Rudolf Hans Bartsch

Grenzen der Menschheit

Rudolf Hans Bartsch

Der Satansgedanke

L. Staackmann Verlag. Leipzig

Titelzeichnung von Oswald Weise, Leipzig

Alle Rechte,
besonders das der Übersetzung, vorbehalten

Druck von Günther, Kirstein & Wendler in Leipzig

Um die Zeit, als die ersten Jünger der Gesellschaft Jesu nach Innsbruck gerufen wurden, um auch dort einer etwas verwilderten Deutschheit, die selten lutherisch bibelfromm, sondern eher heidnisch und ungläubig geworden war, durch ihr, in den ersten Jahrzehnten hinreißendes Beispiel, einen neuen, glühend passionierten Glauben zu erwecken, da lebte im adeligen Damenstift ein altes Fräulein, von dem es hieß, daß es ehedem die schönste Jungfrau in dreien Königreichen gewesen und mit der griechischen Helena verglichen worden war, nach der sie auch hieß.

Sie war die Tochter des Bankmannes und Händlers Manuel Chrysoloras, eines Nachkommen des berühmten Humanisten gleichen Namens.

Dieser Chrysoloras soll ein bis an alle Grenzen gescheiter und kalter Geldmann gewesen sein, der sich übrigens rühmte, das schönste und das widerlichste Menschenkind auf Erden nebeneinander bei sich und zu Diensten zu haben. Und wenn man sich über das letztere, einen schamlosen Knecht, entsetzte, pflegte er lachend zu sagen: „Was wollt ihr? Er ist eben die Materia, ohne allen Umweg menschgeworden. So ist sie, und so sieht sie aus.“

Der war einmal als Troßbube, eine entlaufene Bestie vom Landsknechtsheere, das Rom geplündert hatte, zu ihm gekommen: Klein, krumm, frech, breitmäulig und stark; zu alledem unerhört behende und gewandt, nur zu nichts Gutem. Der trug ihm seine Dienste an. Es wird erzählt, daß ihn der Chrysoloras gefragt: „Was willst du dafür?“

„Eh, Geld,“ hatte der Kerl gegrinst.

„Was hast du bisher getrieben?“

„Ich? Na: Ich hab, als wir Rom eingenommen, einen berühmten Maler erstochen. Weils mich geärgert hat, daß es sowas gibt. Ich hab’ dem Papst selber eine Maulschelle heruntergehauen, die war ungut, sag’ ich euch. Und ich hab’ unsern alten Frundsperg dermaßen geärgert, daß ihn der Schlag darüber gerührt hat, auf der Stelle. Vor niemand hab’ ich Respekt. Bloß vorm Geld. So tät’ ich all’ eure Feinde traktieren, und wärens Papst oder Feldoberst!“

„Das sind ja hübsch weite Grenzen, die deine Natur da erreicht hat,“ soll der Chrysoloras dazu gesagt haben. „Aber wer bürgt mir denn, daß du nicht auch mich erstichst, oder traktierst oder zutode ärgerst?“

„He! Wer soll mich denn dann sicherer und besser bezahlen?“ fragte die krummbeinige Bestie. „Ihr könnt ja auch immer noch einen entlohnen, der mich aus dem Hinterhalt niederschießt. Denn mir von vorn entgegenkommen? Das hat noch jeden gereut. Wenn ich ihm Zeit dazu gelassen,“ schloß er.

„Dann stimmt die Rechnung,“ hatte der Chrysoloras gesagt und den Troßbuben in seine Dienste genommen. Jeder entsetzte sich darob, aber dem ohnemaßen kühlen Geldmenschen gefiel er gut, wennschon er mit ihm zeitlebens nicht hundert Worte geredet hat und sicherlich keines zuviel. Es schien, als lächelte der Chrysoloras, daß er sich das größte Frechheitsexemplar der damaligen Zeit zinsbar und zu Diensten gemacht hätte. Soviel über den Vater der Helena.

Sie selber war, seit man sie kannte, wunderlich; sie weinte viel und man sagte, daß in ihrem Blut die Melancholie erblich wäre. Ein Vetter von ihr, der sie inniglich geliebt, den sie aber freundlich abgewiesen, hatte schon als junger Student die heilige Schrift völlig und ohn’ alle Rücksicht ergründen wollen, hatte sogar bei Juden Unterricht dazu genommen, war darüber schwermütig geworden. Er hätte sich erhenkt, wenn die Base ihn nicht abgeschnitten und ihn nach Salzburg gebracht hätte, wo damals der berühmte Theophrast Paracelsus seinen Wissensdurst wohl stillen konnte und wohin auch mehrmals der Doktor Faustus kam, mit dem dann der Student und Helena gar vertraute Kundschaft hatten. Der Bursch soll davon ein erschreckliches und elendigliches Ende genommen haben und das Fräulein ist dem Trübsinn gänzlich verfallen.

Sie sah sodann, eine Gealterte, keinen Menschen mehr recht an, ging an allen vorbei wie ein Rauch. Nur Kinder liebte sie und holte sich solche immer wieder herzu. Aber das kleine Volk, so viel es auch von dem adligen Stiftsfräulein beschenkt wurde, fürchtete und mied sie. Zuerst wegen der tuschelnden Nachrede mit dem Zauberer Faustus. Dann aber hatten sie Angst, weil das Fräulein ihnen oft ein grusliges Volkslied von einem buckligen Männchen vorsang, das immerzu dastände, wenn und wo ein Menschenkind einmal so recht allein wäre. Hinter der Stiegen, in der Speisekammer, bei der Mehltruhen. Sogar am Bette, wenn man zu Abend beten wollte. Immer stand gleich das bucklig Männlein dabei, —

— „fängt als’ an, zu beten:
Liebes Kindlein, ach, ich bitt,
Bet’ fürs bucklig Männlein mit.“

Die Helena hat sich dann ganz an die Väter von der Gesellschaft Jesu angeschlossen und soll im Geruch der Heiligkeit gestorben sein.

Das zuvor, ehe von der besagten Helena Chrysoloras und dem Faust näherer Bescheid ergehen soll, der damals nach Salzburg gekommen war, niemand wußte warum. Nur die versoffenen Studenten scherzten, er hätte durch seine Kunst dort des Bischofs halben Keller ausgesogen und mit ihnen verzecht. Mit dem Kellermeister, der sie zu unguter Stund erwischte, wäre er auf eine hohe Tanne am Untersberg geflogen und hätte ihn dort im Wipfel alleingelassen, wie ja auch das alte Volksbuch zu berichten weiß.

Nun aber zum endlichen Bericht.


Das war am Hoch- und Domstift Salzburg. Mitten aus der erregten Studentenmenge puffte sich ein wunderlicher Junge heraus, so sehr ihn die andern zu halten versuchten. „Laßt mich allein, sag’ ich!“

Als er ging, hörte er gar wohl, daß es hieß: „Armer Querschädel!“ Er zuckte die Schultern. „Bertel, Bertel Stainer?“ rief ihm noch einmal einer nach. Er hörte gar nicht mehr hin; es riß ihn zu mächtig in Einsamkeit und in freie Höhe, und er rannte den steilen Festungsweg zur Bischofsburg hinauf. Droben war er dem Untersberge, dem Tännengebirge gegenüber. Schneeeinsamkeit, gewaltige Verschwiegenheit, unnahbare Höhenweiten. Danach war ihm selber zumut. Er hätte auffliegen mögen, um bloß droben mit den Wolken allein zu sein. Nur nicht mehr unter Menschen!

Ungeheures war ihm nahe.

Doktor Johannes Faustus selber war nach Salzburg gekommen, um den Philippum Paracelsum aufzusuchen, wie es hieß. Und man hatte die beiden schon zusammen gesehen. Da turbulierte es unter dem jungen Blute. Die ganze Studentenschaft versammelte sich; sogar die wenigen frommen und gläubigen Kleriker, welche es damals noch in Salzburg gab, waren mit verschreckten Mienen herzugeeilt. Schon daß der Philipp von Hohenheim, der Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus, wie er sich prahlend nannte, der gottlose Spötter, fürstbischöflichen Schutzes und reicher Belohnung genoß, machte den christgläubigen Seelen bange. Es war nicht geheuer damals in Salzburg. Der die fürstliche Tiara trug, der erste Kirchengewaltige nach dem Papste, er hatte nicht einmal die Priesterweihe genommen, weigerte sich ihrer auch beharrlich und man konnte ihn, weil er der Bruder des Bayernfürsten war, nicht gut maßregeln.

So sah es für die wenigen stillen Gläubigen damals aus, als begänne nun in Wahrheit das Reich des Antichrist im Schutze des Krummstabes des heiligen Rupprecht.

Paracelsus war verhaßt und gemieden; abergläubisch tuschelte das Volk dem bleichen Männlein mit den schwermütig mißtrauischen Augen nach. Aber er konnte gesund machen und er konnte Gold machen. So ließ man ihn beiläufig in Ruhe. Auch glaubte er noch halberwege an Gott, Doktor Johann Faustus aber bekannte sich offenkundig zur schwarzen Magie, die man dem Paracelso nur insgeheim zutraute. Sogar die ketzerischen Wittenberger Seelenhirten hatten Acht und Aberacht über ihn geschrien. Evangelischer und Katholik hatte ihm abgesagt und nur gottloses oder verbrecherisch neugieriges Gesindel mehr lief dem Unheimlichen nach, der sich dem Teufel lachend übergeben und verschrieben hatte und ihn seinen Schwager nannte.

„Denn des Teufels Schwester ist die sündige Schönheit.“

Sympert Stainer hatte noch das wirre Durcheinanderfragen in den Ohren: „Wie sieht er aus?“ „Was hat er an?“ „Kann er keinem Menschen in die Augen sehn, wie man sagt?“ — „Wehe dem, den er aber ansieht!“

„Wie sieht er aus?“ Stainer hörte noch, daß ein kleiner Kerl plötzlich gemacht hatte: „Pssst!“ Und Alle waren zusammengeschrocken, weil sie glaubten, der Schwarzrote stünde hinter ihnen. Aber der kleine Student sagte ihnen, man dürfe von Faustens Äußerm nicht laut reden: „Das nimmt er euch gewaltig übel. Und sorgt dann nur um eure Häls’!“

„Warum, warum?“

„Wißt ihr nicht die Geschicht’ aus Schwäbischhall? Wo er ganz unerkannt und verhohlen gelebt, weil ihm die Wittenberger Pfaffen an Leib und Leben gewollt? Kein Mensch hätt’s erraten sollen, daß der beschriene Magus im Städtel wär! Wie aber die dortigen Salzknappen, ein hohnvoll und übermütig Volk, das keine Seel in Ruh ihrer Weg ziehen läßt, ihm wegen seiner kleinen und höckrigen Gestalt nachgespottet haben, „Äsop, Äsop,“ da hat er ihnen aus dem Flußwasser einen Feuerteufel herauszitieret; — auf grauslichste Weis’ hat er’s getan! Hat in seiner Wut die Hosen heruntergerissen — —“

„Still,“ rief ein Anderer. Aber es war diesmal nur Theophrast Paracelsus, der an der Hochschule vorüber nach der Residenz ging, wo er zu einer alchymistischen Sitzung befohlen war. Die Studenten verhielten sich sehr, solange der kleine, blasse Mann in Hörweite war. Er warf aus seinen sonst unsagbar traurigen und vorwurfsvollen Augen nur einen mürrischen Blick nach der Seite hin, wo das Rudel aufgeregter junger Leute zusammenstand; den Kopf hielt er aber geradaus und ziemlich geneigt. Aber mit den Augen sah er nach der Seite hin; — mahnend? Oder prüfend? Ein Blick, ahnungsvoll klug wie der eines Kindes, oder eines Tieres, und ebenso geängstet, ging allen durchs Innerste.

Als Paracelsus vorüber war, ging das Tuscheln von neuem an:

„Der Doktor Faustus hat beinah dieselben Augen: Ebenso traurig, aber dazu eher grimmig und bedrohlich.“

„Wer ihn reizt, dem ergehts auch schlecht,“ sagte der kleine Student von ehedem wieder.

„Was haben die Salzsieder in Hall denn gesagt?“

„‚Wer ist das elend klein huckrig Männdl?‘ haben sie bloß gefragt.“

„Hat ihn wer hier gesehen? Ist er höckerig?“

„Ja,“ sagte der, welcher vorhin so bedenksam über die Augen des Magus gesprochen hatte. „Er geht in Schwarz und Rot, ist nach spanischer Art gekleidet, hat ein klein’ Barettl, einen kurzen, graugemischelten Bart, der dicht ums ganze Gesicht geht, so daß man die gepreßten Lippen kaum sehen mag. Nur eben die Augen kannst ansehen: Traurig, mißtrauisch und zornig schaut er her.“

„Ist es wahr, daß er keinen Menschen mag ansehen?“

„No, mich hat er so von der Seiten her ganz kurz abtaxiert. Ist mir heiß und kalt davon worden. Er ist nicht größer als der Paracelsus und hat wirklich ein bissel so einen hohen Rücken; geht also hucket neben dem Paracelso her. Ich hinten nach. Sind aber allbeide recht einsilbig.“

„Aber geredt haben sie doch?“ war Sympert Stainer aufgefahren.

„Ja, aber nur zwei Wörtl.“

„Was, was haben die zwei gesagt?“ drängte Stainer.

„Der Faust hat gesagt: ‚Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger. Ein einziges Trachten bleibt schön: Der großen Kraft nachgehn.‘“

‚Die sein wir ja selber‘, hat der Paracelsus gesagt.

‚Die ‚ist‘ auchs liebe Vieh‘, hat der Faust repliziert. ‚Vom Sein hab’ ich nichts. Anfassen muß ichs können. Verstehen. Gebrauchen.‘“

„Und der Paracelsus?“

„Hat geschwiegen.“

Von da ab hatte Bertel Stainer nur mehr Klatsch, Wundergeschichten, Derbheiten und Aberglauben über den Faust gehört und war endlich weggerannt, um nur wieder zu seinem machtvoll aufbegehrenden Herzen zurückzukommen.

Jetzt war er allein mit diesem klammgepreßten Herzen, das ihn zwang, immerzu nach Atem zu ringen. Er stand, holte Luft, aber es war zu wenig. Aufstöhnend wankte er weiter, gegen die Bürgerwehr zu. Er sah die hohen Schneeberge jammervoll an, dachte an die dünne und reine Luft dort oben und daß er dort leichter atmen würde können und faßte wieder nach seinen tobenden Herzen, wie ein Erstickender.

„Der allein auf Erden ist es, dem ich folgen muß, wohin er mich auch führen mag. Sei es in den Himmel oder in die Hölle!“

Er blieb stehen und rang nach Luft. „Mein Vater ist verketzert worden. Mein Bruder glaubt an nichts auf dieser Erden, geht ins Italienische und sagt: ‚Musik ist noch das best’ und einzig Ding; — das macht fliegen! Nur der Musikant kann sagen, wes Gemütes Gott und der Teufel sein mögen.‘“

Etwas ruhiger und nachdenklicher setzte Stainer seinen Weg fort: „Und ich? Bei den Rabbis hab’ ich Christus und den Glauben an irgend eine Jungfrau verloren, mag sie heilig oder irdisch sein. Unsere Professores, von denen ich mir aller Geheimnis Essenz erwartet hab’, die sind arme Esel. Sogar ich dummer Kerl ahn’ doch, was die nimmer wissen können! — Der Paracelsus? Er steckt zuviel in der Chemie, als daß man von ihm erfahren könnt, was dies wär, dies erschröcklich, grausam und süß Geheimnis Leben!

Woher das kommen sein mag und warum wir nie davon genug haben mögen? Warum wir’s ewig genießen wollen, so viel Martern es hat? Und warum wir wieder wegmüssen, nachdem wir graue Bärt’ und kahle Köpf’ und faltige Häls’ erleiden mußten? Ein Schand und Spott, wenn das, von Gottes Ebenbild, wahr wär’! Fauste! Fauste!“ — — Und er wiederholte sinnend: „Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger. Ein einzigs Trachten bleibt schön; der großen Kraft nachgehen!“

Der kränkelnde Student hob beide Arme: „Da allein glüht die große Schatzkohlen! Da allein glost das Feuer, an dem ich mich wärmen kunnt!“

Er stöhnte noch einmal auf, als wäre er auf den Tod verwundet. Mit einem namenlos hilfsbedürftigen Blick sah er die Berge an, den hellen Himmel, über den leichtsinnig die kleinen Wolken hinzierten; nirgend war Antwort! — — „Ich geh’ zum Fausto.“


In der Bibliothek des Fürstbischofs hatte Faust, wie überall, alle Bücher durchwühlt. Je älter das Geschrift war, desto gieriger suchte er in ihm und immer wieder warf er weg, was ihm unter den Händen einen Augenblick gezuckt hatte. „Nichts. Nichts.“ Faustens Augen brannten schwermütig und drohend. „Steh’ denn am Ende aller Weisheit dieser Erden ich?! Das wär doch, um sie ins Feuer zu schmeißen, wie Mist!“

Einen Augenblick hielt er aber inne, — als er in den Visionen des Ezechiel blätterte. Da war eine Randnote in veralteter Schrift beigesetzt, die sagte: „Es gibt ein ding, geschaffen von gotte, ist die Ursach alls Wunderbarn, so im Himmel oder auf Erden sein mag, als da wär Tier, Stein und Kraut. Und ist selbigs kein ander ding, als unser seel auch. Du findsts allerort, wenige kennens und keiner gibt ihm den rechten namen. Ist auch vermummt unter zallos rätsel und gestaltung. Aber ohn das künnen weder alchemie noch magia zu einem rat und ziel kummen.“

Faust nickte wissend. Dann las er im Ezechiel die Stelle, die zu jener verschollenen Anmerkung geführt hatte:

„Dieselbige Substanz, welliche der Grund aller Wurzel ist, gehört zum Ort, den man nennet Schamaim (heißet die Himmel). Ist ein Mysterium, all jenen kundt, die von diesem himmlischen Stoffe wissen und von dem jegliche Gattung alle Kraft und Frischheit ihres Wesens erhält. Von dorther auch kommt die Influenz, welche reicht bis auf den Ort, welcher genennet wird Sheakin, oder die Aetherregion.“

„Das ist es; ja, das ist es,“ sagte Faust. „Und weiter kam bisher niemand. Nützen kann mans. Anfassen und ergründen nicht.“

Er warf den Band zu dem Übrigen und griff nach einer Pergamentrolle mit bunten Initialen. „Lieder?“ sagte er bitter lächelnd. Aber er warf aus Langeweile, oder aus Zeitvertreib, einen Blick hinein. Und dann las er:

„owê, war sint verswunden
alliu mîniu jâr!
ist mir mîn Leben getroumet,
oder ist ez wâr?“

Da ließ Faust die Rolle sinken und ließ auch das Haupt noch mehr zwischen die armselig hohen Schultern sinken, als eh.

„O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!“

Wo war dies Leben hin und was war es gewesen! Viel Betrug und lautes Prahlen, Zechgelage, wüste Nächte mit allsatten Weibern, welche die Neugierde gereizt hatte, wie der Zauberer schmecken mochte. Oder rücksichtslose Besitznahme von kleinen Mädchen, welche seine Kunst und die Macht seiner Augen gelähmt hatte und die nun, zu früh erschauernd und ohne Liebe, duldeten, was sie sonst, später, aber inniglich, dem Einzigen ihres Lebens hingegeben hätten. Immer hatte er von der Furcht der Menschen gelebt oder von ihrer Dummheit und hatte töricht, toll und prasserisch gegen seine eigenen Kräfte gelebt! Jene wunderbare Kraft, die insonderheitlich aus den Augen strahlt, jene Kraft „von der jegliche Gattung alle Frische ihres Wesens erhält,“ er hatte sie ausgestreut und um sich geworfen wie Häckerling, jahraus, jahrein. Und nun brannte sie nicht mehr in so durchnervender Glut aus seinen erlöschenden Augen wie ehedem. Er hatte sich ihrer bedient, wie eine böse Schlange; also bestialisch.

Gaukeleien, Schabernacke, kleine Betrügereien, ob deren er von Land zu Land ausgewiesen wurde. Überall zwar groß Gered, aber auch das übelste Zeugnis hinter sich, Furcht, Haß und Abscheu aller Menschen. Dazu die gelähmt gaffende und zitternde Neugier der kindlich Gebliebenen, denen er gewaltiges Aufsehen erregte. Das war sein Anteil auf Erden und darüber war er nun alt geworden.

Gelten wollen! Das war das verzehrende Feuer seiner Kinderjahre gewesen, wenn Andere, Starke, ihn wie ein Bündel in die Ecke geschmissen! Gelten, erstrahlen wollen, trotz seinem Höcker! Wie dieser Wunsch zehrte und brannte: So sehr, daß er sich selber immer wieder großmäulig zu rühmen begann, wenns andere nicht tun wollten!

Später, als die glühende Sinnlichkeit der Jünglingsjahre zu seiner verzehrenden Großmannssucht noch hinzu kam, war es noch viel ärger geworden. Jeder schöne Kerl nahm ihm ja lachend das Mädchen fort, das er, mit brennenden Augen und fressenden Träumen, monatelang erbetet und erlechzt hatte. Was für Madonnengesichtlein wußte er sündig und doch schienen sie allen andern rein, wie ein heller Tag! Er aber war hinterher geschlichen und hatte horchen und zusehen dürfen. — Zudem hatte sich sein Mißtrauen mit seinem Spürsinn geschärft und bald glaubte er überhaupt keine Reinheit mehr, — auch wo sie war. Haß und Verachtung dem Weibe, glühender Neid dem Manne, das war der Inhalt seiner Jünglingsjahre. Nur wenn er anführen, verleiten, in Abgrund reißen konnte, dann quoll ihm hoch das verwilderte Herz! Je lästerlicher seine Zunge wurde, je schärfer sein Witz, je unfehlbarer sein rachsüchtiges Wort, desto mehr Gefolgschaft fand er unter denen, welchen dies Leben, wie ihm, zu karg zugemessen erschien. Ja, solche Bestien hatten oft mehr Freude an seiner Bosheit, als er und wenn ihm ob einem grauenhaft ersonnenen Schabernack selber das Blut in den Adern zu Eis werden wollte oder seine Haare sich wegen der eigenen Bosheit sträubten, sie johlten und juchten wie freigelassene Sklaven dazu. Unbändig war ihr Vergnügen.

Daß ihm manchmal so das Herz zuckte vor Mitleid, vor Reue oder vor Scham, das waren noch seine besten Stunden gewesen.

Dann endlich kam der große Ruf über ihn. Wilde Studenten, die, wie er, bald von Wittenberg nach dem katholischen Ingelstadt renegierten, dort ebenfalls hinausgeworfen worden waren und nun nach Heidelberg oder Straßburg oder Innsbruck, nach Wien, Krakau, Graz und Prag ausschwärmten, berühmten sich überall seiner Zechgenossenschaft. „Und sie hatten Tod und Teufel nicht gefürchtet.“ Und in Prag hatte der Leibhaftige einmal unter Faustens Präsidium ein Fiduzit auf Alexander Borgias Tod getrunken, seines Freunds, des Papstes! „Gottverdammich, wenns nicht wahr sei!“

So, ja so war sein Ruhm angegangen in deutschen Landen, und was bisher sein Elend gewesen und seine glühende Kohle im Herzen, daß er nicht groß und wohlgestaltet war, eben das wurde nun seine Tugend: Faustus konnte nicht anders mehr aussehen; durfte nicht! Das Volk kannte ihn so, fürchtete sich vor dieser Gestalt und liebte insgeheim das berühmte „bucklig Männlein“, das sich dem „andern Fürsten dieses Weltalls“ verschrieben hatte!

Doktor Johann Faustus (der in Wittenberg sich, dem Kurfürsten zuliebe Johann Georg genennet) hatte jetzt die wilde Freude, daß er zu genießen anfangen durfte in einem Alter, da sich die Weiber andern Männern gegenüber zu versagen beginnen. Als die Zahl Vierzig sich, mit den ersten grauen Fäden, um seine Schläfen schrieb, da erst begannen die Frauen unter dem wilden und ausgefasteten Blick seiner Augen zu erröten oder angstgeschüttelt zu erbleichen, und wußten, sie wären verloren sobald er forderte.

Auch nannte seit diesen Tagen niemand mehr seinen etwas hohen Rücken und seine gehobenen Schultern einen Höcker, wie ehedem die boshaft übertreibenden Salzknappen in Schwäbischhall. Es schien allen Menschen, als könnte ein Mann bei solcher Last des Erkennens, bei solcher Schwere des Gewissens und bei der ungeheuren Schwermut, am Ziele alles Menschendenkens zu sein, gar nicht anders aussehen, als etwas gebeugt und beschwerlich. Das Volk sah nur mehr seine grauen Augen und die waren wie ein Element. So erstaunlich: Sie konnten wie der Himmel leuchten, sie konnten wie das Meer wechseln, schillern, erlöschen oder drohen. Sie waren oft so demütigend ironisch, daß es dem Angeschauten durch Mark und Bein ging. Sie waren oft so todtraurig, daß den Frauen die Tränen kamen. Und niemand wagte sich mehr in seine majestätisch gewordene Nähe, außer er redete ihn selber an.

Jetzt prahlte er nicht mehr. Es lag ihm, den früher die Nichtbeachtung beinahe zerrissen hatte, nichts mehr an der Menschen Meinung. Das war vorüber. Seltsam, daß ihn jemals das luftige Gebilde, welches in eines vergänglichen Wesens Kopf über ihn entstand, mehr aufwühlen konnte, als das, was in irgend einem Kohltopf als Sud brodelt! War nicht sogar der Kohltopf wichtiger, dauernder, notwendiger, als beinahe jedes Menschen Gehirn mit der ewig bestochenen, ewig veränderlichen, ewig betrogenen Meinung darin?

Und je gleichgültiger Johannes Faust über der Menschen Achtung geworden war, desto eifriger richteten sie, dichteten sie, verwunderten sie sich. Über ihn, von ihm, von dem das ganze Reich fabelte.

Längst galt er in Wittenberg als der lebendige Antichrist. Als Gegenbild des frommen, gottestapfern Luther. Luther: fleißig, einfältig und gewährend wie Gott, Faust lässig, gescheit und absagend wie Satan. Das waren die beiden seelischen Enden Deutschlands.

Aber des war Johannes Faustus nicht zufrieden. Hätte er stehen bleiben können auf dem Jetzt seiner fünfzig Jahre, er hätte dem Teufel unbedenklich die selben Vasallendienste verbrieft, die er ihm, ungefordert, ohnedies tat! Aber er glaubte an keinen Teufel, und die einzige Macht, die er fürchtete und inbrünstig haßte, das war die Zeit. Noch brannten seine Sinne, und je weiter er auf Erden umhergekommen war, desto mehr erkannte er, daß er immer ergriffener zu wissen begönne, was Schönheit sei.

Er suchte keine Weisheit mehr. Nur Schönheit begehrte er noch.

Er war durch Italien gekommen und hatte die antiken Bildsäulen gesehen und Giorgiones und Tizians entblößte, goldklare Frauen. Jetzt erst war er dahin gekommen, mit allen fünf Sinnen zugleich Liebe zu ergründen! Und jetzt rannte die Zeit vor ihm davon, wie sonst die kleinen Kinder.

„Weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!“

„Und was hab’ ich aus diesen Jahren gemacht? Zu allem Heil Gottes: was hab’ ich aus ihnen gemacht!“

Irgendein gestörtes Fühlen weckte den Doktor aus seinen aufjammernden Gedanken, — er fuhr herum. Die Türe hinter ihm ging zögernd auf, dann stand, leichenblaß vor Erregung, Bertel Stainer, der Student, in der Türe. Er war entsetzt, daß der unheimliche Doktor, so mäuschenleise er die Pforte zur Bibliothek geöffnet hatte, seine grauen Augen geradezu nach ihr hinbohrte, ehe sie aufgegangen sein konnte und er blieb stehen wie ein Kind, dem übel wird.

„Ich hab’ Euch gefühlt,“ sagte Faust. „Kommt immer heran. Was wollt Ihr?“

Der Ton seiner Stimme war ruhig und traurig; beinahe gerührt. Da gewann der Student einen mächtigen Mut, stürzte zu Fausto hin und wollte sich auf die Knie werfen: Der Doktor wehrte es ab.

„Doktor, Doktor Johannes Fauste,“ rief er dem Manne, der eben selber so hilflos mit dem Leben abgerechnet hatte, zu: „Ihr allein auf der ganzen weiten Erden könnt mir helfen und mich glücklich machen!“


Es weilte damals auch das absonderlich schöne Mädchen in Salzburg, welches eine weitschichtige Base zu Bertel Stainern war. Sie hieß Helena und war des griechischen Kaufmannes Tochter, der alle Lieferungen für die Innsbrucker Hofhaltung des seligen Kaisers Max besorgt hatte und jetzt, als ein reicher Mann, für Karl den Fünften und den römischen König Ferdinand Geldgeschäfte trug. Zu der war an jenem Tag, sehr geistesabwesend, der junge Stainer gekommen und frug nach dem Vater. Dann, als Helena dem Vetter gesagt hatte, daß der zum römischen Könige gefahren wäre, ließ er sich niedersinken.

„Ich wollte auch gar nicht nach dem Oheim fragen.“

„Was führt dich also her, Vetter?“ sagte das Mädchen beunruhigt.

„Ich war beim Doktor Faust.“

„Beim Zauberer?“ fragte das Mädchen erschrocken.

„Ja.“

„Gott und die heilige Jungfrau behüte dich!“

„Dieser beiden bedarf ich nicht mehr.“

„Bertel, Bertel, was sagst du da!?“

„So! Sagt ich was?“

„Was ist geschehen mit dir?“

„Ich weiß nicht mehr. Mir ist, als wär ich aus einer Ohnmacht aufgewacht und hätte mich nun nur so hergeschleppt.“

„Hat er dir was getan? Hat er dir was angezaubert?“

„Ich weiß nichts mehr; nichts. Alles ist vergessen, bis auf den Augenblick, daß ich eintrat. Er hatte seine tiefen, grauen Augen in die Türe gebohrt und sagte: ‚Ich weiß, daß du kommst.‘ — Ich, zu seinen Knien hin: ‚Fauste hilf mir, du allein kannst es!‘ Und von da ab weiß ich nicht ein Ding auf Erden mehr, als daß ich jetzt hier bin.“

„Du mußt ihm nie wieder begegnen, du! Wer weiß, was er mit dir gemacht hat! Du darfst ihm nie wieder begegnen!“

„Helena, lieber begegne ich in Ewigkeit dem Erlöser Herrn Jesu Christo nicht mehr, als daß ich vom Faust lasse!“

„Gott segne dich und mich; aber dann muß ich zu meinem Beichtvater und durch ihn Gott anrufen, für dich und gegen ihn. Und zum Erzbischof will ich den Faust verklagen gehen; Vetter!“

„Der Erzbischof ist derselben Sucht und Sach verfallen, wie Faust und Paracelsus, laß das nur. Es ist gut, wenn du fromm bist und sollst ungestört dabei verbleiben. Und es ist gut, wenn ich dem Faust nachgeh’, und du sollst mich lassen, wie ich immer auch gehen mag. Ah, Helena, dieses Schauen! Bis in den Grund der Seelen schaut er! Und so traurig schaut er, wie der Engel Luzifer, da er sich von Gott lossagen gemußt; weil er nit anders gekunnt. — Wie ich!“

Dem schönen Mädchen erzuckte leise das Herz. „Traurig?“ sagte sie. „Ich hab viel tolle und übermütige Ding erhört von ihm; aber von seiner Trauer redst erst du.“

„Ich kann nichts, als an ihn denken.“

„So erzähl mir von ihm. Man hört so viel üble Sachen. Es tät mir wohl, besser über ihn denken zu können.“

„O, das war früher,“ rief der Student eifrig. „Da hat ers gar schlimm getrieben und viel Ärgernis und Feindschaft angestiftet. Aber nun ist er still und weich worden; berühmt sich auch gar nicht mehr seiner Künste. Dafür geht sein Lob aus der geachtetsten Leute Mund umher! Der Philipp von Hutten nennt ihn einen Gesandten höherer Mächte, einen tiefstudierten Weisen! Der große Schulmann Camerarius sagt: ‚Was redet ihr über den Fausto? Geh einer hin und suche er aller Weisheit Spuren und Gründ’ so feuriglich nach, wie der Faust, so will ich nur mehr unbedeckten Haupts vor ihm stahn!‘ Das sind Zeugniss’ unserer ersten Männer, Helena; und sind die frischesten und letzten. Alles andere ist alte Feindschaft und altes Gered’!“

„Wie sieht er aus?“ fragte Helena. Und dieselbe Frage, die dem Stainer an seinen Kommilitonen klein und nichtig erschienen war, gewann jetzt ein blühendes Leben für ihn. Er malte das vergrämte, tiefverstudierte Wesen des seltenen Mannes; seine ewig anders schauenden, elementar launenhaften Augen, die Bürde seiner Schultern, das düstere Schwarz und Rot seiner Kleidung, und wie die Halskrause den gramvoll nachdenklichen Kopf über alldem wie vereinzelt, abgetrennt, ja enthauptet erscheinen ließe. „Man sieht zuletzt nur mehr dies Haupt auf weißer Schüssel liegen und allein für sich leben: dies Denkerhaupt, das der Weisheiten letzte Grenzen überstiegen und Gott selber zu durchschauen sich vermessen hat.“

Das schöne Mädchen saß unbeweglich im Erker. Das südliche Blut ihres Vater machte ihre Wangen niemals röter werden, als es der braune Elfenbeinton ihrer Haut zuließ. Nur ihre Haare ringelten und rollten sich wie deutsches Märchengold über der Blässe ferner, wärmerer Zonen. Ihre braunen Augen schauten ins Weite. Seltsame Mär! Daß das alles wirklich war? Daß es solch einen Menschen gab, der entweder der erste und höchste unter den Sterblichen, oder ihr verworfenster war! Und wer wollte sagen, ob dies, ob jenes! Man wußte nur, eines der beiden Enden der Menschheit war er!


Aber das war es, was Doktor Johann Faustus zu dem verzauberten Studenten gesagt hatte, soeben; — und ihm dann Vergessenheit aufgelegt:

„Du bist mit Wissen und Willen, ja aus gar großer Sehnsucht zu Einem gekommen, der schon mehr in der Sag und Phantasei der Menschen lebet, denn daß er selber wäre. Ist dir nicht, als wär das ein Traum?

„Du bist durch eine Magie, die dir selber unerklärbar ist, hingezogen zu einem, der sich, hellwissend, dem Zerstörer dieser Gotteserden verschrieben hat und begehrst Anteil am Reich des Versinkens. Dir ist selber so, daß dem nicht in Wahrheit so wäre; — sondern all das ist ein Traum.

„Es war einmal eine mächtig große Insel im Ozean, der heute noch ihren Namen trägt; hieß Atlantis. Ein Prophet war dort, hieß Gatamura. Der erkannte zu Recht, daß dort Land und Leut am längsten gelebt haben sollten und ließ Wasser ein in einen feuerspeiend’ Berg, so nach unten barst. Und das ganze Land versank mit Mann und Maus in einer einzigen Nacht. Ich aber, mit jedem Morgen, den ich erwach, sag: ‚Hilf mir zu dir und deiner Weisheit, Gatamura! Auf daß ich alles Land, drauf Menschen leben, versenk’ in Feuer und Wasser.‘ — Zu diesem bist du gekommen. Faustus heiß ich mich und das bedeutet: der Glückliche. Und bist zu einem Glücklichen gekommen, der Tag und Nacht nichts anderes sinnt, als wie er untergehen könnt zusammen mit dem erbärmlichen Gezücht, das ein Gott angeblasen haben soll, ist aber jämmerlicher als jede Katzenart und vertilgenswert wie Geschmeiß und Ungeziefer, anders steht die Sach nit. Das alles ist wunderlich und ist ein banger Traum; nit?“

Immerzu sah Johannes Faustus dem Studentlein in die Augen, welche zusehends größer wurden und zuletzt ins Endlose zu schauen begannen. Und bei diesem letzten, ermunternden Worte: „Nit?“ sagte der Student mit ferner Stimme: „Ja.“

„Willst du weiterträumen?“

„Ja.“

„Dann hör’ und tu’s in den Grund deiner Seelen. Es gibt nur zwei Arten von Mensch. Die einen wollen aus sich fort und weiter, wie sie’s nennen. Die andern wollen zu sich selber. Jeden magst du prüfen, immer ist er nur das eine oder das andere. Die zu sich selber wollen, die kriegen nur Töchter oder Söhn’, so des Lebens ganz unkräftig sein; aber in ihnen selbsten wohnt eine unersättliche Gier, zu leben. All ihre Vorfahren, Edelleut, Geldraffer, Bauern, Soldaten, Taglöhner und Bettler, die wollen noch einmal zusammengeballt in diesem einen Menschlein auflodern, wie eine goldene Flamm und alles auf eine Karten setzen, alls auf einen Zug austrinken, und wenns ein arm bucklet Männlein wär, das sie sich ausersehen haben für ihr angesammeltes Begehr! Du bist so einer, ein Letzter; und mit dir wird die Pflanzen deines Geschlechts abdörren, gleich wie sie mit dem heiligen Franz abgedörrt ist oder hinter dem Aufblühen der hundertjährigen Aloepflanzen. Ist all eines und Heiliger und Wüstling sind nur zwei Strophen im Madrigal, das den Kehrreim hat: ‚Verbrennen will ich vor Gier nach Ewigkeit!‘“

„Ich halt dich nit, Sympert Stainer; du selber mußt dich an mich halten, als wie wenn du gar nit anders kunntest. Ich halt dich nit; ich warn dich und vermahn dich ganz ernsthaftiglich! Wer bisher mit mir hat gehn wollen, der ist immer noch vorzeitig abgefallen vom ganz großen Weg des Vernichtungsengels und hat sich selber einen jämmerlichen, unreifen Schluß gemacht. Ich leb’ immer noch, obwohl mich alle weghaben wollen. In Kreuznach hat mich der Sickingen schon hinausgeschmissen, da war ich noch ein junger Lecker; hab mich zum Lehrer bestellen lassen und meinen Buben gesagt: ‚Es ist nichts mit Welt und Gott und Menschen; werdet die Letzten eures Blutes.‘ Da sein die einen ihren Eltern aufsässig worden, die andern zu den Soldaten geloffen, die dritten zur Bierbank. Das war meine Frucht und Schul: Keiner hats ausgehalten; waren alle doch nur Menschen, die anderswohin dirigiert waren, als zu sich selber hin.

„Ich hab’s damals noch nit verstehen mögen; hab’ gemeint, alle wären wie ich selber und kennten kein ander Begehr, als tief in ihr eigen Blut versinken! Dann aber hat sich mein zweiter Famulus erhenket, wie Judas, nachdem er den Wittenberger Pfaffen verraten, was ich ihn gelehret. Lange Zeit hab ich keinen Famulum mehr haben mögen und hab einen schwarzen Hund mit meiner Kunst Seel und allerlei Geheimnis eingeblasen, so daß die Leut vermeinten, es wär ein höllischer Diener. Den Hund hab’ ich verkaufen müssen; — bin ja mein Lebtag ein armer Schlucker gewest. Hieß Prästigiar, der Hund und ein Abte zu Halberstadt hat mir ihn abgeschwätzt. Der war mein allergetreuester Famulus. Sodann kam der Christoph Wagner, der annoch zu Wittenberg sitzt und meine alchymistischen Proben instand hält und nacharbeitet. Der hat sich verhurt und versoffen. Und so sind alle Menschen, die mir anhingen immer bloß die jämmerlichen, die ganz kleinen und geringen Abweg’ des Teufels gegangen und ihrer keiner den großen und stolzen Weg bis zum Krieg gegen Gott. Das sollst du wissen und innerlich darüber nachträumen, damit du dich fürchtest und nimmer zu mir kommst, wenn dein Begehren halb wär. Dreimal müßtest du selber so zu mir kommen, ehe denn ich dich annähme. Dann aber will ich es aufrichtig mit dir halten und gemeinsame Arbeit tun mit dir, dir auch die Augen öffnen für die letzten Tiefen, vor denen Faustus und Infaustus gleich sind. Jetzt aber erhol dich langsam deines Traumes und in währenden Gehen von hier erwach du immer mehr und geh zu dem liebsten Wesen, das du sonst auf Erden magst haben und schütt ihr dein Herze aus. Von mir hast du alles vergessen außer meiner großen Schwermut; daß Gott diese Erden so jammervoll mißgeschaffen hat am sechsten Tag. Das sollst du behalten und nichts anderes für heut. Geh, mein Sohn.“

So und nicht anders hatte der Gewaltige die Phantasien des jungen Menschen vorzubereiten begonnen, dessen angstvoll bittende Kinderaugen ihm wohlgefallen hatten, wie seit Jahren keine andern. Denn wenn Faust auch das Menschengezüchte im ganzen haßte und nichts anderes sann, als wie er dem Gott diese mißratene Art wieder abschneiden und gänzlich zunichte machen könnte, so ließ sich doch sein Wesen immer wieder, einzelweise, zu ein wenig Liebe und Herzlichkeit heraus, wie er denn auch stets der beste Herzbruder und Zechgesell seiner Freunde war und niemals einem untreu. Sondern er tat mit herzlichster Gutmütigkeit jedem, was er ihm nur an den Augen absehen konnte und hat wohl niemandem, den er lieb gewonnen, jemals eine Bitte abgeschlagen. Daher er auch niemals zu sonderlichem Vermögen gelangt war, ein paar kostbare Geschenke von fürstlichen Kleinodien abgerechnet, die er irgendwo bei einer alten Muhme im Breisgau verwahrte, damit er sie nicht auch wegschenke, bäte ihn jemand darum.

Als aber der gebannte Junge weggegangen war, wie ein ganz Versponnener und Faust ihm mitleidig nachgeblickt, fielen seine Augen, die ermüdet waren von dem vielen Ausströmen der Willens- und Lebenskräfte, wieder auf das alte Bußlied: „Owê, war sint verswunden —“

Und mit einem schweren Seufzer sank der alternde Mann in den verbräunten Lederstuhl und grübelte: „Ein End’, nur endlich ein End’ für mich und alle, die da seit Äonen gefoppt und gequält durch den kurzen Sonnenschein kriechen müssen und stets ganz andere Äonen lang weiter den Löscheimer zum Sehnsuchtsbrande von Hand zu Hand reichen werden müssen, bis die Erde kalt geworden ist wie eine Geliebte, die uns verachten gelernt. Und stumpfe, gekrümmte Tiere werden sogar dann noch eine Weile frierend beieinander hocken, gleich mir, der jetzt schon für alle gebeugt ist und für alle fröstelt!“

Das war eine Lebensstunde des alternden Doktors Faust gewesen.


Aber sein Leben bestand nicht mehr wie ehedem aus Tollheiten, Zechgelagen, Gaukeleien und Schabernack. Immer mehr trieb ihn das Bewußtsein des Wegsickerns seiner Tage zur Tat, zu seiner alleinigen Tat, für die niemand außer ihm prädestiniert war, vielleicht seit Anbeginn der Schöpfung, — außer dem zornigen Priester und Magier Gatamura, den ihm einstmals, in entrücktem Zustande, sein zweites Gesicht vorgewafelt hatte und an dessen schauerliche Tat er voll geheimer Hinneigung glaubte.

Darum war er nach Salzburg gekommen.

Es lebten hier zwei Menschen, deren er zu einem Plane bedurfte, welcher immer magischer in ihm Gewalt gewann. Paracelsus war der eine; der andere aber war der Fürstbischof selber, gelehrter Mineralog und aller geheimen Gänge und Schichtungen des Gesteines im bayrischen, salzburgischen und tirolischen Hochgebirge kundig. Faust brauchte den großen Alchemisten und er mußte die Kenntniss’ über alle Bergadern besitzen, ehe er groß werden und aufflammen ließ, was als geheimes Feuerlein in ihm glühte.

Es war die Stunde, zu welcher Paracelsus in die bischöfliche Bibliothek kommen sollte, um ungestört mit Faust über die geheimen Versuche beider zu reden. Faust fühlte auch jetzt, daß etwas Zähes und ihm Widerstrebendes gegen ihn herschlich. Das war Paracelsus, der die Treppen hinanstieg, voll Widerwillen gegen den, für ihn zu Unrecht berühmten Alleswisser.

Dennoch: Faust hatte ihm da eine wundervolle Entdeckung gebracht, die auch den Alchymisten in hohe Gunst beim Kirchenfürsten setzen mußte. Es war ein Sprengmittel, vieltausendmal fürchterlicher als Pulver und griechisches Feuer zusammen, von dem ihm der Doktor die Mitteilung gemacht hatte. Es blieb wohl noch das Schwierigste für den immer bekümmerten Laboranten zu suchen übrig, das hatte Faust von sich geschoben und ihm aufgetragen. Jenes Vernichtungsöl hatte schon in Ingolstadt einen forschungsgierigen Studenten zerrissen. Den Faust hätte es auch zweimal Leib und Leben gekostet, wenn er nicht seiner Sicherheit sehr gewärtig gewesen wäre und Christoph Wagner in Rimlich bei Wittenberg, der ebenfalls für den Doktor die gefährlichen Proben weiter besorgte, ging nur langsam und mit äußerstem Mißtrauen an die gefährlichen Versuche. Da sollte Philipp von Hohenheim, der Paracelsus, das Bad ausgießen und das fürchterliche Mittel zähmen! Ein stiller Grimm mochte darum im Innern des großen Forschers kochen, aber Faust hatte ihn gebunden; es konnte dem bettelarmen Arzte und Goldmacher mehr eintragen, als der vergeblich gesuchte Stein der Weisen. Der ewig von den aufwieglerischen Bauern bedrohte Fürstbischof, dem die neue Lehre bereits würgend nach der Kehle griff, bedurfte einer Zuchtrute, so gewaltig wie das Flammenschwert eines Cherubs, um sich das widerborstige Volk zu zwingen.

Wenn die Bischöflichen von ihrer Feste zu Hohensalzburg, bei der ersten, sich bietenden Gelegenheit eines neuen Bauernaufstandes, nur zwei oder drei Bomben mit jenem entsetzlichen Gewaltöl unter die Knollfinken geschleudert hatten, damit war Friede gemacht. — Dort oben dann lachten sie wie Götter, und unten wimmerte das zertretene Gewürm. Wenn die beiden Gelehrten dem Bischof alle Macht gesichert hatten, — „im Himmel und auf Erden“; dann hatte der alternde Theophrastus Nahrung für seine letzten Tage. Mochte es denn sein.

Er trat zu Faust in die Bücherstube ein, mit seinem behutsam zögernden Schritte; forschende, traurige Augen auf den Schwarzroten gerichtet.

„Ich freu mich, zu sehen, daß das Teufelsöl Euch nicht hat zu Leibe gehen können,“ sagte Faust spähend.

„Wenn mans in reinen Gefäßen erzeugt und gänzlich verschlossen bewahrt, dann hälts eine Weil; niemals gar zu lange. Weh dem aber, ders mit Öl oder Terpentin, auch Fett oder Harn zusammentuen wollt! Da zerreißt die kleinste Prob ein Stück Welt ringsumher. Sogar Staub darf nicht drankommen!“

„Das ist böse,“ sagte Faust nachdenklich. „Fette und Urin könnte man fernhalten und alles was Harz heißt. Aber Staub?“

„Ihr sollt gleich zum Bischof kommen,“ sagte Theophrastus. „Er hat aus Kanonengut eine Bomben gießen lassen, größer als der dickste Kürbis und mit einem winzigen Schraubengang in die Mitten hinein, wie Ihr vorgeschlagen habt, so daß man ein einziges Tröpfl des Öles hineingehen lassen und alles dann bis außen mit einer langen Schrauben zuschließen kann.“

„Ist die Bomben wohl gut in die Erden verbettet?“ fragte Faust.

„Glaubt Ihr denn, das winzige Tröpfel werde soviel allerbestes und zähestes Material auseinandertreiben können?“ erwiderte Paracelsus verwundert.

„Wenn das wär’, dann könnt man ja die ganze Erden damit zerreißen!“

Faust blickte jähe nach dem Arzte hin, aber der stand gelassen und vollkommen nachdenklich neben ihm. Da schwieg auch er. Aber er rechnete: Am einundzwanzigsten Juni, da ich mit den Landsknechten nach Italien kam im Siebenundzwanzigerjahr, da hat die Sonn’ in den berühmten Brunnen zu Sizilien dreihundertundzwei Klafter tief hineingeschienen. Am selbigen Tage zwei Jahr nachher in Gotland — ja ja: ich hab’s ganz klar derrechnet: Die Erden hat fünftausend und etlich hundert Meilen rundumher und fünfzig Millionen Klafter querdurch gemessen. Ich nehm an, daß die harte Rinden den zweihundertsten Teil mag betragen, ehedenn das flüssige Feuer anhebt, wie ichs bei Neapel und Catania herausquillen hab’ sehen. Der Bischof hat mir eine Riesenbombe gießen lassen, deren Rinden darf nur ein Zweihundertteil sein, vom Durchmesser. Dann bohr ich ein Löchl, nur ein Tausendstel so tief wie die Rinden und tu ein staubkorngroß des Öles daran. Zerreißt es das ganze Eisen, gut. Dann mag es auch im gleichen Verhältnis Bergstein und Erden auseinandertun auf Nimmerwieder, wann ich das Millionenfache in die allertiefste von allen Höhlen bring, die mir der Bischof angedeut.


Erzbischof Ernst saß erregt zwischen den beiden Gelehrten. Seine fahle Gesichtshaut war gerötet, sein langer Bart zitterte.

„Nimmer hätt’ ich vermeint,“ sagte er, „daß solch ein Nichts, so ein Zehntel Tröpflein, den ungeheuerlichen Erzkloben würd’ in Trümmer zerreißen. Da grauet einem! Aber jetzt gebt mir, wie Ihr versprochen habt, das Rezept preis, Faust. Ich wills Euch ebenso lohnen, wie ich es zugesagt. Aber niemand, außer des römischen Königs und des deutschen Kaisers Majestäten und wir allein, darf das Geheimnis wissen; das schwört Ihr mir unter Preisgab’ Eures Lebens!“

Faust reichte dem erregten Bischof feierlich seine Rechte hin und begann dann:

„Erstlich, wir brauchten Braunstein in großer Meng’; derselbe, den die Glasmacher nutzen, um die schöne, violene Farb’ in ihre Ziergläser zu brennen und den man von dessenthalben Glasmacherseifen nennt. Mit demselbigen legt man den Grund. Sodann übergießet man ihn mit spiritus salis Basilii Valentini, langsam und bedächtlich; da kommet eine grüne Luft hervor, erschrecklich stickig und stinkig, darein kein Wesen vermöcht’ zu atmen. Ein bissel nur daran gerochen und man vergibt sich vor Husten. Ein halber Atemzug davon, und der stärkste Mann bekömmet einen Bluthusten, der tödlich sein kann. So ist diese grüne Luft.“

„Es ist vielleicht dieselbe, die in der Höll’ die Verdammten atmen mögen,“ sagte der Bischof leicht erschaudernd. Dann raffte er sich wieder auf: „Weiter,“ sagte er.

„Item,“ fuhr Faust fort, „wenn diese grüne Luft, die man in einer offenen Flaschen halten kann wie Wasser, denn sie sinket schwer zu Boden, wenn man also diese grüne Luft erzeuget hat, dann vermengt man sie mit spiritus salis ammoniacum, kanns aber nicht durcheinandertreiben! Sondern alles muß langsam und unbewegt geschehen, sonst zersprengt es sich schon in statu nascendi. Da wird also, von denen beiden Höllenstänken, ein gelbes Öl und das ist nun dasselbige, von welchem Eure Fürstbischöfliche Gnaden eben in so grausamer Weis’ ein winzig Tröpflein eine Bomben zerspritzen gesehen haben, zu deren Sprengung dreihundert Pfund Pulver vergeblich angewandt worden wären.“

„Wahr, das ist wahr.“ sagte der Erzbischof nachdenklich.

„Wann mir Eure Bischöfliche Gnaden nun auch in Herablassung die seltsame Stell’ angeben wollten, wo sich so viel Braunstein hat finden lassen? Man könnt’ das Öl ganz im Großen herstellen, alsdann.“

„Ich hab’ Euch schon gesagt, es war fast untunlich, solchen Braunstein zu gewinnen und zu fördern,“ sagte der Erzbischof. „An der Stelle im Lande Tirol, wo sich die Alpen, so aus Brennkalk bestehen, von dem roten Porphyrstein scheiden, da haben wir goldhaltigen Quarz eingesprengt gefunden und dabei Eure Glasmacherseif’, damit wir ja das Gold gleich herausscheiden konnten. War aber so wenig Goldes, daß es sich nicht gelohnt hätte. Nun ist uns aber da ein Naturwunder kund worden. Es muß, als Gott den Kalk und den Porphyrstein voneinander schied, ein Riß durch die halbe Erden gegangen sein. Ja. Recht als wie des Tempels Vorhang, da der Heiland starb, scheinet da die Erden auseinandergerissen. Es hat sich besagte Kluft dann zum Teil wohl wieder angefüllet, denn nur ein enger Schlurf führt dort in die grausame Tiefe, und ist eben jenes Braunsteines eine ungeheure Meng’ ins Bodenlose gerollt; denn je weiter unten, desto mehr haben unsere Knappen, die sich hinuntergewagt, davon gefunden. Aber das Loch geht dermaßen tief in die Erden, daß sie es zuletzt vor lauter Hitz’ nicht mehr ausgehalten haben, obwohl immer noch kein Ende war. Und keine Schnur hat den Grund abreichen können; dagegen ist ein Wachslicht, das man hinabgelassen hat, gänzlich verschmolzen. Woraus mir zu schließen deucht, daß dort, unter jener Tiefen, das ewig’ und höllische Feuer beginnen mag. Es ist diese Kluft vielleicht derselbe Eingang zur Höllen, den der italienische Dichter Dante beschreibt. Denn er hat weder Grund noch Ende.“

Der Bischof hatte wieder das blasse und kränklich versorgte Aussehen bekommen, das er immer zeigte, und atmete schwer und müde. „Für heute mags genug sein, Ihr lieben Herrn,“ sagte er.

„Halten mir Eure Bischöfliche Gnaden noch eine Frage zugute: ‚Kennt man jene Stell’ im Lande Tirol an irgendeinem äußerlichen Zeichen?‘“

„Es steht die erste italienische Zypressen dort, wenn man vom Grat gegen Waidbruck herzukömmet; aber sie ist ein ganz verkümmert Bäumel und vielleicht gar schon erfroren.“

Und damit gab der Bischof den beiden Männern Urlaub und segnete sie.

Faust atmete schwer.

„Wozu gebrauchet Ihr den Braunstein in so ungeheuerlichen Mengen?“ fragte Paracelsus verwundert. „Mit ein paar Dutzend Pfund ist dem Bischof und dem Kaiser geholfen.“

„Mich hat bloß jene erstaunliche Sag’ vom Eingang in die Unterwelt mit Neugier erfüllt und die wollt ich bei solcher Gelegenheit erfahren.“

„Ihr wollet doch nicht am Ende Gott versuchen und dort in frevelhaftem Vorwitz einfahren?“ rief Paracelsus.

„Glaubt der Mann, der gesagt hat, das ganze Leben wär nichts als ein alchymischer Prozeß, denn an einen persönlichen Gott? Und an eine greifbar materielle Höll’?“ fragte Faust erstaunt.

„Ich habe überall ein unerbittlich getreues Gesetz gefunden, wohin ich geforschet und was immer ich ergründet hab’. Und wo ein unerbittlich Gesetz stehet, da stehet darob ein unerbittlicher Richter. Mag Gott immerhin gänzlich anders sich formieren, als Pfaffen und Laien in ihrer Einfalt sich darstellen, er ist da,“ sagte der Arzt feierlich und nahm sein Barett ab.

„Es tröstet mich sehr, das zu wissen und von einem so abgründig studierten Mann dazu; das ist mir wichtiger und glaublicher, als alle alten Bücher aus dumpfer Zeit. Wenn man einmal Fehde angesagt hat, dann wärs doch gar zu lächerlich, wenn man zuletzt erfahren müßt, daß mans gegen leere Luft und blauen Pfaffendunst getan.“

„Fehde gegen Gott, Herr Kollega?“

„Fehde gegen Gott,“ sagte Faust leise, aber nachdrücklich. Und als sich Paracelsus verfärbte und ein Kreuz schlug, schloß er mit den Worten: „Wenn sich der schönste der Engel ehedem gegen seinen Schöpfer aufstemmte, wie dürft’ es nicht ein innerlich zerrissener und äußerlich buckliger Mensch?“

„Armer, armer Fauste,“ sagte Paracelsus mit tiefem Ernst. „Ich hab’ Euch für meinen Nebenbuhler gehalten im Wissen und Erforschen, auch für einen unehrlichen, der nichts ernst nimmt und dem alles bloß geschenkt wäre ohne ehrenhafte, heiße Arbeit. Jetzt müßt ich froh sein, wenn ich Euch für einen armen Narren halten dürft’.“

„Ein Narre vielleicht, Herr Doktor. Arm sicherlich, Herr Doktor. Und dennoch tauschet ich mein wildes Herz nicht mit dem Weisesten und Zufriedensten. Und nun gehabt Euch wohl, mein guter Herr.“


Wer die tiefe Frömmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und, hernach wieder, die hauptsächlich von der Gesellschaft Jesu entzündete heiße Religionsglut späterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lästerlich frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kindergläubigkeit noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der süßesten Madonnen und Heiligen, Perugino, spottete über Glaube und Ewigkeit, während er seine Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz einen Heiligenschein zog): „Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, daß diese und keine andern Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir durchaus nicht gefällt und sehr unvernünftig ist, daß wir Menschen darauf gekommen sind, es gäbe Gesetze, es gäbe Vernunft und es gäbe einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch aber lebt es, während es dahingrast, immer mitten in der Ewigkeit. Nur wir Menschen grübeln, klagen an und möchten unsere Gescheitheit einem Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.“

Solcher Reden hörte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Künste blühten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, — und die Herzen verzweifelten.

Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Südländer wieder, besserten die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur in den lawinennahen Bauernhütten des Hochgebirges; in den Häusern der Gelehrten und Künstler war sie selten. Da wohnte großes Sehnen nach dem alten Heidentum; so groß, daß sogar die immer gottesbedürftigen Frauen öfter vom Phöbos Apollon träumten, als von den Verzückungen des heiligen Franz.

Helena Chrysoloras!

Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine göttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena. — Äußerlich von jener abergläubischen Frömmigkeit, welche niemals die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt, hatte sie in ihrem Innern den glühenden Lebensdurst der Alten aus den dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann während des Konziles in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum Handel mit Gewürzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmächtig, daß Karl der Fünfte und Ferdinand, der römische König, manchmal bei ihm das erborgen mußten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, daß ihr Ahnherr der erste Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurück, der verehrten Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz machte. Die saß in Innsbruck wie ein Fürstengeschlecht. Helena wußte um ihr griechisches Blut und las — soviel ihr Mädchenwissen erlaubte — mit heißem Begehren die alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe, ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Götter, der alten Heiterkeit, der alten Schönheit.

Vielleicht eben darum war es, daß ihr bislang keiner der neuen, jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und zu hoch hinaus, als daß ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen gekonnt hätte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber unberührt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz bereitmacht.

Jetzt mußte ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzählen, von dem so beklemmende Nachricht ging.

Wenn sie ihn von ferne sah, dann fröstelte ihr vor Angst; aber sie dachte Tag und Nacht an ihn und wünschte sich, so recht vom Herzen fromm und gottesgläubig sein zu können, um den herzbrechend Unerlösten zu erlösen; und war es mit ihrem Blute.

Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.

Der Faust.

Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte, der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dämmerndem Minutenleben rückgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo Satan sie trägt: im Herzen.

Das ließ ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht überwinden konnte, ein Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:

„Ich weiß nicht, was ich gäb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen und ihm ein paar Fragen stellen könnte. Es drückt mich so viel, und er allein kann mir Antwort geben.“

Da erschrak der junge Student sehr, denn abermals fühlte er, wie er die seltsam schöne Base gern hätte, die, wie er, Leib und Seel’ zu verlieren bereit war, um guter Kundschaft zu den Überirdischen willen. Es drückte ihm jetzt das Herz ab, wie er bedachte, daß dieses schöne Geschöpf auch verstrickt und verfallen sein könnte; — ewiglich.

Er sagte ihr also: „Tu’s nicht, Helena. Begehr’ alles andere von mir als das, sogar, daß ich dich einem Andern zuführen müßte ... was mir gewißlich vorkäme, als müßt’ ich mein Herz aus dem Leibe geben. Ich könnt’ es dir nicht abschlagen. Aber zu dem Fausto sollst du niemals gehen.“

Da sagte sie ihm: „Du willst wohl allein wissen, was kein Irdischer sonst erfährt?“

„Ja,“ erwidert er ihr, „aber nicht aus evahafter und loser Neugierd’.“

Damit machte er sie böse und sie weinte sehr, wollte sich auch von ihm auf keine Art trösten lassen, bis er ihr doch endlich zusagte, es mit dem Doktor zu versuchen.


Da war nun ein Tag des Septembers zur Zeit der „Duldt.“ Der gehabte sich so schön, daß alles Volk auf die Wiesen vor die Stadttore hinausgezogen wurde. Sehr geschwind entstanden dort auch kleine Buden und Laubhütten, wo allerlei Ergötzung getrieben wurde. Da geschah es denn, daß der Doktor Faustus mit anderen ins Grüne kam und viel zwischen den Buden auf und abging, auch einen Zauberer, der Schlangen bändigen konnte, damit verschreckte und in die Enge trieb, daß ihm die Schlangen immer ungebärdiger wurden und übermaßen zu wachsen schienen, bis zu Lindwurmgröße, sobald nur der Doktor vorüberging. Die Leute erlebten’s, daß der Zauberer dem Faust zu Füßen fiel und kläglich fragte, was er ihm denn getan hätte, weil er, sein Diener, und ein Wurm gegen ihn, solchen Unfug erleiden müßte? Da sagte ihm Faust: „Du mußt alles mit frommer Seele machen, oder mit einem ganz großen Haß. Um Geld und zeitlichen Vorteil aber sollst und darfst es du, und andere, niemals wagen!“

Da erwiderte ihm der Schlangenbeschwörer: „Ja, Herr Doktor, aber Ihr dienet doch auch Gott nicht so, wie es die Schrift und die Kirche will.“ Da sah ihn Faust so drohend an, daß der andere augenblicklich wieder bittend auf den Knien hinrutschte und sagte: „Aber dem Andern.“

Faust dachte eine Weile nach, ob er ihn jetzt strafen sollte, da kam das Enkelkind des Manuel Chrysoloras daher und war so schön, daß er ganz irre ward und seinen Ingrimm augenblicks vergaß. Er sagte aber noch folgendes zu dem Zauberer: „Du hältst mir vor, ich tue nicht, was eine Kirche vorschreibt, die sehr viel jünger und unerfahrener ist, als meine Studien. Ich könnte dir zeigen, wie man alle Wunder Christi an einem Tag wiederholt, doch ich sag dir: Wenn ich auch mehr als er vermöcht, und Herr über jede Krankheit und jeden Tod wäre, und wenn ich die ganze Erden beherrschte und hätte des Hasses nicht, so wäre ich ein armer Betrüger wie du.“

Und ließ ihn stehen und ging.

Das aber hatte Helena Chrysoloras gehört und zupfte ihren Vettern. Der rief sogleich: „Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bäslein wert, daß Ihr eine artige Minute an uns beide wendet.“ Da blieb Faust stehen und alle merkten, daß der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, über den alle sich erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen, als Schreck und Staunen.

Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte sie seine Verwirrung nicht und faßte ihn bittend an der Hand und sagte: „Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit, da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben Wiedertäufer und Protestanten und viele andere Sektierer, während die ganze übrige große Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat recht? Die Juden, welche unermüdlich in ihrem harten Gotte verharren? Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin reichliche Kundschaft weiß?“

Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schönen Mädchen und sagte ihr leise, so daß es nur hören konnten, die ganz zunächst standen:

„Mein Fräulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl, sie nennt sich ‚das Wort‘; aber es sind viele Worte. Nichts anderes. Die jüdische wäre ein Edelstein: schön, durchsichtig, unzerstörbar hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist aber seither erstarret für ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt, denn sie besteht aus Kräutern. ‚Sucht sie euch aus,‘ sagte Gott, als er sie schuf. Es sind giftige Kräuter darunter, und ganz nutzlose, und Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schönheit. Mag man auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als daß sie sich nicht wieder auch auf einer gänzlich verbrannten Erden neu ansiedelten! Bald hold, bald lästig, immer so unschuldig aber, — mit Gott und dem Teufel in sich, — wie Kinder. Versteht Ihr mich, Fräulein?“

Sie sagte: „Ja, Doktor, ich verstehe Euch,“ neigte den Kopf und ließ ihn vorüber, fast wie einen König.

Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat sich von Jeglichem, daß er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg, aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.

Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem Vetter: „Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden? Da er doch so weit und tief blicken muß? Und warum hat er nichts als Zechgesellen, so daß man ihm nachsagt: ‚An seinen Früchten mögt ihr ihn erkennen.‘ Ich habe argen Verdacht, daß nicht er an seinem Umgang schuld ist, sondern daß ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mußte und die Menschen schuldig daran sind, daß er an ihnen verzweifelt und nichts anderes weiß, als mit ihnen trinken!“

Da erwiderte ihr der junge Mensch: „Helena, wenn wir zwei ihn so recht herzlich umgeben könnten? Vielleicht, daß er uns alle seine Weisheit geben könnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurückfinden möchten?“

Sie sagte: „Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.“


Von diesem Tage an redeten die beiden Geschwisterkinder nichts anderes, als nur mehr vom Doktor Faust. Den ganzen Tag saßen sie zusammen und fabelten von ihm, und gewannen und verwarfen viele Pläne: wie möchten sie ihm näherkommen?

Zuletzt faßte sich, als die Kunde ging, Faust müßte zum Kaiser und zum Könige nach Passau hinweg, der Student ein Herz und lief zum andernmale hin zum Doktor der schwarzen Magie. Der wohnte damals, als Gast des Bischofs nach seinem eigenen Wunsch droben in der Festung und hatte, gegen die bayrische Ebene zu, ein Stüblein hoch in den Mauern. Da sah er alle Abend die vergehende Sonne an und ihm war das recht. Wenn sie unterging, dann blickte er von seinen chaldäischen Studien auf, die er seit einiger Zeit, mehr aus Sehnsucht nach den Erinnerungen an junge Tage, denn aus Hoffnung, noch irgendein neues Ding darin entdecken zu dürfen, weitertrieb.

Um Sonnenuntergang kam immer ein kleiner Vogel an sein Fenstergitter, setzte sich an den Nagelfluhbord des Turmes und zwitscherte. Dann sah ihn Faust an und sagte: „Um solcher Kreatur willen könnt ich meine Hand abziehen von der Vernichtung. Aber auch für euch kleine Ding wär’ es besser, ihr schlieft ein, als daß ihr euer Herzlein unter den Griffen des Sperbers zum letztenmal klopfen fühlt. Und wie klopfen fühlet!“

Um eine solche ergriffene Stunde, da Faust gerade Feierabend machte und ins Unbestimmte verwoben war, klopfte Sympert Stainer zum andernmale an die Türe Doktor Faustens und der rief: „Immer zu!“

Diesmal war der junge Student schon mutiger als damals, da es aussah, daß, wenn man ihn gestochen hätte, er keinen Tropfen Blutes herzugeben vermöchte. Aber das Herz schlug ihm dennoch so verklemmt und zerpreßt, daß er nicht wußte, wie es verbergen. Er fürchtete auch, der Magus würde ihn abermals auf solche Weise ansehen, daß er, obwohl lebendig, dennoch dabei wie tot wäre. Oft hatte er daran gedacht und sich über seine Bewußtlosigkeit sehr gewundert. Diesmal aber gab ihm der Doktor ein gutes Wort und hieß ihn zu sich sitzen. Er brachte auch gleich die Rede auf jenen wunderlichen Traumzustand, in welchen er den jungen Menschen das letztemal versetzt. Er sagte ihm einiges, ganz weniges, von dem, was er ihm damals zu vergessen geboten, so daß der Bertel Stainer hellauf staunte. Denn nun kam ihm das alles selber, dunkel erinnerlich, wieder.

„Du siehst, mein Jung’,“ sprach Doktor Faust, „was es also mit der menschlichen Seelen für eine Bewandtnis haben mag! Die Seelen ist von Gott, ist sein Mitding, gehört zu ihm und in ihn hinein. Wird sie aber allein und ohne den Körper gelassen, so verlieret sie sogleich all’ das, was wir Menschen Witz und Vernunft nennen. Woraus du dir zur Lehr’ magst dienen lassen, daß Gott weder witzig noch vernünftig ist, sondern es ergeht ihm wie einem Schwindligen, der im Schlafe wandelt. Wo der Wache sich zerstürzen würde, dort gehet er sicherer seinen Weg, als ein Dachkater. Die hochgepriesene Vernunft, die ist was Zugeflogenes und er, aller Dinge Lebensentzücker, kennt von solchem Firlefanz gar nichts. Aber er macht die Sterne kreisen, daß auch nicht einer dem andern in Weg kommt. Soviel von Gott, mein Jung’. Und wenn ich ihm abgeschworen hab’, so ist es darum, weil er die Vernunft hat aufkommen lassen. Will sagen, das verlogenste aller Tiere, den Menschen. Er selber ist der Vernunft ganz unmächtig: Zurück zu Gott kann nur, wer sie ihm hinschmeißt und sagt: ‚Abba, Vater, hab mich gern und ich dank dirs einen Dreck.‘“

Der junge Sympert wollte sich bei dieser Lästerung bekreuzigen, aber Faust sah ihn so voll entsetzlicher Ironie an, daß ers unterließ.

„Nun werd’ ich dich wegschicken müssen,“ sagte Faust und stand auf.

Der junge Mensch erschrak darüber so, daß er sich zu Fausti Füßen warf, seine Knie umschlang und bat: „Nie mehr laßt mich weg, sondern seid und bleibt mein Meister und nehmt mich als Euren Famulum an, da doch der Wagner Christoph ferne zu Wittenberg Eure Arbeiten schlecht tut! Ich will Euch in allem dienstreich sein und Gott abschwören, wenn Ihr das nur für gut haltet. So wie Ihr jetzt von ihm geredet, will’s mir scheinen, als dientet Ihr ihm besser und innerlicher als jeder Pfaffe. Mag’s also mit Euch gehen, wohin es wolle, ich fahre mit!“

„Stah auf, mei’ Jung’,“ sagte Faust, und er sagte dieses Wort so weich, daß er in die Mundart seiner Jugend zurückverfiel und schwäbelte, was man sonst an dem eleganten Lateiner niemals herausmerkte. „Stah auf, mei’ Jung’ und überleg dir’s halt no emal, aber gut; geh auch zur Beicht und erprob dich vor den Vorwürfen des Priesters. Und ob du das Sakrament gerne nimmst. Ich sag’ dir nichts als das: Wär der Herr Erzeuger der Menschen im Recht, so tät der Mensch sich seiner Unkeuschheit nit schäme, wie denn auch das Tier sich nit schämt. Aber das heiße Wunder, dadurch der Mensch entstehet, verdammen? Lächerlich und sündhaft machen? Wie es die religio tut? Das heißt, dem Erzeuger dasselbe zurücksagen wie ich: ‚Das war nit gut von dir, Vater! Und vielleicht hast du den siebenten Tag dazu benützet, um dich auch so tief zu schäme.‘

„Du siehst also, ich bin von der christlichen Askes’ bloß dadurch unterschieden, daß ich klar sage, was sie sich nicht zu sagen getraut. Und wenn du mir folgen willst, so mußt du den Prahlaffen, — den deutsch oder spanisch angekleideten, ebenso wie den mit Nasenring und Federputz herausgeschmückten Prahlaffen hassen und an nichts anderes denken, als wie du diese mißratene Sipp’ ausrotten könntest! Alle Seelen, mitsamt deiner eigenen, mußt du dem großen Pfuscher mit einem einzigen Todesseufzer zurückgeben, damit er was Gescheiteres damit anfang’. Denn er kann ja doch nicht davon lassen, seine Tänz’ irgendwie von neuem zu beginnen!“

„Wie könnte das sein?“ sagte Stainer in namenloser Verwunderung. „Alle Menschheit vernichten?“

„Des getrau’ ich mich wohl noch,“ sagte Faust. „Für dich bleibt heute nur das zu vermerken, daß du weißt, worum es mir, Johannes Fausten, geht! Denkst du immer noch zu mir zu halten, da du weißt, es geht unweigerlich in den Tod? Denn wir müssen mitfahren, wenn alle dahinfahren!“

Dem jungen Studenten lief ein kaltes Grauen über den ganzen Rücken hinab. „Daran müßt ich mich gewöhnen. Ich hab’ dem Tod noch nicht in die Augenhöhlen geschaut ... Daran müßt ich mich erst gewöhnen ... Aber magna voluisse magnum. Welch ein Mensch hat jemals Größeres unternommen, als dem Schöpfer das wegzunehmen, was man die Krone seiner Schöpfung benennt? Es ist mir noch zu ungeheuer. Lasset mir Zeit und ich will mich vielleicht dazu hinabwinden.“

„Nicht, weil’s ungeheuer und groß und schrecklich ist,“ sagte Faust, „das merke du wohl. Eitelkeit darf es nicht sein, die dich, wie den weiland Empedokles von Akragas, in den Ätna springen heißet! Bloß damit einer oder viele Millionen Flachköpf’ durcheinander reden: ‚Er war ein Gott.‘ Sondern du mußt dich mit einer ungeheuren Menschenverachtung durchtränken, die so groß ist, daß du an dir selber verzweifelst und dich mit allen, die da zechen, beten, fluchen, handeln, betrügen, komödiantisieren, ja sogar mit denen, die lieben und verzeihen, zusammen in ein Pulverfaß schmeißest, daran ich die Lunten legen werde!“

„Schrecklich, schrecklich,“ sagte der Student. „Und ich bin noch so jung.“

„Das ist auch dein Fehler,“ sagte der Doktor. „Es war auch der meinige, und nur mit dem fünfzigsten Lebensjahr bin ich dareingekommen, zu sagen, was ich bis dahin nur leichthin und dunkel empfand: ‚Der Mensch soll lieber garnit sein.‘“

„Ich werd’ dem Gedanken nachhängen, Herr Doktor,“ sagte Stainer leise und demütig.

„Tu’s, aber jetzt geh’ und komm mir lieber nit wieder.“

„Ich werd’ zum drittenmal kommen,“ sagte Stainer mit kläglichem Blick: „Denn ich kann ja doch nimmer und nimmer los von Euch.“


Einer aber war in Salzburg, der verfolgte mit seinen mißtrauischen Augen nachdenklich das Tun Faustens und sah sich auch die Leute an, die zu ihm kamen und wie sie von ihm gingen. Auch rumorte ihm das Fragen Faustens nach der tiefen Kluft im Lande Tirol im Kopfe und immer fragte er sich: ‚Was kann der Satanus nur wollen und wälzen?‘

So bemerkte der ganz erschreckend scharfe Blick des Arztes auch die Verstörung und das innerliche Winden und Kämpfen des jungen Stainer, der ja auch unter der Lehrkanzel des Paracelsus saß und einen glühenden Wissensdrang verspüren ließ. Er wußte, der Student war zweimal zu Faust geschlichen und er wußte auch von dem Zusammentreffen des Stainer und seiner schönen Base, der griechenblütigen Helena auf der spätsommerlich heiteren Festwiese.

Vetter und Base staken mehr denn je zusammen und schienen gänzlich eines Herzens zu sein. Beide waren sie sichtlich auf den zigeunerhaften, verfehmenswerten Gaukler eingeschworen!

Da kam vom Vater Chrysoloras Kunde nach Salzburg, sein Kind solle im Gefolge des Kirchenfürsten nächster Tage gegen Braunau am Inn abreisen, da beide Majestäten, von Innsbruck her, dorthin zu Schiffe erwartet würden und der Kaiser sowohl wie der römische König mit dem Erzbischof in der schmalkaldischen Angelegenheit zu reden hätten. Große Aufregung war damals in Salzburg und sogar Philipp von Hohenheim bewarb sich beim Erzbischof um die Gunst, denen Majestäten mit entgegenreisen und ihnen aufwarten zu dürfen. ‚Ja,‘ hatte ihm der Erzbischof gesagt. ‚Denn ich nehm’ auch den Doktor Faustus mit und ich will die Angelegenheit wegen des mächtigen Öles, das nur wir zu verwalten und zu handhaben gesonnen sein, gleich zur Rede und ins Reine bringen.‘

So fuhren denn alle in kostbarer Ausstaffierung gegen Braunau und erwarteten dort das kaiserliche Schiff zu rechter Stunde, denn am Abende desselbigen Tages, da der Erzbischof ankam, landete es.

Karl der Fünfte, blaß, klein, argwöhnisch und schwarz, und der römische König Ferdinand, blond, heiter, lebensfroh und offenherzig, saßen beide an einem Tische. Karl mit seinem Barett bedeckt, Ferdinand bloßen Hauptes, obwohl ihn der Kaiser wiederholt bat, sich seines Vorrechtes zu bedienen. „Mir ist halt heiß,“ sagte der natürliche Mann lachend, „und meine Ehrfurcht vor Euer Majestät bleibt, ob ich nun mein Hütel aufhab oder nit.“

„Ah,“ sagte Karl, „da ist ja der berühmte und treffliche Herr der Geister, unser Doktor Faustus!“

Und er erzählte dem Erzbischof, der die beiden Gelehrten vor den Kaiser gebracht, lebhaft und indem er mehrmals seine Hand auf den Arm des römischen Königs legte, wie um einen Bundesgenossen und Zeugen anzurufen, wie Faust vor längeren Jahren in Innsbruck dem Kaiser eine galante Ovation mit seiner Kunst gebracht hätte. Mitten im Winter wäre morgens im Schlafgemach des Kaisers, als der erwachte, ein reizvoller Lustgarten erstanden, wie er im Lande Italien nicht lenzlicher blühen hätte können! Veilchen, Narzissen und Orangen zugleich hätten geduftet und alle köstlichen Früchte des Südens wären zugleich, an beladen hängenden Ästen, gereift. Dazu war die feinste Musik, ganz leise und dezent, und immerzu jauchzten die Vöglein ihr Frühlingsglück von den Ästen. Der Kaiser verzögerte sich in seiner Verwunderung wohl über eine Stunde und sah den holden Zauber an; als er aber seinen Truchseß und andere Herrn vom Hofe heibeirief, auch Befehl gab, man sollte geschwind den römischen König holen, da fegte ein kühles Herbstwindlein durch den Saal, die Blätter gilbten, welkten, fielen; die kleinen Vögel flogen fort, das Staudenwerk zerdorrte, zerfiel in Staub, und alles war vorüber, ohne daß eine Spur im Saal verblieb.

„Mir hat der Doktor das nit vergönnt,“ brummte der römische König mit lächelndem Vorwurf.

„Weil ich für Eure königliche Majestät was anderes bewahrt hab,“ sagte Faust.

„Ei, das muß man hören,“ riefen beide hohe Herrn. „Was denn?“

„Gold,“ sagte Doktor Faust.

Hochauf lauschten die Fürsten, auch der von Salzburg, bei dem Worte.

„Gold zum Kriegführen, und dazu ein furchtbarliches Zerstörungsmittel, das alle Feinde Eurer Majestäten in Staub schmettern und zerreißen wird. Wegen letzterem wolleten die Majestäten nur den hier anwesenden berühmten Gelehrten und Alchymisten Theophrastum Paracelsum ab Hohenheim fragen.“

„Es ist ein ganz erschreckliches und gräßliches Gewaltmittel,“ sagte Philipp von Hohenheim, „und ich vermesse mich vorauszusagen, daß es dadurch noch Ende dieses Jahres keinen Feind auf Erden mehr wider die Majestäten geben könnt’. Aber was das Gold angeht, das setzt mich doch selber in Verwunderung. Ist doch der Doktor nicht einer von den Reichen und da wär mir der Manuel Chrysoloras schon lieber und sicherer.“

„Das sagt der Goldmacher selber?“ rief belustigt der römische König.

„Das sagt der Goldmacher selber,“ wiederholte Paracelsus sehr ernst. „Eben, weil ich weiß, daß die alchymistische Kunst das gelbe Metall zwar mit vieler Müh’ erzwingen und herstellen kann, daß aber die erhaltenen Bröcklein so gering sind in Ansehung der Kosten und Mittel und Zeit, und der Gefährdung, daß solches Gold zehnfach und noch viel teurer zu erstehen kommt, denn das von Gott geschaffene und in ehrlicher Menschenarbeit ergrabene.“

„Wenn die hohen und höchsten Herrschaften mir hier unter ihrer kaiserlichen und königlichen Ehr’ versichern wollten, was es mit dem auf sich hätte, das ich zugesagt und versprochen hab’,“ sagte Faust, „so wollt’ ich vor dem von Hohenheim, der Meister in der alchymischen Kunst ist, wohl mein Geheimnis lüften.“

„Das sagen wir dir bei unserem heiligen Amt und bei unserer Kronen zu,“ sagte der Kaiser und legte seine Hand in jene des Königs und des Erzbischofs.

„Nun wohl denn, so will ich zuerst davon reden, was der Paracelsus recht gut weiß; daß das Geheimnis des Goldes eine ganz erschreckliche Glut und ein Druck ohnemaßen ist; — eines der Geheimnisse des Goldes,“ fügte er hinzu.

Paracelsus nickte.

„Ferner weiß sowohl der Paracelsus, als auch die höchsten Herrschaften, zumindest mein gnädiger Herr Salisburgensis, daß man das lauter und gediegen Gold zumeist am Quarzkiesel findet, an dem es hanget und aus dem es entstand.“

„Das ist wieder wahr,“ sagte der Erzbischof.

„Zum dritten ist bekannt, daß man solches Gold aus dem trächtigen Kiesel mit Zuhilfenahm’ der Glasmacherseifen, oder, wie man auch sagt, des Braunsteines scheidet.“

„Ah,“ rief der Erzbischof erratend.

„Nun weiß hier mein gnädiger Gönner, der hochwürdigste Fürst der Kirche, daß in dem Eurer römisch königlichen Majestät erb- und eigengehörigen Lande Tirol eine Kluft tief in die Erden gehet; da kömmt ein geringerer, goldhältiger Quarz neben dem Porphyr vor und ist zusamt vielem Braunsteine in diese so erschrecklich tiefe Kluft hinuntergestürzt, daß meines gnädigen Bischofs Hochwürdigkeit sogar Zweifel ausgesprochen hat, ob sie nicht gar bis ganz nahe ans ewige und höllische Feuer heranginge.“

„Ich hab’ von dieser Kluft gehört,“ sagte König Ferdinand.

„Nun haben wir das Gewaltöl; und können wir davon erzeugen so viel, daß diese Kluft unten gar ausgefüllt werden könnt’, da würde, wenn man es mit einem Fett oder Terpentin zur explosio brächte, in dem Porphyrgestein eine solche Gewalt der Pressung entstehen, daß der Quarz, der seit Anbeginn der Schöpfung dort noch nie unter ähnlichem Druck gestanden hat, sich verfinge und ummodulierte und das in ihm eingeheimnißte Gold ganz und gar herausgäb, unterstützt von dem schmelzenden Braunstein.“

„Das könnt sein, das könnt ja sein!“ rief der von Salzburg, und sogar Paracelsus nickte verwundert: „Ich sag’ nicht nein.“

„So kommet denn, beide Herrn Doktores, zu gelegener Zeit, die wir euch wissen lassen werden, gegen Innsbruck,“ sagte der Kaiser und erhob sich. „Zwei solche Köpfe, der heiße des Faustus und der kühle des Paracelsus, die werden’s vielleicht wohl zwingen.“

„Ihr seid mit solcher Mitarbeiterschaft wohl zufrieden, Faust?“ fragte der Erzbischof, und Faust erwiderte mit tiefer Reverenz gegen den Paracelsus: „Es ist mir eine Erleichterung und eine freudige Hoffnung dazu! Denn mit solchem Collaboranten zur Seite muß es gelingen!“

Jetzt lächelte sogar der schwermütige Paracelsus, der eitel und darum leicht geschmeichelt war, und mit Ehren, wie man sie sonst nur großen Herrn erwies, wurden die beiden Doktores entlassen. Draußen drückte der Paracelsus dem Faust die Hand.

„Ich hab’ Euch in meinem Innern Unrecht getan,“ sagte er. „Aber jetzt bitt’ ich Euch das ab, dank Euch und vermein, es werd’ uns endlich Lohn und Segen werden; beiden, auf unsere alten Tag’. Wenn das Wunder gelingt. — Ich bin mancher Praktiken dazu kundig und will Euren Gedanken, nachdem wir die Stell’ besehen, verbessern und ausarbeiten, was und so gut ich’s vermag.“

„Das wollt’ ich Euch gebeten haben, hochweiser Herr Kollega,“ sagte Faust und nahm Urlaub vom Arzte.


Wie leicht auszudenken ist, war bei denen Doktors in Salzburg laute und stürmische Rede und noch mehr heimlich grabender und fressender Neid ob der Berufung der zwei Landfremden zum Kaiser und König. Denn keiner der Mediziner, ja nicht einmal einer von den Theologen hatte solcher Ehre teilhaftig werden können, und außer den Chrysoloras waren nur ein paar adlige Herrn vom Domkapitel mitgefahren.

In Salzburg wachsen keine Hiobs, wohl aber sind dort viel knorriger Fäuste zu finden. Erst ging die Rede, daß man den beiden Marktschreiern mit einer Ehrenketten aus gut gedrehtem Hanf entgegenkommen müßte; jedem eine, und darüber einen Stammbaum, irgendwo an der Mosstraßen, wo die Raben ohnedies immer hungrig blieben. Dann gewannen die feineren Stimmlein aufmerksame Ohren; die spannen aus, man müßte eben die zwei, die sich ohnedas nicht recht vertragen konnten, aufeinanderhetzen und das Geschäft, welches die Doktors an ihnen vorhatten, selber besorgen lassen. Es sollte also an beide ein Gastgebot ergehen, so, als wenn man sie dankbar feiern wollte, daß sie die Salzburger Hoch- und Domschul und ihre Wissenschaft zu unerhörten Ehren gebracht, an der natürlich alle Anteil hätten, Doktores, Magister und Studenten. Dann im Weindunst würde die eine Hälfte wider die andere zu streiten anfangen, wessen Verdienst das größere wäre. Die einen wollten dem Prahler Faust mit Honigseim ein ganzes Wonnenbad bereiten, während die andern ‚dem exakten und erfreulich nüchternen Paracelsio‘ eine Festpforte aufzuputzen gewillt waren, während ihnen Faust als ein unklarer Wirbulant zu gelten hatte, dem’s einmal von ungefähr gelingen wollt, und zehn andere Mal nicht.

Es war dem auch so. Paracelsus hielt sich, immer mehr, je älter er geworden war, an den klaren und scharfen Verstand und alles verachtete er, je länger desto mehr, was nicht vor der Vernunft bestehen konnte.

Faust verachtete gerade die Vernunft, welche ihm die kältesten, schlechtesten und verächtlichsten Menschen zu erziehen schien mit immer größerem Hohn. Er sagte, ein Arzt mit bloßer Vernunft lerne es wohl gut, Menschen zu behandeln (id est betrügen), aber nimmermehr Krankheiten! Ein Juriste werde nichts als ein heimlicher Scharfrichter, oder, wenn er sich gar zu den Advokaten geschlagen hätte, ein Schinder. Ein Handelsmann würde zum dreifachen Juden, weil ihm dann die Frömmigkeit zur Wohltätigkeit und Dankbarkeit des Juden fehlte. Und ein Kriegsmann oder gar ein Fürst? Wohin der mit allzu großer Vernunft hinkäme, das hätte man ja sattsamlich am Vater und Sohn Borgia in Italien erlebt.

Die dem Faust nun näher standen, erkannten, daß er sich seines großen Wissens sehr wohl zu bedienen wußte, aber oft nur zu Betrügereien; weil er die Menschen gerne prellte und weil er sie im ganzen haßte. Nicht aus Gewinnsucht. War er aber mit sich allein, so versenkte er sich ins Unbewußte und versuchte zu sein wie ein Kind, das in der Dämmerstunde mit furchtsamen Ahnungen und Phantasien spielt. In der von ihm immer ausgesprochenen Überzeugung, daß die höchste Kraft alles nur mit der Unfehlbarkeit der Ahnung tue, kam er so vom Wege exakter Forschung immer weiter ab und überließ sich den köstlichen Aufregungen der Geisterwelt, der Magie und ihren schauerlichen Strömungen; wohl bewußt, daß sie auch ihre Wirbel und Unterströmungen hat, in welchen der beste Schwimmer alle Gewalt verliert und hinabgezogen wird. So spielte er sein lebelang mit dem ungeheuerlichen Sinnenkitzel (der dem Menschen von der Vorsehung gegeben ist, damit er lebe und sich seines Lebens wehre), mit der Todesangst. Das greuliche Spiel damit war ihm so sehr zum Bedürfnis geworden, daß ihm Liebe und Wollust nur als schale Nebenreize erschienen, ‚gut genug für junge Buben, die noch keine Ahnung von den Köstlichkeiten des Seilgehens über dem Todesabgrund haben.‘

Seinem Famulus Wagner gab er die gewagtesten Experimente auf; denn wie ihm selber wenig daran lag, früher oder später dabei zerrissen zu werden, so lag ihm auch an dem Leben eines lasterhaften, jungen Leckers nichts. Wagner hatte Auftrag, alles in Fausti Namen zu tun; er kaufte sogar, abends in der Dämmerung, in einem falschen Barte ein, welcher dem des Doktors täuschend nachgemacht war, trug seine Schaube und sahe des öftern höhnisch, als Doktor Faustus, zum Fenster hinaus, wenn die Stadtguardi von Wittenberg vorüberzog. Faust war aus dem Wittenbergischen bei Leibes- und Lebensstrafe verwiesen; aber keiner von den Soldaten und Hauptleuten der Guardi hätte sich verwunden, den schauerlichen Doktor dort oben auszuheben. Zudem muß noch hinzugefügt werden, daß man dem Faust nicht nur nachsagte, er könnte sich mit Hilfe des höllischen Geistes in wenigen Stunden durch die Luft über ganz Deutschland hinwegheben, sondern er war auch des Geheimnisses bewußt, sich doppelgängerisch umzutun. Sogar Wagner hatte sich mehrmals entsetzt, weil er manchmal, heimkehrend, über seinen beim Zechen vergessenen Arbeiten und Laborationen den Doktor Faust räuspernd, kopfwackelnd und hüstelnd drübergebeugt gefunden hatte, welche Erscheinung ihn sogar einmal scharf und traurig angesehen, immer aber auf Anruf in Nichts zerronnen war.

Darüber ging in Wittenberg viel Gerede und die Theologen um Luthern herum waren die eifrigsten, welche solche Geschichten austrugen, statt daß sie das Blendwerk verachtet und damit zu Nichts gemacht hätten.