Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; offensichtliche Druckfehler korrigiert.
Worte in Antiquaschrift sind "kursiv" dargestellt.
Der Flieger
von
Rudolf Hans Bartsch
Ullstein Bücher
Eine Sammlung
zeitgenössischer Romane
Ullstein & Co / Berlin und Wien
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.
»Geordnet Leben, ehelich Leben macht Stalltiere, die in der freien Wildnis und im Losbruch aller Kräfte zugrunde gehen. Raub und Einbruch: das ist ein unentbehrlich Stück Mann!«
Jetzt hatte er's. Wahr' dich, Wildling; wahr' dich, Tikosch Gabor! Unten auf der Erde brüllte es, um ihn jaulten und sausten die Kugeln, und er flog um Leben und Tod! Der Motor gab her, was er konnte, und sein tiefes Donnern übergrollte das Knattern der Flintenschüsse da unten. Nur wenn eine Kugel Metall faßte oder an die Versteifungsdrähte streifte, da biß sich ihr hohes Wimmern durch das Geratter der Maschine. Der Wind sauste nicht so schneidend durch die Drähte als dieses Jammern der Geschosse, die blutdürstig aufschrien, wenn sie vorbeigingen. Wie das hundertfache Juchzen betrunkener Sennbuben mochte es in einem fort gehen. Uii, wiiiiu! Aber Tikosch Gabor hörte es nicht. Der Motor donnerte tief und metallen; und Tikosch flog wie im Fieber. Er wußte nicht, war er verwundet, lebte er überhaupt? Das Blut brauste ihm und rollte in eins zusammen mit dem knatternden Rasen seines Flugzeugs.
Das war ein Dahinstürmen durch die kugelzerrissene Luft! Bei Mehadia war er aufgeflogen. Alle Mädels hatten ihm »Eljen« nachgeschrien und mit hundert bunten Fahnen gewinkt; die ganze Erde schien voll junger Verliebtheit, und Tikosch hätte von jeder Küsse haben können, so viel er nur wollte. In dieser Zeit waren ja alle Mädels zerlöst und verloren, wenn sie einen von den Soldaten sahen, die sterben gingen. Aber er hatte nur eine einzige im Sinne, und die mochte ihn nicht. Da hatte er sich's erbeten, an der Donau hin über serbisches Gebiet fliegen zu dürfen, um alles unter seine Bomben zu nehmen, was der Mühe wert war, Wacht- und Zollhaus von Kladowa, Bordoli, Brzapalanka, und dann, als allerbestes, die Negotiner Eisenbahn, bis zum wichtigen Knotenpunkte ob Zajetschar samt der Brücke, die bei Vrazograci über den Timok ging. Zwei Straßen- und eine Eisenbahnbrücke waren dort nahe beisammen; knallte es dort, so war der fruchtbarste Teil des Serbenlandes abgesperrt und Wein und Korn in Menge kaputt für die Zufuhr zum Feindesheer!
Nun war er schon über hundert Kilometer geflogen und hatte überall Feuer bekommen. Mit wilder Frechheit war er über den Militärstationen bis auf dreihundert Meter hinuntergegangen, um seine Knallerbsen hinabzuwerfen. Hatten sie gewirkt? Er wußte nicht viel davon, denn ihr Aufschlag unten erstickte in dem rasenden Knattern seines Motors und der Mausergewehre.
Durch die Tragflächen sah er die blaue Luft wie durch ein Sieb, und Leib und Steuer des Flugzeuges waren durchlöchert. Er allein noch nicht! Wenigstens fühlte er nichts am Körper und nichts im Hirn als ein Fiebern, ein dunkles: Weiter, weiter, und das Äußerste gewagt! Dumpf fühlte er die heulende Wut derer dort unten auf der Erde: über den siegreichen Raubvogel, der er noch war. Die Stimmen überschlugen sich vor weinendem Ingrimm, er aber schwamm wieder in die Höhen, schraubte sich empor wie ein Bussard zum dunklen Sommerhimmel und fuhr hoch über allen Kugeln in blendendem Sonnenglaste dahin. Nur nach Negotin kommen; das andere war gleich! Die Donau war sein Wegweiser. Ungeheuer breit, gelb und träge zog sie ihre zähe Straße. Jenseits das flache Rumänenland, Auen, Sümpfe, das weißliche Graugrün der Weiden, ganz stumpf und wie verstaubt; am diesseitigen Ufer jammervolle Lehmhöhen, immer gleich niedrig längs dem Strome hinkriechend, elende Dörfer, trostlose Wachhäuser, menschenunwürdige Lehmhöhlen, echt slawische Trostlosigkeit. Es war wenig Freude, hier seine Visitkarten abzuwerfen. Aber da kam Prahovo und mit ihm die Bahn. Und die Höhen, jetzt wurden sie anders! Wunderbar grünend schwang sich der Auslauf der wilden Golobinje Planina gegen die Donau, diese schwenkte links ab, und Tikosch flog donnernd über dem halbverwüsteten, aber immer noch reichen Rebenlande dahin. Rechts die Weingebirge, links und vor ihm die Sümpfe: Negotin!
Und da war's, wo es ganz böse wurde. Er war der kleinen Brücke ganz nahe gekommen, die über das versumpfte Flüßchen im Süden der Stadt führte, und ein wahres Feuerwerk von Geschossen heulte zu ihm empor. Bedächtig warf er eine Bombe, dann noch eine; die Brücke unten riß sich auf. Menschen liefen zusammen, heulten und schossen, andere flüchteten, in Haufen, kreuz und quer über das Feld wie Hasen; ziellos, kopflos. Er sah alles unter sich, sah, wie die weißen Tauben von allen Dächern aufstoben und durcheinander schwärmten, wie die Rebhühner aufstanden und die Hunde wie toll rannten und jafften; und wie im Traum warf er die dritte Bombe da hinunter in all die Angst und Wut hinein. Da wimmerte das Drahtgetäu hell auf. Eine Versteifung war zerschossen; der wirbelnde Propeller schmiß lange Holzsplitter im Kreise herum, der Motor klatschte ein paarmal. Dann schlug es leicht und beinahe fühllos gegen seine Hüfte, und heiß kam es an seinem linken Bein heruntergelaufen; kreuz Teufel, nun war er angeschossen worden. Wird's was Böses sein? Weh tat's nicht, aber es hieß ausreißen; hoch in die sichere Abendbläue hinauf.
Er riß das Steuer steil aufwärts, zu steil im ersten Schreck, und der Monoplan überschlug sich. Heulender Jubel kam von der Erde, aber der wilde Flieger ließ das Steuer nicht los. Wie zum Hohn für die dort unten gelang ihm, halb aus Zufall, ein Saltomortale in den Lüften à la Pégoud, dann drängte er flacher hinauf. Ein tausendstimmiger Wutschrei hallte ihm lange, lange in seine Adlerhöhen nach, er aber kreiste immer höher und höher, und bald sangen die Kugeln nicht mehr. Beinahe friedlich sah die Erde aus, wie eine Landkarte, und jetzt hielt er die scheuenden Pferde einen Augenblick für Hasen und die Menschen, die mit roten Gesichtern zu ihm hinaufstarrten, für Truthühner, so hoch war er schon. Bald sah er einzelne Menschen nicht mehr, und jetzt nahm er Kurs gegen Norden.
Was tun? Untersuchen konnte er seine Wunde nicht. War eine Ader zerschossen, nun, dann wurde er schwächer und schwächer und fiel wie ein todwunder Vogel aus der Luft. Er dachte all das ganz ruhig und wenig erschrocken durch. Niedergehen konnte er nicht; hier nicht. Sie hätten ihn mit toller Wonne in Stücke gerissen da unten. Aber hinüber nach Rumänien? Und kriegsgefangen, entwaffnet, der schöne Taubeflieger fremde Prise? Er hatte doch sterben oder durchsetzen wollen, was er sich vorgenommen; die Vrazogracer Brücke, die er sprengen wollte, hatte er gar nicht erreicht. Später einmal; jetzt mußte er zusehen, wie er wieder nach Ungarn hinüberkam. Und verzweifelt hielt er das Steuer fest: gegen Nordwesten.
Wie eine Barre lag die in Abendglut brennende, kühle Planina zwischen ihm und dem Ziel; tief unten dunkelten die Wälder, näher an ihm glühten die karstigen Gipfel. Es waren die Berge um den Lukapaß, wohl zwölfhundert Meter hoch und mehr, und da mußte er drüber. Er zwang sich, nicht an das heiße Rieseln da unten, an seiner Hüfte, zu denken, und lenkte seine Taube höher empor. Recht hoch, denn mit dem Motor war etwas nicht in Ordnung; er hörte es mit klammem Herzen. Nur das jetzt nicht; das war ein Tod, schlimmer als der des Wolfes unter Hundezähnen. Wenigstens empor, empor mußte das Flugzeug, und wenn's siebentausend Meter waren, damit er Luft, eine ganze, lange, schräge Luftbahn bis nach Österreich und über die Donau unter den Schwingen hatte, wenn die Maschine aussetzte und er gezwungen war, in langsamem, sparsamem Gleiten niederzugehen! Wie weit er kommen würde? Er rechnete gar nicht, er biß bloß die Zähne zusammen wie ein Verzweifelter. Nur Wut war in ihm, Angst noch nicht — noch nicht. Aber wenn der Motor versagte? O, dies wunde, rote, grimmig brennende Abendlicht!
Will denn der Tag kein Ende nehmen? Wenn er niedergehen muß, und sie sehen ihn, dann ist es um ihn geschehen. In der tiefsten Einsamkeit der waldigen Planina finden ihn die Tollgewordenen und hetzen ihn mit Hunden, bis er sich stellt! Tikosch Gabor läßt die eine Hand frei, tastet nach der Wunde und dann nach seinem großen Kriegsbrowning; eine Neunmillimeterkugel wird wohl für ihn genügen. Aber die letzte wird es sein; alle andern müssen in Feindesleiber schlagen!
Und der Motor wird launenhafter und störrischer, Zündungen setzen aus, Vollgas nimmt er nicht mehr, und Tikosch muß drosseln. Da erholt sich der Motor; aber mit der jetzigen Tourenzahl kann er wenig Höhe mehr gewinnen. Tikosch starrt mit glasgewordenen Augen auf das Barometer. Das steht, steigt wohl auch ein wenig. Also geht es doch bergab: Teufel, es geht bergab!
Unten wird das Gebirge wilder und einsamer; die Dörfer haben aufgehört; nur in der Scharte, in der Luka, da ducken sich Häuser, und man sieht ihn, man sieht ihn sicherlich hier oben. Wäre nur die Nacht schon da, die gesegnete, verhehlende Nacht der Verfolgten, der Diebe und der Wundgeschossenen, die sich verkriechen möchten! Der Abend wird weit und violett, aber Nacht ist es noch nicht. In unverständlicher Größe und seliger Langsamkeit verdämmert das Land wie immer, und er, er fliegt in einem kranken Apparate um sein Leben!
Da, östlich von der Luka, ist die Planina gänzlich einsam und rauh. Die Buchen, die Eichen, die Edelkastanien kriechen nicht eben hoch aus den steilen Tälern empor, dann kommt Fichtendickicht und dann die karstige Höhe der Hirten und der Ziegen. Auch die werden ihn sehen, die Hirten; auch die sind Hatzhunde für ihn, und er ist allein über Feindesland. Bald muß er hinunter.
Und der Motor zögert und zögert immer mehr.
Da ändert Tikosch Gabor seinen Entschluß. Vorwärts kommt er nicht mehr weit. Nach Ungarn und über die Donau sind es freilich nur mehr fünfzig Kilometer; wenn er sich nicht verflogen hat und wenn es ihm gelingt, das weit nach Serbien einschneidende Donauknie von Milanowatsch zu finden. Aber geht er nur ein wenig rechts oder links daran vorbei, so kann es viel weiter werden, und sein Motor hält vielleicht keine zehn Kilometer aus; wenn er fünfzig in der Stunde fliegt, krank, wie er ist, so wär's noch ein Glück. Also wunderbarenfalls noch eine Stunde bis Ungarn! Das aber geht nicht mehr an. Er fliegt also mit gedrosseltem Motor, immer sinkend, über die Golobinje Planina, dort, wo sie am ödesten ist und ihn wenige sehen. Dann wird er sich immer links halten, soweit die Planina unbewohnt und wild ist, bis zum Veliki Krisch hin, wenn es geht.
Geht? So lange nur kann er fliegen, als sein Apparat über der Kammhöhe der höchsten Gipfel bleibt; die im Süden haben ihn dann aufgegeben und glauben, er sei schon nach Österreich hinüber. Ist er aber bis auf dritthalbtausend herabgesunken, dann muß er schwenken, die Planina wieder südwärts überfliegen und, auf die Dämmerung trauend, knapp über den Kamm streichen wie ein Sperber, der Sperlinge vom Boden weghaschen will, und sofort hinter dem Kamm niedergehen, wo es am höchsten, einsamsten und ödesten ist. Er hat früher hoch oben, zwischen Luka und Krivelj mußte es sein, einen Jungfichtenhorst gesehen, wahrscheinlich eine Neuaufforstung in einer Staatsdomäne. Nun, in jetziger Zeit ist die Försterei einberufen, und es wird dort einsam sein. Sein Flugzeug soll in die Schonung hineinfahren, wo sie am dichtesten ist; da findet es nicht so bald einer.
Und er, er wird dann in der erbarmungslosen Öde dieser verlassenen Höhen verrecken wie ein wundes Tier. Oder sich ausheilen? Auf eigene Faust dort oben sein Leben ertrotzen wie ein Mann und Räuber der Urzeit? Es zuckt in ihm vor Hoffnung. — Und der Motor versagt gänzlich.
Da wendet er im düsteren Halbdämmern das kraftlose, stillgewordene Fahrzeug gegen die verdunkelnden Wälder hinab; in weitem Bogen geht es gegen Süden. Das da unten wird Plavna sein und das Crnajika. Sie scheinen ihn dort in ihrer Kriegsbekümmernis und ihrem Abendfrieden nicht bemerkt zu haben, oder der schweigende Motor täuscht ihnen einen der vielen Adler dieser ungastlichen Höhen vor. Wer fände auch sonst ein Vergnügen, jetzt, bei einbrechender Nacht, Kreise zu ziehen über der Planina, dort, wo sie am rauhesten und fernsten ist?
Nun senkt er sich über den Kamm hin. Keine zwanzig Meter über dem Boden schießt das Flugzeug des Verzweifelten über die Wasserscheide; dann hat es wieder Luft unter sich: Abgrund.
Tikosch sucht nach der großen Fichtenschonung; er hat sich den Rückwechsel genau gemerkt und findet das dunkle Wirrsal der hunderttausend schwarzgrünen Bäumchen sogleich. Nun gleitet er nahe an der Erde hin. Gott erhalte, jetzt gilt es. Einer dieser sperrigen Wipfel kann höher und stärker sein, als er abschätzte, und dann überschlägt er sich oder wird gepfählt. Aber es muß, es muß! Und mit zusammengebissenen Zähnen saust er hinein in das krause, grüne Sträuben und Schnellen der Äste und Wipfel.
Das Flugzeug neigt sich, bohrt sich krachend weiter, senkt sich abwärts, eine der Tragflächen knarrt, knirscht, knickt tief ein, aber schon ist der ganze Aeroplan im Netze der Bäumchen, die nur zwei Klafter hoch sind, gefangen. Schwer atmend klettert Tikosch heraus und würgt sich in das unermeßliche Dickicht hinein. Das war auf Leben und Tod gegangen. Und er wirft sich auf die Erde und möchte am liebsten haben, alles wäre schon zu Ende, wie seine Kräfte es sind.
Eine Weile brüten unsagbare Dumpfheit und Gleichgültigkeit in ihm. Gerettet? Ha, was: jetzt geht erst die Hetze hinter dem gehaßten, flügellahmen Geier her! Und er ist schwach und verwundet. Ja: die Wunde. Er öffnet seine Kleider und sieht die linke Seite an; dann lacht er leise und grimmig. Gleich neben der Niere kam der Schuß von unten, und über dem Beckenknochen fuhr er wieder heraus, ganz nahe unter der Haut; die beiden glatten Schußöffnungen liegen keine drei Zoll voneinander. Aber nur ein wenig weiter nach hinten, und der wahnwitzige, betäubende Schmerz eines Nierenschusses hätte ihn entnervt. Ein wenig weiter abwärts, und der Beckenknochen wäre zersprengt! Nun war's nur das dicke Lendenfleisch, von großen Adern ist keine mitgenommen, und die Wunde klebt schon fest am Hemd. Er will sie nur oberflächlich reinigen; sie ist ja schon halb verharscht.
Und dann kniete der wildeste Leutnant des Ungarlandes, Tikosch Gabor, im Fichtengewirre nieder und betete zu einem Gotte, von dem er lange, lange nichts gewußt und dessen Namen er nur in den tollen Flüchen seines Landes zerfrevelt hatte.
Die Wunde an der Hüfte machte ihn steif und unbehilflich, als er aufstand, um sich für die einbrechende Nacht zu sichern. Er wollte gleich das Flugzeug, das ihn verraten konnte, zerlegen und mit den ihm brauchbaren Teilen einen andern Ort des Waldgebirges am Stol aufsuchen, in dem er Schutz gefunden hatte. Es schien ihm, als sei er zu nahe am Weiler niedergegangen, der an der Straße lag da unten, wo sie sich in weltfremder Einsamkeit durch die Luka zwängte. Aber es war ihm kaum möglich, zu seinem Führersitze zu gelangen, den man buchstäblich erklettern mußte, weil er einige Meter hoch in den Bäumen lag. Er vermochte nur mehr, seinen Schlafsack hervorzuzerren; den breitete er dicht unter den Tragflächen seiner Maschine aus, schob sich hinein und schlief auch schon, kaum daß er sich zugedeckt hatte.
Am andern Morgen weckte ihn der schaurige Hauch, der vor Tau und Tag über die Wälder kommt und Mark und Bein durchfröstelt. In Unbehagen und Schreck fuhr er empor und wußte sogleich, daß er hier oben in den Wäldern mitten im Feindesland war, ausgeliefert und schußfrei wie der Wolf der Höhen! Der Durst quälte ihn, und er hatte kaum mehr ein Restchen Tee in der Nickelflasche. Dazu schmerzte die Wunde, und nur leise stöhnend vermochte er sich zu bewegen. Fieber, Fieber!
Einen Augenblick war er im düsteren Schweigen, das noch über den tiefgrauen Dickungen lag und keinen Vogellaut emporließ, kleinmütig und überlegte, ob er sich nicht selber dem Feinde stellen solle; es sei ja nun alles gleich! Aber als der Himmel rot wurde und alles um ihn her immer heiliger und anbetungsvoller aussah, als die ersten Drosseln jubelten und in der Luft ein heller Falkenruf klirrte, da trotzte er sich wieder auf. Mit Anstrengung all seiner Willenskräfte überwand er den Schmerz und die Fieberschwäche und kletterte zu seinem Flugzeug empor. Er war doch ausgerüstet, und zum Verzweifeln war noch kein Grund, solange sie ihn nicht entdeckten. Die paar Hirten und Bauern, die sein Niedergehen gesehen haben konnten, waren wohl zu träge und furchtsam, um auf eigene Faust nach ihm zu suchen, und bis die Anzeige bei den nächsten Behörden Maßregeln erweckte, vergingen zwei Tage. Also hieß es arbeiten!
Er hatte die lederne Tasche mit allem nötigen Werkzeug rechter Hand vom Führersitz gehabt. Wo war sie nur jetzt? Ein wilder, hitziger Schreck durchflutete ihn. Ah, sie wird heruntergefallen sein, als der Aeroplan sich neigte. Nun hieß es abermals herabklettern und in dem Gewucher des Dickichts suchen. Das Blinken des kleinen Hammers, der aus der sich öffnenden Tasche gefallen war, verriet ihm endlich, daß er gerettet war. Ohne Werkzeug allein in dieser Wildnis, das wäre schlimm gewesen.
Durch das Suchen und Klettern war er warm und biegsamer geworden. Er begann jetzt, die versteifenden Drähte an den Tragflächen zu durchfeilen und abzuzwicken, bis die Flächen nachgaben. Es hieß achtgeben. Immer mehr und mehr neigte sich der Apparat, und wenn er jäh zu Boden stürzte, so riß er ihn aus seinem Bäumchen mit. Auch ein Sturz von einer Klafter Höhe konnte jetzt verhängnisvoll werden. Endlich rollte sich die eine Fläche zusammen, und dumpf krachend stürzte der Leib des Flugzeugs, Propeller voran, zu Boden. Das Holz der Flügelschraube zersplitterte, tief grub sich der wuchtige Motor in den Boden ein. Nun war es ein leichtes, auch die andere Tragfläche, die wie ein Segel in die Höhe ragte, abzumontieren und nach und nach Steuer, Gestänge, Räder herunterzunehmen. Ein toller Durst hielt ihn endlich von der Arbeit, bei der ihm der Schweiß herunterströmte, ab, und er kroch in allen Lichtungen umher, um von den Gräsern und Farnen den reichlich gefallenen Tau zu saugen. Diese langsame und spärliche Art der Wasseraufnahme hatte das Gute, daß er sich nicht überfüllte und doch nach und nach seine rasende Gier verlor.
Endlich ging er wieder an seine Arbeit. Der Leib des Flugzeugs war das am schwersten zu Bergende, und er mußte die Nieten durchstemmen, welche die Schale aus Aluminium zusammenhielten, die ihn bisher geschützt hatte. Dann nahm er den kleinen Lienemannschen Feldspaten, das unersetzlichste seiner Stücke in dieser Lage, weil es ihm Beil, Säge, Schaufel und Bratpfanne hergab, und grub unter den dicksten der kleinen Fichten ein Loch, in das er den Motor wälzte. Der hatte einen Zylindersprung! Unglaublich, wie das noch arbeiten konnte, so fein auch der Riß war, der von der Zündkerze bis zum Kopfe lief! Über den Motor legte er das Aluminiumblech, zusammengebogen, so gut es ging, und was sonst noch überflüssig schien. Die Drähte und das Zeug der Tragflächen behielt er und versteckte sie so gut im Dickicht, daß kein Auge sie erreichen konnte. Das gab Zeltstoff, vielleicht sogar Kleiderzeug. Nun bedeckte er das Grab seines Motors sorglich mit Erde und suchte dann wieder nach Tau. Aber der war in der lastenden Mittagshitze des Spätsommertages auch in den tiefsten Winkeln der Schattenfarne verflogen; es hieß einen Bach finden, und wenn's das Leben kostete. So trat er, den großen Browning an der Seite und den Spaten als Beil in der Hand, den unsagbar mühsamen Weg durch die verrückte Dickung an, wo er sich den Weg hauen und schneiden mußte, indes der Durst immer grimmiger wurde.
Bis in den Nachmittag würgte er sich so weiter bergab; er verzweifelte vor brennender Qual und warf sich auf die dunkle, magere Walderde, um sich zu kühlen. Da hörte er durch das Mittagsgurren der wilden Tauben hindurch ein ganz feines Kichern und Klimpern. Er sprang in wahnsinniger Freude empor. Herr des Himmels, das mußte eine Quelle sein! Und nun wand und schnitt er sich weiter, immer das Ohr in Liebe und Angst nach dem leisen Kichern und Rieseln hin gerichtet, bis er endlich ein jämmerlich kleines Gerinnsel fand, in dem sich ein bronzebraun aussehendes Wasserfädlein bergab wand. Für ihn war es herrlicher als der Ganges! Er warf sich auf den Boden und preßte Nase und Mund in die Furche wie ein wühlender Eber. Wie das Wasser schmeckte, wußte er gar nicht. Er trank nur und trank und brauchte lange, bis er bei dem spärlichen Rinnsal sein entsetzliches Brennen gestillt hatte. Dann füllte er seine Feldflasche; Gott sei Dank, daß er sie so groß genommen hatte!
Bisher war er aus dem verworrenen Dickicht noch gar nicht herausgekommen, wenn auch an einzelnen Stellen freiere Plätze mit großen Bäumen eingestreut waren. Dort versuchte er es, einen der Überständer, eine riesige Eibe, die vielleicht ein Jahrtausend alt war und doch kleiner geblieben war als jeder tüchtige Tannenbaum, zu ersteigen. Nun konnte er umherspähen.
Wald, Wald ringsum. Gegen Norden Fichten, gegen Süden da und dort Buchen eingestreut und Eichen. Keine größere Blöße, nur wilde Windbrüche; kein Zeichen menschlichen Wesens, eine Einsamkeit sondergleichen, namentlich nach dem Osten zu!
Dieser Waldberg, den sie Kraina nannten, war nur durch eine selten befahrene Straße, die durch das enge Loch der Luka führte, von der wilden Golobinje Planina mit dem Stol getrennt, und die ganze Welt dieser einsamen Höhen war wohl sechzig Kilometer lang und dreißig breit, ohne daß auch nur ein einziger größerer Ort dringelegen hätte! In der westlichen Kraina, wo er niedergegangen, war am nächsten der Weiler Luka und der Flecken Krivelj; aber auch diese waren drei Wegstunden voneinander getrennt, und zwischen ihnen türmte sich der steilste Gipfel des Waldgebirges bis nahe an dreizehnhundert Meter empor: der Stol — seine Burg! Die Bahn führte weit jenseits im Moravatale dahin. Er nahm die Karte zur Hand und stellte fest, daß das kleine Gerinnsel, das ihn hier gerettet hatte, zu dem Quellensystem der Bjelareka gehören mußte, an dessen Mündung in den Timok vierzig Kilometer weiter südöstlich die Brücken lagen, die er zerstören wollte. Nun saß er dort oben in der starren Wildnis, noch zwei Stunden über Luka, das die nächste menschliche Siedelung war, und begann ein Leben wie der Fuchs des Waldes; selber Dieb und Räuber, und von allen verfolgt, die ihn spürten.
Von was nun leben? Fürs erste mußte er unsichtbarer sein als ein Dachs. Sein Mundvorrat reichte auf ein paar Tage, dann mußte er sich als Raubtier nähren. Und er hatte kaum hundert Patronen für seinen Browning bei sich und kein Gewehr! Schießen durfte er in den ersten Tagen, solange man ihn da oben vermuten konnte, überhaupt nicht, und eine Wanderung nach Norden, wo er durch das Poretschkatal an die Donau zu kommen hoffte, war fast gleichbedeutend mit Entdeckung. Er mußte fürs erste hier oben bleiben und sein Leben mit den Mitteln, die er auf seinem Flugzeug mitgenommen hatte, neu beginnen und einrichten wie Robinson.
Vor allem benutzte er den Tunnel, den er sich durch das Fichtendickicht gehauen hatte, um zur Höhe des Berges zurückzukehren, wo er sein Fahrzeug und dessen Reste geborgen hatte, um nach und nach alles Brauchbare näher an das Wässerchen zu schaffen, ohne das er nicht leben konnte. Hier im dichten Jungholze wollte er bleiben; fürs erste konnte ihm nur ein Bär oder Wolf gefährlich werden und auch der nur im Schlafe. Schlimmer war es, wenn sie ihn mit Hunden suchten. Der kleine Wasserlauf, den er gefunden hatte, war zu unbedeutend, um darin weiter zu waten und so seine Witterung zu tilgen, damit die Hunde die Spur verlören. Aber das mußte er nun schon abwarten.
So suchte er sich denn nicht zu weit von seinem Gerinnsel eine höher gelegene Stelle, wo die Fichten so dicht standen, daß sie einen undurchdringlichen Verhau bildeten, zu dem er sich einen Zugang hieb, den man nur kriechend passieren konnte. Mit den abgehauenen Zweigen verblendete und verbarrikadierte er das Dickicht noch mehr, so daß man auch nicht auf eines Schrittes Länge das Zelt sehen konnte, das er sich in den Horst hineingebaut hatte, und das aus dem Zeug der Tragflächen bestand. Unter ihm grub er eine Erdhütte, und das Zeug bedeckte er mit Zweigen, damit das Graugelb des Stoffes nicht hervorleuchte. In diesem Zelte brachte er seinen kleinen Vorrat an Konserven und Zwieback unter, seine Werkzeugtasche und den Draht, der ihm nach dem Aufspannen des Daches noch geblieben war; das übrige Zeug rollte er zu einer Lagerstätte zusammen, auf die er seinen Schlafsack legte. Es war, für die Notlage, in der er sich befand, gar nicht ohne Gemütlichkeit anzusehen, wie er sich hier eingenistet hatte.
Dann musterte er das Handwerkszeug, mit dem er dieses vertrackte Leben führen sollte. Er hatte außer seiner automatischen großen Kriegspistole, seinem Säbel, kurzem Spaten und dem Feldstecher noch eine Werkzeugtasche, eine Eßschale, eine Feldflasche und einen Taschenfilter; das war alles. Ein einziges Paar allerdings sehr fest genähter Schuhe, drei Hemden und ganz wenig Unterwäsche und sein Fliegerpelz aus Leder bildeten seine Garderobe.
Nun dachte er lange Zeit nach: »Bleibe ich in meiner österreichischen Offiziersuniform, so haben sie mich auf den ersten Blick weg. Nähe ich mir aus dem Lederrock da eine Bunda zusammen, deren unbehilflicher Schnitt mich vor jedem Verdacht schützen wird, ein Gentleman zu sein, so werde ich als Spion gehängt, wenn sie mich hoppkriegen. Immerhin: besser etwas länger frei zu sein und dauerhaft in Leder gebunden, als mich vom nächsten Menschen, der mich sieht, mit Zetermordio verfolgt zu wissen.«
Und er machte sich ans Schneiderhandwerk, trennte das Schuppfell aus seinem Pelz und schnitt sich nach den zu weit gewordenen Linien des ledernen Überzuges eine tüchtige Jacke, die er sich dann wie ein Sattler mit Ahle, Pfriem und ungebleichtem groben Zwirn nähte, den er bei sich hatte.
Dabei hatte er wieder Hunger bekommen, und mit leisem Grauen dachte er wieder: wie soll ich mich hier nähren? Der nächste Maisacker lag weiß Gott wo. Er hatte einige tief unter Planina gesehen, als er noch der Adler dieser Höhen war; aber das gab eine stundenlange Wanderung!
Und er mußte sich die ersten Tage ducken wie ein Tier, auf dessen Wundfährte die Schweißhunde arbeiten! So suchte er denn im Walde nach Pilzen, deren er wenige fand, und nach Beeren. Es begann die Zeit der Brombeeren, und das war sein Glück, denn in diesem Waldgewirr waren die langen, stachlichten Ranken reichlich vorhanden. Er aß, was er konnte, denn die Dämmerung brach herein und er mußte sich mit den Gaben des Waldes tüchtig anstopfen, um seine Konserven, von denen er ja doch immer zu einer soliden Grundlage bedurfte, möglichst zu schonen.
Dann ging er, wie er ausgezogen war: immer vorsichtig in dem kleinen Wasserrinnsel bleibend, um seine Witterung zu tilgen, bergauf zu seinem Zelt im Dickicht zurück.
In der Nacht erwachte er; Stimmen, die sich vielfältig im nahen Holze zuriefen, dann der Jagdlaut von Bracken weckten ihn. Sie waren auf seiner Fährte; Himmel, sie suchten ihn mit Jagdhunden! Er hörte deutlich, wie einer der Kerle seinen Hund anfeuerte. »Pazek, pridi! Rako, pravdo!« Und das Jaffen und Schnaufen der gierigen Kreatur zerriß seine Nerven, wie es immer näher kam.
Tikosch riß seinen Browning hervor, repetierte eine Patrone in den Lauf und ersetzte sie im Magazin; das andere Magazin nahm er in die Linke. Er konnte jetzt in wenigen Sekunden fünfzehnmal schießen — dann aber war es aus. Das schwur er sich aber: jeder von den fünfzehn Schüssen muß im hellroten Leben sitzen. »Hund oder Mensch, ich schieße nur auf zehn Schritt!« Dann war sein Blut wie Eis, und er wartete, Todesgrimm in allen Adern, auf das kurze, furchtbare Halali! Mit Spannung zählte er die Stimmen, die zwischen dem Geläute der Hunde im Walde umherschwirrten; es konnten zehn Männer sein, wenn sie alle schrien, und drei oder vier Hunde. Wenn er die alle niederschießen könnte? Bloß einen Schuß braucht er für sich selber.
Da: es bricht in der Nähe und schnauft; einer der Hunde ist es. Das Mondlicht ist karg, und das ist gut so; denn da muß er auf drei Schritt schießen und braucht sich nicht zu verraten, ehe nicht alles verloren ist. Der Hund faselt am Bächlein hin und her, überfällt es — eisig sinkt alle Hoffnung in dem Bedrohten herab. Aber die Bestie planscht ins Wasser zurück und sucht bergab weiter; die eine Gefahr ist fürs erste vorbei. Der Leutnant wartet und wartet auf sein Ende, den Browning in einer Hand, die bisher noch nie bebte, die aber jetzt, wo Schrecken und Hoffnung zehnmal in der Minute wechseln, vor Aufregung zu zittern beginnt. Wieder und wieder hallt die Ball der Meute näher, kommen die Stimmen wie ein Fiebertraum über ihn, neben ihn; das wechselnde Aufleuchten der Fackeln dringt bis in seine Dickung. Dann, endlich, endlich geht die Hatz abseits in den Wald hinein und weiter bergauf.
Wenn sie oben die vergrabene Maschine finden, dann ist er ja doch verloren! Und so horcht er und horcht immer noch, auch wie das flüsternde Geheimtuen der südlichen Spätsommernacht allein um ihn raunt. Er hört die Hunde nicht mehr, er sieht die Fackeln nicht mehr ihre Feuerstreifen zwischen die Stämme schießen, aber sein Hirn gibt aus Eigenem fernes Rüdengeläute her, seine Augen blitzen Truglichter, bis er nicht mehr weiß, was wirklich ist und was Sinnensport! Er zerbricht sich den Kopf mit der Berechnung, wie weit es bis zu dem vergrabenen Aeroplan sein könne, und ob der vereinigte Standlaut der Hunde und das Jauchzen der Finder bis zu ihm herdringen könnte! Dann horcht er wieder. Die Siebenschläfer klettern in den Zweigen, die Nachtschwalbe klagt in der Luft, und zwei Eulen schreien so fürchterlich und unirdisch auf, daß ihm das Blut erstarrt, weil er nicht weiß, wer in der Nähe so gellend jammert. Wieder reißt er den Browning in die Höhe, aber nichts kommt. Glücklich, wer die Stimmen des Waldes alle kennt und der Natur Bruder geblieben ist; er darf schlafen, wo andere ringsum das Grauen und den Tod ahnen müssen.
Endlich löst sich die wahnwitzige Anspannung in ein dumpfes Brüten, aus dem ein todgleichgültiger, unwiderstehlicher Schlaf wird. Mit einem derben: »Sollen sie machen, was sie wollen,« wirft er sich hin und weiß auch schon nichts mehr.
Der jubelnde Morgen aller Vögel weckt ihn, und sogleich grübelt er nach: Bin ich gerettet oder nicht? Die Fährte seiner Verfolger darf er nicht nachsuchen, denn so gescheit sind sie sicher, auf ihre eigene Spur eine Wache gesetzt zu haben, die auf den nachspähenden Entronnenen paßt!
So wird er lange Zeit nicht wissen, ob sie seine Flugmaschine gefunden haben oder nicht, und das zerpreßt ihm mit furchtbaren Zweifeln die Seele.
Vier Tage sitzt der junge Mensch verkrochen und fiebernd im Dickicht und wagt sich nicht hervor. Vier Tage, ohne zu wissen, wovon er am fünften leben soll, denn seine Vorräte sind am dritten Tage zu Ende gegangen, und der Hunger beginnt mit dem öden Übelbefinden des leeren Magens seine Kurve, die bis zu Wahnvorstellungen steigen wird und zu einem Ende führt, für das Tikosch das Wort Tod nicht gelten lassen mag; verrecken nennt er es, wenn er dran denkt.
Aber frische Fährten darf er im Walde nicht hinterlassen, viele Tage lang; denn ihr Haß ist fürchterlich, und sie suchen immer noch, das weiß er. Aber noch eins weiß er: daß sein Wille, zu leben und zu entrinnen, noch größer und zäher ist als die Wut der andern, ihn zu fangen; und also muß er siegen, wenn nicht das Glück wider ihn ist.
So sitzt er und wartet auf seine Stunde wie der Wolf im Lager. Er weiß, daß er von jetzt ab bei Tage schlafen und bei Nacht schleichen muß, wie ein Raubtier, und überlegt, wie er den streifenden Hatzhunden entgehen soll, ohne sich durch einen Schuß zu verraten.
Aber in all dem Elend dieser ungewissen Tage hat er sich zu seinen Waffen eine neue gefertigt, die ihm in diesen Umständen nützlicher sein muß als seine Pistole.
Nahe an seinem Dickicht stand eine große Eibe, einer jener aussterbenden schwarzen Urbäume, deren Holz so zähe und elastisch ist, daß man nie einen dieser Bäume vom Sturme zerbrochen sieht. Aber eine stürzende Tanne hatte dem düstern Baum im letzten Winter einen langen Ast abgeschlagen, der zur Erde hing und jetzt ziemlich ausgetrocknet war. Tikosch wußte, daß das Eibenholz sich für den Bogen am besten eignet, und er schnitzte mühsam an dem dicken Bügel zu einer Armbrust und dem Schafte dazu. Mit dem Meißel stemmte er das Loch für den Bügel und für den Abzug aus, den er aus Teilen seines Flugzeuges zurechtfeilte. Nach zwei Tagen konnte er den Bogen durch den Schaft stecken, und nun band er von einem Ende des Bügels bis zum anderen mit großer Geduld einen Faden von dem starken, ungebleichten, groben Zwirn, den er hatte, um den andern: jeden stark anspannend und für sich geknüpft, bis der ganze Strang die Stärke einer Sehne erreicht hatte, wie er sie an mittelalterlichen Armbrüsten kannte. Er versuchte, zu spannen; unmöglich! Der Zug des Bogens mußte hundert Kilogramm übersteigen, und das war ihm recht; so bekam er einen weiten Schuß! Nun machte er den doppelarmigen Hebel zurecht, mit dem er die Sehne zu zwingen hoffte, aber zweimal mußte er den Arm des Hebels verlängern und verstärken, weil er sich bog oder nicht genug Kraft ergab.
Endlich spannte er die wuchtige Wehr und ließ den Bogen bangen Herzens leer abschnellen, ob die Sehne aushielt. Und sie riß nicht.
Von dem Augenblick zog in den einsamen Mann ein Gefühl von Stolz und Kraft, das ihn sich allmächtig fühlen ließ! Er hatte eine herrliche Schießwaffe, die ohne einen anderen Laut als das Klappen der Sehne den Bolz, dem er eine Spitze aus dickem Draht und Federn aus Lederflecken gegeben hatte, auf sechzig Gänge mit tödlicher Kraft trug! Er übte nach den Bäumen mit der einfachen Zielvorrichtung, die er seiner Waffe hatte geben können: die Treffsicherheit war nicht sehr groß, aber genügend: auf die sechzig Schritte, auf die sein Bolz noch einen Ast von der Stärke eines Handgelenkes durchschlug, vermochte er ein Ziel von Kopfgröße zu treffen. Ach, wenn es nur einen Hasen, nur eine Waldtaube in der Nähe gegeben hätte! Ihn hungerte so bitterlich! Aber das Dickicht schwieg, und in den helleren Wald wagte er sich nicht. Dort riefen die wilden Tauben im Holze; unendlich sanft klang ihr friedliches, dunkles Abendlied aus den Kronen der Fichten. Wenn er nur eine einzige herunterholte? Die Baumkronen lohten hochrot, der Unterwald war grau und lichtlos geworden, und wenn er Beute haben wollte, so war es höchste Zeit! Er wurde beinahe toll bei dem Gedanken, sich ein Lagerfeuer zünden zu können, über dem am Spieße der kleine, aber herrliche Braten duftete.
Der Magen krampfte und krampfte sich ihm, die wildgewordene Phantasie glühte und schwelgte in dem einen Bilde herum, bis er alle Vorsicht vergaß und im Bachbette aufwärts schlich, das dürstende Ohr nach dem dumpfen, heulenden Ruhuu, Ruhuu hingierend!
In weitem Bogen zog er in den Wald nach der Schlafstelle der schönen Vögel zu, die da wohl zu zehn und zwölfen in den Bäumen saßen. Endlich hörte er das Kichern ihrer Flügel, wenn sie aufflogen und sich umstellten. Es klang geradezu höhnisch, und ihm zuckte jeder dieser Töne ins Herz, denn die Vögel konnten ihn eräugt haben und abstreichen; dann kam die Nacht, und es war wieder nichts als das Wühlen in seinen leeren Eingeweiden! Er stand und starrte zu den Baumkronen. »Wech, wech, wechwechwech« ging es da und dort mit dem hohen, pfeifenden Laut der Schwingen, aber er sah die Vögel nicht; das Unterholz war zu dicht, und wenn er aus dem Schutze der Baumkronen trat, dann hatten sie ihn schneller eräugt als er sie, die Aufmerksamen.
Endlich begann ein Tauber leise zu heulen, etwas höher im Ton der nächste, und dem hungernden Raubtier da unten zuckte und riß das Herz. Er schlich näher, bis der eine Tauber mit der tiefen, murrenden Stimme den Schlußruf tat; den aber kannte Tikosch nicht, dieses kurze »Huck«, auf das der Vogel aufmerksam um sich zu äugen pflegt. Und ehe der Schleichende noch den blaugrauen Vogel gesehen hatte, klatschte der aus der nächsten Fichtenkrone empor ins flüssige Abendgold hinauf und zog in reißender Schnelle über den Wäldern dahin, weit, weit fort! Als hätte die Liebe des Schöpfers und aller Menschen ihn verlassen, sah Tikosch dem Vogel nach, dem drei andere folgten, und er hätte vor Jammer und Wut am liebsten herausgebrüllt. Zwei Schritte nur machte er und vertrat damit den ganzen übrigen Schwarm der Tauben, deren Schwingen wie Hohngelächter über ihm wichelten. Falkenschnell sausten die abstreichenden Vögel dahin, und der Wald war leer und entgöttert. Mitleidloses Schweigen blieb in den Baumkronen zurück, und der junge Mensch war hilflos wie ein verlassenes Kind. Oh, zum Fuchse, zur Katze zurück in die Schule! Neue Sinne erziehen an Stelle der Stadtdumpfheit, sonst mußte er verhungern trotz Waffe und Wild! Und er schlich weiter, das Wühlen des Hungers in den Eingeweiden und das brennende Verlangen im Herzen, zu leben, zu leben!
Aber der Abend schlug immer düsterer seine Schwingen um seine Augen, und bald war alles undeutlich geworden im Walde und auf den Schlägen. Da lenkte er verzweifelnden Herzens seine Schritte abwärts nach den Dörfern, um zu sehen, ob er ein paar Maiskolben stehlen könnte. Langsam und vorsichtig folgte er dem Wasserläufchen, das nach Süden lief, wo nach seiner Karte das Dorf Krivelj liegen mußte. Die Nacht war ihm jetzt willkommen, denn er wäre am liebsten mitten ins Dorf eingebrochen, um zu rauben, was er erraffen konnte.
Der Hunger hatte ihn furchtlos und verzweiflungsvoll gemacht, und wenn er daran dachte, wie jetzt die Kammern der Bauern voll Schinken und Würste hingen, trat ihm der Schaum vor den Mund, und er mußte mit Gewalt ein dumpfes Brüllen unterdrücken, das ihm von einer unwiderstehlichen Gier entpreßt wurde.
Wenn sie ihn fingen, es war ihm gleich. Vielleicht hatten sie seinen Flug schon vergessen, vielleicht konnte er sich für einen Versprengten ausgeben; denn seine Leute würden wohl schon längst mit den Serben handgemein geworden sein.
Wie es denen wohl erginge? Er wußte von aller Welt gar nichts, und was ihn sonst in ein Fieber von Sorge gestürzt hätte, das konnte er jetzt unwillig abschütteln. Es war ihm alles gleichgültig, was mit Österreich war; nur essen wollte er, fressen! Und er schlich und pürschte mit verhaltenen Tritten in die tiefwerdende Nacht hinein dem Tale zu. Das Gehen im Wasser wurde immer schwieriger und schmerzlicher; die aufgeweichten Schuhe gaben in den Nähten nach, aber er mußte im Bache bleiben, obwohl ihn das Fieber und die Kälte schüttelten. Stundenlang ging er so. Da hörte er das Anschlagen eines Hundes, und zusammenfahrend stand er stille.
Durch die Bäume schimmerte eine hellere Blöße; etwas Sternenlicht war über einer Wiese, und dorthin schlich er mit klopfendem Herzen. Nun sah er auch den Mond, der klein und schmal über die Berge heraufgekommen war und ihm leuchten sollte. Er wartete, bis der Hund wieder anschlug; nach dieser Richtung ging er dann. Es war die Gefahr, auf die er zuging, aber auch das Ende dieses schwindelnden, brennenden, tobenden Hungers! Fiebernd schwankte er dahin, und das Blut kreiste wunderlich in seinem Hirn. Ihm war jetzt alles wie ein sonderbarer Traum, und er mußte sich immer wieder zusammennehmen, um sich nicht niederzulegen und weiterzuschlafen, weil er oft meinte, flüchtig erwacht zu sein und innezuwerden, daß er da zwecklos aus dem Bette gestiegen sei und in der Nacht umherirre. Dann wußte er plötzlich wieder, daß es ums Leben ging, und hochgespannt schlich er weiter, wo der unsichtbare Hund sein dunkles, veränderliches Wesen hatte. Es war ein großes Tier mit tiefer Stimme, aber er fürchtete es nicht; er suchte es, und es ärgerte ihn das Wandern der Stimme, die bald da, bald dort anschlug und knurrte. Tikosch wurde wütend. Nicht, weil der Hund offenbar frei umherstrich und ihm gefährlich werden konnte, sondern weil dies kreisende Suchen mit dem Gehör ihm stets wieder jenes wunderliche Bewußtloswerden brachte, aus dem er sich mit allen Kräften losreißen mußte, sonst sank er vor Schwäche hin und wurde gefunden. Er ging über Wiesengrund, dann über ein Krautfeld, dann wieder über Wiese, und seine Augen durchbrannten die Düsternis, ob nichts anderes kommen wollte: Obstbäume oder ein Kartoffelacker gar! Auf einmal kam er an ein höheres Feld, und mit unbeschreiblichem Entzücken erkannte er die Töne leisen Sägens, die im Nachtwinde von den langen Maisblättern ausgingen, die sich aneinander rieben!
Da war Nahrung. Er schlich mit brennendem Begehren hin, griff in die Stauden und suchte mit bebenden Händen nach einem Kolben, den er mit einer Andacht losbrach und enthüllte, wie ein Priester das erste Allerheiligste, das er genießen darf. Ein leises Weinen, ein süßes, leichtes, seliges Kinderweinen erschütterte ihn dabei unsagbar sanft und lieblich.
Das Leben war plötzlich wie ein leises, liebes Lied geworden. Der Mais war hier, hoch oben in den Bergen, noch grün und milchig, und er biß gleich in die rohen Kolben und zerkaute das süßliche Fleisch der schwellenden Körner mit namenloser Inbrunst.
Da hörte er das Schnauben eines Tieres in der Nähe und hielt in der gefährlichen Gereiztheit einer Bestie inne, die man beim Fraße bedroht. Eine dumpfe Wut, in diesem unsagbaren Entzücken gestört werden zu sollen, kochte in ihm auf. Ah! Der Hund suchte und schnoberte nach ihm, der sollte die Menschenjagd büßen. Tikosch hatte seine Armbrust, so umständlich sie auch zusamt dem lästigen langen Hebel zu tragen war, bei sich behalten, und mit bebenden Händen spannte er die Sehne und klemmte den Bolzen zwischen die haltende Feder und den Schaft; dann setzte er sich kauernd auf die Erde und erwartete seinen Todfeind.
Ein gereiztes Knurren sagte ihm, daß der Hund seine Witterung in der Nase hätte. Aber dies drohende Knurren, das in solcher Verlassenheit und solcher Nacht manches starke Herz hätte zittern lassen, wurde ihm zum gierigen Entzücken. Schoß er mit seiner geräuschlosen Waffe die Bestie, so hatte er Zeit, Zeit, die ganze Nacht, zum Plündern von Feld und Baum und Stall!
Er hatte wieder all seine Nerven und Sehnen beisammen und duckte in sich selber zusammen, die Armbrust an der Wange: wartend, in zitternder Freude und Gespanntheit. Und der Hund schnob und schnaufte sich näher heran. Der Wind stand vom Felde nach der Wiese, und Tikosch wußte, aus einem ihm bisher unbegreiflichen Instinkte heraus, daß der Hund gegen den Wind kommen müsse. Er horchte gar nicht mehr in das Sägen und Rascheln des Feldes hinein, sondern bohrte seine Augen in das matte Dämmern der Wiese.
Wirklich kam die Bestie dort geschlichen; undeutlich, schwarz und so riesenhaft, daß er zuerst glaubte, es sei ein Stück Großvieh. Aber er wußte, wie die Dunkelheit verzerrt, und paßte scharf auf. Nun war der Hund so nahe, daß der junge Offizier das gierige Hecheln des aufgeregten Atems hören konnte; der Hund stand, und eine unbestimmte Sorge schien ihn zu überkommen. Wenn die feige Bestie nun nur nicht ihrer Zwiestimmung in einem ungeheuerlichen Lärme Luft zu machen suchte! Rühren durfte sich der gestellte Mann auf keinen Fall, so daß der Hund im ungewissen blieb, was das für fremde Witterung war. Endlich schlich das große düstere Tier wieder näher, gierig windend, so daß sein Atem pfeifend durch die Nase ging. Zehn Schritt noch, dann stand es wieder und knurrte.
Tikosch blieb ganz still in sich zusammengepreßt, und lange, lange Minuten lauerten sich so die beiden die Gewißheit ab. Endlich schien der Hund zu glauben, hier schliefe ein Mann, und kam vorsichtig schnuppernd noch näher heran, so daß der Offizier sah, wie sein Rückenhaar vor Aufregung hochgesträubt war wie bei einer Hyäne. Mit hohem Widerrist und gesenktem Kreuze wie eine solche stand die Bestie einen Augenblick, dann duckte sie vorne zusammen und kroch näher; Tikosch sah nur Haupt und Schultern und dahinter die klamme Rute, die vor Wut und Erregung zuckte.
Drei Schritt! Tikosch ging mit der Schußwaffe mitten zwischen die schwefelgrünen Lichter des großen, gefährlich nahen Tieres hinein und drückte in unsäglicher Anspannung allen Willens, den einen Punkt zu treffen, ab. Es krachte wie brechendes Bein, und der Hund sank nach vorne zusammen, ohne einen Laut zu geben.
Da stand Tikosch auf, straffte sich, und ein Gefühl sprudelnden Stolzes quoll in ihm empor, dessen wilde Freude am liebsten in einen furchtbaren Siegesschrei ausgebrochen wäre. Er dämpfte sich, trat zum Hunde und riß dem verendeten mit großer Anstrengung den Bolzen aus der Stirne: bis ins halbe Hirn hatte sich der gebissen! Dann packte er das mächtige Tier an der Rute und schleifte es über die Wiese zum Bach, gab ihm dort einen Fußtritt, und es kollerte bergab, so weit, als Tikosch nur wünschen konnte. Denn hier ging es sehr steil hinab. Ein fernes Planschen des Wassers verriet ihm, daß die Bestie fürs erste gut verdeckt läge; dann kehrte der frohgewordene Feldräuber wieder zu seinem Mais zurück und begann mit vollen Händen zu stehlen!
Er aß diesmal nicht mehr; er dachte nur an Vorrat und band sich die saftigen Kolben zu einem großen Pack zusammen.
Dann ging er ein Kartoffelfeld suchen, fand es auch und grub sich hier, wühlend wie ein Eber, die größten und schwersten Knollen heraus, den ganzen Rucksack schwer voll. Nun schlich er sich, nach dem Hause spähend, weiter; aber ehe er in einer dunklen Erhöhung einen mächtigen Hof erkennen konnte, jaffte hoch und aufgeregt ein Hündlein hinter den dunklen Mauern, und der verhohlene Vogelfreie erschrak dermaßen, daß er zuerst kaum von der Stelle konnte.
Mit zitternden Knien und größter Anstrengung trug er jetzt seinen schweren Raub dem Bergwalde zu, fand seinen Wegweiser, den Bach, trat ins Wasser und kämpfte sich darin über Kies und schlüpfrigen Schlamm unter unsagbarer Mühe und Schmerzen seinen Weg bergauf, Stunde um Stunde, bis das Sternbild des großen Wagens über den Bäumen gänzlich auf dem Kopfe stand und weit über Mitternacht ansagte.
Fünf Stunden hatte der kleine Raubzug gedauert, und es mochte gegen zwei gehen, als Tikosch in seinem Dickicht anlangte und erst todmüde auf die Erde hinsank, ehe er Willenskraft genug fand, sich die verquollenen Schuhe von den Füßen zu ziehen und die kalten, erstarrten Beine abzureiben, damit er sich nicht zu sehr erkälte.
Trotz der Anstrengung war ihm nicht warm geworden: das machten der Hunger und das Fieber, das ihn immer noch nicht gänzlich verlassen hatte. Dazu spürte er in der verheilenden Wunde wieder lebhaftere Schmerzen. Aber all das tat ihm jetzt nichts, wo er zu essen hatte.
Er war so sicher, beinahe übermütig geworden, daß er es zum erstenmal wagte, ein Lagerfeuer zu entzünden. Mit der letzten Kraft, die ihm geblieben war, zerrte er aus dem Holzvorrat, den er sich vorsorgend schon früher zusammengetragen hatte, ein paar kurzgehackte Stücke hervor, legte sie auf Reisig und entzündete sie. Dann rückte er an die Flamme, und indem er die Kartoffeln hineinlegte und die Maiskolben an kleinen Spießen über das liebe, lichte Feuer hielt, zog längst entbehrte Wärme in ihn und gab ihm Mut und Kräfte wieder. Er konnte es kaum erwarten, bis die Maiskolben geröstet waren, und die Kartoffeln sangen noch leise, als er sie aus der kleingewordenen Glut zog. Nun warf er nur von Zeit zu Zeit mehr ein kleines Scheit in die Flamme, damit er Wärme und Licht in einem hätte, und hielt eine Mahlzeit, beißend, schlingend, schmatzend und ungeheuer gierig! Dabei durchdrang ihn ein Entzücken, das war so schwindelnd und ungeheuer, daß alle Liebe, die er je genossen hatte, elend und schal neben dem ungeheuren Aufschwunge seines Lebens erschien, der ihm jetzt beschieden war, weil er sich sattessen konnte!
Das Glück brauste und jubelte in ihm, und er schnaufte und weinte in einem Atem vor Gier und Lust! Er entsann sich, daß Verhungernde mit dem Essen nicht aufzuhören vermöchten, bis sie stürben, aber das kam ihm jetzt gleichgültig, klein und nichtig vor. Es war ein solcher Aufflug, solch ein ins Ungeheure gepreßtes Lebensgefühl in diesem Fraß, nach den elenden Tagen, daß er dafür gerne gestorben wäre. Endlich lachte er doch leise und sagte sich: »Vieh! Vieh!«
In unbändigem Glück und Behagen lehnte er sich zurück, hielt die Beine ans Feuer, drehte und wendete sich, um die göttliche Wärme recht und überall zu empfangen und durchzufühlen, und kam sich vor wie der König dieser hohen Wälder.
Das stürmende Glück ging immer mehr in ein menschlicheres und sanftes Hinträumen über, und zum erstenmal in diesen Tagen der Verfolgung und Not überblickte Tikosch seine Lage klarer und musterte auch seine Vergangenheit, wie einen Traum, den man staunend überblickt und bedenkt, nachdem man erwachte.
Einen Arm unter dem Kopfe, lag so der junge Offizier an seinem einsamen Lagerfeuer in der Urwildnis des Veliki Krisch.
Wie war er nur da hergekommen? Ah, ja, sein toller Flug! Und die vermaledeite Brücke bei Zajetschar steht noch immer; die hat er gar nicht gesehen. Vielleicht kommt man zu Fuße hin? Eine Sprengbüchse und ein paar Bomben sind drüben am Stol vergraben; wer weiß, was man wieder unternehmen kann, seit man wieder bei Kräften ist!
Wie kam er damals nur auf jene tolle Idee? Befohlen war ihm der Flug nicht worden. Und Tikosch Gabor lächelt wehmütig; er hat in seiner Seele wieder Platz für Menschentum und Allzumenschliches. Wenn ihn die frische, aufrechte deutsche Beamtentochter, der er so gar nicht gefallen hatte, jetzt sähe! Aus Grimm und Verzweiflung über ihre Abweisung war er unter die Flieger gegangen und hatte ihr's geschrieben, daß er ins Herz Serbiens hineinsausen würde, um dort zu wüten und zu sterben. Er, der ihr zu unbändig, zu viehisch erschienen war, der Wohlerzogenen, weil er einmal betrunken sein mochte, wie's eben der Ungar pflegt unter Freunden. Und einen schwäbischen Lehrer hatte sie ihm vorgezogen!
Häh! Der hätte da stehen sollen, in der Nacht, im Kukuruzacker, der riesigen Dogge gegenüber! Oder er hätte mal fliegen sollen wie Tikosch. pfeifende Kugeln ringsum! Oder mit Hunden gehetzt im Walde ducken, oder hungern, wund und fiebernd! Nein, die Weiber sind nicht auszurechnen. Nimmt die ein Lamm statt eines Löwen!
Stolz und grimmig lächelt der junge Offizier. Er ist doch ein Mann, dem ein Weib nicht nein sagen sollte! Sein Antlitz ist wohl ein wenig hunnisch, aber energisch und schön; die Gestalt wie aus Stahldraht gedreht, schlank und mit spielend elastischen Muskeln, und Mut hat er für drei!
Aber doch: es hat ihn ein schmierblonder Kandidat ausgestochen!
Tikosch grübelt. Er hat den Lehrer auf Tod und Leben fordern wollen, trotzdem Margit für ihn bat. Die Kameraden jedoch haben ihm gesagt, es wäre kein Kampf gleich auf gleich, und stolz lächelnd hat Gabor verzichtet, den Schulfuchs zu erschlagen. Wenn Fräulein Margit das halbe, zahme Kindergelichter, das der ihr zeugen wird, lieber ist als rassige Jungen, wie er sie ihr gäbe, soll sie's mit dem blonden Thaddädl halten. Er wird davonfliegen und lachen.
Und er ist davongeflogen.
Jetzt hat er seinen eigenen Herd. Ja, seinen selbstgegründeten; mitten im Urwald und ohne Weib und solche Faxen. Hunger, Elend und Triumph hat er nacheinander kennen gelernt, und heute hat er auch das Stehlen gelernt.
Immerhin; vielleicht kommt es noch zum Straßenraub. Ein rechtes Mannesleben sollte überhaupt voll solcher Dinge sein. Als Offizier kommt er hier nicht weit; also wird Tikosch Gabor Räuber werden. Er lacht behaglich, überlegt, wie das ginge, wünscht sich sehr ein paar Gesellen und schläft auch schon gut und ausgiebig, so daß er den werdenden Tag nicht sieht und nicht die schaurige Morgenkälte fühlt, die vor Hahnenkraht alles durchdringt. Er schläft und träumt, daß er sich zu nahe ans Feuer gelegt habe und das verbrenne ihn jetzt. Jähe fährt er weg davon und empor, und dann lacht er.
Es war die helle, heiße, brühende Herbstvormittagssonne, die sich ihm vollhin auf den Pelz gelagert hat, wohl schon seit einer Stunde. Ah: Behagen über Behagen! Und nun gibt's ein Frühstück am Lagerfeuer, wie schon lange keines mehr, und dann ein wenig Jagd, ein wenig Verfolgung und Gefahr — es ist doch ein famoses Leben. Und seine Wunde scheint in dieser einen Nacht verheilt, seit er sich wieder sattgegessen hat.
Bloß eines fehlt ihm noch zum vollkommenen Glück: ein wenig Salz und Butter zu seinen Kartoffeln! Für ein Pfund Butter gäbe er jetzt dem Lehramtskandidaten die ganze sanfte und hochgebildete Margit. Und Tikosch kann jetzt auch wieder fluchen; es gelingt ihm leicht und lästerlich gut.
Vorläufig will er schleichen und pirschen lernen und sich trotz der gestrigen Enttäuschung einen Braten holen; Gott wird ihm schon einen Hasen in den Weg schicken. Sonst muß er's wieder mit den scheuen Waldtauben versuchen. Vielleicht geht es in der Mittagsstille; da schlafen sie ja auf ihren Bäumen, nachdem sie Wasser aus dem Bach aufgenommen. Oder bei der Tränke? Ja, da konnte er eine überraschen. Und der einsame Jäger nahm sein Schießzeug und verlor sich im Walde.
Aber manche Fehlpirsch, manchen mißglückten Schuß kostete es noch, bis Tikosch mit den Pirschregeln und mit seiner mittelalterlichen Waffe vertraut genug war, um das scheue Wild auf vierzig oder gar fünfzig Gänge zu treffen. Die Schußleistung, das Streubild war auf diese Distanz allein schon der Größe dieser Vögel entsprechend, und der kleinste Zielfehler bedeutete einen Hungertag! Der Offizier lernte, seine Willenskraft, seine Nerven auf bisher ganz ungeahnte Weise anzuspannen und alle Energie in einen einzigen Augenblick zu pressen. Nicht einmal in den kritischen Momenten, wo sein Luftfahrzeug in Windstößen zu schlingern begonnen hatte, bedurfte es solcher Zusammenfassung aller Willensmächte auf einen Punkt hin wie jetzt im Augenblick des Schusses, um zu treffen! Nun hatte Tikosch fast jeden zweiten Tag eine Zutat für seine Kartoffeln und Maiskolben, an der ihm freilich der ungewohnte Mangel von Salz und Fett empfindlich wurde. Nur der wütende Hunger vermochte ihn, die reizlose Kost hinunterzuschlingen; denn der Versuch, sich ein paar Körnlein Salz zu verschaffen, wäre mit dem Leben doch zu teuer bezahlt gewesen.
Eines aber wuchs von neuem in ihm empor, seit die äußerste Not und mit ihr die Gleichgültigkeit gegen alle andern Erscheinungen dieses Lebens gestillt waren. Er sehnte sich nach Menschen. Und mehr noch; er konnte sich wieder dem Luxus der Vaterlandsliebe hingeben. Als der Hunger nicht mehr durch Mark und Bein nagte, da begann wieder die Angst: Was ist mit meinem Österreich? Vierzehn Tage waren seit der Kriegserklärung verflossen, und das Land hier ringsum blieb still und friedlich. Er horchte oft in die ferne Bergnacht hinaus, ob sie ihm nicht das Grollen eines Kanonengewitters zutragen wollte. Umsonst. Am Abend gurrten in unsäglichem Frieden die Hohltauben und die Ringeltauben in Felsen und Wäldern, die Wipfel rauschten sanft, und mit immer gleichem Lächeln sprach der Gott der Höhenfernen stets sein sanftes:
»Warum seid ihr mir in die Irre gegangen? Ihr würgt euch, und ich bleibe der Friede. Die Not in meinem Reiche ist kurz, auch wenn täglich der Falke unter die kleinen Vögel stößt; ihr aber habt euch an einem künstlichen Frieden Ekel gefressen, so daß der Völkerwahnsinn nun um so schauerlicher ausbricht! Wäret ihr bei mir geblieben, ihr würdet täglich das Glück eurer Seele haben, das da heißt: Gott anschauen.«
Es war fast unerträglich, dieser ewig gütige Friede! Was geschah dort hinter den Bergen? War Österreich einmarschiert, warum kam keine Unruhe unten in die Dörfer, die er fernehin in immer gleichem Frieden liegen sah? Die Transporte besorgte ja die Bahn, darum sah er keine Züge von Troß und Wagen. Aber die Menschen arbeiteten wie sonst; sie sahen klein aus wie suchende Sperlinge, dort auf den Feldern der Tiefe, und nichts schien sie zu vermögen, unruhige, gestörte Ameisen zu werden! Oder hatte Rußland eingegriffen? Tikosch wußte, daß der unersättliche Barbarenstaat des Ostens nur auf die Gelegenheit lauerte, Österreich zu überfallen, und der Gedanke, daß jetzt im Norden die Hunderttausende Österreichs gegen die Millionen Rußlands einen Kampf voll Verzweiflung und übermenschlicher Anstrengung rängen, trieb ihm die heiße Feuchte aus allen Poren.
Und er war hier gefangen! Sollte er, immer die Nächte durchwandernd, seinen Weg bis zur Save nordwärts suchen und ins Ungarland zurückschwimmen? Die Wunde war nahezu geheilt, eine kleine Steifheit im Kreuz, die übergeblieben war, konnte ihn nicht arg hindern. Aber dennoch hielt ihn ein Rest von Hoffnung und Trotz hier auf seinem Berge fest. Erst mußte er auf irgendeine Weise erfahren, wie es mit dem Kriege stand; und war Österreich in Bedrängnis, dann sprengte er den Serben ihre Eisenbahnbrücke ob Zajetschar auch ohne Flugzeug: und sollten sie ihn dafür in Stücke reißen!
Was lag an ihm, Geld hatte und wollte er keines, Glück war ihm nicht beschieden, und das einzige, was er von diesem Leben ersehnt hatte, ein wenig Frauenliebe, war ihm brennend mißraten! Dies verschmähte Mannesdasein, dem die Vergötterung fehlte, konnte nur durch eigene Achtung zu Inhalt kommen; sich selber wollte Tikosch Gabor anbeten lernen und sich sagen: »Du bist ein Held!« Von dieser Art waren bisher die einzigen Sensationen seines Lebens gewesen: waghalsige Ritte, von denen das ganze Komitat sprach, und nun sein toller Flug, der ihm mißlungen war, und dessen Ziel der Dickkopf nun erst recht nicht aus den Augen ließ. Alles, was sonst das Leben vertieft und schön, aber auch allzu begehrenswert macht, war von Tikosch bisher unbeachtet gelassen worden. Um Kunst kümmert sich der Ungar an sich schon wenig. Auch seine Natur, die Natur der Puszten, kennt nur eine eintönige, eine große, aber einzige Linie und beschäftigt weder die Augen noch die Phantasie ungewöhnlich. Man liebt sie und läßt sie sein, wie sie ist, oder erobert sie zu Pferde. Für die Städte und ihre Oberflächlichkeiten hatte der junge Offizier so wenig Sinn wie für ihre Tiefen. Über die Kabaretts und über die Theater lachte er mit derselben Verachtung. Gelehrsamkeit, Wissenschaft und Philosophie waren von ihm bisher mit den Worten abgetan worden: »Das Zeug ist alles nur für die langhaarigen Ehrenmänner am Kaffeehaustischel; sollen's damit glücklich sein und mich in Ruh' lassen.«
Jetzt aber, in der grandiosen Schweigsamkeit alles dessen, was um ihn lebte, ging ihm ein tiefes Unbehagen auf, wie hilflos er eigentlich wurde, wenn er in sich selber sank! Immer wieder mußte er, da alles sich von ihm abgewandt hatte, was ihn sonst unterhalten konnte, in die Tiefen seiner eigenen Brust hinuntersteigen. Er versuchte, sein ungeschultes Hirn zum Grübeln zu bringen, und fand alles leer. Oder vielmehr, er war des Denkens ungewohnt und hilflos wie ein Kind. »Wozu bin ich eigentlich gemacht: Ich, Tikosch Gabor? Und was war beabsichtigt, weil ich auf die Welt kam? Was hat mich bisher getrieben? Was habe ich Gutes getan und warum habe ich so viel Haß gehabt? Warum frag' ich mich jetzt drüber?« Solche Schürfungen nahm er nun in sich selber vor, und wenn er aus solchen Gedankennächten fruchtlos wieder an den Tag geriet, kam er sich vor wie ein verlegner Teckel, der zwecklos in einen leeren Fuchsbau eingefahren war. Einen kleinen, buckligen Kerl im Szegediner Offizierskaffeehaus hatte er immer ausgelacht, wenn der behauptete, die ganze Welt gehöre ihm. »Warum? Wie? Wo?« hatte Tikosch vergnügt geschrien, und der kleine Hascher hatte dann immer mit einem großen Stolze gesagt: »Ich bin ein Philosoph.« Ja, der arme Kerl hatte sich sogar zu der Behauptung verstiegen, nicht Kraft noch Kühnheit mache den Mann aus, denn dann sei jeder Gorilla besser als Tikosch, aber denken müsse man können; damit sei man ein Gott! »Denken; das ist der ganze Mann.«
»Weiß der Teufel,« sagte Tikosch jetzt öfter zu sich selber, »jetzt möcht' ich wirklich was von so einer Philosophie dahaben.« Und er dachte nicht ohne Neid an den kleinen Buckligen im Kaffeehaus zu Szegedin und auch an den blonden, schwäbischen Schullehrer, der die schöne Margit mit einer rührend tiefsinnigen Betrachtung über das Leben der Bienen, die er studiert hatte, als wären's Menschen, zuerst auf sich aufmerksam gemacht hatte. Da nun die Lebensumstände, in denen sich Tikosch jetzt befand, Dinge wichtig machten, an die er früher auch nicht den kleinsten Gedanken verwendet hatte, wie die Lebensweise der wilden Tauben und der Hasen, der wilden Hummeln, deren Honig er rauben lernte, und sogar der Mücken, aus deren Gehaben er das Werter hervorahnen lernte, so begann er eine Art richtiger Scheu für alles Wesen der Natur zu empfinden, und die ist ja der Anfang aller Religion. Sich als Teil empfinden, um sich als Einzelnes dafür um so inniger zu bilden, das ist die Schrift Gottes, die er uns gegeben, sie zu suchen, zu erkennen und zu befolgen.
Solche Erwägungen kamen ihm aber nur dann, wenn seine Sorgen und sein Hunger für die nächste Zeit gestillt waren, und er empfand diese Würdelosigkeit seines Wesens mit einigem Ärger. Denn all diese schönen Dinge, Heldentum, Vaterland und Philosophie, waren augenblicklich verschwunden, sobald die gemeine Notdurft in ihm rebellierte. Oft war ihm zum Beispiel die Sorge um sein Vaterland durchaus nicht sehr viel wichtiger, als wie er zu einem Happen Salz gelangen könnte. Denn die Gier nach Salz und auch die nach etwas Fett war in ihm mit tierischer Gewalt gewachsen und gewachsen, und wurde nun schon so groß, daß er beschloß, ein Teil seiner geübten Vorsicht außer acht zu lassen und sich die ersehnte Würze zu verschaffen, auch wenn es ihm an den Kragen ginge. Er schämte sich, aber der Trieb blieb stark.
Da entsann er sich eines Tages, als er vor sich selber nach einer Ausflucht suchte, daß das Verlangen nach Salz ja auch in den Tieren sehr lebendig sei, und er dachte der Rehe, denen in seiner Heimat die Jägerei eigene Salzlecken errichtete. Gibt bei uns der Jäger seinen Rehen Salz, folgerte er, so wird es hier der arme Bergbauer wenigstens seinen Ziegen nicht vorenthalten. Und er begann, Losung und Fährten der Ziegen in den Planinen zu erforschen, wenn er auch dabei wieder in Gefahr kam, mindestens mit einem Wolfshunde anbinden zu müssen.
Auf einer dieser Streifereien gelangte er in die Nähe eines jener weltlich simplen Hirtenobdächer der serbischen Planinen, von denen man glauben möchte, daß sie für nicht mehr da seien als für die Dauer jenes Unwetters. Und doch gibt es dort viele Menschen, die ihr ganzes Leben unter diesen paar zusammengetragenen Steinen verbringen! Es war ein ganz niederer Bau, eher einer Höhle ähnlich als einer Hütte, den er entdeckt hatte. Aber wichtig war es für ihn, daß alle Ziegen der Gegend täglich zweimal dorthin wallfahrteten. Es gab also Salz dort, und mit zitterndem Herzen legte sich Tikosch tausend Schritt über dem zusammengewürfelten Hirtengeklüfte auf die Lauer; er, selber ärmer als diese ärmsten Menschen, um sie bei guter Gelegenheit zu bestehlen. Und mit der Geduld eines Bussards wartete und wartete er, bis endlich einmal der Hirte, ein Greis, der nur einen Knaben bei sich hatte, die Hütte verließ, um offenbar ins Tal um Proviant und Nachrichten zu gehen; denn beide waren mit geflochtenen Tragkörben beladen, in denen sie zugleich Schafkäse, den man hier auf der Ovcina bereitete, zu Tale trugen.
Als sie eine halbe Stunde weit waren, hielt es den Verfolgten nicht länger, und er schlich sich zur Hütte. Ein Hund war nicht da, es rührte sich nichts, und trotzdem bebten dem jungen Manne die Knie; er schämte sich. Der einfache Holzriegel des kaum fünf Fuß hohen Raumes war von außen mit wenig List und Kunst zu öffnen. Was schloß er auch ab? So konnte Tikosch bald in das mehr als antik einfache Gelaß treten, nein, kriechen; denn es war für einen aufrecht stehenden Mann zu niedrig. Die Hirten hatten es denn auch nur als Schlaf- und Vorratskammer eingerichtet. Von den wenigen Dingen, die der armselige Raum enthielt, einem gemeinsamen Streulager mit schmutzigen Ziegenfellen, einer Tonlampe und etwas halbzerbrochenem Geschirr, sah der Ausgehungerte denn auch nichts, sondern suchte nur nach einem, nach Salz.
Wirklich fand er einen groben Klumpen Viehsalz; derbes, aber ziemlich reines Rohsalz von roter Farbe, an dem er gierig leckte, um es dann zitternd zu sich zu stecken. Ein zweiter Blick zeigte ihm noch eine lange und verschimmelte Speckseite. Auch diese riß er an sich, wurde brennendrot vor Scham, legte sie wieder weg, nahm sie wieder, roch mit nicht zu beschreibender Wonne daran und tat sie wieder fort.
Dann überlegte er, daß er ja ein Goldstück an ihre Stelle legen könnte, ein Goldstück, das in diesen Höhen der äußersten Armut den vierfachen Wert haben mußte und den zehnfachen der Speckseite! Aber das Gepräge war österreichisch und verriet ihn sicherlich. Den Leckstein allein konnten die Ziegen gestohlen haben, die in die schlechtverwahrte Hütte eingedrungen waren; der Speck mußte ernsteren Verdacht erregen. Und ihn den Bedürftigen einfach zu entwenden, das vermochte der ritterliche Ungar nicht, und wenn er im Anblick der Köstlichkeit hätte verhungern müssen! Ein schwerer, schwerer Kampf lag nur in dem Gedanken, er könnte das herrliche Stück irgendwie bezahlen.
Aber das ging nur an, wenn er sogleich zehn Meilen zwischen sich und sein verstecktes Lager am Stol legen konnte.
Dann war es nichts mit der Sprengung der Brücke.
Und Tikosch Gabor nahm von der wundervollen Speckseite mit geblähten Nüstern Abschied; nicht ein einziges Stückchen hatte ihm sein Stolz davon zu genießen erlaubt.
Er schlich sich mit seinem Zweipfundstück Salz davon, im köstlichen Gefühle, heut abends eine Mahlzeit halten zu dürfen, wie kein römisches Leckermaul sie je gekannt. In der Morgendämmerung hatte er auf dem Ansitze einen feisten Hasen erlegt, der ihn das fehlende Fett nicht empfinden lassen würde. Kartoffeln waren auch noch vorhanden; Tikosch war schwindlig vor Glück.
Abends, in seinem sicheren Versteck am Lagerfeuer, genoß er den gewürzten Braten, zu dem er noch Wacholderbeeren und den Thymian des Waldraines getan hatte. Er aß mit bebenden Händen und kam sich über alle Begriffe von Gott begnadet vor. Nur fehlte ihm in seinem Glücke jemand, mit dem er es teilen konnte, ein Gefährte, mehr als je! Tikosch war stets gesellig, konnte nur genießen, wenn er sah, wie es auch anderen schmeckte, und brauchte in Leid und Freude Menschenaugen, die ihm alles widerspiegelten, was er selber empfand. Er war kein Schwätzer, aber er lachte und tollte gar zu gern, wie ein rechtes Kind, das er stets geblieben war. Und wie einem Kind war ihm jetzt auch bange.
Es kam sogar, daß er in seiner Einsamkeit leise ein altes, unsagbar trauriges Lied zu singen begann, das so recht aus der endlosen braunen Steppe seiner Heimat geboren war und von hoffnungsloser Liebe und Abschied ging.
Tikosch sang es langgezogen und andächtig durch bis zu einer Strophe, bei der sie immer alle zu weinen pflegten, wenn es die Zigeuner den betrunkenen Kavalieren vorgespielt hatten.
Und wenn auch der gute Leutnant seit vierzehn Tagen keinen Tropfen Spiritus in irgendwelcher Form gesehen hatte, so heulte er bei der rührsamen Stelle pünktlich und jämmerlich drauflos. Es dauerte eine ganze Weile, bis das erledigt war; dann wurde ihm wohler und leichter, er setzte sich wieder aufrecht, strich zufrieden und halb beschämt seinen kleinen Schnurrbart und dachte eingehend und angestrengt daran, wie er es einrichten könnte, zu irgendeiner menschlichen Gesellschaft zu kommen, der er sein bedrängtes Herz ausschütten konnte. Denn mit sich selber allein wußte er ganz und gar nichts anzufangen.
Hier oben freilich kam er auf keinen grünen Zweig mit seinen Plänen. Er wäre fest entschlossen gewesen, mit der nächstbesten Zigeunerbande Bruderschaft zu machen, aber das Land war leer von ihnen.
In den nächsten Zeiten aber wuchs dieser Wunsch zu immer mächtigerer Sehnsucht empor:
»Einen Menschen gib mir; guter Gott, gib mir einen Menschen!«
Aber der Wald schwieg, und wenn in der Ferne ein Mann über die Planina wanderte, zog sich ihm dennoch das Herz zusammen, denn jede Begegnung bedeutete ja den Tod oder Gefangenschaft. Am grimmigsten war ihm zumute, wenn einer einen Hund bei sich hatte. Vor den Menschen war ein Verbergen möglich, vor den Hunden nicht; sein ganzes Mannestum und sein Stolz empörte sich aber bei dem Gedanken, von einem Tier, das er verachtete, zustande gebracht und gestellt zu werden! Von einem Hunde, diesem Kontrapunkt der menschlichen Niedertracht; dem Tier, das feige allem nachsetzt, was läuft und flieht, das nach dem Flüchtigen schnappt und den sich Stellenden fürchtet, das stinkt, Kot frißt, aller Armen und Zerlumpten erklärter Feind und des Peitschenmeisters Bauchkriecher ist!
Es brachte ihm das Blut zum Sieden, wenn er das giftige Gekläff eines Hundes nur von ferne hörte. Wo immer es sich unauffällig tun ließ, schoß er jede dieser Bestien, die er im Walde traf.
Einmal hörte er, als er auf Wildtauben an der Tränke lauerte, das tiefe, mürrische Geläut eines großen Hundes, und sogleich zuckte ihm das zornige Herz empor, das von diesem seltsamen Hasse erst seit dem Tage erfüllt war, seit man ihn selber mit Hunden gehetzt und er ein Verfemter geworden war.
Lieber wollte er Jäger als Wild sein, und sooft er einen dieser Verfolger und Peiniger seiner Nächte gestreckt hatte, war ihm leichter.
Er schlich, wie stets in solchem Falle, im Bachbette näher; bergab, dorthin, wo der Jagdlaut erscholl.
Er war schon ganz nahe und spannte sein Schießzeug, als eine dunkle, klangvolle Frauenstimme dem Tiere in rumänischer Sprache gebot, stille zu sein und sich zu legen. Betroffen stand der Offizier und war wie gebannt. Eine Frau hätte er hier oben in der Wildnis nicht erwartet, und mit klopfendem Herzen beschloß er, Weib und Hund an sich unbemerkt vorbeizulassen. Aber nur menschliche Tritte kamen an ihn heran; der Hund schien weiter unten den Zugang aus dem Tale zu bewachen.
Tikosch wagte nicht mehr, sich in das dichte Gestrüpp zurückzuziehen. Um keinen Lärm zu machen, drückte er sich nur oberhalb des größeren und tiefen Kolkes, den der Bach hier machte, ins Buschwerk. Ging es gut, so kam sie unbemerkt vorbei.
Entdeckte ihn aber der Hund, so war das viel schlimmer, als wenn ihn ein Mann ertappt hätte; denn Mann und Hund wären dem wildentschlossenen Jungen nicht lebend ins Tal gekommen. Dem Weibe gegenüber war er hilflos, und vielleicht das erstemal in diesen abenteuerlichen Tagen kam das Zittern nervöser Furcht in seine Glieder. Endlos dauerte es, bis er das Blitzen eines hellen Kleides durch die Sträucher sah, und noch länger schien es ihm, bis er wußte, mit wem er zu tun haben würde. Dann aber merkte er bald, daß er mehr sehen sollte, als er sich erwartet hatte.
Ein ernstes, großes, dunkles Mädchen stand plötzlich am Tümpel des Baches. Sie trug die schöne und einfache Volkstracht dieser Gegenden. Nur schien es Tikosch, als ob die Stickerei des Hemdes, das den Hauptteil dieser Tracht ausmacht, ungewöhnlich kunstvoll und reich wäre; so nahe stand sie schon unter ihm. Sie horchte nach dem Hunde hinunter, der wieder rege zu werden begann, und rief: »Couche, Pouilly!« Dies letztere Wort, das dem Scherzruf Bully verwandt sein mochte, rief sie mit so unleugbar französischer Betonung, daß der erstaunte Offizier, der längst jede ihrer vornehmen Bewegungen mit Bewunderung verfolgt hatte, bei sich dachte: »Aber das ist ja eine Dame!«
Das Mädchen, dessen sehr ernstes und regelmäßiges Gesicht er jetzt genau sehen konnte, streifte kurzweg ihren Rock herab und war im Begriff, ihr Mieder zu öffnen, das seine letzten Bedenken über ihre vornehme Herkunft zerstreuen mußte, als der junge Offizier in besinnungsloser Angst, ohne zu bedenken, was daraus werden könnte, rief: »Fermez, fermez, madame! Faites attention!«
Die Wirkung dieser Worte, aus dem Dickicht der wildesten hochserbischen Planina gerufen, war denn auch eine ruckartige.
Das schöne Geschöpf wurde blaß über ihr ganzes Gesicht, und ihre Augen staken mit dem Ausdruck hilflosen Schreckens an dem Gebüsche, aus dem die französischen Worte gekommen waren, und in welchem sie, da die Sonnenstrahlen prall auf die Zweige vor ihr fielen, nichts mehr sehen konnte. Sie vermochte kein Glied zu rühren, und die einzige Reflexbewegung galt dem Schutze der oben entblößten Brust.
»Voilà, qui vive?« »Wer ruft hier?« fragte sie endlich mit tonloser Stimme.
Und Tikosch, wieder mit seinem gar nicht guten Französisch:
»Ein armer Verfolgter, meine Dame, der sehnlich bitten muß, daß Sie ihn weder sehen, noch sich seiner Anwesenheit in diesen Wäldern erinnern, wenn Sie diesen Platz verlassen haben werden. Darum bitte ich Sie flehentlich. Als Kavalier verriet ich mich Ihnen. Aus Ritterlichkeit, um die unbelauschte Stunde einer schönen Frau nicht auszunutzen. Haben Sie auch so viel Zartgefühl, ein Leben, das Tag und Nacht bedroht ist, zu schonen und zu vergessen, wer Ihnen hier begegnet ist! Mehr verlange ich nicht.«
»Ein Verfolgter!«
Das junge Weib bekam Mut und Fassung wieder.
»Wenn Sie bedroht sind, haben Sie von mir nichts zu fürchten,« sagte sie ruhig. »Kommen Sie hervor und erzählen Sie! Ich gebe Ihnen mein Versprechen, Sie nie zu verraten, wenn Sie auch gemeingefährlich sein sollten, und Sie zu unterstützen, wenn mir das gut und recht erscheint.«
Tikosch zögerte noch.
»Nun gut, wer sind Sie?« rief die schöne Rumänin ins Gebüsch hinauf.
»Ein österreichischer Offizier.«
»Ah, da können Sie also Deutsch?«
»Ja!« rief Tikosch freudig, als er die Sprache hörte, die seine gute Mutter sehr geliebt hatte.
»Kommen Sie ruhig zu mir,« sagte sie lächelnd. Und in dieser Stimme und in diesen Worten lag eine solche heilandsichere Verheißung von Güte und Glück, daß ihm das Herz entbrannte. Er brach die Zweige, die ihn schützten, auseinander und kam auf sie zu; sehr verlegen, weil er knapp am Bachufer balancieren mußte, um nicht in lächerlichster Weise ins Wasser zu plumpsen. So hatte sie reichlich Zeit, ihren Rock wiederzunehmen und dabei sein schwedisches Lederwams, seine Fliegerkappe, die ihn wie einen Kreuzfahrer in der Kettenhaube erscheinen ließ, und seine Armbrust anzustaunen.
»Herrgott, sind Sie mal eine Erscheinung!« sagte sie in freundlichem Ernst, aber mit ehrlichem Staunen. »Das sieht man nicht alle Tage!«
Endlich stand Tikosch vor der ernsten, dunkelfarbigen jungen Dame und stellte sich mit allen Formen eines Weltmannes vor. Er erzählte, wie er hier mitten in Feindesland so recht buchstäblich vom Himmel gefallen wäre, und wie sein Vorhaben, die Brücke von Zajetschar zu sprengen, mißglückt sei.
»Ah,« sagte sie lächelnd, »da sind Sie also der heruntergeschossene Flieger, über den die hiesige Presse so sehr triumphierte, und den sie von Wölfen auf dem Lissatz zerreißen hatte lassen?«
»Man sucht mich also nicht mehr?« fragte Tikosch aufatmend. »Sagen Sie mir um Gottes willen, gnädige Frau —«
»Fräulein«, unterbrach sie ihn: »Livia Ternaveanu. Ich bin den Österreichern gut.«
»Oh,« rief er, »so sagen Sie mir schnell, wie geht es meinen Leuten? Ich bin seit vier Wochen hier oben im Urwalde, ich bin beinahe verhungert und habe von den Menschen nichts gesehen und gehört als ihre Hunde und ihr fernes Johlen und Singen auf den Höhen! Ich weiß gar nichts, und es zerreißt mir das Herz!«
»Ihren Landsleuten geht es gar nicht gut. Die Serben haben sie bei Schabatz über die Save und bei Valjevo über die Drina zurückgeworfen, und die Russen haben sie in großen Schlachten in Galizien immerwährend geschlagen.«
»Aber das ist ja unmöglich!« schrie Tikosch erbleichend. Ihm war zumute wie einem Manne, der sein Weib blind vertrauend geliebt hatte und sie in den Armen eines anderen ertappen mußte.
»Wo stehen die Serben jetzt? Und wo die Russen?«
»Die Russen in Galizien.«
»Bis wo?«
»Bis Lemberg.«
»Wo waren die Schlachten?«
»Alle bei Lemberg.«
»Und die Russen kommen nicht weiter? Gott sei Dank! Von wem haben Sie Ihre Nachrichten?«
»Seit den letzten vierzehn Tagen nur aus serbischen Zeitungen.«
»Und sind die Serben in Österreich?«
»Nein, nur eben wollten sie über die Save, aber da haben sie große Verluste erlitten und mußten zurück.«
»Ja, aber Mädel, da ist doch gar nichts verloren!« jubelte der Offizier und vergaß vor Freude allen Respekt. »Kind, da ist viel, viel gelogen worden! Ich kenn' doch die Saubagasch! Und der Österreicher ist bloß in der Defensive! Da kann er unbezwinglich sein; war es immer in solcher Lage! Herrgott, so eine schöne Zeitung wie ich hat noch kein Mensch der Welt gehabt!«
Und überglücklich faßte er sie an den Armen, als wollte er sie im Kreise schwenken. Aber da knurrte ganz nahe der große Hund, der sich beim Gespräche der beiden manierlich herangeschlichen hatte.
»Bist du still,« rief Livia ernst. Und man hätte sehen können, daß sie sich von dem kostbaren Fliegerleutnant ganz gern ein bißchen hätte wirbeln lassen. Aber dem war die Lust vergangen.
»Diese Hunde,« sagte er grimmig. »Seit Wochen hasse und fürchte ich nichts als sie. Wissen Sie, daß man mich mit Bluthunden verfolgt und gesucht hat? Ganz nahe waren sie mir schon!«
»Armer Mensch,« sagte Livia ruhig. »Nun wollen wir überlegen, was für Sie zu tun möglich ist. Haben Sie Wünsche? Ich würde mich getrauen, Sie über die Donau nach Rumänien zu schaffen; von dort können Sie nach Österreich. Wir sind neutral.«
»Wer alles ist denn nicht neutral?« fragte Tikosch.
»Später, später,« lächelte sie. »Jetzt nur das eine. Was haben Sie für Wünsche?«
»Speck, vor allem Schweinespeck oder sonst ein gutes Fett,« sagte Tikosch ehrlich.
Da lachte das ernste Mädchen zum ersten Male ein wenig, machte aber gleich wieder ein besorgtes Gesicht. »Leiden Sie denn Hunger?« fragte sie.
Da erzählte er ihr all seine Abenteuer und seine Not; wie schwer es ihm geworden war, auch nur einen einzigen Vogel zu erbeuten, als er dem Hungertode nahe gewesen war, wie er aufs Feld stehlen gegangen war und den Hund erschießen mußte, wie er dann weiter gelebt hatte, und wie der Besitz eines einzigen Stückes Salz ihm wichtiger geworden war als alles, was ihm sonst hoch und teuer schien, samt dem Vaterlande!
Und in drollig unbehilflicher Form erzählte er dann, als sie ihm Platz neben sich auf dem Waldgrunde anbot und er mit mehr Behagen berichten konnte, was ihn seit Tagen am meisten erstaunte und beschäftigte, was er nie gedacht und von sich erwartet hätte: daß er in dieser Waldesstille zum Grübler geworden sei, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, zu erfahren, warum er auf die Erde gestellt worden sei! Das Fräulein sei offenbar sehr gebildet und wisse viel mehr als er selber. Wenn er öfter mit ihr darüber reden könnte?
»Also Speck und Metaphysik sind die beiden Bedürfnisse der Wüste,« sagte sie mit einem kaum merkbaren Lächeln und fuhr fort. »Ich bin in einem Schweizer Pensionat erzogen worden und habe dort wenig von diesen Dingen gelernt. Aber grübeln habe auch ich viel müssen. Meine Brüder sind ganze Franzosen geworden und leben so unsinnig in den Tag hinein, daß wir schon beinahe als verarmt gelten könnten. Da sucht man sich von den Lehren der Weltleute und Kavaliere gerne abzukehren. Lieber Herr Leutnant, jenes Leben macht nur leer und arm, oder unglücklich! Ich habe versucht, anderswo einen billigeren Trost zu suchen, wie er auch nur für arme Leute zu wachsen scheint. Mutter und ich, wir haben uns bei Rgotina auf unser Waldgut zurückgezogen und besitzen auch hier in der Nähe einen Meierhof, der wegen seiner abgeschiedenen Lage unnutzbar und deshalb auch glücklicherweise unverkäuflich ist. Hier in der Einsamkeit wurde mir allerlei offenbar, wovon die Verschwender und Modemenschen nichts wissen können. Nichts wissen dürfen; denn sie müßten dann verzweifeln!«
»Und das ist?« fragte Tikosch andächtig.
»Das ist, daß man zu sich selber und damit zu Gott kommt, und das geht nur in der Einsamkeit und in der aufrichtig gebliebenen Familie Gottes; so nenne ich nämlich die Steine, Bäume und Tiere. Hätte ich das Leben der Reichen führen dürfen wie meine Brüder, und in Nizza meinen Champagner trinken, ich wäre verlorengegangen wie sie. Hätte ich dort dem Gassenvolke glänzende Kleider vorführen können, ich wäre verdammt von Gott, wie alle Reichen. So aber ist mir jeder Tag ein neues Wunder, und ich sehe Gott überall: in den Tieren und den Bäumen und in mir selber. Vielleicht ist es auch Ihnen bestimmt, durch diese Einsamkeit nach innen reich zu werden. Bisher haben Sie hier freilich zu wenig von den einfachsten Gütern des Daseins genossen. Denn es ist leider so, daß man seine Seele nur erheben und reinigen kann, wenn die Not nicht zu drückend ist und die einfachsten Bedürfnisse befriedigt sind. Man muß freie Zeit haben. Aber da ich nun für Butter aufs Brot sorgen werde,« (sie lächelte wieder ein wenig) »so werden Sie finden, daß Ihr Leben hier ein sehr gesegnetes sein wird im Vergleich zu dem Dasein Ihrer Brüder unter dem unerbittlichen Gott der Russen.«
»Haben die einen anderen Gott?« rief er, weil sie das wieder so ernst sagte.
»Ich glaube es sicherlich. Vielleicht liegt dieses Heidentum, diese Vielgötterei in meinem römischen Blute. Aber kein Priester wird mir weismachen können, daß der Gott der üppigen Wälder und Wässer, der Weingärten und Edelkastanien dieses kleinen, familienhaften Landes mit seinen milden Wintern kein anderer ist als der Gott der endlos traurigen Steppen, des Lehms, der Nebel, der gedrückten Schwermut in allen Hirnen und der Massen, die nur Zahl sind und keine Bedeutung der einzelnen kennen. Jedes Land hat seine eigene Gottheit, und wenn ein solches Land in einen fremden Staat hineingezwungen wird, so muß zwischen den beiden Völkern ein Krieg sein, der nie sterben kann, bis sie nicht wieder getrennt sind und jedes seinem eigenen Gotte gehört. Ist denn nicht den Italienern und auch einem Volke wie euch Deutschen nicht eher wohl geworden, als bis ihr vereinigt waret? Es ist Sünde wider den heiligen Geist, Völker mit verschiedenen Göttern aneinander fesseln zu wollen.«
»Das ist wahr,« sagte Tikosch; »in der Schule habe ich gelernt, daß die Alten zuerst bei jedem Volke ihren eigenen Gott hatten. Erst die großen Zwingmeister und Eroberer, zuerst Cyrus, dann Alexander und endlich die Römer, begannen, das zu leugnen und die Götter zu mischen. Und als man den einzigen Allgott gefunden hatte, da suchte sich doch jeder Ort seinen eigenen Heiligen für den Himmel. Nun, meiner Treu, ich bin neugierig, ob ich mich mit der Gottheit dieser Höhen und Wälder verstehen und vertragen werde, wenn sie anfängt, mich anständiger zu behandeln als bisher. Aber ich habe ja nun Ihre Protektion als Priesterin?«
Livia, die wenig Vergnügen an dem scherzhaften Tone fand, mit dem der Leutnant ihren ernsten Glauben behandelte, lenkte ab und bat ihn, ihr sein Versteck zu zeigen. Da führte er sie treuherzig in sein Kamp, dessen Zigeunerhaftigkeit ihr großes Vergnügen bereitete.
»Hier werde ich Ihnen die Hauswirtschaft führen helfen,« sagte sie, als sie wieder aus seinem Erdloch unter der Zeltplache herausgekrochen war. »In jedes eigene Haus gehört eine Frau.«
Und am Abend kam sie sehr vorsichtig und schwer beladen und bewaffnet herauf und brachte ihm in einem Korbe Leckerbissen, bei deren Anblick ihn schwindelte.
»Lassen Sie sehen,« bat er und hob den Decke! ab. »Wahrlich, echter, edler, perlblasser Schweinespeck! Ich kann es kaum glauben, daß es Menschen gibt, die bei solch einem Anblick nicht in die Knie brechen und sich feierlich an die Brust schlagen! Oh, und duftendes Brot! Und Wein! Heiland, jetzt weiß ich, daß Du Deine Symbole nicht für satte Menschen gewählt hast, und daß dem Reichen Dein Himmel ewig verschlossen sein muß! Weinen könnte ich! Und das ist ein Schinken! Wie lange mag es her sein, daß ich so einen nur in fiebernden, verliebten Träumen sah? Und nun ist solch ein Überfluß zu mir gekommen. O Fräulein, liebes Gotteskind, ich bin ganz verzagt, ob Sie mir nicht am Ende nur so wunderschön vorkommen, weil Sie in Begleitung dieser göttlichen Tugenden sind!«
Nun lachte sie gern.
Sie ließ ihn sein Lagerfeuer machen, packte einen Topf aus, in dem sie ihm alle Gewürze der Küche mitgebracht hatte, und stellte Wasser an die Flamme, denn sie wollte ihm gegen den empfindlich scharfen Herbstabend einen wirklichen Tee kochen, mit Rum drinnen.
Er aber zerteilte seine heutige Jagdbeute, einen Hasen, und steckte die Stücke an einen Spieß aus Wildkirschholz.
Zärtlich verteilte er den Speck, den sie ihm gebracht hatte, unter das Fleisch und ließ es in gehobener Stimmung braten und bräunen.
Er hätte am liebsten vor Entzücken laut geschrien, als der gottesdienstliche Opferduft emporzusteigen begann.
»Noch etwas habe ich Ihnen gebracht,« sagte sie und zeigte ihm die Flinte, die sie mitgetragen hatte. »Es ist nur ein Vorderlader,« sagte sie, »denn es wäre aufgefallen, wenn ich meinem Bruder eines der teuren modernen Gewehre entwendet hätte, die unten im Zimmer hängen. Aber das nahm ich aus der Rumpelkammer; es war einmal ein luxuriöses englisches Gewehr, und für die paar Schüsse, mit denen Sie sich Ihren Lebensunterhalt verdienen, reicht auch die langsame Ladeweise. Schießen können Sie jetzt ruhig, man ist das in diesen Wäldern gewöhnt, und an Sie denkt niemand mehr. Hier ist das Pulverhorn, hier der Schrotbeutel und die Zündhütchen.«
Tikosch war vor Glück sprachlos, bekam Tränen in die Augen, und als er ihr die Hände küßte und sie seine Ergriffenheit fühlte, überkam sie selber die Rührung, dieses einsame Menschenkind mit geringer Gabe so reich und glücklich gemacht zu haben. Lange Zeit sprachen sie nichts und schufen schweigend an dem köstlichsten Abendessen, das sie beide je genossen hatten. Denn auch ihr war das Abenteuerliche ihres Zusammenseins mit dem Verfemten aufregend und bedeutend wie noch nichts in ihrem Leben.
Bald saßen sie denn in der wunderbar ernsten Waldnacht am Feuer, und sie legte ihm zu essen vor, als wäre sie seine Frau, und hatten sich doch erst vor ein paar Stunden im wilden Walde getroffen. Die hohen Bäume rauschten, als spräche ihnen Gott selber das Tischgebet dazu, das fremde Mädchen saß im Feuerschein wie eine antike Göttin, die einem Heimatlosen helfen gekommen war, und ihre Schönheit und die prangende Fernheit der Bergnacht waren so geheimnisreich, daß er immer wieder glaubte, alles sei unwirklich und ein wunderbarer Traum. Sie aber erzählte von dem Leben in diesen Wäldern, die schon am Morgen zu ihr ins Bett hereinrauschten und sie Tochter nannten, von ihrer guten alten Mutter und den Männern, die öfter zu ihnen nach Rgotina kamen und sich um sie bewarben. Aber keiner habe das Gottnahe, das sie bei einem beseelten Menschen brauche und suche. Sie sprachen alle vom Tage, von Genüssen, die keine seien, von eitlen Dingen und Wünschen, und wüßten gar nicht, wie oft Livia zu den selbstgefälligen Herren im stillen sagte: »Ihr Tiere, ihr armen, eitlen Tiere!«
Tikosch aber, wie sie von Männern sprach, die sie begehrten, fühlte ein dumpfes, banges Brennen in seinem Innern, und er begann sie, die er kaum kannte, auch schon mit allen Schmerzen der Eifersucht und Liebesangst zu verlieren. Ob sie nicht auch über ihn, der bisher gedankenlos in den Tag hineingelebt hatte, im geheimen sagen müßte: »Du Tier«? Er fragte sie mit ehrlicher Besorgnis darüber aus und tat das in so unbeholfenen Worten, daß sie ihn gut und warm ansah und antwortete:
»Nein, denn Sie sind zwar noch nicht das, was ich von einem Mann erwarte, aber auch nicht, was jene leider rettungslos schon geworden sind. Sie sind ein Kind und stehen noch am Scheidewege.«
»Dann lehren Sie mich,« sagte der junge Mensch, »denn Sie sind viel gescheiter als ich. Wenn Sie mich nur nicht verachten, dann ist schon vieles gut.«
Er griff nach ihrer Hand, sie ließ sie ihm, und als er sie bat, weiter von sich zu erzählen, tat sie es in ihrer ruhigen, ernsten Art, ohne zu wissen, wie er immer nur sie ansah und ihre große Schönheit ermaß. Auf diese Weise wußte er oft gar nicht, was sie sagte, sondern war bloß bemüht, möglichst viel von dem dunklen und tonreichen Klange ihrer Altstimme in sich zu saugen.
Als sie endlich merkte, wie dürstend er sie ansah, brach sie sogleich auf, ließ sich aber von ihm ein Stück begleiten und versprach ihm, bald wiederzukommen.
Es kamen nun Tage, die er nie und nimmer zu Ende gehen lassen mochte. Livia saß beinahe alle Abend an seinem Feuer, und einmal, als Sturm im Walde war, kam sie sogar zu ihm in das Zelt, wo sie sehr nahe bei ihm sitzen mußte. Als sie aber inne ward, wie er zu zittern und heiser zu werden begann, stand sie entschlossen auf und ging, während er in seinem verlassenen Wüstenheim auf die Stelle hinstürzte, wo sie gelehnt hatte, und sein Antlitz unter leidenschaftlichen Rufen und Bitten und Fragen dort eingrub, wo noch Wärme von ihr war. Der Einsame liebte sie seit dem ersten Abende aus allen Kräften und ahnte, daß er sie für immer verscheuchen würde, wenn er ihr das sagte. Denn da sie ihm geistig überlegen war, glaubte er nie und nimmer, daß sie zu ihm herabsteigen könnte. Jede Anspielung, wie schön sie sei, schnitt sie kurz entzwei und sagte ihm: »Dazu bin ich nicht bei Ihnen. Ich bin Ihre Schwester, solange Sie verlassen sind. Es ist mir lieb, daß ich Ihnen gefalle, aber wir werden in kurzer Zeit weit auseinander sein und uns im Leben nicht mehr sehen. Trüben wir nicht diese lieben, traurigen Herbsttage, wo jede Minute ein Abschiednehmen ist.«
Bei solchen Antworten wurde ihm bange und klamm in der Seele, und hoffnungslos schaute er sich die göttlich-regelmäßigen Züge dieses ernsten, großgeschnittenen Mädchenantlitzes an, das so gar keine Schwäche und Fassungslosigkeit bergen wollte. Unerringbar sicher saß sie neben ihm in der einsamsten der Waldnächte und fürchtete nichts, am wenigsten sich selber!
Wenn er nun an den grellen Herbsttagen allein über den Wäldern war und das weite, feindliche und doch so schöne Land in silberner Unendlichkeit rings unter ihm lag, da ahnte er die wehe Schönheit seines Daseins, von dem er immer noch nicht wußte, wie es enden! Denn er wollte nicht aus dem Lande fliehen, ohne seine Aufgabe getan zu haben. Manchmal dachte er daran, daß Livia, deren Landsitz nahe bei der bewußten Timokbrücke lag, ihm helfen könnte. Aber dann sah er wieder ein, daß er das Mädchen weder in ein solches Geheimnis ziehen, noch es mit ins Verderben reißen durfte. So saß er und sann in den immer bunter werdenden Herbst hinein.
Das Gebirge dort ist voll wunderbarer Gegensätze. Die Höhen des Stol und der benachbarten Golobinje Planina sind karstig, die Abhänge mit wirren, wilden Wäldern in der Bergabfolge von Fichte, Buche, Eiche, dann Edelkastanien und Nußbäumen. Unsagbar einsam und fast gar nicht besiedelt sind diese Berge, von denen das Volk fabelt, sie seien voll Alben und Vilen — bösen Feen, die keinen Menschen in ihr unberührtes Reich eindringen lassen. Der Wanderer, der gezwungen über die Höhen muß, wagt kaum laut zu atmen. Denn wenn er seine Stimme erhöbe oder gar sänge, dann schlagen ihn die Feen der Wälder mit Blindheit, und er kommt nie aus den Irrnissen dieser gefeiten Höhen heraus. Findet er aber, ein armer, tastender Blinder, dennoch wieder den Weg aus dem Elfenbann ins Tal, so bringt er von dort oben die Gabe der Dichtkunst mit und kann als Guslar, als wandernder Rhapsode, von dem singen, was seine Augen dort oben zum letzten Male Wunderbares gesehen.
Davon hatte Livia dem jungen Manne erzählt, und dieser sah jetzt mit immer größer werdender Ergriffenheit über dieses stille Reich der Farben, der Fernen und der Geheimnisse. Er selber kam sich wie verzaubert vor, und sein Herz brannte in Schönheit und in Abschiedsschmerzen wie diese Wälder. Es war wunderschön, hier nahe am Tode, nahe an Gott zu lieben und zu wissen: all dieses ist vergeblich. Er mußte mit dem sanften Mitleide des Mädchens vorliebnehmen, das er vielleicht bald zum letzten Male gesehen haben würde, aber alles das war so rein, so ferne, so verklärt, daß in ihm und um ihn Schönheit war.
Diese seltsame Liebe war ihm gerade so recht, wie sie war: mit ihrem reißenden Weh, mit ihrer wissenden Vergeblichkeit, mit der Ahnung ihres Endes und mit der stillen Gebethaftigkeit ihrer Träume. Er hatte immer auf die Weiber herabgesehen; diese kam ihm wie eine Göttin vor, die man nicht freien kann, und von der er gern Rat und Lehre nahm. Ihre antik schönen Glieder gehörten in einen Tempel, und die häßliche, immer gleiche Niederlage des Mädchenstolzes anderer griff nicht an ihre hohe, reine Ruhe.
Einmal lobte sie mit leisen Worten seine Zurückhaltung. Da sagte er: »Meine Livia, ich weiß, daß ich nicht an Sie heranreiche, und daß ich Ihrer nicht wert bin. Lassen Sie lieber mich selber das sagen, ehe Sie es mir andeuten.«
Das Mädchen lächelte. »Sie werden Frauen genug besessen haben, um sich durch die Ruhe meines Herzens nicht gedemütigt zu fühlen.«
»Die Weiber, die ich errungen hab', die haben mich nie stolz machen können. Und alle, deren Liebe mich hätte erheben können, grad' die haben mich nie mögen,« sagte er traurig. »Ich weiß nicht, woran das liegt; vielleicht weil ich immer alles dran gesetzt hab', nichts anderes zu sein als ein famoser Viehskerl. Die tollsten Streich', die ärgsten Raufereien, die halsbrechendsten Ritt' und die gewagtesten Flüg' hab' immer ich machen wollen. So ist mir weder Zeit noch Lust für die Versenkung geblieben in diese Dinge des Innern. Die Weiber, die mir in großer Zahl und stürmisch Beifall geklatscht haben, denen war ich zwar der vollkommenste von allen Männern, aber sie selber waren die unvollkommensten von allen Weibern. Schön, o ja, das waren sie schon, und rassig! Aber da und da« (er schlug sich auf Kopf und Herz) »nix!«
Und er erzählte ihr von dem blonden, kindlich aussehenden Mädchen, das Margit hieß und ein heiteres kleines Ding schien, das man nur so mit einem Finger mitzunehmen brauchte. An einem Tanzabend hatte er getrunken, wie es bei ihnen allen eben Brauch war, und da wollte sie nicht mit ihm zum Tschardasch antreten. Er nahm sie gewaltsam an der Hand und sagte: »Nicht nur für diesen Tanz, sondern fürs ganze Leben laß ich dich nicht mehr los.« Da hatte ihm das kleine Ding geantwortet: »Ihnen und allen andern kommt dieser Antrag vielleicht als Ehre vor, die Sie mir erweisen, und deshalb danke ich Ihnen aus ganzem Herzen für Ihre gute Absicht. Aber mit Reiten und Trinken allein ist mir nicht gedient. Sie haben mich beleidigt, indem Sie mich so rüde an der Hand halten und reißen, und ich kann mich Ihnen jetzt nicht ohne peinliches Aufsehen entziehen. Ich werde also mit Ihnen tanzen, Herr Leutnant, um der Uniform, die Sie tragen, und Ihrem mutigen und geraden Wesen die Ehre zu erweisen, die Sie verdienen. Dann aber werde ich den Ballsaal verlassen, und Sie werden gestatten, daß mich der Mann führen darf, für den sich mein Herz und meine Achtung entschieden haben. Und Sie werden so ritterlich sein, keine Rache an ihm zu nehmen.« Und als er vor dem Blick ihrer ruhigen, blauen Augen und solchen Worten auf den Tanz gänzlich verzichtete, war sie freundlich dankend mit dem stillsten Wasser der Garnison, einem unscheinbaren, blonden, schwachen Schullehrer davongegangen. »Und wer weiß,« schloß er wehmütig, »wie der Mann aussehen wird den Sie mir vorziehen werden ...«
»Ich ziehe Ihnen niemanden vor,« sagte Livia ruhig. »Sie sind mir der liebste Mensch, den ich je gesehen habe, und wie oft mich eine tiefe Rührung überkommt, wenn ich aus dem Fenster in Ihre Bergeinsamkeit hinaufschaue und Sie dort oben ausgeliefert, aber mutig weiß, das mag ich Ihnen nicht vorzählen. Aber ich habe stets ein Gefühl, so zwischen Mutter und Schwester, wenn ich bei Ihnen bin. Wenn Sie damit zufrieden sein können, so mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich werde jetzt bald zur Mutter nach Rgotina hinunter müssen. Nur Ihnen zuliebe bin ich hier oben geblieben, und solange der Herbst schön ist, bleibe ich auch da. Aber mein Wort bindet mich, mit dem ersten bösen Wetter zur Mutter zu kommen. Im Hause selbst kann ich Sie dort nicht verstecken. Aber ich kann Sie zu Gefährten bringen, wenn Ihnen die nicht gar zu bedenklich sind,« fuhr sie fort und lächelte in sich hinein. »Sie sind nicht der einzige Schützling, den wir in diesen Tagen vor der serbischen Wildheit schützen müssen. Da sind drei arme Handwerksburschen aus Ihrem und aus dem deutschen Lande, denen wir auf eine Weise Unterschlupf gegeben haben, die uns nicht bloßstellt, wenn man die armen Kerle ja aufgreifen sollte. Sie haben ein Lager, das ganz dem Ihren ähnlich ist, nur in reicherer und gütigerer Lage; dort warten sie, bis das Land hier herum von den Österreichern besetzt ist oder eine andere Gelegenheit sich bietet, um ungefährdet zu entfliehen. Denn Geld, mit dem sie sich vielleicht durchschlagen könnten, haben weder sie noch ich selber!«
Tikosch hörte nur mit halbem Ohr auf ihren Vorschlag. Alles, was er deutlich wußte, war die Abweisung seiner Liebe, und als sie ihn fragte, ob er ihren Plan gut fände, da sagte er kalt: »Ich bleibe hier oben.«
Traurig wandte sie sich zum Gehen. »Ich kann nicht anders,« sagte sie leise. »Verzeihen Sie mir.« Und sie schritt durch das Dickicht, indem sie den herrlichen Leib durch die Ranken bog und wand. Er sah ihr nach, und das Herz sott und brühte in ihm vor Weh und wild anspringendem Zorne.
»Kaltes, langweiliges Laster, geh zum Teufel!« entfuhr es ihm im ersten Zorne mit dem alten Reiterton, den er längst abgetan zu haben glaubte. Aber als die Büsche nicht mehr knackten und die unsägliche Bergeinsamkeit ihn wieder in ihre Arme geschlossen hatte, da schrie und betete seine Seele ihr nach und er nannte sie, in jugendhafter Erinnerung, Pallas Athene und Schutzgöttin. Sie aber kam nicht wieder.
Es ging ein Tag um den andern in leuchtender Gleichheit dahin. Tikosch schoß mit seinem Vorderlader das Wild der Planinen und der Wälder und sagte zu dem Gewehre: »Knall', knall', meine Flinte, daß dich die Herrin hört und sagt: Er grüßt mich! Und wenn sie es nicht hören will, so bring' mir die Serbenhunde auf den Hals, ein Dutzend und mehr, damit ich mich wehren kann wie ein hauendes Schwein! Nur vergessen, wie stolz und schlank und schön das Mädel ist, das verhexte, verruchte!«
Und er weinte vor Wut und Scham, verschmäht zu sein.
Dann wieder zog die endlose Weichheit des Gottes dieser stillen Höhen in seine Seele ein, und er litt in einer wehen Süßigkeit dahin, wie er sie nie gekannt hatte. Alles schien ihm schön, und sein Leid war ihm rasend lieb. Es strömte ein Seufzen und Klagen unablässig, still und köstlich aus seiner Wunde, so wie Honig aus reifen und vollen Waben rinnt. Und der über alles Singen und Sagen goldene Herbst sah ihm zu und stimmte ihn wie ein göttlicher Sänger seine Harfe.
Er kam sich vor wie der einzige Mensch auf Erden; allein mit der Natur, rings um sich Tiefe und Tod. Blieb er hier oben, so war es ein beständiges Verbluten, aber Gott sang immer reiner sein ewiges Lied in ihm. Er begriff nun, wie Livia die Bäume und Felsen Geschwister nennen konnte; ihm waren sie es auch geworden, und ihnen erzählte er sein Leid. Wunderbar gütig hielten die Bäume zu ihm, die er umschlang und ihnen sagte, was er Livia nicht sagen durfte; ihre Rinde bewahrte ihren Namen wohl zehn- und zwölfmal. Das sanfte Rauschen ihrer Zweige sprach mit ihm, das Fallen, Fliegen und Treiben ihrer Blätter rief ihm zu: »Sieh her, auch wir verlieren unser Schönstes und Liebstes.« Und das Stöhnen der Äste, wenn Sturm im Walde war, schrie wie mit seiner eigenen Stimme zu Gott: »Warum hast Du mich verlassen?« So wuchs er in unsagbarem Weh und ansaugender Liebe in diese ferne, verschollene Welt hinein, und oft überraschte ihn der Gedanke: »Hier möchte ich mein Leben verbringen.«
Die Fernen waren immer noch silbrig, der Himmel strahlte in Gold und Blau, und weithin sah man ins angstvoll stille Land, in dem Kriegssorge wohnte. Da mußte Livia noch unten im Waldhause sein, und er sandte der Nahen und endlos Fernen seine wundesten Grüße über die Baumwipfel hinab. Dann aber, eines Nachts, als um Sonnenuntergang das Abendrot gebrannt hatte wie das zerrissene Herz Gottes, als die Fernen schmerzlich scharf und rein ringsum herübergeschaut hatten, da kam ein hochherrlich warmer Sturm über die Wälder und raubte ihnen mit lachender, johlender Gewalttat Milliarden von Blättern. Es brauste wie die Orgel des ersten Gottesdienstes nach Weltuntergang, wenn die Entsetzten und Erlösten das »Herrgott, wir loben Dich« anstimmen müssen. Die gewaltigen Äste hagelten dicht um das Versteck, unter dem sich Tikosch zu ducken versuchte. Aber da sein Herz von dem Aufruhr angesteckt wurde, litt es ihn nicht in der dumpfen Luft seiner unterirdischen Hütte, und er trat mit offener Brust in den kämpfenden Wald und sang und schrie mit. Es machte ihn wie toll, daß er wieder schreien, schreien konnte, er, der so lange still gewesen war und nicht mucken durfte.
In der Sturmnacht hörte ihn niemand, und wie ein frecher Knabe aus sicherer Ferne schrie er wilde Kriegsworte und Herausforderungen ins serbische Land hinunter, forderte er Gott heraus, ihn mit einem Blitz zu zerspellen, und sprang lautlachend zur Seite, als ein Baum sich neben ihm wie ein niederkniender Beter neigte und dem Herrn der Wälder krachend zu Füßen sank.
»Hoho, er reagiert,« schrie Tikosch, »er hat mich gehört und gibt mir einen Deuter, der ewig hochmütige Schweigsame!« Er war wie toll; der Aufruhr des Himmels und der Wälder steckte ihn an wie eine Carmagnole des Satans, und so schrie und tanzte er aus dem Walde auf die felsige Blöße hinaus, juchte die gehetzten Wolken an wie der wilde Jäger sein Schattenwild und wünschte nichts mehr und sehnlicher, als daß die alte Sage zu dieser Stunde wahr würde und der verdammte Hackelberg da oben über die Wipfel käme und ihn mitnähme! Den Reiter und Flieger, für den auf Erden keine Liebe wuchs, und der gern verdammt wäre zu ewigem Hetzen in der Luft, immer nur mit Hunden und Pferden und Raubvögeln, zu denen er ja gehören mußte!
Endlich war er müde geworden, und lachend über seine eigene Tollheit und doch mit beschämtem und wundem Herzen suchte er seine überzeltete Erdhütte auf.
Die ersten, schweren Tropfen, mit Hagelgeschossen untermischt, schlugen gerade auf ihn hernieder wie Hetzpeitschenhiebe. Ungeheuer prasselte der Regen über sein Dach herab, hob und blähte es, riß daran und schlug seine nassen Schauer bis hinein. Da verkroch sich Tikosch fröstelnd in seinen Schlafsack und horchte lange, lange auf das Schauern, Sturmheulen und Anschlagen der Wolkenbruchsaat an sein leichtes Zelt.
Am andern Tage geschah etwas Wunderbares. Er mußte spät eingeschlafen und so übermüdet sein, daß er es gar nicht hörte, wie jemand durch den Tunnel im Gebüsche bis an seine Behausung kam. Livia hatte schon die Zeltwand zurückgeschlagen und sah zu ihm herein, als er, geblendet vom blaßgrauen Regenhimmel, erwachte und im Erkennen des schönen Mädchens regungslos liegen blieb, als wollte er ein Wunder nicht stören und zerstieben machen.
Aber Livia begann zu sprechen: »Ich habe Sorge um Sie gehabt in dieser schrecklichen Nacht, die die letzte war, die ich hier oben verbringen durfte. Ich bringe Ihnen zum Abschied noch alles, was Ihnen an Nahrung dienlich sein kann, und wenn Sie Ihren halsstarrigen Entschluß ändern wollten, so habe ich Ihnen auf dieser Karte mit einem roten Strich den Weg bezeichnet, auf dem Sie in der Nacht unbemerkt bis nach Rgotina kommen können. Nein, bleiben Sie liegen, ich muß wieder gehen. Gott sei mit Ihnen, und seien Sie vernünftig!«
Sie beugte sich zu dem jungen Menschen, der erschreckt stillhielt, und küßte ihn auf die Stirne.
»Lebwohl, mein Bruder,« sagte sie leise. Dann war sie auf und fort.
Und im Walde war Regen; grauer, eintöniger Regen, der so still über dem Lande hinging, daß nicht einmal die Nebel, die naßschauernd über die Kämme des Stol und der Planina zogen, lebhafter wanderten. Es war ein müder, träger Luftzug, der sie trug. Sonst pfiff es immer auf diesen karstigen Höhen, jetzt langweilten sich die Wolken unschlüssig dort umher und weinten, weinten um den Sommer, der tot war. Ein Tag war wie der andere, und die Wildtauben waren fort; der Waldhase lag melancholisch in seiner Sasse, und kein Reh schritt durch die triefenden Wälder. Immer war es gleich, und wie ein zwecklos trödelnder Mensch mit den Fingern an hoffnungslosen Fensterscheiben, so trommelte tagaus, tagein der Regen auf die Plache des Zeltdaches, bis sie regelmäßige Tropfenzeilen und Regenfäden da und dort durchließ, die ihm die Erde feuchteten, auf der sein Lager war.
»Gott kann sich sehr versagen,« dachte Tikosch in der Sprache des schönen, abgewanderten Mädchens. Und alles in ihm war bange, hoffnungslos und grau wie diese nutzlosen Tage.
Endlich ward ihm der Regen und die Verschleierung der ganzen kleinen Welt, die ihm zur Verfügung stand, zu viel, und er bedachte, daß er von der Höhe des Stol aus die Timokbrücke nicht sprengen konnte.
Es mußte sich doch eine Möglichkeit finden, in der schmerzlichen, aber dennoch beseligenden Nähe Liviens weilen zu können. Er konnte auch dabei die gute Gelegenheit, seine Sprengbüchse zärtlich an die Brücke zu binden, wahrnehmen. Nur Livia durfte dabei nicht, wie sie sich auszudrücken pflegte, »bloßgestellt« werden. Er dachte an das bei dem Mädchen seltene Lachen, mit dem sie von der Gesellschaft erzählte, der er sich hätte anschließen sollen, und mutmaßte ein paar versprengte österreichische Soldaten oder Deserteure, die er vielleicht durch seine Tatkraft dem lieben Vaterlande zurückgewinnen, ja wohl gar mit ihnen Großes vollbringen könnte!
Dieser Gedanke, mit ein paar verwegenen Kerlen nach Betyarenart auf eigene Faust Krieg zu führen, machte ihn ganz heiß vor Freude, und für den Augenblick wenigstens war alle Weichheit und aller pantheistische Dusel der letzten verliebten Tage von ihm abgefallen. Er glühte und plante. Ah, Bandenführer sein, das wäre herrlich!
Die Gegend von Rgotina gehört zu den schönsten und fruchtbarsten Serbiens, und wenn auch der Wein, der zwischen Metopnica und Zajetschar wächst, nicht an den von Negotin herankam, so ist es doch ein gutes Land. Von Bor und Brestowatsch her geht die Bahn, die Serbien mit Kohle versorgt, und die Ausläufer des Stol und des Veliki Krisch tragen über der Weinregion Wälder von Edelkastanien in unermeßlicher Fruchtbarkeit. Dort sind große Besitze, welche die herrliche Waldfrucht nur als Mast für Borstenvieh benützen, und wie in den Eichenwäldern des nördlichen Serbiens werden hier die Schweine im Herbst in die Edelkastanienwälder getrieben, um sich einen Ranzen anzufressen. Sind die herrlichen Bäume alt und fruchtarm geworden, so werden Bestände von oft riesiger Ausdehnung auf einmal abgeholzt. Nur ein paar früchtereichere Bäume bleiben als Überständer zur Samenaufzucht stehen. Mit der hat es übrigens keine große Not, denn die Edelkastanie, an Form, Laub und Frucht schon der König aller europäischen Waldbäume, ist es auch dadurch, weil sie in buchstäblichem Sinne genommen unsterblich ist. Ihre Triebkraft ist bei gutem Boden so ungeheuer, daß rings um den abgesägten Wurzelstock in gedrängter Menge die Stockloden wieder austreiben, die zuerst ein wucherndes Gestrüpp und dann, sich ineinander schließend, wieder Bäume bilden, deren jeder aus fünf oder sechs ineinander wachsenden Einzelbäumen besteht. Dieser Vorgang erklärt die ungeheure Dicke vieler alter Edelkastanien, deren stets hohler Kern an Stelle des gefallenen Mutterbaumes steht. Oft wohnen ganze Zigeunerfamilien in solch hohlen Riesenbäumen, die ihnen ein Zimmer von vier und fünf Meter Durchmesser bieten; die Küche wird dann angesetzt und vorgebaut, und die Nahrung liefert der gesegnete Baum gleich selber dazu.
Bei dem üppigen Wuchse dieser Bäume und den ungeheuren Besitzen jener Gegend gibt es dort Kahlschläge von dreihundert Joch Grundfläche, die sich in wenigen Jahren mit dem drei bis vier Meter hohen Gewucher der Stockloden bedecken, die unübersehbar und undurchdringlich zusammenwachsen und für alle Wesen, die auf Erden verfolgt sind, eine Schutzwildnis bilden, die ein Entdecktwerden unmöglich macht. Solch eine Waldwirrnis hatten die Brüder Ternaveanu auf dem Gewissen. Als sie einst in Monte Carlo Geld brauchten, schlugen sie einen Maronenwald von über fünfhundert Morgen nieder, ließen das Holz den Timok abwärts in die Donau schwimmen und verkauften es an der unteren Donau als Faß-, Bau- und Brennholz recht gut. Nun stand ein Gebiet, das in Stunden nicht umkreist werden konnte, seit über einem Jahrzehnt im üppigen Nachwuchern der Stockloden, in deren Wirrsal niemand eindringen konnte. Ringsum war Hochwald, und gegen Trnawatsch, das ein Dorf am Timokufer ist, begann der Sumpf.
Dorthin zog jetzt Tikosch, hochbepackt wie ein Hausierer, und es war ein Nachtmarsch auf Leben und Tod. Denn er hatte seine Bomben und Sprengbüchsen neben seinen Vorräten und Waffen nicht liegen lassen wollen. Von der ungeheuren Kastaniendickung hatte er durch Livia genaue Kenntnis, und nach fünfstündigem Nachtmarsche und übermenschlicher Anstrengung erreichte er den Berg über Rgotina. Auf dem ganzen Saumwege von diesem Orte über die Luka war ihm niemand begegnet. Denn die abergläubischen Slawen fürchten die Nacht in den Wäldern wie kleine Kinder, und oft geschieht es, daß sogar Gendarmen entsetzt mitten aus einem Patrouillengange zurückflüchten, weil sie eine Waldfee, eine Vila, im Walde leuchten gesehen hatten: ein Strunk faulen Holzes!
Es graute schon, als Tikosch nach Livias genauer Zeichnung die Kastaniendickung fand, deren Eingang sie ihm sorgfältig nach geheimen Zeichen an ein paar auffälligen Überständen beschrieben hatte. Aber es wurde beinahe Tag, und er verzweifelte schon fast an der Güte und Treue des Mädchens, bis er endlich in das ungeheuerliche Gewirre dieser südländischen Waldesfruchtbarkeit hineinfand. Langsam und mit katzenartiger Vorsicht, überall auf Verrat gefaßt, schlich er den schmalen Pfad unter den Wedeln der Stockausschläge vorwärts, die oft höher waren als ein eingeschossiges Haus.
Lange, lange war nichts als dichte, braune und gelbgrüne Wildnis. Er glaubte sich verirrt und stieg auf einen der Überständer, eine herrliche Buche, deren gewaltiges Astwerk schon nahe am Boden begann, wie an einem Baume aus den Tropen. Denn der Wald durfte nicht ganz eintönig aus Kastanien wiedergebaut sein. In mäßiger Höhe schon gewahrte Tikosch ein kleines Rauchfädlein aus dem lederbraunen Gewirre der herbstfarbenen Blätterwildnis auftänzeln. Da der zarte und vorsichtige Rauch gerade gegen die aufgehende Sonne zu emporkräuselte, hatte er leichte Orientierung und pirschte sich in ungemeiner Vorsicht näher.
Jetzt entschied sich vielleicht sein ganzes Leben. An der Treue Liviens zweifelte er in diesem Augenblicke zwar nicht mehr. Aber wen und was er hier finden würde, das zog ihm das Herz zusammen. Kannte denn Livia die Gesellen, über die sie kaum ein paar ironische und vorsichtige Worte verloren hatte? Tikosch betete, daß die neuen Freunde, zu denen er stoßen wollte, nur um Gottes willen kein Prinzip haben möchten; dann wollte er sie schon lenken und überreden. Aber wenn da irgendwelche politische Fanatiker am Lagerfeuer saßen, dann ging es ihm nicht gut. Nur keine Serben, nur keine Mazedonier, nur keine Russophilen, griechische Christen, kurz, nur keine irgendwie gearteten Programmmenschen! Sonst war er verloren, denn Fanatiker für Österreich durfte er hier nicht erwarten. »Herrgott,« betete er, »gib, daß es vollendete, ganz charakterlose Haderlumpen sind, mit denen du mich hier zusammenführst! Die stehen, für mich wenigstens, dem Menschentum in Tagen, wie diese sind, am nächsten!«
Dann begann er, über eine kleine Lichtung zu spähen, die sich im Gestrüppe vor ihm aufzutun schien, und in deren Mitte ein mächtiger Kastanienbaum stand.
Man stritt in leisen Worten dort.
»Scheckensimon, steig wieder auf den Baum!«
»Nee, 'ck will erst nochmal 'ne Grock.«
»Woher willst denn nacher den Rum kriegen?«
»Wir fangen ins 's serbischen Transport wech.«
»Wenn du so viel säufst, Scheckensimon,« sagte eine unermeßlich sanfte Stimme, »so kommst du nicht mehr auf unsern Bergfried hinauf; aber wenn du infolge des Glückes aller Betrunkenen dennoch hinaufkämest, so schliefest du da oben ein. Geh, wir sind milde genug mit dem Wachdienst. Bei jeder anderen Partei würdest du erschossen. Um unserer Sicherheit willen, Scheckensimon!«
Tikosch hatte genug gehört und gesehen, um Vertrauen zu haben. Das waren: ein Österreicher, der Aussprache nach ein Tiroler, ein Norddeutscher und ein etwas verkommener Gebildeter, der Hochdeutsch sprach. Mit denen ließ sich paktieren.
»Kinder, der Scheckensimon gehört auf den Baum, aber an einen Strick,« sagte er gemütlich und durchbrach das Gestrüpp, indem er den drei blaublaß gewordenen Kerlen freundlich entgegentrat. Sie standen entseelt und mißfarbig wie gerupfte Hühner vor ihm. »Ist das eine saumäßige Unvorsichtigkeit!« schalt Tikosch auf sie ein. »Hat keiner von euch eine Autorität vor den andern!«
»Wollten wa uns ausbitten,« knurrte Scheckensimon, der seine Haltung bei den freundlichen Scheltworten wiedergewann. »Wir sind 'ne Republike.«
Tikosch lachte und fragte mit dem alten Zauberworte: »Kunde?«
»Kenn's, kenn,« sagten alle drei auftauend und in fragender, banger Freude! Teurer Heimatlaut, Handwerksgruß der Nichtstuer, Kennzeichen aller Freiesten der Freien, aller, die nichts und doch alles besitzen, aller Walzenbrüder und Wanderphilosophen, die zwar der Bürger wenig liebt, die aber der Heiland des Ur- und Wanderchristentums insonderheit in sein Herz geschlossen zu haben schien!
»Na,« sagte der Leutnant, »mit der Schlamperei in eurem Wachdienst muß das ein End' nehmen, sonst kommen wir alle viere an den Galgen!«
»Alle viere!« Mit Brudergefühlen, die bei diesem Worte rascher erwachten, als es sonst wohl der Fall gewesen sein würde, sahen die drei Vagabunden den seltsamen Neuling an. Auch er musterte sie, als er ihnen die Hände reichte, und sagte:
»Ich bin der Aviatiker.«
Tikosch wußte, daß diese Herren alle einen Künstlernamen zu tragen pflegten, weil sie ihren eigenen durch häufigen Mißbrauch meistens ein wenig in Mißkredit gebracht hatten.
»Nanu, Aviatiker,« sagte der Norddeutsche, »woll aus'm Zuchthaus ausgeflogen?«
Tikosch, dem der Vorrat rotwelscher Worte nicht sehr reichlich floß, und der einsah, daß er nur das Mißtrauen der dreie ernten würde, wenn er seine Stellung als Tippelkunde würde festhalten wollen, besann sich einen Augenblick. In der Lage, in der er sich befand, mußte Vertrauen gegen Vertrauen stehen, und der lustige Ungar, dem ohnedies immer das Herz auf der Zunge lag, schwankte nicht lange.
»Hört also,« sagte er zu den dreien. »Ich will euch meine ganze Geschicht' wahrhaftig erzählen. Vor allem also: das Fräulein Ternaveanu hat mir den Weg zu euch ang'sagt.«
»Alle Wetter,« sagte der Scheckensimon und lud ihn freundlich ein, am Feuer Platz zu nehmen. Dann stellte er dem Leutnant sich und seine Freunde vor.
»Wenn der Herr ein Spion ist,« sagte er, »so kann er nicht mehr erraten, als er schon erspäht hat, nämlich daß wir existieren. Sonst haben wir keiner was andres auf dem Ehrenschild als einen kleinen Einbruch in'n Weinkeller; und wir sind freie Männer, und bei jetzigen Zeitläuften wollen wa's auch bleiben. Da seine deutsche Sprache uns sagt, daß er uns kaum unter die serbischen Soldaten stecken wollen wird, so kann der Aviatiker ruhig wissen, wer und was wir sind. Also, und denn!«
So machte Tikosch jetzt die denkwürdige Bekanntschaft dreier außerordentlich freier Männer mitten in einer Zeit, da sogar die Republikaner sehr stark zu Botmäßigkeit neigten. Der scheckige Simon war ein Schuster aus der hannöverschen Gegend, und seinen Namen hatte er sichtlich von der gefleckten Farbe seiner Haut, die eine Zeichnung aufwies wie das schönste Reptil. Er war untersetzt, etwas wohlbeleibt, frech und behäbig zugleich, mit einem gutmütig spottenden Schmunzeln um den Mund. Er beteuerte, nur Umstände halber in Serbien zu sein, da ihn der Krieg hier überrascht hätte. Er würde aber für diesmal und ausnahmsweise, wenn sich eine Gelegenheit böte, doch lieber nach Deutschland zu seiner Truppe einrücken, selbst wenn er dort Schuhe machen müßte, einen Beruf, den er nur in größter Notlage ausübte.
»Aber wa könn' auch mit der Schieße umgehen, und Männer wie ich hat mein Vaterland nötich,« sagte er stolz und streichelte das Gewehr des Tikosch. »Das is'nn Vorderlader,« sagte er. »So'nn hatten die Österreicher Anno sechsundsechzig, und drum verloren sie ihre Chose. Wir ha'm das Mauser mit Muster S!«
Der zweite hieß der Schlampenschneider und war ein Tiroler, dem alles recht und alles gleichgültig war, wenn er nur zu essen und zu trinken hatte. Im übrigen war dieser Mensch von einer Zähigkeit und Wetterhärte wie das Wild auf der Höh'. Er konnte im Regen schlafen und dreimal des Tages in seinen Kleidern naß werden und wieder darin trocknen, ohne daß er fror oder sich erkältete. Er war gutmütig und wußte auf die Frage des Tikosch, warum er nicht zur Truppe eingerückt sei, nichts anderes zu sagen als: »Miar hat's halt nöt pascht.«
Der dritte aber, der nasse Heinrich, begann Tikosch bald am meisten zu interessieren. Denn an die gleiche Frage, warum er nicht kämpfe, schloß er eine so lückenlose Kette von Vernunftfolgerungen, daß Tikosch gleich sah: hier war ein Philosoph von der Sorte, zu der er gerne in die Lehre gegangen wäre!
Der nasse Heinrich war ein Schlesier aus dem Kuhländchen und sprach ein ganz einwandfreies Deutsch, als er eine drollige Rede gegen den Kriegsdienst und die Verkürzung menschlicher Freiheit hielt, die ungefähr so ging:
»Erstens bin ich eine Intelligenz und sehe leider genau, was weiß ist und was schwarz. Ob auch meine näheren und ferneren Vorgesetzten Intelligenzen sind, das habe ich nach allen Beispielen, die ich bisher in Erwägung ziehen konnte, sehr zu bezweifeln. Wie soll ich nun meinen ganz lichten Willen und mein überhelles Hirn unter das Kommando eines dumpferen Kopfes stellen, von dem ich vollkommen deutlich erkenne, wie er mich sicher und unfehlbar in das große Heringspökelfaß führt, wo die Granaten am dichtesten stille Leute machen? Nein; wenn schon gestorben sein muß, dann auf eigene Fasson. Ich will wissen, warum und ob es sich lohnt, ein so gescheites Dasein wie das meine aufzugeben.
Des weiteren habe ich gefunden, daß ein Leben recht die Mitte halten muß zwischen besinnungsloser Streberei und Quietismus, wie das in meinen Büchern heißt. Du mußt wissen, Aviatiker, daß ich viel lese. Aber Quietismus, das ist besonnene Faulenzerei. Christus, Mohammed und Buddha haben ihn zwar gepredigt, waren aber Orientalen. Wir Abendländer können nun keine Ruhe geben, und da haben wir insoferne recht, als Besonnenheit, wenn sie nicht auch praktisch geübt wird, keinen Wert nicht hat. Was? Wo aber braucht es mehr praktischer Übung in der Lebensführung, wo gibt's mehr Kampf, wo zeigt sich unsre Überlegenheit besser, als in dem Berufe, dem die gesamte zivilisierte Welt wie ein Mann als Feind gegenübersteht? In dem Berufe der Lilien auf dem Felde, als welche wir uns darstellen! Wir Sonnenbrüder vom faulen Pelz, wir von der Walze, wir müssen uns jede freie Stunde erhungern, erfechten, erwandern, oft genug erstehlen. Natürlich halten das nur Leute aus, die ihre eigenen Gedanken haben und an sich selber eine bessere Gesellschaft haben, als die gesicherten Dutzend weisen Bürgerheringe an ihren Stammtischen sie uns zu bieten vermögen.
Siehst du, Aviatiker: ich war bestallter Schulmeister in Odrau, und ich verließ den Ofen mit den gebratenen Äpfeln der Behaglichkeit darauf, um mich in Sturm und Regenschauern umzutun. Ja. Denn da war ich stets in der unmittelbaren Nähe Gottes. Wenn wir uns ein Feldfeuer anzünden, dann erkennt Unsereiner, weiß der Himmel, daß es einen Gott des Feuers gibt, und daß die Flamme heiliges Leben in Essenz enthält! Verstehst du mich, Aviatiker? Nur das täglich schwer eroberte Leben ist der Religion nahe! Ich bin in Italien gewesen und in Griechenland. Nur eine Meinungsverschiedenheit meiner Gefährten hier hindert mich, mit ihnen abermals den Himmel aufzusuchen, unter dem die Ölbäume wachsen. Es ist da unten auch rauh und es stöbert der Schnee uns auch in Hellas recht wüste um den Schafpelz, wie schon in der Odyssee zu lesen steht:
Jetzo kam graulich die Nacht des verdunkelten Mondes und rastlos
Regnete Zeus, laut sauste der West mit ergossenen Schauern!
Wie, Aviatiker, da staunst du! Kannst du die Odyssee auswendig? Nein, armer Kerl, hab' ich mir gedacht. Da geht es wunderbar weiter, wie sie im Felde frieren: die Griechen! Und wie Odysseus beinahe vor Frost zu sterben meint, bis er sich durch eine List 'nen Mantel verschafft. Ich habe schon in den verlassenen Heiligtümern des Äolos und des Apollon geschlafen. Ich, der erste Mensch seit dritthalbtausend Jahren, der die Götter erkennt und gläubigen Herzens zu ihnen betet! Draußen herum heulte Boreas seine Wut über die götterlosen Menschen, aber mir wehte er Blätter über Blätter in den Steinrund herein zum Schutze, und wenn sich die Oliven knarrend bogen, fröstelte meine Seele in der wonnigen Erkenntnis, wie nahe ich den alten Göttern sei. Oh, oh, die alten Götter, die alle noch da sind, die aber ein immer naturferneres, stupides Menschengeschlecht zu begreifen verlernt hat!
Und jetzt wollen wir ans Frühstück.«
Der nasse Heinrich brachte einen schwärzlichen Klumpen aus dem Feuer vor sich und zerschlug ihn. Es war Lehm, in den er Fleisch geknetet hatte, das mit Fett umwickelt war und nun in der hartgebrannten Kruste rosig und in all seinem Safte geblieben war.
»Scheckensimon, die Flasche!«
Und mit ernstem Gesichte weihte der nasse Heinrich die ersten Tropfen eines ganz ausgezeichneten Pflaumenbranntweins seinen Lieblingsgöttern, dem Phöbus, dem Pan und dem Äolos. Dann begann ein herrliches Frühstück, und dem Offizier war ganz wunderbar zumute, den närrischen, davongelaufenen Schulmeister hier in Feindesland so unbekümmert zu finden, als gäbe es keine Staaten und keinen Weltkrieg und keine wackligen Zivilisationsdogmen.
»Die Kultur ist nur mehr bei unsereins, und die Staaten erkenne ich seit dem Aufhören der Naturreligionen nicht an,« sagte der nasse Heinrich.
Angelegentlich rückte der Leutnant zu dem Philosophen, auf den er ja zwar lachend heruntersah, den er aber in einem Winkel seines Herzens dennoch anregend, ja aufregend fand, und fragte ihn heimlich: »Sag' mir, da du doch so sehr gebildet bist: Genügt dir denn der Umgang von die zwei Kerl'n, die doch unter dir stehn, und zwar recht weit?«
»Da irrst du aber gehörig!« rief der nasse Heinrich. »Abgesehen davon, daß mindestens der scheckige Simon ein großer Philosoph ist, steht kein Mensch tief da, der alle Tage so nahe mit Gott zu tun hat wie wir; denn der ist die Natur! Dazu haben wir eine oft sorgenvolle und oft so freudige Interessengemeinschaft, daß wir uns endlos zu unterhalten wissen und immer Gesprächsstoff haben, aber schon sehr gehaltvollen! Kannst du sowas von irgendeiner Frau Pastor oder einem Landesgerichtsrat auch behaupten? Wenn ja, dann muß er von seinen Gaunern erzählen, die sind das einzige, was ihm von wahrem Leben begegnet!«
Die Sonne fiel steigend auf das kleine Rund inmitten der tollwuchernden Jungkastaniendickung, und behaglich grunzend lag der Scheckensimon im warmen Gnadenlichte. Der Schlampenschneider hatte schweigend gegessen und dem Aviatiker gutmütig die besten Bissen zugeschoben, jetzt schlief er. Dem nassen Heinrich aber tat es wohl, seine Lehren in ein dürstendes Gemüt zu versenken. Er saß am Feuer, eine Schnitte Fleisch auf Brot gelegt in der mageren Hand, die dürftige Gestalt zusammengekauert wie ein hockender Neger, das spitze Gesicht aufmerksam und frisch, die Nase fröhlich in der Luft, die pfiffigen Äuglein hell aufblitzend. Er hatte einen genialen Schwung, sich das lange, blonde Haar, das ganz verwachsen und verwittert war, aus dem Gesicht zu streichen, und schüttelte es gleich wieder wuschelköpfig hinein, wenn er irgend was verneinte.
Tikosch sah den unscheinbaren und doch so zähen Gesellen belustigt an, und ihm war wohl, wie schon lange nicht. Eine liebe, geborgene Stimmung überkam ihn mit leichter Schläfrigkeit, und nur um was zu sagen, fragte er noch, wie sich denn die Gesellen zu den Nachrichten aus dem Norden stellten, und ob sie Sicheres über den Gang der Dinge da oben wüßten.
»Was gehen uns die da oben an?« sagte der nasse Heinrich. »Die haben uns außerhalb ihrer Gesetze gestellt, und wir haben sie dafür aus unsern Herzen geschoben. Denn sie haben eine andere Seele, die mit Kohle und Zement mehr zu tun hat, als gut und gottesmöglich ist. Alles haben sie auf stupide Zahl und Maße hinauflizitiert, und nun sitzen sie ja mitten drin in den Folgerungen ihres Massenwahnsinns. Jeder nimmt heutzutage an dem heillosen Morden teil, ob er inneren Soldatenberuf habe oder nicht, und so hocken sie und schießen und stürmen, ohne persönliches Emporwachsen. Ja, ja, diese zehntägigen Schlachten, in denen der einzelne nichts sein darf als eine kleine, kleine Ziffer!«
Der lange Simon gab ein Wort herüber. »Zehntägige Schlachten; das macht, in einer modernen Schlacht messen sich nicht die Überlegenheiten zweier Herrschernaturen, sondern die Angst zweier Feldherrn voreinander.«
Mit einer Art belustigtem Respekt sah nun Tikosch zu dem Schuster hinüber, während er über die drastische Kritik des Vagabunden lachen mußte. »Ich möchte nich' Feldherr sein,« sagte der scheckige Simon noch, gähnte und wollte gerade einschlafen, wie der vorbildliche Schlampenschneider, als der nasse Heinrich sagte: »Halt, Simon! Unser Gast wird jetzt noch, da er gegessen hat, nach antikem Gastrecht um seinen Namen und Stand gefragt, damit wir über sein ferneres Schicksal in unserem Kreise entscheiden können. Hör' zu, dann brauchen wir den Schlampenschneider nicht in unserm Rate; er wird majorisiert.«
Und Tikosch setzte sich zurecht, wischte sich den ansteckenden Schlaf wieder aus den Augen und erzählte offenherzig seine ganze Geschichte bis auf den Umstand, daß er Leutnant war; denn der hätte verstimmend wirken können. Sondern er sagte, daß er Feldwebel wäre.
»Tut nichts. Das sah ich aus deinem etwas hunnischen Habitus und deiner geringen klassischen Bildung,« tröstete ihn der nasse Heinrich freundlich. »Aber was nicht ist, kann noch werden. Es wird noch 'n ganz brauchbarer Tippelkunde aus dir werden.«
Tikosch schämte sich ein wenig. Auch seine Neigung zur schönen Rumänin verriet er nicht und sagte nur, daß sie ihn aus Mitleid gefüttert und dann hierher geschickt hatte.
»Dann müssen wir'n auch all behalten,« sagte der Scheckensimon und sah den nassen Heinrich an, der gedankenvoll nickte.
»Die Livia,« sagte er dann in einer Art Wehmut, »die kenne ich nun seit meiner zweiten Griechenlandsfahrt. Damals war sie noch ein reicher Backfisch und hat viel gelacht, wie ich ihr meine Gotteserkenntnisse vortrug. Aber dann haben ihre Brüder den ganzen Familienübermut durchgebracht, und wie sie arm wurde und ein eleganter Offizier sie verließ, weil sie nichts hatte, da war sie reif. Sie ist meine einzige Schülerin in dieser zum Irrtum verdammten Welt, und sie ist dankbar wie ein reines Tier. Also auch an dir, Aviatiker, ist sie zur Nausikaa geworden. Ja, ja, sie ist ein seltenes Geschöpf. Zum Beispiel, sie wird nie heiraten. Denn wer einmal von der geheimnisvollen Nilschlange des Jenseitsgedankens gebissen wurde, der kann nur einsam bleiben oder einen Halbgott freien. Und woher sollte ein solcher kommen? In diesem Lande. Und woher bei uns, im Lande der Hosen mit den Bügelfalten!«
Damit legte er sich nieder und schlief auch schon.
Der Scheckensimon aber weckte den Schlampenschneider und sagte:
»Schlampenmann, du bist heute du jour.«
Der Angeredete gähnte, streckte sich und kletterte dann wortlos auf die große Edelkastanie, in deren Krone Tikosch einen sehr bequemen Sitz erblickte, von dem es sich im Sonnenscheine dieses milden Tages ganz behaglich Wache halten lassen mochte.