RUDOLF LEONHARD
POLNISCHE GEDICHTE
1918
KURT WOLFF VERLAG / LEIPZIG
BÜCHEREI DER JÜNGSTE TAG BAND 37
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER WEIMAR
GESPRÄCH ZWEIER DEUTSCHEN
„— sei doch froh:
Ostern neunzehnhundertsoundso
wird die große Stunde schlagen.
O, sie kommt schon noch zurecht!“
„Ich kann es nicht ertragen,
wie Ihr über diese Fragen
mit verzerrtem Lachen sprecht.
Ernst ist alles, wo es sich um Menschen handelt!“
„Ja, wenn Ihr den Menschen erst verwandelt!
Glaubst denn Du, wir lachen, wenn wir lachen?“
„— aber Ihr sollt Euch ganz menschlich machen:
unfeierlich, gewiß; aber leidenschaftlich rein,
eine klingende Sehne sein,
tapfer und sanft, ein neues Geschlecht,
menschlich: groß und heilig sein!
Soll man uns denn noch heißer sieden?
Immer steht die Welt in Flammen:
werfen wir doch, endlich, unsre Brände zusammen!
Reinheit und Kampf — das heißt uns Frieden!“
„Wirst Du denn immer wiederholen —“
„Gewiß, ich werde. Sieh um Dich, sieh die Polen
in einen großen Willen sich befrein!“
„Ich bin kein Pole — wie soll ich es fühlen?
Ich weiß, daß dunkle Kräfte wühlen.
Des toten Adalberts Heiligenschein
wird — willst Du das grüßen? — auferblühn,
ich weiß, Sendboten sind entsandt,
die Bauern warten, Advokaten mühn
sich eilig: und, ich weiß, der Mittelstand —
nein, Du, es ist nicht leicht, ein Volk, sogar ein Staat zu sein.“
„Bei Deinem Werke Du, hörst Du den Tritt von Millionen Füßen
Arbeitender. Du bist ein Volk, Du mußt die Völker grüßen.
Was Du erreichst, darf jeder doch erstreben —“
„— und soll es, wirst Du mich belehren.
Aber um fühlen zu können,
muß ich mir ein vergewissertes Leben gönnen.
Ich bin ein Deutscher. Wird Polen sich gegen mich kehren?“
„Frage nicht, was sie werden.
Wir leben auf Erden.
Sie und wir, ein neues Geschlecht.
Frag nicht nach Dir, nach ihnen nicht. Frag nach dem Recht!
Du, ein Deutscher, sollst elysisch mit ihnen schweben.
Sieh herum!“
„Viele sind stolz. Manche glotzen dumm.
Schreie in meiner Brust bleiben stumm.“
„— fühle doch, wie sie leben —!“
LIED DER POLEN AN EUROPA
Nicht Liebe sei es, daß Ihr unser Land befreit:
zweiundzwanzig Millionen,
die im Steinbruch ihrer Städte, im flachen Land geschart um Ströme wohnen,
ein Volk schreit
Euch zu: Gerechtigkeit!
Satt von Blut, unter der Schwere
Volkes keuchend, zerspalten, geschweißt von Leid
liegt ein Land — aber der Schatten schwankt der Heere.
Wir haben nur ein Wort bereit:
Gerechtigkeit!
Die Flüsse schlank durchpeitschen ihr Bette
im gleichen Maße der ewigen Zeit.
Mit spitzen Dächern starren die Städte.
Heute will jeder Stein, jeder Brocken Landes weit
ein Verlangen: Gerechtigkeit!
Wenn in Polen die Schranken
fallen, wenn den Polen Freiheit
gegnadet würde — wir haben nicht einmal zu danken.
Es ist die Zeit, es ist die Pflicht. Nicht uns — Ihr seid
es selbst, und schuldet Euch: Gerechtigkeit!
DIE POLEN AN IRLAND
Brüder über den Wassern,
Hoffende, hört Ihr uns zu Euch singen?
Ringende, wißt Ihr Euch mit uns ringen?
Waffenfelder voll von Unterdrückern und Hassern
können unsre Liebe nicht dämpfen.
Gaswolken, über Menschen und Meere getragen,
schwellen in Schwaden und strömenden Fächern
geistig über Eure Insel und sagen
von den Rächern Grüße den Rächern:
daß wir alle um eines kämpfen!
Brüder! unsre Stimmen gesellt
sausen, daß alle schon befreiten Länder dem Schwange sich beugen:
wo zuerst die unnatürliche Mauer zerschellt,
eine Freiheit ist in der Welt,
alle stehn des einen Rechtes Zeugen!
Da wir auf einer Kugel alle das ätherne All durchfliegen,
wendet Euch nicht, in fremden Kleidern!
Wälder wechseln mit Felsen, Wiesen tauschen sich gegen Kohlen.
Die schon frei im leuchtenden Lichte liegen!
Keiner soll seinen Purpur schneidern.
Keiner hat sich von der Erde gestohlen.
Irland, höre die Stimme von Polen!
Eure Schmach wäre unser Leid,
unser Recht ist Eure Gerechtigkeit.
AN AMERIKA
Von den genuesischen Hafenmolen
drängten bei jedem Sirenenpfiffe
Hunderte von Polen
schwarz auf die fahrtbereiten Schiffe.
Männer mit wirren Haaren auf den Backen, Blöcken
von Schultern und den runden Lippen dumpf gereizter Tiere,
hastig schwatzende Weiber, stiere
Blicke unter den Tüchern haltend, lumpige Kinder in den Röcken.
O die Auswandrer in den Zwischendecken,
wenn eng die Menge auf den Koffern hockt,
stumpf übers blendende Wasser sieht, verstockt
horcht, wie einer, einer nur kläglich die lange Harmonika spielt,
und zusieht, wie ein Kind sich keuchend auf den Brettern sielt;
und ausfährt, um drüben in gleichem Elend zu verrecken!
Aber keiner soll mehr hungern und verkommen.
Die Hallen brennen. Keiner soll verzichten.
Keiner wird hungern. Freiheit naht. Vernichten
wir uns nicht fürder. Leer
vom Volke ist der Hafen und das Meer
geblieben.
Alle hat die Urmutter an die Erdenbrust genommen.
Jeder wird sie und wird den andern lieben.
Wir wollen selbst die neue Welt errichten!
LIED POLNISCHER STUDENTEN
Europa ist ein Garten
schwarzer Erde, in den Ozean gebettet,
eine verwachsne, verschwommene Insel —
o der zerfleischten Völker Gewinsel:
dienender Völker, die keiner rettet.
Aber wir Polen warten.
Manchmal knirscht die alte Schicht Europens. Vulkane grollen.
Heiße Quellen geifern. Berge bersten, vor Alter gespaltne Täler blasen Rauch.
Völker drängen sich in dichteren Kreisen auf dem Erdenbauch.
Wir zittern nicht. Wir Polen wollen.
Über Europa kreisen die Erden
goldner Sterne, die lautlos in Ätherströmen rollen.
Wir atmen auf. Wißt Ihr, was die Polen wollen?
Wir wollen werden. Und wir werden.
Du Samenbringer! Träger Atems! Bote neuer Zeiten! Wind!
Über Europa kommt Begeisterung:
Ihr Jünglinge mit herrischen Geberden,
mit Euch begeistert sind wir, reif und kindlich mit Euch, wir sind jung:
Wir Polen sind!
POLNISCHE ERDE
Stanislaus Landri stürzte, fuhr mit gebrochner Hand
in den Boden,
grub eine Scholle polnischer Erde vor
und rief mit von schwarzer Erde starrenden Lippen:
„Sie mögen Deine Ströme abdämmen
und Dich zu einer Wüste überschwemmen —
unter den Wassern bleibst Du!
Sie können alle Deine Städte und Wälder verbrennen:
Neues bauen wir, neue Schößlinge, dünne, treibst Du
vor, sie können Dich, Erde, nicht aus Europa trennen.
Sie können Dich, Boden, nicht aus der Welt wegheben.
Erde aus Erde aller Erde
bist Du, weit geschwungen in Deiner ebenen Geberde —
die Polen leben!
Sie können Verfassungen meineidig machen,
können Reiche verteilen und Grenzen beschwören.
Wir treten die ewige Erde und lachen:
Völker sind nicht zu zerstören!“
PONIATOWSKI AUF DEM BALKAN
Zu Horizonten in das Ungemeine!
Weit hinter meinem Lachen, hinter meinem stolzen Blick, dem Flug
brausender Wagen über Ebenen blieb meine
Heimat zurück. Die Räder reißen meinen Zug
durch die vom Strom geteilte meilenweite Kammer der Ukraine.
Dann brach die Donau unterm Schwung des Viadukts vorbei.
In Rustschuk wurden Güter umgeladen.
Ich lächelte in meines Tages blaue Gnaden
und reiste lachend durch die Walachei.
Die breiten Wagen liefen langsamer und hörten auf zu wiegen.
Ich sah im Schoße eines Abendbrandes,
steinern und bunt gedehnt, glitzernd vor Meer, Konstantinopel liegen.
Stambul! Die Pforte des erträumten Morgenlandes!
Ich stand umher. Die flachen Wellen schlugen
an flache, kurz gesteppte Uferränder,
die nah sich schwangen, sich im Meer vertrugen.
Da faßte mich die Leidenschaft
der Heimat und der Rausch der Abendländer.
Ich stand in bunten Straßen aufgestrafft.
Armenier liefen, Levantiner, Griechen drängten
an meine Schulter — und ich lachte, wißt,
weil hier Europa sich am Orient entzündet,
weil jedes Land in Welt und Erde eingegründet,
weil auch das fernste Meer um Polen ist.
LIED DES JUNGEN WITOLD NAPIEROGOCKI
In Düsseldorf war ich.
Wild klingelte in meinen Schlaf das Telephon.
Janina sprach
davon, daß bald ein Krieg ausbrach.
Ihre zerrissne Stimme schüttelte mich.
Wild auf entstürmte ich zur Legion.
Durch die aufwogenden Provinzen dieses Fahren!
Fahrt durch den Tag, Fahrt unter grellem Mond;
Fahrt mit Verbrüderten, mit fremden Scharen,
und über die mit ruhiger Geberde
unter des stampfenden Zuges Beschwerde
in Ebenen, die unerschütterlich waren,
hingebreitete Erde!
Als ich nach Galizien kam,
lag es vom Kriege noch verschont.
Die Völker drängten an, sich zu bedrängen.
Und wundersam
in meinem aufgeregten Kopfe wohnt
Erinnerung, wie unter Schienensträngen
die Ebenen einer, einer Erde dröhnen!
Nein, noch ist Polen nicht verloren.
Mein Volk, Du wirst Dich neugeboren
blutend zwischen die blutenden Völker zwängen,
Völker, die in Wunden stöhnen,
Ostens und Westens zu versöhnen.
GESANG EINES POLNISCHEN DICHTERS
Einsame suchen die Einsamkeit.
Weinend gleiten, die schwarzen Flügel
hebend, die Schwäne, und ihre Tränen versinken
ungesehn in den flimmernden Teich.
Aber ins Gedränge,
um die Wärme menschlich Gestalteter nah zu fühlen,
in den singenden Haß hoffender Menge
hast Du Dich verstoßen,
zerrüttet von Melancholie.
Sieh, aus dem Scheitel,
der lange Stunden gebeugt war,
versank das Blut. Aber in mutlose feuchte Nacht
über den stummen Scheitel erhebt sich
Blut des Mondes.
Sag dieses Wort: „Mond.“ O
metallne Schönheit reimloser Verse.
Sei monden Deine Stirn, die
zerrüttet von Melancholie
sich aufhebt.
Aber Du wanderst mit den Soldaten,
zogst erstaunt über schmale Schultern
das Kleid der Legion.
Die geschliffne Glätte
schneidend prunkender Bajonette
prüfen eitel Deine waffenlosen Hände.
Dann klebte Schmutz an Kleidern und Gelenken.
Der Leib verfiel vor Hunger. Schreie
verröchelten in Schaum und Blut
neben Dir. Gewitter fiel
wöchentlich in die braunen Zelte.
Du knietest hin, und gut
weitetest Du Dein blindes Herz. Barbarisch erfüllte das Fleisch
der Menge Deine Gesänge.
Dein hartes Lächeln, Demokrat!
Du lagst auf mondenen Erden,
Du wundertest Dich, allein
ein Leib zu sein
und nicht die Flutenden alle,
Leiber wie Dein Leib,
zu werden.
Du hörtest nicht auf, mit gefalteter Stirn
und stumm zu fragen,
was Menschen ertragen,
wie — schwoll Dein Herz — mit Dir die Menschen leben können.
LIED EINES BERITTENEN LEGIONÄRS
Nicht daß wir wieder die bunten Schabracken
mit dem weißen Adlerwappen
unsern Rappen
vor dem Aufsprung eilig auf den Rücken packen,
ist meinem Polenvolk ein Zeichen.
Daß wir die Konfederatka in den Nacken
mit den erregten Händen streichen,
daß unsre Frauen mit dem alten Kopfputz gehn,
ist nicht viel,
ist nur ein Spiel
und läßt nicht Polen auferstehn.
Des Jünglings nackter Leichnam aber, aus der Legion,
Freund seiner Freunde, einer Mutter Sohn,
kaum ausgebildet noch zu schmächtiger Bleiche
und auf den aufgewühlten Boden hingeworfen schon —
Da ich die knabenweiche
kalte Haut der toten Hüfte knieend mit der Hand betaste,
um den Leib steht eine Wolke:
glühnde Hoffnung, verzweifelte Tapferkeit, und Bleiche
männlicher Entschlossenheit — da weiß ich: ich erfaßte
Volk mit meinen Händen. Du bist aus dem Volke!
POLNISCHE REITER
Als es abendete, war mit vorsichtigen Schritten
ein Soldat den Uferweg heraufgekommen.
Er hat sich einen Weg in die Mitte des Gestrüpps geschnitten,
hat das Gewehr von der Schulter genommen
und hockte, vom Monde überglitten.
Er sah, wie im Monde die Felder schwammen.
Da kamen ein paar geritten,
massig hingen sie ihren stampfenden Tieren auf dem breiten Rücken,
der Mond warf ihre Schatten zusammen:
vor seinem Versteck fielen die Pferde in einen harten Trab.
Zuckend flogen die Hufe, in den Bügeln wippten die Sohlen,
die Reiter sah er tief sich auf die Pferdehälse bücken,
daß sie als Buckel auf den schweren Haufen Fleisches fliegen;
sie ritten, als hätte ihnen einer ein Himmelreich gestohlen,
das wollten sie aus der Hölle wiederholen.
Dumpf dröhnten die Hufe über das Grab
der Straße. Der Boden mußte sich unter den Reitern biegen!
Der Posten wußte nicht: waren es Deutsche, Russen, Polen?
Er hielt die Flinte in den Händen liegen
und schoß nicht ab.