Carlos und Nicolás
von
Rudolf Johannes Schmied
Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von
Georg Walter Rößner
Verlegt bei Erich Reiß, Berlin
Copyright 1909 by Erich Reiß, Verlag
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
Inhalt
| Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien | |
| Die Boleadoras | [9] |
| Der Chinese | [19] |
| Das Brüderchen | [25] |
| Die Tigerjagd | [29] |
| Herr Dr. Bürstenfeger | [35] |
| Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger | [41] |
| Die Reise nach Mendoza | [50] |
| Die Stadt Mendoza | [54] |
| In den Kordilleren | [60] |
| Nach Paraguay | [70] |
| Paraguay | [77] |
| Die Revolution | [84] |
| Carlos und Nicolás auf dem Meere | |
| Auf dem großen Meer | [97] |
| In der Bai von Rio | [104] |
| Rio de Janeiro | [108] |
| Nach der Alten Welt | [121] |
| Europa | [145] |
Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien
Ines Wolff
zugeeignet
Die Boleadoras
Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein hungriger Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen und Pferden, das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen unterbrechen die Monotonie der Pampa.
Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie waren Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs.
Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen Köpfen, standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an einer Weide angebunden.
Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können. Carlos hatte dabei seine Boleadoras verloren.
„Schenke mir deine Boleadoras[1], und ich tausche mein Pferd mit deinem“, sagte Carlos.
Carlos’ Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war es immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht den Kopf zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte nicht die böse Gewohnheit, nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß. Auch wußte es geschickt die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher der Tucatús zu umgehen, die Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht hatten.
Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe und gab keine Antwort.
„Du kriegst meinen Sattel dazu“, fuhr der Bruder fort.
„Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?“ fragte Nicolás begierig.
„Sehr viel“, antwortete Carlos. „Zu meinem Geburtstage schenkte er mir ein großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer Million Kühen. Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich werde hundert Soldaten mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei Tigerfelle bringe ich dir mit; ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein Landgut heißt Isla-Verde und liegt links neben dem Fluß. Aber weil du mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich dir das Landgut.“
Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von ihnen graste: „Die Schafe gehören mir.“ Er zeigte nach einem Baum, der sich einsam aus der Steppe erhob: „Von jenem Ombú an gehört alles Land mir, hundert Meilen weit bis nach Chile. Ich schenke es dir.“
Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu warten, ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und ritt hochaufgerichtet, die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon.
Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein Bruder sei, aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar armselige Boleadoras so viel Reichtum wegzugeben.
Eine geraume Weile lag er unbeweglich: „Du hast Landgüter, du hast Kühe und Pferde“, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all diese Herrlichkeiten an sich vorüberziehen. „Du hast einen Dampfer“, sagte er, die Augen öffnend, und sah nach dem Fluß hin.
Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden. Ganz lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht mehr.
Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er wußte, daß Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß es bald aus Paraguay zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen und mit dem Taschentuch winken.
Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen Einsamkeit allein mit seinem unendlichen Glück.
Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie unermeßlich reich er sei.
* *
*
Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem Herrschaftsgebäude und dann an dem Galpon vorbei.
Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit davon saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme.
Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die losen Zügel in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder zurück.
Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle.
Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor war Pferdebändiger auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das erschien ihr weit gefährlicher.
Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und begann sein Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und auf Hals und Kruppe tätschelte.
Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr.
Er war sehr ernst, beinahe feierlich.
„Juanita,“ begann er, „vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt, er ist der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos bekommen mit dem Silbergeschirr, mit den Betten und Stühlen und mit der Maschine. Ich habe mir ein Landgut in Paraguay erworben mit Millionen von Kühen und Pferden.“ Er zeigte nach dem Baume: „Von jenem Ombú an ist alles Land mein bis nach Chile.“ Er zeigte nach der Schafherde: „Und auch die Schafe hier sind mein.“
Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte veränderte; bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln, rümpfte die Nase und wiegte den Kopf langsam hin und her.
Eine kleine Pause entstand.
Endlich sagte sie: „Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der Tridente dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe dein sind; die Schafe gehören meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist, gehören sie meiner Mutter, und wenn meine Mutter tot ist, gehören sie meinem Bruder und mir.“
Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger in ihm auf.
„Was mein ist,“ antwortete er, „hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört. Papa und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen. Onkel Paulus lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die Sachen gegeben, er darf es.“
„Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die Schafe, die gehören meinem Vater.“
„Meinetwegen,“ sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, „die Schafe sollen deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt haben. Gefallen mir einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder verkaufe sie und gehe nach Europa und kaufe mir die großen Wälder. Weißt du, was Wälder sind, Juanita?“
„Nein“, sagte sie.
„Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine gibt. In Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas. Die Wälder sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die beieinander sind. Man kann tagelang darin reisen, die Bäume ragen beinahe bis zum Himmel.“
„Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und bleibe eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch. Gibst du dir Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so vorkommen. Das hat mich Onkel Paulus gelehrt.“
Juanita verharrte eine Weile schweigend.
Schließlich sagte sie: „Beug’ du dich doch zuerst herab, und wenn du einen Wald siehst, so sage es mir.“
Sogleich kniete Nicolás nieder.
Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut auflachen, denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung komisch.
Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber richtete er sich auf und sagte ärgerlich: „Ich begann schon die Wälder zu sehen, aber durch dein Lachen hast du mir alles verdorben.“
Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht.
„Beug’ dich herab, Juanita,“ beharrte er, „bleibe eine Weile ruhig, denke immer an die Wälder, und du wirst sie sehen.“
Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der richtige Glaube fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien.
Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf, kniete nieder und blieb eine Zeitlang still.
Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen.
Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: „Ich sehe nichts.“
Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken.
Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt.
„In Europa“, hub er an, „ist es schöner als hier, durch die Straßen fließen Ströme. Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und blau; an allen Häusern sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf einem Bilde gesehen. In Europa gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie fahren auf goldenen Booten und sind die reichsten Leute der Welt. Wenn die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen sie stehlen, habe ich schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie bekommen alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene Haare und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler, die man Falken nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen zusammen in Palästen, die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das Meer, und das ist der größte Strom von allen. Auf dem Meere fahren die größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind darauf, um gegen die Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita, der viel Geld und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten von Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als mächtigen Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren goldenen Booten empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und spielen auf goldenen Harfen.“
Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte.
Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder Unglauben noch Erstaunen.
Etwas gereizt fuhr er fort: „Wenn ich will, kann ich die Töchter der Könige heiraten, und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde ich anfragen, nur beim König eines großen Landes, das Paris heißt, nicht. Gegen diesen werde ich Krieg machen, denn er ist der Mächtigste, und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert erschlagen habe, kann ich, wenn ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. Sag’ mal, Juanita,“ sagte er, seine Stimme erhebend, „möchtest du Königin von Paris werden?“
Es entstand eine Pause.
„Ph,“ sagte sie, „ich möchte schon.“
„Gut,“ antwortete Nicolás „du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin bist, meine Frau zu werden.“
„Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein“, sagte sie und zuckte die Achseln.
„Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir einen Kuß geben.“
„Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles, was du erzählst, ist ja Lüge“, meinte sie, die Nase rümpfend.
„Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn. José war König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er nicht Knecht zu sein brauchte.“
„Meinetwegen, gehen wir zu ihm“, sagte sie und lächelte ziemlich überlegen.
José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand dicht beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer auf Eimer über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu fluchte er, denn jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er aber den Schecken, seiner heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen war, sich auf der Erde zu wälzen.
Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone, der keine Widerrede litt: „Nicht wahr, José, du warst früher König von England?“
Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem Auflachen: „Natürlich war ich König von England, corpo di Dio, war das eine fröhliche Zeit, damals, als ich noch König von England war!“ Bei diesen Worten gab er dem Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den grausamen Umschwung der Dinge vergelten lassen.
„Siehst du, Juanita“, sagte Nicolás, „José war König von England. Gehen wir jetzt.“
Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: „Jetzt müssen wir uns verloben“ und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als sie an die Stelle gelangt waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie feierlich auf den Mund.
„Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris“, sagte er. Er sah sie leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder, und stieg zu Pferd.
Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon.
Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken wischte sie sich die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß zurückgelassen hatte.
* *
*
Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er war beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm geschlachtet. Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen.
Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem langweilten ihn bereits die Boleadoras.
Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und ließ es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand, in sein und seines Bruders Schlafzimmer.
Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht.
„Wo warst du?“ fragte Nicolás.
„Bei Eusebio.“
„Freuen dich die Boleadoras?“
Carlos gab keine Antwort.
„Was hast du?“
„Nichts“, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus.
Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht aus.
„Nicolás!“ rief er plötzlich.
„Was?“
„Bah!“ sagte Carlos und drehte sich im Bett um.
Es herrschte Stille.
Und nochmals: „Nicolás!“
„Was willst du denn?“
Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: „Ich meinte nur ...“ und dann: ... „die Boleadoras sind wieder dein.“
Die Knaben schwiegen.
Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: „Die Boleadoras sind dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht geschenkt; daher durfte ich sie dir nicht schenken.“
Wieder herrschte Pause.
„Also hast du mich angelogen“, tönte es von Nicolás’ Bett tief enttäuscht zurück.
„Ja, ich habe dich angelogen“, antwortete Carlos etwas erleichtert.
„Warum hast du mich angelogen?“
„Weil ich die Boleadoras haben wollte“, kam es zerknirscht zurück.
Nochmals Pause.
Nicolás raffte sich auf: „Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?“
„Ich schwöre es.“
„Küß’ das Kreuz!“
Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: „Te juro, que Dios me castigue.“
„Hast du wirklich das Kreuz geküßt?“ fragte Nicolás mißtrauisch, denn er konnte es der Dunkelheit wegen nicht sehen.
„Ja“, sagte Carlos.
„Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht wahr ist?“
„Ich schwöre es“, antwortete Carlos.
Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen.
Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren Trostlosigkeit: Keine Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die Wälder von Europa kaufen, niemals würde er den König von Paris bekriegen dürfen und Juanita würde niemals seine Frau.
Er versank in tiefes Grübeln.
Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief schon lange.
Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die Augen treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen.
Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er schließlich Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine grüne Eisenbahn hervor: eine Lokomotive mit drei Waggons.
Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band ihn an den Schornstein der Lokomotive.
Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn im Kreise laufen.
Und das war seine Erlösung.
Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein.
Der Chinese
Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und Tiere der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang zurück, einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie stellten Fallen im Hof auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen Tiere vernachlässigten und vergaßen sie die alten. Einmal brachen die meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon übernachtet, eine Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde Carlos und Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um sie kümmerten.
Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa geritten. Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach einem Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde ließen die Köpfe hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die Sättel lagen beinahe auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum näherten, sahen sie dort einen seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm gelehnt. Statt eines Rockes oder Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel, der ihm bis an die Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein rotes Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war, sondern eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen Zopf.
„Das ist komisch“, sagte Carlos und lachte.
„Sehr komisch“, sagte Nicolás und lachte auch.
Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau.
„Ein Chinese!“ sagte Carlos und erbleichte.
„Ein Chinese!“ sagte Nicolás und erbleichte auch.
Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen auf Bilderbogen gesehen hatten.
Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne merkliches Erstaunen an.
Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese Menschen seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco. Aber sie ermannten sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen feig erscheinen; und dazu blinzelte und lächelte der Chinese so gemütlich und Vertrauen erweckend, daß Flucht den Knaben doppelte Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, dachten sie.
„Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?“ fragte er endlich. Seine Stimme klang sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul.
„Wir schauen dich nicht an“, sagte Carlos und starrte fortwährend auf ihn.
„Seht mir diese Knaben!“ Der Chinese lachte und schlug sich auf die dicken Schenkel; das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß auch Carlos und Nicolás in Lachen ausbrachen.
„Was hast du in deinem Bündel?“ fragte Carlos nach einer Weile.
„Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.“
„Weite Reisen?“
„Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine Herrschaft hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch ausgezogen. Könnt ihr einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?“
„Nein“, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke: „Wir können dir aber eine andere Stelle verschaffen.“
„So. Eine andere Stelle? Und die wäre?“
„Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will Mama sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere pflegen?“
„Gewiß; aber was für Tiere sind’s, ihr lieben kleinen Knaben?“
„Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.“
Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast, rückten dann die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen zu Pferd. Der Chinese saß bei Nicolás hinten auf.
„Wie ist denn dein Name?“ fragte Carlos; „denn wenn wir jetzt zu Mama gehen, um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du heißt.“
Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben brachten immer nur Bichuante heraus.
„Nennt mich nur immerhin Bichuante!“ meinte der Chinese.
Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein. Von irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen Aufzug mit offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des Hauses. Carlos sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter.
Sie saß im Musikzimmer am Klavier. „Mama,“ schrie er, „wir haben einen Chinesen mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!“
„Was habt ihr mitgebracht?“ Sie unterbrach ihr Spiel.
„Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.“
„Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?“
„Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.“
Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und zeigte nach unten: „Dort ist er.“
Wahrhaftig: es war ein Chinese. „Das ist schon euer verrücktester Einfall!“ sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu behalten.
Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und gründlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und wirtschaftete. Weiß gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder herunter. Er grub für das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher hatte es sich mit einem Tümpel begnügen müssen, der nach einer halben Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh lief ihm nach. Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders Nicolás.
Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie lachten über ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. Namentlich aber fürchtete er José. Als er einmal an der Küche vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner sagte, er wolle den Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein Wort darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben der Josés), verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich ein.
Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch er sogar den Schecken des Verwalters. Als José das sah, war er gleich darauf bedacht, ihm nach Kräften von seiner Arbeit aufzubürden, und seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete alles, still, ohne zu klagen.
Manchmal, wenn er sich freimachen konnte, saß er gegen Sonnenuntergang mit den Knaben auf der Weide im Grase. Ein leichtes Lächeln lag auf seinen Lippen, er pflückte eine Blume, besah sie aufmerksam und murmelte leise etwas vor sich hin. Carlos und Nicolás rückten ganz nah an ihn heran, um zu hören, was er sage. Dann baten sie: „Sprich jetzt mal ganz laut auf Chinesisch.“ Der Bichuante zog die dünnen Augenbrauen in die Höhe, bewegte den Kopf langsam hin und her und sagte einige Sätze, worüber die Kinder laut auflachen mußten.
„So, jetzt sprich wieder die christliche Sprache“, sagte Carlos; denn er wußte von den Gauchos: alles, was nicht spanisch ist, ist auch nicht christlich. Dann mußte der Bichuante Purzelbäume schlagen. Das konnte er wie kein anderer. Nicolás umarmte ihn und gab ihm lautschallende Küsse auf beide Backen. Aus Dankbarkeit, denn den ganzen Tag hatte er sich auf diese Purzelbäume gefreut. Und dann saßen sie wieder im Gras beieinander.
Der Bichuante stand auf und schlich auf den Zehenspitzen einem Schmetterling nach; ohne eigentlichen Grund, aus unbegreiflicher Freude. Der Schmetterling setzte sich auf eine Blume, klappte die Flügel auf und zu; aber sobald der Bichuante sich genähert hatte, flog er wieder auf und setzte sich auf eine andere Blume. Der Chinese blieb in behutsamer Entfernung von ihm stehen und ahmte mit Daumen und Zeigefinger den Flügelschlag nach, ganz erstaunt, als hätte er nie in seinem Leben einen Schmetterling auf einer Blume gesehen.
„Wie merkwürdig ist doch so ein Chinese!“ sagte Nicolás zu Carlos.
Einmal hatte Nicolás, ohne etwas Böses zu denken, den Bichuante am Zopf gezogen; da hatte ihn der Chinese sehr ernst und traurig angeschaut und gesagt: „Tu’ das ja nie wieder, mein Liebling!“ Nicolás erschrak. Auch freute es den Chinesen nicht, wenn die Kinder den Ponnys Zöpfe flochten, wie es am Samstagabend geschah, damit die Pferde gewellte Mähnen hätten, wenn man am Sonntag zu den Wettrennen der Gauchos ritt. Merkwürdig, dachte Nicolás; er fand manches an dem guten Bichuante merkwürdig ...
Die Eltern der Knaben waren auf einige Zeit nach Buenos Aires verreist. Die Kinder blieben unter der Obhut des Verwalters, eines sehr strengen Franzosen, der selbst einmal ein großes Gut gehabt hatte. Er kümmerte sich äußerst gewissenhaft um die Wirtschaft und alle fürchteten ihn. Der Bichuante hatte mehrmals in der Küche mithelfen müssen und da war sein Kochtalent in vollem Glanz sichtbar geworden. Der Franzose hielt auf gute Küche. Er entließ ohne weiteres den alten Koch und erhob den Chinesen auf diesen Posten. Der Bichuante erhielt einen weißen Rock, eine weiße Schürze und eine weiße Mütze und war mit einem Schlag eine Respektsperson unter den übrigen Dienstboten. Das war ein Triumph für Carlos und Nicolás, und ihre Dankbarkeit und Verehrung für den Verwalter kannte keine Grenzen.
Sechs Wochen waren vergangen; es war an einem außergewöhnlich heißen Tage, der Chinese stand in der Küche und bereitete den Teig für die Nachtischpasteten. Carlos und Nicolás schauten ihm zu. Weil die Hitze geradezu unerträglich war und der Chinese, seit er seine neue Stelle bekleidete, viel dicker geworden war, beschloß er, um sich Luft zu machen, Rock und Hemd abzulegen. Carlos und Nicolás halfen ihm dabei unter Freudengeschrei.
„Nie hätte ich geglaubt, daß du einen so dicken Bauch hast“, sagte Carlos und klopfte ihm auf den Leib.
Aber ein unendlicher Jubel brach aus, als der Bichuante, um sich ein Späßlein zu erlauben, zwei Hände voll Teig nahm und, sich ein wenig nach hinten beugend, ihn auf seinem nackten Leib zu kneten begann. „Bravo!“ riefen die Knaben, umtanzten ihn und schüttelten sich vor Lachen. Und der Chinese stand da, von Fliegen umsummt, grinste und knetete weiter. Dann wurde der Teig auf dem Tisch ausgerollt und die Pasteten geformt und gefüllt.
„Das ist meine Pastete“, sagte Carlos und machte in die größte ein Loch mit dem Zeigefinger. „Und die ist meine“, sagte Nicolás und machte ein Loch in die zweitgrößte. Dann wurden die Pasteten in den Ofen geschoben.
Einige Stunden später saßen Carlos und Nicolás mit dem Verwalter bei Tisch. Die Suppe und der Puchero, die Carbonado und der Asado wurden gebracht; zum Schluß kamen die Pasteten ...
„Ach,“ sagte der Verwalter, „die Pasteten sind heute wirklich ganz ausgezeichnet!“
Carlos würgte, denn er hatte den Mund voll und wollte antworten. „Warum sind sie so gut?“ sagte er, mit vollen Backen kauend; „weil der Bichuante den Teig auf seinem nackten Bauch geknetet hat. So macht man’s in seiner Heimat und dann werden die Pasteten sehr gut.“
„Was hat er getan?“ fragte der Verwalter betroffen.
„Er hat Rock und Hemd ausgezogen und hat den Teig auf seinem nackten Bauch gerieben“, sagte Carlos arglos; und er sprang auf, beugte sich etwas rückwärts und ahmte den Chinesen nach. Der Verwalter gab keine Antwort ... Er schob seinen Teller weg und drückte auf den Knopf einer Klingel ...
Eine Viertelstunde später hingen Carlos und Nicolás weinend am Hals des Chinesen; der Bichuante mußte fort. Die Knaben wußten: der Verwalter hat sein letztes Wort gesprochen.
„Warum hast du das von den Pasteten erzählt, Carlos?“ heulte Nicolás.
„Ich wußte doch nicht ...!“ Carlos konnte nicht weiter. Er drückte sein Gesicht auf den Hals des Chinesen, der ganz naß von Tränen war.
„Der Bichuante muß jetzt fort ...!“ Nicolás’ Stimme schnappte über, er gluckste und hustete.
„Geh’ nicht fort, Bichuante!“ heulte Carlos.
„Weinet nicht, ihr Buben,“ sagte der Chinese, der seine Rührung niederzwang; „weinet nicht, seid Männer!“
Carlos und Nicolás trockneten sich die Augen und schneuzten sich. Sie sahen einander an, ein Beben ging über ihre Züge und wieder brachen sie in Tränen aus.
Am nächsten Morgen war der Aufbruch.
Carlos und Nicolás sattelten ihre Ponnys; der Chinese saß bei Nicolás hinten auf. Man ritt in der Richtung des Ombús; dort wollte man Abschied nehmen, denn dort hatte man sich einst gefunden. Auf des Chinesen Gesicht lag ein ruhiges, resigniertes Lächeln. Carlos und Nicolás weinten leise. Der Bichuante redete ihnen zu: „Ruhig, ruhig, ihr Buben, seid Männer!“
Als sie vor dem Ombú angekommen waren, stieg der Chinese vom Pferd. Er umarmte Carlos und Nicolás; auch sie schlangen ihre Arme um seinen Hals und küßten ihn auf den Mund.
Dann, wie auf Verabredung, wandten sie die Pferde (denn sie wollten als Helden scheiden) und ritten im Galopp, laut heulend, nach dem Gut zurück.
Das Brüderchen
Am Morgen waren Carlos und Nicolás mit ihren Eltern aus Buenos Aires zurückgekehrt, es war Nachmittag, sie ritten in der Pampa spazieren. Carlos hielt im Arm einen kleinen weißen Seidenpintscher, den er vor vierzehn Tagen geschenkt bekommen hatte.
Sie kamen bis vor die einsame Hütte des Puesteros Eusebio und sahen sein sechsjähriges Söhnchen Miguelito, das nahe bei der Schwelle stand und eine niedrige Holzwiege wiegte, in der ein Säugling lag. Er lag festeingewickelt, konnte weder Arme noch Beine bewegen und schrie.
Der Pintscher spitzte die Ohren nach der Wiege und bellte feindselig.
„Ist das dein Brüderchen?“ fragte Carlos ganz erstaunt.
„Ja!“ sagte Miguelito und sah mit leuchtenden Augen nach dem Pintscher.
„Seit wann hast du dieses Brüderchen?“ fragten Carlos und Nicolás zugleich.
„Weiß nicht“, antwortete Miguelito. „Vor einigen Wochen brachte mich abends der Vater zu Don Ignacio, und als ich am Morgen wieder hier war, war das Brüderchen da.“
Nicolás ritt ganz nahe an die Wiege heran, um sich das Kind genau zu betrachten.
Miguelito blickte unverwandt den Pintscher an und fragte: „Seit wann habt ihr dieses Hündchen?“
„Ich habe es von Papa geschenkt bekommen“, antwortete Carlos.
„Wie heißt dein Brüderchen?“ fragte er nach einer Weile.
„Pepito.“
Was ist das für ein schönes Brüderchen! sagte sich Carlos, und es entstand ein Gedanke in ihm, den er aber kaum auszudenken wagte.
Doch er ließ ihm keine Ruhe und zaghaft fragte er: „Gefällt dir mein Hündchen?“
„Ja!“ sagte Miguelito und war ganz verklärt.
„Er heißt Blanco“, antwortete Carlos, „und wenn du seine Wolle berührst, ist sie wie Seide. Da, fühle doch!“
Und er beugte sich herab und hielt ihm das Hündchen hin: „Ist das nicht schön?“
„Sehr schön!“ erwiderte Miguelito.
Carlos stieg behend vom Pferd und sagte: „Jetzt werde ich dir was zeigen.“
Er bückte sich, streckte den Arm aus und rief: „Hops!“
Blanco sprang über seinen Arm.
„Hops!“ rief Carlos, und Blanco sprang zurück.
Miguelito klatschte selig in die Hände.
„Und jetzt, Blanco, aufwarten!“ befahl Carlos.
Blanco setzte sich auf die Hinterbeine, bewegte die Pfoten und Miguelito jubelte.
„Wenn du mir dein Brüderchen gibst, gebe ich dir mein Hündchen!“ sagte Carlos.
Miguelito war einige Sekunden unschlüssig, dann aber siegte die Versuchung, er ging nach der Wiege und bat Carlos, ihm zu helfen, das Kind herauszuheben.
Darauf bestieg Carlos sein Ponny, und Miguelito und Nicolás reichten ihm Pepito hinauf.
Carlos und Nicolás aber machten, daß sie schnell fortkamen, denn sie fürchteten, den andern würde der Tausch bald reuen.
Carlos hielt das Kind vor sich auf dem Sattel wie ein Bündel, sie ritten im Trab, mußten aber gleich halten, denn es wäre beinahe heruntergefallen.
Sie ritten im Schritt weiter und nach einiger Zeit wollte Nicolás es tragen.
Wieder hielten sie an und Carlos reichte es ihm hinüber, was nicht ohne Lebensgefahr war für den kleinen Pepito.
Nach zehn Minuten beschlossen sie abzusteigen, denn er war nicht leicht zu tragen, außerdem schrie er immerfort aus Leibeskräften.
Carlos sprang vom Pferd, nahm seinem Bruder das Kind ab und legte es sacht auf die Erde.
Darauf pflückten sie zusammen Gräser, machten daraus ein weiches Bett und legten es hinein. So würde es sich beruhigen.
Und wirklich, es dauerte nicht lange und das Kind war eingeschlafen.
Nicolás kniete neben ihm und betrachtete es voller Andacht, er beugte sich ganz nahe herab, um seinen Atem zu hören.
„Kann man wohl die Stelle sehen, wo ihn der Storch gehalten hat?“ fragte er Carlos.
„Niemals!“ antwortete Carlos, „denn da müßte er ihm ja wehe getan haben! Außerdem ist es gar nicht gesagt, daß ihn der Storch gebracht hat. Zenobia hat ihr Baby in einem Eimer gefunden, als sie aus der Zisterne Wasser schöpfte.“
„Aber da hat doch alles gelacht in der Küche, wie sie das erzählte“, erwiderte Nicolás.
„Vielleicht hat sie gelogen“, meinte nachdenklich Carlos. „Aber das weiß ich, man findet ganz sicher die Kinder in den Lagunen, und die bringen dann gewöhnlich die Störche. Auch sind sie manchmal in Straußeneiern, und man muß die Eier dann zerschlagen.“
Die Knaben schwiegen, Nicolás kaute an einem Grashalm; schließlich fragte er: „Sag mal, Carlos, glaubst du, daß wir vielleicht auch ein Brüderchen finden könnten, wenn wir in der Lagune suchten, oder wir zerschlügen Straußeneier; denn weißt du, Carlos, ich habe vorhin nachgedacht, so ganz ist doch nicht Pepito unser Brüderchen, wie ich dein Bruder bin, und du mein Bruder bist, Miguelito hat ihn doch für den Blanco vertauscht.“
Carlos hatte darüber nicht nachgedacht, aber was ihm sein Bruder eben sagte, leuchtete ihm ein.
„Weißt du was“, sagte er, „reiten wir nach der Lagune und suchen wir — wenn wir nichts finden, suchen wir Straußeneier!“
Nicolás war einverstanden, sie stiegen auf ihre Ponnys und ließen den schlafenden Pepito so lange allein.
Die Lagune war nicht weit; als sie angesprengt kamen, entstand eine Bewegung. Die Kibitze schrieen, die Enten erhoben sich schnatternd, ein paar Störche schlugen mit den Flügeln und klapperten zu den Knaben hinüber. Ein einsamer Reiher nur suchte unbekümmert weiter nach Fröschen.
Carlos sagte zu seinem Bruder: „Höre mal, Nicolás, ich werde in der Lagune suchen und du wirst Straußeneier suchen, so stört keiner den andern!“
Sie stiegen ab, Carlos zog Schuhe und Strümpfe aus und watete im Wasser.
Nach einer Weile rief Nicolás hinüber: „Hast du was gefunden, Carlos?“
Carlos antwortete nicht, er starrte krampfhaft nach dem Grunde, er glaubte, ein kleines Kind zu sehen.
Lange suchten sie, aber sie fanden kein Brüderchen.
Nicolás stand vor zwei zerschlagenen Straußeneiern, von plötzlicher Melancholie befallen.
„Wir haben kein Glück“, sagte Carlos sehr niedergeschlagen, und sie kehrten zu Pepito zurück.
Er schlief nicht mehr, er lag da mit großen offenen Augen, den Blick ernst staunend zum Himmel gerichtet, und um ihn herum weideten Strauße, Hirsche, Rinder und Pferde.
Carlos und Nicolás hoben ihn auf und ritten zum Puestero zurück.
Sie hatten beschlossen, es Miguelito wieder zurückzubringen, weil es doch sein Brüderchen war.
Miguelito kauerte vor der Hütte, der Tausch hatte begonnen, ihn zu reuen, auch hatte ihn Blanco in den Finger gebissen.
Er nahm Pepito in Empfang, Carlos hielt wieder seinen Hund im Arm ...
Kurz nachher kehrten der Vater und die Mutter zurück ...
Die Sonne ging unter, die Herden trieben heim nach ihren Hürden, unter dem Ombú vor der Hütte saß der Gaucho Gonzales und sang laut ein melancholisches Steppenlied.
Carlos und Nicolás schauten der Mutter zu, wie sie ihr Kind säugte.
Die Tigerjagd
Der Paraná war weit aus seinen Ufern getreten; die Überschwemmung nahm zu, bald war das Land bis dicht an die Parkanlagen unter Wasser. Wipfel von Weidenbäumen bezeichneten die Stelle, wo früher das Ufer gewesen war ...
Im Norden von Argentinien hatten große Regengüsse stattgefunden, auf schwimmenden Inseln war Getier aller Art heruntergeschwemmt worden, und nun wimmelte es hier von einer unbekannten Fauna, von seltsamen Wat- und Schwimmvögeln, Amphibien und Säugetieren.
Eines Nachts vernahm man, nicht sehr weit vom Hause, in der Richtung des Stromes, das Brüllen eines Jaguars. Durch die Herden ging eine Bewegung, trotzdem es ein unbekanntes Ereignis war. Die Pferde in ihren Umzäunungen erbebten; viele, die gelegen hatten, erhoben sich, machten mit vibrierenden Nüstern ein paar Schritte und blieben dann schnaufend und den Kopf emporgereckt stehen.
Zenobia, die Mulattin, spazierte mit ihrem Liebsten, dem Stallknecht Ramon, in einiger Entfernung vom Hause. Auch sie blieben stehen und horchten entsetzt auf.
In der Küche, wo noch ein Teil der Dienstboten versammelt war, reckte man die Hälse, der Papagei, der nicht schlafen konnte, weil es hell war, schrie „Caramba!“
Auch Carlos und Nicolás hatten das Brüllen gehört. Sie befanden sich oben in ihrem Zimmer und waren eben zu Bett gegangen. Nie in ihrem Leben hatten sie einen Jaguar brüllen hören, aber sie wußten gleich, was es war.
„Ein Tiger!“ rief Carlos und schnellte auf.
Auch Nicolás hatte sich erhoben.
„Was sagst du dazu, jetzt gibt’s auch Tiger hier!“ sagte Carlos.
Nicolás antwortete nichts vor lauter Ergriffenheit.
Nun schwieg auch Carlos und beide lauschten, ob er nicht zum zweitenmal brüllen würde.
Richtig, da brüllte er wieder.
Sie standen auf, traten ans Fenster und spähten, ob sie ihn vielleicht irgendwo sehen könnten, denn der Mond schien; aber es war zwecklos, er lag auf einer der nahen Inseln im Schilfe verborgen.
Carlos und Nicolás warteten, ob er sich nicht zum drittenmal hören ließe. Doch es blieb still.
Schräg vor ihnen am Himmel fiel langsam, einen langen Lichtstreifen hinter sich ziehend, ein Meteor zur Erde.
Carlos ergriff Nicolás Hand und die Knaben starrten in der Richtung.
„Hast du dir was gewünscht?“ fragte Carlos mit unterdrückter Stimme.
„Daß wir den Tiger erlegen!“ antwortete der jüngere Bruder.
„Das gleiche habe ich mir von ganzer Seele gewünscht!“ antwortete der andere. Dann schwiegen sie wieder.
Endlich sagte Carlos: „Sieh, Nicolás, nun kann es nicht fehlen, wir werden den Tiger schießen. Morgen gehen wir zum Capataz und er muß uns seine Flinte leihen, und wenn ich acht Jahre alt bin, muß Papa mir eine kaufen.“
Sie blieben noch lange am Fenster, da sie viel zu aufgeregt waren, jetzt schon schlafen zu gehen. Dann aber lag Carlos noch lange wach im Bett auf dem Rücken, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und dachte an den Tiger ...
In der Frühe, wie sie aufstanden, war es bereits allgemein bekannt, daß sich in der Nähe ein Jaguar aufhielt.
Die Knaben gingen sofort zum Capataz, und Carlos sagte mit einer Miene, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Tiger gejagt: „Leihe uns deine Flinte, wir fahren nach den Inseln und wollen den Tiger töten!“
Der Capataz brach in Lachen aus: „Ich werde euch Flinte geben!“ und machte eine Handbewegung durch die Luft.
Sie gingen mit ihrem Gesuch zu anderen Leuten, die ein Gewehr hatten, wurden aber überall gleich höhnisch abgewiesen.
Nachmittags hörten sie, der Capataz und viele andere seien nach den Inseln gefahren, um den Jaguar zu töten. Abends aber kehrten sie unverrichteter Sache zurück.
Und es war ein Trost für die Knaben.
Nachts hörte man wieder den Jaguar brüllen. Aber am Morgen ganz in der Frühe weckte Carlos seinen Bruder: „Weißt du was, reiten wir zu Benito, er wird uns sicher sein Gewehr leihen.“
Benito war Capataz auf dem Nachbargut und ein guter Freund von ihnen.
Es waren jedoch sechs Meilen bis zu ihm und mittags wollten sie wieder zurück sein.
In gestrecktem Galopp, mit kurzen Unterbrechungen, ritten sie die Hälfte des Weges, ließen die Pferde ausschnaufen und machten dann gleich schnell die zweite Hälfte.
Benito war mit einigen Knechten draußen bei den Herden, beschäftigt, neugekauften Rindern die Marke aufzudrücken.
Auf Feuern, die in Abständen brannten, glühten die Eisen.
Die Tiere wurden mit dem Lasso gefangen, zu Boden geworfen und dann brannte man ihnen die Namenszeichen des neuen Besitzers auf die Seite.
„Leih uns dein Gewehr!“ rief Carlos, im Galopp auf Benito zureitend, der neben einem niedergestreckten Stier stand.
Carlos sprang vom Pferd und umarmte seinen Freund: „Gib es uns, wir wollen einen Tiger schießen!“
„Tiger?“ lachte der Capataz, denn er wußte nicht, daß ein Jaguar heruntergeschwemmt worden war, „die gibt es nur im Norden in Chaco!“ und war nicht zu bewegen, ihnen das Gewehr zu leihen.
Nachts stand Carlos in seinem Zimmer im Hemd am Fenster und brütete: am Ende existiert der Tiger nicht mehr? Vielleicht hat man ihn heute geschossen?!
Nicolás lag im Bett, hatte bereits begonnen, sich in das Unvermeidliche zu fügen und sprach zu seinem Bruder: „Nimm es nicht so schwer; wenn wir groß sind, gehen wir nach dem Gran Chaco und töten viele Tiger.“
Das war aber kein Trost für Carlos. Nicolás war eingeschlafen; Carlos lag am Fenster und brütete.
Plötzlich ergriff er seinen Bruder am Arm und rüttelte ihn:
„Hast du gehört?! Er lebt, da brüllt er wieder!“
Das Brüllen kam von ganz fern, das viele Schießen hatte den Jaguar vertrieben.
„Da brüllt er wieder!“ murmelte Nicolás schlaftrunken und schlief wieder ein.