Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt; Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiquaschrift sind "kursiv" dargestellt

Geschichte
des
Araberaufstandes in Ost-Afrika.

Seine Entstehung,
seine Niederwerfung und seine Folgen.

Von

Rochus Schmidt.

Frankfurt a. Oder.

Verlag der Königlichen Hofbuchdruckerei Trowitzsch & Sohn.

Vorwort.

Die große Menge der Afrikawerke, welche in den letzten Jahren auf dem deutschen Büchermarkte erschienen sind, ließ auffallender Weise immer noch eine eigentliche Geschichte des Ostafrikanischen Aufstandes und seiner Niederwerfung vermissen. Eine gesammelte, auf rein historischer Grundlage ruhende und durch mehrjährige persönliche Erfahrung kritisch gesichtete Darstellung der kriegerischen Ereignisse in Ostafrika, ihrer Ursachen und nächsten Folgezustände erschien aber gerade jetzt geeignet.

Die Lage unserer deutschen Kolonie in Ostafrika ist keine glänzende, die Stimmen der Gegner erheben sich von Neuem und drängen zu wenig ehrenvollem Rückzug oder zu Beschränkungen, denen ein solcher Rückzug noch vorzuziehen wäre.

Das vorliegende Buch soll in gedrängter Kürze die Entwickelung des Aufstandes und seine Niederwerfung behandeln, es soll dem Leser die großen Opfer vorführen, welche zu dieser Niederwerfung notwendig waren, es soll aber auch die Begründung versuchen, daß die Sache solche Opfer verdient.

Abenteuer oder farbensatte Schilderungen wird mancher Leser vielleicht vermissen, aber der Verfasser hat sich bemüht, alles zusammenzutragen, was für das vollkommene Verständnis des behandelten Zeitabschnittes nötig ist, kurz eine Geschichte des deutsch-ostafrikanischen Aufstandes zu geben. Ueberall ist dabei der Standpunkt strenger Objektivität gewahrt worden, auch da, wo Personen, Maßnahmen oder Verhältnisse wohl eine herbere, subjektive Kritik hätten herausfordern können. Wo eine Kritik sich findet, beruht sie auf Erfahrung und sorgfältigster Prüfung.

Möge es gelingen, durch das vorliegende Buch der Sache einen Dienst zu leisten.

Berlin, im Juni 1892.

Der Verfasser.

Benutzte Quellen: Brix Förster. — Richelmann. — von Behr. — Paul Reichardt. — Weißbücher. — Kolonialblatt. — Kolonialzeitung. — Koloniale Jahrbücher. — Zeitungsberichte (Militärwochenblatt, Lieut. Heymons, Kreuzzeitung, Dr. Neubaur.).

Inhalts-Verzeichniß.

Seite
I. Kapitel: Einführung [1-20].
II. Kapitel: Entwickelung des Aufstandes und Errichtung des Reichskommissariats [21-38].
III. Kapitel: Organisation der Schutztruppe [39-55].
IV. Kapitel: Die ersten Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani, Tanga und Sadani [56-80].
V. Kapitel: Ausbildung des Reichskommissariats [81-98].
VI. Kapitel: Wißmanns Expedition nach Mpapua [99-117].
VII. Kapitel: Regelung der Verhältnisse um Mpapua und Marsch mit der
Stanleyschen Expedition zur Küste
[118-140].
VIII. Kapitel: Buschiri und die Mafiti [141-150].
IX. Kapitel: Wißmanns Thätigkeit an der Küste nach der Rückkehr von Mpapua,
Buschiris Gefangennahme und die Unterwerfung Bana Heris
[151-184].
X. Kapitel: Die Stationen und der Dienst auf denselben [185-197].
XI. Kapitel: Die Unterwerfung des Südens [198-217].
XII. Kapitel: Das Reichskommissariat unter Wißmanns Stellvertreter
Dr. Karl Wilhelm Schmidt
[218-238].
XIII. Kapitel: Wißmanns letzte Thätigkeit als Reichskommissar [239-261].
XIV. Kapitel: Das Deutsch-englische Abkommen [262-275].
XV. Kapitel: Die wirtschaftlichen Unternehmungen vor, während und nach
dem Aufstande
[276-297].
XVI. Kapitel: Ostafrika unter Herrn von Soden [298-334].
XVII. Kapitel: Die Expedition Emin Paschas [335-350].

1. Kapitel.
Einführung.

Kolonisationsidee in Deutschland. — Erwerbung Deutsch-Ostafrikas. — Verträge in Usegua, Nguru, Usagara und Ukami. — Kaiserlicher Schutzbrief. — Gesellschaft für deutsche Kolonisation. — Gegenbestrebungen des Sultans. — Erste Stationen in Ostafrika. — Expeditionen zu Gebietserwerbungen. — Expedition des Verfassers. — Protest des Sultans Said Bargasch gegen den kaiserlichen Schutzbrief. — Araber in Ostafrika. — Besitzstand des Sultans an der Küste. — Stellung der Walis. — Bismarcks Ultimatum. — Deutsche Flottendemonstration in Sansibar. — Der Sultan erkennt die deutschen Ansprüche an. — Diplomatische Verhandlungen zwischen Deutschland und England. — Londoner Vertrag. — Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft. — Der Küstenvertrag mit dem Sultan. — Stationsbestand der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft.

Eine Geschichte des Araberaufstandes in Deutsch-Ostafrika kann nicht gedacht werden ohne eingehende Betrachtung der Verhältnisse, welche diesem Aufstande vorhergingen. Die Erwerbung Deutsch-Ostafrikas, die einzelnen Phasen im Aufbau der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, die rein politischen und handelspolitischen Faktoren, welche im Zusammenwirken mit den Völkerverhältnissen an der Küste Deutsch-Ostafrikas zum Aufstand führten, bilden eine große logische Kette.

Die Entwickelung der Kolonisationsidee in Deutschland braucht nur mit wenigen Worten gestreift zu werden.

Die allgemeinen Ursachen, auf denen sich diese Idee aufbaute, sind selbstverständlich in erster Linie in der außerordentlichen Machtstellung zu suchen, welche Deutschland besonders nach dem französischen Kriege in der Welt sich erworben. Diese Machtstellung brachte dann eine unerwartete Entwicklung der Industrie mit sich und diese wieder trieb ganz von selbst zu der Notwendigkeit neue Absatzgebiete im Ausland zu schaffen. Während von der einen Seite her diese Absatzgebiete lediglich auf dem Handelswege im Ausland oder in den Kolonien anderer Nationen gesucht wurden, verlangte das wiederbelebte Nationalgefühl der Deutschen seinerseits einen Anteil an der Welt in Gestalt von Kolonien, um auf diese Weise die großen wirtschaftlichen Faktoren im eigenen kolonialen Auslande nutzbar verwerten zu können: mit einem Wort, die politische Unabhängigkeit auch auf dem Gebiete des Handels und der Industrie zu erwerben. Gegenüber allen Verdächtigungen feindlicher Kreise muß den ersten Beförderern der Kolonialidee zweifellos der Ruhm zuerkannt werden, den Weg zu einer solchen Unabhängigkeit ehrlich gesucht und auch thatsächlich gefunden zu haben.

Welch außerordentliche Rolle bei diesen Bestrebungen Deutsch-Ostafrika von vornherein gespielt hat und immer spielen wird, braucht kaum besonders hervorgehoben zu werden. Einmal haben wir es mit einem Gebiete zu thun, welches nach dem übereinstimmenden Urteil aller unbefangenen Beobachter und Forscher zweifellos die wertvollsten Teile Afrikas entweder in sich begreift oder handelspolitisch zu beherrschen in der Lage ist. Ferner verfügt gerade unser Gebiet über eine durchaus eigentümliche, im ganzen schwarzen Kontinent sich nicht wiederfindende Entwicklung der Handelsbeziehungen nach dem Innern und vom Innern heraus. Endlich besitzen wir in dem Volksstamm, welcher die Handelswege nach dem tiefsten Innern eröffnet hat und auch gegenwärtig noch als alleiniger Träger dieses Handelsverkehrs aufzufassen ist, in den Arabern nämlich, Handelsvermittler von einer kaufmännischen Begabung und gerade für das in Betracht kommende Land geeigneten Vorbildung, wie sie wenigstens für Afrika nicht besser gedacht werden können.

Abgesehen von der wesentlichen Bedeutung aber, welche das deutsch-ostafrikanische Gebiet für Deutschland selbst besitzt, muß darauf hingewiesen werden, in welch ungewöhnlicher Weise die Erwerbung dieses Gebietes durch eine deutsche Privatgesellschaft zur Kolonisation ganz Afrikas und im weiteren zur Lösung kultureller und zivilisatorischer Aufgaben von höchster Bedeutung mitgewirkt hat. Der Eintritt des deutschen Reiches in die Reihe der Kolonialstaaten, die internationale Verteilung Afrikas zwischen Deutschland, England, Frankreich, Italien und Portugal in den Verträgen des Jahres 1890, die internationale Regelung der Sklavereifrage durch die Brüsseler Konferenz vom Jahre 1889 sind lediglich Folgen der deutschen Erwerbung, und es darf gewiß als ein eigenartiges Wirken der Vorsehung angesehen werden, wenn gerade das jüngste Kolonialvolk den Anstoß zur Regelung von Fragen gegeben hat, welche einen ganzen Erdteil betreffen.

Wenige Worte mögen dem Leser den Gang der Erwerbung ins Gedächtnis zurückrufen.

Einige wenige patriotische Männer vereinigten sich am 3. April 1884 zur Gesellschaft für deutsche Kolonisation. Sie stellten sich auf den Boden der von Dr. Karl Peters vorgeschlagenen Thesen, welche darin gipfelten, daß, bis das Reich sich entschlösse in eine Kolonialpolitik einzutreten, es nötig sei, daß das deutsche Volk selbst mit praktischen Schritten, d. h. in erster Linie mit Gebietserwerbungen in fremden Erdteilen, zunächst in Ostafrika, vorginge. Im November 1884 traf bereits die erste Expedition (Dr. Peters, Dr. Jühlke, Graf Joachim Pfeil und Kaufmann Otto) in Sansibar ein. Am 10. November brach die Expedition nach Überwindung unendlicher Schwierigkeiten nach dem Festlande auf, erwarb innerhalb 6 Wochen durch Verträge in den Landschaften Usegua, Nguru, Usagara und Ukami die Hoheits- und eine Reihe von Privatrechten von 10 eingeborenen Häuptlingen (Jumbes), hißte die deutsche Flagge an den entsprechenden Punkten und bestimmte einige Plätze für die Anlegung von Stationen. Anfang Februar 1885 traf Dr. Peters bereits wieder in Berlin ein und erhielt auf Verwendung Sr. Durchlaucht des Fürsten Bismarck am 27. Februar 1885 den Allerhöchsten Schutzbrief Sr. Maj. des Kaisers Wilhelm I. für die gemachten Erwerbungen. Mit Erlangung dieses Schutzbriefes wurden alle Anfeindungen, welche gegen die völker- und staatsrechtliche Gültigkeit jener Verträge erhoben waren, ohne weiteres niederschlagen, — Anfeindungen, welche nicht nur in Deutschland selbst seitens der Kolonialgegner, sondern besonders durch das auf das höchste betroffene England in Szene gesetzt waren. Die Erlangung dieses Schutzbriefes ist daher als ein außerordentlich wesentliches Zugeständnis des deutschen Reiches und zwar in erster Linie des Fürsten Reichskanzlers anzusehen. Es ist der eigentliche Ausgangspunkt der afrikanischen Kolonialpolitik des deutschen Reiches. Die Gesellschaft für deutsche Kolonisation hatte damit ihren ersten und zweifellos größten Erfolg erreicht, einen Erfolg, welcher jedoch der Gesellschaft selbst große und über den Rahmen ihres eigentlichen Wirkungskreises weit hinausgehende Verpflichtungen auferlegte. Es stellte sich sofort die Notwendigkeit heraus, mit weit größeren Kapitalmitteln als bisher die bereits erworbenen Gebiete in thatsächlichen Besitz zu nehmen, andrerseits aber diesen Erwerbungen, welche ja nur als Kern und Ausgangspunkt gedacht waren, neue in weiterem Umkreise hinzuzufügen und den Kolonialbesitz in Ostafrika abzurunden. Besonders die letztere Aufgabe bedingte die allergrößte Eile. Unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Peters'schen Erwerbung machten sich sowohl von englischer Seite als auch (und zwar vermutlich auf Betreiben der Engländer) seitens des Sultans von Sansibar Bestrebungen geltend, welche darauf abzielten, den erworbenen Besitz zu isolieren und die umliegenden Landschaften rechtlich für den Sultan von Sansibar in Besitz zu nehmen. In richtiger Erkenntnis der Sachlage wurde daher aus der Mitte der Gesellschaft für deutsche Kolonisation heraus bereits am 2. April 1885 eine Kommanditgesellschaft gegründet, welche unter dem Namen »Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, Karl Peters und Genossen« in das Handelsregister eingetragen wurde und so eine Rechtsform für das weitere Vorgehen darstellte.

Als Zweck der Gesellschaft wurde in die Satzungen aufgenommen »Erwerb, Besitz, Verwaltung und Verwertung von Ländern sowie deutsche Kolonisation im Osten Afrikas«. Dr. Peters erhielt Generalvollmacht und zwar in einer solchen Ausdehnung, daß thatsächlich die ganze Gesellschaft in jeder Beziehung durch ihn allein geleitet wurde.

Für Dr. Peters selbst hatte sich nach seiner Rückreise nach Deutschland die Notwendigkeit eines längeren Aufenthaltes in der Heimat herausstellt, um die schwierigen, dort der Gesellschaft harrenden Aufgaben in Angriff zu nehmen, besonders in den Finanzkreisen Deutschlands die nötigen Kapitalien zu schaffen, ferner die weitere Ausbildung der Gesellschaftsformen herbeizuführen und dieser als Direktor vorzustehen. In Ostafrika standen von den mit Peters ausgezogenen Herren noch Dr. Jühlke und Graf Pfeil zur Verfügung, da der Kaufmann Otto in Usagara einer Krankheit zum Opfer gefallen war. Dem Dr. Jühlke wurde die Vertretung der Gesellschaft in Sansibar und Ostafrika übertragen; während Graf Pfeil als erste Aufgabe die Errichtung der Station Sima in Usagara zugewiesen erhielt.

In Deutschland wurden von Dr. Peters nach der Erteilung des kaiserlichen Schutzbriefes eine Reihe von Persönlichkeiten für den Gesellschaftsdienst engagiert, um zur Erweiterung des Gebietes eine Reihe von Expeditionen zu unternehmen. Einer der engagierten Herren, der Gärtner Schmidt, löste den Grafen Joachim Pfeil auf Sima ab mit dem Auftrag dort eine landwirtschaftliche Station zu gründen. Dadurch wurde Graf Pfeil für Uebernahme weiterer Expeditionen frei und ging zunächst auf der von Bagamoyo nach dem Innern sich hinziehenden Karawanenstraße nach Süden, woselbst er der Gesellschaft durch einen Vertrag Ansprüche auf die Landschaft Kutu sicherte. Hieran schlossen sich folgende weitere Expeditionen:

Die Expedition Jühlke, welcher Premier-Lieutenant Weiß zugeteilt war, gewann Rechtstitel auf die Landschaft Usambara.

Graf Pfeil schloß zusammen mit Premier-Lieutenant Schlüter Verträge in den Landschaften zwischen dem Rufidji und Rovuma.

Die Herren Baumeister Hörnecke und Lieutenant von Anderten waren zu gleichem Zweck am Tana und an der Somaliküste thätig und erwarben Ansprüche, die im Jahre 1886 durch eine Expedition des Dr. Jühlke an der Benadirküste erweitert wurden. Hierbei fiel dieser um die Erwerbung unserer Kolonien hochverdiente Mann den heimtückischen Somali leider zum Opfer.

Der Verfasser selbst sicherte der Gesellschaft durch Verträge Rechte auf die Landschaft Usaramo.

Es würde zu weit führen, und ist nicht Aufgabe dieses Buches, die erwähnten Expeditionen im Detail zu verfolgen. Doch dürfte es nicht uninteressant sein, eine solche Expedition etwas ausführlicher zu erzählen, um hierdurch ein Bild von den damals in Ostafrika für die Gesellschaft bestehenden Schwierigkeiten zu geben.

Es wird zu diesem Zweck die vom Verfasser selbst ausgeführte Expedition gewählt; nicht etwa als ob dieser ein besonderer Wert zugesprochen werden soll, sondern weil sie naturgemäß dem Verfasser am nächsten liegt.

Mein Auftrag, den ich nach meiner Ankunft in Sansibar vom Generalvertreter der Gesellschaft, Dr. Jühlke, erhielt, bestand darin, in Sansibar zunächst eine Expedition zusammenzustellen und mit dieser von Bagamoyo aus Usaramo zu durchziehen, das Land zwischen dem Kingani und Rufidji der Gesellschaft zu sichern und dann nach Usagara zu gehen, wo mir weitere Befehle von Seiten der Gesellschaftsvertretung zugehen sollten.

Ich suchte dem erhaltenen Befehle gemäß so schnell wie möglich die für die Expedition nötigen Träger anzuwerben, kaufte die im Inlande gangbaren Tauschartikel ein, verpackte sie in Lasten und war 5 Tage nach meiner Ankunft in Sansibar so weit, daß ich nach Bagamoyo, dem Anfangspunkt meiner Expedition auf dem Festland überfahren konnte. Es war für mich notwendig, die Zahl der für die Expedition nötigen Träger auf ein Minimum zu reduzieren, da Said Bargasch, der damalige Sultan von Sansibar, uns die Anwerbung der Leute, wie überhaupt die Expedition in jeder Weise zu erschweren suchte. Ich sah mich genötigt, nachdem es mir gelungen war, 70 Träger anzuwerben, auch unsere eigenen Bedürfnisse sehr zu beschränken und für diese Trägerzahl die Verpackung der nötigsten Lasten einzurichten. Von der sonst bei einer Expedition üblichen Mitnahme von Karawanen-Askari (Soldaten) mußte ich Abstand nehmen, weil mir die Anwerbung solcher, wenn sie einigermaßen zuverlässig sein sollten, unmöglich war. Meiner Expedition war der 3 Monate vor mir in Ostafrika angelangte Kaufmann Söhnge zugeteilt worden. Von den Schwarzen sind zu erwähnen: der Hetmann der Karawane, der Komorenneger Ramassan, ferner 2 sansibaritische Waniampara (Unterführer) — alle drei mit Gewehren bewaffnet. Im übrigen bestand die Expedition außer unseren schwarzen Dienern nur noch aus sansibaritischem Trägerpersonal. Beim Aufbruch war für mich die größte Eile geboten, schon aus dem Grunde um, bevor das Ziel der Reise bekannt geworden war, Aufhetzungen des Sultans in Usaramo vorzubeugen. Der Sultan konnte uns nicht nur in Sansibar an der Anwerbung der Träger und der Zusammenstellung der Expedition aufs äußerste hinderlich sein, sondern auch im Innern. Hier besaß er zwar an den meisten Plätzen nicht eine direkte Macht, aber doch einen großen moralischen Einfluß, wie sich dies bei mehreren deutschen Expeditionen, z. B. in Usambara gezeigt hat, wo von Said Bargasch die entsprechenden Empfehlungen vorausgeschickt wurden. Durch meinen schnellen Aufbruch indes, und da der Sultan über den Zweck meiner Reise sich im Unklaren befand, die Expedition auch so angelegt war, als ob sie direkt nach Usagara marschierte, welches sich ja bereits in deutschem Besitz befand, wurden wir vor Schädigungen bewahrt.

So war es mir möglich, im ganzen 7 Tage nach meiner Ankunft in Sansibar, von Bagamoyo aus abzurücken, von wo ich zunächst südlich nach Bueni marschierte, um von hier aus den kleinen von Pangani nach Kutu führenden Karawanenweg bis an den Kingani nach Dundanguru einzuschlagen. Auch hier war es wieder mein Bestreben, möglichst schnell vorwärts zu kommen, um nach dem Bekanntwerden meiner Route in Bagamoyo und Sansibar durch die Schnelligkeit des Marsches mich dem Einfluß der Küstenmachthaber zu entziehen. In der That wurde auch die Expedition zunächst von den Eingeborenen überall freundlich aufgenommen, die damals trotz der großen Nähe der Küste Europäer noch gar nicht gesehen hatten, weil diese nur in ganz vereinzelten Ausnahmefällen bislang das Land seitlich der großen Karawanenstraße betreten hatten. Es bildete sich fast überall ein ganz friedlicher Verkehr mit der Bevölkerung heraus, und dieselbe war in der Regel leicht dazu zu bewegen, die Verträge, deren Abschließung der alleinige Zweck der Expedition war, mit uns einzugehen. Wie schon ganz im Eingang erwähnt worden, sind ja diese Verträge sowohl in Deutschland wie im Ausland auf das heftigste angegriffen und verspottet worden. Das Letztere vielleicht mit einem gewissen Recht; denn es konnte sich ja niemand verhehlen, daß der faktische Wert derselben gering war, da die eingeborenen Häuptlinge sich sehr selten, obgleich es ihnen auseinander gesetzt wurde, dessen, was sie mit einigen Krähenfüßen unterschrieben, voll bewußt waren und sie zumeist auch gegen reiche Geschenke in der augenblicklichen Laune waren, alles Mögliche was man von ihnen verlangte, abzutreten, ohne an das Bindende solcher Zugeständnisse für die Zukunft zu denken. Andererseits repräsentierte auch die zweite Vertrag schließende Partei, die ostafrikanische Gesellschaft, damals nur eine geringe Macht und bedurfte dringend des Rückhalts an der Reichsregierung.

Nichtsdestoweniger haben die Verträge ihren Zweck vollkommen erfüllt, da infolge der ungeordneten innerafrikanischen Zustände und infolge der zivilisatorischen und humanitären Verpflichtungen, die wir den auf der tiefsten Kulturstufe stehenden Negern gegenüber zu übernehmen willens waren, die staatsrechtliche Grundlage für die spätere Abgrenzung unserer Interessensphäre durch sie gegeben wurde.

Fand ich nun in der ersten Zeit überall eine gute Aufnahme und volles Entgegenkommen seitens der Eingeborenen auf meiner Expedition, so blieb doch die Aufhetzung des Sultans von Sansibar nicht ohne Erfolg. Denn diejenigen in der Expedition, auf die ich am meisten angewiesen war und von denen der Erfolg derselben abhing, die Träger, warteten nur auf die Gelegenheit, mich während des Marsches im Stich zu lassen und thaten dies auch gleich während der ersten Tage nach meinem Aufbruch von der Küste.

Wie sehr der Sultan auf die Träger einzuwirken im Stande gewesen war, konnte ich daraus ersehen, daß dem treu zu mir haltenden Dolmetscher Ramassan öfters von den Sansibariten gedroht wurde, ihn beim Sultan zu denunzieren, weil er auf Kosten der Interessen des Sultans unsere Bestrebungen zu sehr fördere. Ramassan schwebte daher auch in steter Angst vor der Strafe des Sultans.

Durch das Entgegenkommen der eingeborenen Jumbes oder Pasi, wie sie in Usaramo genannt werden, ist es mir zunächst immer gelungen, die notwendige Zahl von Aushilfeträgern zu erhalten. Doch sah ich mich wegen der steten Zunahme von Desertion der Träger in Dundanguru veranlaßt, zu einem andern Auskunftsmittel zu greifen, da von hier an die Wasaramo nicht mehr willens waren, mir auf meiner nach Süden nach dem Rufidji abbiegenden Route bis an die Grenze der gefürchteten Mahenge zu folgen.

Ich erklärte meinen Trägern, daß, wer nicht weiter mit mir ziehen wollte, die Erlaubnis habe nach Sansibar zurückzukehren, da ich nur solche Leute, die mir freiwillig und gern folgen würden, mit mir zu nehmen wünsche. In Sansibar würde ich die Bestrafung der Davongelaufenen durch Vermittlung des deutschen Konsulats herbeiführen, dagegen die mir während der ganzen Expedition treu bleibenden Träger über meine Verpflichtung hinaus belohnen. So behielt ich nicht ganz 30 Mann bei mir.

Es war mir ganz Unmöglich, mit diesen die Lasten der Karawane weiterzutransportieren. Daher erteilte ich dem Kaufmann Söhnge den Auftrag, am Kingani ein provisorisches Lager zu beziehen und so gut es ging, zu befestigen, während ich selbst mit den für die Dauer eines Monats notwendigen Tauschwaren, die ich in sehr leichte Lasten verpackt hatte, mit 13 Trägern den Marsch nach Süden fortsetzte. Die übrigen Träger ließ ich Herrn Söhnge zur Bewachung und Einrichtung des Lagers.

Ich durchzog nun allein das Land direkt nach Süden bis zum Rufidji verfolgte diesen drei Tagereisen östlich und marschierte dann nach Nordwest zurück, um wieder zum übrigen Teil meiner Expedition am Kingani zu stoßen.

Ich fand bei den Häuptlingen des südlichen Usaramo nicht dasselbe Entgegenkommen wie im nördlichen Teil und wurde überall mißtrauisch aufgenommen; es gelang mir jedoch auch hier, wenn auch nicht mit derselben Leichtigkeit wie vordem, die gewünschten Verträge, 25 an der Zahl, abzuschließen.

Nach meiner Wiedervereinigung mit Söhnge trat ich den weiteren Vormarsch der Expedition nach Usagara an, da es Söhnge gelungen war, sich mit den Parsis der Ortschaften am Kingani zu befreunden und von diesen die für den Weitermarsch nötige Zahl von Trägern anzuwerben. Die große Karawanenstraße von Bagamoyo wurde am Gerengere erreicht und auf dieser der Marsch nach Muini Sagara und von da nach Sima fortgesetzt.

In Sima traf ich den Generalvertreter der Gesellschaft Dr. Jühlke an, welcher die für die weitere Fortsetzung der Expedition oder für Stationsanlagen nötigen Lasten, die ich aus Mangel an Trägern von Sansibar nicht hatte mitnehmen können, mir nachbrachte und ferner den Auftrag des deutschen Generalkonsuls hatte, einen mit dem alten Usagara-Sultan Muini Sagara und einer arabischen Karawane vorgekommenen Streitfall zu untersuchen und zu schlichten. Dieser Auftrag ging in Folge der Erkrankung Jühlkes auf mich über und hielt mich für die nächste Woche noch in Usagara fest.

Endlich im letzten Drittel des Oktober erreichte mich der Befehl nach Sansibar zurückzukehren und dort eine neue Expedition zusammenzustellen, um mit dieser von der Rovuma-Mündung aus zum Zweck weiterer Erwerbungen ins Innere abzumarschieren.

Mein Begleiter Söhnge war bereits vor mir mit den abgeschlossenen Verträgen nach Sansibar zurückgesandt worden, und es schloß sich mir der mit mir zugleich nach Ostafrika gekommene Dr. Hentschel, welcher sich damals ebenfalls in Usagara befand, auf dem Rückmarsche an. Diese Rücktour sollte indes für mich verhängnisvoll werden und einen Strich durch die Ausführung meiner Instruktion machen.

Am 28. Oktober, Morgens, verließen wir unsern Lagerplatz bei Kidete. Die ersten Stunden des Marsches von Kidete aus waren ruhig verlaufen, und wir glaubten, obgleich wir sowohl durch Kidete-Leute, wie auch durch passierende Jäger von den in jener Gegend angesessenen Wakamba des öfteren belästigt worden waren, durchaus nicht an eine ernstere Gefahr, als wir plötzlich etwa um 1/2-12 Mittags von hinten beschossen wurden. Die Karawane bestand damals außer uns beiden Europäern noch aus 20 unbewaffneten Trägern, welche bei diesem Angriffe ebenso wie unsre Boys ihre Lasten fortwarfen und sich schleunigst davonmachten. Wir waren daher auf uns allein angewiesen. Unter dem fortgeworfenen Gepäck befanden sich auch Dr. Hentschels Patronen. Da ich eine größere Anzahl Patronen selbst bei mir trug, half ich hiermit meinem Gefährten aus. Seine Doppelbüchse hatte ein etwas größeres Kaliber als der Büchsenlauf meiner Büchsflinte, weshalb auch seine Schüsse nicht so präzis sein konnten. Wir suchten indes durch schnelle und möglichst gut gezielte Schüsse der uns numerisch überlegenen Bande — es waren etwa 30 an der Zahl — möglichst viel Verluste beizubringen. Die Gegner haben, wie späteren Besuchern der Gegend mitgeteilt wurde, 5 Tote und mehrere Verwundete gehabt. Aber wir selbst wurden beide gleich bei Beginn der Schießerei verwundet. Dr. Hentschel erhielt einen Schuß in die linke Wade und ich einen in den rechten Unterschenkel über dem Knöchel.

Glücklicherweise machten uns unsere Wunden nicht kampfunfähig; wir suchten so gut wie möglich Deckung im Terrain und setzten, obgleich verwundet, das Feuer fort.

Bei den Gegnern wurde dasselbe immer schwächer; doch traf mich eine der letzten gegnerischen Kugeln in die Brust und ging durch meine rechte Lunge hindurch. Das genügte in jenem Augenblick für mich. Die Gegner stellten, wahrscheinlich wegen der verhältnismäßig großen Verluste, die sie hatten, das Feuer ein und verschwanden zu meinem Glück vom Kampfplatz. Dr. Hentschel hielt an meiner Seite aus, bis mich das Bewußtsein verließ, worauf er sich bei seiner ihn am Gehen hindernden Verwundung zum Teil auf allen Vieren nach dem nächsten Dorfe hin fortbewegte, um Hilfe für mich herbeizuschaffen, oder, wenn diese zu spät käme, mich zu beerdigen. Er mußte zu diesem Zweck die davongelaufenen Träger, vor allem Ramassan, wiederbekommen; denn allein konnte er, selbst verwundet, mir nicht helfen. Daher bewog er eine Anzahl Leute im nächsten Dorfe, zu mir zurückzugehen, um mich nach jenem Dorf zu bringen; er gab ihnen als Lohn das einzige, was er gerettet, sein eigenes Gewehr. Die Leute sind indessen nie zu mir gekommen.

Dr. Hentschel selbst kam nicht zurück, weil er hörte, englische Missionare seien etwas weiter vorwärts auf der Straße, aber in der Nähe. Er sah ein, daß das richtigste sei, von diesen ärztliche Hilfe und Medizin zu erbitten, da wir alles verloren hatten. So ließ er sich zu diesen tragen und sandte Ramassan zurück, der indes Angst hatte und erst später zu mir kam. Die englischen Missionare traf Hentschel; dieselben erklärten sich natürlich bereit, auf mich zu warten, während Hentschel sich in Eilmärschen nach Sadani tragen ließ, um von dort nach Sansibar zu fahren und dort den Vorfall zu melden, damit mir ein Arzt und Hilfe entgegengeschickt würde, wenn es auch damals unwahrscheinlich erschien, daß ich am Leben war. Dr. Hentschel hat in dieser Weise durchaus korrekt und besonnen gehandelt; durch seine Handlungsweise hat er wesentlich dazu beigetragen, mir das Leben zu retten, und mich zu Dank verpflichtet.

Nun ein paar Worte über meine Angreifer. Diese bestanden, wie wir später erfuhren, in einer Räuberbande, sogenannten Ruga-Ruga, die es auf Beutemachen und Plünderung Unsrer Sachen abgesehen hatten. Diese Absicht ist nun nicht einmal von ihnen erreicht worden, da die Angreifer nach ihren verhältnismäßig großen Verlusten sich schleunigst empfahlen. Es waren Dritte, denen die Beute zufiel, und zwar Kidete- und Mamboialeute, die, während ich bewußtlos auf dem Kampfplatz lag, alles stahlen und dabei mit großer Gewissenhaftigkeit verfuhren. Bis auf das, was ich persönlich am Leibe trug, ließen sie nichts zurück; doch war ich indessen noch gut daran, daß mir die Ruga-Ruga selbst nicht noch einen Besuch abstatteten, da sie mir sicher das Messer an den Hals gesetzt hätten.

Ich selbst blieb besinnungslos bis zur Zeit der Dämmerung liegen. Da erst, also 6-7 Stunden nach meiner Verwundung, kam ich zum Bewußtsein meiner Hilflosigkeit. Einige Neger befanden sich in meiner Nähe, die, als ich die Augen aufmachte, auf und davon liefen. Brennender Durst peinigte mich. Ich suchte ihn zu stillen, indem ich mir den rechten Stiefel, in dem sich eine Portion Blut, von dem angeschossenen Bein herrührend, angesammelt hatte, auszog und das darin enthaltene Blut begierig trank. Da das Blut aber nachher trocknete und die Wunden überhaupt nur wenig nachbluteten, so gab es für mich bald nichts mehr zu trinken. Die ganze Nacht lag ich bei vollem Bewußtsein da; ich hätte mir gern schleunige Erlösung von meinen Leiden gewünscht. Meine Versuche, aufzustehen, mißlangen. Am nächsten Morgen kaute ich den Thau aus den Gräsern; den Tropenhelm legte ich mir unter den Kopf, um diesen etwas erhöht zu halten, und zog es vor, hierfür mir die glühende Tropensonne auf den Schädel scheinen zu lassen. Die Neger, welche vorbeikamen und mich liegen sahen, hatten kein Mitleid mit mir, verhöhnten mich teilweise noch, ließen mich alle liegen und gaben mir nicht einmal einen Tropfen Wasser zu trinken. Ein altes, fürchterlich häßliches Weib warf mir ein Stück von ihr ausgesogenen Kürbis ins Gesicht mit den Worten »da friß«, während ein Gemütsmensch darunter war, der auf mein Ansuchen, mich von der Stelle zu tragen, nur erwiderte: »Du wirst doch gleich sterben«. So lag ich, bis die Sonne am Himmel reichlich 2 Uhr zeigte, so daß ich also 26-27 Stunden an jener traurigen Stätte zugebracht habe. Da fanden sich endlich zwei hilfsbereite Leute, die mich ins nächste Dorf trugen. Als ich die erste Pfütze passierte, trank ich soviel Wasser, wie meine braven Träger nach ihrer Aussage noch nie einen Menschen hatten trinken sehen.

Ich wurde im nächsten Dorf in der Hütte des Jumbe untergebracht, der mich, so gut er konnte, verpflegte, indem er mich auf eine Negerbettstelle legen ließ und mir aus Matama gemachte Suppe zum Löschen des Durstes gab. Auch kam mein Karawanenführer Ramassan bald nach diesem Dorfe zurück, wusch, nachdem er mir die Sachen, welche über und über voll Blut waren, vom Leibe gezogen hatte, meine Wunden aus, und verklebte den Einschuß an der Brust, den Ausschuß am Rücken und den Einschuß am Bein mit je einem Stück Cigarettenpapier. Das war für die nächste Zeit die einzige Wundbehandlung. Außerdem warb Ramassan zehn Leute in jenem Wasagara-Dorf an mit dem Versprechen, ihnen wenn sie mich an die Küste nach Sadani brächten, reichlichen Lohn auszuzahlen.

Diese zehn trugen mich ununterbrochen die ganze Tageszeit mit Ausnahme einer kurzen Rast während des Mittags in der Hängematte, immer zwei und zwei abwechselnd, nach der Küste zu. Bei diesem Transport wurde in jenem gebirgigen Terrain aber nicht besser als mit einem Stück Waare mit mir umgegangen. Die Aufnahme, welche ich in den nächsten Dörfern während dieser Zeit fand, war eine durchaus hartherzige. In keinem Dorf wurde mir Unterkunft gewährt. Überall mußte ich mit meinen Leuten außerhalb des Dorfes auf einem harten Graslager zubringen. Dabei hatte ich von der während der Nächte verhältnismäßig großen Kälte viel zu leiden, da ich nur mit meinen blutdurchtränkten Kleidern bedeckt war. Nahrung bekam ich nur von meinen eigenen Leuten, und zwar während dieser ganzen Zeit nur eine Matamasuppe. Das Mißgeschick wollte es zudem, daß ich erst nach mehreren Tagen die englischen Missionare erreichte, welche bereits erwähnt sind. Sie hatten mir Boten mit Medizin und Lebensmitteln entgegengeschickt, doch waren diese einen andern Weg gegangen, als ich.

Bei den Missionaren wurde mir nun selbstverständlich alles zu teil, was mir diese Leute bieten konnten. Sie behandelten und verbanden meine Wunden, brachten mich in einem Zelte unter, gaben mir bessere Nahrung und eine bessere Hängematte, in der ich bis zur Küste unter ihrer Obhut getragen wurde. Allerdings war mein Zustand auf diesem Transport ein derartiger, daß man daran zweifelte, ob ich die Küste noch lebend erreichen würde. Am letzten Tage, bevor wir in Sadani ankamen, trafen wir auf dem Marsch den Maler Hellgrewe und Herrn Söhnge, die, nachdem sie von Dr. Hentschel Kunde über mich erhalten hatten, sich sofort aufgemacht hatten, mir Hilfe zu bringen. Sie fuhren an Bord der »Möwe« über die Herr Admiral Knorr auf die empfangene Nachricht hin so gütig war, nach Sadani zu schicken, damit der Arzt der »Möwe«, Herr Dr. Schubert, mir Hilfe leisten könnte. In Ndumi, 2 Stunden von der Küste entfernt, traf mich auch ein kleines Detachement unter Lieutenant Mandt und Dr. Schubert, die für meinen weiteren Transport nach Sansibar auf S. M. S. »Möwe« Sorge trugen. Zur Erinnerung an jene Zeit stiftete mir Hellgrewe später zwei von seiner Meisterhand gemalte Bilder, die gegenwärtig mein Zimmer schmücken. —

Kehren wir nach dieser Abschweifung zu der Entwickelung der ostafrikanischen Verhältnisse zurück. Bereits oben ist von den Bestrebungen die Rede gewesen, welche sich seitens des Sultans gegen die Erwerbungen der ostafrikanischen Gesellschaft geltend machten. Diese Bestrebungen nahmen eine greifbare Form an, als der Sultan am 25. April 1885 offizielle Kenntnis von dem kaiserlichen Schutzbrief erhielt. Der Sultan Said Bargasch erhob nunmehr einen formellen Protest gegen diesen Schutzbrief und die deutschen Erwerbungen überhaupt. Dieser telegraphisch nach Berlin übermittelte Protest hatte folgenden Wortlaut: »Wir haben vom Generalkonsul Rohlfs Abschrift von Ew. Majestät Proklamation vom 27. Februar empfangen, wonach Gebiete in Usagara, Nguru und Ukami, von denen es heißt, daß sie westlich von unsern Besitzungen liegen, Eurer Oberhoheit und deutscher Regierung unterstellt sind. Wir protestieren hiergegen, weil diese Gebiete uns gehören und wir dort Militärstationen halten und jene Häuptlinge, welche die Abtretung von Souveränitätsrechten an die Agenten der Gesellschaft anbieten, dazu nicht Befugnis haben: Diese Plätze haben uns gehört seit der Zeit unsrer Väter.« Gleichzeitig sandte Said Bargasch Truppen nach Witu, Dschagga und Usagara, um durch eine thatsächliche Machtentfaltung die Häuptlinge einzuschüchtern und eine Art Besitzrecht auszuüben.

Es dürfte geeignet erscheinen, an dieser Stelle die Stellung der Araber in Sansibar und ihre Beziehungen zu Ostafrika kurz zu skizzieren. Wann die erste Einwanderung derselben in Ostafrika erfolgte, läßt sich mit Sicherheit nicht feststellen. Die zahlreichen Ruinen arabischer Gebäude an der ganzen Küste entlang legen Zeugnis davon ab, daß die arabische Kultur hier bereits in früheren Jahrhunderten in hoher Blüte gestanden haben muß; auf dem Boden der Geschichte erscheinen die Araber jedoch erst mit der portugiesischen Einwanderung. Es ist bekannt, daß das arabische Element durch die Portugiesen im 16. Jahrhundert fast gänzlich vertrieben wurde und daß die arabischen Städte insgesamt in portugiesische Hände fielen. Ebenso darf die spätere Vertreibung der Portugiesen durch die Maskataraber als bekannt voraussetzt werden. Erst seit dem Jahre 1840 ist Sansibar der unbestrittene Hauptort der arabischen Oberherrschaft. In diesem Jahr verlegte der Sultan Said Said seine Residenz von Maskat nach Sansibar. Ihm folgte 1856 Said Madjid, dem 1870 dann Said Bargasch nachfolgte; unter diesem gewann der englische Einfluß in Sansibar vollkommen das Übergewicht über alle andern Nationen. Said Bargasch starb 1888 und hinterließ die Regierung seinem Bruder Said Kalifa.

Die Stellung, welche die Araber in Ostafrika gegenwärtig und zwar seit der Vertreibung der Portugiesen einnehmen, ist eine durchaus eigentümliche, wie sie sich ein zweites Mal kaum irgendwo auf der Welt wiederfinden dürfte. Der eigentliche Mittelpunkt ihrer Herrschaft ist Sansibar selbst; aber von diesem Zentralsitz aus laufen die von Arabern gesponnenen Fäden bis in das tiefste Innere des schwarzen Kontinents hinein. Ihre weitesten Vorposten liegen gegenwärtig weit über den Tanganjika westlich im Congostaat.

Ein faktisches Besitzrecht hatte der Sultan ganz zweifellos am Küstenstreifen von der Tanamündnng bis zum Rovuma. Denn auf diesem ganzen Küstenstreifen unterhielt er in allen Hauptplätzen Walis (Statthalter), zum Teil auch Garnison. Er übte hier also wirkliche Hoheitsrechte aus. Der Machtbezirk der einzelnen Walis war jedoch außerordentlich begrenzt und erstreckte sich im großen und ganzen immer nur auf die nächste Umgebung ihres Wohnsitzes.

Fast unmittelbar hinter dem Küstenstreifen herrschten die eingeborenen Häuptlinge und zwar meist nach patriarchalischem Brauch unumschränkt, so daß von einem Besitztitel des Sultans hier gar keine Rede sein konnte. Die Ansprüche, welche der Sultan für dieses Innere erhob, begründete er mit dem Umstand, daß in einzelnen Plätzen sich von ihm ernannte Walis befänden. Damit kann jedoch von einer thatsächlichen Besitzergreifung seitens des Sultans nicht die Rede sein. Es erklärt sich das vielmehr lediglich aus Folgendem: Die arabischen Kaufleute, welche in den Plätzen des Innern, von denen hier die Rede ist, also z. B. in Tabora, Mamboia und anderen sich ansiedelten, ließen vom Sultan einen Wali ernennen, nur um durch einen solchen Beamten eine größere Autorität unter sich zu schaffen. Hätten sie einen Wali selbständig aus ihrer Mitte erwählt, so würde sich kein einziger der Araber an dessen Richterspruch gekehrt haben; ernannte aber der Sultan den Statthalter, so war demselben immer ein wesentlicher Einfluß gesichert, weil der Sultan die Endfäden des Gewebes in Händen hielt, d. h. weil er die ungehorsamen Araber bei ihrer Rückkehr nach Sansibar bestrafen konnte. Thatsächlich aber haben diese Walis den Eingeborenen gegenüber keine Rechte ausgeübt; diese standen wenigstens im jetzigen deutschen Interessengebiet nach wie vor unter ihren angestammten Häuptlingen.

Der Protest des Sultans wurde daher mit Recht durch den Fürsten Bismarck am 19. Juni 1885 formell abgelehnt, die Ansprüche für unbegründet erklärt und gegen die nachträgliche Besetzung von Gebieten, welche innerhalb des deutschen Schutzgebietes lagen, Einspruch erhoben. Die deutsche Antwort trug den Charakter eines Ultimatum und wurde durch ein deutsches Geschwader, bestehend aus den Schiffen: Bismarck, Prinz Adalbert, Gneisenau, Stosch, Elisabeth, Olga, Möwe nebst zwei Tendern: Adler und Ehrenfels nachdrücklich unterstützt.

Die Sultanstruppen waren bereits am 24. Juni zurückberufen worden und am 14. August erkannte der Sultan rückhaltlos die Schutzherrschaft Deutschlands über die Länder Usagara, Nguru, Usegua, Ukami und über das Gebiet von Witu an. Diese Erklärung des Sultan wurde vom deutschen Reich als vollkommen genügend angesehen und obwohl thatsächlich niemand in Sansibar, weder die Araber noch die Engländer und Franzosen, daran zweifelten, daß das Geschwader lediglich gesandt worden sei, um das Sultanat zu annektieren, wurde seitens Deutschlands, um die freundschaftlichen Beziehungen zu England nicht zu erschüttern, von diesem Schritte abgesehen. Nicht nur die Deutschen, sondern überhaupt alle Einwohner bis zum Sklaven herunter faßten dies nicht anders, denn als einen Mißerfolg Deutschlands auf. Die gewaltige Flottenentfaltung war gänzlich ohne Resultat, ja die Araber betrachteten sogar die vom Sultan gegebene Erklärung lediglich als ein durch die Not erzwungenes, diplomatisches Auskunftsmittel.

Für die europäischen Mächte bildete jedoch diese diplomatische Korrespondenz die Grundlage für weitere Verhandlungen. England hatte richtig erkannt, wie nahe die Gefahr einer Annexion des ganzen Sultanats gelegen hatte. Um für die Zukunft eine solche Möglichkeit auszuschließen, ging das englische Bestreben jetzt dahin, Deutschland zum Beitritt zu dem englisch-französischen Vertrage vom Jahr 1862 zu bringen, in welchem die Unabhängigkeit des Sultans von Sansibar anerkannt wurde. Die Verhandlungen über die ostafrikanische Frage begannen zwischen England und Deutschland im Dezember 1885 und fanden ihren Abschluß in dem internationalen Abkommen zu London am 1. November 1886.

Das Londoner Abkommen erkannte dem Sultan die Souveränität über Sansibar, Pemba, Lamu und Mafia zu, sowie einen Besitz an der Küste in einer Tiefe von 10 Seemeilen vom Rovuma bis Kipini. Um jedoch der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft einen Zugang zur See zu verschaffen, ohne welchen der Besitz des Innern ja gänzlich wertlos gewesen wäre, machte England im Londoner Abkommen sich anheischig, im Einverständnis mit Deutschland beim Sultan auf die Verpachtung der Zölle in den Häfen von Daressalam und Pangani an die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft hinzuwirken, nachdem bereits im September 1885 die Mitbenutzung Daressalams zugestanden worden war. Gleichzeitig kamen beide Mächte überein, eine Abgrenzung ihrer gegenseitigen Interessensphäre in diesem Teile des ostafrikanischen Festlandes vorzunehmen. Der letztgenannte Punkt bildet die Grundlage des deutsch-englischen Abkommens von 1890.

Mit dem Londoner Vertrage war nunmehr endlich eine politische, internationale Grundlage für die deutsche Kolonisation Ostafrikas geschaffen. Die erste günstige Wirkung derselben war die Erkenntnis, daß nicht wie bisher durch verhältnismäßig geringfügige Kapitalbeteiligung ein Erfolg zu erzielen sei. Das Großkapital sollte und mußte herangezogen werden und die Gesellschaft selbst verlangte eine Neuorganisation.

Im Februar 1887 verwandelte sich die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft in eine Aktiengesellschaft, die Leitung wurde in die Hände eines Verwaltungsrats gelegt und Dr. Peters zum Generalvertreter in Sansibar ernannt.

In der That gelang es Peters schon im Jahre 1887, den Sultan Said Bargasch zu einer Abtretung der Zölle zu bringen, aber die Ratifikation des Vertrages durch die Direktoren der Gesellschaft verzögerte sich so lange, daß Said Bargasch darüber hinstarb und erst unter Said Kalifa im April 1888 der überaus wichtige Küstenvertrag zu Stande kam, durch welchen die gesamten Festlandszölle, so weit sie die Ausfuhr betrafen, an die Gesellschaft abgetreten wurden. Da dieser Küstenvertrag die eigentliche Grundlage und Ursache des Aufstandes bildet, so mögen seine Bestimmungen hier Platz finden:

»Dem Sultan sollen keine Verbindlichkeiten erwachsen weder aus den Kosten der Besitzergreifung der Küste durch die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft, noch auch aus den daraus etwa entstehenden Kriegszuständen. Dagegen willigt er ein, alle Akte und Handlungen, welche erforderlich sind, um die Bestimmungen des Vertrags zur Ausführung zu bringen, vorzunehmen und der Gesellschaft mit seiner ganzen Autorität und Macht zu helfen.«

»Im ersten Jahre liefert die Gesellschaft den ganzen Betrag der erhobenen Ein- und Ausfuhrzölle an den Sultan ab, abzüglich der Geschäftsunkosten (nicht über 272000 M.) und einer Kommissionsgebühr von 5 Prozent. Auf Grund der im ersten Jahre gemachten Erfahrungen soll die Durchschnittssumme der jährlich zu zahlenden Pacht festgestellt werden.«

»Die Gesellschaft wird ermächtigt, Beamte einzusetzen, Gesetze zu erlassen, Gerichtshöfe einzurichten, Verträge mit Häuptlingen zu schließen; alles noch nicht in Besitz genommene Land zu erwerben, Steuern, Abgaben und Zölle zu erheben, Vorschriften für den Handel und Verkehr zu erlassen, die Einfuhr von Waaren, Waffen und Munition und allen andern Gütern, welche nach ihrer Ansicht der öffentlichen Ordnung schädlich sind, zu verhindern; alle Häfen in Besitz zu nehmen und von den Schiffen Abgaben zu erheben.«

»Die Verwaltung soll im Namen des Sultans und unter seiner Flagge, sowie unter Wahrung seiner Souveränitätsrechte geführt werden. Der Sultan erhält eine nach einem Jahr festzustellende Pachtsumme, ferner 50 Prozent des Reineinkommens, welches aus den Zollabgaben der Häfen fließen wird; endlich die Dividende von zwanzig Anteilscheinen der Gesellschaft à 10000 M., nachdem Zinsen in der Höhe von 8 Prozent auf das eingezahlte Kapital der Anteilscheinbesitzer bezahlt worden sind.«

Zur Zeit dieses Vertragsabschlusses besaß die Ostafrikanische Gesellschaft in Deutsch-Ostafrika folgende 18 Stationen:

Auf Sansibar selbst: die Hauptstation Sansibar;

in Usaramo: Bagamoyo, Daressalam, Dunda, Madimola, Usungula;

in Usambara: Pangani, Korogwe, Mafi;

im Süden zwischen Rufidji und Rovuma: Kilwa, Lindi, Mikindani;

in Usagara: Sima und Kiora;

weiter westlich in Ugogo: Mpapua;

in Usegua: Mbusini (Petershöhe);

am Kilimandscharo: Moschi und Aruscha.

Von diesen waren nur Kilwa, Lindi und Mikindani Zollstationen. Im übrigen wurden die Zölle in Sansibar selbst erhoben, da der gesamte Verkehr von der Nordküste sich über Sansibar bewegte. Die Stationen im Innern waren vor der Hand als Stützpunkte für Erwerbungen oder eventuelle spätere wirtschaftliche Ausnutzung anzusehen. Den Beamten der Gesellschaft, welche die betreffenden Stationen inne hatten, blieb es je nach ihrer Befähigung und Initiative überlassen, daraus zu machen, was sie konnten oder wollten.

2. Kapitel.
Entwickelung des Aufstandes und Errichtung des Reichskommissariats.

Hoheitsrechte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Übernahme der Küste, Schwierigkeiten bei Ausübung der Souveränität. — Widerstand der Araber und Inder. — Unzufriedenheit der Küstenbevölkerung. — Machtlosigkeit der Gesellschaft. — Sultanssoldaten im Dienst der Gesellschaft. — Einfluß des Sultans auf dieselben. — Verhalten der Gesellschaftsbeamten. — Weigerung des Wali von Pangani, die Gesellschaftsflagge zu hissen. — Eingreifen der Möwe und Carola. — Ausweisung des Wali. — Erneute Unruhen in Pangani. — Einschreiten des Generals Matthews. — Zurückziehung der Gesellschaftsbeamten. — Unruhen in Tanga. — Zustände in Bagamoyo. — Wühlereien der Bagamoyo-Jumbes. — Angriffe auf das Gesellschaftsgebäude. — Versuch, den Admiral abzufangen. — Besetzung Bagamoyos durch die Marine. — Streifzüge Gravenreuths. — Erstes Eingreifen Buschiris. — Buschiri landet mit 800 Mann in Sadani. — Vorrücken auf Bagamoyo. — Befestigung dieser Station durch Zelewski. — Angriffe auf Bagamoyo. — Stellung der Katholischen Mission. — Verhältnisse um Daressalam. — Angriff auf die katholische Mission in Pugu. — Ermordung der Missionare. — Verhältnisse im Süden. — Aufgabe von Lindi und Mikindani. — Ermordung der Gesellschaftsbeamten in Kilwa. — Wirkung dieser Nachrichten in Deutschland. — Blokade-Erklärung. — Antisklaverei-Antrag des Dr. Windthorst. — Errichtung des Kommissariats.

Durch den Vertrag der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft mit Said Kalifa ging außer der Verwaltung der Zölle auch die Ausübung der Hoheitsrechte des Sultans (Verwaltung und Gerichtsbarkeit) an die Gesellschaft über. Als äußeres Zeichen dafür sollte überall, wo Stationen der Gesellschaft im Sultansgebiet sich befanden, zugleich mit der Sultansflagge die Flagge der Gesellschaft gehißt werden. Jedoch schon bald nach der Uebernahme der Küste wiesen erfahrene Gesellschaftsbeamte wie von Zelewski und Freiherr von Eberstein in ihren Berichten an den Generalvertreter darauf hin, daß die der Gesellschaft vertragsmäßig zu teil gewordenen Hoheitsrechte auf die Dauer von den Beamten nicht würden ausgeübt werden können; die nächste Zeit hat gezeigt, wie berechtigt diese Befürchtungen waren.

Es waren zwar die Eingeborenen und alle Bewohner des Küstendistrikts durchaus geneigt, der Gesellschaft die üblichen Zölle zu zahlen, da sie in der Uebertragung derselben an die Gesellschaft eine einfache Verpachtung sahen, wie eine solche auch schon früher von Seiten des Sultans an andere Personen besonders Inder, stattgefunden hatte, und es hätte diese Zollerhebung seitens der Gesellschaft ohne den geringsten Machtaufwand ungestört überall stattfanden können, — wenn nur nicht damit eine Ausübung der Souveränität verbunden gewesen wäre.

Bei dem überaus conservativen Charakter der arabischen Bevölkerung, bei ihrer Eigenart, vom kleinsten Gemeinwesen hinauf bis zum Staat patriarchalische Organisationen zu schaffen, für welche das Religionsgesetz den Nahmen gab, mußte ein solcher Versuch um so schwerere Bedenken erregen, als gar keine wirkliche Macht dahinter stand. — Den Fremden, den Ungläubigen, deren Persönlichkeiten ihnen noch dazu meist gänzlich fremd waren und von den ihnen unbekannt war, ob sie ihre Sitten respektieren würden, mochten die Araber sich nicht fügen. Sie sahen die Ausübung der Souveränität im Namen des Sultans von Seiten der Gesellschaftsbeamten nur als Anfang zu gänzlicher Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft an; sie fürchteten durch zu hartes Vorgehen der neuen Beamten in der Sklavenfrage eine Schädigung ihrer Interessen und glaubten ihre gesamte Existenz aufs äußerste bedroht, da sie befürchteten, daß sie auch in ihrem rein kaufmännischen Gewerbe beeinträchtigt werden würden. Das letztere Moment hatte sich übrigens schon früher in Tabora geltend gemacht, wo die Araber mit allen Mitteln gegen die europäische Konkurrenz zuerst die eines Franzosen und dann der großen Hamburger Elfenbeinfirma Meyer, ankämpften. Ein Angestellter der Firma, Herr Giesecke, wurde im Jahre 1887 von den Arabern mit Erlaubnis des Häuptlings Sikke von Unianiembe — aus Geschäftsrücksichten — ermordet.

Die Furcht vor dieser kaufmännischen Konkurrenz einerseits, sowie das Faktum einer im Lauf der Zeit eingetretenen großen Abhängigkeit der Araber von den Indern war übrigens auch für letztere ein Grund, sich bei Ausbruch des Aufstandes den Rebellen gegenüber sympathisch zu verhalten. Sie traten uns natürlich nicht mit den Waffen in der Hand entgegen, leisteten aber doch durch Lieferung von Waffen und Munition sowie durch Spionage den Aufständischen Vorschub.

Ein weiterer Grund zur Unzufriedenheit war der, daß vielen Küsten-Leuten und zwar Arabern wie Negern ein sehr bequemes Einkommen, welches sie bis dahin gehabt hatten, der Natur der Verhältnisse nach mit der Neuordnung genommen wurde. Es bezieht sich dies auf die Walis, Akidas und Jumbes in den Hauptküstenplätzen Bagamoyo, Pangani, Kilwa und Lindi. Hier war überall von den genannten Personen unter allen möglichen Vorwänden und Titeln den Karawanen Tribut abgenommen worden. Daß die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft einem derartigen Unfug sofort ein Ende machen mußte, war selbstverständlich; aber ebenso selbstverständlich war es, daß die geschädigten Mrimaleute solche Maßregeln als ganz unerlaubten Eingriff in ihre Rechte betrachteten.

Dennoch würden alle diese Gründe zusammen nie den Ausbruch eines allgemeinen Aufstandes herbeigeführt haben, wenn die Gesellschaft in der Lage gewesen wäre, bei Uebernahme der Verwaltung den Arabern und Küstenbewohnern einen nachhaltigen Respekt durch Entfaltung von Machtmitteln einzuflößen. Hierzu langten aber die Mittel nicht, und die deutsche Reichsregierung zeigte sich damals noch nicht geneigt, mit Nachdruck für die Gesellschaft einzutreten. — Die einzigen militärischen Kräfte, welche die Gesellschaft hinter sich hatte, waren die unter den Walis und Akidas der Küstenplätze bisher beschäftigten Sultanssoldaten, die ihrerseits aber von jeher in engem Kontakt mit der Bevölkerung gestanden hatten und da sie Geschenke von dieser empfingen, auch von ihr abhängig waren. Sie haben den Beamten nur geschadet, indem sie meist zu den Rebellen übertraten und offen gegen die deutsche Herrschaft ankämpften. Dazu kam, daß der Sultan von vornherein kaum gesonnen war, den abgeschlossenen Vertrag wirklich zu halten, sondern seinen Organen an der Küste geheime Instruktionen zugehen ließ, nach Möglichkeit Schwierigkeiten zu machen. So trug er selbst zum Ausbruch des Aufstandes bei, bis schließlich, als er ein Interesse daran hatte, die Unruhen zu ersticken, ihm seine sogenannten Unterthanen nicht mehr folgsam waren.

Nur wenige Leute unter den früheren Sultansbeamten haben wirklich, nachdem sie in deutsche Dienste getreten waren, ehrlich zu den Deutschen gehalten und an ihrer Seite auch zur Zeit des Unglücks ausgeharrt, so z. B. Schech Amer, Said Magram in Bagamoyo und Mohammed ben Seliman in Daressalam.

Als einen wesentlichen Grund zum Aufstande beliebte man damals daheim wie in Sansibar von gegnerischer Seite das Benehmen der Gesellschaftsbeamten den Eingeborenen gegenüber anzugeben. Es ist dies völlig unzutreffend, und es sind im Gegenteil aus dem Gesellschaftsdienst diejenigen Leute hervorgegangen, welche durch ihre Kenntnis der Verhältnisse und nicht zum mindesten dadurch, daß sie die Leute zu behandeln gelernt hatten, dem Reichskommissar später am meisten genützt haben. Wenn auch hier und da einmal Ausnahmen von der Regel vorgekommen sind, so stehen jene wenigen Ausnahmen absolut nicht in ursächlichem Zusammenhang mit dem Ausbruch des Aufstandes. Ebenso falsch ist es, wenn der Aufstand als ein von den Muhamedanern als solchen gegen uns Christen angefachter Krieg hingestellt wird. Es ist allerdings von geschickten Führern das religiöse Moment später mit hereingezogen worden, aber nur künstlich, um durch ein allgemein verständliches Motiv die Massen mehr in die Hand zu bekommen. Wenn wir auf den erbeuteten Fahnen vielfach religiöse Inschriften fanden, so sind dies Koransprüche, wie sie der Sitte gemäß von den Krieg führenden Muhamedanern auf allen ihren Fahnen angebracht werden; keineswegs sind sie aus besonderem Fanatismus gegen uns verwendet worden.

Die im Vorstehenden aufgeführten Gründe zur Unzufriedenheit der Küstenbevölkerung wurden damals weder von der Leitung der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft noch von der Vertretung der Reichsregierung in Sansibar genügend erkannt und gewürdigt; man ließ sich an der papiernen Macht des Küstenvertrages genügen und installierte zunächst ohne wesentliche Schwierigkeiten je zwei Beamte in den Küstenstationen Tanga, Pangani, Bagamoyo, Daressalam, Lindi und Mikindani. Bald aber gewann die Gährung an der Küste einen greifbaren Ausdruck.

Die ersten unbefriedigenden Nachrichten kamen aus Pangani. Der dortige Bezirkschef der Gesellschaft, Herr von Zelewski berichtete, daß der Wali von Pangani dem ihm vom Sultan erteilten Befehl, sich dem Bezirkschef zu fügen, nicht nachkäme und daß er gegen die Hissung der Gesellschaftsflagge protestiere. Es wurde in Folge dieses Berichtes der Kreuzer »Möwe« am 17. August 1888 nach Pangani abgesandt. Sein Erscheinen bewirkte, daß der Wali versprach, den Bezirkschef als seinen Vorgesetzten anzuerkennen und seinen Befehlen in jeder Beziehung nachzukommen. Daraufhin dampfte die Möwe wieder von Pangani ab, eine Macht wurde nicht zurückgelassen; man ließ es darauf ankommen, ob die Sache gut gehen werde oder nicht. Kaum aber war das Schiff außer Sicht, da verweigerte der Wali wiederum den Gehorsam, und dasselbe thaten auf sein Anstiften hin die in den Dienst der Gesellschaft übergetretenen Sultanssoldaten. Als darauf am 18. August die Carola bei Pangani vorbeikam, um sich nach der inzwischen erfolgten Entwicklung der Verhältnisse zu erkundigen, entsandte auf Antrag des Herrn von Zelewski der Kommandant des Schiffes am 19. ein Landungscorps, dessen Erscheinen die aufrührerische Bevölkerung einschüchterte. Die Abteilung der Marine drang bis zum Hause des Wali vor, um diesen dort gefangen zu nehmen, fand aber das Haus leer — der Wali war nach Sansibar geflohen. Man begnügte sich, die Sultanstruppen zu entwaffnen und ließ auf Antrag des Bezirkschefs 2 Unteroffiziere und 16 Matrosen als Wache im Stationsgebäude zurück. Die Carola verließ hierauf die Rhede, und am 23. erschien statt ihrer die Möwe, um die Wache wieder abzuholen.

Unbegreiflicherweise gab man sich damals trotz der soeben gemachten Erfahrungen einem derartigen Optimismus hin, daß man es nun schon wieder darauf ankommen ließ, ob die Sache weiterhin gut gehen würde oder nicht. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft that das einzige, was sie thun konnte; sie verfügte die Ausweisung des Wali von Pangani aus dem Küstengebiet und der Generalkonsul begnügte sich mit dieser Maßregel, weil durch diese Ausweisung der Wali für die Beamten der Gesellschaft unschädlich geworden war.

Die Folgen dieser Vertrauensseligkeit zeigten sich fast augenblicklich. Als der Bezirkschef von Pangani bei der Ankunft von 1000 Faß Pulver auf einer Dhau auf dem Pangani-Fluß das Landen dieser Menge von Munition verbot und verfügte, daß die Dhau nach Sansibar zurückkehren sollte, bildete diese an sich selbstverständliche Maßregel die Veranlassung zum Ausbruch wirklicher Unruhen. Der größte Teil der Bevölkerung rottete sich zusammen, zog vor das Haus der Gesellschaft und setzte die Beamten gefangen. Das Haus wurde verschlossen, eine Wache davor gesetzt und den Gefangenen jeder Verkehr nach außen untersagt.

Zufälligerweise war der General-Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, Konsul Vohsen, in begreiflicher Sorge um die Sicherheit seiner Beamten, gerade an diesem Tage auf dem Sultansdampfer Barawa nach Pangani unterwegs, um sich persönlich nach der Entwicklung der Verhältnisse zu erkundigen.

Obwohl er schon im Boot erfuhr, daß in Pangani Krieg sei und ihm von Wohlmeinenden dringend geraten wurde, nicht an Land zu gehen, setzte er die Fahrt fort, wurde indes durch die sein Boot beschießenden Rebellen zur Umkehr gezwungen. Die Barawa kehrte am nächsten Tage nach Sansibar zurück, und auf die Intervention des deutschen Generalkonsuls und des Konsuls Vohsen schickte nun der Sultan, nachdem die Barawa mit Vohsen an Bord wieder nach Pangani zurückgegangen war, seinen General Matthews mit Truppen nach Pangani, um die Beamten zu befreien. Die Befreiung derselben ist dem General nur mit Not und Mühe und unter eigener Lebensgefahr gelungen, ein Beweis dafür, daß die ohnehin schwache Autorität des Sultans ganz aufgehört hatte.

In dem nördlichen Platze Tanga waren die beiden Gesellschaftsbeamten (v. Frankenberg und Klenze) gleichfalls in ihrem Stationshause am 5. September gefangen gesetzt worden, wurden aber am 6. September durch das Einschreiten der vor Tanga erscheinenden Möwe mit Waffengewalt befreit. Aus Pflichtgefühl lehnten die Beamten die ihnen angebotene Rückkehr auf der Möwe nach Sansibar ab und verblieben auf ihrem Posten. Die Möwe selbst überbrachte Meldung von dem Vorgefallenen nach Sansibar.

Die hierauf vor Tanga erscheinenden Kriegsschiffe Leipzig, Olga und wiederum Möwe schickten dann in der Nacht vom 7. zum 8. ein Landungscorps aus und machten den Versuch, den Wali gefangen zu nehmen, der jedoch auch hier mißlang. Die Beamten wurden auf Befehl der Generalvertretung von der Leipzig nach Sansibar gebracht.

In Bagamoyo als dem Hauptplatz der Küste hatte am 16. August unter besonderen Feierlichkeiten die Flaggenhissung und die Übergabe an die Gesellschaft im Beisein des General-Vertreters stattgefunden. Der Wali hatte sich bereit erklärt, in den Dienst der Gesellschaft überzutreten und hatte nur in einem Punkte Schwierigkeiten gemacht, nämlich als von ihm die Entfernung der Sultansflagge von seinem Hause gefordert wurde. Doch gelang es in den darauf mit ihm geführten Verhandlungen, diese Schwierigkeit zu beseitigen, indem auch auf seinem Hause die Sultansflagge neben der Gesellschaftsflagge weiterhin gehißt wurde. Aber auch hier erwiesen sich bald die Verhältnisse als unhaltbar. Grade in Bagamoyo fühlten sich die Jumbes Makanda, Bomboma und Simbambili in ihren Interessen bedroht und scharten eine große Masse Unzufriedener um sich. Bis zum 22. September hatte die Sache immerhin noch einen so friedlichen Anstrich, daß der Bezirkschef, Frhr. v. Gravenreuth, an Feindseligkeiten nicht dachte und am frühen Morgen jenes Tages mit dem Geschwaderchef, Admiral Deinhard auf einem Boot der Leipzig zur Flußpferdjagd in den Kingani fuhr. Als die Herren unterwegs waren, wurde den übrigen Gesellschaftsbeamten vom Wali mitgeteilt, daß er der Bewegung nicht mehr Herr werden könne, die Rebellen wollten gegen das Gesellschaftsgebäude vorgehen und es sei Gefahr im Anzuge. Die Beamten vereinigten ihre Askaris im Hause der Gesellschaft und hielten die Rebellenschar durch das in der Station befindliche 4,7 cm-Geschütz, welches der Stationsbeamte Rühle mit großer Bravour unter dem Feuer der Aufständischen bediente, von derselben fern. Die Rebellen wagten die Station selbst nicht zu stürmen, sondern zogen nach dem Strande, um das Gesellschaftsboot zu zerstören, wurden aber von einer Abteilung der Askaris, geführt von den Beamten, in der Richtung auf die französische Mission hin vertrieben. Zu gleicher Zeit war die Leipzig durch Signale von dem Angriff benachrichtigt worden und sandte ein Landungscorps nach der Stadt, das die Rebellen noch über die französische Mission hinaus verfolgte. Die geschlagenen Aufrührer haben dann noch den Versuch gemacht, den deutschen Admiral und den Bezirkschef im Kingani gefangen zu nehmen. Sie trafen das Boot mit genannten Herren an einer seichten Stelle des Flusses bei abfließendem Wasser festgefahren und suchten sie an das Ufer zu locken. Doch waren glücklicherweise die Herren durch einen Boten des Arabers Said Magram gewarnt und warteten im Fluß das Steigen des Wassers ab, um so am Abend an Bord der Leipzig zurückzukehren, wo der Admiral von den Vorfällen des Tages in Kenntnis gesetzt wurde.

Die persönliche Gefahr, welcher der Admiral durch das wackere Benehmen Said Magrams entronnen war, ließ nun plötzlich die Bedeutung des Aufruhrs in einem ganz anderen Lichte erscheinen, als man sie bisher zu betrachten gewohnt war. Daß mit bloßen Verhandlungen hier nichts zu erreichen war, lag auf der Hand.

Herr v. Gravenreuth, welcher vor Begierde brannte, die Aufrührer aus der nächsten Umgebung von Bagamoyo zu vertreiben, unterbreitete dem Admiral seine Pläne und nachdem dieser bereitwilligst in das Stationsgebäude zu Bagamoyo eine Abteilung der Marine unter dem Kommando eines Marineoffiziers gelegt hatte, war Gravenreuth in der Lage, mit den Gesellschaftsbeamten und den von ihm eingedrillten Stationssoldaten offensiv gegen die Rebellen vorzugehen. Er machte, in Bagamoyo angekommen, einen Streifzug in die Umgegend, schlug die Rebellen zurück und wiederholte diese Streifzüge mehrfach in nächster Zeit. So blieb er Herr der Situation und führte sogar eine auf dem Wege nach Bagamoyo befindliche Waniamuesi-Karawane, welche von den Rebellen abgefangen werden sollte, in die Stadt hinein. Eine andere große Waniamuesi-Karawane hingegen wurde nach der Straße von Daressalam abgedrängt.

Aber auch die Erfolge Gravenreuths konnten den andrängenden Strom nur für kurze Zeit eindämmen. Der Aufruhr wuchs in riesigem Maße, die einzelnen Herde desselben flossen in einander und bald erschien die Person des Führers auf dem Schauplatze, dessen organisatorischem Talente und dessen Energie die Massen sich unterordneten.

Dies war der Halbaraber Buschiri, der sich bereits früher unter Said Madjid im Innern durch seine Anteilnahme an den Kämpfen gegen Mirambo ausgezeichnet hatte. Dann hatte er sich, an die Küste gekommen, am Panganifluß auf einer Schamba niedergelassen. Als Said Bargasch zur Regierung kam, wurde er von diesem wiederholt vor Gericht gefordert wegen beträchtlicher gegen ihn schwebender Geldforderungen. Er entzog sich jedoch dem Richterspruch des Sultans und leistete auch, da er sich bei seiner Schamba durch Anlegung einer starken Buschboma befestigt hatte, den Soldaten Said Bargaschs erfolgreichen Widerstand, so daß letzterer es schließlich vorzog, ihn nicht mehr weiter zu behelligen.

So hatte Buschiri unter der Küstenbevölkerung und den Arabern sich ein gewisses Renommee erworben; tatsächlichen größeren Einfluß wußte er erst unter geschickter Benutzung der Verhältnisse bei Ausbruch des Aufstandes gegen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft zu erlangen.

Buschiri schiffte sich in Pangani mit 800 Mann ein und landete dieselben in Sadani, wo er den Machthaber Useguas, Bana Heri zum Aufstand anreizte, ohne daß es ihm jedoch damals glückte, eine Verbindung mit demselben zu erlangen. Von Sadani zog Buschiri über Land nach Bagamoyo und übernahm hier die Führung der vereinigten Bagamoyo-Jumbes und ihrer Horden. Seine Hauptstütze, gewissermaßen sein Generalstabschef, war der Komorenser Jehasi, der früher als Artillerist im Congostaat gedient hatte und dementsprechend auch bei Buschiri seine Hauptverwendung in der Bedienung der der Gesellschaft abgenommenen Geschütze fand.

Mit dem Erscheinen Buschiris und der Vermehrung der Rebellenkräfte um Bagamoyo verschlimmerte sich daselbst die Lage der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft auf das äußerste.

Von einem Verwaltungsdienst oder gar von Zollerhebung seitens der Beamten konnte naturgemäß nicht mehr die Rede sein. Schon jetzt kamen lediglich militärische Gesichtspunkte in Betracht, vor allem die Behauptung der Stadt Bagamoyo selbst.

Herr von Gravenreuth war um diese Zeit durch schwere Fieberanfälle genötigt worden, nach Deutschland zurückzukehren und hier Heilung zu suchen. Das Kommando der Station und die Verteidigung der Stadt übernahm Herr v. Zelewski, der bereits als Bezirkschef von Pangani Erwähnung fand. Er sah ein, daß den stark überlegenen Kräften bei der geringen Zahl der Gesellschaftsaskaris nicht mehr nach dem Gravenreuthschen System der Offensive durch Ausfälle aus der Station beizukommen sei, zumal die Hilfe der Marine ausschließlich für die Besetzung und Verteidigung der Station bestimmt war. Zelewski, aufs Eifrigste unterstützt von Wilkens, befestigte infolgedessen das Wohnhaus der Gesellschaft, indem er es mit einer Mauer umgab, diese zur Verteidigung durch die Askaris und Europäer einrichtete und das Land in der nächsten Umgebung der Station frei legte, um ein hinreichendes Schußfeld gegen die nunmehr öfters gemachten Angriffe der Rebellen zu haben. Alle Europäer, die damals unter Zelewskis Kommando die Station hielten, schreiben es seiner Umsicht und seinem Verdienst zu, daß es ihm und seinem Nachfolger ermöglicht wurde, den Platz bis zum Eingreifen der Schutztruppe zu halten.

Im Dezember 1888 mußte auch Zelewski, nachdem er 3 Jahre in Ostafrika ausgehalten hatte, wegen seines Gesundheitszustandes die Heimat aufsuchen und das Kommando der Station ging nun an Herrn v. Eberstein über, der den weiteren Ausbau und die Verteidigung im Sinne Zelewskis leitete.

Die im Dezember, Januar und Februar von Buschiri unternommenen Angriffe wurden stets zurückgeschlagen; doch konnte nicht verhindert werden, daß die Stadt Bagamoyo von ihm zum großen Teil gebrandschatzt und zerstört wurde.

Der letzte Angriff auf die Station fand am 3. März 1889 statt; die Rebellen wurden abermals zurückgeschlagen, und es wurde durch die Herren Lieutenant Meyer mit der Marinebesatzung und Ostermann, von Medem und Illich das eine der von Buschiri der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft abgenommenen 4,7 cm-Geschütze zurückerobert. Buschiri bezog hierauf ein befestigtes Lager beim Dorf Kaule.

Der einzige Ort, welcher während aller dieser Kämpfe in Bagamoyo seine völlige Neutralität zu bewahren verstand, und von den Eingeborenen als sichere Zufluchtsstätte betrachtet wurde, war die katholische Mission. Ihr kluges Verhalten und die den Arabern wie Eingeborenen stets entgegengebrachte Humanität sicherten ihr diese merkwürdige Ausnahmestellung und verschaffte gleichzeitig uns Deutschen wesentliche Vorteile.

Von der Mission aus wurden die bedrängten Deutschen stets mit Nachrichten über die Bewegungen und die Absichten der Rebellen versehen, Nachrichten, die in erster Linie der in den weitesten Kreisen bekannte Bruder Oskar oft mit eigener Gefahr persönlich den Deutschen übermittelte, wenn er nicht, was auch geschah, in wenigen Zeilen auf einem Zettel oft recht drastischen Inhalts (wie: »Passen Sie auf! die Schweinehunde kommen morgen um 10«) uns Nachrichten zukommen ließ.

Derjenige Platz, welcher unter dem Aufstande zunächst am wenigsten zu leiden hatte, war Daressalam. Es erklärt sich dies zwar teilweise aus der geringen Bedeutung dieses Platzes für den Karawanenverkehr, der geringen Einwohnerzahl und der unkriegerischen Gesinnung der umwohnenden Wasaramo, zum wesentlichen Teil aber verdankte Daressalam seinen friedlichen Zustand dem Geschick und der Energie des Stationschefs Leue, der vor Ausbruch des Aufstandes bereits Gelegenheit gehabt hatte, sich dort vollkommen einzuleben und in Respekt bei den Arabern und Eingeborenen zu setzen, — seit seiner Ankunft in Afrika im Jahre 1887 war er einzig und allein an diesem Platze thätig gewesen. Leues Hauptstütze war unter der Bevölkerung der uns durchaus ergebene Akida Mohammed ben Seliman.

Erst im Dezember erreichte der Aufstand Daressalam, und zwar hauptsächlich infolge des Umstandes, daß eine große Zahl befreiter Sklaven auf der Missionsstation daselbst untergebracht wurde. Der Araber Seliman ben Sef organisierte jetzt seinen Anhang von Arabern, Belutschen und früheren Sultanssoldaten und verband sich mit der Partei des Negers Schindu, welche bisher gegen Leues Autorität offen anzutreten nicht gewagt hatte. Schließlich kam es auch in Daressalam so weit, daß sich sowohl der Bezirkschef Leue wie auch sein Nachfolger auf jenem Stationsposten, Herr v. Bülow (auch Leue mußte wegen perniziösen Fiebers Ostafrika verlassen) nur mit Hilfe eines im Hafen von Daressalam stationierten Kriegsschiffes und einer in das Stationsgebäude gelegten Marinebesatzung halten konnten.

Ende Dezember 1888 und Januar 1889 erfolgten Angriffe seitens der Rebellen, die ihre sämtlichen Kräfte dicht bei Daressalam vereinigt hatten und diesen Ort selbst unsicher machten. Die Angriffe wurden stets durch die Geschosse des Kriegsschiffes — es lagen abwechselnd Möwe, Sophie, Carola dort vor Anker — und die wenigen wohlgedrillten Askaris unter Herrn von Bülow, zurückgeschlagen.

Leider blieben die in und um Daressalam thätigen Missionsgesellschaften nicht vor der Wut der Rebellen verschont. So wurde am 10. Januar die dortige evangelische Missionsstation angegriffen. Ihr Leiter, der Missionar Greiner, welcher mit seiner Frau und Nichte die Station bewohnte, hatte auf die von der Marine und der Gesellschaft gemachten Vorstellungen (ein Angriff wurde erwartet) in übertriebenem Glaubenseifer nicht hören wollen. Nur mit Mühe und Not konnte er sich mit den Seinigen und einigen Missionskindern in ein Boot retten, nachdem er vorher mit der Flinte in der Hand Widerstand geleistet und nachdem einige Geschosse von der Möwe bei der Flucht in das Boot die folgenden Rebellen verscheucht hatten. Hierbei riß allerdings eine Revolvergranate der Nichte Greiners zwei Finger ab.

Schlimmer erging es den katholischen Missionaren von Pugu. Nach dieser Station hatten sich Herr v. Bülow, Herr Küsel und einige Askari, als der Aufstand schon im Ausbruch begriffen war, begeben in der Absicht, die Missionare zu warnen und dieselben nach Daressalam zurückzubringen. Doch auch hier wollten die Missionare nicht hören. Sie glaubten, den Rebellen gegenüber durch ihr früheres Wirken eine derartige Stellung einzunehmen, daß sie nichts von der Wut derselben zu fürchten hätten und wollten deshalb auf ihrem Posten ausharren.

Doch auch sie wurden im Januar eines Tages, als sie sich gerade zum Mittagessen anschickten, von eindringenden Rebellen angegriffen und drei der Missionsangehörigen durch Schüsse und Stiche niedergemacht. Es waren dies der Bruder Petrus, der Bruder Benedict und die Schwester Martha. Letztere wurde vielfach verstümmelt, der Leib von Araberdolchen aufgeschlitzt, liegengelassen. Die Schwester Benedicta, welche krank zu Bett lag, sollte ebenfalls niedergestochen werden, als einige Araber einschritten und die Neger von diesen Grausamkeiten zurückhielten. Die Kranke und drei Brüder wurden gefangen genommen und nach Kondutschi gebracht. Durch Vermittlung der französischen Mission wurden dann diese vier Gefangenen gegen ein hohes Lösegeld ausgeliefert. Die übrigen Missionsangehörigen waren durch die Flucht nach Daressalam entkommen.

Die Stationen Dunda, Madimola und Usungula fielen, nachdem die Beamten von der Gesellschaftsvertretung nach der Küste zurückgerufen worden waren, zum Teil mit den Geschützen und Gewehren, die man nicht mehr hatte fortschaffen können, in die Hände der Rebellen.

Die übrigen Stationen im Innern waren bereits früher aufgegeben worden bis auf die Station Mpapua, mit der die Verbindung unterbrochen war und die auch zunächst durch den Aufstand nicht behelligt wurde.

Besonders schwierig lagen die Verhältnisse in unserm südlichen Küstengebiet. War dort schon die Herrschaft des Sultans von Sansibar eine höchst fragwürdige, so hatten Europäer bis dahin jene Gebiete nur vereinzelt als Reisende betreten und waren außerdem durch das übereilte Vorgehen der Engländer besonders an der Lindi- und Mikindani-Küste bei Arabern und Eingeborenen verhaßt. Die genannten Stationen sollten von teilweise in Afrika erfahrenen Leuten besetzt werden, aber man verlangte von ihnen, daß sie die von der Gesellschaft ihnen aufgegebenen Pflichten ohne jede Aufwendung von Macht erfüllten. Die Unmöglichkeit, dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht nicht bewiesen zu werden. Der Zusammenbruch der Verhältnisse war so in kurzer Zeit zu erwarten.

Vom 21. Dezember datiert der Beginn der Feindseligkeiten im Süden. In Lindi und Mikindani gelang es den dortigen Beamten, in Mikindani den Herren v. Bülow und Pfrank, in Lindi den Herren v. Eberstein und Küsel, sich noch im letzten Augenblick mit Hilfe einiger Wohlgesinnter zu retten, nachdem sie so lange wie möglich auf ihrem Posten ausgeharrt hatten. In Kilwa hingegen, dem 3. Punkt im Süden, wurden die beiden Gesellschaftsbeamten Krieger und Hessel ein Opfer der Situation. Nachdem auch hier von Seiten des Wali sowohl als der Bevölkerung Kilwas den Beamten schon von Anfang an die größten Schwierigkeiten gemacht worden waren, verschlimmerte sich ihre Lage durch das Erscheinen von Tausenden von Wahiyaos, welche mit den Rebellen das leider im Innern der Stadt gelegene Wohnhaus der Gesellschaft umzingelten und den Beamten jeglichen Verkehr nach außen hin abschnitten. Lange Zeit verteidigten sich die beiden wackeren Beamten mit größter Unerschrockenheit und brachten ihren Bedrängern erhebliche Verluste bei, da endlich schien für die Belagerten Hoffnung zu kommen mit dem Erscheinen S. M. S. Möwe, mit der in Verbindung zu treten ihnen auch schließlich durch Notsignale gelang. Indes ist, obgleich auf der Möwe die schwierige Lage der Landsleute in Kilwa erkannt wurde und obgleich die gesamten Offiziere der Möwe und sogar der Zahlmeister beim stellvertretenden Kommandanten dieses Kriegsschiffes dringend eine Landung erbaten, um den Bedrängten Hilfe zu bringen, nichts geschehen. Als dann die Beamten sahen, daß die Möwe sogar abdampfte und ihnen die letzte Hoffnung auf Rettung genommen werden sollte, da erkletterte Krieger angesichts der Tausende sie umringenden Rebellen einen im Hof des Wohnhauses stehenden hohen Baum, um noch einmal durch Signale dem Kriegsschiffe ihre gefährliche Lage zu erkennen zu geben. Er wurde bei diesem Versuch, Hilfe zu erlangen, vom Baum herabgeschossen, und nun erstürmte der Haufen die Station. Beim Eindringen der Rebellen durch die Thüre erkannte Hessel, daß alles verloren sei, und um nicht in die Hände der grausamen Feinde zu fallen, machte er selbst seinem Leben durch eine Kugel ein Ende. Das Verhalten des Kommandanten der Möwe wurde auf die ihm vom Geschwaderchef Deinhard erteilte Ordre zurückgeführt, in keinem Falle einen Landungsversuch zu unternehmen, um nicht wie bei Tanga kriegerische Ereignisse dadurch zu provozieren. Der Kommandant hat sich wörtlich an diese, für einen Fall wie den vorliegenden gewiß nicht berechnete Instruktion gehalten und hat daher als gehorsamer Soldat, also vom rein militärischen Standpunkt richtig gehandelt.

Inzwischen war durch die Ereignisse in Ostafrika die ganze zivilisierte Welt in Erregung geraten. Während unsere Mitbewerber in Ostafrika ihre Schadenfreude schlecht verhehlen konnten, machte sich in Deutschland naturgemäß ein mächtiger Umschlag der öffentlichen Meinung geltend. Selbst bei denjenigen, welche der Kolonialpolitik im allgemeinen gleichgültig gegenüberstanden, rührte sich das Nationalgefühl und fand in dem allgemeinen Verlangen Ausdruck, der deutschen Sache in Ostafrika einen nachdrücklichen Schutz angedeihen zu lassen. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft richtete ihrerseits am 15. September 1888 eine Eingabe an den Reichskanzler, in welcher sie auf Grund ihrer telegraphischen Berichte aus Sansibar den Ernst der Lage darlegte und außerordentliche Machtakte als notwendig hinstellte. Am 21. September folgte eine zweite Eingabe, in welcher das Verhalten des Sultans als durchaus zweifelhaft dargelegt wurde und man außerdem darauf hinwies, daß der Sultan in jedem Fall es an dem guten Willen habe fehlen lassen, welchen er im Vertrage vom April 1888 verbürgt hatte. Bereits am 3. Oktober wurde abermals dem Reichskanzler ein Telegramm vorgelegt, in welchem der Generalvertreter der Gesellschaft in Sansibar eine fortdauernde Besetzung der Küste als unumgänglich notwendig bezeichnete.

In Anbetracht des Tempos, welches die Reichsregierung bisher in bezug auf koloniale Angelegenheiten besonders in Ostafrika eingeschlagen hatte, ließ sich kaum erwarten, daß ohne weiteres die Wünsche der Gesellschaft in ihrem ganzen Umfang sich erfüllen würden. Die politischen Gegner, mit welchen der Reichskanzler bei allem guten Willen seinerseits besonders in der Kolonialfrage zu rechnen hatte, würden unter keinen Umständen zu einem solchen Umschlage der Meinung zu bringen gewesen sein, daß sie das direkte Eingreifen der deutschen Macht am afrikanischen Festlande sich hätten abringen lassen. Der Reichskanzler fühlte sich daher genötigt, eine Art Mittelweg zunächst zu wählen; und zu diesem bot das Moment der Sklavenausfuhr, welches man als Triebfeder des Aufstandes jedenfalls mitanführen konnte, die geeignetste Handhabe. Bereits Anfang September 1888 war der Reichskanzler in Verhandlung mit England, bald darauf auch mit Portugal als den an der ostafrikanischen Küste mitbeteiligten Mächten getreten, um zunächst eine gemeinsame Flottenaktion in Gestalt einer Blokade der gesamten Ostküste zustande zu bringen. Im November kamen diese Verhandlungen zum erwünschten Resultat, so daß am 27. November die Admirale Deinhard und Freemantle die nachstehende Blokade-Erklärung erlassen konnten:

»Auf Befehl unserer hohen Regierung und im Namen Sr. Hoheit des Sultans von Sansibar erklären wir, die kommandierenden Admirale des deutschen und englischen Geschwaders hiermit die Blokade der ununterbrochenen Küstenlinie des Sultanats von Sansibar mit Einschluß der Inseln Mafia, Lamu und einiger andrer kleinerer nahe der Küste legender Inseln zwischen 10° 28' und 2° 10' südlicher Breite. — Die Blokade ist nur gegen die Einfuhr von Kriegsmaterial und die Ausfuhr von Sklaven gerichtet. — Die Blokade wird in Kraft treten am Mittag des 2. Dezember dieses Jahres.«

Deutscherseits waren an der Blokade beteiligt die Schiffe Leipzig, Carola, Sophie, Schwalbe, Möwe, Pfeil.

Der Blokadedienst gestaltete sich für die Marine zu einer ungemein schwierigen Aufgabe. Bei den geringen Tiefenverhältnissen der ostafrikanischen Küste war es den großen Kriegsschiffen gar nicht möglich, so nahe unter Land hinzufahren, daß sie die an der Küste direkt kreuzenden Dhaus abzufangen vermochten. Infolgedessen war die Mannschaft in ungemein großer Ausdehnung zum Bootsdienst gezwungen. Alle entbehrlichen Kutter und Pinassen wurden bemannt und kreuzten unter den schwierigsten Verhältnissen die Küste ab. Sehr häufig waren bei der Strenge des Admirals Deinhard, welcher an sich selbst die höchsten Anforderungen stellte und auch von Offizieren und Mannschaften das Menschenmöglichste verlangte, die Bootsmannschaften genötigt, sich Proviant und Wasser, so gut es anging, in den Negerdörfern der Küste zu verschaffen.

Der schließliche Erfolg der Blokade stand in gar keinem Verhältnis zu dem aufreibenden Dienst. Es ist allerdings gelungen, die Zufuhr größerer Massen von Kriegsmaterial nach Ostafrika teilweise zu verhindern, und es sind andrerseits einige Sklaven-Dhaus eingebracht worden. Die Zahl des vorgefundenen Menschenmaterials war aber so geringfügig daß man eigentlich von einer verhinderten Ausfuhr kaum sprechen konnte; eine solche bestand auch zur Zeit des Aufstandes nur in sehr geringem Maße. Immerhin gewährte jedoch in Deutschland selbst die Blokade die erste wesentliche Handhabe zu einem weiteren Vorgehen. Denn so viel sah jeder ein, daß das Eingreifen der Kriegsschiffe eben nur als Vorläufer der eigentlichen deutschen Machtentfaltung dienen sollte und konnte. Das Hineinbringen der Sklavereifrage seitens des Fürsten Bismarck erwies sich jedenfalls als eine außerordentlich praktische politische Maßnahme. Der Reichskanzler gewann dadurch die Unterstützung der stärksten Partei des Reichstags, nämlich des Centrums, dessen Führer Windthorst schwerlich zu Gunsten der bloßen Kolonialpolitik seinen berühmten Antrag gestellt hätte, welcher die Grundlage für das militärische Einschreiten des deutschen Reiches und die Besetzung der ostafrikanischen Küste bildete. Der Antrag wurde von Dr. Windthorst am 27. November 1888 unter dem Namen des Antisklaverei-Antrages eingebracht.

Am 6. Dezember 1888 wurde im Reichstag das erste Weißbuch, enthaltend Aktenstücke über den Aufstand in Ostafrika, vorgelegt, und am 14. Dezember gelangte der Antisklaverei-Antrag zur Annahme. Jetzt folgten die Ereignisse Schlag auf Schlag. Am 9. Januar 1889 richtete die Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft eine Denkschrift an den Reichstag, in welcher die Entwicklung der Gesellschaft geschildert und der Aufruhr auf die Reaktion der arabischen Sklavenhändler gegen die christliche Kultur und den europäischen Wettbewerb sowie auf die Machtlosigkeit des Sultans von Sansibar zurückgeführt wurde. Am 12. Januar gelangte das zweite Weißbuch über den Aufstand im Reichstage zur Verteilung, und am 22. Januar trat die Regierung mit dem Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Bekämpfung des Sklavenhandels und den Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika vor den Reichstag. Am 30. Januar gelangte das Gesetz in folgender Fassung zur Annahme:

»§ 1. Für Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika wird eine Summe in der Höhe von 2 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. § 2. Die Ausführung der erforderlichen Maßregeln wird einem Reichskommissar übertragen. § 3. Der Reichskanzler wird ermächtigt, die erforderlichen Beträge nach Maßgabe des eintretenden Bedürfnisses aus den bereiten Mitteln der Reichs-Hauptkasse zu entnehmen.«

Zum Reichskommissar wurde am 3. Februar durch Allerhöchste Kabinetsordre Hauptmann Wißmann, à la suite des 2. Garderegiments zu Fuß, ernannt.

3. Kapitel.
Organisation der Schutztruppe.

Hermann Wißmann, sein Leben und seine Bedeutung. — Soldatenmaterial für die Schutztruppe. — Vorläufiger Bestand an Europäern. — Beschaffung einer Kommissariatsflotte. — Anwerbung der Sudanesen in Egypten. — Transport der Truppen nach Sansibar. — Anwerbung von Zulus. — Die Askaris an der Küste. — Vorarbeiten in Sansibar. — Regelung des Verhältnisses zwischen Reichskommissar und der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Rekognoszierungsfahrt Wißmanns. — Zustand der beiden Stationen Bagamoyo und Daressalam. — Erster Waffen- und Munitionstransport. — Waffenstillstand zwischen Admiral Deinhard und den Rebellen. — Bruch des Waffenstillstandes durch Buschiri. — Ankunft der Sudanesen. — Vorhandenes Europäer-Material. — Verteilung desselben auf die Stationen Bagamoyo und Daressalam.

Hermann Wißmann wurde am 4. September 1853 als Sohn des Regierungsassessor Hermann Ludwig Wißmann und seiner Ehefrau Elise, geb. Schach von Wittenau zu Frankfurt a. O. geboren. Seine erste Schulbildung erhielt Wißmann auf der Bürgerschule in Langensalza. Dann trat er in die Realschule zu Erfurt und ein Jahr später in das dortige Gymnasium ein. 1867 wurde Wißmanns Vater als Regierungsrat von Erfurt nach Kiel versetzt und so ein abermaliger Schulwechsel des Knaben nötig. Bereits 1868 siedelte die Familie nach Neu-Ruppin über. Hier starb 1869 der Vater. 1870 trat der Sohn in die Prima des Kadettenkorps zu Berlin ein und legte hier Ostern 1873 in glänzender Weise sein Fähnrichsexamen ab, worauf er in das zu Rostock garnisonierende Mecklenburgische Füsilier-Regiment Nr. 90 eingestellt wurde. Nach einem längeren Besuch der Kriegsschule in Anklam machte er dort sein Offiziers-Examen und ging dann wieder nach Rostock, um seine militärische Laufbahn weiter zu verfolgen.

Hier lernte er den schon damals berühmten Afrikareisenden Pogge kennen, welcher einen entscheidenden Einfluß auf ihn auszuüben bestimmt war. Es war bereits die Absicht des Knaben gewesen, sich den Naturwissenschaften zu widmen, ein Wunsch, der ihm nicht erfüllt werden konnte. Im Verkehr mit Pogge lebte die alte Neigung wieder auf und gewann bald eine so feste Gestalt, daß der Entschluß in ihm reifte, sich Pogge bei der ersten Gelegenheit zu einer größeren Reise anzuschließen. Diese Gelegenheit bot sich im Jahr 1879.

Die Afrikanische Gesellschaft in Berlin erteilte Pogge den Auftrag, abermals nach dem von ihm früher schon besuchten Lundareiche in Westafrika zu gehen und dort eine Station zu gründen. Wißmann wandte sich auf Anraten Pogges an den Vorsitzenden der Deutschen Afrika-Gesellschaft Dr. Nachtigall und wurde zu seiner größten Freude als Geograph angenommen. Die Militärbehörde erteilte ihm Urlaub, den er zunächst zu einer längeren wissenschaftlichen Vorbereitung an der Seemannsschule zu Rostock benutzte.

Dann verließ er mit Pogge am 19. November 1880 den Hafen von Hamburg, um sich nach Westafrika zu begeben. Der entscheidende Schritt zu Wißmanns Ruhm war hiermit gethan; denn aus der Ursprünglich geplanten Expedition nach dem Lunda-Reiche wurde jene erste von Wißmann allein ausgeführte Durchquerung Afrikas, die erste Durchquerung seitens eines Deutschen, die erste Durchquerung von West nach Ost überhaupt.

Mitte November 1882 erreichte Wißmann bei Sadani die Küste und war dort — eine eigentümliche Fügung! — der Gast Bana Heris, desjenigen Mannes, den er später als den Hauptfeind der Deutschen in Ostafrika zu bekämpfen haben sollte. — Im April 1883 traf Wißmann wieder in Berlin ein, sein Ruf als Afrikaforscher war voll und ganz begründet. Unter den schwierigsten Verhältnissen mit einer kaum nennenswerten Geldsumme (30000 Mark) war die Durchquerung des schwarzen Erdteils auf einem bisher nie betretenen Wege durch gänzlich unbekannte Gebiete hindurch ohne jede Feindseligkeit mit Eingeborenen vollendet, der Wissenschaft ein ungeheurer Dienst geleistet worden. Der Name Wißmanns war in aller Munde.

Durch diesen außerordentlichen Erfolg war der König der Belgier auf den kühnen Forscher aufmerksam geworden und machte ihm sogleich nach seiner Ankunft das Anerbieten, in seinem Privatdienst das Congobecken zu durchforschen. Schon am 16. November 1883, also nach kaum halbjährigem Aufenthalt in der Heimat, schiffte sich Wißmann wiederum nach Afrika ein in Begleitung des sächsischen Stabsarztes Dr. Wolf und der preußischen Offiziere Hans und Franz Müller und v. François.

Die praktischen Ergebnisse dieser zweiten Expedition waren die Festlegung des Stromlaufes des Kassai, die Entdeckung seines Nebenflusses Sankurru, welcher bisher als selbständiger Nebenstrom des Congo aufgefaßt wurde, endlich der Mündung des Kassai in den Congo an einer Stelle, wo der Kassai bisher als Kwa-Fluß galt. Am 9. Juli 1885 erreichte Wißmann die Station an der Mündung des Kassai in den Congo. Er erblickte hier zum erstenmale die Flagge des Congostaates, welcher während der Dauer seiner Reise entstanden war.

Eine in der letzten Zeit aufgetretene Verschlimmerung seiner asthmatischen Beschwerden machte nach dieser erfolgreichen Reise einen Aufenthalt in Madeira notwendig, aber nach kaum 2 Monaten brach der unermüdliche Forscher abermals im Auftrag des Königs der Belgier nach Afrika auf. Er sollte im Dienste des Congostaates im Baluba-Lande eine Stütze schaffen zu den weiteren Unternehmungen im Süden des Congostaates und dann von dort aus nach Südosten und Nordosten eventuell bis zu den östlichen Grenzen den eingeborenen Stämmen ihr neues politisches Verhältnis bekannt machen. Er sollte ferner dem Gang der Sklavenjagden und des Sklavenhandels nachforschen und ihm nach Möglichkeit entgegenarbeiten.

Die eigentliche Aufgabe, welche Wißmann im ersten Teil seiner Instruktion gestellt war, konnte auf dieser Reise nicht zur Ausführung kommen; und zwar waren es gerade die Sklavenjagden der Araber und das weite Vordringen derselben bis in den Congostaat hinein, welche die Lösung dieser Aufgabe verhinderten. An der Stelle früher blühender Landschaften fand er vollkommene Wüsten. Ganze Völkerstämme zeigten sich vernichtet; die Stimmung der Araber war dem neuentstandenen Congostaat durchaus feindlich, ja, kurz zuvor war eine der Stationen des Staates (Stanley-Falls-Station) durch die Araber erstürmt und vernichtet worden.

Wißmann selbst geriet in Nyangwe, der westlichsten Araberstadt in so große Gefahr, daß an ein Weiterdringen im Congostaat selbst gar nicht gedacht werden konnte, und nur der Ausweg nach Osten übrig blieb. So wurde aus der geplanten Expedition die zweite Durchquerung des schwarzen Kontinents und zwar auf dem Wasserwege des Tanganjika, von dort zum Nyassa, Schire, Zambesi und Kwakwa nach Quilimane. Von hohem Interesse ist das Urteil, welches Wißmann bei dieser Durchquerung über das Arabertum fällt, — von besonderem Interesse, weil er berufen sein sollte, schon bald darauf gegen die Araberwirtschaft anzukämpfen. »Die Schuld des Urhebertums dieser Greuel,« sagt Wißmann in seiner »Zweiten Durchquerung[1]«, »trifft ohne jede Frage den Araber, denn nur durch seine Initiative war es möglich, immer weiter vorzudringen, immer weiter zu unterjochen, zu entvölkern, und daher muß, wenn man an Abhilfe denkt, wenn man den armen, wehrlosen Eingeborenen nachhaltig schützen will, das Arabertum in diesen Ländern ausgerottet werden mit Stumpf und Stiel, bevor es eine Macht erreicht, der wir Europäer des feindlichen Klimas und der Entfernung wegen nicht mehr gewachsen sind, wie dies im Süden der Fall war. Es war hohe Zeit, daß bald nach den bösen Tagen, über die ich hier berichte, schärfer vorgegangen wurde gegen die afrikanische Pest, und mir speziell gewährte es eine hohe Genugthuung, daß ich berufen war, beim Niederschlagen des Aufstandes der Araber in Ostafrika an der Küste, von der aus die Hauptanregung zu den beschriebenen Greueln ausgeht, den empfindlichsten Schlag zu führen.

Wenn auch die Flotten Englands und Deutschlands den Export der meist aus diesen Gegenden des zentralen Afrikas verschleppten Sklaven verringern, so schneidet doch erst die Besetzung der Küstenplätze und der großen Handelsstraßen dem Sklavenhandel und damit der Sklavenjagd die Zukunft ab. Jetzt, wo ich dies niederschreibe, ist vieles schon geschehen, jedoch noch sind die Operationsbasen der Sklavenhändler im Innern Tabora, Udjidji und Nyangwe Absatzgebiete für Sklaven. Noch lebt Tibbu-Tip, wüten Muini Muharra und andre Sklavenjäger Verderben bringend gegen die ihnen wehrlos gegenüberstehenden, nur mit Speer und Bogen bewaffneten Eingeborenen. Noch ist viel zu thun übrig zum Schutze der Freiheit und des Lebens von Millionen harmloser Kreaturen; noch ist es möglich, daß vom Sudan der Araber südlich vom Äquator verstärkt wird. Aber Deutschland ist doch schon gerüstet zu weiterem Schutz, schon bereit, einer von Norden drohenden Vermehrung der Gefahr Halt zu gebieten, und ich hoffe, daß, ehe noch dieser Ausdruck meiner tiefsten Empörung dem Leser vorliegt, ich schon wieder die Arbeit aufgenommen habe, deren Endzweck, die Befreiung des äquatorialen Afrikas von der Pest des Arabertums, mein Lebensziel geworden ist.« Freilich muß zu diesem Urteil bemerkt werden, daß die wirksamste Bekämpfung der arabischen Unthaten nur allmählich vor sich geht, daß man in vieler Beziehung bei der Kolonisierung Afrikas mit den Arabern im guten auszukommen suchen muß, wie dies gerade Wißmann gezeigt hat.

Die wissenschaftlichen Vorarbeiten und Erfolge Wißmanns, seine genaue Kenntniß der Araber, jener Gegner aller europäischen Kultur, seine in drei außerordentlich großartigen Expeditionen bewiesene Fähigkeit, die Eingeborenen richtig zu behandeln und doch seinem Willen dienstbar zu machen — das waren die Momente, welche Hermann Wißmann vor allen anderen zur Stellung des Reichskommissars befähigten. Ganz besonders aber müssen hier noch die Eigenschaften seines Charakters hinzugerechnet werden. Beispiellose Energie, persönliche Nichtachtung jeder Gefahr, wo es gilt, ein ideales Ziel zu erreichen; die seltene Fähigkeit, in jedem seiner Untergebenen die Individualität zu erkennen und völlig frei schalten zu lassen; rücksichtslose Strenge im Dienst; geistvolle Anregung im zwanglosen, außerdienstlichen Verkehr — alles das sind Eigenschaften, welche jeder Wißmannsche Offizier und jeder Beamte des Kommissariats dem allseitig verehrten Kommandanten immer nachrühmen wird, und welche ihm ein bleibendes Denkmal in aller Herzen sichern.

Im Sommer des Jahres 1888 nach Deutschland zurückgekehrt, wurde Wißmann von dem deutschen Emin Pascha-Entsatz-Komitee mit Dr. Peters zur Führung der Emin Pascha-Expedition ausersehen. Alle Vorbereitungen für die Expedition waren getroffen, das gesamte tote Material angeschafft — da erhielt Wißmann die Berufung zum Reichskommissar und vertrat bereits in den Verhandlungen des Reichstages über den Antisklaverei-Antrag als Bundeskommissar die von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen. Die größte Eile war geboten; denn die Nachrichten aus Ostafrika lauteten von Tag zu Tag ungünstiger. Nach dem von der Regierung gebilligten Plane Wißmanns sollte die Niederwerfung des Aufstandes durch eine aus Negern bestehende Schutztruppe unter Führung deutscher Offiziere und Unteroffiziere geschehen. Als brauchbarstes Material brachte Wißmann die Sudanesen in Vorschlag, welche er bereits früher, besonders aber im letzten Winter, als er sich abermals im Auftrag des Königs der Belgier in Egypten aufhielt, kennen und schätzen gelernt hatte. Der vorläufige Stamm an Europäern bestand aus 21 deutschen Offizieren, Ärzten und Beamten und 40 Unteroffizieren. Der Lage der Sache nach mußte das gesamte deutsche Personal, so weit es der Armee angehörte, aus derselben ausscheiden und trat in den persönlichen Dienst des Reichskommissars. In rastloser Thätigkeit wurden im Zeitraum von etwa vier Wochen alle Vorbereitungen in Deutschland selbst getroffen, die Anschaffung von Kriegsmaterial und Ausrüstungsgegenständen beendet; und bereits im Februar reiste der Reichskommissar, begleitet von Lieutenant Theremin, von Berlin ab, während hier sein Stellvertreter, Frhr. v. Gravenreuth, die noch weiter zu erledigenden Geschäfte in die Hand nahm.

Für den notwendigen Verbindungsdienst zwischen der Küste und Sansibar selbst und für die voraussichtlich häufigen Truppentransporte zwischen den einzelnen Küstenplätzen wünschte der Reichskommissar einen Dampferdienst einzurichten. Da derselbe naturgemäß von der Marine bei ihrer ohnehin großen Aufgabe nicht geleistet werden konnte, sollten in Deutschland vier kleine Dampfer zu diesem Zweck angeschafft werden. Gleichzeitig sollten dieselben dazu dienen, die Flüsse, wenigstens den Kingani und Pangani, im Notfall aufwärts zu gehen und mit Revolvergeschützen die Ufer zu säubern, eventl. auch bei der Landung an der Flachküste von Bagamoyo durch ihre Armierung Dienste thun.

Das Reichskommissariat, welches ja mit der Marine in keiner direkten Verbindung stand, sollte auch nach dieser Richtung hin unabhängig gestaltet werden. Es wurden zu diesem Zweck 4 Dampfer in Deutschland angekauft, nämlich die Harmonie, etwa 200 Tonnen groß; München ca. 80 Tonnen; Vesuv 60; Max 50. Die drei letztgenannten Dampfer hatten in Deutschland als Schleppdampfer gedient; die Harmonie war in der Fahrt zwischen Köln und London beschäftigt gewesen. Leider stellte sich das gesamte Material als, gelinde ausgedrückt, wenig brauchbar heraus. Die Harmonie war der einzige Dampfer, welcher eine größere Anzahl von Menschen aufzunehmen vermochte; sie hatte aber nur einen Tiefgang von 5 Fuß und erwies sich gleich von vornherein als seeuntüchtig, Vesuv und Max konnten jeder im allerhöchsten Falle etwa 60 Menschen aufnehmen, welche dann aber dicht gedrängt an einander stehen mußten. Die München, zweifellos das seetüchtigste Fahrzeug, nahm im äußersten Fall etwa 80 bis 100 Mann auf, hatte aber einen zu großen Tiefgang (7 Fuß), um nahe an die Küste heran oder weit in den Flüssen aufwärts kommen zu können. Außerdem hatte sie nur 7 Zoll Bord und eine Verschanzung von 2 Fuß Höhe, so daß beim geringsten Seegang das Deck fortwährend überspült wurde.

Es darf als eine ganz außerordentliche Leistung deutscher seemännischer Tüchtigkeit betrachtet werden, daß diese 4 Dampfer den ungemein schwierigen Weg von Hamburg bis Sansibar selbständig und ohne alle fremde Hilfe zurücklegten. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu wollen, muß doch gesagt werden, daß die ganze Reise nach Ostafrika eine fortdauernde Lebensgefahr der gesamten Bemannung bildete. — Später hat die Harmonie ihrer Untüchtigkeit wegen häufig müßig auf der Rhede von Sansibar gelegen; die drei kleineren Dampfer, mit Revolverkanonen ausgerüstet, haben ausreichende Dienste geleistet.

Um die Wege für die Anwerbung der Sudanesen zu ebnen und besonders etwa entgegenstehende religiöse Bedenken aus dem Wege zu räumen, waren vom Auswärtigen Amt zu Berlin vorher Verhandlungen mit der egyptischen Regierung gepflogen und deren Genehmigung erwirkt worden. Bei dem anzuwerbenden Material wurde in erster Linie auf die alten Soldaten aus den sudanesischen Regimentern, die den Feldzug gegen den Mahdi mitgemacht hatten, zurückgegriffen. Es waren dies Leute, denen durch die unglücklichen Kämpfe gegen den Mahdi die Rückkehr in ihre Heimat abgeschnitten war und welche nach Auflösung ihrer Regimenter eine Verwendung im egyptischen Kriegsdienst nicht mehr gefunden hatten.

Diese Leute, deren Soldforderungen zum Teil von der ägyptischen Regierung nicht befriedigt wurden, die außerdem arbeits- und erwerbslos in Egypten herumlungerten, strömten voller Freuden nach Kairo herbei, als von Wißmann die Werbetrommel gerührt wurde. Außerordentlich kam hierbei die Unterstützung des englischen, in egyptischem Dienst stehenden Obersten Scheffer zu statten, dessen Kenntnis der Sudanesen das Engagement ungemein erleichterte und beschleunigte. Daß neben vielen durchaus kriegsbrauchbaren und gut disziplinierten Soldaten auch einige verworfene Subjekte, welche wegen Aufsessigkeit und allerlei Uebelthaten aus der egyptischen Armee entlassen worden waren, mit unterliefen, ist bei der beim Engagement notwendig gewesenen Eile begreiflich. Dennoch war die Zahl der schlechten Leute nicht so bedeutend, daß die Qualität der Truppe im ganzen dadurch beeinträchtigt wurde.

Die Heimat der Sudanesen ist Nubien, Sennar, Kordofan, das Land der Schillucks und der Dinka-Stämme, zum Teil sogar sind es die Äquatorial-Provinzen, alles Länder, deren Söhne ihrem Beruf nach von Jugend auf Soldaten sind. Eine beim Engagement sowohl von Egypten wie von den Leuten selbst gestellte Bedingung war, daß die zu den einzelnen Truppenverbänden gehörigen Chargen des Offiziers- und des Unteroffizierstandes mit übernommen würden, und daß ebenso den Leuten Gelegenheit geboten würde, ihre Frauen und Familien mitzunehmen. Die meisten Leute weigerten sich entschieden, ohne ihre Familie die Reise anzutreten. Der Sold, welcher ausbedungen und bewilligt wurde, war höher, als er in der egyptischen Armee üblich war, und selbst für unsere Begriffe ziemlich bedeutend. Er betrug für den gemeinen Soldaten monatlich 45 Mark, außerdem freie Verpflegung (Naturalien oder 25 Pf. täglich); die farbigen Unteroffiziere erhielten 8-20 Mark mehr im Monat und von den farbigen Offizieren die Lieutenants circa 160 Mark, Hauptleute bis über 300 Mark. Ein Feilschen um die Höhe des Soldes erschien gerade bei den Chargen unmöglich, denn Offiziere und Unterchargen waren, soweit sie sich überhaupt als brauchbar erwiesen und nicht, wie es bei manchen der Fall war, wegen Unzuverlässigkeit, Faulheit oder gar Aufsessigkeit in der allerersten Zeit schon aus der Truppe entfernt werden mußten, uns durchaus unentbehrlich als Bindeglied zwischen der farbigen Truppe und den deutschen im Anfang den Soldaten noch recht fremd gegenüberstehenden Offizieren.

Man möge sich vergegenwärtigen, daß die von Wißmann aus Deutschland mitgenommenen Offiziere und Unteroffiziere in den meisten Fällen direkt aus dem Garnisondienst heraus kamen und kaum je vom Ausland etwas gesehen hatten, geschweige denn befähigt waren, ohne weiteres den Eigentümlichkeiten ihrer neuen Truppe entsprechend dieselbe zu verwerten. Bei der ungemeinen Eile, mit welcher die erste Ausbildung der Truppe ausgeführt werden mußte, konnte gar nicht anders verfahren werden, als daß man die wesentlichsten Teile des deutschen Exerzier-Reglements (für den Gefechtsdienst besonders) den schwarzen Truppen ohne weiteres eintrichterte. Wenn dabei ihr früherer egyptischer Militärdienst sich auch einigermaßen verwerten ließ und den Truppen wenigstens allgemeine Begriffe von Disziplin innewohnten, so war doch die Vermittlung der schwarzen Offiziere und Unteroffiziere bei diesem Eindrillen gar nicht zu entbehren und für das schnellere Verständnis der Soldaten ungleich wichtiger als das bloße Kommando. Es mußten im Anfang von den farbigen Offizieren die betreffenden ägyptischen Kommandos abgegeben werden, während später durchgehends das deutsche Kommando eingeführt wurde.

Die Zahl der angeworbenen Sudanesen betrug 600 Mann. Es erschien geboten, die Leute nach der Anwerbung gar nicht erst zur Besinnung kommen zu lassen, damit nicht weitläufige Erwägungen Platz greifen konnten, sondern sie möglichst schnell ihrem Bestimmungsort zuzuführen. Sobald je 100 Mann angeworben waren, wurden dieselben mit Familie und Gepäck nach Suez verladen, dort an Bord eines Dampfers gebracht und nach Aden befördert, wo sie unter dem Kommando des Chefs Theremin vereinigt wurden. Als Offiziere waren für diesen Transport unter dem Kommando Theremins die Herren Premier-Lieutenant Böhlau, Lieutenant Sulzer und von Behr nach Egypten von Berlin telegraphisch berufen worden. Von Aden wurden die angeworbenen Soldaten durch 2 Dampfer nach Bagamoyo übergeführt, auch ca. 50 Somalis, welche als Boots- und Schiffsmannschaften in Ostafrika Verwendung fanden.

Ein zweiter farbiger Volksstamm, auf welchen bei unserer Anwerbung zurückgegriffen wurde, waren die Zulus. Nach Verhandlungen mit der portugiesischen Regierung wurde Lieutenant Ramsay nach Mozambique geschickt. Nachdem er sich mit dem dortigen Gouverneur ins Einvernehmen gesetzt hatte, reiste er nach Inhambane und warb dort zunächst 100 Mann aus den in Ostafrika als besonders kriegerisch bekannten Wangoni-Stämmen an. Waren auch die Zulus keine Berufssoldaten, so bildeten sie doch ein gutes Soldatenmaterial, das beste jedenfalls, was im östlichen Afrika zu haben war; — haben sie doch im Kriege gegen die Engländer ihre militärischen Eigenschaften vollauf bewiesen. —

Man beschränkte sich zunächst auf diese 100 Mann, weil die Anwerbungen sonst zu lange Zeit in Anspruch genommen hätten und die Zulus schon bei der ersten Aktion des Reichskommissars an Ort und Stelle sein sollten; später ist die Zahl derselben durch weitere Anwerbung auf 350 ergänzt worden.

In der Zahl der farbigen Kämpfer, die bei den ersten Aktionen zur Verfügung standen, sind die Askaris nicht zu vergessen, welche meist aus den Stämmen des innern Ostafrikas (besonders den Waniamuesi und Manjema) und nur zum sehr geringen Teil aus der Küstenbevölkerung hervorgingen. Einige von ihnen hatten schon in Bagamoyo und Daressalam unter den Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gegen die Rebellenscharen an der Küste gekämpft und hatten dadurch, daß sie in jener schlechten Zeit bei der Gesellschaft ausharrten — die meisten hatten es freilich, als die Sache für uns Deutsche kritisch wurde, vorgezogen, ihren Dienst zu verlassen — militärische Eigenschaften und vor allem Treue bewiesen. In der Heranbildung jener Leute finden wir übrigens den einzigen Versuch, den die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft in den letzten Monaten gemacht hatte, sich eine kleine Macht zu schaffen. Es sind diese Leute immer schlechthin unter dem Namen Askaris (eigentlich = Soldaten) zusammengefaßt worden; im Folgenden sind daher unter Askaris auch immer nur die aus unsern Küsten- und Hinterlandsstämmen hervorgegangenen Söldner zu verstehen.

Die ersten Vorarbeiten in Ostafrika wurden durch die vom Reichskommissar vorausgesandten Beamten getroffen, und zwar in Sansibar durch Herrn Eugen Wolf, der früher in Westafrika thätig gewesen, und auf dem Festlande vom Verfasser. Von ihnen hatte der erstere die kaufmännischen und der letztere, dem Lieutenant Blümcke beigegeben war, die notwendigsten militärischen Vorbereitungsmaßregeln zu treffen zur Unterbringung der Truppen am Festland.

Wißmann selbst kam am 31. März, begleitet von seinem Adjutanten Dr. Bumiller in Sansibar an. Nachdem er dort in feierlicher Audienz vom Sultan empfangen worden war, fuhr er an Bord des Flaggschiffes des deutschen Geschwaders nach dem Festland, um gemeinsam mit dem Geschwaderchef, Herrn Admiral Deinhard, die Küstenplätze Daressalam, Bagamoyo, Pangani und Tanga zu besuchen, den Befehl an der Küste zu übernehmen und mit der Marine und der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft alle nötigen Maßregeln zu vereinbaren.

Die Stationen Bagamoyo und Daressalam wurden von Seiten des Vertreters der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, des Herrn v. Saint-Paul-Illaire dem Reichskommissar unter dem 28. April 1889 übergeben und an diesem Tage folgendes Abkommen zwischen dem Kommissar und der Gesellschaftsvertretung getroffen:

»Vom heutigen Tage geht auf den Reichskommissar über:

1. das Oberkommando über die militärischen Machtmittel der Station sowie auch alle militärischen Maßnahmen und Operationen;

2. die Leitung und Anordnung der zur Verteidigung der Stationsgebäude erforderlichen Bauten und sonstigen Einrichtungen;

3. die Oberleitung der Civilverwaltung, abgesehen von der Zollverwaltung.«

Außerdem wurden Abmachungen wegen Übernahme einzelner Beamten aus dem Dienst der Gesellschaft in den Wißmannschen Dienst, ebenso über Abgabe von Waffen und Inventar getroffen.

Bei der Inspizierungs- und Rekognoszierungstour fand der Reichskommissar die Befestigungsarbeiten in Bagamoyo Dank der bereits früher erwähnten, eifrigen Thätigkeit der Herren v. Zelewski und v. Eberstein weit vorgeschritten. In Daressalam indes, wo der Bezirkschef der Gesellschaft, v. Bülow gemeinsam mit dem Verfasser nach dessen Ankunft diese Arbeiten erst in letzter Zeit begonnen hatte, waren dieselben noch weit zurück. Wißmann ordnete nun die Art der Weiterführung der Befestigungs- und Bauarbeiten persönlich an, und nach seiner Anweisung wurden die beiden Stationen in den nächsten Monaten vollkommen ausgebaut, befestigt und durch Umwallungen mit Schützenauftritt und Bastionen zur Infanterie- und Artillerieverteidigung eingerichtet.

In Daressalam war Anfang März bereits der erste Waffen- und Munitionstransport vom Bord des Norddeutschen Lloyddampfers »Schwan«, der für denselben gechartert war, gelöscht und in den Magazinen der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft untergebracht worden. Der Transport bestand aus 12 leichten Feldgeschützen C/73, sechs Revolverkanonen, 900 Mausergewehren (Jägerbüchsen und Karabinern), Infanterie-Seitengewehren, großem und kleinem Schanzzeug, der entsprechenden Artillerie- und Infanteriemunition, Schießwollpatronen und Proviant, der noch durch Einkäufe in Sansibar vervollständigt wurde. Die Vorräte an Waffen, Munition und Proviant wurden in einer der späteren Dislokation der Truppen entsprechenden Weise auf Bagamoyo und Daressalam verteilt in der Art, daß das Hauptdepot in Daressalam verblieb.

Da bei der Ankunft des Reichskommissars die Truppen noch nicht zur Stelle waren, benutzte er die ihm zur Verfügung stehende Zeit, die mit der Ankunft der Soldaten eintretende Organisation vorzubereiten und, wie erwähnt, eine Rekognoszierungstour vorzunehmen.

Als auf dieser die »Leipzig« vor dem Panganifluß lag und eine Dampfpinasse ausgesetzt wurde, um die Befestigungen der Rebellen in größerer Nähe betrachten zu können, wurden von den an der Einfahrt in den Fluß versammelten Rebellenscharen Schüsse auf die Pinasse abgegeben; man fand die Gegner, welche starke Befestigungen vor der Stadt und am Flusse angelegt hatten, vollkommen gefechtsbereit. Ebenso wurden im Hafen von Tanga Bewaffnete gesehen, desgleichen in dem mit einer Pallisadierung befestigten Sadani.

Der Admiral hatte nach dem letzten Angriff Buschiris auf Bagamoyo mit dem Rebellenführer einen Waffenstillstand geschlossen, um mit dem Reichskommissar diesen Waffenstillstand in einen definitiven Frieden umzuwandeln. Wenigstens sei dies, so äußerte sich Deinhard, wenn ihm das weitere Kommando an Land belassen worden wäre, seine Absicht gewesen. Die von Buschiri gestellten Bedingungen waren jedoch derart, daß ein Eingehen auf dieselben nach den vielen während des Aufstandes erlittenen Demütigungen und dem vielfach nicht nur nach europäischen, sondern grade nach orientalischen Begriffen recht wenig imponierenden Auftreten unsrer maßgebenden ostafrikanischen Organe, wie Wißmann sich im Bericht an den Reichskanzler ausdrückte, einfach »lächerlich« gewesen wäre.

In der That ist es unbegreiflich, wie man überhaupt ernstlich an eine Umwandlung jenes abgeschlossenen Waffenstillstandes in einen definitiven Frieden hatte denken können; die Folge wäre lediglich gewesen, daß man nach kürzester Frist sich auf dem alten Fleck befunden hätte.

Allerdings hatte sich Wißmann veranlaßt gesehen, den Waffenstillstand vorläufig auch seinerseits anzuerkennen, da er wegen der noch nicht erfolgten Ankunft der neuangeworbenen Truppen hierzu genötigt war. Außerdem wurde ein sofortiges Einschreiten gegen die Aufständischen noch durch den Umstand verhindert, daß zwei englische Missionare aus Mamboia, welche aus dem Innern nach der Küste zurückkehrten, in der Nähe derselben in die Gewalt Buschiris geraten waren und von ihm gefangen gehalten wurden. Allerdings wurden sie anständig behandelt, sollten aber nur gegen ein hohes Lösegeld herausgegeben werden. Die wegen des Lösegeldes und der Auslieferung der Missionare gepflogenen Verhandlungen führten zu einem befriedigenden Resultat, so daß die Missionare nach mehrtägiger Gefangenschaft in Freiheit gesetzt wurden. Einsicht in die Befestigungen und die wirkliche Lage des Buschirischen Lagers brachten sie allerdings nicht mit, da sie durch strengste Ueberwachung an genauerer Umschau verhindert waren.

Als nun Buschiri nach Auslieferung der Missionare das 3/4 Stunden südlich von Bagamoyo gelegene Dorf Kaule überfiel, ausplünderte und völlig zerstörte, — und als er sogar gegen einen im deutschen Dienst befindlichen schwarzen Handwerker, der in seine Gewalt gefallen war, einen Akt der empörendsten Brutalität verübte, da konnte Wißmann den Waffenstillstand als von Buschiri gebrochen ansehen.

Der Maurer Dunia nämlich hatte eines Tages nach empfangenem Lohn in der Absicht, sich seinem Arbeitsdienst zu entziehen, die Station Bagamoyo verlassen und sich zu Buschiris Leuten begeben, von welchen er zu dem Rebellenführer gebracht wurde, mit der Anschuldigung, daß er als Maurer für die Deutschen gearbeitet und so zur Befestigung ihrer Station beigetragen habe. Buschiri ließ ihm seine beiden Hände abhacken und schickte ihn nach der Station zurück mit dem Bedeuten, er solle nun weiter für die Deutschen arbeiten, Wißmann Grüße ausrichten und ihm bestellen, daß nächstens mit allen Deutschen ebenso verfahren würde. Der Mann kam thatsächlich lebend in Bagamoyo an. Er hatte sofort nach der Verstümmelung die beiden Armstümpfe fest in die Hüften gestemmt und war über Stock und Stein nach der Station gerannt. Hier wurde ihm sofort ein Notverband angelegt, dann kam er in die Behandlung eines Marinearztes, und dessen Pflege, sowie die unglaubliche, allen Negern eigene Zähigkeit und gute Heilnatur ließen ihn genesen.

Es ist von Seiten des Reichskommissariats dann in der ausgiebigsten Weise für jenes arme Opfer der Wut Buschiris gesorgt worden; allerdings ohne Erfolg, denn Dunia ist im Gegenteil einer der größten Halunken geworden.

Am 29. April traf der Dampfer »Somali« mit dem größten Teil der angeworbenen Sudanesen in Bagamoyo ein, und nun ging es nach dem Ausschiffen dieser Leute an die Bewaffnung und Unterbringung der Soldaten. Das letztere war in Bagamoyo nicht schwierig, denn dort befanden sich eine Anzahl gut erhaltener oder leicht zu reparierender Steinhäuser. 60 von den angekommenen Soldaten wurden nach Daressalam gesandt. Mit der Ankunft dieser Truppen wurde das den beiden Stationen bis in die letzte Zeit noch verbliebene Marine-Detachement zurückgezogen.

Die in Daressalam stationierte Kreuzerkorvette Carola verließ aus Gesundheitsrücksichten den dortigen Hafen, um an der äußeren Rhede vor Anker zu gehen.

Am 4. Mai kamen mit der »Martha« die übrigen angeworbenen Sudanesen und das europäische Offizier- und Unteroffizier-Personal in Bagamoyo an. Am 6. Mai trafen auch die Zulus unter Lieutenant Ramsay vom Süden ein. Es stand nun dem Reichskommissar, welcher seiner Schutztruppe gegenüber den Titel Kommandant führte, nach Eintreffen des gesamten Personals und nach Übernahme einzelner Herren von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft folgendes Europäer-Personal zur Verfügung:

Chefs der Schutztruppe: Frhr. v. Gravenreuth, Dr. Schmidt (Schmidt I), v. Zelewski, Krenzler, Frhr. v. Eberstein, Rochus Schmidt (Schmidt II), Richelmann, Theremin, (Leue trat später hinzu).

Lieutenants der Schutztruppe: v. Bülow (später hinzugetreten nach erfolgter Rückkehr aus Europa), Ramsay, Böhlau, End, Sulzer, Johannes, Merker, v. Behr, Dr. Bumiller, v. Perbandt, v. Medem, Radatz.

Ärzte der Schutztruppe: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf als Chefarzt und Assistents-Arzt erster Klasse Dr. Kohlstock.

Beamte: a) im Chefrang: Eugen Wolf (als kaufmännischer Beirat); b) im Lieut.-Rang: Lieut. a. D. Blümcke und Zahlmeister Merkel.

Deckoffiziere: Bohndorf, Rabe, Illich, Tschepe, Grothe, Jancke, de la Frémoire.

Kapitäne der Flottille: Holz (bis August 1889), Hansen (vom August 1889 ab), Graf Pfeil, Tomaschewski, Prager, Römer.

Außerdem stand für seemännische Zwecke der Lieut. zur See der Reserve v. Sivers zur Verfügung. Von den genannten Personen hatten folgende bereits afrikanische Erfahrungen gesammelt: v. Gravenreuth, v. Zelewski, Krenzler, v. Eberstein, die beiden Schmidts, Leue, v. Bülow, Ramsay, Illich, ferner, wenn auch nur kurze Zeit: Merker, v. Medem, Tschepe, Rabe, (ebenso Wolf im Dienst des Kongostaates in Westafrika und Bohndorf als Reisebegleiter Junkers).

Unteroffiziere der Schutztruppe: Becker, Bilke, Bluhm, Brose, Budau, Burwitz, Busch, Eben, Firnstein, Fricke, Gaffri, Gaßmann, Germer, Greff, Grucza, Gurkasch, Hartmann, Hoffmann I, Hoffmann II, Kaiser, Kay, Kopp, Kühne, Leder, Ludwig, Martini, Mutter, Naeter, Peter, Piehl, Reich, Rohr, Rymarzig, Schaumbacher, Schulte, Schwarz, Snakker, Semmling, Steinbach, Tanner, Thielke, Velten, Weiß, Wille, Wonneberger, Först, Schafflick, Freitag, Mittelstädt, Bauer, Drescher, Fritz, Fülleborn, Hocke, Hoffmann III, Jacobs, Kröhnke, Markgraf, Marquard, Neumann, Nowack, Roberth, Schmid, Schultz, Steinkopf, Stolle.

Die Verteilung der Offiziere und Truppen auf die Stationen Bagamoyo und Daressalam geschah in folgender Weise:

Bagamoyo: Stationschef: Chef Dr. Schmidt. Stationsoffizier Premierlieutenant End. Truppen: 545 Sudanesen in 5 Kompagnien, 100 Zulus und 60 Suaheli-Askari, je eine Kompagnie; 40 Somali und 60 Europäer (Offiziere und Unteroffiziere). Abgesehen von der eigentlichen Stationsbesatzung waren die Truppen anfangs in 2 Bataillone eingeteilt unter den Chefs Freiherr von Gravenreuth und von Zelewski. Die Kompagnieführer waren die Herren Ramsay, Johannes, v. Medem, v. Perbandt, Sulzer und Radatz. Für die Artillerie waren bestimmt die Herren Chef Krenzler und Premierlieutenant Böhlau.

Daressalam: Stationschef: Chef Rochus Schmidt. Stationsoffizier: Lieutenant Merker. Truppen: 55 Sudanesen, 10 Somali, 20 Suaheli-Askari. Dazu Lieutenant v. Behr und später nach beendetem Angriff auf Buschiris Lager 8 Unteroffiziere. Auch wurde bald die Zahl der Besatzungstruppen auf 100 vermehrt.

Fußnoten:

[1] Verlag von Trowitzsch u. Sohn, Frankfurt a. O. 1891.

4. Kapitel.
Die ersten Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani, Tanga und Sadani.

Einrichtung des Spionendienstes. — Angriff und Einnahme von Buschiris Lager bei Bagamoyo und Operationen daselbst. — Streifzüge des Verfassers um Daressalam. — Beerdigung der ermordeten Missionare in Pugu. — Verhältnisse in Sadani. — Bombardement von Sadani. — Einnahme durch die Schutztruppe. — Einnahme von Pangani und Stationsgründung daselbst. — Einnahme von Tanga. — Errichtung eines Forts in Tanga. — Streifzug Gravenreuths gegen die Jumbes in der Umgegend von Bagamoyo. — Verhältnisse auf den neu gegründeten Stationen.

Unmittelbar nach der Ankunft der Truppen ließ Wißmann dem Führer der Rebellen den Waffenstillstand, der ja von ihm in frevelhafter Weise gebrochen war, aufkündigen und ihm sagen, daß er ihn in den nächsten Tagen angreifen würde. Die Antwort Buschiris lautete, er würde die Deutschen bestens empfangen.

Die Bestrafung zweier Leute, welche der Spionage gegen uns für die Interessen Buschiris überführt worden waren, mit dem Tode durch den Strang hatte Wißmann natürlich bis zur Auslieferung der Missionare aufgeschoben.

Bis zur Ankunft Wißmanns hatten nur die Rebellen ihre Spione, welche sie so geschickt ausgewählt und organisiert hatten, daß sie stets mit den genauesten Nachrichten über unsere Mittel und Absichten versehen waren, während die Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im großen und ganzen auffällig spärlich mit Nachrichten versehen waren. Wißmann erkannte gleich am ersten Tage seiner Ankunft auf dem Festland, daß auf unserer Seite viel zu wenig auf den Spionendienst gehalten war und gab daher zur Einführung einer ordentlichen Spionage die betreffenden Anweisungen, indem er zugleich Gelder zur Verfügung stellte.

Die Spionage ist etwas in Afrika durchaus Notwendiges und Selbstverständliches. Der Europäer muß Gewicht darauf legen, unter den Eingeborenen zuverlässige Personen zu finden, die er zur Einziehung von Nachrichten benutzen kann, indem er nötigenfalls auch die einzelnen Leute gegenseitig ausspielt und so kontrolliert.

Die durch Wißmann eingeführte bessere Ausbildung des Spionendienstes hat sehr viel zu unseren Erfolgen beigetragen. Bedauerlicher Weise wurden, wie ich vorweg bemerken muß, im letzten Jahre vom Gouverneur von Soden unter vollkommener Verkennung der afrikanischen Verhältnisse aus Sparsamkeitsrücksichten selbst nach der Zelewskischen Katastrophe nicht die nötigen Mittel hierfür zur Verfügung gestellt, und wenn einmal wirklich Gelder zum Halten von einem oder einigen Spionen bewilligt wurden, so geschah dies nur nach bogenlangen Berichten, welche es den Offizieren und den dem Gouverneur unterstellten Beamten fast verleiden konnten, derartige im Interesse des Ganzen liegenden Anträge zu stellen. Diese Sparsamkeit ist übel angebracht und in Wirklichkeit häufig eine Verschwendung. Denn auf ein paar Tausend Rupies im Jahre kann es nicht ankommen, wenn man sich dadurch eine genaue Kenntnis dessen, was unter den Eingeborenen im Geheimen vorgeht, ihrer Absichten und ihrer Gesinnung gegen uns verschaffen kann.

Nachdem der Reichskommissar die Vorbereitungen zum Beginn der Operationen gegen die Aufständischen bereits am 4. Tage nach Eintreffen des Transportdampfers »Martha« auf der Rhede von Bagamoyo beendet hatte, beschloß derselbe nach erfolgter Verständigung mit dem Chef des Kreuzergeschwaders, Herrn Admiral Deinhard, sofort zum Angriff überzugehen. Ein möglichst rasches offensives Vorgehen bot in erster Linie eine Aussicht, gegen die vorwiegend auf Terrorismus gestützte Macht des Rebellenführers Buschiri einen entscheidenden Schlag zu führen, seinen Einfluß auf die Bevölkerung zu beeinträchtigen und die durch fortgesetzte feindliche Streifzüge sehr gehemmte Aktionsfähigkeit wieder zu erhöhen.

Eingezogene Nachrichten hatten ergeben, daß Buschiri, nachdem er in den letzten Monaten sein Lager mehrfach gewechselt, nun in einem stark befestigten Hauptlager in der Richtung landeinwärts von Bagamoyo, 1-1-1/2 Stunden von diesem Platz entfernt, alle seine Kräfte vereinigt habe. Der waffenfähige Anhang Buschiris wurde auf 6-800 Mann angegeben.

Nachdem die Unterstützung der Marine vom Admiral angeboten und vom Reichskommissar angenommen worden war, wurde der 8. Mai von beiden für die Operationen gegen Buschiri festgesetzt.

Am genannten Tage, früh 6-1/2 Uhr trat die Schutztruppe mit dem von der Marine gestellten Landungscorps von 200 Mann, welches der Korvettenkapitän Hirschberg, Kommandant S. M. S. »Schwalbe« befehligte, bei der Station in Bagamoyo an. Damit die farbigen Truppen möglichst alle im Kampf verwendet werden konnten, war die Station Bagamoyo für die Dauer der Operation durch eine andere Abteilung der Marine besetzt worden. Um 7 Uhr 10 Minuten setzte sich die Schutztruppe nach Erteilung der für den Marsch notwendigsten Instruktionen in folgender Marsch-Ordnung in Bewegung:

Avantgarde: Askaris — Frhr. v. Eberstein;

Abteilung Frhr. v. Gravenreuth — 2 Sudanesenkompagnien (Sulzer und von Perbandt);

Artillerie (zwei 4,7 cm Geschütze und ein 6 cm Geschütz) — Chef Krenzler;

geschlossenes Detachement der deutschen Unteroffiziere unter Premier-Lieutenant End;

Abteilung Dr. Schmidt — 2 Sudanesenkompagnien (Johannes und Radatz);

Abteilung von Zelewski — 1 Sudanesen- und 1 Zulukompagnie (Ramsay und v. Medem);

zum Ziehen der Geschütze wurden Waniamuesi mitgenommen, desgleichen gingen solche mit Erlaubnis Wißmanns, durch rote Tücher als die Unsrigen kenntlich gemacht, als Freiwillige mit.

Nachdem der Marsch zunächst in südwestlicher Richtung durch die Bagamoyo umgebenden, ausgedehnten Kokosschamben erfolgt war, wurde nach Westen abgebogen und ein ungefähr 900 m breites, schattenloses, sumpfiges, mit fast mannshohem Grase bewachsenes Thal durchschritten, welches an dem besonders schwülen und heißen Tage, namentlich für die Artillerie, sehr schwierig zu passieren war. Die Marschdisciplin blieb indes bei den farbigen Truppen auf dem Hinmarsch eine gute. Nach Passieren dieses Thales wurde wieder in südwestlicher Richtung auf einem gut bewachsenen Höhenzug weiter marschiert, bis um 9 Uhr das Lager Buschiris der Avantgarde in Sicht kam.

Der Kommandant, welcher sich bei der Avantgarde befand, erteilte nun sofort die Befehle zum Angriff. Demzufolge nahm die Artillerie Aufstellung in der Linie der Askaris, welche, bis auf 600 m ans Lager herangekommen, ausschwärmten. Links von den Askaris befand sich die Abteilung Gravenreuth. Zelewski erhielt Befehl, rechts vom Wege abzubiegen und die linke feindliche Flanke zu umfassen, also nach der örtlichen Lage die Boma von Osten her zu umgehen. Dr. Schmidt sollte links abbiegen und die Umgehung der Boma von Westen her bewerkstelligen. In dieser Formation war man, die Artillerie eingeschlossen, bis 250 m an das Lager herangekommen. Die Marine-Abteilung befand sich dicht hinter den Askaris und der Artillerie.

Als die Truppen in dieser Ordnung bis auf etwa 200 m an die Boma herangekommen waren, wurde von Seiten der Rebellen ein heftiges Feuer aus Gewehren und einigen alten, mit Eisenstücken geladenen Böllern auf die Angreifer eröffnet. Zufällig kam zu gleicher Zeit aus dem Lager der überall bekannte weiße Buschirische Reitesel in Sicht und Wißmann, in der Absicht, den wohlbeleibten Buschiri dieses bei seiner Körperfülle sehr notwendigen Fluchtmittels zu berauben, gab einen Schuß auf den Esel ab. Dieser Schuß bildete unwillkürlich das Signal zur Eröffnung des Feuers auf der ganzen Linie; in der Front stand Gravenreuths Abteilung im 1. Treffen, während im 2. Treffen die Marine das Feuer ebenfalls eröffnete; als Wißmann bat, das Feuer des 2. Treffens einzustellen, da das 1. Treffen ihm dadurch gefährdet erschiene, wurde ihm von der Marine entgegengehalten, daß mit dem 600-meter-Visir von dieser geschossen werde.

Das feindliche Feuer richtete sich besonders auf eine kleine Anhöhe, wo Wißmann mit seinem Stabe bei der Artillerie Stellung genommen hatte, so daß dort, trotzdem die Aufständischen im allgemeinen recht schlecht zielten, einige Verluste in unmittelbarer Nähe des Reichskommissars, der für seine Person der Mahnung, sich nicht unnütz zu exponieren, kein Gehör schenkte, erlitten wurden.

Als der Kommandant durch anhaltendes Geschütz- und Gewehrfeuer den Feind hinlänglich erschüttert zu haben glaubte, gab er das Zeichen zum Aufpflanzen des Seitengewehrs und zum Sturm. Die Abteilung Gravenreuth drang zuerst in die Boma ein, allen voran Lieutenant Sulzer.

An der Spitze der Marineabteilung überklomm Lieutenant Schelle, ohne erst Bresche reißen zu lassen, die Pallisaden. Hierbei erhielt er eine Kugel in den Unterleib und erlag bald darauf dieser schweren Verwundung.

Herr von Gravenreuth war mit seiner Abteilung an der linken Flanke der Front eingedrungen, die Marine hingegen zugleich mit den Askaris unter Eberstein direkt in der Front, und zwar wurde nach dem Fall Schelles Bresche gerissen und drangen die Marinetruppen an dieser Stelle Mann hinter Mann durch die Bresche in die Boma, während Herr v. Eberstein mit den Askaris eine bei der Bresche befindliche Thür einrannte und durch diese ziemlich geschlossen mit seinen Leuten hineinkam.

Es ist damals ein sehr häßlicher Streit über die für die Sache natürlich ganz gleichgiltige Frage ausgebrochen, wer der erste in der feindlichen Boma gewesen sei. Von Seiten der Marine wurde der gefallene Lieutenant Schelle gemeldet; vom Reichskommissar der Lieutenant Sulzer. Dem Verfasser, der bei der Aktion gegen Buschiri nicht dabei gewesen ist, ist von verschiedenen Herren versichert worden, daß nicht nur Sulzer, sondern auch v. Gravenreuth und ein großer Teil der Soldaten von Gravenreuths Abteilung in der Boma, ja sogar in den dort befindlichen Hütten der Rebellen schon gewesen seien, als von der Frontseite her die Marine erst eindrang. Selbstverständlich ist die Meldung der Marine, daß Lieutenant Schelle der erste im Lager gewesen sei, in gutem Glauben erfolgt und ist dadurch zu erklären, daß wegen der im Innern der Boma errichteten Hütten und wegen der in solchen Momenten erklärlichen Aufregung das vorher erfolgte Einrücken Gravenreuths nicht gesehen wurde. Bedauerlich aber bleibt die Eifersüchtelei, welche zu jener Zeit zwischen Marine und Schutztruppe bestand. Obgleich sich die Offiziere der letzteren und auch viele Marineoffiziere redliche Mühe gegeben haben, dieselbe aus der Welt zu schaffen, besteht sie, wie dem Verfasser scheinen will, bis in die neueste Zeit hinein fort. Die Herren der Marine bedenken hierbei nicht, daß mit Beendigung der Blokade nach Übernahme des Reichskommissariats durch Wißmann ihre Aufgaben am Lande, denen sie sich ganz gewiß, wie von allen anerkannt wird, mit Eifer unterzogen haben, beendigt waren. Nur vereinzelt haben später Marinemannschaften die Operationen des Reichskommissars unterstützt, natürlich nur an der Küste oder in unmittelbarster Nähe derselben, wie hier bei Bagamoyo, dann bei Sadani, Pangani, Mkwadja. (Nur Tanga ist, worauf wir noch kommen werden, durch die Marine allein erobert worden.)

Beim Einrücken der Unsrigen in die Boma wagte nur ein Teil der Feinde noch standzuhalten und aus den Hütten im Innern der Befestigungen heraus zu schießen, wo sie dann teils niedergemacht, teils gefangen genommen wurden. Das Gefangennehmen freilich wollte nicht immer gelingen, da die Zulus, welche erst zwei Tage vorher eingetreten waren, gar nicht verstehen wollten, wie man einen überwältigten Feind schonen könne, statt ihn sofort zu tödten; so haben denn auch die Zulus vielen von den Rebellen, welche sich im letzten Augenblick ergeben wollten, durch ihre Seitengewehre den Garaus gemacht.

Von den Freiwilligen der Waniamuesi und den Askaris wurden die Zulus bei der Plünderung des Lagers in würdiger Weise ergänzt. Im großen und ganzen aber waren alle, welche die neue farbige Truppe während des Gefechts beobachtet hatten, im Lob derselben einig. Nirgends war weder während des Feuerns noch beim Sturm das geringste Zaudern eingetreten.

Die Umgehung des Lagers, welche die Abteilungen Dr. Schmidt und v. Zelewski bewerkstelligen sollten, war nicht gelungen, da besonders Zelewski wegen des weiten Umweges, den er mit seinen Soldaten zu machen hatte, nicht zur rechten Zeit am Lager sein konnte. Es gelang daher dem größten Teil der Rebellen durch die Lücke zwischen den beiden von der Flanke anrückenden Abteilungen durchzukommen, wobei sie allerdings von der Abteilung Dr. Schmidt noch wirksam beschossen wurden.

Buschiri selbst war ebenfalls entkommen, hatte sich aber, wie er später selbst erzählte und wie auch bald hinterbracht wurde, im dichten Grase außerhalb der Boma versteckt und war so von den Verfolgern unbemerkt geblieben.

Das dicht bewachsene Terrain setzte der an die Einnahme des Lagers sich schließenden Verfolgung von selbst ein Ziel, um so mehr als die Europäer, sowohl die aus Europa gekommenen Offiziere und Unteroffiziere der Schutztruppe, wie die an afrikanische Märsche ebenfalls nicht gewöhnten Marinemannschaften und auch unsere Sudanesen sehr ermattet waren. Es zeigte sich dies unmittelbar nach dem Eindringen in die Befestigungen und auf dem Rückmarsch, der ein wenig angenehmes militärisches Bild abgab. Einige Fälle von schwererem und leichterem Sonnenstich kamen auf demselben vor. Die Zulus, Askari und Waniamuesi waren die einzigen, welche frisch geblieben waren und deren Benehmen und Schlachtgesänge etwas Leben in die Kolonnen der Marine und Schutztruppe brachten.

Die Zahl der Toten betrug auf gegnerischer Seite 106, fast alles Araber und Belutschen. Unter den Gefallenen ist wegen seines Einflusses besonders zu erwähnen der Jumbe von Windi, Ismael. Auf unserer Seite fielen — von der Marine: Lieutenant zur See Schelle und Obermatrose Föll; von der Schutztruppe 6 farbige Soldaten. Feldwebel Peter erlag dem Sonnenstich. Verwundet wurden — von der Marine: Obermatrose Klebba — von der Schutztruppe: Stabsarzt Dr. Schmelzkopf, Hauptmann Richelmann, Deckoffizier Illich und 3 Sudanesen.

Das Lager der Aufständischen zeigte ein ziemlich regelmäßiges Viereck von 800 m Umfang und war nach afrikanischen Begriffen mit einer sehr starken Befestigung umgeben. Sie bestand in Pallisadenreihen aus dicken Palmenstämmen. Hinter denselben war ein Graben für kniende Schützen ausgehoben, dessen Erde nach den Palisaden hin zu einem Wall aufgeschüttet worden war. Im Innern war, wie schon erwähnt, eine Zahl primitiver Hütten errichtet, welche den Rebellen Unterkunft gewährten, außerdem ihr Kleinvieh und Hühner wie ihren sonstigen Unterhalt bargen. Der vorgefundene Proviant und die noch in geringer Masse vorhandene Munition wurde durch die Einnahme des Lagers erbeutet; außerdem fielen in unsere Hände 2 arabische Fahnen, 2 Böller und Gewehre aller Art, darunter einige Mausergewehre, welche beim Ausbruch des Aufstandes auf den Stationen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im Innern von den Rebellen vorgefunden waren, daneben befanden sich Snidergewehre, Hinterlader, Jagdgewehre, sowie die verschiedensten Perkussions- und Steinschloßgewehre. Die wertlosen Waffen und Sachen wurden verbrannt, das meiste aber — selbst ganz wertloses Hausgerät — von den Leuten, besonders den Sudanesen, die eine besondere Vorliebe für die Anhäufung von allerlei wertlosem Kram haben, nach Bagamoyo mitgenommen. Einige Kuriositäten, wertvolle Waffen der Araber und Belutschen sowie der Eingeborenen wurden ebenfalls vorgefunden. Ferner hatten unsere Soldaten in der Hütte Buschiris eine Kiste mit 6000 Rupien entdeckt, es aber vorgezogen, die Sache erst zu melden, nachdem sie den Inhalt unter sich verteilt hatten. Das Geld war vermutlich die für die englischen Missionare bezahlte Lösesumme und man beließ dieselbe den glücklichen Besitzern, um nicht gleich anfangs durch Untersuchungen Mißmut zu erregen. So wirkte auch der gute Fund ermunternd auf die Schwarzen, für welche ja überhaupt die Plünderung nach siegreichem Gefecht einen ungemeinen Reiz hat.

Der Geschwaderchef, Herr Admiral Deinhard, hatte (nach Rücksprache mit dem Reichskommissar) für einen eventuellen Empfang der entkommenen Rebellen Sorge getragen, indem er eine Marineabteilung nach der Windi- und Mtoni-Fähre schickte, wo der Uebergang von fliehenden Rebellen erwartet werden konnte. Die Fährboote, welche sich an jenem Teil des Kinganiflusses vorfanden, wurden, um ein Übersetzen der Rebellen zu verhindern, von der Marine zerstört. Indes hatten die Flüchtlinge es meist für klüger gehalten, sich zunächst, so lange sie das Terrain unsicher wußten, im dichten Gebüsch versteckt zu halten, wohin man ihnen nicht folgen konnte, und dann weiter zu flüchten, wobei von ihnen die weiter stromaufwärts befindliche Dunda-Fähre des Kingani benutzt wurde. Dorthin aber konnten die Pinassen der Marine wegen mehrfacher in jenem Teil des Kingani vorhandener Untiefen nicht geschickt werden.

Dem Reichskommissar hatte Dr. Peters seine für die Emin Pascha-Expedition in Aden angeworbenen Somalis zum Angriff auf Buschiri zur Verfügung gestellt; es war jedoch von ihrer Verwendung Abstand genommen worden, da sie Bedenken trugen, gegen ihre eigenen Glaubensgenossen zu kämpfen. Jetzt, als nach gelungenem Angriff die Truppen in Bagamoyo einrückten, zeigte sich ein Teil der Somalis beschämt und bat darum, auf den noch am selben Tage ausgesandten Patrouillen mitverwandt zu werden.

Nach dem Einrücken der Soldaten erhielt Freiherr v. Gravenreuth den Befehl, eine Rekognoszierung zu unternehmen zur Aufsuchung eines vermißten Offiziers, der, an der Queue seiner Abteilung, von den Seinen unbemerkt, infolge eines Sonnenstiches liegen geblieben war, und zugleich um auf etwaige Rebellentrupps zu fahnden. Der Vermißte kehrte aber von selbst bald darauf zurück, und die Rekognoszierungen Gravenreuths und später Zelewskis konnten nur feststellen, daß die nächste Umgebung von Bagamoyo bis zum benachbarten Teile des Kingani völlig von den Aufständischen gesäubert war. Kleine Patrouillen wurden zum großen Teil zu Pferde ausgeführt, von denen etwa 20 aus Egypten resp. Aden mitgebracht worden waren.

Einige Wochen später drangen nach Bagamoyo Nachrichten über neue Befestigungen, welche Buschiri in größerer Entfernung angelegt habe; ebenso habe er wieder eine große Zahl Anhänger gesammelt. Infolgedessen wurden von Wißmann zweimal Abteilungen unter Dr. Schmidt und Zelewski in solcher Stärke ausgesandt, daß es ihnen möglich war, die Rebellen mit Aussicht auf Erfolg anzugreifen. Die Expedition unter Zelewski führte zu keinem Resultat, da der Gegner in dem von ihr durchzogenen Gebiet nicht zu finden war. Die später ausgesandte Abteilung des Dr. Schmidt fand zwar mitten in dichtem Gestrüpp ein wohlbefestigtes Lager Buschiris, eine sogenannte Buschboma, zu welcher nur wenige schmale Stege führen, doch hatte Buschiri, der jedenfalls von dem Anmarsch Dr. Schmidts durch seine Kundschafter Nachricht erhalten, es vorgezogen, noch im letzten Augenblick ohne Kampf die Boma zu verlassen. Die Hausutensilien und die noch vorhandenen Lebensmittel, etwas Kleinvieh und Hühner, wurden zur Beute gemacht, die Boma selbst aber wurde den Flammen Preis gegeben. Es war dies, so begierig auch die Expedition war, den Gegner anzugreifen, doch den Herren nachträglich nicht unerwünscht, da die Stellung Buschiris eine derartige war, daß ein erfolgreicher Sturm auf das im größten Dickicht befindliche Lager, wenn überhaupt, nur mit den schwersten Verlusten möglich gewesen wäre. Das erste Lager hatte den Vorzug in freiem Terrain zu liegen, so daß es von allen Seiten gesehen und angegriffen werden konnte.

Wenden wir uns nun nach Daressalam, wo durch den von Wißmann dem Verfasser gesandten kleinen Teil der Schutztruppe die Marineabteilung abgelöst wurde, welche bisher als Besatzung der Station gedient hatte; S. M. S. Carola, welche zuletzt die Stationsbesatzung gestellt und deren Bemannung sehr unter Fieber- und Todesfällen zu leiden hatte, war bei der Besetzung der Station durch die Schutztruppe zunächst aus dem Hafen heraus auf die Rhede von Daressalam, dann ganz nach Bagamoyo in See gegangen. Für Daressalam erhielt der Verfasser von dem Reichskommissar die Instruktion, sich mit seiner kleinen Truppe auf die Verteidigung der Station und des Platzes zu beschränken und sich auf sonstige Unternehmungen nicht einzulassen. Um Daressalam hatten sich nicht, wie um Bagamoyo, die Rebellen alle in einer starken Befestigung versammelt, sondern sie waren auf mehrere befestigte Dörfer der Umgegend verteilt. Als nun die Nachricht von der Einnahme des Buschirischen Lagers, wenn auch mit einzelnen Unrichtigkeiten, südwärts zuerst zur Bevölkerung und zu den Rebellen, dann durch Spione nach der Station gedrungen war, erschien es notwendig, da, wo es mit Aussicht auf Erfolg möglich war, möglichst schnell einzugreifen, ehe die Aufständischen sich noch mehr zersplitterten oder ganz abzogen. In erster Linie wünschte der Verfasser das nahe gelegene Magogoni anzugreifen, in dem sich viele Araber und Belutschen befanden. Das Gesindel hatte der Station immer Schwierigkeiten gemacht und war im Besitze einer großen Viehherde. Nur den Offizieren wurde von der Absicht des Überfalls auf Magogoni Mitteilung gemacht, da sonst Grund zur Annahme vorlag, daß der Plan verraten und vereitelt werden würde. In der Nacht vom 12. bis 13. Mai wurde die Stationsbesatzung alarmirt, Munition verteilt und Lieutenant von Behr, dem sich der Beamte der Ostafrikanischen Gesellschaft, Herr Küsel, anschloß, der Befehl erteilt, mit 20 Mann bei Tagesanbruch unbemerkt westlich von Magogoni zu landen. Verfasser selbst fuhr mit Lieutenant Merker und den letzterem zugeteilten 30 Mann die Innenseite des Hafens und die schmale Landzunge entlang, auf welcher Magogoni liegt, und landete auf der diesem Orte entgegengesetzten Seite. Nach einstündigem Marsch erreichten wir Magogoni. Die Annäherung beider Abteilungen war wohl während der Nacht ziemlich unbemerkt erfolgt, doch stürzten sowohl der Abteilung v. Behr wie der Abteilung Merker kurz vor dem Dorfe Bewaffnete in ungeordneten Trupps entgegen, welche sofort in die Flucht geworfen wurden. Der Verlust der Gegner betrug 8 Tote, darunter 2 Araber. Es wurden neben 60 Stück Kleinvieh 90 Rinder erbeutet, welche den Strand entlang getrieben wurden bis an den Hafen von Daressalam, über welchen sie dann mit einer Pinasse zur Station gebracht wurden. Die in der weiteren Umgebung lagernden Banden sah sich Verfasser außer stande anzugreifen, da die Station nicht entblößt werden konnte, und erst Wißmanns Befehl und Truppenverstärkung hierzu abgewartet werden mußte.

Das Unternehmen gegen Magogoni billigte der Reichskommissar und auf die Meldung von der unbedingten Notwendigkeit, sofort gegen die anderen Rebellennester um Daressalam vorzugehen, kam er persönlich am 19. Mai auf dem von Dr. Peters gecharterten Dampfer Neera nach Daressalam, brachte über 100 Mann unter Chef Theremin und Lieutenant von Medem mit und erteilte dem Verfasser den Befehl am 20. Mai mit zwei kombinierten Kompagnien (Marschordnung: 1. Kompagnie [Lieutenant von Behr, Lieutenant Blümcke], 2. Kompagnie [Chef Theremin, Lieutenant von Medem] nach Mabibu vorzurücken, zu rekognoszieren und eventuell anzugreifen. Das Rebellenlager wurde gefunden, wurde aber bei unserer Annäherung verlassen. Vergebens versuchten die Aufständischen, ihre Viehherde vor uns zu retten; die kleinen Abteilungen, mit denen Plänkeleien entstanden, wurden schnell geworfen, und die ganze Herde, 80 Rinder und eine Menge Kleinvieh erbeutet. Auch einige Fahnen und Waffen fielen in unsere Hände; das Lager wurde geplündert und eingeäschert. Seliman ben Sef war leider entkommen, mit ihm Schindu.

Am nächsten Tage machte ich eine Rekognoszierungstour nach Magurmura, dem Dorfe Schindus. Dieselbe endete mehr komisch als erfolgreich. Die Einwohner flohen bei unserer Annäherung, nur eine alte energische Dame wehrte sich unter furchtbarem Geschimpfe mit einem Messer heftig gegen die Soldaten und verwundete einen derselben. Sie entpuppte sich später als Mutter des Rebellenhäuptlings und war als solche auch gleich von den Suaheli-Askaris erkannt worden. Sie wurde natürlich dingfest gemacht, mit nach der Station genommen, und dort einige Tage zur Beruhigung ihrer Nerven eingesperrt. Nach einem vereitelten Versuch ihrerseits, durch eine fensterartige Oeffnung der Bastion zu entweichen, wurde sie als im übrigen harmlos wieder entlassen.

Nach diesen Unternehmungen nahm der Reichskommissar die aus Bagamoyo mitgebrachte Kompagnie wieder dahin zurück, da große Rebellenansammlungen und ernste Schwierigkeiten um Daressalam nicht mehr bestanden. Die kleinen Unternehmungen des Verfassers gegen einzelne Rebellendörfer hatten genügt, den Bewohnern der Umgegend von Daressalam zu zeigen, daß es nunmehr ausschließlich ihr Besitz und Eigentum sei, die durch diese Unruhen gefährdet würden, denn wenn die Leute nicht standhielten, blieb nichts weiter übrig, als die unruhigen Massen an ihrem Eigentum durch Verbrennen und Ausplündern der Dörfer oder Konfiskation der Felder, so weit sie in unserm direkten Machtbezirk lagen, zu bestrafen.

Außerdem wurden die Jumbes sämtlicher im Umkreis von Daressalam gelegenen Ortschaften vom Verfasser aufgefordert, zur Station zu kommen und dort ihre vollständige Unterwerfung anzukündigen; so weit sie nicht eine ganz besonders hervorragende Rolle beim Aufstande gespielt hatten, wurde ihnen Straflosigkeit zugesichert. Diese Aufforderung und Zusicherung der Amnestie wirkte auf die gesamte Bevölkerung der Umgegend in gewünschter Weise. Nur gegen wenige Dörfer mußte in nächster Zeit vorgegangen werden. So wurde ein nochmaliges Vorgehen gegen Magogoni nötig, da dies große und reiche Dorf, besonders durch die Belutschen-Bevölkerung aufgehetzt, sich gegen uns auflehnte. Diesmal wurde es aber von Grund aus zerstört und geplündert.

Eine fernere Unternehmung aus dieser Zeit war die Bestrafung des Ortes Ukonga, dessen Pasi (Häuptling, Dorfschulze) Jangajanga hauptsächlich die Schuld an der Ermordung der Missionare in Pugu trug. Er hatte von den Missionaren die größten Wohlthaten empfangen und auch Geschenke dafür erhalten, daß er versprach, sie in Kenntnis zu setzen, wenn ihnen ein Anschlag der Rebellen drohe. Dieses Versprechen hatte er so eingelöst, daß er den Aufständischen von Bueni als Führer nach der Mission in Pugu diente und die Brüder und Schwestern meuchlings überfallen half. Als dem Verfasser dieses Verhalten Jangajangas zu Ohren gekommen war, trat er eines Tages mit einem Teil der Stationsbesatzung den Marsch gegen Ukonga an und traf daselbst bei Beginn der Abenddämmerung, kurz vor 6 Uhr ein. Bis zum Eintritt der Dunkelheit hielt sich unsere Abteilung im Gebüsch verborgen und überfiel dann, von den übrigen Dorfbewohnern ungesehen, den von Jangajanga und seinen Angehörigen bewohnten Teil Ukongas. Die Leute desselben leisteten nur ganz vereinzelt Widerstand; der Jumbe selbst hatte wohl Unrat gewittert und war zwei Tage zuvor weiter ins Innere geflohen. Verfasser setzte daher einen Preis auf seinen Kopf, es gelang jedoch nicht, ihn in unsere Gewalt zu bekommen.

Nun ging Verfasser daran, endlich die Gebeine der ermordeten Missionare, die, wie er durch Kundschafter wußte, noch immer unbestattet in Pugu lagen, zur letzten Ruhe zu bringen. Mit den Herren Chef Theremin, Lieutenant Merker, Herrn Küsel, Unteroffizier Becker und einem kleinen Trupp Soldaten machte er sich auf. Außerhalb des von den Rebellen mit allen übrigen Missionsgebäuden in Asche gelegten Wohnhauses lag fast unversehrt der Leichnam des von den Eingeborenen als Fundi (Handwerksmeister) bezeichneten Missionars, der als Bruder Petrus festgestellt wurde. Im Hause selbst fanden sich die Gebeine des Bruders Benedict, die vom Feuer sehr gelitten hatten, und die wenigen Ueberreste der Schwester Martha, die von einer Innenwand des Gebäudes bedeckt lag. Das Feuer hatte offenbar darunter noch längere Zeit fortgequalmt, denn die Gebeine waren beinahe verkohlt. Die Reste der Unglücklichen wurden in je einen Sarg gelegt und neben den Gräbern der früher in ihrem Berufe verstorbenen Brüder und Schwestern beigesetzt. Wir schmückten, so gut es ging, die letzte Ruhestätte mit Palmenzweigen, und Lieutenant Merker machte eine photographische Aufnahme, welche der katholischen bairischen Missionsgesellschaft zugleich mit einigen Andenken an die Märtyrer ihres Berufs, die sich noch auf der ausgeplünderten und niedergebrannten Stätte gefunden hatten, übersandt wurden. Den Jumbes wurde streng anbefohlen, auf die Gräber sorgfältig Acht zu geben, wir drohten, deren Schändung an den Pugu-Leuten selbst zu bestrafen. Die letzteren waren freilich an der Unthat selbst nicht schuldig, ihr Fehler war nur der gewesen, daß sie es nicht gewagt hatten, der Uebermacht der Rebellen zu trotzen und die wegen ihrer Wohlthätigkeit und ihres stillen segensreichen Wirkens bei ihnen wohl beliebten Missionare zu verteidigen. Daraus kann man den Negern aber keinen Vorwurf machen. Von der Missionsgesellschaft, welcher der Verfasser bei der Uebersendung der Photographien von der Bestattung ihrer Angehörigen und den näheren Umständen ihrer Ermordung und Auffindung Mitteilung gemacht hatte, ging ein Dankschreiben ein, das ihren Gefühlen Ausdruck gab und zeigte, daß die schwergeprüften Väter nicht den Mut und die Lust verloren hatten, ihr Werk in Afrika fortzusetzen. Ihre jetzige Station ist Daressalam.

Während des größten Teils des Monats Juni und im Monat Juli konnten wir uns so in Daressalam der friedlichen Arbeit, dem weiteren Ausbau der Station und der Ausbildung der Truppen widmen und einige kleinere friedliche Expeditionen unternehmen. Nur noch einmal, im Monat August, wurde der Verfasser anläßlich der traurigen Pugu-Affaire genötigt, gegen die Ortschaft Simbasi vorzugehen, in welcher es ihm auch durch einen Ueberfall gelang, zwei beim Morde der Pugu-Missionare beteiligte Araber gefangen zu nehmen, die dann vom Reichskommissar zum Tode durch den Strang verurteilt wurden.

Nach dem Ausbruch des Aufstandes an der Küste waren es neben der Kilwabevölkerung besonders die Leute Bana Heris, des Machthabers von Usegua, welche sich durch eine große Unthat straffällig machten. Der mit der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft vom Sultan abgeschlossene Vertrag hatte Bana Heri um so härter betroffen, als er von den Machthabern an der Küste der einzige war, der niemals den Sultan von Sansibar als Herrn anerkannt hatte. Es war nur natürlich, daß Bana Heri nicht gutwillig auf das gute Einkommen Verzicht zu leisten gewillt war, welches er bislang durch die nach Sadani ziehenden Karawanen gehabt hatte. Eben so wenig wollte er den Einfluß einbüßen, den er als Sultan von Usegua, — wie er sich nannte, — in Usegua, Nguru und teilweise Ukami genoß und der naturgemäß wegen der zu jener Zeit gegen die Deutschen herrschenden Mißstimmung und Mißachtung noch gewachsen war. Diese Mißstimmung gegen alles Europäische zeitigte Ausschreitungen des fanatischen Pöbels und fand ihren empörendsten Ausdruck in der Ermordung des englischen Missionars Brooks, der im Januar 1889 aus dem Innern nach der Küste kam und hierzu die Sadanistraße benutzte. Brooks war von Abdallah, Bana Heris Sohn und einem Teil seiner Leute auf der Sadanistraße anscheinend in friedlicher und freundschaftlicher Absicht in Empfang genommen und in der Richtung nach der Küste hin geleitet worden. Bald darauf fand man ihn auf der Straße hinterrücks erschossen vor. Beide Arme waren ihm abgeschlagen, sein Leichnam zerstückelt, die Stücke verstreut. Fünfzehn seiner farbigen Begleiter wurden gleichfalls ermordet, die Waren und das Gepäck geraubt.

Es ist stets angenommen worden, daß der Urheber dieser Unthat der oben erwähnte Abdallah gewesen ist, obwohl sich das nicht mit absoluter Bestimmtheit nachweisen ließ.

Bana Heri erwartete natürlich auf jenen Mord hin ein Einschreiten der deutschen Regierung und rüstete sich, diesem wie auch einer Okkupation seines Landes energisch zu begegnen. Es strömte ihm sein Anhang in Usegua zu und wurde in der ersten Zeit noch durch Wadoës verstärkt. Bana Heri verschanzte sich besonders in Sadani und Uwindji und hatte außerdem verschiedene Befestigungen im Hinterlande dieser Küste errichtet.

Schon vor der Ankunft Wißmanns war Herr Admiral Deinhard gegen den Usegua-Sultan eingeschritten, indem er Sadani von See aus bombardierte. Der Admiral meinte hierdurch den Rebellen eine fühlbare Strafe zu teil werden zu lassen. Er hatte sich aber hierin getäuscht und nur bewirkt, daß die Rebellen während der Beschießung den Ort verließen und sich hinter demselben in gesichertes Terrain flüchteten. Als sie sahen, daß die Kriegsschiffe die Rhede verließen, kamen sie wieder zum Vorschein und schossen, gewissermaßen zum Hohn, mit einer alten Kanone hinter den Kriegsschiffen her, selbstverständlich ohne irgend welchen Schaden zu thun. Es schien daher, als der Aufstand in Bagamoyo und Daressalam niedergeworfen war und diese Orte gesichert schienen, notwendig, Sadani zu züchtigen.

Dies konnte nur durch eine Landung mit der gehörigen Truppenmacht geschehen. Wißmann war allerdings nicht in der Lage, damals schon vor der Einnahme von Pangani und Tanga Sadani dauernd zu besetzen, da seine Truppen für den nördlichen Küstenstreifen notwendig gebraucht wurden, aber er wollte mit der Züchtigung von Sadani noch den Zweck verbinden, durch einen entscheidenden Schlag gegen Bana Heri die Rebellen in Pangani einzuschüchtern und dadurch zu Friedensverhandlungen geneigter zu machen, zumal ihm von der Reichsregierung anempfohlen worden war, auf solche einzugehen. Wie wir später sehen werden, befand sich unter der Bevölkerung von Pangani eine Partei, die zum Frieden mit den Deutschen riet und diesen dringend wünschte.

Als Operationstag gegen Sadani wurde der 6. Juni festgesetzt. Tags zuvor wurden alle irgendwie entbehrlichen Truppen, im ganzen 500 Mann, unter den Chefs v. Gravenreuth, v. Zelewski, Krenzler und dem Verfasser, der von Daressalam herübergekommen war, mit zwei Geschützen auf dem von der Marine gecharterten Dampfer »Cutch« in Bagamoyo eingeschifft. Am 6. Juni früh begann seitens des Geschwaders, welches außer dem »Cutch« aus der »Möwe«, die solange Sadani blokiert hatte, »Leipzig«, »Schwalbe« und »Pfeil« bestand, die Beschießung der gegnerischen Befestigungen; während derselben zogen sich die Rebellen in die südlich gelegenen dichten Gebüsche zurück.

Als das Feuer der Kriegsschiffe schwieg, eröffneten die mit Revolverkanonen armierten Pinassen, welche das Expeditionskorps, jede drei oder vier Boote hinter sich schleppend, ans Land brachten, ein wirksames Granatfeuer.

Da der Strand von Sadani sehr flach zuläuft, mußten wir von den Booten aus noch eine längere Strecke durch das Wasser waten unter dem Feuer der Feinde, welche mittlerweile aus den Gebüschen heraus an den Strand geeilt waren, um unsere Landung zu verhindern. Dabei erhielt Unteroffizier Bilke einen Schuß durch den Arm und Lieutenant von Medem und einige Farbige wurden leicht verwundet, — der Verlust der Aufständischen soll sich nach ihren eigenen, freilich sehr unsicheren Angaben, auf 105 Tote belaufen haben. Chef von Zelewski führte den linken Flügel, Gravenreuth den rechten, der Verfasser das Centrum, das aus zwei Kompagnien unter den Herren von Perbandt und Sulzer und dem geschlossenen Trupp der deutschen Unteroffiziere unter Lieutenant v. Sivers bestand.

Während Gravenreuth Sadani selbst angriff und das Terrain hinter demselben säuberte, gingen die Abteilung Zelewski und die des Verfassers dem Befehl gemäß südlich des Dorfes durch die Büsche und Mangrove-Sümpfe vor, ohne sonderlichen Widerstand zu finden. Ziemlich das einzige Unglück, das passierte, war, daß dem Verfasser seine Schuhe und Strümpfe im Sumpfe stecken blieben und er so das Vergnügen hatte, den ganzen Tag barfuß durch die Dornen und den heißen Sand zu laufen.

Im Westen der Sümpfe hatten sich die Feinde zum Teil wieder gesammelt, doch wurden sie durch meine ausgeschwärmte Abteilung und das Feuer des Maxim-Guns unter Lieutenant Böhlau schnell in die Flucht gejagt. Bald darauf traf Zelewski, der weiter südlich die abziehenden Feinde beschossen hatte, beim Verfasser ein, während Wißmann mit der Gravenreuthschen Abteilung die Gegner noch in der Richtung auf Ndumi verfolgte und die Landungscorps der Marine im Norden Sadanis die Feinde verjagten. Die Befestigungen wurden zerstört, der Ort geplündert und eingeäschert.

Bei solchen gemeinsamen Plünderungen, wie sie bei Sadani, Pangani, erfolgten, kamen öfters unsere Marinesoldaten mit ihren schwarzen Waffenbrüdern in der Schutztruppe in Streitigkeiten um den Raub, und derartige kleine Zwistigkeiten wurden, wie schon erwähnt, dann tragischer aufgenommen, als sie es verdienten.

Nachdem wir kurze Rast gehalten und von dem, was wir mitgenommen oder erbeutet, gefrühstückt hatten, schifften wir uns wieder auf dem »Cutch« ein, aber nur um gleich darauf wieder 3 Stunden nördlich von Sadani bei Uwinje zu landen, wo sich eine Schamba Bana Heris und feindliche Befestigungen befanden. Auch dieser Platz wurde nach geringem Widerstand genommen und zerstört; die dort liegenden Dhaus, welche den Aufständischen Waffen und Munition zugeführt hatten, wurden verbrannt. Wir hatten bei Sadani und Uwinje zusammen 2 Tote und 9 meist leicht Verwundete. Die hierauf folgende Nacht wurde an Bord des »Cutch« in heiterster Laune verbracht, und am nächsten Tage ging es wieder zurück nach Bagamoyo.

Es wurde nun vom Reichskommissar die Operation gegen Pangani vorbereitet. An der Spitze der Friedenspartei daselbst stand der Araber Said Hamedi, ein alter Mann, der erstens keine Lust hatte, sich in einen Krieg mit uns einzulassen, auch vorher die Beamten der Deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft gegen die aufgeregten Volksmassen geschützt hatte, und der sich andrerseits wohl bewußt war, daß er, dessen Reichtum an der Küste ein großer war, nur an seinem Besitztum verlieren könne, wenn die Rebellen unterlägen. Ebenso dachten viele der begüterten Araber und der reichen Suaheli von Pangani.

Die Rebellion daselbst wurde indes durch die besitzlosen Araber und Belutschen, welche bei der Unsicherheit der Verhältnisse nur gewinnen konnten, geschürt und die kritiklose Masse der Eingeborenen so mit fortgerissen.

Die Friedenspartei in Pangani wandte sich an den Sultan von Sansibar mit der Bitte um Vermittlung beim deutschen Reichskommissar. Wißmann schickte daraufhin den früheren Wali von Pangani Soliman ben Nassr mit Abgesandten des Sultans nach Pangani, um der Bevölkerung durch diese Gesandten die Bedingungen der friedlichen Uebergabe zu übermitteln. Als der Abgesandte des Reichskommissars jedoch sich in einem Boote dem Strande von Pangani näherte, wurde er mit Schüssen empfangen und mußte unverrichteter Sache wieder nach Sansibar zurückkehren. In gleicher Weise war während der zwischen dem Reichskommissar und den Pangani-Leuten schwebenden Verhandlung eine auf der Panganireede liegende Dampfpinasse der »Leipzig« unter Lieutenant zur See v. Möller von den Rebellen beschossen worden. So zeigte sich, daß in letzter Stunde in Pangani wieder die Kriegspartei die Oberhand gewonnen hatte.

Viel hatten dazu wohl auch die falschen Nachrichten beigetragen, welche über das Gefecht von Sadani nach Pangani gedrungen waren; es sollten nämlich wohl die Rebellen große Verluste erlitten haben, aber auch 100 Deutsche teils gefallen, teils in den Sümpfen stecken geblieben sein. Es wurde damals in der Truppe der Witz gemacht, meine im Sumpfe stecken gebliebenen Stiefel hätten zu dieser Uebertreibung Veranlassung gegeben.

Als Tag des Angriffes wurde von Wißmann der 9. Juli bestimmt. Tags zuvor wurden alle zur Verfügung stehenden Truppen in Bagamoyo eingeschifft und in Bagamoyo selbst unter Chef von Gravenreuth, in Daressalam unter dem Verfasser eine starke Besatzung zurückgelassen, weil dem Gerücht zufolge ein Angriff Buschiris auf die Stationen zu erwarten stand. Am Abend des 8. vereinigten sich die Wißmannschen Schiffe »Harmonie«, »München«, »Vulkan« und »Max« — der »Vesuv« wartete noch in Aden das Aufhören des Südwestmonsuns ab —, mit dem Geschwader, welches den Ort bis dahin blokiert hatte.

Pangani liegt am linken Ufer des ebenso genannten Flusses, etwas landeinwärts.

An beiden Ufern erheben sich ziemlich steile Anhöhen von 100-200 Fuß, die mit dichtem Buschwerk bestanden und von Schützengräben umgeben waren. Die feindliche Stellung war also, zumal da nur schmale Zugänge hinaufführten und diese mit drei Vorderladern armiert waren, eine ziemlich starke und wurde von den Rebellen für uneinnehmbar gehalten. Die Hauptbefestigungen lagen auf dem rechten Ufer, wohin denn auch die sämtlichen Schiffe, mit möglichster Schonung des Ortes selbst, ihr außerordentlich wohl gezieltes Feuer richteten.

Der Strand ist hier sehr flach; die Truppen warteten daher, um möglichst wenig im Wasser unter dem Feuer der Feinde waten zu müssen, den höchsten Stand der Flut ab, und bewerkstelligten die Landung an einer kleinen, vor dem rechten feindlichen Flügel gelegenen Bucht. Das Angriffskorps war in drei Treffen formiert; das erste, bestehend aus der 1. und 5. Kompagnie unter Dr. Schmidt, wurde sogleich nach der Landung in Schützenlinien formiert und ging unter lebhaftem Feuer auf die im Gebüsch versteckt liegenden Gegner gegen die Höhe vor.

Als das zweite Treffen unter Chef Freiherrn von Eberstein herankam, wurden die Feinde aus allen Befestigungen geworfen und in eine westlicher gelegene Hügelkette getrieben, deren dichtes Buschwerk der Verfolgung bald ein Ziel setzte.

Das dritte Treffen unter v. Zelewski war durch ungünstige Umstände zu lange aufgehalten worden und kam nicht mehr ins Feuer.

Auch die Rebellen auf dem linken Ufer flohen aus ihren Pallisadenverschanzungen und suchten sich, am ungedeckten Flußufer entlang ziehend, in den Ort selbst zu retten; zur Hälfte aber wurden sie von den mittlerweile nachgekommenen Maxim-Geschütz unter Lieutenant Böhlau zusammengeschossen.

Es blieben von den Arabern etwa 30 Tote und 50 Verwundete auf dem Platze, ein Zeichen, eine wie furchtbare Wirkung das Maxim-Geschütz mit seinen 600 Schuß in der Minute in der Hand eines geschickten Artilleristen ausübt.

So fand denn die 300 Mann starke Marineabteilung unter Kapitän zur See Plüddemann, welche endlich trotz der heftigen Brandung auf dem linken Ufer des Flusses gelandet war, den Feind in den Befestigungen nicht mehr vor, auch nicht mehr in Pangani selbst. Auf unserer Seite war nur ein Sudanese gefallen, ein deutscher Unteroffizier und 3 Sudanesen waren verwundet.

Pangani wurde von der 5. und 6. Kompagnie besetzt, die Befestigung auf dem rechten Ufer zur Zeit der Abwesenheit des Expeditionskorps von der 1.-3. Kompagnie. Die Europäer und die Truppen, welche alle vollkommen durchnäßt waren, hatten, da der Proviant bis zum Abend des Gefechtstages noch nicht hatte vom Bord der Schiffe aus ans Land geschafft werden können, nach der Anstrengung des Tages nicht einmal eine Stärkung. Erst am Abend half Wißmann persönlich, als er auf der Pangani- wie auf der Ras Muhesa-Seite die Truppen inspizierte, diesem Übelstande dadurch ab, daß er sofort selbst für die Übersendung der nötigen Vorräte Sorge trug. Das frühere Gesellschaftshaus in Pangani, von dem aus man einen bequemen Überblick über den ganzen Ort hatte und diesen wie das Flußufer mit Feuer bestreichen konnte, wurde als Stationshaus beibehalten und der Bau von Befestigungen hier wie auf Ras Muhesa begonnen.

Ras Muhesa ist ein Felsen an der rechten Flußmündung, der auf drei Seiten schroff ins Meer abfällt. Das Buschwerk auf der vierten Seite, welches den freien Überblick hinderte, wurde ausgerodet, und der Zugang mit einer 1-1/2 m hohen Wand aus Wellblech mit Erdeinlage geschützt.

Da diese Befestigungsarbeiten in Pangani und auf Ras Muhesa längere Zeit in Anspruch nahmen, der Reichskommissar sie aber so sehr als möglich fördern wollte, um eine möglichst geringe Anzahl von Soldaten dort als Besatzung zurückzulassen, konnte der ursprünglich zwischen Wißmann und dem Admiral verabredete Termin für die Operation gegen Tanga, der 10. Juli, nicht innegehalten werden. Der Admiral aber, den Gründen Wißmanns unzugänglich, ging infolgedessen am 9. mit dem Geschwader voraus und schickte noch am selben Tage in Tanga eine Botschaft ans Land, die Einwohner sollten, wenn sie den Frieden wünschten, mit ihm in Unterhandlungen treten. Sie erbaten sich, da sich die friedlich gesinnten Neger nicht sogleich mit den im allgemeinen zum Kriege geneigten Arabern und Belutschen einigen konnten, drei Tage Bedenkzeit. Diese wurde vom Admiral abgeschlagen.

So wurde denn am 10. früh das Landungscorps der Marine formiert und an Land gesetzt. Es wurde zuerst mit Schüssen empfangen, doch ergriffen die Rebellen beim ersten Schnellfeuer der Marinetruppen die Flucht und wurden mit geringer Mühe aus Tanga selbst und seiner näheren Umgebung vertrieben. Das frühere Haus der ostafrikanischen Gesellschaft wurde mit 100 Mann der Carola besetzt, um den Ort gegen etwaige feindliche Angriffe halten zu können.

Einige umliegende Dörfer schickten nach Tanga und erbaten den Frieden, der ihnen vom Admiral auch gern gewährt wurde. Die Inder waren im Ort zurückgeblieben, ein Zeichen, daß von vornherein eine Aussicht auf einen ernsten Kampf um Tanga nicht vorhanden war, und die Friedenspartei hier die Oberhand hatte. Wißmann wurde durch einen Brief des Admirals vom 11. Juli davon in Kenntnis gesetzt, daß Tanga von der Marine genommen und besetzt sei, und daß das Geschwader bis zum 14. Juli auf den Reichskommissar warten werde. Wißmann fuhr infolgedessen am 13. auf der München zunächst allein nach Tanga, wählte einen Platz für die Station aus, von wo aus der Ort und der Hafen beherrscht werden konnte, und als am 15. das Expeditionskorps nachkam, wurde sofort mit der Befestigung des Platzes, welche hier von Grund aus neu gebaut werden mußte, begonnen.

Das provisorische Fort wurde aus Wellblech und Brettern hergerichtet und mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Die Bauten gingen in Pangani und Tanga, Dank des Eifers unserer Zulus und Sudanesen, so außerordentlich schnell von statten, daß Wißmann bald den Norden verlassen und sich wieder nach Bagamoyo zurückbegeben konnte, nachdem er die Station Tanga mit einer Kompagnie besetzt und dem Chef Krenzler übergeben hatte.

Aus Pangani nahm er die Ueberzeugung mit, daß der Handel hier bald wieder den früheren Umfang annehmen würde, da bereits in den ersten Tagen nach der Einnahme des Ortes eine Anzahl der flüchtigen Rebellen zurückgekehrt war und sich unterworfen hatte.

Als so die Hauptplätze an dem nördlichen Teil der Küste unseres Interessengebietes wieder unter unsere Herrschaft gebracht waren, dachte Wißmann daran, die Verkehrswege, welche nach dem Innern führten, von neuem zu eröffnen; hierzu gab besonders den Anstoß die Absicht der in Daressalam weilenden großen Waniamuesi-Karawane, in ihre Heimat mit den gegen ihr Elfenbein an der Küste erhandelten Waren zurückzukehren.

Da sie alle von Bagamoyo, dem Endpunkt der großen Karawanenstraßen aus, gemeinsam den Rückmarsch antreten wollten, ging Wißmann daran, die in Daressalam befindliche Karawane dorthin überzuführen. Er sandte zu dem Zweck Ende Juli sein Expeditionskorps unter Führung des Chefs von Zelewski nach Daressalam, wohin er sich Tags darauf selbst begab, ließ die Waren und sämtliches Gepäck der Waniamuesi per Dampfer nach Bagamoyo bringen, und führte selbst auf einem dreitägigen Marsche die Karawane unter der Bedeckung seiner Soldaten ebendahin. Während dieses Küstenmarsches pflog der Reichskommissar persönlich Verhandlungen mit den Jumbes der Küstenorte, und gewann hier, wie überall und zu jeder Zeit, das volle Vertrauen der Eingeborenen zur deutschen Herrschaft. In Bueni, dem bedeutendsten Küstenplatze zwischen Bagamoyo und Daressalam, dessen Handel entschieden der ausgedehnteste an der Küste ist, wurde der bisherige Wali, Sef ben Issa, welcher ebenfalls an der Ermordung der Missionare in Pugu hervorragend beteiligt war, seines Amtes enthoben, sein Besitztum konfisziert, seine Sklaven freigelassen, und ein Preis von 1000 Rupies auf seinen Kopf gesetzt. An seine Stelle trat Seliman ben Nassr, eine dem Reichskommissar sowohl wie der Bevölkerung genehme Persönlichkeit.

In der weiteren Umgegend von Bagamoyo, zwischen dem Kingani und dem Wami, hatten sich die alten Jumbes von Bagamoyo (Jehasi, Makanda, Simbambili und Bomboma), die Hauptverbündeten Buschiris, wieder festgesetzt und den ihnen durch Vermittler erteilten Rat, nach Bagamoyo zurückzukehren und sich Wißmann zu stellen, höhnisch zurückgewiesen. Wißmann mußte daher daran gehen, sie aus dieser Gegend zu vertreiben, um zu verhindern, daß Buschiri, wenn er aus dem Innern zurückkehrte, hier wieder einen Stützpunkt fände. Es wurde zu dem Zweck Chef v. Gravenreuth mit zwei Kompagnien und einer größeren Waniamuesi-Abteilung abgeschickt, mit dem Befehl, die Gegend zu säubern und die mit den Jumbes verbündeten Ortschaften zu zerstören, ein Auftrag, den Gravenreuth mit dem ihm eigenen Geschick ausführte. Er brachte den Gegnern erhebliche Verluste bei, ohne selbst solche zu erleiden, äscherte die Rebellenlager ein und nahm die dort angehäuften Lebensmittel weg. Dieser Erfolg trug bald gute Früchte, indem auch die Jumbes aus der weiteren Umgegend nach Bagamoyo kamen und um Frieden baten. Auch gegen die berüchtigten Sklavenhändler von Mlangotini wurde um diese Zeit ein Schlag geführt; ein Sklaventransport, den sie bei Nacht nach Sansibar zu bringen im Begriffe standen, wurde ihnen abgenommen und sie selbst wurden aufgehängt, unter ihnen der gefährlichste von allen Salem, den erfreulicherweise die Eingeborenen selbst gebunden dem Reichskommissar überbrachten.

In Sadani hatte sich inzwischen Bana Heri wieder mit einem Teile seiner Leute eingefunden, und schien durch alle Mißerfolge seiner Partei noch nicht im geringsten entmutigt, vielmehr entschlossen, den Kampf fortzusetzen und die Herrschaft über Usegua zu behaupten.

Sef ben Mohammed, der Sohn des unter dem Namen Tibbu-Tip bekannten Hammed ben Mohammed, war mit einer Menge Elfenbein und unter anderm auch mit Geschenken für Wißmann von seinem Vater aus dem Innern nach der Küste abgeschickt worden und nach unserm Kampf bei Sadani dort angekommen, hatte er vom Reichskommissar auf sein Ansuchen die Erlaubnis erhalten, die Festlandsküste zu verlassen, um nach Sansibar zu gehen. Er ging bald darauf wieder im Einverständnis mit Wißmann nach Sadani und bot hier all seinen Einfluß auf Bana Heri auf, um diesen zur Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft zu veranlassen. Seine Bemühungen waren vollkommen vergeblich.

Der Reichskommissar wandte sich deshalb an den Kapitän Valette, den stellvertretenden Geschwaderchef nach Abgang der Leipzig aus Ostafrika, mit der Bitte, Sadani zu blokieren, um die Versorgung Bana Heris mit Waffen und Munition, wie überhaupt jede Kommunikation desselben mit Sansibar zu verhindern.

Die ersten in dieser Zeit eingetroffenen Berichte aus Pangani und Tanga an den Reichskommissar lauteten günstig. Die nächste Umgebung Panganis hatte sich bis auf den Dörferkomplex Muganda unterworfen. Auch mit diesem hoffte der Stationschef Dr. Schmidt ein friedliches Abkommen treffen zu können. Als er jedoch auf einem Spazierritt, den er allein in jene Gegend machte, von Muganda-Leuten mit Schüssen aus den Gebüschen auf beiden Seiten des Weges empfangen wurde und nur mit genauer Not entkam, sah er sich genötigt, sofort die Rebellen anzugreifen und sie zur Flucht weiter ins Innere hinein zu zwingen. Von der Stationsbesatzung fiel ein Mann und einer wurde schwer verwundet, während die Aufständischen erhebliche Verluste hatten.

In Tanga wurde, nachdem das letzte noch feindliche Dorf in der Umgegend, Timbari, vom Stationschef mit einem Teil seiner Besatzung und einer Matrosenabteilung von 16 Mann zerstört und den Rebellen ihr Vorrat an Munition und Proviant abgenommen war, der bei dem Gros der Bevölkerung beliebte Neger Munikombo als Wali eingesetzt und so auch hier Ruhe und Ordnung vollkommen wiederhergestellt.

5. Kapitel.
Ausbildung des Reichskommissariats.

Mangel an Verwaltungspersonal. — Einrichtung und Geschäftsbereich der Verwaltung in der Schutztruppe. — Verwaltung des vorhandenen Dampfermaterials. — Unterstützung durch deutsche Firmen in Sansibar. — Das Hauptquartier. — Adjutant Bumiller. — Verkehr mit den Arabern und Indern. — Verteilung des Kriegsmaterials auf Stationen. — Das Sanitätswesen und die Hospitäler. — Tod des Stabsarztes Schmelzkopf. — Einexerzierung der Schutztruppe. — Deutsche Kommandos. — Uniformen und Gepäck. — Verteilung der Schutztruppe. — Schwarze Chargen. — Weiße Chargen. — Systematische Ausbildung der Gruppe. — Schießresultate bei Sudanesen und Zulus. — Disziplin der Zulus. — Verhältnis des Kommissariats zu den deutschen Behörden in Sansibar. — Verhältnis zur Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. — Dienst der Wißmann-Flotte.

Die Kämpfe um Bagamoyo, Daressalam, Pangani und Tanga bilden den ersten Abschnitt in der Niederwerfung des Aufstandes. Nach ihrer Beendigung konnte der Reichskommissar mit größerer Ruhe an die weitere Durchführung der ihm gestellten Aufgabe gehen. Während dieses ersten Teils seiner Thätigkeit hatte sich naturgemäß eine vollständige Umbildung des Reichskommissariats in allen seinen Teilen vollziehen müssen, da dasselbe anfangs nur zu sehr den Charakter des Provisorischen an sich trug.

In erster Linie gehörte hierher die Ausbildung der eigentlichen Verwaltung und des Verkehrs mit den wiedergewonnenen oder neugeschaffenen Stationen. Streng genommen stand dem Reichskommissar an geschultem Verwaltungspersonal nur zur Verfügung der Zahlmeisteraspirant der Marine Merkel, der jedoch bald nach seiner Ankunft den Wirkungen des Klimas unterlag. Dagegen war kein Intendanturbeamter, ja nicht einmal eine Art Sekretär vorhanden, sondern es vereinigte sich alles dieses in der ersten Zeit des Kommissariats in der Person von Eugen Wolf, der in der That ein ungemein großes Arbeitsquantum in geeigneter Weise erledigt hat.

Später mußte Wißmann aus seinem Personal an Offizieren diejenigen für die Verwaltung aussuchen, welche hierzu besonders geeignet erschienen. An die Spitze der Verwaltung wurde von ihm der Chef Freiherr von Eberstein gestellt, der sich, obwohl er keine andere Vorbildung mitbrachte als seine in Ostafrika gesammelten Erfahrungen, mit großer Umsicht und anerkennenswertem Fleiß, im Interesse der Sache, diesem ihm ursprünglich gewiß nicht angenehmen Amte widmete. Es gelang ihm auch mit den übrigen ihm unterstellten Beamten die Verwaltung, soweit es eben bei den damaligen Verhältnissen möglich war, in geordnete Bahnen zu lenken.

Daß man an einen Verwaltungsapparat, wie Ostafrika ihn heute hat, wo ein Intendant, ein Landrentmeister, ein Dutzend Zahlmeisteraspiranten, eine Anzahl Sekretäre außer den dazu kommandierten Deckoffizieren und Unteroffizieren dem Gouverneur zur Verfügung stehen, ganz andere Anforderungen stellen kann, liegt auf der Hand.

Nichtsdestoweniger wird von den Gegnern Wißmanns immer die Mangelhaftigkeit der damaligen Verwaltung gegen ihn angeführt.

Und thatsächlich ist auch an leitender Stelle dem Reichskommissar stark verübelt worden, daß sich die Intendantur nicht in ganz ordnungsgemäßen Bahnen bewegt hat.

Um von dem bedeutenden Umfange dieses Verwaltungsgeschäftes ein ungefähres Bild zu geben, mögen hier nur die wichtigsten Zweige desselben kurz erwähnt sein.

Es gehörte dahin die sehr komplizierte Soldberechnung der Truppen, welche bei dem verschiedenen Material auf ganz verschiedener Basis beruhte; die Herstellung und Instandhaltung der Mannschaftslisten, welche hier mehr denn irgend wo anders durch Krankheit, Verwundung und Tod fortwährenden Aenderungen unterworfen waren; ferner die besonders in der ersten Zeit ungemein schwierige Verpflegungsfrage.

In der ersten Zeit des Aufstandes, als die indischen Kaufleute noch nicht nach Bagamoyo und den übrigen Küstenplätzen zurückgekehrt waren und zudem die Zufuhr aus dem Innern mangelte, mußte die gesamte Verpflegung für Offiziere und Mannschaften von Sansibar aus durch die Verwaltungsabteilung besorgt werden. Dieselbe hatte ferner unter sich die gesamten Ausrüstungsgegenstände der Truppe, über welche ebenfalls eine Unzahl von Zu- und Abgangslisten geführt werden mußte.

Das gesamte Kriegsmaterial, ursprünglich in Daressalam untergebracht, unterstand selbstverständlich ebenfalls der Verwaltungsabteilung. Zu Anfang mußten die Journale darüber von den Stationsoffizieren geführt werden.

Daß diese Journalisten unter diesen Verhältnissen sich nicht immer durch absolute Vollständigkeit auszeichneten, liegt in der Natur der Sache. Denn welcher der Frontoffiziere sollte von dem komplizierten Schreibmechanismus der preußischen Verwaltung so durchdrungen sein, daß er alles zur Zufriedenheit der Oberrechnungskammer erledigen könnte?

Weitere Schwierigkeiten entstanden der Verwaltung aus dem vorhandenen Dampfermaterial, welches wiederum ganz neue Kenntnisse bei den Verwaltungsbeamten voraussetzte. Die Kohlenlieferungen, die Reparaturen an den Dampfern, die An- und Abmusterung von Mannschaften — alles dies sind Verwaltungszweige, welche für sich allein schon einen geschulten Verwaltungsbeamten verlangt hätten.