind gemeint, die gegen das Gesetz gesündigt haben und weltlicher Strafe verfallen, sondern die, welche das Sündenbewußtsein haben und sich nach Erlösung sehnen, nach Erlösung von der Welt durch den Geist. Daß Luther als Vertreter des zweiten Haufens Saul nennt, den königlichen Erstling der Melancholischen, zeigt seine Meinung klar. Es sind die Interessanten; das Wort kommt nämlich von „zwischen Sein“, zwischen dem unbewußten und bewußten Sein, die im Übergang Begriffenen, um welche Gott und der Teufel sich streiten. Selbstverständlich sind alle Menschen werdend; aber es kann auch ein Übergewicht nach unten oder nach oben geben, während bei diesen sich noch nichts entschieden hat. Ihre Aufgabe ist, von der sichtbaren Welt eine Brücke zur unsichtbaren zu schlagen, nicht um die sichtbare zu verlassen, sondern um beide Welten zu verbinden. Die Verbindung ist Religion; das Wort kommt von ligare, binden. Um den Vorgang möglichst zu verdeutlichen, möchte ich den Sprung hinüber und das zur Welt zurückgeworfene Band unterscheiden. Der Sprung von der sicheren Küste der Welt ins Unsichtbare ist der Glaube; handelt es sich dann um die Überwindung der Welt von dem gewonnenen Himmel aus, der neuen Heimat des Inneren, so ist zwar nicht die Kraft selbst geändert, aber doch ihre Richtung, und sie heißt nun Liebe. Je nachdem der Mensch wesentlich kindlich, unbewußt, gestaltungskräftig ist, oder wesentlich persönlich und handelnd, oder wesentlich überpersönlich oder gottbewußt, geistig, überwindet er die Welt als Künstler durch Kunstwerke, oder als Held und Heiliger durch Taten, oder als Dichter und Weiser durch die Wahrheit. Künstlerisches, tätiges und dichterisches Schaffen sind verschiedene Ausprägungen des menschlichen Geistes auf verschiedenen Entwickelungsstufen. Das Genie oder der vollkommene Christ umfaßt sie alle; wie er Mann und Weib zugleich ist, ist er auch Kind, Mann und Greis zugleich. Bei weitem die meisten unter den Berufenen wagen den Sprung in das „schöne Wunderland“ nicht: Genies sind selten. Es gibt ja kein Schaffen, ohne daß beides vorhanden wäre, Gottbewußtsein und Weltbewußtsein, Sinnlichkeit und Geistigkeit, und es gehört eine außerordentlich starke Götterhaftigkeit dazu, den durstig im schönen Schein Schwelgenden aus dieser glücklichen Umarmung zu reißen. Die meisten zweifeln zwischen den beiden Welten und gehen beider verlustig; nur wer sich für den Göttertisch entscheidet, kann Ambrosia genießen und zugleich am Tische der Welt Gast sein. „Der Christenmensch“, sagt Luther, „ist ein allmächtiger Herr aller Dinge, der alle Dinge besitzt gänzlich ohne alle Sünde.“ Er besitzt sie nämlich im Geiste und durch den Geist. Beethoven war die Welt der Töne, in der er Herrscher war, sinnlich entzogen; aber wer bezweifelt, daß er in seinem Geiste eine schönere Musik vernahm als irgendein Sterblicher mit gesundem Gehör?

Die Berufung geschieht durch Leiden, wie die Briefe des Neuen Testaments vielfach ausführen. „Wir wissen aber, so unser irdisches Haus dieser Hütte zerbrochen wird, daß wir einen Bau haben von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist, im Himmel.“ Dieser ewige Himmel ist in unserem Herzen, der Geist; wir können aber nicht Geistmensch werden, bevor nicht unser irdisches Haus, das normale, der Knochen- und Muskelmensch gebrochen, irgendwie erschüttert ist. Wir können, sagt Luther, den glorifizierten Christus nicht sehen, bevor wir nicht den gekreuzigten gesehen haben. Das tägliche Sterben und Auferstehen, wovon in den Episteln so oft gesprochen wird, ist durchaus nicht bildlich zu verstehen; wirklich schwindet der Knochen- und Muskelmensch im Maße wie der Nervenmensch und endlich der Geistmensch entsteht, es ist ein allmähliches Verwandeln, bei dem es keinen Leichnam gibt, weil die sterbende Form fortwährend in einer höheren aufgeht oder aufersteht. Dies kann ohne Leiden nicht vor sich gehen, obwohl es nicht notwendigerweise durch Krankheit vor sich gehen muß. Gott entziehe seinen Heiligen, sagt Luther einmal, die Güter dieser Welt nicht immer in der Tat, dann aber im Geiste, so also, daß sie sie zwar besäßen, aber kein Genügen mehr in ihnen fänden. Wäre ein Berufener zum Beispiel tatsächlich nicht arm, so wäre er doch geistig arm oder arm im Geiste; sei es, daß sein Mitgefühl mit den Armen ihn seines Reichtums nicht froh werden ließe, oder daß Krankheit ihn am Genuß desselben hinderte, oder daß nichts von allem dem, was man sich durch Reichtum verschaffen kann, ihn befriedigte. Das Entscheidende ist, daß einem die Welt entzogen wird, und daß dadurch ein innerer Gegensatz entsteht, eine Kluft zwischen Wollen und Können: man hat die Organe für die Welt nicht mehr und will die Welt doch nicht loslassen, weil man die Organe für das Reich des Geistes noch nicht in der Gewalt hat.

Das erste Kapitel des ersten Briefes von Paulus an die Korinther handelt ausführlich von der Art der Berufenen, daß sie vor der Welt schwach und niedrig sind. „Denn es stehet geschrieben: ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen. Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weltweisen? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?… Denen aber, die berufen sind, beides, Juden und Griechen, predigen wir Christum, göttliche Kraft und göttliche Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, denn die Menschen sind; und die göttliche Schwachheit ist stärker, denn die Menschen sind. Sehet an, liebe Brüder, euren Beruf; nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.“ Es ist falsch, diese Worte so aufzufassen, als wären nur schwachköpfige oder wenigstens einfältige Sklaven und Frauen Auserwählte. Paulus selbst war ein hochgebildeter Mann; das zeigt jedes Wort an, das von ihm erhalten ist, auch hätte er sonst die Griechen und Römer nicht so packen können durch seine Reden. Er stellt nur die göttliche Weisheit, die Genialität, der bloßen Schulweisheit und Büchergelehrsamkeit oder der weltlichen Macht und dem weltlichen Ansehen gegenüber. Daß die genialen Menschen aller Völker und Zeiten nicht aus den herrschenden Ständen, sondern im Durchschnitt aus dem sogenannten Mittelstande hervorgegangen sind, ist bekannt. Fast alle waren arm, und die meisten sind es geblieben; ebensowenig wie reich und mächtig waren sie gesund. Ich entsinne mich einer Anekdote des magenleidenden Manzoni, der einmal, als er Gelegenheit hatte, die gesunde rote Zunge eines jungen Anverwandten zu sehen, zwischen Neid und Verachtung ausrief: Lengua d'un can!

Luther hebt gelegentlich den Gegensatz zwischen heidnischer und christlicher Weltanschauung hervor, indem er dem Ausspruch des Juvenal: Orandum est ut sit mens sana in corpore sano den des heiligen Augustinus gegenüberstellt: Wenn wir gesund sind, so wütet in uns am meisten die böse Begierde.

Jedes Leiden besteht in einem Angriff auf die Integrität unseres Ich; um an das heranzugelangen, muß Gott zuerst eine Bresche in den Körper schlagen, in den Vorhof, der zur Seele führt. Es ist bekannt, daß in einer gewissen Weichheit der Knochen die Möglichkeit zur Entwickelung eines geräumigen Schädels gegeben ist, in welchem ein großes Gehirn Raum hat; woraus natürlich nicht folgt, daß jeder große Schädel und jedes große Gehirn Bürgschaft für geistige Größe gibt. Jedenfalls wirkt das große Gehirn als Magnet auf das Herz und zieht es von seinen übrigen Tätigkeitsgebieten ab, so daß der Körper nicht mehr so gleichmäßig wie sonst ernährt wird. Auch eine gewisse Entartung der Geschlechtsdrüse muß beim genialen Menschen vorliegen, nicht so, daß ihre Tätigkeit aufgehoben, sondern daß sie mehr dem Herzen unterstellt ist. Es beruht darauf die Kindlichkeit oder Weiblichkeit des Genies, dessen Liebesangelegenheiten immer zugleich Herzensangelegenheiten sind, wie man das in Goethes Leben sehen kann. Der männlichere Schiller litt unter rein körperlichen Trieben, die er heroisch überwand; sein Genie beruhte auf stärkerer Spannung, das Goethes mehr auf natürlicher Harmonie.

Durch die veränderte Richtung oder Verteilung des Blutstromes ist das Gleichgewicht im Organismus gestört, der Übertätigkeit auf der einen Seite steht Untätigkeit und Erschlaffung auf der anderen gegenüber. Man kann den Körper als eine Mauer betrachten, die das Herz zugleich mit der Welt verbindet und vor ihr schützt. Wenn dieser Körper morsch wird, ist das Herz feindlichen Angriffen mehr ausgesetzt und wird zu stärkerer Tätigkeit gereizt. Das Genie ist also eine Alterserscheinung, nicht in dem Sinne natürlich, daß der einzelne alt wäre, sondern daß seine Familie es ist; er ist das Ende einer Entwickelungsreihe. Doch ist es nicht so, daß die Auflösung bereits eingetreten wäre, sondern er gibt nur das Zeichen zu ihr; der blitzartige Punkt zwischen dem letzten Augenblick des gesunden Lebens und dem ersten des hereinbrechenden Todes ist der glücklichste.

Nach der Hochflut des Genies kommt die Ebbe der Dekadenz. Wenn ich bei dem photographischen Bilde bleiben darf, möchte ich sagen, daß bei sehr scharfem Licht die Platte des Gehirns zwar von Momentaufnahmen voll wird, daß diese aber, da keine Urbilder aus dem Herzen mehr dazukommen, nie ein lebendiges Ganzes werden können. Manche Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft, sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. Christus erkannte sich selbst als Gottes Sohn und starb den Opfertod; nach dem Augenblicke, wo Selbst- und Gotteserkenntnis eins wird, muß das Ende kommen, denn die Zeit ist mit ihm erfüllt. Der Gottmensch opfert sich entweder, von seinem Spiegelbilde sich losreißend, oder er bleibt in Selbstanbetung daran gebannt und wird, vom Strome des Lebens abgesondert, zur Mumie. Dem Tode ist der Gottmensch geweiht; es fragt sich nur, ob er sich selbst oder anderen sterben wird. Dies eben ist die Frage, die die Götter dem Achilles vorlegten, ob er ein langes und bequemes, aber ruhmloses Leben wolle, oder Kampf und Mühsal und frühen Tod, aber unsterblichen Ruhm; es war sein Herz, das die Antwort gab. Von der Großherzigkeit und Engherzigkeit des Menschen hängt seine Entscheidung ab.

Langlebigkeit und Gesundheit beruht auf Sparen mit dem Herzen; darin liegt, daß geniale Menschen im allgemeinen nicht lange leben und nicht durchaus gesund sein können. Irgendwie muß sich ein Rückschlag des gesteigerten Lebens zeigen. „Judas, wer liebt, verschwendet alle Zeit.“ Eines der schönsten Gedichte von Goethe, das von einem starken Baume handelt, der seine Kraft hingibt, um einen ihn umklammernden Efeu zu ernähren, schließt mit den Worten: „Süß ist jede Verschwendung; o laß mich der schönsten genießen! Wer sich der Liebe vertraut, hält er sein Leben zu Rat?“

Wäre eine derartige Verschwendung allgemein, so würde das menschliche Geschlecht bald ausgestorben sein; es ist deshalb notwendig, daß der große Haufe sich von der Selbstsucht leiten läßt.

Goethe wird deswegen so sehr bewundert, weil bei seinem Genie Gott- und Weltbewußtsein so sehr im Gleichgewicht war. Er hat dadurch das Genie eigentlich weltfähig gemacht, und wenn Christus die Menschen zu Göttern machte, kann man von Goethe sagen, daß er sich den Menschen zuliebe verweltlichte. Als Sohn eines durchaus weltlichen, engherzigen Vaters fing er früh an mit der Neigung zu sparen und glich dann einem Ofen, der sein Feuer Tage unterhielt, an dem man sich aber nicht gerade wärmen konnte. Er hat „sein volles Herz gewahrt“, geschont, und es ist dieser Umstand, der gerade den alten Goethe zum Liebling unserer gebildeten, wesentlich herzschwachen Männer macht. Luthers mächtiges, maßlos überanstrengtes Herz erlahmte verhältnismäßig früh, und die schmerzliche Ahnung seiner Jugend wurde wahr: die letzte Anfechtung wird sein, daß ich mir selbst zur Last fallen werde. Während seines ganzen Lebens hatten Perioden gänzlicher Erschöpfung, wo er sich lebend tot fühlte, mit den Perioden übermenschlicher Schaffenskraft gewechselt, Übertätigkeit des Herzens mit Versagen des Herzens.

Die Meinung, daß die Heiden die Lehre von der Berufung durch Leiden nicht gekannt oder gar verabscheut hätten, ist übrigens ganz falsch, wenigstens was die Griechen betrifft, deren Weltanschauung vielmehr ganz in die christliche einmündete. Eine Stelle bei Äschylus lautet:

Weise macht den Erdensohn
Gottes Führung und Gebot:
Leiden soll dir Lehre sein.
Mahnend sinkt im Schlaf der Nacht die Qual
Alter Schuld
Ihm aufs Herz:
Ungewollt
Kommt die Weisheit über ihn.
Strenge Wege geht mit uns die Gnade,
Die am Weltensteuer sitzt.

Es ist dieselbe Lehre von der Sünde, vom Leiden und der Gnade, die wir im Neuen Testamente finden. Die Sagen von Eros und Psyche und von Prometheus scheinen mir keinen anderen Sinn haben zu können, als daß das Leben im Geiste, symbolisiert durch Feuer und das Erschauen der Götter, nicht geraubt werden, sondern durch Leiden erworben werden muß. Das arbeitvolle Leben des Herkules, seinen Feuertod und seine Verklärung hat man längst mit dem Leben Christus' verglichen, und schließlich erlebte ja das ungemein geniale Volk der Griechen seinen höchsten und letzten Augenblick, als es in Christus den unbekannten Gott erkannte.

Die meisten Berufenen scheitern daran, daß sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno, nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Diejenigen erringen die Krone des Lebens nicht, die nicht getreu sind, sondern begehrlich nach den Kronen der Welt blicken. Sie bleiben entweder unfruchtbar und voller Unruhe zwischen den beiden Welten hangen, oder sie werden in der stärkeren Welt, in die sie sich ohne den Harnisch des Geistes zurückwagen, zertreten. Gott ist consumens et abbrevians, aufzehrend und abkürzend: auf Unzählige, die dahingehen, kommen einzelne Lebendige. Das Ziel, welches diese erreichen, zugleich Sieg und Krone, ist die Schaffenskraft. Die Auserwählten sind, wie schon gesagt, die Genies oder die Schaffenden; denn sie sind ja Ebenbilder Gottes, und Gottes Wesen ist Schaffen. Luthers quälende Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? läßt sich in die Worte fassen: Wie werde ich ein Schaffender? Im Schaffen wird das Leiden überwunden, und wenn das Leiden das Siegel der Berufung ist, so siegelt der Überwinder mit Werk, Tat und Wort. Das ist aber nicht so zu verstehen, als ob nur große Künstler, Helden oder Dichter und Weise selig werden könnten: jedes volle Herz ist tätig, arbeitet, und ist arbeitend selig. Das Genie im engeren Sinne aber lebt nicht nur, sondern erlebt, erinnert sein Leben im Spiegel des Gehirns und verdoppelt es in Form, Tat oder Wort. Diese Verdoppelung des Lebens, die nur durch verdoppelte Herztätigkeit möglich wird, nennt man Schaffen; aber selig macht auch das einfache Leben, das im Wirken besteht.

Eines der größten Genies der Welt war jedenfalls Paulus. Der Römer Festus begriff gut, mit wem er es zu tun hatte, da er zu ihm sagte: Paule, du rasest; deine große Kunst macht dich rasend. Es erinnert an Shakespeares Wort vom Auge des Dichters, das im süßen Wahnsinn rollt. Auffallend finde ich, nebenbei bemerkt, wieviel unwillkürliche Sympathie und Hochachtung gerade einzelne Römer für Christus wie für Paulus zeigten. Als dem ähnliches erscheint mir die gute Aufnahme, die England den ausländischen Genies zu bereiten pflegte: das Herrschervolk huldigt den Herrschern im Reiche des Geistes, das es ihnen gönnt. Die häufigen Schilderungen von der Seligkeit des geistig Schaffenden rauschen mit stürmender Gewalt durch die Bücher des Neuen Testaments wie die von der Kraft der Gläubigen durch die des Alten. Im Alten Testamente schafft Gott in dem passiv hingegebenen Menschen, im Neuen ist der Mensch selbst Gott geworden. „Das kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehöret hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, das hat Gott bereitet denen, die ihn lieben“; diese überschwengliche Herrlichkeit, sollte sie einem tugendhaften Bürger, einem katholischen oder protestantischen Pfarrer als solchem gegeben sein? Es sind vielmehr „die Verführer und doch wahrhaftig; die Unbekannten und doch bekannt; die Sterbenden, und siehe, sie leben; die Gezüchtigten und doch nicht ertötet; die Traurigen, aber allezeit fröhlich; die Armen, aber die doch viele reich machen; die nichts innehaben und doch alles haben“. Die „ewige und über alle Maßen wichtige Herrlichkeit“ gehört denen, „die nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare“, nämlich auf den Geist. „Schulgezänke solcher Menschen, die zerrüttete Sinne haben und der Wahrheit beraubt sind, die da meinen, Gottseligkeit sei ein Gewerbe“, das verschafft wohl Zutritt zur sichtbaren, nicht aber zur unsichtbaren Kirche.

Wenn man nicht das Wort „geistlich“ beibehalten hätte, das Luther für geistig gebrauchte, würde sich vielleicht der mit etwas Selbstgefälligkeit, Salbung und Tugendseligkeit so schädlich verquickte Begriff des „Geistlichen“ gar nicht herausgebildet haben. Wenn Luther „geistlich“ sagte oder schrieb, schwebte ihm sicherlich nichts anderes vor, als was wir bei dem Worte „geistig“ denken und empfinden. Diejenigen, die den geistigen, den innerlichen, unverweslichen Leib in dem natürlichen, verweslichen tragen, die können wie Paulus in das Paradies entrückt werden und unaussprechliche Worte hören, die kein Mensch sagen kann.

Für unsere Zeit ist es charakteristisch, daß es keine Genies gibt. Sowohl die amtlichen Vertreter unseres Geisteslebens wie die nichtamtlichen, die sichtbare Kirche nicht nur, sondern auch die unsichtbare, wollen entweder abgesonderte Winkelprediger oder Weltmenschen sein. Es ist so weit gekommen und wirkt beinahe komisch, daß sie mit einer Art Entrüstung, als wäre es etwas Schimpfliches, die Genialität ablehnen, weil sie an die Möglichkeit einer echten nicht glauben. Vor allen Dingen wollen sie gut leben und Ansehen in der Welt haben, was ihnen denn auch zuteil wird und womit sie ihren Lohn dahin haben. Der Krieg ist wohl als eine große Berufung anzusehen; ich zweifle, ob sie jetzt schon laut genug ist, daß die der göttlichen Stimmen ungewohnten Ohren sie vernehmen können.

Wenn ich von deiner schwermütigen Schönheit wegblicke zum Fenster, so sehe ich das durchsichtige Gewimmel der Sterne, das unsere Erde wie eine Gloriole umgibt. Die Erde kommt mir vor wie die Menschheit selbst, an ihrem äußersten Rande in leuchtende Körper aufgelöst, die in goldenen Ringen tiefer und tiefer in den unendlichen Raum dringen, eine Brücke der Gläubigen vom Sichtbaren ins Unsichtbare.

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