Anmerkungen zur Transkription

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Germaniens
Götter

von

Rudolf Herzog

Verlag Quelle & Meyer · Leipzig


Copyright 1919 by Quelle & Meyer, Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Schwarzweißzeichnungen von Professor Robert Engels
Einbandzeichnung von Paul Hartmann
Druck von Radelli & Hille, Leipzig


Den
Nachkommen
Hermanns
des
Cheruskers


Zum Geleit.

Von den Göttern spricht dies Buch. Von Germaniens Göttern. Immerdar sind eines Volkes Götter das Abbild seiner innersten Art gewesen, seiner Tugenden, seiner Fehler, seiner verlangenden Sehnsucht. Wenn unsere Väter zu den Göttern riefen, riefen sie an, was an Kraft und Zuversicht bewußt oder unbewußt in ihnen selber lebte, sahen sie Wunsch und Willen im Lichte eines überirdisch gesteigerten Mannes- und Heldentums.

Ein Volk, das seiner Götter vergißt, vergißt seines Ursprungs, seiner Ahnen, seiner selbst und seiner Wurzelkraft. Wer sich seiner Herkunft und Vergangenheit schämt, baut seine Zukunft in den Wirbelwind. Aus den rauhen Wäldern Germaniens stammen wir, stammen unsere Götter. Nicht aus dem sonnentrunkenen Hellas und dem hochmuttrunkenen Rom. Lernt es aufs neue, ihr Deutschen. Lernt es mit dem Stolz, der allein die Kraft verleiht, ein Volk zu sein und keine Sklavenherde von Mantelträgern und kriechenden Liebedienern. Den Göttern Griechenlands, den Göttern Roms unsern Gruß. Germaniens Götter grüßen euch mit derselben Stimme der Unsterblichkeit! Nie waren die Götter Deutschlands herrlicher und gewaltiger, als in den Tagen, da sie um Untergang und Auferstehung kämpften.

Was sind Jahrhunderte, was Jahrtausende, gemessen an der urewigen Zeit? Germaniens Götter rufen heute wie ehedem. Und immer riefen sie am stärksten, wenn der Sturm die Wolken über den deutschen Himmel jagte.

Beilzeit, Schwertzeit – Windzeit, Wolfzeit!

Wiederum heute, wie zu der Urväter Zeit.

Um Untergang und Auferstehung kämpft Deutschlands Volk. Euren Göttern nach, ihr Deutschen! Zur neuen Sonne! Zur neuen, geläuterten Zukunft.

Rudolf Herzog.

Obere Burg zu Rheinbreitbach
18. Oktober 1919.


Inhaltsverzeichnis

Der Götter Erscheinen [1]
Der Menschen Werden und Wachsen [12]
Das goldene Zeitalter [24]
Der Wanenkrieg [36]
Die Götter auf schiefer Bahn [52]
In Schuld und Schicksalskampf [63]
Die Götter auf Kundschaft [80]
Im Zeichen des Hammers [102]
Wodans Wunschmädchen [130]
Unter den Einheriern [147]
Um Baldur [177]
Der letzte Kampf [198]

Der Götter Erscheinen.

Regungslos lag die Weltseele

Über der Leere lag sie, der ungeheueren, die nicht Wasser noch Erde wies, nicht Feuer noch Luft. Nichts als die leblose Leere. Starr und unendlich. Regungslos lag die Weltseele über der toten Leere. Bis daß sie träumte … Leben träumte sie …

Und als der erste Traum durch die Weltseele rann, war es wie ein erstes, wärmendes Leben, und aus der aufsteigenden Wärme sprang wie ein Funke der Gedanke, der zur Flamme wurde und aufloderte in die Leere.

Das Feuer war in die Welt gekommen und stand, eine Welt für sich, hoch und heiß und sengend am Rande der Leere. Muspelheim hieß diese Welt, und Feuergeister waren, was aus der Weltenseele in sie hinübergeglitten war.

Weiter sann die Weltseele. Und sie sann hinter dem feurigen Gedanken her, der Muspelheim entzündet hatte und nun unaufhaltsam war. Nicht Wärme, nicht Kälte hatte die ungeheure Leere gekannt. Nun aber, da an ihrem Südrande Muspels Flammen lohten, ward sich der Nordrand der Kälte bewußt, und die dunklen Nebel brauten, daß es eine Welt voll Nebel war und Niflheim, Nebelheim geheißen. Die Nebel aber stiegen auf und wurden Luft, und sie stiegen nieder und wurden Wasser. Und die Wasser Niflheims strömten in die ungeheure Leere, die sie zur Eisschicht erstarren ließ, und die Wasser strömten immerzu, und Eisschicht lagerte sich über Eisschicht, bis die Leere ausgefüllt war. Und die Stürme, die aus Niflheims Luft wuchsen, zermürbten die Decke zu Schnee und Reif, und die Glut, die aus Muspelheims Flammen hinüberlangte, mischte Glutasche hinein und schmolz das Wasser hinaus, daß Erde wurde und aus Erde, Wasser, Feuer und Luft die Wildnis der Erdenwelt. So ward die Erdenwelt geboren und geschwängert von allen Gedanken der Weltseele.

Die irdischen Gedanken aber lagen nahe der Oberfläche und drängten nach Form und Gestalt, hastig und ungeschlacht, während die göttlichen Gedanken noch in der Tiefe lagen und über Vollkommenheit sannen. Und als der Funkenregen, der von Muspelheim herüberstob, kaum erst die oberste Reifschicht durchbrochen und die vorgeschobenen, die irdischen Gedanken der Weltseele mit seinem lebenheischenden Anruf getroffen hatte, rissen die noch unvollkommenen sich los, griffen nach dem rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen Geistes, und als Erstes entstand ein Ungetüm, das alle Erde, die da wurde, in sich fraß, und alle Wasser, die da rauschten, in sich schluckte, das alle Luft aufsog und alle Feuerwärme für sich begehrte – der Riese Ymir.

Der Riese Ymir wälzte seinen immer hungrigen und durstigen Leib im dampfenden Reif, und wo er ausruhte, drohten seine massigen Gliedmaßen das junge, lebenhegende Erdreich zu ersticken. Und als er sich übernommen hatte an Speise und Trank und ächzend lag, rieb er im Angstschweiß seine Hände, und es sprang ein neues Riesenpaar heraus, das dem Vater beistand im Fressen und Schlucken, und er rieb seine Füße aneinander, da zeugten auch diese ein Riesenpaar, das noch ungefüger war, als das erste. Sie alle aber wußten nichts, als ihren Bauch zu mästen und Kinder zu zeugen, die dasselbe taten, und die Luft mit ihrem Brausen und Brüllen zu erfüllen.

Als der Riese Ymir, unreifer Gedanken voll, sich ins Leben gewälzt hatte, drängte eine Schar unruhiger, flatternder Gedanken ihm nach, fanden aber, bei Ymirs gewaltsamer Ausdehnung, nicht genug des Rohstoffes mehr, um sich einen irdischen Körper zu schaffen, und fuhren in Grimm und Unlust als wütende und boshafte Gespenster durch die Luft und das Land. Schrate und Trolle wurden sie und Maren, Truden und schwarze Alben. Steckengeblieben waren sie in ihrem Werden zwischen Irdischem und Göttlichem, überragten das rohe Riesengeschlecht an Witz und Geist, reichten dennoch nicht heran an das Erhabene, das dem Geist erst seine edle Führung gibt. Unstet und zerfahren, ohne Zucht und Ordnung, vermehrten sie den Wirrwarr, den die riesischen Urnaturen verübten, jagten mit ihnen gemeinsam und hockten ihnen auf, krochen zwischen sie und hetzten sie gegeneinander durch Stoßen, Treten und Zerren, und freuten sich aus sicherem Versteck, wenn die Ungeschlachten übereinander herfielen und brüllend die eben erst gewordene Erde zusammenstampften. So wetteiferte das ungezügelte Geisterheer mit den rohen Naturgewalten der Riesen, die junge Erdenwelt nur als Tummelplatz aller wilden Lüste zu nutzen und jede Entwicklung zu einer höheren Welt im Keime zu ersticken.

Der göttliche Gedanke jedoch hatte nicht brach gelegen. Langsamer, als die eilfertig und verwahrlost Schwärmenden, aber unaufhaltsam, forschend, sich klärend, neuschöpfend, drang er aus der stillen Tiefe empor zum Licht. Er nahm nur die wenigen und die edlen Stoffe, die dem stumpfen Blick der Riesen entgangen und der Gier der Gespenster zu gering erschienen waren, und gab dem Geist die Vorherrschaft über den Körper. Schlank und ebenmäßig formten sich die Glieder, ein jedes untertan der Verrichtung, die es erfüllen sollte, und sinngemäß danach erschaffen. Stark wölbte sich die Brust, straff spannten sich die Muskeln, blau blitzten die Augen und goldfarben wehte das Haar. In der Wärme des Tags stand der erste Gott. Und er nannte sich Buri.

Gewaltig in wilder Naturkraft stand der Riese Ymir. In Schönheit stand Buri, der Gott, und sein Geist war höher als des Riesen Felsenhaupt.

Und als der erste Gott geruhsam erforscht hatte, was der Erdenwelt not tue, schuf er sich lächelnd um in seinen Sohn Bur, der sonach erdgeboren wurde aus göttlichem Geist und sich ein Weib aus der Riesen Geschlecht wählte und sich aus ihr heraus, zum dritten Mal, neu erschuf in drei Söhnen, Wodan, Wili, We. Damit die erhabenen Götter das gerechte Empfinden behielten für irdische Dinge.

Asen nannten sie sich, die »göttlichen«. Ihr Haupt und Held war Wodan. –

Immer noch lag die Erdenwelt wie eine wüste Wildnis. Ymir, der Fresser und Säufer, lastete mit seiner zahllosen Sippe zu schwer auf ihr, als daß sie hätte atmen und gedeihen können. Über ihre ganze Länge und Breite schob sich schon sein Leib. Sein Blick aber ging nicht weiter als bis zu der tückischen Geisterschar, die ihn mit blödem Blendwerk umgaukelte und ihn und seine Sippe billigen Zauber lehrte statt fruchtbringende Arbeit. Dreimal hatten sich die erhabenen Götter umgeschaffen, um immer vollkommener zu werden für die Größe ihrer Sendung und ihrer Aufgabe. Das ungeschlachte Riesengeschlecht hielt sich für vollkommen, wie es roh aus dem Reife stieg, und griff mit tölpelhaften Händen nach den Erzeugungen der Erdenwelt, um sie zu vertilgen, statt zu vermehren und zu veredeln. So verschwand die Erdenwelt im unersättlichen Bauche Ymirs und seiner Sippe, und alles Weiterwerden drohte zu vergehen.

Wodan, der junge, sah es, und er rief Wili und We, seine Brüder, und sie gingen zu Ymir, als er auf dem Rücken lag und verdaute. Das war sein einzig Tagewerk.

»Wozu bist du hier?« fragte ihn Wodan.

»Ich bin hier, um zu leben«, knurrte Ymir böse. »Die Erde sorgt, daß ich wachse.«

»Nein,« sagte der Ase, »du lebst, damit die Erde wachse. Kannst du weiteres verstehn? Steh auf und schaffe.«

Da drehte sich der Riese wie ein Flegel auf den Bauch und wies die Kehrseite, daß die Männer und Weiber seiner Sippe vor Vergnügen brüllten und sich das Mißgunstvolk der Maren und Schrate, der Truden und Alben meckernd in der Luft überschlug.

Wodan lachte über die Welt hin.

»Packt an,« gebot er den Brüdern. Und sie packten den ungefügen Erdenkloß, den Erdaussauger, zu dritt, hoben ihn hoch und zertrümmerten ihn an dem Felseneis.

Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß sie fast zerschmettert war und in kreischendem Getöse bebte und schütterte. Brausend und alles mit sich reißend schoß aus dem zerplatzten Riesenleib das Blut, und so gewaltig und ungeheuerlich waren die Blutströme, daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die gähnenden Klüfte in schäumende Seen wandelten, bis zu den Gipfeln der Eisberge stiegen und alles Lebende ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die Fluten. Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer stieg ihm an den Hals. Männer hoben ihre Weiber, Weiber ihre Kinder auf die Schulter, daß sie sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten Blicken hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge schlug sie herunter und ertränkte und erstickte sie im Knäul der zappelnden Riesenleiber. Als die Sintflut sich verlief, war Ymirs Geschlecht vertilgt. Nur in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit seinem Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der verlaufenden Flut treiben weithin bis ans Ende der Welt – und entkam.

Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand Wodan mit seinen Brüdern.

»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über die rohen Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden Naturgewalten, sie zur Ordnung leiten und zu schöpferischer Arbeit. Nur das ist Leben.«

Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer der Spukgestalten und suchte sich in kreischender Angst vor dem Blick des gewaltigen Gottes zu verbergen.

»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott. »Von den Göttern holtest du Wissen und wandeltest das Göttliche in gemeine Lüste und billigen Zauberspuk, der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch weg!«

Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und würgte zwischen den Händen, was er erfassen konnte von den tausenden von Truggespenstern, und hing die erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren, die ihm in den Ritzen und Ranken entkamen.

Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch jagen manche Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte er in den Bart, warf seine Last ab und strich sich aufatmend über die Brauen. »An die Arbeit jetzt!«

»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We, die Brüder, »Allvater bist du, und ein Führer muß sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen mit dir. Dein ist der Befehl!«

Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um eine Ordnung zu schaffen, in der ein jedes seinen Platz erhielte und seine Bestimmung. Und sie nahmen den Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu Wolken, die das Wetter bargen. Aus Ymirs Fleisch schufen sie das gesättigte Erdreich, aus den beinernen Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume und Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer. Sie zogen dem Riesen die scharfen Wimperhaare aus und bauten aus ihnen kreisrund um das wirtlichste Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige Meer und die Tücken der zum Weltend entflohenen Riesen. Und sie nannten das inmitten gelegene Land, das von einem neuen Geschlecht bevölkert werden sollte, Midgard. Und den Himmel, den sie als Wohnung der Asen bestimmten, nannten sie Asgard. Die Funken aus Muspelheim fingen sie auf und hingen sie als Leuchten an den Himmel. Die außengelegene Welt aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende Volk der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten sie Utgard, und tief unter die Erde verwiesen sie Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.

Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat sich noch nicht erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze Kraft.« Und er hob die Hände an den Mund und stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele seit Urbeginn!«

Da stieg aus der fruchtbar gewordenen Erde Frigg hervor, die erste Göttin, und lehnte sich an Wodans Schulter. Und es sammelte sich ein Kreis lichter Gestalten um den obersten Gott, und sie alle suchten ihren Platz und hörten Wodans Gebot. Eine Schar der Lichtgötter aber, die sich Wanen, die Wissenden, nannten, jauchzten in die junge Welt hinein, faßten sich an den Händen zum Reigen und schwangen sich, des Jubels voll, hoch in die frühlingslauen Lüfte. Von der Stätte der harten Arbeit verloren sie sich im Spiel, und sie beschlossen, singend und klingend, ein milderes Reich im Reiche zu gründen unter der Herrschaft der Schönheit und des Glücksgenusses.

Mit den erstgewordenen Göttern, den Göttern seit Urbeginn, stieg Wodan auf gen Asgard, die Schöpfung zu vollenden, zu veredeln, zu leiten.

Die Erdenwelt war lebendig in der Natur. Allvater gedachte, ihr das göttliche Leben zu geben in dem Menschen. –

Unter den Urgöttern aber stand an ragender Stelle der Schwertgott Tuisko, Teut, der den Mannus zeugte, den Mann. Mannus gab drei Söhnen das Leben, Ingo, Isk und Irmin. Sie wurden die Stammväter der Ingävonen, der Iskävonen und der Erminonen, der drei Hauptstämme der Teutmänner, der Deutschen.


Der Menschen Werden und Wachsen.

In Asgard saß Wodan, der Götter Haupt und Held. Eine Türschwelle hatte er vor dem Götterheim zu einem Hochsitz geschichtet. Wohl erwählt war der Platz, denn von dem Hochsitz aus überschaute Allvater die ganze Welt und alles Werden und Vergehen. Und er sah mit durchdringendem Auge, daß im Leibe der Erde ein seltsam Leben wimmelte.

Er berief den Götterrat, und sie erforschten, daß des Riesen Ymirs träges Fleisch voller Maden gesteckt habe, die sich, mit der Verwandlung von Ymirs Fleisch in fruchtbaren Erdboden, ebenso zu einer höheren Stufe entwickelt hatten und als absonderliche Zwerge und Wichte zwischen den Rippen der Erde wühlten. In guter Laune formten und feilten die Götter an den drolligen Gestalten, ohne sie um vieles schöner herausputzen zu können, schlossen sie deshalb vom Tageslicht aus und bannten sie ins dunkle Erdinnere zurück, beschenkten sie aber in göttlichem Mitleid mit Verstand und Rückerinnern.

Und Allvater sprach:

»Nur der vermag das Sonnenlicht auf Erden zu ertragen, der in der Sonne geboren ist. Das Sonnenlicht hebt die Gedanken stolz und hoch zum Himmel und schafft ihnen höhere Gleichnisse. Darum taugt es nicht, daß die Unterirdischen die Macht auf Erden gewinnen, denn ihre Gedanken steigen in die Dunkelheit und zum wimmelnden Gewürm.«

Und Wodan warf seinen Sturmmantel um und entbot Hönir, den Gott des Waldes und der Heide, und Loki, den Heißen und Leuchtenden, dem das Feuer untertan war, und fuhr mit den Ratgesellen zur Erde.

Sie wanderten dahin im Licht der Sonne, die aus Muspelheims Funken am Himmel hing, und das Schweigen der Wälder umgab sie. Prüfend gingen ihre Augen über alles, was war. Und sinnend schritten die drei Götter dahin.

Da bot sich ihnen auf der Lichtung eines Hügels ein wunderbares Bild. Kraftvoll war es und lieblich zugleich. Vom Schatten des Waldes umkränzt, hob sich sonnenübergossen der blumige Hügel, und eine mächtige Esche reckte sich daraus und eine breitausladende Ulme, und beide streckten sie ihre Wipfel sehnsüchtig dem Himmel entgegen, und sehnsüchtig vermählte sich ihr starkes Untergeäst, als wollte ein Baum den anderen stützen und umschlingen, und ihre Wurzeln tranken tief aus der Erde, während ihre Wipfel hoch nach dem Himmel verlangten.

In lächelnder Gewähr blickte Allvater Wodan auf das Bild, segnend stand Hönir, der Wälder Gott, feurig und leidenschaftlich trat Loki heran.

Und Wodan nickte mit dem Haupt und strich mit leisen Händen über die Rinde der Bäume. Und von seinen Händen ging eine Kraft aus, die drang in das Mark der Esche und drang in das Mark der Ulme und erfüllte beide mit der göttlichen Seele.

Da ging ein Raunen und Rauschen durch die Bäume von der Wurzel bis zur Krone.

Und Hönir tat wie Wodan und streichelte liebkosend Stämme und Blätterdach und flüsterte mit ihnen.

»Da standen Esche und Ulme horchend und wurden sehend …«

Da standen Esche wie Ulme horchend und wurden sehend und regten ihre Äste und standen, mit offenen Sinnen, in freier Bewegung in all der Sonne.

Der feurige Loki aber sprang vor, riß sie an seine Brust, daß sie taumelnd die Glut seines Herzens spürten, ließ einen Blutstropfen in sie überspringen und gab die Menschgewordenen aus seiner brünstigen Umarmung frei.

Auf der Erde standen die ersten Menschen. –

Und die ersten Menschen sahen die Götter und sahen dann sich selbst. Und sie erblickten in ihren Augen die Sonne des Himmels und schritten mit heißen Wangen aufeinander zu und faßten sich bei den Händen.

Ask hieß die Esche. Embla die Ulme. So hießen die ersten Menschen. Und Embla lehnte ihr Haupt an die Schulter des Ask, wie Frigg getan hatte, die erste Göttin, als sie Wodan erblickte.

Da winkte Wodan seinen Gefährten und fuhr mit ihnen gen Asgard zurück.

»Wir gaben ihnen viel,« sprach Wodan, »mehr noch müssen sie sich selber geben.«

Die Gefährten suchten Allvaters sinnenden Blick.

»Die Erkenntnis,« sprach Wodan, »daß sie nur mit den Göttern Edelmenschen und Herren der Erde sind; ohne die Götter – Schlagholz im Walde.«

Loki erwiderte: »Aus dem Schlagholz im Walde springt hell und lustig die Flamme. Das deucht mich kein übles Los.«

»Wehe den Menschen,« sprach Wodan, »die göttliches Feuer mit irdischer Flamme verwechseln. Die irdische Flamme ist die Zerstörung, die göttliche führt zur Ewigkeit.«

Da schwieg Loki. –

Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß Wodan und blickte über die ganze Welt. Von den Tieren, die er erschaffen hatte, hatte er zwei Raben ausgewählt, die hießen Hugin und Munin, Denkkraft und Erinnerung, und hockten ihm zur Rechten und zur Linken auf der Schulter. Täglich sandte er sie über die ganze Welt hinaus, und was sie auf ihren Flügen erspäht hatten, flüsterten sie Wodan ins Ohr, wenn sie auf seinen Schultern hockten. An seine Füße schmiegten sich zwei graue Wölfe, Geri und Freki geheißen, des Gottes würgende Jagdhunde, wenn er als wilder Jäger durch die Lüfte brauste oder über die Walstatt der Kämpfer.

Von Asgard, der himmlischen Heimburg, blickte mit Wodan die Schar der Götter hinunter nach Midgard, ins Land der Menschen. Und der göttliche Teutsohn Mannus ersah mit Freuden ein kraftvolles Menschenkind mit goldrotem Haar und blaublitzenden Augen, das der Umarmung des Ask und der Embla entsprossen war, und er suchte sie auf in Midgard, und sie verbanden sich in Liebe und Kraft. Da wurden ihre Söhne Ingo, Isk und Irmin nach Ask, dem Urvater, die ersten Männer, die über das Erdreich schritten, und waren die Stammväter der Deutschen.

Unter den Göttern war Heimdall, der lichte Ase, den Wodan zum Wächter gesetzt hatte über alles Geschehen. Nie kam ihm der Schlaf. Vor der Sonne schon beleuchtete er den Himmel- und Erdenkreis mit goldenem Frührot und horchte aufmerksam auf die Atemzüge der Welt. Heimdall aber sah, wie schnell sich das Menschengeschlecht vermehrte und wie es nicht zum frohen Genusse des Lebens kam, weil ihr Schaffen ungeordnet war und ein Jeder jede Arbeit tat, ohne sie recht zu verstehen. So mühten sie sich ohne Erfolg und bald ohne Freude und brachten es zu nichts. Das bekümmerte den guten Gott, und er beschloß Wandel.

In menschlicher Gestalt betrat er die Erde und spähte in alle Hütten. Und er ersah ein Ehepaar, das war knochig und gedrungen und muskelhart an Armen und Beinen. Es buk sein schwarzes Brot aus den Körnern, wie sie vom Felde kamen, und trank die Milch warm, wie sie die Euter der Kühe spendeten. Zu ihnen trat Heimdall als Gast, und als er mit ihnen gegessen und getrunken hatte, weissagte er ihnen, daß aus der anspruchslosen Kraft die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frühlicht.

Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben von schwerem Körperbau, und als er aufwuchs, rodete er Äcker, bestellte sie von morgens bis in den Abend und umzäunte sie, bewässerte Wiesen und schuf Weideland für Pferde und Kühe, Ziegen und Schafe und trieb die Schweine zur Mast in den Eichenwald. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts und lehrte wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die wogenden Saaten schritt und durch die wachsenden Herden, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all meine Liebe schenkte.

So wurde der Bauernstand, und er war göttlich durch Heimdall, den Wächter.

Und Heimdall spähte weiter in alle Hütten der Menschen, und er erschaute ein Ehepaar, das war stattlich und von kluger Stirn, hinter der die Gedanken arbeiteten. Der Mann hatte der Frau einen Spinnrocken geschnitzt und sich selber einen Webestuhl, und sie spannen und webten Linnen und Tuch und schmückten sich mit den schönen Gewändern, auf daß sie eine immer größere Freude aneinander hätten trotz Wind und Wetter. Bei ihnen trat Heimdall ein, und sie luden den Fremdling zu Gast, und die Frau kochte auf dem Herdfeuer ein feines Gericht aus den Kräutern des Gartens und zartem Fleisch. Und als der Gott sich gesättigt hatte, weissagte er ihnen, daß aus der durchdachten Kunst ihrer Handfertigkeit die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frühlicht.

Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der war schlank und gelenkig und von besonderem Verstande. Als er aufwuchs, zimmerte er kunstvoll verzierte Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde köstlicher Schmuck bereitet wurde und aus dem Eisen Schwerter und Pflugscharen, veredelte Rocken und Webstuhl und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte seine Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und dem Fleiß aller Welt. Sein Tagewerk ging grübelnd und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch Häuser und Hallen und Werkstätten schritt, und sein Auge Gewebe und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Hauptes und meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all meine Liebe schenkte.

So wurde der Gewerbestand, und er war göttlich durch Heimdall, den Wächter.

Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen der Menschen, und er erblickte ein Ehepaar, das war schlank und muskelhart zugleich, stark und furchtlos wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte, klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von der Jagd, warf das Untier des Waldes, den erlegten Bären, vor die Feuerstelle und spannte den Bogen neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich erfrischte. Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau den Wilden in die Arme. Und er saß bei ihr, den Arm um ihren Nacken geschlungen, und besprach mit ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der Tiere, der Menschen und der bösen Geister, und sie gab ihm Rat und rief das Gesinde der Mägde und lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und die Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall trat zu dem edlen Paar an den gastfreien Tisch, ließ sich den Bärenschinken munden und den schäumenden Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus ihrer Kraft und ihrem hochgemuten Sinn die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde über das Haus hinaus zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und er schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frührot.

Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der hatte die Kraft des Bären, die Schnelligkeit des Hirschen, das Auge des Falken. Stärker aber, rascher und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang, rannte er in den Wald, erkletterte er die Berge und ließ sein Jauchzen erschallen, daß die Menschen, die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das Echo jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und ritt mit den Winden um die Wette, ohne zu ermüden. Sein Pfeil holte den Vogel aus der Luft, sein Speer den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der See kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände er auf festem Land. Und wo es Hilfe galt, war er der erste. Als er heranwuchs, baute er eine feste Burg, und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz seiner Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem Feind war er allen voran und zeigte den Seinen den Sieg! Im Gericht kannte er nur die Gerechtigkeit, dann erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle Nachbarn ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als wären es die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg, für die andern mehr denn für sich, Tag und Nacht, ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des Bürgers, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die Schanzen seiner Burg, durch die Reihen seiner todesmutigen Mannen, durch die Gehöfte und Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Geistes, der mich und die Scharen lenkt, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all meine Liebe schenkte.

So wurde der Stand der Krieger und Heerkönige, und er war göttlich durch Heimdall, den Wächter.

Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in seinem Kreis, und es herrschte in der Menschen Leben, ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung und Lohn. –

Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr. Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß er und ließ eine Esche wachsen, die ihre Wurzeln in alle Welten senkte und deren Krone bis nach Asgard ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der Menschenerde, an dem die Schicksalsfrauen wohnen, die Nornen Urd, Skuld und Werdandi, die Künderinnen alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen im Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre Säfte aus einem Brunnen unter Niflheim, dem Geheimnis der Totenwelt, und der Drache Nidhögg benagt sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel aber saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter Utgard, der Welt der Riesen und Trolle, und Mimir birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der Wissen und Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter waren.

Yggdrasil, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die Allvater gepflanzt hatte, um alle Welten fest ineinander zu wurzeln unter der Herrschaft des Himmels. Einen Adler setzte er in die Krone mit einem Falken zwischen den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen hüpft den Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt dem Adler und dem Drachen alle Scheltworte, die der eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle zornig wach.

Und Allvater lachte zufrieden. – – –


Das goldene Zeitalter.

Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete über Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Die wilden Naturkräfte waren gebändigt, in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel der Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten Meergürtels, den die Asen um Midgard gelegt hatten, hausten die Riesen. Auf der Erde wuchs zahlreich und kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief im Erdinnern aber schafften die Zwerge, klopften die köstlichen Erze aus dem Gestein und schmiedeten wunderbares Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.

Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung der Welt, war geschehen. Es war die Zeit, in der die Götter an sich selber denken durften und an frohe Feiertage.

Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe zugetan, durchzogen sie die Blumenwiesen Asgards und bauten sich himmlische Burgen auf mit ragenden Hallen und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland und die Menschenerde. Viele Namen gaben die Menschen den Göttern je nach der Sprache, in der sie sie verehrten, und die Nordmänner riefen den allweisen Wodan Odin.

Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in Asgard, die »Welt der Wonnen«, und der mächtigste Saal darin war Walhall. Ebenbürtig war ihm in Gladsheim nur ein zweiter, Wingolf, die heitere Halle der Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin, zeugte Wotan herrliche Asensöhne. Der herrlichste und beste unter ihnen war Baldur, der Lichte, den alle Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das Vollkommenste war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht hatte und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung, die kraftvolle Schönheit seines Wuchses und die Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief, wo immer er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank wie die Sonne, und nichts Unreines durfte über die Schwelle. Vorbildlich in allen Tugenden des Himmels und der Erde, hell und klar wie der sonnige Tag stand Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn, Forsetti, den ihm sein glückliches Gemahl Nanna geschenkt hatte, saß im Himmelssaale Glitnir als Gott der Gerechtigkeit und übte die richterliche Obergewalt. Hermodur aber, der schnelle Götterbote, war Baldurs Bruder und hing ihm zärtlich an.

Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen Donar hinaus, den die Nordmänner Thor riefen. Nichts kam seiner Körperkraft und seinem heldischen Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen, die die Erde bedrohten, und brauste mit seinem Bockgespann durch die Wetterwolken, daß sie der dürstenden Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten und die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer, und Tanngrisnir, der Zahnknirscher, hießen die Böcke vor seinem Wetterwagen. Seine Halle aber hieß Bilskirnir, der Blitz. Selten war er daheim, der Vielbeschäftigte, und die Menschen, wo immer sie den nährenden Boden bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und Hirnen über alle die anderen Asen und hingen ihm an in Not und Gefahr, denn sie fühlten sich ihm nahe, weil Jord seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin. Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin war Sif, die so schönhaarig war wie goldenwogendes Getreidefeld. Seine Tochter Thrud wuchs auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne, Modi, der Zorn, und Magni, die Kraft, des Vaters Kämpferblut ererbt hatten. Bedurften die Götter des stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie nur seinen Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen. Das Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der Starken unter den ragendsten Eichen.

Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und Sorge um Menschenvolk und Menschenerde stand Tuisko, Ziu genannt und von den Nordmännern Tyr. Als Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam, und steigerte ihre Fruchtbarkeit. Feind war er darum allen zerstörenden Kräften und hob das Schwert gegen die gierigen Kriegerscharen, die sengend und mordend ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb das Volk, ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte ihm in Schwertertänzen, wenn es galt, die Jünglinge mutig und mannhaft zu machen; in Menschenopfern, wenn es unter stürmischer Anrufung seines Namens die Schlachtreihen des Feindes durchbrochen und niedergestreckt hatte. In heiligen Hainen verehrte ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem strahlenden Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes, daß es seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten Fesseln und tief zur Erde gebeugt betrat. Weiße Rosse waren dem Schwertgott heilig, die mit den Hufen salzige Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als Weissagung.

Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages, so herrschte der blinde Hödur als Gott der Nacht. Einsam war er und schweigsam. Nur wenn das Licht sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war, wußte er wenig von dem fröhlichen Tun der Götter, die ihn still seine Wege gehen ließen.

Auch Hönir wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse Wodans, der dem ersten Menschenpaare in Midgard die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der Glieder. Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens und der Ruhe.

Königlich anzusehen war Uller, der über den Winter gesetzt war und auf gewaltigen Schneeschuhen über Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil und Bogen das Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.

Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien Loki, der Gott des Feuers und der Hitze. Von verführerischer Anmut und blendender Geistesschärfe, berufen, neben Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft und Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern seine hohen Gaben verwandte, um durch übermütiges Trugwerk und geistreiche Listen das Gelächter der Götter zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht gelungen war, der Erste der Götter zu werden, so wünschte er ihnen seine überlegene List und Klugheit ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig Spiel erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte leicht zu unheilvollem Ernst werden, wenn die Götter ihm nicht die Grenzen seines Tuns umschrieben. Als Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines Blutes vererbt: die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen aber fürchteten sich vor dem unbeständigen, bald schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und hielten sich in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.

Asgards Wächter, der treue Heimdall, saß als Markgraf in seiner Halle an der Brücke Bilfrost, die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur Erde spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste. Hunderte von Tagereisen weit sah sein Auge durch Tag und Dunkel, und sein Ohr hörte das Gras auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn er schlief nicht ein, weil er aus der Dämmerung des Abends schon die Dämmerung des Morgens ersah. Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige Brücke stellen, die gen Asgard führte. –

Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und duftete über Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Geschwisterlich vereint, einer dem andern in Liebe zugetan, durchzogen sie die Blumenwiesen, trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg, der erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen ihres Hofes, Saga, der weisen, mit der Allvater den Trunk des Wissens aus goldenen Schalen schöpfte, Fulla, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter, Menglod, der flammenden Morgenröte, Idun, der jugendschönen, der ewig jungen, die die Zauberäpfel bewahrt, von denen die Götter essen, um nimmer zu altern, Gefjon, der klugen, zu der die Mädchen beteten. Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte aus Friggs Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf blitzschnellen Rossen über die Wiesen jagten, den Speer schossen oder die heißen Schwerter über Schild und Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken der Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met sich zutranken, den die Holden ihnen in den kostbaren Trinkgefäßen reichten, gefertigt aus blinkendem Gold von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um Hals und Nacken, Edelgestein, das die Zwerge erschürft hatten, glitzernde Halsbänder und schimmernde Kronreifen, die Flut der Locken zu fassen, und schlangen die Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von Liebe und nichts von Leid, weil sie einig waren und einer des anderen sicher im selben Sippschaftsgefühl. Und weil sie schuldlos waren und gerecht.

So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der ewige Frühling blühte und duftete über Asgard und sandte seine Sonne in alle Welten. –

Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle seines Saales, die den Ausblick bot nach Midgard, dem Land der Menschen, und nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben flogen von seiner Schulter her und hin und kehrten geruhsamen Fluges zurück. Denn nichts Böses gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall Bauern, Bürger und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand, Glück und Ehre, und das Riesengeschlecht lag schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm gezogen waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft Meer und Erde erbebte, und schielte nur zuweilen wie in erwachender Erinnerung nach den Göttern in Asgard. Die Thursen, das ist die Starken, nannten sie sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit willen die Joten, das ist die Fresser, und ihr Reich Jotunheim, das Vielfraßland. Oft waren die Thursen von ebenso plumpem Wesen wie Gliedern, und es bedurfte nur eines neckenden Wortes, daß sie wie Schlagetote mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen Weisheit geschenkt war, traten sie auf als Beherrscher der Elemente und lenkten Meerflut, Sturm und Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen auf Felsen zu türmen und Burgen zu erbauen, die bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre Weiber scheußlich und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber auch über die Maßen schön wie lächelnd atmende Meeresstille.

Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare Sturmriesen, Berg- und Waldriesen von ungeheuerlicher Stärke und hitzige Feuerriesen. Ihre Jahreszeit hob an, wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die frühlingsfrohen Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.

Der gutmütigste unter ihnen war Ägir, der Herrscher der weiten, der offenen Meere. Wenn die Götter ausfuhren in die Welt, kehrten sie oft in seiner Meereshalle ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem fröhlichen Alten. Bösartiger Natur war Ran, sein Weib, die Räuberin. Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie und stellte grausam ihre Netze nach den Schiffern, die über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das Paar, die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die in Liebe entbrannten Söhne der Männererde in ihre Umarmung zogen und auf den Meeresgrund, in den Todessaal ihrer Mutter Ran.

Über das Eismeer herrschte Hymir, der Frostriese, vor dessen eisigem Blick Felsen zerbarsten wie Glas. Den größten Braukessel besaß er, tief wie das Meer, aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher Gesell.

Scheusälig aber war Grendel anzuschauen, der Nebelriese der Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt und Krallen wie Stahl, gezeugt von einer wölfischen Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen Unholdfahrten gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten sie zu Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen Gewässern. Und Mensch und Tier erschauerte vor diesem fiebrigen Feueratem.

Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise Wodan hielt sie im Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen, die Weltesche, die ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn die Götter aus Asgard hinabstiegen, um über das Menschenvolk zu richten, so stiegen sie zu dem Brunnen der Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die die Geschicke jedes Menschen wußten von seiner Geburtsstunde an bis zur Todesstunde. Oft aber stieg Wodan ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah, bevor die Götter waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft, wenn er ihm alles sagte aus der tiefsten Tiefe.

»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach Mimir. »Du bist ein Ase und ich ein Thurse.«

»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.

»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.

»Meine allsehenden Augen.«

»So gib mir das eine zum Pfand.«

Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann Mimir zum Freunde. Und Mimir schöpfte mit Wodans Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und sie saßen beieinander und raunten miteinander manche Nacht.

Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus Liebe zu seiner Schöpfung, aus Liebe zu den Göttern und Menschen hatte er sein Auge dargebracht. Denn nun war der Allweise allwissend geworden.

»… und trank mit ihr aus einer Schale …«

Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga, der ernstgerichteten Göttin, und trank mit ihr aus einer Schale und besprach mit ihr feierliche Dinge, die wie Gesang waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga ritzte sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und Göttinnen draußen über die blumigen Wiesen jagten und sich in Liebe fanden, an festlichen Tafeln saßen und sich mit Kränzen schmückten und dem funkelnden Goldgeschmeide.

Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen, durch Asgards Hallen.

Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte sinnend.

Über Sagas Haar strich er und erhob sich.

»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange … Denn so lange die Götter schuldlos sind, sind sie unsterblich.«


Der Wanenkrieg.

Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die Götter in Gerechtigkeit ihres Amtes walteten, erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie zur Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen ihnen nach und freuten sich ihres Lebens. Sie erfüllten ihr Tagewerk, und je reicher und lohnender es war, desto fröhlicher gedachten sie der himmlischen Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.

Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit. Übermütig macht das Glück, Götter wie Menschen, und treibt sie über die Grenzen ihres Wesens. Wenn er über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben aller Dinge, sandte er immer häufiger seine Raben aus, werdende Geheimnisse zu erforschen, und seine Jagdwölfe wedelten unruhig mit dem Schweif. Ihm war, als seien Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er erschaffen hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern wurde, die Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und Wodan deutete die Vorzeichen.

Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard, dem Asenhimmel. Wohl wirbelten die Opferwolken im Saxland, das steil unter seinem Sitze lag, mächtig wie immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort, wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und suchten einen anderen Himmel. Und Wodan erspähte, daß es der Himmel der Lichtgötter, der Wanen war, die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen hatten, um ein Reich der Schönheit und des Glücksgenusses zu begründen.

Da sprach Wodan zu sich selber:

»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß ist irdisch. Glücksgenuß ist die Verschwendung. Da die Masse der Menschen irdischer ist als göttlich, wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem Glück. Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des Glückes wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«

Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von den Wanen zu wissen begehrte. Verschwenderisch streuten sie Fruchtbarkeit über Länder und Seen allen, die sie anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten sie, den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold in üppigen Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu arbeiten wünschten um des Goldes willen und um durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und Dinge, Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf Erden zum mühelosen Genuß des Lebens verhelfen könne. Feiner und wählerischer wurden die Anhänger der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten sich bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben über die rohen Sachsen in Saxland und die anderen Völkerstämme, die auf Wodan schwuren, den Sturmgott, auf Donar, den Gewitterbringer, und auf Ziu, den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die rauhen und schlichten, denen die Arbeit Freude war, Kraftempfinden und Lebenszweck, und der Feierabend das Bewußtsein ihrer hart erworbenen und darum doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte die Gefahr.

Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den stumpfsinnig verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen hatte, hatte er die niedere Geisterwelt gejagt, die von den Göttern das Wissen geholt aus der gebärenden Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren erwürgt an seinem Gürtel geblieben, wenige nur entkommen. Aber einige waren zu den leichtherzigeren Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden Scharen vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen Menschen aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden Wanen opfernd verehrten. So kam mit der steigenden Genußsucht der Aberglaube in die Welt, der Feind des Göttlichen. –

Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die Rute. Mit gesträubtem Haar standen sie und warteten des Befehls des Meisters.

Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.

In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut tief über die blutige Augenhöhle gedrückt, damit das andere, das Einauge, um so schärfer funkele, saß er horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten voran. Hinter ihnen drein mit heiserem Gebell jagten die Wölfe. Da gab Wodan seinem Sturmroß das Maul frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und Peitschengeknall in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen, hetzte er einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der Schwarzalben und Truden, der Maren und Schrate wie Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der Bäume und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte sie ein. Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft, und wen sie traf, den traf der Tod. »Hussa! Hussa! Horrido!« Die Wolken jagten über den Himmel, als wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden Mond verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht hetzte Wodan ohne Ermüden die unholden Geister, den Alb, der sich den Menschen auf die Brust setzte und sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog, den Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie alle, die seine Menschen quälten und sich zu willen machten, bis die Erdgeborenen glaubten, es seien die Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich den Gespenstern ergaben.

»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen, die im Geheul der Sturmnacht von den Lagern auffuhren und angstvoll gen Himmel starrten. »Der wilde Gespensterjäger fährt um.«

Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um den gejagten Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren, denn sie versprachen sich goldenen Dank von den Wichten und gierten nach irdischen Schätzen, statt nach der stolzen Höhe der Götter.

Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans Mantel durch die Lüfte, knallte seine Peitsche wie krachendes Holz, schrieen seine Raben, heulten seine Jagdwölfe. »Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!« lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem anderen Wild den kreischenden Frauen und Fräulein der albischen Wesen nach, packte sie am Gewand, griff sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!« schalten die verblendeten Menschen hinter ihm drein, »Weiberjäger!« Denn sie hielten für Liebesgier, was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen sich von den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.

Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück, Hausgeister und Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen, und Nächte und Monde jagte Wodan daher, den Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst zu stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte mit ihm am Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel der Alben nur für die Plänkler und Wegemacher eines gefährlicheren Feindes, der Macht der Wanen, und er wußte es in seiner Allwissenheit.

Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd, und fand die Götter beim lärmenden Gelage wie in einer großen Trunkenheit. So hatte er sie noch nie geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das weibische Getue.

Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen Lieblingssohn. Dann trat er zürnend in den Kreis. Doch keiner hatte Augen für ihn.

Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein nacktes Mädchen von niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde Geschmeide von auserlesenem Feuer schmiegten sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete als der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart wie Blattgold und von meisterlicher Arbeit umschlossen die Fesseln ihrer Füße, daß die Glieder aus den Goldblättern hervorwuchsen wie Lilienstengel, umschlossen die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie heimlich Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem Dufthaar wie schmeichelnde Mondlichter in kosender Nacht.

»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden Augen, »so wunderbar Schönes sahen wir nie, wie dich, du Mädchen!«

»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen Blicken, »so wunderbar Schönes sahen wir nie, wie dein Geschmeide!«

»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.

»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen. »So schön sind wir, wie die Fremde, aber der Schmuck, mit dem ihr uns beschenkt, ist plump wie Bauernschmuck und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt ihre Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das Mädchen ist vergessen! Schöner sind wir, schöner!«

»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie Rausch über ihren Augen. »Wer gab dir den Schmuck? Wo finden wir ihn?«

»Gullweig heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom göttlichen Wanenstamm bin ich. Wir leben in Schönheit und Freude! In Arbeit und kindlichen Spielen ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und lachendes Leben! Seht her, so verschwende ich!«

Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.

»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen und waren erblaßt vor Erregung.

»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin. »Einen Wert hat das Gold, mehr als ihr wißt! Für rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe ich Länder und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es liegt bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt bei den Menschen. Hervorlocken muß man es durch Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt euch, genießt! Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«

Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter aus. Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte Hände. Da hob Wodan den Speer.

Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter, mit dem Speer. Dreimal schleuderte er ihren weißen, schimmernden Leib in den flammenden Holzstoß, der die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal verbrannte das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der Asche. Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der Wanen sei, und ließ die Mißhandelte entfliehen.

»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer wartet!«

Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der Glut des Feuers den seltenen Goldschmuck, Perlen und Geschmeide, und gab alles den Göttinnen und setzte sich in Gunst. Finster gingen die Asen umher und neideten dem Listigen den Vorzug.

Wodan berief sie alle zum Rat.

»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu Asgards Wiesen?«

Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der Götter, die sich berieten, als du fern warst. Sie war ein Mädchen und ohne Waffen.«

»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen kennengelernt. Schwer seid ihr von ihren Waffen verwundet. Schwerer als von Schwert und Ger. Denn die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern fort in der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es mit der heiteren Ruhe. Wir müssen uns regen.«

Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben ihm Vollmacht, für alle zu handeln. –

Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit sich, die Kluge, zu der die Mädchen beteten. Von Saxland fuhr er gen Norden, denn es war sein Plan, die Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch nichts wußten von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer zu bekehren. So fuhr er gen Dänemark, das den Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht ein reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen seßhaften Bauernstand, der mit der Scholle die Arbeit liebte und nicht die Leichtfertigkeit der Goldanbeter. Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.

Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon, die kluge, seine Pläne und verlieh ihr zur Ausführung seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als listige Gauklerin gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige Dinge, daß der König ihr einen Wunsch freigab. Und sie erbat sich so viel Land zur freien Verfügung, wie sie mit vier Ochsen während eines Tages und einer Nacht umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König lachend zu. Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde nach dem Riesenland Jotunheim, gebar in der nächsten Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft ihrer Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen Größe und Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch den Runenzauber in vier ungeheure Ochsen und kehrte in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi zurück. Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor den Pflug und packte die Pflugschar. Da schnitt das Pflugeisen gewaltig tief und breit in das Land und ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu überblicken war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen das herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen, stiegen ins Meer und zogen es bis in den dänischen Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen und nannte das neugewonnene Inselland der See Seeland. Das Loch aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte, füllte sich zu einem Binnensee, der der Mälarsee hieß, und in seine Buchten paßten bis ins Kleinste die Landzungen und Vorgebirge Seelands.

Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die Insel und schuf ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten Dänen in Dankbarkeit opferten. Aber auch König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan an, den sie Odin nannten, und baten ihn in ihr Reich. –

Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die Asen sehnsüchtig erwarteten. Viel Streit gab es zu schlichten, den der listige Loki schadenfroh geschürt hatte, und die alte Einigkeit war gestört im Rat und auf der Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel, seitdem das lockende Weib in Asgard erschienen war. Zu Mimirs Brunnen stieg Wodan hinab und raunte lange mit dem Weisen.

Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten, den Schimpf an Gullweig zu rächen und die reichen Opfer der Menschen im Norden zurückzugewinnen. Und Wodan wußte vieles und mehr und saß, in die Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.

In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft wimmelte von ihnen, wohin das Auge sah. Lichtgötter waren sie. Darum ritten sie durch die Lüfte und brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die Heimdall hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber gebrach, ersetzten sie dreimal durch wunderbare Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch die Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege verholfen hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und zerbrachen in geeintem Angriff den Burgwall der Asen.

Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum Kampf. Ihnen allen voran stand er und schleuderte als Heervater den Speer über die anstürmenden Völker. Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen, wie der Schmuck ihrer Frauen und Jungfrauen ein plumper Bauernschmuck geschienen war zu den berauschenden Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig. Donars malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm. Zius blankes Breitschwert brach und sprang aus dem Griff, als er es gegen eine goldene Wanenbrünne stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein Kinderspiel vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn er einen gefällt hatte. Loki stand als Schutz und Schirm bei den Göttinnen und stachelte die kämpfenden Asen an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld zu gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere Macht zu erringen. Und die Asen wurden uneins im Kampf, trennten sich voneinander und suchten in heldischem Zweikampf mit den Wanenführern die Augen der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte Fluren und die Himmelsburgen in Schutt und Asche legten.

Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus dem Grund und zermalmte mit ihnen die Haufen. Und Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte mit ihr die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten, die Menschen lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen in Jotunheim erhoben drohend ihre Häupter, um über die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und Rache herzufallen.

Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.

Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der Kämpfenden:

»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter – nun meßt euch im Rat!«

Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie nur einen Augenblickssieg erringen konnten und vor dem kraftvollen Asengeschlecht nicht bestehen würden, wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines schaffenden Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.

Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten lange um den Vergleich. Klug wie Kaufleute setzten die Wanen zuerst den Preis des Friedens hoch, um ablassen zu können und als die Gebenden zu erscheinen. Sie forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da lachten die Asen, daß sie sich krümmten, und wollten von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten nur scheinbar auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun. Sie boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn sie von Stund an als gleichberechtigte Götter gälten, den Asen gleich an Ehrung im Himmel und auf Erden, gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch auszutauschende Geiseln eine große Götterfamilie.

Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute, schlug ein. Und die Asen bestimmten Hönir zur Geisel für die Wanen, den Fahrtgenossen Wodans bei der Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war, gab Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten am Brunnen, und die Wanen hielten ihn für einen der Asen. Sie selber ließen den reichen Njord als Geisel, der seinen lichten Sohn Freyer mit sich führte und seine liebliche Tochter Freya. Und alle die Götter, die Asen und Wanen, traten zur Bekräftigung ihres Vertrages an ein Gefäß und spien hinein und mischten den Speichel mit Honig und schufen daraus gemeinsam den weisesten Mann. Der hieß Kwasir.

So aber endete der erste Weltkrieg.


Die Götter auf schiefer Bahn.

In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen mit seinem Sohne Freyer und seiner Tochter Freya. Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach Asgard, aber auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die Schlichtheit der Lebensführung dahin. Die Gelage mehrten sich, die Abenteuerfahrten dehnten sich aus, Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel und auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und führte in ihrem Gefolge Gewalttat, List und Betrug.

Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den Asen gerechnet wurden, vornehme Wesen, doch ihre ganze Art und Daseinsauffassung war freier, üppiger und leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern auferlegte, brachte die Asen von ihrem einfachen Götterwandel ab und näherte sie den Begierden und Untugenden der Menschen.

Njord liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel. Er machte das Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder mit Wild. Er beschenkte die Menschen mit Reichtum, gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See, den Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die Seefahrt und Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin Nertha von ihm, die in heiligem Hain am Meeresstrande wohnte und die Fluren segnete zu wogenden Saaten.

Schön war Freyer, sein Sohn. Schön fast wie Baldur. Licht und heiter übte er sein Amt als Himmelsgott, tat es seinem Vater gleich in der Spendung von Reichtum und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den Frieden, damit seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude brächten. Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht minder Herr, und er besaß ein Roß, das wabernde Lohe durchstürmte, und ein Schwert, das sich von selber schwang, galt es einen Feind.

Die schönste im Himmel und auf Erden war Freya, Freyers Schwester. So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz und Gebärde, daß sie Götter und Riesen, ja Menschen und Zwerge entzückte und berückte und keine Göttin begehrter und verehrter war als sie. Als Göttin der Liebe wurde sie angerufen, gefeiert und besungen; viele der Helden wünschten sich zu ihr und die Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod ihnen nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard, das ist »Sammelstätte des Volkes«, und Seßrymnir ihr Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die Zauberkunde der Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis auf Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor allem den Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr sie sichtbar hinaus, so fuhr sie auf einem schimmernden Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog. Fuhr sie heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd an, daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die Lüfte glitt. Sie war so heiter, daß sie ihre Sitten oft und gerne darüber vergaß, und wo sie erschien, herrschte Jubel und Seligsein.

Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben. Was sie dagegen erlangt hatten, war kein guter Tausch und ließ sie bald verkümmern. Wohl wußte Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war, immerdar klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand und ihm Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es aber, daß Mimir abwesend war und die Wanen guten Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum Häuptling erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte schwerfällige Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden, forschten die Wanen dem Rätsel nach. Und sie erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim Vergleich und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das Haupt abschlugen, das Haupt des Getöteten höhnisch heimsandten und den Asen vor die Füße werfen ließen.

Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen Freundes auf. Er salbte es ein und besprach es mit Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten und der Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil ging er in der Nacht und stieg durch die Welt hinab bis zu Mimirs Weisheitsbrunnen. In dem blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und oft stieg er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die Sonne hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft und Weisheit zu allen seinen schweren Werken.

Denn oft machten die Götter Allvater das Leben schwer durch wenig vorbildliches Wesen, und die Menschen eiferten ihnen lieber in den Untugenden als in den Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu verrichten und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren. Seit Freya durch den Himmel schritt, gab es unter den Göttern und Göttinnen viel Eifersucht, Neid und Streit. Die lose Liebesgöttin aber hatte ihre heimliche Freude daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu schmücken und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer Höhle vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes Halsband von blendender Schönheit und unermeßlichem Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie, es zu besitzen. Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und forderten endlich auf der Liebesgöttin Drängen für einen jeden von sich eine Liebesnacht mit der lachend gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das Wundergeschmeide Brisingamen, dessen Name soviel heißt wie Zusammenflechter, denn wenn sie erwachte und Brisingamen um Hals und Nacken legte, glitzerte es über Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das den jungen Tag mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.

Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so goldenstrahlend vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche, sann auf einen ebenbürtigen Schmuck, und er sah Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten, goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und schnitt es ihr ab. Tobend vor Grimm suchte Thor den Täter. Bald hatte er Loki erwischt, und seine mächtigen Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich Loki und schwur alle Eide, der weinenden Sif neues Haar zu schaffen aus echtestem Gold und so fein gesponnen wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm Zeit, denn ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes wiederhergestellt zu sehen und den Spott zum Verstummen zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr ab zu den Zwergen.

Zwei Zwergenbrüder waren Brock und Sindri, die galten für die größten Meister aller Unterirdischen. Freundlich sagten sie dem geängstigten Gotte zu, sein Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten das Gold und zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die echte Kunst, so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften des natürlichen Haares und wuchs in goldenen Locken. Die freundlichen Zwerge aber wollten Loki nicht reisen lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den wunderbaren Speer Gungnir, dessen Wurf, ja dessen bloßer Schwung den Tod bringt, und für die anderen Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu fahren vermochte und durch den ärgsten Sturm, und das sich zusammenfalten und in die Tasche stecken ließ.

Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige Seele sann, wie er den Zwergen noch andere Meisterwerke entlocken könne. Da nun der Zwerg Brock den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen, und er wettete scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher Laune heraus, daß Brocks Bruder Sindri die drei Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten oder auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock, der seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei, und Loki reizte ihn in eine Wette hinein, in der der listige Gott sein Haupt verwettete gegen die drei Kleinodien, die nunmehr Sindri schaffen solle.

Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk. Und als es so weit war, daß es ins Schmiedefeuer mußte, um geglüht und gehärtet zu werden, zog Brock den Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.

»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki wie in harmloser Neugier.

»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte ich nur eine Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so würde das Werk einen Fehler erleiden.«

Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in eine Stechfliege, flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg zog, und stach ihn in den Finger. Aber Brock verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es ein Eber mit goldenen Borsten, der schneller als ein Himmelsroß durch die Lüfte rannte und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht durchleuchteten.

Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es im Schmiedefeuer lag und Brock den Blasebalg zog, flog ihm Loki als Stechfliege in den Nacken und stach erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper, so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es der Ring Draupnir, der Tröpfler, von dem in jeder neunten Nacht acht neue kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer immer der Reichste war.

Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk und schob es in das Schmiedefeuer, und Brock zog den Blasebalg in brüderlicher Treue. Da setzte sich ihm Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog und zog, bis er vor rinnendem Blut nicht Esse noch Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine Sekunde nur ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig das Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten bis gegen den Schluß, und als Sindri das Werk aus der Esse nahm, war es ein Hammer, Mjolnir, der Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl und nicht an Stein, und, wenn er geworfen wurde, immer in die Hand des Werfers zurückkehrte. Nur der Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das war geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.

Voller Zorn über Lokis Arglist und Tücke verlangte Brock den Preis der Wette, Lokis boshaftes Haupt. Loki aber lachte ihn aus und wies auf den Hammer, der mißraten sei. Da machte sich Brock mit Loki auf nach Asgard, den Göttern die Gaben zu bringen und ihren Schiedsspruch anzurufen.

Wie staunten die Götter über die Wunderwerke, über Sifs goldenes Haar, über Wodans Todesspeer und über das zaubertätige Götterschiff. Mehr aber noch staunten sie über den Ring Draupnir, den Tröpfler, den der Zwerg Allvater Wodan zur Gabe brachte, über den rennenden Goldeber, den er dem Wohltäter Freyer verehrte, und am meisten über den Hammer Mjolnir, den Zermalmer, denn es fehlte ihnen an gewaltigen Waffen, denen der Feind nichts entgegenzusetzen wußte. Und Brock überantwortete den Hammer dem freudig zugreifenden Thor.

Und Thor sprach:

»Es ist der Hammer und der Mann, der hinter ihm steht, auf den es ankommt. Mag der Stiel nun lang oder kurz sein.«

Da fiel der Schiedsspruch der Götter zugunsten des Zwerges, und Loki legte sich auf das Handeln und bot allerlei Lösegeld, aber der erzürnte Zwerg beharrte auf seinem Preis.

»So hol dir den Kopf, du verkümmerter Gnom,« lachte Loki und entglitt dem Verhöhnten auf seinen Zauberschuhen in die Lüfte.

Thors Biedersinn empörte sich über Lokis Betrug. Er schirrte seine Böcke vor den Donnerwagen, den Zahnknisterer und den Zahnknirscher, und brauste hinter dem Flüchtenden her. Er holte ihn ein, zwang ihn in den Wagen und brachte ihn dem Zwerg.

»Halt,« rief Loki, als der Zwerg das Messer zog, um den erwetteten Kopf herunterzuschneiden, »nur der Kopf ist dein; schneidest du mir in den Hals, so gilt es dein Leben.«

Da lachten die Götter über Lokis gelungenen Scherz, daß die Halle erbebte. Der Zwerg stand betroffen. Ohne den Hals zu verletzen, vermochte er den Kopf nicht abzulösen. Aber er zitterte nach Genugtuung. Und da der Kopf sein war, ergriff er wütend eine Ahle und einen Riemen und nähte dem Lästerer Loki das böse Maul zu. Dann erst trollte er sich befriedigt.

Lange ließen die Götter Loki mit vernähtem Lästermaule laufen. Dann aber fehlte ihnen sein scharfer Witz wie sein kluger Rat, und sie zogen den Riemen heraus. Denn sie wußten sich in einer schweren Sache, die den Himmel bedrohte, nicht zu helfen.


In Schuld und Schicksalskampf.

Die Bekriegung der Gottheiten untereinander, der Kampf zwischen Asen und Wanen, hatte alle Feinde der Himmelsordnung das Haupt recken lassen in aufhorchendem Frohlocken. Die Macht der Götter war nicht unangreifbar. Sie beruhte auf ihrer Einigkeit, dem festen Zusammenschluß aller ihrer Glieder und Gaben. Uneinigkeit, ein Zersplittern ihrer Machtfülle und Zugeständnisse an die anderen Welten mußten sie bald verwundbar machen. So rechnete man in Utgard, dem Land der Riesen und Trolle, wo alle Hasser saßen.

Noch lag in Asgard die Himmelsburg mit Türmen und Wällen zerstört. Unmutig dachten die Götter an die gewaltige Arbeit des Wiederaufbaues. Gerade jetzt, wo mit Njord und Freyer Reichtum und Wohlleben, wo mit Freya, der Heischenden, Lust und Laune am Liebesspiel fröhlichen Einzug gehalten hatten, waren sie der Arbeit entwöhnt, und sie ratschlagten her und hin, wie die Veste neu und noch stärker als zuvor erbaut werden könne, ohne daß einer der Götter Zeit und Mühe zu opfern brauche. Schon war es zu Unstimmigkeiten und heftigem Hader gekommen, als unvermutet Heimdall, der Wächter, einen Gast meldete.

Es war ein Mann von so ungeheueren Körpermaßen und Leibeskräften, wie sie die Götter nie erschaut hatten. Er ritt auf einem Roß, das des riesigen Reiters würdig war, und gab an, aus fremden Welten zu kommen und der größte Baumeister aller Zeiten zu sein.

Da horchten die Götter auf. Das war der Mann, der ihnen fehlte.

Sie führten ihn rings um Asgard und ließen ihn das Werk, das sie ihm zu übertragen gedachten, in Augenschein nehmen und begutachten. »Eile tut not,« sprachen sie, »es muß in kürzester Frist errichtet sein.« Dies stellten sie zur Bedingung.

Der gewaltige Baumeister ließ forschend seine Blicke über Götter und Göttinnen schweifen.

»Ich will die Burg uneinnehmbar bauen,« antwortete er, »und noch während dieses einen Winters. Doch müssen mir meine Bedingungen treu erfüllt werden.«

Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere was du willst.«

Und der Baumeister sprach:

»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist und ohne auch nur einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen, errichtet habe, so sollt ihr mir als Lohn Freya, die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer Bedienung die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf ich zu meiner Arbeit auch nur eines Tages Länge mehr, so habt ihr das ganze Werk, das ich geleistet habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich von hinnen jagen.«

Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen. Sie fühlten ihre Zusammengehörigkeit als ihr Heiligtum und wünschten den Verlust der wärmespendenden Freya und der lichtspendenden Jungfrauen Sonne und Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon wollten sie das Ansinnen des starken Baumeisters als eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der Vielgewandte, das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen Asen, daß es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit wäre, Asgards Veste in einem Winter zu erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze Arbeit allein zu verrichten und nur mit Hilfe seines Pferdes. Jedenfalls aber würde der Fremde in seinem Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen, bevor er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern nur noch die letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe. Und Loki redete so lustig und listig, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und sie ihm zustimmten, ohne an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine Eifersucht jedoch erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen seiner persönlichen Macht, sobald die Macht derjenigen Götter, die ihm an Kraft und Ansehen überlegen waren, geschwächt wurde.

Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der Tag des Winterendes wurde auf die Stunde bestimmt und dem Festungsbauer Freya als Gattin zugesprochen und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen, wenn der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst werde.

Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid der Götter.

Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des Vertrages mit ihren höchsten Eiden. Nur Donar, der donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn er war nicht anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen, um den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden Bauern beizustehen gegen die zerstörenden Gewalten aus Utland, dem Riesenheim.

»… umschlang mit seinen Armen die höchsten Felsenberge …«

Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der Arbeit. Er reckte seine Glieder ins Ungeheuerliche, umschlang mit seinen Armen die höchsten Felsenberge, hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß Swadilfari vor, das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz zog, wo der ungetüme Meister sie kunstgerecht schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der Arbeit, und die Burg wuchs und wuchs, und staunend standen die Götter. Aber in ihr Staunen trat bald eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit wandelte sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann fünf und jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten Vollendung der Burg und der Auslieferung der geliebten Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya umher, traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond ihr nach.

Da traten die Götter zum Rate zusammen, und sie schwuren Loki, dem Verführer, furchtbare Rache auf ewige Zeit, wenn er den Vertrag, den er ihnen aufgeschwätzt, in letzter Stunde nicht hinfällig mache. Denn sie waren sich bewußt, daß ohne Freyas Wärme und ohne der Sonne und des Mondes Licht Himmel und Erde vereisen und verkümmern müsse. Sie packten Loki und schüttelten ihn im Zorn, daß ihm Feuer aus den Augen sprang und er in Todesängsten alles versprach, die Götter zu befreien.

Wohl hatte er gesehen, daß der fremde Baumeister seine Arbeit nur mit Hilfe seines Hengstes Swadilfari schaffen könne. Den Hengst mußte er ablenken. Und er nahm die Gestalt einer schönen Stute an und lief dem arbeitenden Hengst in den Weg. Der Hengst blieb stehen, schnob durch die Nüstern und stieß ein liebestrunkenes Wiehern aus. Alsbald tänzelte ihm die Stute vor der Nase herum, tat verliebt und vertraulich und stob von dannen, wenn der Hengst sie zu fassen glaubte. Dem Hengst stieg das Blut in die Augen. Das Liebesspiel brachte ihn um die Vernunft. Und als die Stute ihm wieder schmeichlerisch nahe kam, ließ er Arbeit Arbeit sein, warf das Geschirr ab und jagte hinter der gefallsüchtigen Schönen drein. Da flogen die Funken von ihren Hufen, und ganz Asgard erdröhnte von dem wilden Galopp. Drei Tage und drei Nächte ging die wilde Jagd, bis sich die Stute dem Hengst ergab, und der Baumeister stand in der Stunde, in der er die Burg übergeben sollte, vor dem unvollendeten Werk.

Zornbebend rief er die Götter herbei, schrie ihnen Lokis Verrat ins Gesicht und forderte sie auf, ihre Eidschwüre zu halten, wie es die Wahrhaftigkeit geböte.

Die Götter aber blieben kalt bei seinem Toben. Sie wiesen auf das unvollendete Werk und schickten Freya und die Jungfrauen Sonne und Mond in ihre Gemächer.

»Meineidige seid ihr!« brüllte der gewaltige Fremdling, griff seine Werkzeuge auf und holte aus, um die Burg und mit ihr die Götter zu zerschlagen.

In Todesnot riefen die Götter Thors, des Donnerers Namen. Und in selber Sekunde stand der Donnerer mitten unter ihnen, denn er fuhr mit dem Blitze. In der Hand wuchtete dem rotbärtigen Gotte der Hammer Mjolnir. Beim ersten Blick erkannte sein Auge, daß der ungetüme Baumeister ein Abgesandter des eisigen und dunklen Riesenreiches sei, das sich Freyas Wärme und das Licht von Sonne und Mond dienstbar machen wollte, und ohne auch nur ein Wort zu reden, lief er den Riesen an und schmetterte ihm den Hammer in den Schädel, daß der fürchterliche Unhold wie ein gefällter Baum tot zusammenbrach.

Der Donnerer wischte den Hammer ab und steckte ihn in den Gürtel. Er strich seinen gesträubten roten Bart zurück und sah sich schweigend im Kreise um.

Dann erst sprach er.

»Nicht Rat und Rat und wieder Rat erhält am Leben. Nicht bei Göttern und nicht bei Menschen. Am Leben erhält nur die Tat!«

Sprach's, drehte sich um und ging seiner Wege.

Die Stute aber, in die Loki sich verwandelt hatte, warf von dem Riesenhengste Swadilfari ein wolkengraues Fohlen, wie es schneller nie gewesen war und niemals wieder wurde, denn es griff die Luft mit acht Füßen und überholte den Sturmwind. Sleipnir hieß es und wurde Wodans, des nordischen Odins, Roß. –

Schwer an Gedanken saß Wodan an Mimirs Brunnen. Das Riesenreich hatte es gewagt, einen heimlichen Abgesandten nach Asgard zu entsenden, um die Einigkeit der Götter zu zerstören und ihnen Wärme und Licht zu rauben. Fast wäre den Riesen der Anschlag gelungen. Und Wodan wußte, als er einsam in Mimirs Brunnen starrte, daß sie von jetzt ab Anschlag auf Anschlag wiederholen würden, um die Götter zu verderben und über den Gestürzten das Reich der rohen Kraft und Gewalt und die Herrschaft der Zügellosigkeit aufzurichten. Und der einsam grübelnde Allvater wußte mehr. Von der wachsenden Üppigkeit waren die Götter zur Habgier und List, von der List zum Meineid fortgeschritten. Meineidig waren die Götter. War das besser als rohe Kraft und Gewalt der Riesen? Den Meineid strafte die wahrhaftige Weltseele.

Und Wodan, der Allwissende, sah die Strafe.

Noch war sie fern, noch konnte sie durch glühende Willenskraft zurückgedrängt, durch neuerwachte, neu geschürte Begeisterung an der Ordnung der Welt hintangehalten werden. Wegzuzaubern war sie nicht. Denn über Götterrunen und Himmelskunst stand die Wahrhaftigkeit der Weltseele, die sich selbst als oberstes Gebot – auch für die Herrschenden – eingesetzt hatte.

Am Brunnen Mimirs blickte Wodan, der Einsame, in die Zukunft. Der allmächtige Vater der Götter und Menschen erschauerte nicht. Allvater erkannte Allvaters Pflicht. Ob sie schwer war, ob sie unerfüllbar war – es durfte ihn nicht kümmern. Läßt ein Vater seine Pflicht, wenn tausendfältig anstürmender Feind seine Kinder zu zertreten droht? Der Vater nimmt den Kampf auf, wirft sich dem Feind entgegen, lenkt ihn ab, tut ihm Schaden und sucht, da er sie nicht zu retten vermag, die Todesstunde seiner Kinder mit verdreifachten Kräften hinauszuschieben, so weit er es nur vermag.

So auch dachte Wodan, der einsame Wanderer zur Quelle Mimirs, als er sich vom Brunnenrand erhob und in tiefem Sinnen heimkehrte gen Asgard.

»Sie müssen den Begeisterungstrunk haben,« murmelte er. »Der Begeisterte verdoppelt Leben und Kraft, der Zagende bringt sich um Willen und Frieden. Ich will ihnen den Begeisterungstrunk herbeischaffen, daß sie das Fürchten verlernen. Herrscher können irren, aber sie dürfen sich nicht fürchten.«

Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt und sich gemischt und dessen zum Zeichen aus ihrem vermischten Speichel den Kwasir geschaffen hatten, der die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der Wanen wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt mit seinen Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar Neidlinge, Zwerge von kalter und berechnender Klugheit, die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen verstanden, ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen feurigen Götterrausch heraus zu schaffen wie Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo jener Künstler war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen Kwasir, als er über die Erde wandelte und die Menschen zu veredeln trachtete, zu einem Gastmahl und stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende Blut fingen sie bis auf den letzten Tropfen in zwei Krügen auf und in einem Kessel, der Odrerir genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die Krüge nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie Sühne und Anbietung. Dem Blute setzten die kundigen Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein Dichtermet daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit Begeisterung erfüllte und zum Dichter und heldischen Sänger machte. Zu den Asen aber trugen die Zwerge die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen Witz erstickt.

Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das Haupt. Hatten sie dem göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden künstlerischen Gaben geneidet, so neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem Fischzug ein, trieben das Boot zum Kentern in eine Brandung und schwammen tauchend an Land, während der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus dem Hause trat, um den Leichnam des Mannes zu bergen, vom Dache aus einen Mühlstein auf den Kopf fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.

Gillings Sohn jedoch, der Riese Suttung, verfolgte ihre Spuren, entdeckte die verbrecherischen Gernegroße und band sie mit Stricken, daß sie kaum noch atmen konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum qualvollen Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten die Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres Lebens. Als jedoch der Riese davonrudern wollte, sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf der Welt, von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige Liebe, ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe. Der Riese horchte auf. Das dünkte dem Mann aus dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm die Wimmernden mit sich, ließ sie die beiden Krüge mitsamt dem Kessel Odrerir herausschaffen und schenkte ihnen das armselige Dasein. Von diesen Beiden aber stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.

Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung ins Riesenland heim und versteckte ihn in einen hohlen Berg, zu dem es keinen Zugang gab. Seine schöne Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der kostbare Met die kostbarste Wache habe.

Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen Göttern gen Asgard zu holen. –

In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr über das Meer, das zwischen Midgard, dem Menschenheim, und Utland, dem Jotenheim, brandet. Und er nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn er wußte, daß Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich für Fremde. Neun Riesenknechte mähten die Felder vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere, und Wodan erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk und sei seines Zeichens ein Sensenschärfer. Sein Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß sie in Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche Butter und kein Knecht mehr einen Tropfen Schweiß verlöre.

Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm lüstern die nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk aber zog einen gemeinen Wetzstein hervor und warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief er. »Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig und wild fuhren die Riesenknechte nach dem sausenden Stein herum, daß die ungeschützten Sensen durcheinander wirbelten und einer dem andern, im Drange, den Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan aber entwich, bis es Abend war.

Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem Hause sitzen und befragte ihn nach dem Grunde seiner Traurigkeit.

»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich während des Mähens toll und voll gesoffen haben, denn sie haben jählings das Raufen bekommen und sich allzumal umgebracht. Ich aber kriege für die drängende Ernte keine Knechte mehr.«

Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte, tröstete den Riesen.

»Was ist dabei? Ich habe Kräfte für neun. Wohl schaffe ich dir die Ernte ganz allein, wenn du mir dagegen ein Trünklein von dem Wundermet deines Bruders Suttung verschaffst, von dem ich in fernen Landen so viel Rühmendes hörte.«

Der Riese Baugi kratzte sich bedächtig den Kopf.

»Was den Met angeht, o Bolwerk, so ist mein Bruder Suttung in der Spendung auch nur eines Schlückleins hartleibiger als ein Drache. Aber eine Liebe ist die andere wert. Hilfst du mir, so helf ich dir.« Und sie gaben sich den Handschlag darauf.

Einen Sommer lang mähete Wodan des Riesen Felder und brachte die Garben bis auf die letzte unter Dach und Fach. Er, der einzige, allein. Und Baugi gedachte seines ehrlichen Wortes und ging zur Winterszeit mit seinem Knechte Bolwerk zu seinem Bruder Suttung, der sie beide vor die Türe warf.

»Geht's nicht auf gradem, so muß es auf krummem Wege gehen,« sprach Bolwerk zu Baugi. »Zeige du mir nur den Berg.«

Da wies ihm Baugi heimlich den Berg, den undurchdringbaren, und freute sich hämisch, daß er nun seines Wortes ledig sei, ohne daß er den Bruder dem Fremdling zuliebe verriete. Wodan jedoch trug einen Zauberbohrer bei sich, mit dem er ein feines Löchlein in den Felsen bohrte, bis der Bohrer in die Höhlung stieß, und er verwandelte sich in ein blitzschnell gleitendes Schlänglein und glitt durch das Bohrloch in den Berg, verwandelte sich in seine Göttergestalt zurück und stand in bezwingender Allgewalt vor der heiß erglühenden Jungfrau Gunnlod.

»Nie sah ich einen Mann,« stammelte die Erregte, »so herrlich anzuschaun wie du.«

»Wodan bin ich, der Herrscher aller Welten, und ich komme zu der Schönsten, die da lebt. Reich mir den Willkommentrunk, mein Mädchen.«

Da reichte sie ihm den Krug Son, und er trank ihn leer in der ersten Nacht, die sie in seinen Armen lag, und reichte ihm den Krug Bodn, und er trank ihn leer in der zweiten Nacht, die sie in seinen Armen lag, und reichte ihm alles vergessend den Kessel Odrerir, und er trank ihn leer in der dritten Nacht, die sie in seinen Armen lag. Und in seliger Begeisterung gebar sie ihm einen Sohn, der hieß Bragi.

Und als Wodan den letzten Tropfen des Begeisterungstrankes in sich aufgenommen hatte, verließ er mit seinem Sohne den Berg, wandelte sich in einen Adler und schwang sich mit Bragi, der als jauchzendes Lied auf seinem Rücken ritt, in Himmelshöhen zum Flug gen Asgard.