Siegfried, der Held
Der deutschen Jugend erzählt
Rudolf Herzog
Mit Bildern von Franz Stassen
Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912
Copyright 1911 by Ullstein & Co
1. Kapitel
Wie Siegfried jung war, zu Mime in die Lehre kam, den Drachen erlegte und den Nibelungenschatz gewann
[1] Wenn ihr den Rhein hinunterwandert, immer tiefer ins niederrheinische Land hinein, seht ihr aus der schweigenden Ebene eine altertümliche Stadt sich erheben, die zu träumen scheint. Xanten ist sie geheißen, und sie träumt von ihrer großen Vergangenheit. Von alten, stolzen Zeiten, da noch ein König hier herrschte weit bis nach Niederland hinein, da noch die Drachenschiffe nordischer Seeräuber vom Meere heraufkamen in den Rhein, und des Königs starke Ritter, die auf den Rheinwiesen ihre Rosse im Turniere tummelten, die Feinde erschlugen und ersäuften, daß es eine wilde Lust war. Hei, wie in den Heldentagen die Trompeten jauchzten, die Schwerter blitzten und [2] die Schilde krachten, als kämpfte ein herrlich Gewitter rheinauf und rheinab.
Das war die Zeit, da dem König Siegmund und seiner Königin Siegelinde ein Sohn geboren wurde, und weil nach heißen Siegen Friede herrschte, so nannten sie ihn Siegfried.
Wie ein junger Baum, den die Gärtner mit Fleiß und Liebe hüten, wuchs der Knabe auf. Spielend lernte er die Aufgaben, die seine Lehrer ihm stellten, und war als Kind schon so klugen und hellen Geistes wie wenige vor ihm und nach ihm. Das tat, daß er nach den Schulstunden nicht in den Stuben hockte und sich nicht an Mutters Schürzenband hängte, sondern wie ein rechter Knabe, der ein ganzer Mann zu werden wünscht, durch Wiesen und Wälder rannte, die Stimmen aller Tiere erforschte und die Geschichten, die der Wald erzählt und die Wellen des Rheines raunen. So wurde nicht nur sein Körper stählern und biegsam wie eine gute Klinge, sondern auch sein Blick wurde scharf und sein Gehör hell und sein Denken rasch und sicher.
[3] Mit zehn Jahren ritt er den wildesten Hengst ohne Zügel und Zaum, beschlich ihn auf der Weide, warf sich auf seinen Rücken und bändigte den rasend Dahinstürmenden mit eisernem Griff in die Mähne. Denn Furcht war ihm fremd, und wer furchtlos ist, bleibt Sieger im Leben.
Mit zwölf Jahren besiegte er alle Edelknappen und Waffenknechte seines Vaters, und mit vierzehn Jahren ritt er heimlich zum Turnier der starken Ritter, mit geschlossenem Helmvisier, damit sie nicht wüßten, daß es der Knabe Siegfried sei und sie ihn wegen seiner Jugend von der Bahn verwiesen, legte den Speer ein, den er sich aus dem Stamme einer jungen Esche geschnitzt hatte, und warf die stolzen Ritter aus dem Sattel, daß sie aus ihren Panzerstücken herausgeschält werden mußten, wie gesottene Krebse aus ihren Schalen.
Da trat er vor seinen Vater, den König, und bat ihn: »Laßt mich in die Welt, Herr Vater, überall hin, wo Feinde sind und es für eine gute Sache zu fechten gilt.«
[4] Der König aber sprach: »Die Kraft allein tut's nicht, um die Feinde zu bändigen, sondern ein weiser Sinn, der aus Feinden Freunde macht und dem Lande die Segnungen des Friedens beschert. Werde älter, mein Sohn, und du wirst mir meine Worte danken.«
Siegfried aber dachte: »Er hat gut reden, der Herr Vater, denn sein Bart ist heute grau, und die Tage, in denen er selber mit Schwert und Speer auf die Feinde rannte, liegen hinter ihm. Wenn es Abend ist, kommen die Harfner in die Halle und singen von König Siegmunds Taten. Da ist es leicht für ihn, zu verzichten und anderen vom Verzicht zu reden.«
Und er ging bekümmert umher und wußte nicht aus noch ein mit seinem wachsenden Jugendmut.
An einem stürmischen Herbstabend hatte er sich wieder in die Halle geschlichen, in der König Siegmund, von seinen Rittern umgeben, thronte und das Trinkhorn kreisen ließ. Der Sänger saß mit der Harfe auf den Stufen des Thrones. Er sang [5] von den Kämpfen der Götter und Menschen. Von den Helden sang er, die das Land befreit hatten von Räubern und Drachen. Von den Mutigen und Starken, die mit dem blanken Schwert ein Königreich erobert und die schönste Prinzessin zur Frau gewonnen hatten. Und er sang das alte Lied von den Goldschätzen des Zwergenkönigs Nibelung, die von Fafner, dem greulichen Lindwurm, im Berge gehütet wurden und der erobernden Heldenfaust harrten.
Da ward's dem lauschenden Knaben heiß und hoch zu Sinn, und er fand in der Nacht keinen Schlaf und stand auf, kleidete sich an und trat vors Burgtor. Hui, riß ihm der Sturmwind die Mütze vom Kopf, und er lief mit dem Sturmwind um die Wette, sie zu fangen, und jagte durch die schauernden Wiesen in die nachtdunklen Wälder hinein, die sich unermeßlich dehnten und in denen es schrie, jauchzte und winselte von tausend Stimmen der Nacht.
Siegfried aber lachte, daß es durch den Wald [6] hallte, denn das gefiel ihm wohl. Und er packte einen jungen Eichbaum, bog ihn nieder, riß ihn mitsamt der Wurzel aus und erschlug mit ihm, was sich in der Finsternis gegen ihn warf: einen schnaufenden Eber mit gleißenden Hauern, ein gewaltiges Einhorn mit glühenden Augen und eine Schlange, deren Lindwurmkopf rote Flammen und giftgrüne Dämpfe spie.
Und Siegfried schrie in den Sturm hinein: »Das ist ein Leben! Ha, das ist ein Leben!«
Die Nebel brodelten auf, zerfetzten sich in den Kronen der Bäume und ließen den dämmernden Tag in den Wald hinein. Siegfried schaute sich um. Er mußte über die Grenze in ein fremdes Land geraten sein, denn er fand sich nicht mehr zurecht. Das machte ihn noch einmal von Herzen lachen, denn nun konnte er wohl seine Tapferkeit vor den Menschen beweisen. Aber wie er weiter und weiter durch Dickicht und Gestrüpp den Weg sich bahnte, verspürte er plötzlich einen Hunger, der immer grimmiger in ihm wütete. Da lugte [7] er, wo er den höchsten Baum fände, und kletterte bis in den Wipfel, Ausschau nach einer Menschensiedelung zu halten, und seine scharfen Augen entdeckten bald den Rauch einer Hütte, die an einem fließenden Wasser in einer Waldlichtung lag. Dorthin sprang er in weiten Sätzen.
Es stand ein Schmied vor der Tür, und Siegfried staunte ihn an. Denn der Mann hatte einen schweren, kurzgefügten Körper mit einem großen Höcker zwischen den Schultern und einen verwitterten Kopf. Daß ein Mensch so häßlich sein konnte, tat dem schönen Knaben leid, und er wünschte dem verwachsenen Schmied recht fröhlich einen guten Morgen.
Gerade hatte der Kleine mit Armen, die stark waren wie Hebebäume, einen Eisenbalken auf den Amboß gewälzt, als Siegfried ihn anrief. Er richtete sein wirrbärtiges Gesicht auf, packte einen ungefügen Hammer und fragte: »Was willst du hier?«
»Ei,« rief Siegfried, »was wird ein nüchterner [8] Magen wollen? Eine Morgensuppe will er, wie sie dort auf Eurem Herde so appetitlich duftet.«
»Hand weg,« sagte drohend der Schmied. »Müßiggänger brauchen nicht zu essen.«
»Ich will's Euch wohl beweisen, ob ich das Essen verdiene,« zürnte Siegfried. »Habt Ihr was zu schaffen für mich?«
Der Schmied reichte ihm den ungefügen Hammer und wies auf den Eisenbalken, der über dem Amboß lag.
»Wenn dein Arm so stark ist wie dein Mundwerk —«
Da hob Siegfried wütend den Hammer und ließ ihn auf den Eisenbalken niedersausen, daß der in Stücken durch die Lüfte flog und der Amboß eine Klafter tief in die Erde fuhr.
»Was ist das für ein Kinderspielzeug?« rief der starke Siegfried. »Gebt mir Männerarbeit!«
Mit weitgeöffneten Augen starrte der Schmied auf den Zornigen. »Nun könnt Ihr mich morden, Jungherr, denn Ihr habt die Waffe in der Hand.«
[9] Siegfrieds Zorn aber war schon verraucht. »Da habt Ihr sie wieder. Ich kämpfe nicht mit Waffenlosen. Auch scheint die Natur Euch Armen so schwer mißhandelt zu haben, daß man Euch mit Liebe begegnen muß.«
Der Mißgestaltete sah ihn noch immer an. Aber in seinen Augen war ein warmes Aufleuchten.
»Reicht mir die Hand. Ihr könnt nur Siegfried sein, der junge Held, von dessen Stärke schon heute die Sänger Kunde tun. Nun aber weiß ich, daß Ihr in Wahrheit ein Ritter seid. Denn Ihr habt ein reines und gütiges Herz.«
»Und wer seid Ihr?« fragte Siegfried.
»Ich bin Mime, der Schmied. Bleibt bei mir, so lange es Euch gefällt, und ich will Euch viele Künste lehren.«
Da blieb Siegfried bei Mime im Walde und wußte nicht, daß es ein Jahr ward und ein zweites und drittes, so lief die Zeit dahin wie ein Wunder und wurde von Meister und Schüler weidlich genützt. War Siegfried als Knabe stark gewesen, [10] so wurde er als Jüngling ein Hüne an Kraft und doch geschmeidig wie der schnellfüßigste Hirsch. Er lernte den Bären mit den Fäusten fangen und ihn am Bratfeuer ohne Messer und Spieß zerreißen und zerlegen. Das frische Blut trank er wie einen Becher Rotwein und genoß zum Wildbret eine Fülle von saftigen Wurzeln und Kräutern, die ihn vor jeder Krankheit bewahrten. Täglich aber unterrichtete ihn Mime in der höchsten Kunst des Waffenhandwerks und lehrte ihn die feinsten Handgriffe und die Vollendung in Ansturm und Abwehr, so daß ein einzelner leicht ein Dutzend bestände.
Es stand ein Roß im Stall, das stammte von den Rossen Wotans, auf denen einst die Walküren ritten, und hieß Grane. Das schenkte Mime seinem Zögling. Und Helm und Panzer schmiedete er ihm und ein Schwert, das durch härtestes Eisen schnitt wie durch einen Butterkloß, und das Schwert hieß Balmung. Wie da Siegfrieds Augen leuchteten!
[11] »Vater Mime,« fragte er, »weshalb macht Ihr mich so reich?«
Und der Mißgestaltete sprach: »Laß es dir gefallen, mein junger Held. Keiner auf der Welt hat mir Liebe geschenkt als du. Ist es da nicht verständlich, daß ich dir auf meine Art davon zurückgeben möchte?«
Siegfried errötete. »Ich habe es nicht um Lohn getan.«
Und der Schmied sprach weiter: »Gerade deshalb bist du des Lohnes würdig. Aber ich weiß, daß deine junge Ritterseele nicht nach Lohn giert, der dir ohne Kampf und Zutun in den Schoß fällt. Den echten Mann erfreut nur der Besitz, den er sich selbst erobert hat. Deshalb schuf ich dir nur die Waffen. Dein Werk sei nun, den Schatz zu gewinnen. Und jetzt höre mich an.«
Da erzählte Mime, der Schmied:
»Es war ein König mit Namen Nibelung, der besaß den reichsten Schatz der Erde an Gold und Edelgestein. Mein Bruder Fafner und ich gewannen [12] ihn durch List; doch als es zwischen uns zur Teilung kommen sollte, höhnte mich der arge Bruder wegen meiner Mißgestalt und bedrohte mein Leben. Da entfloh ich vor dem Treulosen und büßte in dieser Waldeseinöde meine Habgier. Fafner aber hielt sich von Stund an für reicher und mächtiger als die Götter in Walhalla, erzürnte die Himmlischen und wurde zur Strafe in einen scheußlichen Lindwurm verwandelt. Wo sich am Rhein das Land der Sieben Berge erstreckt, gewahrst du den steil zum Strome abstürzenden Felsen, der seine Wohnung bildet. Hier hütet der Drache seine Schätze, tief in einer Felsenburg, in der tausend gefangene Nibelungenritter die Wache halten. Und das gefräßige Untier, das schon seinen Goldhunger nicht zu stillen vermochte, wirft sich auf die Bauern des Gebirges und verschlingt sie bei lebendigem Leibe, immer wähnend, es schlänge Gold. Nun mach du dich auf, mein Sohn, bestehe das Abenteuer und gewinne den Schatz. Aber hüte dich vor dem Ring, den der [13] Drache an der Klaue trägt. Nibelung trug ihn und verfluchte ihn, als er ihm von Fafner entrissen wurde. Vergrabe ihn tief im Bauche der Erde oder wirf ihn ins Meer, wo sein Schlund am schwärzesten gähnt.«
Das versprach Siegfried, ließ sich von Mime wappnen und das Schwert gürten, nahm mit Kuß und Umarmung Abschied von seinem Pflegevater, bestieg das Roß Grane und ritt singend in die Welt.
So aber sah Siegfried aus, als er, Mann geworden, singend auszog, ein Held zu werden: Um Haupteslänge überragte er die Menschen. Goldrot flog ihm das Haar um den Kopf, als hätte er die Sonne in seinen Locken gefangen. Stahlblau blickten seine Augen, und so froh und weich ihr Glanz in guten Tagen zu sein vermochte, so dräuend und blitzend konnten sie funkeln und flammen, schien dem Helden eine Sache nicht recht. Wohlgebildet war sein Körper, daß es den Frauen eine Wonne wurde, ihn zu schauen, sein [14] Arm eisern und seine Schenkel von unermüdlicher Kraft auf dem Pferderücken und im Weitsprung hinter der Wurfscheibe her.
Wohin er kam, staunten die Leute dem jugendschönen Recken nach, und sein Bild machte aller Herzen fröhlich. Er aber zog singend durch die Lande, als wäre er der Frühling.
So nahte er sich dem Siebengebirge und sah den Drachenfels wie eine Festung über dem Strome lagern.
»Ei, mein Roß Grane,« rief er lachend, »wollen wir heute noch den Strauß wagen? Verschiebe nicht auf morgen, was du heute noch verrichten kannst.« Und das edle Roß Grane flog wie ein Pfeil ins Gebirge hinein.
Immer dunkler und dichter wurden die Wälder. Kein Mensch war hier gegangen seit Jahren und Jahren. Unheimlich lastete die Einsamkeit, und geräuschlos fast, als verstünde es die Gefahr, setzte das Roß Grane Huf vor Huf.
Da lag die kahle Höhe des Felsen.
[15] Das Roß erschauerte. Ein Dampf quoll auf, der in Stößen den Himmel verfinsterte, und ein giftiger Brodem erfüllte die Luft und stach in die Lungen.
Siegfried zog das Helmband fester und lockerte den gewaltigen Eschenspeer, der von der Spitze bis zum Schaft mit zweischneidigem Eisen beschlagen war. Mit der Linken tastete er nach seinem guten Schwert Balmung, strich beruhigend seinem Pferde über den Kopf und lenkte es behutsam um einen Felssturz.
Da lag das Untier, an die hundert Fuß lang, mit dem Kopfe eines Krokodils, den Krallen eines Löwen und dem schuppigen Schwanze eines fürchterlichen Wurmes. Es schlief.
»Pfui,« sagte Siegfried und hätte gern das Wort zurückgenommen. Denn vom Klange seiner Stimme war der Drache erwacht, glotzte aus vorquellenden Augen den tollkühnen Ritter an, öffnete den Rachen und — lachte ein grausenerregendes Lachen.
[16] Das erbitterte den Helden, denn er spürte den Hohn.
»Schließe den Schnabel, du Vieh!« rief er zornig. »Dein Atem riecht übel. Warte, ich sperr' ihn dir!«
Und er bog den Arm zurück, sprengte vor und schleuderte den eisenbeschlagenen Speer dem Drachen ins Maul, daß nur noch das Ende des Schaftes hervorwippte. Das Untier aber erhob sich, würgte und spie den Speer mit solcher Wucht zurück gegen Siegfrieds auffangenden Schild, daß sich das Roß auf die Hinterbeine setzte und sich überschlagen hätte, wäre Siegfrieds zwingende Hand nicht so stark gewesen. Jetzt aber ging der Drache zum Angriff vor. Er brüllte, daß die Felsen erdröhnten und das Gestein ringsum zersprang. Und bei jedem Atemzug schossen lodernde Flammen aus seinem Rachen, daß der Held vor Hitze schier glaubte verkommen zu müssen. Den Gaul riß er herum, um dem sengenden Qualm zu entgehen. Da holte der Lindwurm mit dem [17] Schuppenschwanze zum Schlage aus. Aber das Roß Grane stieg hoch und schwang sich wie ein Vogel über den Rücken des Ungetüms, hinüber und wieder herüber, wie die Schläge des Schwanzes fielen, und Siegfried holte sein Schwert Balmung aus der Scheide, und plötzlich beugte er sich vom Rücken des springenden Rosses tief hinab, der Stahl pfiff durch die Luft und durchhieb den Schwanz des Untiers, daß er losgetrennt gegen die Felswand klatschte. Heulend fuhr der Drache in die Höhe, und ein Prankenschlag traf den Steigbügel und riß Siegfried vom Pferd.
»Ich will's dir vergelten, du Nimmersatt.« rief der Held und sprang zu Fuß den Drachen an. Aber die Glut, die ihm entgegenströmte, war so furchtbar, daß ihm die Panzerschnallen schmolzen und der Harnisch von seinem Körper fiel. »So ist's bequemer,« lachte grimmig der Held und ließ den Balmung wie einen Wirbel tanzen. Schon lief ihm der Schweiß in Strömen über den Leib, schon fühlte er das Mark im Arm verdorren vor [18] der höllischen Hitze, und immer noch war der Drache übermächtig. Da gewahrte er an der Klaue des Lindwurms einen blitzenden Ring, den Ring des Königs Nibelung. Und er nahm seine letzte Kraft zusammen, duckte sich, sprang vor, warf sich an des Untiers Kehle und durchschlug mit sausendem Querhieb die zum Schlag erhobene Tatze, daß die Krallen mit dem Ringe in die Steine flogen.
Einen einzigen Schrei tat der Drache. Einen Schrei, wie ein Verdammter schreit. Und brach in seinem Blute tot zusammen.
Held Siegfried stützte sich auf seinen Schwertknauf. Die Zunge lag ihm trocken im Munde. Einen Trunk mußte er tun, wollte er nicht verdursten, und er beugte sich über das Drachenblut und schöpfte mit der Hand. Als er aber die Hand zurückzog, war sie, soweit er sie in das Blut getaucht hatte, wie mit einer Hornhaut überzogen. Da erkannte sein scharfer Sinn sofort das Wunder, und er warf die Kleider ab und badete den ganzen [20] Leib in dem Blute, so, daß sein ganzer Körper hörnern wurde und undurchdringlich für Hieb und Stich. Nur zwischen den Schulterblättern blieb eine kleine Stelle frei. Ein Lindenblatt hatte sich im Walde gelöst und war ihm beim Baden angeflogen.
Siegfried badet im Blut des Drachens
Angetan mit seinen Kleidern, das Schwert Balmung in der Hand, schritt der Held zum Eingang der Felsenburg. Mit dem Fuß stieß er an die abgehauene Klaue, und als er den Ring blitzen sah, bückte er sich, zog ihn von der Kralle und streifte lachend das Kleinod an seinen Finger. »Aufgemacht!« rief er und schlug mit dem Schwert gegen das Eisentor.
Blitzschnell öffnete sich das Tor, und ein Hagel von Schwerthieben fiel auf den Recken nieder, daß er des Todes gewesen wäre, hätte ihn die hörnerne Haut nicht geschützt. Hageldicht fielen die Hiebe, und doch gewahrte er niemanden, der sie schlug. Da griff er blindlings geradeaus und nach rechts und nach links, und plötzlich hielt er [21] einen Bart in seiner Faust und fühlte wohl, daß er an dem Barte einen Menschen herumschwang, und er schlug diesen unsichtbaren Menschen gegen die steinernen Torpfosten, bis eine Stimme kläglich um Erbarmen bat.
»Zeig' dich,« rief Siegfried, »oder ich fresse dich an diesem Bart mit Stumpf und Stiel.«
Da rieselte es wie ein Nebel zu seinen Füßen nieder, und er hielt in den Händen einen eisengeschienten, kriegerischen Zwerg, der an seinem eigenen Barte zappelte.
»Wer bist du?« befragte ihn Siegfried. »Und was machte dich unsichtbar?«
Und der Zwerg stöhnte: »Ich heiße Alberich und bin der Führer der Nibelungenritter, die der greuliche Fafner sich dienstbar machte. Wenn ich Euch schlug, tat ich, was meine Pflicht mir gebot. Habt ein Einsehen deshalb, so Ihr selber ein Ritter seid. Und ich weise Euch die Tarnkappe, die ihren Träger unsichtbar macht vor den Menschen.«
[22] »Schwöre mir,« sagte Siegfried, »daß du fortan in Treuen mein Dienstmann sein willst mit deinen Rittern, und ich will euch ritterbürtig halten. Schwöre getrost. Denn ich habe euch von eurem Bedrücker befreit.«
Da beugte Alberich das Knie, überreichte die Tarnkappe und schwur sich mit seinen Mannen Siegfried in die Hand. Und die tausend Nibelungenritter eilten herbei, schlugen Schilder und Schwerter zusammen und huldigten ihrem Befreier und ritterlichen Herrn mit brausendem Jauchzen.
Alberich aber führte Siegfried durch die gewaltigen Schatzkammern und wies ihm den Nibelungenhort, der so reich war an Gold und Edelgestein, daß es mehr als hundert Leiterwagen bedurft hätte, um ihn von dannen zu führen.
Wie Siegfried da fröhlich lachte!
2. Kapitel
Wie Siegfried durch die Waberlohe zu Brunhild drang, sich mit der Befreiten verlobte, ihr Island eroberte und sich zürnend von ihr wandte
[23] Eine Woche nur hatte Siegfried auf der Burg des Drachenfelsen gerastet, und schon schien ihm die Zeit unerträglich lang. Denn sein junger Sinn stand ihm nach Taten und hielt Ruhe und Bequemlichkeit nur würdig des Alters, das befriedigt auf die getane Arbeit zurückschauen kann. Darum entbot er den Nibelungenführer Alberich zu sich und besprach sich mit dem kundigen Manne.
»Die Welt ist voll von Plagen und Kriegsnöten,« sagte er, »und wartet auf den Befreier. Ich aber liege bei meinen Reichtümern und stehle Gott den Tag ab. Das ist Schwächlings Art und nicht die meine. Weist mir ein würdiges Abenteuer, Freund Alberich.«
Da antwortete der kriegerische Zwerg: »Nehmt uns mit, Herr, und wir erkämpfen Euch den ganzen Erdball.«
[24] Siegfried aber schüttelte die Locken. »Das wäre mir eine Heldentat, meine Leute für mich kämpfen zu lassen und mir der anderen Lorbeeren um den Helm zu winden. Erst will ich mir meinen eigenen Namen verdienen, bevor ich andere führe und leite. Nennt mir ein Abenteuer, so schwer, daß kein zweiter Mensch es unternähme, und ich will es bestehen oder ruhmreich unterliegen.«
Lange sann Alberich vor sich hin. Dann hob er den behelmten Kopf und sah dem Helden in die Augen.
»Ihr habt mich zwar weidlich beim Barte gezaust, als Ihr mich gefangen nahmt,« begann er, »und mein Leib ist immer noch rot und blau, so schlugt Ihr mich wider die Türpfosten. Aber Ihr habt doch mich und die Meinen aus der Sklaverei des greulichen Fafner errettet und ritterlich behandelt und gehalten, so daß es mir leid um Euch wäre, Euch in ein todbringendes Abenteuer verwickelt zu sehen.«
»Nennt es mir,« drängte der Held. »Wenn Ehre und Ruhm dabei zu gewinnen ist, darf keine [25] Gefahr uns schrecken. Das ist kein Mann, der sich nicht selber einsetzt.«
»Mein edler, junger Herr,« sprach Alberich, »ich will es Euch nennen, weil ich Euch bewundere. Und — weil ich keinem die herrlichste Beute gönne als Euch. Ich weiß die schönste Frau, die je vom Himmel auf die Erde kam.«
»Wo ist sie und wie heißt sie?« rief Siegfried rasch.
»Brunhild heißt sie,« sagte der Zwerg, »und war eine der Walküren, der starken Schlachtenjungfrauen, die einst die im Kampfe gefallenen Helden auf ihren Rossen in den Himmel Walhalla trugen. Weil sie ungehorsam gewesen war und wider göttliches Gebot einen ihr lieben Helden gegen den Tod geschützt hatte, liegt sie auf einem einsamen Berge im Zauberschlaf, und der Berg ist eingehüllt von der Waberlohe, das ist ein loderndes Flammenmeer, und nur der Starke, der furchtlos hindurchreitet, kann sie erwecken und zum Weibe gewinnen.«
[26] Wie Siegfrieds Augen leuchteten und seine Brust sich mächtig hob! Kaum vermochte der Kühne seine Ungeduld zu meistern.
»Wo geht der Weg, Alberich? Noch heute versuch' ich den Ritt.«
»Stammt Euer Roß Grane nicht von den Walkürenrossen?« fragte der Zwerg. »Ist es so, so wird es den Weg finden.«
Da nahm Siegfried Abschied von den tausend Nibelungenrittern, setzte Alberich zum Verwalter seiner Schätze ein und rief sein Roß Grane. Sein Schwert Balmung hing ihm an der Seite, und in einer Ledertasche führte er die unsichtbar machende Tarnkappe mit sich. »Grane,« sagte der Held, und das edle Tier spitzte die Ohren, »Grane, weißt du den Brunhildfelsen, wo deine Brüder und Schwestern im Stalle stehen? Trage mich hin, Grane, wir wollen sie befreien und die schöne Jungfrau vor allem.«
Da wieherte das Pferd hellauf vor Freude und umsprang in wilden Sätzen seinen Herrn. Der [27] aber schwang sich behend auf des Pferdes Rücken, und das Roß war mit seinem Reiter den Augen der Nachblickenden entschwunden, bevor sie sich von ihrem Staunen erholt hatten.
Wie die Windsbraut jagte das Roß dahin. Die Locken flogen Siegfried um die Stirn, und er schlug sich vor Freude klatschend auf den Schenkel. Durch Berge und Wälder ging es im gestreckten Lauf, Ströme und Seen wurden durchschwommen und alle Hindernisse im sausenden Sprunge genommen. Den ganzen Tag jagte Grane mit Siegfried dahin und die ganze Nacht, und als der frühe Morgen dämmerte, hob sich in weiter Einöde ein Berg vor ihnen, der eine einzige Feuersbrunst schien. Das wogte und wallte vom Fuß bis zum Gipfel in Flammen und Gischt.
Mit bebenden Flanken stand das Roß. Aber Siegfried zog sich die Tarnkappe über den Kopf, die Roß und Reiter vor dem Feuer hütete, packte sein scharfes Schwert, gab Grane die Sporen und sprengte in die Glut hinein. Mit mächtigen Hieben [28] schuf er sich Bahn durch das brennende Dickicht, durch mannshohe Dornenhecken schlug er sich einen Weg, und so oft sie wieder zusammenrückten und ihn zu ersticken drohten, sein Mut und seine Kraft erlahmten nicht, und das brennende Gestrüpp flog unter seinem Schwert wie Feuergarben nach links und nach rechts. »Spring an, Grane!« rief der Held, »spring an! Beiß zu, Balmung! Hei, mein gutes Schwert, beiß zu!« Und in gewaltigen Sätzen sprengte das Roß aufwärts, keuchend und stöhnend, Funken und Flammen unter seinen Hufen. Und der Stahl Balmung zischte und blitzte, zerbiß Eichenstämme wie dünne Ruten und hielt die Bahn frei, bevor sich die lodernde Wildnis wieder schließen konnte. Der Gipfel des Berges war erreicht. Ein ragendes Tor stieß Siegfried mit dem Schwertknauf ein. Da donnerte es rings um den Himmel herum minutenlang, und als das letzte Rollen des Donners verhallt war, waren die Flammen des Berges erloschen, und der Wald grünte und blühte in der goldenen Morgensonne.
[29] Siegfried zog sich die Tarnkappe vom Haupt. Sein Gesicht glühte, und die Adern lagen ihm wie Stricke auf der Stirn. »Das war, bei Gott, nicht leicht,« stieß er, nach Atem ringend, hervor, schüttelte die Locken und sprang vom Pferde. Neben seinem Rosse Grane kniete er hin, das Auge auf die goldene Morgensonne gerichtet, und dankte dem Himmel für die sichtbare Behütung.
Dann nahm er Grane beim Zügel und schritt durch das Tor.
Da lag auf mauerumgürtetem Platze eine große, wunderbar schöne Frau, gepanzert und behelmt, angeschmiedet auf einem eisernen Lager. Wie eine Schlafende lag sie mit geschlossenen Augen.
Leise trat Siegfried heran und beugte sich über sie. Nie glaubte er Herrlicheres geschaut zu haben. Denn wie eine Kriegsgöttin war diese Frau anzusehen, von mächtigem Körperbau und doch von Antlitz schön und stolz wie eine hehre Jungfrau. Nachtschwarz fielen ihr die Locken um die Wangen, und der Mund blühte rot und sehnsüchtig.
Siegfried tritt an das Lager Brunhilds
[30] Behutsam nahm Siegfried sein Schwert, und der Balmung durchschnitt die Eisenfesseln, als wären es weiche Stricke gewesen. Da dehnte die heldische Jungfrau traumbefangen ihre Glieder. Und Siegfried beugte sich tiefer über sie und küßte sie sacht auf den Mund.
Groß und weit öffnete die Jungfrau ihre Augen. Dunkel waren sie wie ihr nachtschwarzes Gelock, und sie erwachten aus dem Traum und gewannen Leben und Feuer.
»Wer bist du, Held?« sprachen ihre Lippen. »Und wo kommst du her?«
Und der Held antwortete und war noch immer über sie gebeugt: »Ich bin Siegfried, Siegmunds Sohn und gebürtig aus Xanten am Niederrhein.«
»Was trieb dich, o Siegfried, dies Wagestück zu bestehen?«
»Der Wunsch, o Brunhild, dich zu befreien und dich zu gewinnen.«
Sie stützte sich auf ihre starken Arme und richtete [32] sich auf. Ihr Blick schweifte durch das offene Tor den Berg hinab.
»Das Feuer ist erloschen,« sagte sie leise und atmete tief. »Und der furchtbare Bannspruch ist mit ihm erloschen.«
Sie sprang auf die Füße, daß ihr Panzer klirrte, reckte die Arme und streckte den Leib. »Frei! Frei!«
Und Siegfried stand neben ihr, staunte ihres Leibes Kraft und Schönheit an und wußte nichts zu sagen.
Da wendete sie den Kopf nach ihm, gewahrte sein bewunderndes Auge, gewahrte seine Reckengestalt und errötete tief.
»Blicke mich nicht so an, o Held.«
»Du bist so schön, o Brunhild.«
»Nur wer mein Gemahl wäre, dürfte mich so anschauen. Und es gibt keinen Mann auf Erden, der so stark ist, daß er mich bezwänge.«
»Wehr' dich,« lachte Siegfried, trat auf sie zu und schloß sie in seine Arme, daß sie sich nicht regen [33] konnte. Aber der Zorn flammte aus ihren Augen und färbte ihre Wangen.
»Gib mich frei,« stieß sie hervor, »oder es könnte dich reuen.«
»Hab' nimmer gelernt, was Furcht ist,« lachte der Held und küßte sie auf den zornigen Mund.
»Du Unband,« stöhnte sie, aber nun lachte auch sie.
»Siehst du wohl,« sagte Siegfried, »es geht schon an. Nun küsse auch du mich einmal.«
Sie glaubte seine Arme gelockert und sprang plötzlich gegen ihn an, daß es ihn fast umgeworfen hätte. Aber nun umschlang er sie, daß sich ihr Panzer bog und ihr der Atem in der Kehle stockte. »Ist das dein Kuß, du Wilde? So will ich dich wohl auf deine Weise wieder küssen, wenn dir das eher gefällt.«
Da hob sie, von seiner Kraft und seinem Lachen bezwungen, den Kopf und küßte ihn.
Und allsogleich ließ er von ihr ab, bog das Knie und huldigte ihr ritterlich.
[34] Das Blitzen ihrer Augen schwand, und ihr Blick wurde weich und frauenhaft. Ihre Hand spielte in seinen Locken.
»Mein Held,« sagte sie und atmete tief. »Mein Held und Befreier.«
»Danke mir besser, o, ich bitte dich, Brunhild.«
»Was könntest du Besseres begehren als meine Freundschaft?«
Und Siegfried sprang vom Boden auf und rief: »Dich selber! Werde mein Weib!«
Lange sann Brunhild in die Ferne hinaus. Dann sprach sie:
»Fern im Nordmeer liegt ein Inselreich. Wie eine unbezwingbare Festung steigt es aus der wildrollenden See. Eine Kette von feuerspeienden Bergen umgürtet es, und kochend heiße Flüsse zischen ins schwarzblaue Meer. Island heißt das Land, das nie bezwungene, und mir gehörte es, bis mich der Spruch des zürnenden Gottvaters hierher und in Ketten in die wabernde Lohe warf. Seit ich fern bin, ist Island unterjocht. [35] Du willst mich zum Weibe, Siegfried? Wo ist dein Brautgeschenk? Ich will es dir nennen und will die Deine sein, so du es mir schaffst: Nimm Island mit stürmender Hand für mich. Setze mich wieder auf den Thron meiner Heimat. Ich kann mich nur als Königin dir schenken und nicht als Magd.«
So sprach die stolze Frau, und Siegfried, hingerissen von der Größe ihrer Sprache, gelobte es ihr in die Hand und zog den Ring Nibelungs von seinem Finger und steckte ihn ihr an als Verlobungsring.
Auf dem Ringe aber lastete der Fluch, von dem Mime gesprochen hatte, als Siegfried auszog, den Lindwurm zu erlegen, der Fluch Nibelungs, der den Träger des Ringes sich überheben läßt in wachsendem Ehrgeiz und nimmersatten Wünschen. Und Siegfried hatte Mimes Warnung vergessen, als er den Ring an Brunhilds Finger schob. —
Im Stalle des Bergfrieds stand Brunhilds Walkürenroß. Und bei ihm stand Grane und leckte ihm zärtlich den Hals.
[36] »Hoho, mein guter Genoß,« rief Siegfried, »hast du den Kameraden gefunden? Nun, wenn es auch gar so schnell wieder auf die Reise geht, ihr bleibt zusammen. Gefällt euch das?«
Da wieherten die Rosse vor Vergnügen und ließen sich willig satteln und zäumen.
Und Siegfried hob mit starken Armen Brunhild in den Sattel, daß sie im stillen aufjauchzte über seine Kraft, und er selber schwang sich auf Granes Rücken, schaute nach dem Stand der Sonne, versicherte sich der Himmelsrichtung und ritt mit Brunhild den Berg hinab. In der Ebene aber ließen sie den Gäulen die Zügel, daß sie Seite an Seite dahinstoben wie Falken im Revier.
Als die Sterne aufstiegen, suchte Siegfrieds scharfes Auge aus den Figuren der Gestirne den Polarstern heraus und ritt ihm nach gen Norden. Und je mehr sie sich dem Meere näherten, desto heller und stärker hub Siegfried zu singen an. So ritten sie Tage und Nächte, vom Rheine zur Wesermündung, und eines Morgens rauschte [37] machtvoll hinter den Dünen her die Melodie des Meeres in Siegfrieds Lied.
Ein seefestes Schiff fanden sie, und der Held gab dem Schiffer eine breite, goldene Armspange als Fährlohn und versprach ihm mit ritterlichem Handschlag einen Schild, angefüllt mit gemünztem Gold, so er ihn, Brunhild und die Rosse in kürzester Frist hinüberbrächte nach Island. Da spannte der Schiffer die braunen Segel, und Siegfried packte das Steuer. Am Mast waren die Rosse angebunden, und Brunhild saß vorn am Bugspriet des Schiffes, durchforschte die wilde See und rief ihrem Steuermann die Richtung zu.
Hui, warf sich der Sturm in die Segel und jagte das Schiff durch die Wellenberge, daß es im Gischt verschwand. Aber Siegfrieds Faust hielt das Steuer umklammert, und ob das Schiff in den Fugen krachte und der Mast sich bog unter den schier berstenwollenden Segeln, er handhabte das Steuer mit eisernen Griffen und warf das Schiff über die Wasserschlünde, als [38] tummelte er seinen Renner über Hecken und Gräben.
Und der Sturm schrie mit gellenden Stimmen, und Siegfried schrie nicht minder in den Sturm hinein, und seine Locken flatterten wie heiße Sonne um seinen Kopf: »Heia, heia! Es ist eine Lust zu leben!«
Dann lugte Brunhild über die Schulter nach dem Helden, und er schien ihr begehrenswert vor allen Männern und ein erlesen Werkzeug für ihren weitschweifenden Ehrgeiz.
Tage und Nächte tobte der Sturm, drang vom Steuer her Siegfrieds helles Singen. An einem Morgen aber gewahrten sie an der Brandung, daß sie Island nahe waren. Da stellte Siegfried das Singen ein und tastete nach seinem Schwert.
In den Hafen fuhren sie ein, und gewappnete Männer eilten herbei, ihnen die Landung zu wehren. Siegfried aber packte das Tau, mit dem er das Schiff am Lande befestigen wollte, und sprang mit jähem Satze unter sie, daß sie von [39] dannen stoben und nicht anders vermeinten, als der leibhaftige Teufel säße ihnen im Nacken. Nun warf der Schiffer die Planke ans Ufer, und Siegfried holte Brunhild herüber und die stampfenden Rosse. Wohl gerüstet ritten sie vor die Burg des Königs, und alles Volk strömte auf die Mauern.
»Der König soll kommen!« rief Siegfried befehlend, und man rannte, dem König die seltsame Mär zu künden.
In schwarzen Panzer geschient, ritt der König auf schwarzem Streitroß vor das Tor.
»Frecher Fremdling,« schalt er drohend, »welcher Sprache erkühnst du dich? Ich werde die Fische mit deinem Leichnam mästen.«
Siegfrieds Adern schwollen auf der Stirn. Doch beherrschte er sich.
»Sitz' ab,« gebot er, »denn du bist nur ein Emporkömmling und hast deiner Königin demütig zu Fuße zu nahen. Brunhild ist heimgekommen. Sitz' ab, sage ich dir noch einmal, nimm die Krone vom Helm und trage sie ihr an den Steigbügel.«
[40] Da riß der König wutschnaubend sein Visier herab, senkte den riesigen Speer und sprengte gegen Siegfried an. Der trug Balmung nackt in der Hand, trieb Grane mit einem Schenkeldruck an, hob den guten Stahl und trennte mit wagerechtem Hieb den Speer vom Faustkorbe. Mit aller Kraft warf der König den Gaul herum, um das schirmende Burgtor zu erreichen. Aber Granes schneller Flug holte den Streithengst ein, Steigbügel klirrte an Steigbügel, und Siegfried warf seinem Roß die Zügel über den Kopf, umklammerte mit den Schenkeln Granes Bug, streckte die freien Hände nach dem weit zurückweichenden König aus, umarmte ihn wie mit Zangen, riß ihn im Dahinjagen aus dem Sattel und schleuderte ihn vor Brunhilds Füße, wo er liegen blieb, ohne sich im Leben noch einmal zu erheben.
»Sagte ich dir nicht,« rief der zürnende Held, »daß du deiner Königin zu Fuß nahen solltest?«
Vom Pferde sprang er, hob die Krone auf und drückte sie Brunhild ins Haar. Und wandte sich [41] wieder der Burgmauer zu und rief zum Volke hinauf: »Sehet hier eure Königin, die heimgekehrt ist, eure Treue zu erproben. Kommet heraus auf euren schnellsten Sohlen und huldigt ihr, so euch an ihrer Huld gelegen ist.«
Da kamen sie in langem Zuge, mit Fahnen und Musikanten, bogen das Knie und boten auf goldener Schüssel Brot und Salz, in goldenem Becher den Willkommtrunk.
Stolz und erhaben saß Brunhild zu Pferde, die Krone im Haar. Und sie nahm von dem Brot und dem Salz mit königlicher Gebärde und netzte ihre Lippen an dem Becher und reichte ihn huldvoll Siegfried dar, der ihn lachend nahm und ihn bis zur Nagelprobe leerte. Das Volk aber klatschte dem starken und frohen Helden begeisterten Beifall.
Hocherhobenen Hauptes zog Brunhild in die Königsburg, heiteren Auges Siegfried neben ihr.
Acht Tage ordnete Brunhild die Regierungsgeschäfte, und Siegfried ließ sie fröhlich gewähren. [42] Am neunten Tage aber trat er vor sie hin, küßte ihre schönen Hände und fragte nach dem Tage der Hochzeit.
Brunhild schlug die Augen nieder. Ihr Blick fiel auf den glitzernden Ring des Nibelung an ihrer Hand.
»Mein Held,« begann sie, »dieses Reich ist nur klein und allzu klein für unseren Heldensinn. Dein Vater Siegmund aber lebt und kann noch lange regieren.«
»Das wünsche ich ihm von Gottes gnädigster Huld,« sagte der Held.
»Nun wohl denn,« fuhr die Königin fort, »nimm meine besten Schiffe, meine besten Ritter und Mannen, segle nach Norge hinüber und nach Dänemark, bekriege die Länder und gründe dir ein großes Nordlandreich.«
Siegfried schaute auf. Dann lächelte er.
»Du willst mich auf die Probe stellen. Ich bin kein seeräubernder Wiking, sondern ein Ritter. Und Norge und Dänemark leben in Frieden mit uns. Sprich also, wann soll die Hochzeit sein?«
[43] Brunhild aber antwortete: »Sobald du heimgekommen bist mit den Kronen von Norge und Dänemark.«
Da merkte der Held, daß ihr Sinn hochfahrend geworden war, und er suchte in der Königin das liebende Weib zu wecken.
»Brunhild, gedenke, daß wir Verlobte sind. Ich will kein Mannweib an meiner Seite, sondern die süße Genossin, die sich der Taten ihres Mannes freut und seinen wilden Kopf in ihrem Schoße zur Ruhe bettet. O laß mich nach all den heißen Schlachtgesängen dir von Liebe singen und singe mir wieder von Liebe, damit ich weiß, für welchen Reichtum ich draußen kämpfe, und doppelt scharf den Balmung schwinge.«
Hohnvoll lachte sie über ihn hinweg.
»Hier ist kein Asyl für Ermattete und Bresthafte. Eine Königin schenkt sich nur einem König. Laß dein Schwert für dich reden und nicht deine Zunge.«
Siegfrieds Stirn zog sich zusammen. Hochaufgerichtet [44] stand er vor Brunhild und maß sie mit blitzenden Augen. Dann wandte er sich und schritt zum Strande.
Da lag noch der Schiffer, der sie hergebracht hatte, und wartete auf günstigen Wind.
»Fahr zu,« gebot ihm Siegfried, »ich nehme wieder das Steuer.«
Auf der Burgmauer stand Brunhild, prächtig zu schauen in ihres Leibes Schönheit und den reichen Gewändern aus Purpur und Gold. Wie die herrliche Mitternachtssonne war sie anzusehen unter ihren dienenden Frauen. Nun hob sie die Hand.
»Siegfried,« rief sie voll königlichen Bewußtseins, »Siegfried, ich harr' deiner Wiederkehr!«
3. Kapitel
Wie Siegfried gen Worms kam und für König Gunther die Dänen und Sachsen schlug
[45] Durch das schwarze Nordmeer war Siegfried gefahren und durch das blaue Meer des Südens. An den sonnigen Küsten des Landes Italia hatte er die Sarazenen bekriegt und sie mit blutigen Köpfen heimgesandt in ihre wilde afrikanische Heimat. Über die Alpen war er geritten durch die Eiswelt der Gletscher hindurch und hatte die Riesen gebändigt, die von den Bergen die Lawinen rollten. Überall, wo es galt, die Menschen von ihren Unterdrückern zu befreien, hatte Siegfrieds Schwert geleuchtet durch alle Lande und Meere. Doch so sehr der Ruhm seines Namens anschwoll und den Erdball erfüllte, aus seinem Herzen war der Frohsinn gewichen, seit ihn eine Frau, seit ihn Brunhild enttäuscht hatte.
So kehrte er nach Jahren in deutsche Lande zurück und kam mit Rittern und Mannen an den Rhein.
[46] Als er die Ufer des geliebten Stromes entlang ritt, befiel ihn das Heimweh. Und er sagte zu sich selber: »Könnte ich doch einmal ausruhen und, wie andere Recken pflegen, den Kopf in lieben Schoß legen. Daß mir das nicht beschieden ist, macht mich traurig. Denn wo habe ich eine Heimat? Von Xanten bis ins Niederland herrscht mein Vater König Siegmund, und hier am Rhein gebieten die Burgundenfürsten. Fern vom Rhein aber mag ich nicht leben.«
Und er ritt weiter und wälzte viele Pläne in seinem Kopfe. Bis er gen Worms kam, dem Sitz des Burgundenkönigs Gunther und seiner Brüder Gernot und Geiselher. Als er die reiche Landschaft sah, schlug ihm das Herz hoch, und heimatlich ward ihm zu Sinn. Da gedachte er, vor Gunther hinzutreten und ihm einen Teil seines Landes abzukaufen gegen ein goldbeladenes Rheinschiff, oder aber, falls ihm der König den Handel abschlüge, Gunther und die Seinen in ehrlichem Zweikampf herauszufordern um Leben und Güter.
[47] In seinem Thronsaal saß König Gunther. Hochgewachsen war er, fast wie Siegfried groß, und in den Kampfspielen bewandert wie kaum ein zweiter. Aber ein strenger Hochmut lag auf seinen Zügen und heiße Herrschbegier. Ein kräftiger Degen war Gernot, sein Bruder, ein ritterlicher und tapferer Mann. Der jüngste Bruder aber, Geiselher, war fast noch ein Kind, mit blondem Gelock, blauen, schwärmerischen Augen und einem Herzen voll lachender Begeisterung.
Um den Thron herum saßen und standen die Großen des Landes.
Da war vor allem Hagen von Tronje, der Oheim der Burgundenfürsten, ein hagerer und knochiger Mann mit finsterem, schwarzbärtigem Antlitz. Nur ein Auge besaß er, das blitzte scharf und spähend unter der buschigen Braue. Das andere hatte er verloren, als er als Geisel aus dem Hunnenlande heimgekehrt war und auf der Landstraße seinen Gesellen Walther überfallen wollte. Als erster Ratgeber stand Hagen dem Throne am [48] nächsten, und seine eifersüchtige Seele kannte nichts anderes als die Größe und Macht seiner Herren. So war er gleich furchtbar in der Treue zu seinen Fürsten wie in seinem Haß gegen alle Widersacher.
Da waren ferner Hagens Bruder Dankwart, ein wilder Recke, der blindlings seines Bruders Willen tat; Herr Ortwein von Metz, ein heißblütiger Haudegen, dem das Schwert so locker saß wie die Zunge und der ein Schwestersohn Hagens war; Herr Volker von Alzey, der die Fiedel so heiß und lieblich erklingen lassen konnte, wie er lustig und nimmermüd den Degen pfeifen ließ; Ritter Rumold, der der Oberküchenmeister hieß; Ritter Hunold, dem das Amt des Mundschenken oblag; Ritter Sindold, der Herold; und manch ein anderer.
Und König Gunther hob lauschend und mißvergnügt den Kopf und sprach:
»Was ist das für ein Lärmen am Rhein? Weiß das Volk nicht, daß es sich ruhig zu verhalten hat, [49] wenn die Fürsten mit ihren Räten niedersitzen? Der Herold gehe und erforsche die Ursache.«
Da ging der Ritter Sindold eilends hinaus und kam eilends wieder.
»König Gunther,« berichtete er hastig, »ein fremder Recke ist angelangt mit Rittern und Mannen, und das Volk strömt zusammen von weit und breit, den herrlich im Sattel sitzenden Mann zu bewundern und nicht minder sein und seiner Leute kostbares Rüstzeug und Gewand.«
»Was schiert mich Rüstzeug und Gewand,« eiferte Gunther. »Den Namen will ich wissen.«
Und Sindold mußte bekennen, daß er ihm unbekannt sei und keiner ihn wisse.
Da erhob sich König Gunther von seinem Thron und schritt schnell zum Fenster, und seine Brüder und Räte mit ihm. Aber so sehr sie auch schauten, keiner konnte ein Zeichen finden, an dem er den Helden erkundete, und Gunthers Zorn war groß.
»Erlaubt mir ein Wort,« sprach endlich Hagen. »Mir ist von meinen weiten Fahrten kein Ritter der [50] Christen und Heiden unbekannt geblieben, und wen ich nicht selber sah, von dem hörte ich doch sagen. Dieser aber, so deucht mich, kann nach Wuchs, Muskelkraft und vollendetem Anstand kein anderer sein als der gewaltige Siegfried vom Niederrhein.«
Da wurde es still im Saal, und jeder gedachte des Helden ruhmreicher Taten. Bis endlich Gunther sprach: »Was mag ihn hergeführt haben? Und sollen wir ihn als Freund oder als Feind empfangen?«
»Ich rate,« sagte der verschlagene Hagen, »ihm freundlich entgegenzukommen. Können wir ihn zum Freunde gewinnen, so wird er uns in manchen Dingen nutzbar sein können, denn seine Macht und sein Reichtum reichen weit. Bedenket wohl, daß er den Lindwurm erschlug und dadurch in den Besitz der unermeßlichen Schätze des Nibelungenhortes kam.«
»Ich fürchte,« entgegnete Gunther, »es wird ihm wenig an unserer Freundschaft gelegen sein, da er so selbstherrlich und unangemeldet in unser Land kommt.«
Hagen von Tronje lächelte. »Ich weiß, wie man [52] solche Falken zähmt. Held Siegfried, der stärkste Mann der Welt, hat ein knabenhaftes Herz, weich und sehnsüchtig, wenn ihn der wilde Zorn nicht bedrängt. Lasset uns damit rechnen und klug und behutsam zu Werke gehen. Sehet, wie er sich stattlich vom Pferde schwingt! Wir wollen ihm entgegengehen und ihn wie einen edlen Herrn an der Schwelle des Saales empfangen.«
Ungern tat es Gunther, aber die Klugheit war größer als sein Hochmut, und er empfing den fremden Gast mit ausgestreckter Hand im Türbogen der Halle.
König Gunther heißt Siegfried willkommen
»Willkommen, Held Siegfried, im Burgundenlande. Nehmt Quartier, und wenn Ihr Euch geruht und mit Speise und Trank gekräftigt habt, so erscheint aufs neue unter uns und tut uns zu wissen, welcher glückliche Umstand uns einen so vieledlen Gast beschert hat.«
»Ihr seid Gunther, der König,« sprach Siegfried ernst. »Und da Ihr wisset, wer ich bin, so ziemt es mir nicht, Gastfreundschaft von Euch anzunehmen, [53] die Ihr später vielleicht gern ungeschehen machen möchtet.«
»Was könnte das wohl sein,« rief Gunther erstaunt, »das imstande wäre, Euch uns unlieb zu machen?«
»König Gunther,« entgegnete Siegfried, »es liegt in Eurer Hand. Euer Reich ist so groß, daß Ihr es kaum übersehen, geschweige denn all Eure Grenzen schützen könnt. Schon rüsten im Osten die gottlosen Hunnen zu neuem Kriegszug, und im Norden rührt sich der ewig unruhige Däne und sein Bruder, der Sachse. Wie wollt Ihr Euch allein da helfen? Mich aber hat tödliches Heimweh an den Rhein zurückgetrieben, und wenn ich nicht daran sterben will, muß ich am Rheine bleiben. So biete ich Euch denn für einen Teil Eurer Lande des Goldes so viel, als Ihr begehrt, dazu meine Freundschaft und mein Schwert gegen alle anrückenden Feinde.«
Er schwieg. Und alle im Kreise standen betroffen.
Da rief der vorschnelle Herr Ortwein von Metz:
»Ei, ist das Euer einziges Gebot? Da Ihr als [54] Kaufmann kommt, müßt Ihr den Handel verstehen mit Zu und Ab!«
Siegfried sah über den Vorlauten hinweg. Doch als König Gunther seinen Mann nicht tadelte, färbte sich sein Gesicht.
»Ich trage noch einen zweiten Vorschlag mit mir,« sagte er mit lauter Stimme. »Wollt Ihr lieber um die Lande mit mir fechten als handeln, so ist jeder von Euch, zu Pferd und zu Fuß, mit Schwert oder Speer, vor meinen Waffen zum Zweikampf willkommen.«
Das Schwert fuhr Herrn Ortwein aus der Scheide. »Glaubt Ihr, Ihr sprecht mit Memmen? Kommt her, wenn Ihr mögt!«
»Herr Ortwein,« rief Hagen, »wer erlaubt Euch, das Schwert zu ziehen, bevor der König befiehlt?« Und des Königs Brüder Gernot und Geiselher liefen und trugen Sorge, daß das Schwert in der Scheide verschwand. Hagen aber raunte seinem Herrn Gunther zu: »Gewinnet Zeit, damit wir die Frage zu unseren Gunsten lösen!«
[55] Ein süßes Lächeln glitt um König Gunthers Mund, als er auf Siegfried zutrat und des Helden Hände faßte. »Ihr seid mir lieb, Held Siegfried, und Euch meinen Freund zu nennen, könnte mir mehr wert sein als die Hälfte meines Reiches. Aber sagt Euch selber, daß Euer Vorschlag plötzlich und unerwartet kam und Euer ritterlicher Sinn uns Zeit lassen muß, in Ruhe und Gesetztheit zu prüfen und zu überlegen. Betrachtet Euch also hier zu Hause, und wir werden in den folgenden Tagen mit Euch gemeinsam das Rechte finden.«
Damit winkte er Hunold, dem Mundschenk, und Hunold brachte ein reich mit Gold und funkelnden Steinen besetztes Büffelhorn, mit rheinischem Wein gefüllt, und König Gunther trank es Siegfried zu auf Frieden und Freundschaft. Da verneigte sich Siegfried besänftigt und höflich, nahm das Horn und leerte es in kräftigen Zügen. Und der lang entbehrte Wein vom Rheine machte ihn fröhlich und gütigen Sinnes.
Schon erschien Rumold, der Oberküchenmeister, [56] in der Tür und meldete das Mahl. Und die Fürsten und Herren gingen guter Dinge in den Speisesaal, und Siegfried saß zu seiten Gunthers auf erhabenem Thronsessel, und sein Herz war so voll Sonne und Heiterkeit wie seit Jahren nicht.
In der Nacht aber saß Hagen lange noch bei seinem Herrn Gunther und beriet mit ihm, wie man Siegfrieds Schwert und Schätze für sich gewinnen könne, ohne eines Pfennigs Gegenwert.
»Er muß Kriemhild sehen, Eure liebliche Schwester,« sagte Hagen endlich und erhob sich, weil schon der Morgen graute. »Die Liebe zähmt und macht zum Sklaven.«
So sprach der grimme Hagen, der unbeweibt geblieben war wie Gunther, sein Herr.
Und von Stund an wich Hagen nicht mehr von Siegfrieds Seite. Er rühmte des Helden Kraft, wenn er im Turnier dahergesprengt kam wie der Sonnengott und mit seiner schlanken Lanze die Burgundenritter aus dem Sattel hob, als wären sie ohne Gewicht. Und er sprach bedauernden [57] Tones davon, daß nicht ein Geschlecht von Siegfriedssöhnen Namen und Art fortpflanzte zum Heile und zur Freude der Menschheit. »Es müßte eine Königstochter sein, schön wie keine zweite unter der Sonne und dem Mond, von mildem Stolz und zärtlichem Gemüt, die nichts anderes wüßte, als ihrem Herrn in Liebe zu gefallen und sein Herz mit Glück zu erfüllen. Doch wo gäbe es eine, die Siegfrieds würdig wäre. O ja, eine wohl wüßte ich, die eine Einzige, aber König Gunther und seine Brüder gäben wohl eher ihr ganzes Reich her als dieses Kleinod, ihre Schwester.«
»Wie heißt sie?« fragte Siegfried.
»Kriemhild heißt sie,« sprach Hagen von Tronje, »und ist schlank und fein, mit blauen Sonnen in den Augen. Und wenn sie ihr Blondhaar löst, steht sie in einem Mantel da aus lichten, fließenden Sonnenstrahlen. Der wallt ihr bis auf die schmalen Füße und verhüllt neidisch die Schönheit ihres Leibes.«
»Ich möchte sie wohl sehen, wenn sie so lieblich [58] ist,« sagte Siegfried und ritt träumerisch hindann.
Und in seinen Träumen sah er die Frau, die er aus der wabernden Lohe befreit hatte, die seinen Verlobungsring trug, der er ihr Heimatland fern im brüllenden Nordmeer zurückgewonnen hatte, und die für all seine heischende Liebe unempfänglich gewesen war in ihrem überhebenden Hochmut. Das stolze Mannweib Brunhild.
Da wurde die Sehnsucht übermächtig in ihm nach echter und rechter Minne. Und jetzt war er es oft, der zu Hagen sprach: »Erzählet mir doch von Kriemhild.«
Wieder saßen die Fürsten und Herren in der Halle, horchten auf Herrn Volkers, des ritterlichen Spielmanns Weisen und tranken aus goldenen Bechern. Und Volkers Fiedelbogen klang so süß von Frauenliebe und Rittertat, daß es Siegfried weich und wild zugleich ums Herze wurde. »König Gunther,« sagte er leise und atmete schwer, »Ihr habt eine Schwester, Kriemhild geheißen.«
[59] Verlegen blickte Gunther in seinen Becher. Die Werbung kam ihm zu früh, und noch hatte der Gast auf seine Pläne nicht verzichtet.
»Sie ist fast noch ein Kind,« entgegnete er ausweichend, »wenn auch an Gestalt und Anmut die blühendste Jungfrau.«
»Gestattet mir,« bat Siegfried, »daß ich ihr meine Ehrfurcht erweise. Ich sah sie noch nie.«
Und Gunther antwortete: »Sie ist scheu und zeigt sich nur unter Männern, wenn es gilt, einen Sieger zu kränzen.«
»Ha,« rief Siegfried ungestüm, »den Sieger will ich schon schaffen, ich habe lange genug geruht!«
Erbleichend gewahrte Gunther des Helden aufsteigende Wildheit. Schon wollte er Hagen zur Hilfe zu sich winken, da schollen Stimmen vom Gange her, und der Herold lief, die Ursache zu erforschen. »Herr König,« rief er, als er zurückkehrte, und seine Stimme war erregt, »es sind Sendboten gekommen von König Lüdegast von Dänemark [60] und König Lüdeger von Sachsen und heischen, vor Euer Angesicht geführt zu werden.«
»Das ist der Krieg,« sagte Hagen von Tronje.
»Ich will ihre Botschaft hören,« gebot König Gunther und packte die Lehnen seines Thronsessels.
Da wurden die Boten vom Herold hereingeführt, und auf einen Wink Gunthers begannen sie ihren Spruch.
»Unsere Herren und Könige Lüdegast und Lüdeger haben uns hergesandt, weil Eure Grenzen, die an die unsern stoßen, sie beleidigen. Sie lassen Euch Krieg ansagen und werden ins Land rücken mit dreißigtausend Rittern und Gewappneten, Eure Burgen brechen und Eure Städte nehmen, so Ihr nicht schleunigst um Frieden bittet und nach ihrem Willen tut, die Grenzen regelt und gebührend Kriegszins zahlt. Das sollen wir Euch, König Gunther, und Euren Brüdern vermelden von König Lüdegast und König Lüdeger.«
Und wieder winkte Gunther, daß man die Boten hinausführe und bewirte.
[61] »Was tun wir?« fragte er, als die Boten draußen waren, und sah Hagen an.
Und mürrisch entgegnete der Tronjer: »Wir sind nicht vorbereitet und könnten in der Eile nicht mehr als ein paar Tausende ins Feld bringen. Was ist das gegen die furchtbare Überzahl?«
»So sollen wir nachgeben?« fragte Gunther und zerbiß seine Lippen. Und atemlos saßen die Ritter und wußten nicht, wie sie der drohenden Gefahr begegnen sollten.
Da tat Siegfried den Mund auf und lachte in die beklommene Stille sein fröhlichstes Lachen. »Herr König Gunther,« rief er, »vor wenigen Minuten erst versprach ich Euch, einen Sieger zu schaffen. Die Gelegenheit ist da. Gebt mir diese Herren hier mit und tausend Mann, und ich werde den Dänen und Sachsen das Wiederkommen verleiden. Auf! Ruft die Boten in den Saal! Ich will meinen Kranz!«
»Und ich?« rief König Gunther. »Was soll ich inzwischen verrichten?«
[62] »Ihr regiert das Land und sorgt, daß alle beruhigt unter Eurem Schutze leben.«
Da sprang Hagen zum Könige und redete ihm zu. Und Gunther ließ die Boten in den Saal zurückrufen.
Majestätisch saß der König, und hochmütigen Tones sprach er:
»Reitet geschwind heim, und wenn euch eure Herren fragen, weshalb ihr eure Pferde nicht besser geschont hättet, so sollt ihr ihnen antworten: Weil uns die Burgunden schon auf den Fersen waren! Fahrt wohl!«
Da stoben die Sendboten der Dänen und Sachsen mit verhängten Zügeln von dannen. Siegfried aber und die Burgundenrecken prüften Harnische und Helme, Schwerter und Speere, prüften Sattel und Zaumzeug und ließen die Hufe der Pferde mit frischen Eisen beschlagen. Auf gut beschirrten Wagen wurde der Proviant verladen und manch ein Fäßlein kräftigen Weins. Und ehe die Woche zu Ende war, ritt Siegfried [63] mit Gernot und Hagen und den andern Burgundenrittern, gefolgt von tausend Mannen, ins Feld. Herr Volker aber, der feurige Spielmann, führte die Fahne.
Durch Hessen hindurch ging der rasche Zug ins Sachsenland hinein. König Lüdeger aber war schon mit seinem Heere zu seinem Bruder Lüdegast gestoßen, so daß an der dänischen Grenze an die vierzigtausend Streiter beisammen waren.
»Ordnet unsere Tausend,« gebot Siegfried dem grimmigen Tronjer, »und stellt vor jedes Hundert einen Recken, daß er den andern das wütende Beispiel gebe. Den Troß laßt zurück. Werden wir auf dem Felde totgeschlagen, so brauchen wir nicht mehr zu essen. Siegen wir aber, so sollen uns die Vorräte der Feinde nicht schlechter munden. Ich werde jetzt einmal auf Kundschaft reiten.«
Mit vorsichtigen Hufen trabte Grane durchs Feld. In der Ferne dehnte sich das riesige Lager der Feinde. Und als Siegfried näher kam, sah [64] er einen goldgeschirrten Reiter die Schildwacht halten. Das war der Dänenkönig Lüdegast.
Siegfried legte die Lanze ein. Aber schon hatte der Däne ihn erblickt, den Speer eingesetzt und den Schild gehoben. Die Rosse griffen aus, daß die Ackerschollen flogen, und so heftig war der Anprall der zornigen Gegner, daß die Lanzen an den Schilden bis auf den Faustgriff zersplitterten. Wortlos griffen die beiden Führer nach den Schwertern, doch bevor Siegfried den Balmung aus der Scheide hatte, schlug ihm der riesige Däne schon so fürchterliche Hiebe über den Helm, daß dem Helden schier Hören und Sehen vergehen wollte. Nun aber hatte er den Balmung frei, und ein gespenstischer Kampf hob an auf der einsamen, nächtigen Heide.
Kein Wort wurde gesprochen. Nur das Stampfen der Rosse, das Klirren der Harnische, das Sausen der Schwerter scholl. Mit einem Schlage spaltete Siegfried des Königs Lüdegast Schild. Der nahm die Stücke und schmetterte sie Siegfried [65] an den Kopf. Der Held aber in wildem Grimm schlug noch einmal zu. Da flog des Dänenkönigs Harnisch in Fetzen. Und als der Däne den Streitkolben packte und ihn in rasenden Hieben auf Siegfried niedersausen ließ, tat Siegfried den dritten Schlag, der den Dänenkönig blutend vom Pferde warf. Da gab sich Lüdegast in Siegfrieds Hand, und der Held nahm ihn als ritterlichen Gefangenen und führte ihn zu den Burgunden. Hei, wie die Herren und Mannen Siegfrieds Lob sangen und allen der Mut mächtig emporwuchs, trotz der Vierzigtausend, die gegen sie standen!
Kaum lugte die frühe Morgensonne über den Horizont, da sahen sie das Feld lebendig werden. So weit das Auge reichte, erblickte man nichts als Schlachthaufen hinter Schlachthaufen, Reiter und Fußvolk.
»Fürchtet euch nicht,« rief Siegfried den Seinen zu. »Wenn das Korn dicht steht, mäht es sich am leichtesten!« Und er ließ Herrn Volker, den Spielmann, die Fahne entrollen. »Mir nach!« schrie [66] Siegfried, gab Grane die Sporen und stürzte sich mitten in die Feinde. In den Bügeln stand er aufrecht, daß alle ihn sehen konnten, und nach links und nach rechts hieb er mit gewaltigem Arme eine Bresche und dann eine Gasse und wütete bald mitten in den feindlichen Haufen. Hinter ihm jagte Volker mit der Fahne und pfiff ein Liebeslied zu seinen schneidigen Hieben. Und links und rechts brachen Gernot in die Heerhaufen und der grimmige Hagen, dessen Einauge funkelte, und der nur mit dem Streitkolben malmend in die Menge schlug, und Dankwart, der blindlings dreinhieb ohne Furcht um sein Leben, Herr Ortwein von Metz, der zu jedem Schlag ein Fluchwort spendete, und die Herren Sindold, Hunold und Rumold, mit zusammengebissenen Zähnen und beißenden Schwertern.
Wie das Roß Grane seinen Reiter trug! In den Rücken der Feinde war Siegfried gelangt, und er warf jauchzend den Gaul herum und bahnte sich mit dem blutigen Schwert eine zweite [67] Gasse, Tote und Stöhnende hinter sich lassend. Wieder hatte er die Heerhaufen durchbrochen, und wieder riß er sein Roß herum. Da warf sich der Sachsenkönig Lüdeger gegen ihn mit so wilder Wucht, daß sich Grane überschlug und Siegfried mit sich niederriß. Aber schon war Grane auf den Beinen und Siegfried im Sattel, und die Wut über den Sturz machte ihn doppelt furchtbar.
»Seid Ihr der Teufel?« schrie Lüdeger und wehrte sich wie ein Verzweifelter.
Und Siegfried schrie zurück: »Riechst du den Schwefelstank, so schwitzt ihn deine Angst!« Und er fegte des Königs Helm und seinen Harnisch, daß kein Teil am andern blieb. Da gab sich ermattet Lüdeger in Siegfrieds ritterliche Haft, und der Held packte den Gefangenen und zeigte ihn dem Heere der Sachsen und Dänen vor. Und es ward ein wildes Flüchten.
Die Burgunden setzten ihnen nach und griffen an Beute und Gefangenen, was ihre Hände fassen konnten. Der am besten Berittene aber wurde [68] abgesandt, König Gunther die Siegesbotschaft nach Worms zu bringen.
Als der Bote an den Rhein kam, stand die liebliche Kriemhild am Fenster ihrer Kemenate. »Sieg!« rief ihr der Reiter zu und schwenkte seinen Helm.
Weit beugte sich Kriemhild zum Fenster hinaus. »Nennt mir den Tapfersten, Mann!«
»Siegfried — Siegfried!« scholl es zurück.
Da spürte Kriemhild, daß ihr glühendes Rot über Hals und Wangen rann, denn sie hatte viele Lieder vernommen von dem herrlichen Helden und war ihm in der Stille zugetan, ohne ihn je erschaut zu haben. —
Nach Wochen kamen die Burgunden mit den gefangenen Königen heim und unermeßlicher Beute. Gunther ging ihnen entgegen, und als Siegfried vom Pferde sprang, umarmte und küßte er ihn.
»Nie werde ich es Euch vergessen,« sprach König Gunther, »was Ihr für mich vollbrachtet.«
Und sie saßen in der Halle beim Mahle, und die [69] Heimgekehrten hieben in die Schüsseln, als ob es in die Feinde ging, und die Trinkhörner, gefüllt mit rheinischem Wein, machten immer wieder die Runde. Da bat Siegfried, daß man die gefangenen Könige teilnehmen lasse, und man führte sie herein.
»Wählt Euren Teil an der Beute, mein tapferer Siegfried,« rief König Gunther und schwenkte ihm das Trinkhorn zu.
»So wähle ich mir,« sprach der Held, »die beiden Herren Lüdegast und Lüdeger und schenke ihnen die Freiheit, denn sie haben sich wie die Löwen geschlagen.«
Nicht gern hörte König Gunther den Wunsch, aber er mußte ihn gewähren, und die Kunde von Siegfrieds ritterlichem Sinn lief bald in die Frauenkemenate, und Kriemhild vernahm sie mit Freuden.
»Morgen,« flüsterte sie vor sich hin, und ihre Wangen brannten, »morgen werde ich ihn kränzen und sein Angesicht schauen.«
Da schlief die Königstochter nicht eine Stunde in der Nacht.
4. Kapitel
Wie Siegfried mit Gunther gen Island fuhr, an des Königs Stelle Brunhild im Kampfspiel besiegte und vom Rheine Schätze holte
[70] Goldenen Glanzes lag die Sonne über Worms am Rhein und seiner Königsburg. Wie selige Stimmen sangen die Glocken vom hohen Münster und luden die Heimgekehrten zum Dank gegen Gott. Aus dem Portale traten sie heraus, gesegnet und erhoben. Und in prunkvollem Zuge schritten sie zur Kurzweil des Tages, die König Gunther den Siegern bot mit Turnier, Spielmannssang und Becherklang.
Da öffneten sich die Gemächer der königlichen Frauen, und von ihrer Mutter, Frau Ute, geleitet, von holden Jungfrauen umringt, betrat Kriemhild den Festplatz.
Weiße Seide floß an ihrem jungen Leib herab, die war mit buntschimmernden Borten reich geziert. Den Kopf mit dem schweren Blondhaar hielt sie züchtig geneigt, und ein feines Krönlein [72] leuchtete aus den Flechten. In der Hand hielt sie einen kunstvoll gebogenen Eichenzweig. So schritt sie über den von brausenden Heilrufen erfüllten Festplatz und trat vor die Männer.
Staunend sah Siegfried auf das wunderliebliche Mägdlein, und sein Herz schlug laut, als er ihre süße Stimme vernahm.
Siegfried erblickt Kriemhild zum erstenmal
»Herr Siegfried,« hörte er sie sagen, »vieledler und tapferer Held, ich bringe Euch den Dank des Burgundenlandes dar für Eure siegreiche Hilfe und Euer Heldentum. Ich bitte Euch, nehmt diesen Kranz.«
Tief ins Knie sank Siegfried vor der wonniglichen Jungfrau, und mit zitternden Händen drückte sie ihm den Kranz ins Haar.
Da schaute er auf, und ihre Augen begegneten sich, wurden groß und weit, tranken sich satt und wollten sich nicht mehr lassen. Und Kriemhild beugte sich über ihn, der immer noch vor ihr kniete, und Auge in Auge versenkt küßte sie ihn auf den Mund.
[73] Jauchzend stiegen Fanfaren gen Himmel, rasselten Schwerter gegen Schilde, schwang sich das Jubelgeschrei des Volkes durch die Lüfte. Kriemhild aber stand noch immer über Siegfried gebeugt, die Hände auf seinen Schultern, Auge in Auge staunend versenkt und weltvergessen, bis Frau Ute lächelnd zu ihrer Tochter trat und ihre Hand faßte. Da erwachte Kriemhild wie aus tiefem Traume, errötete heiß und ließ sich von der Mutter zu ihren Plätzen geleiten.
Siegfried aber sprang auf, lachte glückselig über die Bahn hin, rief seinem Roß und warf im Turnier, was sich ihm entgegenstellte, wohl an die dreißig der stärksten Ritter.
Als die Männer am Abend in der Halle saßen und gewichtige Becher hoben, heischte König Gunther ein Lied, und Herr Volker von Alzey hob lustig den Fiedelbogen.
»Es brandet die See um ein bergiges Eiland,« so sang er, »als müßte sie hüten den herrlichsten Hort. Wißt ihr, warum, ihr Ritter und Recken? [74] Laßt es euch sagen vom Sänger heut. Ein Weib weilt dort von schimmernder Schöne, ein Weib, wie das Auge kein zweites ersah. Wuchtig ihr Wuchs und das Haupt erhaben, den lieblichen Leib von Eisen umhüllt. Brunhild heißt sie, die bräunliche Wilde, ihr nachtschwarzes Haar strömt den Nacken hinab. Stählern ihr Arm, der den Wurfspeer schleudert, Kräfte der Riesin wohnen im Weib. Mancher wohl kam, von Minne getrieben, keiner kehrt' wieder zum heimischen Herd. Blutend blieb er im Kampfspiele Brunhilds, nichts gewann er als trüben Tod. Ein Weib weiß ich wohl, Brunhild geheißen, die herrlichste Heldin, die minnigste Maid. Hei, König Gunther, das wär' die Genossin, würdig, zu wohnen zu Worms am Rhein!«
Noch einmal schwirrte der Fiedelbogen auf. König Gunther saß in Sinnen.
»Wollt Ihr dem Spielmann nicht danken?« rief Herr Hagen von Tronje. »Es war ein ritterlich Lied.«
[75] Da hob König Gunther den Kopf und blickte sich um im Kreis.
»Noch immer bin ich unbeweibt,« sagte er langsam. »Das Land braucht eine Königin, die Krone einen Erben. Brunhild! Es könnte mich gelüsten, dich zu gewinnen.« Und er wandte sich an den Fiedler. »Wie heißt das Eiland, und wo ist es gelegen?«
»Island heißt es, Herr, und ist trotzig gelegen im schwarzen Nordmeer.«
»Herr Siegfried,« sagte König Gunther, und Siegfried fuhr auf, denn er hatte nichts getan, als an die liebliche Kriemhild gedacht. »Herr Siegfried, Ihr habt alle Meere befahren. Könntet Ihr wohl den Weg mir weisen zu Brunhild auf Island?«
»Herr,« erwiderte Siegfried erschrocken, »wie kommt Ihr auf solche Gedanken?«
»Sie soll mein Weib und meine Königin werden,« sprach Gunther, »sie und keine andere.«
»Herr König,« bat Siegfried, »laßt ab. Sie [76] ist von wildem Denken und Tun, und es möchte Euch leicht das Leben kosten.«
»Was?« lachte Gunther. »Ich werde doch wohl noch die Kräfte eines Weibes bändigen können?«
»Herr,« sagte Siegfried, »ich habe vor Jahren Brunhild gekannt. Und ob ich auch weiß, daß Ihr ein starker Ritter seid, sie ist nicht zu bändigen, und Ihr zwingt sie nicht.«
Das ergrimmte den König, und sein Wunsch, Brunhild zu gewinnen, wurde nur noch stärker. Er führte Siegfried beiseite und beschwor ihn, ihm beizustehen auf der Fahrt. »Wählet das Köstlichste meiner Kleinodien,« sprach er, »wählt, was Ihr wollt. Nur verhelft mir zu Brunhild, und ich will es Euch nie vergessen.«
Da sagte Siegfried: »So gebt mir Kriemhild, Eure Schwester, zum Weibe.«
Das schwur ihm Gunther in die Hand.
Und sie kehrten zu den Rittern zurück und berieten die Fahrt.
Um eine Woche später stieß von Worms ein [77] Schiff in den Rhein, das trug Gunther und Siegfried, Hagen und Dankwart, mitsamt ihren Rossen, Panzern und glänzenden Gewandungen. Frau Ute stand mit Kriemhild auf dem Söller der Burg, und das Mägdlein weinte heiße Tränen, während ihr Tüchlein den Scheidenden ein Lebewohl zuwinkte. Aus heißer Sehnsucht nach dem Helden vom Niederrhein weinte die Königstochter.
Die Recken aber fuhren wohlgemut den Rhein hinab, bis sie zum Meere kamen. Hier kauften sie ein kräftiges Drachenschiff, das vor Wind und Wellen nicht bangte, und Siegfried nahm das Steuer, und sie fuhren über die See gen Island.
Auf ihrer Felsenburg saß Brunhild, die gewaltige, und schaute hinaus über die wilden Wasser. An Siegfried dachte sie, den stärksten Helden, und es war ihr leid, daß er nicht wiedergekehrt war. Hundert Männer waren gekommen, um sie zu werben, und sie hatte sie alle besiegt im Kampfspiel, das sie forderte. Nur einen gab es auf der Welt, der stärker war als sie: Siegfried. Und sie [78] seufzte tief auf, und ihr Herz entbrannte von Liebe nach ihm.
»O kämst du doch heim als ein König, du einziger Held.«
Da gewahrte sie ein Schiff in der Ferne, und das Schiff kam mit vollen Segeln herangebraust und brach die anstürmende Brandung so stark und sicher, daß Brunhild aufsprang und gebannt nach dem Steuermann sah. »Nur Siegfrieds Faust ist so fest,« murmelte sie, »nur Siegfrieds Seele so mutig. Er ist's!« rief sie jubelnd. »Er ist's! Siegfried kehrt wieder!«
Und sie schritt hastig in ihre Kemenate und rief ihren Kammerfrauen und ließ sich schmücken, daß ein strahlender Glanz von ihr ausging.
Siegfried aber sprach im Schiff zu König Gunther und seinen Gesellen: »Hört mich wohl an. Diese Frau ist von so unbändigem Stolze, daß sie nur Könige und Lehnsmannen kennt. Würde ich gleichberechtigt mit Gunther vor ihr erscheinen, ich fürchte, sie wird an des Königs Macht und Ansehn [79] zweifeln. Deshalb will ich mich meiner Stellung, die mir meine königliche Geburt zuweist, begeben und als ein Lehnsmann König Gunthers auftreten. Das wird seinen Glanz vor ihr erhöhen.«
Darüber waren die Herren froh und lobten Siegfried sehr wegen seiner Treue.
Und Siegfried sprach weiter: »Als ich den Drachen erschlug und Alberich bändigte, gelangte ich in den Besitz einer Tarnkappe, die mich unsichtbar macht, wenn ich sie trage. So werde ich denn, keinem Auge sichtbar, neben Gunther stehen und seinem Arme helfen, Brunhild in den Kampfspielen zu besiegen. Es könnte sonst leicht König Gunthers und unser aller Leben kosten.«
Da wurde König Gunthers Herz leicht, und er dankte Siegfried mit beredten Worten.
Schon schritt die schöne Brunhild mit ihrem Gesinde aus dem Burgtor hervor und nahm den Weg zum Hafen, als das Schiff den Anker warf. »Bei Gott,« sagte Gunther und atmete tief, »die Kunde [80] hat nicht übertrieben. Nie sah ich ein herrlicher Weib.«
Starke Bretter schob Siegfried vom Schiffsrand ans Land. Und er nahm zuerst König Gunthers Roß, führte es hinüber und hielt wie ein Lehnsmann den Steigbügel, als König Gunther sich in den Sattel schwang. Dann erst holte er sein Roß Grane und stieg mit Hagen und Dankwart zu Pferde.