The Project Gutenberg eBook, Ueber die Arsenikvergiftung ihre Hülfe und gerichtliche Ausmittelung, by Samuel Hahnemann

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Ueber die
Arsenikvergiftung
ihre Hülfe
und
gerichtliche Ausmittelung

von
Samuel Hahnemann
der Arzneikunde Doktor.

Leipzig, 1786.
bey Siegfried Lebrecht Crusius.


Eine Menge Ursachen, ich mag sie nicht herzählen, haben seit einigen Jahrhunderten die Würde jener gottnachahmenden Wissenschaft, der praktischen Heilkunde zur elenden Brodklauberei, zur Symptomenübertünchung, zum erniedrigenden Rezepthandel, Gott erbarms, herunter getrieben, zum Handwerke, das die Hippokrate unentdekbar unter den Trotz befranzter Arzneibuben mischt.

Wie selten gelingts noch hie und da einem rechtschafnen Manne, durch die Gröse ausgezeichneter Wissenschaften und Talente sich über die Heuschrekenwolke der Medikaster zu erheben, und einen so reinen und ächten Glanz über die Kunst zu werfen, an deren Altare er dient, daß es selbst dem Pöbel unmöglich fällt, den ehrwürdigen freundlichen Abendstern mit dünstigen Sternschnupfen zu verwechseln! Wie selten ist diese Erscheinung, und, deshalb, wie unvermögend, der gereinigtern Heilkunde überhaupt ihren vermoderten Adelsbrief zu erneuern!

Nur noch eine Freistadt des arzneilichen Ruhms blieb dem Kerne der Asklepiaden übrig, der Richterstuhl der forensischen Arzneikunde. Da es hier nichts im Dunkeln zu morden, keine Krankheit für baares Geld zu verlängern, keine Krankenjahrgehalte zu erschnappen, oder Gelegenheiten giebt, das bescheidne Talent von einträglichen Häusern hinweg zu kabaliren, so sehnt sich ohnehin der lüftige Haufe nicht hieher. Hört er nun gar, daß es hier auf offene Beweise gründlicher Kentnisse, ja des ganzen Inbegrifs unsrer Kunst ankomme, daß hier mühsame Thaten von ungeblendeten Richtern gesichtet, und oft blos durch ruhiges Selbstbewustseyn belohnt werden, daß man hier Seichtheit auszuzischen und Aberwiz zu brandmarken pflege, dann schleicht er hinweg — sie sind mir zu sauer, die hohen Trauben! Wohl! denn hier gleitet nur an dem, den innerer Halt würdet, die Feile des Juwelenkenners ab, indes gefärbter Glasflus unter Hohngelächter zersplittert —

Da jeder, der mit Grazie den Puls zu tasten weis, auch Vergiftungen zu heilen sich anmast, auch für fähig hiezu angesehn wird, so lange der Spas aussergerichtlich bleibt, so wird man den klinischen Theil dieser Abhandlung schwerlich einiger ernstlichen Aufmerksamkeit würdigen — denn jeder weis ja was von Brechmitteln, Milch, Oel und Theriak. Aber wie, wenn eine erlauchte Fakultät das Curverfahren mustert, ists dann so leicht, wie in unserm Schulexamen zu bestehn? Sonst wohl, jezt schwerlich! seit man aufhörte, sich mit Auswendiglernen des Zacchias zu begnügen.

Der zweite Theil dieser Schrift wird dem gerichtlichen Arzte willkomner seyn, der es nicht mehr übelnehmen darf, wenn man jezt etwas tiefere chemische Kentnisse von ihm verlangt, als sonst wohl gänge und gebe waren. Wirkt nun noch überdem der Werth eines gefährteten Menschenlebens — oder, wo das nicht, doch seine eigne Ehre und Schande etwas stark auf seine Seele, wie billig; so wirds ihm auch nicht gleich viel seyn, er wisse vom Daseyn oder der Abwesenheit des Giftes den Richter unleugbar zu überzeugen, oder nicht.

Dresden, den zehnten July, 1786.

Hahneman.


Inhalt.


Erster Theil.

Erstes Kapitel.

Kentnis der Arseniksorten, ihrer Natur und ihres Verhaltens gegen chemische Körper, so fern sie auf Heilung und Beurtheilung der Arsenikvergiftung einfliest.

[§. 1]. Einschränkung des Zweks

[§. 2]. auf die Erkentnis des Arseniks, aus der seine Gegenmittel und seine gerichtliche Erforschung fliesen.

[§. 3]. Den mit Arsenik beschäftigten Handwerkern kan die Systemkentnis dieses Gifts gleichgültig seyn,

[§. 4]. wegen der eigentlich Vergifteten mus man sie inne haben.

[§. 5]., [6]. Käufliche Sorten, weisser Arsenik, Fliegenstein, Operment.

[§. 7]. Fliegenstein, sein Geburtsort, seine Abarten.

[§. 8]. äusserliche Beschaffenheit, Schwere; ist nicht Kobald,

[§. 9]., [10]. ist ein Metall;

[§. 11]., [12]. von dem Verhältnisse seines Brenbaren, seine Feuerbeständigkeit,

[§. 13]. läst sein Brennbares leicht fahren,

[§. 14]. lang aufbewahrter Fliegenstein tödlicher als frischer.

[§. 15]. Uebergang zur Auflöslichkeit der Arseniksorten.

[§. 16]. Arseniksäure am leichtauflöslichsten.

[§. 17]. Weisser Arsenik, sein Ansehn, Gewicht, Brenbares, Auflöslichkeit.

[§. 18]. Auflöslichkeit (bei der Wärme des menschlichen Körpers) im Wasser,

[§. 19]. bis [24]. fernere Bestimmungen derselben.

[§. 25]. Der graue Arsenikkalk, Entstehung, Schwere, Auflöslichkeit im Wasser. Arsenikmulm.

[§. 26]. bis [30]. Auflöslichkeit des Fliegensteins im Wasser.

[§. 31]. Operment, Geburtsort, Gestalt, Schwere, Schwefelantheil.

[§. 32]., [33]. Auflöslichkeit im Wasser;

[§. 34]. Vergleichung des natürlichen mit dem auf nassem Wege bereiteten.

[§. 35]. Andre geschwefelte Arseniksorten, Ansehn, Schwere, Schwefelantheil — muthmasliche Entstehung des rothen Arseniks.

[§. 36]. Uebergang zur Auflöslichkeit der Arsenikarten in andern Flüßigkeiten,

[§. 37]. in Oelen,

[§. 38]. in Milch,

[§. 39]. in Säuern,

[§. 40]. in Eßig,

[§. 41]. bis [43]. in Laugensalzen.

[§. 44]. bis [48]. Hinderungen der Auflösung des Arseniks darin.

[§. 49]. bis [53]. Hinwegräumung der Hindernisse,

[§. 54]., [55]. vorzüglich durch Auflösung im Seifwasser.

[§. 56]., [57]. Auflösung des Arseniks im Magensafte,

[§. 58]., [59]. im Feuer, sein Verdampfungs- und Sublimazionsgrad.

[§. 60]., [61]. Schwerauflösliche Verbindungen des Arseniks,

[§. 62]., [63]. Präzipitation mit Metallen,

[§. 64]., [65]. mit luftsaurem Eisen,

[§. 66]. mit Kalkerde, zum Kalkarsenik,

[§. 67]. mit Schwefelleberluft zum Operment,

[§. 68]., [69]. mit Schwefel in Substanz, eine Schimäre; Auflöslichkeit des Schwefels im Wasser.


Zweiter Theil.
Geschichte und Hülfe der Arsenikvergiftungskrankheiten.

Zweites Kapitel.

Gelegenheiten und Gestalten, unter denen Arsenik in unsern Körper kömt.

[§. 70]. Oekonomischer und technischer Gebrauch des Arseniks.

[§. 71]., [72]. Unwillkührliche Vergiftungen durch Fehlgriffe und Unvorsichtigkeit.

[§. 73]. Selbstmorde.

[§. 74]. An andern volzogne Arsenikvergiftung, schleichende, arzneiliche.

[§. 75]. Aqua tosfana besteht nicht aus Canthariden und Opium,

[§. 76]. ist ein Arsenikgift,

[§. 77]. mit einem narkotischen Ingredienz. (oder ein Arsenikmittelsatz)

[§. 78]. Arsenikalische Fieberarzneien,

[§. 79]. bis [84]. ihre Schädlichkeit.

[§. 85]. Krebswasser des Lefebüre.

[§. 86]. bis [91]. Aeusserliche Anwendung des Arseniks, ihre Schädlichkeit.

[§. 92]. bis [95]. Nöthige Einschränkung seines Verkaufs.

Drittes Kapitel.

Symptomen der drei Grade der innern Arsenikvergiftung, und die der äussern.

[§. 96]. Innere Vergiftung, Uebergang zur Symptomenlehre derselben.

[§. 97]. verschlimmernde Nebenumstände bei der Verschluckung.

[§. 98]. Dauer der schnelltödlichsten Arsenikvergiftung.

[§. 99]. bis [107]. Gang dieses ersten Grades.

[§. 108]. bis [110]. Zusäzze.

[§. 111]. Der zweite Grad, Dauer von einem oder mehrern Tagen.

[§. 112]. bis [114]. Bedingungen seiner Entstehung,

[§. 115]. bis [120]. Abweichungen desselben vom ersten Grade,

[§. 121]. Erhöhung durch Leidenschaften,

[§. 122]. Natur des bei diesem Grade gewöhnlichen Todes.

[§. 123]. bis [127]. Dritter Grad, Nachwehen des zweiten, vom Uebergange des Gifts in die zweiten Wege — Crisen (Kontraktur, Lähmung, Arsenikfriesel, Ausfallen der Haare, Abschuppung der Oberhaut.)

[§. 128]., [129]. Schleichendes Fieber wegen innerer Verlezzungen.

[§. 130]. Vorhersagung.

[§. 131]. Vergiftung durch italienische Gifte,

[§. 132]. durch Operment und andre geschwefelte Arsenike,

[§. 133]. durch äusserliche Anwendung des Arseniks,

[§. 134]., [135]. durch Einsaugung des arsenikalischen Staubs und Rauchs.

Viertes Kapitel.

Wirkungsart des Arseniks.

[§. 136]. Im Magen und überhaupt auf der freien Faser,

[§. 137]. hergeleitet von seiner Schwere und Auflöslichkeit.

[§. 138]. Wirkt nicht durch scharfe schneidende Spizzen.

[§. 139]. Seine reizende und einschrumpfende Kraft,

[§. 140]. sein spezifischer Eindruck auf das Empfindungssystem des Lebensprinzipiums,

[§. 141]., [142]. spezifischer Eindruck auf die Muskelfaser; tödet die Irritabilität,

[§. 143]. doch nicht ohne erregte Entzündung; Ausnahmen hievon.

[§. 144]. Erklärung des chronischen Zitterns, und der brennenden Schmerzen der Arsenikgicht in den leidenden Gliedmasen.

[§. 145]. Empfänglichkeit des Körpers, als Ursache der verschiednen Wirkung.

[§. 146]. Fernere Erläuterung der reizenden und einschrumpfenden Kraft.

[§. 147]. Entstehung der Anfressungen und Schorfe.

[§. 148]. Der einschrumpfende Reiz bringt die Kontraktur in den zweiten, so wie das fruchtlose Würgen und die peinliche Kolik in den ersten Wegen hervor.

[§. 149]. Einschrumpfende Wirkung des Arseniks auf die Schliesmuskeln des Körpers.

[§. 150]. Entstehung und Gefahr des zurückbleibenden Erbrechens und des konvulsivischen unergiebigen Würgens.

[§. 151]. Schwierige Ausleerung, besonders des Operments und Fliegensteins.

[§. 153]. Aufgelöstes Blut in den Aderstämmen.

[§. 154]. bis [157]. Vergleichung der innern mit seiner Wirkungsart auf die freie Faser der äusserlichen Theile des Körpers, und die Epidermis.

Fünftes Kapitel.

Heilart der schnellen innern Arsenikvergiftung.

[§. 158]., [159]. Eintheilung der Heilmittel in Klassen.

[§. 160]. Erste Klasse, die schädlichen, zwekwidrigen, erdige, hizzige, narkotische,

[§. 161]. Brechmittel.

[§. 162]. Zweite Klasse, die durch Schein der Gleichgültigkeit schädlichen, Wasser, Eßig.

[§. 163]. Säuren überhaupt.

[§. 164]. Dritte Klasse, dienliche, oft unzulängliche, Milch, Oele, Rahm.

[§. 165]., [166]. Vierte Klasse, Mittel die Navier für spezifisch ausgiebt.

[§. 167]. Anführung, Beurtheilung derselben;

[§. 168]. wie er sie zu brauchen empfiehlt,

[§. 169]. Anmerkungen darüber.

[§. 170]. Fünfte Klasse, der dienlichsten.

[§. 171]. bis [174]. Einleitung in die

[§. 175]. Heilanzeigen der drei Grade der Arsenikvergiftung, mit ihrer Genugthuung; zur Uebersicht.

[§. 176]. Die beim ersten Grade vorgeschlagnen Mittel sind leicht, überall zu haben, wohlfeil.

[§. 177]. bis [189]. Einleitung zur Dienlichkeit der starken Seifenauflösung,

[§. 190]. Anführung ihrer hier unentbehrlichen, dienlichen Kräfte.

[§. 191]. Ist überall bei der Hand, und leicht zu bereiten,

[§. 192]. das beste anfängliche Hülfsmittel,

[§. 193]. bis [195]. wenn auch das Gift unbekanter Natur wäre.

[§. 196]. Vorschrift ihrer Zubereitung,

[§. 197]. bis [199]. ihrer Anwendung.

[§. 200]. Erinnerung, wenn ja kein Erbrechen erfolgte.

[§. 201]. Vorsichtsregeln für kränkliche Körperbeschaffenheit.

[§. 202]. Aderlas.

[§. 203]. Gabe jenes Mittels in Rüksicht des Alters.

[§. 204]. Wie beim Erbrechen mit dem Einflösen zu verfahren,

[§. 205]. wie weit man nach Verschluckung der vorgeschriebnen Gabe gekommen sei.

[§. 206]. Das hülfreichste Erbrechen ist geschehen.

[§. 207]. Die nächste Hülfleistung.

[§. 208]., [209]. Vorteile des dünnern Seifwassers,

[§. 210]. Seine Bereitung, sein Gebrauch,

[§. 211]. Wirkung.

[§. 212]., [213]. Bähungen (zweiter Aderlas,)

[§. 214]. Klystiere,

[§. 215]. laues ganzes Bad,

[§. 216]. halbes oder Fusbad.

[§. 217]. Ruhefrist bis zur Nachhülfe.

[§. 218]., [219]. Unterschied, den die drei Arseniksorten in der Cur machen.

[§. 220]. Zur Nachhülfe; Seifwasser mit Oel, oder Milch mit Rahm vermischt, auf dem Lande.

[§. 221]. In Städten Wasser mit Schwefelleberluft gesättigt, und mit Milchrahm oder Schleimen gemischt; Umschläge, Klystiere.

[§. 222]. bis [225]. Bereitung des Leberluftwassers.

[§. 226]. bis [230]. Vortreflichkeit dieses Hülfsmittels.

[§. 231]., [232]. Anwendung.

[§. 233]. Stellvertretende Mittel auf dem Lande.

[§. 234]. Beihelfende Mittel; Sahnekaffee.

[§. 235]., [236]. Rizinusöl.

[§. 237]. bis [244]. Der Wilkühr des Arztes anheim gestelte Veränderungen der Vorschrift; Hülfe verschiedner Nebenumstände; Nacherinnerungen.

Sechstes Kapitel.

Heilart der Nachwehen und der italienischen Vergiftung, so wie der Bergsucht.

[§. 245]. bis [250]. Einleitung zur Hülfe der Nachwehen in den ersten Wegen;

[§. 251]. Grade der Symptomen von Verlezzung des Speisekanals.

[§. 252]. Bei ihrer Abhülfe ist der Gebrauch der Leberluft nicht zu zeitig hintanzusezzen.

[§. 253]. Algemein passend mus die Nachkur seyn: Milch nicht wiederkäuender Thiere.

[§. 254]., [255]. Vorzüge der Milch überhaupt zu diesem Zwek,

[§. 256]. beim ersten Grade der Symptomen,

[§. 257]. und selbst gegen die schlimste Art der innern Zerstörungen.

[§. 258]. Abhülfe der Leibesverstopfung bei der Milchdiät,

[§. 259]., [260]. Anwendung, Gabe;

[§. 261]., [262]. Nebenindikazionen.

[§. 263]. bis [266]. Uebergang zur kräftigern Kost und Lebensordnung der Genesenden.

[§. 267]. Vergleichung der Zufälle der schleichenden Vergiftung mit denen der Bergsucht.

[§. 268]. Chronische Arsenikvergiftungszufälle, die hier selten vorkommen.

[§. 269]. Eingang in die Heilung der schleichenden Vergiftung.

[§. 270]. Verbindung der Milchdiät mit den spezifischen Gegenmitteln,

[§. 271]. Der Schwefelleberluft

[§. 272]. bis [274]. in Bädern,

[§. 275]. in damit verbundnen Getränken.

[§. 276]. Vortreflichkeit dieser Luft zu unsrer Absicht.

[§. 277]. Uebrige, dazu gehörige Diät,

[§. 278]. Abführmittel.

[§. 279]. Kennzeichen der natürlichen schwefelleberlufthaltigen Wässer.

[§. 280]. bis [283]. Nachahmung derselben zu Hause.

[§. 284]., [285]. Die Bereitungsart der natürlichen im Schose der Erde.

[§. 286]. Bereitung der Schwefelleber zu den künstlichen Bädern.

[§. 287]. Aehnliches zum Trinken bestimtes Wasser.

[§. 288]. Wie sind die Vortheile der natürlichen bei den künstlichen zu ersezzen?

[§. 289]. Wirkung dieser Verordnung.

[§. 290]. Uebergang zu dem Gebrauche der eisenhaltigen Wässer,

[§. 291]. Grund ihrer Dienlichkeit.

[§. 292]. Rüksicht auf die geschwächten Verdauungswerkzeuge bei der italienischen Vergiftung.

[§. 293]. Natur der bergsüchtigen Engbrüstigkeit; spezifisches Gegenmittel.

[§. 294]. Hülfe bei arsenikalischer Kontraktur — Arsenikfriesel.

[§. 295]. Cur der Lähmung, des chronischen Zitterns und der Konvulsionen.

Siebentes Kapitel.

Heilart der schnellen äussern Arsenikvergiftung.

[§. 296]. nach äusserlicher Auflegung auf hautlose Stellen,

[§. 297]. bei jähling in Menge eingeathmeten Arsenikrauche

[§. 298]. und arsenikalischem Staube.

Achtes Kapitel.

Verwahrungsmittel gegen Rauch und Staub.

[§. 299]. Uebergang zu den Vorbauungsanstalten,

[§. 300]. bis [306]. deren sich die mit Arsenik beschäftigten Arbeiter selbst, und deren sich die Natur zu ihrem Vortheile bedient.

[§. 307]. Verwahrung der Hautlöcher,

[§. 308]. die nassen Pochwerke, statt des troknen Pochens mit Handkraft.

[§. 309]. Tüchtige Schlotten bei Arsenikrösten,

[§. 310]. Luftzug beim Farbereiben arsenikalischer Droquen,

[§. 311]. Verwahrung beim Fegen der Arsenikfänge.

Dritter Theil.
Gerichtliche Ausmittelung.

Neuntes Kapitel.

Legalitäten der gerichtlichen Untersuchung der Vergiftungen.

[§. 312]., [313]. Nöthigkeit der Kentnis der Legalität der Obdukzionen überhaupt.

[§. 314]. bis [321]. Gesezlichkeit und Erfordernisse für den Arzt und Wundarzt.

[§. 322]. bis [338]. Sekzionsbericht — erforderlicher Inhalt desselben — Umris der Obliegenheiten des Arztes bei der Obdukzion.

Zehntes Kapitel.

Pathologische Zeichenlehre des Vergiftungsthatbestand (corporis delicti).

[§. 339]. Unsrer Vorfahren Erkentnisquellen einer geschehenen Vergiftung.

[§. 340]., [341]. Ihre Unzulänglichkeit.

[§. 342]. Die eigentlichern Quellen der Erkentnis einer Vergiftung,

[§. 343]. und ihrer Tödlichkeit.

[§. 344]., [345]. Der Aeltern weitläuftiges Verzeichnis der Giftzeichen an Lebenden und Toden.

[§. 346]. Wohin gehört Arsenik in der Reihe der Gifte?

[§. 347]. Die kentlichsten Zeichen einer äzzenden Vergiftung an Lebenden;

[§. 348]. die untergeordneten Zeichen.

[§. 349]. bis [355]. Unzuverläßigkeit aller dieser Zeichen;

[§. 356]. Sie nüzzen blos dem hülfeleistenden Arzte, und der Polizei.

[§. 357]. Uebergang zu den am Leichname vorfindlichen Zeichen,

[§. 358]. das wichtigste derselben,

[§. 359]. die untergeordneten,

[§. 360]. bis [367]. Unzuverläßigkeit der leztern,

[§. 368]. bis [370]. des erstern.

[§. 371]. Die fast unübersteiglichen Schwierigkeiten der Vergiftungserkentnis nach dem Urtheile der Schriftsteller.

[§. 372]., [373]. Beweislosigkeit des Geständnisses des Thäters.

[§. 374]. Das ächteste Thatzeichen, die Ausfindung des Arseniks selbst — Nuzzen obiger Zeichen zu Vermuthungen für die Polizei.

Elftes Kapitel.

Chemische Kennzeichen des Thatbestands (corporis
delicti) einer Arsenikvergiftung.

[§. 375]. bis [378]. Bisherige Merkmale des Arseniks,

[§. 379]. bis [400]. Beurtheilung derselben, Einschränkung
der Meinung von ihrer Beweiskraft.

[§. 401]. bis [441]. Die überzeugendste Ausmittelung durch drei beweisende die mindeste Gegenwart des Arseniks entdeckende gegenwirkende Mittel — Art ihrer Anwendung.

Zwölftes Kapitel.

Lethalitätsurtheil.

[§. 442]. bis [499]. Vergiftungstödlichkeiten, wie sie mit den Lethalitäten der Wunden in Parallele zu stellen — Masstab für das Urtheil über erstere.

[§. 500]. bis [502]. Schlus.


Erster Theil.

Erstes Kapitel.
Kentnis der Arseniksorten, ihrer Natur und ihres Verhaltens gegen chemische Körper, so fern sie auf Heilung und Beurtheilung der Arsenikvergiftung einfliest.

[§. 1].

Meine Absicht bei vorliegendem Gegenstande kan, wie man mir leicht zugeben wird, weder auf eine systematische Geschichte des Arseniks, weder auf eine genaue und vollständige Erzählung seiner chemischen Verhältnisse, weder auf die Bestimmung seines technischen Gebrauchs, noch auch und am wenigsten auf die Untersuchung seines etwanigen Nuzzens in der Heilkunde gerichtet seyn.

[§. 2]. Die drei verkäuflichen, und dem Misbrauch so leicht unterworfnen Hauptarten dieses metallischen Giftes anzuführen, sie in Verhältnissen zu beleuchten, die auf die Gefahr des Lebens gegründeten Einflus haben, und die Gegenmittel rechtfertigen können, welche ich mittheile, und endlich diejenigen Eigenschaften dieses Gifts zu bestimmen, welche der gerichtlichen Ausmittelung zuverlässige und deutliche Gegenwirkungen darreichen, dieses war der Zwek dieser Schrift.

[§. 3]. Für diejenigen Bergleute, die mit Förderung arsenikreicher Erze, mit Aushalten, mit Pochen und Waschen derselben sich beschäftigen, für diejenigen Arbeiter, die mit Pülvern, Sieben und Packen, und vorzüglich welche mit Ausfegung der Giftfänge zu thun haben, mit einem Worte, für diejenigen, die den Staub dieses Minerals zwar durch Verbinden des Mundes und der Nase vom Magen und der Lunge einigermasen abhalten können, ihn aber von den einsaugenden Gefäsen der Haut des übrigen Körpers abzuhalten nicht besorgt sind, für diese gilt es gleich, da sie einmal hiemit ihren Unterhalt zu erwerben bestimmt sind, wie die Mineraltheilchen nach dem System zu benennen, oder ihren metallurgischen und chemischen Eigenschaften nach zu klassifiziren sind, welche ihre Lungen einschrumpfen, ihre Säfte verdicken, ihre Muskelfasern verhärten, ihnen unzähliche Beschwerden erwecken, und sie zu halblebenden Geribben auftroknen; ob es Mispickel, Arsenikmulm oder Scherbenkobald, in Zinn- Silber- oder Kobalderzen eingesprengte, gediegene oder vererzte Gifttheilchen seyn mögen, alles dies hilft ihrem Leiden nicht ab; selbst weder auf die Verwahrung, noch auf die Wiederherstellung ihrer Gesundheit haben diese Erörterungen erheblichen Einflus. Auch die Handwerker, Künstler und Hüttenleute, die dem Dampfe dieses Halbmetalls ausgesezt sind, vorzüglich aber diejenigen, die mit Rösten arsenikreicher Erze, mit den Giftfängen und der Sublimazion des gelben, rothen und weissen Arseniks sich beschäftigen, auch diese haben insgesamt gleiche Nachtheile von dem Rauche dieses Giftes, es mag nun in dieser oder jener Gestalt in der zu bearbeitenden Masse vorhanden seyn. Allen dienen gleiche algemeine Verwahrungsmittel, gleiche algemeine Hülfsmittel.

[§. 4]. Aber, wenn in den Magen irgend eines Unglüklichen Gifte dieser Art in beträchtlicher Menge gerathen, wenn jemand sich mit Arsenik vergiftet hat, oder vergiftet worden ist, dann ist es nicht mehr gleichgültig, welche Gestalt das Gift hatte, welches ans den Eingeweiden herausgeschaft und mit Gegenmitteln bestritten werden soll.

[§. 5]. War es Arsenik, so wird es gewöhnlich käufliches weisses Rattenpulver, ungewöhnlicher, Fliegenstein, am ungewöhnlichsten, Operment und seine Abarten seyn. Denn ungebräuchlichere Sorten gegrabne oder künstlich bereitete kommen höchst selten in diese bedauernswürdigen Hände, und geschähe es, so wird ein verständiger Arzt sie leicht nach der Aehnlichkeit dieser drei Arseniksorten zu behandeln wissen.

[§. 6]. Es sei uns also erlaubt blos der regulinischen Gestalt des Arseniks (des Fliegensteins) dann der kalkförmigen (des weissen Arseniks) endlich seiner Vererzung mit Schwefel (des Operments) als der drei käuflichen Sorten, die bei der Arsenikvergiftung fast stets im Spiele sind, Erwähnung zu thun.

[§. 7]. Der sogenante Fliegenstein[1] (arsenicum nativum friabile et porosum, Cronst.) wird, so wie wir ihn zu Kaufe haben, gediegen aus seiner Mine geschlagen, die in verschiedenen Gegenden, besonders in Böhmen und Sachsen, zu Hause ist. Seine Nebengattungen Scherbenkobald, schuppiger gediegner Arsenik und Spiegelkobald kommen mit unter, obwohl seltner, im Handel vor, haben aber mit unserm Fliegenstein gleiche Eigenschaften.

[§. 8]. Er besteht aus einem Gewebe von hohl übereinander liegenden, spröden, zerreiblichen schwarzglänzendmetallischen Blättern, von 8,308 bis 8,310 (nach Bergman) eigenthümlichen Gewichte. Das Ansehn dieser Masse, deren Blätterchen kleine regelmäsig scheinende Höhlungen bilden, scheint dem Fliegenstein den Namen cobaltum crystallisatum erworben zu haben, welcher übrigens nichts von Kobald enthält. Der ehemaligen Dämmerung in den mineralogischen und metallurgischen Wissenschaften mus man es verzeihen, wenn ehedem alles, was von Minern arsenikhaltig, unartig, räuberisch und unter die bekanten metallhaltigen Erze nicht füglich zu rechnen war, Kobald genennet wurde; so erhielt auch unser Fliegenstein den Namen des krystallisirten Kobalds, und eben daher der Name des Scherbenkobalds, eines ähnlichen natürlichen Arsenikkönigs.

[§. 9]. Arsenikkönig überhaupt betrachtet ist, der natürliche, wie der durch Kunst bereitete, ein eignes Metall, welches aus einer höchstfressenden Säure (Scheelens Arseniksäure) mit Brennbarem gesättigt bestehet.

[§. 10]. Ob wir gleich, was ein Metall sei, genau zu definiren nicht im Stande sind, so verstehn wir doch darunter algemein jene schweren glänzenden Produkte des Mineralreichs, die sich schmelzen lassen, in Flusse eine konvexe Oberfläche annehmen, Glasflüsse färben und entfärben, aus einer spezifischen Erde oder Säure mit Brennbarem gesättigt bestehen, in diesem Zustande Leiter für die elektrische Materie sind, sich in Säuren auflösen, und dann durch Blutlauge und Galläpfelessenz ihre Grunderde in verschieden Farben, mit Schwefelleberluft aber vererzt niederschlagen lassen. Alle diese Kennzeichen passen auch auf unsern Fliegenstein oder Arsenikkönig, selbst die Schmelzbarkeit.[2]

[§. 11]. Je weniger die Arseniksäure, oder, wenn man will, der reine Kalk des Arsenikmetalls an Brennbarem besizt, desto feuerbeständiger ist er; so ist weisser zweimal sublimirter (hat nach Bergman 20⁄100 Brennbares) Arsenik um vieles fixer als Arsenikkönig oder Fliegenstein.[3] So ist aber auch rother Queksilberpräzipitat und Algarottpulver weniger im Feuer flüchtig, als laufendes Queksilber und Spiesglanzkönig.

[§. 12]. In verschlosnen Gefäsen ist nun zwar die Feuerbeständigkeit dieser Metallkalke sehr gros in offenen aber nicht, doch ist unter allen keiner der in offenen Gefäsen sein Brennbares der umgebenden Luft leichter und geschwinder überliefert, das ist, sich so schnell verkalkt als Arsenikkönig. So kan er auch in Gefäsen mit dephlogistisirter Luft angefült nie in regulinischer Gestalt aufsteigen, bei so geringer Hizze er auch aufsteigt.

[§. 13]. Eben so wenig kenne ich ein Metall, welches schon bei der Wärme unsrer Atmosphäre in Freien sich so leicht zu verkalken anfängt und dem reinen Bestandteile der Luft einen Theil seines Brennbaren mit so großer Leichtigkeit und Geschwindigkeit überliefert als Arsenikkönig. Eisenfeile rostet sehr leicht, aber ohne Feuchtigkeit nicht schnell, die übrigen geringen Metalle verlieren gleichfals an der freien Luft mit der Zeit ihren Glanz, aber frischbereiteter Arsenikkönig ist schon nach etlichen Stunden schwarz angelaufen, da er vorher wie Bleiglanz schimmert. Solte nicht der gegrabene Arsenikmulm ein verwitterter Scherbenkobald seyn?

[§. 14]. Diese Bemerkung ist bei Arsenikvergiftungen von einiger Beträchtlichkeit. Fein gepülverter und lang aufbewahrter Fliegenstein ist weit geschwinder tödlich, als frischer, da jener weit leichtauflöslicher ist; er hat Brennbares verloren und nähert sich den Arsenikkalken.

[§. 15]. Dieser Umstand führt mich gerade zu einem bemerkenswerthen Punkte meiner Vorerinnerungen zur Auflösbarkeit des Arseniks. Je auflöslicher ein genantes Gift, aus Mangel des mildernden Mediums, ist, desto schneller, desto heftiger wirkt es.

[§. 16]. Arseniksäure, der reinste und vom Brennbaren freieste Arsenikkalk, das gefährlichste Gift, zerfliest schon an der Luft oder, welches einerlei, ist höchst auflöslich in Wasser. So nimt im umgekehrten Verhältnisse ihres Phlogistons die Auflösbarkeit der folgenden Arsenikarten und die Geschwindigkeit ihrer Tödlichkeit ab.

[§. 17]. Weisser zweimal sublimirter Arsenik (sein Gewicht ist 5,000 und sein Brennbares 20⁄100), den man seiner Durchscheinlichkeit halber auch Arsenikglas zu nennen pflegt, ob er gleich mit der Zeit die Porzellainweisse erhält, löst sich gepülvert in ziemlicher Menge in Wasser auf. In achtzig Granen siedendem Wasser fand Navier einen Gran Arsenik aufgelöst. Wenzel will in 960 Granen kochenden Wasser 91 Gran weissen Arsenik aufgelöst haben. Beide Verhältnisse sind wahr, jenes als das Minimum, dies als Maximum. Zu lezterm gehört wenigstens ein sechsstündiges Kochen, der Gefrierpunkt aber schlägt fast allen Arsenik wieder heraus. Ersterer wird seinen Arsenik nur einen Augenblick mit dem kochenden Wasser aufgegossen haben.

[§. 18]. Eigentlich interessirt uns diese Bestimmung der Auflöslichkeit des Arsenikkalks beim Punkte des siedenden Wassers wenig. Wichtiger für uns ist die Erörterung derselben bei dem Wärmegrade des menschlichen Körpers.

[§. 19]. Ich habe in dieser Rüksicht Versuche angestelt und gefunden, daß bei dem Grade 96° fahrenheitischen Wärmemessers sich binnen 10 Minuten 50 Grane mäsig fein gepülverten weissen Arseniks in 4800 Granen fliessenden Wassers auflöseten, während die Mischung unaufhörlich umgerührt ward.

[§. 20]. Diese Nebenbestimmungen der Auflösung sind bei der Anwendung der Gegenmittel bei Arsenikvergiftungen brauchbar, in welcher Absicht ich noch hinzusezze, daß sich in diesen 10 Minuten bei gleicher Wärme in benanter Menge Wasser ein viel geringerer Theil von demjenigen Arsenikpulver auflöset, aus welchem ein vorhergegangener Aufgus mit Wasser schon die feinsten Theile ausgezogen und aufgelöset hatte; und so nimt die Auflösbarkeit oder vielmehr die Geschwindigkeit der Auflösung ferner ab, wie die Gröblichkeit des Arsenikpulvers zunimt. Gewöhnlich ist käuflicher Arsenik nicht fein gepülvert.

[§. 21]. Wird Arsenikpulver mit thierischem Schleime überzogen, so geht es in Klümpchen zusammen und widersteht der Auflösung mehr und länger.

[§. 22]. Wird das Umrühren der Mischung unterlassen, so erfolgt die Auflösung weit langsamer, also in gleicher Zeit, in gleicher Wärme eben derselben Menge Wassers ungemein geringer.

[§. 23]. Es kan sogar der Fall seyn, daß unter verschiednen Hindernissen, die bei der Auflösung des Arseniks im Magen eintreten, die Auflöslichkeit des giftigen Metallkalks bis zum zehnten ja zwanzigsten Theile seiner möglichen Auflösbarkeit herabgestimt wird.

[§. 24]. Daher und wegen des Vorhergehenden die geringe Hülfe vom blosen Wassertrinken bei Arsenikvergiftungen wiewohl die Geringfügigkeit dieses Mittels auch aus Gründen, wie man unten ([§. 162]., 2.) siehet, herfliest.

[§. 25]. Nächst dem weissen, folgt der graue Arsenikkalk oder das Giftmehl[4] ein Produkt der Arsenikrösten (sein Gewicht ist nach Bergman 3,706) welcher zuweilen im Handel unter dem Namen Fliegenstein, (wiewohl sehr uneigentlicher und gefährlicher Weise) vorkömt; seine Auflöslichkeit ist geringer, so wie er an Menge des brenlichen Wesens zunimt, das ist, je schwärzlicher er ausfält und je näher er folglich an das Verhältnis der Bestandtheile des Arsenikmetals gränzt. So ist der schwarze Arsenikmulm (das Schwabengift) weit unauflöslicher, doch dieser kömt noch seltner in Handel.

[§. 26]. Ungleich gebräuchlicher und folglich weit mehr den Misbrauche unterworfen ist der Arsenikkönig, den man Fliegenstein nent. Man findet in den Schriften der Scheidekünstler fast nichts über die Auflöslichkeit des Fliegensteins, vermuthlich weil man ihn geradehin für unauflöslich in Wasser hielt,[5] da doch schon die Schädlichkeit des damit infundirten Wassers Licht hätte geben sollen. Deshalb und aus mehrern Gründen wird man etwas Bestimteres hierüber nicht ungern sehen.

[§. 27]. Von einigen Metalkalken z. B. wie Rouelle vom schweistreibenden Spiesglanze und Erxleben[6] von den silberfarbnen Spiesglanzblumen bemerkt, kante man längst die Auflöslichkeit und in neuern Zeiten sind die Kalke einiger entdekten Metalle des Wasserbleies und Schwersteins als Säuern folglich als auflöslich im Wasser erkant worden.

Man weis sogar, daß Queksilber in Wasser gekocht kleine Insekten und Würmer tödet, daß Wasser worin Kupfer abgelöscht ist, Hautausschläge heilet und troknet, daß durch bleierne Röhren geleitetes Wasser nicht ganz unschädlich ist, und daß glühendes Eisen dem Wasser, worin man es abgelöscht hat, stärkende Kräfte mittheilt, aber den Arsenikkönig hatte man bisher gleicher Aufmerksamkeit nicht gewürdiget.

[§. 28]. Zu dieser Absicht pülverte ich ganz frisch bereiteten glänzenden Arsenikkönig (nachgehends auch Fliegenstein mit gleichem Erfolge) und kochte ihn in destillirten Wasser eine halbe Stunde lang. Das Resultat war, daß sich 12¾ Gran in 14000 Granen Wasser auflöseten und bis zum Gefrierpunkte erkühlt darin aufgelöset blieben. Das Verhältnis des Fliegensteins zum auflösenden Wasser wird also beinahe wie 1 : 1100 sein. Verschiedentlich wiederholte Versuche gaben diese Mittelzahl. Wird das Kochen ungleich länger fortgesezt, so kan sich Wasser mit Fliegenstein bis zu einem Verhältnisse wie 400 : 1 ja noch stärker sättigen.

[§. 29]. Das unten anzuführende so empfindliche Reagens jeder Arsenikauflösung, der mit Kupfer gesättigte Salmiakgeist, äussert selbst auf jene so schwache Auflösung des Arsenikkönigs im Wasser; ja dann noch wenn sie noch mit drei und einem halben Male ihres Gewichts Wasser verdünnet wird, und ein Verhältnis wie 1 : 5000 entsteht, nur mus man in lezterm Falle dem grüngelblichen Niederschlage einige Stunden Zeit lassen oder Weingeist dazu giesen, um die Uebermenge des Wassers zu verringern.

[§. 30]. Lange Zeit gepülverter Fliegenstein theilt sich dem Wasser in noch geschwinderer Zeit mit. ([§. 14].)

[§. 31]. Da auch geschwefelter Arsenik, vorzüglich Operment bei Vergiftungen vorkömt, so mus man das Nöthige von ihm und seinen Gattungen wissen. Operment ist ein Mineral, welches besonders in Ungarn zu Hause gehört, aus gelbglänzenden dünnen dicht über einander liegenden Blättern besteht, von 3,315 (nach Bergman) eigenthümlichem Gewichte und 1⁄10 Schwefel in seiner Mischung.

[§. 32]. Da Bergman[7] die Auflöslichkeit des Operments in Wasser so geradehin läugnet, so unternahm ich verschiedne Versuche um mich hievon zu überzeugen. Ich fand aber, daß er, zwei Stunden in destillirtem Wasser gekocht, sich hierin in einem Verhältnisse wie 1 : 5000 auflösete.

[§. 33]. Die erkühlte Auflösung sahe kaum merklich gilblich aus, der Kupfersalmiak schlug obwohl langsam und in geringer Menge ein Arsenikkupfer nieder, mehr grau grüngelblich als rein grüngelb, wie eine andre Arsenikauflösung zu thun pflegt. Der Geruch des Sazzes auf Kohlen aber war arsenikalisch. Der durch dies Wasser mit Silbersalpeter entstehende schwarzbraune Saz hat nichts besonders, da in Wasser aufgelöster Schwefel dasselbe thut, und ein geschwefeltes Silber präzipitirt.

[§. 34]. Das durch Schwefelleberluft aus weisser Arsenikauflösung niedergeschlagne Operment hielt weit mehr Schwefel als natürliches. Ich fand, daß ich mit dreizehn Theilen Arsenik auf 35 bis 38 Theile Schwefel hiedurch verbinden konte. Dies künstliche Operment lies sich aber weit leichter als das natürliche in Wasser auflösen. Ein Gran davon ward binnen zweistündigen Kochen in 600 Granen reinem Wasser aufgelöst, wovon aber beim völligen Erkalten nur 3⁄5 Gran aufgelöst blieben. Schwefelleberluft löset es in noch gröserer Menge auf.

[§. 35]. Noch kömt a) gelbes und rothes Rauschgelb, ein Mineral; endlich die künstlichen Arsenikerze, b) gelber und c) rother Arsenik obwohl selten bei Vergiftungen vor. Ersteres soll (nach Bergman) 3,226 eigentliches Gewicht besizzen und nach Kirwan[8], 16⁄100 Schwefel halten; das Zweite hält nach Gmelin 1⁄10, das dritte nach eben demselben 1⁄5 Schwefel in seiner Mischung. Vielleicht sind diese Angaben noch zu berichtigen. Da die Mischung des rothen Arseniks noch so unbekant ist, so fand ich (zur vermuthlichen Ausfindung dieser Mischung) daß zwar durch kein Verhältnis der Schwefelleberluft mit Arsenik ein rothes Präzipitat erfolgte — schwach pomeranzenfarbig war die tiefste und gelb die höchste desselben — daß aber durch den mindesten Theil Bleizuckerauflösung, zu dem Arsenikwassser gesezt, der Niederschlag des leztern mit Leberluft so gleich schön roth gefället ward.[9] Mehr Bleiauflösung aber zugesezt, vertiefte diese Röthe bis ins Schwarz. Die Auflöslichkeit dieser Opermentabarten in Wasser habe ich zu untersuchen für überflüssig gehalten, da sie so selten bei Vergiftungen vorkommen.

[§. 36]. So weit von der Auflöslichkeit des käuflichen Arseniks in Wasser, nun etwas von derselben in andern Flüssigkeiten.

[§. 37]. In Oelen löset sich zwar jeder Arsenik, Fliegenstein, weisser Arsenik und Operment auf, doch nie anderst als in der Hizze des kochenden Oeles (etwa 600° Fahr.) So bald die Auflösung beginnet, steigt ein stinkender Geruch auf, der ein Gemisch, aus dem Geruche der brennbaren Luft und einem knoblauchartigen zusammengesezt, scheint. Wegen der grosen zu dieser Auflösung erforderlichen Hizze scheint mir eine fernere Erörterung dieses Punktes keinen sonderlichen Einflus auf meinen Zwek zu haben.

[§. 38]. Milch hat keinen Vorzug vor gemeinem Wasser bei Auflösung des Arseniks, ja ihre Auflösungskraft ist noch geringer, der käsichte und fette Theil derselben verhindert sie daran. Doch ist nicht zu leugnen, daß sie eben dieser leztgenanten Bestandtheile wegen viel feines Arsenikpulver in ihren Zwischenräumen eine ziemliche Zeit schwebend erhalten kan, und in dieser Rüksicht zur Ausführung des besonders feinen Arsenikpulvers aus dem Magen eben so viel ja noch etwas mehr Dienste, als gemeines Wasser durch seine grösere Auflösungskraft, leistet.

[§. 39]. Doch dies nur im Vorbeigehn. Ich komme zu den Säuren, werde aber nichts von den mineralischen erwähnen, als daß sie bei der erfolgenden Auflösung unser metallisches Gift ungemein erhöhen,[10] eine Bemerkung, die keiner weitern Ausführung in einem Werke bedarf, welches zur Erleichterung der Unglüklichen aufgesezt ward.

[§. 40]. Da man den Essig etwas zu algemein unter die Gift widerstehenden Mittel gerechnet und ihn verschiedentlich in dieser Absicht gegen unsern Gift anzuwenden und zu empfehlen[11] versucht hat, so werde ich zwar unten ([§. 163].) erinnern, daß seine Anwendung schädlich sei, hier aber bemerken, daß seine Auflösungskraft gegen jede Art des Arseniks fast nur um ein Unmerkliches gröser, als die des gemeinen Wassers ist. Da dieses unwirksame und sogar schädliche Auflösungsmittel ausser dem Kreise meines Zweks liegt, so erspare ich mir die Anführung genauerer Versuche darüber.