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500 Schwänke

Roda Roda

500 Schwänke

Umschlag von A. Weisgerber
Karikatur von Walter Trier

19. bis 24. Auflage


Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin

Alle Rechte vorbehalten!
Copyright 1922 by Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin.

Druck: Dr. Eysler & Co. A. G., Berlin.

Paul Busson
gewidmet

Die Karikatur ist den Lustigen Blättern entnommen

Wie ich hier sitze,

hat man mich am 13. April 1872 geboren. Nur das Monokel ist etwas später hinzugekommen.

Meine Bildung, soweit von Bildung die Rede sein kann, verdanke ich dem Gymnasium zu Ungarisch-Hradisch. Doch bekam ich, als ich dreizehn Jahre alt war, eine Gouvernante — die bot mir manche Aufklärung, besonders auf biologischem Gebiet.

Anfangs wollt ich mich der Landwirtschaft widmen. Auch mein Vater war Agrarier gewesen — doch im vergeblichen Kampf mit dem Klima hatte er den Glauben an Gott verloren. Infolgedessen erbte ich nur etwas Uhrkette von ihm — die konservativ-patriotische Gesinnung der Landwirte hingegen in so homöopathischer Verdünnung, daß ichs mit ihr kaum elf Jahre beim Militär aushielt.

1901 verließ ich die Armee. Über meine Lebensführung in den folgenden vier Jahren verweigere ich die Aussage.

1905 etablierte ich mich in München als Schriftsteller.

Ich darf mich rühmen, ein selfmade-man zu sein; klomm den mühsamen Pfad der Lyrik hinan — bis es mir gelang, eines Julinachmittags 1906 sechsundvierzig Schüttelreime zu dichten. Dadurch gelangte ich zu einigem Wohlstand. Doch ich verpraßte das Geld nicht, das mir so in den Schoß gefallen war, sondern kaufte dafür ein ausgemustertes Pferd der Königlich Bayerischen Post. Bald konnte ich einen wohlfeilen Göpel erstehen und bespannte ihn mit meinem Pferdchen. Es hieß Sophie. Tagaus, tagein trottete Sophie im Hof rund um den Göpel; ein Transmissionsriemen reichte von unten in meine Stube und trieb hier sechs Schreibmaschinen.

Die Jahreswende 1907 machte Epoche in meinem Leben. Ich erwarb eine kleine Wasserkraft und verkaufte das Pferd an den Hofcharcutier Deininger. Gleichzeitig trat ich in das Alter der Geschlechtsreife und schrieb meinen Entwicklungsroman. Er hatte viel Erfolg. Schon 1908 konnte ich einen Explosionsmotor einstellen und sechs neue Schreibmaschinen mit automatischer Verstabulatur.

Seitdem dichte ich meistens dramatisch, wenigstens vormittags. Zum zweiten Frühstück verfasse ich gern eine Erholungsballade — seis über Konradin, den letzten Hohenstaufen, seis über Cesare Borgia oder König Etzel.

Die Zeit von eins bis fünf ist dem Humor geweiht. Auf dem Weg ins Café Stephanie lasse ich mich von einer jungen Dame begleiten, die neben mir hergaloppiert und meine Gedankensplitter aufzeichnet. Einer oder der andre erweist sich als mißlungen; den werfen wir dann weg.

Von sechs bis sieben plagiiere ich, dann schimpfe ich ein Stündchen über meine Verwandten.

Um acht halte ich meine Hauptmahlzeit — kalter Aufschnitt, den ich aus Pietät von Deininger beziehe. In der Verdauungspause diktiere ich eine feinpsychologische Novelle. Grade in der Annaliese der Frauenseele glaube ich es zu einiger Meisterschaft gebracht zu haben.

So verbringe ich meine Tage. Auf den Nobelpreis aspiriere ich nicht; ich sehe ein, daß da mein Talent ein unüberwindliches Hindernis bildet. Doch ich hoffe, daß es mir gelingen wird, noch zu Lebzeiten in Breslau anerkannt zu werden; ein Schicksal, das bisher keinem Dichter beschieden war.

Roda Roda

500 Schwänke

Der Bräutigam in der Kolonie

Willem Reibetanz hatte eine Farm bei Windhuk und wollte gern auch eine Frau. Er gab ein Inserat ins Hamburger Echo auf.

Es kam zu einem Briefwechsel mit Lina und Käthe Tiedemann. Zuerst zum Spaß und dann im Ernst. Eines Tages reiste Lina zu ihrem Bräutigam nach Windhuk ab.

Lange warteten die Eltern auf eine Hochzeitskunde.

Endlich kam ein Kabel:

„lina ankam gestorbenem zustande verweigere annahme sendet kaethe.“

Respekt

Wir zogen aus dem Wiener Rathauskeller heim — eine ganze Karawane, unbändig aufgelegt — und brüllten in die stille Nacht.

Da kam teufelswild ein Schutzmann auf uns zu und schrie: wir wären verhaftet.

Meine Kusine antwortete:

„Edite, bibite, collegiales ...!“

„Verzeihung,“ stammelte der Schutzmann, „Verzeihung! Die Herrschaften saan Ausländer.“

Die Traurede

Als Lütkes heirateten — Herrgott, war das eine Traurede!

„Aejje die Braautlojte in den haajligen Stand der Aejje träten ...“ — so fing die Rede an und floß unaufhaltsam fort — eine deutsche Meile. Immerzu von der Braut, die der Pastor getaauft, erzoogen und konfirmiirt hatte.

Dann eine kleine Abschweifung zum Bräutigam.

„Ond non, liebe Christen,“ sprach er, „kehren wir zorüück zo der so oft berührten Braaut ...“

Tugend

Der Pfarrer kam zu armen Leuten.

„Eure Tochter ist doch hoffentlich brav und sittsam?“

„Naa, naa, Hochwürden — dazu reicht’s bei uns nöt.“

Die Base

„Wer ist denn die Dame dort, die immer herüberblickt?“

„Meine Kusine.“

„So? Na, für eine Base sieht die Dame Sie aber merkwürdig unverwandt an.“

Das Varieté

„Nichts,“ sagte Komteßchen, „ärgert mich so sehr an der Unfreiheit meiner Mädchenjahre wie das Verbot, ein Varieté zu besuchen. Alle Welt geht ins Varieté — alle Welt redet davon — und ich kann mir nicht einmal im Entferntesten vorstellen, wie es dort aussehen mag.“

„Komteßchen — Varieté, das ist sehr einfach: oben quält ein Kerl wundervoll kluge Hunde, unten schreien die Leute: ‚Bravo‘, und die Musik spielt ‚Deutsche Wacht auf Helgoland‘.“

Die Frau von heute

Der kleine Karl blättert im Modejournal.

„Sieh nur Mama, was für lange Beine jetzt modern sind!“

Die Vorliebe

In Agram war ein Beamter der Landesregierung verurteilt worden und kam ins Zuchthaus nach Lepoglawa.

Er sollte sich eine Beschäftigung nach seinen Neigungen wählen.

„Wissen S’,“ sagte er, „am liebsten tu i halt alleweil regieren.“

Die Initialen

Mein Freund Kurz, der Architekt, wurde nach Tirol berufen — da hatte ein Berliner Kommerzienrat ein Schloß gekauft und wollte sichs einrichten lassen.

Am meisten Kopfzerbrechen machten dem Berliner die Wappen über den Türen. Die fremden Wappen verletzten seinen Besitzerstolz — ein eignes Wappen hatte er nicht — und leer konnten die Stellen auch nicht bleiben.

„Wie wärs,“ sagte Kurz, „wenn wir Ihre werten Initialen hinsetzten?“

„Aber Herr Architekt — ich heiße doch Walter Cohn.“

Fragment

Auch die Frau hat ihre Flegeljahre: wenn ihre Tochter geheiratet hat.

Ordination

„Was fehlt Ihnen?“

„Hinterm Ohr bin ich halt aufgekratzt, Herr Doktor.“

„Aber, Mann, das ist ja schrecklich! Wovon haben Sie denn das?“

„Halt von die schlechten Zeiten, Herr Doktor.“

Das Gymnasium

Wir fanden uns nach zehn Jahren zusammen, wir Abiturienten des Piaristengymnasiums. So wills ein alter Brauch.

Empfang, Festkommers; am nächsten Morgen Messe und Besuch der Schulräume.

Im Lehrerzimmer legte uns der Direktor das Goldne Buch der Mutteranstalt vor. Wir sollten einen klassischen Spruch einschreiben und unsre Namen.

Man einigte sich auf:

„Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben.“

Doch keiner konnt es ins Lateinische übersetzen.

Brautleute

„Wirst du mir immer treu bleiben, Isidor?“

„Bin ich en Prophet, Geliebte?“

Schwabing

„Deine Braut hat ja fabelhafte Erfolge im Kunsthandwerk. Sie soll auf der Ausstellung einen Topf für dreißig Mark verkauft haben?“

„Erst nach der Verlobung. Ursprünglich hatte ich gar nicht beabsichtigt, eine Geldheirat zu machen.“

Das Ehepaar

Mein Freund Röhren, Ende der Fünfzig, hat ein siebzehnjähriges Mädel geheiratet.

Aber hübsch, das muß ich sagen. Ich hätt ihm so viel Geschmack nicht zugetraut.

Ich begegnete Röhrens fünf Wochen nach der Hochzeit.

„Na, Gnädigste ...“ begann ich ...

Er vermutete wohl, ich würde was Unanständiges sagen, und flüsterte mir rasch zu:

„Um Himmels willen — elle ne sait rien.“

Der Pessimist

„Guten Tag, Herr Meier!“

„Oh! Loben Sie den Tag nicht vor dem Abend!“

Politik

Wie wichtig doch alles war, was auf dem Balkan passierte!

Einmal, während der Wiener Delegationssitzungen, erhielt der Minister Kallay folgende Depesche:

„Gatzko in der Herzegowina.

Dem Jowan sind zwei Ochsen gestohlen worden. Was wird Europa dazu sagen?“

Die Pädagogin

Sagt man „que voulez-vous de cela“ oder „— pour cela“?

Als jeder anders entschied, suchten wir die Grammatik. — Nirgends zu finden.

Zum Glück wohnt eine französische Lehrerin im zweiten Stock — die will ich um eine Grammatik bitten.

Sie hatte keine.

„Denn,“ sprach sie mit bezauberndem Lächeln, „— ick hunterrichten nur Erren.“

Vaterliebe

„Was mir meine Söhne für Sorgen machen! Gleich möcht ich den Jakob drum geben, wenn ich nur den Gustav und Moritz nit hätt.“

Königsberg

Herr v. Mollnow kommt in die Buchhandlung und verlangt einen Globus.

Der Buchhändler bringt einen, zwei, sieben — sechzehn.

„Zu groß. Alles zu groß,“ sagt Herr v. Mollnow. „Ich möchte einen Globus, wo Astpreißen allein drauf is.“

Der Spruch

Wir haben Gäste bekommen — und Kathis, unsres Stubenmädchens gute Schürzen sind in der Wäsche.

„So nehmen Sie doch eins von den Zierhandtüchern vor!“ sagt meine Frau.

Kathi bringt die Suppe. Anstelle der Schürze trägt sie ein Handtuch mit der Aufschrift:

„Grüß Gott, tritt ein,

Bring Glück herein!“

Ehe

„Sag, Oskar — was wünschst du dir zum Geburtstag?“

„Das Skelett deiner Mama.“

Naturkraft

„Hohorohoho! Rororohoho!“ dröhnte es vor dem Tor.

Ich schickte den Liftboy hinaus: man möchte die Hengste wegführen, sie störten mich durch ihr Gewieher.

Er kam zurück.

„Verzeihen,“ sagte er, „das sind die beiden Herren Gutsbesitzer aus Mecklenburg. Sie lächeln.“

Traduttore — traditore

Mein Freund Pflanz, der berühmte Übersetzer, ist eben kolossal beschäftigt: er übersetzt Strindberg für einen Leipziger Verleger und Oskar Wilde für Berlin.

Leider kam gestern sein Töchterchen aus, geriet ins Arbeitszimmer und riß die Titelblätter von den Büchern.

Der arme Pflanz ist totunglücklich. Er ist nicht mehr imstande, festzustellen, welches Strindberg ist und welches Oskar Wilde.

Fragment

Die Zweckmäßigkeit der Naturanordnungen äußert sich oft in den kleinsten Dingen. Wie weise, zum Beispiel, daß die Geruchsorgane nicht in den Unterleib verlegt sind!

Bibliophilie

Doktor Massek hat ein populäres Buch geschrieben. Nun kündigt der Verleger es an:

Massek, „Heilung der Hämorrhoiden“

72.—

dasselbe in Geschenkeinband

85.—

dasselbe, Liebhaberausgabe

220.—

Veranlagung

Ich wußte nichts Rechtes zu beginnen.

Da sagte mir Mr. Parson:

„Wir in Amerika sind so weit, daß wir keinen Menschen auf den ungünstigen Platz stellen, und niemand braucht bei uns nachzudenken, welchen Beruf er ergreifen soll. Wir haben das Vokations-Bureau.“

„?“

„Ein Bureau zur Prüfung der individuellen Fähigkeiten. Eine Reihe von tüchtigen Psychologen prüft den Bewerber, stellt Übungen an — und die Art, wie er auf Fragen und Reizworte reagiert, die Form, in der er Gedankengänge entwickelt und Assoziationen knüpft — das alles gibt den Psychologen Anhaltspunkte für die Beurteilung des Bewerbers. Man stellt dem Beobachteten einen Schein aus, der das Ergebnis der Versuche auf eine knappe Formel bringt — und damit ist die Zahl jener Berufe abgegrenzt, die für den Bewerber in Betracht kommen; für die er begabt ist.“

Ich ließ mich im Vokations-Bureau untersuchen.

Mein Zeugnis lautete:

„Mädchenhändler.“

Die Verwandten

Einer der stimmungsvollsten Abende, deren ich mich entsinne: der Vorabend des siebzigsten Geburtstags Onkel Theobalds.

Nachmittag hatte man den alten Herrn unter irgendeinem Vorwand aus dem Haus gelockt, die Nichten schmückten die Räume mit Tannengewinden. Die Familie versammelte sich im Salon. Auf dem Tisch waren die Geschenke aufgebaut.

Als Onkel Theobald ahnungslos seine Wohnung betrat, erkannte er sie nicht wieder: Licht, Glanz und Blumen überall. Edith und Marga spielten vierhändig Onkels Lieblingsstück, die Ouvertüre aus dem „Freischütz“. Die vielen Geschenke — das Wiedersehen mit langentbehrten Freunden: es war zu viel Glück, zu viel für den alten Herrn. Vor Glück und Rührung traf ihn der Schlag.

Was unsre Festfreude noch bedeutend erhöhte.

Es war ein herrlicher, ein wunderbar stimmungsvoller Abend.

Der Junggeselle

„Saan Sö aber heut wieder unwirsch!“

„Haben S’ mi scho amol wirsch gsegn?“

Kommerz

Ein Kerl in Prag hat sich von Pleiner porträtieren lassen und zahlt nun nicht.

Pleiner wollt ihn verklagen. Ich, der Klügere, riet:

„Mensch, erkundig dich doch erst, ob dein Schuldner auch was hat. Sonst mußt du am Ende die Gerichtskosten obendrein bezahlen.“

Richtig, Pleininger erkundigte sich.

Vom Kaufmännischen Kreditbureau kam folgende Auskunft:

„Angefragter kauft nur bei slawischen Firmen ein, unterstützt den tschechischen Schulverein, auch ist Verdacht des Antisemitismus nicht ausgeschlossen.“

Die Gentlemen

Im Garten der Irrenanstalt, Zahlabteilung, trafen zwei Herren zusammen und stellten sich vor:

„v. Krowitz — Verfolgungswahn.“

„Sehr angenehm. Huber — weiße Mäuse.“

Haussegen

„Nord, Süd, Ost, West —

Daheim ist das Biest.“

Humanistik

Als ich Sextaner war, spielte sich eine Szene ab, die jetzt noch hie und da meine Träume beunruhigt:

Es war in einer sommerlichen Lateinstunde — ich hatte einen Kork auf mein Taschenmesser gespießt und trommelte damit leis unter der Bank. Der Lehrer, Doktor Weber, erwischte mich, schrieb mich ins Klassenbuch und sprach:

„Noch fehlt dir die Einsicht für dein Tun, unglückseliger Knabe! Doch je mehr dein Verstand reifen wird, desto furchtbarer wird dich die Reue verfolgen dafür, daß du einst mit einem aufgespießten Kork unter der Bank getrommelt hast.“

Ankündigung

Wichtig für Fremdenhotels, Sommerfrischen, Wirte auf dem Land:

Patentbarometer „Tourist“,
stets steigend,

zeigt nur bestes Wetter an und verhindert dadurch vorzeitige Rückkehr der Sommergäste nach der Stadt.

Bändiger der Jugend

Mein Neffe ist auf dem Gymnasium. Gestern bringt er mir die Nachricht heim: er werde nicht in die nächste Klasse aufsteigen.

Ich wunderte mich sehr, denn der Junge hatte das Jahr über doch in allen Gegenständen soweit entsprochen.

Der Rektor gab es auch unumwunden zu, als ich ihn fragte. Karl wäre sogar ein verhältnismäßig begabter Schüler — in Untertertia.

„Aber,“ sagte er, „für Obertertia fehlt dem Jungen noch die nötige sittliche Reife.“

Fremdwörter

„Wenn ich ‚Jupon‘ höre, denk ich immer an was Elegantes — und bei ‚Unterrock‘ immer an was Schmieriges.“

Der Familienvater

„Haben Sie Kinder, Herr Baron?“

„Ja. Drei.“

„Und wie heißen sie?“

„Paul Schulz, Paul Wernicke und Paul Themaier.“

Fortifikation

Dem Kommandanten der Festungsfeuerwehr meldete man eines Tages Großfeuer — Fort 2, Objekt C.

„Unsinn,“ sagte er. „Das Objekt C im Fort 2 ist von feuersicherm Material erbaut, mit Asbest gedeckt und enthält ausschließlich imprägnierte Gegenstände.“

Er fuhr aber doch hin.

Als er hinkam, lag das Objekt da — ein rauchender Schutt.

Nur die Signalraketen fand man unversehrt unter den Trümmern.

Parlamentarismus

Der Sprecher der Mittelpartei führte seinen neuen Kollegen, Herrn v. Jaritz, im Reichstagsgebäude umher.

Da sagte Herr v. Jaritz, der Neuling:

„Sitzungssaal, Büffett, Kommissionszimmer, Klosetts — allens schön un jut. Aber nu, Herr Parteijenosse, im Vertrauen: wo is die Regierungskrippe?“

Ein Druckfehler

Die alten Deutschen tranken immer nach eins.

Italien

Im Dogenpalast sah ein Ehepaar aus Zwickau die Bilder an — sie sah hin, und er las ihr aus dem Baedeker vor.

Er hatte eine falsche Stelle aufgeschlagen, die Accademia di Belle Arti. Zum „Einzug Heinrichs III.“ las er:

„Giambino, Jesus unter den Heiligen.“

So gings durch sechs Säle. Endlich, vor Bellinis „Beweinung Christi“, sprach der Zwickauer:

„Hier steht: Molyn, Schlittschuhläufer. Gathrin, gloobe mir, das gann nich stimmen.“

Aus dem Gerichtsrepertoire

Montag, den 15. August: Alimentationsklage der unverehelichten Helene Mahr gegen Kellermann und Genossen.

Hofbräuhaus

„Die Kulturentwicklung der modernen Menschheit erheischt im Interesse einer weitern Ausgestaltung der dem Manne immanenten Triebe ...“

„Sö! Noch Ein Wort — un i hau Eahna a Fotzen hinein.“

Der Kaufmann

Die Spinnerei von Moritz Keller steht in Flammen. Fiebernde Aufregung in der Stadt.

Moritz Keller ist verschwunden. Endlich, gegen Mittag, findet die besorgte Familie ihn im Kontor von Enesberger & Söhne, Wollwaren en gros.

„Vater,“ rufen die Söhne, „Moritz,“ schreit die Frau — „was treibst du hier, während dein Haus brennt?“

„Nu, wie ich gesehn hab anfangen den Brand, hab ich kalkuliert: nu krieg ich doch ä größere Summe von der Versicherung. Nu kann ich doch aber ä größere Summe nicht gleich verwerten, denn die Spinnerei wird verbrännt sein. Hab ich gemacht mit Enesberger Söhne en Eventualvertrag auf stille Beteiligung mit 300 Mille — für den Fall, daß meine Spinnerei abbrennt. Nu bin ich aber neugierig: is se richtig abgebrännt?“

Familienfreuden

„Denken Se sich — erhalte eben Depesche — bin Vater jeworden.“

„Na — und Jnädigste wohlauf?“

„Wenn die bloß nischt von erfährt.“

Pardon

Ähnlichkeit der Trachten führt oft zu unangenehmen Verwechslungen.

Im Flur des Hotels Britannia zu Braunschweig stand ein Mann in blauem Frack mit blanken Knöpfen.

Ich drückte ihm eine Mark in die Hand und ersuchte ihn, mir die Gummischuhe abzuziehen.

Erst als er mir eine Ohrfeige gab, bemerkte ich, daß er ein braunschweigischer Kammerherr war.

Das Geheimmittel

„Sie kündigen da eine neue Salbe gegen kalte Füße an, ‚kolossal wirksam, die beste der Gegenwart, der Tigel zu zwölf Mark in jedem Laden‘. — Sagen Sie mal aufrichtig: glauben Sie selbst an das, was Sie ankündigen?“

„Na, zum Teil glaub ichs schon.“

„Und was glauben Sie?“

„Daß der Tigel im Laden zwölf Mark kostet.“

Bescheidenheit

„Wenn ich bei Tisch nur bequem sitze, liegt mir nichts daran, wenns auch ein Gericht mehr gibt.“

Hof

Die Hysterie der Komtesse ist so schlimm geworden, daß man endlich einen berühmten Spezialisten konsultiert.

Er untersucht die Kranke — er reibt sich verlegen die Hände — wie soll ers der Gräfin-Mutter nur sagen?

Und endlich beginnt er:

„... Gräfin, es gibt ein Mittel, das die Heilige Schrift empfiehlt — in dem Vers: Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Komtesse müßte ... heiraten.“

„Glauben Sie, Herr Professor? Aber meine Tochter ist drei Jahre Hofdame gewesen, und es hat ihr nicht geholfen.“

Nahrungsmittelchemie

„Ich habe zwei Häuser auf Abbruch gekauft.“

„Sind Sie denn Baumeister?“

„Nein, Paprikafabrikant.“

Literatencafé

„Man muß an Napoleon mit Sympathie denken: er hat einen deutschen Verleger erschießen lassen.“

Die Galoschen

Ich traf Frau Eder auf der Promenade.

„Wohin des Wegs, Gnädigste?“

„Ach, denken Sie sich: ich habe wieder einmal meine Galoschen verloren ...“

„Na, Gnädigste, das Polizeifundbureau ist ja nebenan — versuchen Sie doch Ihr Glück! Ich begleite Sie.“

Wir hatten noch kein Wort gesprochen — da überreichte uns der Beamte die Galoschen. Er kannte schon Frau Eder und kannte auch genau ihre Gummischuhe.

Der Offizier

„Ick bin vor milde Handhabung des Militärstrafrechts. Dienst an sich is Strafe jenuch.“

Der Konservative

Der alte Graf Bardy ließ sich endlich, endlich bewegen, ein Telephon anzuschaffen.

„Na, Papa,“ riefen die Söhne, „ist es nicht wunderbar? Jetzt hast du, ohne dich aus dem Haus zu rühren, mit der Agathetant gesprochen.“

„Ja,“ sagte der alte Bardy, „gesprochen hab ich schon mit ihr. Aber glauben? Glauben tu ich an den Schwindel deßtwegen net.“

Der Ausweg

In der ersten Kavalleriebrigade dienten einmal zwei Prinzen: der eine war General und Chef der Brigade — der andre Oberst und Kommandant der Wilhelm-Ulanen. Der Oberst war also — seinem militärischen Rang nach — dem General unterstellt.

In der Hofrangliste aber standen Seine Kaiserliche Hoheit, der Oberst obenan.

Darauf taten sich Seine Kaiserliche Hoheit, der Oberst was zugut.

Darüber ärgerten sich wieder Seine Königliche Hoheit, der General.

Und schrieben in die Qualifikationsliste Seiner Kaiserlichen Hoheit: Seine Kaiserliche Hoheit, der Herr Oberst wären zum Regimentskommandanten völlig ungeeignet.

Im Präsidialbureau des Kriegsministeriums gabs infolge dieses unerhörten Vorfalls einige Verwirrung. Man konnte doch den hohen Herrn Obersten nicht davonjagen; noch weniger das harte Urteil des Prinzen und Generals ignorieren.

Endlich fand man einen Ausweg: man pensionierte den Oberstleutnant Zoufalik, zweitältesten Stabsoffizier des Regiments Wilhelm-Ulanen.

Die Berufsparalyse

Bei Sardiniendragonern stand ein Rittmeister Graf Trotzki.

Eines Tages große Aufregung: Trotzki hatte es mit der Paralyse.

Der Oberst ließ ihn beobachten, und der Stabsarzt meldete nach ein paar Wochen den Befund: von Paralyse wäre keine Rede; höchstens eine leichte Störung — doch: auch die sei schon behoben. Der Stabsarzt ließ durchblicken: Trotzki habe simuliert.

So ein Schlaumeier, der Trotzki! Die Garnison hatte ihm nicht gepaßt — da stellte er sich einfach paralytisch, um in den diplomatischen Dienst zu kommen.

Die Skeptische

„Ich höre, Sie sind Braut, Fräulein — ich gratuliere.“

„Gott, wenn man sich ein bißchen verlobt hat, ist man doch nicht gleich Braut.“

Fragment

Es gibt, Gott sei Dank, noch Schauspielerinnen, die sich niemals in Hosenrollen zeigen würden: die schlecht gewachsenen.

Chemie

In Zara hatte ein Weinwirt seine Frau vergiftet. Man übergab die Giftreste einem Gerichtschemiker zur quantitativen Analyse, und er stellte fest:

Wasser

91,0%

Arsenik

 8,7%

Spuren von Kieselsäure.

Ein andrer Chemiker sollte die Analyse nachprüfen. Er fand:

Wasser

93,0%

Strychnin

 6,8%

Spuren von Kochsalz.

Man rief den Sanitätsrat um ein Endgutachten an. Das Gutachten lautete:

Wasser

92,0%

Arsenik

 8,7%

Strychnin

 6,8%

Spuren von Kochsalz und Kieselsäure.

Sport

„Ich angle jetzt. Sie können sich nicht denken, wie aufregend das ist.“

„Angeln — aufregend?“

„Ja. Ich habe nämlich keine Fischkarte.“

Wohltätigkeit

Frau Bermann, die Philanthropin, hatte ein Säuglingsheim gegründet und lief bei den Spitzen der Gesellschaft um — mit einem Erpressungsbogen.