Anmerkungen zur Transkription
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Richard Dehmel
Gesammelte Werke
in drei Bänden
Dritter Band
S. Fischer, Verlag, Berlin
22. bis 24. Tausend
Alle Rechte vorbehalten, auch das der Übersetzung
Copyright 1913 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
Übersicht
(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen)
Seite | |
| Die Rute | |
| Der Werwolf | |
| Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht | |
| Das Gesicht | |
| *Das hölzerne Bein | |
| Die gelbe Katze | |
| Die Gottesnacht | |
| Kunst und Volk | |
| *Nationale Kulturpolitik | |
| Kunst und Persönlichkeit | |
| *Das Buch und der Leser | |
| *Philosophische und poetische Weltanschauung | |
| *Der Olympier Goethe | |
| *Grabrede auf Liliencron | |
| Naivität und Genie | |
| Kultur und Rasse | |
| Die Menschenfreunde | |
| *Michel Michael | |
Lebensblätter
Novellen in Prosa
Auswahl
Die Rute
Eine bedenkliche Geschichte
Er mußte selber lachen. Wenn ihn einer so sähe: jetzt, mitten in der Julihitze, die Ofentür aufschraubend. Und nun hinein mit der Rute in das offene Loch! Er bückte sich noch tiefer und freute sich, wie die harten Birkenreiser die dünne Schicht Asche zerritzten. Die war noch vom Winter her; das kühle Ockergelb der sanften Fläche tat ihm ordentlich wohl. Da lieg du!
Er machte langsam wieder zu. Ja, das fehlte noch grade: dieser Popanz im Hause. „Gott sieht, Gott hört, Gott straft“ — er richtete sich auf — das hatte er glücklich abgeschafft; nun sollte wohl die Rute hinterm Spiegel Jehovah spielen.
Diese Mütter! eine wie die andere. Es mußte doch noch immer etwas unbewußte Judenseele in ihr stecken: du sollst, mein Kind, weil deine Eltern das so wollen. Na warte, Schatz!
Er setzte sich an seine Arbeit zurück. Ein unverschämter Sonnenstrahl stach blendend von der Wand her über den Schreibtisch weg; grade von dem Bild der Beiden her. Er rückte zur Seite und ließ den Eindruck auf sich wirken. Hm: ruppig genug sah sein Töchterchen aus, da unter der grellen Glasplatte auf der schwülen Kupfertapete: so den Finger im Mäulchen, neben der mild zuredenden Mutter. Köstlich, dieser eigensinnige Moment.
Und nun sollten dem heißen Herzchen diese Momente wohl mit der Rute ausgetrieben werden: ein artig Kindchen, eine Puppe aus ihr werden. Heilige Mutterliebe!
Als ob sie nicht Zeit genug hätte, die Einsicht der Kleinen zu üben! den ganzen Tag über! während Er sich um das bißchen Leben placken mußte. Und sie hatte doch zur Genüge an sich selbst erlebt, und auch an ihm, daß nur die Einsicht, die wirklich bewußte Selbstanschauung, den Menschen ein bißchen menschlicher macht. Aber natürlich: „Kinder, die wissen nichts von sich“ — und da ist es für die liebe Mutter viel bequemer, sie mit der Rute zu traktieren. Als wenn Eltern wüßten, was solch Kind für seine Zukunft darf und nicht darf.
Ja, das würde wohl nun wieder einen zähen Kampf der Seelen geben. Wie sie neulich reizend fein gelächelt hatte, als sein polnischer Freund ihn im Scherz den Hahnrei seines Bewußtseins nannte. Ja, das war Wasser auf die Mühle ihrer weiblichen Unwillkürlichkeit.
Er mußte wieder lachen. Das Gesicht: wenn sie nun im Oktober zum ersten Mal wieder heizen würde und ihr dann die Rute aus dem gelben Loch entgegenstarrte, die langvermißte. Vielleicht grade an seinem Geburtstag. Wie sie sich dann nach ihm umdrehn würde, mit ihren goldnen Augen, ihren dunkeln, da beim Ofen knieend. Und das rechte Auge, ihr Wesensauge, würde groß und ruhig von Verständnis leuchten, und von Einverständnis; aber in dem kleineren, linken, dem Gattungsauge, durch die Wimperschatten des zu schwachen Lides, würde dieser frauenhafte Vorwurf zittern, daß sein vorbedachtes Schweigen sie wohl habe beschämen sollen. Still um ihre schmalen Lippen würde ein neuer Wille dämmern, bis in die zärtlichen Mundwinkel hin; und dann würde er zu ihr treten und sie küssen wie damals, als sie sich noch lieben mußten, als sie noch nicht Freunde waren.
Er stand auf. Blos fünf kleine Schritte bis zum Ofen. Wie das schmale Zimmer ihn getäuscht hatte! Oder das lange Mittelfeld des persischen Teppichs? — Er sah die wunderlichen Ranken des bunten Bortenmusters in der Mittagssonne glühen. Er fühlte die Freude wieder, wie sie ihm zum vorigen Geburtstag das schöne alte Ding von ihrem Spargeld geschenkt hatte. Er sah hinüber auf sein Arbeitsfleckchen und lächelte.
Aber grausig öde war sie wirklich, diese ewige juristische Begriffsstoppelei! Noch dazu jetzt, mitten im blühenden Sommer.
Er trat ans Fenster und sah das dunkelblanke Blättergrün der magern Pappel drüben vor der grauen Straßenfront im heißen Himmelslicht blitzen; wie allein sie stand, so mitten in der Großstadt. Die Kupfertapete des Zimmers kam ihm immer schwüler vor. Ja, er mußte mal wieder hinaus in den Wald! zum Vater Förster! Richtig: morgen, zu Mutters Geburtstag! Den hätt er beinah wieder vergessen.
Gott ja, das Elternhaus —: am Eichenhain, am Pappelbach, rings weit am Waldrand hin das freie Feld, die hellen Wiesen, und fern am andern Horizont die kleine Ackerbürgerstadt mit dem kümmerlichen alten Kirchturm, dem gelbgetünchten Schulhaus —: Kindheit.
Er setzte sich. Der Alte, der natürlich würde wieder tun wie Rübezahl: als ob der unverhoffte Eintritt seines Ältesten ihm höchstens seinen grimmigen Bart verwirren könne. Blos die stahlblauen Augen würden plötzlich etwas dunkler schimmern unter den silbrigen Brauen, die kleinen scharfen Pupillen eine Sekunde lang größer sein, die Backenfurchen um die mächtige Nase ein bißchen tiefer werden: „Na, Junge?“
Er hatte doch wahrhaftig noch immer etwas wie Gewissensangst vor diesem wetterroten Gesicht mit dem dichten, fast schon weißen Bart und Kopfhaar, dieser Hakennase und dem strengen, forschenden Blick, der zuweilen doch so herzlustig blitzen konnte. So hatte er als Kind sich immer den lieben Gott gedacht; geträumt. Damals wohl aber noch dunkelbärtig.
Die dicken Falten um die Nasenwurzel, ja und die schroff geschwungene Stirn, die hatte er vom Vater; nur die Augen, die waren wohl mehr nach der Mutter geschnitten, auch mehr grau als blau, mehr Stimmung als Wille. „Du bist wohl wunderlich, Jung?“ das war von je ihr herbster Tadel gewesen; sie verstand jeden Menschen mit ihrer Nachsicht. Du liebes Mutterherz: morgen! —
O, wie würde ihre ganze schlanke Gestalt von warmer Liebe zittern, von fast ängstlicher Freude, bis hinauf ins wellenkrause Schläfenhaar, die grauen Augen, die vielen Runzeln der feinen Züge, all die kleinen Sorgenfältchen um den hagern Mund, die Runen der Mutterschaft. Ja, sie war immer noch schön, die alte Mutter; aber ihr Schönstes doch die gütigen Lippen, so umstrahlt von Runzel an Runzel. Das war ihm immer wie der Ausdruck ihres ganzen zärtlichen Lebens; als zuckte in diesen vielen Fältchen tiefrot ihr verschwiegenes Herz, wie um den feinen Purpursaum am Stempelkrönchen der Narzissenblüte der keusche Geruch der gelblichen Narbenfalten.
Denn Narzissen, ja, das waren ihre Lieblingsblumen. O, wie sie die zu pflanzen wußte! Nur einzeln durften sie stehen, hin und wieder, die reinen, weißen, ruhigen Sterne über dem grünen Gartenrasen, daß die zarte bräunliche Kelchblatthülle oben um den schlanken Stengel deutlich sichtbar war an jeder, wie ein langer dänischer Handschuh um den Arm einer adligen Dame. Ja, sie verstand die ganze Welt.
Und morgen würde er sie küssen, und sie würde ihren wunderlichen Jungen auch verstehen, wenn er dann allein hinaus ins Freie ginge, irgendwo an eine Wald-Ecke hin, wo der schattenschaukelnde Wind durch ein Lupinenfeld herüberstriche. Wie er ihn schon roch, den süßen Geruch der tausend goldgelben Blütenkerzen, so am Rand des sammtgrüngrauen Fingerblättermeeres liegend, mit der heißblauen Himmelsglocke drüber; — warum war er blos Jurist geworden?!
Dieser Dummejungentick. Blos um dem Alten zu zeigen, daß er seine paar Groschen nicht nötig habe, auch zum teuersten Studium nicht. Und nun — nun war er Rechtsanwalt: Er mit seinem Achselzucken über alles sogenannte Recht. Er würde doch noch Schriftsteller werden. Hol der Teufel die Kundschaft!
Aber Weib und Kind? Und dann würde der Alte von neuem über verrückte Projekte reden und die Mutter wieder Gram auf ihre alten Tage haben; sie sah ihn ohnehin schon immer mit der stillen Scheu des Mitgefühls bei seinen Besuchen an.
Nun, morgen würde er die Kleine mitnehmen. Sie war jetzt Mensch genug, ihn zu begleiten; und dann würde eitel Innigkeit und Einigkeit im Forsthaus herrschen, wie neulich zu Ostern, als seine Frau ihn mit der Kleinen begleitet hatte. Dann würden die Eltern sich mehr als Großeltern fühlen und an den Sohn nicht soviel Fragen stellen, soviel verfängliche Lebensfragen.
Er erhob sich und öffnete die Tür. „Recha!“ rief er über den Flur. Dann setzte er sich zurück an den Schreibtisch und nahm ein Aktenstück zur Hand.
„Erich?“ trat sie fragend ein, die Finger auf der Klinke lassend.
Er blickte auf. „Wo ist die Kleine?“
„Spielen gegangen; sie muß bald wiederkommen.“ Sie drückte die Klinke fest; es klang, als ob sie etwas von ihm wollte.
Er schob sich wieder vor den Aktenstoß. Wie schön es ihm noch immer war, dies edelsemitische Nasenprofil, zu dem die braune Flechtenkrone um die Stirn so königlich paßte, daß die kleine Gestalt dadurch größer schien. Er liebte sie doch wohl noch. Also Vorsicht! Jetzt trat sie hinter seinen Stuhl.
„Du! Erich!“
„Hm?“
„Ich muß dir etwas sagen. Ich habe gestern eine Rute gekauft.“
„So?“
„Ja. Es ging nicht mehr anders. Wirklich: sie wird mir gar zu unnütz.“
„Detta oder die Rute?“
„Nein du, wirklich, es ist mir ernst.“
„Mir auch!“ Er drehte sich um nach ihr. „Übrigens möchte ich morgen zu den Eltern fahren und die Kleine mal allein mitnehmen; mach mir, bitte, den Rucksack zurecht.“ Sie nickte. „Aber bitte, nur das Nötigste; auf zwei Tage blos.“ Sie nickte wieder. „Und — na aber, was hast du denn?“ Sie kämpfte mit Tränen.
„Erich!“ Sie bezwang sich. Nur das linke Auge kämpfte noch. Er zog sie an sich.
„Sieh mal, Herze, verzeih! Aber wirklich: was sollt ich wohl erwidern? Du kennst doch meine Ansicht! Kinder sind doch keine jungen Affen; wenigstens dann nicht mehr, wenn die beliebte Prügeldressur beginnen soll. Du nennst die Detta bockig, und wer weiß was alles, weil —: blos weil sie jetzt im dritten Jahr ist. Wenn sie im zwanzigsten sein wird, wirst du das Charakter an ihr nennen.“
„Aber —“
„Nein; genug jetzt, bitte. Ich wäre heute auch was Bessers, hätte mich der Hundekantschu meines Alten nicht immer eigensinniger gemacht. Bring ihr Pflichtgefühle bei, soviel du willst; aber nicht mit Schlägen, muß ich bitten.“ Er wies auf seinen Bücherschrank: „Da! lies was über Suggestion! Du hast doch deinen bewußten Willen.“ Um ihre Mundwinkel huschte etwas wie ein feines Lächeln. Aha! sie dachte an den Hahnrei des Bewußtseins; dieser verdammte Pole! — „Die Rute jedenfalls verbitt ich mir.“ Beinahe hätte er nach dem Ofen gezeigt.
„Du scheinst auf meinen bewußten Willen grade nicht viel Wert zu legen.“
Er ließ sie los. „Schockschwerenot! nun werde gar noch empfindlich!“
„Nun, nun“ — begütigte sie sogleich; und wieder dies huschende Lächeln.
„Na, was lachst du denn in einem fort!“
„Ich?“ Sie sah ihn groß und ruhig an.
Da flog die Tür auf. „Hater! ich habe beide Hände voll Sonne!“ kam das Ungestümchen hereingewirbelt. Wie ihr die blonden Lockenfäden um die heißdunkeln Augen hingen! und um das merkwürdige Trotznäschen! „Sieh mal, Mutter!“ öffnete sie die Fäustchen.
„Willst du morgen mit Hater zu Ovater fahren?“ fragte die Mutter.
„Nein!“ fuhr das Näschen in die Höh.
„Aber Ovater wird sich so freuen, und die liebe Omama!“
„Großmutter!“ betonte er.
„Nein!“ stampfte das Beinchen.
„Na, dann bleib nur hier“ — er nahm sacht ihre Händchen und strich langsam jeden Finger gerade. „Dann wird Vater ganz allein die große schwarze Juno bellen hören — wau-wau-wau“ — er fixierte sie — „und die bunten Tuckehühnchen spielen sehen“ — er ließ die Händchen plötzlich frei — „tuck-tuck-tuck, ücke-rü-üh! — Und —“
„Große Muhkuh! Detta doch mit!“ hob sie hüpfend die Ärmchen aus einander. „Tuck-tuck-tuck, sehr lieb“ — jubilierte sie und umschlang die Kniee der Mutter.
Die nickte ihm zu, verständniswillig. Blos: schon wieder dies unbewußte Mundwinkelzucken! —
*
Der schwerfällige Post-Omnibus rumpelte aber wirklich etwas sehr vorsintflutlich. Und die holprige Landstraße hätte auch wohl längst eine neue Schüttung vertragen können. So konnte man ja seekrank werden auf den zersessenen Sprungfedern.
Er reckte sich und wollte den Hut aus der Stirn schieben. Aber die heiße Vormittagssonne stach grad an dem schlafenden Kutscher vorbei prall in den offenen Vordersitz; das Braunrot des verschossenen Polsterplüsches schweelte schon beinah wie versengt. „Schweiß und Staub — Schweiß und Staub“ — hörte er die beiden Gäule ihren gewohnten Klappertrab traben. Die jungen Rüstern an der sandigen Straßenkante sahen aus, als bedürften sie vor Hitze selbst des Schattens.
„Hater“ — und sinnend zeigte die Kleine auf den nickenden Fuhrmann vor sich — „ßpielt die Feitße mit dem Wind?“ Die Peitsche wippte in der Hand des Schlafenden im Takt der Gäule hin und her; die Zügel in der andern Hand mußten wohl die Bewegung vermitteln.
„Nein, mein Kind, der Wind ist weggegangen von der Peitsche.“
„Wo ist denn der Wind?“
„Schlafen gegangen.“
„— ßlafen gangen?“
„Ja“ —
„Wo ßläft er denn?“ Herrgott, dies ewige Gefrage!
„Er schläft!“ Sie war doch wirklich ein unglaublicher Quirl.
„Er ßläft?“
„Ja!“
„Wo denn?“
„Auf den Wolken.“
„Wolken?“ fragte sie zögernder.
„Ja“ — sagte er kleinlaut und blickte weg; kein einziges Wölkchen stand am Himmel.
„Wo denn aber?“ fragte sie ebenso kleinlaut.
Er schwieg.
Wie sie ihn schon in der Eisenbahn mit ihrer Neugier fortwährend gepeinigt hatte! Na, Gott sei Dank: jetzt schien sie auch mit einzuschlafen. „Schwarzer, Brauner“ — „Schwarzer, Brauner“ — hörte er wieder den Trott der Gäule. Jetzt war sie schon im Nicken. Die Peitsche hatte sie wohl eingewiegt.
Er dachte an gestern. Es mochte doch wohl nicht ganz leicht sein, sie immer und immer um sich zu haben. Wie seine Mutter wohl mit ihr auskommen würde? „Du wunderlicher Jung’!“
Eigentlich könnte er den Sonnenschirm aufspannen, den ihm Recha gestern als Geburtstagsgeschenk schon in Bereitschaft gehalten hatte; in manchem war sie doch sehr vorbedacht. Er langte nach dem sorgsam eingehüllten Ding. Aber der Staub, der würde es unsauber machen. Es war doch schließlich ein Geschenk für die Mutter! Das nimmt man doch nicht in Gebrauch vorher. Ach Torheit: kindische Rührgefühle! Nein, Ehrfurcht: der Geburtstag der Mutter! —
Ob seine Geschwister das heute wohl auch so fühlten? verstreut in der Fremde, geboren aus Einem Schooß, der heute vor Jahren und Jahrzehnten in andrer Fremde geboren worden. Schooß aus Schooß — er blickte sein Kind an —: und Schößling neben Schößling. Er sah die nahen jungen Bäumchen an der Straßenkante vorüberschwinden, jedes ewig den andern fern. Er sah sie in der Ferne der Alleeflucht eng zusammenrücken, immer enger; sie führten in die Heimat — von ihr her — fort, fort von ihr — o Elternhaus! —
Ja, so von ferne, jetzt: wie dehnte sich sein Herz den alten Eltern entgegen! Und dann, wie hob’s ihm die Arme hoch, hin um ihren Hals, im ersten Augenblick des Wiedersehens; immer noch. Dann war er ganz ihr Kind, ihr Blut, Leben von ihrem Leben, hingegeben, unbewußt, wie ans Herz der Natur. Er sah sich schon kopfbückend in die kleine Stube treten, durch die niedrige Tür, sah Lindenzweige an die Fensterscheiben tippen, sah die zwei blanken Schränke aus Birkenholz, die Gewehre und Rehgehörne, das wohlig grüne Schattenlicht.
Doch dann — dann trat auch schon das andre Leben mit ihm ein und zwischen sie: das mit den Zweckfragen, die der Mensch sich stellt, der Mensch im Gegensatz zur Natur und also auch zum Mitgeschöpf, zu jedem Allernächsten grade: das Leben des umgestaltenden Geistes, der bewußt gewordene Wille zur Zukunft, der ewige Kampf um neue Kultur.
Dann war er nicht mehr Kind, sie nicht mehr Eltern; dann war er ein Junger, sie noch die Alten. Dann war die liebe Muttersprache — o heiliges Wort dem Fühlenden — kein Verständigungswerkzeug mehr: dasselbe wohlgemeinte Wort, es hatte ihnen anderen Sinn als ihm, so sehr er in kindlicher Scheu sich mühte, den steten Zwiespalt zu verhehlen. Dann war die schattenkühle stille Stube schon manchmal recht schwül und drückend gewesen.
Ob ihm das wohl mit seinem Kinde auch einmal so gehen würde? — Fernliebe?! — Entzückend, wie sie da ahnungslos schlief, im Schatten des schlafenden Kutschers; und heute würde sicherlich sie jedweden Zwiespalt überbrücken. Einst aber? — Ach was! wenns ihr mal paßte, seinethalben mochte sie Seiltänzerin werden!
Er sah die Zügelleinen in der Hand des Fahrenden schaukelnd auf den Schenkeln der trabenden Klepper hüpfen. Auf ihren Rücken, um die schwitzenden Flanken, tanzte das Sonnenlicht hin und her, in großen spiegelblanken Flecken; es war doch unerträglich heiß. Die drei Messingringe aus den Kumten wippten blitzend auf und nieder mit dem Schulterriemzeug — auf und nieder — in Schweiß und Staub; — er sah nach der Uhr. Halbzwölf erst; noch eine Stunde so.
Er horchte wieder auf den Takt der Hufe: Schwarzer, Brauner — auf und nieder — auf und nieder, Schweiß und Staub. Ah, jetzt: vorn vor den müden Pferdehälsen kam wenigstens das Dorf schon hoch, wo immer angehalten wurde. Da gab es was zu trinken. Und zu rauchen. Zigarren vergessen! Er gähnte und lehnte sich zurück; noch fünf Minuten.
Das Geschaukel der Pferdeschenkel wurde immer sonderbarer; förmlich arabeskenhaft schwankten die Spiegelwellen der Flanken. Er schloß halb die Augen; das tat ihm wohl. Wie er alldas bewußt genoß! — Am Kumt die Ringe zuckten glitzernd auf und nieder zu ihm her, wie drei große blendende Sterne; auf und nieder — Schwarzer, Brauner — Schwarzer, Brauner, Weiß und Staub.
Er schloß die Augen etwas fester. Die Sterne blitzten immer weißer. Auf und nieder; weiß und taub.
Nein, das war wohl nicht das rechte Wort; es war wohl Gelb. Ja, Gelb. Süßer gelber Lupinengeruch; so wohlig kühl. Es mußte wohl ein Feld wo sein; Lupinenfeld. Das hatte er wohl übersehen vorhin.
Nein, es war wohl doch nicht gelb. Denn es waren ja Narzissen. Ja, Narzissen. Nein, er träumte wohl; nein, nicht! Denn es waren ja drei große, deutliche Narzissensterne — blendend weiß — nein fünf — nein sieben; sieben weiße Strahlenblüten.
Sieben nickende Narzissen; mit purpurgoldnem Krönchen jede. Sieben schlanke Edeldamen, mit wellenkrausen Schläfenhaaren. O, wie schön! Jede mit so grauen Augen; Mutteraugen. Jede hatte um die zarten Arme lange dänische Handschuh’ an; gelbe.
Und verbeugten sich vor ihm, eine nach der andern, mit den weißen Strahlenhüten. Jede bis zur siebenten. Die hielt einen Spiegel; hatte dunkle Augen, dunkelbraune.
Trat die erste vor; sagte ihm ein Wort. Und das war ihr Name, und den hatte er schon gehört; nur besinnen konnt er sich nicht drauf. Sagte auch die zweite ihren Namen; auch die dritte. Schlossen alle mit der Silbe „sinn“, nein „sein“ — Sinn, Sein — auch die vierte, fünfte, sechste; und die purpurgoldnen Krönchen nickten. Nur die siebente war stumm; war blaß; hielt ihm nur den Spiegel hin. Der war blind. Und sie schüttelte den Kopf; und ihr linkes Auge blickte traurig.
Nein, das war doch gar zu lustig: wie ihr Purpurkrönchen wackelte. Denn das war ja gar kein Krönchen: war ein dicker roter Hahnenkamm, wippte in der Sonne. War ein ganzer Hahnenkopf — dicker bunter Hahnenhals — der blähte sich. Schlug mit beiden Flügeln funkelnd durch die Luft — rief ganz laut und deutlich: ücke-rüh-ü-üh! —
Er riß die Augen auf. Wahrhaftig: eben stieß der Omnibus mit härterem Gerumpel auf die ersten Pflastersteine der Dorfstraße, und drüben auf dem einen Hofzaun reckte sich der Hahn und krähte zum zweiten Mal. Der alte Fuhrknecht hob das Stoppelkinn: „jüh, Rackers!“ mit den Zügeln auf die schweißbeglänzten Pferdeschenkel klatschend. Auch die Kleine wurde langsam munter.
Was der Traum wohl zu bedeuten hatte? Ach, bedeuten: Unsinn! Aber wie er wohl entstanden war?
Sollte —: Hahnrei des Bewußtseins? — Hm...
Das Wort des Polen war ihm doch wohl tiefer gegangen, als er damals dachte.
*
Die Abendsonne schien sich heute förmlich zu krümmen, wie vor Durst. Immer dicker wurde der kupferrote Ball, da hinter den Wasserdünsten des sumpfigen Sees am Horizont. Grade zwischen den zwei dicksten alten Pappelstämmen bei der kleinen Straßenbrücke drüben hing das dunkelrote Ungetüm im fernen Grau, dicht unter dem Zittersaum des schwarzgrünen Laubdaches.
So groß und glanzlos hatte er sie niemals sinken sehen. Nur die breiten drei Brechungskeile, mit denen sie Wasser zog, wie die Leute hier sagten, standen stromhell wie aus Goldtopas geschliffen unter der purpurnen Kugel, zeigend daß sie noch Licht gab. Der Mittelkeil war nur ganz kurz noch; wie ein mächtiger Strahlensockel. Vor dem schwellenden Gelb der Seitenschrägen hoben sich die beiden Pappelstämme tiefschwarz ab mit ihren Borkenrändern. Das Laubdach wurde immer dunkelgrüner.
„Wird morgen wieder schwere Hitze geben“, sagte der Alte und trat aus der Haustür zu ihm an den Gartenzaun. „Meine ganzen jungen Kiefern werden noch vertrocknen; schlimmes Jahr!“ Er zeigte mit der Pfeife in das Astwerk der Akazienkrone über ihnen: „Läßt schon Blätter fallen.“ Der Tabaksrauch berührte wirbelnd grade eine der verwelkten Blütentrauben.
„Hast du neue Bienenstöcke, Vater?“
„Einen blos“ — erwiderte der Alte und setzte sich auf die Bank am Zaun. Nun wies er schmunzelnd auf die Kleine, die an der hohen Haustürschwelle neben „Lotte Goldsnut“ hockte. Die Teckelhündin lag, platt alle Viere von sich, wie tot im warmen Sande, und die Kleine war eifrig bestrebt, zwischen die vier Zehen der krummen Vorderpfoten immer drei der abgefallenen Akazienblätter festzuklemmen. Immer wenn sie fertig war mit einer Pfote, streifte sich die Dachsmadam mit der andern die Blätter wieder ab, und das Spiel begann mit Ernst von neuem. Was die Recha nur wollte! die Kleine war ja unglaublich artig.
Jetzt trat die Mutter aus der Tür, in jedem Arm behutsam eine flache Satte voll Dickmilch tragend. Er sprang ihr zur Hand. Wie sich all ihre Runzeln freuten, bis in die liebreichen Augen hinein, als er die eine Schüssel ihr abnahm und sie auf den Gartentisch setzte; richtige Geburtstagsaugen! Und zugleich wars wohl auch die Freude, wie ihrem Ältesten nachher die kühle Labung schmecken würde, so mit Streuzucker drüber und Schwarzbrotkrümeln. Wie die fette Sahne nach dem Eiskeller duftete! Orndtlich winterlich sah die weiche Pelzschicht aus.
„Na, Alterchen?“ ließ sich Mutter hören, Vaters Schneehaar glattstreichend — „soll ich hier decken oder unter der Linde?“
„Lieber hier, Mutting,“ kam er dem Alten zuvor; „hier sieht man die Abendsonne so schön.“ Die rote Scheibe stieß jetzt grade auf den Horizont der Landschaft; der Strahlenfächer war verschwunden.
Der Alte griff sich in den Bart. Sicherlich knurrte er im stillen wieder: „Sentimentaler Krempel!“ Das war ein Lieblingstrumpf von ihm.
„Die Lindenblüte riecht auch zu stark“, meinte mit rascher Abwehr die Mutter; „Abends manchmal ganz betäubend.“ Dann beugte sie sich zu der Kleinen nieder: „na, mein Lämmechen?“ strich ihr die Locken sanft aus der Stirn, sorglich nach dem Alten blickend, und ging wieder ins Haus. Lotte Goldsnut erhob sich.
„Hat ’ne zarte Nase, unser Muttel“, brummte der Alte und griff gemächlich an sein eigenes Vorgebirge, eine dicke Wolke von sich paffend; „krigt’s schon mit den Nerven.“
„Ovater“ — kam auf einmal die Kleine hinter der Teckelhündin herangependelt — „bist du der Weihnachtsmann?“
„Woll, mein Mäuschen!“ und er nickte belustigt. Tief nachdenklich sah sie ein Weilchen auf die eine Schüssel hin, durch deren dunkelgrüne Glaswand der weiße Inhalt schimmerte. Dann ging sie wieder an die Schwelle, wo die verblichenen Akazienblätter auf dem sandigen Boden lagen.
„Muß doch mal im Hofe nachsehn“ — sagte der Alte und stand auf — „ob die Juno etwa los ist; das Schindluder hat mir neulich einen von den jungen Hähnen abgewürgt.“ Er reckte sich. „Kann das Volk auch gleich in den Stall bringen.“ Er schritt ins Haus. Lotte Goldsnut wackelte ihm nach.
Die Sonnenkugel war jetzt nur noch mit dem oberen Drittel sichtbar, wie das rote nackte Augenschild eines riesigen Birkhahns. Nun wurde sie verdunkelt, fast verdeckt, von dem strotzenden Euter der grauen Leitkuh, die eben mit der Heerde drüben von der nahen Weide kam. Um die schweren Bäuche stieg der Staub der Landstraße auf. Der lahme Spittelhirt des Städtchens hinkte barfuß hinterdrein. Durch das hohlere Getön der Brückenbohlen klang die Kupferglocke am Hals der Vorderkuh. Zum Brüllen war die Heerde wohl zu satt. Die Mäuler kauten noch.
Nun war die Sonne blos noch ein fasriger Rand, wie ein glühender Wimpernbogen; das machten wohl die Binsen und das Röhricht in der Ferne. Man konnte fast mit den Augen verfolgen, wie sie Strich für Strich untertauchte. Er warf die ausgegangene Zigarre weg und stützte sich fester auf den Zaun. Jetzt verglomm der letzte Strich, grade oberhalb der einen Pappelsohle, wie hineingeschrumpft. Es wurde plötzlich etwas heller. Die fahle Dunstwand schien sich abzukühlen. Das dumpfe Rotgrau lockerte sich zart ins Grünliche. Durch die stummen Pappeln, von Haupt zu Haupt das Fließ entlang, wagte sich ein Lüftchen; noch beklommen. Jetzt: die trägen Blätter fingen an zu munkeln.
Er fuhr auf: eine verspätete Biene, von der Linde her, vorbei zu Korbe. Ob sein Vater die Feierstunde der Natur auch so ins Einzelne mitfühlte? Mit so sinnlicher Andacht? Nein. Das war wohl Neugehirn. Neue Sinnlichkeit. Auch neue Wissenschaft.
Aber doch: er hatte ihn einmal sagen hören: „Der Kiefernhochwald, aber Schnee muß liegen, das ist meine Kirche!“ Aber eben: Kirche: Unnatur! — Da, da drüben die Pappelblätter, oben an der höchsten Spitze, wie sie schwärzlich im blassen Luftblau hingen, jeder Rand von einem zarten, zitternden Flimmerschein umwirkt: wars nicht tief feierlich zu wissen, daß sich da jetzt von unten her die letzten scheidenden Sonnenstrahlen durch den Atemduft des warmen Laubes in der Abendkühle goldhell brachen.
„Hater —“ fragte plötzlich die Kleine und schob sich bedächtig auf die Bank, ihr Schürzchen von sich haltend, das sie mit Akazienblättern vollgesammelt hatte — „sind die Bäume müde, Vater?“ Ihre Augen blickten, weit und träumerisch geöffnet, über den Tisch weg nach den Pappeln. „Wie die Menßen ’tehn sie da.“
Er mußte nicken; wortlos. Wie die Menschen! O Kindermund.
Das mußte er der Mutter sagen; das war ein Wort aus ihrem Geist. Die Kleine saß immer noch träumerisch; leise trat er in den Hausflur. Und auch den Narzissentraum ihr sagen! Ja, und dem Alten helfen seine Hähne einsperren; das nahm er immer sehr hoch auf.
Die Küche war offen. Die Mutter stand am Herd, eben einen Eierkuchen in der zischenden Pfanne wendend. Nein, das war nicht die rechte Stimmung; lieber morgen Vormittag im Garten. „Ah —“ sog er unwillkürlich den Geruch des brutzelnden Gebäckes ein.
„Mein großer Junge!“ lachte sie und griff ihm liebkosend durch den Kinnbart. „Hast wohl schönen Hunger von dem langen Spaziergang?“
„Wo die Juno blos stecken mag!“ wetterte der Alte, aus dem Hühnerhof in die Küche tretend; mit dem Helfen wars also auch nix. „Fängt auf ihre alten Tage zu jagen an; muß ihr mal ’ne Ladung Schrot aufsengen, Kantschu scheint nicht mehr zu ziehen.“ Er war ganz rot vor Ärger; wie seine Hähne. „Hast du sie nicht bemerkt Nachmittag?“
„Nein, Vater.“
„Konnt mirs denken“, ging das Sticheln los; „liegst ja immer gleich im Grase fest.“ Schwerenot, was ihn das wohl anging!
„Fertig, Kinderchen“ — rief die Mutter und nahm das Gedeck zur Hand, ihm die Teller reichend.
Gottseidank! atmete er auf, wieder hinaus ins Freie tretend; der Alte hinterdrein mit den Eierkuchen. Aber was war das? das war ja ’ne nette Bescherung! Auf dem Gartentisch, mitten drauf, saß sein Töchterlein, eifrig bestrebt, die sandigen Akazienblätter in verschiedenen schönen Kringeln auf dem weißen Sahnenpelz der dicken Milch zurechtzulegen; eben wollte sie die zweite Satte in Angriff nehmen.
„I du Balg!“ Er besann sich; nur keinen Wutausbruch! Weswegen auch? eigentlich wars doch zum Lachen! Er nahm sich zusammen und sprach mit Nachdruck: „Das war aber unartig von dir!“
Sie sah ihn groß von der Seite an. „Das war darnicht una’tig von mir!“
„Kiek!“ machte der Alte in der Haustür, und der Kobold stach aus den stahlblauen Augen.
Wollte er ihn vielleicht gar foppen? Na warte! Er stellte die Teller hin. „Komm mal runter!“ sprach er und trat vor sein Kind.
„Nein!“ stemmte sie die Arme auf. I zum Donner, da sollte doch gleich —
„Kiek!“ kams abermals von der Haustür her; „Respekt scheint sie nicht viel zu haben.“
„Braucht sie auch nicht! Verlange ich nicht! Ich schlage meine Kinder nicht!“ Verdammt: wie war das aus ihm herausgeplatzt? Hätt er das Balg blos nicht mitgebracht!
„Nna“, knurrte der Alte mit Seelenruhe: „die Köter fressen ja dicke Milch auch ganz gern. Komm, Lotte“ — pfiff er der Dachshündin, die sich eben durch den Zaun schlängelte. Was war der Jöhre blos aus einmal so hinterrücks in den Kopf gekrochen?!
„Komm mal her, mein Schäfchen,“ legte sich jetzt die Mutter ins Mittel und lächelte. Der Alte streichelte die Hündin, die bereits in der fetten Sahne schleckte. „Komm, mein Schäfchen; komm her zu mir.“
„Will aber nich!“ bockte sie erst recht, die Finger um den Tischrand klammernd. Jetzt riß ihm aber bald die Geduld!
„Na, Herzchen,“ lockte die Mutter wieder: „wirst doch nicht wieder wunderlich sein?“
Ah: am Nachmittag also auch schon?! Was sollte der Alte denn von ihm denken!
„Vater haut nich“ — stemmte sie sich noch fester.
Teufel, das war denn doch zu bunt! „Willst du jetzt gleich herunterkommen?!“
„Nein!“
„Detta?!“
„Nein!“
Wie sie festhielt! Warte, Kröte! Strampelst noch? Und mit den Beinen stoßen? — „Laß, Mutter! laß mich!“ schrie er wütend. Und wie das blanke Fleisch sich wand! Wie’s klatschte! Wie die Hand ihm brannte! Wie der Racker brüllte! Warte, Satan! —
„Na, na! so grob gleich?“ hörte er plötzlich den Alten; wie aus einem Nebel her.
„Kanalje!“ keuchte er — „marsch!“ und besann sich. Ganz knallrot, ja, war das Fleisch gewesen; knallrot wie ein Hahnenkamm. Und — Hahnrei des Bewußtseins! schoß ihm das Blut in die Schläfen; verdammt ja, wie eine Ohrfeige.
Hatte sie’s verdient? fragte etwas in ihm. Sie stand muckstill, mit den Tränen kämpfend. Was würde Recha sagen? Er schämte sich.
„Hab sie Nachmittag auch schon mal striegeln müssen,“ kams wieder von der Haustür her. Kreuzdonner — „Na, entschuldige nur! Blos mit der Rute ein bißchen auf die Finger.“
So —: deswegen also „Weihnachtsmann“?! und darum war sie vorhin so sonderbar artig?! — Er konnte nicht anders, er mußte lachen. Und auf einmal lachten sie alle zusammen.
Der Werwolf
Erzählung
An einem sehr nebligen Oktober-Abend sprach sich in dem entlegensten Vorort einer norddeutschen großen Handelsstadt die unheimliche Kunde herum, der Apotheker des Ortes sei auf der Eisenbahn während der Rückfahrt aus der Stadt von einem Raubmörder erschossen worden. Es war das ungefähr um dieselbe Zeit, als in einem Vorort der deutschen Reichshauptstadt Berlin ein aus dem Zuchthaus entlassener Schustergeselle die ganze zeitunglesende Menschheit zu unvergeßlichem Gelächter bewegte, indem er kraft einer abgetragenen preußischen Offiziersuniform nebst dazu passender Körperhaltung den versammelten Magistratspersonen die hirnberückende Vorstellung eingab — oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, suggerierte — er solle auf allerhöchsteignen Befehl Seiner Majestät des Kaisers den obrigkeitlichen Geldschrank ausräumen. Auch in jener norddeutschen Villenkolonie war über den musterhaften Gaunerstreich dieses sogenannten Hauptmanns von Köpenick, bei aller damals üblichen Ehrfurcht vor der Würde und Weisheit der Staatsvertreter, noch am Tage des Mordes reichlich gelacht worden; nun aber geriet die Einwohnerschaft, die größtenteils aus begüterten Kaufleuten und gutgestellten Beamten bestand, in eine zunehmende Ernsthaftigkeit. Fast alle mußten sie täglich zur Stadt fahren, um ihren Geschäften nachzugehen; jeder von ihnen sagte sich also, es hätte ihm nach erfüllter Berufspflicht, während er als gebildeter Bürger eines gesitteten Staatswesens auf dem besteuerten Bahnwagenpolster in den wohlverdienten Genuß einer Zeitung oder eines kleinen Schlummers versunken saß, genau desgleichen ergehen können wie dem bemitleidenswerten Apotheker, ja es könnte vielleicht sogar noch geschehen. Denn der Gemordete wurde begraben, ohne daß von dem Raubmörder auch nur die geringste Spur entdeckt war; und wochenlang setzten die städtischen Waffenhändler erstaunliche Mengen von Taschenrevolvern, Stockdegen, Schlagringen und andern Verteidigungswerkzeugen an die erregte Bevölkerung der sämtlichen umliegenden Ortschaften ab, während zugleich bei der Bahnverwaltung die verschiedensten dringlichen Sicherheitsvorschläge zum Umbau des ganzen Wagenparks einliefen, und bei der Polizeidirektion die mannigfachsten Verdachtsanzeigen, die immer weniger zur Ergreifung des Mörders und immer mehr zur Erregung der Bürgerschaft beitrugen.
Es ließ sich einstweilen nur ermitteln, daß auf der Böschung der Vorortbahn unweit der letzten Haltestelle ein alter Kavallerie-Revolver mit zwei abgeschossenen, zwei noch geladenen und zwei ungeladenen Patronenkammern die Mordtat sowohl wie die Flucht des Täters hinlänglich bezeichnete; auch fanden die Untersuchungsbeamten in nächster Nähe des Mordwerkzeuges die goldene Uhr und Kette des Apothekers, und in dem Bahnwagen hatte bei dem Gemordeten seine entleerte Banknotentasche blutbefleckt auf dem Polster gelegen. Augenscheinlich also war der Verbrecher nach der planvoll durchgeführten Beraubung während der Fahrt aus dem Wagen gesprungen, hatte die Tür wieder zugeschlagen, den Revolver im Sprunge fallen gelassen und dabei in der Hast auch die Uhr verloren; oder er hatte Uhr wie Revolver, um sich nicht später dadurch zu verraten, absichtlich sofort aus der Hand geworfen. Eine Fußspur war aus dem Graswuchs der Böschung nirgends zu erkennen gewesen, und in dem dichten Nebel konnte der Täter sehr leicht noch an demselben Abend nach dem Hafen der Handelsstadt auf offener Straße entkommen sein, hatte sich erst wohl unterwegs an irgend einem Feldteich gesäubert und war dann vermutlich mit falschen Papieren auf einem der vielen Auslandschiffe als Kohlenschipper oder dergleichen schon nächster Tage in See gegangen. Die meisten Umwohner wollten freilich aus allerlei Meldungen entnehmen, er streife noch heimlich im Lande herum; und da der massenhafte Vertrieb von Taschenwaffen jeder Art natürlich etliche freche Burschen zu neuen Gewalttaten anreizte, so schob sie der allgemeine Argwohn immer wieder auf den entschlüpften Raubmörder, obgleich diese ungeübten Gelegenheitsräuber stets bald der Polizei in die Hände fielen. Im übrigen blieben alle Nachforschungen, auch Zeitungsaufrufe und Säulenanschläge, ob irgendwer im deutschen Reich einen alten Kavallerie-Revolver kürzlich an irgendwen verkauft habe, trotz ausgesetzter Belohnung erfolglos; man mußte leider den Schluß ziehen, daß der Verbrecher die Waffe wohl schon in seiner militärischen Dienstzeit irgendwie beiseite gebracht und für seine spätere Laufbahn aufbewahrt hatte.
Was die Bevölkerung ganz besonders erregte, war der sehr viel Gesprächsstoff bietende Umstand, daß der erschossene Apotheker, trotzdem ihm der eine Schuß die Schläfe durchbohrt, der andre die Schädeldecke zerschlagen hatte, noch lebend, wenn auch bereits bewußtlos in dem Bahnwagen aufgefunden ward. Die ärztliche Leichenschau ergab, daß die Bewußtlosigkeit wahrscheinlich erst einige Minuten nach der Verwundung unter heftigen Schmerzen eingetreten war; und jedermann suchte sich nun zu vergegenwärtigen, was für Gedanken dem Unglückseligen in seinen letzten Augenblicken durch das zerfetzte Gehirn gestürmt sein mochten. Dies umso angelegentlicher, als der Entseelte bei Lebzeiten in der Ausübung seines Berufes fast jedem einzigen Ortsinsassen mehr oder minder nahe gekommen und auch als Persönlichkeit weit beliebt war: ein sanfter, schmiegsamer, schlanker Herr mit einem blonden Christuskopf und — was bei seiner Aufgeklärtheit manchem verwunderlich erschien — von förmlich gottgläubiger Frömmigkeit. So legten denn alle Nachdenklichen sich selbst und Andern die Frage vor, wie wohl das Gottvertrauen des Apothekers die letzte kurze Bewußtseinsfrist nach dieser gräßlichen Lebenserfahrung innerst bestanden haben möge, zumal da bekannt geworden war, daß die Witwe beim ersten Anblick des Toten nur die verzweifelten Worte herausgebracht hatte: „es gibt keinen Gott, es gibt keinen Gott!“ Auch daß sie den ziemlich hohen Betrag von 150000 Mark, auf den der knapp vierzigjährige Mann erst unlängst sein Leben versichert hatte, und welchen ihr die Versicherungsgesellschaft unverzüglich überwies, mit keinerlei Regung des Trostes entgegennahm, sondern vor Schluchzen kaum zu quittieren vermochte, gab der gemütvollen Bürgerschaft zu vielen teilnehmenden Reden Anlaß. Das menschliche Mitgefühl der Bevölkerung erstreckte sich so weit in die Runde, daß der Friedhofsgärtner nach der Beerdigung reichliche vierzehn Tage brauchte, um die Gräber und Beete wieder zurecht zu machen, die unter dem nicht zu hemmenden Andrang von Leidtragenden jeden Alters und Standes, einheimischen und auswärtigen, zertreten oder zerrauft worden waren. Und noch mehrere Wochen nach dem Ereignis konnte man in der ganzen Gegend keiner gebildeten Unterhaltung beiwohnen, die nicht schließlich zu der Erörterung führte, ob dem verewigten Apotheker, falls es ein Fortleben über das Grab hinaus gäbe, die Nichtentdeckung seines irdischen Mörders als ein völlig sachgemäßes Verfahren der himmlischen Gerechtigkeit einleuchten würde.
Da geschah es an einem schönen Nachmittag, daß ein Gemüsehändler des Ortes, der seine Mistbeete für den Winter herrichtete, durch eine Gartenhecke hindurch ein sonderbares Gespräch mit anhörte, das zwischen dem Eigentümer des Nachbarhäuschens und dessen einzigem Freunde stattfand. Dieser Nachbar war allen Leuten ein Rätsel. Als früherer Eisenbahnschaffner hatte er infolge einer Zugentgleisung eine leichte Kopfverletzung erlitten, von der ihm, wenn sein Gebaren nicht trog, eine dauernde Geistesstörung verblieben war, zwar keine richtig irrsinnige, aber die ihn nach Meinung der Ärzte doch dienstunfähig erscheinen ließ; und so hatte er vor Gericht erlangt, daß ihm die Bahnverwaltung den Abschied nebst angemessenem Sühnegeld und — bis sein Geist vielleicht wieder dienstfähig würde — auch Ruhegehalt bewilligen mußte. Nun tat er von Morgens bis Abends nichts weiter, als daß er vor seinem dürftigen Häuschen, für dessen Erwerbung das Sühnegeld draufgegangen war, in verbiesterter Weise hin und her schritt. Zu jeder Tages- und Jahreszeit, bei schlechter wie guter Witterung, marschierte er da in dem schmalen Raum zwischen Hauswand und Straßenhecke wie ein Wolf im Käfig auf und ab, mit verwildertem buschigem rotbraunem Bart, beide Fäuste in die Taschen vergraben, die Mütze tief ins Gesicht gedrückt und scheu die Vorübergehenden musternd, manchmal mit mißtrauisch zugekniffenen, manchmal mit feindselig aufgerissenen Augen; sodaß die Leute im Ort schließlich sagten, wenn er nicht wirklich geisteskrank sei, müsse er es bei dieser Art Übung allmählich bis zur Vollkommenheit lernen. Außer zu seinen Mahlzeiten und sonstigen häuslichen Geschäften, die seine Frau nicht für ihn verrichten konnte, wies sein öffentlicher Lebenswandel nur dann eine Unterbrechung auf, wenn in der Nachbarschaft irgend ein Todesfall vorkam oder auch blos zu erwarten stand. Dann verschwand er sofort aus dem Straßengärtchen, schloß sich Tagelang in seine Schlafkammer ein oder trollte während der Leichenzeit, wie ein von bösen Geistern Verfolgter, in den dichten Haidegehölzen herum, die an den Friedhof angrenzten. Deswegen hatte ein Lehrer der Ortsschule, der sich in seinen Mußestunden mit Abhandlungen über Gespenstersagen und Schauermärchen beschäftigte, einmal am Biertisch im Scherz geäußert, der rätselhafte rotbärtige Kerl werde sich noch als Werwolf entpuppen; und dieses hingeworfene Wort war als Spitzname an ihm hängen geblieben und dermaßen gang und gäbe geworden, daß kein Kind sich allein in die Haide wagte, aus Furcht, vielleicht von dem wilden Mann überfallen und abgewürgt zu werden.
Ob der Werwolf selbst merkte oder ahnte, was über ihn gemunkelt wurde, das wußte wohl nicht einmal seine Frau; denn zu Gesprächen neigte er nicht, sondern gab auf Anreden entweder garnichts oder höchstens ein unwirsches Knurren zurück. Nur ein kleiner krötiger buckliger Flickschneider, mit dem sich sonst niemand recht einlassen mochte, hatte sich an ihn angenistet und verstand ihm zuweilen ein paar Worte oder gar ein Schmunzeln abzugewinnen. Das passierte allerdings selten genug, und blos an besonders schönen Tagen; denn des Flickschneiders elenden Knochenbau flog beim leichtesten Lüftchen das Zipperlein an, und außerdem war er so schwach auf den Beinen, daß er dem unermüdlichen Werwolf kaum ein halbes Stündchen lang Schritt halten konnte. Geschah es aber, dann schien sich dieser voll tiefen Behagens daran zu weiden, wie das kleine klägliche Klümpchen Unglück mit seinem bartlosen Unkengesicht und seiner keuchenden Kläfferstimme da neben ihm hin und her hampelte, und wie die Leute das seltsame Freundespaar verstohlen von ferne besichtigten. An einem solchen schönen Nachmittag also — es war ein ungewöhnlich milder November — vernahm der erwähnte Gemüsehändler, hinter der Gartenhecke knieend, wie der Flickschneider plötzlich den Werwolf fragte, ob er nicht früher, vor seinem Eisenbahndienst, Sergeant oder so’was gewesen sei. Und als der mißtrauisch antwortete, er könne sich nicht mehr an alles erinnern, zog der Andre ein Zeitungsblatt aus dem Rock, das den berüchtigten Kavallerie-Revolver in größengetreuer Abbildung zeigte, und fragte mit pfiffiger Miene weiter, ob er sich hieran vielleicht erinnern könne; worauf der Werwolf erst wie entgeistert stillstand, dann in ein schreckliches Toben und Schluchzen ausbrach und den Krüppel wahrscheinlich entzweigemacht hätte, wäre nicht die Frau aus dem Hause dazwischengestürzt und auch der Gemüsehändler zu Hilfe geeilt. Natürlich meldete dieser den Vorgang ohne Aufschub der Polizei, und am andern Morgen wurde der Unhold von zwei Gendarmen zur Stadt befördert und ins Untersuchungsgefängnis gesteckt.
Beim Verhör erklärte zunächst der Flickschneider mit untertänigstem Selbstgefühl, daß er sich feierlich dagegen verwahren müsse, als Freund des Verhafteten zu gelten. Er sei ein unbescholtener Staatsbürger und habe sich mit dem verdächtigen Menschen lediglich deshalb abgegeben, um heimlich dabei herauszustudieren, ob derselbe in Wirklichkeit verrückt sei oder blos immerfort so tue. Die verfängliche Frage nach dem Revolver habe er eigentlich nur gestellt, weil einem solchen heimtückischen Müßiggänger doch alles zuzutrauen sei. Er wolle keineswegs die Behauptung aufstellen, daß der Werwolf den Apotheker umgebracht habe; es bleibe ja immerhin die Möglichkeit, daß derselbe den greulichen Wutanfall aus reinem Ärger über die Frage gekrigt oder auch blos geheuchelt habe. Aber er möchte doch nicht verfehlen, die Aufmerksamkeit der hohen Behörde auf den bedenklichen Umstand hinzulenken, daß der Verhaftete am Tage des Mordes schon seit dem Mittag verschwunden gewesen und erst wieder am Tage nach dem Begräbnis vor seiner Haustür erschienen sei. Wenn sich also derselbe nach alledem vor dem hohen Gerichtshof als schuldig erweisen sollte, so möchte er — und bei diesen Worten blies sich des Flickschneiders Busenwölbung wie ein Truthahn vor dem ebenfalls verhörten Gemüsehändler auf — ganz ergebenst befürworten, daß er allein den vollen Anspruch auf die für die Entdeckung des Mörders ausgesetzte Belohnung erheben dürfe. Der Beschuldigte saß währenddem mit gänzlich verstocktem Gesichtsausdruck da; nur als sein Verschwinden zur Rede kam, geriet er in merkliche Unruhe, und sein zusammengebissener Mund schien wieder mit inneren Tränen zu kämpfen. Doch bewirkte seine Vernehmung nichts weiter, als daß er hartnäckig leugnete oder zumeist blos den Kopf schüttelte, beständig die Augenbrauen runzelnd, wie wenn er die Sache nicht recht begriffe. Und da seine Frau nur in einem fort aussagte, sie könne sich hoch und teuer verschwören, daß sie nie einen solchen oder andern Revolver an ihrem Mann beobachtet habe, so mußte das lebhafte Rechtsbedürfnis der aufs stärkste gespannten Zeitungsleser einstweilen damit zufrieden sein, sich in neue entrüstete Leitartikel über die öffentliche Unsicherheit im allgemeinen, wie über den unheimlichen Werwolf und sein jahrelang freies Herumgerenne im besonderen zu vertiefen.
Indessen ergab der Fortgang der Nachforschungen, daß der Beschuldigte um die Zeit, als Revolver des vielgenannten Systems in der Armee geführt wurden, tatsächlich Sergeant gewesen war, und zwar bei der reitenden Artillerie; auch daß er sich wirklich zur Stunde des Mordes nicht in seiner Behausung befunden hatte. Vor allem aber gelang es dem Flickschneider, der inzwischen zusehends in der Achtung der teilnahmvollen Bürgerschaft stieg und von Tag zu Tag mehr Zuspruch gewann, durch eifrige Umfragen festzustellen, daß die Frau des Verhafteten schon seit Jahren bei sämtlichen Krämern und Händlern des Ortes, bei Schlachtern, Bäckern und Handwerksleuten, beträchtliche kleine Schulden gemacht und ihren Mann für sein lumpiges Ruhegehalt und seine schuftige Faullenzerei — das waren ihre eigenen Worte — einmal laut vor den Nachbarn ausgeschimpft hatte; und außerdem war sie am Tag vor dem Raubmord in der Familie des Apothekers beim Aufscheuern mitbeschäftigt gewesen, sodaß sie von dessen Bahnfahrt zur Stadt wohl irgend etwas vorausgehört und dem Werwolf hinterbracht haben konnte. Es zweifelte demnach niemand mehr, daß dieser sein kärgliches Gnadenbrot, sei es mit, sei es ohne Wissen der Frau, durch den blutigen Handstreich hatte aufbessern wollen und die geraubten Banknoten noch irgendwo verborgen hielt; geteilter Meinung war man einzig darüber, ob er den ruchlosen Entschluß aus echtem Irrsinn gefaßt haben mochte oder immer nur wieder in der Berechnung, daß sich bei standhaft geheuchelter Geistesstörung jede Schandtat ungestraft ausführen lasse.
Zur großen Befriedigung sämtlicher Wohlgesinnten schien durch die nächste Gerichtsverhandlung, die eine öffentliche war, die letztbesagte Meinung bestätigt zu werden; denn als dem Verhafteten all jene Einzelheiten seiner verdächtigen Lebensführung der Reihe nach vorgehalten wurden, war deutlich zu sehn, wie der handfeste Mann aus seiner gewohnten Halsstarrigkeit allmählich gleichsam herausstrauchelte und schließlich einen hilflosen Blick auf den freundlich lächelnden Staatsanwalt warf. Und als dieser den Blick — was in damaliger Zeit ganz erstaunlich an einem Staatsanwalt war — ohne Strenge erwiderte, vielmehr den erschütterten Angeklagten mit herzgewinnender Stimme fragte, ob er nicht endlich sein Gewissen erleichtern und durch ein mutiges Geständnis vor Gott und den Menschen reinigen wolle, da übermannte den Werwolf ein solches Weinen, daß die meisten Damen im Zuschauerraum, sogar auch die Witwe des Apothekers, nicht anders konnten und laut mitweinten. Das alles aber machte ihn dermaßen wirr, daß er vor fassungslosem Stammeln kein klares Wort zu entgegnen wußte, sondern nur krampfhaft, während die Tränen ihm in den zitternden Bart niederrollten, bald Ja und bald Nein aus der Kehle würgte, bald mit zerknirschten Geberden nickte, bald widerspenstig den Kopf schüttelte. Mehr war aus ihm nicht herauszubringen; und also mußte er, bis sein Gewissen zum vollen Geständnis gereift sein würde, oder bis andere sichere Anzeichen für seine Schuld zutage kämen, in die Untersuchungshaft zurückgeführt werden.
Während sich nun die Bevölkerung zwar im Grunde bereits beruhigt fühlte, aber sich umso gründlicher der immer noch schwebenden Sorge annahm, ob der Gerichtshof den Verbrecher füglich zum Tode verurteilen dürfe oder blos lebenslänglich ins Irrenhaus sperren, ward der sittlichen Spannung der Gemüter durch zwei fast unglaublich widerspruchsvolle, jedoch polizeilich verbürgte Zeitungsberichte ein wahrhaft erschreckliches Ziel gesetzt. Der erste Bericht verkündigte nämlich, daß sich der Werwolf frühmorgens nach jener Verhandlung an einem abgerissenen Hemdärmelstreifen in seiner Haftzelle erhängt und auf die Kalkwand der Zelle die Worte gekritzelt hatte: „Ich kann nicht mehr. Ich weiß nicht mehr. Gerechter Himmel, es gibt einen Gott.“ Wohingegen der zweite Bericht besagte, daß der Staatsanwalt am selben Vormittag von dem Anwalt der Apothekerswitwe einen langen Eilbrief empfangen hatte, demzufolge der Werwolf nicht der Mörder, sondern ihr Gatte ein Selbstmörder war. Und zwar wußte die schwergeprüfte Dame dies schon seit dem ersten Anblick der Leiche, da ihr zugleich von den Untersuchungsbeamten der Kavallerie-Revolver gezeigt und von ihr als Eigentum des Toten, aus seinem — wie man es damals nannte — freiwilligen Militärjahr her, an einem Rostfleck erkannt worden war. Um indessen — so legte ihr Anwalt dar — den guten Ruf des Dahingegangenen, sowohl den moralischen wie besonders den christlichen, ihrer ehelichen Pflicht gemäß nach Kräften aufrecht zu erhalten, habe sie voller Selbstverleugnung so lange wie möglich zu schweigen versucht und deshalb auch die Versicherungssumme ohne Widerspruch hingenommen, zumal ihr Anrecht nach dem Vertragswortlaut als unanfechtbar gelten könne. Da aber nunmehr ein Unschuldiger für die blutige Tat scheine büßen zu sollen, und da inzwischen auch durch die Versicherungsgesellschaft bedauerlicherweise ermittelt worden, daß der Dahingegangene sein Vermögen in Börsenspekulationen verspielt und demnach vermutlich die Ermordung nur zu dem Zweck veranstaltet habe, seine Familie vor dem Bankrott zu retten, so glaube Klientin die traurige Wahrheit nicht länger unterdrücken zu dürfen. Dieselbe gebe der Hoffnung Raum, daß, möge ihr Gatte auch schwer gefehlt haben, das allgemein menschliche Mitgefühl doch seinen furchtbaren Opfertod als genügende Sühne anerkennen und nicht noch seine Namenserben denselben entgelten lassen werde. Welcher Hoffnung dann in der Tat sowohl der freundliche Staatsanwalt wie die gemütvolle Bürgerschaft aufs offenherzigste entsprach, besonders als man noch erfuhr, daß sich die wohlgesinnte Witwe mit der Versicherungsgesellschaft gütlich geeinigt und ein Drittel der empfangenen Summe in aller Stille zurückgezahlt hatte.
Für den erhängten Werwolf freilich war ihr Bekenntnis leider Gottes einige Poststunden zu spät gekommen. Aber zum Glück war vorauszusehen, daß sich die Witwen der beiden Selbstmörder, da die zweite die erste gerechterweise auf Entschädigung verklagen konnte, im stillen ebenfalls gütlich einigen mußten. Auch blieb ja immerhin unentschieden, ob sich der Werwolf nicht doch vielleicht, als er an jenem Tag seine Wohnung verließ, mit der sträflichen Absicht getragen hatte, den Andern meuchlings auszurauben; und jedenfalls ließ sich gewissermaßen eine Art höherer Gerechtigkeit in dem sonst peinlichen Umstand entdecken, daß dieser auf Staatskosten lebende Heuchler, dessen schlechtes Gewissen ihm nicht einmal den ruhigen Genuß seiner Rente erlaubte, sich kurzerhand selbst gerichtet hatte. Viel erschrecklicher war dem gebildeten Teil der überraschten Bevölkerung die ungeheure Verstellungskraft, die den sanften gottgläubigen Apotheker bis zur letzten Minute befähigt hatte, den Schein des Raubmordes herzustellen und Revolver nebst Uhr noch im Todeskampf aus dem Bahnwagenfenster herauszuschleudern. Doch am allerbedenklichsten war die Ungewißheit und bot jedem gründlichen Zeitungsleser noch auf lange Zeit reichlichen Gesprächsstoff, ob der Werwolf nun doch zuguterletzt, laut seiner rätselhaften Wandinschrift, in wirklichen Irrsinn verfallen sei und sich, dem freundlichen Staatsanwalt folgend, für den Mörder gehalten habe. Den Feinden der bürgerlichen Ordnung natürlich erschien das als ausgemachte Gewißheit; ja, ein ruchloser Schriftsteller jener Zeit nannte es gradezu einen Staatsfall und ein fast noch musterhafteres Beispiel von hirnberückender Eingebung — oder, wie die gebildeten Deutschen sich damals ausdrückten, Suggestion — als das des berühmten Hauptmanns von Köpenick.
Der Menschenkenner und sein Gleichgewicht
Novelle aus dem Innern eines Misanthropen
Jan Goderath war sein Name; und er war stolz auf den Namen. Er hatte ihn wieder zu Ehren gebracht, als kein Mensch mehr dem alten Handelshaus traute. Und nun ging er hier durch die fremde Stadt, die ihn plötzlich an jene Leidenszeit mahnte, und konnte sich seinen Trübsinn nicht deuten; die ganze Stadt schien in Trauer versunken.
Freilich: ein Volksmann war gestorben: ein ehrlicher Mann, selbst seine Feinde mußten das zugeben. Und standhaft war er gestorben, nach qualvoller Kehlkopfkrankheit, vor der Zeit: ein Opfer seiner Beredsamkeit. Aber was ging denn ihn, den reichen Weltmann Jan Goderath, den unabhängigen Handelsherrn, der ausgediente Volksfreund an! und noch dazu ein Italiäner! Dies Volk war ihm doch eigentlich ein Greuel. Was hatte er mit einem Narren gemein, den seine Schmerzen begeistert hatten, wie andere Narren auch! Wie konnten ihn, den Menschenkenner aus Hamburg, die Trauermienen des Pöbels in dieser fremden Stadt ergreifen?
Und erst dies Genua selbst, la superba, wie diese Söhnchen glorreicher Väter ihr Marmornest noch immer nannten: was war in die bankrotten Wichte auf einmal für ein Geist gefahren? Er besah sich die Vorübergehenden; das stechende Vormittagslicht behagte ihm plötzlich. War das dieselbe träge, schamlos geschwätzige Menge, die ihn noch gestern verdrossen hatte? Alle gingen sie schleichend wie sonst, fast noch schleichender, ohne ihr zweckloses Gliedergefuchtel, und Keiner kam ihm träge vor. Der enge Corso wimmelte wie immer dicht von Menschenköpfen, durch die sich nur selten ein Fuhrwerk schob; aber die Kutscher schrieen heut nicht, jede Stimme klang verhalten, wie durch die grauen Paläste gedämpft, und die Gesichter schienen sich den stolzen Mauern anzupassen, die düster in den blauen Himmel grenzten. Selbst wenn ein schönes Weib vorüberkam, lief ihr kein hündischer Blick aus lüstern schwarzen Augen nach; in allen diesen Augen glomm ein traumhafter Ernst — was war das nur?!
Schon unten am Hafen war ihm aufgefallen, daß heut die Arbeit ohne Lärm und Flüche und Gelächter vor sich ging; sogar die Maultiertreiber in den Steinbrüchen schlugen weniger roh auf ihr bepacktes Viehzeug los. Doch das, nun ja, das waren Arbeitsleute; denen mochte der gestorbene Gleichheitsmensch wohl wirklich etwas bedeutet haben. Aber hier, im Innern der Stadt, was hatten diese flunkernden Kaufleute, diese Tagediebe und Weiberknechte, mit dem Mann des Volkes zu tun! Und was erst all die Fremden hier! Was gab dem dürren Franzosen dort, mit der Orangenblüte im Knopfloch, solchen feierlichen Ausdruck, daß die beiden Säulen des alten Portals, vor dem er zufällig wartete, wie sein natürlicher Rahmen wirkten, trotz seines modischen Reisehutes. Tat das der Tod?
Nein; dazu war dies Volk von Beichtkindern zu leichtherzig. Erst vorige Woche hatte er in Pisa einen hohen, weit beliebten Beamten zu Grabe bringen sehen: die ganze Stadt war auf den Beinen gewesen, sämtliche Glocken läuteten, acht Barfüßermönche trugen den Katafalk, all ihre Ordensbrüder schritten voraus und goldverbrämte violette Priester, dazwischen Jungfraun in weißen Kleidern und Kinder mit grünen Kränzen im Haar, alle mit großen brennenden Kerzen, Chorknaben sangen Litaneien, zwei Väter Jesu führten die gebrochene Witwe, die Frauen des Gefolges weinten laut — und eine Stunde später war von dem ganzen Straßenschauspiel auch nicht ein Hauch mehr zu spüren gewesen. Und die Pisaner standen doch im Ruf der Gründlichkeit, er selber hatte sich bei ihnen wohlgefühlt, es mußte da wohl vor Jahrhunderten germanisches Erobererblut in die Bevölkerung gedrungen sein.
Und heut nun, hier in Genua, wo jedes wälsche Unkraut sich sonst brüstete, schon seit dem frühen Morgen diese Stille. Ihm war, als ginge er in einem Strom von Wallfahrern. Was hatte all die Menschen so seltsam in sich gekehrt? Der tote Volksmensch war doch nicht einmal mit Pomp bestattet worden. Kein Mönch noch Priester war dem schmucklosen Holzsarg vorausgezogen; sechs barhäuptige Arbeiter hatten ihn getragen, keine Träne war geflossen, und keine Glocke läutete. Oder wars etwa grade Das? War dieser ungewohnte stumme Eindruck den Schwätzern auf die Seelen gefallen? Dieser farblose Eindruck: der Zug der hundert schwarzgekleideten Männer, wie sie paarweis, alle mit bloßen Köpfen, die Hüte in der Faust, finster und wortlos hinter der Bahre hergeschritten waren, unter dem schwülblauen Himmel. Selbst einen Offizier der Kriegsmarine hatte er da die Mütze lüften sehn.
Und hatte nicht er selber, Jan Goderath, sich da sagen müssen, daß es doch Ahnen dieser Männer waren, die hier die schlichte Straße von Palästen, mit dieser strengen Wucht der Außenwände, dieser ruhigen Kühnheit innen, einst hatten bauen können! Er trat hinein in eines der machtvollen Treppenhäuser. Wenn jetzt durch diesen Säulenhof, in dem die starre Hitze brütete, ein Mann im Arbeitskittel käme, er würde den Hut vor ihm abnehmen. Was war ihm nur?! Ihn konnte doch der Eindruck von ein paar Dutzend Leidtragenden nicht aus dem Gleichgewicht bringen! Die Zeit lag doch wohl hinter ihm; er war doch über die Dreißig hinaus. Gewiß: der Eindruck war schön gewesen, schön und ernst, vielleicht auch edel. Das brauchte ihn doch aber nicht in seiner Ruhe zu stören; er hatte sie sich schwer genug verdient. Was ging denn ihn das wälsche Elend an! dem war ja doch nicht zu steuern. Was ging ihn überhaupt das Leid der Menschen an? Als ob es ohne Leid Glück geben könnte. Das blieb doch in alle Ewigkeit so.
Er trat wieder auf die Straße. Und wieder fühlte er aus allen Augen das stille Flimmern auf sich wirken. Oder störte ihn etwa nur das Licht, das von dem heißen Marmorpflaster prallte? Er ging hinüber in den schmalen Schattenstreifen; es war, als ginge er durch ein Gespinnst, das all die dunkeln Köpfe verband. Und keiner sah doch traurig aus. Es schwebte nur wie eine Andacht zwischen ihnen; als horchten sie auf etwas Fernes, Klares. Das konnte doch der Tod nicht machen? Das konnte doch nicht Ehrfurcht sein? Was galt denn dort dem Fuchsgesicht, was dort den beiden Professoren der Gestorbene mit seinem unklaren Zukunftstraum! Was war das für ein Zwangsgefühl, das diese ganze Stadt erfüllte? und ihn mit! Er war doch schon ganz anderer Stimmungen Herr geworden, die ihn viel näher betroffen hatten: damals, als sich sein Bruder vergiftete — der hatte auch so rührende Augen wie diese braunen Halunken hier. Ja, damals war ihm der Vater am Herzschlag gestorben, und Er allein hatte alles gerettet.
Er bog in den Platz vor dem Postgebäude; hier staute sich die Menschenmasse. Die Stimmung war noch seltsamer hier. Die grelle Hitze machte alle Mienen noch gespannter; bis unter die Arkaden des Gebäudes schien diese hohe Spannung zu schweben. Selbst der verkleidete Messerhändler, dem sonst sein kriechendes Lächeln so feil wie seine Dolche war, ging heut in seinem blaugestickten Dalmatinermantel wie ein verbannter Fürst umher. Man hörte kaum ein deutliches Wort. Jeder schien sich, wenn er sprach, auf etwas Anderes zu besinnen, etwas Vergessenes, Heimliches. Was war das nur? Hier all die Müßiggänger hatten doch den Toten nicht geliebt! Und Er, Jan Goderath senior: Liebe — fast hätte er laut losgelacht — mit dem Gefühl war er doch gründlich fertig! das hatte sein Bruder ihm abgewöhnt. Er atmete schwer auf; was lag ihm an dem kehlkopfkranken Zukunftsapostel! was an dem ganzen Gemurmel hier! Wenn er die Augen etwas schlösse, würde die Stimmung vorüber sein. Nein, selbstverständlich: nur noch beklemmender kam sie dadurch zu Gefühl: ihm war, als stünde er in seiner Vaterstadt, verloren wie ein Blinder, inmitten einer großen Kirchgängerschaar. Er mochte das nicht länger ausstehn. Ein Glück, daß ihn der deutsche Maler erwartete! Das Brustbild sollte heut fertig werden; so beim Modellstehn würde er sein Gleichgewicht schon wiederfinden. Er nahm die Richtung in die obere Stadt.
Denn ja, das Gleichgewicht: das war das Höchste: die starke Vernunft. Die hatte ihn gemäßigt damals, in seinem Wutanfall, als er fast seinen Bruder erschlagen hätte, den toten Schuft, der ihn mit zum Betrüger machen wollte, der Lüderjan! Ja, er war stärker als seine Liebe; er hatte die Probe bestanden. Wie kam er nur darauf, heut sein Gefühl zu befragen? War etwa das Gefühl zu schwach gewesen, wenn die Vernunft so stark war damals? Das war doch dann kein Gleichgewicht! sonst wäre doch Eintracht in seiner Seele. Ein Jahr lang war er nun gereist und glaubte alles verwunden zu haben, und ein paar hundert flüsternde Menschen konnten ihn aus der Fassung bringen? eine Heerde, die sich selbst nicht begriff! Er fuhr sich heftig über die Stirn. Nun: dank der Kunst — er mußte lächeln — jetzt war er bald heraus aus dem Geräusch. Hier schlichen nur noch Vereinzelte; wie bloße Schatten sahen sie aus; es schien sie alle etwas nach unten zu rufen.
Er stieg die breite Treppenstraße zu dem oberen Corso hinauf. Er spürte die Apenninenluft schon, trotz der sengenden Sonne. Es war doch ein Wunderwerk von Stadt, schier ebenbürtig der reichen Natur. Welche ungeheure Arbeit sprach allein aus den Grundmauern, auf denen sie rings die Bergterrassen emporklomm, aus den Hunderten von steinernen Stufen hier, den Quadern der Umwallung dort im Zickzack um den Corso, aus all den Brücken über die Felsenspalten, und oben aus dem Zug der Festungsblockwerke, der altersgrau den kahlen Höhenkamm krönte: Das war Alles Menschenwerk! — Ihm fiel die Inschrift ein, die er heut Morgen am Hafen unten gelesen hatte, an dem Palaste, den einst das genuesische Volk dem greisen Doria schenkte: „ut, maximo labore jam fesso corde, otio digno quiesceret.“ Er übersetzte sich das schlechte Latein: „damit er, nun sein Herz von der gewaltigen Arbeit ermüdet ist, in würdiger Muße ausruhen könne.“ Ein Schauer überlief ihn: hier rings auf all den Bergabhängen, die ihn im Halbkreis umarmten, ragte die Arbeit von Hunderttausenden.
Er wandte sich und sah hinunter auf die Stadt. Wie sich da Hohes und Niederes einte — Paläste und Straßenfluchten, die flachen Dächer und die Türme, Gärten und riesige Wohnhäusermassen — im wogenden Weißglanz des Mittags. Dort lag die Villa Negro, mit ihrem Park von Lorbeern und Myrten, Zypressen, Palmen, Zitronenbäumen, mit allen Blumen des Orients und jedem Laubholz des Nordens — so lieblich hatte sie ihm nie gedeucht. Er glaubte das Geplätscher ihrer Springbrunnen, die kleinen Wasserstürze der Grotten zu vernehmen, und ihr zu Füßen das Gewirr der Gassenschluchten, in Zirkellinien um sie her, dies Spinnennetz, dem er soeben entronnen war. Wie sich das nun zusammenschloß, Altes und Neues, unter der glutblauen Himmelsglocke! Jeder dunkle Fleck, selbst die verwitterten Kirchenkuppeln, schien ihm verklärt, bis ins Gewimmel des Hafens hinab. Wie Alles zu ihm herzustreben schien, tief her, fern her: die Menschheit unten, Leuchtturm und Schiffe, das silberweiße blendende Meer — er mußte die Augen schließen.
Ein heulender Pfiff riß sie ihm auf. Im Tal zur Linken kam ein Bahnzug aus dem Tunnel herausgedampft, der hier im Bogen unter der Stadt herumlief; er schätzte, daß er grad drüber stand. Wenn jetzt die Erde sich öffnete, würde er in den Schienenschacht stürzen, die Mauern des Corsos über ihn her. Auch unsichtbar die Arbeit von Tausenden! Vielleicht mit von den Männern, die heute den Toten getragen hatten. Wenn nun die Männer ihr Werk zerstören wollten? Was hinderte die Tausende? — Ein paar Dutzend Fäßchen Dynamit, planvoll den Tunnel entlang verteilt, würden die Stadt in den Hafen schleudern, samt Festung, Zuchthaus, Irrenhaus. Er hörte die wankenden Felsen schon donnern, die See auftosen und Orkane heulen. Die Dächer der Paläste bäumten sich, Kirchtürme flogen durch die Luft, die Kuppeln platzten, und die Gärten tanzten. In brandgelben Kurven schossen Marmorstatuen ins kochende Meer, Gemäldegalerieen flammten auf, Schiffstrümmer, Bibliotheken. Durch den verfinsterten Himmel, durch Qualm und Feuer und Wolken von Schutt, scholl das Geschrei zerberstender Bürgerbäuche; und oben über dem Rachegericht, auf den umrauchten Höhen des Apennins, standen die Tausende, mit heißen Augen der Märtyrer denkend, die sich da mitgeopfert hatten — standen zu neuer Zukunft bereit.
Er wischte sich den Schweiß von den Backen. Was war ihm nur! Sah er bei hellem Tag schon Gespenster, wie die Dorfschäfer hinter Hamburg? Was war das für ein Zwangsgefühl? Die Männer unten hatten doch nicht drohend ausgesehen; eher bittend; als ob sie etwas zu erringen suchten. Was hatte Er damit zu tun! er reckte sich. Ja, diese seltsam suchenden Augen; er nickte und schritt weiter, jetzt war er bald am Ziel. Merkwürdig: auch der Maler hatte manchmal diese Augen: halb bettelnd, halb fordernd, der arme Teufel. Nur daß sie grau waren, nordseegrau, wie seine eigenen Augen grau; und doch wie Hundeaugen. Ja: wie ein Schweißhund vor der Jagd: heißhungrig, scheu. Und diese schräge Verbrecherstirn! der filzbraune Spitzbart! die kurzen Beine! Der Mensch war ihm doch eigentlich widerlich. Der paßte unter dies wälsche Gesindel: halb Lazzarone, halb Genie.
Warum hatte er ihn blos ausgesucht? warum sich von ihm malen lassen? von diesem Schächer der Kunst! Wie er ihn immer anstarrte: als wollt er die Seele ihm aus dem Leibe pinseln — und dann wars nichts als Stückwerk. Was hatte ihn hingeführt zu dem Menschen?! Etwa daß er aus Hamburg war? aus seiner Vaterstadt? — Pah: Heimweh! lächerlich! Kinderkrankheit! — Oder daß er mit seinem Bruder befreundet gewesen? Nun, das vielleicht; er wollte sich wohl absichtlich prüfen. Denn vor zwei Jahren hatten sie Drei da oben hinter Hamburg gestanden, auf den Elbhöhen draußen, bei Sonnenuntergang, die Aussicht über den Strom zu Füßen. Der strömte so breit, als wenn das Meer schon anfinge dort. Und der Maler hatte sich abgewandt, die rauchenden Dörfer jenseits anstarrend, die in der Abendglut zu brennen schienen; denn Er, er machte in Bruderliebe, Jan Goderath senior Nachfolger — er hatte dem Schwächling noch einmal geglaubt, sie waren ja doch Ein Fleisch und Blut — zwei Tage bevor er es kennen lernte, verachten lernte, dies Fleisch und Blut, die ganze menschliche Sippschaft. Was ging ihn jetzt der Mensch noch an! Der hatte wohl gar um alles gewußt, vielleicht die Wechsel gar fälschen helfen. Nun: morgen würde er weiterreisen, ob nun das Bild heut fertig wurde oder nicht.
So trat er in das Haus hinein. Hier war es kühl, die steinerne Stiege frisch gespült; jetzt würde er gleich Ruhe haben. Wenn der Mensch ahnen könnte, wie ihn der Pöbel entzwei gemacht hatte. Ja: Gleichgewicht! die Eintracht zwischen Vernunft und Gefühl, wie zwischen zwei gleich starken Herrschern: wenn Das zu malen wäre, wenn es das gäbe, in einem einzigen Menschengesicht, in Einer Seele von Mann auf Erden: der sollte sein Freund sein! — Da stand der Spitzbart schon in der Türe; Bedientenseele! — Und der also duzte ihn — dem gab er die Hand — — sie gingen vor die Staffelei. Er trocknete sich die Stirn. „Hast du das Kinn nicht zu massig gezeichnet? Ich sehe ja aus wie Bonaparte vor Moskau.“ Der Spitzbart, grinsend: „Mit dem hast du auch manchmal Ähnlichkeit.“ Ach so! das sollte ihm wohl schmeicheln. „Ich habe mit Niemandem Ähnlichkeit; der korsische Dickbauch ist nicht mein Mann.“ Der Andre, kleinlaut: „Das Kinn ist gut. Laß nur die Augen erst fertig sein; es liegt tatsächlich nur an den Augen.“ — „So? Nun, dann kann man wohl anfangen.“ — „Ja.“
Er stieg auf das Trittbrett und lehnte sich an das Pfostengerüst. Der dürftige Raum war drückend warm. Vom Apennin her tönte ein Hornsignal. Sie sahen sich schweigend in die Augen; nur das Geräusch des Malens war noch hörbar. Wie ihn der Mensch wieder anstarrte jetzt! Wie er sich quälte für sein bißchen Brot! So quälten Hunderttausende sich! — Hatte er etwa Mitleid mit ihm? der Reiche mit dem Armen? Er, Goderath Nachfolger — lächerlich! — Er hatte doch damals kein Mitleid gehabt, mit seinem eigenen Bruder nicht, als der um Geld nach Amerika bettelte. Nun gar mit diesem wildfremden Stümper? — „Habt ihr euch eigentlich lieb gehabt?“ hörte er plötzlich wie fernher fragen. Was fiel dem Menschen da drüben denn ein! „Ich spei auf die Liebe!“ er schrie es fast. Warum denn nur? fragte etwas in ihm. — „Entschuldige!“ hörte er. Schweigen.
Und wieder starrten die Augen ihn an. Und wieder starrten sie nordseegrau. Und in dem Grau war etwas Flackerndes. Was war das nur? Das war ja unheimlich. Das war ja viele Meilen fern; wie ein Gespinnst zwischen ihnen, ein flimmernder Strom, und jenseits brennende Dörfer. Und über den Strom her kamen Tausende, barhäuptig, paarweis, auf ihn zu: die trugen einen Toten. Und starrten ihn an mit Menschenaugen, heißhungrig, scheu, halb bettelnd, halb fordernd. Als wäre etwas in ihm, das sie suchten: etwas Vergessenes, Fernes, Klares. Und plötzlich strahlte es auf in ihm, und strömte über, hin zu ihnen: ein Licht, ein Meer, ein Nebelglanz. „Was ist dir, Mensch?“ rief eine Stimme — er wankte, taumelte, verlor das Gleichgewicht. Und heiße Tränen machten ihn blind, und blindlings wankte er in zwei Arme, und küßte den Bart, der ihm soeben noch widerlich erschienen war; küßte ihn weinend wie ein Kind, und lachte, und ermannte sich. O, das war mehr als Vernunft und Gefühl! Das war doch Liebe, nicht Mitleid, nein! Das war die Liebe, leidlos ob Fleisch und Blut! die Eintracht und das Gleichgewicht! Das war die Alles beseelende Liebe.
Die Kniee zitterten ihm, er mußte sich setzen. Er fühlte den kranken Volksmann sterben, der Zukunft zu Liebe, vor der Zeit; er fühlte die Sehnsucht der Tausende leben, wie Brüder zu werden, der Freiheit zu Liebe; er fühlte die Opfer der Arbeit alle, dem Leben Aller, Aller zu Liebe. Und Er? er hatte die Menschen verachtet; er, Goderath, der Menschenkenner! — Er reichte dem Maler die Hände hin: „Ich hab mich versündigt an meinem Bruder“...
Das Gesicht
Eine halbe Stunde Seelenleben
Er saß und konnte nicht los aus diesem lastenden Bann. Immer wieder sank der über ihn, wie ein magnetischer Ring um die Stirn, und lähmte seine Hand. Seit Wochen nun schon: seitdem er wieder gesund war. Immer, wenn er malen wollte. Immer die eine, große, unerfüllte Lust: das Ziel der hundert frohen Mühen und Entwürfe: das Bild, das Bild: ihr Gesicht! — was er auch Neues vornehmen mochte.
Er hörte sie im Nebenraum hantieren, durch den Teppich hindurch. So verhalten klang es, so fremd. Und die Brandflecken auf dem Teppich: wie sie ihn quälend erinnerten! — Er fühlte seine starken Schultern zucken, ohne daß ers wehren konnte. Er sah müde und verächtlich in die Landschaft auf der Staffelei, und warf den Pinsel weg, und sah scheu nach der Wand drüben, nach dem Menschenbild da.
Da hing es und wartete, das letzte von den vielen; das sie noch gerettet hatte aus dem Brande, im letzten Augenblick, aus den fliegenden Flammen. Es war wie ein Alb: diese ungelöste Aufgabe, dies Gesicht.
O gewiß, es war ja fertig: war ja ein Bild: ein Bild, wie nur Er es malen konnte: dies Weib da, mit der Narzisse in den streng gefalteten Händen. Sie duftete fast, die vorgebeugte, makellose, leuchtende Blüte, mit dem purpurgelben Krönchen auf dem weißen Stern; die berauschende Blüte vor den jungen, nackten, vollen Brüsten. Und darüber ihr stumm gewährender Mund. Und darüber die blauen drohenden Augen, groß und dunkel ins Weite gerichtet. Und darüber all ihre Haarglut, schwer und goldrot wie Kupfergold, schwarzgrün umschattet vom dichten Laubwerk des alten wilden Myrtenbaumes, mit den kleinen, schimmerweiß schwellenden Knospen. Ja, seine Freunde hatten gescholten, daß er’s der Welt nicht zeigen wollte; damals.
Aber das war es ja: auch jetzt nicht! Und nie, niemals, bis er das Eine gefunden, das noch drin fehlte, Ihm nur sichtbar: das nur Er vermißte in diesen Bildern: das letzte Rätsel ihres Gesichtes: Das, warum er sie liebte.
O, und nun wars unmöglich: war es zerstört, dies stille lebendige Rätsel: von den Flammen gefressen das Geheimnis ihrer Züge, von Narben zerrissen dieser stolze Hals, diese schmiegsamen Lippen — und um seinetwillen! — Und er hatte doch gewußt, mit seiner ganzen Kraft gewußt, daß es endlich ihm glücken würde, daß er’s ihr ablauschen würde und auf die Leinwand zwingen, dies lockende Wunder. Nicht aus den Augen; nicht aus den Mundwinkeln. Da saß es nicht; in keiner Einzelheit. Auch in der Stimmung nicht; das hatte er alles versucht und getroffen. Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck! und er war ihm so nahe gewesen: in seinem letzten Bilde, dem an der Wand da drüben, dem einzigen übrig gebliebenen. Und jetzt, jetzt —? er preßte die Finger ineinander; er hätte sie blutig drücken mögen.
Und all das, weil er sie liebte; grade weil. Und weil er so stark war. Ob es wohl Strafen gab? Strafen der Kraft? aus sich selbst? — Hatte er deshalb den Fuß gebrochen? —
Ob Liebe Sünde war? Nicht überhaupt, aber für Ihn: Sünde gegen die Kunst! Übermannung! — Denn es war ja nicht gleich so gewesen; was ging ihn ihre Seele an. Aber allmählich — o aber das wars ja: das Heilige, auch für den Künstler: Das, was ihm die Augen geöffnet hatte: das Allerheiligste der Form: die bannende Seele, die Gegenseitigkeit alles Lebendigen!
Und so wars denn geworden: das Modell zum Weibe, der Leib zum Wesen, und immer gegenseitiger dem Künstler ihre Schönheit, und immer gegenseitiger dem Menschen ihr Geschlecht. Nein, er wollte es nicht. Nur mit den Augen wollt er sie haben: ihre Augen, die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen, ihr klares waldseestilles Gesicht — Alles! — Und doch: wie er sie dann erkannte, diese Gestalt, Blick für Blick, und Ahnung um Ahnung sicherer wurde, fester im Bilde, und alles sich ihr entgegenspannte in seinen Sinnen, und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs: es war ja Natur, Natur! war das Ohnmacht?
Jener Augenblick, nach jenem letzten Bilde, als er sie am Handgelenk heranriß, noch zitternd vor schaffendem Entzücken, und ihr den neuen Ausdruck zeigte, der sie fast enträtselte: diese verlangende Keuschheit — und dann sie ansah, heiß und durstig, das Eine Letzte suchend, daß sie’s nicht aushielt länger und an ihm niederwankte, so warm und schwer, und er an ihr: o Versunkenheit! — Und dann, dann: es war zu hart, zu widersinnig hart vom Schicksal: wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen, schreiend vor Lust und doppeltem Glücksgefühl, und mit ihr über den Schemel sprang: dieser tückische Knöchelbruch — über den er damals noch lachen konnte — in seiner schwelgenden Liebe — damals.
Er lauschte. Was sie wohl dachte jetzt. An ihn nur. Das fühlte er. Das war das Schwere; der magnetische Ring.
Wie still sie wieder saß. Daß er sie nur nicht merken möchte, da in der kleinen Kammer, hinter dem Teppich; nichts rührte sich; so wars nun Tag für Tag. Und Abends die Angst, die heimliche Angst, mit der sie sich im Dunkeln hielt, im Halblicht, oder ihr Gesicht verhüllte, daß er es nur nicht sehen möchte; daß er sie nur vergessen möchte, ihre tote Schönheit, das Bild ihrer Seele, diese quälende Unmöglichkeit. Ja, die Angst in der Luft, das wars; das machte ihn zunichte, diese Art Liebe.
Ja, und war denn das noch Liebe? dieser lähmende Zwang! War nicht alles blos Erinnerung?!
Nicht einmal Nachts: nicht anrühren konnt er sie mehr, ohne daß es wieder vor ihm stand, das ganze furchtbar rote Schauspiel, und ihm heiß und kalt die Sinne benahm. Wie sie ihn geweckt, ihn herausgehoben hatte mit seinem kranken, dick verschienten Fuß aus dem qualmenden Bett, hinter ihr her schon die leckenden Flammen, durch die Tür und hinab die zwölf dunkeln Treppenstufen — o, sie war stark, fast so stark wie er! — und dann zurückgestürzt war und sich nicht halten ließ, wieder hinauf, um das Bild noch zu retten, das eine wenigstens, hinein in das glühende Viereck oben, mit den langen offenen Flechten, die im Feuerschein flossen wie rollende Wellen — dies Flimmern! — Und auf einmal der Schrei, dieser schrille zerreißende Schrei, und das polternde Bild, herunter zu ihm; und oben sie, groß, in entsetzlicher Pracht, mit den greifenden Armen, die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd, eine sprühende Glorie! züngelnde Flügel um den keuchenden Busen! und die grauenhaft flackernden Augen! — Und Er, hilflos da unten sich krümmend! Und noch Einmal der Schrei, der heiße, tierische Schrei! und sein eigener Schrei: wie sie wieder sich dreht, eine brennende Garbe, noch Einmal hinein — daß ihn die Sinne verlassen — bis die Leute ihn wecken und sie neben ihm liegt, in den Teppich gewickelt, nach dem sie zurückgerannt in letzter gräßlicher Besonnenheit, um den lodernden Schmerz zu ersticken, das tapfere starke Geschöpf — seine Retterin! —
Ob sich das wohl malen ließe: feurige Flügel? Nein, Narrheit; so wenig wie der Sonnenstrahl, der da auf der Palette blitzte. Ach, das Sonnenlicht! Wie ihr Haar drin schillerte früher, so glatt und wogend; ob es wohl wiederwachsen würde? — Aber was nützte das! Ihr Gesicht, das war das Unersetzliche! die Erinnerung, die ihn zu ihr zog — nein: von ihr stieß.
Er stierte zu Boden. Wenn sie doch gestorben wäre; wirklich gestorben, nicht blos in ihm. Dann würde er zu ihr beten können, sein ganzes Leben lang; ruhig, traurig, wie als Kind zur Jungfrau Maria. Nein, Maria Magdalena wars immer gewesen; die hatte er immer im stillen gemeint, seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft, wenn er zur Strafe hinknien und beten mußte. Magdalena, die liebreiche Sünderin.
Ach, was sollte dies Grübeln. Sie lebte ja, lebte und liebte ihn; und war gesund, gesund wie Er. O, das schöne, blühende Wort! O, ihre quälende Häßlichkeit! ihre mahnende Nähe! die Lust und der Abscheu! Ohnmacht! —
Er sah wieder auf; nach dem Teppich, nach dem Narzissenbild. Wenn er’s verkaufen würde. Ob er dann vielleicht Ruhe hätte. Wozu auch diese Versessenheit, ohne Sinn und Verstand, auf das eine einzige bißchen Seele. Wozu denn überhaupt der ganze pedantische Tiefsinn. Warum wars ihm nicht genug an dem farbigen Witz, wie den Andern; an der Lichtflunkerei, über die er sonst spottete. Es war doch so einfach: was Neues probieren! — Aber sie, sie blieb ja. Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte, die Erinnerung blieb, solange sie selbst blieb; und mit ihr der Zwang. Und die Erinnerung ließ sich nicht malen.
Freiheit! — Ja —: das war das Ungesunde: das war unsittlich: diese widernatürliche dumpfe Gemeinschaft! Knechtschaft! Leibeigenschaft!
Er starrte auf die Palette; ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus. Wenn er ihr Schminke gäbe? — Ihn ekelte! — Und die Form bliebe ja dennoch zerstört, die Seele im Gesicht. Und ihre Scham! ihr Stolz! Dann würde sie gehen! —
Aber das wollte er doch? — Dann das Bild auf die Ausstellung; weg damit! Eine Reise; Gletschersonne! Ein, zwei Jahre würde es schon reichen, das Geld für das Bild und der Rest seiner Erbschaft; er würde blos arbeiten. Und er hatte ja genug gelernt an ihr! Er wollt es den Andern schon zeigen, warum er so lange im Stillen gesessen.
Und sie? — Sie war ja klug genug, die Professorstochter. Sie könnte ja Unterricht geben, oder Buchhalterin werden; oder er würde ihr selber was schicken. Nein, schändlich: das würde sie nicht nehmen. Und —: und wenn nun die Leute sie nicht wollten? mit ihrem entstellten Gesicht?!
O, dies Gewissen! Warum hatte er dies Gewissen! — Ja, für die Kunst, da war’s gut. Aber fürs Leben? fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! — Nicht weil er sie verführt hatte; nein! eher sie ihn. Oder weil sie von den Ihren geächtet war? eine Verstoßene?! und um seinetwillen! — Nein: das war ja aus ihr selbst so gekommen. Warum war sie denn wiedergekommen, noch eh er von Liebe was ahnte; und immer wieder, bis sie bleiben mußte. Das war ihr Verhängnis! Ja, ihr eignes Verhängnis: ihr Wille!
Weil sein Ernst sie lockte; was die Eltern auch sagen mochten. Weil sie seinen reinen Willen fühlte. Aber: aber war er denn rein? — Ja! bis er ihn verlor, in jenem Augenblick, den Willen zur Form. Nein, schon vorher: bis er die Seele sah. Aber das war ja die Form, die bannende Seele; was er gesucht hatte, was sie gespürt hatte, warum sie ihm vertraute, ihm, dem Künstler. Nein, auch dem Menschen! dem Menschen, der über sich stand, über Sich und Natur, über Seele und Leben, kraft seines formbeherrschenden Geistes! — Und doch nicht! Wars doch dieselbe Natur, die selben Sinne, der selbe Geist: die Kraft des Künstlers, des Menschen.
Ja: da hing’s: jener Augenblick, jenes Bild: seine Kunst, sein Leben: sein Wille, ihr Wille: das war alles das Selbe, das folternde, drohende Selbe! Denn sein Leben, ja, das war er ihr schuldig: ihr, seiner Retterin! Sein Leben, seine Kunst, seine Seele; seinen ganzen Beruf und Zweck in der Welt.
Er fuhr zusammen: ein neuer Wolkenschatten schlich durch die Stille. Er preßte die Augen zu. Er wollt es schon garnicht mehr sehen, das fordernde drohende Bild; er haßte es schon. Er drückte die Fäuste in die Augen; daß sie flimmerten. Er sah es nur mächtiger, in sprühendem Glanz; und sah sie, sie, wie sie jetzt war, mit dem starren gestaltlosen Mund, mit dem haarlosen Kopf, mit den Narben um Wangen und Kinn, dem blanken, striemenroten Hals. Er stöhnte laut auf, daß ihn graute: vor der hohlen, einsamen Stimme.
Da: das war doch nicht seine Stimme? Zagend, suchend kam es durch den großen Raum: „riefest du?“ weich und schwer, wie der Teppich, den er schwanken hörte.
Er sah nicht auf. Er fühlte, wie sie fragend stand. Nur nicht jetzt ihr Gesicht! Er wollte sprechen. Da kam sie.
Er wollte den Kopf schütteln; aber ihre Hand auf seiner Schulter, ihr Warten! Es war nicht möglich, es zwang ihn hoch. Er mußte sie ansehn, ansehn: das graue Morgenkleid hinauf: ihren Hals! — und — — Rot! und ein brausendes Schwarz! Seele! der Blick! ihr Gesicht! das war Übergewalt —: da stand sie, hoch, starr, erhebend: „Ich werde gehen“ — und wollte sich wenden.
Und Er — sah sie an — an — und seine Augen wurden immer weiter, daß sie nicht loskonnte — immer sehender — und seine Finger tasteten und griffen: es zu fassen, zu halten: das Unerkannte, Letzte, Eine: das heilige Wunder: Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß, warum er sie umklammerte — weinend — „Offenbarung“ stammelnd —: ihre große Sittlichkeit! die Schönheit ihrer Erschütterung!
Und nun: weich — weich, schwer und leise — sank auch sie herab an ihm: Knie an Knie, kinderfromm, anders wie damals. Und er küßte die gestaltlosen Lippen, und schlang die Hände um den haarlosen Kopf, und hielt sie von sich, schauend, schauend —: Nein, das lag nicht in den Augen, nicht in den Mundwinkeln, in keiner Einzelheit: Das würde ihn zur Andacht zwingen, und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge: diese herrliche Hoheit, diese selige, siegende Demut.
Und er mußte es sagen, lachend, das Überflüssige: „ich liebe dich.“
Und als sie sich erhoben von den Knieen, in ihrer Klarheit, und der breite Sonnenstrahl auf der Palette blitzte, nach der Wand hinüber, nach dem Myrtenbilde: da stieg es vor ihm auf, neu und mächtig: „Weißt du, wie ich dich malen werde? — Sturm und Nacht — Fackelbrand — nur Auge und Bewegung —: Magdalena, beglückt den Gekreuzigten tragend!“
„Vom Kreuz wegtragend“ — sprach ihre Seele.
Das hölzerne Bein
Humoreske
An einem sehr warmen Frühlingsabend saßen in einem japanischen Hotel vier europäische Gäste beisammen: ein Konsul mit seiner jungen Gattin, ein ihm vom Klub her befreundeter Baron, und ein zu Studienzwecken hergereister Doktor der Naturwissenschaften, der sich über diese Freundschaft allerlei stille Gedanken machte und daher laut über etwas Anderes sprach.
„Mein verehrter Herr Doktor,“ entgegnete nun der Baron und schlug mit seinem Stock an sein rechtes Bein, so daß es einen harten Klang von sich gab, „ich möchte Ihre Philosophie, mit der Sie uns soeben erbaut haben, nicht auf die Feuerprobe stellen. Den Lohn, den die edle Tat in sich selbst tragen soll, den trägt doch wohl höchstens der Täter in sich selbst. Und wenn er sich keines Spiegels bedient: woraus sieht er, daß seine Tat edel war? Vielleicht war sie eitel Narretei. Der Spiegel aber mag noch so heimlich hängen, er bedeutet immer das Auge der Welt.“
Der Angeredete blickte absichtsvoll unter den Sonnenschirm seiner Nachbarin und fragte angelegentlichst: „Sind Sie auch so unfrei, gnädige Frau? Brauchen Sie immer ein fremdes Auge, um selbst zu fühlen, wie schön Sie sind?“
Die junge Frau errötete langsam, während der Baron sein schwarzgerändertes Einglas unter seine sandelholzrote Braue klemmte und mit seinen onyxschwarzen Pupillen schamlos auf ihren Gatten starrte, der statt ihrer lachend erwiderte: „Aber Doktor, Sie sind ja der reine Buddhist. Es wird Zeit, daß Sie nach Europa zurückgehn. Wenn Sie erst glücklicher Ehemann sind, werden Sie anders über die Damen denken.“
Der junge Naturforscher sagte „Nie!“ mit einer beteuernden Handbewegung. Die schöne Frau ließ ein schüchternes „Bravo“ hören.
Der Baron klopfte wieder an sein Bein, hob die juwelengeschmückte Linke, tupfte an seinen schwarzgefärbten, amerikanisch gestutzten Schnurrbart, um ein Gähnen zu unterdrücken, betastete noch sein rotes Haupthaar und versetzte kameradschaftlich: „Lieber Konsul, wozu den Doktor bekehren. Lassen wir ihm seine Lebensweisheit; wir sind beide wenig älter als er. Vielleicht ist sein männliches Selbstgefühl die naturnotwendige Vorbedingung zur Verübung edler Taten; ebenso wie das weibliche zur Begehung einer glücklichen Ehe. Ganz im Ernst, meine Gnädigste!“ Er zeigte seine weißen Zähne, die zu blank und zu regelmäßig waren, als daß sie hätten echt sein können.
Die Dame äußerte unbefangen: „Sie sind ein schlimmer Schmeichler, mein Freund“ — konnte aber doch nicht verhindern, daß ihr wieder eine Röte aufstieg. Ihr Gatte gab dem Baron sein Lächeln zurück: „Es kommt immer drauf an, wer den Spiegel hält!“ Und der junge Gelehrte sprach mit Selbstüberwindung: „Auch sind wir ja nicht hierhergekommen, um moralische Disputationen zu pflegen. Der Buddha dort drüben belächelt uns alle.“
Die vier so zusammen Plaudernden saßen auf der freien Terrasse des erst vor kurzem gebauten Hotels; es lag in der Nähe des Tempeldörfchens Mijama. Andere Gruppen von Reisenden saßen an den Nebentischen, unter den großen bunten Papierschirmen, die man noch immer aufgespannt hielt, obgleich die Sonne schon hinter den Bergen war. Vor der Terrasse standen in weitem Bogen die leeren Rikscha-Wägelchen, zwischen deren zwei Rädern die halbnackten Kulis lagen, als ob sie am Boden Kühlung suchten vor dem ungewöhnlich schwülen Aprilabend.
Man war von Kioto herkarriolt, um das Fest der Kirschblüte anzusehen, das am nächsten Tage hier stattfinden sollte, und zugleich den berühmten Daibutsu zu betrachten, eine riesige alte Buddha-Statue aus ehemals vergoldeter Bronce, die auf dem Tempelhügel des Dörfchens ragte. Über der Waldung von blühenden Kirschbaumhainen, die sich rings um den heiligen Ort hochbauschte, thronte der göttliche Koloß an dem bleigrauen Horizont wie aus einem schimmernden Wolkenkissen.
„Vorzüglich gelegenes Hotel“, bemerkte der Konsul mit Kennermiene; „wird sicher bald in Mode kommen.“
„Auch für Staffage ist schon gesorgt“, warf der Baron nachlässig hin und wies auf eine Schaar einheimische Pilger, die mit ihren großen Strohtellerhüten und schilfgeflochtenen Wettermänteln hinter den Rikschas kauerten; augenscheinlich durften sie dort übernachten.
Der Konsul lachte weltkundig, während der Doktor nicht umhin konnte, seine Nachbarin stirnrunzelnd anzuschauen. Er hatte den Ausflug vorgeschlagen, hoffte endlich diesem holden Geschöpf, das für den spaßhaft lauten Gatten offenbar viel zu zartfühlend war, im Freien etwas vertrauter zu werden, und nun ließ der Baron mit seiner Spitzfindigkeit keinen herzlichen Ton aufkommen.
Sie schob jetzt ihren Schirm beiseite, und er wollte ihr behilflich sein. Aber der Baron hatte schon einem Diener gewinkt, und der klappte hurtig das bunte Ding zusammen, ehe ein Andrer den Arm danach ausstrecken konnte. „Die Luft ist so drückend,“ erklärte sie, „wie unter einer Taucherglocke. Hoffentlich gibt es kein Gewitter morgen.“
„Gnädige lieben doch sonst den Aufruhr der Elemente“, sagte der Baron mit starren Pupillen. Sie schien etwas entgegnen zu wollen, blickte aber unsicher weg, errötete wieder und erhob sich. Der Doktor, ebenfalls aufstehend, suchte nach einem Beruhigungswort, brachte aber zu seiner Verwunderung nur heraus: „Vielleicht liegt ein Erdbeben in der Luft.“
Während der Konsul ihn lachend belehrte, daß Erdbeben in dieser Jahreszeit, was er natürlich selbst schon wußte, so selten seien wie glückliche Ehen, machte auch der Baron Anstalten, sich aus seinem Korbstuhl zu erheben. Das geschah, indem er zuerst sein rechtes Bein in einen rechten Winkel rückte, dann das linke dicht daneben setzte, den schwarzen Stock fest auf den Boden stemmte und mit einem Ruck sich emporschnellte; dabei zuckte flüchtig ein verbissener Schmerz durch sein schönes bleiches Gesicht, aber zugleich verzog er die knappen, himbeerrot geschminkten Lippen zu einem überlegenen Lächeln, das gleichsam Leidlosigkeit atmete.
Es war auffällig, wie er durch dies Lächeln dem großen Buddha ähnelte, der über der ganzen Landschaft thronte. Auch hatte der Doktor verlauten hören, die Mutter des sonderbaren Herrn sei ein vornehmes Hindufräulein gewesen, eine Radschah-Tochter oder dergleichen. Doch wurde ihm dadurch nicht eben klarer, was diesen Krüppel so anziehend machte, der seine notgedrungene Künstlichkeit noch künstlicher aufzustutzen beliebte. Man wußte nicht recht, ob nur sein eines Bein oder beide nachgemacht waren; er bewegte sie gleicherweise wie ein paar feine Ersatzstücke. Und da er die rechte Hand stets behandschuht trug, selbst beim Essen und Billardspielen, mußte wohl irgend etwas auch daran nicht natürlich beschaffen sein.
Es liefen allerlei Gerüchte um, woher er so verunstaltet wäre. Manche erzählten, er habe als Jüngling ein auf der Straße spielendes Kind vor einem durchgegangenen Pferd gerettet und sei dabei selbst überfahren worden; vielleicht deshalb vorhin sein leiser Spott über den Lohn der edlen Tat. Andere sprachen von einer Tigerjagd und einem wütend gewordenen Elefanten. Seine Freunde scherzten wie er selber über diese wilden Geschichten, und der Konsul hatte einmal, wenn auch nicht in seiner Gegenwart, die schnurrige Frage aufgeworfen, was für echte Glieder wohl an ihm blieben, wenn er abends ins Bett stiege.
Zur Zeit trug er wiegesagt tiefrotes Haar und einen kurzen schwarzen Schnurrbart; vor etwa einem halben Jahr, als der Doktor ihn kennen lernte, hatte er die Farben umgekehrt getragen. Man munkelte, daß er sich wie ein Perser den Schädel kahl rasieren ließe und zwölf verschiedene Perücken benutzte, vom harten Gelbrot bis zum weichsten Schwarzrot, für jeden Monat eine andre. Sicher echt war, außer seinen Juwelen, nur der steinige Glanz seiner schwarzen Augen, der jedes Mitleid weit von sich wies, und der metallische Klang seiner Stimme, der an die schwere Verhaltenheit des deutschen Waldhorns erinnerte.
„Der Buddha macht schon Nachttoilette“, sagte er plötzlich zu der Frau Konsul, nach dem Koloß am Horizont hindeutend. Der hockte auf seiner weißen Blütenwolke, wie mit einem golddurchwirkten dunklen Florhemd angetan, und sein verwittert lächelndes Antlitz schien von himmlischen Ahnungen umschimmert. „Wir wollen auch bald zur Ruhe gehn“, antwortete die schöne Frau, nur halb einen Seufzer unterdrückend, der den Doktor ebenso sehr entzückte, wie der Witz des Barons ihn verdroß.
Sie traten in die Hotelhalle und begaben sich an den Fahrstuhl, der sie ins erste Stockwerk befördern sollte. Der Baron mit der Dame nahm den Vortritt; vier hatten nicht Platz in dem schmalen Kasten. Als der Doktor neben dem Konsul nachfuhr, bemerkte dieser mit seinem üblichen Lachen: „Famoser Knabe, der Herr von Hinkebein! Gewöhnt meiner Frau die Romantik ab!“
Oben stand der Baron bereits im Begriff, sich von ihr zu verabschieden; in dem elektrischen Licht des Korridors sahen seine Augen noch verhärteter aus, und die ihren noch schmelzender. „Gute Nacht! Auf schönes Wiedersehn!“ sagte er mit der verhaltenen Stimme und zog ihre Hand an seine Lippen; sie nickte, wie schon halb im Traum.
Der Doktor wollte auch etwas Zartes sagen; aber der Baron kam ihm wieder dazwischen. „Gute Nacht, Doktor!“ intonierte er schärfer, ihm die behandschuhte Rechte hinstreckend; „und träumen Sie von edlen Taten!“ Der junge Gelehrte konnte nur spöttisch erwidern: „Leider bin ich kein Joseph, Baron!“ Und unter dem Lachen des Konsuls suchte er, etwas verstimmt, sein Zimmer auf.
Mitten in der Nacht erwachte er schreckhaft, trotzdem er sonst ein gesunder Schläfer war. Ihm hatte geträumt, die schöne Frau habe von fern um Hilfe gerufen, sodaß er aus dem Bett springen wollte; aber am Fußende stand der Baron und hielt ihn an beiden Beinen gepackt, um sie ihm aus dem Leibe zu ziehen.
Während er noch darüber nachsann und seine Glieder erleichtert dehnte, fühlte er unversehens ein Schwanken, als läge er in einer Kajüte. Er hielt es noch immer für Traumnachwirkung, aber da knackte und knarrte es in den Wänden, als wollte das Haus aus den Fugen gehen, und zugleich kam von der Terrasse her ein verworrenes Geschrei vieler Stimmen, sodaß er nun wirklich vom Bett aufsprang.
Also doch ein Erdbeben! dachte er mit einer gewissen Genugtuung, indem er die Beleuchtung andrehte. Er hatte noch keinem beigewohnt und war jetzt einigermaßen erstaunt, daß er von seinem Schreck nichts mehr spürte, auch nichts von der fiebrigen Unruhe, die nach den meisten Beschreibungen mit einem solchen Erlebnis verbunden sein sollte. Freilich wußte er, daß bei Neulingen die Angst am gelindesten auftreten sollte, und daß das Hotel bebensicher gebaut war; aber immerhin, er konnte zufrieden sein mit seinem wissenschaftlich gestählten Gemüt.
Er warf sich rasch in die Kleider, nahm seine Reisetasche und eilte die nächste Treppe hinab; sämtliche Korridore waren erleuchtet, und in den Dielen knackte es wieder. Die Terrasse lag jetzt menschenleer; aber im Halbdunkel bei den Rikschas schob sich ein zappliges Getümmel, Gäste und Kulis durcheinander. Nur die Pilger knieten oder kauerten abseits, laut ihre Rosenkränze abbetend und nach dem Buddha hinüberstarrend, dessen lächelndes Antlitz wie trunken glühte. In dem Tempeldorf schien ein Brand ausgebrochen; eine riesige rauchige Flammengarbe stand hellrot über den Kirschblütenwipfeln, und dumpfe Gongtöne dröhnten her.
Unberührt von alldem saß bei dem vordersten Wagen, nur mit Hut und Hemdchen bekleidet, ein kleines amerikanisches Mädchen, das mehrmals die Hand auf die Erde legte, als ob es etwas fühlen wollte. „Doesn’t move“, rief es schließlich enttäuscht seiner aufgeregten Mutter zu, die sich mit einem Kuli zankte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der Eile seine Uhr oben hatte liegen lassen; zugleich aber schüttelte ihn ein Erdstoß, von dem die ganze Terrasse wankte, und durch die Hausmauer fuhr ein knirschender Riß.
Er stand noch prüfend und überlegend, ob er trotzdem zurücklaufen sollte, als zwischen mehreren flüchtenden Gästen der Konsul aus der Halle gerannt kam und ihn mit verstörtem Lachen begrüßte. Dem Doktor fiel ein, daß er in der Eile auch noch garnicht an die Andern gedacht, sie auch nirgends gesehen hatte, und aufgebracht schrie er den Lachenden an: „Aber wo ist denn Ihre Frau?!“
„Ja! Wo?“ schrie dieser, noch sinnloser lachend. „Ich habe genug an ihr Zimmer geklopft, und da sie keine Antwort gab, meint’ich natürlich, sie sei schon unten.“
„Also zurück!“ schrie der Doktor nun, warf seine Reisetasche weg und stürmte zur Treppe, wieder hinauf. Die Vorstellung, daß dies entzückende Weib, das sich gestern Abend in rührender Müdigkeit kaum noch aufrecht zu halten vermochte, vielleicht von einem plumpen Stück Wand im Schlaf verstümmelt werden könnte, empörte ihn gegen den lauen Gatten und gab seinen Schritten wilde Flügel. Atemlos stand er vor ihrem verriegelten Zimmer, klopfte, horchte — und klopfte stärker; eine tolle Freude durchzuckte ihn, daß sie den Konsul ausgesperrt hatte.
Jetzt kam auch der herangekeucht, und sie klopften Beide an der Tür, horchten, klopften und trommelten — horchten nochmals: nichts rührte sich drinnen. Auf einmal ruckte, krachte es allenthalben, und sie hörten einen erstickten Angstruf. Der Doktor packte taumelnd den Türgriff, der Konsul desgleichen: das Schloß sprang auf. Es war also garnicht verriegelt gewesen; doch Bett und Zimmer waren — leer.
Sie starrten einander verdutzt ins Gesicht, da kam eine neue Stoßwelle nach, und wieder ein unterdrückter Angstschrei. Kein Zweifel, das war ihre Stimme; nur kam sie von jenseits des Korridors. In diesem Augenblick fühlte der Doktor, wie sich vor Schreck seine Haare sträubten: er sah die Gesichtshaut des Konsuls lakenweiß werden, während er selbst bis über die Schlafen wie ein Junge errötete: die Stimme kam aus dem Zimmer des Barons.
Der Konsul machte eine Grimasse, blickte plötzlich wie ein Rasender um sich und stürzte nach dessen Tür hinüber; es schien, er wollte sie einschlagen. Aber sie öffnete sich bereits, und er prallte mit offenem Munde zurück. Auf der Schwelle erschien der Baron, prangend in seinem vollen Schmuck, blos das rechte Bein fehlte in der Hose; hinter ihm stand die schöne Frau, in ihrem langen Nachtgewand, die Augen von reinstem Mitleid verklärt, und hielt mit zärtlichem Entsetzen zwischen den aufgelösten Flechten sein Holzbein an ihrem verhüllten Busen.
Kerzengrad auf den Krückstock gestützt, trat er in den Korridor, ohne mit einer Miene zu zucken. „Es wimmelt ja heute von edlen Taten!“ sagte er und begann zu lächeln; „die Gnädige wollte mich auch schon retten.“
So sprechend reichte er mit starren Pupillen, während sie in schwärmerischer Verschämtheit das Bein mit ihrem Haar zudeckte, dem endlich wieder lachenden Konsul seine juwelenblitzende Linke. Und der Doktor sah im Hintergrund durch das weitgeöffnete Zimmerfenster den feuertrunken lächelnden Buddha über der Blütenwolke thronen.
Die gelbe Katze
Burleske
Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte. Mit dieser Nutzanwendung pflegte mein Bruder Ernst mir seine Erlebnisse zu berichten. Jetzt ist er tot. Kurz vor seinem Ende schrieb er mir Folgendes.
Wenn die Frau, für die ich meine eigne verlassen wollte, mit mir von ihrem Manne sprach, kam sie mir immer häßlich vor. Ihre bräunliche Haut wurde dann gelblich, das wilde Haar schien schwarzer und tiefer in die Stirn gewachsen, der Pechglanz ihrer Augen wurde siechend und der Ausdruck des schwungvollen Mundes hilflos. Ich nannte das ihr Dienstmädchengesicht; aber es war mir unerklärlich.
Sie beherrschte den Mann; aber das konnte sie doch nicht mehr fesseln. Sein Körper war ihr unerträglich geworden, sein spöttischer Witz nicht minder. Seine Rachsucht fürchtete sie nicht, und seine Gutmütigkeit verachtete sie. Für Freiheit schwärmte sie wie eine russische Fürstin. Warum also blieb sie noch bei ihm? —
Freilich hatte sie ein Kind von ihm. Aber das faßte sie nicht gern an, trotzdem sie es sehr lieb zu haben glaubte. Mit meinem Töchterchen spielte sie lieber und sehnte sich nach einem Sohn von mir.
Auch auf sein Geld war sie nicht angewiesen; er hätte ihr das ihre nicht vorenthalten, er war ein Ehrenmann. Daß er mich im Duell erschießen könnte, befürchtete sie ebenso wenig; ich hätte ihm zu Ehren mein Leben nicht aufs Spiel gesetzt — (hier log mein Bruder Ernst) — und ihr zu Liebe brauchte ich’s nicht, mein Dasein war ihr werter als das Urteil der Leute.
„Ist es, weil du dich vor deinen Eltern schämst?“ fragte ich sie eines Tages, während wir auf einem Ausflug waren.
„Ja, vielleicht“ — sie lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. Dann machte sie ihr Schlangengesicht, als wollte sie das Wort verschlucken; und gleich drauf lachte sie wie eine Bachantin.
Wir gingen durch mein Lieblingsdorf, ein Krondorf aus der Zeit des großen Friedrich. Es war an einem Karfreitag. Zu Ostern wollte sie in ihre Heimat reisen; der Frühling am Rhein war ihr das Paradies. Wenn sie davon sprach, erschien sie mir wie die leibhaftige Jungfrau Maria; ihre nachtbraunen Augen verklärten sich.
Die Kastanienknospen standen schon ganz dick und grün; manche machten schon die Finger auf. Die Ahornblüten glänzten goldgelb durch den blauen Abend. „Daraus mach ich mir ein Feeenszepter“, sagte sie, „wenn ich mit meinem Vater durch die Berge reite.“
Ich sah sie an — „Es gibt auch böse Feeen, du“ — und wollte sie küssen. Zwischen ihre schwarzen Brauen trat ein queres zuckendes Fältchen; wie immer, wenn sie sich mir überlegen fühlte. Die üppige Nase zuckte mit. Ich küßte nicht.
Plötzlich wurden ihre Pupillen lüstern groß. „Sieh, wie unheimlich!“ flüsterte sie und zeigte über die Straße. Alle ihre Sommersprossen, selbst auf den Lippen, schienen verschwunden. Der schwellende Mund wurde dunkler. Das war ihr Hexengesicht; das sechste, das ich an ihr unterschied.
Ich ging mit ihr hinüber. Auf einem künstlichen Hügel stand ein seltsames Häuschen hinter dem Zaun. Es war stets unbewohnt, ich kannte es schon. In der hellen Dämmerung sah es noch spukhafter aus.
Zwei riesige Platanen streckten ihre noch kahlen Äste wie Leichenknochen über das flache Dach. Die Wände waren fahl und fleckig. Links wiegte ein verkrümmter Lebensbaum sein finstres Laub. Mitten aus der Vorderwand schob sich ein rundes Spitztürmchen vor, das an chinesische Hüte erinnerte; die Tür war verschlossen. Um die kleinen Bogenfenster krochen Borten aus gotischem Schnörkelwerk; die Scheiben waren so schwarz wie die Pupillen meiner Begleiterin. Zwischen der rechten Ecke des Hauses und dem Stamm der einen Platane ging die gelbrote Sonne unter.
„Hier möcht ich manchmal wohnen“, sagte die schöne Frau. In diesem Augenblick kam langsam über den Hügelrücken, grade wie aus der Sonne heraus, eine große gelbrote Katze und setzte sich vor die verschlossene Tür.
Das Bild verstimmte mich, so tief voll Stimmung es war. Die schwarzbraunen Augen des Viehes erinnerten mich unbestimmt an eine Kindesmörderin aus einem Wachsfigurenkabinett. Die Sonne war verschwunden; das Fell sah nun noch gelber aus, fast seidig. Sie starrte blinzelnd herunter auf uns; mich fröstelte. Ich klatschte in die Hände; sie lief weg.