ROMAIN ROLLAND
PETER UND LUTZ
EINE ERZÄHLUNG
MIT SECHZEHN HOLZSCHNITTEN
VON FRANS MASEREEL
MÜNCHEN
KURT WOLFF VERLAG
Einzig berechtigte Übertragung von
Paul Amann
Copyright 1921 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München
Printed in Germany
Thaliae Amicae
Die Erzählung
umfaßt den Zeitraum vom 30. Januar 1918
(Mittwochabend) bis zum Karfreitag
desselben Jahres (29. März)
Peter versank in die Tiefe der Untergrundbahn. Rohe, fiebrig erregte Menge. In einen Block von Menschenleibern eingekeilt, atmete er die schwere Luft, die durch aller Lungen ging; er stand dicht bei der Waggontüre; blicklos waren seine Augen zur schwarzen, dröhnenden Tunnelwölbung gekehrt, unter der die grellblanken Pupillen des Zuges hinglitten. In Peters Innern prallte auch so eine harte, zuckende Helligkeit an schwere Finsternis. Er meinte unter seinem hochgeschlagenen Winterrockkragen zu ersticken; die Arme drückte er dicht an den Leib und hielt die Lippen krampfhaft geschlossen; seine schweißfeuchte Stirn trafen eisige Schauer, wenn bei aufgerissener Türe ein Hauch von draußen eindrang; in dieser Lage wollte er am liebsten nicht mehr atmen, nicht mehr denken, nicht mehr leben. Das Gemüt des Achtzehnjährigen — fast schien er noch ein Kind — war voll dumpfer Verzweiflung. Da oben über ihm, über dieser finsteren Wölbung, über diesem Rattengang, durch den das metallene Ungetüm voll gespenstigen Menschengekribbels dahinschoß — da oben war Paris, war der Schnee, die kalte Januarnacht, der Alpdruck des Lebens und des Sterbens — war der Krieg.
Der Krieg. Seit vier Jahren war er da, hatte sich ins Leben eingefressen. Mit seiner ganzen Schwere hatte er auf Peters Jugend gelastet. Er hatte den Jüngling gerade in der entscheidenden Epoche überfallen, da er durch die Unrast erwachender Sinne erschüttert, tierhafter, blinder, zermalmender Kräfte gewahr wird, der Kräfte des Lebens; des Lebens, das er doch gar nicht verlangt hat. Ist nun so ein Junge, wie es Peter war, von Haus aus zart, ist sein Gemüt so weich und sein Leib so schmächtig, dann packt ihn — ohne daß er sich traut, es wem einzugestehen — ein Ekel, ein Grauen vor dem Schmutz, vor der Gemeinheit, vor dem Blödsinn dieser ewig zeugenden, ewig verschlingenden Natur — vor dieser werfenden Sau, die ihre Jungen frißt . . . In jedem jungen Menschen zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Lebensjahre regt sich etwas von Hamlets Seele. Wie kann man von ihm Verständnis für den Krieg verlangen! (Eure Sache, Ihr gesetzten Männer!) Er hat schon daran gerade genug, das Leben zu verstehen — und ihm zu verzeihen. Gewöhnlich verkriecht er sich in ein Traumland und ins Reich der Kunst, bis er sich mit der Tatsache seiner Fleischwerdung abgefunden hat, der gefährliche Übergangszustand der Verpuppung glücklich überstanden ist und der Falter ausschlüpfen kann. In jenen wirren Vorfrühlingstagen des Lebens bedarf er so sehr des Friedens und der Sammlung! Aber gerade da holt man ihn aus seinem Schlupfwinkel, entreißt ihn mit roher Gewalt schützendem Dunkel, mit seiner noch so verletzlichen neuen Hülle stößt man ihn an die rauhe Luft, mitten ins harthäutige Menschengeschlecht; dessen Haß und Tollheit soll er sich sofort zu eigen machen, ohne sie zu begreifen; ohne sie zu begreifen, soll er dafür büßen.
Als Achtzehnjähriger war Peter schon assentiert. In einem halben Jahre wird das teure Vaterland sein junges Fleisch brauchen. Der Krieg lechzte darnach. Sechs Monate war noch Schonzeit. Sechs Monate! Wenn man wenigstens bis dahin nicht nachzudenken brauchte! In dieser Unterwelt bleiben! Den grellen Tag nicht mehr sehen müssen! . . . Mit dem hinfliegenden Zuge tauchte er ins Dunkel und schloß die Augen . . . Als er die Augen wieder auftat — stand ein paar Schritte weiter, durch die Körper von zwei fremden Menschen von ihm geschieden, ein junges Mädchen, das eben eingestiegen war. Zuerst erkannte er im Schlagschatten des Hutes nur ihr zartes Profil, dann das Blond einer Locke auf der schmalen Wange, ein Glanzlichtchen auf der lieblichen Biegung dieser Wange, die feine Linie der Nase und der geschürzten Oberlippe, die noch vom raschen Laufe zitterte. Durch die Pforte seiner Augen ging sie ein in sein Herz, trat hinein ganz und gar, und die Pforte schloß sich hinter ihr. Das Lärmen der Außenwelt schwieg. Stille. Friede. Sie war da.
Sie sah nicht nach ihm hin. Sie wußte noch gar nicht, daß er auf der Welt war. Und doch war sie in ihm. Er hielt ihr stummes Bild zärtlich in den Armen und wagte nicht zu atmen, damit sie nicht einmal sein Atem berühre . . .
Bei der nächsten Station kam wilde Bewegung ins Gedränge. Schreiende Leute stürzten in den schon überfüllten Wagen. Peter verspürte den Anprall und tragenden Druck der Menschenwelle. Über dem Tunnel, oben über der großen Stadt, ein dumpfes Krachen. Der Zug fuhr weiter. In diesem Augenblicke rannte in wahnsinniger Angst ein Mensch die Treppe hinunter, indem er die Hände vors Gesicht hielt und — jetzt kollerte er ganz hinunter. Man sah gerade noch, wie ihm Blut zwischen den Fingern floß . . . Dann kam wieder der finstre Tunnel. Im Waggon Schreckensrufe: die Flieger sind da! . . . In der gemeinsamen Gefahr, darin diese gepferchten Leiber zu einem Körper verschmolzen, hatte Peters Hand die Hand ergriffen, die er dicht neben der seinen fühlte. Und wie er die Augen hob, da war es Sie.
Sie machte sich nicht los. Dem Drucke seiner Finger antworteten ihre Finger, erst etwas krampfig und aufgeregt, dann sanft hingegeben, brennend heiß und regungslos. So verharrten ihre Hände im schützenden Dunkel wie zwei Vögelchen, die im selben Neste kauern; und ihr warmes Herzblut floß in einem Strome durch ihre verknüpften Hände. Sie sprachen kein Wort und regten sich nicht. Die Lippen des Burschen streiften beinahe die Locke auf ihrer Wange und ihr Ohrläppchen. Sie blickte ihn nicht an. Zwei Stationen weiter löste sie ihre Hand aus der seinen, die ihr gleich nachgab, schlüpfte leicht durchs Gedränge und war weg, ohne ihn überhaupt angesehn zu haben. Erst als sie verschwunden war, fiel’s ihm ein, ihr zu folgen . . . Zu spät. Der Zug war im Fahren. Bei der nächsten Haltestelle stieg Peter an die Oberwelt. Da war wieder Nachtluft, ein Kitzeln unsichtbaren Schneeflaums und die geängstigte Riesenstadt, die ihre Furcht schon wieder als Abenteuer genoß, während hoch über ihr noch Kriegsvögel schwirrten. Peter aber sah nichts als jene, die in ihm war; er ging heim, Hand in Hand mit der Unbekannten.
Peter Aubier wohnte bei seinen Eltern nächst dem Cluny Platz. Sein Vater war ein höherer Gerichtsbeamter, der sechs Jahre ältere Bruder war bei Kriegsausbruch als Freiwilliger hinausgezogen. Es war eine gute, echt französische Bürgerfamilie, warm fühlende, brave Leute von menschenfreundlichster Gesinnung, die aber nie gewagt hatten, einen selbständigen Gedanken zu fassen. Der Gerichtspräsident Aubier war durch und durch Ehrenmann und hegte eine hohe Auffassung von seinen Standespflichten. Als ärgsten Schimpf hätte er die leiseste Andeutung zurückgewiesen, seine richterlichen Entscheidungen könnten jemals nicht bloß von Recht und Gewissen eingegeben sein. Aber dieses Gewissen hatte noch nie ein Wort gegen die Regierung gesprochen (besser gesagt: geflüstert). Es war von Geburt an amtlich-korrekt. Sein Denken war eine Funktion des Staates, veränderlich, aber immer unanfechtbar. Die bestehenden Gewalten erschienen ihm in gottgewollter Unfehlbarkeit. Dabei bewunderte er aufrichtig die ehernen Charaktere der hohen Richtergestalten vergangener Tage, die so frei und unbeugsam ihre Bahn geschritten waren; vielleicht hielt er sich sogar insgeheim gewissermaßen für deren Geistesverwandten. So war er etwa eine Miniaturausgabe des Michel de l’Hospital, nur daß eben ein Jahrhundert republikanischer Knechtung über ihn weggegangen war. — Frau Aubier war eine musterhafte Christin, wie ihr Gemahl ein musterhafter Republikaner. So wie der sich im besten Glauben, mit dem ehrlichsten Gefühl erfüllter Pflicht, zum Werkzeug gegen jede staatlich nicht patentierte Freiheitsregung gebrauchen ließ, so erhob sie in aller Reinheit ihres Herzens ihre Stimme fromm im Chor der menschenschlächterischen Kriegsgebete, wie sie damals in jedem Lande Europas katholische Priester, protestantische Pastoren, Rabbiner und Popen gen Himmel schickten, in schönem Einklange mit den gutgesinnten Zeitungen und Leuten dieser Epoche. Beide, Vater und Mutter, liebten ihre Kinder abgöttisch, hatten als echte Franzosen eigentlich nur für sie ein ganz tiefes, inniges Gefühl und würden ihnen jedes Opfer gebracht haben, brachten jetzt aber ohne Bedenken eben diese Kinder zum Opfer dar, weil die andern Leute auch so taten. Wem galt dies Opfer? Dem unbekannten Gott. Immer wieder hat Abraham seinen Isaak zum Brandaltar geführt. Und seine berühmt gewordene Narretei gilt der bedauernswerten Menschheit immer noch als Vorbild.
Wie das so oft vorkommt, war in diesem Familienleben zwar die Liebe groß, aber es gab gar keinen vertraulichen Verkehr zwischen Eltern und Kindern. Wie sollte man sich einem andern ganz eröffnen, wenn eine gewisse Scheu einen abhält, sich selber ganz klare Rechenschaft zu geben von dem, was man empfindet? Was immer in einem vorgehen mochte, man wurde das Gefühl nicht los, gewisse Dogmen müßten unangetastet bleiben: war das schon reichlich unbequem, wo die Dogmen brav in säuberlich begrenztem Gebiete verblieben (so stand es im ganzen mit allem, was das Jenseits betraf), was sollte man erst anfangen, wenn dergleichen gar ins Leben eingreifen, es in jeder Hinsicht bestimmen wollte, wie der neumodisch-unkirchliche Dogmenzwang tut? Wie dem Dogma Vaterland entrinnen? Die neue Religion brachte alttestamentarische Zustände wieder. Sie begnügte sich nicht mit bloßem Lippendienst und harmlosen, der Gesundheit zuträglichen oder komischen Übungen, wie Beichte, Fasten am Freitag oder Sonntagsruhe, an denen sich der Witz der „Philosophen“ hatte üben dürfen, nämlich in der guten alten Zeit, da das Volk noch frei war — unter den Königen. Die neue Religion wollte einfach alles für sich, mit weniger gab sie sich nicht zufrieden: den ganzen Menschen, seinen Leib, sein Blut, sein Leben und sein Denken. Vor allem aber sein Blut. Seit den Tagen der mexikanischen Azteken hatte sich keine Gottheit so sattgetrunken an Blut. Dabei täte man diesen Gläubigen bitter Unrecht mit der Annahme, sie litten nicht unter ihren Opfern. Sie litten und glaubten. Ihr meine armen Menschenbrüder, denen Leid ein Beweis göttlicher Nähe ist! . . . Das Ehepaar Aubier litt wie die andern und warf sich in den Staub wie die andern. Aber von einem Halbwüchsigen konnte man wirklich nicht verlangen, daß er den Schrei seines Menschenherzens übertäube, die Stimme seiner Menschensinne und seiner Menschenvernunft. Peter hätte so gern wenigstens genau begriffen, was da so bedrückend auf ihm lag. Wie viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, ohne daß er sie aussprechen durfte! Denn als Erstes drängte sich ja der Herzensschrei hervor: „Aber ich glaube ja gar nicht daran!“ Schon das wäre Gotteslästerung gewesen. — Nein, er konnte nicht reden. Wie sie ihn ansehen würden! In starrem Entsetzen, entrüstet, mit Kummer und Scham! Und da er im Alter stand, wo die Seele noch bildsam ist, wo ihre überzarte Membran sich vor jedem Windhauch kräuselt und in Falten legt und, unter so flüchtigen Fingern erschauernd, festere Gestalt annimmt, so war er, ohne gestanden zu haben, doch schon voll Trauer und Scham. Ach, wie felsenfest sie alle daran glaubten! (Aber ob nur alle wirklich daran glaubten?) Wie machte man das? — Er traute sich nicht zu fragen. Als einzig Ungläubiger inmitten einer gläubigen Menge ist man wie einer, dem ein Organ fehlt — ein vielleicht überflüssiges Organ — aber eins, das alle übrigen besitzen; so birgt man denn errötend seine Blöße vor ihren Blicken.
Der einzige, der in diesen Seelennöten der Vertraute des Jungen hätte sein können, war der ältere Bruder. Philipp war für Peter ein Gegenstand jener schwärmerischen Verehrung, mit der Halbwüchsige (ohne sich’s irgend merken zu lassen) zu älteren Brüdern, Schwestern oder fremden Weggenossen aufsehen, ja auch zu Menschen, die ganz flüchtig aufgetaucht und wieder verschwunden sind — weil sie ihnen als reine Verkörperung des Ideals erscheinen, dem sie in Lebens- und Liebesahnung zustreben: in diesem bewundernden Aufblick liegt keusche Glut und dumpferer Drang, der Zukunft will. Der große Bruder hatte diese kindliche Huldigung wohl gemerkt und fühlte sich geschmeichelt. Bis in die letzte Zeit war er stets bemüht gewesen, im Herzen des Jungen zu lesen und das Gelesene schonungsvoll zu deuten: denn trotz seiner kräftigeren Natur war er, wie der Jüngere, aus jenem feinen Stoffe geformt, der die besten Männer noch etwas frauenhaft erscheinen läßt, ohne daß sie sich dessen schämen. Aber da kam der Krieg und riß ihn aus Leben und Arbeit, aus seinen naturwissenschaftlichen Studien, aus seinen Jünglingsträumen und dem innigen Verkehr mit dem jüngeren Bruder. Im hochgespannten Rausch der ersten Kriegstage hatte er alles stehen und liegen lassen und war hinausgestürmt; wie sich ein großer Vogel toll in den Raum wirft, so wollte der reine, heldische Tor mit Schnabel und Fängen der Ära der Kriege ein Ende machen, das Reich des ewigen Friedens aufrichten auf Erden. Seitdem war der große Vogel zwei, drei Mal ins Nest zurückgekehrt; doch waren ihm leider jedesmal wieder ein paar Schwungfedern ausgerupft. So mancher holde Wahn war dahin, aber er konnte sich nicht überwinden, es einzugestehen. Daß er daran geglaubt hatte, war ihm jetzt Scham und Demütigung. Er war dumm genug gewesen, das Leben nicht so zu sehen, wie es ist. Jetzt war er unerbittlich im Bestreben, es allen falschen Zaubers zu entkleiden und doch mit stoischer Kraft zu bejahen, wie immer es sein mochte. Aber er kehrte seine Stacheln nicht nur gegen sich selbst; in seiner Verbitterung verfolgte er seine Illusionen bis ins Herz des Bruders, wo er sie wie alte Bekannte wiederfand. Als er zum ersten Male nach Hause kam, flog ihm Peter mit der ganzen Glut seiner eingemauerten Seele zu, fühlte sich aber sogleich durch die Art und Weise des Heimkehrers schmerzlich abgekühlt; das Wiedersehen war ja gewiß noch sehr herzlich, aber in der Stimme des Bruders lag ein so scharf ironischer Klang! Die Fragen, die sich auf seine Lippen drängten, wurden jäh zurückgescheucht. Philipp sah diese Fragen auftauchen, aber mit einem Blick fegte er sie weg. Nach zwei, drei fruchtlosen Annäherungsversuchen zog Peter die Fühler seines Herzens ein und verkroch sich in sich selbst. Er kannte den Bruder gar nicht wieder. Der andere erkannte den Zustand des Jüngeren nur zu gut. Sah er doch in ihm wieder, was er noch unlängst selber gewesen war und nun nicht mehr zu sein vermochte. Das ließ er ihn büßen. Nachher tat es ihm leid, aber das ließ er sich nicht merken und fing immer wieder an. Beide litten darunter; und da begann das allzu häufige Mißverstehen zu wirken, daß ihr gemeinsames Leid, statt sie einander nahezubringen, sie sich noch ganz entfremdete. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Ältere wußte, wie nah verwandt ihre Qualen waren, während Peter damit ganz allein zu stehen meinte, ohne eine Seele, der er sein Herz erschließen durfte.
Warum wandte er sich denn nicht an seine Altersgenossen, an die Schulkameraden? Hätten denn nicht vor allem diese jungen Leute sich enger zusammenschließen und aneinander eine Stütze finden sollen? Aber das trat durchaus nicht ein. Ein trauriges Verhängnis hielt sie vielmehr völlig zersplittert, in kleine Gruppen verzettelt, und noch innerhalb der letzten Grüppchen verhielt man sich kühl und mißtrauisch. Die gewöhnlichsten Naturen hatten sich mit geschlossenen Augen kopfüber in den Strom der Kriegsbegeisterung gestürzt. Die meisten hielten sich fern davon, fühlten sich mit den vorangegangenen Generationen keineswegs verknüpft, teilten durchaus nicht deren Leidenschaften, weder in Hoffnung noch Haß; sie sahen dem rasenden Geschehen zu, wie Nüchterne dem Treiben Betrunkener. Aber wie sich dagegen wehren? Viele gründeten Zeitschriftchen, deren schwaches Leben nach den ersten Nummern aus Luftmangel erlosch; die Zensur machte nicht viel Federlesens. Frankreichs Geistesleben wurde wie unter der Glocke einer Luftpumpe erstickt. Die Hochstehenden unter diesen Jünglingen fühlten sich zu schwach zur Auflehnung, zu stolz zur Klage und lebten einfach im Gefühle dahin, dem Kriege ans Messer geliefert zu sein. Wie in einem Schlachthause warteten sie, bis sie an der Reihe waren: bis dahin machten sie in all er Stille ihre Beobachtungen und bildeten sich ein Urteil; in ihrem Blick lag etwas Verachtung und viel Ironie. Sie sahen auf die umnachtete Herde herab und stürzten sich, des Widerspruches wegen, in eine übertriebene geistige und künstlerische Verfeinerung ihres Ich, in einen ideal gefärbten Sinnenkult, mit dem die gefährdete Individualität ihr Recht gegen die Übergriffe der menschlichen Gemeinschaft behaupten wollte. Welch Spottgebild einer Gemeinschaft, die sich diesen Jünglingen nur als gemeinschaftlich verübtes oder erduldetes Morden darstellte! Frühreife Erfahrung hatte ihre schönen Träume welk gemacht: sie hatten gesehn, wie solche Träume bei ihren älteren Brüdern greifbare Gestalt annahmen, und sie, die doch nicht daran glaubten, sollten mit ihrem Leben dafür bezahlen! Sie hatten auch zu den Menschen ihres Alters kein rechtes Vertrauen mehr; auch ihr Glaube an die Menschheit im allgemeinen war erschüttert. Zudem konnte einem um diese Zeit Vertrauensseligkeit teuer zu stehen kommen! Jeden Tag hörte man, daß irgend jemandes Gedanken und Privatgespräche von patriotischen Spitzeln verraten wurden, deren Eifer die Regierung ehrte und anfeuerte. Entmutigung, Menschenverachtung, Klugheit und stoisches Gefühl seelischer Einsamkeit bewirkten, daß die jungen Leute sich kaum je aussprachen.
Peter konnte in diesem Kreise nicht den Horatio finden, den solche achtzehnjährige Hamlets immer suchen. Es graute ihm davor, sein Denken der öffentlichen Meinung hinzugeben (diesem öffentlichen Weibe), aber es war ihm umso tieferes Bedürfnis, innige Vereinigung mit frei gewählten Seelen zu suchen. Er war zu warm und weich, um ganz für sich bleiben zu können. Er litt am Leiden der Gesamtheit. Dieser Berg von Qual erdrückte ihn, zumal er seine Masse überschätzte: denn die Menschheit erträgt eben all dies, weil ihr Fell etwas härter gegerbt ist als die neue Haut eines zarten Jünglings. — Aber eines übertrieb und überschätzte er sicher nicht und es drückte ihn schwerer als die Qual der Welt: dies war ihr idiotischer Stumpfsinn.
Leiden und selbst der Tod sind nichts, wenn man weiß wofür. Jedes Opfer ist gut, dessen Warum man begreift. Aber was ist dies Warum? Was ist in Jünglingsaugen der Sinn der Welt und ihrer zerstörenden Umwälzungen? Kann ein gegen sich selber ehrlicher, gesunder Bursche wirklichen Anteil nehmen an der rohen Balgerei der Nationen, die wie blödsinnige Widder mit den Hörnern gegeneinander rennen, hart am Rande des Abgrunds, in den sie alle stürzen werden? Und doch wäre die Straße breit genug für alle. Warum also solch rasende Selbstvernichtung? Warum diese hochmütigen Vaterländer, die Raubstaaten und die Völker, die man morden lehrt wie eine heilige Pflicht? Warum dies allgemeine Gemetzel unter allen Wesen? Diese Welt, die sich selber auffrißt? Warum dies unheimliche Schreckbild einer endlosen Kette des Lebendigen, darin jeder Ring die Zähne in den Nacken des nächsten Ringes einhaut, sich von seinem Fleische nährt, von seinem Tode lebt? Warum der Kampf und warum der Schmerz? Warum der Tod? Warum das Leben? Warum? Warum? . . .
Dies Warum schwieg, als der Junge an jenem Abende heimkam.
Und es war doch nichts anders geworden. Er stand wieder in seinem Zimmer in einem Wirrwarr von Büchern und Papieren. Rings die altbekannten Geräusche. Auf der Straße unten verkündigten Hornsignale das Ende des Fliegeralarms. Von der Treppe her vernahm man das befriedigte Schwatzen der Hausparteien, die aus dem Keller heraufstiegen. Aus dem oberen Stockwerke hörte man das endlose Auf- und Abrennen des rappligen Nachbars, der seit Monaten auf die Rückkehr seines verschollenen Sohnes wartete. — Doch seine gewohnten Sorgen und Ängste — die lauerten nicht mehr im Zimmer. Wird einmal ein unvollkommener Akkord angeschlagen, so klingt er rauh und wirft Unruhe in unsere Seele, bis der eine Ton hinzukommt, der die feindseligen oder kühl fremden Einheiten erst zu einem Ganzen verschmilzt wie gegenseitig unbekannte Gäste, die gewartet haben, bis man sie einander vorstellt. Sofort ist dann das Eis gebrochen, und schöner Einklang strömt von Mensch zu Mensch. Bei Peter hatte die heimliche Berührung einer warmen Hand diese wunderbare Verwandlung bewirkt. Er wußte nicht, woher der neue Zustand kam; jedes Zergliedern lag ihm jetzt ganz fern. Er spürte nur, wie die gewohnte Tücke der Dinge plötzlich besänftigt war. So haben sich etwa stechende Schmerzen in unserem Kopfe auf Stunden häuslich eingerichtet: auf einmal merkt man, der Schmerz ist weg; wo ist er nur hingekommen? Ein Summen in der Schläfe als Nachklang . . . das ist alles. — Auch Peter traute dem ungewohnten Frieden nicht recht. Er wurde den Argwohn nicht los, seine Qual sammle in solcher Atempause nur frische Kräfte, um ihn dann mit verdoppelter Wut anzufallen. So kannte er schon die Ruhepunkte, wie sie die Kunst gewährt. Wenn in unsere Augen göttliches Ebenmaß an Linien und Formen dringt oder im Ohre, in der wollüstigen Tiefe seiner Muschel, mit spielend vielgestaltiger Schönheit die Akkorde gleich Perlenschnüren rollen und sich im Gesetz magischer Zahlen edel verknüpfen, dann kehrt der Friede in uns ein, und wir tauchen tief in die Flut der Freude. Aber dies Strahlende kommt von außen, wie von ferner Sonne, deren Glühen über unendlichen Raum hinweg uns mit Zauberkraft dem Leben hoch entrückt hält. Doch das währt nur eine Weile, und dann sinkt man wieder zurück. In der Kunst kann man die Wirklichkeit nur vorübergehend vergessen. Der verschüchterte Peter war auf eine ähnliche Ernüchterung gefaßt. — Diesmal jedoch kam die Ausstrahlung von innen her. Das Leben blieb ihm dabei völlig gegenwärtig. Aber alles stand in schönem Einklang. Erinnerungen und neue Eindrücke. Sogar tote Dinge, die Papiere und Bücher, die im Zimmer verstreut lagen, bekamen Leben, bekamen eine Wichtigkeit, die sie ganz verloren hatten.
Seit Monaten war seine geistige Entwicklung gehemmt; er war wie ein Bäumchen, das in voller Blütenpracht vom Hauche der „drei Eismänner“ welk geworden ist. Freilich gab es praktische Jungen, welche die neuen Prüfungserleichterungen zugunsten der jüngsten wehrpflichtigen Jahrgänge so tüchtig ausnützten, daß sie, solange die Prüfer mehr als ein Auge zudrücken mußten, Zeugnis über Zeugnis unter Dach brachten. Das war Peters Art nicht. Andrerseits empfand er auch nicht den verzweifelten Wissensdurst anderer junger Leute, die im Angesicht des Todes sich gierig mit Kenntnissen vollpfropfen, zu deren Nachprüfung ihr Leben zu kurz sein wird. Das ständige Gefühl eines grausen Weges ins Leere, ins Nichts, das allenthalben hinter dem tollen, boshaften Trugbilde der Welt verborgen war — das schnitt seinem Wissensdrang die Schwingen durch. Er stürzte sich auf ein Buch, auf einen Gedanken — dann hielt er mutlos inne. Was sollte ihm das? Wozu denn lernen? Wozu inneren Reichtum häufen, wenn man doch alles verlieren, alles lassen soll, wenn einem nichts zu eigen gehört? Tätigkeit und Wissen hatte nur dann einen Sinn, wenn das Leben einen Sinn besaß. Um diesen Sinn des Lebens hatte er mit höchster Anspannung des Geistes, in tiefster Herzenssehnsucht umsonst gerungen. — Und mit einem Schlage hatte sich dieser Sinn des Lebens ganz von selber aufgetan . . . Das Leben hatte einen Sinn . . . Was war das nur? — Als er sich fragte, woher dies innere Lächeln kam, sah er die halb geöffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen heiß begehrten.
In normalen Zeiten wäre dieser Zauberbann kaum von Dauer gewesen. Der junge Mensch stand ja noch auf einem Punkte der Entwicklung, wo man nur überhaupt Liebe begehrt und sie in jedem Auge findet; das unruhig verlangende Herz flattert wie ein Schmetterling von einer zur andern; es hat keine Eile in seiner Wahl: sein Tag hat erst begonnen. Aber da der Tag so kurz sein sollte, tat doch Eile not.
Die Hast dieses Jungenherzens war umso größer, je mehr es im Rückstande war. Die Großstadt erscheint freilich von weitem als dampfender Schwefelpfuhl der Sinnengier, birgt aber auch unberührte Seelen und kindlich reine Körper. Wieviel Jünglinge und Mädchen wollen die Liebe nicht entwürdigen und treten mit keuschen Sinnen in die Ehe! Selbst in den raffiniertesten Kreisen, wo die Neugier der Nerven vorzeitig gereizt wird, steckt hinter den freien Redensarten so mancher jungen Weltdame oder irgendeines Studenten oft ein nur sehr oberflächliches Wissen um erotische Dinge. Sie haben von allem etwas läuten gehört und gar nichts selber erfahren. Mitten in Paris gibt es Gebiete von geradezu provinzieller Unschuld, gleichsam umhegte Klostergärtchen, quellenhafte Reinheit. Nur seine Literaten bringen Paris in Verruf. Gerade die sittlich Verkommensten sind die angeblich berufenen Wortführer der Stadt. Und dabei weiß ja jeder, wie oft falsche Scham die Lautersten hindert, ihre Reinheit zu bekennen. — Peter kannte die Liebe noch nicht; ohne Widerstand folgte er ihrem ersten Rufe. Sein seelischer Rausch wurde dadurch aufs höchste gesteigert, daß seine Liebe unter den Schwingen des Todesengels geboren war. In jener aufregenden Minute, als sie die Drohung der Bomben über den Köpfen spürten und ihr Herz sich im Anblick des Verstümmelten zusammenkrampfte, da hatte es ihre Finger zueinander gezogen, und mitten im Schauer körperlich empfundener Todesangst war beiden der Trost und Balsam eines unbekannten Freundes zuteil geworden. Was lag nicht alles in diesem flüchtigen Händedruck! Die Männerhand sagte: lehne dich an mich! — Die andere aber überwand mütterlich die eigene Furcht: mein kleiner Junge! Das wurde freilich weder ausgesprochen noch gehört. Aber solch innerliches Flüstern füllt die Seele ganz anders aus als Worte, die nur wie ein Vorhang das wahre Denken unserm Blick entziehen. Peter ließ sich einwiegen von diesen murmelnden Stimmen. Es klang wie das Summen goldgeringelter Bienen im Halbschatten der Seele. Jetzt flossen ihm die Tage wieder traumschwer dahin. Das nackt in Einsamkeit erstarrte Herz ahnte Nestwärme.
In diesen ersten Februartagen überblickte Paris erst die Verwüstungen des letzten Fliegerangriffs und leckte seine Wunden. Die Presse lag im Hundehaus an der Kette und kläffte Rache und Vergeltung. Nach dem Programm des alten Clemenceau (der seinerzeit in seinem Blatte so lange den „Mann in Ketten“ gespielt hatte, bis er alle andern in Ketten schlagen konnte) führte die Regierung Krieg gegen die Franzosen. Es begann die Blütezeit der sensationellen Hochverratsprozesse. Der Anblick eines Elenden, der mit einem blutdürstigen Staatsanwalt um sein armes Leben rang, war ein Hochgenuß für die Pariser Gesellschaft; ihre Theaterleidenschaft schien noch nicht durch vierjährigen Krieg und das Schauspiel der zehn Millionen Toten übersättigt zu sein, die in den Kulissen der Weltbühne zusammengebrochen waren.
Aber der Jüngling wußte nur noch von dem geheimnisvollen Gaste, der jetzt bei ihm weilte. Seltsame Gewalt jener Eindrücke, die Liebe werden! In den tiefsten Grund unseres Wesens sind sie geprägt und doch ohne festen Umriß. Peter hätte weder die Form ihrer Züge, noch die Farbe ihrer Augen oder die Linie ihres Mundes beschreiben können. Nur das Gefühl, das sie in ihm erregt hatte, schwang in ihm nach. Bei jedem Versuche, das Bild bestimmter zu fassen, wurde es entstellt. Es gelang ihm auch nicht, sie in den Straßen von Paris wiederzutreffen. Jeden Augenblick meinte er, sie zu sehen. Da war es ein Lächeln, dort das Licht eines jungen Nackens, ein aufleuchtendes Auge. Schon schlug ihm das Herz. Aber es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen diesen vorüberhuschenden Eindrücken und dem wahren Bilde, das er suchte und das er zu lieben meinte. Er liebte also nicht? Gerade weil er liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie überall und in allen Gestalten. Denn jedes Lächeln, jedes Licht, jedes Leben — das war Sie! Ein genauer Umriß hätte als Schranke gewirkt. — Und doch will man Umriß und Schranke, um Liebe fassen und halten zu können. Sollte er sie auch nie mehr wiedersehen — er wußte, sie war auf der Welt, war ein Nest für seine Seele, der Hafen im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht, stella maris. Amor, Gott der Liebe, wache über uns in der Stunde unseres Todes! . . .
Er ging längs der Seine an der Akademie vorüber und warf einen zerstreuten Blick in den Kasten eines der wenigen Händler mit Schmökern und Raritäten, der seinem Platz auf der Kaimauer treu geblieben war. Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die Augen und sah die, auf die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er ihr entgegen, und während er empor- und sie herabstieg, trafen sich zum ersten Male ihre Blicke und drangen tief ein. Als er sie dicht vor sich sah, blieb er stehen und wurde rot. Überrascht sah sie sein Erröten und errötete auch. Bevor er auch nur Atem geschöpft hatte, war der niedliche Rehschritt vorüber. Als er seiner wieder mächtig wurde und sich umdrehn konnte, verschwand ihr Kleid schon hinter der Ecke des Laubenganges in der Seinestraße. Er machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Er stützte sich auf das Geländer der Brückenstiege und fand ihren Blick im fließenden Strome wieder. Da hatte nun sein Herz für lange Nahrung . . . (O du liebe Jugendtorheit!) . . .
Eine Woche später schlenderte er durch den Luxemburg-Park, den die Sonne mit sanftem Gold füllte. Welch strahlend schöner Februar in diesem todestraurigen Jahre! Offenen Auges träumte er vor sich hin und wußte nicht recht, ob er davon träume, was er wirklich um sich sah, oder ob dies Gesehene ein Traumbild war; in sehnsüchtigem Drange, in dumpfem Liebesglück und -leid, schritt er verloren lächelnd dahin und regte unbewußt die Lippen zu abgerissenen Worten: es wurde ein Lied. Er sah zu Boden, in den Sand des Weges; da war ihm wie einem, den der Hauch einer vorüberfliegenden Taube streift: er mußte einem Lächeln begegnet sein. Er drehte sich um und sah, daß sie seinen Weg gekreuzt hatte. Sie war weitergegangen, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sie sich lächelnd, um ihm nachzublicken. Da war es vorbei mit seinem Zaudern, er kam auf sie zu und hätte ihr bald beide Hände entgegengestreckt; in seiner Bewegung lag so viel stürmische Jugend und Unschuld, daß auch sie in aller Unschuld wartend stehen blieb. Er bat nicht um Verzeihung für die Freiheit, die er sich herausnahm. Die zwei Leutchen fühlten keinerlei Befangenheit. Es war, wie wenn sie einfach ein begonnenes Gespräch fortsetzen sollten.
„Sie lachen mich aus,“ sagte er; „da haben Sie recht!“
„Ich lache Sie nicht aus.“ (So schnell und biegsam wie ihr Gang war auch ihr Sprechen.) „Sie haben ja selbst vor sich hingelacht, und darüber mußte ich lachen.“
„Habe ich wirklich gelacht?“
„Sie lachen ja noch immer.“
„Jetzt weiß ich warum.“
Sie fragte nicht nach diesem Warum. Sie gingen nebeneinander her und waren glücklich.
„Das schöne bißchen Sonne,“ sagte sie.
„Das Frühlingskind, das Neugeborene!“
„Dem haben Sie wohl zugelacht, vorhin?“
„Nicht dem allein. Vielleicht Ihnen auch.“
„So ein kleiner Lügenbeutel! Warten Sie nur! Sie kennen mich ja gar nicht.“
„Doch! Und ob! Wir haben uns ja, ich weiß nicht wie oft, gesehen.“
„Drei Mal, heute mitgerechnet.“
„Sehen Sie! Sie erinnern sich daran! Sie geben also zu, daß wir alte Bekannte sind!“
„Was Sie nicht sagen!“
„Ja, was wär’ da noch alles zu sagen, das meine ich auch . . . Kommen Sie, setzen wir uns hier nieder . . . nur einen Augenblick, bitte, bitte! Man sitzt so schön, am Wasser!“
(Sie waren beim Galatheen-Brunnen, den Arbeiter gerade mit einer Verschalung zum Schutze gegen Bombensplitter versahen.)
„Ich kann nicht, ich versäume meine Tramway.“
Sie nannte die Abfahrtszeit. Er bewies ihr, daß sie noch mehr als fünfundzwanzig Minuten Zeit hätte.
Das wohl, aber sie wollte erst da drüben, an der Ecke der Racinestraße, ihr Vesperbrot kaufen; dort gab es so gute Semmeln. Da zog er ein Brötchen aus der Tasche.
„Besser als das da sind die Semmeln gewiß nicht! . . . Bitte, nehmen Sie doch! . . .“
Sie lachte und wollte nicht recht. Da steckte er ihr das Brötchen in die Hand; die Hand behielt er in der seinen.
„Sie machen mir eine solche Freude damit . . . Kommen Sie doch, setzen wir uns! . . .“
Er führte sie zu einer Bank in der Mitte der Allee, die das Bassin umsäumt.
„Ich habe noch etwas . . .“
Er zog ein Täfelchen Schokolade aus der Tasche.
„So eine Naschkatze . . . Aber was wollen Sie noch sagen?“
„Hm . . . ich schäme mich, das Papier ist schon weg von der Schokolade . . .“
„Ach geben Sie nur her, es ist ja Krieg.“ Er sah zu, wie sie knabberte.
„Zum ersten Male merke ich, daß der Krieg auch sein Gutes hat.“
„Nur nicht vom Kriege sprechen, das ist so langweilig.“
„Ja,“ sagte er begeistert, „nie werden wir vom Kriege reden.“
(Da ward ihnen plötzlich ganz leicht zumute.)
„Schaun Sie, wie diese komischen Kerlchen ihr Duschbad nehmen.“
(Sie zeigte auf die Spatzen, die am Brunnenrande große Wäsche hielten.) „Aber dann haben Sie mich neulich am Abend“ (das mußte er wissen) „doch gesehn?“
„Freilich.“
„Aber Sie haben ja nie zu mir hingeschaut. Die ganze Zeit waren Sie nach der andern Seite gewendet . . . Sehen Sie, gerade so wie jetzt . . .“
(Er sah sie im Profil; zierlich aß sie ihre Semmel und blickte schelmisch vor sich hin.)
„Sehn Sie doch ein bißchen her! . . . Was gibt’s denn da drüben zu sehen?“ Aber sie wendete ihm das Gesicht nicht zu. Er faßte ihre rechte Hand, deren Handschuh am Zeigefinger zerrissen war und das Spitzchen bloß ließ.
„Worauf sehen Sie denn?“
„Sie sehe ich an, wie Sie meinen Handschuh begutachten . . . aber Sie zerreißen ihn ja noch mehr!“
(In Gedanken hatte er wirklich versucht, die offene Stelle zu erweitern.)
„Ach verzeihen Sie! . . . aber wieso können Sie mich sehn?“
Sie antwortete nicht; aber im schalkhaften Profil flitzte die lachende Pupille in den Augenwinkel.
„O wie durchtrieben!“
„Machen Sie’s nach! . . . Aber Sie schielen ja dabei!“
„Das bring’ ich nie fertig. Ich muß immer ganz grad und dumm vor mich hinschaun, sonst seh’ ich nichts.“
„Aber nein, nicht gar so arg dumm.“
„Endlich! Ich sehe Ihre Augen!“
Sie sahen einander an und lachten leise.
„Wie ist Ihr Name?“
„Lucia.“
„Wie hübsch! wie dieser Tag!“
„Wie heißen Sie?“
„Peter — recht abgenützter Name.“
„Ein wackerer Name, mit ehrlichen, klaren Augen.“
„Wie die meinen.“
„Ja, klar sind sie wirklich.“
„Sie sehen doch Lucia an.“
„Lucia! . . . man sagt ‚Fräulein‘.“
„Nein.“
„Nicht?“
(Er schüttelte den Kopf.)
„Für mich sind Sie kein ‚Fräulein‘. Sie sind Lutz und ich bin Peter.“
Sie hielten sich bei den Händen gefaßt, ohne sich anzusehen. Wortlos sahen sie in das zarte Himmelsblau zwischen den entblätterten Zweigen; durch ihre Hände strömte ihr Denken und Fühlen ineinander über. Sie sagte:
„Da neulich am Abend haben wir zwei eine gehörige Angst gehabt.“
„Ja,“ sagte er, „das war schön.“
(Erst nachher mußten sie darüber lächeln, daß jeder nur ausgesprochen hatte, was der andere dachte.)
Sie entzog ihm ihre Hand und stand rasch auf, weil sie die Uhr schlagen hörte. „Es ist höchste Zeit . . .“
Er begleitete sie, die in jenen anmutigen Laufschritt der Pariserinnen verfiel, dessen Geschwindigkeit man gar nicht merkt, so leicht scheinen sie dahinzugleiten.
„Kommen Sie hier oft vorbei?“
„Jeden Tag. Aber meistens auf der anderen Terrassenseite.“ (Sie zeigte in die Tiefe des Gartens, auf die schon von Watteau gemalten Baumgruppen.) „Auf dem Rückweg vom Museum.“
Er warf einen Blick auf die Mappe, die sie trug.
„Malerin?“ fragte er.
„Nein,“ sagte sie, „das wäre zuviel Ehre. Ich schmiere ein bißchen.“
„Warum? Zum Vergnügen?“
„Aber nein, für Geld.“
„Für Geld?“
„Abscheulich, nicht? Kunst nur als Gelderwerb!“
„Ich wundere mich nur, daß Sie damit Geld verdienen, wenn Sie also nicht malen können!“
„Gerade darum. Ich werde es Ihnen schon noch erklären, das nächste Mal . . .“
„Das nächste Mal beim Brunnen . . . Wir werden da wieder vespern, nicht wahr?“
„Ich werde schaun. Wenn’s schön ist.“
„Aber Sie kommen früher, nicht wahr? . . . Sagen Sie, Lutz . . .“
(Sie waren bei der Haltestelle angelangt. Sie sprang auf das Trittbrett der Straßenbahn.)
„Antworten Sie mir, sagen Sie doch . . . Lucia . . . Luxchen . . . kleines Lichtlein . . .“
Sie antwortete nicht; aber als die Bahn schon fuhr, zwinkten ihre Wimpern „Ja“, und eine lautlose Bewegung ihrer Lippen sagte:
„Ja, Peter.“
Auf dem Heimwege dachten beide: Merkwürdig froh sehen heute abend die Leute aus!
Sie lächelten, ohne sich einzugestehen, was geschehen war. Sie wußten nur soviel, daß sie Es nun besaßen, in Händen hielten als ihr Eigen . . . was denn? Ein Nichts. So reich waren sie an jenem Abende! . . . Daheim besahen sich beide im Spiegel, mit herzlichen Blicken, wie man einen Freund betrachtet. Sie sagten sich: „Jenes liebe Auge hat auf dir geruht.“ Beide gingen bald zu Bette, sie waren ganz erschöpft . . . Wovon nur? Durch wunderbare Mühsal. Beim Auskleiden dachten sie:
„Das Schönste ist jetzt, daß es ein Morgen gibt.“
Morgen . . . spätere Geschlechter werden sich kaum mehr vorstellen können, was in diesem Worte an stummer Verzweiflung lag, welch abgründiger Überdruß, als der Krieg sich zum vierten Male jährte . . . So müde war man . . . Wie oft war die Hoffnung schon getäuscht worden! Hunderte von „Morgen“ waren einander gefolgt und wurden ein immer gleiches „Heute“ und „Gestern“, alle dem Nichts und dem Warten verfallen, dem Warten aufs Nichts. Es stockte der Lauf der Zeit. Das lange Jahr war wie ein stygisches Gewässer, das schwarz und fettig das Leben einschnürte, indem es mit düstern Schillerflecken nicht mehr zu fließen schien. Morgen? Morgen war tot. Aber in den Herzen der zwei Kinder war das Morgen auferstanden.
Dieses Morgen sah sie wieder beim Sperlingsbrunnen sitzen, und Morgen folgte auf Morgen. Das schöne Wetter war diesen ganz kurzen Begegnungen hold; jeden Tag waren sie etwas weniger kurz. Jedes brachte sein Vesperbrot mit, weil das Tauschen so eine Freude war. Peter wartete jetzt schon am Tor des Museums. Er begehrte ihre Arbeiten zu sehen. Sie war zwar nichts weniger als stolz darauf, zeigte sie aber ohne viel Umstände vor. Es waren verkleinerte Kopien nach berühmten Gemälden oder nach Teilen solcher Gemälde, eine Gruppe, ein Kopf, ein Brustbild. Auf den ersten Blick gar nicht so übel, aber unglaublich schlampig in der Ausführung. Hie und da ein paar recht gelungene, hübsche Ansätze; aber dicht daneben schülerhaft Mißlungenes, das nicht nur Unkenntnis der Grundbegriffe aller Kunstübung verriet, sondern auch eine Sorglosigkeit, die über fremdes Urteil hoch erhaben schien. — „Ach was! Ist lange gut genug! . . .“ — Lutz nannte die Originalgemälde, deren Kopien ihre Blätter vorstellen sollten. Peter kannte diese Gemälde nur allzu genau. Sein Gesicht war krampfhaft verzogen im Schmerz der Enttäuschung. Lutz fühlte, daß er nicht zufrieden war; aber unerschrocken zeigte sie ihm alles — und sogar das da — Krach! — das Allermiserabelste. Dabei stand ein spöttisches Lächeln auf ihrem Gesicht, das ebenso ihr selbst wie Peter galt; bei alledem zwang sie das leiseste Nagen des Ärgers nieder. Peter biß sich auf die Lippen, um keine Bemerkung zu machen. Aber zuletzt wurde es ihm doch zu arg. Sie zeigte ihm gerade einen florentinischen Raffael.
„Aber die Farben stimmen ja nicht!“ sagte er.
„Wär’ das größte Wunder,“ sagte sie.
„Ich bin nicht hingelaufen, mir’s anzuschauen. Ich hab’s nach einer Photographie gemacht.“
„Aber was sagen denn die Leute dazu?“
„Wer? Die Kundschaft? Die laufen doch auch nicht ins Museum, sich das Original anschaun! . . . Und wenn, so nehmen sie’s nicht so genau! Rot oder Grün oder Blau — wenn nur Farben da sind. Manchmal arbeite ich wirklich nach farbiger Vorlage, aber dann nehme ich auch andere Farben . . . Schaun Sie zum Beispiel das da . . .“ (Ein Engel von Murillo.)
„Es gefällt Ihnen so besser?“
„Nein, aber Spaß hat es mir gemacht, und bequemer war’s auch . . . und schließlich ist mir’s egal; die Hauptsache bleibt, daß ich Käufer finde . . .“
Jetzt hatte sie ihren letzten Trumpf ausgespielt und hielt inne, nahm ihm das Gekleckse aus den Händen und lachte hellauf.
„Was sagen Sie? Noch greulicher, als Sie sich’s vorgestellt haben?“
Er fragte kummervoll:
„Aber wozu, wozu machen Sie solches Zeug?“
Mit einem guten Lächeln voll mütterlicher Überlegenheit betrachtete sie sein tiefbetrübtes Gesicht: dieses lieben, verwöhnten Bürgersöhnchens Lebensbahn war so eben gewesen, daß er sich nicht vorstellen konnte, wie man oft gar klein beigeben mußte, um nur . . .
Er fragte noch einmal:
„Wozu? Sagen Sie mir nur: wozu?“
(Er war förmlich schuldbewußt, wie wenn er diese Kunstgreuel verbrochen hätte . . . So ein guter kleiner Junge! Sie hätte ihn küssen mögen . . . in allen Ehren, auf die Stirn.)
Sie sagte leise:
Das erschütterte ihn. Daran hatte er gar nicht gedacht.
„Ja, das Leben ist eine verzwickte Sache,“ fuhr sie in leichtem, spöttischem Tone fort. „Zunächst muß man essen, und zwar alle Tage. Gestern abend hat man freilich sein Essen gehabt, aber heute ist’s schon wieder dieselbe Geschichte. Und kleiden soll man sich auch. Alles kleiden, den Körper, den Kopf, die Hände, die Füße. Was da an Kleidersachen zusammenkommt! Und bei allem heißt es zahlen. Bei allem. Leben heißt zahlen.“
Zum ersten Male bemerkte er Einzelheiten, die seinen verliebten Blicken bisher entgangen waren: das bescheidene, stellenweise recht enthaarte Pelzwerk, die etwas abgetragenen Schuhe, alle Spuren von Dürftigkeit, die nur die natürliche Eleganz einer kleinen Pariserin verwischen konnte. Es schnürte ihm das Herz zusammen.
„Ach könnte ich nicht, könnte ich nicht — Ihnen aushelfen?“
Sie rückte etwas ab und wurde rot.
„Nein, nein,“ sagte sie, peinlich berührt; „keine Rede . . . Niemals! . . . Das habe ich nicht nötig . . .“
„Aber mich würde es so glücklich machen!“
„Nein . . . Nicht mehr darüber reden. Oder wir sind Freunde gewesen . . .“
„Dann sind wir also Freunde?“
„Ja. Das heißt, wenn Sie noch mein Freund sein wollen, nachdem Sie diesen scheußlichen Kitsch gesehen haben?“
„Aber natürlich! Das ist doch nicht Ihre Schuld.“
„Aber es tut Ihnen weh?“
„Das schon.“
Sie lachte vor Behagen.
„Da lachen Sie? So boshaft zu sein!“
„Nein, ist nicht boshaft. Das verstehen Sie nicht.“
„Warum lachen Sie also?“
„Das sage ich nicht.“
(Sie dachte: Mein Liebes! Wie schön, daß dir weh tut, was ich Häßliches gemacht habe.)
Sie sagte:
„Sie sind gut. Dank dafür.“
(Er sah sie mit erstaunten Augen an.)
„Geben Sie sich keine Mühe, das zu begreifen,“ sagte sie, indem sie leicht seine Hand berührte . . . „So, reden wir von was anderm . . .“
„Ja . . . nur noch ein Wort . . . Ich möchte aber doch wissen . . . Sagen Sie mir — aber nicht beleidigt sein! — sind Sie vielleicht gerade jetzt etwas in der Klemme?“
„O nein, ich habe das vorhin nur so gesagt, weil’s bei uns ein paar Mal verdammt knapp zugegangen ist. Aber jetzt steht es viel besser. Mutter hat einen gut bezahlten Posten gefunden.“
„Ihre Mutter hat einen Beruf?“
„Sie ist Arbeiterin in einer Munitionsfabrik . . . zwölf Franken täglich. Jetzt sind wir reich.“
„In einer Fabrik! in einer Fabrik für den Krieg!“
„Ja.“
„Aber das ist ja fürchterlich!“
„Mein Gott, man nimmt, was sich bietet.“
„Lutz, wenn sich aber Ihnen so etwas bieten möchte . . .“
„Mir? aber Sie sehen ja, ich kleckse lieber . . . Jetzt geben Sie wohl zu, daß mein Geschmier noch nicht das Ärgste ist!“
„Aber wenn Sie verdienen müßten und es gäbe kein anderes Mittel als Arbeit in einer solchen Granatenfabrik, würden Sie hingehn?“
„Ich müßte verdienen und hätte kein anderes Mittel? Gewiß ginge ich hin! Mit beiden Händen griffe ich zu!“
„Lutz! Denken Sie daran, was man alles in solchen Fabriken erzeugt?“
„Nein, daran denke ich nicht.“
„Alles, was Qual und Tod bereitet, was zerreißt, verbrennt, was Wesen martert, wie Sie, wie ich . . .“
Sie legte sich die Hand auf den Mund, damit er schweige.
„Ich weiß, das weiß ich alles, aber ich will nicht daran denken.“
„Sie wollen nicht daran denken?“
„Nein,“ sagte sie.
Nach einer Pause fügte sie hinzu:
„Man muß doch leben . . . wenn man nachdenkt, lebt man nicht mehr . . . und ich, ich will leben, will leben. Wenn ich, um zu leben, gezwungen werde, dies oder jenes zu tun, soll ich mich um dies und jenes kümmern und quälen? All dies geht mich nichts an. Ich will es ja nicht so. Wenn es etwas Schlimmes ist, meine Schuld ist es nicht. Was ich will, das ist nichts Schlimmes.“
„Was wollen Sie also?“
„Zunächst will ich leben —“
„Sie leben gerne?“
„Freilich. Habe ich nicht recht?“
„O gewiß! Es ist eine so gute Sache, daß Sie leben!“
„Sie leben nicht gerne?“
„Nicht gerne bis zum Augenblicke, wo . . .“
„Bis wann?“
Aber diese Frage bedurfte keiner Antwort. Die wußten beide im voraus. Peter aber ließ nicht locker:
„Sie sagten: ‚Zunächst will ich leben‘ — und was noch? . . . Was wollen Sie weiter?“
„Ich weiß nicht.“
„O Sie wissen schon . . .“
„Sie sind aber schon sehr neugierig.“
„Ich schäme mich ein bißchen, wenn ich’s Ihnen sagen soll . . .“
„Sagen Sie mir’s ins Ohr. Dann hört es niemand.“
Sie lächelte.
„Ich möchte . . .“ (Sie stockte.) „Ich möchte ein klein bißchen Glück . . .“
(Sie waren dicht aneinandergerückt.) Sie fuhr fort:
„Verlange ich zu viel? . . . Man hat mir oft gesagt, das ist egoistisch, und ich denke mir manchmal auch: Hat man denn ein Recht darauf? . . . Wenn man um sich herum soviel Elend und Kummer sieht, wagt man nicht sich aufzulehnen. Aber mein Herz lehnt sich doch auf und schreit: Ja, ich habe ein Recht auf ein bißchen, ein klein bißchen Glück . . . Sagen Sie mir aufrichtig, ist das egoistisch? scheint es Ihnen schlecht?“
Peter ergriff ein unendliches Erbarmen. Dieser schwache Schrei aus einem Kinderherzen erschütterte ihn bis zum Grunde seiner Seele. Es kamen ihm die Tränen. Aneinandergelehnt saßen sie auf der Bank und jedes spürte die Körperwärme des andern. Es trieb ihn so sehr, sich zu ihr zu wenden und sie in seine Arme zu schließen. Er wagte sich nicht zu rühren, aus Angst, seiner Bewegung dann nicht mehr Herr zu sein. Reglos sahen die beiden vor sich nieder. Seine Stimme zitterte von verhaltener Leidenschaft, als er jetzt, fast ohne die Lippen zu regen, sehr rasch und ganz leise sagte:
„O mein liebes Körperchen du! Du mein Herzchen! Diese kleinen Füße möchte ich fassen und meine Lippen darauf drücken, ganz aufessen könnte ich Sie . . .“
Ohne aufzusehen, sagte sie auch sehr schnell und leise, in tiefer Verwirrung:
„Narr! kleiner Narr! . . . Stillsein! . . . ich bitte Sie . . .“
Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fühlten, wie ihre Körper sich in Liebe zerlösten . . .
Nun war niemand mehr in der Allee. Ein struppiger Spatz badete im Sande. Der Brunnen warf seine hellen Tröpfchen in die Luft. Befangen zögernd wandten sich ihre Gesichter einander zu; kaum aber hatten sich ihre Blicke getroffen, als sie schon wie Vögelchen sich zueinander schwangen; eilig und ängstlich war ihr Kuß, dann flogen sie wieder auseinander. Lutz stand auf und wollte gehen. Er war auch aufgestanden. Sie sagte: „Bleiben Sie!“
Sie wagten nicht mehr, sich anzusehen. Er flüsterte:
„Lutz . . . dies klein bißchen Glück . . . nicht wahr? . . . jetzt haben wir’s!“
Schlechtes Wetter machte den Vesperstunden beim Sperlingsbrunnen ein Ende. Nebel umhüllte die Februarsonne. Aber die in ihren Herzen vermochte er nicht zu ersticken. Ach, das Wetter mochte sein, wie es wollte: kalt oder heiß, regnerisch, windig, mit Schnee oder Sonnenschein! Ihnen würde es gewiß willkommen sein. Jede Witterung kam ihnen besonders günstig vor. Denn solange ein Glück im Sprießen ist, scheint das Heute immer als der schönste Tag.
Der Nebel war ihnen ein lieber Anlaß zu täglichem, stundenlangem Beisammensein. Die Gefahr gesehn zu werden war sehr verringert. — Nun holte er sie schon früh von der Tramway ab und begleitete sie bei ihren Gängen in der Stadt. Er hielt den Rockkragen aufgeschlagen. Sie trug ein Pelzhütchen, und ihr Kinn war tief in ihre Boa vergraben. In den dichten Schleier spannten die geschwungenen Lippen ein winziges Rund. Aber der beste Schleier war ihnen die feucht hüllende Webe des Nebels. Der lag schwer und grau wie Asche, von gelblichem Phosphorlicht durchtastet. Man sah keine zehn Schritt weit. Der Dunst wurde noch dichter, wenn sie durch eine der alten Querstraßen zur Seine heruntergingen. Du lieber Nebel, wohlig kühle Ruhstatt der Träume, dein Eishauch ist nur ein Wonneschauer! Den beiden war darin wie der Mandel in ihrer Fruchthülle, wie dem Flämmchen in einer abgeblendeten Laterne. Peter hielt Lutzens linken Arm dicht an sich gedrückt; sie gingen im gleichen Schritt; sie waren fast gleich groß, Lutz ein bißchen größer; so zwitscherten sie halblaut, fast Wange an Wange; wie gern hätte er auf dem Schleier das betaute Rund ihres Mündchens geküßt!
Das gewöhnliche Ziel ihrer Geschäftsgänge war der Laden des fragwürdigen „Kunst- und Antiquitätenhändlers“, für den sie ihr „Grünzeug“, wie sie sagte, herstellen mußte. Sie hatten es nie sehr eilig mit dem Hinkommen und, angeblich nur durch Zufall gerieten sie immer auf die längsten Umwege und dann mußte der Nebel schuld sein. Wenn trotz allem das Ziel schließlich doch in greifbarer Nähe erschien, blieb Peter zurück, Lutz trat in den Laden. Er wartete an der nächsten Ecke. Er mußte lange warten und die Kälte war recht empfindlich. Aber er war selig, um ihretwillen warten, frieren und sich langweilen zu dürfen. Endlich kam sie wieder heraus, lief lächelnd herbei und fragte mitleidig und besorgt, ob er denn nicht schon ein Eiszapfen war, der Arme! Er las es ihr jedesmal von den Augen ab, wenn sie beim Trödler Glück gehabt hatte, und dann freute er sich, wie wenn er den Gewinn eingeheimst hätte. Aber meistens kam sie mit leeren Händen wieder; sie mußte zwei, drei Mal hingehen, ehe sie zu ihrem bißchen Gelde kam. Dabei konnte sie noch von Glück sagen, wenn man die bestellte Arbeit nicht noch mit Grobheiten zurückwies. Heute, zum Beispiel, gab es großes Geschrei wegen einer Miniatur nach der Photographie eines verstorbenen Ehrenmannes, den sie nie gesehn hatte. Die Familie war empört, weil die Haar- und Augenfarbe nicht stimmte. Sie mußte es noch einmal machen. Sie war geneigt, solches Mißgeschick tapfer von der heiteren Seite zu nehmen, und lachte nur darüber. Peter aber lachte nicht. Er war außer sich vor Zorn.
Wenn Lutz ihm Photographien zeigte, die sie in Farben kopieren sollte, flammte er in grimmiger Verachtung auf — (wieviel Spaß machten ihr diese komischen Wutanfälle!) — gegen diese Idioten-Gesichter, diese feierlich grinsenden Klötze. Es schien ihm eine Entweihung, daß Lutzens liebe Augen sich mit diesen Eselsmienen vollsaugen, daß ihre Hände solche Züge wiedergeben sollten. Es war einfach empörend! Da war ihm noch das Kopieren im Museum lieber. Aber damit war es vorbei. Die letzten Museen wurden geschlossen und die Kundschaft verlor jedes Interesse dafür. Weder Madonnen noch Engel regierten die Stunde; jetzt galten nur die rauhen Krieger. Jede Familie hatte den ihren, tot oder noch lebend — öfter aber tot — und wollte seine Züge verewigt sehen. Die Reichsten bestellten Porträts in Farben: diese Arbeit wurde recht gut bezahlt, bot sich aber nur noch selten; man durfte nicht wählerisch sein. In Ermanglung besserer Aufträge blieb nichts anderes übrig, als zu lächerlich niedrigen Preisen sich mit dem Vergrößern von Photographien zu befassen. Die nächste Folge war, daß Lutz jetzt jeder Vorwand fehlte, so lange in der Stadt zu verweilen; sie hatte ja nicht mehr in den Museen zu kopieren, sondern einfach jeden zweiten oder dritten Tag beim Kunsthändler vorzusprechen, um Arbeiten zu übernehmen oder abzuliefern; die Arbeit selbst ließ sich zu Hause machen. Das paßte nun den zwei jungen Leuten ganz und gar nicht. Wie zuvor schlenderten sie ziellos durch die Gassen und konnten sich nicht entschließen, den Weg zur Station einzuschlagen. Da sie müde und vom Nebel durchkältet waren, traten sie in eine Kirche ein; dort setzten sie sich artig in eine Kapellennische und sprachen leise von den kleinen Dingen ihres Alltags; dabei sahen sie in die Glasgemälde der Fenster. Von Zeit zu Zeit wurden sie still, und ihre Seelen, frei vom Joch der Worte (es kam ihnen ja nicht auf den Sinn der Worte an, sondern auf den Lebenshauch darin, der wie die zarte Berührung zitternder Fühlfäden war), ihre Seelen also pflogen dann ernstere, tiefere Zwiesprache. Die traumhafte Farbenherrlichkeit der Glasgemälde, das Düster der Pfeiler, das Gesumme der Litaneien mengten sich in ihre Träumerei, weckten die Vorstellung der Bitternisse des Lebens, die sie vergessen wollten, und flößten tröstliches Heimweh nach dem Unendlichen ein. Obgleich es fast schon elf Uhr vormittags war, erfüllte, wie Öl aus heiligem Kruge, gelbliche Dämmerung das Schiff der Kirche. Aus fernster Höhe floß seltsames Leuchten: dunkler Purpur, ein roter Tropfen im Veilchenblau eines Riesenfensters, undeutliche Gesichter, von schwarzer Metallfassung umrahmt. Das blutfarbene Licht stieß eine Wunde in die hohe Nebelwand. . . Lutz sagte ganz unvermittelt:
„Kommen Sie auch dran?“
Er begriff sogleich, was sie meinte, weil sein Geist in diesem Schweigen derselben düsteren Fährte gefolgt war.
„Ja,“ sagte er. „Aber nicht davon sprechen!“
„Nur eines sagen Sie mir: Wann?“
„In einem halben Jahre.“
Sie seufzte.
„Sie dürfen nicht mehr daran denken. Das nützt ja gar nichts.“
Sie wiederholte:
„Gar nichts.“
Sie holten recht tief Atem, um diese Vorstellung zu verdrängen. Dann zwangen sie sich tapfer (oder sollte man nicht eher sagen „feige“? Wer kann entscheiden, was der wahre Mut ist?), von andern Dingen zu reden, von den Kerzenflammen, die im Wachsduft wie Sterne flimmerten, von der präludierenden Orgelmelodie, vom Mesner, der gerade vorbeiging, von den immer neuen Entdeckungen, die Peter in ihrem Handtäschchen machte, wenn seine neugierigen Finger darin forschten. Mit wahrer Leidenschaft stürzten sie sich auf jede Kleinigkeit, die sie heiter ablenken konnte. Keinem der beiden Kinder fiel es auch nur im Traume ein, sie könnten dem Schicksal, das sie voneinander reißen wollte, irgendwie entrinnen. Statt sich dem Kriege entgegenzustemmen, dem entfesselten Strome eines ganzen Volkes Trotz zu bieten, dürfte man eher versuchen, die Kirche, deren steinerner Panzer sie umgab, aus ihren Grundfesten zu heben. Das einzige Auskunftsmittel war zu vergessen, bis zum letzten Augenblicke zu vergessen und sich insgeheim mit der leisen Hoffnung zu schmeicheln, der letzte Augenblick würde nie kommen. Bis dahin nur glücklich sein!
Als sie plaudernd den Rückweg von der Kirche antraten, verriet ihm der Druck ihres Armes, daß sie noch einen Blick auf die Auslage werfen wollte, an der sie eben vorbeigekommen waren. Ein Schuhgeschäft. Er sah, wie ihr Blick liebkosend ein Paar hoher Schnürstiefelchen umfing.
„Hübsch?“ fragte er.
„Einfach süß!“ sagte sie.
Er lachte über den Ausdruck und sie lachte mit.
„Sind sie nicht zu groß?“
„Nein, gerade recht.“
„Da könnte man sie ja kaufen?“ Sie drückte seinen Arm und zog ihn fort, um sich dem verführerischen Anblick zu entreißen.
„Das ist nur für reiche Leute, ist nicht für uns, ist nicht für uns,“ sang sie nach einer alten Volksweise.
„Warum denn nicht? Aschenbrödel hat auch den schönen Pantoffel angezogen.“
„Ja, damals gab’s noch Feen!“
„Dafür gibt’s heute noch verliebte Jungen.“
Sie sang wieder:
„Es darf nicht sein, mein Freund, nein, nein!“
„Warum denn nicht, da wir doch Freunde sind?“
„Gerade darum.“
„Wieso?“
„Gerade von einem Freunde darf man keine Geschenke annehmen.“
„Also nur von einem Feinde?“
„Von einem Fremden, das geht eher; wenn nur mein Kunsthändler mit einem Vorschuß herausrücken wollte, der Geizkragen!“
„Aber Lutz, ich habe schließlich doch auch das Recht, bei Ihnen ein Bild zu bestellen, wenn’s mir paßt!“
Sie konnte gar nicht weiter gehn vor Lachen.
„Sie wollen also ein ‚Werk‘ von mir besitzen? Mein armer Freund, was sollten Sie damit? Es war schon gerade genug, daß Sie das Zeug angeschaut haben. Ich weiß ganz genau, daß es Schund ist. Für den Genuß würden Sie sich bedanken.“
„Aber durchaus nicht, es waren reizende Sachen dabei. Und schließlich ist das Geschmackssache.“
„Ihr Geschmack hat sich merkwürdig schnell geändert.“
„Darf er das nicht?“
„Lutz, porträtieren Sie mich!“
„Na hören Sie, porträtieren soll ich Sie auch noch?“
„Aber es ist mein voller Ernst, neben diesen Schafsköpfen werde ich wohl noch bestehen können!“
Da drückte sie fest seinen Arm, und ihr entschlüpfte das Wort:
„Mein Schatz!“
„Was haben Sie gesagt?“
„Nichts.“
„Ich habe es ganz gut gehört.“
„Dann behalten Sie’s für sich!“
„Nein, ich behalte es nicht für mich, ich gebe es Ihnen doppelt wieder . . . Mein Schatz! . . . Mein Schatz! . . . Sie machen also mein Porträt, nicht wahr? . . . Abgemacht?“
„Haben Sie eine Photographie?“
„Nein, ich habe keine.“
„Ja wie soll ich’s dann anfangen? Ich kann Sie doch nicht auf der Gasse malen?“
„Sie haben mir doch erzählt, daß Sie meist allein zu Hause sind?“
„Ja, an den Tagen, wo Mutter in der Fabrik ist. Aber ich getraue mich nicht . . .“
„Haben Sie Angst, daß man uns sieht?“
„Nein, deswegen nicht. Wir haben keine Nachbarn.“
„Also was fürchten Sie dann?“
Lutz antwortete nicht. Sie waren bei der Elektrischen angelangt. Es warteten zwar viele Leute, aber man sah sie kaum, der Nebel schied das Pärchen immer noch von der übrigen Welt. Sie mied seinen Blick.
Da faßte er ihre beiden Hände und sagte warm:
„Keine Angst haben, mein Schatz . . .“ Lutz erhob den Blick, und sie sahen einander in die Augen; diese zwei Augenpaare schauten so klar und ehrlich! „Ich vertraue Ihnen,“ sagte sie. Sie schloß die Augen. Sie fühlte, daß sie ihm heilig war.
Die Hände lösten sich voneinander. Die Tram gab das Abfahrtszeichen. In Peters Blick lag eine innige Bitte.
„An welchem Tage?“ fragte er.
„Mittwoch,“ antwortete sie, „kommen Sie gegen zwei Uhr . . .“ Im letzten Augenblick vor der Abfahrt fand sie ihr schalkhaftes Lächeln wieder; sie sagte ihm ins Ohr:
„Aber bringen Sie doch Ihre Photographie mit. Ich kann ja zu wenig, um ohne Photographie zu malen . . . O ja! O ja! Ich weiß, Sie haben schon welche, Sie kleiner Erzschwindler Sie!“
Äußerste Vorstadt, noch hinter der Malakoffstraße. Halbausgebaute Straßen stehen zahnlückig da und werden von wüsten, noch unverbauten Flächen unterbrochen, die schon in eine Art ländliche Gegend von zweifelhaften Reizen sich verlieren, wo zwischen Plankenzäunen Hütten von Lumpensammlern lieblich verstreut sind. Trübgraue Wolkenschläuche liegen lang auf der farbenarmen Erde, aus deren magern Rippen Nebel dampft. Die Luft ist schneidend kalt. Man kann das Haus nicht verfehlen: nur drei stehen auf dieser Straßenseite, es ist das letzte und hat kein Gegenüber. Es ist einstöckig und hat einen von Staketen umzäunten Hof mit zwei, drei armseligen Sträuchern und einem Gemüsebeet, das jetzt unterm Schnee liegt.
Peter ist geräuschlos eingetreten; der Schnee dämpft den Schall seiner Schritte. Aber die Vorhänge im Erdgeschoß bewegen sich; und wie er zur Türe kommt, öffnet sie sich und Lutz steht auf der Schwelle. Die Stimme versagt ihnen, wie sie sich im halbdunklen Hausflur begrüßen. Sie führt ihn in das erste Zimmer, das als Wohnraum dient. Dort arbeitet sie auch, ihre Staffelei steht beim Fenster. Erst wissen sie nicht, was sie reden sollen; sie haben den Genuß dieses Zusammenseins schon zu sehr in Gedanken vorweggenommen; all die schönen Worte, die sie sich zurechtgelegthatten, bleiben ihnen in der Kehle stecken; sie getrauen sich nur halblaut zu sprechen, trotzdem sie allein im Hause sind, oder vielmehr gerade darum. Steif bleiben sie in ziemlichem Abstande voneinander sitzen. Sie wagen nicht, die Arme zu bewegen, nicht einmal den Mantelkragen hatte er heruntergeklappt. Sie reden vom kalten Wetter und vom Fahrplan der Straßenbahn. Dabei sind sie todunglücklich, daß ihnen nichts Gescheiteres einfallen will.
Endlich rafft Lutz sich zur Frage auf, ob er die Photographien mitgebracht habe; kaum nimmt er sie aus der Tasche, ist das Eis gebrochen. Die Bilder sind die erwünschten Mittler, über die hinweg man erst frei plaudern kann; man ist doch nicht mehr unter vier Augen, es sind noch andere Augen auf einen gerichtet, aber die stören nicht. Peter hatte den glänzenden Einfall gehabt (es war ganz ohne Hintergedanken geschehen), alle seine Bilder, vom dritten Lebensjahre an, mitzubringen. Eines dieser Bilder zeigt ihn noch im Kleidchen. Lutz lacht hellauf vor Freude; sie hat für das Bild zierlich lustige Kosenamen und Schmeichelworte. Gibt es denn etwas Süßeres für eine Frau, als ein Klein-Kinderbild des Geliebten zu betrachten? In Gedanken wiegt sie ihn auf den Armen, reicht ihm die Brust — fast ist ihr, als hätte sie ihn unter dem Herzen getragen. Dabei spürt sie ganz genau, wie schön sich dem kleinen Knirps alles sagen läßt, was man dem Erwachsenen nicht sagen kann. — Als er sie fragt, welche Photographie ihr am besten gefällt, sagt sie ohne Bedenken: „Das liebe Kerlchen da . . .“
Wie ernst er schon dreinschaut! Ernster beinahe als heute. Wirklich, wenn Lutz sich getraut hätte (und richtig, eben traut sie sich), Peter recht anzusehn, um seine heutige Erscheinung mit den alten Bildern zu vergleichen, so würde sie jetzt in seinen Augen einen Ausdruck harmloser, kindlicher Freude entdecken, die dem Kleinen noch fehlt; die Augen dieses kleinen Bürgerkindchens, das hübsch unter der Glasglocke gehalten wurde, sind wie Vöglein in verdunkeltem Käfig; jetzt ist eben das Licht gekommen, nicht wahr, Lucia, Lichtlein? . . . Jetzt möchte er aber Photographien von Lutz sehen. Da beschaut er nun ein sechsjähriges Mädelchen mit dickem Zopf, das einen kleinen Hund fest in den Armen hält; wie Lutz dieses Bild wieder erblickt, meint sie bei sich mit einer Anwandlung von Bosheit, ihre damalige Liebe zu dem Tierchen wäre nicht geringer und kaum andern Wesens gewesen als die jetzige; ihr ganzes Herz gab sie ihrem Peter, wie sie es dem Hündchen gegeben hatte; vielmehr hatte auch schon die erste Liebe Peter gegolten und der Hund war sein Platzhalter gewesen. Lutz zeigt auch ein kleines Fräulein von dreizehn oder vierzehn Jahren, das kokett und etwas geziert den Hals verdreht; zum Glück wich aus den Mundwinkeln nie ein kleines, schelmisches Lächeln, das zu sagen schien:
„Wißt ihr? Ich spaße nur; ich nehme mich nicht ganz ernst . . .“
Jetzt hatten beide ihre Befangenheit ganz und gar überwunden.