Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1900 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Die Schreibweise einiger Begriffe ist nicht einheitlich; teilweise wurden einige Ausdrücke eingedeutscht. Beides wurde in der Bearbeitung so belassen.

In der [ersten Tabelle auf S. 253] fehlt der Wert des exportierten Kautschuks für das Jahr 1896. Die Quelle dieser Aufstellung war nicht zugänglich; aufgrund des schwankenden Kautschukpreises kann dieser Wert auch nicht rechnerisch ermittelt werden. Daher wurde die Zahl, wie in der gedruckten Fassung des Buches, ausgelassen.

Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition.

(R. Schlechter.)

1899/1900.

Kolonial-Wirtschaftliches Komitee.

Westafrikanische Kautschuk-Expedition.

(R. Schlechter.)

1899/1900.

Mit 13 Tafeln und 14 Abbildungen im Text.


Berlin 1900.

Verlag des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees,
Berlin NW., Unter den Linden 40.

(Preis 12 Mark.)

In Kommission bei der Königlichen Hofbuchhandlung von E. S. Mittler & Sohn,
Berlin, Kochstrasse 68–71.

Vorwort.

Die gefährdete Lage des Kautschukmarktes, hervorgerufen durch den Niedergang der Produktion infolge des Raubbaues der Eingeborenen und durch den in ungeahnter Weise sich steigernden Bedarf der modernen, insbesondere der elektrotechnischen, Fahrrad- etc. Industrien sowie die Aussicht auf reichen Gewinn, der dem Nationalvermögen durch Einführung einer Kautschukgroßkultur in deutschen Kolonien zufließen könnte, veranlaßte das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee, im Frühjahr 1899 eine Kautschuk-Expedition nach Westafrika unter Führung des Botanikers und Kautschukexperten Herrn Rudolf Schlechter zu entsenden, mit der Aufgabe,

die besten Kautschukvarietäten aus fremden Kolonien nach den deutschen Schutzgebieten zu überführen und eine geregelte Kautschuk-Großkultur in Kamerun und Togo in die Wege zu leiten.

Das Komitee ist in der Lage, feststellen zu können, daß die Expedition ihren Zweck erreicht und insbesondere durch Einführung der Kautschuk-Großkultur in den Kameruner Plantagen, u. a. der „Moliwe-Pflanzungsgesellschaft“, der „Westafrikanischen Pflanzungsgesellschaft Bibundi“, der „Kamerun-Land- und Plantagengesellschaft“, praktische Ergebnisse erzielt hat.

Der Kolonialabtheilung des Auswärtigen Amtes und den Gouvernements von Kamerun und Togo ist das Komitee zu Dank verpflichtet für ausgiebigen Schutz und thatkräftige Unterstützung der Expedition.

Den unter dem Präsidium Seiner Hoheit des Herzog-Regenten Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin vereinten Instituten der Wohlfahrtslotterie zu Zwecken der deutschen Schutzgebiete und der Deutschen Kolonialgesellschaft verdankt das Komitee eine namhafte finanzielle Beihülfe, durch welche die Ausführung des gemeinnützigen Unternehmens und die Herausgabe des vorliegenden Werkes erst ermöglicht wurde.

Den Interessentengruppen der Pflanzungsgesellschaften und Industriellen schuldet das Komitee Dank für bewährten Rat und materielle Förderung der Expedition und zwar den Firmen:

Accumulatoren-Fabrik Akt.-Ges., Berlin — Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft, Kabelwerk, Nieder-Schöneweide — Emil Arntz, Gummiwaren-Fabrik, Höxter — Asbest- und Gummiwerke Alfred Calmon Akt.-Ges., Hamburg-Uhlenhorst — Berlin-Rixdorfer Gummiwarenfabrik Franz Schumann, Berlin-Rixdorf — Blödner & Vierschrodt, Gotha — Centralverein Deutscher Kautschukwaren-Fabriken, Berlin — Continental Caoutschouc- und Guttapercha-Compagnie, Hannover — Deutsche Gummi- und Guttaperchawaren-Fabrik Akt.-Ges. vorm. Volpi & Schlüter, Berlin — Felten & Guilleaume, Carlswerk, Mühlheim a. Rh. — François Fonrobert, Gummiwaren-Fabrik, Finsterwalde — Gesellschaft Süd-Kamerun, Hamburg — Handelskammer, Breslau — Hannoversche Aktien-Gummiwaren-Fabrik, Hannover — Harburger Gummi-Kamm-Co., Dr. Heinr. Traun, Hamburg — S. Herz, Berlin — Kamerun Land- und Plantagen-Gesellschaft, Hamburg — Gebr. Körting, Hannover — Lange & Pöhler, Arnstadt — Leipziger Gummiwaren-Fabrik vorm. Julius Marx, Hein & Co., Leipzig — Metzeler u. Co., München — Mitteldeutsche Gummiwaren-Fabrik Louis Peter, Frankfurt a. M. — Moliwe-Pflanzungs-Gesellschaft, Hamburg — Münden-Hildesheimer Gummiwaren-Fabriken Gebr. Wetzell, Akt.-Ges., Hildesheim — Geh. Kommerzienrat Dr. Oechelhäuser, Dessau — Phil. Penin, Gummiwaren-Fabrik, Aktien-Gesellschaft, Leipzig-Plagwitz — Rheinische Gummiwaren-Fabrik Franz Clouth, Köln-Nippes — H. Rost & Co., Hamburg — Russian-American India Rubber Co., St. Petersburg — Carl Schwanitz, Gummiwaren-Fabrik, Berlin — H. Schwieder, Gummiwaren-Fabrik, Dresden-Neustadt — South-West-Africa Comp. Ltd., Berlin — Vereinigte Berlin-Frankfurter Gummiwaren-Fabrik, Berlin — Vereinigte Gummiwaren-Fabriken Harburg-Wien, vorm. Menier — J. N. Reithoffer, Harburg a. E. — Westafrikanische Pflanzungs-Gesellschaft „Bibundi“, Hamburg.

Möge das vorliegende Ergebnis der westafrikanischen Kautschuk-Expedition eine dauernde kraftvolle Entwickelung der Kautschuk-Plantagen und Volkskulturen Deutsch-Westafrikas zur Folge haben und den deutschen Kolonien, deren Kautschuk-Produktion heute kaum den zwanzigsten Teil des deutschen Konsums beträgt, mit der Zeit einen nennenswerten Anteil an dem lohnenden Kautschukhandel sichern zum Nutzen unserer Kolonien und zum Nutzen unserer Volkswirtschaft.

Berlin, im Dezember 1900.

Unter den Linden 40.

Kolonial-Wirtschaftliches Komitee.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

1.

Kapitel.

Vorbereitungen zur Reise, Ausreise und Yoruba-Expedition

[1]

2.

Aufenthalt in Kamerun, Reise nach und auf dem Congo

[29]

3.

Sanga-Ngoko-Reise und Rückreise nach Kamerun

[80]

4.

Kamerun- und Bakossi-Expedition

[135]

5.

Togo-Reise und Heimreise

[181]

6.

Allgemeines und Untersuchungen

[227]

Anhang

I.

Denkschrift des Herrn Prof. Dr. O. Warburg zur Begründung der Kautschuk-Expedition

[250]

II.

Gutachten über die von Lagos eingesandten Kautschukproben des chemischen Laboratoriums für Handel und Industrie (Dr. Robert Henriques) Berlin.

[255]

7.

Die botanischen Ergebnisse der Expedition

[260]

Verzeichnis der Abbildungen.

Messer und Beile zum Anzapfen der Kautschukpflanzen nebst Bechern zum Auffangen des Milchsaftes [2]
Landolphia Heudelotii D. C. [9]
Ficus Vogelii Miq. [11]
Fetischmasken, Schuhe, Fächer und Lanzen aus dem Yoruba-Lande [14]
Carpodinus lanceolatus K. Sch. [52]
Costus Lukanusianus K. Sch. [65]
Landolphia florida Bth. [68]
Landolphia Klainei Pierre. [83]
Kickxia elastica Preuss. [99]
Kickxia latifolia Stapf [125]
Landolphia owariensis P. Beauv. [128]
Die „Cyclop-Grotte“ bei Kriegsschiffhafen. [136]
Kickxia-Bäume in Mundame [164]
Kokospalmen in Gr. Batanga [174]
Elf Monate alte Kickxia auf der Campo-Plantage [176]
Rast der Expedition unter einem Ficus Vogelii-Kautschukbaum im Dorfe Lolobi [196]
R. Schlechter vor seinem Zelt in Kadyebi [203]
Die Expedition in Kadyebi [208]
Fetischhäuschen im Dorfe Bevi [212]
Feigenbäume im Dorfe Bevi [216]
Eingeborene von Wangata [230]
Kickxia africana Bth. [238]
Ceara-Kautschukbaum in Gr. Batanga [252]
Pflanzungen der Victorianer-Neger auf dem Wege nach Kriegsschiffhafen [260]
Junge Kakaoanpflanzung am Vorwerk Wasserfall der Kriegsschiffhafen-Plantage [280]
Landolphia humilis K. Sch. n. sp. [288]
Carpodinus Schlechteri K. Sch. n. sp. [305]

I. Kapitel.
Vorbereitungen zur Reise, Ausreise und Yoruba-Expedition.

Im Oktober des Jahres 1898 wurde von seiten des Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees, insbesondere der Herren Karl Supf und Professor Dr. O. Warburg, der Plan gefaßt, eine Expedition zur Erforschung der Kautschukverhältnisse in unseren Kolonien nach Westafrika zu entsenden. Es sollte Aufgabe der Expedition sein, die Kautschukpflanzen anderer Kolonien nach Kamerun zu überführen und dort, wenn möglich, zum Anbau derselben anzuregen, ebenso die in den fremden Kolonien gewonnenen Erfahrungen der Entwickelung der Kautschukindustrie unseren Kolonien zur Verfügung zu stellen. Ich wurde mit der Leitung der Expedition betraut.

Sobald durch Eingehen der dazu nötigen Gelder die Ausführung der Expedition gesichert war, begann ich mit meinen Vorbereitungen. Es war unterdessen schon der Monat Dezember herangekommen, so daß ich, da die Ausreise auf Anfang Februar 1899 festgesetzt war, keine Zeit zu verlieren hatte. Außer Anschaffung der zum persönlichen Gebrauch nötigen Kleidungsstücke und allgemeinen Expeditionsausrüstungen hatte ich auch die zur Ausführung meiner Aufgabe nötigen Chemikalien und Apparate, von denen umstehend einige [abgebildet] sind, zu beschaffen.

Da die Eingeborenen beim Anzapfen der Lianen und Bäume meist durch zu tiefes Einschneiden großen Schaden anrichten, ließ ich für die mitgenommenen Messer und Beile Scheiden anfertigen, welche ein zu tiefes Eindringen der Schneide in die Rinde verhüten sollten. Diese Scheiden waren aus starkem Blech hergestellt und konnten den betreffenden Instrumenten vor Gebrauch derselben aufgeschoben werden.

Auskunft über die zu bereisenden Länder erhielt ich, soweit dieses möglich war, bereitwilligst von vielen Seiten; auch war Herr Dr. Mertens, der Direktor der Graphischen Anstalt in Berlin, so freundlich, mir Auskunft über Photographieren in den Tropen zu geben, und den von mir für die Expedition angeschafften photographischen Apparat zu prüfen.

Kurz vor meiner Abreise von Berlin traf noch Dr. Preuß, der Leiter des botanischen Gartens von Victoria, ein mit der freudigen Nachricht, daß es ihm gelungen sei, die echte Kickxia im Kamerun-Gebiet nachzuweisen, und daß es sich um zwei spezifisch vollständig verschiedene Arten handele, von denen die eine guten Kautschuk liefere, die andere dagegen wertlos sei. Auch ihm verdanke ich viele wichtige Angaben und Vorschläge, die mir bei Ausführung meiner Expedition von großem Vorteile waren. Er erklärte sich auch bereit, etwaige von mir nach Kamerun gebrachte Kautschukpflanzen im botanischen Garten zu Victoria in Kultur zu nehmen und später an die Pflanzungen zu verteilen, wodurch natürlich die Einführung fremder Kautschukpflanzen in Kamerun bedeutend erleichtert werden konnte.

Messer und Beile zum Anzapfen der Kautschukpflanzen nebst Bechern zum Auffangen des Milchsaftes.

Am 7. Februar 1899 war ich mit den Vorbereitungen fertig und konnte somit am 8. Februar meine Abreise von Berlin ausführen. Da der Dampfer erst am 11. Februar abfahren sollte, hatte ich auch in Hamburg noch Zeit genug, die Herren, an welche ich Empfehlungsschreiben hatte, zu besuchen. Auch hier erfuhr ich noch manches, das für meine Reise wertvoll war; so habe ich besonders den Herren Thormählen, Jantzen und Rhode noch für das Interesse zu danken, welches sie meiner Expedition entgegenbrachten. Der Zufall wollte es, daß damals auch der ehemalige Gouverneur von Kamerun, Excellenz v. Soden, Geheimrat Prof. Dr. Wohltmann und Herr Upmann sich in Hamburg aufhielten, von denen ganz besonders die beiden erstgenannten Herren in der Lage waren, mich tiefer in die Verhältnisse Kameruns einzuweihen, und dank ihrer Liebenswürdigkeit sollte ich noch später viel davon profitieren.

Endlich, am 11. Februar, lichtete der Dampfer „Adolph Woermann“, mit dem ich zunächst bis Lagos reisen sollte, seinen Anker; am Abend konnten wir noch einmal einen letzten Blick auf die deutsche Küste an der Elbe-Mündung werfen, und dann ging es hinaus in die See. Wie wünschte ich damals, daß es mir vergönnt sein möge, meine Aufgaben zu erfüllen und mit reichem Erfolge nach Abschluß der Expedition in das Vaterland zurückkehren zu können.

Am ersten Abend war die Stimmung an Bord natürlich zum Teil sehr gedrückt, so manch einer der Mitreisenden verließ seine Lieben zu Haus zum ersten Male auf längere Zeit, und ein jeder wußte, daß manchem nicht das Glück blühen würde, seine Heimat wiederzusehen.

Je weiter wir uns vom Vaterlande entfernten, desto mehr verschwanden die trüben Gedanken, um den Hoffnungen auf Erfolg Platz zu machen. Die Passagiere lernten sich näher kennen, und schon nach wenigen Tagen herrschte die fröhlichste Stimmung an Bord.

Am 13. Februar fuhren wir in den Kanal ein. Ein plötzliches tiefes Fallen des Barometers schien Sturm anzuzeigen, so daß der Kapitän es für geraten hielt, vorsichtig zu manövrieren; doch auch diese Gefahr war bald vorüber.

Dank der Liebenswürdigkeit unseres Kapitäns Jensen vergingen die Tage schnell, und alles war froh und guter Dinge. Zudem erhielten wir gutes Essen, was um so mehr in Betracht kam, als durch die Seeluft unser Appetit bedeutend gereizt wurde.

Als wir uns am 19. Februar der Insel Madeira näherten, waren die kalten Winde, welche uns ziemlich weit nach Süden begleitet hatten, bereits verschwunden, und das angenehmste Frühlingswetter brachte uns in freudige Stimmung. Fast alle benutzten daher den Aufenthalt vor Funchal zu einer Exkursion, denn gerade hier ist Madeira am schönsten. Mit einigen Mitreisenden unternahm ich eine kleine Fahrt mit der Zahnradbahn auf die Berge im Rücken der Stadt. Nachdem wir von einer Kirche daselbst eine der schönsten Aussichten genossen hatten, welche die Erde wohl bietet, und uns durch ein Gläschen Madeiraweines gestärkt hatten, ging es im rasenden Tempo auf Holzschlitten, wie sie hier bei derartigen Touren üblich sind, den Berg hinunter. Man konnte dabei nicht umhin, die Geschicklichkeit der beiden Lenker zu bewundern, welche selbst bei plötzlichen Biegungen der steil abfallenden Straßen den dahinsausenden Schlitten sicher führten. Nach kurzem Spaziergange durch den Stadtgarten, der durch wundervolle Exemplare von Palmen sich auszeichnet, kehrten wir nach dem Dampfer zurück. Noch vor Mitternacht wurde der Anker wieder gelichtet, und weiter ging es unserm Ziele entgegen.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, lagen wir im Hafen von Las Palmas. Da wir nur wenige Stunden hier blieben, war es keinem der Passagiere gestattet, das Schiff zu verlassen, denn noch vor Mittag fuhren wir auch wirklich wieder ab. Mit jedem Tage wurde es nun merklich wärmer, so daß alle Passagiere sich schon vor Ankunft des Dampfers in Monrovia ihrer Tropen- und Sommerkleidung bedienten. Monrovia, die Hauptstadt der Negerrepublik Liberia, konnten wir leider vom Dampfer aus kaum erkennen, denn die Stadt selbst ist von der See kaum zu erblicken, da sie zum großen Teile durch einen dicht mit Urwald bedeckten Hügel verborgen wird. Die Vegetation ist sehr üppig, eine Folge der riesigen Niederschläge, durch welche sich Liberia und das benachbarte Sierra Leone-Gebiet auszeichnen und wie sie ähnlich oder sogar noch stärker nur noch in einem Teile unseres Schutzgebietes von Kamerun sich wiederholen. Als wir am 27. Februar Monrovia verließen, sah es an Bord unseres Dampfers bedeutend lebendiger aus als zuvor, wir hatten nämlich eine größere Anzahl Cruneger und Weyboys an Bord bekommen, welche nun, wie es hier an der Küste allgemein üblich ist, die Scheuerarbeiten und das Aus- und Einladen der Fracht zu besorgen hatten.

Viele der westafrikanischen Küstenplätze zeichnen sich durch eine sehr hohe, unregelmäßige und daher häufig sehr gefährliche Brandung aus, und hier besonders bewähren sich die Cruneger und Weyboys in erster Linie. Es ist kaum zu glauben, mit welcher Geschicklichkeit sie die Boote, welche zum Löschen der Ladung verwendet werden, durch die Brandung hindurchschaffen. Natürlich lassen sich hier überhaupt nur die eigens zu dem Zwecke von dem Dampfer mitgeführten scharfkieligen Brandungsboote verwenden. Überschlägt sich solch ein Boot einmal an einem hohen Brecher, so lassen sich die Neger, welche übrigens alle wie die Fische schwimmen können, so weit durch die hereinbrechenden Wellen an Land tragen, bis sie festen Boden unter sich fühlen, einen geeigneten Moment benutzend, ehe die Wellen zurücklaufen, retten sie sich dann fast stets.

Am 28. Februar erreichten wir Cape Palmas, das durch den Tod unseres ehemaligen deutschen Konsuls in Westafrika, des wohlbekannten Erforschers des Sudan-Gebietes, Dr. Gustav Nachtigal, eine traurige Berühmtheit erlangt hat. Der Ort ist nicht so bedeutend wie Monrovia, steht jenem aber nicht weit nach. Der Handel liegt fast ausschließlich in deutschen Händen, wie überhaupt die Republik Liberia vornehmlich ihre Güter aus Deutschland bezieht.

Von nun an erreichten wir täglich einen neuen Hafen, vor denen wir jedoch uns meist zu kurze Zeit aufhielten, um das Land besuchen zu können. So konnten wir am 2. März das englische Fort Cape-Coast-Castle, von dem aus vor wenigen Jahren die Expedition gegen die Ashantis nach Kumassi abgegangen war, leider nur vom Schiffe aus bewundern. Auf der Weiterfahrt blieben wir nun immer mehr oder minder in Sicht der Küste. Die Orte Salt-Pond, Appun und Winnebah konnten wir deutlich vom Dampfer aus erkennen. Unterdessen verließen uns immer mehr Passagiere. Als wir am 2. März am Nachmittage in Accra ankamen, hatten wir bereits dem fünften Herrn Lebewohl zu sagen. Auch er sollte weiter ins Innere der englischen Gold-Coast-Kolonie hinein, um mit den Eingeborenen Handel zu treiben. In Ada, einer kleineren Handelsniederlassung in der Nähe der Volta-Mündung, trafen wir mit Tagesanbruch am 3. März ein, aber nur um Passagiere abzusetzen, es ging daher sofort nach Quitta weiter, wo wir um 10½ Uhr eintrafen. Zu allgemeinem Bedauern verließ uns hier Herr Oloff, ein Bremer Kaufmann, der hier in Westafrika seine Handelsniederlassungen inspizieren wollte. Noch um 2 Uhr desselben Tages langten wir vor Lome, der Hauptstadt unseres Schutzgebietes Togo, an; da wir für diesen Ort eine größere Menge Ladung hatten, so hätte manch einer gern einmal wieder auf deutschem Boden gelustwandelt, doch war die Brandung eine derartige, daß nur diejenigen Herren an Land gingen, welche dazu gezwungen waren. Wiederholt wurden einige unserer Brandungsboote umgeworfen. Da auch am nächsten Tage die Brandungsverhältnisse nicht günstiger zum Löschen der Ladung waren, so kam es, daß wir erst gegen 5 Uhr wieder die Anker lichten konnten. Unser Kurs lief nicht allzufern von der Küste, so daß wir auch noch vom Schiffe aus Klein-Popo und Bagida gut sehen konnten. Ich war natürlich in froher Stimmung, denn am nächsten Morgen sollten wir ja in Lagos eintreffen.

Früh war ich schon am Morgen des 5. März an Deck. Wir waren eben auf der Rhede von Lagos angekommen. Zusammen mit uns lagen noch 5 andere Dampfer hier, von denen zwei, der „Ogun“ und der „Teck“, die sogenannten Barrendampfer der Woermann-Linie waren. Diese Dampfer übernehmen auf der See, außerhalb der Barre, welche vor dem Ausflusse der Lagos-Lagune liegt, die Ladung der großen Passagier- und Frachtdampfer und bringen dieselbe dann bei Hochwasser über die Barre hinweg nach Lagos hinein. Daß diese Fahrten nicht immer glücklich ablaufen, beweisen die gestrandeten Dampfer, welche auf der Barre vor Lagos liegen.

Erst gegen Abend bot sich mir Gelegenheit dar, mit dem „Ogun“ nach Lagos hineinzufahren. Die Fahrt über die Barre verlief glücklich, bald langten wir an der Signalstation an und fuhren nun den Lagunenarm hinauf, worauf wir in kurzer Zeit die Stadt Lagos erblicken konnten. Gegen 7 Uhr landete ich zusammen mit Herrn Fritsch, dem Vertreter der Firma Geyser & Co., welcher auch auf dem „Ogun“ angekommen war und mir in freundlichster Weise Aufnahme in seinem Hause angeboten hatte. Da hier für Europäer kein Hotel existierte, machte ich gern von seiner Liebenswürdigkeit Gebrauch und erhielt ein vorzügliches Unterkommen. Gerade ihm habe ich es auch zum großen Teile zu verdanken, daß ich schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit ins Innere aufbrechen konnte.

Am nächsten Tage machte ich mich zunächst auf den Weg zum stellvertretenden deutschen Konsul Herrn Meier, der zugleich Vertreter der Firma Witt & Busch war, an welche ich ein Empfehlungsschreiben erhalten hatte. Am Nachmittage hatte mein liebenswürdiger Wirt mir angeboten, mir den Botanischen Garten zu zeigen. Derselbe liegt auf der Nordseite der Lagos-Lagune hinter der „Iddo-Insel“ bei Ebute-Meta. In dem Garten war nichts von besonderem Interesse zu sehen. Einige Ficus elastica und eine Anzahl abgestorbener Manihot Glaziovii-Stämme waren außer sehr kleinen Kickxiasämlingen die einzigen vorhandenen Kautschukpflanzen. Da kein Europäer dem Garten vorstand, war es nicht zu verwundern, daß derselbe einen recht verwahrlosten Eindruck machte. Nicht einmal Näheres konnte ich erfahren, wo die Kickxia-Sämlinge herstammten. Dass es Kautschukpflanzen waren, davon hatte keiner der anwesenden Neger auch nur die geringste Ahnung.

Die nächsten Tage meines Aufenthaltes gebrauchte ich nun dazu, Erkundigungen über das Hinterland einzuziehen. Herr Fritsch war selbst einmal bis Ife im Yoruba-Lande gewesen und konnte mir daher viel über Land und Leute berichten. Bereitwilligst stellte er mir auch seine Reisenotizen zur Verfügung. Sehr schwierig schien anfangs die Trägerfrage zu sein. Die Lagos-Leute wollten nicht gern fort oder wenigstens nicht in Begleitung eines Europäers. Doch auch hier kam bald Rat. Dr. Randle, ein eingeborener Arzt, welcher in England studiert hatte und hier auch bei den Europäern einen sehr guten Ruf als Arzt besitzt, erbot sich, mir einen geeigneten „Headman“ zu schicken. Diese „Headmen“ sind Eingeborene, welche eine Anzahl von Leuten um sich sammeln, die dann unter ihrer Leitung Arbeiten irgend welcher Art verrichten. Es scheint selten vorzukommen, daß sich einer dieser Eingeborenen gegen seinen Headman auflehnt, solange der letztere einigermaßen versteht, sich Respekt zu erhalten. Seinem Versprechen gemäß schickte Dr. Randle mir auch sehr bald einen Mann, der behauptete, genügend Leute beschaffen zu können. Derselbe beanspruchte für sich zwar ein sehr hohes Gehalt, doch wurden wir nach längeren Unterhandlungen schließlich darin einig, daß er pro Tag 3 sh.; die Träger je 1 sh. erhalten sollten, dagegen Essen sich selbst besorgen mußten. Ich packte nun meine Sachen zu Trägerlasten um, um zu sehen, wie vieler Träger ich bedurfte. Am 12. März erschien der „Headman“ mit den gewünschten Leuten, so stand also meinem Aufbruche ins Innere nichts mehr im Wege.

Am Morgen des 13. März fehlten natürlich wieder einige Träger; ich hatte dies aber schon vorausgesehen und deshalb die Leute bereits vor 6 Uhr antreten lassen. Als nach geraumer Zeit die fehlenden Leute endlich erschienen, wurde das Gepäck auf die „Daddy“, die Barkasse der Firma Geyser & Co., verladen, welche Herr Fritsch mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit mir zu dem Zwecke zur Verfügung gestellt hatte. Um 8 Uhr war alles bereit zur Abfahrt. Herr Fritsch begleitete mich bis zum Landungsplatze bei Ikorodu. Die Fahrt über die Lagune ging glücklich von statten, es war zwar sehr heiß auf dem spiegelglatten Wasser, doch lief das kleine Fahrzeug vorzüglich, so daß wir um 11 Uhr schon vor dem Landungsplatze von Ikorodu eintrafen. Da wir in ziemlicher Entfernung von dem Strande liegen bleiben mußten, und die Ladung in kleinen Canoes hinüberzuschaffen war, wurde es doch 12 Uhr, ehe alles Gepäck an Land war. Sogleich ließ ich die Lasten verteilen und jedem Träger die Verantwortlichkeit für die von ihm getragenen Gegenstände ans Herz legen. Wie ich es schon bei früheren Expeditionen zur Genüge kennen gelernt hatte, glaubte natürlich ein jeder, daß seine Last für ihn zu schwer sei, und es kam Klage an Klage; stillschweigend hörte ich dies anfänglich an, dann warnte ich die Leute, und als dann noch einige murrten, ließ ich für diese die schwersten Lasten heraussuchen. Das half, keiner beschwerte sich jetzt mehr. Um 12½ Uhr gab ich den Befehl zum Aufbruch, und nach einem letzten Gruß zur „Daddy“ hinüber ging es hinein in die Wildnis.

Der Ort, an dem wir gelandet waren, ist ungefähr 1½ Stunden von der Ortschaft Ikorodu entfernt und wird als Marktplatz verwendet. Bei dieser Gelegenheit sollen dann daselbst häufig über 100000 Eingeborene zusammenkommen. Der in gutem Zustande gehaltene Weg von dem Marktplatze nach der Ortschaft Ikorodu führte durch Urwaldgebiet, welches durch kleinere, von den Eingeborenen unter Kultur gesetzte Lichtungen unterbrochen wurde. Ölpalmen sah man allenthalben. Dieselben werden von den Eingeborenen sehr geschont, da sie den hauptsächlichsten Handelsartikel liefern. Noch bevor wir Ikorodu erreichten, sah ich vereinzelte Exemplare von [Landolphia Heudelotii], welche aber noch zu schwach waren, um Kautschuk liefern zu können. Ikorodu ist ein recht stattliches Dorf, das einige hundert Häuser besitzt; kurz vor dem Dorfe liegt das Haus des englischen Residenten für das Djibu-Land, welcher zufällig auf Reisen war, als ich das Dorf passierte. In Ikorodu gab ich meinen Leuten eine Viertelstunde Zeit, um sich Essen zu kaufen, denn bis dahin hatten sie noch keine Gelegenheit dazu gehabt. Um unseren Lagerplatz entwickelte sich nun bald ein reges Leben, alte Weiber brachten alle möglichen Eßwaren herbei, am meisten begehrt war ein dicker Bohnenbrei, welcher mit einer Miesmuschelschale abgemessen und pro Portion für 5 Kauris verkauft wurde. Wenn man dabei bedenkt, daß der Preis der Kauris ein sehr niedriger war, d. h. 4000 Stück für 1 Shilling galten, so ist es erklärlich, wie billig die Eingeborenen hier leben. Eine der Hauptnahrungen der Eingeborenen ist eine aus Maniot und aus Yams hergestellte Masse, welche fast glasig aussieht. Dieselbe wird in Marantaceenblätter eingewickelt und in dieser Weise auf den Märkten feilgeboten. Um 2½ Uhr waren wir trotz der drückenden Hitze wieder auf dem Marsche. Da der Weg sehr breit ausgeschlagen war, kam uns nicht einmal der Urwaldschatten zu gute. Das Terrain war ziemlich eben. Gegen 5½ Uhr erreichten wir einige Schutzhütten, welche von Marktweibern längs des Weges hier sowohl wie im Yoruba- und Ekba-Lande häufig aufgestellt werden. Ich ließ hier das Lager aufschlagen. Da meine Leute noch nicht mit dem Aufstellen des Zeltes vertraut waren, dauerte es ziemlich lange, ehe alles fertig war, obgleich ich alle hatte antreten lassen. Das Essen war unterdessen auch schon hergestellt, und befriedigt konnte ich mich etwas ausruhen. Bis in die Nacht hinein saßen die Leute noch am Feuer umher, ersichtlich ihre Meinungen über den neuen Weißen austauschend, von dem sie nicht verstehen konnten, weshalb er sich offenbar zwecklos ins Innere ihres Landes begeben wolle.

Landolphia Heudelotii DC.

A Zweig, B Blüte, C Längsschnitt durch dieselbe, D Längsschnitt durch den Fruchtknoten, E Griffelkopf, F Anthere von vorn, G dieselbe von der Seite.

Um 4½ Uhr ließ ich am nächsten Morgen schon die Leute antreten. Das Zusammenpacken der Lasten und Abbrechen des Zeltes ging bei den noch ungeschulten Leuten nur langsam vor sich, so daß erst um 5½ alles zum Aufbruch fertig war. Ich setzte nun meinem Headman auseinander, weshalb ich gekommen sei, und versprach demjenigen, welcher mir den ersten Ire-Baum ([Kickxia elastica]) zeigen würde, eine Belohnung. Das Terrain war dicht bewaldet. Schon nach kurzem Marsche sahen wir verschiedene abgestorbene Kickxiastämme, welche an der von Schnitten nach allen Richtungen verletzten Rinde unschwer zu erkennen waren, von lebenden Bäumen war jedoch noch nichts zu sehen. Die Eingeborenen versicherten mir, daß früher viel Kickxia hier vorhanden gewesen sei, daß aber die Fantis in kurzer Zeit das Land in einer solchen Weise ausgeräubert hätten, daß man selten lebende Bäume zu Gesicht bekomme.

Gegen 8 Uhr erreichten wir einen kleinen Weiler, welcher kaum ein Dutzend Hütten zählte. Die Eingeborenen nannten ihn Ihraye. Da hier auffallend viele Kolabäume im Walde standen, gab ich den Leuten Zeit, sich bei den unter Schutzhütten sitzenden Weibern Nahrungsmittel zu kaufen, welche hier vorzugsweise aus Bananen bestanden. Die Kolanüsse waren den Leuten offenbar zu teuer; sie wurden für ungefähr 5 Pf. angeboten. Es wäre mir interessant gewesen, zu erfahren, ob die Kolastämme hier wirklich wild wuchsen oder ob sie angepflanzt waren, doch verweigerten die Leute jede Auskunft darüber. Da ich den Baum auch sonst am Wege noch beobachtete, möchte ich das Erstere vermuthen, hier bei Ihraye war er aber in solchen Mengen vorhanden, daß man fast annehmen mußte, es handle sich um eine Kultur.

Auf dem Weitermarsche nach Ishagamo war der Weg insofern beschwerlicher, als das Terrain hügelig war, zudem brannte die Sonne sehr stark. Kurz vor dem Dorfe erreichten wir das Ende des breit geschlagenen Weges. Auf einem von Eingeborenen einigermaßen gut gehaltenen Urwaldwege ging es weiter, bis wir Ishagamo um 5 Uhr erreichten. Hier war eine kleine Truppe von Polizeisoldaten einquartiert. Ein englischer Missionar erschien kurz nach meinem Eintreffen auf dem Lagerplatze; als er sah, daß ich mein Zelt aufschlagen ließ, machte er mich auf ein Logierhaus aufmerksam, das von der Regierung für Durchreisende hier erbaut ist. Es war dies eine mir sehr willkommene Nachricht, da ich mich nach den ungewohnten langen Märschen nicht recht wohl fühlte. Ich siedelte natürlich nun in das geräumige, reingehaltene Gebäude über. Auf den Plätzen des Dorfes bemerkte ich hier eine großblättrige Ficusart, welche nach einigen Versuchen sich zu meiner großen Freude als gummiliefernd entpuppte. Wie alle Ficusarten heißt sie hier im Lande Abbá. Ich ließ von meinen Leuten Latex des Baumes sammeln, welche äußerst reichlich floß. Da sich die Pflanze sehr leicht vermehren läßt und schöne große Blätter besitzt, würde sie sich in trockneren Gegenden an sonnigen Straßen als Schattenbaum sehr empfehlen. Der gewonnene Kautschuk war von geringerer Qualität und würde wohl auf 3 Mk. pro Kilo taxiert werden können, doch ist bei der reichlichen Saftproduktion der Pflanze ein rentables Ausbeuten des Kautschuks selbst bei dem niedrigen Preise sehr wahrscheinlich. Ich glaube, daß ein solcher Ficusstamm jährlich gegen 10 Pfund Kautschuk liefern würde.

Ficus Vogelii Miq.?.

A Zweig, B Feige, C Längsschnitt durch dieselbe, D männliche Blüte, E weibliche Blüte, F Fruchtknoten mit Griffel.

Den Abend in Ishagamo verbrachte ich in angenehmer Unterhaltung in Gesellschaft des liebenswürdigen englischen Missionars.

Gegen 6 Uhr am folgenden Morgen war unsere Karawane wieder auf dem Marsche. Der Weg führte kurz hinter dem Dorfe über einen kleinen, fast ausgetrockneten Bach. Da wir nun auf schattigen, meist breit ausgetretenen Waldwegen marschierten, empfanden wir die Hitze nicht mehr so wie an den beiden vorhergehenden Tagen. Allenthalben sah man im Walde die abgestorbenen Ire-Stämme und am Wege hin und wieder auch einige Kolabäumchen. Als wir um 7½ Uhr in Iperu anlangten, ließ ich Rast zum Frühstück machen. Hier war der ganze Ort von furchtbarem Lärm erfüllt, da ein alter Mann gestorben war. Unglücklicherweise war der einzige schattige Lagerplatz im Dorfe in der Nähe der Behausung des Toten, wir hatten daher das Geheul aus nächster Nähe anzuhören. Die Weiber schienen sich im Geheule abzulösen, eine Kolonne kam nach der andern im Gänsemarsch vorüber gezogen, fortwährend wurde geschossen. Das ganze Dorf schien an der Trauerfeierlichkeit beteiligt zu sein. Um unseren Lagerplatz sammelte sich bald wieder eine Menge Neugieriger, war ich den Leuten doch eine äußerst interessante Persönlichkeit, denn erstens hatten sie fast noch nie erlebt, daß ein Weißer, der ja doch sicher viel Geld haben mußte, den ganzen Weg mit seinen Leuten zusammen marschiert, statt sich in einer Hängematte tragen zu lassen, daß dieser Weiße aber noch Pflanzen sammelte und trocknete, offenbar um „Fetisch“ daraus zu machen, war noch nicht vorher vorgekommen. Es ist natürlich erklärlich, daß ich bei diesen Leuten, welche so gänzlich an ihrem Fetischglauben hängen, mit einer geheimen Furcht beobachtet wurde.

Das Fetischtum steht gerade in diesen Ländern, südlich vom Niger, noch in höchster Blüte. Fast an jedem Wege, der nach einer Farmstätte führt, auf Feldern, in jedem Hause, an vielen Bäumen sind Fetische anzutreffen, sei es einfach in Form eines verzauberten Blattbüschels, oder als Erdklumpen mit Kauris geschmückt, oder als rohe Lehmfiguren, die Nachbildungen menschlicher Körper darstellen. Nicht selten stößt man außerhalb der Dörfer auf Gefäße an den Wegen, welche Palmenöl, Kauris oder andere Kostbarkeiten enthalten; dies sind Opfer, welche den Fetischen dargebracht werden, nie wird ein Neger wagen, etwas davon zu stehlen. Selbst die sogenannten „getauften und civilisierten“ Neger besitzen doch noch immer eine derartige Scheu vor dem Fetisch, daß sie sich wohl hüten, durch Zerstören der Fetischabzeichen oder Opfergaben den Zorn desselben zu erregen. Sicheres über die Arten der Verehrung des Fetisch sowie über den Charakter derselben zu erfahren, ist äußerst schwierig, das Volk wird durch die allmächtigen und gefürchteten Fetischpriester durch Grausamkeiten derartig eingeschüchtert, daß es selten jemand wagt, sein Wissen dem Weißen zu verraten.

Während wir in Iperu waren, wurden Unmengen von Palmenwein hereingebracht. Die meisten Calebassen wanderten in das Haus des Toten; denn keine Festlichkeit darf ohne Genießen von Palmenwein vor sich gehen. Dabei betrinkt sich die ganze Gesellschaft derartig, daß es nicht selten zu grauenhaften Ausschreitungen kommt. Der Wein wird hier ausnahmslos von der Ölpalme gewonnen.

Iperu verließen wir gegen 2 Uhr am Nachmittage. Während des Marsches durch den dichten Wald trafen wir Tausende von Menschen, welche, aus dem Innern kommend, nach dem Ikorodu-Markt wanderten, um Landeserzeugnisse zu verkaufen und dafür mit europäischen Waren nach Hause zurückzukehren. Die Karawanen, welche dicht hintereinander folgten, bildeten einen langen Zug, der kaum zu Ende war, als wir unser Abendquartier erreichten. Hier konnte man sehen, wie dicht bevölkert diese Gebiete sind. Hinter Iperu hatten wir das Djibu-Land verlassen und befanden uns nun im Yoruba-Lande. Das erste Dorf, welches wir am Nachmittage um 4 Uhr erreichten, wurde von meinen Leuten Odi genannt. Die Bauart der Hütten unterschied sich hier keineswegs von der im Djibu-Lande üblichen. Hier wie dort waren die Dächer der in mehrere Räume geteilten, langen, viereckigen Häuser mit Gras gedeckt. Einige Häuser waren sogar weißlich angetüncht. Die Straßen, wenn man überhaupt von solchen reden kann, schlängeln sich zwischen den Häusern dahin. Da der Boden hier in Odi sehr thonig war, waren sie bei der hügeligen Umgebung vom Regen ganz tief ausgewaschen. Dicht hinter Odi hatten wir über ein hügeliges, hauptsächlich mit Busch bewachsenes Terrain zu marschieren. Da die Sonne stark brannte, ermüdeten die Träger mit ihren zum Teil recht schweren Lasten zusehends, so daß wir nur langsam vorwärts kommen konnten. Kurz nach 5 Uhr erreichten wir endlich Ishara, ein Dorf, welches ich als Nachtquartier in Aussicht genommen hatte.

Ishara ist kleiner und viel unbedeutender als Ishagamo. Es ist mit seinen für Yoruba-Verhältnisse recht weit voneinander stehenden Häusern auf einem Hügel erbaut. Die Wege waren auch hier wieder vom Regen tief ausgewaschen, ja an einigen Stellen so tief, daß man zwischen den Häusern vermuten konnte, man befände sich in einem Festungsgraben. Auf der Spitze des Ishara-Hügels befindet sich eine Außenstation der englischen Mission in Ishagamo, welcher ein farbiger Lehrer vorsteht. In der Nähe des Schulhauses ließ ich das Lager aufschlagen. Da der Boden von kleinen Steinen durchsetzt war, war es keine Kleinigkeit, die Zeltpflöcke zu befestigen. Für meine Leute erwirkte ich von dem Lehrer die Erlaubnis, während der Nacht im Schulhause zu schlafen.

Fetischmasken, Schuhe, Fächer und Lanzen aus dem Yoruba-Lande.

Da sich gegen Morgen am 16. März ein ziemlich heftiger Sturm erhob, wachte ich schon früh auf. Das Zusammenpacken der Lasten sowie Abbrechen des Zeltes ging jetzt schon recht schnell bei den nun etwas geübten Leuten. Noch vor 5½ Uhr ließ ich aufbrechen. Der heutige Vormittagsmarsch brachte mir insofern eine große Genugthuung, als wir die ersten lebenden Kickxiastämme fanden, wenngleich dieselben auch angeschnitten waren. Da ich von unten Blüten entdecken konnte, schickte ich einen meiner Leute auf den Baum hinauf. Aber o weh! Kaum war derselbe über die erste Hälfte des Stammes hinaus emporgeklettert, da wurde er derartig von einer großen roten Ameisenart überfallen, daß er schleunigst zurückkehrte, natürlich war nun erst nach Angebot eines Geschenkes ein anderer bereit, einige Zweige für mich herunterzuholen. Ich versuchte die Bäumchen anzuzapfen, erhielt aber nur sehr wenig Milch, immerhin aber genug, um mich zu überzeugen, daß sie einen vorzüglichen Kautschuk lieferten. Der Boden des Waldes, in dem ich hier die Kickxia antraf, bestand aus verwittertem Glimmerschiefer. Auf dem Weitermarsche erreichten wir gegen 7½ Uhr ein kleines Dorf, Ascha. Dasselbe zeichnete sich durch Schmutz und drückende Hitze aus. Da nach Angaben der dortigen Einwohner die nächste Ortschaft sehr weit entfernt sein sollte, ließ ich, obgleich ungern, hier Halt machen. Während meine Leute sich ausruhten, machte ich eine kleine Exkursion, um so doch wenigstens im Walde im Schatten zu sein, den ich um so mehr wünschte, als sich große Mengen von Fliegen an unserem Lagerplatze einstellten. Nachdem wir gefrühstückt hatten, nahmen wir den Marsch wieder auf. Auch meine Träger waren froh, diesem von Fliegen und anderem Ungeziefer wimmelnden Schmutzhaufen den Rücken kehren zu können. Der Wald wurde nun immer interessanter und schöner. Während des Nachmittages entdeckte ich die ersten fruchttragenden Kickxien. Teils durch Belohnung, teils durch Drohung gelang es mir, einige meiner Leute zu bewegen, trotz der Ameisen Früchte herunterzuholen. Sehr gern hätte ich hier für einige Zeit ein Lager aufgeschlagen, doch war dieses unmöglich, da kein Wasser in der Nähe vorhanden war. Gegen 6 Uhr abends erreichten wir endlich eine Wasserstelle in der Nähe des kleinen Dorfes Omi. Fast wäre es dabei noch zu argen Zwistigkeiten zwischen meinen Trägern und den Omi-Leuten gekommen, da diese ihnen nicht gestatten wollten, von ihrem Wasser zu schöpfen. Wir schlugen unser Lager unter einer riesigen Alstonia auf, einem Baume, welcher auch häufig als kautschukliefernd aufgeführt wird. Durch verschiedene Experimente, welche ich noch am Abend vornahm, konnte ich mich davon überzeugen, daß die aus der Latex des Baumes gewonnene Masse kein Kautschuk und auch nicht als solcher zu verwenden sei.

Schon während des Tages hatten sich einige Träger gemeldet, welche über kranke Füße klagten, während andere behaupteten, ihre Lasten seien zu schwer. Am Abend ließ ich dieselben wieder vortreten. Ich überzeugte mich dann, daß zwei derselben wirklich durchgelaufene Füße hatten, während die anderen sich nur das Leben etwas leichter hatten machen wollen. Um sogleich ein Exempel zu statuieren, ließ ich den letzteren die schwersten Lasten für die nächsten Tage anweisen, die Kranken erhielten dagegen die leichtesten. Seit dieser Zeit kam es selten vor, daß sich jemand über seine Last beschwerte, es sei denn, daß er wirklich krank war.

Am 17. März ließ ich die Leute um 5½ Uhr antreten. Da ich hoffte, noch heute Ibadan, die bedeutendste Stadt des Yoruba-Landes, zu erreichen, hatten wir lange Märsche zu machen. Am Vormittage sahen wir viele Kickxiastämme, von denen jedoch der größte Teil durch übermäßiges Anzapfen getötet war. Ich zählte nicht weniger als 238 in dieser Weise zu Grunde gerichtete Bäume. Wenn man nun sieht, was die Eingeborenen in diesen Gebieten noch an Wald niederbrennen, um ihre Farmen anzulegen, so wird die Zahl der dem Verderben geweihten Kickxiastämme noch bedeutend vergrößert. Es war auch gerade an jenem Tage, daß mir besonders in die Augen fiel, wieviel Wald die Eingeborenen niedergeschlagen und abgebrannt hatten, um einige Bananen und Maniok zu pflanzen.

In Fawi, einem kleinen Dorfe, welches wir gegen 10 Uhr erreichten, ließ ich eine kurze Rast machen. Bald darauf traten wir aus dem Walde heraus. Über hügeliges Terrain, zwischen niedrigem Gebüsch, unter brennender Hitze marschierten wir nun auf einem recht schlechten Wege weiter, bis wir kurz vor Odi eine schöne breite Straße erreichten, welche nach Djib-Ode, der Hauptstadt des Djib-Landes, führen soll. Als wir kurz darauf in Odi, einem Marktflecken südlich von Ibadan, eintrafen, ließ ich wieder eine kurze Rast machen, da sich hier auf dem sehr regen Markte für meine Leute Gelegenheit bot, Nahrungsmittel zu kaufen.

Man konnte hier ein äußerst interessantes, reges Leben bewundern. Sudan-Sklaven, aus weit entfernten Gegenden, feilschten und handelten mit den Haussa-Leuten um die Wette. Sogar die Fullah fehlten nicht, von denen sich besonders die Frauen durch schönen Körperbau und regelmäßige Gesichtszüge auszeichneten. Es war ein so reger Verkehr hier, wie ich ihn bis dahin noch nie in Afrika unter den Eingeborenen gesehen hatte. Auffallend war, daß alles einen äußerst geregelten Gang zu gehen schien, wirklich ernsten Streit beobachtete ich nicht, trotz des furchtbaren Lärmes, der über den Marktplatz wogte. Meine Leute hatten sich bald mit dem nötigen Proviant versehen, so daß wir gegen 3 Uhr nach Ibadan zu weiter marschieren konnten.

Das Land, welches sich vor uns ausbreitete, bestand aus Hügeln, die mit kurzer Gras- oder Strauchvegetation bedeckt waren. Längs der Thäler und der Wasserläufe hatten sich kleine Galleriewälder gebildet, die sich durch äußerst üppige Vegetation auszeichneten. Die Straße nach Ibadan war in vorzüglichem Zustande. Sie wimmelte geradezu von Menschen, welche teils von Ibadan kamen, teils dorthin gingen. Da wir nun nicht mehr durch den Wald geschützt waren, machte sich bald eine äußerst angenehme Brise bemerkbar. Selbst die ermüdeten Träger bekamen neuen Mut, und frischer als zuvor ging es auf unser nächstes Ziel los. Als wir eben über einen Hügelrücken marschierten, machte mich mein Headman auf einen merkwürdigen Anblick aufmerksam. Direkt vor uns, sich über mehrere Hügel erstreckend, war ein immenser grauer Fleck zu sehen. Anfangs glaubte ich thatsächlich, es hier mit vegetationslosen Felsenhügeln zu thun zu haben; mein Headman aber belehrte mich eines Besseren: es war die Stadt Ibadan.

Bevor wir die Thore der Stadt erreichten, hatten wir noch ein kleines Flüßchen zu überschreiten, in welchem sich meine Leute schleunigst zum Bade gestürzt hatten, um möglich rein in die große Stadt einzuziehen. Ich ließ die Karawane hier sich noch einmal sammeln, um dann geschlossen zur Stadt zu marschieren. Gegen 4½ Uhr erreichten wir das erste Thor. Es war viereckig gebaut, ähnlich wie die Häuser der Yoruba, aber bedeutend höher. Die Mauer, welche um die Stadt führt, ist niedriger und stellenweise wie in allen Städten des Landes vollständig verfallen. Einen Schutz für etwaige feindliche Angriffe würde sie also nicht gewähren. Unter den Thoren sitzen die Zöllner, welche von jedem kommenden Neger ein kleines Kopfgeld erhalten, sofern er nicht zur Stadt gehört oder in Begleitung eines Weißen ist. Aus letzterem Grunde hatte sich vor der Stadt meiner Karawane eine Anzahl von Leuten angeschlossen, welche sich so das Kopfgeld zu ersparen hofften. Kaum waren wir innerhalb der Stadt, als einer meiner Leute zusammenbrach. Wohl oder übel mußte ich halten lassen und seine Last auf die übrigen verteilen. Den Mann ließ ich zurück und befahl ihm, sobald als möglich nach meinem Lager auf der anderen Seite der Stadt nachzukommen.

Die Häuser standen, mit Ausnahme der an felsigen Orten gebauten, dicht zusammen. Es schien mir kaum glaublich, als ich sah, eine wie große Menschenmenge hier zusammengepfercht wohnt. Außerdem dieses interessante rege Leben, die Webereien und Färbereien, man mochte fast glauben zu träumen. Wir gebrauchten nicht weniger als ¾ Stunde, bis wir das andere Thor erreichten. Über zwei große Marktplätze zogen wir, auf denen sich ein mir ganz fremdes Bild von Verkehr und Regsamkeit entrollte. Es wurden da die verschiedensten Gegenstände feilgeboten. Von gedörrten Hunden und Eidechsen bis zum Zwirnfaden, alles war zu finden. Selbst europäische Stoffe und andere Artikel desselben Ursprunges waren reichlich vertreten. Lebensmittel spielten natürlich eine große Rolle, ebenso Töpferwaren. Auch schön geschnitzte, aus Kürbissen angefertigte Schalen waren zu einem äußerst billigen Preise zu erstehen. Die Haussa boten schöne Lederarbeiten dar, besonders Geldtäschchen, Sandalen, Schuhe, Fächer aus Rinderfell hergestellt, Scheiden für Schwerter und Messer, ja sogar Sättel. Perlen wurden von Fullah- und Yoruba-Weibern verkauft, die eben von der Küste zurückgekehrt waren. Dazu der Lärm der handelnden Eingeborenen und der uns begleitenden schwarzen Jugend der Stadt, es war zum Betäuben. Die Marktplätze waren mit Abá- (Ficus-) Bäumen bepflanzt, unter deren Schatten es stets angenehm kühl ist. Diese Ficusbäume werden ganz allgemein in diesen Gegenden auf freien Plätzen in den Dörfern angepflanzt. Häufig sind sie die einzigen Bäume, welche in den Dörfern vorhanden sind. Unter ihrem Schatten versammeln sich die Männer zum Plaudern, wenn sie nicht sonst durch Schlafen oder Arbeiten verhindert sind. Unter ihnen werden die Ratsversammlungen abgehalten und wird vom Häuptling Recht gesprochen.

Direkt außerhalb der Stadt trafen wir in dem hier von der englischen Regierung hingestellten Haussa-Posten ein und erreichten gleich darauf das Wohnhaus des englischen Residenten vom Yoruba-Lande. Ich wurde hier von den anwesenden vier Europäern sehr herzlich aufgenommen. Mein Lager schlug ich dicht neben der Wohnung der beiden hier stationierten englischen Offiziere auf, um mich so behaglich einzurichten, als es eben die Umstände erlaubten. Meine erschöpften Leute konnten eine Rast von zwei Tagen sehr wohl gebrauchen; da außerdem in den Wäldern östlich der Stadt Kickxia vorhanden sein sollte, glaubte ich am besten von hier Leute zum Sammeln von Früchten ausschicken zu können.

Am nächsten Morgen ließ ich die Träger antreten und schickte die Hälfte derselben fort zum Einsammeln von Kickxiafrüchten und -Milch. Ich versprach den betreffenden Leuten eine Belohnung für jede 25 Früchte, denn das hatte ich eingesehen, daß ich ohne Belohnung keine Kickxiafrucht erhalten würde, schon da die Eingeborenen eine furchtbare Angst vor den sich auf den Kickxien aufhaltenden Ameisen haben. Daß diese Furcht nicht unbegründet war, konnte ich an der Brust eines meiner Träger sehen, welcher in der That von diesen Tieren arg bearbeitet war.

Die Abwesenheit meiner Leute benutzte ich dazu, mich über die Wege nach Abeokuta im Ekba-Lande und über die Kautschukverhältnisse des Protektorates zu orientieren. Von dem vorsichtigen und offenbar sehr national gesinnten englischen Residenten war nicht sehr viel in Erfahrung zu bringen. Derselbe war zwar äußerst liebenswürdig und zuvorkommend, schien es aber doch nicht gern zu sehen, daß ich als Deutscher mich im Yoruba-Lande aufhalte. Der englische Doktor und die beiden Offiziere waren zu wenig über die Verhältnisse im Lande unterrichtet, um etwas Näheres angeben zu können, es blieben mir also nur noch die Eingeborenen übrig. Ich schickte meine Leute daher täglich in die Stadt, um Erkundigungen einzuziehen. Der Weg nach Abeokuta war sehr bald in Erfahrung gebracht. Betreffs des Kautschuks und der Kickxia hörte ich, daß letztere in den östlich von Ise gelegenen Wäldern in bedeutend größeren und dickeren Stämmen vorhanden sein solle; im westlichen Teile des Yoruba-Landes wie im Djibu-Lande seien alle größeren Stämme bereits vernichtet worden, ja, in einigen früher an Kickxien sehr reichen Gegenden seien sie ganz verschwunden. Der englische Resident erklärte mir, daß er auf Grund des von den Eingeborenen rücksichtslos betriebenen Raubbaus sich bewogen gefühlt habe, eine Verordnung zu erlassen, wonach Kickxien in seinem Bezirke vier Jahre hindurch nicht angetastet werden sollten. Da im ganzen Yoruba-Laude höchstens zwölf Europäer waren und somit eine Kontrolle ausgeschlossen war, so ist es natürlich, daß sich kein Eingeborener um diese Verordnung kümmerte. Selbst an dem Hauptwege hatten wir auf der Reise von Ishagamo bis Ibadan frisch angeschnittene Kickxien gesehen, das Verbot wurde also offenkundig übergangen. In den Wäldern des Yoruba-Landes sind auch einige Landolphien zu finden, welche guten Kautschuk liefern. Die Milch derselben wird entweder mit Kickxiamilch vermischt, oder allein nach Zusatz von Citronensaft durch Kochen koaguliert. Im ersteren Falle geht sie im Handel natürlich mit unter dem Namen „Silkrubber“ und wird in großen Kuchen auf den Markt gebracht. Allein koaguliert wird sie in kleinen Bällchen geknetet als „Lagos-Bälle“ auf dem europäischen Markt verkauft. Häufig wird von den Eingeborenen der Silkrubber durch Zusatz von Ficusmilch gefälscht, wobei besonders eine in den dortigen Wäldern häufige Art aus der Verwandtschaft der Ficus salicifolia in Betracht kommt; doch soll auch die Milch der von mir in Ishagamo gefundenen Ficusart zu demselben Zwecke verwendet werden. Die verbreitetste Art des Koagulierens der Kautschukmilch ist die des Kochens. Da Citronen allenthalben im Lande zu haben sind, bedienen sich die Eingeborenen der Säure derselben, um die Koagulation zu beschleunigen. Seltener wird auch Kautschukmilch durch Reiben auf der Handfläche koaguliert, eine Methode, welche nur bei Landolphia angewendet wird.

Da die ausgeschickten Leute, welche Kickxiafrüchte sammeln sollten, erst am 19. März wiederkamen, mußte ich meine beabsichtigte Weiterreise auf den 20. März verschieben. Ich hatte doch auf diese Weise eine nicht unbedeutende Menge von Kickxiasamen zusammengebracht, obgleich gegen die Verordnung des englischen Residenten. Die erste Aufgabe der Expedition war also somit erfüllt, und ich konnte meinen Rückmarsch zur Küste antreten. Da mir wenig daran gelegen sein konnte, dieselben Gegenden noch einmal zu durchziehen, hatte ich die etwas längere Route über Abeokuta durch das Ekba-Land gewählt.

Am Vormittage des 20. März ließ ich die Träger durchmustern und alle nicht gesunden Leute durch neue ersetzen. In der so volkreichen Stadt war dieses nicht so schwer, besonders da ich nach Lagos zurück wollte. Am Nachmittag brach die Karawane auf. Der Marsch durch die Stadt dauerte jetzt noch länger als der am 17. März. Nach Schätzungen soll dieselbe ungefähr 300000 Einwohner haben, wäre demnach wohl die größte Stadt des afrikanischen Kontinentes. Über Hügel und Thal marschierten wir zwischen den eng aneinander gebauten Häuserreihen hin, gefolgt von neugierigen Weibern und lärmenden nackten Kindern.

Bevor wir noch das westliche Thor der Stadt erreicht hatten, brach einer der Träger zusammen. Derselbe schien ebenso wie sein Bruder, den ich am Morgen entlassen hatte, schwindsüchtig zu sein. Da ich mich nicht dadurch aufhalten lassen wollte, entließ ich den Mann sofort und ließ seine Last auf die übrigen verteilen, denn ohne Aufenthalt war kein neuer Träger zu beschaffen. Der Tag war furchtbar heiß und schwül, kein Lüftchen regte sich, so daß es mich denn auch nicht überraschte, als ich in der Ferne schwarze Regenwolken aufsteigen sah. Meine Leute wollten gern noch innerhalb der Stadt Rast machen, ich jedoch war nicht damit einverstanden, da ich wußte, welche Schwierigkeiten es am nächsten Tage machen würde, die Leute zum Aufbruch zusammenzubringen. Trotz des Murrens mußten die Träger weiter. Etwa 1½ Stunden, nachdem wir aus der Stadt herausgetreten waren, erhob sich ein furchtbarer Tornado. Nun hieß es sobald als möglich Schutz zu suchen. Im Laufschritt vorwärts. Der Wind peitschte furchtbar die Blätter der Ölpalmen. Es war ein Sturm, wie ich ihn nicht vorher erlebt hatte. Nach etwa ½ Stunde Laufschritt wurde es ganz finster, obgleich es noch nicht 6 Uhr abends war. Zu unserer Freude erreichten wir das Farmdorf Otimbale, als eben der Regen begann. Die Lasten konnten also noch trocken untergebracht werden. In strömendem Regen wurde das Zelt aufgestellt, welches zu meiner großen Freude selbst bei diesem Sturm fest standhielt. Nachdem die übliche Rinne um das Zelt gelegt war, gelang es auch den Boden vollständig trocken zu legen, so daß ich noch vollständig trocken mich schlafen legen konnte. Die Träger quartierten sich in den Häusern der Eingeborenen ein.

Meinen Leuten schien der Abschied von Ibadan nicht besonders leicht geworden zu sein, denn am nächsten Tage schien niemand rechte Lust zum Packen und Marschieren zu haben. Erst um 6 Uhr waren wir auf dem Wege. Zunächst hatten wir noch grasige Hügel mit Gebüsch und einigen Borassuspalmen zu durchziehen. Um 7¼ ließ ich eine kurze Rast in dem Farmdorfe Okovin machen. Kurz vorher hatten wir den fast trockenen Odoona-Bach zu überschreiten.

Gegen 8 Uhr langten wir in der Ortschaft Bodeibo an. Auch hier war das System der Kopfgeld-Erhebung, wie ich es von Ibadan geschildert, eingeführt. Bald darauf erreichten wir den Waldgürtel, der hier an der Nordgrenze einige Zungen in die Grasländer hineinschiebt. Der Wald war hier üppiger als ich ihn vorher im Yoruba-Lande gesehen, Kickxien schienen jedoch wenige vorhanden zu sein. Nach Aussage der Eingeborenen sollen sie aber früher auch hier sehr zahlreich gewesen sein. Überall hörte man dieselbe Klage der Eingeborenen, die Fantis hätten ihnen alle „Rubbersticks“ ausgeschlagen und getötet. Um 9 Uhr erreichten wir einen kleinen Farmweiler, Okradjo genannt. Hier war ein Lager der „Eisenbahn-Surveyer“ aufgeschlagen, welche die Route der von Abeokuta nach Ibadan in Aussicht genommenen Eisenbahn ausstecken sollten. Die Europäer waren nicht anwesend, als ich mit meiner Karawane eintraf. Während der Frühstücksrast, welche ich den Leuten hier gab, wurden wir derartig von kleinen Fliegen gepeinigt, daß ich es sehr bald vorzog, eine kleine Exkursion in den Wald zu unternehmen. Hier fand ich außer einigen Orchideen (zwei Angraecum-Arten) auch einige Apocynaceen, deren Milchsaft ich untersuchte. Landolphien waren hier reichlicher vorhanden, aber keine blühend, so daß ich die Arten nicht feststellen konnte.

Unter meinen Trägern brach hier ein kleiner Aufstand aus, der mich zwang, den Rädelsführer zu strafen. Da die Leute aber bald einsahen, daß sie doch den Kürzeren gezogen hatten, beruhigten sie sich wieder und gaben sich sogar am Nachmittage Mühe, möglichst flott zu marschieren.

Der Nachmittagsmarsch führte uns durch dichten Wald, in dem sich hin und wieder Spuren von Kickxia fanden. Es war ein sehr heißer Tag ohne jeden Wind, so daß den Trägern ihre Lasten nicht gerade leicht wurden; die kleine Aufmunterung, welche sie vorher erhalten, kam mir daher sehr zu statten. Um 3½ Uhr stießen wir plötzlich auf das Hauptlager der Eisenbahn-Ingenieure. Hier ließ ich eine kurze Rast machen. Mr. Berger, der Chef-Ingenieur, war so freundlich, mir einen Träger zur Verfügung zu stellen, da ich durchaus einen Mann mehr gebrauchte, an Stelle dessen, der in Ibadan zusammengebrochen war, und mir einen Empfehlungsbrief für den Eisenbahn-Doktor, in dessen Lager ich zu übernachten gedachte, mitzugeben. Bis Ilugu hatten wir einen sehr angenehmen Marsch durch ein sehr schönes, schattiges Waldgebiet, in dem ich viel Landolphia sah. Längs des Weges beobachtete ich hier einige Häuflein etwa armlang geschnittener Landolphiazweige, die die Eingeborenen geschnitten, um dann in ihren Häusern die darin noch enthaltene Milch zu sammeln und zu Kautschuk zu verarbeiten. Dass diese Milch nicht vorher koaguliert, ist dadurch zu erklären, daß die beim Anschneiden heraustretende Milch sofort an der Luft koaguliert und somit die ganze Schnittfläche luftdicht verschlossen wird. Dicht hinter Ilugu erreichten wir das Lager des Eisenbahn-Doktors, der mich sehr höflich aufnahm. Noch bis in die Nacht hinein saßen wir daselbst gemütlich zusammen, uns über Lagos und die von mir zuletzt bereisten Gegenden unterhaltend.

Da ich keine Zeit zu verlieren hatte, um noch zur rechten Zeit zur Abfahrt des Dampfers nach Kamerun in Lagos einzutreffen, hieß es nun, den Marsch möglichst zu beschleunigen. Ich brach daher am 22. März schon vor 5½ Uhr auf. Auf einem ziemlich schlechten Waldwege, auf dem die Träger häufig über Wurzeln stolperten, ließ ich nun in schnellem Tempo marschieren. Der Headman, welcher nach meiner Marschordnung stets hinter dem letzten Träger ging, feuerte die Leute immer wieder an. So kam es, daß wir schon um 8 Uhr in Abuleode eintrafen. Der Aufenthalt hier wurde uns wieder durch die Scharen der kleinen Fliegen, welche in die Augen, Ohren und Nase hineinflogen und sich an jedem nicht bedeckten Körperteile festsetzten, um den Schweiß aufzusaugen, vollständig verleidet. Da sonst nichts Interessantes hier zu finden war, beschäftigte ich mich mit Fangen von Schmetterlingen. Zu diesem Zwecke ließ ich durch meine Leute an einer sonnigen Stelle im Wege wiederholt Wasser ausgießen, bis der Boden dort vollständig durchnäßt war. Es dauerte gar nicht lange, bis sich die ersten Papilio dort niedersetzten, um die Feuchtigkeit aufzusaugen. Nach kurzer Zeit wurde die betreffende Stelle von Dutzenden umschwärmt. Die saugenden Tiere konnte ich dann einfach mit der Hand aufnehmen und durch Zerdrücken des Brustkastens töten. Etwa lädierte Exemplare legte ich mit ausgebreiteten Flügeln wieder zurück, damit sie durch die leuchtende blaue Färbung der Flügel nun immer wieder neue Tiere anzogen. Es gelang mir so, in einer Stunde nicht weniger als 63 guter Exemplare habhaft zu werden, ohne einmal den Käscher zu gebrauchen. Große Feinde aller Insektensammlungen in den Tropen sind die Ameisen, welche sofort über dieselben herfallen, sollte man es einmal wagen, frisch gefangene Sachen über Nacht frei stehen zu lassen, ohne sie durch Naphthalin oder Kampfer zu schützen.

Um 2½ Uhr ließ ich wieder aufbrechen. Teils über offenes Terrain, teils durch dichte Wälder führte uns nun unser Weg. Die Hitze war kaum mehr zu ertragen, dazu kamen die uns stets umschwärmenden Fliegen. Gegen 4½ Uhr erreichten wir ein Dorf, für welches mir die Eingeborenen den Namen Adawó angaben. Als ich weiterziehen wollte, kamen die Leute und behaupteten, es sei vor uns auf einer sehr langen Strecke kein Dorf mehr vorhanden. Da ich in der Nacht Regen befürchtete und daher meine Leute gern in Hütten schlafen lassen wollte, blieb mir nichts anderes übrig, als hier über Nacht zu bleiben. Ich ließ mein Lager unter großen Ficusbäumen aufschlagen. Da es noch sehr früh war und die Leute sonst nichts zu thun hatten, schickte ich die ganze Gesellschaft aus und ließ Milch der Ficusart sammeln, um damit zu experimentieren. Diese Milch verhielt sich nun insofern sehr merkwürdig, als sie weder durch Kochen noch durch Säurezusatz zur Koagulation zu bringen war. Ich ließ einen Topf unter beständigem Feuer etwa eine halbe Stunde scharf kochen, und selbst dadurch erzielte ich keine Koagulation. Eine andere Ficusart, welche große lederige Blätter besitzt, ergab auch nur ein klebriges Produkt, das kaum verwendbar sein würde, höchstens zur Erzielung von Wasserdichtigkeit bei Stoffen. Die Kosten des Einsammelns würden jedoch wohl kaum durch den Wert des erhaltenen Produktes gedeckt werden, wenn sich nicht etwa neue Verwendbarkeiten für dasselbe finden ließen. Es sind mir zwar schon hohe Preise genannt worden, welche für ein derartiges Produkt bezahlt worden sein sollen, doch bin ich der festen Überzeugung, daß diese nicht als Marktpreise gelten können. Es würde nämlich viel billiger sein, guten Kautschuk zu kaufen und denselben mit der gewünschten Quantität Harz zu vermischen. Die Nacht in Adawó war sehr unangenehm, erstens fing es an zu regnen, zweitens aber gab es Moskitos in Mengen. Ich erwähne dieses besonders, da es im Yoruba-Lande auffallend ist, daß die Moskitos in der Periode des beginnenden Regens so äußerst selten sind. Es ist daher das Reisen in diesen Gegenden bedeutend angenehmer als z. B. im Congostaate, in dem einem nur allzu häufig die Nächte durch diese höchst unangenehme Zugabe verleidet werden.

Am 23. März waren wir bereits um 4½ Uhr auf dem Wege. Es war herrlich, bei dem eben hereinbrechenden Morgenlichte durch den Urwald zu marschieren. Gegen 6 Uhr trafen wir mit zwei Haussa-Soldaten und vier Trägern zusammen, welche aus dem nördlich gelegenen Shaka kamen und mich um Erlaubnis baten, sich meiner Karawane anschließen zu dürfen. Ich sollte es nicht bereuen, daß wir bereits so früh aufgebrochen waren, denn bald traten wir gänzlich aus dem Urwald heraus und hatten nun auf teilweise sehr sandigem Boden über ein heißes Steppengebiet zu ziehen. Die Leute lechzten nach Wasser, das nicht zu bekommen war. Gegen 9 Uhr langten wir in Ayetoro an, einem Dorfe, das einige hundert Häuser zählen dürfte. Ich selbst war furchtbar durstig geworden auf dem Marsche durch die staubige Steppe, sehr gelegen kam mir daher ein Trunk Palmenwein, den mir der Häuptling des Dorfes als Geschenk schickte. Ich gab den Trägern hier Zeit zum Essen und Trinken und machte unterdessen einen Spaziergang durch das Dorf. Merkwürdige Fetische waren hier zu beobachten, zum Teil nur aus einem Pflanzenbüschel bestehend, der an einem langen Stab befestigt war. Einem derselben schien eine ganz besondere Macht beigemessen zu werden, denn der Platz um den Stab herum war sehr schön gesäubert, im Kreise herum standen Schalen mit Palmenöl und -Kernen, Kauris, Eßwaren aller Art und vielem anderen. Ich sah hier übrigens viele Haussa-Leute, welche nach Abeokuta gehen wollten. Einer derselben war der Abgesandte eines Haussa-Häuptlings im Innern, er trug ein wundervolles Schwert in einer prachtvoll gearbeiteten Lederscheide an einem dicken, runden, kirschroten, aus Seide hergestellten Gurte, welcher um die eine Schulter hing. Dieses Schwert war, wie er mir erklärte, ihm von seinem Herrn als Zeichen seiner Vollmacht mitgegeben worden.

Abeokuta selbst sollte nach Angaben der Eingeborenen noch „sehr weit“ sein. Ich ließ daher um 1 Uhr wieder aufbrechen. Weiter ging es über Steppengebiet; bei der immensen Hitze nicht gerade ein sehr angenehmer Spaziergang, dazu kam noch, daß die Eingeborenen jetzt bei Beginn der Regen einen Teil der Steppe abgebrannt hatten, um für ihr Vieh frisches Gras zu erhalten. Ja, wir hatten selbst einmal zehn Minuten lang am Rande einer brennenden Fläche, die sich am Wege dahinzog, entlang zu gehen. Die ganze Karawane setzte sich sehr bald in Laufschritt, um der furchtbaren Hitze möglichst bald zu entgehen.

Die Eingeborenen, welche außerhalb der Waldzone wohnen, betreiben etwas Viehzucht, weiter nach Norden zu soll sogar viel Vieh vorhanden sein. Die Tsetsefliege scheint hier also nicht so weit ins Innere zu gehen wie dieses leider in unserer Togo-Kolonie der Fall zu sein scheint. Ackerbau wird in beschränktem Maße getrieben. Hauptsächlich wird dann Manihok angepflanzt, stellenweise auch Bataten. Yams sah ich selten, ebenso Baumwolle.

Gegen 3½ Uhr sahen wir in der Ferne die riesigen Felsen, auf welchen Abeokuta zum Teil erbaut ist. Je mehr wir uns der Stadt näherten, desto reicher war das Land kultiviert und desto besser wurden die Wege. Plötzlich waren wir am Thore angelangt. Dasselbe war ähnlich wie die Thore von Ibadan erbaut; auch hier saß die Thorwache und nahm Kopfgeld von den passierenden Fremden. Als meine Träger kamen und nicht zahlten, schienen die Leute sie anhalten zu wollen, als sie aber den Weißen dahinter sahen, standen sie davon ab. Ein Kopfgeld schienen sie jedoch auch zu erwarten. Ich ließ daher durch meinen Headman sagen, daß ich nichts bezahlen werde, da ich auch in den anderen Städten nicht bezahlt habe. Daraufhin schienen sie sich zu beruhigen.

Anfangs führte unser Weg noch zwischen Feldern hin, dann zeigten sich die ersten Häuser, die zerstreut auf und zwischen mächtigen Felsen standen, bis wir schließlich das Panorama dieser riesigen Felsenstadt ganz vor uns hatten.

Abeokuta ist eine der merkwürdigsten Städte, welche ich je gesehen. Ein großer Teil der Häuser steht derartig zwischen und auf den Felsen, daß man sich unwillkürlich die Frage vorlegt: „Warum baut nur der so träge Eingeborene sein Haus hierher, wo er es doch nur nach mühevollem Klettern erreichen kann?“ Das Wasser und das Holz müssen von unten weither geholt werden, so daß die Frauen und Mädchen die beschwerlichen Kletterpartien mindestens jeden Tag einmal zu machen haben. Unser Weg führte oft über mächtige, schräge Felsen hin, die dann plötzlich jäh in die Tiefe abfielen. Ein Ausgleiten hätte genügt, um den Tod des dann Abstürzenden herbeizuführen. Für die Eingeborenen mit ihren nackten Füßen sind diese Wege natürlich weniger gefahrvoll als für den beschuhten Europäer. Die Stadt soll auch gegen 200000 Einwohner besitzen. Wie mir meine Träger mitteilten, sollen die Einwohner jetzt jedoch häufig auswandern, da der Weiße mit seiner Eisenbahn, die jetzt bereits über Abeokuta hinausgeführt ist, ihnen nun zu nahe ist.

Nach dreiviertelstündigem Marsche erreichten wir das westliche Stadtthor, das in der Nähe des Ogun-Flusses liegt. Da ich noch an demselben Tage den Endpunkt der damals im Bau begriffenen Eisenbahn erreichen wollte, um mir die Erlaubnis zu erwirken, mit meiner Karawane bis Ebute-Meta die Güterzüge benutzen zu dürfen, überschritten wir trotz der eintretenden Dämmerung den Ogun und marschierten dann auf das Lager des hier befindlichen Chef-Ingenieurs zu. Dasselbe war damals acht englische Meilen südlich von Abeokuta gelegen. Unterwegs brach mein Headman zusammen, ebenso waren die Träger so ermüdet, daß die meisten für heute marschunfähig waren. Ich gab daher dem Headman Befehl, sich einige Zeit auszuruhen und dann mir zu folgen. Ich marschierte allein im Mondscheine weiter. Um 11 Uhr langte ich im Lager des Chef-Ingenieurs, Mr. Horse, an. Hier war glücklicherweise noch niemand schlafen gegangen. Ich wurde sehr freundlich empfangen und erhielt sofort die Erlaubnis zur Benutzung der Bahn. Um 3 Uhr nachts langte schließlich auch meine Karawane an.

Um 4½ Uhr am Morgen des folgenden Tages ließ ich alles zum Aufbruch nach dem Terminus der Eisenbahnlinie rüsten. Längs des frisch aufgeworfenen Eisenbahndammes hatten wir 4½ Meilen zu marschieren. Endlich dort angekommen, sahen wir weder von einem Zuge noch von einer Lokomotive ein Anzeichen. Die arbeitenden Eingeborenen konnten mir auch keine Auskunft geben. Da kein Europäer in der Nähe war, machte ich mich daran, die Häuser derselben aufzusuchen, fand aber alle leer, erst um 9 Uhr traf ich einen Europäer, mit dem ich nun nach seiner Behausung fuhr. Meinen Leuten gab ich den Befehl, dorthin nachzukommen. Um 10½ Uhr endlich kam ein Zug. Mit diesem konnten wir um 11½ Uhr eine kurze Strecke weiterfahren, mußten dann aber aussteigen, da der Zug erst am nächsten Tage nach Ebute-Meta fahren sollte. Gegen 1 Uhr traf ganz unerwartet zu unserem Glück eine Lokomotive ein, welche noch am selbigen Tage nach Ebute-Meta zurück sollte. Da nur ein Wagen zur Beförderung meiner Karawane angehängt worden war, hatte ich die Genugthuung, daß wir sehr schnell fuhren. Es war allerdings fast unerträglich heiß, denn zu der Sonnenhitze gesellte sich noch die der Lokomotive, und was das Schlimmste für uns war, es flogen uns beständig die Funken, welche mit dem Rauch ausgestoßen wurden, ins Gesicht und auf die Kleider. Für die zum Teil recht dürftig bekleideten Träger war dieses natürlich doppelt unangenehm. Gegen 7 Uhr langten wir am Abend in Ebute-Meta an. Sogleich schickte ich Leute aus, welche einige große Canoes besorgen sollten, damit wir sofort über die Lagos-Lagune nach der Stadt hinüber könnten. Nach langem Handeln ließen sich endlich einige Eingeborene bewegen, uns in Canoes nach Ebute-Ero überzusetzen. Es war eine prachtvolle Fahrt in hellem Mondschein über die Lagos-Lagune. Meine Leute sangen lustige Lieder, als sie Ebute-Ero wieder vor sich sahen, und erzählten den Canoeleuten alle möglichen Geschichten, welche während der Expedition passiert sein sollten.

In Ebute-Ero begrüßte ich zunächst die Herren in der Gayserschen Zweigfaktorei: dann ging es nach Lagos hinüber. Ich hatte hier eine Hängematte erhalten und ließ mich nun nach der Hauptfaktorei in Lagos tragen. Um 9 Uhr traf ich dort ein. Herr Fritsch nahm mich wieder freundlichst auf.

Am folgenden Tage löhnte ich die Träger ab und begann nun mit den Vorbereitungen zur Weiterreise nach Kamerun. Vor allen Dingen hatte ich die Kickxiasamen richtig auszutrocknen und die gesammelten Pflanzen einzupacken, ebenso waren die Trägerlasten wieder derartig in Kisten zu verpacken, daß sie auf dem Dampfer nach Kamerun weitertransportiert werden konnten. Es war ursprünglich meine Absicht gewesen, einige Lagos-Leute, welche bereits als Gummisammler in den Wäldern des Yoruba-Landes Kickxia ausgebeutet hatten, für die spätere Congo- und Sanga-Reise zu engagieren. Das, was ich während meiner Reise im Hinterlande von Lagos gesehen, hatte mich aber immer mehr von diesem Plane abgebracht, denn hätte ich solche Lagos-Leute in die Sanga-Ngoko-Region hineingebracht, so würde ich damit auch dort den Raubbau eingeführt haben, wie er hier im Yoruba-Lande verbreitet ist, und die Kickxiabestände, welche ich späterhin dort feststellen konnte, würden in Kürze demselben Schicksal verfallen sein, wie die im Djibu- und Yoruba-Lande einst so reichlich vorhandenen.

Während der wenigen Tage, welche ich noch in Lagos verbringen mußte, bis der Dampfer eintraf, hatten wir wiederholt starke Gewitterregen. Bei einem derselben wurden leider meine ganzen Pflanzensammlungen gehörig durchnäßt, so daß ich große Mühe hatte, dieselben wieder zu trocknen. Diese Regen erscheinen hier an der westafrikanischen Küste häufig so plötzlich, daß man nicht immer die nötigen Vorsichtsmaßregeln dagegen treffen kann.

Ein für mich in Lagos äußerst interessanter Tag war der Markttag. Ich ging zusammen mit dem bereits oben genannten Dr. Randle an einem solchen Tage einmal dorthin, wo die Frauen die im Lande angewendeten Medizinen verkauften. Dieselben bestanden vorzugsweise aus Pflanzen. Da meines Wissens eine Liste solcher Pflanzen aus dieser Region nie veröffentlicht worden ist, dürfte eine solche, wie ich sie hier zusammengestellt habe, von einigem Interesse sein. Dr. Randle war so freundlich, die Namen der Eingeborenen für die betreffenden Arten hinzuzufügen.

Botanischer Name Yoruba-Name
Sanseviera guineensis Pason-Koko
Xanthosoma esculentum Ogiri-sako
Dicliptera spec. Kusu-mope
Cleome spec. Ay-tare
Cassia occidentalis Rere
Paullinia alata Kakasenla
Alternanthera sessilis Ebede
Trema spec. Afere
Waltheria indica Ewe Epo
Striga spec. Osa
Boerhaavia spec. Etipasa Evinla
Biophytum sensitivum Patomo
Aerua lanata Ewe Owo
Ocimum spec. Efiri
Portulacca oleracea Papa sohum
Hoslundia africana Efiri Fufun
Crotalaria spec. Ewe Orubu Epa
Abrus praecatorius Misin Misin
Momordica Balsamina Ejrin.

Der Dampfer „Aline Woermann“, mit dem ich nun nach Kamerun weiterfahren wollte, traf unerwarteterweise äußerst pünktlich am 1. April vor Lagos ein. Ich hatte kaum noch Zeit genug, meine Sachen vollständig fertig zu machen. Zu meinem Glücke waren die Barrenverhältnisse zu ungünstig, um den Barrendampfern noch an demselben Tage die Durchfahrt zu gestatten. Dadurch gewann ich noch genügend Zeit. Am nächsten Tage, dem 1. Osterfeiertage, fuhr ich nun in Begleitung der Herren Fritsch und Schurmann auf dem Barrendampfer „Teck“ hinaus und stieg dann auf die „Aline Woermann“ über. Bis zum Abend blieben wir noch vor Lagos, da die aus Europa kommende Ladung nun erst auf die Barrendampfer übertragen werden mußte. Endlich um 7 Uhr ertönte das Signal zur Abfahrt.

II. Kapitel.
Aufenthalt in Kamerun, Reise nach und auf dem Congo.

Während der kurzen Fahrt von Lagos nach der Kamerun-Küste hatten wir vorzügliches Wetter. Die See war spiegelglatt, kein Lüftchen regte sich. Am Morgen des 4. April tauchte plötzlich der Kamerunberg vor unseren Augen auf, als sich die Nebel, welche umherhingen, etwas lüfteten. Seine Spitze war leider nicht zu sehen. Doch dessenungeachtet war ein jeder der Passagiere entzückt von dem Anblick, welcher sich uns bot, als wir uns der Küste bei Bibundi näherten. Die tropische Fülle und Üppigkeit der Vegetation überstieg alle Erwartungen. Der dichte Urwald, welcher das Land bedeckte, soweit wir im stande waren, es zu sehen, machte mit seinen riesigen Bäumen, die von Epiphyten aller Art bedeckt waren, einen gewaltigen Eindruck auf einen jeden der Beschauer.

Gegen 7 Uhr am Morgen warfen wir Anker vor Bibundi. Natürlich konnte niemand der Passagiere seinen Wunsch bezwingen, dieses tropische Paradies zu sehen. Alle gingen mit der nächsten Gelegenheit an Land. Mit verschiedenen anderen Herren ging ich nun nach der Kakaoplantage der Bibundi-Gesellschaft. Herr Rackow, der damalige Leiter, empfing uns bereits am Strande. Da es in meiner Absicht lag, mit Herrn Rackow betreffs Kickxiakulturen zu sprechen, so benutzte ich diese dazu günstige Gelegenheit, fand allerdings bis jetzt nicht viel Gehör für Einführung einer neuen Kultur, um so weniger, als wir auch auf dem Schiffe einen Pflanzer aus Sumatra mitgebracht hatten, der hier in Bibundi eine Tabakplantage anlegen sollte. So konnte ich denn diesen meinen ersten Besuch in Bibundi nur zur allgemeinen Orientierung verwenden. Ich besprach daher mit Herrn Rackow meinen Plan, daß ich in einiger Zeit von Victoria nach Bibundi zurückkehren wollte, um dann einige Tage dort zu verweilen. Auch Herrn Oberleutnant v. Carnap traf ich hier in Bibundi. Derselbe war mit einer größeren Truppe von Arbeitern, welche er im Rio-del-Rey-Gebiete angeworben hatte, vor kurzem dort eingetroffen, und wollte nun die Gelegenheit wahrnehmen, um mit unserem Dampfer die Leute nach Kriegsschiffhafen zu bringen. Da das Anbordbringen der Leute ziemlich langsam vor sich gehen konnte, denn wir hatten in beträchtlicher Entfernung von der Küste Anker geworfen, so konnten wir erst um 5 Uhr wieder in See gehen. Längs der wundervollen Küste fuhren wir nun an der Ambas-Bai mit Victoria und den beiden Inseln Mundule und Ambas vorbei, um die Affen-Halbinsel herum in die prachtvolle Bucht von Kriegsschiffhafen hinein. Noch in der Dunkelheit wurden die neuangeworbenen Arbeiter, 214 an der Zahl, gelandet. Mit Tagesanbruch am 5. April wurden die Anker wieder gelichtet. Um 5½ Uhr waren wir vor Victoria.

Es war ein prachtvoller Morgen; der im Hintergrunde aufsteigende Kamerunberg war bis zur Spitze des Engelberges mit Nebel bedeckt. Darunter die dunklen, dicht bewaldeten Hügel, im Gegensatz zu den weißgetünchten Häusern von Victoria: ein Bild, wie man es an der ganzen westafrikanischen Küste nicht wieder sehen kann.

Zusammen mit Herrn Oberleutnant v. Carnap fuhr ich an Land. Da ich die Absicht hatte, mich einige Zeit in dem Victoria-Bezirke aufzuhalten, quartierte ich mich in dem Hotel der Ambas-Bay Trading Comp. ein. Dank des Entgegenkommens, welches ich von Seiten des damaligen Bezirksamtmannes, Herrn Assessor Horn, fand, und vor allen Dingen des regen Interesses, welches Herr Oberleutnant v. Carnap meinen Unternehmungen entgegenbrachte, waren die Gepäckstücke und sonstigen Expeditionsgüter bald in einem Schuppen der Ambas-Bay Trading Comp. untergebracht.

Nach dem Essen machte ich mich sogleich auf den Weg zum botanischen Garten und besprach dort mit dem anwesenden Gärtner die Möglichkeit, meine Kickxiasamen zum Teil dort aussäen zu lassen. Es wurden sogleich auch Beete hergerichtet, so daß schon am 7. April die Samen ausgesät werden konnten. Auch die Ficusstecklinge, welche ich aus Lagos mitgebracht hatte, konnten zu derselben Zeit in den Boden eingesteckt werden.

Während der nächsten Tage machte ich mit Herrn Oberleutnant v. Carnap zusammen verschiedene kleine Exkursionen und Ausflüge, um mich über die Verhältnisse und die Vegetation etwas zu orientieren.

Am 9. April fuhr ich zusammen mit den Herren Assessor Horn und Oberleutnant v. Carnap nach Kriegsschiffhafen zu Herrn Frederici, mit dem ich auch die Möglichkeit einer Kickxiaanlage daselbst besprechen wollte. Die Fahrt dorthin unternahmen wir in einem Regierungsboote. Gegen 10½ Uhr langten wir bei Herrn Frederici an, der uns äußerst liebenswürdig aufnahm. Schon auf dem Wege von dem Landungsplatze bis zum Wohnhause des Herrn Frederici konnte man sehen, daß hier eine peinliche Ordnung allenthalben herrschte. Die Gebäude waren solide und praktisch aufgeführt, kurzum man sah, daß Herr Frederici nicht umsonst als Muster eines Plantagenleiters in Kamerun gilt.

Als ich im Laufe der Unterhaltung Herrn Frederici fragte, wie er sich zur Frage des Anbaues von Kautschukbäumen stelle, äußerte er sich, entschieden dagegen zu sein. Als ich ihm nun die Vorteile einer solchen Anlage im Falle des Gedeihens der Kickxia vor Augen führte, gelang es mir zu meiner nicht geringen Freude, ihn vollständig umzustimmen, so daß er sich sofort bereit erklärte, eine solche Pflanzung anzulegen. Da ich schon allenthalben von der Tüchtigkeit dieses äußerst praktischen Mannes gehört hatte, lag mir viel daran, vor allen Dingen ihn für meine Sache zu gewinnen; es war natürlich nun eine große Genugthuung für mich, daß es mir gelang. Am Nachmittage machten wir einen längeren Spaziergang, um die Plantage zu besichtigen. Bei dieser Gelegenheit stellten wir auch gleich einen Platz fest, welcher zur Anlage der Saatbeete für die Kickxia reserviert werden sollte, ebenso die Lokalitäten, auf denen dann später die Kickxia in der von mir vorgeschlagenen Weise ausgepflanzt werden sollten. Zur Anlage dieser Kickxiaanpflanzungen wählten wir die Hügel, welche sonst für Kakaokulturen weniger geeignet sind.

Es war eine Freude, zu sehen, wie alle Bestände in wundervoller Ordnung gehalten wurden, besonders die von Herrn Frederici in neuerer Zeit angelegten. Beständig waren neue Pflanzen an Stelle etwaiger kranker oder abgestorbener Bäume eingesetzt worden, so daß nur wenige Lücken in den Beständen vorhanden waren. Da, wo von Herrn Fredericis Vorgänger die einzelnen Stämme zu dicht gepflanzt waren, wurde allmählich mehr Luft geschafft. Schöne breite Wege, die in vorzüglichem Zustande waren, durchschnitten die Plantage nach allen Seiten. Die Wasserläufe waren durch schöne massive Brücken passierbar gemacht. Besonders gut gefiel mir das von Herrn Frederici erst unlängst angelegte Vorwerk „Wasserfall“. Hier hatte Herr F. die Erfahrungen, welche er im Laufe der Jahre gesammelt hatte, alle verwerten können. Hier sah man die regelmäßigsten Bestände. Dieselben bestanden zwar meist nur aus jüngeren Pflanzen, versprachen aber, sich prachtvoll zu entwickeln. Die Anlagen zum Gären und Dörren des Kakaos waren entschieden die praktischsten, welche ich gesehen. Die letzteren waren ganz ähnlich den Dörrhäusern, welche Dr. Preuß in seinen Berichten an das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee aus Südamerika abgebildet und beschrieben hat.

Am Abend kehrte Herr Assessor Horn nach Victoria allein zurück, Herr Oberleutnant v. Carnap und ich blieben über Nacht bei Herrn Frederici, um am nächsten Morgen erst auf dem Landwege nach Victoria zurückzugehen. Unser Weg von Kriegsschiffhafen nach Victoria führte durch das Vorwerk Wasserfall über eine Hügelkette. Sobald wir die Grenze der Kriegsschiffhafen-Plantage überschritten hatten, wurde er schmaler und war mehr vernachlässigt, stellenweise war er vollständig mit Unkraut bewachsen. Der prachtvolle Urwald zu beiden Seiten wurde hin und wieder von Anpflanzungen der [Victoria-Neger] unterbrochen. Die Kakaobestände derselben waren häufig zu dicht bewachsen, sonst wurden hauptsächlich Bananen und Planten, letztere eine nicht süße, große Bananenart, gepflanzt. Stellenweise sah man etwas Maniok (Kassada) und Xantosoma esculentum (Koko).

Am Morgen des 11. April brach ich mit zwei Trägern (Majumba-Leuten) und einem Jungen nach Buea auf, um mich dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer vorzustellen. Der schöne, weit gehaltene Weg führte über den Limbe-Bach hinüber durch einige Vorwerke der [„Victoria“-Plantagengesellschaft]. Die Kakaobestände daselbst standen zum großen Teile nicht schlecht, doch war der Boden stellenweise so steinig, daß man sich unwillkürlich fragen mußte, ob denn die Bäumchen hier für längere Zeit sich würden halten können. Hinter dem Limbe-Vorwerk stieg der Weg allmählich nach Bomana zu an. Er war an den steileren Stellen besonders dicht mit Basalt- und Lavageröll bedeckt. Da die Sonne unterdessen schon etwas höher gestiegen war, konnten die Träger mit den schweren Koffern nicht mehr so schnell vorwärts. Ich ging daher mit dem Jungen voraus. Oberhalb Bomana traten in dem Urwalde stellenweise schon offenere Partien auf, welche mit Elefantengras bewachsen waren. Dieses letztere ist eine riesige Pennisetumart, welche nicht selten eine Höhe von 3 m erreicht. Gegen 11½ Uhr erreichte ich den Rand des oberen Plateaus, auf dem Buea gelegen ist. Dasselbe liegt 800 bis 900 m über dem Meeresspiegel. Dichter Urwald war hier nicht mehr vorhanden. Ehe ich die Station Buea, den Sitz des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer, erreichte, hatte ich noch durch einen Teil der „Günther-Soppo-Pflanzung“ zu marschieren. Die Kaffeebäumchen daselbst sahen meist nicht sehr vielversprechend aus, viele waren eingegangen, andere schienen zu kränkeln. Offenbar behagte ihnen die kalte, nebelige Luft dieses Plateaus nicht mehr. Kakao gedeiht so hoch oben am Kamerunberge auch nicht mehr. Gegen 12½ Uhr traf ich auf der Station Buea ein. Ich meldete mich hier bei dem Stationschef, Herrn Leuschner, welcher mit seiner Gemahlin mich sehr liebenswürdig aufnahm und mir in dem Logierhaus, welches für Durchreisende und neue Ankömmlinge sowie für Rekonvaleszenten, welche etwa aus der mörderischen Küstenzone heraufkommen sollten, gebaut ist, ein Zimmer anwiesen. Die Station liegt direkt am Fuße des Gipfelkegels des Kamerun-Gebirges. Zur Zeit meiner damaligen Ankunft bestand sie aus etwa 15 Häusern. Das Klima ist hier für Europäer gesund, besonders da Fieber hier nicht mehr vorzukommen scheint, doch werden infolge der häufigen Nebel die Europäer leicht von Rheumatismus befallen. Da die Eingeborenen der Umgebung jetzt vollständig beruhigt sind, wird hier nur eine kleine Polizeisoldatentruppe gehalten, welche hauptsächlich Ordonnanzdienste zu verrichten hat.

Am Nachmittage empfing mich der Gouverneur Herr v. Puttkamer. Er brachte meiner Expedition, wie überhaupt allen Dingen, welche die Entwickelung des Schutzgebietes fördern könnten, ein sehr reges Interesse entgegen und versprach, meine Pläne in jeder Weise zu unterstützen. Daß dies nicht leere Versprechungen waren, hatte ich in Zukunft genug Gelegenheit, wahrzunehmen. Ich kann daher dem Herrn Gouverneur v. Puttkamer nicht genug Dank wissen für die Art, in welcher er die Interessen meiner Expedition gefördert hat.

Bei seiner letzten Rückkehr aus Europa hatte Herr Gouverneur v. Puttkamer eine Anzahl Algäuer Kühe nach Kamerun hinüberführen und nach Buea auf die Station bringen lassen. Dieselben haben sich hier sehr gut entwickelt und geben reichlich Milch. Leider aber scheint das Futter des Kamerun-Gebirges nicht genügend kräftig zu sein, so daß ein nicht geringer Teil desselben für die Tiere noch immer aus Europa importiert werden muß. Man hatte auch bereits Versuche gemacht, Kreuzungen zwischen dem Algäuer Vieh und eingeborenen Kamerun-Kühen zu erziehen, so daß es nicht ausgeschlossen ist, daß dadurch die einheimischen Rinder bedeutend verbessert werden.

In Buea hielt ich mich bis zum 13. April auf. Ich verbrachte die Zeit daselbst, so gut es ging, mit Sammeln von Pflanzen, Exkursionen, und vor allen Dingen Besuchen nach der Günther-Soppo-Plantage. Herr Günther hatte nämlich eine kleine Landolphiapflanzung angelegt, welche wohl die erste in unserem Schutzgebiete sein dürfte. Die Pflänzchen schienen sich an den Bäumchen, an deren Fuße sie angepflanzt waren, recht wohl zu befinden, einige waren bereits gegen 2 m hoch. Doch trotz dieses guten Gedeihens scheint mir eine solche Anlage, wenn sie in dieser Weise noch einer gewissen Pflege bedarf, nicht rentabel genug zu sein. Vor dem 15. Jahre dürften die Lianen wohl kaum anzapfbar sein, und da dieselben nur sehr wenig Latex abgeben, würden die Unkosten wohl in keinem annehmbaren Verhältnisse zu dem Gewinne stehen. Während eines Streifzuges auf dem Boden der Soppo-Plantage fand ich eine Ficusart, aus der Verwandtschaft der P. Preussii Warb., deren Milch nach der Koagulation ein ganz ähnliches Produkt ergab, als die der Ficusart aus dem Yoruba-Lande. Natürlich kann ich über diese Art daher nur dasselbe sagen, wie von der Yoruba-Art. Man muß mit solchen Dingen natürlich sehr vorsichtig sein, da sich für ein so minderwerthiges Material erst allmählich ein Absatz auf dem Kautschukmarkte erzielen läßt. Ändern würde sich diese Sachlage natürlich dadurch, daß sich eine neue Verwendung für solche Produkte finden ließe. Der Kakao auf der Soppo-Plantage stand da, wo er nicht in zu hoher Lage ausgepflanzt war, nicht schlecht; dennoch machte die ganze Plantage einen etwas verwahrlosten Eindruck, obgleich die Wege recht gut gehalten waren. Herr Günther schrieb dieses dem Mangel an Arbeiter- und Aufseherpersonal zu, das lange nicht ausreiche, um die unter Kultur gesetzten Ländereien in Ordnung zu halten.

Am Nachmittage des 13. April verabschiedete ich mich bei dem so äußerst zuvorkommenden und liebenswürdigen Herrn v. Puttkamer und trat nun meinen Rückmarsch nach Victoria an. Um 2 Uhr verließ ich Buea; auf einem direkteren, aber steileren Wege stieg ich ab, so schnell es in dem Lavageröll ging. Um 6¼ Uhr traf ich in Victoria ein. Hier bezog ich wieder mein altes Quartier in dem Ambas-Bay-Hotel bei Herrn Lange. Von der Ficusart, welche ich bei Soppo gefunden hatte, brachte ich auch Stecklinge für den botanischen Garten in Victoria mit.

Während einiger Tage blieb ich nun in Victoria, um zunächst einige Versuche mit der Milch der Ficus elastica zu machen. Im botanischen Garten waren einige ältere Stämme, welche zum Anzapfen durchaus geeignet schienen. Das Resultat dieser Untersuchungen deckte sich genau mit den Ergebnissen der Experimente, welche ich kurze Zeit später in Bibundi anstellte, es konnte kaum zufriedenstellend genannt werden. Der Kautschuk war entschieden von inferiorer Qualität, obgleich etwas besser als der der Ficusarten aus dem Yoruba-Lande und von Buea.

Zusammen mit Herrn Oberleutnant v. Carnap besuchte ich damals auch die Moliwepflanzung, welche unter der tüchtigen Leitung des Herrn Stammler eben zu entstehen begann. Die zu jener Zeit zur ersten Anlage ausgesuchte Lokalität befand sich etwa ¾ Stunde von Victoria entfernt. Dort angekommen, überzeugte ich mich sofort, daß es unter den damals waltenden Umständen für Herrn Stammler vollständig unmöglich war, sofort Kickxiasaat zu übernehmen. Da er sich aber entschlossen hatte, Kickxia anzupflanzen, so machte ich ihm einen Vorschlag, auf den er nur zu gern einging. Ich wollte dem botanischen Garten in Victoria die für die Moliwepflanzung bestimmten Kickxiasamen zur Aussaat übergeben. Herr Stammler mußte sich verpflichten, dieselben bis zum 1. August 1899 spätestens abzuholen, sonst verfielen die Pflänzchen dem botanischen Garten als Eigentum. In dieser Weise wurde denn auch alles arrangiert. Herr Assessor Horn, der gewissermaßen Herrn Dr. Preuß während seiner Abwesenheit vertrat, gab seine Einwilligung dazu. Somit wurden der Moliwepflanzung auch einige tausend Kickxiapflänzchen gesichert.

Da ich, wie ich schon oben angegeben, die Absicht hatte, noch einmal Bibundi zu besuchen, um Kickxiasamen dorthin zu bringen, so benutzte ich, mit Genehmigung des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer, eine Gelegenheit, dorthin zu gelangen, welche sich am 17. April bot. Der Regierungsdampfer „Nachtigal“ sollte Herrn Hauptmann v. Besser nach Bibundi bringen, wo er die Grenze zwischen der Sanje- und der Bibundi-Plantage festlegen wollte. Ich begleitete daher Herrn Hauptmann v. Besser nach Bibundi. Als wir gegen 10½ Uhr dort eintrafen, war leider Herr Rackow eben im Begriff, nach Victoria abzureisen. Ich konnte also nur das Nötigste mit ihm besprechen. Von Frau Rackow wurden wir in der freundlichsten Weise aufgenommen. Diese Dame, welche hier in der Halbcivilisation unermüdlich ihrem Haushalte vorstand, ist ein Segen für die sich in Bibundi aufhaltenden Europäer gewesen. Wo es nur immer in Krankheitsfällen etwas zu helfen gab, hat sie stets für die betreffenden Herren in der edelmütigsten Weise gesorgt. Auch uns wußte sie hier das Leben recht angenehm zu machen; wenn nur jemand einen Wunsch äußerte, wurde er sogleich erfüllt, wenn dies irgend möglich war.

Wie ich mit Herrn Rackow verabredet hatte, ließ ich unter meiner Aufsicht für die Kickxiasamen hier Saatbeete anlegen und zwar in derselben Weise, wie ich es bereits auf Kriegsschiffhafen und im botanischen Garten zu Victoria vorgeschlagen hatte.

Die vier Tage meines Aufenthaltes in Bibundi suchte ich nun soweit als möglich auszunutzen. Am Nachmittage des 17. April machte ich mit Herrn Hauptmann v. Besser einen Besuch auf der Sanje-Plantage. Herr Becker, der Leiter derselben, war eben dabei, eine größere Fläche für Kakaokulturen zu reinigen. Die Lage der Plantage in einer großen, mäßig feuchten und äußerst fruchtbaren Ebene, auf der zur Anlage der Anpflanzungen eigentlich nur wenig Wald wegzuschlagen sein wird, stellt bei guter Betriebsleitung für das Unternehmen eine große Zukunft in Aussicht. Auf dem Gebiete der Sanje-Gesellschaft sind noch einige alte Kakaogärten eines ehemaligen Elefantenjägers vorhanden, welche von der Gesellschaft übernommen worden waren. Diese Gärten waren recht gut in Pflege gehalten und mit großem Geschick angelegt, so daß Herr Becker sehr recht that, indem er diese Anlagen sogleich fortsetzen ließ.

Auch hier in Bibundi waren bei dem Wohnhause des Herrn Rackow einige Ficus elastica-Stämme von genügender Stärke vorhanden, so daß ich Versuche damit anstellen konnte. Ich ließ zu dem Zwecke Milch derselben einsammeln, kam aber bei meinen Experimenten zu demselben Schlusse wie in Victoria. Der Kautschuk war entschieden ein minderwertiges Produkt, jedoch nicht gänzlich unbrauchbar.

Am 20. April begleitete ich Herrn Hauptmann v. Besser auf einer seiner Vermessungstouren, um die Flora des Gebirgswaldes hier kennen zu lernen. Wir drangen längs der östlichen Grenzlinie des Bibundi-Gebietes ziemlich tief in den Urwald ein. Das Ergebnis dieser Exkursion war für mich nicht anders als ich erwartete. Es fanden sich einige Landolphien, die wirklich Kautschuk lieferten, aber nicht zahlreich genug vorhanden zu sein schienen, um einen Abbau seitens der Europäer zu rechtfertigen. Von Kickxia war nichts zu entdecken, ebenso wenig von kautschukliefernden Ficusarten.

Da ein längerer Aufenthalt in Bibundi für mich nur Zeitverlust bedeutet hätte, weil ich doch jetzt nach der Aussaat der Kickxien in Abwesenheit des Herrn Rackow nichts ausrichten konnte, beschloß ich, am Morgen des 21. April mit einem Boote nach Victoria zurückzukehren. Einer der Herren von Bibundi, Herr Mazat, welcher nach Kamerun wollte, begleitete mich. Erst um 9 Uhr kamen wir von Bibundi fort, da sich natürlich im letzten Augenblicke immer wieder etwas Neues fand, was die Herren Bootsjungen noch zu besorgen hatten. Es herrschte eine grauenhafte Windstille, so daß wir uns im Boote vor der Hitze kaum retten konnten. Natürlich kamen wir auch nur sehr langsam vorwärts, da wir nicht das Segel gebrauchen konnten. Wir fuhren um das Kap Debundja herum nach Isongo, wo wir bei dem Leiter dieses Vorwerkes der Bibundi-Pflanzung, Herrn Kundler, unser Mittagsmahl einnahmen. Es war gegen 2½ Uhr, als wir eintrafen. Die Kakaopflanzung stand hier recht gut und war schön rein gehalten. Bei den hier besonders starken Regenfällen scheint sich dieser Ort für Kakao vorzüglich zu eignen, ebensowohl für Vanille, welche in neuerer Zeit dorthin eingeführt werden soll. Landschaftlich bietet Isongo ein reizendes Bild dar. Gegen 4 Uhr brachen wir wieder von Isongo auf, um noch bis Mokindange fahren zu können. Eine Brise, welche sich plötzlich erhob, war für uns günstig. So kam es, daß wir gegen unsere Erwartungen bereits um 6½ Uhr vor Mokindange waren. Es war eine gefährliche Fahrt hinein in die mit zerstreuten Felsen reich bedeckte Bucht, da aber Herr Mazat sowohl wie unsere Bootsleute häufig vorher hier gewesen waren, kamen wir endlich wohlbehalten bei Herrn Böklin, welcher der hiesigen Plantage vorsteht, an. Mokindange ist ebenso wie Isongo noch ein Vorwerk der Bibundi-Plantage. Die Plantage konnte ich leider nicht mehr besichtigen, da wir am nächsten Morgen bereits um 6 Uhr wieder abfuhren. Der Wind war wieder ungünstig für uns, so daß unsere Leute die ganze Strecke rudern mußten. Wir fuhren bei dem Dorfe Bota vorbei, zwischen den merkwürdigen „Piraten“-Inseln und dem Festlande hindurch nach Victoria zu. Unterwegs liefen wir noch einmal an der Küste bei Herrn Weilers Besitz an, wo Herr Mazat noch einiges Geschäftliche zu arrangieren hatte. Gegen 9 Uhr langten wir endlich bei strömendem Regen in Victoria an.

Da sich der Monat nun seinem Ende zuneigte, benutzte ich die nächsten Tage meines Aufenthalts in Victoria dazu, die für meine Congo-Reise nötigen Lasten zusammenzustellen. Außerdem setzte ich meine Experimente mit der Milch der Ficus elastica fort.

Einer Verabredung gemäß schickte Herr Frederici am 26. April vom Kriegsschiffhafen aus ein Boot, um mich dorthin abzuholen, damit wir die Kickxien aussäen könnten. Noch an demselben Tage wurden die Saatbeete fertiggestellt und am nächsten Tage die Samen gleich in Abständen von 1 dm einzeln eingesteckt. Zum Schutz gegen die Sonne mußte natürlich ein leichtes Dach von Wedeln der Ölpalme hergestellt werden, was einfach dadurch erzielt wurde, daß man diese Wedel auf dazu angebrachten Stellagen darüber legte.

Ich besichtigte nun während meines Aufenthalts die Plantage genauer als es mir vorher die Zeit erlaubt hatte. Auch das Vorwerk N’Bamba besuchte ich. Überall fand ich dieselbe Ordnung, überall die Anlagen praktisch und doch ohne großen Kostenaufwand aufgeführt. Wir unterzogen nun auch die für Kickxiabestände ausersehenen Hügelrücken einer Besichtigung. Ich fand hier dieselbe Urwaldvegetation wie in den Wäldern des Yoruba-Landes, wo ich Kickxia angetroffen hatte. Der Boden war zwar entschieden fruchtbarer und von anderer Beschaffenheit, doch scheint dieser Umstand, wie meine späteren Reisen in das Bakossi-Gebiet bewiesen, von nicht so hoher Bedeutung zu sein.

Als ich am 22. Mai nach Victoria zurückkehren wollte, wollte es der Zufall, daß gerade der Dampfer „Adolph Woermann“ auf seiner Rückreise nach Victoria Kriegsschiffhafen anlief. Herr Kapitän Jensen war so freundlich, mich nach Victoria mitzunehmen. Dieser Umstand war mir besonders angenehm, da ich erfuhr, daß Herr Küderling aus Campo, welcher als einziger bisher für Kickxiaplantagen im Schutzgebiete eingetreten war, sich an Bord befände. Ich hatte sonach Gelegenheit, mich eingehender mit ihm über die Kickxiakultur zu unterhalten, und gab ihm das Versprechen, nach meiner Rückkehr aus der Sanga-Ngoko-Region, auch seine Plantage am Campo-Flusse zu besuchen.

In Victoria sah ich zu meiner großen Freude, daß die Kickxiasamen bereits anfingen aufzugehen. Kaum 5 pCt. der Samen schienen auszubleiben.

Da der „Woermann-Dampfer“, welcher nach dem Congo fahren sollte, nun jeden Tag in Kamerun erwartet wurde, fuhr ich am 7. Mai mit der „Nachtigal“ nach Kamerun hinüber, um daselbst auf den Dampfer zu warten. Herr Gouverneur v. Puttkamer, welcher erst seit kurzem vom Congo zurückgekehrt war, war so liebenswürdig gewesen, mir Empfehlungen an die dortigen Behörden und andere Persönlichkeiten, welche mir von Nutzen sein konnten, mitzugeben. Ebenso hatte er mir viele Ratschläge erteilt, deren Nutzen ich sehr bald erkennen sollte.

In Kamerun nahm mich Herr Großberger für die Zeit meines Aufenthaltes daselbst in seiner Faktorei auf. Als bald die Nachricht von Europa kam, daß der für den Congo bestimmte Dampfer in der Elbe Schaden erlitten habe und daher durch einen anderen ersetzt werden solle, beschloß ich, mit dem auch schon erwarteten englischen Dampfer „Roquelle“ zu fahren. Auch dieser hatte Verspätung und lief erst am 9. Mai im Kamerun-Flusse ein. Da mir der Kapitän versicherte, daß er nicht vor dem 12. Mai wieder abfahren könne, benutzte ich die Gelegenheit, mich in Kamerun näher umzusehen.

Kamerun, die Hauptstadt des gleichnamigen Schutzgebietes, liegt an dem durch Zusammenfluß des Mungo und des Wuri gebildeten breiten Kamerun-Flusse. Die Stadt der Europäer zieht sich längs der Ufer des Flusses hin; die Gouvernementsgebäude bedecken einen Teil eines hinter und über der Europäerstadt gelegenen Hügelrückens, der unter dem Namen Yoss-Platte bekannt ist. Dieser Hügelrücken fällt nach dem Wuri zu allmählich ab. Auf ihm haben sich auch die Eingeborenen festgesetzt, welche hier die großen Dörfer Belltown, Deidotown etc. angelegt haben. Der Gesundheitszustand der Europäer scheint gerade hier ein bedeutend schlechterer zu sein, als in den meisten anderen Niederlassungen unseres Schutzgebietes. Gerade in den letzten Jahren sind daselbst viele der dortigen Ansiedler dem mörderischen Klima erlegen. Der Handel mit den Eingeborenen im Hinterlande wird auch jetzt noch meist durch Zwischenhändler aus dem Dualla-Stamme vermittelt. Da ein nicht unbedeutender Handel auf den Flußläufen aus dem Hinterlande herunter kommt, so ist es nicht zu verwundern, daß sich gerade hier so viele Kaufleute Faktoreien erworben haben. Ein solches Zusammentreffen vieler europäischer Kaufleute, von denen wohl die eine Hälfte Deutsche, die andere englische Unterthanen sind, hatte natürlich zur Folge, daß die einzelnen Firmen höhere Preise für die Produkte, welche aus dem Innern kamen, zu zahlen hatten, als dies bei geringerer Konkurrenz der Fall gewesen wäre. Da diese Verhältnisse immer schlimmer wurden und die Kaufleute endlich einen immer geringeren Verdienst von ihren Waren erzielen konnten, so ist es nicht zu verwundern, daß die Entwickelung des Handels in Kamerun in den letzten Jahren nicht mit den anderen Niederlassungen in unserem Schutzgebiete Schritt halten konnte.

Noch am Abend des 11. Mai siedelte ich mit meinem ganzen Gepäck zur „Roquelle“ über. Da die für die Fahrt nach dem Congo bestimmten Dampfer noch mehr Frachtdampfer, im eigentlichen Sinne des Wortes, sind als die, welche den allmonatlichen Postverkehr nach Kamerun von Hamburg vermitteln, so war es natürlich mit dem Komfort an Bord der „Roquelle“ nicht weit her. Dessenungeachtet muß ich sagen, daß ich mich dennoch bald hier heimisch fühlte, trotz der Petroleumlämpchen, durch welche die Kabinen des Abends erleuchtet wurden. Der Kapitän und die Offiziere thaten hier entschieden ihr Möglichstes, um den Passagieren die Reise angenehm zu machen.

Gegen 8 Uhr morgens verließ die „Roquelle“ am 12. Mai Kamerun. Es war ein prachtvoller Tag. Auf dem sonst meist sehr heißen Kamerun-Fluß wehte eine angenehm kühlende Brise. Als sich dieselbe gegen Mittag legte, wurde es sogleich bedeutend heißer. Ich empfand die Hitze nicht besonders, fuhren wir doch ziemlich nahe an der Küste entlang, so daß man die Niederlassungen der Europäer, wie Longji, Plantation und Kribi deutlich erkennen konnte und mein Interesse so stets rege gehalten wurde. Die bei Malimba ziemlich niedrige Küste wird nach dem Süden unseres Schutzgebietes hier allmählich hügeliger. Das ganze Land, soweit das Auge es erblicken kann, ist mit dichtem Urwalde bedeckt. Um 4½ Uhr kam Groß-Batanga, unser nächster Bestimmungsplatz, in Sicht. Um 5 Uhr ließen wir die Anker fallen. Da ich geschäftlich hier in der Woermannschen Faktorei zu thun hatte, benutzte ich die erste Gelegenheit, welche sich mir bot, an Land zu gehen. Unser Schiff lag in bedeutender Entfernung vom Lande, so daß wir erst um 6 Uhr daselbst eintrafen, als eben die Dunkelheit anbrach. Da wir nur wenig Cargo für Groß-Batanga an Bord hatten, konnte ich mich nicht lange hier aufhalten, sondern mußte sogleich nach Erledigung meiner Geschäfte wieder an Bord zurück. Noch an demselben Abend fuhren wir weiter. Als ich am Morgen des nächsten Tages an Deck erschien, kam eben Batta in Sicht. Gegen 9 Uhr warfen wir daselbst Anker. Auch hier hielten wir uns nicht lange auf. Die Vertreter der wenigen Firmen, welche hier eine Faktorei besitzen, schickten zum Teil große Canoes zum Dampfer, um das Ausladen der Fracht zu beschleunigen. So konnten wir denn bereits um 11 Uhr die Anker lichten. Die Küste ist hier der Südküste Kameruns sehr ähnlich. Die Stämme der Eingeborenen im Innern sollen den Europäern sehr feindlich gesinnt sein, so daß bisher nur wenige Europäer ins Innere vordringen konnten. Der Kautschuk, welcher aus dem Innern an die Küste kommt, wird durch Zwischenhändler heruntergebracht. Die Letzteren sind hier vorzugsweise Gabunesen. Unser Kurs lief nun weiter von der Küste ab, wir steuerten direkt auf die Insel Corisko zu. Nachdem wir dieselbe am Nachmittage um 4 Uhr passiert hatten, kamen wir bald in Sicht der beiden Elobi-Inseln. Da das Fahrwasser nach Aussage unseres Kapitäns hier nicht besonders günstig ist und wir während der Nacht hier in spanischen Gebieten keine Fracht landen durften, zog der Kapitän es vor, über Nacht das Schiff vor Anker zu legen, um am frühen Morgen auf die Elobi-Inseln zuzusteuern.

Die Inseln Corisko sowie Groß- und Klein-Elobi stehen unter spanischem Schutze. Die Küste von Batta bis zum Muni-Flusse, welcher sich in die Corisko-Bai ergießt, wird den Spaniern jetzt von den Franzosen streitig gemacht. Die letzteren haben aller Orten daselbst jetzt bereits die Polizeigewalt in Händen. Wenn dieses Gebiet dereinst im Innern mehr zugänglich sein wird, dann wird hier ein enormer Handelsaufschwung stattfinden, wenn nicht diese ganzen Küstengebiete auch noch von den Franzosen in Konzessionen zerteilt werden, wie es jetzt bereits im größeren Teile des Congo français der Fall ist. Das Land ist sehr reich an Gummi. Es soll auch Kickxia etwa zwei Tagereisen entfernt von der Küste vorkommen. Bis jetzt liegen allerdings dafür noch nicht genügend Beweise vor.

Nachdem wir am folgenden Tage (14. Mai) mit dem Löschen unserer Ladung für Elobi fertig waren, stachen wir um 12 Uhr mittags wieder in See. Da sich kein Lüftchen regte, wurde die Hitze bald fast unerträglich. Gegen Abend war in der Ferne Gabun zu sehen; der Dunkelheit wegen fuhren wir nicht in die Bucht hinein, sondern warfen wieder Anker auf der offenen See. Bei Tagesanbruch fuhren wir nun am 15. Mai nach Gabun hinein und legten uns dicht bei der Stadt vor Anker. Da ich schon häufig Lobenswertes über den botanischen Garten dieses Ortes gehört hatte, machte ich mich sofort auf den Weg dorthin. Leider war der Kurator, Mons. Chalot, abwesend, auch sonst nur farbige Arbeiter anzutreffen, so daß ich mich so gut es eben ging, allein zurechtfinden mußte. Die in dem Garten vorhandenen Kautschukpflanzen interessierten mich natürlich am meisten. Es waren hier vorhanden Manihot Glaziovii, Ficus elastica, Hevea spec., einige Landolphien und gegen 20 Exemplare der falschen Kickxia (africana Bth.). Die letzteren erklärten natürlich auch die früheren Behauptungen des Mons. Chalot, welche dahin gingen, daß Kickxia keinen Kautschuk gebe. Ich lernte im Laufe des Tages hier noch einige Herren kennen, von denen mir fast ein jeder von einem neuen Kautschukbaume erzählen konnte, den er in der Nähe der Stadt entdeckt haben wollte. Guttapercha gab es nach Aussagen dieser Herren in Unmengen, doch wollte niemand sein Geheimnis verraten. Natürlich sind dies alles Illusionen von Leuten, welche diese Produkte und die Zubereitung derselben nicht kennen. Wurde mir doch hier eine ganz gewöhnliche Ficusart, die vollständig wertlos ist, als äußerst kostbarer Guttaperchabaum gezeigt mit der Bitte, doch keinen Gebrauch von diesem Geheimnis zu machen. Der Kautschuk, welcher von hier aus verschifft wird, kommt bereits aus ziemlicher Entfernung aus dem Innern oder durch den Como-Fluß, welcher in die Gabun-Bucht mündet, hinunter. Palmenkerne und Öl sowie Mahagoniholz sind die Hauptexportartikel des Ortes. Erstere werden in nicht zu großer Entfernung von der Küste gewonnen, wie es ja bei so billigen Produkten kaum anders möglich ist, da die Transportkosten zu hoch sein würden. Das Mahagoniholz ist nur da abbaufähig, wo es in nächster Nähe des Meeres oder der Flüsse geschlagen werden kann; es wäre vollständig unmöglich, die riesigen Blöcke über große Entfernungen zu transportieren, während kleingeschnittene Stämme wertlos sind. Da das Mahagoniholz vorzüglich schwimmt, werden die Stämme zu Flößen verkettet und in dieser Weise die Flüsse hinuntergeschwemmt und später durch Barkassen zu den Frachtdampfern hinübergeführt.

Im botanischen Garten sah ich außer einigen allgemeiner verbreiteten Nutzpflanzen auch eine recht gut gedeihende Strophanthuskultur. Es waren verschiedene Arten vorhanden, die alle zur Zeit meiner Anwesenheit reichlich blühten und Früchte brachten. Ebenso waren einige mir damals noch unbekannte Coffea-Arten sehr reich mit Früchten besetzt. Da ich keinen Europäer im Garten finden konnte, war es damals nicht möglich, Samen dieser Coffea-Arten für den botanischen Garten in Kamerun zu bekommen. Ich mußte es daher auf spätere Zeiten verschieben.

Unserm deutschen Konsul Herrn Gebauer konnte ich damals leider nur einen kurzen Besuch abstatten, da ich schon um 3 Uhr zum Dampfer zurück mußte.

Trotz der Eile, welche unser Kapitän anfangs hatte, konnten wir doch nicht Gabun vor 5 Uhr am Nachmittage verlassen. Noch bis in die Nacht hinein sahen wir auf der Weiterfahrt das herrliche Licht des Leuchtturmes von Gabun. Mit Tagesanbruch erreichten wir wieder einen neuen Landungsplatz, Cape-Lopez, eine kleine Niederlassung in der Nähe der Ogowe-Mündung, des Hauptstromes, welcher in dieser Gegend aus dem Innern kommt. Unter Jagdliebhabern ist Cape-Lopez berühmt wegen seiner Büffel- und Elefantenherden, welche zuweilen bis in die Nähe der Häuser herankommen sollen. Mich als Botaniker interessierte die dortige Flora bedeutend mehr. Ich zog es daher vor, ohne Gewehr umherzustreifen und in den interessanten, kurzgrasigen Sümpfen und Sumpfwäldern hinter der Niederlassung nach Seltenheiten zu fahnden. Es mag sicher noch viele Novitäten hier zu entdecken geben. Ich konnte mich leider nur zu kurze Zeit aufhalten, um viel zu sammeln, außerdem war die Jahreszeit ungünstig. Wenn ein Botaniker sich einige Wochen hier aufhalten könnte, so würde er sicher eine reiche Ausbeute zu erwarten haben. Ebenso dürfte ein Ichthyologe mit einem mehrwöchentlichen Aufenthalte zufrieden sein, denn das Meer wimmelt hier von den verschiedensten Fischen.

Während der nächsten beiden Tage legten wir an zwei Küstenplätzen an, wo wir uns auch wieder nur kurze Zeit aufhielten. Am 17. Mai in Sette-Kama, am 18. in Majumba, zwei Niederlassungen, welche wegen ihrer schlechten Brandungsverhältnisse berüchtigt sind. Auch wir hatten darunter zu leiden, da das Löschen der Ladung durch die hohe Brandung verlangsamt wurde. Salz wird bei solchen Gelegenheiten stets stark beschädigt, was um so bedauerlicher ist, als neben Gewehren und Pulver Salz in diesen Gegenden einer der Haupthandelsartikel ist.

Am 19. Mai warfen wir am Morgen vor Loango Anker. Dieses Städtchen ist der südlichste bedeutendere Ort an der Küste des Congo français; es ist auf einem sandigen Hügel erbaut und dürfte damals etwa 50 europäische Einwohner gehabt haben. Unsere Boote gebrauchten beim Landen des Cargo eine volle Stunde, ehe sie vom Dampfer aus bis zur Stadt gelangen konnten. Vor der Einfahrt hat sich nämlich direkt vor der Stadt eine breite Sanddüne gebildet, um deren Spitze man erst herumfahren muß, ehe man über die Lagune zum Landungsplatze gelangen kann. Die aufsteigenden Straßen der Stadt sind sehr sandig, so daß ein Europäer mit seiner Fußbekleidung sehr schnell ermüdet.

Da eben die Brutzeit der grauen Papageien vorüber war, wurden uns allenthalben junge Tiere zum Preise von 5 Francs angeboten. Diese Papageien von der Loango-Küste sollen sich besser in Europa halten als die der nördlicheren Gegenden, außerdem wird behauptet, daß sie schneller sprechen lernen; genug, sie sind in Europa die begehrtesten. Mit diesen Umständen rechnend, hatten sich einige der Offiziere unseres Schiffes vorgenommen, hier eine größere Anzahl der Vögel zu kaufen. Schon während der letzten Tage hatten die Zimmerleute auf dem Dampfer ihre ganze freie Zeit dazu benutzt, hölzerne Käfige zu bauen, damit in Loango alle Vögel untergebracht werden könnten. Da die Eingeborenen bald sahen, daß Papageienkäufer an Land gekommen waren, entstand in kurzer Zeit ein regelrechter Markt mit den Vögeln. Ein bestimmter Preis (5 Frcs.) wurde festgesetzt; wer seine Vögel dafür abgeben wollte, war willkommen. In walzenförmigen, aus Blättern der Ölpalmen geflochtenen Behältern von verschiedener Größe brachten die Eingeborenen ihre Papageien an. Einige hatten 20 bis 30 Stück. Als alles Geld der Käufer verbraucht war, wurden die ganzen Behälter in ein Boot gesetzt, und zurück ging es, dem Dampfer zu. Dort wurden die Tiere in die größeren und bequemeren Käfige untergebracht. Trotz aller Sorgfalt, mit welcher die Tiere an Bord der Schiffe behandelt werden, stirbt doch immer noch eine große Zahl derselben, so daß eine solche Geldanlage seitens der Matrosen, Stewards etc., welche doch nichts dabei verlieren, sondern nur gewinnen wollen, immerhin mit einem gewissen Risiko verknüpft ist.

In Loango war sonst nichts von Bedeutung zu sehen. Es gab wenige Gärten hier, da in dem mageren, sandigen Boden nichts Besseres zu gedeihen scheint. Einige Manihot Glaziovii-Stämmchen waren von der Regierung längs der Straßen ausgepflanzt und schienen sich wohl zu fühlen. Vielleicht würde man hier in dem sterilen Boden bei dem geringeren Feuchtigkeitsgehalte der Atmosphäre mit diesem Kautschukbaume bessere Resultate erzielen als in den feuchten nördlicheren Gebieten. Erwähnen will ich noch, daß von Loango die große Karawanenstraße nach Brazzaville am Stanley-Pool ausging. Dieselbe wurde früher von sämtlichen französischen Expeditionen, welche ins Innere gingen, benutzt, wird aber jetzt, nachdem der Congostaat seine Eisenbahn von Matadi bis Leopoldville fertiggestellt hat, allmählich aufgegeben.

Am Morgen des 20. Mai trafen wir vor Landana ein. Unsere Fracht wurde hauptsächlich nach dem fünf Minuten von Landana entfernten Chiloango gelandet. Die Brandung kann auch hier gefährlich werden. Zusammen mit dem Vertreter des Schiffes besuchte ich die katholische Mission in Landana, wo ich einen recht schönen Garten vorfand. Es waren die meisten tropischen Obstarten in mehr oder minder guten Qualitäten vorhanden, ebenso Gemüse aller Art. Leider wimmelte der Platz von Moskitos. Die Residenz des portugiesischen Untergouverneurs, welcher dem Gouverneur von Angola untergeordnet ist, steht auf einem luftigen Hügel und ist weithin sichtbar. Gesundheitlich schienen sich die Europäer hier nicht zu beklagen.

Als wir um 4½ Uhr am Nachmittage weiter fuhren, hatten wir einen der Patres der Mission als Passagier für Kabinda mitgenommen. Ich verwickelte mich bald in ein Gespräch mit ihm, da wir beide die einzigen Passagiere waren. Als natürlich auch das Gespräch auf Kautschuk kam, erzählte er mir von Kautschukbäumen, welche in der Mission von Kabinda kultiviert werden sollen. Natürlich war ich nur zu gern bereit, als er mich am nächsten Morgen, als wir um 5 Uhr vor Kabinda ankamen, aufforderte, mir die Kautschukbäume in der Mission anzusehen. Nach seinen Erzählungen ging ich mit großen Erwartungen hin, doch was fand ich — eine Ficusart, welche auch nur eine vogelleim-ähnliche Masse lieferte.

Die katholische Mission war etwa eine halbe Stunde von der Stadt entfernt, so daß ich mich noch beeilen mußte, um rechtzeitig zur Abfahrt des Dampfers an Bord zu kommen.

Wenige Stunden Fahrt nach Süden brachten uns nun zur Congo-Mündung. Gegen 3 Uhr konnte man bereits die Spitze der Halbinsel, auf der Banana erbaut ist, sehen. Es waren Gefühle eigener Art, mit denen ich in den Congo hineinfuhr, sollte ich doch nun für lange Zeit vom Meere Abschied nehmen, vielleicht um es nie wieder zu sehen. Der schlechte Ruf, den das Klima des unteren Congo an der ganzen Westküste Afrikas hat, trug nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Bald aber waren alle trüben Gedanken verschwunden, als wir vor Banana Anker warfen. Zum ersten Male sah ich Leute vom oberen Congo hier, die mit ihrer zerschnittenen Stirn und der eigenartigen Haartracht einen höchst interessanten Anblick darboten. Von allen Seiten kamen Eingeborene in ihren kleinen Canoes herangefahren, um bemalte und geschnitzte Flaschenkürbisse, Muscheln und sonstige Kuriositäten feilzubieten.

Banana selbst besteht vornehmlich aus den Gebäuden der Handelsniederlassung der Nieuwe Afrikaansche Handels-Vennootschap und einigen Gebäuden der Congostaat-Regierung. Es sind außerdem noch einige wenige kleinere Faktoreien errichtet worden, dieselben spielen aber alle eine ziemlich unbedeutende Rolle. Die Niederlassung ist auf einer sandigen, schmalen Landzunge aufgebaut, welche stellenweise an der dem Binnenlande zugekehrten Seite mit Mangroven-Morästen bedeckt ist. Bei weitem gesunder scheint die dem Meere zugekehrte Seite zu sein, denn erstens besitzt dieselbe keine Mangroven, zweitens aber halten sich die Moskitos infolge der Seebrise von dieser Seite ziemlich fern, während sie auf der anderen Seite in Milliarden des Abends umherschwärmen. An der äußersten Spitze der Halbinsel ist ein kleiner Leuchtturm erbaut worden, dessen Licht weithin sichtbar sein soll. Da wir erst mit Eintritt der Dunkelheit vor Banana eingelaufen waren, konnte ich leider nicht an Land gehen. Ebenso war am nächsten Morgen kaum Zeit dazu, da sich der Kapitän plötzlich entschloß, weiterzufahren. Wir hätten vielleicht schon am selbigen Abend Banana verlassen, wenn die Congo-Regierung nicht das Fahren der Dampfer nach Eintritt der Dunkelheit verboten hätte.

Gegen 9 Uhr am Morgen des 22. Mai fuhren wir durch einige der Mündungsarme in den Hauptstrom hinein. Bei Kisanga waren wir dem portugiesischen (südlichen) Ufer des Stromes ziemlich nahe. Je mehr wir uns nun gegen Nachmittag Boma, der Hauptstadt des Congostaates, näherten, desto enger wurde der Strom und desto gelber die Färbung des Wassers. Endlich um 4½ Uhr erreichten wir Boma. Hier wurde der Dampfer ganz dicht an das Ufer herangezogen, da die äußerst günstigen Tiefenverhältnisse des Stromes dies gestatten. Es fing bereits an zu dunkeln, als wir das Land betreten konnten. Ich erledigte daher nur einige geschäftliche Gänge und verschob alles andere auf den folgenden Tag, da der Kapitän mir sagte, daß er den nächsten Vormittag sicher hier verbleiben müsse, um den Cargo für Boma löschen zu können. Vor der Stadt lagen noch zwei kleine Regierungsdampfer, welche den Postverkehr zwischen Boma und Matadi wie Banana zu vermitteln haben.

Am Vormittage des nächsten Tages machte ich bei dem Gouverneur des Congostaates Herrn Vanghermé Besuch. Dank des Einführungsschreibens des Herrn Gouverneurs v. Puttkamer wurde ich sehr liebenswürdig empfangen. In jeder Weise wurde mir gezeigt, daß meine Expedition ins Innere von der Regierung unterstützt werden würde. Die Einfuhr meiner Gewehre wurde mir sofort erlaubt, ebenso sollten meine ganzen Expeditionsgüter ohne Schwierigkeiten gelandet werden dürfen. Da ich das Landen derselben aber erst in Matadi vorzunehmen gedachte, versprach mir der Herr Gouverneur Vanghermé, eine diesbezügliche Bestimmung zugleich mit Empfehlungsschreiben für die Beamten im Innern nach Matadi nachzuschicken. Hätte ich nicht von seiten der Congostaat-Regierung dieses liebenswürdige Entgegenkommen gefunden, so wäre es zum mindesten sehr fraglich gewesen, ob ich die Congo-Reise erfolgreich hätte durchführen können. Eine ebenso liebenswürdige Aufnahme wie bei dem Herrn Gouverneur fand ich auch bei dem Staatssekretär Herrn van Damm, der in zuvorkommendster Weise die Regelung meiner Papiere etc. veranlaßte.

Wie unser Kapitän vorausgesagt hatte, fuhren wir wirklich recht pünktlich um 12 Uhr mittags ab. Je mehr wir uns jetzt der auf dem portugiesischen Congo-Ufer gelegenen Ansiedlung Noki näherten, desto stärker wurde die Strömung. Die Ufer des Stromes werden bereits dicht hinter Boma höher und bilden schließlich ziemlich hohe, felsige Hügel, welche oft jäh am Flusse abfallen. Die felsige Natur dieser Hügel bedingt es natürlich, daß der Strom hier bedeutend eingeengt ist, so daß sein Wasser in dem häufig gekrümmten Flußbette schneller dahinschießt. An besonders scharfen Biegungen im Flußlaufe bilden sich dann leicht Strudel, welche für die Schiffahrt nicht ganz ungefährlich sind. Derartige Strudel sind z. B. bei Noki anzutreffen.

Noki, welches wir um 5½ Uhr gegen Abend erreichten, ist eine kleine, schön gelegene Niederlassung kurz vor Matadi. Die dort ansässigen Kaufleute sind fast alle Portugiesen. Da von hier auch eine nicht unbedeutende Handelsstraße ins Innere der portugiesischen Besitzungen geht, so ist es nicht zu verwundern, daß die Einfuhr von europäischen Stoffen und sonstigen Tauschartikeln für die Eingeborenen eine ziemlich große ist. So kam es auch, daß wir 1½ Tag hier liegen mußten, um unseren Cargo zu löschen. Aus dem Innern wird hier Kautschuk gegen Ende des Jahres in ziemlichen Mengen heruntergebracht, besonders Wurzelkautschuk. Letzterer wird nach Angaben der Kaufleute hinter der ehemals sehr bedeutenden, jetzt allmählich verfallenden Stadt San-Salvador gewonnen. Unseren Aufenthalt in Noki benutzte ich zu einer kleinen Streiferei über die Hügel. Letztere sind sehr steinig und mit üppiger Grasvegetation bedeckt. An geschützteren Orten in den Thälern hat sich etwas Wald hier und dort angesiedelt, in dem Landolphien nicht selten anzutreffen sind. Die Vegetation dieser Hügel, welche alle wohl noch als Ausläufer der aus Angola kommenden Sierra do Cristal zu betrachten sind, erinnert lebhaft an die Vegetation Benguellas und Angolas. Die Savannen sind mit hohen Andropogon-Arten bedeckt, welche die Eingeborenen zum Decken ihrer Häuser verwenden; dazwischen finden sich niedere Kräuter und Halbsträucher aus den Familien der Leguminosen, Compositen, Polygalaceen, Gentianaceen, Melastomaceen etc. In den Sümpfen sind kleine Scrophulariaceen, Labiaten und prachtvolle Lissochilus-Arten verbreitet.

Am 25. Mai morgens fuhren wir nach Matadi. Kurz hinter Noki hatten wir noch Stromschnellen zu passieren, welche schon verschiedene Schiffe zur Umkehr gezwungen haben sollen. Das Wasser schießt hier zu einigen Jahreszeiten mit einer Geschwindigkeit von etwa 10 Knoten dahin. Allenthalben bilden sich kleine Strudel, welche für Boote entschieden gefährlich sein können.

Da dicht hinter Noki die Grenze des portugiesischen Gebietes liegt, hatte die Congostaat-Regierung kurz hinter derselben die Telegraphenlinie, welche Boma mit Matadi verbindet, über den Strom führen lassen. Zu diesem Zwecke sind zwei riesige eiserne Gestelle aufgebaut worden, über welche der Draht über den Strom gezogen ist.

Als wir in Matadi anlangten, fand ich auf der Post bereits die mir von Herrn Gouverneur Vanghermé versprochenen Briefe vor. Ich hatte nun keine Schwierigkeiten, meine Expeditionsgüter und Gewehre zu landen. Allenthalben kamen mir die Regierungsbeamten mit der größten Liebenswürdigkeit entgegen. Da ich noch meine Angelegenheiten in Matadi zu ordnen hatte, beschloß ich, erst am Montag, den 29. Mai, nach dem Stanley-Pool zu fahren. Ich quartierte mich nun im französischen Hotel ein und konnte dann in Ruhe meine Vorbereitungen zur Abreise ins Innere treffen. Matadi (Felsenstadt) hatte zur Zeit meiner Ankunft daselbst nach Schätzungen dort ansässiger Europäer etwa 150 europäische Einwohner, von denen mindestens zwei Drittel geborene Belgier waren. Außer den von ihren benachbarten Kolonien kommenden zahlreichen Portugiesen waren von anderen Nationen besonders Italiener zahlreich vorhanden, welche meist bei der Eisenbahn angestellt waren.

Wie ich beabsichtigt hatte, war ich mit meinen Vorbereitungen am Montag, den 29. Mai, vollständig fertig zur Abreise ins Innere.

Dreimal in der Woche schickt die Eisenbahnverwaltung durchgehende Züge nach dem Stanley-Pool, denen je ein Passagierwagen angehängt wird. Man darf sich diese Congo-Eisenbahn nicht etwa wie eine europäische vorstellen. Die Personenwagen bestehen ähnlich wie unsere Speisewagen aus einem einzigen Coupee, in dem etwa zehn Lehnstühle angebracht sind. Fenster sind nicht vorhanden, sondern der ganze Wagen ist offen; für die Tropen ja entschieden das Angenehmste. Um sich gegen Staub und Rauch der Lokomotive schützen zu können, sind leinene Vorhänge vorhanden, welche man nach Belieben herabziehen kann. Da unterwegs nur einmal, während des Nachtquartiers, Gelegenheit gegeben wird, zu essen, so muß ein jeder sich bereits in Matadi mit dem nötigen Vorrate an Getränken und Nahrungsmitteln versorgen. Alle Passagiere erscheinen denn auch bei Abfahrt des Zuges mit einer Kiste voller Konserven. Der Preis für die zweitägige Fahrt bis Stanley-Pool beträgt 500 Frcs., wofür ein jeder Passagier 100 kg Freigepäck mitzunehmen das Recht hat. Für das übrige Passagiergepäck muß bis Leopoldville ein Frachtsatz von 1 Frc. pro Kilo bezahlt werden. Wenn man bedenkt, daß die Entfernung von Matadi bis Leopoldville nur etwas über 400 km beträgt, so scheint dieser Frachtsatz ein immens hoher zu sein, dennoch wird er von den Leuten, welche die Verhältnisse des Landes vor Fertigstellung der Eisenbahn kannten, gern bezahlt, denn früher wurde durch die unsicheren Träger, welche sogar noch die Lasten bestahlen, der Transport einer Last von 30 kg bis Leopoldville auch auf 30 bis 40 Frcs. angesetzt. Die Eisenbahn befördert nun die ganzen Waren in zwei Tagen sicher zum Stanley-Pool, während man früher mindestens einen Monat für diese Reise rechnete. Auch für die Beförderung sämtlicher anderen Waren, welche ins Innere gebracht werden, muß derselbe Frachtsatz bezahlt werden; eine Ausnahme hiervon machen nur Maschinenteile und einige damit verwandte Artikel, sowie Salz, bei ersteren wird eine Reduktion von 40 pCt., bei letzterem von 50 pCt. erlaubt, vorausgesetzt, daß es in geschlossenen Säcken (nicht in Barren) eingeführt wird. Die Frachtsätze von Leopoldville bis Matadi zurück sind andere. Ich werde späterhin darauf zurückkommen.

Am Montag, den 29. Mai, fuhr ich um 6½ Uhr morgens von Matadi ab. Der Zug hatte anfangs eine sehr beschwerliche Fahrt, da er durch zwei Lokomotiven die Berge hinaufgezogen werden mußte, bis wir allmählich das Plateau erreichten. Die Scenerie war großartig. Zuerst fuhren wir ein kleines Stückchen längs des Congo, zum Teil an steil abfallenden Gehängen vorüber. Immer höher ging es hinauf. Unten sah man den Strom dahinbrausen über die Schnellen von Vivi, welche der Schiffahrt auf dem Flusse eine Grenze setzen. Auf einer Sandbank lag ein riesiges Krokodil, auf welches einer der Mitreisenden eben anlegen wollte, als es, durch den Zug erschreckt, sich träge ins Wasser fallen ließ. Von der Station Kenge an vergrößerte sich die Fahrgeschwindigkeit bedeutend, da wir nunmehr über das Plateau fuhren, auf welchem nur hin und wieder noch kleinere sanfte Steigungen vorhanden waren. Nach 10 Uhr wurde es in dem Wagen fast unerträglich, da wir allmählich vollständig mit Kohlenstaub bedeckt waren, außerdem wurde es drückend heiß. Das Plateau, über welches wir dahinsausten, war meist mit hohen Andropogon- und stellenweise mit Pennisetum-Arten bedeckt. Dazwischen waren hier und dort kleine Sträucher und Gebüsche zu sehen, oder in den Thälern Sümpfe oder Wälder. Da gerade die Trockenzeit begann, als ich diese Reise machte, sah das ganze Gebiet ziemlich verbrannt und dürr aus. Von Blumen war recht wenig zu sehen. Nach etwa elfstündiger Fahrt, also gegen 5½ Uhr abends, erreichten wir die Station Tumba, wo für die Nacht angehalten wurde, denn während der Nacht wird auf der Congo-Eisenbahn nicht gefahren. Die Passagiere hatten sich in den hier vorhandenen sogenannten Hotels ein Nachtquartier zu suchen, was damals durchaus nicht so einfach war. Die Einrichtung dieser „Hotels“ ist äußerst primitiv. Gewöhnlich stehen mehrere Betten in jedem Schlafzimmer, so daß man gezwungen ist, mit irgendwelchen wildfremden Menschen zu schlafen. Diebstähle sollen daher nicht selten sein. Das Essen, welches uns gegeben wurde, war nicht schlecht. Es wurde an einer großen, langen Tafel eingenommen. Da der Grundsatz der meisten dieser freilebigen Belgier „Heute ist heut“ ist, so kann man sich denken, daß tüchtig getrunken wurde. Unteroffiziere saßen an demselben Tische mit Offizieren und schienen sich durchaus nicht dazu bewogen zu fühlen, sich ein wenig im Trinken und Lärmen zu mäßigen. Die Schlimmsten waren entschieden die Italiener, welche offenbar auch zu Hause einer ziemlich niederen Kaste angehörten. Bis tief in die Nacht hinein dauerte das Lärmen dieser Leute. Man ließ sich allerdings nicht dadurch stören, sich nach der ermüdenden Eisenbahnfahrt bei der hier herrschenden kühleren Temperatur sogleich nach Beendigung der Mahlzeit in Morpheus Arme zu werfen.

Um 7 Uhr am folgenden Tage setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Wir fuhren weiter über das grasige Plateau dahin, welches sich allmählich nach dem Stanley-Pool hin etwas senkt. Die Vegetation blieb anfangs dieselbe wie am vorhergehenden Tage. Von Inkisi ab nach Kimuenza zu waren Waldungen wieder häufiger. Von Kimuenza nach Dolo fuhren wir über eine sandige Ebene dahin. Hier hatte man eine Vegetation vor sich, welche entschieden an die der Hoogeveld-Steppen von Transvaal und von Huilla erinnert. Kurzes Gras bedeckte diese Ebene; dazwischen sah man Helichrysen, Buchnera-Arten, Indigoferen, Gentianeen, Asclepiadaceen etc. In den hier und dort sich hinziehenden Niederungen wuchsen hohe Cyperaceen im Gemisch mit Lissochilus-Arten, Melastomaceen, Hedyotis, Gladiolus, Eriocaulon und Utricularien. Kurzum, eine Vegetation, wie ich sie hier bei so geringer Meereshöhe in der Nähe des Äquators nie zu finden gedacht hätte. Schon bei der Fahrt über diese Ebene sah ich an sandigen Stellen eine Pflanze wachsen, in welcher ich [Carpodinus lanceolatus] erkannte, von der der Wurzelkautschuk, hier am Congo allgemein „Caoutchouc aux herbes“ genannt, herstammen soll. Ich entschloß mich daher, sobald als möglich hierher zurückzukehren, um diese Frage näher zu untersuchen. Gegen 6½ Uhr am Abend erreichten wir Kinchassa, das einige Kilometer vor Leopoldville am Stanley-Pool gelegen ist. Herr Dr. Briart, der Direktor der Societé Anonyme Belge, an den ich vom Herrn Gouverneur v. Puttkamer ein Empfehlungsschreiben erhalten hatte, nahm mich sehr liebenswürdig für einige Tage bei sich auf. Ihm sowohl wie besonders dem Sous-Directeur der Gesellschaft, Herrn Vaalbroek, bin ich zu großem Danke verpflichtet für das Interesse, welches sie meiner Reise entgegengebracht haben, und für die Unterstützung, welche ich bei ihnen gefunden habe.

Da ich möglichst wenig Zeit verlieren wollte, machte ich mich am folgenden Tage sogleich auf den Weg nach Leopoldville, um mich dem Kommandanten von Leopoldville, Herrn Costermans, Inspecteur d’Etat, vorzustellen und ihn zu bitten, mir bei Anwerbung von Trägern behülflich zu sein. Ich fand mehr Unterstützung, als ich je zu erhalten zu hoffen gewagt hatte. Herr Costermans wollte selbst für die nötigen Träger sorgen. Ich solle nur ruhig nach Kinchassa zurückkehren, in zwei Tagen würden die Träger mit zwei Soldaten zu meiner Verfügung stehen. Froh darüber, daß auch diese Trägerfrage erledigt sei, packte ich nun sogleich in Kinchassa die zu der kleinen Exkursion nach den sandigen Ebenen bei Dolo nötigen Lasten und wartete dann auf die Ankunft der Träger. In der Zwischenzeit hatte ich noch Gelegenheit, hier zu sehen, welche Unmengen von Kautschuk allein von dieser einen Gesellschaft exportiert werden. Herr Dr. Briart war so freundlich, mir die verschiedensten Proben zu zeigen und mich auf viele Einzelheiten aufmerksam zu machen. Vom oberen Congo und seinen Nebenflüssen kommt der Kautschuk in viereckigen Mattentaschen, welche etwa eine Last (30 kg) enthalten, hier an. Die Taschen werden dann hier aufgeschnitten und der sämtliche Kautschuk noch einmal durchgearbeitet. Dadurch wird er noch etwas mehr ausgetrocknet, was ein geringeres Oxydieren zur Folge hat. Der unter Leitung der Beamten des Staates hergestellte Kautschuk wird jetzt selten gefälscht, da die Missethäter sehr schwer bestraft werden, früher jedoch konnte man in den Bällen die verschiedensten Sachen finden. Herr Vaalbroek hatte eine interessante Sammlung derartiger Fälschungen; Palmennüsse, Steine, kleine Messingstücke, ja selbst Zeugballen und Erde bildeten den Kern eines solchen Bällchens, um den dann sehr geschickt eine Kautschukdecke gelegt war. Wehe dem Kaufmann, der nicht erst durch Anschneiden der Bälle sich davon überzeugte, daß er einen wirklichen Kautschukball und nicht Steine von den Eingeborenen erstand.

Da die mir versprochenen Träger bereits am Nachmittage des 1. Juni eingetroffen waren, so konnte ich, nachdem ich schnell eine Anzahl Lasten zu dem Zwecke gepackt hatte, am Freitag, den 2. Juni, bereits früh am Morgen meine Exkursion in die sandigen Steppen von Dolo antreten. Welch ein erhebendes Gefühl war es für mich, nun wieder frei hinauswandern zu können und mich ganz meiner Aufgabe und dem Studium jener Gebiete hingeben zu dürfen.

Nachdem wir die Eisenbahnstation Dolo passiert hatten, wo ich noch für einige Tage Proviant für mich von den „Magasins Genereaux“ mitnehmen ließ, zogen wir erst nach den Ufern des Stanley-Pool hinüber. Nachdem wir einen kleinen Wasserlauf, welcher mit wundervollen blauen Seerosen (Nymphaea) und goldgelben Äschynomenen bedeckt war, in Canoes übergesetzt hatten, langten wir in sandigerem Terrain an und sahen uns bald darauf in der großen Ebene, in welcher ich Carpodinus lanceolatus, die Pflanze, welche den Wurzelkautschuk liefern soll, neulich beobachtet hatte. Nach einigen Kreuz- und Querzügen, welche ich zu unserer besseren Orientierung machen ließ, wählte ich schließlich einen großen Strychnos-Baum in der Nähe eines Baches zu meinem Lagerplatze. Ich ließ sofort sämtliche Leute zum Reinigen des Platzes antreten, um wenigstens ein möglichst ungezieferfreies Lager für diese Tage zu haben. Daß diese Vorsichtsmaßregel nicht ganz umsonst war, zeigte sich sogleich, denn plötzlich raschelte es im Grase, und eine kleine Schlange suchte zu entfliehen. Ein Schlag mit dem Cutlas genügte, das Tier unschädlich zu machen. Nachdem die Leute einen größeren Platz gesäubert hatten, ließ ich das Zelt aufstellen. Das war nun allerdings mit Schwierigkeiten verknüpft, da keiner der Leute ein Wörtchen Französisch verstand; die beiden Soldaten wußten auch nicht Bescheid, und ich selbst kannte noch nicht mehr von dem hier als Verkehrssprache dienenden Bacongo als das eine Wörtlein „malu“ (schnell). Es war eine harte Geduldsprobe für mich, bis das Zelt fertig dastand. Nachdem ich nun die Lasten hatte unterbringen lassen und gesehen, daß sonst alles richtig eingerichtet wurde, machte ich mich am Nachmittage daran, die Wurzelkautschukpflanze zu suchen. Bald hatte ich eine Stelle gefunden, an der ich das Gewünschte in Menge sah. Ich ließ eine größere Menge der Wurzelstöcke dem Boden entnehmen, um damit zu experimentieren. Wieder im Lager angelangt, fing ich etwas Milch der Wurzel in einem Reagenzglase auf, um es durch Erwärmen und Säurezusatz zu koagulieren. Das Resultat war ein sehr unbefriedigendes, denn ich erhielt nur eine klebrige, fast gar nicht elastische Masse. Diese Wurzelstöcke enthielten außerdem so wenig Milchsaft, daß das Auffangen sehr geringer Quantitäten schon an und für sich lange Zeit erforderte. Auch mit dem im Stengel und in den Blättern vorhandenen Milchsafte machte ich ähnliche Versuche, deren Resultate mich ebenso wenig zufriedenstellen konnten.

Carpodinus lanceolatus K. Sch.

A Habitusbild, B Knospen, C Blüte, D dieselbe geöffnet, E durchgeschnittener Fruchtknoten, F Griffelkopf, G Anthere.

Nach einer infolge der hier in Milliarden umherschwärmenden Moskitos schlaflos verbrachten Nacht nahm ich am nächsten Tage meine Versuche wieder von neuem auf. Immer wieder ließ ich neues Material heranschaffen, um nun die verschiedensten Koagulationsmethoden zu probieren, alle mir zur Verfügung stehenden Säuren wendete ich an. Sämtliche Bemühungen blieben erfolglos. Von einem meiner Träger, welcher den Wurzelkautschuk zuzubereiten verstehen sollte, ließ ich nun nach der hier üblichen Methode die Wurzelstöcke zerschneiden und in Wasser setzen, um nach Eintritt der Fäulnis durch Schlagen den Kautschuk zu gewinnen. Das bei dieser Behandlung erzielte Produkt war zwar infolge seiner Vermischung mit Rindenstückchen und anderen Pflanzenteilchen fast gar nicht klebrig, war aber dennoch so minderwertig, daß ich es für ausgeschlossen halten mußte, von dieser Lokalität aus Carpodinus lanceolatus Kautschuk zu erhalten. An Ort und Stelle ließ sich natürlich Weiteres über die Ursache dazu nicht feststellen. Nicht unwahrscheinlich ist es, daß es auch hier zwei verschiedene einander ähnliche Carpodinus-Arten giebt, von denen nur eine brauchbaren Kautschuk liefert; nicht ausgeschlossen ist natürlich auch, daß die chemische Zusammensetzung des Bodens eine nicht unbedeutende Rolle dabei spielt, um so mehr, als eine solche Einwirkung auf die Güte des Produktes bereits wiederholt bei Ficus elastica und bei Manihot Glaziovii festgestellt ist. Ich möchte das Studium dieser ebenso wichtigen wie interessanten Fragen den am Congo in den Wurzelkautschuk-Distrikten ansässigen Europäern sehr warm ans Herz legen. Ich selbst wurde leider durch die Macht der Verhältnisse gezwungen, von der Lösung dieser Frage abzustehen, denn für mich war die Zeit zu einer Expedition in die den Wurzelkautschuk liefernden Distrikte am Kwango zu knapp bemessen. Wie ich auf meine eifrigen Erkundigungen hin kurz darauf in Kinchassa erfuhr, hatte man schon einmal versucht, in der Umgebung von Leopoldville aus der Carpodinus lanceolatus Kautschuk zu gewinnen, hatte aber ein ebenso ungünstiges Resultat erhalten wie ich selbst und infolgedessen bald darauf wieder davon Abstand genommen.

Am 5. Juni zog ich wieder aus jenen Gegenden fort, um dann nach kurzem Aufenthalte in Kinchassa noch am Nachmittage desselben Tages bis Leopoldville weiterzumarschieren. Da wir erst mit Anbruch der Dunkelheit in Leopoldville anlangten, ließ ich mein Lager in der Nähe der Eisenbahnstation aufschlagen in der Absicht, am folgenden Tage einen geeigneteren Lagerplatz zu suchen, um daselbst, bis zur Abfahrt des Dampfers nach dem oberen Congo, zu bleiben.

Am nächsten Tage machte ich mich auf den Weg, um dem Distriktsvorsteher, Herrn Costermans, meine Rückkehr nach Leopoldville anzuzeigen und ihn um Erlaubnis zu bitten, mein Lager in die Nähe des Stanley-Pool verlegen zu dürfen. Natürlich wurde mir letzteres sofort gestattet, ebenso wurde ich aufgefordert, zur Verproviantierung meiner Leute zweimal in der Woche Schiquangas, d. h. große aus zerstampftem und gekochtem Maniok hergestellte, in Blätter eingewickelte Kuchen, von der Station abholen zu lassen. In jeder Weise bemühte sich also Herr Costermans, mich während meines Aufenthaltes in seinem Bezirke zu unterstützen. Ich erfuhr hier auch, daß die „Hainaut“, der Dampfer, mit welchem ich den Congo hinaufzufahren gedachte, etwa am 10. Juni erwartet werde. Am Nachmittage ließ ich an meinem alten Lagerplatze wieder alles einpacken und das Zelt abbrechen, um dann an den Ufern des Stanley-Pool, dicht bei der englischen Mission, mein Lager wieder aufzubauen. Mit eintretender Dunkelheit war alles glücklich unter Dach und Fach gebracht. Die nächsten Tage meines Aufenthaltes bei Leopoldville benutzte ich nun dazu, die Umgebung botanisch zu erforschen und die Bacongo-Sprache, ohne welche ich hier nicht auskommen konnte, wenigstens soweit zu erlernen, als zur allgemeinen Verständigung mit den Eingeborenen nötig war. Besonders zu Dank verpflichteten mich bei dieser Gelegenheit die beiden damals dort sich aufhaltenden Missionare Mr. Woollings und Mr. Gilchrist, welche mich in jeder Weise darin zu unterstützen suchten. Auf verschiedenen Exkursionen hatte ich Gelegenheit, die Flora der Umgebung näher kennen zu lernen, fand aber sehr wenige Pflanzen, welche in irgend einer Weise von den Eingeborenen verwendet werden, sei es als Medizin oder als Nahrungsmittel, oder um zur Gewinnung von Kautschuk oder Kopal von Nutzen zu sein. Eine Dissotis- (Melastomaceae-) Art schien bei Augenkrankheiten eine große Rolle zu spielen; die wenig fleischigen Blätter wurden auf der Handfläche zerrieben und der so erhaltene Brei dann auf die Augen gestrichen. Nach Angaben der Leute soll der in diesem Brei enthaltene Saft sehr scharf sein und häufig für kurze Zeit das betreffende Auge erst fast unbrauchbar werden, danach aber sehr schnell heilen. Einige Monate später hatte ich Gelegenheit, einen Europäer zu sprechen, welcher selbst an seinen Augen zur Heilung einer Krankheit diese Medizin angewendet hatte und nun behauptete, dieselbe sei vorzüglich in solchen Fällen zu gebrauchen. Unter den als Nahrungsmittel verwendeten Pflanzen war es besonders eine Podostemonacee, welche mir interessant war. Diese unter Wasser auf Steinen bei den Stromschnellen im Stanley-Pool wachsende Pflanze wurde von meinen Leuten in ganzen Lasten herbeigetragen und dann teils roh, teils weichgekocht mit großem Gefallen verzehrt. Es fiel mir überhaupt auf, daß die Eingeborenen eine nicht geringe Quantität von gewissermaßen als Kohl gekochten Kräutern und jungen Trieben von Sträuchern zu ihrer Ernährung verwendeten. War Palmenöl zur Hand, so wurden die meisten Nahrungsmittel erst darin eingetaucht, so z. B. aßen alle mit Vorliebe ihre Schiquanga in dieser Weise.

Kopalbäume scheinen nur selten bis zum Stanley-Pool hinunterzukommen. Auf den Sandbänken hier im Mittellaufe findet man nicht selten Kopalstücke, doch stammen diese hauptsächlich oder fast nur von den im Oberlaufe häufigen Bäumen her und sind alle vom Strom hinuntergeschwemmt worden. Ich sah unterhalb der Mündung des Kassai nur sehr wenige Kopalbäume, so stand ein Exemplar z. B. in der Nähe meines Lagers am Stanley-Pool.

Kautschukbäume traten in der Umgebung von Leopoldville nur vereinzelt auf, also nirgendwo in zahlreicherer Menge. Eine eigenartige Landolphia ist in dem Steppengebiet dieser Gegend verbreitet, dieselbe hat nur dünne, kurze Zweige und besitzt etwa apfelgroße orangegelbe Früchte. Nicht selten sendet sie auch nur etwa 1½ Fuß lange aufrechte Schößlinge aus dem Boden, welche sich dann allmählich umlegen, aber doch die Fähigkeit des Kletterns der anderen Landolphien verloren zu haben scheinen. Diese zur Verwandtschaft der L. owariensis gehörende Art liefert keinen Kautschuk.

Die französische Seite des Congo, gegenüber Leopoldville, hatte ich auch wiederholt zu besuchen, da ich meine Güter zur späteren Durchreise nach dem Ngoko zu deklarieren hatte. Im allgemeinen herrschen auf jener Seite dieselben Zustände wie auf der Seite des Congostaates. Da die französische Regierung den Eingeborenen bis jetzt aber zu viel Selbstregierung überlassen hat und daher noch weniger Erwerbsbetrieb unter denselben sich geltend gemacht hat, so finden sich Landolphien daselbst noch häufiger. Jetzt, nachdem die französische Regierung aber begonnen, sich etwas mehr um diese Gebiete zu kümmern und das Land zum großen Teile in Kommissionen aufgeteilt ist, deren Inhaber sich häufig bemühen, in möglichst rücksichtsloser Weise alle vorhandenen Naturprodukte auszubeuten, so wird auch hier bald die Kautschukliane bedeutend seltener werden. Die Gefahr einer vollständigen Ausrottung ist allerdings wohl weniger zu fürchten, da diese Lianen ein ziemlich zähes Leben haben und leicht wieder aus den zurückgebliebenen unterirdischen Teilen neu aussprossen, außerdem aber in jedem Jahre reichlich Samen ansetzen, aus welchen, wenn auch nur ein geringer Prozentsatz, wieder neue Pflänzchen erstehen. In der Umgebung von Victoria, wo vor Jahren durch dort ansässige schwedische Händler am Kamerun-Gebirge Kautschuk-Raubbau im wahrsten Sinne des Wortes betrieben worden sein soll, fangen die dort in den Wäldern vorhandenen Lianen jetzt wieder an, Kautschuk zu liefern, so daß die Eingeborenen daselbst bereits hin und wieder einigen Kautschuk zu den Kaufleuten bringen.

In Brazzaville, dem Regierungssitze des Hinterlandes des Congo français, hatte man in den Straßen Manihot Glaziovii als Alleebäume (häufig abwechselnd mit Mangobäumen) angepflanzt. Als ich die Pflänzchen sah, waren dieselben etwa sechs Monate alt und hatten sich bereits sehr schön entwickelt. Als Schattenbaum würde ich Manihot Glaziovii entschieden nicht empfehlen, da die alten Blätter gegen Ende der Trockenzeit häufig fast alle abfallen, ehe sich neue entwickelt haben, die Stämme also einige Zeit hindurch vollständig blattlos dastehen. Brauchbaren Kautschuk liefert der Baum in der Umgebung des Stanley-Pool entschieden, wie ich an einigen Exemplaren bei Leopoldville feststellen konnte. Allerdings ist der Ertrag kein reichlicher, daher dürften natürlich keine großen Unkosten vorhanden sein, um den Abbau des Kautschuks rentabel zu machen. Dies würde nur in sonst wertlosen Steppengebieten bei einer von Eingeborenen betriebenen Kultur möglich, welche dann für die Zukunft sich selbst überlassen werden müßte. Der Baum würde sich dann durch Samen leicht weiter fortpflanzen, wie ich es in Kamerun und am Stanley-Pool gesehen. Von den bei Leopoldville verwilderten Manihotstämmen ließ ich einige tausend Samen sammeln, um sie eventuell später an geeigneten Stellen in unseren Schutzgebieten auszusäen.

Da die „Hainant“ erst mit bedeutender Verspätung in Leopoldville eintraf, außerdem infolge eines an Bord ausgebrochenen Feuers reparaturbedürftig geworden war, so verzögerte sich meine Abreise immer mehr. Endlich, am 20. Juni, erhielt ich von dem Kommandanten von Leopoldville die Nachricht, daß ich mich zum 22. Juni morgens zur Abreise mit der „Hainant“ bereithalten könnte. Natürlich packte ich sogleich meine sämtlichen Lasten zusammen und ließ alles fertig machen zum sofortigen Abbruch des Lagers, in dem wir alle uns nunmehr recht heimisch zu fühlen begonnen hatten. Am 21. Juni ließ ich meine sämtlichen Lasten mit Ausnahme der allernötigsten Sachen, welche ich auch bis zum nächsten Morgen gebrauchte, an Bord der „Hainant“ schaffen, um den Rest am nächsten Morgen in aller Frühe nachfolgen zu lassen. Bei der Regierung erfuhr ich zu meiner nicht geringen Überraschung, daß man mir für die Träger sowie die Ernährung derselben nichts abnehmen wollte, ich solle mich auf meiner Reise nach dem Innern, solange ich auf dem Gebiete des Staates sei, als Gast desselben betrachten, man halte dieses für selbstverständlich. Ein größeres Entgegenkommen, als ich es hier im Congostaate gefunden, wäre wohl kaum möglich gewesen. Ich kann der Regierung desselben daher nicht genug Dank für die Aufnahme sagen, welche ich erhalten, ohne Unterstützung der Regierung wäre die Expedition, soweit sie sich im Gebiete des Congostaates bewegte, sicher erfolglos verlaufen.

Am frühen Morgen des 22. Juni schaffte ich noch den letzten Rest meiner Lasten zum Dampfer hinüber, da dieser bereits um 7 Uhr abfahren sollte. Auch hier sah ich wieder das Entgegenkommen der Regierung, denn man hatte mir meinen Platz in der besten Kabine angewiesen.

Um 7½ Uhr ertönte endlich das Signal zur Abfahrt, in einem großen Bogen ging es, die Sandbänke und Felsen zu vermeiden, der Mitte des Stromes zu. Der Dampfer war vollständig besetzt, teils von Angestellten des Congostaates, teils von jungen Kaufleuten, welche auf die verschiedenen Handelsstationen ins Innere geschickt wurden. Da die „Hainaut“ zu den größten Dampfern gehört, welche den Congo befahren, war die Anzahl der Passagiere für die Verhältnisse im Congo keine geringe. Nach den mir gemachten Mitteilungen ist der Dampfer im stande, 150 Tonnen zu tragen, für einen Flußdampfer auf dem Congo ein enormes Gewicht. Er ist natürlich sehr breit und flach gebaut, wie die meisten Heckraddampfer. Für die Passagiere sind die Kabinen auf dem oberen Deck eingerichtet. Die Eingeborenen liegen zusammengepfercht in Scharen auf dem unteren Deck herum. Da die „Hainaut“ deren immer eine sehr bedeutende Menge mitführt (wir hatten etwa 250 Mann), so hat sie bei den Stämmen am Strome den Namen „Bangala mingi“ (viele Menschen) erhalten.

Nach kurzer Fahrt legten wir noch einmal in Kinchassa an, wo wir noch eine größere Menge von Gütern für die Handelsstationen im Innern mitnehmen mußten, denn die Regierung verbietet einigen größeren Gesellschaften, welche selbst Dampfer besitzen, auf dem eigentlichen Congo für ihren eigenen Gebrauch Waren zu transportieren. Diese Maßregel ist gewissermaßen als Abgabe für die Dampfer zu betrachten, da die Regierung durch den Transport der Waren für diese Handelsgesellschaften ihre bei der Fahrt stromauf sonst häufig leeren Dampfer füllen kann. Die Gesellschaften haben für den Transport ihrer Waren der Regierung pro Tonne eine bestimmte Abgabe zu zahlen. Die auf den Handelsstationen im Innern erworbenen Produkte schaffen sie dann auf den eigenen Dampfern nach dem Stanley-Pool hinunter. Von Kinchassa fuhren wir erst gegen 1 Uhr fort, so daß wir noch während des ganzen Nachmittags zu fahren hatten, ehe wir aus dem Stanley-Pool hinauskamen. Oberhalb des Stanley-Pool wird der Congo infolge der hügeligen Natur seiner Ufer sehr bedeutend eingeengt. Die Scenerie ändert sich hier plötzlich, die Hügel sind im Flußthale mit dichtem Walde bedeckt, während die Ufer des Stanley-Pool zum großen Teile Savannenflora zeigten. Elefanten soll es hier in noch großen Mengen geben. Da der Mond heute sehr hell schien, fuhren wir bis gegen 8½ Uhr am Abend, obgleich dies sonst nicht üblich ist. Unserem Kapitän lag aber sehr viel daran, um Zeit zu ersparen, noch den ersten Holzposten zu erreichen. Daselbst angelangt, mußten sämtliche Eingeborenen das Schiff verlassen, um am Lande zu schlafen, denn der Aufenthalt wird ihnen über Nacht auf dem Schiffe nicht gestattet. Die Holzposten sind in gewissen Abständen längs des Congo vom Staate errichtet worden, um die vorbeifahrenden Dampfer der Regierung mit Holz zu versehen, denn alle diese sind natürlich auf Holzfeuerung eingerichtet, da der Kohlentransport zu teuer sein würde. Während der Nacht werden die Dampfer dann stets, soweit dies möglich ist, wieder mit Holz gefüllt. Zu diesem Zwecke führen alle diese Schiffe auf dem Strome eine Anzahl von Holzschlägern und Holzträgern bei sich, welche auch in den Gegenden, wo sich keine Holzposten befinden, für den Dampfer Holz schlagen müssen. Infolge der großen Zahl der jetzt bereits auf dem Congo fahrenden Dampfer fängt in häufiger besuchten Stellen diese Holzfrage bereits an, für die Dampfer der Gesellschaften etwas kritischer Natur zu werden. Diese Dampfer haben nicht das Recht, auf den vom Staate eingerichteten Posten Holz einzunehmen, sondern müssen durch ihre Holzhacker jede Nacht dasselbe mühsam zusammensuchen lassen. Das in den Wäldern vorhanden gewesene tote Holz ist natürlich dann bald abgetragen, so daß es den Dampfern oft schwer wird, die nötigen Quantitäten ohne zu großen Zeitverlust zusammenzubringen. Das grüne, lebende Holz der Bäume ist mit Ausnahme desjenigen vom Kopalbaume frisch natürlich nicht für Heizungszwecke zu verwenden.

Am nächsten Tage fuhren wir früh mit Tagesanbruch weiter. Die Vegetation war im großen und ganzen dieselbe wie am vorhergehenden Tage, d. h. im Thale des Stromes Galeriewald mit abwechselnden kleineren und größeren Savannen, welche nicht selten mit Hunderten von Borassuspalmen geschmückt waren. Die Spitzen der Hügel waren selten bewaldet, meist sogar nur mit kurzem Grase bedeckt, während die im Stromthale liegenden nicht selten mit riesigen Andropogon- oder Setaria-Arten bestanden waren. Der Strom blieb noch immer so eng, Inseln waren gar nicht vorhanden, höchstens hier und dort eine kleine Sandbank, welche infolge des enorm tiefen Wasserstandes zu Tage getreten war. Ohne anzulegen, fuhren wir den ganzen Tag hindurch bis gegen Abend, da wir dann gezwungen waren, uns wieder mit frischem Holz zu versehen. In den Wäldern hier waren allenthalben Elefanten- und Büffelspuren zu sehen. Die Nacht war so empfindlich kalt gewesen, daß ich mich, da ich unvorsichtig gewesen war, gehörig erkältete und am nächsten Tage mich durchaus nicht wohl fühlte. Eine tüchtige Schwitzkur half diesem Zustande jedoch bald ab, so daß ich schon am Nachmittage mich wieder vollständig in Ordnung fühlte. Als wir am nächsten Tage Kwamuth an der Mündung des Kassai erreichten, hatten wir zugleich das Ende des als „Kanal“ gezeichneten eingeengten Teiles des Congo erreicht, denn von dort an erweitert sich der Strom allmählich immer mehr, bis er schließlich bei Bumba an seinem Oberlaufe seine größte Breite erreicht.

Den Posten Kwamuth besuchte ich zusammen mit dem Kommandanten Maréchal, welcher auf dem Dampfer Passagier war und nach dem Tanganyika wollte, um sich dem Baron Dhanis zur Disposition zu stellen. Der Ort ist auf einem Hügel an der Mündung des Kassai erbaut und ist, wie sämtliche Stationen im Innern, zugleich Militärposten. Man hatte hier ziemliche Plantagen von Coffea liberica angelegt, die eben in Blüte waren, es war ein prachtvoller Anblick. Da sich bei uns an der Kamerun-Küste selbst Kaffeeplantagen nicht bezahlbar machen, so sollte man kaum annehmen, daß es hier so weit im Innern der Fall sein dürfte. Allerdings arbeitet der Congostaat hier mit bedeutend billigerem Arbeitermaterial, doch ist dabei der Transport nicht außer Acht zu lassen, denn derselbe würde bis zur Küste nicht unbedeutende Kosten verursachen, während wir in Kamerun von vielen Plantagen den Kaffee direkt auf die Dampfer verladen könnten. Die Eisenbahnfracht allein beträgt 17 Ctms. pro Kilo, bei den jetzt sehr niedrigen Preisen, welche der Liberia-Kaffee erzielt, viel zu große Unkosten. Gegenüber dem Posten Kwamuth liegt eine belgische Missionsstation, Berghe St. Marie, welche wohl die bedeutendste derartige Station im Innern sein dürfte. Gegen Mittag fuhren wir weiter. Noch immer wechselten Savannen und Urwald, doch bald wurden die Ufer immer niedriger, und kurz darauf kamen die ersten Inseln in Sicht. Von nun an bot der Congo ein ganz anderes Bild dar; allenthalben sah man dicht bewaldete Inseln aus dem Wasserspiegel hervorragen. Wo die Ufer zu sehen waren, ragten sie höchstens einige Fuß über dem Wasserspiegel hervor, Urwald trat häufiger und in größeren Komplexen auf. An einer Insel von ziemlicher Ausdehnung warfen wir am Abend Anker, um wieder Holz schlagen zu lassen.

Am Vormittage des 26. Juni erreichten wir die amerikanische Missionsstation Tschumbiri, welcher gegenüber wir inmitten des Fahrwassers etwa eine Stunde lang vor Anker liegen blieben, um Post abzugeben und etwas Proviant zu kaufen. Nicht weit davon entfernt machten wir wieder an einem Holzposten Halt. Als wir dann gegen Mittag fort wollten, stellte sich heraus, daß der Dampfer ein kleines Leck bekommen habe, welches erst ausgebessert werden mußte. Wir waren daher gezwungen, für den Rest des Tages hier zu verbleiben. Leider bot der Platz nichts Interessantes dar, nicht eine Landolphia war zu sehen. Die neuen Ankömmlinge benutzten hier natürlich die Gelegenheit, ihren ersten Jagdeifer etwas zu stillen, ein Leguan (große 1½ m lange Eidechse) und einige Tauben waren das Resultat ihres Jagdzuges. Elefanten- und Büffelspuren waren reichlich zu sehen, doch schienen sich die Tiere wohl zu hüten, sich einer solchen Zahl von Nimroden zu zeigen.

Während der Fahrt am nächsten Tage sahen wir häufig Nilpferde, welche sich aber stets in zu großer Entfernung vom Dampfer hielten, um eine sichere Zielscheibe zu bieten, ebenso waren die Krokodile sehr scheu. Es ist unglaublich, welche große Mengen von Flußpferden hier noch im Congo vorhanden sind, obgleich jährlich eine große Zahl derselben geschossen und auch von den Eingeborenen harpuniert wird. Meist halten sich die Tiere in kleinen Trupps von 5 bis 10 Stück auf und tauchen sogleich unter, wenn ein Dampfer sich ihnen nähert, um dann nur hin und wieder an der Oberfläche zu erscheinen, um Luft zu schöpfen. Sobald sich ein solches Tier in der Nähe des Dampfers zeigt, wird darauf geschossen, obgleich man die angeschossenen Tiere nur selten bekommen kann.

Als wir gegen Mittag an dem Posten Bolobo eintrafen, hatten wir ein sehr lebendiges Bild vor uns; es wurde gerade Markt abgehalten. Die Eingeborenen aus der Umgebung waren zu diesem Zwecke recht reichlich zusammengekommen. Es wurden fast nur Eßwaren feilgeboten, welche mit Mitakus, der hier üblichen Münze, d. h. Messingdrahtstücken von ungefähr 20 cm Länge, zu kaufen waren. Die Verkaufenden standen hinter einem kleinen Zaune in einer eigens zu dem Zwecke aufgebauten Hürde, in welche der Kauflustige nicht hineinkommen durfte, sondern sich die gekauften Sachen über den Zaun hinwegreichen lassen mußte. Man hat diese Regelung des Marktverkehrs wohl hauptsächlich eingeführt, um die Verkäufer vor Diebstählen zu schützen, denn alle diese Congo-Völker gehören zu den gewandtesten Dieben, welche es giebt. Von seiten unseres Schiffes wurden große Mengen von Lebensmitteln erstanden, welche teils mit Mitakus, teils mit Zeug, Salz oder sonstigen Tauschartikeln erhandelt wurden. Noch am Nachmittage setzten wir unsere Reise fort. Wir waren jetzt vollständig im Bereiche der Congo-Inseln, welche zum großen Teile von Sümpfen mit Wassergräsern durchzogen waren und daher viele Nilpferde beherbergten. Es wurde natürlich auch jetzt wieder tüchtig auf die Tiere geschossen und einige auch vielleicht verwundet, doch konnten wir die Körper natürlich nicht bekommen, da zum Jagen der verwundeten Tiere viel Zeit gehört, welche uns nicht zur Verfügung stand. Als wir gegen 5½ Uhr anlegten, um für die Nacht Holz schlagen zu lassen, benutzte ich die Gelegenheit wieder zu einer kleinen Exkursion, während der ich zwei Landolphien ohne Blüten sah, die beide aber keinen brauchbaren Kautschuk lieferten.

Mit jedem Tage wurde der Fluß nun breiter, so daß wir häufig durch die Inseln, welche immer zahlreicher wurden, von einem oder gar von beiden Ufern nichts mehr sehen konnten. Die für die Dampfer mit größerem Tiefgange wie die „Hainant“ einzig mögliche Fahrstraße schien stellenweise schon sehr gefährlich, da das Wasser in diesem Jahre bedeutend mehr gefallen war, als es sonst zu geschehen pflegte. Bei der Fahrt stromauf ist die Gefahr nun allerdings nicht so groß als im entgegengesetzten Falle, denn dann werden die Dampfer von der gewaltigen Strömung im Congo nicht mitgerissen und auf die Sandbänke gesetzt, wo sie sich dann, durch die Strömung getrieben, immer tiefer einbohren. Als wir am Nachmittage des 28. Juni wieder anlegten, um Holz schlagen zu lassen, betrat ich einen Wald, welcher trotz des niedrigen Wasserstandes noch immer stellenweise unter Wasser stand, dessen Bäume also sicher fast während des ganzen Jahres direkt im Wasser stehen, und dennoch wuchsen hier Kautschuk liefernde Landolphien. Viele der Bäume stehen ähnlich wie die Mangroven und Pandanus, welche letzteren hier übrigens auch auftraten, auf Stützwurzeln, so daß dadurch die Stämme über Wasser gehalten werden.

Am 29. Juni befanden wir uns gegenüber der Sanga-Mündung, von der natürlich infolge der vielen davor gelagerten Inseln nichts zu sehen war. Der Fluß verengt sich von hier bis Coquilhatville wieder etwas und ist weniger inselreich als unterhalb und oberhalb dieser Strecke. Noch am Abend desselben Tages erreichten wir den Posten Lukulela, welcher infolge seiner prachtvollen Wälder und des daselbst gewonnenen Nutzholzes bekannt ist. Ich sah hier den schönsten Wald, welchen ich je im Congo zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte. Leider war es damals schon zu dunkel, um die Anpflanzungen der Station in Augenschein nehmen zu können, doch tröstete ich mich damit, daß ich wußte, bei meiner Rückkehr bessere Gelegenheit dazu zu haben.

Wie gewöhnlich setzten wir am folgenden Tage mit Tagesanbruch unsere Reise stromaufwärts fort. Da ich sehr bald eingesehen, daß ich später nicht im Lande umherreisen dürfte, ohne das Bangala, die hier übliche Verkehrssprache, zu verstehen, so begann ich bereits auf dem Dampfer, tüchtig Vokabeln zu lernen, um mich wenigstens einigermaßen mit den Eingeborenen verständigen zu können. Es wurde während der Mittagsstunden hier auf dem vollständig windstillen Congo so heiß, daß ein jeder bei dem müßigen Leben, welches man an Bord des Dampfers zu führen gezwungen war, erschlaffen mußte; wie sehr sehnte ich daher das Ende der Fahrt herbei, um doch wenigstens wieder etwas thätig sein zu können.

Irebu war unser nächstes Ziel, welches wir noch am Abend desselben Tages erreichten. Hier befand sich ein Camp d’Instruction, in welchem die Soldaten, welche die verschiedenen Stämme für die Schutztruppe des Staates liefern müssen, vorgebildet und gedrillt werden. Es befanden sich damals etwa 400 dieser Soldaten auf Irebu. Kommandant Jouniaux, der Kommandant der Station, führte uns am nächsten Tage, als der Dampfer, um Holz einzunehmen, den Ausfluß des Tumba-Sees hinaufgefahren war, umher und zeigte uns die ziemlich bedeutenden Kaffeeplantagen, welche von der Regierung hier angelegt worden waren. Man stand gerade vor der Haupternte. Die Plantagen waren in gutem Zustande gehalten, was insofern für die Regierung nicht schwer fällt, als sie Arbeiter in Überzahl erhalten kann, indem sie einfach aus den umherliegenden Dörfern die nötigen Leute requiriert, welche dann für eine geringe Bezahlung und für ihre Beköstigung für eine gewisse Zeit Arbeiten zu leisten haben. Nach allem, was ich hier in Irebu wie auch später in Equateur sah, schienen sich die Leute bei dieser Behandlung durchaus wohl zu fühlen.

Auf der Weiterfahrt wurde gegen Mittag noch einmal Halt gemacht, um wieder Holz einzunehmen. Am Abend legten wir kurz unterhalb [Wangata] für die Nacht an, um dann in aller Frühe erst bis Wangata, der Hauptniederlassung der Société Anonyme Belge, weiterzufahren. Von Wangata bis Coquilhatville oder Equateurville hatten wir nur eine kurze Zeit zu fahren, so daß wir bereits um 11 Uhr daselbst anlangten. Ich war natürlich froh, daß ich nun an meinem Ziele angelangt war und den Dampfer verlassen konnte. Am Nachmittage ließ ich meine Lasten in das mir angewiesene Haus hineinschaffen und richtete mich dann darin so behaglich ein, als es eben ging.

Coquilhatville ist eine der größten Stationen im Innern und gehört wohl entschieden auch mit zu den wichtigsten; die Eingeborenen in dem Distrikte sind immer mehr oder minder im Aufstande begriffen. Man hat auf der Station riesige Kaffeeplantagen angelegt, in denen eine sehr große Zahl von Arbeitern thätig ist. Der Chef des Cultures auf der Station schien sich nach seinen Berechnungen einen sehr großen Verdienst von den Kaffeeplantagen zu versprechen, doch wird man das Resultat abwarten müssen, denn der hier angepflanzte Liberia-Kaffee erzielt sehr geringe Preise auf dem europäischen Markte.

Zur Besichtigung der Kautschukpflanzungen unternahm ich in Begleitung des Chefs des Cultures eine Exkursion, auf welcher ich alles sah, was davon vorhanden war. Hevea hatte man meiner Meinung nach auf zu trockenem Terrain angepflanzt, die Pflanzen wuchsen zwar recht kräftig, doch ist zu befürchten, daß man mit ihnen dieselbe Erfahrung machen wird, wie es in Kamerun der Fall war. Manihot Glaziovii war auch in einigen hundert Exemplaren vorhanden und hatte sich stellenweise sogar schon selbst ausgesät. Von [Kickxia latifolia Stapf] hatte man eine Plantage von etwa 5000 Pflänzchen angelegt, welche auch sehr gut zu gedeihen schienen, doch giebt diese Art, wie ich bald festzustellen Gelegenheit hatte, ebenso wenig Kautschuk wie [Kickxia africana Bth.], ist also deshalb vollständig zu verwerfen. Von Castilhoa elastica war ein kleines Exemplar unter großen Schwierigkeiten und mit vieler Mühe hierher geschafft worden; dasselbe war erst vor einigen Tagen ausgepflanzt worden, so daß man noch nicht einmal sehen konnte, wie sich die Pflanze entwickeln würde. In einem sumpfigen Walde hatte man das Unterholz etwas weggeschlagen und eine Landolphia-Anpflanzung begonnen. Die Pflänzchen waren in Abständen von 5 bis 7 m einzeln oder zu zweien am Fuße der Bäume ausgesetzt und schienen sich in diesem feuchten Boden recht wohl zu fühlen. Auch diese Anpflanzung war erst sehr jungen Datums, so daß die Pflänzchen erst drei bis vier Blätter entwickelt hatten. Ich halte es nicht für möglich, daß eine solche Landolphia-Anpflanzung in sechs bis sieben Jahren anzapfbar sein wird, wie häufig vermutet wird. Es ist nicht zu bestreiten, daß dieselbe, wenn sie erst einmal zum Anzapfen reif ist, einen gewissen Wert repräsentiert, doch wird trotz aller Vorsichtsmaßregeln in wenigen Jahren der Kautschukertrag derselben bedeutend herabsinken, da bei der äußerst runzeligen und ungleich dicken Rinde die Schnitte nur zu leicht bis in die Cambiumschichten hineindringen. Hier im Congostaate weicht die Landolphia mit der fortschreitenden Civilisation in erschrecklicher Weise zurück. In größeren Quantitäten finden sich Kautschuklianen an leichter zugänglichen Lokalitäten nur noch da, wo der Europäer noch nicht dem Eingeborenen den Wert des Kautschuks hat klarmachen können. Die Verordnungen, welche die Regierung erlassen hat, werden natürlich, da sie unbequem sind, bei jeder möglichen Gelegenheit umgangen, denn dadurch würde der Ertrag der Kautschuk-Liane bedeutend verringert werden, und der Neger würde verlieren.

Die Bossanga- oder, wie sie hier allgemein genannt wurde, Bossassangapflanze, sah ich auch in der Umgebung der Station, besonders am Rande der Wälder, sehr häufig. Wie ich vermutet hatte, waren es [Costusarten], von denen ich zwei verschiedene Spezies unter diesem Namen feststellen konnte. Die bis acht Fuß hohen Stengel werden entblättert und dann in etwa fußlange Stücke geschnitten; durch Drehung und Auswringen dieser Stücke erhält man den Saft in reichlicher Menge, und kann ihn in diesem Zustande sofort bei der Koagulation der Kautschukmilch verwenden. Dieselben Costus-Arten hatte ich bereits in Kamerun viel gesehen und schon damals die Plantagenleiter darauf aufmerksam gemacht, daß ich in ihnen die Bossangapflanze des Congo vermute. Zur Untersuchung in Europa ließ ich zwei Flaschen mit Bossassangasaft füllen; da derselbe sehr reichlich fließt, war das eine Arbeit von einer halben Stunde.

Ich machte nun im Laufe der folgenden Tage einige Exkursionen in die Umgebung der Station, soweit dieses auf dem sumpfigen Terrain möglich war. Die Kautschuk liefernden Landolphien sind alle ausgeschlagen, so daß man zu neuen Anpflanzungen nicht einmal genügend Samen erhalten kann. Einige Ficusarten und einen großen Stamm der Kickxia latifolia zapfte ich an, konnte aber trotz aller Versuche und Anwendung der verschiedensten Säuren keinen brauchbaren Kautschuk gewinnen. Es gelang mir auch, einige Früchte der Kickxia latifolia zu finden, die bis dahin noch nicht bekannt waren. Auch die Stämme der Manihot Glaziovii ließ ich anzapfen und erhielt kleine Quantitäten guten Kautschuks, welche aber zu gering waren, um ein plantagenmäßiges Anbauen hier zu rechtfertigen. Mit den mir häufig gerühmten Kautschuk-Anpflanzungen in Coquilhatville stand es also zur Zeit meines Aufenthalts keineswegs besser als in Kamerun, im Gegenteil sind wir den Belgiern durch unsere Kickxiaplantagen weit vorausgeeilt. Die Landolphia-Anpflanzungen in Soppo sind auch bedeutend weiter entwickelt, als die im Congo angelegten.

Costus Lukanusianus K. Sch.

A Oberes Stengelstück, B Blüte, C Staubblatt, D Griffelkopf, E derselbe von der Seite, F Längsschnitt durch den Fruchtknoten.

Man begann auch im Equateur-Distrikte Kakaopflanzungen in größerem Maßstabe anzulegen; inwieweit sich diese rentieren werden, muß die Zukunft beweisen, es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Niederschläge zu unbedeutend sind, um eine gute Frucht erzielen zu können. Wie ich später von den katholischen Missionaren am Ruki hörte, sollen Proben von Kakaobohnen, welche sie zur Begutachtung nach Europa geschickt hatten, als sehr minderwertig („13. oder 14. Qualität“) bezeichnet worden sein. Sei es nun, daß die Fermentation oder das Dörren nicht richtig vor sich gegangen ist, sei es, daß der Boden nicht fruchtbar genug oder die Spielart an und für sich minderwertig gewesen ist, dort hat man jedenfalls aufgehört, neue Pflanzungen anzulegen. Hier in Equateur versprach sich der Chef des Cultures ein gutes Resultat. Viel wird natürlich auch davon abhängen, welchen Frachtsatz die Eisenbahngesellschaft für den Transport vom Stanley-Pool bis Matadi ansetzen wird, denn für derartige Qualitäten würden die Transportunkosten sehr leicht zu hoch werden.

Von Coquilhatville aus wollte ich gern eine kleine Expedition ins Innere nach der Gegend des Tumba-Sees machen, von wo eine nicht geringe Menge von Kautschuk des Equateur-Distriktes kommt.

Da der Kommissar des Distriktes zur Zeit sich auf einem Zuge gegen die Eingeborenen jener Gegend befand, welche einen Aufstand begonnen hatten, glaubte sein Stellvertreter, mir nicht die nötigen Träger geben zu können. So war ich denn gezwungen, bis zur Rückkehr des Kommissars zu warten.

Um meine Zeit möglichst auszufüllen, unternahm ich am 8. Juli eine Fahrt in einem Canoe den Ruki hinauf nach der Missionsstation der Trappisten. Die Missionare hatten hier verschiedene Kulturen begonnen und waren eben dabei, die Station zu vergrößern. Der Kaffee stand recht gut, Kakao war mit dem Kakao von Kamerun nicht zu vergleichen, doch waren die Pflanzungen recht schön sauber gehalten, wie überhaupt die Station einen recht netten Eindruck machte. Diese Leute leben dort äußerst einfach und bleiben bis zu ihrem Tode in Afrika, wenn sie nicht etwa beständiger Krankheiten halber nach Europa zurückkehren müssen; doch das kommt selten vor. In dem mit der Missionsstation verbundenen Kloster lebten drei Nonnen, welchen die Erziehung der Mädchen oblag.

Am 9. Juli traf der Kommissar des Distrikts ein. Als ich ihn von meinem Wunsche in Kenntnis setzte, sprach er mir sein Bedauern aus, daß er mir nicht erlauben dürfe, meine geplante Expedition ins Innere auszuführen, da die Gegend zu unsicher sei, und er mir augenblicklich die zu meiner Expedition nötigen Soldaten nicht geben könne. Ich versuchte ihn umzustimmen, sah aber bald ein, daß es nichts half. Die Gründe zu dieser Weigerung sind mir unklar geblieben, genug, ich sah ein, daß man mich nicht nach dem Tumba-See hineinlassen wollte, denn der Eingeborenen-Aufstand war damals schon erledigt.

Da ich nun keinen Grund hatte, noch mehr Zeit zu verlieren, so packte ich meine Sachen bald ein, um dann am 11. Juli meine Reise nach der Sanga-Mündung den Congo hinunter anzutreten. Ich hatte ein großes Canoe mit zwölf Ruderern bekommen, welches mich zunächst bis Irebu bringen sollte. Gern hätte ich selbst hier ein größeres Canoe käuflich erworben, doch das war leider nicht möglich, da die sämtlichen großen Canoes der Eingeborenen von der Regierung in Beschlag genommen waren und die Leute nun natürlich keine großen Canoes mehr bauen wollten, um sich nicht noch einmal derselben Gefahr auszusetzen.

Nach etwa 1½stündiger Fahrt erreichten wir die amerikanische Missionsstation bei Wangata, wo ich bei den sehr liebenswürdigen Missionaren mich eine kurze Zeit aufhielt. Auf der Weiterfahrt ging es über einige Stellen hinweg, welche infolge der starken Strömung eine große Zahl von Strudeln bildeten. Hier wurde dann immer das Kommando gegeben „koruka makessi“ (schnell rudern), um darüber hinwegzukommen und nicht von den Strudeln mitgerissen zu werden. Längs der Ufer waren Kopalbäume in riesigen Mengen vorhanden. Der hier helle Kopal, welcher einer geringeren Qualität angehört, wird von den Eingeborenen meist im Wasser gesammelt oder bei niedrigem Wasserstande auf den Sandbänken, wo er oft in ziemlichen Mengen angeschwemmt wird. Man hat hin und wieder versucht, größere Quantitäten nach Europa zu schicken, doch sollen die Transportkosten zu hoch sein, so daß der Export den jetzt noch durch die hohen Verdienste am Kautschuk und Elfenbein verwöhnten Handelsgesellschaften noch nicht rentabel genug erscheint. Der Frachtsatz für diesen sogenannten „weißen“ Kopal ist auf der Congo-Eisenbahn vom Stanley-Pool bis Matadi auf 18 Ctms. pro Kilo angesetzt worden; da hierzu noch die nicht unbedeutenden Transportkosten auf den Dampfern bis Stanley-Pool kommen und ferner auch noch die Fracht von Matadi nach Europa nicht gering ist, so läßt sich natürlich verstehen, daß ein großer Verdienst bei minderwertigem Kopal nicht herauskommt.

Landolphia florida Bth.

A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch den unteren Teil der Blüte. E Kelch und Griffel, F Querschnitt durch den Fruchtknoten, G Griffelkopf, H Anthere.

Die keinen Kautschuk liefernde Landolphia florida, welche hier im Congo in einer besonders schönen, großblütigen Varietät auftritt, war allenthalben längs der Ufer reichlich vorhanden. Ich stellte sowohl hier wie später in Bonga die möglichsten Versuche an, um Kautschuk davon zu gewinnen, doch alles war vergeblich, obgleich die Standorte häufig recht verschieden waren. Für mich ist die Frage für Kamerun und für den Congo so weit erledigt; Landolphia florida giebt daselbst keinen guten Kautschuk; wo andere Angaben vorhanden sind, dürften sie sich wohl auf einen Irrtum, sei es in der Art, sei es in der Bezeichnung des Produktes, zurückführen lassen; da viele Landolphien einander sehr ähnliche Blätter haben, so kann man sich leicht in der Art täuschen, zumal in den Wäldern häufig Kautschuk liefernde Arten mit anderen vermischt wachsen. Als Kautschuk sind mir häufig Produkte gezeigt worden, welche besser als Vogelleim bezeichnet werden würden; außerdem neigt der Laie dazu, gern eine jede in den Tropen weißen Milchsaft liefernde Pflanze, wie z. B. Ficusarten etc., als Kautschukpflanze anzusehen. Auch Asclepiadaceen stehen häufig bei Laien im Verdachte, Kautschuk zu liefern. So giebt Baillon nach aus dem Congo kommenden Notizen bei einer seiner neuen Tacazea-Arten an, daß eine nicht geringe Quantität des Congo-Kautschuks von dieser Pflanze herstammen solle. Ich habe nach eigenen Versuchen sowie trotz eifriger Erkundigungen keine Tacazea-Art zu Gesicht bekommen, welche wirklich Kautschuk lieferte.

Der Congo und seine Nebenflüsse sind ungeheuer reich an Fischen, doch wird von den Eingeborenen, deren einzige Fleischnahrung lange Zeit hindurch die Fische bilden, der Fang derselben ziemlich vernachlässigt. Ein jeder kleine Wasserlauf bietet den Leuten eben eine so reichliche Ausbeute, daß sie sich gar nicht dabei anstrengen brauchen. In vielen Gegenden wäre es für die Handelsgesellschaften vielleicht von großem Nutzen, wenn sie zur Ernährung ihrer eingeborenen Arbeiter durch Leute, welche den Fischfang wirklich kennen, täglich die nötigen Mengen fangen lassen würden, ganz besonders in solchen Gegenden, wo man von den Eingeborenen nur schwerlich Nahrung erkaufen kann, wie z. B. im Sanga-Ngoko-Gebiete.

Am 11. Juni gegen Mittag erreichten wir Ikenge, einen Holzposten des Staates, wo ich für meine Ruderer etwas Mais erstehen konnte, denn dieselben hatten seit dem Morgen noch nichts gegessen. Der Uferwald, welcher nur wenige Fuß über dem Niveau des jetzt ausnahmsweise tiefen Wasserstandes lag, war äußerst interessant. Wir hielten uns immer, soweit nur irgend möglich, an dem Ufer des Flusses, um uns nicht in den vielen Kanälen und Armen des Stromes zu verfahren. Affen und Wasservögel (Reiher, Enten und Wasserhühner) gab es in großen Mengen. Es gelang mir, verschiedene derselben für die Leute zu schießen, ebenso einige Affen, von denen ich auf der Fahrt bis Irebu allein fünf verschiedene Arten beobachtete. Im Wasser gab es viele Krokodile, doch konnte ich nicht zum Schuß kommen, da die Tiere ungemein scheu waren. Nilpferde sahen wir gar nicht. Es war mir übrigens schon vorher aufgefallen, daß wir auf der Reise von Irebu bis Coquilhatville nichts von den sonst so häufigen Tieren gesehen. An vielen Stellen, wo ich anlegen lassen konnte, benutzte ich die Gelegenheit, den Wald etwas zu untersuchen, fand aber immer dieselben Zustände: die Kautschuklianen waren alle ausgeschlagen. Calamusarten waren häufig, besonders am Flußrande bildeten sie nicht selten undurchdringliches Gestrüpp. Ein jeder Versuch, sich ohne Cutlas durch diese Gebüsche hindurchzuarbeiten, würde scheitern, die zurückgebogenen Haken an der verlängerten Blattspitze halten einen jeden Eindringling zurück. Da ich, wenn irgend möglich, am folgenden Tage in Irebu eintreffen wollte, so ließ ich bis gegen 7 Uhr abends rudern. In der bereits eingetretenen Dunkelheit war es dann nicht leicht, einen geeigneten Landungsplatz zu finden, außerdem machen die vielen Baumstämme im Strome eine Canoereise bei der Dunkelheit sehr gefährlich. Als wir eben das Zelt aufstellen wollten, fing es plötzlich an in Strömen zu regnen, so daß noch alle Lasten nass wurden, ehe wir sie bergen konnten. Auch mein bereits draußen aufgestelltes Feldbett wurde derartig durchnäßt, daß ich an Schlaf nicht denken konnte, da mir keine trockenen Decken zur Verfügung standen. Nachdem ich mich daher selbst trocken umgezogen hatte, ließ ich ein Feuer im Zelte unterhalten, um mich zu erwärmen und die in Scharen erscheinenden Moskitos durch den Rauch fortzujagen.

Am nächsten Morgen ließ ich bereits um 5½ Uhr weiterfahren. Nach dem Regen hatte sich die Temperatur gehörig abgekühlt, auch lag ein feiner Nebel auf dem Flusse, der sich erst mit Aufgang der Sonne hob. Es war ein herrlicher Morgen. Nach einer Stunde erreichten wir das Nachtlager eines Inspektors der Telegraphenlinie, welche längs des rechten Ufers vom Stanley-Pool nach Coquilhatville im Bau begriffen war. Der Herr war am Tage vor mir von Coquilhatville abgefahren und wollte auch nach Irebu zurückkehren. Da sein Canoe schneller lief als das meinige, lud er mich ein, mit ihm zu fahren und mein Canoe nachkommen zu lassen. Wir machten unterwegs einige Fahrtunterbrechungen, er, um die Linie zu inspizieren, ich, um mir die Zusammensetzung des Waldes anzusehen. Als wir gegen 12½ Uhr in Irebu anlangten, war von meinem Canoe noch nichts zu sehen, dasselbe traf erst gegen 2 Uhr ein; natürlich hatten sich die Leute, da ich nicht dabei war, auch nicht übermäßig angestrengt. Da in Irebu zur Zeit kein größeres Canoe zu finden war, wurde ich leider gezwungen, daselbst einige Tage Rast zu machen, bis ein solches eintraf. Kommandant Jouniaux versuchte, mir den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen; er führte mich auf der Station umher und gab mir Aufklärung über die verschiedensten Dinge, welche mich interessierten. Auf einigen kleinen Exkursionen, welche ich in der Umgegend unternahm, hatte ich Gelegenheit, den Charakter der Wälder in der Umgegend kennen zu lernen. Da es ziemlich ausgedehnte Grassteppen in Fülle hier gab, in denen diese Wälder, selten größere Komplexe bildend, zerstreut umherlagen, so war natürlich auch die Vegetation dieser Buschwälder eine ganz andere, als ich sie im Congo vorher kennen gelernt hatte. Landolphien waren hier und da vereinzelt anzutreffen, aber nur in dünnstämmigen Exemplaren, welche von den Eingeborenen noch nicht angeschnitten wurden. Landolphia florida war längs der Flußufer sehr verbreitet. Die orangegelben Früchte werden von den Affen gern gefressen, da die Samen von einer süßen Pulpa umgeben sind. Costus- (Bossassanga-) Arten waren allenthalben am Rande der Wälder und Gebüsche reichlich vorhanden. Da wo frisch Urwald geschlagen wird, stellen sich die Pflanzen gewöhnlich sehr bald ein. Ein nicht unerheblicher Teil der Grassavannen war mit Borassuspalmen bedeckt, was der ganzen Landschaft einen recht imposanten Anblick verlieh. Die Früchte der Borassuspalme werden nur selten von den Eingeborenen gesammelt, da sie von einem süßlichen Fruchtfleische umgeben sind, doch wird in vielen Gegenden der Stamm direkt unterhalb der Krone angebohrt zur Gewinnung von Palmenwein. Nicht selten sieht man Strecken, in denen die Borassuspalmen durch dieses Anbohren getötet sind.

Endlich, am 17. Juli, traf das langersehnte Canoe ein, so daß ich am 18. Juli abreisen konnte. Das Canoe war sehr dick gebaut und hatte vorn und hinten eine kleine Plattform, auf welcher noch einige Ruderer stehen konnten; es ist dieses eine Eigentümlichkeit der Ubangi-Canoes, von denen die größeren sogar Plattformen für sechs bis sieben Ruderer vorn und hinten besitzen sollen. Infolge langjährigen Gebrauches war das Fahrzeug an den Seiten etwas defekt geworden, so daß ich zweifelte, meine sämtlichen Lasten unterbringen zu können. Als wir dann am Nachmittage abfuhren, ragte, nachdem sich noch meine zehn Ruderer (Congostaat-Soldaten und ein Sergeant) hineingesetzt hatten, eben nur noch der oberste Rand an den Seiten empor, so daß ich sehr bezweifelte, richtig in Lukulela anzukommen. Noch länger in Irebu warten wollte ich auch nicht, da das nächste größere Canoe, welches man mir zur Verfügung hätte stellen können, erst nach einer weiteren Woche erwartet wurde. Das Wetter war für die Reise in dem defekten Canoe nicht gerade das beste, denn es wehte eine ziemlich steife Brise auf dem Strome. Von Insel zu Insel weiter zur Mitte des Flusses fahrend, machten wir allmählich schnelleren Fortschritt, je mehr wir in den Strom hineingelangten. Wir waren kaum eine Stunde von Irebu fortgefahren, als sich plötzlich ein riesiges Nilpferd etwa zehn Schritte vor dem Canoe aus dem Wasser hob und brüllte. Da wir inmitten des Flusses waren, war die Lage nicht sehr angenehm, um so mehr, als ein Stoß des Tieres genügt hätte, uns mit sämtlichen Lasten umzuwerfen. Ich ließ den Kurs etwas ändern und hielt mein Gewehr in Bereitschaft. Das Tier tauchte sogleich wieder unter und erschien kurz darauf wieder hinter dem Canoe. Nun glaubte ich feuern zu müssen, denn das wütende Tier hatte offenbar die Absicht, uns anzugreifen. Ein Schuß ertönte, und mit furchtbarem Geheul tauchte der Riese wieder unter, ohne sich zu einer zweiten Salve sehen zu lassen, denn nun hatte ich den Soldaten befohlen, auch ihre Gewehre in Bereitschaft zu halten. Die Leute meinten zwar, daß ich das Tier tödlich verletzt habe und daß es nach etwa einer Stunde wieder oben an der Wasserfläche erscheinen würde, doch war ich nicht meines Schusses sicher genug, um deshalb Zeit zu verlieren, zumal, da es dann sehr fraglich gewesen wäre, ob wir noch einen Lagerplatz für die Nacht gefunden hätten, und in meinem Canoe mir die Fahrt die Nacht hindurch zu gefahrvoll vorkam. Von Insel zu Insel weiter vordringend, kamen wir gegen Abend in Sicht des französischen Congo-Ufers, auf dem mir meine Leute bald die Missionsstation Lironga zeigten. Da es bereits zu dunkeln anfing, ließ ich auf die Station zusteuern und traf auch gegen 6½ Uhr wohlbehalten daselbst ein. Die französischen Missionare luden mich ein, bei ihnen über Nacht zu bleiben.

Bevor ich nächsten Morgen weiterfuhr, machte ich einen kleinen Rundgang auf der Station. Alles war vorzüglich in Ordnung gehalten, besonders die verschiedenen Anpflanzungen. Hier sah ich auch seit längerer Zeit einmal wieder ein Batatenfeld. Die Negerjungen, welche hier erzogen werden, werden sehr streng gehalten und sollen vor allen Dingen zu guten Arbeitern herangebildet werden. Nach allem, was ich hier sah, schien es, als ob man den Knaben auch schon etwas Tüchtiges beigebracht habe. Bei Frühstück erzählten mir die Herren einige ihrer Jagderlebnisse mit Elefanten, von denen diese Gegend noch voll ist. Da die Tiere die Anpflanzungen nicht selten zerstören sollen, ist es natürlich eine große Freude für die Station, wenn eins derselben erlegt wird, ganz abgesehen davon, daß dadurch riesige Mengen von Fleisch gewonnen werden, welches dann unter die Eingeborenen verteilt wird, denn dasselbe wird sehr geschätzt. Als ich gegen 7 Uhr aufbrach, war das Wasser des Stromes derartig bewegt, daß mir die Missionare rieten, noch länger zu bleiben, ich mußte es aber ausschlagen, denn ich wollte nicht zu viel Zeit verlieren.

Die Fahrt über den Congo an jenem Tage werde ich nicht vergessen. Anfangs ging alles gut, das Canoe wurde zwar immer hin und her geschleudert, doch schlugen die Wellen selten über den Rand; je mehr wir aber nach der Mitte des Stromes kamen, desto furchtbarer wurde die Fahrt. Die Leute wußten vor Furcht kaum mehr meinen Befehlen zu gehorchen, denn das Getöse war betäubend, ebenso schlugen die Wellen beständig in das Canoe hinein, so daß zwei Leute nur immer das eindringende Wasser ausschöpfen mußten; ich selbst glaubte nicht mehr daran, daß wir das andere Ufer erreichen würden, denn mehr als einmal sah ich Wellen kommen, von denen ich sicher glaubte, umgeworfen zu werden, und nur durch plötzliche Wendungen des Canoes wurde dieses vermieden. Ich selbst ruderte mit allen Kräften und arbeitete mich dabei trotz des starken, kalten Windes, welcher wehte, tüchtig in Schweiß, dabei hatte ich noch auf alles aufzupassen, denn die Leute selbst waren ganz kopflos geworden. Es waren einige aufregende Stunden. Endlich gegen 10 Uhr gelang es uns, eine Sandbank zu erreichen, wo ich anlaufen ließ, um mich nicht noch einmal der Gefahr auszusetzen, mit Mann und Maus zu ertrinken oder den Krokodilen zum Opfer zu fallen. Kaum hatten wir das Canoe auf den Sand gezogen, als sich ein furchtbarer Tornado mit einem echten Tropenregen erhob, der uns in Kürze alle bis auf die Haut durchnäßte. Wären wir noch eine halbe Stunde länger auf dem Wasser gewesen, so wäre das Canoe sicher untergegangen. Wie ich richtig vermutet hatte, legte sich nach dem Regen der Sturm auch bald, und das Wasser wurde allmählich ruhiger, so daß wir um 12 Uhr unsere Fahrt wieder aufnehmen konnten. Die Leute fanden denn auch bald ihre Courage wieder, besonders da ich auf der Sandbank drei Enten geschossen hatte, welche ich ihnen schenkte, denn wenn der Neger seinen Magen gefüllt hat, so ist er noch einmal so gut zu gebrauchen. Als kurz darauf die Sonne wieder erschien, zeigten sich bald die verschiedensten Wasservögel und Affen wieder. Es gelang mir auch noch, einige derselben zu erlegen, worüber meine Leute derartig in Freude gerieten, daß sie sogleich einen Gesang auf den „Mundele na niama mingi“ (weißen Herrn, der viel Fleisch giebt) anstimmten. Da die Leute wußten, daß sie am Abend das Fleisch der erlegten Tiere bekommen würden, ruderten sie mit doppeltem Eifer, so daß wir im Laufe des Nachmittags eine große Strecke zurücklegen konnten. Die Vegetation am Flußrande blieb dieselbe, wie ich sie bereits früher beobachtet hatte. Nilpferde wurden immer häufiger, hin und wieder zeigte sich auch ein Krokodil auf den Sandbänken oder träge im Wasser schwimmend. Eine Kugel, welche ich immer für diese Tiere in Bereitschaft hielt, trieb dieselben bald aus ihrer Ruhe. Als ich am Abend einen geeigneten Lagerplatz gefunden und mein Zelt aufgestellt war, ging ich sogleich, ohne erst ein Abendesssen einzunehmen, zur Ruhe und verfiel sofort in einen tiefen Schlaf, so war ich von der Aufregung des heutigen Tages erschöpft; selbst die vielen Moskitos, welche mich umschwärmten, konnten mich nicht aufwecken. Wieder vollständig erfrischt, ließ ich am folgenden Tage, nachdem das Zelt schnell eingepackt war, gegen 6 Uhr weiterfahren. Wir trafen heute mehr Nilpferde, als ich je vorher gesehen; häufig schien es fast, als ob sie uns entgegenkommen wollten, um uns anzugreifen. In solchem Falle wurde unter großem Lärm tüchtig fortgerudert, ich stellte mich bereit, um etwa zu nahe herankommende Tiere mit einer Kugel zu empfangen. Es ist mir merkwürdigerweise nie passiert, daß mein Canoe von Nilpferden umgeworfen wurde, obgleich das auf Reisen im Congo nicht selten vorkommt, und einige Herren daselbst nur zu häufig das Unglück zu haben scheinen. — In den Gegenden, wo die Europäer noch nicht häufig vorgedrungen sind und den Nilpferden daher noch nicht derartig nachgestellt worden ist, sind dieselben natürlich lange nicht so bösartig als im viel befahrenen Congo. Es ist sicher, daß der Jahre des Vorhandenseins von Nilpferden in den afrikanischen Flüssen nicht mehr sehr viele kommen werden, wenn man fortfährt, diese Tiere in derselben Weise zu vernichten, wie es jetzt geschieht. Die Jagd auf Nilpferde ist leicht und kaum sehr gefahrvoll, denn die Tiere sind sehr dumm, es gehört also gar kein besonderer Heldenmut dazu, eins zu töten. Am Vormittage fuhren wir zum großen Teile am Rande großer, häufig sumpfiger Savannen entlang, in denen offenbar viele Büffel vorhanden waren, wie die zahlreichen Spuren am Flußrande bewiesen.

Als wir uns gegen 12 Uhr eben an Land begeben wollten, ging eine Büffelherde trabend davon, die ganze Gegend war offenbar äußerst wildreich. Ich schoß mir noch zum Frühstück eine prachtvolle große Ente. Wir lagerten in einem herrlichen Wäldchen, dessen Bäume von den Blüten einer wundervollen rosenroten Milletia bedeckt waren. Einige in der Nähe unseres Lagerplatzes stehende Ficusarten untersuchte ich, doch, wie ich erwartet, ohne ein günstiges Resultat zu erzielen. Als wir uns eben wieder auf der Fahrt befanden, brach plötzlich ein Tornado aus, der von einem starken Regen begleitet wurde und mich also zwang, wieder an Land anlaufen zu lassen und das Canoe mit dem ausgebreiteten Zelte zu überdecken. Wir wurden alle arg durchnäßt, doch das hielt uns nicht ab, sogleich nachdem sich der Tornado gelegt hatte, weiter zu fahren. Am Abend fanden wir einen wundervollen Lagerplatz, der aber von Büffeln und Nilpferden vollständig zertreten war. Im Wasser vor uns schwammen etwa 10 Nilpferde umher, welche uns eifrig beobachteten, hier und da erhob sich eins derselben brüllend, um dann wieder für einige Zeit zu verschwinden. Ich streifte mit einem meiner Leute noch umher, um mir einen Abendbraten zu schießen, und hatte auch das Glück, mich mehrmals an einen Schwarm Enten heranschleichen zu können, von denen ich fünf erlegen konnte. Das gab wieder ein Fest für die Leute. In der Nacht wurden wir derartig durch die sich immer näher an uns heranwagenden Nilpferde, welche durch ihr Gebrüll uns im Schlafe störten, belästigt, daß ich beschloß, den Tieren ein Andenken zu geben. Ich schoß auf das uns im Wasser am nächsten schwimmende Tier, das übrigens kaum 20 Meter entfernt war, und traf es so günstig, daß es mit einem furchtbaren Geheul unterging. Ich hatte keinen Zweifel, daß ich das Tier tödlich verwundet hatte, wodurch seine Genossen sich denn auch wohlweislich in besserer Entfernung hielten. Meine Leute mußten dann während der Nacht noch wiederholt auf einige allzu freche Exemplare schießen, um dieselben wieder zu verscheuchen.

Am nächsten Morgen befürchtete ich zwar einen Angriff seitens der Hippopotamen auf mein Canoe, dieselben ließen uns aber ruhig abziehen, offenbar froh darüber, nun auch auf die Weide gehen zu können.

Das Wasser war wieder sehr bewegt, außerdem hatten wir eine sehr starke Brise gegen uns, so daß wir nur langsam fortkamen. Das Flußbett war zum Überflusse reichlich mit Felsen besät, so daß wir nicht selten in Gefahr kamen, unser Canoe zu zerschellen, und häufig genug konnten wir hören, wie wir eben an die Spitzen eines solchen scharfen Felsens anstreiften. Gegen 9 Uhr kam der Posten Lukulela in Sicht, nach einer weiteren Stunde trafen wir daselbst ein. Die „Hainaut“, welche bei dem Tornado am vorhergehenden Tage etwas Havarie erlitten, lag hier vor Anker und wurde für die Fahrt nach dem Stanley-Pool etwas repariert. Leutnant Serulea, der Kommandant des Postens, empfing mich sehr liebenswürdig und wies mir eine recht angenehme Wohnung an.

Nachdem die „Hainaut“ gegen Mittag abgefahren war, machte ich mit Herrn Jacquier de Longprès, dem Stationsassistenten, einen Rundgang auf der Station. Der Kakao stand hier besser als in Coquilhatville, was ich dem offenbar besseren Boden zuschreibe; der Kaffee war auch gut gehalten; die ganze Station machte überhaupt einen recht netten Eindruck, eine Thatsache, die um so anerkennenswerter ist, als man hier nur eine geringere Zahl von Arbeitern beschäftigte. Kautschuksamen waren erst ausgelegt worden, daher also war noch nichts von den Pflanzen zu sehen. Einige alte Kautschuklianen hatte man beim Umlegen des Waldes geschont, dieselben waren ziemlich alt und gaben guten Kautschuk. Wenn die Eingeborenen im Walde eine solche Liane finden, so machen sie zunächst den Baum oben von den Zweigen möglichst frei, bis sie die ganze Liane herunterziehen können, dieselbe wird darauf längs des Bodens möglichst ausgebreitet und durch Astgabeln oder Unterlagen von Holzklötzen und Steinen etwa einen Fuß über den Boden erhoben, dann erst werden in Abständen von etwa einem Fuß Einschnitte gemacht, aus denen dann die Latex in die zu diesem Zwecke untergesetzten Gefäße (meist Lehm- oder Thontöpfe) hineinläuft. Natürlich werden die Lianen von den Eingeborenen gewöhnlich so tief angeschnitten, daß sie bereits nach einmaligem Anzapfen zu Grunde gehen. Trotz der verschiedenen Behauptungen und Veröffentlichungen diesbezüglich, habe ich mich während meiner Reise überzeugen können, daß man im Congo den Kautschukpflanzen auch nicht mehr Schonung angedeihen läßt als in den anderen Ländern Afrikas. Die Regierung versucht zwar, durch Erlasse aller Art gegen den Raubbau zu arbeiten, doch sind es zum Teil die Ausführenden selbst, welche den Raubbau ermutigen, da sie dadurch einen großen momentanen Gewinn erzielen, der sonst ihren Nachfolgern in die Hände fallen würde. Leider waren an den Kautschuklianen hier in Lukulela weder Blüten noch Früchte zu finden, so daß ich nicht die Art feststellen konnte.

Am Nachmittage des nächsten Tages lud mich der Kommandant zu einer Jagd auf Büffel und Elefanten ein. Wissend, daß ich somit tiefer in die Wälder hineinkommen würde und daselbst vieles mir Neue zu sehen bekommen würde, sagte ich sehr gern zu. Wir fuhren daher noch am Nachmittage über den Congo hinüber und landeten zunächst an einer mit hohem Grase bedeckten Ebene, wo wir Büffelspuren in Menge fanden. Nachdem die nötigsten Vorbereitungen zur Errichtung des Lagers für die Nacht getroffen waren, brachen wir sogleich zur Jagd auf. Trotz der ganz frischen Spuren gelang es uns jedoch dennoch nicht, innerhalb der ersten zwei Stunden eines der Tiere zu sehen. Als dann ein plötzlich aufgejagter Leguan noch geschossen wurde, gaben wir die Jagd auf die Büffel auf, da die durch den Schuß gewarnte Herde sich nunmehr sicher doppelt vorsichtig bewegen würde, wenn sie nicht überhaupt entflohen war. Nachdem wir einen Sumpf überschritten hatten, drangen wir in einen daran angrenzenden dichten Wald ein. Nach verschiedenen Streifzügen, auf welchen wir sehr viele frische Elefanten- und Büffelspuren antrafen, wurden wir von unserem eingeborenen Fährtenfinder plötzlich gewarnt und stießen auch wirklich auf eine Herde von Wildschweinen. Im nächsten Augenblicke krachten schon unsere Schüsse auf die Tiere nieder. Die meisten wurden verwundet, drei gelang es zu töten. Unterdessen war es nun auch Zeit geworden, an den Rückweg zu denken, damit wir noch die Flußufer vor Anbruch der Dunkelheit erreichen könnten. Erst spät am Abend kamen auch unsere Leute mit den erlegten Wildschweinen an, von denen wir uns dann noch zum Abendessen einige saftige Stücke braten ließen. Der Mond war bereits in seiner vollen Pracht aufgegangen, als wir uns zum Abendessen niedersetzten, um sofort durch unsere Leute auf einige auf dem Flusse dahinschießende Canoes aufmerksam gemacht zu werden. Da uns diese fluchtähnliche Fahrt der Canoes verdächtig vorkam, riefen wir die Insassen der Canoes an. Dieselben ruderten daraufhin jedoch noch schneller. Leutnant Serulea, welcher bereits einige Zeit in der Gegend war, vermutete daher sehr richtig, daß die Insassen des Canoes desertierte Soldaten aus Irebu seien, welche nach dem französischen Posten Lukulela (français) entweichen wollten, und sandte ihnen daher einige Kugeln nach. Auch wurde sofort unser Canoe zum Einfangen der Leute nachgeschickt. Diesen gelang es jedoch, sich im Schatten einer Insel zu verbergen, wo sie dann nicht mehr zu finden waren. Erfolglos kehrten daher unsere Leute zurück.

Schon um 4 Uhr setzten wir am nächsten Morgen unsere Jagd weiter fort. Da wir vermuteten, daß das durch unsere Schüsse gewarnte Wild sich nun weiter fort begeben habe, fuhren wir den Strom etwa eine Stunde weiter hinauf. Am Rande eines Sumpfes wurde dann ein Lager aufgeschlagen. Das Überschreiten dieses Sumpfes, welcher uns von dem Walde trennte, war mit einigen Schwierigkeiten verknüpft, schon bei den ersten Schritten sank man bis über die Kniee ein. Nachdem wir endlich in dem etwas trockneren Walde angelangt waren, gingen wir sehr vorsichtig vor, da wir frische Elefantenspuren in Menge bemerkten und daher die Tiere in unmittelbarer Nähe vermuteten. Nach etwa 1½ Stunden gab unser führender eingeborener Elefantenjäger, welcher weniger ein guter Schütze als ein vorzüglicher Fährtenfinder war, ein Zeichen, woraufhin wir unseren Leuten zurückzubleiben befahlen und nun mit doppelter Vorsicht vorschlichen. Bald sahen wir zwei fressende Elefanten vor uns, welche uns noch nicht bemerkt hatten. Bis auf 40 m gelang es uns unbemerkt heranzukommen, als das Männchen sich plötzlich wendete und uns bemerkte. Eben schien sich das Tier mit weitabstehenden Ohren auf uns werfen zu wollen, als auch schon unsere Schüsse erklangen und der Riese lautlos zusammenbrach, die Zähne in den Boden stoßend. Es war ein Anblick, den niemand vergessen wird, der je etwas ähnliches gesehen. Das Weibchen gab nun sofort Fersengeld. Einige ihm nachgesandte Schüsse verwundeten es zwar, konnten ihm aber keinen besonderen Schaden zufügen, da wir nur den hinteren Teil des Tieres zum Ziel nehmen konnten. Dem gestürzten Elefanten jagten wir nun nochmals drei Kugeln in den Kopf, um ihm vollends den Garaus zu machen. Unsere unterdessen herbeigekommenen Leute benahmen sich wie toll vor Freude auf die Aussicht, nun einmal wieder tüchtig Elefantenfleisch zu essen zu bekommen, und führten einen wahren Freudentanz um den gefällten Riesen herum auf. Nachdem wir darauf den Befehl gegeben, das Tier zu zerlegen und die Teile in unser Lager zu bringen, brachen wir auf, um nach weiterer Beute zu suchen. Bald traten wir in einen wundervollen Wald hinein, welcher von Elefantenpfaden nach allen Richtungen hin durchkreuzt war. An einigen sumpfigen Stellen sah man, daß sich noch kurz vor uns die Tiere darin herumgewälzt hatten, genug, wir sahen hier, daß wir uns inmitten eines von Elefanten dicht belebten Striches befanden. Unser Jagdeifer wuchs natürlich nun nach dem erfolgreichen Morgen sehr bedeutend. An einem Baum, dessen sehr saftreiche Rinde die Elefanten sehr gern zu fressen schienen, sahen wir sowohl an der ganz frisch abgeschälten Rinde wie an den noch rauchenden Exkrementen, daß wir den Tieren sehr nahe sein mußten. Eine über uns in den Bäumen sich aufhaltende Affenherde verdarb uns aber das Vergnügen durch das wüste Geschrei, welches die Gesellschaft, die offenbar nie vorher einen weißen Menschen zu Gesicht bekommen, ausstieß, als sie uns bemerkte. Wir wurden so ärgerlich über die uns nun von Baum zu Baum verfolgende Herde, daß wir schließlich beschlossen, die Tiere zu verjagen, da sonst weitere Erfolge unmöglich waren. Es blieb uns daher nichts anderes übrig, als einige der Tiere herunterzuknallen. Ruhig blieben dieselben sitzen, als unsere Kugeln um sie herumpfiffen. Als sie aber, nachdem einige heruntergefallen, doch einsahen, daß unsere Gewehre nicht ganz harmlose Dinge waren, entflohen sie unter entsetzlichem Geheul. Nun erst konnten wir weiter den Spuren der Elefanten folgen. Gegen Mittag gelang es uns denn auch wieder, an einige Tiere heranzukommen, welche wir allerdings wegen des sehr dichten Unterholzes nur zum Teil sehen konnten. Wir verwundeten das eine offenbar sehr schwer, denn der Blutverlust des Tieres mußte nach den Spuren, welchen wir nachher folgten, sehr bedeutend sein, und an verschiedenen Stellen schien es, als sei das Tier zusammengebrochen, aber es gelang uns dennoch nicht, die Spuren weiter zu verfolgen, da sie sich allmählich in der alten Spur wiederfanden und uns so immer wieder irre leiteten. Nach einigen Stunden vergeblichen Suchens nach dem verwundeten Elefanten, von dem wir berechtigt waren zu glauben, daß er unterdessen bereits vollständig zusammengebrochen sei, war es denn auch Zeit, an die Rückkehr zu denken, besonders da sich in unseren Magen bald eine bedeutende Leere bemerkbar machte. Nach einem Kompaß durch Dick und Dünn marschierend, gelangten wir, nachdem wir einige Sümpfe überschritten hatten, in welche wir bis über die Hüften einsanken, endlich etwa eine Meile unterhalb unseres Lagers an die Flußufer.

Wir arbeiteten uns nun bis auf Hörweite auf unser Lager zu durch und wurden schließlich im Canoe abgeholt. Unser Koch hatte während unserer Abwesenheit das Essen, bestehend aus Wildschweinbraten, für uns zurechtgemacht, so daß wir sogleich unseren Hunger stillen konnten. Erst um 5 Uhr hatten unsere Leute den zerlegten Elefanten vollständig bis zum Flusse geschafft und in das Canoe eingeladen. Natürlich stellte sich bald heraus, daß die nichtswürdigen Kerle wieder große Mengen Fleisch im Busch versteckt hatten, um es dann über Nacht oder am nächsten Tage abzuholen. Einige Leute, welche wir dabei ertappen konnten, wurden bestraft, das versteckte Fleisch, welches wir nach einigem Suchen doch bald fanden, ihnen natürlich auch wieder abgenommen. Auf der Rückfahrt hatten wir noch das Glück, einige Nilpferde auf einer Sandbank, vollständig außerhalb des Wassers, beobachten zu können. Ziemlich ermüdet kamen wir am Abend in Lukulela (bèlge) wieder an. Natürlich war der folgende Tag, an welchem das Fleisch verteilt wurde, ein Festtag für die Leute der Station. Ein jeder bekam da seinen Teil und hatte auch Grund, zufrieden zu sein, denn an einem ausgewachsenen Elefanten sitzt eine enorme Masse von Fleisch; dazu hatten wir dann ja auch noch die drei erlegten ziemlich großen Wildschweine, von denen wir drei Europäer doch nur sehr wenig hatten verzehren können.

Da ich in Lukulela hörte, daß sich vielleicht bald eine Gelegenheit finden werde, den Sanga von Bonga aus zu befahren, so lag mir natürlich daran, möglichst bald nach Bonga zu kommen. Leutnant Serulea wollte mich bis Bonga hinübergeleiten, da er dort den Herren einen Besuch versprochen hatte. Wir hatten unsere Abreise von Lukulela auf den 25. Juli angesetzt, konnten aber erst am Nachmittage fortfahren, da das Wasser im Congo am Vormittage so hohe Wellen schlug, daß gar nicht daran zu denken war, das andere Ufer zu erreichen. Trotz des noch immer gefährlichen Wellenganges erreichten wir bald das französische Ufer und sprachen dort auf dem französischen Lukulela-Posten vor. Nach kurzem Aufenthalte fuhren wir bald in den Likensi-Arm des Congo, welcher zum Sanga hinüberführt, ein, mußten aber für die Nacht unser Lager aufschlagen, ohne Bonga erreichen zu können, da wir von der Dunkelheit überrascht wurden und das Fahren in dem engen, von Nilpferden wimmelnden Kanale nicht ohne Gefahr war. In dieser Nacht bekamen wir dann auch schon einen Vorgeschmack von den Bonga-Moskitos, so daß wir nicht an schlafen denken konnten. Mit Tagesgrauen brachen wir am 26. Juli wieder auf. Nach etwa einstündigem Rudern erreichten wir den Sanga. Um 7 Uhr kam Bonga in Sicht. Ich fand bei dem Vertreter der Société Anonyme Belge Aufnahme für die Zeit meines Aufenthaltes bis zur Abreise nach dem Ngoko. Bis dahin sollte allerdings noch eine geraume Zeit vergehen.

III. Kapitel.
Sanga-Ngoko-Reise und Rückreise nach Kamerun.

In Bonga hatte ich nun einen Ort erreicht, in dem ich die ersten Nachrichten aus der Südostecke unseres Kamerun-Gebietes einziehen konnte. Ein Angestellter der Société Anonyme Belge war gerade vom Ngoko heruntergekommen und konnte mir die Verhältnisse daselbst schildern. Wie sich später herausstellte, hatte er allerdings Vieles übertrieben, doch waren einige seiner Erzählungen für mich von Nutzen. Von Herrn Oberleutnant Dr. R. Plehn hatte ich einen Brief in Bonga vorgefunden, in dem er mich auf seinen Mangel an Leuten und die Unmöglichkeit aufmerksam machte, am Ngoko Träger zu engagieren. Er riet mir, Leute vom Congo mitzubringen. Das war nun leider nicht mehr ausführbar, da im Congostaate erst vor kurzem ein Erlaß des Gouverneurs erschienen war, wonach die Ausfuhr von Arbeitern aus dem Gebiete des Staates verboten war. Hätte ich nicht in Kamerun den Schilderungen des Herrn Oberleutnants v. Carnap entnehmen müssen, daß die Trägerfrage im Ngoko-Gebiete leicht zu lösen sei, so hätte ich vom Congostaate mir die Erlaubnis erbeten, Träger nach dem Ngoko hinaufnehmen zu dürfen; nun war das hier im Innern nicht mehr möglich, denn eine solche Erlaubnis konnte mir nur der Gouverneur in Boma geben. Die Verhältnisse lagen also für einen guten Fortgang der Expedition denkbar ungünstig. Dazu kam noch, daß die Aussicht auf eine Gelegenheit, den Sanga hinaufzukommen, immer bedenklicher wurde, um so mehr, da das Wasser ganz bedeutend gefallen war.

Am 29. Juli traf der „Frédéric“, ein Dampfer der „Nieuwe Afrikaansche Handels-Vennootschap“ mit Elfenbein vom oberen Ubangi ein. Der Kapitän dieses Dampfers führte ein großes Canoe bei sich, welches er am Stanley-Pool zu verkaufen gedachte. Da ich schon seit längerer Zeit nach einem solchen gesucht hatte, so nahm ich denn auch die Gelegenheit wahr und erwarb mir dasselbe für 250 Frcs. Nun versuchte ich alles mögliche, um Ruderer für das Canoe anzuwerben, damit ich dann die Fahrt nach dem Ngoko im Canoe unternehmen könnte. Da der französische Beamte, welcher in Bonga stationiert war, unter den Eingeborenen sehr wenig Einfluß besaß, so verzögerte sich die Sache immer mehr, so daß ich mich schließlich an das holländische Haus wendete, um von deren Leuten eventuell einige für kurze Zeit zu erhalten. Schließlich war denn auch alles so weit vorbereitet, daß ich schon einen bestimmten Tag zur Abreise in Aussicht nahm, als am 2. August ein Boot aus Wesso am Sanga eintraf, mit der Nachricht, daß der von der „Südkamerun-Gesellschaft“ gemietete Dampfer bereits in zwei bis drei Tagen eintreffen würde. Schon am nächsten Tage erschien derselbe mit dem Direktor der Gesellschaft, Herrn Langheld, und dem Hauptagenten der „Société Anonyme Belge“ am Sanga, Herrn van Beers, an Bord. Herr Langheld war direkt vom Ngoko gekommen und wollte nun versuchen, im Congo Leute für die Gesellschaft anzuwerben. Da er noch nicht von dem neuen Erlasse des Gouverneurs des Congostaates gehört hatte, machte ich ihn darauf aufmerksam, daß er dort wenig Erfolg haben werde; doch glaubte er, in den Gegenden, in denen er früher als Agent einer belgischen Handelsgesellschaft thätig gewesen war, sehr leicht wenigstens genügend Leute zur Equipierung seines Dampfers zu finden. Er gedachte, in wenigen Tagen wieder zurückzukehren, um dann wieder nach dem Ngoko hinaufzufahren. Natürlich zog ich vor, in diesem Falle auf die Canoereise zu verzichten und bis zur Rückkehr des Dampfers zu warten. Meine Zeit füllte ich, soweit es hier in Bonga möglich war, durch Exkursionen und Nachholen laufender Arbeiten aus.

Ich hatte in einem kleinen Buschwalde in der Nähe meines Hauses ein Exemplar der [Landolphia Klainei] entdeckt, welche einen sehr guten Kautschuk liefert. Leider sind die Stämme dieser Art verhältnismäßig dünn, so daß es immer eine geraume Zeit dauerte, ehe ich genügend Saft zum Experimentieren einsammelte. Diesen koagulierte ich in der verschiedensten Weise. Durch Zusatz von Bossassangasaft erzielte ich eine sofortige Koagulation zu einer flockigen Masse, welche dann zusammengepreßt einen Kautschuk ergab, welcher ähnlich wie der „Kassai-rouge“-Kautschuk fast durchsichtig war. Da Landolphia florida in der Nähe vorhanden war, sammelte ich auch von dieser Latex ein und versuchte, auf alle mögliche Arten einen brauchbaren Kautschuk daraus zu gewinnen, mußte die Hoffnung darauf aber bald aufgeben. Es gelang mir nur nach Vermischung mit dem Safte der Landolphia Klainei ein Produkt zu erzielen, welches bedeutend schlechter war als das von der reinen Milch der L. Klainei gewonnene, sich aber doch verwerten lassen würde. Es ist übrigens auffallend, daß die Milch der L. florida sofort gerinnt, sobald sie mit der Luft in Berührung kommt; um sie mit der der Landolphia Klainei zusammen koagulieren zu können, hatte ich sie vorher mit Wasser zu verdünnen, damit auf diese Weise eine bessere Verbindung der beiden Milcharten hergestellt werden konnte. Es wäre sehr wünschenswert, daß derartige Versuche, Milch einer kautschukliefernden Pflanze mit der verwandter Arten, welche keinen Kautschuk geben, zu koagulieren, weiter fortgesetzt würden. Ich konnte diese Experimente leider damals nicht fortführen, da ich bald die vorhandenen Pflanzen der Landolphia Klainei derartig angezapft hatte, daß ich nicht mehr genügend Latex erhielt.

Die in der Umgebung von Bonga vorhandenen Ficusarten prüfte ich auch alle auf ihren Kautschukgehalt, konnte aber unter den sämtlichen Arten keine ausfindig machen, welche sich hätte verwenden lassen; stets war das Endresultat ein gleiches, man erhielt selbst bei Anwendung der schärfsten Säuren eine äußerst harzreiche, vogelleimähnliche Masse. Bei den großblättrigen Arten aus der Verwandtschaft der [Ficus Vogelii] und Ficus Preussii war diese meist dicker und weniger von Harzen durchsetzt als bei den Arten aus der Verwandtschaft der Ficus salicifolia, während alle rauhblättrigen Arten überhaupt nicht in Betracht kommen konnten, da sie derartig harzreich waren, daß man nur mit Mühe die Masse von den Händen freimachen konnte. Bossassangasaft hatte bei der Ficusmilch entweder gar keinen oder nur sehr geringen Einfluß. Die Bossassangapflanze, welche ich nun allenthalben antreffen konnte, heißt in ihren sämtlichen Arten bei den Bangalas und Wangatas übrigens auch Makabo, ja sogar in einigen Gegenden im Mittelcongo-Gebiet ist sie unter letzterem Namen bekannter.

Landolphia Klainei Pierre.

A Zweig, B Knospe, C Blüte, D Längsschnitt durch die Blüte, E Durchschnitt durch den Fruchtknoten, F Fruchtknoten und Griffel, G Anthere von vorn, H dieselbe von der Seite.

Tag für Tag verging unterdessen, und doch war noch nichts von Herrn Langheld mit dem „Major Cambier“ oder von anderen Dampfern, welche den Sanga hinauffuhren, zu sehen. Nach dem Ubangi schien die Verbindung bedeutend günstiger zu sein, denn es trafen nicht weniger als drei Dampfer auf dem Wege dorthin in Bonga ein. Diese Dampfer kommen in Bonga meist ganz unerwartet an und gehen schon nach ein- bis dreistündigem Aufenthalte häufig weiter flußaufwärts. So ist man denn gezwungen, sich stets fertig zu halten, damit man beim Eintreffen eines Dampfers die Chancen nicht verliert, mit demselben mitfahren zu können. An längere Exkursionen ist bei diesen Zuständen dann natürlich auch nicht zu denken. Die Umgebung von Bonga speziell war auch nicht besonders interessant, da das Land mehr oder minder kultiviert war oder aus Steppen mit vielen Sümpfen bestand. Ich bereute natürlich sehr, nicht länger in Lukulela geblieben zu sein, denn dort wäre ich persönlich viel besser aufgehoben gewesen, und hätte auch mehr zur Erreichung der Ziele der Expedition thun können. In Bonga waren die Lebensmittel auch noch sehr spärlich, so daß wir sogar Adler und Papageien mit Genuß zum Abendessen verzehrten. Ich teilte von den von mir mitgenommenen Lebensmitteln, soweit dies möglich, mit den Agenten der Handelsgesellschaft, kaufte auch noch verschiedenes von dem holländischen Hause, mußte aber auch etwas für die Sanga-Reise mitnehmen, da ich dort erst gar nichts zu erwarten hatte. In Ngoko hatte ich wieder genügend, da ich vorsichtigerweise vier Trägerlasten dorthin hatte voraussenden lassen. Auch an Aufhetzungen ließ man es in Bonga nicht fehlen; so wollte ich mich z. B. eines Tages bei einem Unteragenten des holländischen Hauses, welcher den gerade abwesenden Herrn van Zoysten vertrat, erkundigen, ob denn nicht bald einer ihrer Dampfer den Sanga hinauffahre, als ich zu meinem nicht geringen Erstaunen hören mußte, er könne mir nicht die Erlaubnis geben, da ihm von einem der Angestellten der Société Anonyme Belge mitgeteilt sei, ich reise unter falschen Angaben, sei in Wirklichkeit aber nur ein Agent der Südkamerun-Gesellschaft, und könne somit als ein Angestellter einer Konkurrenzfirma natürlich nicht die Erlaubnis bekommen, die Dampfer des holländischen Handelshauses zu benutzen. Selbst wenn man also zu einem gemeinnützigen Zwecke in eine Gegend entsendet wird, in der das Reisen äußerst strapaziös und aufreibend, ja sogar nicht ungefährlich ist, muß man sich diesen gehässigen Neidern und Reden aussetzen. Es ist dieses nicht das einzige derartige Beispiel, welches ich anführen könnte, ich habe deren in Menge; ja selbst nach meiner Rückkehr nach Europa hatte ich noch einmal ein solches kennen zu lernen.

Glücklicherweise traf der „Major Cambier“ am 20. August in Bonga ein. Herr Langheld hatte auf seiner Reise keinen Erfolg gehabt und kam nun mit derselben sehr schwachen Besatzung zurück. Da er erst noch den Dampfer laden lassen mußte, so wurde unsere Abreise auf den 23. August festgesetzt. Die beiden noch übrigen Tage benutzte ich nun noch dazu, meine sämtlichen Lasten gründlich durchtrocknen zu lassen und dann alles fertig zu verpacken. Von der belgischen Gesellschaft kaufte ich noch einige Handelsartikel, welche im Ngoko-Gebiete am meisten Absatz finden sollten. Herr Langheld war auch so freundlich, mir zu versprechen, etwaige noch fehlende Sachen mir später abzulassen.

Am frühen Morgen des 23. August war die Fracht auf dem „Major Cambier“ fertig gestaut, und somit stand unserer Abfahrt nichts mehr im Wege. An der einen Seite führten wir einen großen Leichter mit, an der anderen mein großes Canoe, welche beiden Fahrzeuge dazu dienen mußten, das zur Heizung der Maschine nötige Holz aufzunehmen; außerdem hatten die eingeborenen Passagiere und die Holzschläger, sofern sie nicht direkt auf dem Dampfer gebraucht wurden, sich dort aufzuhalten. Ein am Abend vorher ausgebrochener Tornado hatte die Luft bedeutend abgekühlt, so daß der Morgen mit der eben aufgehenden Sonne eine wirkliche Erholung nach den heißen Nächten und Tagen war. Bald waren wir um eine vorspringende Landzunge in den wirklichen Sanga eingebogen, und Bonga entschwand unseren Blicken. Nach kurzer Zeit passierten wir die Ausmündung des Likensi-Kanals, dessen ganze Umgebung aus sumpfigen Grassavannen besteht, welche aber immer mehr verschwanden, je weiter wir flußaufwärts fuhren. Der Wald wurde bald immer vorwiegender, ja das für uns jetzt linke Ufer war schon ohne Unterbrechung dicht bewaldet. Am Rande der Inseln und der sumpfigen Flußufer bildete eine Euphorbiacee, welche von den Eingeborenen Bubandja genannt wird, häufig dichte Gebüsche, in deren Schatten die Webervögel gern ihre Nester bauen, denn da wo diese Bubandjapflanze am Flußrande auftritt, ist das Wasser stets tief und die Nester sind daher weniger Verfolgungen ausgesetzt. Auf Flußkarten bilden derartige Bubandjagestrüppe nicht selten gute Kennzeichen. Bald wurde es bedeutend heißer, hin und wieder zeigte sich der Kopf eines trägen Nilpferdes oder eines auf dem Sande sich sonnenden Krokodils. Wie Herr Langheld mir mitteilte, stieg das Wasser des Flusses sehr bedeutend, es mußten also im Quellgebiete des Sanga oder eines seiner bedeutenderen Nebenflüsse starke Regen gefallen sein. Wir passierten einige Inseln, welche alle dicht mit Gebüschen oder Wald bedeckt waren. Gegen 1 Uhr mittags liefen wir an, da wir sonst zu befürchten hatten, daß unser Holz vollständig verbraucht werden würde. Fast die ganze Besatzung des Dampfers wurde nun mit Beilen ausgerüstet und mußte zum Holzschlagen in den Wald hinein. Ein jeder der Leute hatte eine bestimmte Menge Holz zu schlagen; sobald er damit fertig war, war er frei. Hatte irgend jemand eine härtere Strafe verdient, so wurde er einfach zum Schlagen einer doppelten Menge von Holz verurteilt, das half gewöhnlich. Der Wald, an welchem wir angelegt hatten, war sehr arm an Unterholz, aber dicht mit Phrynium und Comelinaceen bedeckt, was der ganzen Landschaft einen eigentümlichen, tropischen Anstrich gab, besonders wenn sich hier und dort Calamusarten zeigten. Auffallend war der Reichtum von Elefantenspuren, welche wie ein dichtes Netzwerk den Wald nach allen Richtungen durchquerten. Offenbar hatte kein Dampfer vor uns hier angelegt, denn die Holzverhältnisse waren hier so günstig, daß einige unserer Leute schon vor Eintritt der Dunkelheit die ihnen vorgeschriebene Menge zusammengebracht hatten. Diejenigen, welche noch während der Dunkelheit zu arbeiten hatten, brachten nun Kopalstücke hervor, welche sie als Fackeln verbrauchten. Dieselben geben ein gutes Licht und verbrennen so langsam, daß ein etwa faustgroßes Stück für die ganze Nacht ausreicht. Allenthalben sah man diese Kopalfeuer im Walde noch bis tief in die Nacht hinein. Schon früh am nächsten Morgen ging es weiter. Bereits um 4 Uhr mußte alles an Deck aufstehen, um das am Nachmittage und Abend geschlagene und gespaltene Holz zum Gebrauch zu verstauen. Moskitos summten während dieser Zeit noch in Mengen um uns herum und benutzten jede Gelegenheit, uns zu peinigen. Nach etwa einstündiger Fahrt passierten wir einen Ausfluß des „Likuala aux herbes“, welcher hier in den Sanga mündet, während außerdem ein anderer Arm in den Ubangi einlaufen soll. Es ist interessant und recht bezeichnend für das Konzessionensystem der Franzosen, daß man hier zwischen dem „Likuala aux herbes“, welcher, von Norden kommend, mit dem Sanga parallel läuft, und dem Sanga eine Landkonzession ausgegeben hat, welche fast nur aus großen Sumpfflächen, die mit Wassergras bedeckt sind, besteht. Bedenkt man nun, daß der Hauptanziehungspunkt zum Ankauf dieser Konzessionen der vermutliche Kautschukreichtum der Gegenden ist, so wird man wohl begreifen können, daß die durch Ankauf von nutzlosen Sümpfen enttäuschten Konzessionäre sobald als möglich versuchen werden, ihre Konzessionen, auf denen sie kaum genug trockenen Boden haben, um ein Haus zu bauen, zu verkaufen.

Die beiden Ufer des Sanga sind in etwa ein Dutzend Konzessionen geteilt worden, zu welchen kleinere oder größere Gebiete gehören, welche sich vom Flußufer weg ins Land hinein ausdehnen. Von dem Sanga, unterhalb der Einmündung des Ngoko, ist bis jetzt jährlich kaum mehr als eine Tonne Elfenbein heruntergekommen; auch andere Erzeugnisse sind bisher noch nicht in Betracht zu ziehen, denn die Fabrikation des Kautschuks ist den Eingeborenen bis heute noch nicht bekannt. Das ganze Gebiet steht mit Ausnahme einiger weniger Erhebungen, welche die Eingeborenen bereits zur Errichtung ihrer Dörfer beschlagnahmt haben, für mindestens einige Monate im Jahre unter Wasser, ist also dann nicht benutzbar. In der trockenen Jahreszeit, selbst beim niedrigsten Wasserstande, durchziehen tiefe Sümpfe wie ein Netzwerk die Wälder und hemmen so das tiefere Eindringen ins Innere. Wesso, die Haupthandelsniederlassung am Sanga, unterhalb der Ngoko-Mündung (etwa eine halbe Stunde unterhalb derselben), dürfte fast der einzige Ort sein, von wo aus ein Vordringen nach der Küste zu für Handelszwecke möglich und rentabel ist. Den größten Teil seiner Produkte hat Wesso stets vom oberen Sanga und aus den Ngoko-Faktoreien bezogen. Ich halte es somit für mindestens sehr fraglich, ob eine einzige Konzessionsgesellschaft an dem unteren Sanga große Gewinne erzielen würde, und dort sitzen nunmehr etwa sechs verschiedene Gesellschaften. Bonga, das seinen Handel hauptsächlich mit den Leuten vom Likuala, Likuba und eventuell vom Alima (indirekt) treibt, schließe ich aus. Dieses würde übrigens auch in Zukunft das ganze Elfenbein, welches die Bonga-Händler vom Sanga und Ngoko herunterbrachten, einbüßen. Ich will hier nicht unerwähnt lassen, daß bis jetzt über den Sanga noch recht wenig bekannt ist, und daß die Gebiete zwischen ihm und dem Ubangi für den Europäer noch vollständig „terra incognita“ sind; doch ist nach allem, was die Eingeborenen erzählen, nicht viel von dorther zu erwarten. Über die vielen Konzessionen am oberen Sanga kann ich kein Urteil fällen, da ich diese Gebiete nicht aus eigener Anschauung kenne. Wie gut unterrichtete Herren mir sagten, welche dort gewesen sind, liegen auch da die Verhältnisse nicht sehr viel anders. Die Landesprodukte sind dort wohl reicher vorhanden und das Bereisen des Landes bedeutend einfacher, doch sollen die einzelnen Konzessionsgebiete so klein sein, daß ein wirklich rentables Ausbeuten der Produkte nur in wenigen möglich ist. In der näheren Zukunft wird man sich wohl auf Kautschuk und Elfenbein als alleinige Exportartikel beschränken müssen, da die bedeutenden Transportunkosten die Ausfuhr anderer Produkte unmöglich machen. In Bonga spielt der Tauschhandel mit Tabak und Palmenöl vom Likuala und Likuba augenblicklich die Hauptrolle, beides Artikel, welche z. B. am Ngoko zu den besten Tauschwaren zählen, so daß sich die Handelsniederlassungen in Bonga ganz gut gewissermaßen als Zwischenhändler-Stationen rentieren. So werden z. B. die Tabakrollen mit 2 Mitakus (= 10 Ctms.) aufgekauft, um dann etwa für 1 Frc. wieder losgeschlagen zu werden; dabei ist nicht zu vergessen, daß der den Tabak verkaufende Likuba- oder Likuala-Mann selten mit den erhaltenen Mitakus fortgeht, sondern diese wieder bei dem Kaufmann gegen Stoffe oder andere europäische Artikel eintauscht, ebenso läßt sich der Europäer am Ngoko für seine Tabakrolle nicht einfach Geld geben, sondern Landesprodukte, welche er zu einem von ihm bestimmten Satze annimmt.

Schon bevor wir den „Likuala aux herbes“-Ausfluß bemerken konnten, wurde uns seine Nähe durch große Mengen treibender Wassergräser und fortgerissener Gesträuche bereits angezeigt. Es war fast gefährlich, zwischen den treibenden Massen den Dampfer hindurchzusteuern, denn einige hatten eine ziemliche Ausdehnung und Stärke. Die Mündung des Flusses ist ein Eldorado für Nilpferdjäger. Stets sind die Tiere in dem für sie so nahrungsreichen Gebiete in Menge anzutreffen, selbst in den Jahreszeiten, in denen man ihrer selten ansichtig wird, zur Zeit der hohen Flut. Auch wir sahen einige Trupps im Wasser spielend, konnten aber leider nicht zu Schuß kommen. Daß die Eingeborenen die Tiere nicht allein durch Harpunieren und Schießen erlegen, bewiesen einige große Fallen, welche wir hier sahen. Dieselben waren ähnlich wie ein Schaffot hergestellt mit einem von oben herabhängenden Speere. In welcher Weise die Tiere angezogen wurden und wie die Falle sonst zusammengesetzt war, konnte ich vom Dampfer aus nicht genau sehen. Krokodile wurden immer häufiger, je weiter wir flußaufwärts kamen. Da Sandbänke jetzt selten waren, lagen die Tiere meist auf umgefallenen oder überhängenden Baumstämmen in der Sonne. Herrn Langheld gelang es, mehrere zu schießen, da dieselben in ihren Todeszuckungen aber stets in das Wasser zurückfielen, so konnten wir keines derselben bekommen, so gern wir auch das Fleisch für unsere Leute gehabt hätten, denn sämtliche Stämme am Congo verzehren Krokodilfleisch mit dem größten Behagen. Ebenso wie das Fleisch der Elefanten und Nilpferde wird das Krokodilfleisch langsam über Feuer getrocknet, um es haltbarer zu machen. Zu diesem Zwecke werden kleine, etwa 1½ bis 2 Fuß hohe Stellagen erbaut, welche oben mit dünnen Zweigen überdeckt sind; nachdem unter der Stellage ein Feuer gemacht ist, wird das in 1 bis 2 Pfund schwere Stücke geschnittene Fleisch mit den Knochen auf die Stellage gelegt. Nach etwa einem halben Tage ist das ganze Fleisch dann infolge des stets unterhaltenen Feuers von einer vollständig ausgedörrten Kruste umgeben, welche es vor Fäulnis bewahrt. Selbst wenn das Fleisch zu faulen beginnt, verachtet es der Congo-Neger nicht, obgleich ich mich nicht erinnern kann, je einen Congo-Neger rohes Fleisch essend gesehen zu haben. Das Verzehren verfaulten Fleisches und anderer in Fäulnis begriffener Nahrungsmittel hat bei den Leuten sehr häufig höchst widerliche Hautkrankheiten zur Folge, welche von Europäern nicht selten für Syphilis angesehen werden, obgleich sie nicht das geringste damit zu thun haben. Auch auf dem Dampfer hatten wir stets eine Anzahl von Leuten, die an merkwürdigen Hautkrankheiten litten. Dieselben, wie überhaupt alle Kranken, mußten gewöhnlich um 8 Uhr bei Herrn Langheld antreten, um sich dann untersuchen zu lassen. Hautkrankheiten wurden im Falle offener Wunden mit Jodoform meist erfolgreich behandelt. Es gab so auf dem Schiffe für Herrn Langheld, welcher dasselbe in Ermangelung eines Kapitäns selbst führte, stets viel zu thun; ich versuchte mich dabei so nützlich wie möglich zu machen. Da wir genügend mit Holz versehen waren, konnten wir am zweiten Tage unserer Reise etwas länger fahren und machten daher erst um 2 Uhr Halt. Der Wald, an welchem wir damals anlegten, war äußerst charakteristisch für die Region. Die Mehrzahl der größeren Bäume stand, wie es die Pandanusarten zu thun pflegen, auf hohen Stelzwurzeln. Das ließ sich auch alles sehr leicht erklären, denn schon jetzt bei dem noch niedrigen Wasserstande konnte man kaum in irgend welcher Richtung den Wald durchstreifen, überall stieß man auf Wasser. Da Affen sehr häufig waren, nahm ich mein Gewehr mit und schoß einen derselben, um für die Leute etwas Fleisch zu besorgen; da mein Junge, Maketu, und Herrn Langhelds Junge auch je noch einen schossen, so konnten die Leute am Abend einen großen Schmaus abhalten, d. h. erst nachdem sie mit dem Schlagen des Holzes fertig waren. Doch wenn etwas derartiges in Aussicht steht, geht bei dem afrikanischen Neger die Arbeit häufig merkwürdig schnell vor sich. Von Landolphien oder sonstigen Kautschukpflanzen war in dem Walde nichts zu sehen, wohl aber gab es riesige Rotholzbäume, deren Holz bei den Eingeborenen sowohl wegen seiner Härte als auch zum Rotfärben des Körpers geschätzt wird. Auf einer Streiferei im Walde stieß ich plötzlich auf einen eigenartigen breiten Weg, welcher vom Flußufer direkt ins Innere führte und mit quergelegten glatten Baumästen in Abständen bedeckt war. Diesen Weg verfolgend, trat ich bald in eine Lichtung, wo einige bereits halbfertige, aus Rotholz gearbeitete Canoes lagen. Leere Plätze bewiesen, daß die Eingeborenen an dieser Stelle bereits mehrere Canoes hergestellt hatten, und zwar, wie die beiden noch vorhandenen, von ziemlichen Dimensionen. Auf dem mit Baumästen belegten Wege wurden dieselben zum Wasser geschleift. Von der Bevölkerung selbst war keine Spur zu entdecken, weder am vorhergehenden Tage, noch heute hatten wir ein Dorf zu Gesicht bekommen. Es giebt deren wohl sicher einige, welche versteckt in der Nähe der Flußufer liegen, sicher aber ist das untere Sanga-Gebiet äußerst dünn bevölkert. Die Wälder sind alle von Elefanten- und Büffelspuren durchzogen, selbst Spuren von Nilpferden konnte man bis tief in den Wald hinein beobachten, besonders an Stellen, wo infolge des Zusammenbrechens eines großen Urwaldbaumes eine Lichtung entstanden war, in der junges Gras und kleine Kräuter (wie Justicia, Impatiens und Comelinaceen) aufschossen, welche diese Tiere gern abweiden. In der Nacht gab es wieder so viele Moskitos, daß man nicht eine Minute lang schlafen konnte. Besonders eine hier verbreitete sehr kleine Art, welche durch weitmaschigere Netze bequem hindurchschlüpfen kann, ist es, welche den Menschen hier in den Nächten das Leben verbittert, während man am Tage von hunderten von Elefantenfliegen umschwärmt wird.

Schon vor 3 Uhr morgens wurde es auf dem Schiffe lebendig. Herr Langheld hatte sich durch den Mond täuschen lassen, und glaubend, es sei bereits Tagesanbruch, hatte er die Leute geweckt. Da Nebel auf dem Flusse lag und infolgedessen die auf der provisorischen Flußkarte angegebenen Landmale nicht zu erkennen waren, mußten wir noch bis 5 Uhr warten, ehe wir abfahren konnten. Schon gegen 11 Uhr zwang uns ein starker Regen, eine Zeit lang am Lande anzulegen und die Zeit durch „Holzmachen“ auszufüllen. Ich machte eine kleine Exkursion, auf der ich auf einige Exemplare von Landolphia Klainei stieß. Für den Botaniker giebt es in diesen so häufig überschwemmten Wäldern nur eine sehr spärliche Ausbeute. Unterholz oder Kräuter sind weniger vorhanden, dagegen sind die Blüten der Urwaldbäume und die auf letzteren wachsenden Epiphyten nur da zu erlangen, wo Wald geschlagen wird oder einer der Riesen gefallen ist. Nach etwa zweistündigem Aufenthalte dampften wir weiter, um nach kurzer Zeit für den Rest des Tages wieder zum „Holzmachen“ anzulegen.

Am 28. August konnten wir infolge des Nebels auch nicht so früh abfahren, als wir es gewünscht hätten, denn an vielen Stellen ist das Fahren infolge der Sandbänke sehr gefährlich. Der Fluß, welcher während der letzten Tage auffallend eng gewesen war, verbreiterte sich hier ganz auffallend und besaß häufiger Inseln als zuvor. Damals konnte ich mir die Ursache dieser scheinbaren Verengung des Flusses nicht erklären; auf der einige Monate später erfolgten Fahrt stromabwärts löste sich dieses Rätsel. Ich werde später darauf zurückkommen. Die dicht bewaldeten Ufer waren anfangs noch immer sehr niedrig, bis wir gegen 10 Uhr das erste Dorf, N’Kunda, erreichten, welches auf einem etwa 100 Fuß über dem damaligen Wasserspiegel sich hinziehenden Hügelrücken liegt. Vorher passierten wir noch einige kleinere verlassene und im Verfall begriffene Dörfer, deren Insassen wohl alle durch die Raubzüge des alten Häuptlings Wesso, welcher ein Jahr vor der Besitzergreifung dieser Gebiete durch die Franzosen gestorben ist, vertrieben waren. Die Bewohner von N’Kunda schienen wenig Lust zu haben, uns Nahrungsmittel zu verkaufen; als wir anliefen, ließen sich nur einige neugierige Weiber und eine Schar nackter Kinder sehen, die natürlich sofort wegliefen, als wir Europäer Miene machten, an Land zu kommen. Das Dorf besitzt wie die meisten Dörfer dieser Gebiete nur eine Straße, zu deren Seite sich je eine Häuserreihe hinzieht. An beiden Enden der Straße standen je eine größere Hütte, in der die Männer zu Beratungen oder zu allgemeinen Gelagen zusammenzukommen pflegen. Die Bevölkerung ist mit den Bonga-Leuten nahe verwandt und setzt sich zum großen Teile sogar aus direkten Abkömmlingen derselben zusammen. Die Lebensmittel, welche wir hier erstehen konnten, waren durchaus nicht billig und nur spärlich aufzutreiben, da die Eingeborenen ihre Hühner oder die wenigen Ziegen, welche sie besitzen, nicht gern verkaufen. Tabak, Salz und europäische Stoffe sind hier die begehrtesten Artikel. Perlen und Öl scheinen weniger gut zu gehen, doch hängt das alles von dem unberechenbaren Einfall des Negers ab. Das Fallen des Wertes einiger sonst wertvoller Artikel wie Feuersteine und Cutlas ist eventuell zu erklären; darauf werde ich später bei der Schilderung meiner Ngoko-Reise zurückzukommen haben.

Nach etwa dreistündigem Aufenthalte verließen wir das Dorf N’Kunda und dampften nun den Fluß noch eine Strecke weiter hinauf, bis wir an einer Stelle anlegen konnten, wo wir genügend Holz vermuteten. Ich machte am Nachmittage wieder einige Streifzüge durch die Wälder, sah aber nur Landolphien, von Kickxia dagegen keine Spur, ein Regenguß zwang mich schließlich, bald wieder zurückzukehren. Je weiter wir flußaufwärts gekommen waren, desto weniger wurden wir von Moskitos belästigt, ein Umstand, der sich wohl hauptsächlich durch das Fehlen der nach der Sanga-Mündung zu häufigen Grassteppen und Wassergrassümpfe erklären ließe.

Um am 29. August möglichst weit fahren zu können, wurde gegen Mitte des Tages eine kurze Zeit hindurch angelegt, um etwas mehr Holz schlagen zu lassen. An dem weniger wichtigen Dorfe Bussundi fuhren wir vorüber, ohne auf das Geschrei der am Ufer stehenden Eingeborenen, welche uns wohl zum Anlegen bewegen wollten, Rücksicht zu nehmen. In der Nähe der Stelle, wo wir am Nachmittage für den Rest des Tages anlegten, gab es nicht unbedeutende Quantitäten einer guten Kautschuk liefernden Landolphiaart, ebenso wuchs am Flußrande eine Coffeaart, deren Früchte leider noch nicht zum Gebrauche reif genug waren. Auch fehlten an den Exemplaren Blüten, um die Art feststellen zu können, ich fand dieselbe längs des Sanga und auch später im Ngoko-Gebiete häufiger.

Der nächste Tag brachte uns am Vormittage nach dem Dorfe Pembe, welches ähnlich wie N’Kunda auf einem Hügelrücken erbaut ist und auch nur aus zwei langgestreckten Häuserreihen besteht. Hier waren wir beim Einkaufen von Lebensmitteln bedeutend erfolgreicher als in N’Kunda, besonders Haumesser (Cutlas) fanden guten Absatz. Das ganze Auftreten der Leute zeigte, daß sie nicht so verwöhnt waren als die N’Kunda-Leute. Wundervolle Schmetterlinge (Papilioniden und Euploeen) gab es hier in Mengen. Die Tiere, welche am Flußrande gierig die Feuchtigkeit aufsogen, ließen sich mit Leichtigkeit mit der Hand fangen, ohne daß man sie dadurch lädierte. Ich versuchte, eine Exkursion in die nahe gelegenen Buschwälder zu machen, wurde aber allenthalben durch Sümpfe, welche zu dieser Zeit den Hügel zu umgeben scheinen, daran verhindert.

Als wir kurz nach 1 Uhr von Pembe abfuhren, sahen wir vor uns in der Ferne den französischen Regierungsdampfer „Tirier“, wohl einen der elendesten Dampfer, welcher den Congo befährt, von dem Dorfe Likilemba abfahren. Schon nach kurzer Fahrt hatten wir denselben überholt. Dieser Dampfer ist der einzige, welchen damals die französische Regierung für den Congo besaß, obgleich sie doch eine ganze Flottille für den Sanga sowohl wie für den Ubangi nötig gehabt hätte. Man mietete stets für schwere Preise die Dampfer des auch in Brazzaville vertretenen holländischen Handelshauses.

Für den Nachmittag legten wir gegen 2 Uhr an einer Landzunge an, welche sich zu unserer Freude als sehr reich an Brennholz erwies. Der morastige Boden des Waldes daselbst war mit großen Mengen einer kleinen, calamusähnlichen, stacheligen Palme bedeckt, welche bei meinen Streifereien für mich sehr lästig waren. Landolphia Klainei gab es am Flußrande reichlich, doch fehlte dieselbe, sobald man weiter in den Wald eindrang. Zum ersten Male sah ich hier ein verlassenes Lager von Elefantenjägern, wie sie in der Ngoko-Region besonders häufig zu finden sind. Die sehr primitiv aufgebauten Hütten bestanden aus zusammengesteckten Zweigen und Stöcken, welche etwa eine hingestreckte Viertelwalze bildeten, die mit Phryniumblättern gedeckt war. Im Innern einer jeden Hütte befand sich ein niedriges, schmales Bett, das, kaum einen Fuß über dem Erdboden erhoben, aus zusammengebundenen Stangen bestand. Feuerstellen waren sowohl in den Hütten als auch außerhalb derselben vorhanden.

Trotz des Nebels fuhren wir am 31. August schon früh ab. Im Laufe des Vormittags hatten wir einige Untiefen zu passieren, bevor wir das Dorf Boka erreichten. Diese allerdings ziemlich unbedeutende Ortschaft war bereits zur Hälfte überschwemmt, als wir daran vorbeifuhren. Auffallend war eine verhältnismäßig große Zahl von Ziegen, welche die Bewohner zu besitzen schienen. Von dem Dorfe Boka an heben sich die Ufer des Flusses allmählich, ja der Ortschaft gegenüber zieht sich ein langer Hügelrücken hin, wie ich ihn sonst am Sanga unterhalb der Ngoko-Mündung gar nicht kenne; auf diesem haben die Einwohner Bokas ihre Bananenpflanzungen angelegt und besitzen daselbst wahrscheinlich auch ihre Hütten während der Hochwasserperiode. Gegen Mittag bereits ging unser Holz derartig auf die Neige, daß wir anlegen mußten. Nach kurzer Zeit fuhren wir darauf weiter, um gegen 3 Uhr noch einmal zum Holzfällen anzulegen, denn uns lag viel daran, endlich das nicht mehr ferne Wesso zu erreichen. Der Holzvorrat, welchen wir nun einnahmen, reichte gerade aus, um uns gegen 5½ Uhr am Abend nach Wesso zu bringen, wo kurz vor uns der „Tirier“ eingelaufen war.

Da wir noch während des Vormittages am nächsten Tage in Wesso zu bleiben gedachten, verschob ich eine Besichtigung des Ortes auf den nächsten Vormittag: außerdem brach nun die Dunkelheit ein, und einige Zollformalitäten mußten noch bei dem hier stationierten französischen Beamten erledigt werden.

Am Abend waren wir alle in Wesso anwesenden fünf Europäer (außer dem Gastgeber bestehend aus dem Agenten des holländischen Hauses, dem französischen Chef de Poste, Herrn Langheld und mir) zusammen bei dem Agenten der Société Anonyme Belge zu gemeinsamem Abendessen versammelt.

Nachdem ich am nächsten Morgen das Dorf Wesso, welches schon ganz den Charakter der Fan-Dörfer trug, besucht hatte, dehnte ich meine Exkursion noch weiter ins Innere aus. Etwa 1½ Stunden war ich mit meinem Jungen marschiert, und doch kam ich nicht aus den kultivierten Gebieten heraus. Die früher unter Kultur gewesenen Strecken, welche man nun nach Art der Negerkultur wieder verwildern ließ, waren mit dichtem Busch bestanden, in dem außer Costusarten keine Pflanzen zu finden waren, welche mich interessierten. Besonders Trema scheint in solchen Lokalitäten neben Zingiberaceen häufig sich einzustellen. Ich wäre gern weiter marschiert, mußte es aber aufgeben, da ich zur Zeit am Dampfer zurück sein wollte, um dessen Abfahrt nicht zu verzögern. Ich vermute nach allem, was ich auf jener Tour gesehen, daß Kickxia in den noch nicht kultivierten trockneren Teilen westlich vom Wesso vorhanden sein dürfte. Kurz nach dem Mittagsmahle fuhren wir wieder von Wesso ab, um nun bald aus dem Sanga in den Ngoko einzubiegen, welcher sich etwa eine halbe Stunde oberhalb Wesso in den Sanga ergießt. Nördlich von Wesso senkt sich das Land wieder sehr bedeutend, so daß die Ufer jetzt schon kaum über dem Wasserspiegel hervorragten. An einer kleinen, flachen Insel vorbeifahrend, welche direkt am Zusammenflusse der beiden Flüsse liegt, während des hohen Wasserstandes aber völlig überschwemmt ist, bogen wir in den Ngoko ein. Man hatte mir diesen Fluß mit den schwärzesten Farben geschildert und behauptet, daß nicht einmal ein Vogel dort zu finden sei, doch das war natürlich arg übertrieben. Im wesentlichen bot er denselben Anblick dar wie der Sanga, nur war er bedeutend enger und die Strömung wohl etwas reißender. Gegen 4½ Uhr, nachdem wir etwa zwei Stunden den Ngoko hinaufgefahren waren, ging unser Feuerungsmaterial zur Neige, so daß wir gezwungen wurden, für den Rest des Tages und die Nacht hindurch an Land anzulegen, um Holz schlagen zu lassen. Selten hatte ich einen Wald gesehen, der derartig von Elefanten zertreten war wie der, an welchem wir hier lagen. Landolphia war schon ziemlich reichlich vertreten, ebenso Kaffee, doch war für Kickxia der Boden offenbar zu feucht, denn auch hier war der Wald schon teilweise überschwemmt. Es war zu verwundern, daß wir auch hier trotz der Waldsümpfe fast gar nicht während der Nacht von Moskitos zu leiden hatten. Bald passierten wir zwei unbedeutendere Dörfer der Misanga, wie man hier die Eingeborenen nennt, und kurz darauf gingen wir bei dem Dorfe Muntunda vor Anker. Die Bauart des Dorfes war auch die für die Fan typische, wie ich sie bereits bei Wesso beobachtet hatte. Die dicht aneinander stehenden Hütten waren zu beiden Seiten einer einzigen breiten Straße aufgebaut, welche durch je ein befestigtes Haus, in dem alle Versammlungen abgehalten werden, an beiden Enden abgeschlossen wird. Diese Häuser, welche allgemein bei den Europäern als Palaver-Häuser bezeichnet werden, haben statt der bei den gewöhnlichen Hütten aus Rinde hergestellten Brüstungen eine dicke Untermauer, welche aus verschiedenen Schichten von aufrechten Baumstämmen gebildet wird. Hier am unteren Ngoko waren diese Häuser nie so verstärkt wie ich sie später am Dja gesehen, denn während die Mauern hier aus zwei bis drei Schichten von Baumstämmen bestanden, wurden sie zum Beispiel in dem Dorfe des Häuptlings Lobilo aus zehn und mehr Schichten gebildet. Zum ersten Male sah ich auch hier bemalte Thürpfosten und Schwellen, ja einige Leute hatten sich sogar zu vollständig bemalten Hütten aufgeschwungen. Rot und Weiß waren die verwendeten Farben. Auch hier sah ich, daß mir die Kaufleute in Bonga die Verhältnisse zu schwarz geschildert hatten; glänzend waren sie ja freilich nicht; wohl aber gelang es uns, von den Leuten einige Hühner und Bananen zu kaufen. Herr Langheld behauptete allerdings, daß es das erste Mal sei, daß er hier einige Eßwaren erstanden hätte. Faul sind diese Fan-Völker im Ngoko ohne Zweifel, und es mag lange dauern, ehe man sie zur Arbeit wird erziehen können, und viel wird auch von der Tüchtigkeit der deutschen Stationsleiter in jenem Bezirke abhängen, wie weit und wann das gelingt. Nach sehr kurzem Aufenthalte in Muntunda dampften wir gegen 10 Uhr wieder weiter. Bald sahen wir die ersten etwa 300 Fuß hohen Hügel, zwischen welchen hindurch der Ngoko sich Bahn gebrochen hat, vor uns auftauchen. Da wir nur sehr knapp mit Holz versehen waren, ließ Herr Langheld am Fuße der ersten Hügel wieder etwas Holz schlagen. Von diesen Hügeln aus, welche wir gegen Mittag verließen, hatten wir noch etwa vier Stunden bis zur zweiten Ngoko-Insel zu fahren, welcher gegenüber die Station auf dem Hügel liegt. Es wechselten während dieser Fahrt Hügel und Niederungen beständig ab. Da unsere deutsche Station in der Nähe einer Kette von Flußschnellen liegt, welche nur eine schmale Passage an der Seite der Insel freiläßt, legten wir uns an der Insel vor Anker und gaben ein Signal mit der Dampfpfeife, um unsere Ankunft auf der Station, welche man vom Flusse aus nicht erblicken konnte, anzuzeigen. Bald erschien auch ein Canoe, in welchem der Lazarethgehülfe Herr Peter saß, welcher mich nun im Auftrage des Herrn Oberleutnants Dr. Plehn willkommen hieß. Da noch eine ganze Anzahl von Lasten für mich und für die Station mitzunehmen waren, und Herr Langheld auch noch vor Anbruch der Dunkelheit seine etwa zehn Minuten weiter stromauf gelegene Faktorei erreichen wollte, so fuhr ich mit Herrn Peter erst noch bis zur Faktorei hinüber, um dann der Einladung des Herrn Dr. Plehn, bei ihm zu wohnen, Folge zu leisten. Nachdem ein Teil meiner Lasten in mein großes Canoe hinüber gepackt war, fuhren wir über die Schnellen hinweg zur Station zurück. Ein etwa 20 Minuten langer Anstieg brachte mich zur Station, wo mich Dr. Plehn äußerst liebenswürdig aufnahm. Da es bereits zu dunkeln anfing, setzten wir uns kurz darauf zum Abendessen nieder, bei welchem wir, Dr. Plehn, Herr v. Lüdinghausen, als stellvertretender Stationsleiter, und ich bis tief in die Nacht hinein Neuigkeiten austauschten. Dr. Plehn hatte seit vielen Monaten keine Nachrichten aus Kamerun erhalten und war daher ein dankbarer Zuhörer bei allem, was ich von dort zu berichten hatte.

Als ich mir am nächsten Tage die kaum drei Monate alte Station auf einem kleinen Rundgange betrachtete, war ich erstaunt, zu sehen, was alles geleistet worden. Wie anders sah es hier aus als auf den französischen Stationen, welche ich in der letzten Zeit gesehen. Um auch von den Eingeborenen unabhängiger zu sein, hatte man Anpflanzungen von Mais und Bananen begonnen, sowie ein Feld Bergreis ausgesäet, das vorzüglich stand. Alles zeigte die wunderbare Umsicht, mit welcher Dr. Plehn bei Anlage der Station vorgegangen war. Es gab allerdings auch einen Übelstand, den zu erwähnen ich nicht unterlassen darf, nämlich die Entfernung des Wassers, welches die Leute immer vom Flusse her heraufzuholen hatten. Dr. Plehn sprach mit mir verschiedentlich darüber und war selbst aus diesem Grunde nicht ganz zufrieden mit der Anlage seiner Station; doch war da nichts zu ändern möglich, wenn er nicht die sicher gesundere und kühlere Lage auf dem Hügel aufgeben wollte. Gesundheitlich war die Station trotz ihrer guten Lage etwas vom Unglück verfolgt worden. Es waren mehrere Leute besonders unter den Arbeitern (Weiboys aus Liberia) bereits gestorben, doch meist an Krankheiten, welche sie noch von der Küste mitgebracht hatten, außerdem war eine bedenklich große Zahl von Dysenteriefällen vorgekommen, auch einige Schwarzwasserfieber, von welchem auch Herr v. Lüdinghausen und der Unteroffizier Kruschka, welcher die Soldaten zu drillen hatte, befallen worden waren. Diese große Zahl von Krankheitsfällen ist leicht zu erklären, wenn man bedenkt, welche Mühen die Sanga-Ngoko-Expedition auszuhalten hatte, ehe sie zum Bau der Station schreiten konnte, und darauf die schweren Arbeiten bei zum Teil sehr dürftiger Ernährung, denn infolge der schlechten Verbindungen war der europäische Proviant lange Zeit am Congo liegen geblieben. Je mehr man die Geschichte dieser Station kennt, desto mehr ist man gezwungen, die Energie der vier Europäer, unter deren Leitung diese Station entstand, zu bewundern, und ganz besonders die des Führers, Dr. R. Plehn. Mit Dr. Plehn und Herrn Langheld, welcher zu Mittag zur Station gekommen war, besprach ich dann am Nachmittage die Möglichkeiten meiner Exkursionen. Dr. Plehn war so liebenswürdig, mir für die Zeit meines Aufenthaltes Soldaten und Leute zur Verfügung zu stellen.

Einige Exkursionen, welche ich am nächsten Tage zuerst einmal in die nähere Umgebung der Station machte, zeigten mir, daß die Bossassangapflanze in ziemlichen Mengen vorhanden sei. Ebenso fand ich Landolphien in jüngeren Exemplaren in der Nähe der Station, am Flusse aber mit langen, dicken Ästen. Landolphia florida war längs der Ufer auch reichlich vorhanden und durch die gelben, über apfelgroßen Früchte schon von weitem zu erkennen.

Am 5. September ging ich zusammen mit Leutnant Plehn längs des Flußrandes zur Faktorei der Südkamerun-Gesellschaft hinüber, um einige dort in der Nähe bekannte Kautschukbäume zu untersuchen. Etwa zehn Minuten von der Faktorei entfernt, brachte mich ein Marsch durch den Wald zu den betreffenden Bäumen, in welchen ich zu meiner Freude Kickxia elastica feststellen konnte. Auf einigen Exkursionen, welche ich nun während der nächsten Tage unternahm, gelang es mir, die Kickxia in ziemlicher Zahl rings um die Station herum, sowohl auf den Thälern wie auf den Hügeln feststellen zu können. Ich schickte einige Leute speziell aus zu dem Zwecke, eine größere Quantität Milch einzusammeln, mit der ich experimentieren konnte. Anfangs, während der warmen Tage, kamen die Leute mit weniger Milch zurück, als ich eigentlich erwartet hatte. Als Grund dafür führten sie an, daß bei der großen Hitze die Milch kurz nach Austritt an die Luft sehr bald koaguliere. Als ich dieselben Leute bei kühlerem Wetter aussandte, wurden ihre Aussagen durch die großen Quantitäten Milch, welche sie heimbrachten, bestätigt; auf späteren Exkursionen sah ich auch die zuerst angeschnittenen Bäume mit dem an der Luft koagulierten Kautschuk. Ich erwähne diese Umstände besonders, da sie zeigen, daß die Kickxien vielleicht vorteilhafter bei kaltem als bei warmem Wetter angezapft werden, was für den plantagenmäßigen Anbau von Nutzen sein kann. Auch ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Kickxia bei feuchtem oder kaltem Wetter einen größeren Ertrag an Latex liefert als bei trockenem und heißem Wetter. Inwieweit der Prozentsatz des Kautschuks zu der gewonnenen Quantität von Milch unter diesen verschiedenen Witterungsverhältnissen variiert, ist noch eine offene Frage, welche erst durch jahrelange Versuche endgültig entschieden werden kann. Während meines verhältnismäßig kurzen Aufenthaltes im Ngoko-Gebiete konnte ich nichts sicheres in dieser Hinsicht feststellen. Über die verschiedenen Methoden, welche ich bei der Koagulation der Kickxiamilch angewendet habe, habe ich schon früher einmal berichtet. Die erste Methode, welche ich anwendete, das Einkochen der Milch, scheint mir die empfehlenswerteste. Durch Zusatz von Bossassanga wird, wie die von mir mitgebrachten Proben bewiesen haben, der Kautschuk nicht verbessert.

Die Para-Räuchermethode ebenso wie die Centrifugivmethode sind, da beide zu viel Arbeitskräfte bedingen, für Afrika und ganz besonders für diesen Teil Afrikas nicht zu empfehlen.

Auch ein trichterförmiges Gefäß zum Austrocknen der Milch hatte ich mitgenommen und konnte es nun zum ersten Male gebrauchen. Ich goß die Milch in dieses Gefäß hinein und ließ sie mehrere Tage hindurch stehen, bis sich die Kautschukkügelchen nach oben abgesetzt hatten. Die oberste, sehr harzreiche Schicht wurde abgenommen, nachdem die Milch genügend in Wasser und Kautschukkügelchen gesondert war, und das Wasser allmählich durch einen am Grunde des Gefäßes angebrachten Hahn abgelassen. Die zurückbleibende flockige Masse blieb zum besseren Austrocknen erst noch einige Tage stehen, um dann durch einfaches Pressen mit der Hand endgültig in Kautschuk verwandelt zu werden. Der auf diese Weise gewonnene Kautschuk erfordert wenig Arbeit und ist nicht der Gefahr ausgesetzt, anzubrennen, wie es beim Kochen der Fall ist. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, daß auch diese Methode des Austrocknens sich bei Gewinnung des Kautschuks in den Plantagen bewähren wird. Da ich später noch einmal auf die verschiedenen Methoden der Koagulation einzugehen haben werde, so will ich darüber hier nicht mehr sagen, sondern nun auf die Anzapfungsmethoden der Kickxien übergehen. Die von mir mitgenommenen Instrumente bewährten sich nur halb, da man mit ihnen nur langsam arbeiten konnte. Der Pikierapparat war im Verhältnis zur Zähigkeit der Kickxiarinde leider zu schwach gebaut, so daß sich die Zähne beim Einschlagen teils umbogen, teils abbrachen. Ich möchte fast glauben, daß besonders bei warmem Wetter diese Pikiermethode etwas für sich haben dürfte, besonders wenn man durch einen am Fuße des Stammes herumgelegten Ring den etwa herunterlaufenden Saft auffangen könnte, so daß auf diese Weise nichts verloren geht. Diese Methode hat vor allen anderen den Vorzug, daß der Baum dadurch nicht so leicht verletzt wird, und das ganze Jahr hindurch in kurzen Abständen angezapft werden kann. Der Kautschuk, welcher dann natürlich auch in der Form der [Ceara-Kautschukthränen] exportiert werden müßte, würde sicher durch seine Reinheit und Trockenheit einen guten Preis erzielen.

Für die verbreitetste und bei einmaligem Anzapfen rentabelste Methode des Grätenschnittes müßte man noch passende Instrumente erfinden, mit denen man schnell und ohne die Cambiumschichten unter der Rinde zu verletzen, arbeiten könnte.

Bei den Fantis ist zum Besteigen der geraden Kickxiastämme ein Steiggürtel gebräuchlich, welcher wirklich verdiente, allenthalben eingeführt zu werden. Mit Hülfe dieser Gürtel sind die Leute in der Lage, jeden geraden Stamm ohne Mühe zu besteigen, so lange sie ihn umspannen können. Bei Anwendung des Grätenschnittes muß natürlich darauf gesehen werden, daß die Schnitte nicht zu tief eindringen, denn der Schaden, welcher dadurch hervorgerufen wird, steht in keinem Verhältnis zu der geringen Menge Kautschuks, welche man dadurch mehr erhält. Außerdem wäre es wünschenswert, daß auch hier etwa da, wo das Gefäß zum Auffangen des Saftes angebracht wird, ein erhabener rinnenartiger Ring um den Stamm gelegt wird, durch welchen etwa an der Rinde herunterlaufende Säfte aufgefangen werden können. Zum Anschneiden der Stämme dürfte sich ein Instrument empfehlen, das ähnlich wie die in unserer Forstwirtschaft allgemein verwendeten „Baumreißer“ gebaut ist, aber mit einer verstellbaren zweischenkeligen Schneide versehen ist, deren beide Schenkel sich an der scharfen Kante vereinigen und so zwischen sich einen Hohlraum lassen, durch welchen das ausgeschälte Rindenstück nach oben entweichen kann. Ich werde an anderer Stelle auf dieses Instrument zurückkommen. Betonen möchte ich noch, daß dieser Baumreißer nur für glatte, aufrechte Stämme, insbesondere Kickxia- und eventuell Ceara- und Para-Bäume konstruiert sein soll. Bei Landolphien verhindert schon die sehr unebene Rinde sowie sehr variable Dicke derselben seine Anwendung.

Kickxia elastica Preuss.

A Blühender Zweig, B Kelchblatt von innen, C Längsschnitt durch die Blüte, D Antheren, E Fruchtknoten mit Griffel, F Frucht, G dieselbe im Querschnitt, H dieselbe aufgesprungen, J Samen, K Samenquerschnitt.

Herr Dr. Plehn ließ am 13. September seine sämtlichen Arbeiter zusammentreten, um vor ihren Augen die Bereitung eines reinen Kautschuks demonstrieren zu lassen. Ich zeigte den Leuten damals die für sie am leichtesten begreifliche Methode der Gewinnung des Kautschuks durch Kochen. Um sie auf die Unterschiede der Güte des von ihnen und von mir hergestellten Kautschuks aufmerksam zu machen, wurde ein von den Soldaten hergestellter Kautschukball zugleich mit den von mir angefertigten Stücken herumgegeben und die Leute zu gleicher Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß nur der Kautschuk in den Faktoreien der Südkamerun-Gesellschaft zu verkaufen sei, welcher in der von mir demonstrierten Art hergestellt ist. Ich bin sicher, daß es Herrn Dr. Plehn in nicht zu langer Zeit gelungen wäre, die Kautschukgewinnung in seinem Bezirk einzuführen, hätte ihn nicht kurz darauf ein so trauriges Schicksal unseren Kolonien für immer entrissen.

Da bereits an den Kickxiabäumen einige reife Früchte sich zeigten, so machte ich mit einigen Leuten am 20. September einen Ausflug ins Innere nach der Richtung von Djimu zu, um Samen zu sammeln. Nach etwa 20 Minuten erreichten wir eines der bedeutenderen Dörfer der Umgegend, Kataku, von wo aus ich von dem gewöhnlichen Djimu-Wege, den vor mir Dr. Plehn als erster Europäer betreten hatte, abbiegend, auf ein nördlich von Kataku liegendes kleines Dorf zu marschierte. Auf dem Wege dorthin stieß ich auf eine Quelle mit prachtvollem Wasser (wohl das beste in der ganzen Umgebung), von welchem bis dahin nur die Eingeborenen und die Soldaten der Station, welche von den Dörfern der Eingeborenen ihren Proviant holten, Kenntnis hatten. In dem Dorfe, welches wir nun erreichten, soll, nach Angaben der dortigen Eingeborenen, kein Weißer vorher gewesen sein. Man sieht also, wie sehr unbekannt diese Region unseres Schutzgebietes geblieben ist. Dieses neue Dorf, dessen Namen ich leider nie erfahren habe, machten wir nun zum Operationscentrum. Von hier aus drang ich in die äußerst kickxiareichen Wälder ein und konnte so eine große Menge von Früchten zusammenbringen. Die Eingeborenen waren mir gegenüber zwar äußerst furchtsam und mißtrauisch; doch schienen sie zu den Soldaten, dank dem klugen Vorgehen des Dr. Plehn, in sehr gutem Verhältnis zu stehen. Auch einige Leute von der Station trafen am Nachmittage ein, teils von einem nordöstlich gelegenen Dorfe mit Proviant reich beladen zurückkehrend, teils von Kataku kommend, um auch hier noch Proviant zu kaufen. Am Abend traf ich dann wieder von dieser äußerst interessanten Exkursion mit vielen Kickxiafrüchten (vier vollen Lasten) auf der Station ein.

Da sich am 22. September eine günstige Gelegenheit bot, nach dem oberen Dja hinaufzufahren, so benutzte ich mit Freude eine Einladung des Herrn Bunge, welcher mit der „Holland“ nach dem Ngoko gekommen war, um die Faktoreien des holländischen Hauses der Südkamerun-Gesellschaft zu übergeben, daran teilzunehmen.

Wir verließen auf dem Dampfer „Holland“ am frühen Morgen die Faktorei „Wilhelmina“, welche auf dem französischen Ufer gegenüber der deutschen Station liegt, und fuhren den Ngoko hinauf. Ich hatte einige Soldaten von Dr. Plehn zur Begleitung und, um nachher noch eine Canoereise machen zu können, mein großes Canoe mitgenommen. Nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir einen großen, alleinstehenden Felsen, welchen ich bereits von einer früheren Reise her kannte. Von seiten Herrn Langhelds war auf seiner Flußkarte dieser Felsen mit dem Namen „Plehn-Felsen“ belegt worden, ein Name, welcher hoffentlich, in Anbetracht der Verdienste Dr. Plehns um diesen Bezirk, bestehen bleiben wird. Da ich noch häufig Gelegenheit haben werde, dieses eigentümlichen, isolierten Felsens Erwähnung zu thun, so will ich hier gleich bemerken, daß auch ich denselben einfach als Plehn-Felsen bezeichnen werde. Bis zur vierten Ngoko-Insel war ich schon vorher den Fluß hinaufgefahren, heute kamen wir noch weiter hinauf, mußten aber gegen 2½ Uhr anlegen, um für den nächsten Tag Holz schlagen zu lassen. Mit einigen Soldaten versuchte ich tiefer in den Wald einzudringen, wurde aber auf allen Seiten durch Sümpfe daran verhindert. Auf dieser Streiferei gelang es mir, nicht weniger als fünf mir neue Orchideen von einem einzigen Baume herunterzuholen. Von Kautschuklianen oder Kickxien war an dieser Stelle nichts zu sehen, wohl aber einige Coffeasträucher. Landolphia florida war längs des ganzen Flußufers reichlich vertreten, allenthalben durch die orangenähnlichen Früchte leicht kenntlich. Wir waren nun nicht mehr weit von dem Zusammenflusse des Bumbe und des Dja entfernt, wo wir am nächsten Tage die Faktorei der „Südkamerun-Gesellschaft“ zu erreichen gedachten. Bevor wir dorthin kamen, passierten wir noch die Mündung des Como-Flusses, in welchen bis dahin noch kein Europäer eingedrungen war. Gegen Mittag trafen wir auf der Bumbe-Faktorei ein. Dieselbe war erst vor kurzer Zeit angelegt worden, so daß man erst ein Haus hatte fertigstellen können; die Vorräte an Waren und Proviant befanden sich noch in den zu ihrer Bergung aufgestellten Zelten. Ein Europäer, Herr Kalmar, war zur Leitung der Faktorei hier zurückgelassen worden. Bei unserer Ankunft beklagte sich derselbe, daß die Eingeborenen des an der Faktorei angrenzenden Dorfes sich geweigert, das durch Herrn Langheld von ihnen käuflich erworbene Land abzutreten. Herr Langheld hatte infolgedessen mit dem Häuptling des Dorfes ein längeres Palaver abzuhalten, um ihm zu erklären, daß der Kauf des Landes die Gesellschaft zum Besitzer desselben gemacht; es dauerte eine geraume Zeit, ehe die Eingeborenen das einsehen konnten. Ein sehr starker Regen zwang uns leider, am Nachmittage auf dem Dampfer zu verweilen, obgleich ich gern ein kleines noch vollständig unbekanntes Flüßchen, den „Bumbesse“, welches neben dem Bumbe in den Ngoko einmündet, befahren hätte, um so tiefer in das Land eindringen zu können, da man sonst allenthalben durch Sümpfe daran verhindert wurde.

Da sich das Wetter am 24. September (am folgenden Tage) besserte, so konnte ich die Fahrt den Bumbesse hinauf antreten. Vorher wurden noch zwei Herren den Bumbe hinaufgeschickt, um die Faktorei des holländischen Hauses zu übernehmen, welche bei den Bumbe-Schnellen, von den Eingeborenen in der Bangala-Sprache als „Mei makessi“ (scharfes Wasser) bezeichnet, gelegen ist. Zu der Fahrt den Bumbesse hinauf hatte ich vier Soldaten mitgenommen, welche alle mit einem Haumesser ausgerüstet waren, denn schon an der Mündung war es ersichtlich, daß man sich durch viel überhängendes Gestrüpp hindurchzuarbeiten habe. Da ich auch einigermaßen die Richtung des Flüßchens festlegen wollte, hatte ich mit dem Kompaß in der Hand tüchtig aufzupassen, daß wir nicht irgendwo festfuhren. Unter ziemlichen Schwierigkeiten hatten wir oft unser Canoe zwischen den durchgeschlagenen Lianen hindurchzuzwängen, um wieder in offenes Wasser zu gelangen. Gegen 10 Uhr kamen wir an eine Brücke, welche bewies, daß Eingeborene hier in der Nähe hausen müssen; dieselbe war sehr primitiv, durch zwei auf Gabeln ruhende Stangen hergestellt, welche an der Seite durch ein Zaunwerk gegen die Gewalt des Wassers geschützt waren. Etwa zwei Meter oberhalb der Stangen war parallel mit diesen eine Liane gespannt, welche dem die Brücke Passierenden offenbar zur Stütze dienen sollte. Wir kamen an diesem Hindernisse auch vorbei, indem wir das Canoe allmählich darüber schleiften. Um 11 Uhr wurde endlich durch Fallen unserm weiteren Vordringen ein Ziel gesteckt. Die Ufer des Flüßchens, welche hier bedeutend näher zusammentraten, waren durch ein Zaunwerk verbunden, das sehr geschickt durch Lianen verknotet war und nur zwei Öffnungen ließ, durch welche die Tiere passieren konnten. Oberhalb dieser Öffnungen sah man Schlingen, welche offenbar zum Anbringen von Speeren angelegt waren. Da von diesen Fallen ein Pfad in den Wald hinein führte, der offenbar unlängst von Menschen betreten war, so ließ ich einen Soldaten bei dem Canoe zurück und drang nun mit den drei anderen Soldaten auf dem Pfade vor. Zu meiner nicht geringen Freude konnte ich hier im Walde Kickxia sowohl wie Landolphia feststellen, erstere sogar in ziemlicher Menge. Da meine Zeit beschränkt war und noch keine weiteren Anzeichen von Menschen zu entdecken waren, ließ ich nach etwa halbstündigem Marsche im Walde wieder zum Canoe zurückkehren, hatte doch diese Exkursion wenigstens zur Entdeckung der Kickxia hier am Bumbesse geführt. Dieser Standort der Kickxia war für mich um so interessanter, als der Wald deutliche Anzeichen einer zeitweisen Überschwemmung trug, somit also der Baum auch in Regionen mit bedeutender Bodenfeuchtigkeit zu gedeihen scheint. Auf der Rückfahrt ließ ich an den Stellen, wo der Wald nicht überschwemmt war, landen, um auch dort nach Kickxia zu fahnden, konnte aber hier nur das Vorkommen von Landolphia konstatieren. Am Nachmittage machte ich nun noch einige Exkursionen längs des Ngoko-Ufers, wo ich auch wieder Landolphia feststellen konnte. Auch hier entdeckte ich wieder einige interessante Orchidaceen.

Am Morgen des 25. September dampften wir weiter, jetzt den Dja hinauf, durch dessen Zusammenfluß mit dem Bumbe der Ngoko gebildet wird. Die Ufer waren auch hier teilweise recht niedrig, teilweise erhoben sich etwa bis 100 Meter hohe Hügel längs derselben. Der Strom war hier noch bedeutend stärker als auf dem Ngoko. Die Vegetation scheint üppiger zu sein, als ich sie am Ngoko beobachtet habe. Nach etwa zweistündiger Fahrt passierten wir das Dorf Djama auf der Insel gleichen Namens nebst einer Abzweigung desselben auf einer daneben liegenden Insel. Die Ufer erschienen auf unserer linken Seite nun stets mehr oder minder erhöht. Kurz hinter Djama hatten wir einige Stromschnellen zu passieren, welche glücklicherweise an einer Seite einen Kanal zur Durchfahrt frei ließen. Gegen 4½ Uhr erreichten wir dann das Ziel unserer Reise, die Faktorei Bomudali. Dieselbe liegt gegenüber der Insel Bomudali mit dem darauf befindlichen gleichnamigen Dorfe von für dortige Verhältnisse ziemlicher Ausdehnung. Diese Faktorei wurde durch einen Eingeborenen geleitet. Ein recht nettes, aus hiesigem Bambus (Raphiapalmen-Rippen) gebautes luftiges Häuschen mit einer breiten Veranda hatte man hier aufgebaut, in dem sich ein Europäer recht gut hätte aufhalten können. Ich unternahm sogleich eine Exkursion in den Wald, der leider auch zum großen Teile überschwemmt war, so daß ich total durchnäßt gegen Abend zum Schiffe zurückkehrte.

Da mir nicht viel daran lag, dieselben Gegenden noch einmal vom Dampfer aus zu betrachten, so hatte ich beschlossen, die Rückreise im Canoe zu machen. Da der Dampfer von hier aus umkehren sollte, so fuhr ich bereits um 5½ Uhr am Morgen des 26. September von Bomudali ab. Da noch Nebel auf dem Flusse lag, konnten wir anfangs nur wenig von der Urwaldvegetation erkennen. Erst als gegen 8 Uhr die Sonne durchdrang, wurde das Bild interessanter und lebendiger. Die Papageien in den Zweigen fingen ihr Geschrei an, oben sah man die Nashornvögel über die höchsten Gipfel der Bäume dahinschweben, während die buntbefiederten Königsfischer auf den Büschen am Wasser auf Beute warteten. Nun am Ufer entlang fahrend, sah ich häufig riesige Kautschuklianen von den Zweigen hängen, deren riesige, etwa kinderkopfgroße Früchte durch ihr Gewicht die Zweige herunterzogen. Leider hingen diese Früchte meist zu hoch, um sie zu erlangen, selbst einige Schüsse auf dieselben hatten keine Wirkung. Doch gelang es mir nach einigen vergeblichen Versuchen, endlich dreier derselben habhaft zu werden, um sie nach der Station mitzunehmen. Von Kickxia konnte ich nur hin und wieder einige Exemplare an dem höheren Ufer entdecken; doch ließ ein großer Sumpf, welcher die Hügel von dem Flusse trennte, eine genauere Untersuchung derselben nicht zu. Gegen Mittag erreichten wir Djama, nachdem wir noch kurz vorher durch einen tüchtigen Regenschauer vollständig durchnäßt worden waren. Meine Leute hatten zwar in dem Dorfe Bomudali tüchtig Essen kaufen können, so daß sie noch reichlich versehen waren, doch hielt ich es trotzdem für geraten, mich hier noch einmal tüchtig zu verproviantieren, da ich nicht wußte, wie lange ich noch bis zu meiner Ankunft auf der Station unterwegs bleiben würde, zumal ich beabsichtigte, den N’komo zu befahren, um auch dort soweit als möglich in die Wälder einzudringen. Ich besuchte daher die beiden Djama-Inseln und kaufte dort an Lebensmitteln für meine wenigen Leute nicht unbedeutende Quantitäten ein, und zwar zu äußerst billigen Preisen. Ich will zwar nicht verleugnen, daß die Anwesenheit der Soldaten wahrscheinlich nicht wenig dazu beitrug, doch sah ich darauf, daß den Leuten nichts mit Gewalt abgenommen wurde. Wer nicht verkaufen wollte, wurde in keiner Weise dazu gezwungen. Ich konnte hier Hühner und Eier für Öl und Salz einkaufen. Etwa ein halber, ziemlich kleiner Tassenkopf mit Öl genügte, um ein Huhn zu erstehen. Für meine Leute gab es Büffel- und Elefantenfleisch und sehr viel Planten. So konnten wir also, reichlich versehen, am Nachmittage unsere Weiterreise antreten. Nach kurzer Zeit ließ ich an Land anfahren, um Mittag kochen zu lassen. Wir waren kaum damit fertig, als die „Holland“ unsere Lagerstelle passierte, auf der Rückreise nach Bumbe, welches übrigens schon von unserem Lager aus in Sicht war. Ich unternahm nun noch eine Exkursion, auf welcher ich wieder das Vorhandensein der Kickxia, wenn auch nur in vereinzelten Exemplaren, konstatieren konnte; dann ließ ich den Dja bis zum Bumbe hinunter weiterfahren, wo ich gegen 6 Uhr abends bei dem Dampfer anlangte. Am Abend versammelten wir hier anwesende fünf Europäer uns auf dem Dampfer, wo uns Herr Kalmar nach dem Abendessen durch ein Konzert auf der Violine unterhielt. Da ich am nächsten Morgen früh aufbrechen wollte, ging ich um 10 Uhr schlafen.

Der nächste war wieder einer jener prächtigen Morgen, wie ich sie besonders nach einem Regentage schon häufig im Ngoko erlebt hatte; lautlos glitt unser Canoe am Ufer des Flusses entlang, jedes Geräusch wurde noch durch den dichten Nebel, welcher auf dem Flusse lag, gedämpft. Als sich gegen 9 Uhr der Nebel gehoben, ließ ich auf einer sandigen Stelle am Ufer das Canoe aufziehen, um den Soldaten Zeit zum Frühstück zu geben, während ich mit meinem Jungen im Walde umherstreifte, soweit es die uns umgebenden Sümpfe gestatteten. Auch hier gab es viele Landolphien, besonders L. florida, deren Früchte eine Schar Affen angelockt hatten, von welchen ich für meine Leute zwei erlegen konnte. Während ich im Walde umhergestreift, hatte der Koch das Frühstück fertig gemacht, so daß wir kurz darauf, ohne großen Zeitverlust, weiterfahren konnten. Gegen 11 Uhr erreichten wir die Mündung des N’komo-Flusses, in welchen wir nun eindrangen. Die Strömung war hier auffallend stark, besonders da, wo Bäume in das Wasser hineingefallen waren. An einigen Stellen mußten wir uns längs der Ufer an dem Gesträuch entlang hinziehen, um gegen die starke Strömung ankommen zu können. Ein riesiges Krokodil, welches auf einem Baumstumpfe lag, schoß ich auf dieser Fahrt, doch entging uns das Tier leider, weil es in seinem Todeskampfe vom Stamme herunter in das Wasser fiel. Gegen 12 Uhr ließ ich an einer offenen Stelle an Land fahren, um den Leuten, welche sich sehr stark hatten anstrengen müssen, Rast zum Mittagessen zu geben. Elefanten-, Büffel- und Nilpferdspuren gab es in Menge, von den Tieren selbst war leider nichts zu sehen. Die Bäume hingen am Ufer voll von Orchideen, unter denen besonders Angraecum pellucidum Ldl. mit seinen langen herunterhängenden Blütentrauben auffiel. Hier und dort waren Kautschuklianen (Landolphia) zu sehen, doch bis jetzt selten in größeren Mengen. Ich drang mit einem Soldaten tiefer in den Wald ein, um nach Kickxia zu suchen, konnte davon hier aber nichts entdecken. Als wir uns am Nachmittage kaum wieder auf der Weiterfahrt befanden, überraschte uns wieder ein starker Regen, der uns aber nicht hinderte, weiter zu rudern. Bald schien es, als sei unserm weiteren Vordringen eine Schranke gesetzt, denn vor uns lagen zwei große Bäume im Wasser. Als wir näher kamen, erkannten wir in denselben eine Brücke der Eingeborenen. Die beiden Bäume waren von denselben gefällt worden und die oberen Äste mittelst Lianen mit dem Strauchwerk der anderen Seite verbunden, so daß man, von Ast zu Ast kletternd, den Fluß überschreiten konnte. Zur Sicherung des Überganges waren einige Lianen darüber gespannt worden, an denen man sich halten konnte. Von menschlichen Wesen selbst war keine Spur zu entdecken. Ich glaube sicher, daß diese Brücke von den Zwergvölkern dieser Urwälder gelegt worden ist, denn nur diese allein bewohnen jene Wildnis. Mit unseren Haumessern gelang es uns, eine Öffnung durch die im Wasser liegenden Kronen der Bäume zu schlagen, durch welche wir unser Canoe hindurchschieben konnten. Wir wurden alle dabei von einer Schar Ameisen, welche eben den Fluß auf dem Baume zu überschreiten schienen, arg zugerichtet. Als sich gegen Abend der Himmel aufgeklärt hatte, begannen sich die verschiedensten Tiere hören zu lassen, besonders Elefanten hörte man häufig. Ein Schuß, welchen ich auf eine Schar Enten abfeuerte, rief dann plötzlich für kurze Zeit eine allgemeine Stille hervor. Gegen 5½ Uhr ließ ich anhalten und für mein Zelt unter einem großen Baume den Platz reinigen. Bei der dichten Bewaldung brach die Dunkelheit überraschend schnell herein. Es war eine wundervolle Nacht, welche nun folgte, als der Mond sein friedliches Licht über den Urwald ergoß. Noch lange saß ich an dem Abend vor meinem Zelt und genoß die kühle Luft. Die Stille des Waldes wurde nur hin und wieder durch das Trompeten eines Elefanten unterbrochen.

Kurz nach 6 Uhr waren wir am nächsten Morgen auf der Fahrt. Mit jeder Minute wuchs die Stärke der Strömung, so daß ich schon mit einigem Grauen an die Rückfahrt dachte, da dann bei den vielen Windungen des Flusses und den vielen, in demselben liegenden, Baumstämmen unser Canoe nur zu leicht hätte umgerissen werden können. Gegen 7½ Uhr wurde nun leider unserem weiteren Vordringen durch einen neuen Baumstamm eine Schranke gesetzt. Auch dieser war wieder von Menschenhand gefällt worden und lag unglücklicherweise so im Wasser, daß für unser Canoe keine Passage blieb. Unter Schwierigkeiten wäre es uns vielleicht gelungen, das Canoe darüber hinweg zu ziehen oder über Land wieder in fahrbares Gewässer zu bringen, doch glaubte ich, etwa so weit vorgedrungen zu sein, als der N’komo deutsch war. Da der Zweck meiner Mission auch nicht in geographischen Forschungen bestand, so glaubte ich auch, hier umkehren zu müssen, hatte ich doch wenigstens Kautschuklianen hier in ziemlichen Mengen feststellen können. Bevor ich umkehrte, unternahm ich noch eine kleine Exploration der Wälder, in welche ich tiefer eindrang. Dieselben enthielten Kautschuklianen in Quantitäten, welche einen regelmäßigen Abbau wohl lohnen würden. Ehe es jedoch zu einem solchen in diesen doch immerhin recht entfernten Regionen kommen wird, dürften noch viele Jahre hingehen. Eine der ersten Aufgaben des Stationsvorstehers sowohl, wie vor allen Dingen der Kaufleute im Ngoko-Distrikte, dürfte es vor allen Dingen sein, den Eingeborenen den Wert des Kautschuks und die Gewinnung desselben klar zu legen, und, wenn möglich, in einer solchen Weise, daß der Raubbau sich nicht auch hier einbürgert. Ich selbst befürchte zwar, daß sich dieser selbst bei strengen Maßregeln nicht wird fernhalten lassen. Doch dessenungeachtet wäre es entschieden wünschenswert, daß im Ngoko-Gebiete ein unnötiges Umschlagen der Kickxiabäume strengstens bestraft würde, sobald sich ein solches nachweisen läßt. Ich werde noch einmal darauf zurückzukommen haben, da ich selbst einmal Zeuge eines solchen Umschlagens von Kickxiastämmen gewesen bin; doch davon später.

Noch im Laufe des Vormittags traten wir unsere Rückfahrt an, die infolge der vielen Krümmungen des Flusses sowie der vielen darin liegenden Baumstämme sehr gefährlich war. Bei der reißenden Strömung sauste das Canoe dahin, wie ich es nie geglaubt hätte. Ich selbst hatte ein Ruder genommen, um im Falle der Not auch beim Steuern zur Hand zu sein. Besonders fürchtete ich die untere Baumbrücke, welche uns sehr leicht hätte umreißen können. Genau nach der Karte, welche ich von dem Flusse bei der Fahrt hinauf angefertigt hatte, unsere Route verfolgend, machte ich schon vorher die Soldaten auf die kommenden scharfen Kanten und schnellen Strömungen aufmerksam und ließ, als wir uns der Brücke näherten, rückwärts rudern, so daß wir dem Strome entgegenarbeiteten und dann schließlich langsam gegen die Brücke angetrieben wurden. Nachdem wir das Canoe dann auch glücklich durch die von uns geschlagene Öffnung hindurchgezogen hatten, ging es mit derselben Schnelligkeit wie vorher weiter nach dem Ngoko zu. Noch eine Stelle gab es, die für uns gefährlich werden konnte. Dort hätte auch beinahe die Fahrt ein Ende gefunden, wenn wir nicht plötzlich von der Strömung fortgerissen und in ein Strauchwerk hineingeschleudert worden wären, wo ich glücklicherweise noch zur rechten Zeit einige Äste ergriff, mit Hülfe derer ich das Canoe zurückhalten konnte. Nachdem wir diese Stelle dann auch glücklich passiert hatten, hatten wir offenes, wenn auch noch reißendes Fahrwasser. Man wird sich einen Begriff von der Macht dieser Strömung machen können, wenn man bedenkt, daß wir die Fahrt flußabwärts in etwa einem Viertel der Zeit machten, als die Fahrt flußaufwärts. Ich muß offen bekennen, daß ich froh war, als wir wohlbehalten wieder im Ngoko angelangt waren. Wir fuhren nun den Ngoko weiter hinunter, bis wir einen verlassenen Weiler am Flußufer erreichten, wo ich zum Zwecke des Abkochens Rast machen ließ.

Das Feuer war kaum angezündet, als einer der Soldaten mit der Nachricht kam, daß in einer Hütte ein halbverhungertes Weib liege, das kaum mehr sprechen könne. Ich ließ die Frau nun heranbringen und ihr etwas zu essen geben. Allmählich konnten wir denn ihren Reden entnehmen, daß sie von ihren Stammesgenossen hier vor einigen Wochen ausgesetzt sei. Ihren richtigen Heimatsort konnten wir nicht erfahren, wie überhaupt ihre Aussagen häufig verwirrt waren und sich nicht selten widersprachen. Offenbar war das Weib irrsinnig. Sei es nun, daß sie erst durch den Hunger in diesen Zustand verfallen war, denn sie hatte sich während der ganzen Zeit von den ölhaltigen Samen einer Leguminose ernährt, sei es, daß sie infolge ihres Irrsinnes von ihren Stammesgenossen ausgesetzt war, ich konnte sie hier natürlich nicht zurücklassen, denn sie wäre sicher in wenigen Tagen verhungert, da sie schon jetzt kaum mehr Kräfte genug besaß, sich aufrecht zu halten. Als wir dann diesen von Flöhen wimmelnden Platz verließen, wurde die Frau mit in das Canoe gesetzt, nachdem die Soldaten vorher vergeblich versucht hatten, sie zu waschen. Das Wetter sah schon recht drohend aus, als wir unseren Lagerplatz verließen, so daß wir wenig überrascht waren, als plötzlich ein wolkenbruchartiger Regen mit starkem Sturm zu wüten begann. Wenn selbst wir auch alle bis auf die Haut durchnäßt wurden und die Situation nichts weniger als angenehm war, so freuten wir uns dennoch alle, daß wenigstens auf diese Weise die würdige Matrone in unserem Canoe einmal tüchtig gewaschen wurde, denn der Schmutz und Aschenstaub, welcher an ihrem Körper haftete, spottete jeder Beschreibung. Da der Sturm für unsere Weiterreise zu gefährlich zu werden schien, ließ ich an einer sandigen Stelle unter einer alleinstehenden Sterculia an Land fahren, um dort für die Nacht das Zelt aufschlagen zu lassen. Leider war aber der Boden an dieser Stelle so locker, daß die Zeltpflöcke von dem Sturme immer wieder herausgerissen wurden, so daß wir nach vielen vergeblichen Versuchen doch schließlich die Hoffnung aufgaben, das Zelt hier aufschlagen zu können. Trotz des Regens und Sturmes mußten die Soldaten sowie die anderen Insassen des Bootes wieder zu den Rudern greifen, um uns nach einem günstigeren Lagerplatz zu bringen, den wir denn auch bald erreichten. Unter strömendem Regen wurde ein Platz für das Lager im Walde freigelegt und die Zelte für mich und meine Begleitung aufgeschlagen. Dieser furchtbare Regen hielt mit dem Sturme fast die ganze Nacht hindurch an, so daß man bei dem Getöse, welches durch den Regen, den Sturm und die herunterbrechenden trockenen Zweige und Äste verursacht wurde, kaum an Schlafen denken konnte.

Zu unserer Freude klärte sich der Himmel am nächsten Morgen auf, so daß wir bereits früh weiterfahren konnten. Es lag mir daran, noch an demselben Tage die Station zu erreichen. Meine Leute hatten daher tüchtig zu rudern, selbst das vom Hungertode befreite Weib, welches sich merkwürdig schnell wieder erholt hatte, mußte ein Ruder zur Hand nehmen und helfen. Im raschen Tempo ging es nun flußabwärts an den wenigen Inseln vorbei, welche hier im Ngoko liegen. Dieselben waren zumeist schon durch das jetzt schnell steigende Wasser überschwemmt worden. Als wir gegen Mittag in die Nähe des Plehn-Felsens kamen, welcher auch nur noch um einige Fuß aus dem Wasser hervorragte, ließ ich zum Abkochen kurze Rast machen. Ich durchstreifte während der Zeit wieder die Wälder, ohne aber auf Kickxien zu stoßen, wie ich gehofft hatte. Einige Ficusbäume aus der Verwandtschaft der Ficus Vogelii, welche hier wuchsen, zapfte ich an und kochte dann die Milch, teils nach Zusatz von Salz, teils mit Essigsäure vermischt, erhielt aber nur eine klebrige, zähe Masse, die keinen Wert hatte. Während des Nachmittags ging es dann ununterbrochen bis zur Faktorei der Südkamerun-Gesellschaft weiter, welche wir mit eintretender Dunkelheit erreichten. Von Herrn Langfeldt erfuhr ich hier, daß Dr. Briart mit einem neuen Dampfer der Société Anonyme Belge, dem „Président Urban“, in der Zwischenzeit dagewesen sei. So hatte ich leider diese Gelegenheit verpaßt, nach dem Congo zurückzukehren. Nach kurzer Fahrt erreichten wir dann gegen 8½ Uhr die Ngoko-Station wieder.

Da der „Président Urban“ für Dr. Plehn die sämtlichen von ihm bestellten Ausrüstungsgegenstände für eine geplante längere Expedition ins Innere mitgebracht hatte, so setzte Dr. Plehn den Aufbruch zu dieser Expedition auf den 10. Oktober fest. Da nach dieser Zeit zu wenig Leute auf der Station sein würden, um mich bei meinen Exkursionen zu begleiten, so beschloß ich, die Zeit noch tüchtig zum Sammeln von Kickxiafrüchten zu verwenden. Noch verschiedene Male machte ich Ausflüge immer wieder in mir noch unbekannte Gegenden um die Station herum. Überall konnte ich die Kickxia in Mengen feststellen und jedesmal den Vorrat der Samen bedeutend vergrößern, so daß ich schließlich gegen 400000 Samen haben mußte.

Meine verschiedenen Experimente mit Kickxia- und Landolphiamilch setzte ich zu derselben Zeit fort. Besonders die Methode der Gewinnung des Kautschuks durch allmähliches Austrocknen der Milch und durch Centrifugieren.

Zusammen mit Dr. Plehn unternahm ich am 4. Oktober einen Ausflug auf die Hügel der anderen Ngoko-Seite. Von der Faktorei „Wilhelmina“, welche nun verlassen war, ging zur Zeit der einzig mögliche Weg erst in den Wald hinein, um sich dann langsam gegen die Hügel vorzuschlängeln. Wiederholt mußten wir uns von unseren Leuten durch Morast und Wasser tragen lassen, denn bei dem jetzt schon recht hohen Wasserstande war bereits ein großer Teil des zeitweise trockenen Waldes vollständig überschwemmt. Nachdem wir dann glücklich den Fuß des Hügels erreicht hatten, drangen wir auf einem schmalen Eingeborenenpfade bis zur Spitze vor, wo sich einige Leute des Kataku-Dorfes, offenbar um der zu großen Nähe der Weißen zu entgehen, seit kurzem angesiedelt hatten. Die Leute hatten Bananenpflanzungen angelegt, beklagten sich aber bei uns, daß die Elefanten ihnen viel Schaden zufügten. Da Dr. Plehn möglichst bald zur Station zurückkehren wollte, blieb ich mit meinem Jungen und einem Soldaten allein zurück, um zu versuchen, auch hier das Vorkommen von Kickxia zu konstatieren. Als ich nach einigem Suchen diesen Zweck erreicht hatte, kehrte auch ich wieder auf das andere Ufer zurück, wo ich auf der Station mit dem Trocknen der Kickxiasamen und dem Einpacken der Kautschukproben jetzt viel zu thun hatte.

Da ich es für sehr wahrscheinlich hielt, daß zur weiteren Feststellung des Verbreitungsgebietes der Kickxia eine Reise nach dem oberen Dja von Nutzen sein würde, so entschloß ich mich, einer Einladung des Herrn Langheld, ihn dorthin zu begleiten, nachdem er die Plehnsche Expedition nach dem Bumbe gebracht hätte, Folge zu leisten, besonders da ich wußte, daß ich vor Ende des Monats Oktober nun keine Gelegenheit haben würde, die Rückreise nach dem Congo anzutreten. Gern wäre ich mit Dr. Plehn zusammen gegangen, um dann nach der Küste zu durchzumarschieren, doch das war nun leider infolge des Trägermangels unmöglich. Selbst Dr. Plehn mußte sein Gepäck schon auf das Allernotwendigste beschränken, um genügend Leute zum Transporte seiner Sachen zu haben. Es war für mich damals nicht leicht, auf diese Expedition zu verzichten, von der wir uns so viel Interessantes versprachen.

Nachdem die Hauptmenge der Lasten der Plehnschen Expedition schon am 10. Oktober nach dem „Major Cambier“ zu Herrn Langhelds Faktorei hinübergeschafft worden waren, verließen wir, Dr. Plehn, Herr Peter, welcher an der Expedition teilnehmen sollte, und ich, am frühen Morgen mit den Soldaten und Trägern die Ngoko-Station, um dann zum „Major Cambier“ mit dem letzten Reste der Expeditionsgüter nachzufolgen. Ich werde diesen Morgen nie vergessen, an dem ich damals zum letzten Male mit Plehn zusammen den Ngoko-Hügel hinunterstieg und mit ihm über den eventuellen Ausgang der Expedition sprach, der nach unseren damaligen Ansichten nur ein glücklicher und für die Erforschung unseres Schutzgebietes sehr günstiger sein konnte. Leider hatte das Schicksal es anders beschlossen.

Nachdem gegen 9 Uhr endlich alles auf dem Dampfer untergebracht war, konnten wir abfahren. Die Scenerie war mir, der ich diese Fahrt nun bereits wiederholt gemacht hatte, ja bekannt genug. Von dem Plehn-Felsen war kaum noch die Spitze zu sehen; so war das Wasser in den wenigen Tagen gestiegen. Am Nachmittage wurde eine Stunde lang Halt gemacht, um neuen Holzvorrat zu schaffen. Dann fuhren wir bis zum späten Nachmittag weiter und legten, bevor wir die N’komo-Mündung erreicht hatten, uns vor Anker. Das Aufschlagen des Lagers dauerte heute eine ziemliche Zeit, da Dr. Plehns Soldaten mit dem Aufstellen seines großen Zeltes noch nicht recht Bescheid wußten. Bis zum späten Abend saßen wir Europäer noch bei der wundervollen Beleuchtung, welche der Mond über die Landschaft warf, zusammen. Am nächsten Morgen dampften wir dann zeitig ab, um noch vor Mittag bei der Bumbe-Faktorei einzutreffen. Es war einer der heißesten Tage, welche ich erlebt hatte; alles schien niedergedrückt zu sein, nur der unermüdliche Herr Langheld lief, ohne sich irgendwie zu schonen, in der Sonne umher, bis alles in Ordnung war. Wir saßen alle gerade beim Essen, als ein Soldat mit der Nachricht kam, daß auf der anderen Seite des Bumbe ein riesiges Krokodil im Wasser schwämme. Dr. Plehn war sofort mit seiner Büchse zur Hand, und in der nächsten Minute hatte das Tier einen Schuß im Kopfe, der es auf der Stelle getötet haben mußte, denn das Tier blieb oben. Der Sicherheit halber schoß Dr. Plehn noch einmal und zwar noch einen solchen Meisterschuß. Die Soldaten, welche schon die Sicherheit ihres Herrn beim Schießen kannten, hatten auch sofort das Canoe, welches Dr. Plehn von mir übernommen, in den Fluß gezogen und ruderten nun mit allen Kräften zur Stelle, um die Jagdbeute einzuholen, die dann zur großen Freude der Leute verteilt wurde. Das Krokodil war eines der größten, welche ich je gesehen.

Da Dr. Plehn mit dem Packen seiner ganzen Expeditionsgüter noch nicht vollständig fertig war, so beschloß er, erst am 14. Oktober von Bumbe aufzubrechen; ich hatte also hier noch einen freien Tag. Ich benutzte daher die Gelegenheit, mit Herrn Kalmar und Herrn Schultz, welcher mit uns nach Bomudali fuhr, um die Faktorei daselbst zu übernehmen, eine Canoefahrt den Bumbe hinauf zu machen, wo zum Bau der Häuser der Bumbe-Faktorei Baumstämme gefällt werden sollten. Die Freude, welche ich hier bei dem Anblicke der häufig vorhandenen Kickxien empfand, wurde mir bald genommen, als ich sah, daß Herr Kalmar eine nach der anderen fällen ließ, da er behauptete, daß sonst keine anderen geraden Stämme zum Häuserbau vorhanden seien als die Kickxien. Es ist doch schade, daß selbst die Europäer hier nicht mehr darauf achten, die Schätze, welche das Land bietet, möglichst zu wahren; gerade deshalb wäre es auch sehr wünschenswert, daß von der Regierung Maßregeln getroffen würden, ein solches Treiben zu verhindern. Wie ich mich später überzeugen konnte, sind die Befestigungen der Palaverhäuser der Fan-Stämme im Ngoko auch vorzugsweise aus Kickxiastämmen hergestellt. Bedenkt man nun, daß diese Dörfer bei der geringsten Gelegenheit verlassen werden und an einer anderen Stelle ein neues errichtet wird, zu dem wieder viele Kickxiastämme nötig sind, so kann man sich leicht vorstellen, welcher Schaden mit der Zeit unter den Kickxiabeständen angerichtet wird, der leicht vermieden werden könnte. Der Eingeborene fällt natürlich lieber die weichen Kickxiastämme, als die zähen und harten Bäume, welche seinen schlechten Instrumenten so viel Widerstand entgegensetzten, um so mehr, als ja bei seiner Gewohnheit, die Dörfer immer wieder zu verlegen, das Holz gar nicht besonders dauerhaft zu sein braucht.

Am Morgen des 14. Oktober stand Dr. Plehn mit seiner Expedition schon zeitig fertig da. Es war arrangiert worden, daß der „Major Cambier“ die Expedition noch eine kurze Strecke den Bumbe hinauf bis kurz vor Kodjo bringen sollte. Die erste Hälfte, welche Herr Peter führte, ging gegen 7 Uhr ab. Da ich auch gern einen Teil des Bumbe sehen wollte, fuhr ich auch mit, um dann mit dem Dampfer wieder umzukehren. Dr. Plehn führte dann den Rest auch sogleich nach. Wir beide nahmen noch einmal Abschied voneinander und wünschten uns gegenseitig viel Erfolg und Gesundheit auf unseren Reisen und trennten uns dann in dem Glauben, daß wir uns beide in Europa wiedersehen würden. „Grüßen Sie noch alle meine Freunde und Bekannten an der Küste,“ das waren seine letzten Worte, welche er mir noch vom Dampfer aus zurief; dann war der Dampfer um eine Landzunge gebogen, die ihn uns verbarg.

Kurz nachdem der „Major Cambier“ zurückgekehrt war, wurde alles zur Weiterfahrt den Dja hinauf fertig gemacht. Um 1 Uhr schon fuhren wir ab. Bei den Djama-Inseln machten wir einen kurzen Halt, um Lebensmittel zu kaufen, da das kleine Dorf neben der Bumbe-Faktorei für die vielen Leute, welche während der letzten Tage dort gewesen waren, nicht genug hatte liefern können. Gegen Abend legten wir dann an einer etwas trockeneren Uferstelle an, wo ich Kickxia sowohl wie Landolphien in ziemlichen Quantitäten fand. Herrn Langheld sowohl wie Herrn Schultz machte ich nun auf die Unterschiede aufmerksam, welche die Kickxia unter den anderen Bäumen leicht kenntlich macht. Moskitos gab es übrigens hier wieder reichlich. Am frühen Morgen erreichten wir am 15. Oktober die Bomudali-Faktorei, wo wir für den Rest des Tages zu bleiben hatten, da es hier für Herrn Langheld viel zu thun gab, denn es mußten vor allen Dingen viele Waren hier gelandet und gestaut werden, welche Herr Schultz, der die Faktorei leiten sollte, beim Einkaufen des bis dahin einzig in Betracht kommenden Produktes, des Elfenbeins, nötig hatte. Da ich bei meinem ersten Aufenthalte in Bomudali in den Wäldern hinter der Faktorei vergeblich nach Kickxia gesucht hatte, so schlug ich auf meinen Streifereien diesmal eine andere Richtung ein und hatte auch hier wieder die Freude, Kickxia zwischen der Bomudali-Faktorei und dem Dorfe Lobilos in Mengen zu sehen. Je mehr ich von der Gegend sah, desto mehr gewann ich die Überzeugung, daß hier dereinst sich ein enormer Kautschukhandel entwickeln müsse, vorausgesetzt, daß beizeiten gegen Mißbrauch dieser Goldgruben unserer Kolonie Kamerun Schritte gethan werden.

Die Eingeborenen dieses Teiles des Dja unterscheiden sich schon ganz bedeutend von den weiter unten wohnenden Misangas. Besonders auffallend ist die Haartracht der Weiber. Neben einer großen Raupe von Haaren, welche über den Scheitel bis zum Hinterkopf hinunterläuft, sind die Haare zu beiden Seiten oberhalb der Schläfen in raupenförmige Ringe frisiert. Um diese Frisur, welche eine sehr lange Zeit in Anspruch nehmen muß, zu schützen, ist sowohl je oberhalb der Ohren wie an der Haarwurzel über der Stirn eine große, muschelförmige, aus Bast hergestellte Klappe in das Haar eingeflochten. Während des Schlafes oder sonst bei Gelegenheiten, bei welchen diese Haarfrisur in Gefahr kommt, zerstört zu werden, werden diese Klappen durch ein Tuch gegen den Kopf angezogen und bedeckt und dienen so zum Schutze des Ganzen. Die Gesichtszüge der Eingeborenen sind hier entschieden intelligenter und ansprechender als die der Misangas. Während unseres Aufenthaltes in Bomudali kamen auch einige Bomabassa-Leute, welche, aus ziemlicher Entfernung kommend, mit den Bomudali-Leuten in Handelsbeziehungen stehen. Dieselben zeichneten sich durch eigentümlich blaue Tättowierung auf der Stirn und der Oberlippe aus. Im großen und ganzen schien die Bevölkerung den Weißen gegenüber sehr scheu und furchtsam zu sein.

Ein merkwürdiges Stück, welches ich hier erstand, aber später auf meinen Reisen zerbrach, möchte ich hier erwähnen, da es ethnologisch von Interesse sein mag, nämlich eine Flöte, die einzige, welche ich je in diesen Gegenden gesehen. Das Instrument war aus einem mir unbekannten hohlen Pflanzenstengel hergestellt und hatte ungefähr die Form der in Deutschland allgemein verbreiteten Blechflöten.

Da Herr Langheld mit den Einrichtungen in seiner Faktorei so weit fertig war, konnten wir am Morgen des nächsten Tages unsere Reise den Dja weiter hinauf fortsetzen. Gegen 8 Uhr verließen wir am Morgen des 16. Oktober Bomudali und dampften auf das Dorf des im Dja von seinen sämtlichen Nachbarn gefürchteten Häuptlings Lobilo zu. Die Scenerie war fast dieselbe wie am Dja unterhalb Bomudali, die Vegetation wohl etwas üppiger und die Ufer, besonders in der Nähe des Dorfes Lobilos, etwas höher. Schon vom Dampfer aus konnte man die vereinzelt stehenden Kickxien sehen, besonders als wir uns dem Dorfe Lobilos näherten. Lobilo hatte schon von unserem beabsichtigten Besuche Kunde erhalten, so daß uns, als wir sein Dorf erreichten, eine große neugierige Menschenmenge empfing. Unterwegs hatten wir verschiedene Dörfer passiert, welche infolge der Erpressungen dieses Negerhäuptlings verlassen waren, und was war nun schließlich seine Macht? Etwas anderes als Hinterlist konnte es nicht sein. Als wir in sein Dorf kamen, saß er versteckt in einem der Palaverhäuser und zitterte am ganzen Körper, als wir ihm zur Begrüßung die Hand gaben; wahrscheinlich hatte er wieder ein böses Gewissen. Man sah dem Kerl in diesem Augenblicke übrigens so recht den feigen Schurken an. Für jeden, der ihm gegenüber etwas imponierend auftreten kann, ist dieser Feigling meiner Meinung nach wenig gefährlich. Viel mehr als Lobilo interessierte mich das Dorf, denn für ein Fan-Dorf in der Ngoko-Region ist dieses ganz abnorm gebaut und dürfte wohl einzig im ganzen Bezirke dastehen. Zunächst ist das ganze Dorf von einem hohen Lattenzaune umgeben, welcher etwa ein Quadrat bildet; der Zugang in das Dorf hinein ist nur durch die vollständig dunklen Palaverhäuser möglich, deren Eingang so schmal ist, daß man nur mit Mühe sich hineinzwängen kann. Beide Palaverhäuser waren durch viele Schichten von Baumstämmen befestigt. Die Hütten, welche zwar nach Art der Fans sich an einer einzigen Straße entlang hinzogen, waren auch stärker gebaut, als man sie gewöhnlich im Ngoko sieht; außerdem standen hinter denselben noch kleinere Hütten und Vorratshäuser, welche ich sonst auch nirgends beobachtet hatte. Die unten beschriebene Haartracht war bei den Weibern die allgemeine, die Männer hatten vorn und hinten das sonst nicht weiter frisierte Haar in einen oder zwei steife, abstehende Zöpfe geflochten. Außer Perlen und einigen Arm- und Fußringen sah man von Schmuck selten etwas. Die Bekleidung bestand bei den Männern in einem kurzen, weiten Basttuche, bei den Weibern in einer Schürze aus demselben Stoff, der übrigens vor seinem Gebrauche mit zerpulvertem Rotholz und Fett beschmiert wird.

Ich machte eine kurze Exkursion, um die Natur des Waldes hier kennen zu lernen, und hörte von Herrn Langheld, als ich zurückkehrte, daß einige Pygmäen, hier Badjiris genannt, sich im Dorfe Lobilos befänden. Da mir Dr. Plehn viel von diesem Zwergvolke, das sich nach Angaben der Eingeborenen Bakolos nennt, erzählt hatte und ich bereits häufig verlassene Hütten herumziehender Trupps im Urwalde angetroffen hatte, so war ich natürlich begierig, dieses interessante Völkchen selbst näher kennen zu lernen. Auf meinen Wunsch ließ Lobilo die Leute heranholen. Es waren drei Männer, welche ich hier sah. Dieselben waren durchaus nicht übermäßig klein, wenn auch unter mittelgroß, aber merkwürdig robust gebaut. Ihr Blick war äußerst scheu und listig, doch lag dessenungeachtet keine Falschheit darin. Merkwürdig für einen Neger war der Bart, welchen ein jeder dieser Männer hatte, da er bis auf die Brust reichte. Wie mir Dr. Plehn erzählte, waren sämtliche Bakolos, welche er auf seiner Reise nach Djimu näher zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte, bartlos; ich erwähne dies, da auch die Mehrzahl der Männer, welche ich später sah, sich durch einen für einen Neger merkwürdig üppigen Bartwuchs auszeichnete. Dr. Plehn gebührt die Ehre, die ersten sicheren Nachrichten über das Vorhandensein dieses Zwergvolkes in seinem Bezirke gegeben zu haben. Unter seinen ethnologischen Aufzeichnungen zeigte er mir sehr viel Notizen über diese Leute, auch eine kleine Sammlung von Wörtern ihrer Sprache. Er hatte auch bis zu dem Augenblicke, als wir uns am 14. Oktober am Bumbe trennten, nur Männer der Badjiris gesehen; die Weiber waren stets zur Zeit entflohen. Lobilo hatte diese Männer für sich gewonnen, um durch sie Elefanten jagen zu lassen, denn das ist ihre Hauptbeschäftigung; auch sollen sie dabei eine solche Gewandtheit haben, daß es ihnen mit ihren Lanzen immer gelingt, so viel Elefanten zu erlegen, daß es ihnen nie an Fleisch mangelt. Wie mir Plehn mitteilte, schreiben die Fan-Stämme dem letzteren Umstande es zu, daß die Bakolos Menschenfleisch verschmähen.

Nachdem Herr Langheld mit Lobilo noch die Geschenke ausgetauscht hatte, dampften wir kurz nach Mittag weiter. Nach etwa zweistündiger, ziemlich eintöniger Fahrt erreichten wir die Mündung des auch noch vollständig unerforschten Kudu-Flusses und das dicht dahinter am Dja liegende Dorf N’goala, welches das Endziel der jetzigen Flußfahrt sein sollte. Nach Dr. Plehns Angaben dürften die großen Schnellen, für welche er den Namen Carnap-Schnellen, zu Ehren des Herrn Oberleutnants v. Carnap-Quernheimb, welcher zuerst bis in die Südostecke Kameruns vordrang, gewählt hatte, noch drei bis vier Stunden Dampferfahrt oberhalb des Dorfes N’goala gelegen sein. Da wir einige Zeit hier vor N’goala liegen bleiben wollten, so benutzte ich die Gelegenheit, ein auf der anderen Seite des Kudu eine halbe Stunde Weges im Innern gelegenes Dorf zu besuchen. Zusammen mit dem Kapitän des Dampfers, einem Skandinavier, machte ich mich in Begleitung eines Führers aus dem Dorfe N’goala und einiger Eingeborenen vom Dampfer aus auf den Marsch. In einigen kleinen Canoes setzten wir über den Kudu und traten dann in den Wald ein, der trotz seines feuchten Bodens doch zahlreiche Kickxien enthielt. Unterwegs erzählte mir der Führer von N’goala, daß ein Lager der Bakolos in der Nähe sei. Eine solche Gelegenheit ließ ich mir nicht entgehen; meinen Leuten möglichst leises Gehen gebietend, marschierte ich mit dem Führer voraus und bog mit ihm von dem Wege ab in den Wald ein. Es gelang uns auch wirklich, unbeachtet an das Lager heranzuschleichen, welches auf einer kleinen Erhöhung lag. Ich stürmte dann plötzlich vor und stand nun zum großen Schrecken der Bakolos unter ihnen. In heilloser Furcht ergriff alles die Flucht, denn einen Weißen hatte wohl noch keiner von ihnen gesehen. Es gelang uns aber doch, einige Männer und zwei Weiber zu halten und schließlich so weit zu beruhigen, daß sie mir sogar eine ihrer Elefantenlanzen verkauften. Die Weiber waren noch kleiner als die Männer und hatten recht häßliche Gesichtszüge. Die Hütten hatten die Form einer hingestreckten Viertelkugel und standen im Kreise herum; sie waren nur groß genug, daß etwa zwei Personen Platz darin hatten. Als nun auch die übrigen Leute herangekommen waren, setzten wir den Marsch nach dem Dorfe im Innern fort. Unser Führer schien ein recht verständiger Bursche zu sein; als wir uns dem Dorfe näherten, gebot er den Leuten, sich möglichst leise heranzuschleichen, da sonst die Eingeborenen fliehen würden, denn einen Weißen hätten auch diese wohl kaum gesehen. Auch hier gelang es uns, bis zum Dorfe vorzuschleichen, ehe wir bemerkt wurden. Dann erhob sich plötzlich das Geheul der Weiber, als sie uns erblickten. Ich rief den Leuten zu, sie sollten nur beruhigt sein, denn ich sei nur gekommen, um ihr Dorf zu sehen und Hühner von ihnen zu kaufen. Die Weiber, welche entflohen waren, kamen auch wieder, als sie sahen, daß wir uns mit den Männern ganz friedlich unterhielten; schließlich wurden sie sogar ganz dreist. Ich hatte nur wenige Tauschartikel mitgenommen, da ich glaubte, daß hier nicht viel zu kaufen sei; die Leute boten aber so viel an, daß ich ihnen den Vorschlag machte, bis zum Dja mitzukommen, wo sie am Dampfer einen besseren Markt finden würden. Mit einer ganzen Kolonne zogen wir dann zum Dampfer zurück, wo die Leute noch manches verkaufen konnten. Herr Langheld wollte durchaus noch wieder vor Anbruch des Abends bis Bomudali zurück; ich hätte mich gern hier noch unter dem Völkchen etwas länger aufgehalten, das einen viel intelligenteren und freundlicheren Eindruck machte als die Misangas am Ngoko. Kurz nach 4 Uhr traten wir nun die Rückfahrt an, welche bei der schnellen Strömung des Flusses nur die Hälfte der Zeit in Anspruch nahm als die Fahrt flußaufwärts. Vor Lobilos Dorf wurde nicht einmal angehalten. Schon bei eintretender Dämmerung warfen wir an der Bomudali-Faktorei Anker. Ich habe übrigens hier noch nachzuholen, zu erwähnen, daß Kopalbäume am Dja so weit in Menge am Flußufer vorhanden waren, als wir gekommen waren. Dr. Plehn erzählte mir auch einmal, daß er bei den Carnap-Schnellen beobachtet hätte, daß seine Soldaten auch dort ein Harz während der Nacht gebrannt, welches er für Kopal hielt. Es ist also wahrscheinlich, daß dieser Kopalbaum längs des Flusses noch weit hinaufsteigt. Interessant ist, daß man ihn sehr selten in weiterer Entfernung vom Flußrande findet.

Am Vormittage des nächsten Tages wurde die ganze Besatzung des Dampfers ausgeschickt, um Holz zu schlagen, denn Herrn Langheld hielt es nicht länger hier; er wollte durchaus zu seiner Faktorei zurück. Gegen Mittag nahmen wir Abschied von Herrn Schulz, welcher nun hier allein zurückbleiben soll. Mit dem größtmöglichen Dampfdruck wurde der „Major Cambier“ den Dja hinuntergejagt, wobei uns die starke Strömung noch Beistand leistete. Schon um 3 Uhr trafen wir an der Bumbe-Faktorei ein. Nach nur halbstündigem Aufenthalte dampften wir weiter den Ngoko hinunter. Diese Fahrt, welche wir nun machten, dürfte wohl für lange Zeit die schnellste bleiben, welche je auf dem Ngoko geleistet wurde, denn schon gegen 7 Uhr trafen wir in der Faktorei ein. Unterwegs sahen wir noch eine Herde Büffel am Flußrande, welche aber schnell im Busche verschwanden, als sie unserer ansichtig wurden. Da es zu spät war, um jetzt noch die ermüdeten Leute zur Canoefahrt anzutreiben, schlief ich am Abend noch auf dem Dampfer und kehrte erst am nächsten Morgen zur Ngoko-Station zurück, wo ich bei strömendem Regen eintraf. Die Regenzeit schien jetzt überhaupt hier einzusetzen, denn während der letzten Zeit hatten wir auffallend starke und häufige Niederschläge gehabt. Herr Gruschka, welchen wir am Schwarzwasserfieber niederliegend verlassen hatten, war wieder einigermaßen hergestellt, doch noch immer so schwach, daß er nicht arbeiten konnte. Herrn v. Lüdinghausen fielen daher nun die sämtlichen Arbeiten allein zu.

Die Zeit, welche ich noch auf der Station verweilte, hatte ich mit dem Einpacken meiner Sachen und Trocknen der Kickxiasamen sowie anderen laufenden Arbeiten auszufüllen. Dasselbe herzliche und liebenswürdige Entgegenkommen, welches ich bei Dr. Plehn gefunden, wurde mir nun auch von Seiten des Herrn v. Lüdinghausen zu teil. In Zukunft konnte ich nur einige kleine Exkursionen machen, da ich kein Personal aufzutreiben vermochte, welches mich begleiten konnte. Herr v. Lüdinghausen war zwar so freundlich, mir von den wenigen Leuten, welche ihm gelassen waren, einige zur Verfügung zu stellen, doch machte ich keinen Gebrauch davon, weil ich wußte, wie nötig er sie selbst brauchte. Einmal noch wollte ich versuchen, auf die Hügel auf der anderen Seite des Ngoko zu kommen, mußte es aber aufgeben, da der ganze Wald am Fuße derselben überschwemmt war.

Am Nachmittage brach während dieser Zeit mit merkwürdiger Regelmäßigkeit ein Tornado mit Regen aus, welcher häufig so stark war, daß die Häuser auf der Station Gefahr liefen, umgeblasen zu werden. Herr v. Lüdinghausen ließ zwar gerade ein neues Steinhaus bauen, doch wäre es uns dennoch sehr unangenehm gewesen, wenn uns in den provisorisch aufgebauten (Raphia-) Bambushäusern das Dach entführt worden wäre. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß wir es der äußerst luftigen Konstruktion dieser Häuser, welche den Wind von allen Seiten hindurchfegen ließen, zu verdanken haben, daß wir einem derartigen Zufalle entgingen.

Herr Kruschka, welchen Herr v. Lüdinghausen zur Erholung auf eine kleine Reise nach Djimu, die Herr Langheld mit dem „Major Cambier“ kurz nach unserer Rückkehr vom Dja angetreten, mitgeschickt hatte, traf am 29. Oktober plötzlich mit der Nachricht wieder auf der Station ein, daß am 1. November die „Holland“ von Wesso nach dem Stanley-Pool abfahren wolle. Glücklicherweise hatte ich mich so weit bereit gehalten, daß ich denn auch dank der liebenswürdigen Unterstützung von seiten des Herrn v. Lüdinghausen, welcher mit einigen Leuten aushalf, bereits am nächsten Tage unterwegs war. Es wurde mir ordentlich schwer, hier von der Ngoko-Station Abschied zu nehmen, wo ich erst mit Dr. Plehn und dann mit Herrn v. Lüdinghausen so angenehme Stunden verlebt hatte. Das ziemlich große Canoe war kaum im stande, meine vielen Lasten zu tragen; doch hier galt kein Zögern, wenn ich nicht viel Zeit verlieren wollte. Sehr hatte ich mich noch am letzten Tage gefreut, daß Herr v. Lüdinghausen durch sein forsches Auftreten es so weit brachte, daß vier Misangas einwilligten, zusammen mit einigen Leuten von der Station mich nach Wesso zu bringen. Es war dieses das erste Mal, daß die Misangas zu einer derartigen Arbeitsleistung gebracht worden waren.

Da ich zu gleicher Zeit die Post der Station mitnehmen sollte, hatte ich bis gegen 3 Uhr nachmittags zu warten, ehe ich am 30. Oktober aufbrechen konnte. Wir kamen daher denn auch nicht sehr weit, besonders da ich am Dorfe des Häuptlings Angojo anlegen ließ, um einige Lebensmittel zu kaufen. Ehe wir von dort aus das Dorf N’gali erreichten, war es stockfinster geworden, außerdem hatte wieder ein Tornado eingesetzt, so daß die Situation nicht ganz gefahrlos war. Erst gegen 7½ Uhr trafen wir in N’gali ein. Ich wollte nicht erst mein Zelt und das Feldbett unter den übrigen Lasten hervorsuchen lassen, und setzte mich deshalb zum Schlaf in einen langen Stuhl. Doch, o weh! Es gab hier Millionen von Moskitos, welche mich während der ganzen Nacht nicht schlafen ließen. Noch müder als am Abend vorher, setzten wir am nächsten Morgen gegen 6 Uhr unsere Reise fort. Nach einer Stunde ließ ich einige Minuten an einem kleinen Dorfe Halt machen, wo uns die Eingeborenen Elefantenfleisch zum Kaufe anboten. Von dort aus ging es bis 1 Uhr ohne Unterlaß weiter, bis wir den Sanga erreichten. In Sicht von Wesso ließ ich nun noch anhalten, um den Leuten Zeit zum Essen zu gewähren. Kurz darauf trafen wir auch wohlbehalten in Wesso ein, wo man mich bereits aufgegeben hatte, da man dachte, daß ich schon am Abend vorher oder gar nicht eintreffen würde. Der Dampfer war glücklicherweise noch nicht abgefahren. Im Laufe des Nachmittags ließ ich meine Lasten an Bord des Dampfers unterbringen und schickte dann das Canoe mit der Bemannung zur Ngoko-Station zurück.

Da am 1. November der Nebel, welcher den ganzen Fluß bedeckte, uns verhinderte, zu der festgesetzten Stunde zeitig abzufahren, so wurde es ziemlich spät, ehe wir die Reise antreten konnten. Außer mir war noch ein französischer Beamter vom oberen Sanga Passagier auf dem Dampfer; auch er wollte zum Stanley-Pool hinunter. Da der Dampfer nur sehr langsam fuhr und sich fast nur treiben lassen mußte, denn er hatte sich noch während der letzten Ngoko-Reise einige arge Schäden zugezogen, so kamen wir trotz der starken Strömung doch recht langsam vorwärts. Holz wurde nur halb soviel verbraucht als auf dem „Major Cambier“. Es war eine elende Fahrt auf einem der schlechtesten Dampfer, welche den Congo befahren. Hätte ich Leute genug gehabt, würde ich sicher eine Canoereise dieser Dampferfahrt vorgezogen haben, denn dann hätte man doch wenigstens noch die Ufer besser kennen gelernt. Da wir, nach Angabe des Kapitäns, Holz für drei volle Tage besaßen, so fuhren wir bis 5 Uhr am Nachmittage ohne Unterbrechung. Gegen 1½ Uhr sahen wir Likilembe und bald darauf Pembe allmählich hinter uns verschwinden. Bei einem Dorfe, Butinda, welches wir bei der Auffahrt nicht gesehen hatten, legten wir uns am Abend vor Anker. Auch während der Fahrt am nächsten Vormittage sahen wir ein Dorf, welches mir auch früher entgangen war, es wurde N’gunga genannt. Gegen Mittag erreichten wir N’kunda, wo, seit der Zeit meiner Reise den Fluß hinauf, eine Faktorei einer französischen Gesellschaft, in deren Konzessionsgebiet der Ort gehörte, entstanden war. Hier befanden sich zwei Europäer, welche sich beide sowohl darüber beklagten, daß die Eingeborenen ihnen keine Lebensmittel verkaufen wollten, so daß sie gezwungen seien, allein von Konserven zu leben, als auch, daß es überhaupt keinen Handel gebe, denn bis zur Zeit (sie waren bereits zwei Monate in N’kunda) hätten sie noch keinen Zahn Elfenbein kaufen können. Diese Aussagen bestätigten genau meine Ansichten über die französischen Konzessionen am Sanga, wie ich sie übrigens weiter oben und bereits auch an anderen Orten wiederholt ausgedrückt habe. Die armen Leute wußten vor Langeweile nicht, was sie anfangen sollten. Mit großem Eifer hatten sie einen weiten Platz freigeschlagen, um nun daselbst ein großes Haus aufzuführen, denn bis zu unserer Ankunft hatten sie in Zelten gewohnt.

Als wir am Nachmittage N’kunda verließen, erhob sich ein solcher Sturm, daß wir mit dem Dampfer vergeblich versuchten, umzudrehen; erst als wir im Schutze einer Insel waren, konnten wir wieder richtig manövrieren. Wir wurden dann bald von der Strömung ergriffen, welche uns, selbst wenn wir keinen Dampf gehabt hätten, unserem Ziele schnell zuführte. Gegen Abend liefen wir bei einem verlassenen Dorfe an Land. Da wir das Holz der alten Hütten gut als Feuerungsmaterial verwenden konnten, so ließ unser Kapitän die ganze Besatzung daran gehen, die gesamten Holzvorräte auf dem Dampfer zu bergen. Ich sah hier übrigens einige Mittelpfähle an den Häusern, wie ich sie früher noch nicht beobachtet hatte. Dieselben waren am oberen Ende in drei bis fünf verkehrte, übereinander stehende Kegel ausgeschnitzt worden und endeten mit zwei kurzen Spitzen. Der das Dach tragende Querbalken war zwischen diese zwei Spitzen aufgelegt. Unterhalb dieser kegelartigen Verzierung an der Spitze der Pfähle war ein viereckiges Loch angebracht worden, über dessen Bedeutung ich nie recht klar geworden bin, es sei denn, daß man dort Pulverhörner oder sonstige Gegenstände aufhängte.

Daß wir uns nun der schlimmsten Moskito-Region des Congo näherten, wurde uns nur zu bald klar an den vielen Stichen, mit denen wir Europäer bedeckt waren. In der Nacht konnten wir kaum schlafen. Auch die Eingeborenen haben unter dieser Plage sehr zu leiden, da sie fast alle mit vollständig entblößtem Körper sich zur Ruhe legen.

Wieder verhinderten uns starke Nebel am 3. November, vor 9 Uhr aufzubrechen. Wir verfolgten einen Kurs, welcher von dem, welchen wir mit dem „Major Cambier“ bei der Fahrt flußaufwärts eingeschlagen, etwas abwich. So kam es, daß wir auch heute gegen Mittag wieder ein Dorf erreichten, von dem ich vorher auch nichts gehört hatte. Unserem Kapitän war es wohlbekannt, da er dort bereits häufiger Holz gekauft hatte. Auch diesmal versuchten wir wieder, einiges zu erhalten. Nach langem Feilschen willigten die Dorfbewohner schließlich ein, uns etwas von ihrem Vorrate abzulassen. Das Dorf lag an einem kleinen, dicht mit Wassergras, Pistia, Azolla und Utricularia bedeckten Creek, welcher, wie mir die Eingeborenen erzählten, weit aus dem Innern kommt, wo viele Nilpferde (Ngubos) seien; nur bei sehr hohem Wasserstande sei es möglich, dort hinzukommen. Die Leute waren äußerst mißtrauisch. Gegen Abend setzten wir unsere Fahrt dann fort. In der Nähe des Platzes, welchen wir zum Nachtlager erkoren hatten, fand ich viel Landolphien, welche guten Kautschuk gaben. Auch hier wurden wir von den Moskitos arg zugerichtet. Da der Fluß nur wenig Abwechselung bot und der Dampfer nur langsam vorwärts kam, fing die Fahrt an, uns beiden Passagieren äußerst langweilig zu werden. Nicht einmal ein Nilpferd oder ein Krokodil ließ sich sehen; außerdem regnete es sehr häufig, so daß wir uns nicht selten recht ungemütlich befanden. Weiße Edelreiher waren die einzigen Tiere hier, welche einen Schuß Pulver wert gewesen wären; doch diese verschwanden immer wieder, bevor wir uns auf Schußweite nähern konnten, denn die Maschine unseres Dampfers verursachte einen solchen Lärm, daß alle Tiere verscheucht werden mußten. Gegen Mittag langten wir an einem Dorfe an, welches an einem breiten Arm des Sanga gelegen war, der dem Kapitän und mir bis dahin unbekannt war. Da das Fahrwasser günstig schien und wir vermuteten, sehr bald wieder in den alten Kurs zurückzukommen, ließ sich der Kapitän bewegen, in diesen Arm des Flusses einzufahren. Obgleich wir bis gegen Anbruch der Dunkelheit fuhren, war doch noch keine Gelegenheit gewesen, in den Hauptstrom zurückzukehren. Wir wären eventuell wieder umgekehrt, wenn wir nicht aus der stark ablaufenden Strömung ersehen hätten, daß wir uns immer noch im Sanga befanden. Von einer so großen Insel, wie wir sie hier offenbar an unserer Seite hatten, war im Sanga gar nichts bekannt. Sehr neugierig wurden wir schließlich, doch zu wissen, wo wir endlich wieder in uns bekannte Gegenden kommen würden; der nächste Tag mußte ja diese Frage lösen. Natürlich war auch die Gefahr vorhanden, daß wir infolge schlechter Wasserverhältnisse umkehren müßten, wir hätten dann zwei Tage Zeit verloren. Am nächsten Tage dampften wir schon zeitig ab, da wir doch alle gespannt der Dinge harrten, welche nun kommen würden. Das Fahrwasser war gut. Jede neue Biegung zeigte uns dasselbe Bild, zu beiden Seiten hoher Urwald, durch den diese prachtvolle Wasserstraße führte. So fuhren wir in diesem Kanal des Sanga hin, bis wir endlich zu unserer Freude gegen Mittag den Hauptstrom wieder vor uns sahen. Wie sich herausstellte, hatten wir durch diese Fahrt eine bedeutende Verkürzung der Route erreicht, denn die Ausmündung des Kanales lag in nicht großer Entfernung der Mündung des „Likuala aux herbes“ und war bisher stets als eine Mündung eines Nebenflusses des Sanga betrachtet worden. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Mündung des „Likuala aux herbes“ und machten dann nach etwa noch einstündiger Fahrt Halt, um den Leuten Zeit zu geben, für den Dampfer genügend Holz zu schlagen. Im Walde waren hier nur wenige Kautschuklianen zu sehen. Erst gegen 9 Uhr konnten wir am nächsten Tage fort, da wir nicht genügend Holz hatten, denn, da keine richtige Aufsicht über die Leute existierte, so benutzten dieselben natürlich auch jede Gelegenheit, um möglichst zu faulenzen. Die Savannen waren schon seit gestern immer häufiger geworden und waren heute sogar an der Likuala-Seite vorherrschend. Gegen Mittag erreichten wir die Mündung des Likensi-Kanales. Hier hatten wir noch das Glück, zu sehen, wie vier Eingeborene in zwei kleinen Canoes ein Nilpferd, welches sie offenbar bereits vorher verletzt hatten, harpunierten. Es war erstaunlich, daß das geängstigte Tier nicht die Canoes umwarf. Kurz nach 1 Uhr trafen wir dann glücklich wieder in Bonga ein.

Wir hatten gehofft, in Bonga einen Holzvorrat zu finden, der es uns ermöglichen würde, am nächsten Morgen gleich weiterzufahren, hatten uns hierin aber getäuscht. Während des folgenden Tages mußte daher die ganze Schiffsbesatzung für einen neuen Holzvorrat sorgen, da wir im Congo voraussichtlich Schwierigkeiten haben würden, die nötigen Holzmengen ohne großen Zeitverlust zu beschaffen. Ich hatte in Bonga noch einiges zu ordnen und benutzte dann den Rest der Zeit dazu, eine Exkursion zu machen, bei der ich aber nichts Neues entdecken konnte.