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Ludwig Tieck.
Erinnerungen
aus dem
Leben des Dichters
nach dessen
mündlichen und schriftlichen Mittheilungen
von
Rudolf Köpke.
Ludwig Tieck.
Erster Theil.
Ludwig Tieck.
Erinnerungen
aus dem
Leben des Dichters
nach dessen
mündlichen und schriftlichen Mittheilungen
von
Rudolf Köpke.
Erster Theil.
Leipzig:
F. A. Brockhaus.
1855.
Inhalt des ersten Theils.
| Seite | |
| Vorwort | [VII] |
| Erstes Buch. Jugendbilder. 1773–1792. | [1] |
| 1. Das Vaterhaus | [3] |
| 2. Schule und Straße | [14] |
| 3. Die Breter, die die Welt bedeuten | [28] |
| 4. Der Genius | [37] |
| 5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch | [46] |
| 6. Jugendgefährten | [63] |
| 7. Kunstleben | [75] |
| 8. Ein Weltereigniß | [90] |
| 9. Verlust und Versuchung | [95] |
| 10. Dichter und Schriftsteller | [109] |
| 11. Der Abschied | [124] |
| Zweites Buch. Dichterleben. 1792–1800. | [127] |
| 1. Halle. Katheder und Offenbarung | [129] |
| 2. Göttingen. Studien | [145] |
| 3. Erlangen. Abenteuer | [154] |
| 4. Lebensaufgaben und Pläne | [172] |
| 5. Die Vaterstadt | [187] |
| 6. Der Altmeister und der junge Dichter | [198] |
| 7. Alte und neue Freunde | [218] |
| 8. Romantische Dichtungen | [236] |
| 9. Jena und Weimar | [245] |
| Drittes Buch. Kampf und Leiden. 1800–1819. | [269] |
| 1. Bewunderer und Gegner | [271] |
| 2. Zweifel und Verlust | [286] |
| 3. Ein alter Freund | [299] |
| 4. Ein Naturdichter | [309] |
| 5. Schmerz und Krankheit | [311] |
| 6. Der italienische Himmel | [317] |
| 7. Die Heimat | [327] |
| 8. Wanderleben | [337] |
| 9. Phantasus | [346] |
| 10. Auswanderung | [351] |
| 11. Visionen in Berlin | [358] |
| 12. Neue Freunde | [363] |
| 13. London und Paris | [371] |
| 14. Uebersiedelung | [382] |
Vorwort.
Jedes Jahr bringt neue Schriften, die es unternehmen, die reichste Zeit unserer dichterischen Literatur kritisch aufzuklären oder übersichtlich darzustellen, und jedes Jahr lichtet stärker die Reihen ihrer Theilnehmer und Zeugen. Der Bücher, welche über die neuere deutsche Poesie und ihre großen Charaktere reden wollen, sind immer mehr, der Menschen, welche aus eigener Anschauung davon reden können, immer weniger geworden. In den kritischen Gesammtausgaben, Varianten und Nachlesen, in den Erklärungen und Denkwürdigkeiten der Dichter hat sich bereits ein gelehrter Niederschlag jener vollen Bewegung angesammelt. Das lebendige Heute ist zum stillen Gestern geworden, von dem wir erzählen, damit der kommende Morgen, über dem eine andere Sonne scheint, sich seiner erinnern möge. Das sind die Zeichen der Zeit.
Die letzten Jahre haben wiederum zwei Männer mit sich genommen, welche Führer der romantischen Periode gewesen sind. Im Jahre 1853 starb Tieck, 1854 Schelling. Ihr Leben liegt abgeschlossen vor uns, und für den Dichter wie für den Philosophen der Natur beginnt die Geschichte. Dieses Buch ist dem Andenken Tieck’s gewidmet.
Ludwig Tieck gehört zu den hervorragendsten Erscheinungen unserer neuern Literatur, der eigenthümliche und selbständige Dichter neben und nach Goethe und Schiller, der Zeitgenosse und Freund großer und bedeutender Männer, der Mitstreiter merkwürdiger Kämpfe, der Zeuge aller folgereichen Wandlungen, welche der deutsche Geist seit dem Ausgange des vorigen Jahrhunderts erfahren hat. Als er starb, blickte er auf sechzig Jahre literarischer Thätigkeit zurück. Wie Klopstock und Wieland von Bodmer bis auf Tieck und Heinrich von Kleist, wie Goethe von Gottsched und Klopstock bis auf Heine und Börne, so reichte sein Leben von dem Jahre, wo der „Götz von Berlichingen“ erschien bis auf Hebbel und Redwitz herab. Er war ein seltener und eigen gearteter Mensch, dessen Wesen man nicht besser bezeichnen kann, als mit dem Worte, welches er selbst oft anwandte: er hatte nicht nur gesehen, gehört, geschrieben und gedichtet, er hatte gelebt, in sich erlebt. Das Leben eines solchen Mannes erscheint merkwürdig genug, um auch die Erinnerungen zu sammeln, welche nicht unmittelbar in seinen Werken liegen.
Diese Aufgabe hat sich das folgende Lebensbild gestellt. Freilich sind ihm sehr fühlbare Schranken gesetzt, innerhalb deren es sich halten muß. Nicht etwa durch das, was ich von meiner Kenntniß Tieck’s zurückzuhalten hätte, dessen ist nur wenig, und dieses Wenige nicht eben erheblich; vielmehr sind es die Lücken dieser Kenntniß selbst, welche sich bemerklich machen. Die Grundlage der gegebenen Darstellung ist eine Reihe gelegentlicher mündlicher Mittheilungen Tieck’s, auf deren Vervollständigung aus andern Quellen, wenigstens für die frühern Abschnitte seines Lebens, nicht mehr zu rechnen ist. Es lebt Niemand mehr, der von Tieck’s Jugend, seinem Bildungsgange und ersten Eintritt in die Literatur aus eigener Erfahrung Kunde hätte; die Wenigen, welche von der Zeit der romantischen Dichtungen zu sagen wissen, lassen sich mit Namen aufzählen; in den Denkwürdigkeiten älterer Zeitgenossen erscheint er nur vorübergehend, und auch diese Andeutungen reichen kaum über den Aufenthalt in Jena zurück. Einige Mal erwähnt seiner Goethe in Briefen, Jahresheften, Kritiken und Gesprächen, dann Schiller, Fichte, F. Schlegel, Gries, Körner, Philipp Otto Runge, Solger, dieser allerdings ausführlich, Bettina in ihren Briefen, Steffens, Laun, Oehlenschläger, der Schauspieler Lange, Karl Förster, Carus, Holtei, Strombeck und Immermann in ihren Denkwürdigkeiten und Tagebüchern. Die letzten Fünf kannten ihn in der dresdener Zeit, die Andern begegneten ihm früher, doch fast alle erst in dem Lebensabschnitte zwischen Jena und Dresden. Zahlreicher sind die Berichte literarischer Touristen über einzelne Besuche bei Tieck und oberflächliche Berührungen mit ihm; sie gehören sämmtlich der spätern Zeit an. Nach diesen Angaben ein Bild zu entwerfen, ist nicht möglich; wer es dennoch unternehmen wollte, würde kaum einen matten Umriß erhalten.
Was Tieck’s Freunde so oft mit Bedauern ausgesprochen haben, kann auch hier nur wiederholt werden: er selbst hat keine Denkwürdigkeiten hinterlassen. Und warum gerade er nicht, in einer Zeit, die so manches Buch dieser Art aufzuweisen hat, in dem Vieles breit erzählt wird, was kaum des Erlebens, geschweige denn des Andenkens werth war? Warum er nicht, bei seiner Schärfe und Feinheit der Beobachtung, bei dieser Meisterschaft der Charakteristik und Erzählung? Die Antwort auf diese Frage liegt in seiner eigensten Natur, in der Verkettung von Umständen, die manche seiner liebsten Pläne über die ersten Versuche der Ausführung nicht hinauskommen ließ. Er war durchaus frei von der eiteln Absichtlichkeit, die von Allem, was sie thut, auch von dem Kleinsten, der Welt glaubt Rechenschaft schuldig zu sein, die spricht, um von sich zu schreiben, und schreibt, um von sich sprechen zu machen. Solange er noch dichterisch schuf, und mit jeder neuen Erfahrung immer neue Gestalten in ihm aufstiegen, solange er mit zahlreichen Freunden in ununterbrochenem geistigen Austausche stand, war ihm die Gegenwart viel zu gehaltvoll und wichtig, als daß er von der Vergangenheit hätte ausführlich sprechen sollen. Dafür hatte er noch keine Ruhe gewonnen. Aeltere Freunde bezeugen, daß er in der frühern Zeit in Dresden nur selten, und zufälliger Veranlassung oder dringender Aufforderung folgend, auf seine jüngern Jahre zurückgekommen sei, und auch dann meistens nur kurz, ohne in genauere Schilderungen einzugehen. Er war darin vielleicht zu sorglos.
Dennoch konnten Anregungen, über einzelne Lebensabschnitte zu sprechen, nicht ausbleiben. Die nächste lag in seiner Dichtung selbst. Die Novellen enthielten überall Erlebtes, sie wurden mitunter zu persönlichen Bekenntnissen; die Gespräche im „Phantasus“, ein Theil der lyrischen Gedichte waren reich an einzelnen Zügen aus seinem Leben. Aber man mußte damit bereits vertraut sein, um die Denkwürdigkeiten in dieser Gestalt zu erkennen. Auch der Briefwechsel mit Solger, den er mit dessen Nachlaß herausgegeben hatte, enthielt manches merkwürdige Zeugniß über seinen Bildungsgang. Endlich begann er seine Schriften zu sammeln, eine Durchsicht derselben und ein Rückblick auf die Vergangenheit ward nothwendig. Zu manchen hatte er sich öffentlich nie bekannt, andere waren verschollen, andere gemisdeutet worden. Von einer Gesammtausgabe der Dichtungen ließ sich die Pflicht über ihre Entstehung, d. h. über einzelne wichtige Punkte seines Lebens Erläuterungen zu geben, kaum trennen. In den Jahren 1828 und 1829 schrieb er daher die Einleitungen zu dem ersten, sechsten und elften Bande der Schriften, die auch in dieser fragmentarischen Form für Theile seiner Denkwürdigkeiten gelten können. Nur sind sie mehr literarisch als rein historisch, sie schließen sich der aufgestellten Reihenfolge der Schriften an, welche nicht die chronologische ist, man bewegt sich daher mehr im Kreise, als daß man auf der geraden Linie der Lebensentwickelung fortschritte.
Nachdem Tieck das sechzigste Jahr zurückgelegt hatte, scheint ihm der Gedanke, sein Leben zum Gegenstande besonderer Darstellung zu machen, zum ersten Male näher getreten zu sein. Die früheste Andeutung findet sich 1838 in einem Briefe an seinen Bruder, den er auffordert, zu diesem Zwecke die Erinnerungen ihrer Kindheit und der spätern Jahre zu sammeln, und ihm die darauf bezüglichen Notizen zu übersenden. Die schiefen und einseitigen Urtheile, die er zu allen Zeiten erfahren hatte, die böswilligen Verdächtigungen, die abgeschmackten Märchen, die nicht ohne Erfolg über ihn in Umlauf gebracht worden waren, wollte er durch eine einfache Darstellung des Thatsächlichen widerlegen. Leider kam es nicht dazu, nicht einmal zu einer vorläufigen Sammlung des Stoffs für eine spätere Bearbeitung. Die ihm auch damals noch näherstehende dichterische Production, häusliches Unglück, Krankheit, der Wechsel des Wohnsitzes und altgewohnter Verhältnisse, Mangel an Entschluß traten hemmend entgegen. Dennoch lag ihm dieser Plan bis in die letzten Jahre am Herzen. Immer noch hoffte er auf den Augenblick, wo er sich kräftiger fühlen werde, und zur Ausführung schreiten könne. Früher als dieser Augenblick ist der Tod gekommen.
Zum Glück reicht Tieck’s Wort über das Grab hinaus. Er hinterließ ein Vermächtniß, das wenigstens einen theilweisen Ersatz gewährt. Mag dieser immerhin dürftig und mangelhaft erscheinen im Vergleiche mit dem, was Tieck selbst hätte geben können; er wird beachtenswerth, wenn man darin die Reste eines unwiderbringlich verlorenen Reichthums sieht.
Hier ist der Punkt, wo die eigenthümliche Beschaffenheit des Stoffs, der in diesem Buche niedergelegt ist, von meinen persönlichen Beziehungen zu Tieck zu reden gebietet.
Im Anfange des Mai 1849 hatte ich das Glück, ihn zum ersten Male zu sehen. Mit allgemeiner Spannung blickte man in diesen Tagen auf den Ausgang des revolutionären Kampfes in Dresden; die gemeinsame Theilnahme für dortige Zustände hatte mich zu ihm geführt. Die außerordentlichen Verhältnisse erleichterten die Bekanntschaft; man hatte damals das Bedürfniß, über gewisse Punkte, namentlich über die politischen Tagesfragen sich in der Kürze zu verständigen, und so erfolgte auch hier die Annäherung leicht. Mehr noch that Tieck’s wohlwollendes Entgegenkommen. Ich habe erfahren, was Alle erfahren haben, die ihm ohne vorgefaßte Meinung und ohne Ansprüche genaht sind. Seine edle Natürlichkeit und Unbefangenheit, die vollkommene Freiheit von Allem, was falscher Würde ähnlich sah, oder der Absicht, ein Uebergewicht fühlbar zu machen, seine Wahrheit und reine Güte, der einfache und geistig befreiende Ton seines Gesprächs, Alles trug dazu bei, die Fesseln der Zurückhaltung, durch die der Unbekannte dem berühmten Manne gegenüber sich leicht gehemmt fühlt, bald zu lösen. Aus den ersten Berührungen erwuchs ein Verkehr, der bis zu seinem Tode ohne Unterbrechung fortgesetzt wurde, der mich vier Jahre hindurch wöchentlich mehrere Male, zuletzt fast täglich, oft Stunden lang in sein Haus führte. Als die politische Spannung sich gelegt hatte, traten in der Unterhaltung immer mehr die Gedanken und Gegenstände hervor, welche die schönste Zeit seines Lebens erfüllt hatten, und auch jetzt noch seine wärmste Theilnahme besaßen. Es waren Dichtung und Literatur, die heimische wie die fremde, die vergangene wie die gegenwärtige, das Verständniß und die Kritik der Dichter und ihrer Werke, die Kunst, die Wissenschaft, und alle große Fragen, die vom Tage nicht abhängen, und stets neu erscheinen, weil sie uralt sind.
Bald nahmen diese Gespräche noch einen andern Charakter an. Unbemerkt gewannen sie die Farbe historischer Erinnerungen, deren Mittelpunkt Tieck selbst war. Zufällige Veranlassungen, naheliegende Erörterungen der Novellen oder der ältern Dichtungen leiteten zuerst darauf hin, einzelne Züge in leichten Andeutungen oder humoristischen Anekdoten mitzutheilen. Allmälig gestalteten sich diese Umrisse zu festern Bildern, besonders seit er die tödtliche Krankheit im Frühjahr 1851 noch einmal überwunden hatte. Jetzt wurden ihm diese Rückblicke auf die frühere Zeit fast zum Bedürfniß, und die mündliche Erzählung vor Zuhörern, von deren aufrichtigster Theilnahme er überzeugt sein konnte, ersetzte seinem Gefühle wenigstens entfernt, was ihm eine Aufzeichnung der Erinnerungen gewesen wäre. Absichtslos, wie Stimmung und Gedächtniß den Stoff zuführten, hatte er zuerst einzelne Punkte aus seinem Leben besprochen, nun begann er auf Ergänzung und Abrundung, und nach manchen Seiten hin auf eine gewisse Vollständigkeit zu denken. Endlich hatte er in mannichfach verschlungenen Episoden eine Reihe von Bildern aus seiner Jugendzeit, seiner Aeltern und Lehrer, Gefährten und Freunde, seiner innern Kämpfe, seiner Verbindungen mit den Dichtern des vorigen und des gegenwärtigen Jahrhunderts gegeben. Es waren gesprochene Novellen, ein unendlich reiches Leben entfaltete sich in ihnen, und wie überall bei ihm paarte sich auch hier der anmuthig spielende Scherz mit dem tiefen Ernste.
Wer den Zauber der Rede Tieck’s jemals selbst erfahren hat, wird es erklärlich finden, daß im Genusse des Augenblicks die schriftliche Aufzeichnung dieser Gespräche nicht der nächste Gedanke war. Doch gemahnt durch die wiederkehrende Todesgefahr, entschloß ich mich noch zu rechter Zeit zu dem schweren Versuche, der jetzt zur historischen Pflicht ward. Während der letzten zwei Lebensjahre Tieck’s habe ich alle wichtigen Unterhaltungen mit ihm aufgezeichnet, und es wird kaum einen bedeutendern Punkt geben, der in dieser Zeit nicht wiederholt zur Sprache gekommen wäre. Ich darf behaupten, daß durch den spätern Beginn der Aufzeichnung am Stoff nichts Wesentliches verloren gegangen ist. Auf Tieck’s Erzählungen selbst hat sie keinen Einfluß gehabt, er wußte nichts davon, der Gedanke einer künftigen Veröffentlichung dieser Gespräche lag ihm bis kurze Zeit vor seinem Tode fern. Sie waren durchaus unbefangen; von einer Absicht, einem bewußten Vorbereiten oder Zurechtmachen ist nie die Rede gewesen. Aber darum entbehren diese Erinnerungen nicht der Autorisation. Als ich mir im April 1853 die wachsende Todesgefahr nicht länger verhehlen konnte, ward es Pflicht, ihm eine vollständige Mittheilung über die niedergeschriebenen Notizen zu machen. Ich sagte ihm, daß ich diese kleinsten Theile seines Lebens aufgelesen und gesammelt hätte. Lächelnd erwiderte er: „Das freut mich zu hören. Sie sind ein wahrhafter Mann, und werden es so wiedererzählen, wie ich es Ihnen gesagt habe. Es werden dadurch viele Lügen widerlegt werden, die über mich in Umlauf gekommen sind.“ In diesen Worten liegt die Berechtigung der folgenden Darstellung. Ich habe sie als einen letzten Willen, als ein Vermächtniß angesehen, dessen Vollziehung für mich nicht allein zur Pflicht der Pietät, sondern auch der historischen Gerechtigkeit ward. So faßte er es selbst auf, und schloß die Augen in der Zuversicht, daß diese Erinnerungen ein Bild seines Lebens geben würden, wenn er selbst auch über diesen letzten Wunsch hinweggehoben sei.
Schon früher hatte Tieck die mündlichen Erzählungen in anderer Weise ergänzt. Lange beschäftigte ihn der Gedanke, eine Auswahl des reichhaltigen Briefwechsels herauszugeben, in dem er während eines langen literarischen Lebens mit den verschiedensten Männern gestanden hatte. Diese Sammlung, soweit sie ihn persönlich betrifft, beginnt mit dem Jahre 1792 und enthält der großen Mehrzahl nach Briefe, die an ihn gerichtet sind. In chronologischer Reihenfolge theilte er mir die einzelnen Bände mit zur Durchsicht und vorläufigen Bezeichnung des etwa Auszuwählenden. An jeden wichtigen Brief knüpften sich Erläuterungen und häufig neue Erzählungen. Dies war in den Wintermonaten von 1852 auf 1853. Als ich den letzten Band zurückzugeben kam, war er wenige Stunden zuvor gestorben.
So ist es zu verstehen, wenn ich dieses Buch „Erinnerungen aus dem Leben des Dichters nach dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilungen“ genannt habe.
Tieck’s Erzählungen waren nicht vollständig, aber durchaus glaubwürdig. Nicht von jedem Lebensabschnitte sprach er mit gleicher Ausführlichkeit und gleichem Behagen. Mit besonderer Vorliebe verweilte er bei dem Knaben- und Jünglingsalter, in allgemeinern Zügen stellte er die spätere Zeit hin. Dort war Alles neu, frisch, glänzend, er selbst noch ein Werdender, den auch der Kampf förderte; hier hatte das Leben eine festere Gestalt gewonnen, und zwanzig Jahre gleichmäßigen Daseins erschienen in der Erinnerung wie der ruhige Fluß mit sanften Ufern, den man still hinabgefahren ist. Manches, was ihn zu tief bewegte, erwähnte er selten, und dann nur mit wenigen Worten, so den Tod seiner Tochter Dorothea; Anderes mochte seinem Gedächtnisse ganz entschwunden sein. Einfach, arglos und edel erscheint er in diesen Erinnerungen; wie über seine Dichtungen, urtheilte er über sich und sein Leben durchaus unbefangen. Welchen Grund hätte er auch haben können vor Zuhörern, deren Beifall oder Misbilligung für ihn eine geringe Bedeutung haben mußte, am Rande des Grabes, in dieser absichtslosen Selbstbetrachtung sich anders darzustellen, als er im Augenblicke sich wirklich erschien? Im Einzelnen blieben sich die Grundzüge der Erzählungen immer gleich, so oft er auch auf denselben Punkt zurückkommen mochte. Führte er Personen redend ein, so geschah es in den Wiederholungen stets mit denselben Worten. Manche kleine Züge finden in den ebenso absichtslosen Aufzeichnungen Anderer eine unerwartete Bestätigung. Von dieser Seite könnte nur der übertriebene Zweifel die historische Treue und Aufrichtigkeit in Frage stellen.
Doch Tieck selbst kannte das eigenthümliche Wesen der historischen Ueberlieferung sehr wohl. Von ihr sagt er in der Einleitung zu seinem Shakspeare-Buche („Ludwig Tieck’s nachgelassene Schriften“, II, 119): „Wenn wir uns nur sichere Rechenschaft geben könnten, daß unser Standpunkt selbst nicht viel bestimmt und richtet, und doch aus unserm Auge die Perspective der Linien und der Luft sich bildet.“ Konnte der Greis die Zustände seines jugendlichen Lebens so wiedergeben, wie sie wirklich waren, oder vielmehr nur so, wie sie ihm nach vielen dazwischenliegenden Wandlungen erschienen, wie er sie aus seinem jetzigen Standpunkte sah? Es ist dieselbe Frage, welche Goethe ebenso tiefsinnig als vorsichtig beantwortete, wenn er auf dem Titel seines Buchs „Aus meinem Leben“ den Zusatz machte: „Wahrheit und Dichtung.“ Schwerlich wird der Mensch sich und die Dinge, bei denen er betheiligt ist, durch ein vollkommen reines Medium zu sehen vermögen; bald wird es zu hell, bald zu dunkel gefärbt sein. Zuerst betrachtet er sie mit Leidenschaft, nachher versteht er seine eigene Leidenschaft nicht mehr. Glücklich, wer im hohen Alter gehaltvolle Erlebnisse mit einem so treuen, durch Lust und Schmerz befestigten Gedächtnisse, mit so viel jugendlichem Feuer und Theilnahme, mit so überzeugender Gegenständlichkeit darzustellen vermag, wie es Tieck in diesen Gesprächen gethan!
Für den Nacherzähler ist es unendlich schwer, solche Mittheilungen ohne den geringsten Verlust an Zuverlässigkeit, doch mit gleicher Frische und Lebendigkeit wiederzugeben. Das Letzte wird kaum Jemand verlangen. Um wie Tieck, wenn auch aus seinem Munde zu erzählen, müßte man Tieck selbst sein. Schon das wörtlich treue Aufzeichnen eines Gesprächs, das vielleicht bei einem Bücherkatalog anfing, und bei der Resignation aufhörte, die ihm der Anfang der Weisheit war, erschien in hohem Grade schwierig. War es doch bisweilen schon, wenn die Hausthür sich schloß, kaum mehr möglich, den Faden wiederaufzufinden, der durch diese verschlungenen Gänge geführt hatte. Zwar hatte sich mir alles Wichtige, oft die Worte selbst wol eingeprägt, aber bei dieser Fülle mußte auch das treueste und willigste Gedächtniß eine gewisse Einbuße erleiden. Und wie sollte dieser Stoff benutzt werden? An Vorbildern fehlte es nicht. Am nächsten lag es, an „Eckermann’s Gespräche mit Goethe“ zu denken. Aber diese Gespräche mit Tieck waren zum großen Theil historische Erinnerungen. Sollte ich jede Unterhaltung unter ihrem Tagesdatum mit dialogischer Treue wiederzugeben versuchen, eine an die andere reihen, um so eine dennoch nur zweifelhafte Authentie herzustellen? Ich konnte mich nicht dazu entschließen. Ich hätte im Dialog als zweite Person neben Tieck treten, ich hätte eine ungeordnete Masse biographischen Materials geben müssen, in dem der Erzähler chronologisch vorwärts und rückwärts ging, Episoden einschaltete, sich häufig unterbrach, durch literarische Kritiken, durch humoristische oder tiefsinnige Beobachtungen, die an das Nächste wie an das Fernste anknüpften. Durch den Geist, mit dem der Sprechende Alles zu durchhauchen wußte, durch Ton und Blick, durch die Dramatik des Vortrags erhielt dieses scheinbar wirre Gewebe einen unendlichen Reiz, um so reizender, je mannichfaltiger es sich verschlang. Wie schwerfällig, wie breit und dennoch dürftig würde sich dies Alles in dem geschriebenen Worte des Nacherzählers dargestellt haben! Es wäre gewesen, was die kalte, harte, farblose Type ist im Vergleiche mit dem bewegten Leben. Man würde mir schließlich gesagt haben, es sei ein schätzbares Material, dessen Verarbeitung zu einem lesbaren Buche eine geschicktere Hand übernehmen müsse. Der Bearbeiter würde sich bald gefunden haben, wahrscheinlich ein solcher, der den vollen Eindruck der Persönlichkeit, wie ich ihn empfangen hatte, nicht besaß, der Tieck vielleicht gar nicht einmal gekannt hätte. Endlich eine Sonderung der Gespräche nach Stoffen wäre einer halben Verarbeitung gleichgekommen, es wäre auch damit nichts gewonnen gewesen.
Es blieb somit nur Eines übrig, den Weg zu gehen, den ich gegangen bin, erfüllt von der lebendigen und dankbaren Erinnerung an den befreundeten Dichter, geleitet von meinen Aufzeichnungen, die Bearbeitung des Stoffs selbst zu übernehmen. Dies empfahl sich umsomehr, da mir außer den mündlichen Mittheilungen Tieck’s noch andere Quellen zu Gebote standen. Ich kannte nach seinen eigenen Angaben die biographischen Bestandtheile der Dichtungen; aus den Briefen ergaben sich manche werthvolle und charakteristische Züge, und zugleich gestaltete sich aus ihnen ein chronologisches Fachwerk, in welches sich die einzelnen Erzählungen mitunter trefflich einfügten; in den letzten vier Jahren seines Lebens hatte ich ihn selbst oft genug gesehen und beobachtet, um seine Eigenthümlichkeit kennen zu lernen. Endlich über manche frühere und spätere Momente war ich im Besitze der glaubwürdigsten Zeugnisse und Notizen, die ich seinen Freunden und den Personen verdankte, die Jahre lang zu seiner nächsten Umgebung gehört hatten. Wenn ich hier von der Unterstützung und Förderung spreche, welche ich durch Andere erfahren, habe ich vor Allen Friedrich von Raumer auf das dankbarste zu nennen, der in der warmen Theilnahme an diesen Erinnerungen die treue Freundschaft, die ihn mit dem Dichter im Leben verband, auch nach dessen Tode bewahrt hat. Ihm verdanke ich die Benutzung seines höchst gehaltreichen Briefwechsels mit Tieck, eine Anzahl Briefe Tieck’s an F. Schlegel, mündliche Ueberlieferungen und Berichtigungen, Rath und Hülfe aller Art, wie sie nur der Freund und historische Augenzeuge zu geben vermag. Für Anderes bin ich einem zweiten ältern Freunde Tieck’s, F. von der Hagen, seinem Neffen G. Waagen, und seinen spätern Freunden Loebell und Carus dankbar verpflichtet. Den beiden Letzten doppelt, da sie mir verstattet haben, ihre Mittheilungen meinem Buche unmittelbar beizufügen. Auch aus diesen Quellen ergab sich eine nicht unbeträchtliche Masse des Stoffs.
Bei der Bearbeitung war es zunächst gerathen, die Gespräche allgemeinen, nicht biographischen Inhalts auszusondern und in einem eigenen Abschnitte zu sammeln. Hier habe ich Tieck’s Worte getreu wiedergegeben, wie ich sie aufgezeichnet und im Gedächtnisse bewahrte. Ich glaube nicht, daß sie durch die Umwandlung des Dialogs in den Monolog, die sich aus dem eingenommenen Standpunkte mit einer gewissen Nothwendigkeit ergab, irgendwie erheblich gelitten haben. Hoffentlich wird das sechste Buch den Reichthum dieser Unterhaltungen wenigstens ahnen lassen. Die Jugendbilder im ersten Buche ruhen ausschließlich auf Tieck’s Erzählungen. Diese bilden auch den Hauptbestandtheil des zweiten, doch kommen hier manche Ergänzungen aus den Briefen hinzu, welche bei der fragmentarischen Beschaffenheit der Erzählungen aus der spätern Zeit im dritten und vierten Buche besonders wichtig wurden. Das fünfte hat sich vorzugsweise aus mündlicher Ueberlieferung und eigener Anschauung ergeben.
Die Darstellung im Einzelnen war durch die verschiedene Natur des Stoffs bedingt. Wenn das eng begrenzte, doch tief bewegte Jugendleben, und das berliner Kleinleben jener Zeit interessiren sollte, so mußte ich es mit vollstem Eingehen, so weit es mir erinnerlich war, zu schildern versuchen, während die spätere Zeit weder nach dem vorliegenden Stoffe, noch ihrem Charakter nach ein gleiches Verfahren erlaubte. Daher die fast novellistische Haltung der ersten, die literarhistorische der letzten Bücher. Ich bemerke ausdrücklich, in jene Bilder ist kein Zug aufgenommen, der nicht von Tieck selbst angedeutet worden wäre; das gilt namentlich durchgehend von den geschilderten Seelenzuständen. Man halte sie nicht für psychologisirende Phantasiegemälde; gerade in dieser Weise pflegte er seine frühesten innern Kämpfe zu schildern. Spätere Darstellungen ähnlicher Zustände sind aus Briefen geschöpft. Wo Personen redend eingeführt sind, gehören ihre Worte Tieck an, ebenso die bisweilen vorkommenden Urtheile über mehr oder minder bekannte Charaktere seiner Jugendzeit. Dagegen die Verbindung des Einzelnen, die chronologische Gruppirung zerstreuter Bestandtheile, die oft nicht leicht war, weil Tieck bei der freien Bewegung des Gesprächs an ein chronologisches Aufreihen am wenigsten dachte, die Sammlung unter leitende Gesichtspunkte, die Herstellung eines historischen Charakterbildes, welches an einigen Stellen in einen fernen Hintergrund blicken läßt und sich zum Zeitbilde erweitert, dies Alles gehört mir ausschließlich an. Also nicht Tieck’s Denkwürdigkeiten, seine Lebensgeschichte gebe ich; ich gebe sie unter der Verantwortlichkeit, wie sie überall dem Geschichtschreiber zufällt, der einen überlieferten Stoff darzustellen versucht. Bei der abweichenden Natur des meinen, schien diese Auseinandersetzung unerläßlich.
Noch ein Wort habe ich zu sagen. Wenn ich eine Charakteristik Tieck’s zu entwerfen versuchte, konnte ich ihn nur so darstellen, wie er mir in einem mehrjährigen Umgange als Mensch, und in seinen Werken als Dichter erschienen war, deren höchste Werthschätzung seit frühen Jahren bei mir feststand, lange vorher, ehe ich eine Ahnung davon hatte, ihm jemals persönlich nahe zu treten. Diese Lebensgeschichte ist somit unbeabsichtigt zu einer literarhistorischen Würdigung und Vertheidigung Tieck’s geworden. „Oder vielmehr zu einer Verherrlichung“, werden Andere hinzusetzen. Ich habe nichts dawider, denn ich bin mir bewußt, meinen Stoff gegeben zu haben, wie ich ihn fand und wie er sich mir darstellte. Immerhin aber wird es gut sein, auch einmal den andern Theil zu hören, nachdem so manches ungerechte und verkehrte Urtheil im Namen der Kritik und der historischen Gerechtigkeit mit der Miene der Unfehlbarkeit über ihn gefällt worden ist. Seine Beurtheiler sind in vielen Fällen Verurtheiler gewesen. Es ist nicht zu viel behauptet, kein anderer großer deutscher Dichter ist härter, undankbarer behandelt worden. Es wäre wol der Mühe werth, eine Galerie der Kritiken zu sammeln, die von der „Allgemeinen deutschen Bibliothek“ bis auf die „Halleschen Jahrbücher“ über ihn erschienen sind, und bis auf den Augenblick, wo die Feuilletonisten ihm die Grabrede gehalten haben. Haben doch manche Kritiker erst durch seinen Tod die beruhigende Ueberzeugung gewonnen, daß nunmehr auch die Romantik wirklich todt und völlig überwunden sei!
Ein ähnlicher Ton wird in vielen Literaturgeschichten, berühmten und unberühmten, angeschlagen. Während es bei andern Dichtern eine Pflicht ist, von der man nicht gern abweicht, die Anerkennung der Kritik, das Positive dem Negativen vorangehen zu lassen, ist bei Tieck die umgekehrte Praxis zur Regel geworden. Man beginnt mit dem Tadel, man entwickelt, wie seine Richtung von Hause aus eine falsche gewesen sei, Mängel und Schwächen werden ausgemalt, bald gibt er zu viel, bald zu wenig, endlich läßt man unter neuen Clauseln eine halbe Anerkennung schmollend hinterherhinken. Den Dichterischen ist er zu kritisch, den Kritischen zu dichterisch, den Protestanten zu katholisch, den Katholiken zu protestantisch, den Aufgeklärten seiner Jugend zu religiös, den Frommen seines Alters zu aufgeklärt, den Liberalen galt er für servil, den Legitimen für einen Oppositionsmann. Sehr Wenigen hat er es recht machen können. Man sage nicht, in der Einstimmigkeit der verschiedensten Kritiker liege der Beweis für die Richtigkeit des Urtheils. Gerade die gleichlautende Verwerfung durch entgegengesetzte extreme Meinungen kann die Anerkennung enthalten.
Und woher diese auffallende Erscheinung? Ihr Grund ist nicht schwer aufzufinden. In einer von heftigen Parteikämpfen bewegten Zeit wollte er als Dichter frei bleiben, er wollte festhalten an der Poesie, die in keines Herrn äußerm Dienste steht; er verschmähte es, ein geläufiges Stichwort zu gebrauchen, um damit Anhänger und Bewunderer zu werben. „Und so fühle ich“, schreibt er im Jahre 1816 an Solger, „daß bei uns immer Alles, was ich das Rechte nennen möchte, sei es in Philosophie, Kunst oder Religion, als ein Eremit wohnt, dessen Pflicht es ist, keiner Gemeinde anzugehören“ („Solger’s nachgelassene Schriften“, I, 392). Man hätte ihm Manches verziehen, wenn er nur zu irgendeiner Fahne geschworen hätte, aber unabhängig sein, und dennoch mitreden zu wollen, das konnten Parteien, Schulen und Sekten nicht ertragen. Darum haben sie ihn schließlich selbst zu einem Parteihaupte gemacht. Er ist stets er selbst geblieben, und wie man sich auch anstellen möge, weiter als sich selbst hervorzubringen, bringt es am Ende kein Mensch, sagt der Altmeister.
Also die Acten über Tieck und seine Dichtungen sind nicht geschlossen, wie oft das auch behauptet worden ist. Es lebt noch Mancher, der über die spätere Zeit auch nach diesem Buche wird berichten können. Dazu aber, daß man ihn in seiner eigenen und vielseitigen Natur kennen lerne, wollen die Erinnerungen beitragen. Von seiner Jugendgeschichte und frühesten Stellung zum damaligen berliner Leben wußte man bisher wenig oder nichts. Sie ist zugleich ein Stück der Geschichte Berlins in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts, und der Vaterstadt liegt es ob, nicht allein sein Grab oder das Geburtshaus zu bezeichnen, eine Straße, wie es geschehen, mit seinem Namen zu benennen, oder sein Bild zu errichten, sondern ihn in der deutschen Geisterwelt auf seiner hervorragenden Stelle anzuerkennen. Berlin nennt keinen größern Dichter den seinen.
Hiermit gebe ich dieses Buch aus der Hand, dessen Vollendung mir eine Pflicht der Pietät war, und das einen Theil meines eigenen Lebens enthält. Mir ist am besten bewußt, daß ich nicht Alles zu leisten vermochte, was die Aufgabe erfordert. Niemals bin ich mehr davon durchdrungen gewesen als jetzt, wo mir das edle Bild, in dessen Augen ich so oft geblickt habe, wiederum klar vor der Seele schwebt. Es ist der Uebergang vom unmittelbaren Dasein zur Geschichte, den ich erlebt habe. Wie es zu den erschütterndsten Erfahrungen gehört, das Leben, welches man als ein gegenwärtiges empfunden hat, erblassen, sich auflösen und zur Vergangenheit hinschwinden zu sehen, so ist es die schwerste Probe aller Geschichtschreibung, die Grundzüge desselben im Bilde herzustellen und von neuem zu beleben. Doch in dem Geiste wohnt eine Kraft, die über Mängel und Schwächen hinweghilft. Ich habe das Vertrauen, etwas von jenem frischen Lebenshauche, der die mündlichen Erzählungen durchwehte, werde auch noch in meiner Darstellung fühlbar sein.
So mag denn heute, an demselben Tage, an welchem Tieck vor zweiundachtzig Jahren das Licht der Welt erblickte, der Schlußstein diesem Denkmale eingefügt werden, welches ich auf seinem Grabe zu errichten unternommen habe.
Berlin, am 31. Mai 1855.
Rudolf Köpke.
Erstes Buch.
Jugendbilder.
1773–1792.
1. Das Vaterhaus.
Am Eingange der Roßstraße zu Berlin, unfern des Kölnischen Rathhauses, in einem engen, betriebsamen und geräuschvollen Theile der Stadt, wo in niedrigen Kramläden Gewerbe und Kleinhandel ihren Sitz haben, liegt ein dunkles Haus, das in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu den stattlicheren der Nachbarschaft gehören mochte. In diesem Hause wohnte um jene Zeit ein Bürger und Handwerker; das war Meister Johann Ludwig Tieck, der Seiler. Es war ein einfacher, aber auch frischer und kräftiger Mann, der mit geradem Sinne und hellem Auge seines Weges zu gehen pflegte. Ein Leben voll Arbeit und Erfahrung war seine Schule gewesen, und hatte in ihm jene ehrenfeste, altbürgerliche Verständigkeit und Tüchtigkeit ausgebildet, die ohne viel Worte den Nagel auf den Kopf trifft, und in den Zeiten Friedrich’s des Großen bei den Genossen des kleinen Handwerks nicht selten war. Auch sein Vater mochte ein Handwerker gewesen sein. Das Familiengedächtniß hat es nicht aufbewahrt, woher er stammte, doch rühmte man sich zuweilen nicht unansehnlicher Verwandtschaft, zu der man sogar einen General zählen wollte.
Wie es die Ordnung des Gewerbes vorschrieb, hatte Meister Tieck in seinen jungen Jahren, als er losgesprochen worden, zum Wanderstabe gegriffen, und war als Handwerksgesell in die Fremde gezogen. Er hatte Deutschland durchwandert, war nach Ungarn gekommen und dann weiter bis an die Grenze der Türkei. Dabei fehlte es nicht an Abenteuern. So hatte sich einst in diesen Gegenden ein Reisegefährte zu ihm gesellt, der die Lage einer jener ungarischen Grenzfestungen so anmuthig fand, daß er sich niedersetzte und die Umrisse in seinem Buche nachzuzeichnen begann. Von der Festung aus bemerkte man seine Absicht, glaubte in den beiden Wanderern Spione zu erkennen, und that einige Schüsse auf sie, die zum guten Glück ihr Ziel verfehlten. Nach der Heimkehr setzte sich Tieck als Meister, wie es Brauch war, und begründete einen Hausstand. Seine Frau holte er sich aus Jeserig, einem Dorfe bei Brandenburg. Sie war die Tochter des Schmiedemeisters Schale, doch im Hause des dortigen Predigers, Namens Latzke, erzogen, der sie frühzeitig als eine Waise zu sich genommen hatte. Darauf betrieb der Meister unter seinen Mitbürgern eifrig sein Gewerbe, und nahm Antheil an Allem, was Handwerk und Bürgerwesen anging. Bei den Zunftgenossen war er angesehen als ein strengrechtlicher Mann, der seinem Stande ergeben sei, und nicht allein das Herz, sondern auch die Zunge auf dem rechten Flecke habe, und zur guten Stunde ein gutes Wort ohne Scheu zu sagen wisse. Darum wählten sie ihn auch in mancher wichtigen Sache zum Sprecher und Vertreter.
Unter den Handwerkern selbst gab es schon allerlei Widerspruch gegen die Zünfte und ihre engen Regeln. Manche meinten, es könne mit dem Gewerbe erst besser werden, wenn diese alten Ordnungen aufgehoben würden. Darüber war ein Streit entstanden, und zu den Vertheidigern der Zünfte gehörte auch Meister Tieck, der von der Auflösung des Verbandes nichts als Unordnung erwartete. Doch wollte er darum nach eigener Erfahrung nicht in Abrede stellen, daß Vieles anders und besser sein könne. Nun hatte sich das Gerücht verbreitet, auch der König sei den Zünften nicht geneigt. Darum beschlossen die Freunde derselben, ihn selbst unmittelbar anzurufen, daß er sie bei dem alten Rechte schütze. Eine Anzahl von Meistern sollte ihm eine Bittschrift überreichen und Tieck ihr Sprecher sein. Den kürzesten Weg schlug man ein, das Geschäft auszurichten. Zu einer bestimmten Stunde des Tages pflegte Friedrich an einem Fenster des Schlosses Sanssouci zu stehen, dann stellten sich die Bittenden unter einen Baum im Garten, auf den der Blick des Königs fallen mußte; nicht selten ließ er sie zu sich hereinrufen und hörte ihre Anliegen. So geschah es auch hier. Friedrich erblickte die Meister, und ließ sie zu sich bescheiden. Tieck durfte ihm die Bittschrift überreichen und noch einige Worte zum Schutze der Zünfte sagen. Der König hörte ihn gnädig an, und entließ ihn mit der Versicherung, auch er sei kein Feind derselben und werde sich der Sache annehmen.
Aber solche Erfahrungen und die Thätigkeit des Tages reichten für die Bedürfnisse des begabten und mit mancherlei Kenntnissen ausgestatteten Mannes nicht hin; er führte dabei auch ein nach innen gekehrtes Leben. In kirchlichen wie in politischen Dingen war er gut Friederichisch gesinnt. Er hielt es mit dem moralischen Wandel und einem redlichen und tüchtigen Handeln, im Uebrigen war er ein Freund der Aufklärung, und pflegte sich die Dinge ohne viele Wunder auszulegen.
Doch in diesem Punkte trat auch die eigenthümliche Sinnesart der Hausfrau hervor. Von ganzem Herzen war sie der alten kirchlichen Gläubigkeit zugethan. Hier am ersten kam es zu gereizten Gesprächen, in denen jeder Theil sich zeigte, wie er war. Der Mann verständig, eifrig, auffahrend, oft derb und handfest, im Hause die rauhe Seite herauskehrend; die Frau sanft, schüchtern, in sich gekehrt, dem Manne gegenüber duldend und beschwichtigend, aber beharrlich. Vor allem war ihr durch Gemüthsart und Erziehung der Glaube eine Herzenssache geworden, und sie ließ sich durch den bald rauhen, bald spottenden Widerspruch des Mannes nicht irre machen. Wenn er sie in den Stunden ihrer stillen Sammlung im Porst’schen Gesangbuch lesend fand, so ging das selten ohne eine Gegenbemerkung von seiner Seite ab. Dann zog er mit seiner hausbackenen Moral ganz ernstlich gegen die alten Kirchenlieder zu Felde, warf ihnen Lüge und Unwahrheit vor, und erklärte sie für überflüssig oder gar schädlich. Am meisten ärgerte er sich an den Liedern, in welchen Christus als Bräutigam der Seele dargestellt wird, besonders wenn sie etwa von Frauen gedichtet waren. Oder mit platter Verständigkeit bemerkte er in Paul Gerhard’s Liede „Nun ruhen alle Wälder“ gegen den Vers: „Es schläft die ganze Welt“: „Wie kann man dergleichen abgeschmacktes Zeug behaupten! Die ganze Welt schläft nicht! In Amerika scheint die Sonne, da wachen die Leute.“ Solchen Einwürfen gegenüber schloß die Frau ihre stille Frömmigkeit nur umsomehr in die Tiefen ihres Gemüths ein.
War gleich diese Art der Aufklärung bei dem Meister Tieck in Fleisch und Blut übergegangen, so fehlte es ihm doch keineswegs an Sinn und Verständniß für höhere Dinge, nur wandte er sich der weltlichen Seite zu. Die ersten glücklichen und kühnen Versuche der deutschen Dichtung seit dem Anfange der siebenziger Jahre hatten einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht und bald sein Herz gewonnen. Wie eine neue Morgenröthe war Goethe’s Poesie über der deutschen Literatur aufgegangen. Die einfachen und offenen Gemüther empfanden es alle, hier quelle der Born einer unverfälschten Dichtung. Es spricht für das natürliche Gefühl des alten Tieck, das sich in der harten Schale des werkthätigen Bürgerstandes lebendig erhalten hatte, wenn der schlichte Handwerker erkannte, Goethe sei doch ein ganz anderer Mann als Gellert, Kleist und Gleim. Als später der Streit über die Anerkennung der neuen Poesie heftiger entbrannte und auch dem alten Meister zu Ohren kam, sagte er voll Verdruß: „Was reden denn die Leute, sie verstehen ja diese Bücher gar nicht!“ Oder wenn von „Werther“ oder „Götz“ die Rede war: „Die Andern mögen sich anstellen, wie sie wollen, so etwas können sie doch nicht machen!“
Bei diesem lebhaften Antheil an den neuen Dichterwerken und dem regen Triebe, sich unausgesetzt zu belehren und zu unterrichten, wurde manches gute und nützliche Buch nicht nur gelesen, sondern auch gekauft, und allmälig sammelte sich ein kleiner Hausschatz an, auf den man mit Recht stolz sein konnte. Da fanden sich neben der Bibel, die auch die Aufklärung des Vaters als Grundbuch des Hauses und Lebens in Ehren hielt, und neben der nützlichen Belehrung, die Guthrie’s und Grey’s „Weltgeschichte“ und einige andere historische Bücher gewährten, die erste Ausgabe des „Götz von Berlichingen“, Goethe’s Schriften in dem Himburg’schen Nachdruck, die ersten Abdrücke der verwegenen Dichtungen von Lenz, der „Rheinische Most“, einige Wochenschriften und manches Andere der Art.
Auch an dem deutschen Schauspiele, das eben damals selbständig zu werden suchte, fand er vielen Geschmack. Der Zufall hatte ihn sogar mit den Schauspielern zusammengeführt, die er auf den Bretern in der Behrenstraße des Abends tragiren sah. Die Arbeit forderte Ruhe und Erholung, und so war denn Meister Tieck auch den bürgerlichen Vergnügungen nicht abhold. Nachmittags ging er hinaus in eine jener bescheidenen Anlagen vor den Thoren Berlins, wo man bei einem Glase Kottbuser Bier ein sogenanntes Gartenvergnügen, etwa eine Kegelbahn und einige Gevattern und Stammgäste vorfand. Da wurde geraucht, gekegelt, gelacht, mancher handfeste Spaß lief mit unter, und zufrieden mit seinem Dasein, schlenderte man Abends schwatzend und plaudernd wieder nach Hause. Zu den Stammgästen hatten sich auch einige Schauspieler gesellt, mit denen man auf der Kegelbahn näher bekannt wurde. Meister Tieck war vorurtheilsfrei genug, den Verkehr mit der verrufenen Kaste nicht zu meiden. Machte es ihm Vergnügen, die tragischen Helden einmal als gewöhnliche Menschen zu sehen, oder mochten sie durch ihre Späße die Heiterkeit der Gesellschaft erhöhen, genug er stand auf gutem Fuße mit ihnen. Doch bemerkte er an den lockern Gesellen auch Vieles, was seinen strengen Bürgersinn beleidigte, Leichtsinn, Prahlerei, Lüge, Ausschweifung. So kam er denn oft mit der Bemerkung nach Hause: „Die Komödianten (anders nannte er sie nicht) sind doch schlechte, unmoralische Gesellen. Es ist kein Verlaß auf sie!“
Dagegen standen die Gelehrten bei ihm um so höher im Ansehen. Es war nicht das dumpfe Staunen vor einer Masse fremder und unverständlicher Kenntnisse, was ihn erfüllte, sondern die Ueberzeugung, der gelehrte Stand sei nicht nur der Hüter geistiger Schätze, sondern solle sie auch als Lehrer des Volks verwenden. Darum schien es ihm natürlich, daß der Lehrstand in der öffentlichen Achtung hochstehen und sich in ihr erhalten müsse. Er erkannte den Gelehrten selbst noch im Zerrbilde an.
Eines Abends fand er in seiner Bürgergesellschaft den berüchtigten Magister Kindleben. Dieser Mann, nicht ohne Talent und Kenntnisse, war ursprünglich auf einem Dorfe bei Berlin Prediger gewesen, hatte aber wegen grober Unsittlichkeiten seines Amts entsetzt werden müssen. Seitdem lebte er von gelehrten Lohnarbeiten in Leipzig und Halle, und schrieb schlechte Gedichte und Romane, in denen er zum Theil seine eigenen Abenteuer erzählte; denn bald war er in allen Schenken wie auf den Straßen eine bekannte Erscheinung geworden. An jenem Abende hatten ihn einige Bürger mitgebracht; er sollte dem spießbürgerlichen Spotte preisgegeben werden. Stets hungeriger und noch mehr durstiger Gelehrter, possenreißender Pedant, literarischer Landstreicher, schien er denselben weit mehr herauszufordern als zu fürchten. Sein unverschämtes Wesen, seine schmuzige Bettelhaftigkeit zeigte den Gelehrten in tiefster Versunkenheit. Der rohe Spaß begann damit, daß man ihn betrunken machte. Voll Entrüstung verließ darauf Meister Tieck seine Ressource. So sollte man mit der Gelehrsamkeit nimmer umgehen, selbst wenn sie in so gemeiner Gestalt auftrat, wie hier.
Inzwischen hatte sich im Hause Vieles verändert. Eine Familie war entstanden und begann heranzuwachsen. Der Raum war enger, die Sorgen größer geworden. Im Laufe von vier Jahren hatte die Mutter drei Kinder geboren.
Es war ein hoffnungsvoller Tag, als am 31. Mai des Jahres 1773 um elf Uhr Morgens das älteste Kind in der schmalen, dunkeln Hinterstube, in die nur ein kärgliches Licht vom Hofe hineinschimmerte, zur Welt kam. Dieses Kind, das dem Meister Johann Ludwig Tieck, dem Seiler, geboren wurde, war Meister Johann Ludwig Tieck, der Dichter. Als ältester Sohn empfing er am 6. Juni in der Taufe, zu der mehrere hochadelige Gönner der Familie als Zeugen eingeladen waren, die Namen des Vaters. Am 28. Februar 1775 folgte eine Tochter, Anna Sophie, und am 14. August 1776 der jüngere Sohn, Christian Friedrich. So wuchsen denn drei Kinder im Hause heran, zwei Söhne und zwischen ihnen eine Tochter, und mit ihnen manche schwere und gewichtige Sorge. Denn bald mußte der Vater ahnen, mit diesen Kindern habe ein anderer, neuer Geist in seinem engen Hause Wohnung gemacht. Unter den Augen des Vaters und der Mutter verlebten sie die ersten Jahre. Nur dunkel erinnerten sie sich der Großmutter, die im Hause des Sohnes still als Matrone lebte und bald verschwand, ohne an der Erziehung theilgenommen zu haben.
Bei Ludwig, dem Aeltesten, zeigten sich Vorstellungskraft und Empfindungsvermögen ungemein früh. Die Bilder und Eindrücke, welche er empfing, erweckten in ihm bald eine dunkle Ahnung der Leiden und Freuden, denen das menschliche Herz unterworfen ist, solange es schlägt. Diese ersten Erschütterungen der Seele müssen in dem Kinde ein tief schmerzliches Gefühl hervorgerufen haben, denn im hohen Alter erzählte der Greis davon mit der vollen Lebendigkeit eines gegenwärtigen Eindrucks. Ein Hausfreund hatte einst ein eigenthümliches Schaustück mitgebracht. Es war eine Dose, auf deren Deckel man unter einer Krystalleinfassung ein strahlendes Farbenmuster sah. Von diesem bunten Bilde wurde das Kind mit unwiderstehlicher Macht angezogen. War es eine erste Ahnung der Schönheit der Welt, die es erfüllte? Auf den Augenblick kurzer Freude folgte das Gefühl des ersten Verlustes, als man das glänzende Spielzeug aus seinen Händen nahm. Es war untröstlich, und der Greis Tieck versicherte, schon da zuerst den Schmerz des Lebens empfunden zu haben. Ein anderes Mal hatte die Wärterin das Kind auf die Stufen vor der Stechbahn am Schloßplatze niedergesetzt. Vergnüglich sah es über den Platz nach der Brücke und dem Standbilde des großen Kurfürsten hinüber. Alles machte ihm den heitersten Eindruck, als es plötzlich bemerkte, daß die Wärterin verschwunden sei. In schlecht verstandenem Scherze war sie hinter einen Pfeiler getreten. Da wurde das Kind mitten unter diesen Gestalten von dem Gefühle tiefster Einsamkeit ergriffen. Wenig half das Zureden der hervortretenden Wärterin, und lange konnte es diese dunkle, schreckliche Empfindung nicht vergessen.
Nicht minder früh wollte das Kind in geregelter Weise beschäftigt sein. Auf dem Schoose der Mutter lernte es die Buchstaben kennen, um so schneller, je mehr die Phantasie zu Hülfe kam. Sie schienen zu leben, sie wurden zu lustigen Gestalten aller Art. Kaum vierjährig, konnte der Knabe lesen, und schon trat an die Stelle der Fibel die Bibel, die in ihren geschichtlichen und poetischen Theilen bald sein Lieblingsbuch wurde. Es überkam ihn ein Gefühl von der Hoheit des hier wehenden Geistes; der wunderbar erhabene und doch wieder kindliche Ton, Verstandenes und Unverstandenes, Alles fesselte ihn gleich sehr. Er konnte sich nicht sättigen an diesen rührend-einfachen Geschichten der Erzväter, und schon im Lauf der ersten Knabenjahre hatte er die Bibel mehr als einmal ganz durchgelesen. Wenn dann Nachbarn und Verwandte ihn, auf seinem Fußbänkchen sitzend, in der Bibel eifrig lesen hörten, so schüttelten sie über so frühreifes Wesen bedenklich den Kopf, oder Mancher meinte auch: „Wie geschickt doch das Kind thut, als wenn es lesen könnte!“
Neben der Bibel hatte auch das Gesangbuch der Mutter eine große Anziehungskraft für ihn. Es hatte einen stark vergoldeten Einband, der an den Seiten mit kunstvollem Schnitzwerk in Elfenbein ausgelegt war. Es mochte ein Erbstück ihrer Aeltern oder ein Geschenk des Pfarrers sein, das er seinem Pflegekinde als Andenken mit auf den Weg gegeben hatte. Wie hoch hielt es nicht die Mutter! Und wenn das Kind sie jene alten Lieder lesen hörte, wie hallte der kaum geahnte Inhalt, die bilderreiche Sprache, die doch so einfach war, der Gleichklang des Reimes in seiner Seele wider! So wurde es bald auch mit den Liedern der lutherischen Kirche vertraut.
Doch zu diesen Büchern, die prophetisch die ersten und ursprünglichsten menschlichen Empfindungen erweckten, gesellte sich ein anderes, welches die junge Seele nicht minder mächtig ergriff und ihr den tiefsten Eindruck für das Leben gab. Dies war Goethe’s „Götz von Berlichingen“. Abends, nach gethaner Arbeit, wenn die Kinder schliefen, oder der Aelteste im Winkel kauernd lauschte, pflegte der Vater ein Buch aus seiner Hausbibliothek hervorzulangen, oder auch irgendein entliehenes der Mutter vorzulesen. Freilich fiel die Wahl mitunter auf ziemlich abgelegene Bücher, deren Verständniß in diesem Kreise zweifelhaft war. Er las Fontenelle’s Schrift von der Mehrheit der Welten in der Bode’schen Uebersetzung vor; doch häufiger eins von jenen Dichterwerken, von denen man jetzt soviel reden hörte. So wurde Ludwig in die deutsche Dichtung eingeführt, und es dauerte nicht lange, so bemächtigte er sich selbständig der Bücher, aus denen er den Vater hatte vorlesen hören.
Vor allen aber blieb er bei einem stehen, beim „Götz“. Wie an die Bibel, glaubte er mit ganzer Seele an dieses Gedicht. Es war der erste Eindruck des geheimnißvollen Zaubers der Poesie, den er erfuhr; die Welt der Phantasie wurde ihm zur sinnlich wirklichen. Wie die Patriarchen, Helden und Könige des Alten Testaments lebendig gegenwärtig vor ihm standen, meinte er, auch diese mannhaften Ritter, Götz selber, müßten noch unter den Lebenden sein. Es waren Menschen, mit denen er lebte und verkehrte, wie mit Vater und Mutter und seinen Geschwistern. Wie bestürzt war er nicht, als man seiner kindischen Einfalt lachend, ihn später darüber belehrte, weder dieser Götz, noch irgendeiner seiner Gefährten sei eine lebende Person, diese Geschichte sei eine erdichtete; der Mann, der sie geschrieben habe, heiße Goethe und lebe in Weimar. Für eine Art von Offenbarung hatte er den „Götz“ gehalten, und nun hörte er, sie sei ein Buch, wie alle Bücher sind. Wie gern hätte er diese Aufklärung für die Welt hingegeben, die er dadurch verlor! Fürs erste ahnte er von solchen Enttäuschungen noch nichts, und gehend und stehend, in allen Winkeln des Hauses, wachend und schlafend trug er sich mit den Gestalten dieser Ritter und Frauen, und ihre herzhaften Reden klangen in ihm unaufhörlich nach. Nur durch Eins konnten sie zu Zeiten zum Schweigen gebracht werden, durch die Erzählungen der Mutter.
Wenn im Dämmerlichte des Abends die sonst wohlbekannten Spielstätten die Kinder fremd und geheimnißvoll anblickten, und das laute Treiben allmälig verstummte, dann sammelten sie sich still am Schoose der Mutter, und manche oft gehörte Geschichte mußte sie erzählen. Die Erinnerungen ihrer eigenen Kindheit erwachten. So gleichförmig auch ihre Jugend in dem Pfarrhause verflossen war, dennoch wußte sie Manches davon zu erzählen. In ihrem Munde wurde das Einfache und Natürliche für die Kinder zum Märchen und Wunder, das sich ihrem Gedächtnisse tief einprägte. Von einer alten, unheimlichen Frau in ihrem väterlichen Dorfe erzählte sie, die für die Jugend ein Gegenstand geheimen Schauers gewesen war. Häßlich und böse saß sie allein und schweigsam in ihrer Stube am Spinnrocken, nur einen kleinen Hund litt sie um sich. Ungern entschloß man sich, sie anzureden, und geschah es, so antwortete sie zornig und in einem nur halbverständlichen Kauderwelsch, das den Kindern schauerlich wie böse Zauberformeln in die Ohren klang. Am schrecklichsten erschien sie, wenn ihr einziger Gefährte, der Hund, ihr entsprungen war. Dann stand sie an der Thür und blickte spähend das Dorf hinab, oder lief mit wunderlichen Geberden durch die Straßen und rief mit gellender Stimme nach dem Hunde: „Strameh! Strameh! Strameh!“
So waren die Menschen und Umgebungen, unter denen Ludwig Tieck, der Dichter, geboren wurde und aufwuchs. Es war der enge Kreis des kleinbürgerlichen Lebens. Arbeit, Sparsamkeit, Redlichkeit waren die Hausregeln. Man lebte beschränkt, aber darum nicht ärmlich oder gar kümmerlich; man hatte sich eng eingerichtet, ohne von der Welt abgeschnitten zu sein; man brauchte sich nicht ängstlich jede kleine Freude zu versagen. Es herrschte in dem Hause die Zufriedenheit des tüchtigen Handwerkers, der mit Verstand auszugeben weiß, was ihm seiner Hände Arbeit erworben hat, und auch die Mittel erschwingen kann, seinen Kindern eine Erziehung zu geben, die ihnen einst breitere, sonnigere Wege zu öffnen vermag. Dieses dunkle, bürgerlich eingerichtete Zimmer zu ebener Erde, dieser lange, schmale Hausflur, der kleine Hof dahinter, auf den nur ein spärlicher Himmel herabblickte, die Schwelle an der Hausthür, das waren die Räume, die Ludwig zuerst mit den Gebilden seiner jungen Phantasie bevölkerte, die ihm zum Schauplatze seiner kindischen Leiden und Freuden wurden. Aber schon war die geheimnißvolle Ahnung darüber hinausgeflogen, und träumte von einer andern wunderbaren Welt, die jenseit der Schwelle des Vaterhauses lag.
2. Schule und Straße.
Bald mußte ein großer Entschluß gefaßt werden. Es hieß: „Der Junge muß in die Schule!“ Die tägliche Arbeit ließ den Aeltern keine Muße ihn hinreichend zu beschäftigen, oder auch nur ihn stets zu beaufsichtigen. Zunächst brachte man den kaum fünfjährigen Knaben zu einem alten gutmüthigen Ehepaar, das in der nahegelegenen Fischerstraße eine A-b-c-Schule für Knaben und Mädchen im ersten Kindesalter hielt. Noch mußte man Morgens bei regnigem und trübem Wetter das Kind auf dem Arme in die Schule tragen. Da gesellte sich als erster Gespiele ein Pudel zu ihm, in dessen zottigen Haaren es die rothen, erstarrten Hände wärmte. Die beiden guten Alten, das hohe Zimmer mit seinen Bänken, die Kinderscharen, der Pudel erschienen ihm so anziehend, daß es jeden Morgen nach dieser neuen Welt sehnlichst verlangte.
Die Zeit dieses spielenden Versuchs ging bald vorüber. Kraft und Muthwille des Knaben begann in Ludwig zu erwachen, er konnte sich jetzt ältern Spielgenossen zugesellen. Der Vater übergab ihn der sogenannten Französischen Schule für Knaben, die ebenfalls in der nächsten Nachbarschaft, in der Grünstraße lag. Hier wurde neben dem gewöhnlichen ersten Unterrichte auch Französisch gelehrt, freilich ohne sonderliche Gewähr für seine Richtigkeit. Der Schulhalter war ein ehemaliger Schneidergeselle, den sein Gewerbe nach Paris geführt hatte. Hier meinte er hinreichende Kenntnisse der Sprache erworben zu haben, um die berliner Schuljugend im Französischen abrichten zu können, und da er es einträglich genug fand, von seinen Zöglingen einen Thaler Schulgeld monatlich zu erheben, so hatte er ein für alle mal die Nadel mit der Ruthe vertauscht.
Aber nun folgte der wichtigste, entscheidende Schritt, der in ein reiferes Leben hineinführen sollte. Dies war der Uebergang zur gelehrten Schule, zum Gymnasium. Mit dem Entschlusse, den Sohn das Gymnasium besuchen zu lassen, hatte der Vater stillschweigend seine Anerkennung des unverkennbaren Talents ausgesprochen. Diese Anlagen sollten, wenn auch mit Opfern, ausgebildet werden; der Sohn sollte etwas Besseres werden als der Vater gewesen. Die Wahl unter den gelehrten Anstalten war nicht schwer. Einen merkwürdigen und hervorragenden Mann gab es damals unter den berliner Schulmännern, welcher sich bereits ein allgemein anerkanntes Ansehen erworben hatte, Friedrich Gedike. Es war ein rastloser und eigenthümlicher Mann, der durch seine trefflichen Anschläge, seine planmäßigen und erfolgreichen Einrichtungen, allmälig zum Reformator des gesammten Schulwesens geworden war. Man pries sich glücklich einen so aufgeklärten Gelehrten zu besitzen, der ganz den Beruf hatte, die veralteten Formen des Unterrichts nach den Anforderungen der neuen Zeit, die auf dem Gebiete der Schulen an Lehren und Versuchen so reich war, neu zu gestalten. Seit 1779 Director einer städtischen höhern Lehranstalt, des Friedrichsgymnasiums auf dem Werder, hatte er durch seine Geschicklichkeit der früher verwahrlosten Schule binnen wenigen Jahren einen ungewöhnlichen Ruf verschafft.
Es war um Johanni 1782, als der Vater den neunjährigen Knaben dem berühmten Lehrer zuführte, der ihn feierlich für Quinta reif erklärte. Somit war Ludwig ein Gymnasiast, ein Quintaner geworden; er trat in die gelehrte Welt ein. Lateinisch sollte getrieben werden, Griechisch stand in Aussicht, die Anforderungen steigerten sich auf allen Seiten. Er gesellte sich zu einer Schar älterer Knaben, die gewitzigt durch alle Listen und Abenteuer des Schülerlebens, stets bereit waren, ihren jungen Muth an Jedem zu kühlen, der nicht im Stande war ihnen handgreiflich zu beweisen, selbst Quintanermuth könne seinen Meister finden. Wie sauer machten sie nicht manchem Lehrer das Leben; wie manchen Kampf fochten sie nicht in der Schulstube oder auf Straßen und Plätzen aus!
In diesen Strudel wurde auch Ludwig hineingerissen. Anfangs hatte seine Frühreife, seine Altverständigkeit und Zierlichkeit, denn er galt für ein schönes Kind, ihn zum Gegenstand der Bewunderung und Liebkosung, zum kindischen Spielwerke der ältern Schüler gemacht. Bald aber ward er dieser duldenden Rolle überdrüssig, und begann ebenfalls seine Fäuste zu regen. Da sollte er den gefeierten Director auch als furchtbaren Donnerer kennen lernen.
Einst war in den Lehrstunden ein schriftlicher Aufruf zum Kampfe gegen die elenden Collegiaten, d. h. gegen die Zöglinge des benachbarten französischen Collège, von Hand zu Hand gegangen. Jeder brave Quintaner wurde darin aufgefordert, sich um vier Uhr Nachmittags, mit einem Rohrstocke bewaffnet, auf dem Lustgarten einzufinden. Die Einstimmenden sollten ihre Namen unterzeichnen. Ludwig glaubte nicht zurückbleiben zu dürfen, auch er war ein braver Quintaner. Wirklich traf man zur bestimmten Stunde auf den Feind. Doch plötzlich nahm die Schlacht eine für beide Heere unerwartete Wendung. Auf dem Lustgarten lagen zahlreiche Quadersteine verstreut, die bearbeitet werden sollten. In diesen Engpässen war man sich kaum begegnet, als höhere Kräfte in den Kampf der Helden eingriffen. Hinter jenen Steinen erhoben sich einige handfeste Steinmetzgesellen, die blindlings zufahrend aus der Schar der Collegiaten Einzelne herausgriffen, und an den Zöpfen mit starker Faust in die Lüfte erhoben. Die Werderschen, so unvermuthet durch ein gigantisches Geschlecht unterstützt, nahmen ihres Vortheils wahr, und hieben auf die zappelnden Collegiaten unter lautem Jubel unbarmherzig ein. Einer der Kämpfer, der Sohn eines Bauraths Moser, hatte diese furchtbaren Bundesgenossen in der Stille angeworben. Ludwig konnte in das allgemeine Siegesgeschrei nicht einstimmen. Nie hatte er braven Quintanern solche Tücke und Hinterlist zugetraut. Voll Entrüstung verließ er sogleich den Kampfplatz und ging nach Hause.
Auch ereilte die Nemesis die Verräther früh genug. Das Actenstück, welches den Beweis der Verschwörung enthielt, war in des Directors Hand gefallen. Untersuchung, strengste Strafe waren zu erwarten. Am nächsten Morgen trat Gedike als Richter in die Classe Quinta, der Pedell hinter ihm mit dem Blitze bewaffnet. Nach einer donnernden Strafrede wurden die Uebelthäter nach der Reihenfolge ihrer Unterschriften aufgerufen, verhört und die Strafe an ihnen vollzogen. Mit innerstem Zagen sah sich auch Ludwig von den Schwingungen des verhängnißvollen Stockes näher und näher umkreist. Endlich hörte er auch seinen Namen. „Und Er, einfältiger Mensch“, donnerte Gedike ihn an, „der erst seit wenigen Monaten in der Schule ist, hat sich auch zu solchem Unfug verleiten lassen? Schämt Er sich nicht?“ Die handgreiflich drohende Gefahr gab dem bestürzten Knaben einen unerwarteten Muth. Mit angstvoller Entschlossenheit rief er: „Herr Director, ich bitte Sie, hören Sie mich an!“ Wirklich hielt der Richter in seinem Strafgericht inne, und lieh der Vertheidigungsrede ein geneigtes Ohr. Mit altkluger Beredtsamkeit stellte Ludwig dar, wie sich die Sache eigentlich verhalten habe, und schloß mit einer Berufung auf das Zeugniß seiner Mitschüler. Da diese seine Aussage unterstützten, entließ ihn Gedike mit den Worten: „Das ist sein Glück!“ denen sich eine eindringliche Warnung für die Zukunft anschloß.
So gewichtige Erfahrungen brachte Ludwig nicht umsonst nach Hause. Hier wurde er der Führer der jüngern, gelehrigen Geschwister zu manchem kecken, muthwilligen Streiche. Bruder und Schwester, nur durch einen geringen Unterschied der Jahre von ihm getrennt, wurden die selbständigen Gefährten seines Lebens. Nicht minder früh, nur nach einer andern Seite hin, entwickelte sich Friedrich’s Talent. Auch er wurde später Schüler des Werderschen Gymnasiums, doch das schulgerechte Lernen war nicht seine Sache. Man klagte über seine geringe Gelehrigkeit, seine Trägheit. Konnten ihm die Schulkünste keine sonderliche Theilnahme abgewinnen, so zeigte er dagegen viel Anstelligkeit und Geschicklichkeit nach außen hin, namentlich eine entschiedene Gabe für Zeichnen und künstlerisches Gestalten. Die Schwester war in ihren Anlagen dem ältern Bruder ähnlich. Sie war heiter und lebhaft, keck und leichtsinnig, schnell und scharf in ihrer Auffassung, schlagend in ihren Antworten, besaß einen frühreifen Witz und eine unwiderstehliche Neigung zum Spott. Sie war eine stets bereite und helfende Theilnehmerin der Späße und Anschläge ihrer Brüder, mit denen sie auch muthig die Leiden theilte. Die Kinder stritten und zankten, jagten sich in Haus und Hof mit Katzen und Hunden umher, prellten die geängstigten Thiere in auf- und zuklappenden Regenschirmen, und übten tausend Eulenspiegeleien aus.
Es waren die Jahre gekommen, in denen die Strenge der väterlichen Zucht immer fühlbarer wurde. Auch hier zeigte sich der Vater als Mann von altem Schlage, von ganzem Schrot und Korn. Die volle Gewalt des Vaters und Meisters, Furcht und Gehorsam, das galt in seinem Hause als oberstes Gesetz. Wehe dem Untergebenen, über den sich das Ungewitter seines Zorns entlud, der nicht selten unerwartet in jäher Weise hervorbrach. Da ruhte die Hand väterlicher Züchtigung oft schwer auf Ludwig. Ueberhaupt schien es eine Erziehungsregel des Vaters, gegen die Kinder kurz, streng und abweisend aufzutreten. Niemals lobte er; er ließ gewähren, und seine Billigung sprach er meist durch Stillschweigen aus. Mit scharfem Tadel konnte er bei kleinen Dingen herausfahren, aber doch wieder mit jenem verhüllten Gefühle väterlicher Liebe, das auch durch die Züchtigung hindurchschimmerte. War er einmal bei besonders guter Laune, so zog er die Kinder wieder heran und erlaubte ihnen wol, sich in kleinen Wortwechseln mit ihm zu versuchen, nur mußten sie in den gesetzmäßigen Schranken bleiben. Dazu reizten ihn namentlich Ludwig’s altkluge Fragen und Antworten, den er dadurch als seinen Liebling auszeichnete. Von einem solchen Vorzuge hatte dieser unter der züchtigenden Hand des Vaters keine Ahnung, und er staunte nicht wenig, als ihm in späterer Zeit, da er zum Jünglinge geworden war, der Vater das Geständniß ablegte, er sei eigentlich sein Liebling gewesen.
Indessen fehlte es im fernern Verlaufe des Schullebens nicht an manchem glänzenden Erfolge, der Ludwig bei Lehrern und Schülern in den Ruf eines Genies brachte. Das verdankte er zunächst der Lebhaftigkeit seiner Phantasie und seinem ungewöhnlichen Gedächtnisse, das auch nur einmal Gehörtes oder flüchtig Aufgefaßtes leicht und sicher bewahrte. Erst auf dem Wege zur Schule pflegte er die Lehrstücke zu überlesen. Wie die Buchstaben wurden ihm die Zahlen lebendig. Die Figuren, welche durch verschlungene Rechenexempel gebildet wurden, jede einzelne Ziffer darin, schwebte ihm deutlich vor der Seele. Den Rücken gegen die große Wandtafel gewendet, konnte er sie Stelle für Stelle ohne den mindesten Anstoß wiederholen. Dergleichen hatte der Lehrer in seiner Schulerfahrung noch nicht erlebt, er sah darin eine psychologisch merkwürdige Erscheinung. Er ließ Ludwig in die Mitte des Zimmers treten, auf seinen Befehl erhoben sich die übrigen Schüler von ihren Sitzen und mußten sich drei mal tief verneigen. Es war die erste Huldigung, welche dem Genius dargebracht wurde.
Ob diese Huldigung angemessen sei, war freilich eine andere Frage. Doch scheint erziehende Weisheit eben nicht die Stärke dieses Lehrers gewesen zu sein. Er gehörte zu jenen wunderlichen Originalen der ältern Schulwelt, deren Gewissen weit, und deren Art und Weise oft die sonderbarste war. In seinen Händen blieb Ludwig fürs erste; die untern Lehrstufen hatte er schnell zurückgelegt, nun fing er an langsamer seines Weges zu gehen, je mehr die Anforderungen, die gemacht wurden, mit seinen Kräften in das rechte Gleichgewicht traten.
Viel Veranlassung zu bedenklichen Zweifeln gab dem Knaben zunächst der Subrector Stilke; das war jener Lehrer, dessen Liebling er im Anfange zu sein schien. Es war ein Mann der strengen, kirchlichen Form. Mit den Schülern pflegte er in der Regel im Tone demüthiger Frömmigkeit und väterlicher Milde zu sprechen. In sanftester Weise rief er die Sträflinge zu sich heran. Wie zufällig klemmte er den Frevler zwischen seinen Knien ein, liebkosend streichelte er ihm die Backen mit den Worten: „Siehst du, mein Kind, das mußt du nicht wieder thun. Du kränkst und betrübst damit deinen guten, alten Lehrer, der dich doch so sehr liebt!“ Diese liebevollen Ermahnungen unterbrach er dann durch einige plötzlich treffende Backenschläge von rechts und links, die unter sanftem Zureden und liebkosendem Streicheln in regelmäßigem Takte wiederkehrten. Wie die Milde des guten, alten Lehrers, ward auch bald seine Frömmigkeit verdächtig. Des Morgens wurde der Unterricht mit einem Gebete, das der Lehrer sprach, eröffnet. Einst kam der Subrector Stilke, der die erste Lehrstunde zu halten hatte, statt um acht, kurz vor neun Uhr. Mit feierlicher Miene trat er vor die versammelten Schüler hin, legte seine Taschenuhr auf den Tisch, und begann das Gebet mit folgenden Worten: „Allwissender Gott, vor dessen Blicken nichts verborgen ist, du weißt, daß meine Uhr heute Morgen unerwartet stehen geblieben ist, und daß ich darum nicht zu rechter Zeit kommen konnte.“
Die heller sehenden Schüler durchschauten bald dieses Wesen. Die Einen bequemten sich ihm augendienerisch, die Andern trieben übermüthig ihren Spott damit. Auch Ludwig blieb in kecken Bemerkungen nicht zurück. Bald hatte er die Gunst seines Subrectors verscherzt, und der Zorn des Lehrers ging endlich in eine Art von Haß über, der keinen Anstand nahm, den leichtfertigen Knaben in allem Ernste des Atheismus anzuklagen. Da diese und andere Anklagen auf alle möglichen Schulfrevel endlich auch zu des Directors Ohren kamen, zog sich allmälig kein geringes Unwetter über Ludwig’s Haupte zusammen.
Während des Unterrichts machte Gedike regelmäßig die Runde durch das Schulgebäude. Im Vorübergehen warf er einen spähenden Blick in die Schulzimmer durch ein in der Thür angebrachtes Schiebefenster. Nicht selten erschien er zum Troste und zur Rettung manches bedrängten Candidaten, und griff als deus ex machina mit gewaltiger Schicksalshand die hervorragenden Häupter der Schulhelden heraus. So stand er auch eines Tages plötzlich in der Mitte der Tertianer, als das Völkchen lustig über Tisch und Bänke setzte. Der Erste, der als Sühnopfer fiel, war Ludwig. Sein Maß war voll; zur Strafe mußte er nach Quarta ins Exil wandern. Für die Schulzeugnisse hatten solche Frevel nicht die besten Folgen. Es gehörte zu Gedike’s eigenthümlichen Mitteln, die Stufenfolge derselben durch grelle Farben zu versinnlichen. So brachte Ludwig zum großen Zorn des Vaters die schmachvolle gelbe Nummer vier nach Hause, auf welche natürlich ein neues, härteres Strafgericht folgte.
Wenn Ludwig den Zorn des großen Schulherrn zu leiden hatte, so wurde ihm dafür auch einmal die Genugthuung zu sehen, daß unter Umständen auch diese Macht in ein bedenkliches Schwanken gerathen konnte. Oft geschah es, daß auswärtige Schulmänner den berühmten Reformator besuchten, um seine Weise an Ort und Stelle kennen zu lernen. Einst erschien, von Gedike selbst begleitet, ein ernster stattlicher Mann, in einem langen, grauen Rocke. Er setzte sich als Zuhörer auf eine der Banken nieder, und breitete dabei die bauschigen Schöße seines Rocks mit vieler Würde aus. Einige Buben, die vorher mit einem Kaninchen ihren Muthwillen getrieben hatten, schoben ihm dieses leise in die Tasche, während er aufmerksam dem Gange des Unterrichts folgte. Mit Schrecken fühlte er plötzlich in seinem Rocke etwas Lebendiges rascheln. Entsetzt fährt er in die Höhe und mit den Händen in die Tasche. Die Gegenwart des Schulherrschers konnte einen allgemeinen Aufstand, in den Spott und Schrecken sich mischten, nicht hemmen. Glühend vor Zorn und Beschämung donnerte er dazwischen. Voll Verwirrung bemühte sich der Fremde das Kaninchen aus dem Abgrunde der Tasche heraufzuholen. Da trat einer der boshaften Uebelthäter, sich zierlich verneigend, auf ihn zu und sagte: „Erlauben Sie, mein Herr, daß ich Ihnen behülflich bin. Kaninchen faßt man immer bei den Ohren.“
Dergleichen Vorfälle hemmten indeß weder Ludwig’s Wissenstrieb noch seine fernere Entwickelung. Vielmehr war er dem Schulunterrichte in manchen Punkten voraus. Er hatte bereits die Anfangsgründe des Griechischen von einem nachhelfenden Primaner erlernt. Es war sein sehnlichster Wunsch, den Homer, namentlich die „Odyssee“, von der er Mancherlei gehört hatte, was seine Phantasie ungemein anregte, in der Ursprache lesen zu können. Der Vater, der an Lehr- und Bildungsmitteln herbeischaffte, was ihm in seiner Lage irgend möglich war, ruhte nicht eher, als bis er seinen Ludwig mit der Damm’schen Uebersetzung des Homer überraschen konnte. Dieser nahm das Buch mit Dank an, sagte aber voll altkluger Selbstüberwindung: „Ich bitte Sie, lieber Vater, dieses Buch für jetzt zurückzulegen. Binnen kurzer Zeit werde ich die ‚Odyssee‘ in griechischer Sprache bei Herrn Griese lesen, dann hoffe ich diese Uebersetzung besser nutzen zu können.“
Herr Griese war nämlich ein alter Candidat der Theologie, der kümmerlich von Privatunterricht lebte. Halb aus Mitleiden hatte der gutmüthige Vater ihm die Aufsicht über die häuslichen Arbeiten des Sohnes und die griechischen Lehrstunden übertragen. Dafür aß denn Herr Griese einige Male in der Woche an dem Tische des gastfreien Bürgers. Nur war es übel, auch seine Kenntnisse waren ziemlich kümmerlich, und es dauerte nicht lange, so zeigte sich die volle Ueberlegenheit des Schülers. Vor allem gab der Lehrer bei dem Lesen des Homer, worauf er sich aus einer halbverstandenen lateinischen Uebersetzung vorbereitete, die kläglichsten Blößen. Einst erzählte er seinem Zögling ausführlich, wie Aegisth den Orestes ermordet habe, und dafür nach seinem Tode göttlich verehrt worden sei. „Bester Herr Griese“, rief der Knabe, „das ist unmöglich! Umgekehrt war es!“ Herr Griese stutzte, machte aber doch einige nicht ganz glückliche Versuche, seine eigenthümliche Meinung zu vertheidigen. Im Hintergrunde des Zimmers saß der Vater behaglich in seinem Lehnstuhle, und lachte in sich hinein über seinen klugen Sohn, der bereits den Lehrer aus dem Felde schlug.
Neben dem Griechischen sollte aber das Französische nicht vernachlässigt werden. Auch dafür wußte der Vater ein Mittel. Ludwig mußte den Gottesdienst der französischen Colonie besuchen. Von früher Zeit an hatten die Aeltern mit Strenge auf einen regelmäßigen Besuch der Kirche gehalten. Zuerst hatten sie die Kinder alle Sonntage in die Petrikirche geführt, in deren Sprengel sie wohnten; dann hatte man sie im Vertrauen auf ihren Gehorsam dorthin allein gehen lassen. Endlich meinte der Vater auch diese Stunden nützlich machen zu können. Die Erbauung war hier freilich gering. Oft bestand die hörende Gemeinde aus keinem Dutzend Menschen. In späterer Zeit, als der sogenannte junge Ancillon anfing einen größern Kreis von Zuhörern um sich zu sammeln, zog auch Ludwig diesen geistvollen und feurigen Redner allen Andern vor.
Doch nicht nur in Haus und Schule, zu Zeiten mehr noch draußen, auf Straßen und Plätzen, vor den Thoren sammelten sich die Kinder. Da gab es allerlei lustige Abenteuer, da sah und hörte man, was Alle anging, die Stadt, das Land, man sah das öffentliche Leben jener Tage.
Zu den Volksfesten, an denen die Knaben mit vollstem Jubel theilnahmen, gehörte das Weihnachtsfest und der Weihnachtsmarkt, der Mittelpunkt des berliner Volkslebens. Dann streiften sie einzeln und in ganzen Scharen zwischen den hell erleuchteten Verkaufsbuden auf dem Schloßplatze und in der nahgelegenen Breiten Straße umher. Tausendfaches gab es zu sehen und zu bewundern, manche Gelegenheit zu kleinen Erwerbungen, wenn es auch nur ein Pfefferkuchen oder ein Waldteufel gewesen wäre, und endlich fehlte es auch nicht in dem nächtlichen Dunkel hinter den Buden an stets willkommenen Kämpfen. Bei aller muthwilligen Stimmung hatte das Ganze dennoch einen zauberhaften, geheimnißvollen, ja rührenden Ausdruck. Wie glänzte Alles in dem Lichte festlicher Erwartung! In ihr ging schon Wochen vorher alles Wünschen und Hoffen der Kinderwelt auf. Auch beim Meister Tieck war das Weihnachtsfest eine große häusliche Freude. Es gab einen festlich geschmückten Tannenbaum mit brennenden Lichtern besetzt, und Näschereien, nach denen man sonst das ganze Jahr vergeblich lüstern spähte. Unter allen Geschenken aber strahlten die unerläßlichen Soldaten von Zinn als das Anziehendste hervor, die unter Ludwig’s Händen bald zu belebten Wesen wurden, zu einem ernsten Spielzeug, zu dem er auch in spätern Tagen in heiterer Laune gern zurückkehrte.
Gedanken ganz anderer Art wurden erregt, wenn diese bleiernen Heere in der That lebendig geworden schienen, und die Trommel in den Straßen Berlins die Soldaten Friedrich’s zu Paraden und Revuen rief. Wenn die Garnison sich in allem Waffenglanze und ihrer ganzen Mustergültigkeit entfaltete, dann fühlte sich der Stolz des berliner Bürgers gehoben, und auch bei den Kindern erwachte die Ahnung, einem noch größern Ganzen als Schule und Haus anzugehören. Unter allen Gestalten, die bei solchen Gelegenheiten öffentlich auftraten, blieb immer die volksthümlichste der alte Fritz selbst. So oft er mit dem dreieckigen Hute und dem großen Krückstocke auf seinem alten Schimmel in bequemem Trabe durch die Straßen ritt, stürzte die Schul- und Straßenjugend von allen Seiten herbei. Eine Schar vorlauter Knaben überschlug sich in tausend tollkühnen Purzelbäumen unmittelbar vor dem Pferde, Mützen und Hüte flogen in die Luft, und unaufhörlich schrie Alles: „Der olle Fritz! der olle Fritz!“ So geleiteten ihn die Scharen die Straßen auf und ab, ohne daß der König eine Miene verzog. Mit demselben Löwenauge, dessen zorniges Blitzen man sehr wohl kannte, sah er gleichmüthig auf das Treiben eines dreisten, aber doch nicht bösartigen Volkswitzes herab. Prächtiger, aber auch steifer ging es her, wenn er sich in seiner großen gläsernen Staatscarrosse zeigte, was nur einige Male im Jahre geschah. In langsam feierlichem Schritte fuhr er dann mit vollem Prachtgespann durch die Straßen; voran die aufgeputzten Läufer, hinten auf der Carrosse die fremdartigen Haiducken, zu beiden Seiten des Kutschenschlages zahlreiche königliche Diener. Ernst und streng saß er selbst hinter den Glaswänden. Jedermann sollte seinen König sehen können. Auch in die Nähe der Roßstraße, des väterlichen Hauses kam dieser Prunkzug; er lenkte die Breite Straße hinab, am Kölnischen Rathhause vorbei.
Als großer Kriegsfürst, der dem verbündeten Europa siegreich widerstanden hatte, erschien der König an der Spitze seiner Truppen, die so manche Schlacht geschlagen, bei Paraden und Revuen. Wenn es vor einem der Thore Berlins, etwa vor dem Halleschen oder dem Prenzlauer, Heerschau und Manöver gab, dann strömte die berliner Bürgerwelt scharenweise hinaus. Auch Meister Tieck nahm sich die Zeit, seine Kinder zu solchen volksthümlichen Schauspielen zu führen. Zwischen der drängenden Menschenmasse, den einherjagenden Ordonnanzen und den manövrirenden Truppen trotzte man stundenlang dem Staube und der Sonnenglut, um den alten Fritz, umgeben von dem glänzenden Gefolge seiner berühmten Generale zu sehen.
Einst war Ludwig bei einem solchen Volksfeste vor dem Prenzlauer Thore durch die hin- und herwogenden Scharen der Zuschauer von seinem Vater getrennt worden. In demselben Augenblick erscholl ein tausendstimmiger Vivatruf; er kündete den König an. In der Mitte seiner Generale ritt er auf dem Feldwege heran, der zwischen höherliegenden Sandhügeln hohlwegartig dem Thore zuführte. Auch Ludwig wollte den alten Fritz sehen und in seinem Eifer nicht zurückbleiben. Behende schwang er sich an der schrägablaufenden Seitenwand des Hohlweges in die Höhe, und faßte in einer Vertiefung festen Fuß, welche der Regen geklüftet hatte. Abgesondert von der Menge stand er Allen sichtbar, wie in einer Nische, über den Häuptern der Andern. Da nahte der König. Unter lautem Rufen schwenkte Ludwig seinen Hut. Plötzlich, in der vollen Begeisterung des Augenblicks, weicht der Sand unter seinen Füßen, er verliert das Gleichgewicht. Wenig fehlte, so wäre er aus seiner Grotte auf die vorbeireitende Generalität gestürzt. Sein lauter Ruf, die unwillkürliche Heftigkeit seiner Bewegungen erregten die Aufmerksamkeit des Königs. Dieser wendete sich halb von der Seite, und ein voller, fragender Blick des großen blauen Auges fiel auf Ludwig. Voll Schrecken gelang es ihm noch zu rechter Zeit das Gleichgewicht wiederzugewinnen, während der König mit seinen Generalen vorüberritt. Es war ein Erlebniß. Ludwig hat diesen tiefen Blick des alten Fritz, der auch auf ihn gefallen war, nie vergessen.
3. Die Breter, die die Welt bedeuten.
Diese Welt, welche sich hier dem knabenhaften Sinn entfaltete, die er bald verwundert anstaunte, bald handelnd oder leidend seinen Theil daran hinnahm, wollte das sein und bedeuten was sie schien. In ihr lebte man unmittelbar. Aber es gab noch eine Welt, die etwas Anderes bedeuten wollte, und um so mächtiger die Phantasie ergriff und das Gefühl erregte. Dies war die Welt der Breter. In dem Vater lebte etwas von dem Kunstsinne der alten Handwerksmeister. Wie jene Nürnberger fand er Gefallen an der bunten Welt, welche die Dichtung erschließt, an Scherz und Ernst in gebundener und ungebundener Rede, und ihrer Darstellung auf den Bretern. Wie hätte eine solche Vorliebe des Vaters nicht auf den Sohn wirken sollen, in dem Phantasus noch halb träumerisch die Flügel regte, und ihm seine Märchen ins Ohr zu flüstern begann.
Die Erinnerungen an scenische Darstellungen gehen in Ludwig’s frühestes Kindesalter zurück. Einst hatte der Vater das Kind in die Bude eines Puppenspielers mit sich genommen. Auch dergleichen harmlos volksthümliche Kunstgenüsse liebte er. Hanswurst begann seine Späße, er erschien als Schäferknecht, der bei dem Verkaufe der Wolle in der Stadt seinen Vortheil zu machen hoffte. Dann trat ein prächtig gekleideter Prinz auf. Mit den wildesten Geberden der Verzweiflung rief er zu wiederholten Malen: „O Cupido! Cupido! welch ein Tyrann bist du!“ Im Schmerze unglücklicher Liebe überschlug sich die Holzpuppe in eckigen, steifen, seltsamen Bewegungen, daß Arme und Beine klappernd gegeneinanderrasselten. Das fratzenhafte Gebaren dieses Prinzen machte einen entsetzlichen Eindruck auf die Phantasie des Kindes. Es brach in lautes Weinen aus, und um den Ernst des Spiels nicht zu stören, verließ der Vater mit dem Kinde die Bude. Erst als es durch die dunkeln, stillen Straßen getragen wurde, und sich jene bunte, und doch so schreckhafte Welt plötzlich geschlossen hatte, fand es sich wieder.
Als später dieses Grauen vor dem Fremdartigen überwunden war, trat an die Stelle des ersten Entsetzens das lebhafteste Vergnügen an der Welt der Breter. Ludwig war sechs Jahre alt, es war im Sommer des Jahres 1779, als er zum ersten Male in das große berlinische Theater geführt wurde. Mit Pracht wurde eine Oper, „Die neue Arsene“ von Favart, zum ersten Male gespielt. Aber schon rührte sich die Kritik. Das Singen schien ihm verkehrt und langweilig, er wollte Handlung.
Ludwig war in eine neue Welt eingeführt; er hatte eine gewaltige Anregung erhalten, die durch wiederholte Besuche des Theaters lebendig blieb. Die Lust solche Darstellungen in irgendeiner Weise selbst zu versuchen, begann sich unaufhaltsam zu regen. Zuerst griff er nach den Werkzeugen, die dem kindischen Alter am nächsten lagen. Die zinnernen Soldaten, des Vaters deutsche Spielkarten mußten redend und handelnd auftreten. Den herrlichsten Stoff gab sein geliebter „Götz“, den er endlich aus dem Gedächtnisse herzusagen wußte. Dann kamen Papierpuppen an die Reihe, die den Charakteren schon mehr entsprachen. Die Kinder ruhten nicht eher, als bis sie ein vollständiges Puppentheater hergestellt hatten. Friedrich versuchte sich dabei in Malereien und Decorationen, Ludwig entwarf kleine Dramen, und fing auch wol an sie niederzuschreiben, wenn seine Ungeduld die Sachen fertig zu sehen, ihm Zeit ließ.
Endlich geschah der letzte Schritt. Wie, wenn man an die Stelle der Puppen trat, und statt sie darstellen zu lassen, selbst darstellte? Wieder wurde Ludwig Führer der jüngern Geschwister. Die Kenntniß dramatischer Dichtungen hatte sich erweitert; was die Kinder der Art irgend gesehen oder gelesen hatten, versuchten sie sogleich auf frischer That wiederzugeben. Siegreich führte die Phantasie über alle Schwierigkeiten hinweg. Entweder lasen die jugendlichen Schauspieler eine oder mehrere Stellen mit rednerischem Ausdruck aus dem Buche ab, oder irgendein Winkel wurde zur Bühne, auf der sie in abenteuerlichem Putze, den der Kleiderschrank des Vaters oder der Mutter liefern mußte, auftraten. Meistens wurden die dunkelsten und entlegensten Winkel zur Schaubühne ausersehen. Nur in der tiefsten Stille und Einsamkeit konnte man diese Freuden ganz genießen. Nichts störte den Zauber mehr, als wenn das nüchterne Tageslicht diese Helden beleuchtete, oder ihr Spiel durch kritische oder zweifelnde Bemerkungen unterbrochen wurde.
Da glaubte Ludwig einmal einen Schlupfwinkel gefunden zu haben, der an Stille und Sicherheit alle andern übertreffe. Eines Sonntags, als er dem väterlichen Befehle folgend die Petrikirche hatte besuchen müssen, durchstreifte er nach Knabenart, müßig und gelangweilt, die unbesetzten Theile der Kirche. Bei solchen Streifereien wurde in der Regel irgend etwas Merkwürdiges entdeckt, was bei weitem wichtiger erschien als die Predigt. Er kam in einen entfernten, düstern Winkel des Chors, wo kein Andächtiger saß, weil es unmöglich war, die Worte des Predigers zu verstehen; sie verhallten in weiter Ferne, und selbst Gesang und Orgel tönten nur gedämpft herüber. Hier schien tiefe Stille zu herrschen. Sogleich stieg bei Ludwig, der nur sein Komödienspiel im Kopfe hatte, der abenteuerliche Gedanke auf, hier sei der sicherste Ort dafür. Voll Jubel verkündete er seine Entdeckung den Geschwistern, und sogleich wurde beschlossen, am nächsten Sonntage den neuen Schauplatz zu versuchen. Freilich konnte man nicht mit allem scenischen Zubehör in der Kirche auftreten, darum wollte man sich mit dramatischem Lesen begnügen, und von allen Decorationsstücken nahmen die Kinder nur das unverfänglichste mit, den großen Familienregenschirm, der zugleich als Deckung dienen sollte. Bei der Wahl des Stücks fiel man diesmal nicht auf den „Götz“, sondern ein jüngerer, nicht minder mächtiger Mann bekam den Vorzug, Karl Moor. Es war die Zeit, wo Schiller’s „Räuber“ alle Gemüther erschütterten. Auch Ludwig’s Phantasie wurde von der überwältigenden Macht der kolossalen Dichtung fortgerissen. Er überließ sich diesen Eindrücken um so lieber, als alle Schauer und Entsetzen des Schrecklichen in ganz anderm Maße als durch den „Götz“ entfesselt wurden. Jetzt träumte er nur von Karl Moor und seinen Räubern.
An Ort und Stelle fand man Alles, wie er gesagt hatte. Was konnte einladender sein als dieser vergessene Winkel voll Staub und herabhängender Spinnweben? Wie aus weiter Ferne hörte man die Worte des Predigers herüberschallen. Es war der Propst Teller, der an diesem Sonntage predigte; seine Stimme galt ohnehin für etwas undeutlich. Im Gefühle vollster Sicherheit wurde der Regenschirm aufgespannt; die Kinder kauerten unter demselben nieder, und die Tragödie nahm ihren Anfang. Ungeduldig schlug man gleich die Lieblingsstellen auf. Mit aller Gewalt des tragischen Zornes stimmte Ludwig die verzweifelten Verwünschungen Karl Moor’s aus dem ersten Acte an: „O Menschen, Menschen! heuchlerische Krokodilenbrut!“ Kaum waren die ersten Worte ausgestoßen, als die Kinder vor Schreck über die Wirkungen ihrer Tragik meinten in die Erde sinken zu müssen. Wie rollender Donner hallten die Worte Karl Moor’s aus allen Winkeln der Kirche zurück. Aber von nicht geringerm Entsetzen wurde die Gemeinde ergriffen. Der Prediger stockte, die Kirchendiener liefen voll Bestürzung hin und her, die Ursache dieses furchtbaren Getöses zu erforschen. Die Kinder erholten sich noch rasch genug von ihrem Schrecken, um schleunigst die Flucht zu ergreifen. Wie vom bösen Feinde gejagt, stürzten sie die Treppe hinunter, hinaus auf den Platz, und in vollem Laufe über die Straße. Immer noch meinten sie die Tritte der verfolgenden Kirchendiener hinter sich zu hören. Erst an der Schwelle der väterlichen Wohnung wagten sie wieder Athem zu schöpfen. Angstvoll krochen sie in den heimlichsten Winkel des Wohnzimmers; erst hier hielten sie sich gesichert.
Doch wie wuchs ihr Entsetzen, als eine halbe Stunde darauf ein ehrbarer Hausfreund erschien, der auch in der Kirche gewesen war, und unter Kopfschütteln, mit bedenklichem Gesicht, dem staunenden Vater zu erzählen begann: „Herr Nachbar, es ist heute in der Kirche etwas sehr Sonderbares vorgefallen.“ — Er berichtete darauf, die Predigt sei durch ein ungewöhnliches Brausen unterbrochen worden, durch donnerähnliche Töne, die sich kein Mensch erklären könne. Er sprach von Zeichen und Wundern; ob es eine Heimsuchung, ein Erdbeben, oder was es sonst gewesen sei, Niemand vermöge es zu sagen. Der aufgeklärte Vater suchte den besorgten Nachbar zu beruhigen, wenngleich es ihm selbst in diesem dunkeln Falle an jeder Aufklärung fehlte. Nur die Kinder wußten sie; aber sie hielten sich mäuschenstill, und lachten bei aller Angst über den trefflichen Spaß in sich hinein.
Inzwischen war Ludwig als Tertianer selbständig genug geworden, um ihm hin und wieder den Besuch des Schauspiels auf eigene Hand zu erlauben. Neben vielem Gleichgültigen und Vorübergehenden sah man Lessing’s Dramen, Goethe’s und Schiller’s erste Dichtungen mit der frischesten, vollsten Theilnahme auf dem Theater. Hin und wieder machte man sich bereits an die Bearbeitung und Darstellung Shakspeare’scher Tragödien. Unter dem Drucke besonders ungünstiger Verhältnisse hatte sich das deutsche Schauspiel in Berlin emporgearbeitet, im Kampfe gegen die begünstigten französischen und italienischen Bühnen, gegen das Vorurtheil der höhern Classen. Aber gerade dies stärkte seine Kraft. Man wollte zeigen, daß man auch eine volksthümliche Dichtung und Bühne habe. Mit gleicher Begeisterung begrüßten Schauspieler und Zuschauer die jungen Dichtungen, welche die Bühne umzugestalten verhießen. Döbbelin, der Begründer des deutschen Schauspiels in Berlin, war selbst erfüllt von deutschem Sinne und einem aufrichtigen Streben für seine Kunst. Nur trat Alles noch in dem bescheidensten Gewande auf. In dem Hintergebäude eines Hauses in der Behrenstraße lag das Theater. Der Eingang führte über einen Hof. Die Räume der Bühne selbst waren eng, klein, auf das einfachste eingerichtet. Doch rührte sich hier ein muthiger, jugendfrischer Geist; die große Zeit der deutschen Bühne begann sich hier vorzubereiten.
Wie heimisch war Ludwig bald in diesem dürftigen Kunsttempel! So oft es irgend ging, vertauschte er sogleich die Schulbank mit der Zuschauerbank. Mit unwiderstehlichem Zauber zog ihn die Welt der Breter an. Alles, was irgend damit in Verbindung stand, war wunderbar und Gegenstand ehrfurchtvollen Staunens. Welche Wonne, wenn er als einer der ersten Zuschauer in dem leeren, noch halb dunkeln Hause saß, und Hoffnung und Ungeduld in ihm kämpften! Wie steigerten sich allmälig die Schauer geheimnißvoller Erwartung, wenn ein bleicher Stern in der Nacht, ein Talglicht nach dem andern aufging, wenn die Musikanten klimpernd ihre Geigen zu stimmen anfingen, wenn der Vorhang, der noch schweigend die Wunder verdeckte, sich im Zugwinde hin und wieder bewegte. Endlich enthüllten sie sich, und wie erklangen da in der jungen Brust alle Töne von Freude und Leid, Lust und Schmerz, ja des Grausens und Entsetzens!
Unter den Schauspielern selbst aber machte schon damals keiner einen größern Eindruck auf ihn als Fleck, der seit 1783 der Döbbelin’schen Gesellschaft angehörte, wenn er etwa den Othello oder Shylock, Karl Moor, Otto von Wittelsbach oder den Herzog Albrecht in der „Agnes Bernauerin“ spielte.
Alles Geld, was Ludwig von dem Vater erhielt, verwandte er jetzt, ohne dessen Zorn zu fürchten, auf das Theater. Endlich schien das Wunder die Breter zu verlassen und in die wirkliche Welt hineinzutreten. Ludwig selbst war der Günstling einer geheimen Macht, welche seine Theaterlust wohlwollend schützte.
Durch eine Unaufmerksamkeit des Logenschließers war einst der Zettel, welcher die Pforten der geweihten Räume öffnete, in seinen Händen geblieben. Welche frohe Aussicht, darauf hin noch eine zweite Vorstellung sehen zu können! In höchster Spannung, zwischen Begierde und innerer Angst schwebend, trat er andern Tages, sein Billet in der Hand, an den Eingang des Zuschauerraums. Und in der That, es eröffnete ihm nicht nur den Eintritt, sondern wurde ihm auch diesmal nicht abgefordert. So ein drittes, ein viertes Mal und öfter, immer übersah ihn der Logenschließer. Wie Fortunat’s Hut schien hier das Billet die Kraft zu besitzen, ihn unsichtbar zu machen, und kaum wäre ihm jener ein größerer Schatz gewesen. Wie einen räthselhaften Talisman hütete er nun seinen theuern Zettel, immer zuversichtlicher erprobte er dessen geheime Kräfte.
Indeß bald sollte der Schleier des Wunders durch die prosaische Aufklärung gehoben werden. Eines Abends, als Ludwig bereits seinen Platz eingenommen hatte, versuchte ein anderer Knabe mit Hülfe natürlicher Unverschämtheit ein ähnliches Wunder zu thun; den Hut unter dem Rocke verborgen, um den Schein zu erregen, als habe er das Parterre nur soeben verlassen, drängte er sich in der Mitte anderer eintretender Zuschauer an dem Logenschließer vorüber. Doch dieser bemerkte ihn. „Halt, Musje! Wohin?“ rief er ihm zu. Der Eindringling schwieg verblüfft. „Du mußt einen alten Mann nicht zum Narren machen wollen“, schalt der Schließer und trieb ihn zum Tempel hinaus. Zitternd hatte Ludwig diese sonderbare Begebenheit von seinem Platze aus angesehen, als er plötzlich zu seinem nicht geringen Schrecken selbst hineingezogen wurde. Unerwartet wandte sich der Schließer zu ihm. „Ihnen, Musje“, sagte er, „erlaube ich es gern, ohne Billet einzutreten; denn ich sehe, Sie sind ein stilles und artiges Kind, das am Theater seine Freude hat.“ Ludwig war aus allen seinen Himmeln gestürzt. Also kein Wunder, kein geheimer Talisman hatte ihm den freien Zutritt verschafft, sondern die ganz menschlich gewöhnliche Gunst eines Logenschließers. Das Geheimniß war verschwunden, und mit ihm ein großer Theil des Reizes. Das unheimliche Gefühl, daß er mit Unrecht hier sitze, beschlich ihn. Endlich drängte er sein Billet dem Schließer wieder auf, und war froh, in die Reihen der gewöhnlichen Zuschauer zurückzutreten.
Doch auch von einer andern Seite nahte die Enttäuschung. Er begann die Armseligkeit der Theaterwelt zu ahnen. Trotz seiner Geringschätzung der Komödianten hatte der Vater dennoch den Verkehr mit denselben fortgesetzt, ja er machte sogar den Beschützer. Es besuchte ihn öfters ein junger Schauspieler, Namens Heinzius, der eine Anstellung beim berliner Theater suchte, und einstweilen mit Frau und Kindern hungerte. Mitleidig lud ihn der kunstsinnige Handwerker zu seinem Mittagstische ein, damit er sich ab und zu satt essen könne. Dann kam der Künstler, um vor seinem Gönner würdig zu erscheinen, mit reiner Halskrause, die er vorher mit Schlemmkreide sauber geweißt hatte. Während er der derben Hausmannskost tapfer zusprach, pflegte er zum Danke allerlei lustige Geschichten zu erzählen, die den Vater in seiner ungünstigen Meinung von den Komödianten meistens bestärkten. Nach langen Jahren sah Ludwig diesen Heinzius wieder. In kummervoller Gestalt, die Guitarre am Bande über der Schulter, durchstreifte er als Improvisator die Tabagien und Vergnügungsgärten Berlins.
4. Der Genius.
Gewann schon Ludwig’s Freude am Theater durch das Geheimniß, welches er darüber auszubreiten suchte, einen ganz besondern Reiz, so gab es eine andere Saite, deren innerste Bewegung sich den Augen noch viel mehr entzog. Wenn er als Schauspieler aufzutreten suchte, so war dies keineswegs allein gewöhnliche Kinderlust an possenhafter Mummerei, der Dichter war es, der sich in ihm regte, und zu diesem ersten, unmittelbarsten Werkzeuge griff. Doch wie ungefügig und schwerfällig waren diese Mittel, wie bleich diese Farben im Vergleich mit den glänzenden Bildern, welche die kindisch spielende, doch rastlos arbeitende Phantasie heraufführte! Wie sank hier jede Schwere des Stoffes zu Boden, wie wichen Zeit und Raum zurück, wie frei schaltete der Knabe in dieser Bilderwelt, die ihn umgab, wo er ging und stand, in der das Gewöhnliche im Glanze des Wunderbaren und Außerordentlichen erschien. Hier schwieg jeder Schul- und Lehrzwang, hier war er sein eigener Herr. Die ersten Schauer jener Verzückungen, in denen sich schöpferische Kraft und Genuß verbanden, durchbebten seine Seele. Stärker und stärker begann der Genius anzuklopfen.
Fürs erste sprach er sich in kindischer Weise aus. Früh hatte Ludwig angefangen, nach Reim und Tonfall spielend Verse zu machen. Natürlich entging das dem Auge des Vaters nicht. Stillschweigend ließ er ihn gewähren, und schien es als etwas Gewöhnliches zu nehmen. Doch trat Ludwig früh genug öffentlich als Dichter auf. Als sein gefürchteter Schuldirector sich im Jahre 1784 verheirathete, drückten die Schüler in glückwünschenden Reden ihre Theilnahme aus. Auch Ludwig mußte zur Feier einige Verse machen. Ein junger Mensch, der in des Vaters Hause verkehrte, hatte sie regelrecht zugestutzt, er selbst sprach sie vor dem Director und seiner jungen Frau. Einige Küsse und ein Stück Hochzeitskuchen waren der erste Dichtersold, den er gewann; und die Schulkameraden staunten ihn wegen solcher Künste und Erfolge nur umsomehr an.
Kühner traten diese Versuche in Verbindung mit dem dramatischen Spiele hervor, das unaufhörlich zu Planen und Ausführungen Veranlassung gab. Auch an andern Uebungen in verschiedenen Versmaßen fehlte es nicht, namentlich seit die zunehmende Bekanntschaft mit alten und neuern Dichtern selbst in der Schule dazu führte. Den tiefsten Eindruck hatte die „Odyssee“ auf ihn gemacht. In den klarsten dichterischen Formen fühlte er den Zauber der Mythenwelt auf sich wirken. Dieser Wechsel der anschaulichsten Gestalten, die bunten Abenteuer in einer fabelhaften und wunderbaren Natur, die siegreiche Kraft menschlichen Witzes im Kampfe mit allen Schrecken der Elemente und des Zaubers, diese Fülle der Phantasie, alles Das übte einen unendlichen Reiz aus. Er konnte diese tönenden Verse nicht oft genug lesen. Auf seine Weise suchte er dem Stoffe näherzukommen. Zwei mal übersetzte er die „Odyssee“ schriftlich, einmal in Prosa, dann in Hexametern.
Glaubte Ludwig in solchen Uebungen etwas Besonderes geleistet zu haben, so übergab er es dem Vater, der diese überraschenden Zeugnisse der Frühreife in der Regel mit gleichgültiger Miene hinnahm. Sein Lob beschränkte sich meistens auf die trockene Bemerkung: „Nun, es geht an.“ Dagegen faßte er die kindischen Blößen mit scharfem Tadel auf und benutzte sie, um die junge Zuversicht zu demüthigen und vor sich selbst lächerlich zu machen.
Einst war Ludwig Huber’s französische Uebersetzung von Kleist’s „Frühling“ in die Hände gefallen. Die Naturschilderungen in dem Gedichte gefielen ihm. Spielend fing er an, es zurückzuübersetzen, und zwar in gereimten Versen. Einzelnes davon überreichte er dem Vater, der es ihm mit einem lakonischen, aber vieldeutigen „Hm! So!“ zurückgab. Ohne sich irre machen zu lassen, hatte er seine Rückübersetzung fast vollendet, als er nicht minder zufällig das Gedicht selbst kennen lernte. Er zweifelte keinen Augenblick, dies sei eine deutsche Uebersetzung, und Huber’s Uebersetzung, die er ja früher hatte kennen lernen, das Original. Er konnte seine Verwunderung über die sonderbaren Verse nicht unterdrücken, und eilte mit seinem Funde zum Vater. „Sehen Sie, lieber Vater“, rief er ihm zu, „den dummen Mann hier, der das französische Gedicht in solchen Versen übersetzt hat!“ Mit ironischer Trockenheit erwiderte der Vater: „Du bist und bleibst ein dummer Junge! Ich habe dich in deinem Thorenwerke nicht stören wollen; nicht einmal den Titel deines Buchs hast du angesehen, sonst hättest du es sogleich bemerken müssen. Dieses hier, Kleist’s ‚Frühling‘, ist das ursprüngliche Gedicht, und jenes eine französische Uebersetzung. Du bist einfältig genug gewesen, ein deutsches Buch ins Deutsche zu übersetzen.“ Beschämt stand der jugendliche Schriftsteller vor dem strengen Kritiker. Gegen einen so bündigen Beweis ließ sich nichts vorbringen. Schweigend zog er sich mit seinen Versen, auf die er keinen geringen Werth gelegt hatte, zurück.
Keine geringere Beschämung erfuhr er bei einer andern Gelegenheit. Unfern der Petrikirche war er einst einem schlanken jungen Manne von stattlicher Haltung begegnet. Ernst, wie es schien, tief in Gedanken versunken, schritt dieser würdevoll einher; unbewußt ließ er dabei sein zierliches spanisches Rohr taktmäßig auf das Pflaster der Straße niederfallen. Wo hatte Ludwig dieses blasse Gesicht, diese gewölbte Stirn, diese Nase gesehen? Diese edeln Züge, in denen soviel Kraft und Anmuth, aber auch soviel schmerzliche Erfahrung zu liegen schien? Wie ein Blitz durchzuckte es seine Seele: „Es ist Goethe!“ Wie oft hatte er nicht in Lavater’s „Physiognomik“ Goethe’s Schattenriß mit Bewunderung betrachtet und dieses edle, hohe Antlitz seinem Gedächtnisse eingeprägt! Es waren dieselben Züge. Ja, das konnte nur Goethe sein! Trunken von seinem Glücke, den größten Dichter gesehen zu haben, eilte er nach Hause.
Doch wie steigerte sich seine Wonne, als er demselben jungen Manne bald darauf wieder begegnete, als er gar entdeckte, daß er in der Nähe der Petrikirche wohne. Jetzt legte er sich vollkommen in den Hinterhalt, um Goethe vorübergehen zu sehen. Bald ging er in einiger Entfernung neben ihm, oder er suchte ihm entgegenzukommen. Er vertiefte sich in seinen Zügen, den Götz, den Werther entdeckte er darin. „Ach, wie muß doch einem so großen Dichter zu Muthe sein!“ seufzte er sehnsüchtig für sich. Endlich konnte er die Freude seines Herzens nicht mehr allein tragen. Er theilte das große Geheimniß seinem Vater, seinen Freunden mit. Man lächelte ungläubig; man sah den Goethe, der in der Nähe der Petrikirche wohnen sollte, man stellte Nachforschungen an. Aber welche Enttäuschung erfolgte auch hier! Nicht Goethe war der blasse Räthselhafte, sondern der Kammergerichtsassessor Kircheisen, der Sohn des berlinischen Stadtpräsidenten. Die spöttische Zurechtweisung des Vaters blieb nicht aus, und lange noch hatte Ludwig wegen seines Goethe-Traums die Neckereien der Geschwister und Gefährten zu erdulden.
Wenn sich die Gegenbemerkungen des Vaters auf so schlagende Thatsachen gründeten, so ließ sich dagegen nichts sagen; desto weniger überzeugend waren für Ludwig seine dichterischen Urtheile. Nicht nur sein eigener Dichtergenius regte sich, er fing auch an das Verständniß Anderer zu ahnen, deren Anerkennung ihm allmälig zum Lebensbedürfniß wurde. Aber der Vater schien viele gar nicht so anzuerkennen, wie sie es verdienten. Oft war er hart in seinen Urtheilen, und in seinem rücksichtlosen Spotte verletzend. Aus einem tiefen, unabweisbaren Gefühle erwuchsen Ludwig’s Ueberzeugungen. So klar wie der Tag, so sicher wie sein eigenes Dasein stand Manches vor ihm, und dennoch sollte er im Unrechte sein? Nicht ohne Selbstgefühl vertheidigte er daher seine Ansichten gegen den Vater. Er wagte es sogar, diesen bisweilen in Dem zu durchkreuzen, was er sich als Ergebniß seiner Lebenserfahrung ausgebildet hatte. Bei solchen Widersprüchen pflegte der ganze Zorn des Vaters plötzlich aufzulodern.
Bald zeigte sich hier ein Gegensatz der Geister, der schwer auszugleichen schien. Der Sohn war voll Phantasie und neigte zum Gemüths- und Gefühlsleben; der Vater war seiner poetischen Liebhaberei ungeachtet nüchtern und verständig. Immer häufiger trat diese Verschiedenheit hervor. So hatte Ludwig das alte Gesangbuch der Mutter mit seinen Liedern in hohem Grade liebgewonnen, und nahm sie lebhaft in Schutz, wenn der Vater darauf schalt. Diese einfachen und tiefen Klänge ergriffen ihn gewaltig. Ebenso malerisch als rührend schien ihm in jenem Abendliede Paul Gerhard’s die tiefe, schweigende Ruhe der Wälder, die heilige Stille, welche die ganze Welt mit ihrem Schleier bedeckt. Er bot seine ganze Beredtsamkeit auf, um den Vater von der Schönheit dieser alten Lieder zu überzeugen. Warum nicht auch solche Gefühle sich aussprechen dürften, woher man das Recht nehme, sie zu verurtheilen? Solche Versuche hatten in der Regel keine andere Folge, als daß der Vater sie mit steigendem Unwillen abwies. „Du machst dir eine Menge einfältiger Faxen zurecht“, sagte er, „und siehst darüber die Dinge nicht, wie sie sind.“
Indessen ging Ludwig, ohne sich irre machen zu lassen, seines Weges weiter, und nur um so sicherer, als er um diese Zeit einen dichterischen Führer und Freund fand, der ihn durch das Leben begleiten sollte. Dies war Shakspeare.
Seine Theaterlust wurde vielleicht nur noch durch seine Leselust übertroffen. Längst war des Vaters kleine Büchersammlung erschöpft. Kein Buch, das in das Haus kam, war vor ihm sicher. Auch die Leihbibliothek, aus der Manches für die Abendvorlesungen entliehen wurde, genügte kaum mehr. Dann kamen die mehr oder minder ergiebigen Büchervorräthe der Schulgefährten an die Reihe. Mit der Unersättlichkeit des Heißhungers verfolgte er Alles, was in dramatischer oder dialogischer Form geschrieben war. Wo er irgendein unbekanntes Buch witterte, ruhte er nicht eher, als bis er sich seiner bemächtigt und es verschlungen hatte.
Da fiel ihm eines Tages bei einem sonst ziemlich gleichgültigen Schulkameraden ein Theil des Eschenburg’schen „Shakspare“ in die Hand. Es war „Hamlet“. Sogleich eilte er mit seiner Beute nach Hause. Voll Ahnung und gespannter Erwartung konnte er die Ungeduld nicht länger zügeln. Sein Weg führte ihn über den Lustgarten durch eine der Pappelreihen, die denselben damals umschlossen. Es war ein nebeliger Abend im Spätherbste; ein feiner, durchdringender Schlagregen begann soeben zu fallen. Unter den Bäumen glommen einige kümmerliche Oellaternen. Ludwig trat hinzu. In dem matten, unsichern Schimmer wollte er wenigstens das Personenverzeichniß ansehen. Kaum hatte er einen Blick in das Buch geworfen, als er sich auch schon gefesselt fühlte. Die nächtliche Scene, die ersten Reden der Wachen, das Erscheinen des Geistes, Alles erfüllte ihn mit zauberischem Grausen und doch mit unendlichem Entzücken. Er fühlte nichts von dem Herbstwinde, der ihm den Regen entgegentrieb, nicht daß er Schirm und Buch unbewußt im Gleichgewicht erhalten mußte, nicht daß er auf feuchtem Laube stand. Er sah und hörte nur Hamlet. Er las und las; erst mit dem Todtenmarsche hörte er auf. Durchnäßt, an Händen und Füßen erstarrt, fand er sich wieder. Er war nicht zu Helsingör; aber aus der Tiefe der Vergangenheit war auch ihm ein Geist wiedergekommen, größer und gewaltiger als die Majestät des ermordeten Dänemark, der zu ihm gesprochen hatte; er hatte in nächtlicher Stunde den Ruf des Geistes vernommen. Jetzt endlich eilte er nach Hause, nicht ohne Ahnung einer irdischen väterlichen Zurechtweisung. Aber was waren ihm alle Befürchtungen im Vergleich mit der Erscheinung, die er heute gehabt hatte!
Nun wurde Shakspeare sein Losungswort. Von allen Seiten wurden einzelne Bände von Freunden zusammengeborgt, von Antiquaren aufgekauft. Unwillig folgte der Vater dieser neuen Wendung der jugendlichen Begeisterung. Er war ein Bewunderer Goethe’s, aber gegen Shakspeare war er sehr mistrauisch. Wie fast das ganze ältere Geschlecht sah er in ihm ein wildes, halbbarbarisches Genie, fand seine Trauerspiele roh und blutig, seine Späße abgeschmackt, das Ganze unverständlich und verworren. Eines Tages traf er den Sohn wiederum in ein Buch vertieft. Er beugte sich über seine Schulter nieder. Es war Shakspeare’s „Maß für Maß“. Aergerlich brach er in die Worte aus: „Nun ja, das hat noch gerade gefehlt, um dich vollends verrückt zu machen!“ Ludwig sprang von seinem Sitze auf und erwiderte schnell gefaßt: „Erlauben Sie, lieber Vater, gerade so, wie es hier ist, habe ich mir immer gedacht, müsse ein Gedicht geschrieben werden. Das ist es, was ich lange gesucht habe.“ Barsch erwiderte der Vater: „Ach, du bist und bleibst ein dummer Junge!“
Zu Shakspeare gesellten sich ungefähr um dieselbe Zeit zwei andere Geister, die kaum eine geringere Bedeutung für ihn gewinnen sollten, Cervantes und Holberg, die Gefährten seiner heitersten Stunden. Jener trat Shakspeare unmittelbar an die Seite. Eines Mittags aus der Schule heimkehrend, fand Ludwig die Bertuch’sche Uebersetzung des „Don Quixote“ in der Wohnstube auf dem Fensterbret liegen. Mehr zufällig als absichtlich war sie aus der Leihbibliothek entliehen. Er griff nach dem Buche, ohne von dem Titel und dem Namen des Verfassers je gehört zu haben. Auch hier entschied der erste Blick. Stehenden Fußes begann er zu blättern, zu lesen. Die Lustigkeit dieser sonderbaren Gestalten, ihre Abenteuer, die Schlagwörter Sancho’s ergötzten ihn unendlich. Auch Dergleichen hatte er noch nicht gehört. Er konnte das Buch nicht wieder aus der Hand legen. Um seine Lesegier sogleich zu stillen, nahm er seine Zuflucht zu einer beliebten Schullist. Unter dem Vorgeben einer starken Migräne, von welcher er ab und zu befallen wurde, erklärte er es für unmöglich, Nachmittags die Lehrstunden zu besuchen, und warf sich auf sein Bett, um ungestört den Ritterzügen des sinnreichen Junkers von La Mancha zu folgen. Da trat unerwartet der Vater ein. „Mein Sohn“, sagte er, „das hast du nicht gut gemacht. Solche Kopfschmerzen werden durch Lesen nur schlimmer. Gib das Buch her, und bleib ruhig in deinem Bette liegen.“ Mit betrübter Miene sah er den Schatz seinen Händen entrissen, und sich selbst zum Bette verurtheilt. Doch die Freundschaft mit Cervantes war fürs Leben geschlossen, und wirkungslos gingen die spöttischen Bemerkungen des Vaters vorüber, der auch hier nicht begreifen konnte, wie es möglich sei, an diesen Thorheiten Gefallen zu finden, und kopfschüttelnd sagte: „Wenn du so fortfährst, wirst du als ein Narr und verdrehter Mensch durchs Leben laufen.“
Holberg verdankte Ludwig abermals einem Schulgefährten, in dessen Familie er viele ausgesuchte und schön eingebundene Bücher gefunden hatte. Von diesen Kostbarkeiten durfte er Manches entleihen, ja man verstattete ihm sogar, die Schränke selbst zu durchstöbern. Mitten unter den zierlichen Bänden fand er einige sehr übel aussehende. Es war die alte Uebersetzung von Holberg’s Lustspielen. Auch hier fühlte er sogleich dem gleichartigen Geiste begegnet zu sein, und auch diesen Freund hielt er fest. Auf seine Frage, was das für ein herrliches Buch sei, antwortete der Schulgenosse: „Es ist eine nichtswürdige Scharteke, die zufällig hier hineingerathen ist. Macht Ihnen das Ding Spaß, so wird es Ihnen mein Schwager nicht nur leihen, sondern auch gern schenken.“ Welche Fundgrube von guten Späßen hatte Ludwig hier nicht entdeckt! Es war nicht die kindische Freude an diesen, jener sonderbare und launige Geist des Humors, der oft die muthwilligsten Sprünge machte, war längst in ihm erwacht, und schaute oft schelmisch aus seinen Reden und Handlungen hervor.
Der Genius hatte ihn zu den größten verwandten Geistern der Vergangenheit und Gegenwart hingeleitet. Der Bund mit Goethe, Shakspeare und Cervantes war für das Leben geschlossen. Und war es nicht eine verheißungsvolle Weihe des Jüngers, wenn sie seine Führer zum Garten der Poesie wurden?
5. Ein hoffnungsvoller junger Mensch.
Unter solchen Anregungen und den wiederholten Versuchen, seine noch unklaren Empfindungen Andern begreiflich zu machen, hatte er sich allmälig eine gewisse Mündigkeit gewonnen, die immer zuversichtlicher hervortrat. Er war den mittlern Schulkreisen entwachsen. An die Stelle des wunderlichen Subrector Stilke und des Prorector Pleßmann, welcher durch seine unbedachten Aeußerungen im Geschmack der irischen Bulls zur Zielscheibe des allgemeinen Schulwitzes geworden war, traten andere Lehrer, die anregender wirkten, vor Allen Gedike selbst.
Es war ein bedeutender Abschnitt in diesem Stillleben, als Ludwig im Jahre 1788, funfzehn Jahre alt, in die oberste Classe des Gymnasiums, die sogenannte Prima, hinaufrückte. Hier hörte die geringschätzige Anrede mit „Er“ auf; sie wurde durch das rücksichtvollere „Sie“ ersetzt. Nur Gedike wandte diese höflichere Form ungern an. Sie schien mit seiner Würde unvereinbar, und er suchte sich damit zu helfen, daß er zu dem Angeredeten wie von einer dritten Person sprach. Auch genoß man sonst mancher Vergünstigung. Man erschien mit dem Stocke in der Hand, kam auch wol gestiefelt und gespornt in das Lehrzimmer. Genug, die Kinderschuhe waren ausgezogen, und nicht ohne hohes Selbstgefühl faltete man das Gesicht zu männlichem Ernste. Denn man war ja ein hoffnungsvoller junger Mensch geworden, der sich für die tiefern Studien der Wissenschaft vorbereitete. In Allem herrschte größere Freiheit, und selten griffen die Lehrer mehr ein, als unbedingt nothwendig war.
Wichtig war es, daß man nun auch den Herrn Rath, das war Gedike’s amtlicher Schultitel, von einer mildern Seite kennen lernte. Hatte man ihn früher nur als Donnerer gesehen und gehört, so war er jetzt Lehrer und Führer im innersten Heiligthume. In den obersten Classen ertheilte er eine Reihe von Lehrstunden, in denen er einen griechischen Dichter oder Geschichtschreiber erklärte, Uebungen in freier Rede anstellte, und auf die allgemeine Durchbildung seiner Zöglinge hinzuwirken suchte. Und hier erschien er doch als eine bedeutende, in hohem Grade anregende Persönlichkeit. Man fühlte seine überwiegende Kraft, die bei allen Sonderbarkeiten auch den Widerstrebenden zur Anerkennung zwang. Seine Aeußerungen waren scharf, entschieden und zutreffend. Was er that und sagte, prägte sich bis in die kleinsten Züge seiner Schüler für die Lebenszeit ein. War er bisweilen rauh, ja hart und ungerecht, so hatte er auch Augenblicke, in denen er vom Kothurn herabstieg. Wie ein alter Löwe ließ er dann in halb humoristischer, überdreister Weise fast mit sich spielen. Doch nichts machte einen tiefern Eindruck, als wenn Gefühlserschütterungen den starken Mann unerwartet überkamen, und gegen seinen Willen den Damm steifer Haltung durchbrachen. Er, der sonst so abgemessen, war dann weich und liebenswürdig. Als er den Schülern einst Engel’s „Traum des Galilei“ vorlas, überwältigte ihn die steigende Rührung, seine Stimme schwankte; nur mit Mühe konnte er die Vorlesung zu Ende führen. In solchen Augenblicken söhnte man sich mit seinen Härten aus.
Ludwig wagte in diesen freien Gebieten mit seinen eigenen Gedanken mehr ans Licht zu treten, und streifte die letzten Wahrzeichen kindischer Unreife ab. Zu den schwersten Prüfungen des Schullebens gehörten für ihn die sogenannten deutschen Aufsätze. Unbefangen schrieb er zu Hause seine Verse und Komödien, sie gingen ihm trefflich von der Hand; aber jene deutschen Abhandlungen, die nach einer Aufgabe des Lehrers gearbeitet wurden, blieben für ihn, wie für viele seiner Genossen, lange Zeit ein Gegenstand des Schreckens und eine reiche Quelle geistiger Martern. Die Anforderungen schienen so unerschwinglich, seine eigenen Kräfte so gering. Er hatte nicht den Muth, sich dem Zuge seines Geistes zu überlassen, und in kindischer Angst, die etwas von sittlicher Scheu hatte, hütete er seine innersten Gedanken wie einen verborgenen Schatz. Sie erschienen ihm bald zu erhaben, bald zu kindisch, um sie preisgeben zu können.
In diesen Nöthen nahm er seine Zuflucht zum Vater. Der verständige und gutmüthige Mann ließ sich auch in der Regel bereit finden, die Arbeit bei Seite zu legen, um mit dem Sohne deutsche Aufsätze zu schmieden. In seiner Weise zog er sich aus dem Handel. Meistens kleidete er den gegebenen Satz in einen Brief ein, und im Geschmacke der moralischen Wochenschriften begann er gut bürgerlich mit den Worten: „Werthgeschätzter Freund! Sie haben gewünscht, meine Gedanken über die Nachtheile und Vortheile des Kriegs kennen zu lernen, ich theile Ihnen dieselben in diesen Zeilen in der Kürze mit.“ Diesmal sollten Gedanken über die Einsamkeit niedergeschrieben werden. In seiner gewohnten Weise hob der Vater an. Plötzlich unterbrach er sich mitten im Satze: „Was weiß ich von der Einsamkeit! Was für Gedanken soll ich auch darüber haben? Ich habe immer mit Menschen gelebt und verkehrt. Der dumme Junge schreibt nichts als Verse und Komödien und anderes thörichtes Zeug, und nun weiß er nicht einmal etwas über die Einsamkeit zu sagen. Mach’ deine Geschichten allein, und laß mich ungeschoren!“ Damit wandte er sich um.
Bestürzt blieb Ludwig zurück; er glaubte sich verloren. Aber was half es? Bis zum andern Morgen mußten die Gedanken über die Einsamkeit herbeigeschafft werden. Voll verzweifelten Muthes legte er allein Hand ans Werk. Die Angst entfesselte seine Kräfte, er überließ sich den Bildern seiner Phantasie, und die steife Abhandlung gestaltete sich unwillkürlich zu einer kleinen Erzählung. Er schilderte einen Edelmann, der sich im Winter auf sein neugekauftes Landgut begibt, und in der erstarrten Natur in tiefer Abgeschiedenheit lebt. Der Frühling erwacht und verleiht der Einsamkeit hellere Farben und heitere Züge, und glücklich im Genusse einer friedlichen Natur durchlebt jener Mann auf seiner Scholle Sommer und Herbst. In diesen Naturbildern waren die Gedanken über die Einsamkeit lebendig geworden. Mit Zittern sah Ludwig dem Urtheile entgegen. Die Verdammung seines Machwerks stand ihm als unausweichliches Verhängniß fest. Endlich erschien die schwere Stunde. Seine Arbeit wurde für die Letzt verspart; offenbar sollte ein abschreckendes Beispiel für alle Schwachmatiker aufgestellt werden. Mit steigendem Herzklopfen vernahm er endlich die Worte des Lehrers: „Ich habe hier noch eine Arbeit von ganz besonderer Art.“ Er war auf das Schrecklichste gefaßt. Doch wie staunte er, als er seine Erzählung über alles Erwarten gut, ja musterhaft nennen hörte. Eine schwere Last fiel von seinem Herzen; er war vor sich selbst gerechtfertigt.
Jetzt verwandelte sich die kindische Zaghaftigkeit in spielende Keckheit und Uebermuth. Mit der kühnen Sicherheit des Gelingens war er in jedem Augenblick bereit, was er irgend dachte und fühlte auf das Papier zu werfen. Seine Gabe phantasievoller Auffassung und Darstellung fand Anerkennung, und bald wurde er der allgemeine Helfer in der Noth. In den tausendfachen Aengsten und Plagen der Aufsätze und freien Reden sollte er helfen, rathen, Pläne und Entwürfe, ja ganze Abhandlungen und Reden machen. Selten ließ er sich lange bitten. Zu seiner Gutmüthigkeit gesellte sich die übermüthige Lust, die Lehrer irrezuführen und in immer neuer Gestalt vor ihnen zu erscheinen. In Zwischenminuten und Freistunden war er bereit, seine Gedanken frischweg niederzuschreiben für Andere, denen schon die Zumuthung, überhaupt Gedanken haben zu sollen, schmerzliches Kopfweh verursachte. In Zeiten dringender Noth lernte der Tagesredner in der Nacht vorher Seite für Seite auswendig, was soeben aus Ludwig’s Feder geflossen war, und hatte dann wol, wenn er im entscheidenden Augenblicke vor Gedike’s Richterstuhl stand und die Versammlung feierlich anreden sollte, Alles vergessen, was er seinem harten Kopfe mit Mühe aufgenöthigt hatte.
Zuweilen spielte Ludwig selbst die schadenfrohe Rolle des Zufalls. In eine Schulrede, die er ebenfalls für einen minder schlagfertigen Genossen gearbeitet hatte, ließ er einen starken Anachronismus einfließen. Zu allgemeinstem Beifalle wurde die Rede gehalten. Der Richter erklärte sich befriedigt; die Schüler wurden aufgefordert, ihre Einwürfe vorzutragen. Von jenem Anachronismus war keine Rede. Mit vollster Anerkennung der trefflichen Rede erlaubte sich Ludwig, bescheiden darauf hinzudeuten. Unwillig wies ihn Gedike zurück. „Ich habe den Anachronismus auch bemerkt, aber bei solchen Leistungen hängt man sich nicht an Kleinigkeiten. Tieck mag erst eine solche Rede halten, dann kann er sie so kritisiren!“ Mit schweigender Ironie gab Ludwig zu, er freilich könne eine solche Rede nicht zu Stande bringen.
Solche Aeußerungen und manches kecke Urtheil, welches er sich über die Gegenstände des Unterrichts erlaubte, wenn er z. B. den Virgil für einen Manieristen erklärte, brachte ihn mit der Zeit in den Ruf eines eigensinnigen Sonderlings, der ein Gelüste habe, die Lehrer zu durchkreuzen und durch wunderliche Meinungen irrezuführen. In vielen Fällen hielt man für Eitelkeit, was nur eine unbewußte Kundgebung der eigensten Natur war, die man nicht zu fassen wußte. Spielend hatte er sich die Masse stofflichen Wissens angeeignet, die den minder Fähigen nach einem folgerechten Lehrgange beigebracht werden mußte. Dieser aber langweilte und ärgerte ihn. Es war ihm verdrießlich, zu sehen, wie die große Mehrzahl seiner Schulgenossen die Worte des Lehrers so lange nachsprachen, bis sie den Sinn derselben begriffen zu haben wähnten. Noch ärgerlicher waren ihm die Begabteren, welche mit Beflissenheit ihre eigene Ueberzeugung verbargen, um sich durch ein gläubiges Annehmen der Lehrsätze in Gunst zu setzen. Jenes schien ihm einfältig, dieses verächtlich. Auf keine Weise aber konnte er sich selbst dem hergebrachten Verfahren anbequemen. Er hielt es für äußerlich, geistlos, ja tyrannisch. Nicht nach einem allgemeinen stehenden Grundrisse können Leben und Bildung mitgetheilt werden, nur aus der innersten Natur des Einzelnen gehen sie hervor. An sich selbst muß der Mensch die Dinge erleben, an sich selbst ihr Wesen und ihre Einwirkung erfahren, sie zu seinem Eigenthume machen. Nur was man innerlich erlebt hat, lernt und weiß man in Wahrheit; dies allein steht fest für alle Zeiten und führt zur rechten Bildung. Leeres Nachbeten kann nur eine erheuchelte, falsche Bildung geben, welche den Geist ertödtet, während sie ihn zu wecken vorgibt.
Diese und ähnliche Gedanken bildeten sich bei ihm zu einer immer klarern Ueberzeugung aus. Freilich galt dies bald für ketzerisch, und mußte einer Schulweisheit gegenüber doppelt anstößig sein, die in ihrem Aufklärungsstolze meinte, das Geheimniß der Bildung entdeckt zu haben, und durch unfehlbare Mittel dazu zwingen wollte.
Aber er besaß für die Schwächen der Lehrer ein schärferes Auge als seine Mitschüler. Schnell faßte er sie auf und in vorwitzigem Humor spielte er mit ihnen. Schon war ihm der Herr Rath keine über allem Zweifel stehende Macht mehr. Gedike’s hochgespannte Würde, sein steifer Ernst, dessen die kleinen menschlichen Schwächen zu spotten schienen, machte einen komischen Eindruck auf ihn. Mit seinem dichterischen Geschmacke und ästhetischen Urtheilen war er längst nicht mehr einverstanden. Es ging ihm in der Schule wie mit den Ansichten seines Vaters. Oft wurde das wahrhaft dichterisch Empfundene und Ausgesprochene gewöhnlich gescholten, um das in der That Gewöhnliche für Poesie zu erklären. Bei dem Lesen der griechischen Tragiker wollte ihm weder aus den allgemeinern Versicherungen und Anpreisungen der edeln Simplicität der Alten, und noch weniger aus der trockenen Weise, in der man sie behandelte, ihre Größe und Erhabenheit einleuchten. Stets hörte er in unbedingtem Tone davon reden, und doch wußte man nicht anschaulich oder fühlbar zu machen, worin diese eigentlich bestehe. Denn einzelne schöne Züge, die ihn wirklich tief ergriffen, wollte man als solche nicht anerkennen, oder schien sie nicht hinreichend zu würdigen.
In diesem Sinne trat er einmal als Vertheidiger des Aeschylus gegen Gedike’s ästhetische Kritik auf. Man las den „Gefesselten Prometheus“. Es wurde jener Monolog besprochen, in dem der gefesselte Titan den heiligen Aether, die Winde und Ströme und das ruhelose Lachen der Meereswellen zu Zeugen seines Leidens anruft. Gedike schloß die Erklärung damit ab, daß diese Anrufung des lachenden Meeres undichterisch, ja geschmacklos sei. Ludwig wollte darin gerade im Gegentheil eine dichterische, tiefe Naturanschauung eines großen Geistes finden, und wies zugleich auf die sinnlich anschauliche Malerei hin, die in diesem Verse liege. Abermals unterbrach ihn Gedike mit den Worten: „Unser Tieck will Alles besser wissen, selbst als die gelehrten Commentatoren. Er muß immer etwas Apartes haben!“
Tiefer, bis zum Gefühle schmerzlichster Kränkung empfand Ludwig andere Misverständnisse, die er umsoweniger begreifen konnte, als er in bester Ueberzeugung seine innersten Gedanken ausgesprochen hatte.
Einer der beliebtesten Lehrer war der Conrector Weißer. Der einfache, natürliche Ton, den er anschlug, die ungezwungene Freundlichkeit, mit welcher er auf die Gedanken der Schüler einging und ihr Herz zu öffnen wußte, wirkte auf diese wohlthuend und gewinnend, während Gedike’s befehlende Strenge sie auf ihre Grenzen zurückwies. Ursprünglich Theolog, war er ein entschiedener Anhänger der Aufklärung, und stand wegen seines Rationalismus bei manchen Amtsgenossen, auch bei Gedike selbst, nicht im besten Ansehen. Einst hatte er in den deutschen Stunden den Tod des Sokrates zu schildern aufgegeben. Ludwig hatte die Aufgabe in dichterisch darstellender Weise gelöst, und sie zugleich für eine Verherrlichung der griechischen Heroenmythen benutzt. In dem kindlichen und phantasievollen Glauben an ein hohes, gewaltiges Heldengeschlecht, das, wenn auch menschlich geboren und leidend, dennoch in die Götterwelt einzutreten vermag, schien ihm in dichterischem Sinnbilde die Vermittelung zwischen Gott und Mensch angedeutet zu sein. Tiefsinnig hatte der griechische Volksglaube die Nothwendigkeit einer solchen Vermittelung geahnt, während der nüchterne Verstand diese Kluft als eine nicht auszufüllende ansah. Aehnliche Ansichten hatte Ludwig seinem sterbenden Sokrates in den Mund gelegt, und ihn zu jenem Volksglauben sich bekennen lassen.
Weißer war über die Reife und Durchbildung, welche aus dieser Abhandlung sprach, nicht wenig erstaunt. Er erkannte den werdenden Dichter darin, und glaubte sie Gedike mittheilen zu müssen. Dieser wollte sie indeß keineswegs loben und, vielleicht gerade auf Grund jener Empfehlung, sonderbarerweise Spuren des Atheismus darin finden. Bald darauf geschah es, daß Ludwig in einer Lehrstunde, in welcher Gedike mit den Schülern den Plutarch las, zum Erklären des Textes aufgefordert wurde und dabei ziemlich schlecht bestand. Der Schluß der Stunde befreite ihn endlich aus der peinlichen Lage, und Gedike endete seine eindringliche Strafrede mit den Worten: „Nun, wer nicht an Gott glaubt, braucht sich ja auch auf den Plutarch nicht vorzubereiten!“ Dieser Vorwurf, bei dieser Gelegenheit gemacht, wirkte auf Ludwig vernichtend. Seine tiefste Ueberzeugung fühlte er in der ungerechtesten Weise verkannt, und der schneidende Hohn, der sich beigesellte, verletzte ihn bis zur Empörung. Er brach in heftiges Weinen aus. Theilnehmend sprachen ihm die Mitschüler zu, ohne seine leidenschaftliche Bewegung zu begreifen. Endlich sagte er: „Ihr versteht mich nicht! Die persönliche Kränkung, die mir widerfahren ist, könnte ich verschmerzen; daß aber eine solche Roheit möglich sei, habe ich nicht geglaubt.“
Wie auch immer Anerkennung und Misverständniß, Erfolg und Kränkung miteinander wechseln mochten, darin mußten am Ende alle, auch die ungünstigsten Stimmen sich vereinen, daß, wenn Ludwig auch schwer zu leiten sein mochte, man doch ein seltenes, mit sich selbst ringendes Talent vor sich habe, welches seinen Weg suche, und für die Zukunft Großes zu versprechen scheine. Gewiß, wenn irgend Einer den Namen eines hoffnungsvollen jungen Menschen verdiente, den man sonst mit einem gewissen Nachdruck nur sogenannten wohlgesitteten Schülern zu ertheilen pflegte, so war es der funfzehnjährige Ludwig Tieck.
Ein hoffnungsvoller junger Mensch gehörte nicht mehr der Schulstube allein an. Auch das gesellige Leben machte Ansprüche an ihn. Man verlangte nicht allein Kenntnisse, er sollte sie geltend machen können. Er sollte mit Menschen verkehren, gesellschaftliche Kreise betreten, eine Unterhaltung in artigen Wendungen führen, durch gesellige Künste das Seine zur allgemeinen Heiterkeit beitragen, und allen diesen Anforderungen in sichern und zierlichen Formen genügen können. Mit einem Worte, der hoffnungsvolle junge Mensch sollte in die Welt eintreten. Dazu war aber Ausbildung geselliger Eigenschaften, und körperliche Haltung und Gewandtheit unerläßlich.
Auch darauf war der sorgsame und verständige Vater bedacht. Eines Tages fragte er: „Nun, Ludwig, hast du nicht Lust, Musik zu lernen?“ Für einen hoffnungsvollen jungen Menschen war das zuerst nöthig. In der Frage des Vaters schien sich die Aussicht auf Abwechselung, eine angenehme Unterhaltung und manche neue Erfahrung darzubieten. Ohne weiter zu wissen, worauf es ankomme, antwortete er, mit der Geige möge er wol einen Versuch machen. Gesagt, gethan. Ein Musikmeister erschien bald darauf; der Unterricht nahm seinen Anfang. Es war ein guter, stiller und in seiner Kunst sehr tüchtiger Mann, aber der Weg, welchen er einschlug, war der sonderbarste. Sei es, daß er die Langeweile des musikalischen A-b-c scheute, oder daß er eine ungemessene Vorstellung von der Fähigkeit seines Schülers hatte, ohne ihn über Werth und Bedeutung der Noten aufzuklären, legte er ihm in einer der ersten Stunden die bekannte Melodie: „Blühe, liebes Veilchen!“ vor. Er selbst spielte sie so lange ab, bis Ludwig sie mit dem Gehör aufgefaßt hatte und leidlich nachzuspielen vermochte. Mit einigen Griffen, die er nothdürftig erlernt hatte, sollte er sich nun weiterhelfen. Sogleich ging man zu schwerern Stücken über. Da es ihm an allem Verständniß fehlte, auch sein Gehör keineswegs sicher war, so lahmte der Unterricht bald in der kläglichsten Weise. Die Uebungen, das ihm ganz räthselhafte Notenschreiben setzte seine Geduld auf eine harte Probe; das Instrument selbst ward ihm verhaßt. Die dabei nothwendige Haltung des Kopfes kam ihm abgeschmackt vor, die sägende Bewegung der Hand lächerlich, der schrillende Ton der Geige, seinem Ohre so nahe, schnitt ihm durch Mark und Bein. Unwillkürlich verzog er bei gewissen Tönen den Mund grimassenhaft, die sonderbarsten Gesichtsverzerrungen wurden ihm zur Gewohnheit. An eine Beendigung dieser musikalischen Leiden war nicht zu denken, die Kunstübungen waren einmal begonnen, streng mußten sie daher nach dem Willen des Vaters durchgeführt und erduldet werden.
Eines Sonntags, ein Tag, den der Vater durch allerlei häusliche Untersuchungen auszuzeichnen pflegte, wollte er sich auch von den Fortschritten seines Sohnes in der Musik überzeugen. Ludwig sollte vorspielen. Im guten Glauben an das, was er im Schweiße seines Angesichts gelernt hatte, trug er einige beliebte Melodien vor, mit denen er sich am besten abzufinden meinte. Schweigend hatte der Vater zugehört, endlich sagte er: „Mein Sohn, du hast in der That Fortschritte gemacht; freilich nicht im Violinspielen, aber doch im Gesichterschneiden. Wo in aller Welt hast du diese abgeschmackten Fratzen her?“ Zuletzt behauptete er gar, in Folge dieser heillosen Musik heftige Zahnschmerzen bekommen zu haben.
Ludwig hatte sich durch sein Kratzen auf der Geige auch dem Ohre der übrigen Hausbewohner bemerklich gemacht, und bald galt er für einen Violinvirtuosen. In dem obern Stockwerke wohnte der Stadtsecretär Laspeyres, dessen aufwachsende hübsche Tochter als Hausgenossin auch seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Sonntags pflegte sie Besuche einiger jungen Freundinnen zu empfangen, und so erging einmal die Bitte, ob Monsieur Tieck nicht die Güte haben wollte, mit seiner Violine heraufzukommen. Da der Geburtstag der Mademoiselle sei, wünschten die jungen Damen ein Tänzchen zu machen. Gern folgte er dieser schmeichelhaften Einladung.
Die Mutter empfing ihn mit Entschuldigungen und artigen Worten über sein Spiel. Bei diesen hohen Erwartungen wurde ihm schon unheimlich zu Muthe. Mehr noch, als er in vollem Lichterglanze, in dem Kreise der jungen, zierlichen Damen stand, die ihn über sein Spiel, welche Tänze er vorzutragen wisse, auszufragen anfingen. Zagend setzte er seine Geige an, und unter obligatem Gesichterschneiden begann er seine Tänze abzuspielen. Man fand die Manier des jungen Künstlers höchst eigenthümlich. Ohne Takt haspelte er seine Stücke ab, nichts wollte passen. Man wunderte sich, man kicherte, unwillig mußte man den eben begonnenen Tanz aufgeben; er endete mit der vollsten Verwirrung. Endlich dankte man Ludwig für seine Bemühungen und bat ihn, sie einzustellen. Voll Zorn über diese Demüthigung, die ihn in einem so anmuthigen Damenkreise treffen mußte, die Geige und seinen Meister verwünschend, zog er sich still und ohne Geräusch zurück.
Von diesen musikalischen Leiden befreite ihn erst eine spätere Zeit. Er mußte die Schule zweier Meister durchmachen, obgleich es dem Vater nicht entgehen konnte, daß es dem begabten Sohne an jedem Berufe für die Ausübung der Musik und, bisjetzt wenigstens, auch an dem äußern Sinne für dieselbe fehlte. Besser ging es in der ebenfalls unerläßlichen Tanzstunde, in der Haltung und Anstand gelehrt werden sollte. Der Tanzmeister führte Ludwig sogar als einen seiner besten Scholaren vor, wenngleich dieser auch hier das Plagen mit dem Takte unerträglich fand, und die Musik eher für die Feindin als die Begleiterin des Tanzes halten wollte.
Neben diesen gefälligen Künsten kamen die ritterlichen an die Reihe. An die Stelle knabenhafter Raufereien trat auch hier der Unterricht. Ludwig war gesund, kräftig, hoch aufgeschossen. In den sanften, ja weichen Zügen seines Gesichts würde man weder die bedeutende Körperkraft, die er besaß, noch den aufflammenden Muth gesucht haben, mit dem er sie zu Zeiten zur Anwendung brachte. Zuerst leitete ihn das Vergnügen an der Ausbildung seiner Kräfte, dann die bestimmte Absicht, auch in diesen Künsten sich frei und sicher zu bewegen.
Frühzeitig hatte er seine erste Ritterprobe nicht ohne Gefahr bestanden. Auch darin hatte der Vater einen freiern Sinn, daß er hin und wieder einen Philistergaul bestieg, um Ausflüge und kleine Geschäftsreisen in der Umgegend Berlins zu machen. Eines Abends war Ludwig hinausgegangen, den Vater, der mit einem andern Meister von einem benachbarten Städtchen zurückkehrte, am Brandenburger Thore zu erwarten. Zur bestimmten Stunde trafen die beiden Reiter ein. Der Vater stieg von seinem Gaul ab, und da ängstliche Sorge nicht seine Sache war, forderte er den Sohn auf, sich auch im Sattel zu versuchen. Dieser ließ sich das nicht zwei mal sagen, schwang sich kecklich auf, und ohne die nöthigen Anweisungen abzuwarten, begann er das Pferd übermüthig in die Weichen zu stoßen. Der Gaul warf sich mit einem gewaltigen Sprunge herum, in weitem Bogen flog Ludwig’s Hut auf die Erde, und das scheue Thier jagte auf dem Wege nach Charlottenburg an Wagen und Spaziergängern in gestrecktem Laufe vorüber. „Wohin so eilig, junger Herr?“ rief man dem verwegenen Reiter aus einem Wagen zu, an dem er hinstreifte. „Das weiß Gott allein!“ rief er zurück. Endlich auf dem Platze bei den Puppen, wie ihn die Volkssprache wegen der dort aufgestellten Bildsäulen nannte, gelang es einigen hülfreichen Händen, des Thieres Herr zu werden.
Athemlos vor Angst und Eile, keuchten jetzt auch die beiden Meister heran. So rasch als es ihre stattliche Leibesfülle erlaubte, waren sie dem jungen Heißsporn gefolgt. Unsanft riß ihn der Vater vom Gaule herab mit seiner beliebten Anrede: „Du bist und bleibst doch ein dummer Junge! Wie unbesonnen war es, das Pferd so zu reizen! Es konnte dir das Leben kosten!“ Nach diesen ersten wenig ermuthigenden Erfahrungen wurde Ludwig später ein eifriger Kunde der berliner Pferdeverleiher, und bald galt er für einen kühnen und sichern Reiter.
Einige Zeit darauf machte er eine Bekanntschaft, die ihm bei allen Uebungen dieser Art trefflich zu Statten kam, ihm aber auch zugleich einen überraschenden Blick in die tiefern Schatten des Lebens eröffnete. In der Nachbarschaft des Vaterhauses lag ein Soldat von einem der berliner Grenadierregimenter im Quartier. Ludwig hatte ihn häufig an der Thür vorübergehen sehen, und das blasse ausdrucksvolle Gesicht war seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen. Die größere Sauberkeit der Uniform, die ganze Haltung verrieth einen Menschen, der offenbar weit über der großen Masse gewöhnlicher Soldaten stand. Weitere Nachforschungen ergaben, es sei ein Gemeiner, der sogenannte Freidienste thue, was schon auf bessere Verhältnisse schließen ließ.
Bei der nächsten günstigen Gelegenheit knüpfte Ludwig ein Gespräch mit dem Grenadier an. Er hieß Daschieri und stammte aus einer gebildeten Familie in Modena. Mit Gewandtheit, geselliger Bildung und manchen Kenntnissen ausgestattet, hatte er als junger Mann den abenteuernden Cavalier gespielt, sich an Badeörtern und Spielbanken aufgehalten, und war schließlich in allerlei ärgerliche Händel verwickelt worden. Ohne Mittel, von Gläubigern verfolgt, fiel er in Strasburg preußischen Werbern in die Hände. Man hatte ihm die Möglichkeit vorgespiegelt, in kurzer Zeit Offizier zu werden, er hatte Handgeld genommen, und war auf das preußische Gebiet abgeführt worden. Jetzt begann die Enttäuschung. Als Gemeiner wurde er in ein Grenadierregiment in Berlin eingereiht, und zu einer Capitulation von sieben Jahren genöthigt. Nun erst war er völlig unglücklich, in einem fremden Lande, abgeschnitten von jeder Verbindung mit den Seinen. Bei einer gewissen Bildung an einen Haufen Menschen gefesselt, der zum Theil der Auswurf der verschiedensten Länder war, körperlichen Anstrengungen und den Mishandlungen roher Unteroffiziere preisgegeben, verfiel er in einen verzehrenden Gram. Aber alles Streuben gegen die eiserne Strenge der Zucht konnte seine Lage nur verschlimmern; er mußte seinen Nacken beugen. Da er sich pünktlich im Dienste, und außerdem still, ordentlich und gewandt zeigte, auch durch kleine Nebenverdienste im Besitz einiges Geldes war, so behandelte man ihn als einen Soldaten besserer Art, und ließ ihm einige Erleichterungen zu Theil werden. Nach Ablauf der Capitulation hoffte er seiner Dienste entlassen zu werden, aber halb mit Ueberredung, halb mit Gewalt hatte man ihn genöthigt sie zu erneuern.
In diesen aufreibenden Leiden fand Daschieri unerwartet in seinem jungen Nachbarn einen warmen und ergebenen Freund, der ihm mit dem vollen Gefühle der Theilnahme entgegenkam. Konnte er von ihm auch keine Hülfe erwarten, so war es doch eine große Erleichterung, in stillen Freistunden sein Herz ausschütten zu dürfen, denn auch Klagen waren streng untersagt, und er hatte doch soviel zu klagen, wie er aus Furcht vor Desertion auf Schritt und Tritt belauert werde, ja nicht einmal nach Hause schreiben dürfe. In minder trüben Stunden wußte er auch manches Anziehende von Ländern und Menschen zu erzählen. Immer vertraulicher verkehrte Ludwig mit dem eigenthümlichen Manne, und beschloß endlich, in den mancherlei nützlichen Künsten, in denen er bewandert war, sein Schüler zu werden. Er lernte die Anfangsgründe des Italienischen von ihm und kam bald so weit, den Tasso lesen zu können. Da sein Lehrer kein ungeschickter Flötenbläser war, so wurde er zu neuen musikalischen Versuchen angeregt, und griff selbst zur Flöte. Mit aller Lust des Jünglings aber ließ er sich in das Waffenhandwerk einweihen. Er lernte das Stichrappier führen, das ihm eine edlere und zierlichere Waffe schien als der Hieber, und ließ sich auch in andern militärischen Handgriffen unterweisen. Dafür wurde dem Lehrer im älterlichem Hause manche Unterstützung und Erleichterung zu Theil.
Endlich war Daschieri’s Capitulation abermals abgelaufen. Jetzt hoffte er befreit zu werden, doch sein Capitän war anderer Meinung. Es kam zwischen Beiden zu einem heftigen Wortwechsel, und Daschieri wurde wegen Widersetzlichkeit zu einer bedeutenden Anzahl von Fuchtelhieben verurtheilt. Er erlag unter der Klinge des Unteroffiziers, und wurde halbtodt in das Lazareth gebracht, wo er heftig erkrankte. Ludwig und der Vater waren von diesem neuen Misgeschick tief ergriffen. Soweit es erlaubt war, suchte man die Lage des Unglücklichen zu erleichtern. Ludwig besuchte ihn und saß tröstend und unterhaltend an seinem Bette. Endlich hörte auch dies auf. Daschieri verfiel in eine Frieselkrankheit; bald darauf starb er.
Es war ein Ereigniß, welches Ludwig auf das tiefste erschütterte. Was er hier als unmittelbarer Zeuge gehört, gesehen, erlebt hatte, warf einen breiten, dunkeln Schatten auf sein so empfängliches Gemüth, auf seine rege Phantasie, auf das Leben selbst. Solche Erfahrungen dienten dazu, in seiner Seele schwermüthige Betrachtungen vollends heraufzuführen, die wie ferne Gewitterwolken am Himmel des Jugendlebens hingen. Wie verhaßt erschien ihm jetzt das Soldatenwesen, dessen glänzende Außenseite er bisher knabenhaft angestaunt hatte; wie tyrannisch diese eiserne Ordnung, die jeden Willen mit unerbittlicher Strenge zerbrach; wie todt und nüchtern dieses tägliche Herumdrehen im Kreise einförmiger Thätigkeit! Wie hatte er sich dagegen gewöhnt, in freiester Ungebundenheit nach Laune und Willkür sich zu bewegen, nur auf Das zu horchen, was sein Genius ihm zuflüsterte, nur die Bilder zu sehen, die seine Phantasie ihm vorzauberte.
Manche andere Erlebnisse steigerten noch diesen Widerwillen. Wenn er in der Abendstunde die Stadt verlassen wollte, hatte man ihn am Thore angehalten und genöthigt, sich auszuweisen. Man sah in dem schlanken Primaner einen jugendlichen Rekruten, der in Civilkleidern desertiren wolle. Beleidigend wurden für ihn die übermüthigen Reden junger Offiziere, mit denen er bisweilen in dem Italienerladen von Sala Unter den Linden zusammentraf. Da hieß es in den Stunden der Parade: „Die Kerle draußen haben lange genug Ruhe gehabt; wir wollen ihnen mit der Fuchtel Motion machen.“ Alle diese Erfahrungen ließen einen tiefen Eindruck für Ludwig’s Leben zurück. Niemals hat er sich mit dem militärischen Wesen auszusöhnen vermocht.
6. Jugendgefährten.
Es war eine schöne, ahnungsvolle Zeit, als der Knabe zum Jüngling ward. Noch sah er halb träumerisch in das Leben hinein, das vor ihm lag wie eine Morgenlandschaft, über welcher die Sonne golden und funkelnd aufgegangen ist. Durch die zerreißenden Nebelschleier öffneten sich helle Blicke in die Tiefen der Ferne, und die fremdartigen Schatten der Wolkenstreifen, welche in wechselnden Lichtern und Farben darüber hingleiten, lassen sie noch wunderbarer und lockender erscheinen. Indem sich das Knabenauge diesem Anblicke erschloß, war er selbst ein Anderer geworden. Wie regten sich seine geheimsten Kräfte, und die Quellen seiner Gefühle und Phantasien drängten sprudelnd zu Tage empor. Tausendfach stiegen unbekannte Gedanken und Empfindungen in ihm auf; Sehnsucht und Zuversicht, Zweifel und Hoffnung, Trauer und Freude durchkreuzten sich in seiner Seele. Er war wie ein junger Baum, über den der erste warme Frühlingshauch hingeht, und dessen gährender Saft sich durch alle Adern und Zweige ergießt und zu vollen Knospen emporschwillt.
Sein Herz war zum Ueberfließen voll. Er hatte soviel zu sagen von seinen Träumen und Ahnungen, von seinen Gefühlen, die ihn selig machten und ängstigten zugleich. Er dürstete nach Freundschaft. Mit der Kraft leidenschaftlichen Wollens suchte er ein Herz, in welches er das seine ganz ausschütten könne. Vor dem strengen Vater zitterte er, seine Geschwister sahen zu ihm hinauf, und fremd standen ihm seine Lehrer gegenüber. Sie Alle dachten, fühlten anders als er. Er wollte ein Herz, das mit dem seinen in gleichem Pulse schlage, das ihn verstehe, das seiner Liebe und Freundschaft ausschließlich lebe, das er sein Eigenthum nennen könne.
Schon früher war Ludwig auf einen seiner Mitschüler aufmerksam geworden, der um diese Zeit einen ihm selbst räthselhaft anziehenden Eindruck auf ihn machte. Dies war Friedrich Heinrich Bothe aus Berlin, eben jener, welchem er die Bekanntschaft mit Holberg’s Lustspielen verdankte. Mit Eifer und Erfolg hatte sich Bothe auf das Studium der alten Sprachen und Literatur geworfen; schon damals nahm er, dem Anstoße Gedike’s folgend, eine philologische Richtung. Er war fähig und nicht ohne Geschmack und Sinn für die sprachliche Seite der Poesie; den Versuchen, welche er gemacht hatte, fehlte die Anerkennung der Lehrer nicht. Auch besaß er ein angenehmes Aeußere. Aber das Bewußtsein seines Strebens und der Ernst, mit welchem er zu Werke ging, gab ihm eine etwas steife Haltung, und nicht ohne Altklugheit fand er die männliche Würde in einem kalten, abgemessenen Wesen. Ludwig, stets leidenschaftlich bewegt, war unendlich verschieden von ihm. Aber gerade auf ihn fiel der vollste und heißeste Strahl seiner Freundschaft. Er sah die natürlichen Einseitigkeiten dieses Geistes nicht, und ohne es zu ahnen, stattete er ihn mit allen Vorzügen eines Ideals aus, welches ihm seine eigene dichtende Phantasie vorgebildet hatte. Bothe war in seinen Augen der begabteste, liebenswürdigste Jüngling; nur er war würdig, ihm seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, nur er sollte und durfte sein Freund sein.
Mit überschwänglichem Gefühlssturm hatte er dem Auserwählten das innige „Du“ angetragen, welches den Seelenbund besiegeln sollte. Doch wie bestürzt war er, als Bothe den schwärmerischen Antrag mit der kühlsten Ruhe aufnahm, zuerst ausweichend antwortete und ihn endlich geradezu ablehnte. Er begriff diese verzehrende Glut nicht, welche sich plötzlich auf ihn warf, denn er fand bei sich selbst nichts, was jenen Gefühlen entsprochen hätte. Er verstand die tiefe Natur nicht, der es ein Bedürfniß war, von ihren Schätzen mitzutheilen, und endete damit, Ludwig’s Benehmen sonderbar und unerklärlich zu finden. Diese Entdeckungen machten Ludwig in einem hohen Grade unglücklich. Er hatte nicht anders denken können, als so stürmische Liebe müsse Erwiderung finden, jener müsse sich ebenso sympathetisch bewegt fühlen. Er begann an sich selbst irre zu werden, und doch zog es ihn mit der Gewalt eines geheimen Zaubers zu seinem spröden Gefährten hin. Aber je dringender er ward, desto kälter, abweisender zeigte sich jener. Ein brennend heißer Schmerz durchbohrte seine Seele. Er sah sich verkannt, das Beste, was er geben konnte, verschmäht. Eine bittere Selbstverachtung bemächtigte sich seiner. Wie niedrig mußte er nicht stehen, wenn ein so hochbegabter Jüngling ihn mit voller Absicht verwerfen konnte! Die leidenschaftlichsten Auftritte erfolgten. Schmerz, Zorn, Wuth arbeiteten in seiner Seele. Oft brach er in Thränen aus, er bat, flehte, beschwor. Umsonst! Jener blieb altklug, kalt und verschlossen.
Zwar wurde der literarische Verkehr nicht abgebrochen, ja sogar zu Spaziergängen und kleinen Wanderungen ließ sich der Gefährte bereit finden, aber überall blieb er sich gleich. Ein längeres Beisammensein machte ihn nicht vertraulicher, und manche Entbehrungen und Abenteuer, die sie miteinander theilten, öffneten sein Herz nicht. In den Ferien pflegte Ludwig seine mütterlichen Verwandten zu besuchen. Ein Bruder seiner Mutter war Schmiedemeister in Golzow bei Brandenburg, und auch in Lehnin hatte man Freunde und Bekannte. Auf einer solchen Ferienreise geschah es, daß die Gefährten sich in den Haiden hinter Potsdam verirrten. Sie glaubten im heimischen Sande verschmachten zu müssen, bis sie nach manchen Irrfahrten nach Potsdam zurückkamen, von wo sie ausgegangen waren.
Endlich mußte sich Ludwig mit Schmerzen überzeugen, sein stürmisches Liebeswerben sei vergeblich. Er verfiel in Trübsinn, in Schwermuth. Er, sonst so frisch und heiter, ward finster, wortkarg und gleichgültig gegen das Zureden der Aeltern und Geschwister; sein sonst so offener Sinn schien für die Außenwelt verschlossen. Neue heftige Ausbrüche der Leidenschaft rissen ihn aus dieser Abspannung empor, um ihn dann nur tiefer versinken zu lassen. In gewohnter Weise hatte er den feindseligen Freund eines Nachmittags auf dem Heimwege aus der Schule begleitet. Abermals hatte er ihn mit vergeblichen Bitten bestürmt. Da ergriff ihn eine verzweifelte Wuth; er war sich selbst zur Last, zum Ueberdrusse. In diesem Augenblick gingen sie über die Gertraudtenbrücke. Ludwig durchzuckte ein Gedanke. Er wollte das verhaßte Leben von sich werfen, sich vor den Augen des Freundes in das Wasser stürzen. Sein Tod sollte das felsenharte Herz rühren und ihn überzeugen, wie sehr er ihn geliebt habe. Er trat an den Rand der Brücke, und verzweifelt und kindisch zugleich stieß er einen schweren Stein, welcher dort als Brückenbeschwerer lag, in den Fluß. Mit großem Geräusch stürzte der Stein hinab. Aber ohne den Kopf zu wenden, ging der Andere seines Wegs weiter. Ludwig’s Zorn über diese neue Härte steigerte sich zum Ingrimm. Er stürzte dem Freunde nach und ereilte ihn auf dem Dönhoffsplatze. Die Stimme versagte ihm vor innerer Bewegung. Endlich rief er: „So, jetzt habe ich Sie erkannt! Ist das auch nur menschlich gehandelt? Was würden Sie denn gethan haben, wenn ich mich nun wirklich in das Wasser gestürzt hätte?“ „Ich würde Sie unaussprechlich verachtet haben“, erwiderte jener ruhig. Ludwig verstummte, und ging weinend nach Hause.
Aber er täuschte sich. Er hatte keineswegs den störrischen Freund erkannt, und noch Manches sollte er leiden, ehe er zur wirklichen Erkenntniß kam. In seinem Zimmer hatten sich die leidenschaftlichen, nie zu schlichtenden Kämpfe zwischen dichterischer Täuschung und altkluger Verständigkeit wiederholt. Erschöpft war er endlich auf das Bett gesunken, und während Bothe gleichgültig neben demselben saß, in einen tiefen Schlaf verfallen. Diesen Augenblick benutzte der Ungetreue, um sich in der Stille zu entfernen. Als Ludwig nach einiger Zeit erwachte, und sich auch um den Abschied betrogen sah, packte ihn eine wildere Wuth als jemals. In einer Art von Raserei sprang er empor, er schlug um sich, er zertrümmerte die Fensterscheiben, und zerbrach was ihm unter die Hände kam. Ermattet stürzte er endlich unter krampfhaftem Schluchzen wieder auf das Bett, und begrub sein Gesicht in die Kissen. Mit Schrecken sah die herbeieilende Mutter die Verwüstung, welche er angerichtet hatte. Ihr erster Gedanke war das Strafgericht, das hereinbrechen mußte, sobald der Vater nach Hause kam. Beschwichtigend redete sie dem Sohne zu; er ward stiller, an die Stelle des Zorns trat die Furcht. Als der Vater zurückkehrte, hörte er den Bericht über den sonderbaren Vorfall schweigend an. Er schalt nicht, er strafte nicht, er hieß Ludwig zu Bette gehen und ausschlafen.
Zagend trat er am andern Morgen vor den Vater. Ohne des angerichteten Schadens mit einem Worte zu gedenken, sagte dieser ruhig, doch mit tiefem Ernst zu ihm: „Ich sehe, du erwartest Strafe. Auch hast du sie hinreichend verdient, doch soll sie dir diesmal erlassen sein. Aber nun bitte ich dich, besinne dich! Wohin ist es mit dir gekommen? Du bist ein anderer Mensch geworden! Du zeigst dich nichtachtend gegen deine Aeltern, vernachlässigst deine Geschwister, und bist gleichgültig gegen unsere Liebe. Und das Alles, weil du einen Menschen mit deiner Liebe verfolgst, der von dir nichts wissen will! Siehst du denn nicht, daß du ihm nichts bist? Er hat kein Herz für dich, er begreift nicht einmal deine Liebe zu ihm! Und wohin wird dich diese Leidenschaft und blinde Wuth noch führen? Ich fürchte, sie wird einmal sehr unglücklich machen!“
So mild, so überzeugend hatte Ludwig den strengen Vater noch nicht sprechen hören. Diesen Ton kannte er kaum an ihm. Und gerade bei dieser Veranlassung verfehlte er seinen Eindruck am wenigsten. Er war tief erschüttert; er fühlte die Wahrheit der väterlichen Worte, und kam allmälig zur Besinnung. Endlich sollte er diese Bande ganz sprengen.
Wiederum hatten die Genossen eine gemeinsame Fußreise unternommen. Soeben hatten sie Brandenburg verlassen, als Bothe plötzlich erklärte, er müsse noch einmal dahin zurückkehren, und zwar allein. Dessen ungeachtet trug Ludwig in dringender Weise seine Begleitung an. „Ich kann Sie nicht brauchen“, erwiderte jener kalt, „und werde allein gehen!“ Nochmals flammte die ganze Leidenschaft auf. Weinend und beschwörend, ihm wenigstens Gründe für diesen unerwarteten Entschluß anzugeben, ging er eine Zeit lang neben Bothe her. Da dieser schweigend seinen Weg verfolgte, so riß seine Geduld, und plötzlich schien die Liebe in Haß umzuschlagen. „So geh’ denn, dummer Junge!“ rief er trotzig. Aber schon in demselben Augenblicke ergriff ihn Schrecken über die Lästerung, die er auszustoßen gewagt hatte. Er wollte den Gekränkten um Verzeihung bitten, aber dieser ging ohne auf die Schmähung zu achten weiter. Beschämt blieb Ludwig stehen. Dann machte er sich schmollend und trotzend allein auf den Heimweg.
Mit jenem knabenhaften Ausrufe hatte er sich befreit; er gedachte der Worte des Vaters, der Schleier, der auf seiner Seele gelegen hatte, war zerrissen. Er fing an zu zweifeln und zu prüfen, und endlich sah er den harten Freund mit andern Augen an. Der verklärende Schimmer, mit dem er ihn umgeben hatte, war verschwunden, er erschien ihm gleichgültig und gewöhnlich, wie viele seiner Schulgefährten. Zuletzt war seine Leidenschaft ihm selbst zum Räthsel geworden.
So war ihm gerade aus der Fülle seines Herzens das bittere Gefühl menschlicher Schwäche bis zur Selbstverachtung entsprungen, und seine überschwellende Seligkeit hatte ihm einen Schmerz geboren, wie er ihn tiefer und schneidender nicht erlebt hatte. Mit den bittern Erfahrungen, die sie mit sich brachte, hatte er sich auch Das erkauft, die Geister prüfen und unterscheiden zu lernen.
Wie er Freundschaft da gesucht hatte, wo er sie nicht fand, so hatten die besten unter den Schulgefährten um seine Freundschaft geworben, aber in seiner blinden Neigung für den Einen hatte er es nicht erwidert, ja kaum beachtet. Und er war dazu geschaffen, der Mittelpunkt eines Freundeskreises zu werden. Voll Geist und Feuer, aufbrausend in jugendlicher Lust und Laune bis zum Uebermuth, kühn und sicher in seinen Urtheilen, reich an Kenntnissen, bereit zu jeder Hülfe in Wort und That, gutmüthig, offen und hingebend, ja zu Zeiten weich, körperlich kräftig, in seiner Gesichtsbildung schön, wie hätte er da nicht die Aufmerksamkeit und Neigung gerade der begabtesten unter seinen Schulgenossen sich gewinnen sollen? Mehr noch als durch einzelne hervorstechende Eigenschaften schien er durch einen stillen und unerklärlichen Zauber, der aus seinem ganzen Wesen sprach, mächtig anziehend auf sie zu wirken, und so bildete sich ein Kreis von Jugendgefährten um ihn, unter denen er mehr als einen Herzensfreund fand.
An Geist, Talent und Streben ihm der Verwandteste, als Freund der treueste und hingebendste war Wilhelm Heinrich Wackenroder. Er war eines Alters mit Ludwig, wie er geboren im Jahre 1773, und gehörte einer der angesehensten Familien Berlins an. Sein Vater, der Geheime Kriegsrath und Justizbürgermeister Wackenroder, war ein strenger und ehrenfester Beamter, ganz im Geiste des Zeitalters Friedrich’s des Großen gebildet, klar, nüchtern und pflichtgetreu, umsichtig und unermüdlich, erfüllt von dem Gedanken der Bürgertugend, und von warmer Hingebung an den jungen, wachsenden Staat und den großen König, der ihn geschaffen hatte. In den schweren Zeiten des Siebenjährigen Krieges, als Berlin durch Russen und Oestreicher besetzt wurde, hatte er im Namen der Stadt mit den feindlichen Generalen verhandelt, und später in Stadt- und Staatsämtern durch seinen Eifer sich hervorgethan. Mit größter Sorgfalt ließ er seinen einzigen Sohn erziehen. Zuerst hatte er ihn durch häuslichen Unterricht bilden lassen, und dann der anerkannten Schule seines Freundes Gedike übergeben. In der zweiten Classe des Friedrich-Werderschen Gymnasiums war es, wo Ludwig und der junge Wackenroder zuerst sich begegneten. Sogleich fühlte dieser sich angezogen, und nach den schmerzlichen Erfahrungen, die er gemacht hatte, hielt nun auch Ludwig den neugewonnenen Freund um so fester.
Wackenroder war eine ahnungsvolle, prophetische Natur. Still und träumerisch schien er den Blick nur in die Tiefen seines Innern zu senken, und den Sinn für die Außenwelt weder zu besitzen noch zu vermissen. Im täglichen Verkehr war er linkisch und unbehülflich, daher weltklügere Genossen nicht selten über ihn lächelten, und ihn mit wohlfeiler Mühe zum Gegenstande ihres Witzes machten. Sie begriffen das Weiche, Zarte, ja Rührende nicht, das wie ein geheimnißvoller Schleier auf seiner ganzen Erscheinung ruhte. Es lebte in ihm der einfache, unschuldige Kinderglaube, dem es ein unbewußtes Bedürfniß ist, sich an Höheres hinzugeben. Um seinetwillen konnte er auch das mit dem größten Vertrauen hinnehmen, was seiner eigenen Natur zuwider war. Darum war nichts leichter, als ihn in gewöhnlichen Dingen zu täuschen und irrezuführen. Das Wunder schien die Welt zu sein, in der er eigentlich lebte, während das Alltägliche für ihn zum Wunder wurde. Aus diesen Träumen zuckten dann Blitzen gleich tiefsinnige Auffassungen hervor; er konnte zu Zeiten schwärmerisch scheinen. Als wenn er dunkel gefühlt hätte, daß diese innere Welt eines äußern Gegengewichts bedürfe, wenn er nicht ganz in ihr verloren gehen wolle, klammerte er sich ängstlich an gewisse Ordnungen. Sobald sie ihm einmal zur Gewohnheit geworden waren, gab er sie nicht wieder auf. Er war ein peinlich fleißiger Schüler, und in aller Ueberschwänglichkeit hielt er mit Zähigkeit an einer bestimmten Zeiteintheilung fest, die ihm anerzogen worden war. Wer ihn nur in solchen Augenblicken sah, konnte ihn für nüchtern, ja pedantisch halten. Die bürgerliche Natur des Vaters schien dann die Oberhand zu gewinnen. Allmälig entwickelte er die glücklichsten Anlagen. Vor allem schien die Musik sein ganzes Wesen zu durchdringen. Ein elektrischer Stoff hatte sich hier angesammelt, der nur auf die rechte Art der Berührung wartete, um durch seine sprühenden Funken zu blenden.
Zwei Geister waren zusammengeführt worden, die für einander geschaffen zu sein schienen. Beide wandten sich mit ganzer Kraft dem Leben in der Phantasie und Dichtung zu. Aber sie waren doch darin verschieden, daß Ludwig seine Kreise weiter zu ziehen, mehr zu umfassen strebte, Wackenroder still beschaulich in die Tiefen des Einzelnen sich versenkte, daß jener kritisch humoristisch, dieser glaubensvoll war, der Eine mehr schöpferisch, der Andere mehr empfänglich. Dies führte zu manchen Meinungsverschiedenheiten im Einzelnen, die sich aber in den gleichen Grundtönen ihrer Seelen immer wieder auflösten. Wackenroder hielt z. B. Ramler, der in dem Hause seines Vaters verkehrte, lange Zeit für einen der ersten und größten Dichter, während Ludwig’s keckes Urtheil ihn als Poeten alten Stils bezeichnete, dem die eigentlich dichterische Ader fehle. Nur sehr schwer ließ sich Wackenroder diesen Glauben durch die schonungslosen Ausführungen seines Freundes entreißen. Von jetzt an theilten sie alle Leiden und Freuden des innern Lebens wie des Schulverkehrs, und Ludwig wurde ein gern gesehener täglicher Gast und Freund in dem Hause des Bürgermeisters von Berlin.
Eine entgegengesetzte Natur war Friedrich Toll, der Sohn eines Beamten der berliner Porzellanfabrik. Er war fest und sicher, strebsam und eifrig, voller Ehrgeiz. Ganz und vollständig suchte er die Dinge zu erforschen. Mit eisernem Fleiße, aber fern von Kleinlichkeit, warf er sich auf die Schulwissenschaften, die ihm den Weg ins Leben bahnen sollten. Auch er besaß bedeutende Anlagen, war jugendlich schwungvoll und poetisch begeistert. Seine Erscheinung war edel und einnehmend; sie hatte etwas Ritterliches. In allen Künsten körperlicher Gewandtheit galt er seinen Genossen als Vorbild.
Zu diesen gesellte sich Wilhelm von Burgsdorff, der Sohn eines märkischen Edelmanns. Zuerst nach den Grundsätzen der damaligen neuen Lehre im Philanthropin zu Dessau erzogen, war er erst in späterer Zeit Gedike’s Schüler geworden. Er war frisch, natürlich und lebhaft, von schneller Auffassung und glücklichen Gaben, gutmüthig, aber auch leichtsinnig und hochfahrend.
Der Humorist in diesem jugendlichen Kreise war Viering, der Sohn eines Landpredigers. Er lebte in dem Hause des Kriegsraths Müller, dessen Obhut er anvertraut war. Reich an launigen Einfällen und immer neuen Anschlägen, besaß er einen nicht unbedeutenden Sinn für das Komische und dessen Auffassung und Darstellung. Was er schrieb, trug oft einen so eigenthümlich frischen Humor an sich, daß Ludwig in späterer Zeit, als man Jean Paul zu lesen anfing, an seinen Jugendfreund erinnert wurde. Einst war eine moralische Abhandlung über das Sprüchwort: „Wie man’s treibt, so geht’s“, verlangt worden. Viering gab eine lebendige und gefühlte Schilderung des einfachen Natur- und Landlebens, in der er zuletzt mit überraschender Wendung zwei Gänsejungen erscheinen ließ, die auf verschiedenen Wegen und in verschiedenen Zeiten ihre Heerden dem gemeinsamen Weideplatze zutreiben. Der Lehrer schüttelte über solche Abgeschmacktheit den Kopf, während Ludwig’s ganze Theilnahme durch die satirische Keckheit des Tons gewonnen wurde. Oft theilte der neue Freund sein helles und geräumiges Zimmer mit Ludwig. Hier arbeiteten sie miteinander, und ersannen auch manchen muthwilligen Anschlag.
Auf diesem Wege lernte Ludwig auch Adam Müller, den Sohn des Kriegsraths Müller, kennen. Doch gehörte dieser, wie Wilhelm von Schütz, bereits einem jüngern Geschlecht an. Ohne damals in diesen Kreis eintreten zu können, schlossen sich Beide an einzelne Glieder desselben erst in späterer Zeit an.
Dagegen hatten die Freunde einen andern Genossen gefunden, der, um mehrere Jahre älter, unter diesen kecken Geistern die alltägliche Mittelmäßigkeit vertrat, sich aber doch mit einem aufrichtigen und gründlichen Eifer für Alles zu begeistern suchte, was jene bewegte. Es war dies ein gewisser Piesker, dessen Vater Verwalter auf dem nahe bei Berlin gelegenen Gute Fredersdorf gewesen war. Er liebte es, den altklugen Mentor, das Gewissen in diesem Kreise zu spielen. Mit Verdruß sah er dem muthwilligen Treiben der Andern zu, denen es in ihren wilden Launen auf ein Mehr oder Weniger nicht sonderlich ankam. Zu ihrer großen Erheiterung konnte er sich dann ungemein ereifern; er hielt ihnen die eindringlichsten Strafreden über ihre Thorheit, ihren Leichtsinn, vor allem über ihre Neigung zur Lüge. Denn unter diesem Namen verfolgte er mit komischem Ernst jede Flüchtigkeit in der Auffassung, jede jugendliche Uebertreibung, jede ironische Wendung. Dann belehrte er die Freunde, er werde ihnen zeigen, was thatsächliche Wahrheit sei, und ihnen eine einfache Darstellung geben, wie die Sache wirklich gewesen sei. Daraus ergab sich in der Regel, daß er weniger gesehen und gehört hatte als alle Andern. Sein Aeußeres war abstoßend; er hatte eine plattgedrückte Nase, einen wulstigen, aufgeworfenen Mund, sein Gesicht war von Blatternarben entstellt. Dennoch war er allgemein geliebt, trotz seiner Steifheit und seines ungerechten und mürrischen Scheltens. Man kannte seine Treue, seine Zuverlässigkeit, man fühlte in ihm die Sicherheit einer geraden, einfachen Natur heraus.
Niemand schloß sich fester an ihn als Ludwig, der ahnen mochte, daß er bei seiner abspringenden Reizbarkeit und seinen wechselnden Stimmungen der Ergänzung durch einen nüchternen und wohlmeinenden Freund bedürfe. Auch besuchte er ihn auf dem Gute Fredersdorf. Hier streifte man durch Wald und Feld, brachte die Sommernächte unter freiem Himmel zu, machte sich Herzensbekenntnisse, und verlor sich in tausend hochfliegenden Plänen für die Zukunft.
7. Kunstleben.
Wenn die Freundschaft mit Wackenroder von hoher Bedeutung für Ludwig’s innere Entwickelung war, und die mit Burgsdorff später wichtige Folgen für sein äußeres Leben hatte, so kam endlich noch ein drittes Verhältniß hinzu, welches sogleich einen entscheidenden Einfluß auf sein Schicksal nach beiden Seiten hin gewinnen sollte. Dies war die Verbindung mit Wilhelm Hensler, dem Stiefsohn des Kapellmeisters Reichardt.
Auch er war eine offene, muntere und bewegliche Natur, für jeden bedeutenden Eindruck fähig und empfänglich. Erst später war er nach Berlin in das Haus seines Stiefvaters gekommen, um auf Gedike’s Anstalt seine Ausbildung zu vollenden. Hier wurde er Ludwig’s unmittelbarer Nachbar auf der Schulbank. Man gefiel sich gegenseitig, entdeckte manche Uebereinstimmungen in Wesen und Neigung, und knüpfte endlich ein vertrauliches Verhältniß an. Hensler unterließ es nicht, den neugewonnenen Freund in das Haus des Stiefvaters einzuführen, wo jener so allgemeine Theilnahme und Zuneigung erweckte, daß er bald in demselben vollständig heimisch wurde. Zu Zeiten übersiedelte sich Ludwig ganz dorthin, und wie Arbeit und Zerstreuungen theilte Hensler auch das Zimmer mit ihm. Er konnte mehr für den Sohn als den Freund des Hauses gelten. Der Vater legte diesem Verkehr keinerlei Hinderniß in den Weg. Mit voller Befriedigung sah er die Anlagen des Sohnes immer selbständiger hervortreten; es schien rathsam, ihm größere Freiheit zu gestatten, ihn gewähren zu lassen.
Auch gab es in Berlin vielleicht kein Haus, das für die Fortbildung einer emporkeimenden Dichterkraft eine bessere Schule gewesen wäre als das des Kapellmeisters Reichardt. Es war ein Sammelplatz für Künste und Künstler. Der frische Geist der dichterischen und künstlerischen Erhebung, der Deutschland seit zwei Jahrzehnden durchzog und es fast zu verjüngen schien, wirkte hier lebendiger als irgendwo. Man besaß Geist und Geschmack, verfolgte mit Antheil jede neue Wendung in Kunst und Literatur, und nahm eifrig für und wider Partei. Mit dem Nachdruck des tiefern Kunsteifers wurde Musik getrieben, Goethe verehrte man als den Genius der neuern Zeit und Poesie, und allgemeine künstlerische Ausbildung galt für unerläßliche Pflicht. Hier war der Kreis, in dem Ludwig’s jugendliches Talent seiner Reife entgegengeführt werden konnte.
Reichardt selbst war ein Mann, ganz geeignet, Jüngere anzuregen, zu bilden, in das Verständniß der Poesie und Musik einzuführen. Er stand im Mittelpunkte des musikalischen Lebens, welches in den letzten Jahren einen glänzendern Aufschwung genommen hatte. Im Jahre 1775 war er an Graun’s Stelle nach Berlin berufen worden, er hatte einige Opern componirt, und war seit dem Regierungsantritte Friedrich Wilhelm’s II. als Director des neubegründeten Orchesters der Italienischen Oper in einen umfassendern Wirkungskreis getreten. Mit Sängern und Schauspielern, mit Künstlern aller Art brachte ihn sein Beruf in Berührung, mit vielen wissenschaftlichen und dichterischen Namen hatte er Verbindungen, fremde Künstler und Gelehrte versäumten es nicht, sein Haus zu besuchen. Er selbst war voll Geist und Beweglichkeit. Auf die Entwickelung seines musikalischen Talents legte er keinen ausschließlichen Werth. Durch eine vielseitige, allgemeine Bildung, durch Kenntnisse in den verschiedensten Fächern, durch lebhafte Theilnahme an allen Aufgaben des Lebens wollte er sich von seinen einseitigen Fachgenossen unterscheiden, er wollte kein dürftiger, halbgebildeter Musikmeister sein. Er war ein eifriger Anhänger Kant’s und der neuen kritischen Philosophie. Er hatte eine Zeit lang in dem Fache der Verwaltung gearbeitet. Später hatte er bedeutende Reisen unternommen, hatte Italien gesehen, war in Paris und London gewesen, und war mit Goethe in Berührung gekommen, dessen „Claudine von Villa bella“ er componirt hatte. Auch als Schriftsteller war er aufgetreten. Er war Virtuos und Componist, theoretischer und schriftstellender Musiker. Aber diese unruhige Vielthätigkeit zersplitterte doch seine Kräfte und beförderte ein starkes Selbstvertrauen, welches, da er Alles kennen und verstehen wollte, ihn bisweilen über seine Grenzen hinausführte.
Auf Ludwig wirkte zunächst die Frische der anregenden Kraft, der bedeutende Name in der Kunstwelt, die angesehene Stellung des Mannes. Zum ersten Male blickte er hier in ein anerkanntes, von Geist getragenes, glänzend erscheinendes Kunstleben. Wovon er sonst nur einzelne Seiten aus der Ferne gesehen hatte, das trat ihm hier als ein Ganzes, in sich Fertiges entgegen. An diesen neuen Vorbildern begann er seine Kräfte zu messen. Aus der allgemeinern Vorbereitung der Schule ging er nun in die künstlerischen Lehrjahre über, welche ihm schon jene Richtung geben sollten, die ihn einige Jahre später in die Literatur hineinführte.
Zunächst fand seine Neigung für das Theater hier nicht nur neue Nahrung, sondern auch Ausbildung. Es war die Zeit, wo in Berlin die Theaterliebhaberei immer mehr Boden gewann. Die Bühne galt für ein hauptsächliches Mittel allgemeiner und volksthümlicher Bildung, die Anregungen großer Talente in der Schauspielerwelt kamen hinzu, die dem früher verachteten Stande Anerkennung zu erobern anfingen. Man eiferte ihnen nach, las in Gemeinschaft dramatische Dichtungen nach Rollenvertheilung, und stellte endlich zu eigener Uebung in geselligen Kreisen Versuche in den mimischen Künsten an. In Reichardt’s Hause sah man es daher nicht ungern, als sich um den Stiefsohn eine Anzahl fähiger Jünglinge sammelte, und aus kindischen Anfängen ein Liebhabertheater hervorging, das zuletzt die Haltung ernster Studien annahm.
Bis dahin hatte Ludwig sein Theatertreiben in alter Weise fortgesetzt. Zu Hause, im Freien, wo es irgend anging, hatte er mit seinen Geschwistern auf improvisirter Bühne wie ehemals gespielt. Wie früher in der Kirche, hatte er später einmal in einem abgelegenen Theile des Thiergartens einen freien Platz entdeckt, der von Bäumen und dunkelm Gebüsch umschlossen, durch seine tiefe Stille und die Sicherheit vor Ueberfällen störender Spaziergänger zur Darstellung irgendeiner Tragödie einzuladen schien. Sogleich begann man Gerstenberg’s „Ugolino“ abzuspielen, der sich damals besonderer Gunst erfreute, weil er mit dem geringsten Personenaufwande im Gräßlichen das Höchste leistete, was zu erreichen war. Natürlich spielte Ludwig den Ugolino, die Uebrigen thaten ihr Bestes, als zu ihrer großen Ueberraschung aus dem Seitengebüsche ein Mann hervortrat, welcher die Schauspieler unbemerkt belauscht hatte. „Sie haben Ihre Sache recht brav gemacht, junger Mann“, wandte er sich zu Ludwig; „aber wie kommen Sie bei Ihrer Jugend schon zu diesem gräßlichen Stücke?“ Ein Vorwurf, welchen man bei der Anerkennung, die man gefunden hatte, sehr gern in den Kauf nahm.
Alles gewann ein anderes Ansehen, als man unter Reichardt’s Augen zu spielen anfing. Es sollte kein Spiel mehr bleiben; es sollte eine Gelegenheit zur Ausbildung des guten Geschmacks und feiner Sitten, eine Schule für glückliche Anlagen werden. Zu der leitenden Einsicht gesellten sich bedeutendere Hülfsmittel. Ein ziemlich zahlreiches, für die Sache begeistertes Personal fand sich beisammen. Alle Freunde Hensler’s und Ludwig’s wurden dazu herangezogen, die irgend Lust und Neigung hatten, an diesen Versuchen theilzunehmen. Durch Kauf und Geschenk erwarb man eine Art von Garderobe, und für manchen andern Bedarf sorgte die Geschicklichkeit Friedrich Tieck’s, den der Vater 1790 zu dem Bildhauer Bettkober in die Lehre gab. An den Darstellungen selbst nahm er weniger Antheil, aber für die Ritterstücke wußte er die unentbehrlichen Helme und Panzer mit kunstgeübter Hand aus Pappe, Gold- und Silberpapier anzufertigen, und den edeln Rost des Alterthums so täuschend nachzuahmen, daß auch er in seiner Kunst allgemeinen Beifall erwarb. Endlich konnte man auf ein, wenn auch nicht zahlreiches, doch gebildetes und urtheilsfähiges Publicum rechnen, das zugleich durch seine persönliche Theilnahme ermuthigend einwirkte.
Man wagte sich an die Darstellung großer, ja classischer Schauspiele. Vor keiner Schwierigkeit bebte man zurück, je unübersteiglicher die Hindernisse schienen, desto lieber suchten die jungen Künstler sie zu überwinden. Ihre Phantasie nahm den höchsten Flug, und dem Schwersten glaubten sie sich gewachsen. Neben einigen geläufigen Bühnenstücken spielten sie Lessing’s „Schatz“ und „Philotas“. Dann gingen sie zu den beliebten Ritterstücken über, in denen sie in allem Waffenschmucke prangen konnten, und endlich im Sturmschritte zu Shakspeare. Man theilte sich in Rollen und Rollenfächer; ein wahrhafter Künstlerwetteifer entstand, ein Jeder suchte sich von der besten Seite zu zeigen. Wackenroder schien durch sein ernstes Wesen für die Darstellung von Königen und Fürsten geeignet, Toll und Hensler spielten die jugendlich kriegerischen Helden, Bothe die Greise, Viering und Piesker übernahmen die komischen Rollen. Die schwierigsten Charaktere im Trauerspiele wie im Lustspiele hatte man Ludwig mit voller Anerkennung seiner Ueberlegenheit abgetreten.
Und in der That, neben der kindischen Unbehülflichkeit der Einen und der leichten Liebhaberei der Andern trat bei ihm die glückliche Anlage für mimische Charakterdarstellung unzweideutig hervor. Auch besaß er Alles, was dazu erforderlich war; eine edle, schlanke Gestalt, eine klangvolle, umfassende Stimme, die von den feinsten Wandlungen bis zum gewaltigen Donner der Leidenschaft anschwellen konnte, ein ausdrucksvolles Gesicht, das mit ungesuchter Kunst jede Bewegung des Innern widerspiegelte. Doch seine Hauptstärke lag in einem andern Punkte; der Dichter machte bei ihm den Schauspieler. Es war nicht die nachahmende Darstellung des gewöhnlichen Schauspielers, welche er gab, sondern er schuf selbst, wenn er spielte, er ging dem Dichter nicht allein nach, er ergänzte und überholte ihn oft. Es leitete ihn ein tieferes, ahnendes Verständniß der Dichterwerke. Mit den ersten Worten, die er sprach, erfüllte ihn seine Rolle ganz, die Täuschung wurde zur Wahrheit, er wandelte sich in den fremden Charakter um. Er glaubte die Person zu sein, welche er darstellte, und war es auch nach dem Eindrucke zu schließen, welchen er auf seine Freunde, auf die Zuschauer machte. In dem Augenblicke, wo Otto von Wittelsbach (er spielte diese Rolle in dem damals beliebten Stücke dieses Namens von Babo) von dem Gefühle tödtlicher Beleidigung und schwarzen Undanks gestachelt zum Mörder wird, ergriff ihn bei den sonderbar dunkeln Worten: „Was wollen die Hunde mit ihrem Bellen?“ eine innere Wuth, ein solches Außersichsein im eigentlichen Sinne des Worts, daß Wackenroder, der den Kaiser spielte, und seine Umgebung sich scheu vor ihm zurückzogen, weil sie im Ernst fürchteten, er könne ein Unheil anrichten.
Einen nicht geringern Erfolg hatte er in humoristischen Rollen, in denen er seiner komischen Laune den vollen Zügel schießen ließ; so als Falstaff, wo Wackenroder wiederum als König, Hensler als Prinz, Toll als Percy neben ihm auftraten. Beachtete er dagegen das Spiel seiner Freunde, so schien es ihnen nicht voller Ernst mit der Sache, als seien sie in ihren Rollen Doppelwesen, deren äußere Hälfte zu der innern nicht passen wollte. Hatte er selbst bei seinen Darstellungen ein Vorbild, so war es Fleck, und er mochte versuchen, die Eindrücke hervorzurufen, welche er von jenem in seinen Hauptrollen empfangen hatte.
Frühzeitig hatte Reichardt Ludwig’s hervortretenden Beruf erkannt, er folgte ihm mit Aufmerksamkeit, und durch ein eingehendes und wohlmeinendes Urtheil leitete er ihn allmälig von seinem kühnen Naturalismus zu einer bewußtern Kunstübung an. Zunächst wies er ihn auf die Nothwendigkeit hin, seine Stimme zu bilden und zu beherrschen. Als er einst allgemeinen Beifall dadurch geerntet hatte, daß er unerwartet die Stimme wechselte, und in einem fremden, bis zur Täuschung nachgeahmten Ton gesprochen hatte, sagte Reichardt zu ihm: „Junger Freund, Sie misbrauchen und gefährden Ihr Organ. Jedes musikalische Instrument ist auf einen gewissen Ton gestimmt, und die Aufgabe des Virtuosen ist, diesen immer reiner und voller herauszuarbeiten. Je mehr dies geschieht, um so sicherer ist auch die Wirkung. Nicht anders ist es mit der Stimme des Menschen. Jedes Organ hat seinen eigenthümlichen Grundton. Es kommt darauf an, diesen nach allen Nüancen hin auszubilden, deren er fähig ist. Vertauscht man willkürlich diesen natürlichen Ton mit einem fremden, unnatürlichen, erzwungenen, so geräth man in Gefahr, jenen zu verlieren, und um eines eiteln Kunststücks willen das Organ zu Grunde zu richten.“ Auch führte er wol weiter aus, wie es nicht darauf ankomme, durch eine gewaltsame Anstrengung desselben die Zuhörer in Staunen zu setzen, es vielmehr zu beherrschen, es nicht verschwenderisch auszugeben, sondern im rechten Zeitpunkte mit aller Kraft wirken zu lassen. Die durch die Stimme selbst gebotene Art der Anwendung schütze sie nicht nur vor krankhaftem Reiz, sondern stärke und erweitere sie.
Den Werth dieser einfachen und natürlichen Regeln lernte Ludwig durch ihre Befolgung bald genug anerkennen. Gern achtete er daher auch auf manchen andern Wink Reichardt’s. Zugleich begann er mit Eifer Engel’s „Mimik“ zu lesen, welche damals in hohem Ansehen stand. Endlich hatte Reichardt auch dafür Sorge getragen, daß sein Kunstjünger Gelegenheit fand, die großen Vorbilder, die er sich gewählt hatte, fortgesetzt in eigener Anschauung zu studiren. Er hatte bei Engel, der im Verein mit Ramler das sogenannte Nationaltheater seit 1787 leitete, für ihn und seinen Stiefsohn ein Freibillet ausgewirkt. So wurde Ludwig durch Anlage und Eifer bald über die Grenzen der gewöhnlichen Liebhaberei und jugendlichen Begeisterung hinausgeleitet, und es schien in der That, als ob die Vorbereitung für die Bühne seine stille Absicht sei.
Indessen gewannen diese Darstellungen noch einen Reiz anderer Art, der freilich nicht aus dem Kunsteifer hervorging. Zu den Spielen vor den Coulissen gesellte sich ein zweites hinter denselben, das mindestens ebenso anziehend war als jenes. Zu dem Publicum gehörte auch Reichardt’s Frau und deren Schwestern, Töchter des hamburgischen Pastors Alberti, der ein Freund Lessing’s gewesen war und in der theologischen Welt keinen unbedeutenden Namen hatte. Die beiden jüngern Schwestern, ein paar heranwachsende Mädchen, waren mit den Kunstgenossen bald bekannter geworden, und wurden von diesen trotz ihrer Jugend und Anmuth mit dem ehrwürdigen Namen der „Tanten“, den sie in der Familie führten, scherzweise bezeichnet. Anfangs hatten die Tanten den dramatischen Spielen mit vollem Beifalle zugesehen, dann ließen sie sich bereit finden, auf ihre Stellung zu verzichten, und zur Unterstützung dieser Kunstübungen einige passende Rollen zu übernehmen. Nun erhielten die Vorstellungen einen verdoppelten Schwung; man spielte mit dem feurigsten Eifer, und unter der Hülle der gemalten Leidenschaft fing die wirkliche an lebendig zu werden.
Es konnte nicht fehlen, daß der Ruf dieser werdenden Kunstschule über die bescheidenen Grenzen der Familie und des Hauses hinausging. Reichardt mochte das nicht ungern sehen, und bald fand sich eine Gelegenheit, die gewonnene Virtuosität auf einem ganz andern Schauplatze zu zeigen.
Auch mit dem Hofe stand Reichardt in Verbindung. Seine Stellung als Kapellmeister führte das mit sich; es fehlte ihm nicht an Freunden, und sein Talent hatte ihm die besondere Gunst des Königs erworben. Er verkehrte auch in dem Hause der damals immer noch einflußreichen Frau des Kämmeriers Rietz. Diese hatte ein geschmackvolles Haustheater errichten lassen, auf welchem vor dem Könige und dessen nächster Umgebung bisweilen Vorstellungen gegeben wurden. Bei den Singspielen wurde auch Reichardt zu Rathe gezogen. Bei einer festlichen Veranlassung sollte von einigen Sängern des großen Theaters „Erwin und Elwire“ dargestellt werden. Reichardt hatte die Leitung übernommen, und selbst einen auf die Tagesfeier bezüglichen Prolog gedichtet. Sein Stiefsohn sollte ihn sprechen, und die Vorstellung mit malerischen Gruppirungen schließen, welche von seinen jüngern Kindern ausgeführt werden sollten. Das Ganze sollte den Charakter eines Familienfestes tragen.
Hensler wies indeß die ihm zugetheilte Rolle mit Entrüstung zurück, er stimmte dem Urtheil der öffentlichen Meinung über die Festgeberin vollkommen bei, und betheuerte, er werde sich niemals dazu hergeben, vor ihr, in ihrem Hause als Declamator und Lobredner aufzutreten. Der Stiefvater war in nicht geringer Verlegenheit. Endlich aber wurde der Widerstrebende dennoch durch Nützlichkeitsgründe bestimmt, sich der verhaßten Aufgabe zu unterziehen. Die jungen Schauspieler hofften nämlich durch Reichardt’s Vermittelung die zu dieser Vorstellung angefertigten glänzenden Gewänder für ihre eigene Garderobe erwerben zu können.
Wirklich kam das Festspiel, wie es Reichardt beabsichtigt hatte, zu Stande. Hensler sprach seinen Prolog vor dem Könige und dessen Umgebung. Die trockene, gezwungene Weise, in der es geschah, wurde ihm entschuldigend als jugendliche Befangenheit und Ungeschick des Anfängers ausgelegt, und er war zufrieden, nicht weiter in Anspruch genommen zu werden. Dagegen gingen die Gruppirungen am Schlusse unter allgemeinem Beifall von Statten. Der König sprach seine Zufriedenheit aus, ließ sich die Kinder vorführen, und lobte ihre Geschicklichkeit und Anstelligkeit. Auch Ludwig hatte zu dieser Vorstellung Zutritt erhalten. Er hatte seinem Freunde hinter den Coulissen mit Spannung zugehört, und hier seinen Standpunkt so gewählt, daß er den Blick auf den Zuschauerraum, den König und den Hofkreis frei hatte. Nach dem Schlusse betrat er den Saal, und wurde der mächtigen Frau als hoffnungsvoller junger Mensch vorgestellt.
Spiele, welche mit so großem Ernst betrieben wurden und zu solchen Folgen führten, waren allerdings den Studien nicht eben förderlich. Wie gern vergaßen die tragischen Helden die demüthigere Rolle, welche sie den Tag über auf der Schulbank spielten! Auf solche Erregungen der Phantasie und Anspannung aller Kräfte folgte die Ermattung, die in den Lehrstunden übel vermerkt wurde. Endlich wurden diese Spiele selbst bei Gedike verdächtigt.
Zu untergeordneten Rollen hatte man hin und wieder einen Schulgefährten, Namens Schmohl, den Sohn eines wohlhabenden Bauern, herangezogen, der nun an den Freunden zum Verräther wurde, und nicht ohne Scheinheiligkeit Gedike auf den übeln Einfluß solcher Theaterliebhaberei aufmerksam machte. In der nächsten Lehrstunde blieben Verhör und Strafrede nicht aus. Es sei stadtkundig geworden, daß man Schauspielerei treibe, wie es damit stehe. Man versäume darüber seine Schulpflichten, und komme auf unnütze Gedanken und üble Angewohnheiten. Dagegen trat Ludwig als Vertheidiger seiner Liebhaberei und seiner Freunde auf. Er könne dem Herrn Rath die Versicherung geben, Alles sei in bester Ordnung. Es hätten sich zu diesen Uebungen eine Anzahl seiner Schüler verbunden, welche er selbst zu den besten zu rechnen pflege. Auch sei weder ihm noch seinen Freunden eine grobe Pflichtverletzung nachgewiesen worden. Endlich fänden diese Aufführungen in dem Hause und unter den Augen eines angesehenen und geachteten Mannes, des Herrn Kapellmeisters Reichardt, statt, der seinen Kindern und deren Freunden dieses Vergnügen erlaubt habe, darin eine nützliche Uebung erkenne, und alle Zeit nach dem Rechten gesehen habe. Durch diese altkluge Rede schien der Herr Rath zufriedengestellt, und so war denn der Sturm für diesmal glücklich abgeschlagen.
Zu den einstudirten Schauspielen gesellten sich endlich improvisirte Aufführungen, die bei Schauspielern und Zuschauern fast noch mehr Beifall fanden, weil man sich hier freier bewegen konnte. Es waren dramatische Darstellungen von Sprüchwörtern. Der Gang der Handlung wurde dem Thema gemäß gemeinschaftlich verabredet, dann überließ man es dem Einzelnen, die Andeutungen auszufüllen und zu lebendiger Wirkung zu bringen. Hier konnte sich nicht nur ein gewandtes Spiel, sondern ein schlagfertiger Witz, Erfindungskraft und Phantasie, Fluß der Rede, überhaupt Geistesgegenwart auf das glänzendste zeigen. Dichter und Schauspieler traten in unmittelbarer, ursprünglicher Verbindung hervor. Eben das war Ludwig’s Stärke. Fast leidenschaftlich liebte er diese Spiele, zu denen er auch in spätern Jahren gern zurückkehrte.
Reichardt’s Haus war für ihn zur Kunstschule geworden. Nicht nur sein Talent für Poesie und Schauspiel war ihm selbst bewußter geworden und zu einer gewissen allgemeinen Anerkennung gekommen, sein Sinn und Geschmack für die Künste, für Kunst überhaupt, wurden angeregt, geweckt, geläutert. In einem Kreise, wo man nur Musik athmete, mußte sich endlich auch sein bisher noch geschlossenes Gefühl öffnen. Wie oft hörte er nicht musikalische Aufführungen, Gespräche über Musik, Urtheile über Werth oder Unwerth einzelner Compositionen. Gewann er auch jetzt keine Neigung, selbst ausführend theilzunehmen, so fing er doch an, in den classischen Werken die Geheimnisse der Musik zu ahnen. Auch hier hatte er, durch Eingebung geleitet, im Gegensatz zum Modegeschmack sich zu Mozart’s großen Tondichtungen hingewandt, ohne sich durch die Tageskritiken, und selbst so gewichtige Stimmen wie Reichardt’s, irre machen zu lassen. Mozart’s siegreicher Gegner war Dittersdorf, dessen komische Opern auch in Berlin unter großem Andrange des Publicums gegeben wurden. Man zog den „Doctor und Apotheker“ dem „Figaro“ und „Don Juan“ vor, und „Die Liebe im Narrenhause“ konnte in öffentlichen Anzeigen als das erste musikalische Kunstwerk angepriesen werden.
In überraschender Weise sollte Ludwig’s Anerkennung Mozart’s belohnt werden. Als er eines Abends, es war im Jahre 1789, seiner Gewohnheit nach lange vor dem Anfange der Vorstellung die halbdunkeln, noch leeren Räume des Theaters betrat, erblickte er im Orchester einen ihm unbekannten Mann. Er war klein, rasch, beweglich und blöden Auges, eine unansehnliche Figur in grauem Ueberrock. Er ging von einem Notenpult zum andern, und schien die aufgelegten Musikalien eifrig durchzusehen. Ludwig begann sogleich ein Gespräch anzuknüpfen. Man unterhielt sich vom Orchester, vom Theater, der Oper, dem Geschmacke des Publicums. Unbefangen sprach er seine Ansichten aus, aber mit der höchsten Bewunderung von den Opern Mozart’s. „Sie hören also Mozart’s Opern oft und lieben sie?“ fragte der Unbekannte. „Das ist ja recht schön von Ihnen, junger Mann.“ Man setzte die Unterhaltung noch eine Zeit lang fort; der Zuschauerraum füllte sich allmälig, endlich wurde der Fremde von der Bühne her abgerufen. Seine Reden hatten Ludwig eigenthümlich berührt, er forschte nach. Es war Mozart selbst gewesen, der große Meister, der mit ihm gesprochen, ihm seine Anerkennung ausgedrückt hatte.
Hatte die Neigung zu musikalischer Bildung in Berlin, durch manche Umstände begünstigt, in dieser Zeit offenbar zugenommen, so ließ sich vom Geschmacke für die bildenden Künste umsoweniger sagen. Es fehlte an bedeutenden Anregungen, an Gelegenheit, durch häufigen Anblick von Gemälden und Bildwerken Auge und Sinn zu üben und zu bilden. Zwar hatte man die Akademie der Künste, auch war Schadow bereits hervorgetreten, und außerdem gab es noch manchen Künstler; doch hatte man des Nothwendigen und Unentbehrlichen noch zu viel zu thun, um einen großen Luxus mit den Künsten treiben zu können. Die einzige Sammlung, welche es gab, die aber weder an Meisterwerken ersten Ranges reich war, noch einen unbedingten Zutritt gestattete, war die des königlichen Schlosses. Die Möglichkeit, Gemälde nebeneinander zu sehen und zu vergleichen, gewährte nur die Kunstausstellung, welche die Akademie veranstaltete. Die Sehnsucht nach einem tiefen Blick in die Kunstwelt der Farben war indeß bei Ludwig erwacht, und zu fast schmerzlicher Höhe stieg sie bei seinem Freunde Wackenroder. Mit ihrem Durst nach Kunst und Kunsterkenntniß schienen sie in dieser Dürre fast allein zu stehen, als sie die Einwirkungen eines Mannes erfuhren, der für künstlerische Bildung in weitern Kreisen eifrig zu wirken suchte, nämlich von Karl Philipp Moritz.
Der Hofrath Moritz war als ein sonderbarer, launenhafter, aber geistvoller Mann bekannt. Er galt für einen Archäologen und Kunstkenner, für einen Kritiker und Sprachforscher, für einen vielseitigen, thätigen Schriftsteller und feinen Stilisten. Gelegentlich wollte er auch wol Dichter sein, in allen künstlerischen Dingen erkannte man ihn als Autorität an. Auch war er ein Stimmführer der kleinen Gemeinde, welche in Berlin eine unbedingte Anerkennung Goethe’s forderte. Mit diesem selbst hatte er in Rom in freundschaftlichem Verkehr gestanden. Seine kühnen Reisen nach England und Italien, und manche andere theils unbewußte, theils gemachte Sonderbarkeit hatte ihn in den Ruf eines Originals gebracht, den er sich nicht ohne Eitelkeit gefallen ließ. Man erzählte manche komische Geschichte von ihm, und konnte deren alle Tage erleben.
Auch die Verbindung mit diesem Manne verdankte Ludwig Reichardt, welcher mit ihm in freundschaftlichem und literarischem Verkehr stand. In Reichardt’s Auftrage hatte er Moritz besuchen müssen. Er traf den kränklichen Mann, der stets fröstelte und sich nach dem Sonnenhimmel Italiens sehnte, an einem warmen Tage im geheizten Zimmer. Im dicken Pelze saß er unmittelbar am glühenden Ofen. Auch auf der Straße war er eine sonderbare Erscheinung. Er behauptete, nicht mehr zu Fuß gehen zu können, und hatte sich, obgleich seine äußere Lage nicht glänzend war, einen Wagen und mindestens ein Pferd angeschafft. Einst sah Ludwig diesen Einspänner mitten auf dem Straßendamme halten; der Kutscher war abgestiegen und saß auf einer steinernen Bank vor einem nahegelegenen Hause. Auf die Frage, was vorgefallen sei, antwortete der Kutscher, der Herr Hofrath habe ihm befohlen, hier anzuhalten, weil er im Wagen etwas schlafen wolle.
Ein anderes Mal hörte Ludwig ihn predigen. Denn bisweilen ließ sich Moritz beikommen, die Kanzel zu besteigen. Angstvoll hatte er in seiner Jugend zwischen Theater und Kanzel geschwankt. Jetzt schmeichelte es ihm, sich auch auf dieser Stelle zu zeigen. Die Predigt war ihm eine Gelegenheit, seine Rednergabe und Herrschaft über die Sprache wirken zu lassen. In diesem Sinne behandelte er sie mit dramatischem Ausdruck, er begleitete sie mit lebhaften, absichtlichen Bewegungen. Er sprach mit untergeschlagenen Armen, trat einen Schritt zurück, dann wiederum vor, dann plötzlich wie hingerissen vom Feuer der Rede, streckte er die Arme heftig nach vorn aus, und traf die vor ihm liegende Bibel, daß sie über den Rand der Kanzel in das Schiff der Kirche hinabfiel. Auch sagte man ihm nach, daß er in der Regel eine oder die andere Bitte des „Vaterunser“ auslasse.
Trotz aller Sonderbarkeiten war Moritz eine sehr anregende Persönlichkeit. Seine Vorlesungen, welche er als Professor an der Akademie der Künste über Alterthümer und Kunstgeschichte hielt, wurden von Liebhabern viel besucht und waren nicht ohne Einfluß und Bedeutung. Auch Ludwig und Wackenroder hatten sich Zutritt verschafft, und wenn sie auch nicht überall fanden, was sie suchten, so wurde doch Manches in ihnen erweckt, was in späterer Zeit zur Klarheit kommen sollte.
8. Ein Weltereigniß.
Das Leben, welches Ludwig im Hause des Kapellmeisters Reichardt kennen lernte, waren die Gedanken, Gefühle und Neigungen, welche die jüngere gebildete Mittelclasse Berlins beherrschten und leiteten. Es war ein künstlerisches Stillleben voll Sicherheit, Genuß und Selbstzufriedenheit. Der Gedanke einer allgemeinen, humanen Bildung, welche in der Literatur einen so siegreichen Ausdruck gewonnen hatte, erfüllte die Gemüther. Diese Bildung zu erwerben, war die vornehmste Pflicht.
Aber um sich zu bilden, sich weiterzuentwickeln, mußte man sich kennen und das eigene Herz ergründen, in dem die Geheimnisse der Menschheit verschlossen ruhten. So wurde man auf Selbstbeobachtung hingeführt. Gewiß hatte man Recht, die Selbsterkenntniß und die aufrichtige Arbeit an sich selbst als die schwierigste und wichtigste aller Aufgaben zu bezeichnen; aber wie schmeichelte es nicht der Eigenliebe, als der Gegenstand tiefer und merkwürdiger Forschungen zu erscheinen! Die bedeutendsten Bildungsmittel fand man weniger in einzelnen Fachwissenschaften, als in einer populären Philosophie, in dem Gangbarsten, was man sich aus Kant’s Lehren anzueignen suchte, in der Poesie und Literatur, in der Kunst und besonders in dem Theater. Das Kunstwerk studirte man, an ihm bildete man sich. Man mußte sich Rechenschaft geben von seinen Bedingungen, von seinem Wesen, seinen Einwirkungen auf die Bildung. Man mußte ein ästhetisch-philosophisches Urtheil haben, das war unerläßlich. Und was konnte zugleich angenehmer sein als ein Studium, welches die Genüsse der Kunst zur Pflicht machte? Aber indem man sich ihnen eifrig ergab, geschah es, daß man sich die Mühen des Studiums immer leichter machte, bis zuletzt der selbstgenugsame Genuß ausschließlich an seine Stelle getreten war. Die Gebildeten gewöhnten sich, auf diesen einen Punkt Alles zu beziehen, von ihm aus die Welt zu betrachten, und so verwandelte sich Alles in einen verfeinert idealisirten oder auch mehr sinnlichen Genuß, der sich und Andere mit dem Namen von Wissenschaft und Bildung in gefährlicher Weise täuschte.
Bei solchen Ansichten mußte die Außenwelt an Wichtigkeit und Bedeutung verlieren. Sie schien nichts zur Lösung der Räthsel, welche im Bereiche des Herzens lagen, beitragen zu können, und wo sie mit rauher Hand eingriff, war sie störend und unbequem, am liebsten bekümmerte man sich gar nicht um sie. Und lebte man nicht in seinem Staate in vollster Sicherheit nach innen und außen? War man nicht im Besitze der Erbschaft Friedrich’s des Großen und hatte seinen Ruhm, seine Verwaltung, sein Heer? Die Staatsmaschine, wie er sie hinterlassen hatte, schien unverbesserlich; mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks lief sie ab. Der Gedanke an Kriegsgefahr war, wie die Erinnerung an den Krieg, in weite Ferne zurückgetreten.
So machte der Eintritt eines gewaltigen, weltgeschichtlichen Ereignisses auf diese Gemüther keinen mächtigen Eindruck. In die eigenen Gefühle zu sehr versenkt, empfand man den Stoß der ausbrechenden Französischen Revolution auf das alte Europa nicht als drohende Ankündigung einer tiefen Umwälzung. Man meinte nichts weniger, als daß hier ein Brand sich entzündet habe, der im nächsten Augenblicke auch das eigene Haus ergreifen könne, in dem man sich so bequem eingerichtet hatte. Manchem mochte es scheinen, als könne man diesen Kämpfen mit derselben Gemächlichkeit zusehen, mit welcher man Ritterstücke und Familiendramen auf dem Nationaltheater sich vorspielen ließ.
Freilich fehlte es auch nicht an solchen, und es waren oft gerade die bedeutendsten Persönlichkeiten, welche den neufränkischen Ideen entgegenjubelten, und in ihnen den Anbruch eines neuen Zeitalters in Prosa und Versen begrüßten. Es war dies nur eine andere Art des Idealismus. Unbefangen revolutionirten sie auf dem Papiere. Eine politische Bedeutung hatte es kaum, wenn man sich für Menschenrechte und Freiheit begeisterte, sich in Demokraten und Aristokraten theilte, die „Marseillaise“ sang, auf die Tyrannen schalt und die Jakobiner pries.
An die möglichen Folgen dachten gewiß die Wenigsten. Die Meisten kehrten am Ende doch wieder zu ihren Neigungen des Herzens und der Kunst zurück. Aber mit innerster Befriedigung erkannten sie die freimüthige Derbheit an, mit welcher der wackere deutsche Biedermann in einem Iffland’schen Familiendrama dem tyrannischen Minister die Wahrheit sagte, ränkevollen Kammerjunkern und blutsaugerischen Steuerbeamten die Larve abriß, und den wohlwollenden, aber getäuschten Fürsten unsanft aus seinem Nachmittagsschlafe aufrüttelte.
Daß die jüngere Welt von diesen neuen Vorstellungen zumeist und am lebhaftesten ergriffen wurde, daß es hier an überschlagender Stimmung nicht fehlte, war natürlich. Auch Ludwig wurde vorübergehend davon berührt. Schon vor dem Ausbruche der Revolution hatte eine eigenthümliche Gunst des Geschicks ihm einen Helden der künftigen Tragödie im voraus gezeigt.
Eines Nachmittags war er mit einem Lieblingsbuche in der Tasche zum Halleschen Thore hinausgewandert. Sein Weg führte ihn nach einem etwas abgelegenen Vergnügungsorte, welcher in der berliner Volkssprache der dustere Keller heißt. In einem Winkel des kleinen Gartens warf er sich mit seinem Buche bei einem Glase Milch ins Gras. Um einen benachbarten Tisch war eine Gesellschaft von Stammgästen versammelt, die sich lebhaft in französischer Sprache unterhielten. Sie gehörten der Französischen Colonie an, und höflich wie sie waren, forderten sie ihn auf, unter ihnen Platz zu nehmen. Er folgte der Einladung und hörte ihren Gesprächen zu, die politischen Inhalts waren.
Vom ersten Augenblicke an hatte ein Mann seine Aufmerksamkeit erregt, welcher der Wortführer der Gesellschaft zu sein schien. Er sprach mit einer Stentorstimme und flutenden Beredtsamkeit, der gegenüber Alles verstummen mußte. Was er sagte, begleitete er mit dem ausdrucksvollsten Mienenspiele und gewaltsamen Geberden. Einen solchen Menschen, ein solches Gesicht meinte Ludwig noch niemals gesehen zu haben. Es war eine starke, stämmige Figur, aus der ein eigenthümlicher Trotz sprach. Aus dem Kopfe blitzten ein paar Augen mit einem stechenden, kaum zu ertragenden Blicke. Im Ausdrucke des Gesichts, das von Blatternarben zerrissen war, herrschte ein sonderbarer Widerspruch. Von vorn gesehen, hatte es etwas Abschreckendes, Rohes, ja Gemeines, während es von der Seite edle Umrisse darbot, welche an einen antik geschnittenen Kopf erinnerten. Mit großer Zuversicht verkündete der Redner die Nothwendigkeit und den baldigen Beginn einer politischen Umgestaltung.
Diese Zusammenkünfte und Unterhaltungen wiederholten sich mehrere Male, und Ludwig, angezogen durch die Neuheit solcher Eindrücke, verfehlte nicht, daran theilzunehmen. Eines Tages fehlte die Hauptperson. „Wo bleibt denn heute unser Demokrat?“ hieß es. Ludwig wagte endlich die Frage, wer dieser gewaltige Redner sei. „Wie, junger Mann“, entgegnete man, „so kennen Sie den Mann nicht? Es ist der Graf Mirabeau.“ Für Ludwig war die Sache mit dieser Entdeckung vorbei. Er sah den Mann nicht wieder, und bald darauf hieß es, Mirabeau habe die Stadt verlassen. Erst später hörte er den verhängnißvollen Namen wieder und erinnerte sich jener Begegnung.
In dieser Zeit fing es auch an, in den Köpfen der Schüler zu gähren. Man eiferte gegen den Adel und die Tyrannen, wie man diese etwa aus dem Plutarch kannte. Unterhaltungen, Reden und Aufsätze hallten nun von diesem Tone wider. In einer der üblichen Reden hatte sich ein Schüler, welcher selbst dem Adel angehörte, sehr bestimmt gegen denselben erklärt. Auf Gedike’s Bemerkung, daß das Worte seien; ob er sich den Entschluß zutraue, den Adel in der That abzulegen, betheuerte jener feierlich, daß er dazu mit Freuden bereit sei.
Auch Ludwig wurde von diesen Gedanken ergriffen. Als er sich indeß zu Hause in der Weise neufränkischer Begeisterung vernehmen ließ, wurde er von dem Vater nicht eben glimpflich zurechtgewiesen. Dergleichen weltreformirende Reden mochten diesen im Munde des kecken Sohnes doppelt verdrießen. Er war ein zu guter Bürger und zu sehr Freund strenger Herrschaft, um sich mit dem Umsturze bürgerlicher Ordnung befreunden zu können. Er ahnte das Zerstörende solcher gewaltsamen Bewegungen, und pflegte diese politischen Erörterungen mit den Worten zu enden: „Dabei kann nur Verkehrtes und Thörichtes herauskommen. Das ganze Volk taugt zu solchen Dingen nicht. Der Erfolg wird es lehren!“
Der Erfolg lehrte es in der That. Als die Zeiten des Schreckens kamen, wurden auch die kühnen Sprecher stumm; und als der Vater voll Genugthuung fragte: „Nun, habe ich es nicht gesagt? Wer hat nun Recht?“ hatte Ludwig dem nichts entgegenzusetzen. Vor diesen Gräueln schauderte seine innerste Natur zurück. Die Erregung für Revolution und Politik erlosch, und er wandte sich wieder den Kreisen des innern Lebens zu, die er eigentlich nie verlassen hatte.
9. Verlust und Versuchung.
Doch auch jenes künstlerische Stillleben sollte ein Ende nehmen. Hier zuerst hatte sich den Freunden eine Welt erschlossen, in welcher sie sich dem Alltäglichen entrückt fühlten. Innig verbunden durch Talent und Freundschaft, im Bewußtsein der ersten frischen Kraft, getragen von überschwellender Begeisterung für Dichtung und Kunst, hatten sie Augenblicke reinen Glücks und jugendlicher Seligkeit genossen. Aber es war nur ein Augenblick, in dem die Strahlen zum vollen Farbenspiele sich verbanden, und dieser Augenblick war entflohen, als man ihn am sehnlichsten zu halten gewünscht hätte. Langsam und allmälig hatte dieser Freundeskreis sich zusammengefunden, rasch löste er sich wieder. Schon hatte der Tod seine Hand über ihn ausgestreckt, und schmerzliche Erfahrungen kamen an die Reihe.
Viering, der Freund, dessen Witz und Laune die Gefährten so oft erheitert hatten, schied zuerst aus. Er wurde das Opfer eines knabenhaften Vorwitzes, dessen Versuchungen er mitten im künstlerischen Aufschwunge nicht widerstehen konnte. An einem Winternachmittage hatte Ludwig seine Freunde Viering und Hensler auf einem Spaziergange vor das Kottbuser Thor begleitet. Scherzend und lachend kam man an einen Graben, den bereits eine leichte Eisrinde deckte. Voll Uebermuth rief Viering, ob man sich wol entschließen würde, in das eisige Wasser zu springen. Hensler antwortete zweifelnd; man ereiferte sich, und sobald Ehrgeiz und Eitelkeit sich einmal verletzt fühlten, überboten sich Beide in knabenhafter Weise. Jeder wollte den Andern überführen, er besitze männliche Entschlossenheit genug, um dieses Probestück des Muthes und der Abhärtung auf der Stelle zu wagen. Ludwig stellte ihnen das Kindische, das Lächerliche eines solchen Ehrgeizes vor, er bat, ermahnte, schalt. Ohne daß er es hindern konnte, warfen sich Beide in das Wasser. Durchnäßt, erstarrt eilten sie dann nach Hause. Viering erkrankte gleich darauf heftig; er verfiel in ein hitziges Fieber, in acht Tagen war er todt. Hensler kam ohne erheblichen Nachtheil für seine Gesundheit davon.
Aber auch andere Lücken traten ein. Schon früher war Piesker nach Wittenberg gegangen, um dort die Rechte zu studiren. Zu gleichem Zwecke hatte sich Toll Ostern 1790 nach Frankfurt begeben.
Mit angestrengtem Fleiße hatte er auf der Schule gearbeitet, und da er auch an den künstlerischen Spielen lebhaften Antheil nahm, manche Nacht geopfert. Durch starke körperliche Uebungen suchte er dann das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen. Schon damals war sein Gesicht von einer unheilkündenden Blässe überzogen. Als Student setzte er diese Lebensart fort. Aber noch etwas Anderes zehrte an ihm. Er hatte eine heftige Neigung zu Reichardt’s älterer Schwägerin, Marie Alberti, gefaßt. Zwar blieb sie nicht unerwidert, aber für jetzt hatte sie wenig Aussicht auf Erfüllung. Die Trennung steigerte seine Leidenschaft, die Sehnsucht trieb ihn nach Berlin zurück. Seine Gesundheit wankte. Darauf wurde er in Frankfurt von einem Nervenfieber ergriffen und erkrankte tödtlich. Seine Freunde eilten Ludwig von dem drohenden Verluste zu benachrichtigen; zugleich baten sie ihn, bei Reichardt zu vermitteln, daß er seiner Schwägerin nach Frankfurt zu reisen erlauben möge. Von ihrem Erscheinen hoffte man eine günstige Wendung für den Kranken.
Ludwig that, was man gewünscht hatte. Für ihn selbst war diese Nachricht ein Donnerschlag. Wie hatte er gerade diesen Freund geliebt, sich an ihn gelehnt, in dem sich Geist und Anmuth der Form mit einem festen, männlichen Charakter verband! Mit jeder Stunde stieg die bange quälende Erwartung. Er trug es nicht länger. Wie er ging und stand, zu Fuß, machte er sich auf den Weg nach Frankfurt. Er dachte nicht an die Folgen dieses eigenmächtigen Entschlusses, nicht an die Anstrengung des Weges. Er wollte Gewißheit haben, womöglich den Freund noch einmal sehen.
Es war im Herbst des Jahres 1790. Trübe und kalte Wolken bedeckten den Himmel, es regnete. In athemloser Eile trieb ihn der Gedanke an den sterbenden Freund unaufhaltsam vorwärts. Nicht genug konnte er seine Schritte beschleunigen; zuweilen brach er in lautes Weinen aus. Erst spät in der Nacht gönnte er sich Ruhe in einer gewöhnlichen Herberge. Kaum graute der Tag, so eilte er weiter. Es gab für ihn keinen Schlaf, er fühlte keine Ermattung, keinen Durst oder Hunger. Bei Madlitz, dem Schlosse des Grafen Finkenstein, kam er vorüber. Er warf einen halben Blick auf den Park, der in Nebelregen gehüllt, trüb und entblättert vor ihm lag. Ahnte er, daß ihm dieses Haus einst eine heimatliche Stätte sein werde? Abgemattet von Anstrengung und innerer Angst, durchnäßt von dem strömenden Regen, mit beschmuzten Kleidern kam er endlich in Frankfurt an. Er eilte nach Toll’s Wohnung. Da fand er den Freund bereits auf der Bahre. Man hatte die Leiche ausgestellt; eine feierliche Bestattung ward vorbereitet. Marschälle mit Stäben umgaben den Sarg. Ludwig trat hinzu, sie wehrten ihn ab. Wild und wüst, wie er aussah, hielt man ihn für einen unbefugten Eindringling. Voll Schmerz zog er sich zurück. Verwandte seines verstorbenen Freundes nahmen ihn für die nächsten Tage auf.
Das Begräbniß erfolgte mit allem studentischen Prunke. Ludwig wohnte ihm als Leidtragender bei. Am Grabe sprach ein Student einige Worte der Erinnerung, Heinrich Zschokke aus Magdeburg. Früher Theaterdichter bei der Schauspielertruppe in Landsberg, hatte dieser sich erst spät entschlossen, zu studiren. Seine mannichfachen Erfahrungen, sein männlich ausgebildetes Wesen und Derbheit hatten ihm unter den Studenten bedeutendes Ansehen erworben. Ludwig machte seine persönliche Bekanntschaft, doch weder die Stimmung noch der Augenblick waren zu weiterer Annäherung geeignet. In trauriger Leere des Herzens kehrte er nach Berlin zurück. Es war der schwerste Verlust, welchen er noch erlitten hatte, und lange Zeit dauerte es, ehe diese Wunde sich schloß.
Die Erfahrungen der letzten Zeit hatten überhaupt einen erschütternden Eindruck auf ihn gemacht; sie gewannen einen tiefen, bleibenden Einfluß, der sein Wesen umzugestalten schien. Oder vielmehr eine andere dunklere Seite desselben, die bisher von manchen glücklichen Erfolgen bedeckt worden war, fing an hervorzutreten. In der Stille war mit der Lust auch der Schmerz, mit dem Uebermuthe auch die Schwermuth gewachsen. Mit immer düsterern Blicken begann er das Leben zu betrachten. Seit jene ernste, heftig freundschaftliche Neigung abgewiesen worden, waren trübe Stimmungen und rascher Wechsel von ausgelassener Laune und finsterer Selbstpeinigung bei ihm häufig geworden. Seitdem hatte er jenen unglücklichen Soldaten einer Grausamkeit erliegen sehen, welche in der Gestalt des Rechts auftrat; einen Freund hatte er als Opfer kindischer Thorheit, den andern in der Fülle der Kraft und Hoffnung verloren. Warf er einen Blick auf das, was man Bildung und Aufklärung nannte, auf das Glauben und Wissen der Zeit, wie armselig erschien ihm beides! Er sah, wie Dünkel und Hochmuth sich blähten, wie die Unwissenheit Orakel ertheilte, welche man gläubig aufnahm, während man die wirklich Einsichtigen verhöhnte; wie man zu wissen wähnte oder vorgab, wo man wie die Menge im Dunkeln tappte. Auch ihn hatte man misverstanden, verkannt, seine tiefsten Ueberzeugungen gebieterisch abgewiesen. Und was wußte er am Ende von diesen selbst zu sagen? Wie oft trat nicht der Zweifel an die Stelle der Zuversicht! Wenn in einem Augenblicke die Welt zu seinen Füßen zu liegen schien, wie schwach, ohnmächtig, vernichtet fühlte er sich oft nicht im nächsten! Ueberall, wohin er blickte, ein Jagen und Rennen, ein Kämpfen und Ringen, ein Jauchzen und Klagen, unaufhörlich, immer wieder von neuem beginnend! Was wollte das Alles? Wo war der Mittelpunkt, um welchen dieser dunkle und wirre Knäuel von Arbeit und Mühsal, Kampf und Schmerz, Wahn und Thorheit sich drehte?
Es gab Zeiten, wo das Gefühl alles Jammers und Elends seine Seele mit furchtbarer Gewalt ergriff, wo ein dumpfer Schmerz sich seiner bemächtigte, durch welchen immer wieder die Frage hindurchhallte, auf die er keine Antwort hatte, Wozu? Warum? Ist es ein ewig in sich wiederkehrender Kreislauf, oder gibt es ein Ziel für diese verschlungenen Wege? Und wenn das, wo liegt es? Wo gibt es Aufschluß und Gewißheit? So stand er vor den Grundfragen des Daseins, und mühte sich vergebens sie auszudenken.
Aber Gott, Gott lebte doch! Zeugte nicht sein eigenes Herz von ihm? In sich fühlte er eine tiefe Bewegung, das Bedürfniß, den Gedanken Gottes sich näher zu bringen, ihn zu fassen, festzuhalten. Aber wie sollte er ihn bewältigen? Mit niederschmetternder Gewalt, mit unendlicher Furchtbarkeit stand er vor ihm; das Gefühl der tiefsten Schwäche, der vollständigsten Unzulänglichkeit warf ihn zu Boden. Je mehr er sich in den Gedanken des einen, ewigen, unendlichen Gottes zu versenken strebte, desto unergründlicher zeigte er sich; je mehr er ihn mit tödtlicher Angst suchte, desto tiefer schien er in eine ungewisse und nebelhafte Ferne zu entweichen. Es war ihm, als stehe er am Rande eines unabsehbaren, schwarzen Abgrundes, in den er hineinstürzen müsse. Dann wieder, als blicke er zu der schwindelnden Höhe eines unerreichbar steilen Gipfels empor, bis er selbst von jähem Schwindel ergriffen niederfalle. Diese Angst steigerte sich bis zum wirklichen Schwindel, zum körperlichen Schmerz. Wenn seine Seele, Zeit und Raum vergessend, lange über diesen Abgründen geschwebt hatte, fühlte er es plötzlich wie einen nervenzerreißenden Stoß durch das Gehirn dröhnen. Unter den Schauern tiefsten Grausens fuhr er aus seinen Träumereien empor; er war erschöpft, ohnmächtig. Auf diesem Wege lag der Wahnsinn!
Konnte denn der Mensch die Fülle und Tiefe der göttlichen Gedanken überhaupt in sich aufnehmen? Mußte der unfaßbare Inhalt nicht das schwache Gefäß zersprengen? Die Kluft war so unermeßlich tief, so unausfüllbar; es schien so unmöglich, von der menschlichen Seite nach der Gottes hinüberzureichen, daß schon darum die göttliche Liebe eine Vermittelung geben mußte, um ihr Geschöpf nicht der vernichtenden Verzweiflung zum Raube werden zu lassen. Aber nur selten gelang es ihm, diese tröstliche Ueberzeugung festzuhalten, und immer wieder von neuem fühlte er sich in jene tödtliche Angst hineingeschreckt.
So ergriff ihn denn zu Zeiten die vollste Trostlosigkeit, ja Verzweiflung. Er wurde sich selbst ein unlösbares Räthsel, ein Gegenstand des Schreckens, des Entsetzens. Fremd, unkenntlich, als ein Anderer stand er sich selbst gegenüber. Mit diesen schwindelnden Gedanken verbanden sich die entsetzlichen Bilder seiner Phantasie. Sie warf ihre finstern, grauenhaften Schatten vor ihm her. Gespenstisch sah er von außen die Gestalten auf sich zuschreiten, welche aus der Tiefe seines Innern aufstiegen. Dann packte es ihn mit der Fiebergewalt des Wahnsinns, gleichviel wo er war, ob allein oder unter Menschen. Die Balken schienen über ihm zusammenzubrechen, es jagte ihn hinaus auf die Straßen, ins Freie. Da erst schöpfte er Athem.
Als er einmal im Begriff war, in das Theater zu gehen, um den „Macbeth“ zu sehen, überfiel ihn plötzlich jenes Grauen. Er konnte es nicht über sich gewinnen, einen Schritt weiterzugehen; er kehrte um. Athemlos lief er belebtern Straßen zu, um sich selbst zu entfliehen. Auch das helle, nüchterne Schulzimmer war keine Freistatt, die ihn vor seinen Furien schützte. Freunde und Mitschüler erschienen ihm plötzlich fremd und verwandelt, ihre Gesichter verzerrten sich zu grinsenden Larven. Mit jedem Augenblicke stieg seine Angst; sie umringten ihn, sie schienen sich seiner zu bemächtigen. Er stürzte hinaus; in gewaltsam hervorbrechenden, unaufhaltsamen Thränen machte er seinem, von starrem Entsetzen zusammengepreßten Herzen Luft. Erst nach einer halben Stunde oder später vermochte er zu seinen Mitschülern zurückzukehren.
Nach solchen Anfällen versank er stets in tiefere Hoffnungslosigkeit. Er verzweifelte an seinem Leben, am Dasein, an jeder höhern ordnenden und leitenden Macht. Alles schien ihm gleich nichtig, gleich widersinnig, der Mensch gehetzt wie ein scheues Wild, eine Beute qualvoller Widersprüche, endloser Plagen, geistigen und körperlichen Elends. Nur der Tod war ein sicheres Heilmittel. Die Versuchung des Selbstmords stieg in ihm auf.
Oder andere verzweiflungsvolle Gedanken umdrängten ihn. Nicht das Gute, das Böse beherrscht die Welt! Ein Ausfluß dieser herrschenden Macht sind die Qualen, denen der Mensch unterworfen ist. Wie, wenn es möglich wäre, sich mit dieser Macht in irgendeine unmittelbare Verbindung zu setzen? Sollte es ihr nicht möglich sein, sich in sinnlicher Erscheinung zu zeigen? Gibt es einen bösen Dämon, einen Teufel, einen sinnlich wahrnehmbaren Vertreter des Bösen, sollte es dann kein Mittel geben, welches ihn zwänge, aus seiner Verborgenheit hervorzutreten? Mit seinen gräßlichen Phantasien verband sich nun das zur fixen Idee steigende Verlangen, den Teufel mit eigenen Augen zu sehen. Eine wahnwitzige Tollkühnheit ergriff ihn.
Schon früher hatte er angefangen, auf einsamen, nächtlichen Spaziergängen umherzuirren. In den entlegenen Theilen der Stadt, vor den Thoren suchte er die Kirchhöfe auf. Bis in die Nacht hinein saß er dumpf brütend auf den Gräbern, bis ihm die Glieder erstarrten. Gibt es einen bösen Dämon, dachte er, so muß er dem Rufe einer Seele folgen, die mit voller, innerster Willenskraft seine Erscheinung fordert. In steigendem Wahnwitze rief er dann durch die Nacht, der Teufel solle ihm erscheinen. Aber Alles blieb still, nur sein eigener Ruf hallte gespenstisch zu ihm zurück. Er erwachte voll Entsetzen und eilte nach Hause. So führte er Tage und Nächte lang ein angstvolles Traumleben, und nachtwandlerisch streifte er hin am Abgrunde des Wahnsinns.
Aus diesen wiederkehrenden Anfällen entwickelte sich endlich ein Zustand innerer Versunkenheit, dauernder Schwermuth, welche auch die freien Augenblicke mit einer ihm wohlthuenden Dumpfheit umspann, aus der er gewaltsam aufgerüttelt werden mußte. Sein Wesen war verändert. Er war zerstreut, vergeßlich, er sah und hörte nicht, von einem Gedanken war alles Andere verschlungen. Seinen Gefährten erschien er sonderbar, unerklärlich. Zuweilen nahmen sie zu komischen Mitteln ihre Zuflucht, um ihn ins Leben zurückzurufen. Wenn er in ihrem Kreise in sich versank, seine Umgebung, Zeit und Ort vergaß, dann ließen sie eine Weckeruhr schlagen, deren unaufhörlich gellendes Hämmern ihn endlich wieder zu sich brachte.
Solche Augenblicke der Bewußtlosigkeit bereiteten ihm auch nicht selten halb lächerliche, halb grauenhafte Verlegenheiten. Als ihn einst sein Weg durch die Markgrafenstraße führte, fiel es wieder wie ein Schleier auf ihn. Er wußte nicht, wo er war. Mit voller Deutlichkeit sah er die Menschen an sich vorübergehen, er wußte, daß ihm diese Häuser, diese Straßenecken bekannt seien, dennoch konnte er sich nicht sagen, wo er eigentlich sei. War er in Frankfurt, in Brandenburg oder in Potsdam? Dies waren die bedeutendsten Städte, die er außer Berlin gesehen hatte. In welcher von diesen war er? Dieses Gefühl der Unsicherheit, der Bewußtlosigkeit steigerte sich bis zur quälenden Angst. Er mußte ihr ein Ende machen. Es durchzuckte ihn der Gedanke, daß er sich dem Verdachte des Irrseins aussetze, dennoch beschloß er, irgendeinen der Vorübergehenden anzureden, um sich aus diesem Zustande zu retten. Aber nicht Jedem durfte er mit seiner Frage kommen. Schüchtern trat er auf einen ältlichen Mann zu, dessen Mienen ihm Zutrauen einflößten. „Sie sind in der Markgrafenstraße“, lautete die Antwort. Seine Verlegenheit stieg; das hatte er auch gewußt. Stammelnd, unter manchen Entschuldigungen brachte er endlich heraus, er wisse nicht, in welcher Stadt er sei. Der Angeredete maß ihn mit großen Augen und rief dann unwillig: „Das geht zu weit, sich solchen Spaß zu erlauben!“ Ludwig wollte reden; jener ließ ihn nicht zu Worte kommen. „An Ihrer Sprache höre ich, Sie sind ein berliner Kind, und Sie sind dreist genug, mir einbilden zu wollen, Sie wüßten nicht, daß Sie in Berlin selbst sind?“ Als Ludwig zu betheuern fortfuhr, nichts habe ihm ferner gelegen, als ein schaler Spaß dieser Art; in einer augenblicklichen Zerstreutheit habe er sich in der That nicht zurechtfinden können, sagte der Andere: „Schämen Sie sich, junger Mann! Wie kommen Sie in Ihrem Alter zu einer so unleidlichen Affectation? Versuchen Sie dergleichen nicht wieder, Sie könnten zum zweiten Male schlimmer ankommen!“
Tief beschämt blieb er stehen. Er kam sich in diesem Augenblicke unendlich abgeschmackt vor. Jener hielt ihn für einen muthwilligen Possenreißer oder einen eiteln Thoren. Das Bedenkliche seines Gemüthszustandes trat ihm klar entgegen; er erkannte, wohin solche Abirrungen führen müßten. Er legte sich das Gelübde ab, ihnen, wie den Stimmungen, aus welchen sie hervorgingen, mit aller Kraft entgegenzuarbeiten. Freilich durch einen einfachen Act des Willens allein ließ sich seine schwere Seelenkrankheit nicht heben.
Aber öffnete sich denn aus diesen grauenhaften Irrgängen kein Weg der Rettung? Gab es kein Heilmittel, welches ihn seinen Leiden entrissen hätte? Wie tief sehnte er sich nicht in freien Augenblicken nach Ruhe, nach der Stille innern Friedens! Was konnten ihm in solchen Zuständen die gewöhnlichen sogenannten Zerstreuungen sein, oder auch das oberflächliche Zureden der meisten seiner Gefährten, die seine Stimmung nicht begriffen, und kaum eine Ahnung davon hatten, worum es sich hier handle! Die Fesseln der geregelten Thätigkeit hatte er abgeworfen. Der Vater, so streng er früher gewesen, ließ ihn jetzt seines Weges gehen. Bei einem so seltsamen, unberechenbaren Wesen mochte er oft rathlos sein.
Unter seinen Lehrern hatte vor andern der Conrector Weißer sein Vertrauen erweckt. Dieser versuchte es, in seine Stimmungen einzugehen und sie zu leiten. So waren Beide miteinander bekannter geworden, und Ludwig sprach bisweilen dem ältern Manne gegenüber seine Gefühle rücksichtlos aus.
„Seit einiger Zeit“, klagte er einmal zu Weißer, „fühle ich mich tief in innerster Seele bewegt. Tausend verschiedenartige Gedanken erfüllen mich. Wechselnde Gefühle und Leidenschaften stürmen auf mich ein, neue bedeutende Eindrücke machen sich geltend, deren ich vergeblich Herr zu werden suche. Von alle dem fühle ich mich so betäubt, ich bin so unruhevoll, so friedlos! Es war doch eine schöne Einrichtung des Mittelalters, daß man dem verwirrenden Lärm der Welt entfliehen konnte! Man ging in ein Kloster und war von allen Sorgen der Welt befreit. Welche tiefe Ruhe muß es geben, einem großen Gedanken das ganze Leben zu widmen, in ihn alle andern, die uns tausendfach quälen, versenken zu können! Ich wünschte, auch wir hätten unsere Klöster!“ So schloß er seine Rede voll tiefer Bewegung. Mit stummem Erstaunen hatte ihn Weißer angehört. Endlich platzte er heraus: „Tieck, für dieses eine Wort verdienten Sie gehängt zu werden!“ Soweit er sich auch mit der Empfindungsweise seines Schülers vertraut gemacht hatte, diese katholisirende Versündigung am gesunden Menschenverstande war ihm doch zu stark. Sein ganzer Aufklärungseifer erhob sich dagegen; nicht entschieden genug glaubte er dergleichen Grillen abweisen zu können.
Abermals war Ludwig wie vernichtet. Das Wort erstarb ihm auf der Zunge. Im überwallenden Gefühle hatte er sich geäußert, und so roh und verletzend konnte ihm der Mann entgegentreten, der ihn sonst noch am meisten zu verstehen pflegte. Solche Erfahrungen scheuchten ihn immer mehr in sich selbst zurück, und allmälig bildete sich in jener finstern Versunkenheit eine gewisse überlegene Ironie gegen seine Umgebung aus, welche sich mit so großer Sicherheit und Behaglichkeit in ihren Grenzen bewegte.
Natürlich wäre es gewesen, eine so in Verzweiflung ringende und kämpfende Seele auf Religion und Glauben zu verweisen, und gerade jetzt in dieser Zeit, wo Ludwig als selbständiges Mitglied in die Gemeinde eintreten sollte. Aber was er hier zu erwarten hatte, sah er an seinem Lehrer, der selbst ein Theolog war, und in das Predigtamt überzugehen gedachte. Was hatte dieser auf jenen Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Frieden zu erwidern gewußt? Er hatte ihm statt des Brotes einen Stein gereicht!
Der Unterricht des Geistlichen, der ihn auf die Einsegnung vorbereiten sollte, des Predigers Lüdecke an der Petrikirche, ging spurlos an ihm vorüber. Dieser, ein wohlwollender, freundlicher, aufgeklärter Mann, hatte von den Seelenzuständen seines Schülers keine Ahnung. Er trug die Glaubenslehre nach seinen Grundsätzen vor und ließ es damit genug sein. Ludwig sah in dem ganzen Verfahren nur eine herkömmliche Form, die einmal innegehalten werden mußte. Im Unterrichte selbst half ihm seine leichte Auffassung und die Bibelfestigkeit, welche er sich als Kind erworben hatte. Niemand wußte besser Bescheid in der Bibel als er, und konnte die verlangten Sprüche geläufiger hersagen. Wurde er nicht in dieser Weise in Thätigkeit gesetzt, so hing er seinen Gedanken nach.
Aber in dieser Verzweiflung ward ihm doch ein Trost zu Theil, der gerade in den schmerzlichsten Augenblicken wie ein milder Thau auf die Glut niederfiel, die ihn verzehrte. Er fand ihn in der Natur. Es war ein nicht minder tiefer Zug seiner Seele, der ihn zur Natur, in die geheimnißvolle Stille ihres Lebens führte. Auch hier fühlte er sich einem mächtigen und dunkeln Zauber hingegeben, der alle seine Sinne bewältigte, und ihn mit unwiderstehlicher Kraft in Busch und Wald und in die Mondnacht hinaustrieb. Wie hätte er widerstreben können, da hier eine geheime Gewalt den Bann, welcher auf ihm lastete, zu lösen schien!
Stunden lang konnte er auf einsamen Wegen in den wildern Gegenden des Thiergartens umherirren. So einfach dieses Naturleben auch war, dennoch konnte er bis zur Selbstvergessenheit darin versinken. Hier, in der Abgeschiedenheit des Waldes, unter rauschenden Bäumen, wenn im dämmernden Zwielichte zerrissene Wolkengestalten durch die Wipfel herniederblickten, wo nur der Ruf eines einsamen Vogels die tiefe Stille unterbrach, hier war er freier, er lauschte auf den Athemzug der Natur, er fühlte in ihr ein verwandtes Herz schlagen. Allein mit den ersten reinsten Kräften des Lebens vergaß er sich selbst und der Larven, welche ihn ängstigten. Träumerisch lag er im Grase, die Sonne ging hinter den Bäumen unter, und er konnte unter dem Nachthimmel den Morgen heranwachen, bis der feuchte Thau seine Kleider überzog, ihm erstarrend in die Glieder drang und kalte Schauer ihn erweckten. Diese einsamen Spaziergänge wurden allmälig zu kleinen Fußreisen. Allein durchstrich er die Flächen, in denen Berlin liegt. Die Einförmigkeit, welche die Natur hier zeigt, störte ihn nicht; er lebte doch in ihr. Er wanderte nach den benachbarten Dörfern, er rastete in den ungastlichen märkischen Krügen, er fühlte keine Entbehrungen. Tage lang streifte er allein, in Wind und Regen, in den öden Kiefernhaiden umher.
Tröstend gesellte sich zur Natur die Poesie. Abermals griff Goethe in Ludwig’s Leben ein. Diesmal war es der „Faust“. In Reichardt’s Bibliothek hatte er das 1790 erschienene Fragment des „Faust“ gefunden. Er wohnte damals auf einige Zeit bei Reichardt. Es war spät Abends, als er im Bette liegend zu lesen begann. Mit Jubel rief er seinem Freunde Hensler zu, er müsse ihm eine Dichtung Goethe’s vorlesen, welche in aller Literatur ihres Gleichen nicht habe. Er begann, doch bald hörte er den Freund laut schnarchen. Mit gespanntester Erwartung, mit stockendem Athem las er weiter. Die ersten Monologe, die Erscheinung des Erdgeistes, wie groß, wie übermächtig war das Alles! Und doch wieder wie rein menschlich! Waren nicht ähnliche Gedanken und Zweifel auch durch seine Seele gegangen? Es zuckte ihm durch alle Fibern und Nerven. Ein voller Mondstrahl fiel durch das Fenster. Sah er nicht auch auf seine Pein? Eine unendliche Sehnsucht ergriff ihn, das Zimmer wurde ihm zu eng. Er sprang aus dem Bette, er stürzte hinaus in den Garten. Im hellen Mondenlichte streifte er ruhelos zwischen Bäumen und Hecken umher. Vergeblich rang er danach, dieser Eindrücke Herr zu werden. Da graute der Morgen. Ermattet, in traumhaftem Zustande kehrte er zu dem schlafenden Freunde zurück.
Auch schien der böse Geist vor den Klängen der Dichtung zurückzuweichen. Wenn er zu irgendeinem Gedichte griff, welches sonst Eindruck auf ihn gemacht hatte, so fühlte er, wie die dumpfe Bewegung in seinem Innern sich legte, und Ruhe und Gleichgewicht der Kräfte kehrten ihm auf einige Zeit wieder. Nicht anders, wenn er Selbstbeherrschung genug gewann, um sich selbst dichterisch auszusprechen. Dann war er wieder mit sich eins. Hier war es, wo die Wurzeln seines Lebens lagen.
Wie ein mildes, versöhnendes Licht war auch der Strahl der ersten Liebe in sein Herz gefallen. Sie zog ihn in das Leben zurück. Schon früher hatte er sich mit der vollen Leidenschaft eines jugendlichen Dichters Reichardt’s jüngerer Schwägerin, Amalie, zugewendet. Bald war die aufkeimende Neigung kein Geheimniß mehr. Reichardt sah und billigte sie, und der Bund der Herzen wurde geschlossen.
10. Dichter und Schriftsteller.
Ein wichtiges Ereigniß für die kunstliebenden Freunde war es, als Reichardt’s Haus aufhörte, ihr Sammelplatz zu sein. Zuerst waren einzelne Glieder des Kreises ausgeschieden, jetzt löste er sich vollends auf, da er seinen Mittelpunkt verlor. Reichardt hatte in der letzten Zeit manche unangenehme Erfahrung gemacht. Er kam in den Verdacht revolutionärer Gesinnung, und das gute Einverständniß mit dem Hofe hörte auf. Verstimmt und seines Amts überdrüssig hatte er endlich den Abschied nachgesucht. Ohne ihn indeß förmlich erhalten zu haben, zog er sich auf seinen Landsitz in Giebichenstein bei Halle zurück, den er damals angekauft hatte. Sein Stiefsohn, Hensler, hatte sich Ostern 1791 ebenfalls dorthin begeben, um das juristische Studium zu beginnen.
Durch Reichardt’s Abgang von Berlin verlor unter den Freunden keiner mehr als Ludwig. Für ihn schloß damit ein kurzer, aber inhaltsschwerer Abschnitt, in welchem sich sein Leben umgestaltet hatte. Reichardt hatte er Vieles zu danken. Durch ihn hatte er mittelbar oder unmittelbar eine vielseitige künstlerische Anregung erhalten in Poesie, Musik und dramatischer Darstellung, sein Geschmack hatte sich geläutert, an Urtheil hatte er gewonnen. Er begann die Künste und künstlerisches Leben zu überblicken, und mit Sicherheit auf diesem Gebiete sich zu bewegen.
Im Vergleiche mit dem Reichthume des Lebens, den er in jenem befreundeten Hause gefunden, war jetzt eine fühlbare Leere eingetreten. Auch Amalie Alberti hatte Berlin verlassen, um zu ihren Verwandten nach Hamburg zurückzukehren. Die Zahl der Freunde, mit denen er früher lebte, war zusammengeschmolzen. Aber schon bereiteten sich neue Verhältnisse vor. Ein Jüngling, der sich mit glänzenden Gaben über die Menge der Genossen erhob, mußte Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit werden, und eine reiche Natur, wie die seine, welche bei allen Anfechtungen das tiefste Bedürfniß geistigen Verkehrs und der Mittheilung hatte, konnte sich auf die engen Grenzen eines einseitigen Umgangs nicht beschränken. Er suchte und wurde gesucht. Wichtig war es, daß er jetzt Freunde fand, welche seinen Beruf nicht nur anerkannten, sondern ihn auch in die Literatur einführten. Er hörte auf, ein versuchender Schüler zu sein, als Dichter und Schriftsteller trat er auf.
Unter den Kämpfen, die er zu bestehen hatte, war nicht nur der Mensch, auch der Dichter war in ihm gewachsen und gereift. Sein Dichten war der unbefangene Ausdruck der Natur; es war etwas Ursprüngliches, aus tiefster Lebensquelle kam es herauf. Er war frei von jeder Absicht, und ließ es mehr geschehen, als daß er es gemacht hätte. Jetzt hatte er eine klare Einsicht in sein Thun gewonnen, er begann die Poesie als eine innere Nothwendigkeit zu erkennen, sie schien sich zur Lebensaufgabe zu gestalten. Mit unendlicher Leichtigkeit dichtete er. Mit dem eigenen Triebe, der ihn nicht ruhen ließ, verbanden sich äußere Aufforderungen. Rasch wuchsen ihm unter den Händen die verschiedensten Gebilde empor, ohne daß er selbst ihnen einen besondern Werth beilegte. In den Stunden tiefer Schwermuth hatte ihn diese Kraft vom Rande der Verzweiflung zurückgezogen. Die Poesie war ihm nicht blos Lust, sondern auch Trost, sie hatte ihm Ruhe und Sammlung gegeben. Hatte er die innere Freiheit soweit errungen, seine Phantasie zu beherrschen, statt sich von ihren Larven angstvoll aus einem Schrecken in den andern jagen zu lassen, dann strömten ihm Bild, Wort, Vers in reichster Fülle zu. Alle Farben ließ er mit gleicher Leichtigkeit spielen. Er malte jenes Grausen, in dem er selbst erbebte, oder er eilte den muthwilligen Sprüngen seiner humoristischen Laune nach, oder willig und gern verlor er sich in den Irrgängen des phantastischen Märchens.
Unter allen Formen, in denen er sich versuchte, blieb ihm die dramatische die anziehendste und willkommenste. Selbst die Stoffe, welche ihm die Schule darbot, kleidete er in dieselbe ein. Manche Dichtung verdankte ihre Entstehung dem unbescheidenen Drängen seiner Mitschüler, die nicht müde wurden die Hülfe des gutmüthigen Genossen für die verzweifelten deutschen Arbeiten in Anspruch zu nehmen, und sich kein Gewissen daraus machten, mit erbetteltem Ruhme zu prunken. Der Willigkeit seines Genius gewiß, überließ er sich dann dem Zuge desselben getrosten Muthes. Oft ward ihm erst während des Schreibens klar, wohin er geführt werde, und die eilende Feder vermochte den raschfließenden Versen kaum nachzukommen. Und keineswegs war es das Unbedeutendste, was auf diese Weise entstand. Wie es im ersten Entwurfe niedergeschrieben war, blieb es in der Regel; spätere Veränderungen waren selten Verbesserungen.
Als er in der Zeit der politischen Aufregung Linguet’s „Geschichte der Bastille“ gelesen hatte, gab ihm dies Veranlassung zu einer kleinen dramatischen Dichtung, in welcher er die Erhebung des Volks, den Bruch der Fesseln und den Sturz der tyrannischen Mauern in begeisterter Rede verkündigen ließ. In andern finstern Gemälden stellte er seine Zweifel und Kämpfe dar, oder er versuchte sich auch, doch mit geringerer Neigung, in antiken Stoffen und Versmaßen. Am mächtigsten aber wirkte Shakspeare ein, den er zu lesen und zu studiren nicht müde wurde. Erst unter dem Einflusse dieser Sonnenstrahlen schien sich die eigene Kraft ganz zu entfalten. Shakspeare war ihm Vorbild und Lehrer, Dichter und Gedicht zugleich. Ihn verherrlichte er schon im Jahre 1789 in einigen dramatischen Scenen, in denen er anknüpfend an den „Sommernachtstraum“ die Weihe des Dichters schilderte, wie es selbst nur der Dichter vermag.
Denn vornehmlich waren es die wunderbaren Zauberspiele Shakspeare’s, die seine Phantasie erfüllten. Der „Sturm“ mochte ihm bei einem dramatischen Feenmärchen: „Das Reh“, vorgeschwebt haben, welches er 1790 für seinen wenig zuverlässigen und begabten Schulgefährten Schmohl mit gewohnter Gutmüthigkeit in kurzer Zeit geschrieben hatte. Demselben gab er 1791 die ersten Capitel des „Abdallah“. Und gerade diese Dichtung gehörte ihm am eigenthümlichsten, denn sie war ein Ausfluß seiner trüben und verzweiflungsvollen Stimmungen. Schon früher hatte er diese in mehr gemäßigter Weise in dem Idyll „Almansur“ darzustellen versucht, und mit dem Ergebniß abgeschlossen, daß die Rettung vor dem Zweifel nur im Verzichten auf das Wissen liege. In beiden Erzählungen hatte er den Osten zum Schauplatz seiner grausigen Phantasien gemacht. Dieser galt einmal für das Land der Wunder und Märchen. Was die Aufklärung auf dem heimischen Boden als Trug verlachte, hörte sie in den Wüsten und unter den Palmen des fernen Asien gläubig an. In dieser Welt einer vollen und üppigen Natur und uralten Weisheit verweilte er gern. Seine Belesenheit hatte ihn hier heimisch gemacht. Wie er sich als Kind dem Zauber orientalischer Feenmärchen überlassen hatte, so waren später die Reisebeschreibungen von Mandelsloh und Olearius und Sadi’s „Rosenthal“ seine Lieblingsbücher geworden. Aus ihnen machte er sich den bilderreichen Ton, die phantastischen Wunder des Orients zu eigen.
So entstand in den ersten Grundzügen schon auf der Schule jenes schaurige Nachtgemälde „Abdallah“, das seinen Dichterruf begründen sollte. Eine eigenthümliche Ironie war es, daß gerade diese Dichtung, die in der Verwegenheit des Zweifels und im gewaltigen Schwunge der Phantasie Schiller’s „Räubern“ sich nähert, zuerst den Namen eines phantasielosen Gesellen trug, der dadurch bei Lehrern und Mitschülern den Ruf eines Genies und starken Geistes erlangte. Mit unverschämter Einfalt prangte er unter Ludwig’s Augen mit den Federn, welche er von ihm erborgt hatte. Gutmüthig ironisch lachte dieser der gelungenen Täuschung, besonders als er hörte, daß Rambach, für dessen Stilstunden diese Arbeit angefertigt war, sich mit zuversichtlicher Miene habe vernehmen lassen: „Was wollen Tieck’s Arbeiten im Vergleich mit denen von Schmohl sagen! Gegen die kommen sie gar nicht auf.“
Der Neigung, seine Gedanken und Empfindungen mitzutheilen, folgte er auch darin, daß er Andere zu dichterischen Versuchen aufforderte. Geselligkeit war für ihn Bedürfniß, sobald seine Seele frei und unumwölkt war. Nichts war ihm lieber, als mit Andern gemeinschaftlich zu arbeiten, eine Aufgabe zu haben, die er im Verein mit einem Freunde zu lösen suchte. Seine Dichterlust ging dann auf diesen über. Mittelmäßige Köpfe gewannen in seiner Nähe an Zuversicht und Selbstvertrauen; auch er glaubte an ihren Beruf, und konnte gutmüthig genug für ursprüngliches Feuer halten, was nichts als der Widerschein seines eigenen war. So hatte er seinen trockenen und nüchternen Freund Piesker für den Plan, ein großes Trauerspiel gemeinschaftlich zu bearbeiten, mächtig begeistert. Dieser, von dem Anstoße des begeisterten Freundes fortgerissen, mühte sich redlich ab, dem guten Glauben Ehre zu machen. Als beide einst auf dem Schlosse Fredersdorf zusammen waren, fanden sie in der Hausbibliothek Rapin de Thoyras’ „Geschichte von England“. Wie glücklich waren sie, als sie hier die Geschichte der Königin Anna Boleyn in breiter Ausführlichkeit lesen konnten! Gab es für ein Trauerspiel in großem Stile eine bessere Heldin als eine junge, schöne, tugendhafte Königin, welche als Opfer der Hinterlist und tyrannischer Eifersucht fällt? Sogleich entwarf man den Plan der Tragödie, und theilte die Arbeit. Ludwig sollte die leidenschaftlichen Scenen ausführen, Piesker übernahm die Stellen, wo mehr kalte Berechnung hervortreten sollte. Indeß verließ der Freund bald darauf Berlin, und so blieb das wunderliche Werk unvollendet.
Um diese Zeit schloß er sich einigen jungen Männern reiferen Alters an, die bereits als Lehrer am Werderschen Gymnasium angestellt waren, und zu deren Schülern er selbst gehörte. Der Unterschied der Jahre und die Schranken der Schule verschwanden vor der ausgleichenden Kraft des Genies, das im Augenblicke eroberte, was Andere mühselig erwerben mußten. Diese jüngern Lehrer hatten sich bereits unter den Einflüssen der Literatur herangebildet, welche auch seine Richtung bestimmte. An Goethe, an die neue Philosophie schlossen sie sich an. Die engen Schranken im Wissen und Leben sollten fallen. Beides sollte nicht mehr durch eine steife und ängstliche Stubengelehrsamkeit getrennt werden, es sollte sich vielmehr durchdringen. Es war der Gegensatz des jüngern Geschlechts, das erobern will, gegen das ältere besitzende, welcher Ludwig diesen Männern zuführte.
Dagegen lösten sich die nähern Verhältnisse zu den frühern Lehrern auf. Der Subrector Stilke, dessen Zucht Ludwig in den ersten Schuljahren erfahren hatte, war seit längerer Zeit Prediger in Ruhlsdorf bei Berlin. In alter Anhänglichkeit hatte er ihn mit einigen Gefährten bisweilen auf seiner Pfarre besucht. Mit humoristischem Behagen fand er, daß er noch immer der Alte sei. In weinerlich-näselndem Tone klagte der wunderliche Mann über das Kreuz und die Plagen der Welt, die Verfolgungen schlechter Menschen, die ihn seiner Frömmigkeit wegen träfen. Auf die Bemerkung, daß das Kreuz ihm wohl zu bekommen scheine, da er ja an Leibesfülle ansehnlich zugenommen habe, antwortete er: „Ach, liebe Freunde, das thue ich allein meiner theuern Gemeinde wegen.“ Bei diesen Worten zog er ein Polsterkissen hervor, welches er unter die Weste zu knöpfen pflegte, um sich ein ehrwürdiges Ansehen zu geben.
Zu den jüngern Lehrern, denen Ludwig schon früher nähergetreten war, gehörte der geistvolle Uhden, der eine Zeit lang den geschichtlichen Unterricht in der obersten Classe ertheilte, dann Rambach und Bernhardi. Beide waren im Laufe des Jahres 1791 Mitglieder des von Gedike geleiteten Seminars für gelehrte Schulen geworden, und hatten als solche eine Anzahl von Lehrstunden am Werderschen Gymnasium übernommen.
Zunächst wurde der Verkehr mit Rambach für ihn erfolgreich. Ohne gründliches Wissen zu besitzen, hatte sich dieser der Literatur und den Alterthumswissenschaften zugewendet, es aber bald anziehender gefunden, sein Talent einer leichten und oberflächlichen Darstellung in der Schriftstellerei für die eben beliebte Unterhaltung geltend zu machen. Voll von Plänen und Entwürfen, beweglich, nicht ohne Phantasie, aber innerlich seicht, schrieb er mit stets bereiter Feder, was man irgend verlangte, Romane, Dramen, Schauergeschichten und Festspiele. Auf dem Gymnasium ertheilte er deutschen Unterricht in der obersten Classe in einer Weise, die ihm die bequemste war, ihn aber den ältern Lehrern als einen dilettantischen Neologen verrieth. Er las nämlich die neuesten Gedichte vor. Als Gedike ihn einst in der Lehrstunde Schiller’s „Künstler“ vorlesen hörte, konnte er eine laute Aeußerung des Misfallens nicht unterdrücken; er hielt das für Allotrien. Aber gerade dies brachte Rambach seinen Schülern näher. Auch fand es großen Beifall, daß er ihnen in der Art der schriftlichen Arbeiten freie Hand ließ, und ihnen sogar die Aufgabe stellte, diesen oder jenen Stoff dramatisch zu behandeln. Das war ja das Feld, auf welchem man sich am liebsten bewegte und am meisten zutraute.
In einem Stücke des „Deutschen Museum“ las man damals mit vielem Antheil die Geschichte eines Insulanerhäuptlings von Manilla, der in die Hände spanischer Jesuiten gefallen war. Rambach hielt diesen Stoff für eine dramatische Bearbeitung sehr geeignet. Ob der Schluß versöhnend oder tragisch gewendet werden solle, überließ er der dichterischen Erfindungskraft seiner Schüler. Der Gegensatz natürlicher Unverdorbenheit und verfeinerter Bosheit und roher Glaubenswuth verfehlte seinen Eindruck nicht, und Ludwig brachte in kurzer Zeit sein dreiactiges Schauspiel „Allamoddin“ zu Stande. Im Sinne der Zeit, welche in dem Naturzustande wilder Völker das Urbild der Unschuld und Tugend fand, machte er den Häuptling zum Träger naturalistischer Ansichten in Religion und Politik, wie sie in Berlin galten, und ließ das ferne Suhlu in der Südsee als eine Freistatt vor europäischer Verderbtheit erscheinen. Rambach war durch die Sicherheit und Leichtigkeit der Behandlung überrascht. Geschmeichelt, unter seinen Schülern solche Talente zu haben, versprach er das Schauspiel an Schröder zu senden, und ihn für dessen Darstellung auf der Bühne zu gewinnen. Während diese Versprechungen vergessen wurden, hatte indeß die beginnende Freundschaft mit Rambach andere nicht unerhebliche Folgen.