Anmerkungen zur Transkription
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Jenny
Sigrid Undset
Jenny
Gyldendal’scher Verlag A. G. Berlin
Autorisierte Uebersetzung aus dem Norwegischen
von Thyra Dohrenburg
Alle Rechte vorbehalten
1921
Druck: Gyldendal’scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei
Berlin SW 68
Erstes Buch
I.
Die Musik kam über die Via de Condotti, als Helge Gram in der Dämmerung gerade in die Straße einbog. Die Melodie eines altbekannten Gassenhauers ertönte in sinnlos rasendem Tempo wie eine wilde Fanfare. Und die schwarzen kleinen Soldaten stürmten in dem kalten Nachmittag vorüber, als seien sie mindestens eine römische Kohorte, im Begriff, sich in fliegendem Laufschritt auf die Heerscharen der Barbaren zu stürzen. Und sollten doch nur ganz friedlich heimwärts ziehen in ihre nächtlichen Quartiere. Aber vielleicht war gerade das der Grund für ihre stürmende Eile, dachte Helge und lächelte. Wie er so stand, den Mantelkragen gegen die Kälte hochgeschlagen, wallte eine seltsam historische Stimmung in ihm auf. Aber dann begann er, die wohlbekannte Melodie mitzusummen, und setzte seinen Weg die Straße hinab fort, in der Richtung, die, wie er wußte, zum Corso führte.
An der Ecke blieb er stehen und schaute hinüber. — Das also war der Corso. Ein unablässig rinnender Strom von Wagen in der engen Straße, und ein brodelndes Gewimmel von Menschen auf dem schmalen Bürgersteig.
Er stand und ließ den Strom an sich vorüberziehen und lächelte in dem Gedanken, daß er nun Abend für Abend auf dieser Straße in der Dunkelheit durch das Menschengewimmel würde schlendern dürfen, bis sie ihm ebenso alltäglich geworden war wie die Carl Johannstraße daheim.
Und das Verlangen überkam ihn, noch in dieser Stunde durch alle Straßen Roms zu laufen — ohne Aufhören — am liebsten die ganze Nacht hindurch. Das Bild der Stadt stieg in ihm auf, wie sie vor kurzem zu seinen Füßen gelegen, als er auf dem Pincio stand und dem Untergang der Sonne zuschaute.
Wolken breiteten sich über den ganzen Nachthimmel aus, dicht zusammengedrängt, wie kleine lichtgraue Lämmer. In der Sonne, die hinter ihm versank, erglühten ihre Ränder golden wie Bernstein. Unter dem bleichen Himmel lag die Stadt, und plötzlich kam es Helge zum Bewußtsein: das war Rom! Nicht, wie er es in seinen Träumen erschaut — nein, wie es jetzt vor ihm lag.
Alles, was er auf seiner Reise gesehen, hatte ihn enttäuscht, weil es anders war, als er sich’s im Geiste ausgemalt daheim, in seiner Sehnsucht hinauszukommen und es selbst zu schauen. Endlich, jetzt endlich zeigte sich die Wirklichkeit, reicher als all seine Träume.
Und das war Rom ...
Eine weite Fläche von Dächern lag in der Talsenkung unter ihm — ein Gewimmel von Dächern alter und neuer, hoher und niedriger Häuser, die, wie es schien, aufs Geradewohl und so hoch gebaut worden waren, wie man ihrer gerade bedurfte, denn nur an wenigen Stellen war die gerade Linie einer Straße in dem Heer der Dächer deutlich erkennbar. Und diese ganze Welt unruhiger Linien, die in Tausenden von harten Winkeln aufeinander stießen, lag erstarrt und still unter dem fahlen Himmel, an dem eine unsichtbare, sinkende Sonne hier und da einen kleinen Lichtrand an den Wolken entzündete. Sie lag und träumte unter einem feinen, weißlichen Nebeldunst, in den sich nicht eine einzige lebende geschäftige Rauchsäule mischte. Denn ein Fabrikschlot war nicht zu entdecken, und von den kleinen drolligen Blechschornsteinen, die in die Luft starrten, rauchte nicht ein einziger. Auf den rotbraunen, runden alten Dachziegeln machten sich graugelbe Flechten breit, grüne Pflanzen und kleines Buschwerk mit gelben Blüten wucherte in den Wasserrinnen, am Rande der Terrassen reihten sich tote und schweigende Agaven in Urnen, und von den Gesimsen flossen Schlingpflanzen in stillen und toten Kaskaden. Wo sich das oberste Stockwerk eines höheren Hauses über die Nachbarn erhob, starrten erstorbene und dunkle Fenster aus rotgelbem oder grauweißem Mauerwerk — oder schliefen hinter geschlossenen Läden. Aber aus dem Dunst ragten Altane, Stümpfen alter Wachttürme gleich, und kleine Lauben aus Holz und Blech erhoben sich auf den Dächern.
Ueber dem Ganzen schwebten die Kuppeln der Kirchen, Kuppel an Kuppel; die gewaltige graue weit draußen, jenseits der Stelle, wo Helge den Lauf des Flusses vermutete, das war St. Peter.
Aber diesseits des Talkessels, wo die toten Dächer die Stadt beschützten, die, wie Helge an diesem Abend empfand, mit Recht die ewige hieß, wölbte ein niedriger Höhenzug seinen langen Rücken gen Himmel. Er trug in weiter Ferne eine Allee von Pinien, deren Kronen über der schlanken Säulenreihe der Stämme ineinander liefen. Weit drüben hinter der Peterskuppel, wo der Blick seine Schranke fand, erhob sich eine zweite Anhöhe mit lichten Villen zwischen Pinien und Cypressen. Das mochte wohl der Monte Mario sein.
Ueber Helges Haupt breitete sich schützend das dunkle, dichte Laubdach der Steineichen, und hinter ihm plätscherte der Strahl des Springbrunnens mit einem eigenen lebendigen Laut — das Wasser klatschte gegen das steinerne Becken und rieselte, überfließend, in das Bassin hinab.
Ueber die Stadt seiner Träume, deren Straßen sein Fuß niemals betreten hatte, deren Häuser nicht eine vertraute Seele bargen, flüsterte Helge hin: „Roma, Roma, ewige Roma“. Eine Scheu erfaßte ihn vor seinem eigenen einsamen Ich und ein Bangen vor seiner Ergriffenheit, obwohl er wußte, hier war niemand, der ihn belauschen konnte. Er wandte sich und eilte hinab, der Spanischen Treppe zu.
Nun stand er an der Ecke der Via de Condotti und des Corso und empfand eine wunderbar süße Beklemmung, sollte er doch jetzt der Straße wimmelndes Leben durchkreuzen und versuchen, sich in der fremden Stadt zurechtzufinden — er wollte quer hindurch, gerade auf den Petersplatz zugehen.
Indem er die Straße überschritt, gingen zwei junge Mädchen an ihm vorüber. Das waren sicher Norwegerinnen, kam es ihm sofort in den Sinn, und er empfand eine gewisse Freude bei dem Gedanken. Die eine war lichtblond und trug einen hellen Pelz.
Die Straße, der er folgte, mündete auf einen offenen Platz an einer weißen Brücke. Zwei Reihen Laternen kämpften mit ihren schwindsüchtigen, grünlichgelben Lichtern gegen den gewaltigen, bleichen Schein, den der unruhige Himmel ausstrahlte. Am Wasser entlang zog sich fahl schimmernd eine niedrige steinerne Brustwehr und eine Baumreihe mit welkem Laub und Stämmen, deren Rinde sich in großen weißen Fetzen abschälte. Auf der anderen Seite des Flusses brannten die Gaslaternen unter den Bäumen, die Häusermasse hob sich schwarz gegen den Himmel ab. Doch diesseits des Stromes flackerte der Schein des Abendlichtes noch in den Fensterscheiben. Der Himmel war jetzt fast klar und wölbte sich in durchsichtigem Blaugrün über dem Hügel, dessen Kamm die Pinien trug; noch segelten aber einige wenige schwere zusammengeballte Wolkenberge darüber hin, rot und gelb aufleuchtend, als kündeten sie Sturm.
Helge stand auf der Brücke still und sah in die Tiber hinab. Wie trüb das Wasser war! Es stürzte reißend dahin, bunt aufflammend im Widerschein der abendlich leuchtenden Wolken — riß Zweige, Planken und Geröll mit sich in seinem weißen steinernen Bett da drunten. Seitwärts an der Brücke führte eine kleine Treppe zum Wasser hinab. Helge kam der Gedanke, wie leicht es doch sein müßte, sich eines Nachts, des Treibens müde, hier aus dem Leben zu schleichen. Ob es wohl jemand tat?
Er fragte, auf Deutsch, einen Konstabler nach dem Wege zur Peterskirche; der Konstabler antwortete zunächst auf Französisch, dann italienisch, und als Helge immer wieder den Kopf schüttelte, redete er wieder französisch und wies über den Strom. Helge schlenderte in der gewiesenen Richtung weiter.
Da stieg eine gewaltige, düstere Steinmasse vor ihm empor, ein niedriger runder Turm mit zackigen Mauerkränzen von der tiefschwarzen Silhouette eines Engels gekrönt. — Helge erkannte die Umrisse der Engelsburg. Sein Weg hatte ihn gerade ihr zu Füßen geführt. Im letzten Licht des Himmels leuchteten die Statuen drüben auf der Brücke in der Dämmerung, noch spiegelten die Wellen der Tiber den Schein der roten Wolken wider. Aber schon schossen die Gaslaternen ihre Lichtpfeile auf den Strom hinaus. Hinter der Engelsbrücke surrten elektrische Straßenbahnen mit erleuchteten Fensterscheiben über eine neue schmiedeeiserne Brücke. Aus den Leitungsdrähten sprühten blauweiße Funken.
Helge lüftete den Hut vor einem Manne:
„San Pietro favorisca?“
Der Mann zeigte geradeaus und sagte etwas, das Helge nicht verstand.
Die Straße, in die er einbog, war eng und finster; so hatte er sich eine italienische Straße oft ausgemalt, und er empfand nun geradezu ein Gefühl der Wiedersehensfreude. Ein Antiquitätengeschäft lag hier neben dem anderen.
Helge schaute mit Interesse in die schlecht erleuchteten Fenster. Das meiste war Schund; die schmutzigen Streifen aus groben, weißen Spitzen, auf Schnüren aneinandergereiht — sollten dies italienische Spitzen sein? Da lagen Scherben und Ueberreste von Tonwaren in staubigen Schachteldeckeln aus, kleine, giftgrüne Bronzefiguren, alte und neue Metalleuchter und Broschen mit unechten Steinen. Trotzdem wandelte ihn unerklärlicherweise eine Lust zum Kaufen an, zu fragen, zu feilschen, zu handeln —. Er war in einen kleinen dumpfen Laden geraten, fast ohne selbst zu wissen, wie. Da sah es übrigens lustig aus; es gab seltsame Dinge aus aller Welt: alte Kirchenlampen, von der Decke herabhängend, Seidenlappen mit goldgestickten Blumen auf rotem und grünem und weißem Grunde, zerbrochene Möbel.
Hinter dem Ladentisch hockte ein gelbhäutiger dunkler Bursche, das Kinn blau von Bartstoppeln, und las. Er fragte und redete, während Helge auf dies und jenes zeigte, und „quanto“ sagte. Das einzige, was Helge begriff, war, daß die Sachen unerhört teuer waren — man müßte jedenfalls mit dem Kaufen warten, bis man der Sprache mächtig wäre, und dann gehörig feilschen.
Drüben auf einem Regal stand Porzellan, Rokokofiguren und Vasen mit modellierten Rosenbuketts geziert. Sie schienen neu zu sein. Helge ergriff aufs Geratewohl einen solchen kleinen Gegenstand und setzte ihn auf den Tisch: „quanto?“
„Sette,“ sagte der Mann und spreizte sieben Finger.
„Quattro.“ Helge streckte vier Finger in die Luft. Er hatte ein frohes und sicheres Gefühl, als er so plötzlich in die fremde Sprache gleichsam hinübersprang. Freilich begriff er nichts von dem Protest des Mannes, doch jedesmal, wenn der andere ausgeredet hatte, kam er mit seinem quattro und seinen vier Fingern.
„Non antica,“ warf er überlegen hin.
Der Ladenbesitzer beteuerte jedoch: „antica.“
„Quattro,“ sagte Helge zum letzten Male — jetzt hatte der Mann nur fünf Finger in der Luft. Als Helge sich zur Tür wandte, rief der Bursche ihn zurück. Er akzeptierte. Selig nahm Helge den Gegenstand an sich, der sorgsam in rotes Seidenpapier gehüllt worden war.
Am Ausgang der Straße konnte er die dunkle Masse des Doms gegen den Himmel unterscheiden. Er schritt kräftig aus und eilte über den vorderen Teil des Platzes, dort, wo die Läden mit den hellen Fenstern lagen und die Bahnen vorübersausten, — auf die beiden halbkreisförmigen Arkaden zu, die zwei gebogenen Armen gleich sich um einen Teil des Platzes legten und ihn hineinzogen in die Stille der Dunkelheit. Helge flüchtete in den Schutz der gewaltigen dunklen Kirche, die ihre breite Treppe in einer muschelförmigen Zunge bis auf die Mitte des Marktes hinausschob.
Die Kuppel der Kirche und die Statuenreihe der Heiligenschar drüben über dem Dach des Säulenganges hoben sich schwarz gegen das Helldunkel der Himmelswölbung ab; Baumkronen und Häuser, unregelmäßig übereinandergestapelt, breiteten sich über der Anhöhe dahinter aus. Hier waren die Gasflammen machtlos; die Finsternis sickerte durch die Säulen der Arkaden, ergoß sich von der offenen Vorhalle der Kirche über die Treppe hinab. Helge ging still hinüber bis an die Kirche, und schaute neugierig auf die verschlossenen Metalltüren. Dann kehrte er um und schritt zum Obelisk in der Mitte des Platzes. Hier blieb er stehen und starrte auf die dunkle Kirche. Den Kopf zurückbiegend folgte er mit den Augen dem schlanken steinernen Pfeil, der hoch in den Abendhimmel hinaufragte, dort, wo die letzten Wolken hinter den Dächern verschwunden waren und die ersten Sterne ihre funkelnden Lichtnadeln durch die sich vertiefende Dunkelheit schossen.
Wieder erklang in seinen Ohren der wunderliche durchdringende Laut von plätscherndem Wasser, das in steinerne Becken herabstürzte, und das weiche Rieseln des strömenden Ueberflusses, der sich von Schale zu Schale in das Bassin ergoß. Er ging bis dicht an den einen der Springbrunnen heran und betrachtete die vollen weißen Strahlen, die wie in hitzigem Trotz aufschossen und hoch oben zusammenbrachen; dunkel gegen die Klarheit der Luft, sanken sie hinab in die Finsternis, in der das bewegte Wasser weiß aufleuchtete. Helge starrte hinauf. Plötzlich fing ein kleiner Windstoß sich in der Wassersäule und fegte sie über ihn hinweg. Jetzt plätscherte es nicht mehr klatschend gegen das steinerne Becken, es rieselte hinab, und Helge war bedeckt von Tropfen, die in der kalten Abendluft zu Eis erstarrten.
Dennoch blieb er stehen, lauschte und starrte — schritt vorwärts und stand wieder — doch ganz behutsam, um das Flüstern in seinem Innern zu vernehmen. — Jetzt war er also hier, all das, von dem er sich verzehrend fortgesehnt hatte, lag in weiter, weiter Ferne. Und er trat noch leiser auf und schlich wie einer, der dem Gefängnis entronnen war.
Unten an der Ecke der Straße lag ein Restaurant. Dort ging er hinüber. Unterwegs entdeckte er einen Tabaksladen, wo er sich Zigaretten, Ansichtskarten und Freimarken kaufte. Während er auf sein Essen wartete und hin und wieder in langen Zügen vom Rotwein trank, schrieb er Karten an seine Eltern: „Ich denke an diesem Abend viel an Euch hier unten —“. Er lächelte schmerzlich — ja, Herrgott, so war es! An die Mutter schrieb er jedoch: „Ich habe schon eine Kleinigkeit für Dich gekauft, — das erste, was ich hier in Rom erstanden habe.“ Arme Mutter — wie mochte es ihr wohl ergehen. Er war in den letzten Jahren oft lieblos gegen sie gewesen —. Er packte das Geschenk aus — es war sicher eine Eau de Cologneflasche — und betrachtete es. Dann fügte er noch einige Zeilen hinzu, er finde sich mit der Sprache zurecht und das Handeln in den Läden sei gar nicht so schwierig.
Das Essen war gut, doch teuer. Nun, wenn er sich erst hier eingelebt hätte, würde er schon lernen, mit Wenigem auszukommen. Gesättigt und angeregt vom Wein ging er in einer neuen Richtung weiter, entdeckte lange, niedrige, verfallene Häuser und hohe Gartenmauern, gelangte durch einen zerstörten Torbogen auf eine Brücke, über die er hinweg wollte. Ein Mann erschien in der Tür des Zollhauses, hielt ihn an und machte ihm verständlich, daß er einen Soldo entrichten müsse. Drüben auf der anderen Seite lag eine große dunkle Kuppelkirche.
Hier geriet er in einen Wirrwarr finsterer, enger Sackgassen; in der geheimnisvollen Dunkelheit ahnte er in den Himmel hineinragende alte Paläste mit vorspringenden Dachgesimsen, vergitterten Fenstern — in gleicher Front mit elenden Hütten und kleinen Kirchenfassaden. Einen Bürgersteig hatte die Straße nicht; Helge trat in verdächtigen Abfall, der im Rinnstein lag und übel roch. Vor den schmalen erleuchteten Herbergstüren und unter den spärlichen Gaslaternen erblickte er undeutlich zweifelhafte menschliche Gestalten.
Er war von dieser Umgebung begeistert und beklommen zugleich — voll knabenhafter Spannung. Gleichzeitig begann er darüber nachzudenken, wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth zu finden sei und wie er zu seinem Hotel zurückgelangen sollte, das weit fort am anderen Ende der Welt lag. Er mußte sich wohl eine Droschke leisten.
So schritt er denn eine neue, enge, ganz menschenleere Gasse hinab. Zwischen den steilaufragenden Häusern mit den schwarzen Fensterhöhlen, die ohne Sims aus dem Mauerwerk starrten, zog sich ein Streifen Himmels hin, klarblau und dunkelleuchtend; unten auf dem holprigen Steinpflaster wirbelte ein leichter Windstoß Staub und Strohhalme und Papierfetzen vor sich her.
Zwei Frauen überholten ihn. Als er sie im Schein einer Laterne betrachten konnte, durchfuhr es ihn: das waren die, die er heute Nachmittag auf dem Corso bemerkt und für Norwegerinnen gehalten hatte. Das helle Pelzwerk der größeren erkannte er sofort wieder.
Plötzlich kam ihm ein verrückter Gedanke — er wollte ein Abenteuer versuchen, sie nach dem Wege fragen, um zu hören, ob es Norwegerinnen seien oder wenigstens Skandinavierinnen. Ihm klopfte aber doch das Herz ein wenig, als er sich anschickte, ihnen nachzufolgen. Ausländerinnen waren es sicher.
Die jungen Mädchen blieben weiter unten vor einem verschlossenen Laden stehen, setzten aber gleich darauf ihren Weg fort. Helge überlegte: sollte er „Please“ oder „Bitte“ oder „Scusi“ sagen oder versuchsweise mit einem norwegischen „Verzeihung“ herausplatzen? Wie lustig, wenn es wirklich Norwegerinnen waren.
Die Mädchen bogen um die Ecke. Helge war ihnen dicht auf den Fersen und auf dem Sprunge, sie anzureden. Da wandte sich die kleinere halb um und sagte etwas in italienischer Sprache, leise und empört.
Helge war herb enttäuscht. Er wollte eben „Scusi“ sagen und verschwinden, als die Große auf Norwegisch zur Freundin sagte: „Nicht doch, Cesca, nichts sagen — es ist viel klüger, zu tun, als merke man nichts.“
„Ich ertrage aber dieses verdammte Italienerpack nicht, das nie ein Frauenzimmer in Frieden lassen kann,“ erklärte die andere.
„Ich bitte um Entschuldigung“, sagte Helge. Die Mädchen blieben stehen und wandten sich brüsk um.
„Sie müssen wirklich entschuldigen.“ Helge stammelte und errötete, ärgerte sich darüber und erglühte nur tiefer in der Dunkelheit. „Ich bin nämlich heute aus Florenz gekommen, und jetzt habe ich mich in diesen Winkelgassen vollständig verloren. — Nun glaubte ich, die Damen seien Norwegerinnen — oder jedenfalls aus Skandinavien — und ich komme so schlecht mit der italienischen Sprache zurecht — und da kam mir die Idee —. Vielleicht haben Sie die Liebenswürdigkeit, mir zu sagen, wo ich eine Straßenbahn finde? Mein Name ist Kandidat Gram“. Er lüftete wieder den Hut.
„Ja, wo wohnen Sie denn?“ fragte die Größere.
„Gleich neben dem Bahnhof, es heißt so ähnlich wie Albergo Torino“, erklärte ihnen Helge.
„Dann muß er mit der Trasteverebahn fahren vom San Carlo ai Catenari aus,“ sagte die Kleine.
„Nein, Sie steigen besser in die Linie 1 auf dem neuen Corso.“
„Die geht aber nicht bis zu den Termini“, antwortete wieder die Kleinere.
„Aber natürlich. Sie nehmen die, auf der San Pietro-Stazione Termini steht“, erklärte sie Helge.
„Die — die fährt doch erst über den Capo de Case und Ludovisi und so weiter bis ans Ende der Welt — mit der dauert es mindestens eine Stunde bis zum Bahnhof.“
„Nicht doch, Liebes — sie fährt direkt — den kürzesten Weg durch die Via Nazionale.“
„Nein —“, beharrte die Kleine. „Sie fährt übrigens erst um den Lateran herum.“
Die große Dame wandte sich an Helge:
„Sie gehen nur die erste Straße zur Rechten hinunter bis zum Flohmarkt. Dann halten Sie sich links an der Cancelleria, bis Sie auf den neuen Corso hinausgelangen. Soviel ich mich entsinne, hält die Bahn an der Cancelleria, jedenfalls gleich in der Nähe; Sie sehen schon das Schild. Sie müssen aber darauf achten, daß Sie den Wagen bekommen, auf dem San Pietro-Stazione Termini steht — es ist die Linie 1.“
Helge blickte mutlos drein, als die jungen Mädchen neben ihm mit den fremden Namen um sich warfen, als seien es Bälle. Er schüttelte schließlich den Kopf.
„Ich fürchte, ich finde mich da nicht zurecht, ich werde doch lieber gehen, bis ich auf eine Droschke stoße.“
„Wir begleiten Sie gern bis zur Haltestelle“, sagte die Große wieder.
Die Kleine brummte mürrisch auf Italienisch etwas vor sich hin, doch die Große antwortete in verweisendem Tone. Helges Mut sank noch um ein Beträchtliches durch diese Bemerkungen über seinen Kopf weg, die er nicht verstand.
„Ich danke Ihnen, ich möchte Sie wirklich nicht damit belästigen — ich finde sicher schon irgendwie nach Hause.“
„Das ist durchaus keine Mühe,“ erwiderte die Große und schickte sich zum Gehen an. „Wir haben ungefähr denselben Weg.“
„Es ist recht schwierig, sich in Rom zurechtzufinden“, versuchte Helge, ein Gespräch in Gang zu bringen. „Jedenfalls in der Dunkelheit.“
„O nein, man kennt sich schnell aus.“
„Ich kam also heute hierher — ich kam heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz.“
Die Kleine sagte halblaut etwas auf Italienisch. Die Große fragte hierauf Helge:
„Es ist wohl jetzt kalt in Florenz?“
„Ja, hundekalt. Ist es nicht hier in Rom milder? Ich schrieb übrigens gestern nach Hause an meine Mutter und bat um meinen Wintermantel.“
„Auch hier kann es oft recht scharf und kalt sein. Fühlten Sie sich wohl in Florenz? Wie lange waren Sie dort?“
„Vierzehn Tage“, sagte Helge. „Ich glaube, Rom wird mir doch besser gefallen.“
Das andere junge Mädchen lachte. Die ganze Zeit über hatte es auf Italienisch vor sich hingebrummelt. Doch die Große sprach zu ihm mit ihrer warmen ruhigen Stimme:
„Ja, ich glaube, es gibt keine Stadt, die man so liebgewinnt wie Rom.“
„Ihre Freundin ist Italienerin?“ fragte Helge.
„Nein, Fräulein Jahrmann ist Norwegerin. Wir sprechen Italienisch miteinander, damit ich es lerne — sie ist nämlich schon sehr weit darin. Mein Name ist Winge“, fügte sie hinzu. „Dort liegt Cancelleria“, und sie wies auf einen großen düsteren Palast.
„Ist der Hofraum so schön, wie man sich erzählt?“
„Ja, herrlich. — Nun werde ich Ihnen helfen, die richtige Straßenbahn zu finden.“
Während sie standen und warteten, kamen zwei Herren quer über die Straße.
„Hallo, finden wir Sie hier?“ sagte der eine auf Schwedisch.
„Guten Abend“, begrüßte sie der andere. „Dann gehen wir doch zusammen hinüber? Seid Ihr unten gewesen, um Euch die Korallen anzusehen?“
„Der Laden war geschlossen“, erwiderte Fräulein Jahrmann mißmutig.
„Wir haben einen Landsmann getroffen, dem wir auf die richtige Straßenbahn helfen wollen“, setzte Fräulein Winge auseinander und stellte vor: „Kandidat Gram, Maler Heggen, Bildhauer Ahlin.“
„Ich weiß nicht, ob Sie sich meiner erinnern, Herr Heggen, Gram ist mein Name — wir lernten uns einmal auf der Mysusenne kennen, vor etwa drei Jahren.“
„Ah, ja natürlich. Und nun sind Sie also in Rom?“
Ahlin und Fräulein Jahrmann hatten abseits gestanden und miteinander geflüstert. Jetzt ging sie auf die Freundin zu:
„Du, Jenny, ich gehe heim. Ich bin doch nicht dazu aufgelegt, zu Frascati zu gehen.“
„Aber liebes Kind, du hast ja selbst den Vorschlag gemacht.“
„Ach nein, nicht Frascati — dazusitzen und sich mit dreißig alten dänischen Weibern beiderlei Geschlechts abzuplagen.“
„Wir können ja etwas anderes wählen — doch da ist Ihre Straßenbahn, Kandidat Gram.“
„Ja, tausend Dank für Ihre Hilfe! Vielleicht sehe ich die Damen einmal wieder — im Skandinavischen Verein?“
Die Bahn hielt vor ihnen — da sagte Fräulein Winge:
„Sie haben vielleicht Lust, sich uns anzuschließen; wir hatten die Absicht, heute Abend ein wenig zu bummeln, Wein zu trinken und Musik zu hören.“
„Ja, danke.“ Helge war unsicher und verlegen und schaute auf die anderen. „Recht gern, aber —“ er wandte sich vertrauensvoll an Fräulein Winge mit dem hellen Antlitz und der freundlichen Stimme: „Sie kennen sich ja untereinander und — nun, ist es nicht am gemütlichsten für Sie alle, ohne fremde Gesellschaft zu sein?“ Er lachte verlegen.
„Aber nein, mein Lieber.“ Sie lächelte. „Im Gegenteil — sehen Sie, dort fährt Ihre Bahn schon — und Heggen kennen Sie ja doch von früher und jetzt uns. Wir werden schon darauf achtgeben, daß Sie richtig nach Hause gelangen — wenn Sie also nicht zu müde sind.“
„Müde! Nein. — Ich möchte sehr gern mit Ihnen zusammen sein“, versicherte Helge eifrig und erleichtert.
Die drei anderen begannen, Trattorien vorzuschlagen. Helge kannte keinen der Namen, die fielen; es war keiner von denen darunter, die sein Vater erwähnt hatte. Fräulein Jahrmann aber verwarf jeden Vorschlag.
„Nun gut, dann gehen wir eben nach St. Agostino. Du weißt, wo es den roten Wein gibt, Gunnar.“ Jenny Winge schlug ohne weiteres diese Richtung ein; Helge folgte.
„Da ist keine Musik“, hatte Fräulein Jahrmann einzuwenden.
„Aber natürlich — der Scheeläugige und der andere sind dort fast jeden Abend. Laßt uns doch nur nicht hier stehen und Zeit verlieren.“
Helge folgte mit Fräulein Jahrmann und dem schwedischen Bildhauer.
„Sind Sie schon längere Zeit in Rom, Herr Gram?“
„Nein, ich kam heute Vormittag aus Florenz.“
Fräulein Jahrmann lachte leise, Helge wurde verlegen. Er überlegte im Gehen — sollte er nicht doch lieber sagen, daß er müde sei und dann umkehren? Während sie durch finstere enge Straßen ihren Weg fortsetzten, plauderte Fräulein Jahrmann ununterbrochen mit dem Bildhauer und antwortete kaum, wenn er den Versuch machte, mit ihr zu sprechen. Ehe er sich jedoch entschlossen hatte, sah er das andere Paar vorn durch eine schmale Tür verschwinden.
II.
„Was zum Teufel ist nun wieder in Cesca gefahren — ihre Launen kennen ja nachgerade keine Grenzen mehr; leg Deinen Mantel ab, Jenny, sonst erkältest Du Dich, wenn Du wieder hinauskommst.“ Heggen hängte Hut und Frühjahrsmantel an den Ständer und ließ sich in einen Korbsessel fallen.
„Das arme Ding, ihr geht es augenblicklich nicht gut — und außerdem lief uns dieser Gram ein Stück nach, ehe er es wagte, uns anzusprechen und nach dem Wege zu fragen; dergleichen bringt sie immer in Erregung, und dann, Du weißt ja, — ihr Herz.“
„Die Aermste. — Frecher Bursche übrigens.“
„O, nicht doch, er lief ja umher und wußte weder aus noch ein, glaube ich. Er macht nicht gerade den Eindruck, als habe er Erfahrung im Reisen. Du kennst ihn?“
„Keine Ahnung. Aber deshalb kann ich ihn sehr gut mal getroffen haben. Ah, da sind sie.“
Ahlin nahm Fräulein Jahrmann den Mantel von der Schulter.
„Teufel auch,“ meinte Heggen, „wie fein du heut Abend bist, Cesca.“
Sie lächelte erfreut und strich mit der Hand den Rock über den Hüften glatt, dann faßte sie Heggen bei den Schultern:
„Rück’ ein wenig zur Seite — ich will neben Jenny sitzen.“
„Herr des Himmels, wie ist sie schön,“ dachte Helge. Cescas Kleid war leuchtend grün, der üppige Busen hob sich aus dem hoch gearbeiteten Rock wie aus einem Blumenkelch. Die Sammetbluse leuchtete in den Falten wie gleißendes Gold; aus dem tiefen Ausschnitt wuchs der runde, mattbraune Hals empor. Sie war sehr brünett; unter der braunen Glocke des Plüschhutes umschmeichelten kleine kohlschwarze Locken die reinen, pfirsichroten Wangen. Das Antlitz war ganz jungmädchenhaft, schwere Lider bedeckten die tiefen, grauschwarzen Augen, und lächelnde Grübchen verschönten den kleinen, dunkelroten Mund.
Jenny Winge, so hübsch sie auch war, fiel gegen die Freundin ganz ab. Sie war ebenso blond wie die andere dunkel: das Haar, von der hohen weißen Stirn zurückgestrichen, lugte goldig schimmernd unter dem kleinen grauen Pelzbarett hervor; die Haut war schneeig weiß und lichtrot. Selbst Augenbrauen und die Wimpern über den stahlgrauen Augen waren hell — goldbraun. Der etwas bleiche Mund aber schien zu groß für das schmale Gesicht mit der kurzen geraden Nase und den blaugeäderten gewölbten Schläfen; wenn sie lachte, zeigte sie eine dichte Reihe blanker Zähne. Alles übrige an ihr war schmächtig, der lange schlanke Hals, die Arme, von hellen feinen Härchen bedeckt, und die langen, mageren Hände. Lang und aufgeschossen, wie sie war, erschien ihr Körper knabenhaft — sie mußte noch erstaunlich jung sein. Sie trug kleine weiße Aufschläge an den Ellenbogen und am Halsausschnitt des hellgrauen, seidenen Kleides, das, leicht und wallend, über der Brust und an den Hüften gekräuselt war — wohl um ihre Magerkeit etwas zu verbergen. Den Hals schmückte eine Kette von kleinen mattrosa Perlen, die sich in rosenroten Lichtpünktchen auf der Haut widerspiegelten.
Helge Gram hatte sich bescheiden am Ende des Tisches niedergelassen und folgte der Unterhaltung. Die fremde Gesellschaft sprach von einer Frau Söderblom, die krank gewesen war. Ein alter Italiener mit einer schmutzigweißen Schürze über dem dicken Leib kam herbei und fragte nach ihren Wünschen.
„Rot, weiß, sauer, süß — was wollen Sie trinken, Gram?“ wandte Heggen sich an ihn.
„Kandidat Gram soll sich einen halben Liter von meinem Rotwein bestellen“, meinte Jenny Winge. „Es ist einer der besten in Rom, und das will etwas heißen, wissen Sie!“
Der Bildhauer schob den Damen eine Zigarettendose hin. Cesca griff zu.
„O, nicht doch, Cesca“, bat Jenny.
„Nun erst recht“, sagte Cesca „Mir wird nicht besser, auch wenn ich es lasse. Und ich bin böse heute Abend.“
„Aber weshalb denn, liebes gnädiges Fräulein?“
„Ach. — Zum Beispiel weil ich die Korallen nicht bekam.“
„Brauchtest du sie denn heute Abend?“ fragte Heggen.
„Nein, aber ich hatte mich doch endlich entschlossen, sie zu kaufen.“
„Und morgen hast du dich für die Malachitkette entschieden?“ lachte Heggen.
„Nein, da irrst du dich, mein Lieber. Aber es ist auch abscheulich. Jenny und ich stürzten nur der Korallen wegen dort hinüber.“
„Auf diese Weise trafst du uns aber. Sonst hättet ihr zu Frascati gehen müssen, worauf du plötzlich auch ärgerlich geworden bist.“
„Ich wäre sicher nicht zu Frascati gegangen — das schwör’ ich dir, Gunnar. Und das wäre mir viel besser gewesen. Denn nun will ich rauchen und trinken und die ganze Nacht durchbummeln, da ihr mich nun einmal mitgelockt habt.“
„Ich glaubte, du hättest es vorgeschlagen.“
„Die Malachitkette war außerordentlich schön, finde ich,“ lenkte Ahlin ab, „und sehr billig.“
„Ja, aber Malachit ist in Florenz viel billiger. Diese kostet siebenundvierzig. Und in Florenz, dort wo Jenny ihre cristallo rosso kauft, hätte ich sie für fünfunddreißig Lire haben können. Jenny hat für ihre Kette nur achtzehn gegeben. Er muß mir die Korallen aber für neunzig Lire lassen.“
„Ich begreife nicht recht, wie du mit deinem Gelde auskommst“, sagte Heggen und lachte.
„Ich mag nicht noch länger darüber sprechen,“ sagte Cesca. „Ich habe dieses Hin- und Hergerede satt — morgen gehe ich und kaufe die Korallen.“
„Sind aber neunzig Lire nicht furchtbar teuer für Korallen?“ wagte Helge zu fragen.
„Sie können sich denken, daß es nicht so ganz gewöhnliche sind“, antwortete Cesca herablassend. „Es sind diese Contadinakorallen — eine dicke Kette mit Goldverschluß und langen schweren Ohrhängern.“
„Contadina — ist das eine besondere Art Korallen?“
„Nein, das sind die, mit denen die Contadine gehen.“
„Ich weiß nicht, was eine Contadine ist.“ Helge lächelte schüchtern.
„Ein Bauernmädchen. Haben Sie niemals diese Ketten gesehen, die sie tragen, diese schweren dunkelroten geschliffenen Korallen?“
„Meine Perlen haben dieselbe Farbe wie Rindfleisch und die mittelste ist so groß —“ sie bildete mit Daumen und Zeigefinger eine eigroße Rundung.
„Das muß wunderhübsch aussehen —“. Helge griff gierig den Gesprächsfaden auf. „Ich kenne Malachit oder cristalla rossa nicht — aber meiner Ansicht nach müßten solche Korallen Ihnen am allerbesten stehen.“
„Da können Sie hören, Ahlin — Sie wollten mich ja immer dazu verleiten, die Malachitkette zu kaufen. Heggens Schlipsnadel ist aus Malachit — bitte gib sie mir einen Augenblick, Gunnar. Und Jennys Perlenhalsband besteht aus cristallo rosso — nicht rossa — rotem Bergkristall, wissen Sie?“
Sie reichte ihm die Nadel und die Halskette. Die Kette war warm von ihrem Hals. Helge betrachtete sie einen Augenblick. In jeder Perle waren gleichsam kleine Spalten, die das Licht aufsogen.
„Sie müßten Korallen tragen, Fräulein Jahrmann. Wissen Sie, ich glaube, Sie sehen dann selbst aus wie eine römische Contadina.“
„Da könnt ihr’s hören.“ Sie lächelte leicht zu Helge hinüber und summte vergnügt vor sich hin. „Da könnt ihr’s selbst hören.“
„Sie haben ja auch einen italienischen Namen,“ fuhr Helge eifrig fort.
„Ach, der stammt noch von der italienischen Familie, bei der ich im vorigen Jahre wohnte, sie veränderten den häßlichen Namen, den ich von meiner Großmutter geerbt habe, und so behielt ich den italienischen bei.“
„Francesca,“ sagte Ahlin leise.
„Ich kann mir Sie nur als Francesca denken — Signorina Francesca.“
„Warum denn nicht Fräulein Jahrmann. Wir können leider nicht italienisch miteinander sprechen. Sie können ja die Sprache nicht.“ Sie wandte sich an die anderen. „Jenny und Gunnar, morgen kaufe ich also die Korallen.“
„Ja, das haben wir schon gehört,“ meinte Heggen.
„Aber ich will sie für neunzig haben.“
„Ja, man muß aber handeln,“ sagte Helge erfahren. „Ich war heute Nachmittag irgendwo in der Nähe der Peterskirche in einem Laden und erstand dies hier für meine Mutter. Er verlangte sieben Lire, ich bekam es aber für vier. Finden Sie es nicht billig?“ Er stellte den Gegenstand auf den Tisch.
Franziska betrachtete ihn verächtlich.
„Die kosten anderthalb auf dem Fischmarkt. Ich habe im vorigen Jahre zwei von der gleichen Art für jedes unserer Mädchen zu Hause mitgebracht.“
„Der Mann behauptete, es sei antik,“ wandte Helge unsicher ein.
„Das sagen sie immer, wenn sie merken, daß die Leute kein Verständnis dafür haben. Und nicht Italienisch können.“
„Es gefällt Ihnen also nicht?“ fragte Helge niedergeschlagen und hüllte es wieder in das rosa Papier. „Finden Sie nicht, daß ich es meiner Mutter schenken kann?“
„Ich finde es greulich,“ sagte Franziska. „Aber ich kenne ja den Geschmack Ihrer Mutter nicht.“
„Was soll ich denn nun aber mit diesem Ding anfangen?“ seufzte Helge.
„Schenken Sie es getrost Ihrer Mutter,“ meinte Jenny Winge. „Sie freut sich gewiß, daß Sie ihrer gedacht haben. Und außerdem — zu Hause haben die Leute Gefallen an solchen Dingen. Wir hier unten, wir sehen zuviel.“
Franziska griff nach Ahlins Zigarettendose, aber er weigerte sich, sie ihr zu geben. Einen Augenblick flüsterten sie heftig miteinander. Dann schleuderte sie das Etui von sich:
„Guiseppe.“
Helge begriff, daß sie beim Wirt Zigaretten bestellen wollte. Ahlin fuhr auf:
„Liebes Fräulein Jahrmann — ich meinte ja nur — Sie wissen doch, daß Sie das viele Rauchen nicht vertragen.“
Franziska erhob sich, Tränen in den Augen.
„Das ist gleichgültig, ich gehe nach Haus.“
„Fräulein Jahrmann — Francesca.“ Ahlin hielt ihr den Mantel, während er leise bettelte. Sie trocknete ihre Augen mit dem Taschentuch.
„Doch — ich will heim. Kinder — ihr seht doch, daß ich heute Abend unmöglich bin. Nein, ich will nach Haus — allein — nein Jenny, du darfst nicht mit mir gehen.“
Heggen erhob sich ebenfalls. Helge saß verlassen am Tisch.
„Du bildest dir doch wohl nicht ein, daß wir dich zu nächtlicher Stunde allein gehen lassen,“ meinte Heggen.
„Ahso, du verbietest mir’s vielleicht?“
„Ja, allerdings.“
„Still doch, Gunnar,“ sagte Jenny Winge. Sie schob beide Herren zur Seite — sie setzten sich schweigend nieder — während Jenny, den Arm um Franziskas Hüfte gelegt, diese mit sich zog und leise mit ihr sprach. Kurz darauf kamen beide wieder an den Tisch zurück.
Die Gesellschaft war jedoch verstimmt. Franziska lag halb in Jennys Arm — sie hatte ihre Zigaretten bekommen, rauchte und schüttelte den Kopf zu Ahlins Versicherungen, daß die seinen besser wären. Jenny hatte eine Schale mit Früchten bestellt; sie verzehrte eine Mandarine und schob hin und wieder eine Scheibe in Franziskas Mund. Oh — wie hübsch Franziska doch war, wie sie dalag, mit einem kleinen betrübten Kindergesicht und sich von der Freundin füttern ließ. Ahlin starrte sie ununterbrochen an, und Heggen zerbrach abgebrannte Zündhölzer in kleine Stümpfchen und steckte sie in die Mandarinenschalen.
„Sind Sie schon länger in Rom, Kandidat Gram?“ fragte er.
Helge versuchte humorvoll zu sein:
„Ich pflege zu sagen, daß ich heute Vormittag mit dem Zuge aus Florenz kam.“
Jenny lachte höflich — Franziska jedoch lächelte ersterbend.
Im gleichen Augenblick trat ein barhäuptiges, dunkelhaariges Mädchen mit einem frechen, fetten bleichen Gesicht zur Türe herein. In der Hand trug sie eine Mandoline. Hinter ihr her trippelte ein kleiner, verwitterter Bursche von schäbiger Eleganz mit einer Guitarre.
Jenny plauderte — wie zu einem Kinde.
„Sieh nur, Cesca, das ist Emilia — jetzt bekommen wir Musik.“
„Das bringt Leben herein,“ sagte Helge. „Ziehen diese Volkssänger hier in Rom wirklich immer noch von Osteria zu Osteria?“
Die Volkssänger begannen mit einem modernen Gassenhauer. Das Mädchen hatte eine seltsam hohe, klare, metallische Stimme.
„O pfui, nicht doch!“ Franziska erwachte: „Das wollen wir doch nicht hören — wir wollen natürlich etwas Italienisches haben — ‚la luna con palido canto‘ — nicht wahr?“
Sie schlüpfte zu den Musikanten hinüber und begrüßte sie wie alte Freunde — lachte und gestikulierte, ergriff die Guitarre und schlug ein paar Töne an, während sie die eine oder andere Melodie dazu summte.
Die Italienerin sang. Süß und schmeichelnd flatterte die Melodie, begleitet vom Klingen der Metallsaiten, durch den Raum, und Helges Freunde sangen den Kehrreim mit. Das Lied handelte von amore und bacciare.
„Es ist ein Liebeslied, nicht wahr?“
„Ein feines Liebeslied,“ lachte Franziska. „Uebersetzt darf es nicht werden, aber auf italienisch klingt es wunderhübsch.“
„Ach, so häßlich ist es doch nicht,“ sagte Jenny Winge. Sie wandte sich mit ihrem zuvorkommenden Lächeln an Helge: „Nun, Kandidat Gram, finden Sie es nicht gemütlich hier? Ist der Wein nicht gut?“
„Ja, ausgezeichnet. Und das Lokal ist gewiß sehr charakteristisch.“
Er hatte jedoch den Mut vollständig verloren. Jenny Winge und Heggen wandten sich hin und wieder an ihn, er vermochte aber nicht, ein Gespräch in Fluß zu halten. Schließlich begannen die anderen, sich miteinander zu unterhalten — über Gemälde. Der schwedische Bildhauer saß nur da und betrachtete Franziska. Die fremdartigen Melodien schwirrten von den klingenden Metallsaiten auf — an ihm, Helge, vorüber — als ein Gruß an die anderen. Der Raum, in dem er sich befand, war, wie er sein mußte: der Fußboden aus gelbem Backstein, die Wände und die Deckenwölbung, weißgekalkt, ruhten auf einer dicken Mittelsäule, die Tische waren vorschriftsmäßig ungestrichen, und die Stuhlsitze aus grünen Weiden geflochten. Die Luft war säuerlich durchzogen von gegorenem Brodem, der aus den Weinfässern hinter dem marmorenen Schenktisch aufstieg.
Künstlerleben in Rom! Es war ungefähr, als betrachte er ein Bild oder lese eine Beschreibung darüber in einem Buch. Nur mit dem Unterschied, daß er sich hier überflüssig fühlte — so hoffnungslos einsam. Solange man es in den Büchern oder auf den Bildern erlebte, konnte man im Traume mit dabei sein. Er war jedoch davon überzeugt, daß er sich unter diesen Leuten nie einleben würde.
Zum Teufel, das war auch das Beste! Im Grunde taugte er ja gar nicht dazu, unter Leuten zu sein — erst recht nicht unter Menschen dieser Art. Wie gedankenlos Jenny Winge nun nach dem dicken, undurchsichtigen Glas mit dem dunkelroten Weine griff! — Für ihn war es eine Sehenswürdigkeit — sein Vater hatte davon erzählt — ihn auf das Glas aufmerksam gemacht, das jenes Mädchen auf Marstrands Römischem Bilde, im Kopenhagener Museum, in der Hand hielt. Nach Jenny Winges Ansicht taugte das Bild sicher nichts. — Diese jungen Damen hatten sicher niemals vom Hofraum des Bramante in der Cancelleria gelesen — „dieser Perle der Renaissancearchitektur“. Sie hatten ihn vielleicht zufällig eines Tages entdeckt, als sie auf dem Flohmarkt waren, um sich Perlen und anderen Staat zu kaufen — hatten wohl begeistert ihre Freunde herbeigeholt, um ihnen diese neue Herrlichkeit zu zeigen, die sie sich nicht hätten träumen lassen. — Die hatten wohl kaum in den Büchern nachgelesen über jeden Stein und jeden Ort, bis die Augen davon schmerzten, und all der Schönheit ringsum sich verschlossen, die sie nicht schon in den Träumen daheim erschaut. Sie konnten sich vielleicht an irgendeiner weißen Säule erfreuen, die zum blauen Südhimmel emporragte, ohne pedantische Neugier, welcher Tempel und welchen vergessenen Gottes Heiligtum einst dort gestanden hatte.
Geträumt hatte er — und gelesen. Und er machte die Erfahrung — nichts sah in Wirklichkeit dem gleich, was er erwartet hatte. Alles wurde so grau und hart in des klaren Tages Licht — der Traum hatte sein Phantasiegebilde in ein weiches Halbdunkel gehüllt, es harmonisch abgerundet zu einem Ganzen vereint und über die Ruinen Sommergrün gebreitet. Er war nun gekommen, um nachzuschauen, ob all das, worüber er gelesen, auch auf seinem rechten Platze stand. Später könnte er es auf der Höheren Töchterschule aus den Büchern aufzählen und sagen, daß er es gesehen — und doch würde er nichts berichten können über Dinge, die er selbst entdeckt. Nichts würde er kennenlernen außer dem, wovon er gelesen. Wenn er auf lebendiges Material stieß, versuchte er, unter ihnen eine der toten, erdichteten Gestalten zu finden, wie er sie kannte — ob einer wie sie dabei war. Wie sollte er auch etwas von lebendigen Menschen wissen, er, der niemals gelebt ....
Heggen dort, mit dem dicken roten Mund, träumte jedenfalls kaum von romantischen Abenteuern à la Romanbibliothek aus dem Familienjournal, wenn er Abends auf Roms Straßen mit einem kleinen Mädchen anbändelte.
Helge begann zu verspüren, daß er Wein getrunken hatte.
„Wenn Sie jetzt gehen und sich zu Bett legen, so haben Sie morgen Kopfweh,“ sagte Jenny Winge zu ihm, als sie wieder draußen auf der finsteren Gasse standen. Die drei anderen gingen voraus; Helge folgte mit ihr in geringem Abstand.
„Ehrlich gesagt, Fräulein Winge, finden Sie nicht, daß Sie da einen schrecklich langweiligen Burschen mitbekommen haben?“
„Nein, mein Lieber. Es liegt ja nur daran, daß Sie uns nicht kennen und wir Sie nicht — noch nicht jedenfalls.“
„Mir wird es so schwer, mich anzuschließen — es gelingt mir eigentlich niemals. Ich hätte nicht mitgehen sollen, als Sie so liebenswürdig waren, mich heute Abend einzuladen. Zum Amüsieren scheint man auch Uebung haben zu müssen.“ Er versuchte zu lachen.
„Ja gewiß.“ Helge konnte an ihrer Stimme hören, daß Jenny lächelte. „Ich war fünfundzwanzig, ehe ich begann, mich zu üben, und weiß Gott, der Anfang war auch für mich nicht leicht.“
„Sie? Ich glaubte, daß Sie Künstlerleute immer ... Uebrigens dachte ich, Sie hätten es noch weit bis fünfundzwanzig.“
„Oh, Gott sei Dank, ich bin schon weit darüber.“
„Und da sagen Sie Gott sei Dank? — Und ich dagegen als Mann. — Ich weiß nicht — jedes Jahr, das gleichsam von mir abbröckelt, hinabsinkt in die Ewigkeit, ohne etwas gebracht zu haben — außer der demütigen Erkenntnis, daß die Mitmenschen mich nicht brauchen, mich nicht zu den ihren rechnen —“ Helge hielt plötzlich erschrocken inne. Er fühlte wie seine Stimme zitterte, hatte auch die Empfindung, als sei er ein wenig angetrunken, da er so zu einer Dame sprach, die er nicht einmal kannte. Er fuhr jedoch, gegen seine eigene Scheu ankämpfend, fort: „Ich finde, es ist völlig hoffnungslos. Wenn mein Vater von der Jugend seiner Zeit erzählte — sie führten große Worte im Munde von goldenen Illusionen und dergleichen. Zum Teufel, ich habe in all den Jahren nicht eine einzige Illusion gehabt, von der ich hätte Wesens machen können. Und die Jahre sind verflossen — verloren — nicht wiederzuerlangen.“
„Das dürfen Sie nicht sagen, Kandidat Gram. Nicht ein Jahr unseres Lebens ist verloren, solange man es nicht so weit getrieben hat, daß Selbstmord der einzige ist. Ich glaube nicht, daß die Alten aus der Zeit der goldenen Illusionen besser daran waren — ihre Jugendillusionen verschlossen ihnen das Leben. Wir — die meisten jungen, die ich kenne, begannen ohne Illusionen — wir wurden hinausgeschleudert in den Kampf um die Existenz, fast alle, ehe wir recht erwachsen waren. Wir waren von Anfang an auf das Schlimmste gefaßt. Doch eines Tages lernten wir erkennen, daß wir uns dennoch mancherlei Gutes herausholen könnten. Dies und jenes geschah, wobei wir dachten, erträgst du das, so hältst du auch das Messer aus. Bekommt man auf die Weise erst ein wenig Selbstvertrauen, dann gibt es keine Illusionen, deren uns zufällige Verhältnisse und Mitmenschen berauben können.“
„Ach — Verhältnisse — oder Zufall! Wenn sie stärker sind als wir selbst, so hilft uns auch das Selbstvertrauen nicht!“
„Ja,“ sie lachte. „Natürlich — wenn ein Schiff in See geht — so kann der Zufall wollen, daß es havariert. Ein Gußfehler im Rade und alles zerspringt. Ein Zusammenstoß ... Aber die ziehen wir nicht in Betracht. Und was die Verhältnisse betrifft, so müssen wir sie zu bekämpfen suchen. Meist findet man am Schluß doch einen Ausweg.“
„Sie sind also durchaus optimistisch, Fräulein Winge?“
„Ja.“ Sie schwieg. „Ich bin es geworden, als ich so nach und nach die Erfahrung machte, wieviel die Menschen wirklich ertragen können, ohne den Mut zum Weiterkämpfen zu verlieren — und ohne schlecht zu werden.“
„Das ist es ja eben — ich finde, sie werden schlecht. Verdorben — oder jedenfalls verkleinert.“
„Nicht alle. Und der Umstand, daß einige sich vom Leben nicht verderben oder — verkleinern lassen, finde ich, genügt, um uns optimistisch zu machen. — Wir wollen hier einkehren,“ sagte sie.
„Dies gleicht eher einer Montmartrekneipe oder ähnlichem, finde ich — nicht wahr?“ Helge sah sich um.
An den Wänden des winzigkleinen Lokales entlang liefen schmale plüschüberzogene Bänke. Kleine Marmortische standen umher, und auf dem Schenktisch brannte eine Flamme unter zwei großen Nickelkochern.
„Oh. Derartige Lokale sind wohl überall gleich,“ sagte Jenny. „Kennen Sie Paris?“
„Nein — ich dachte nur —“
Er wurde plötzlich ohne jeden Anlaß verwirrt. So ein kleines Kunstmädel, das sich natürlich nach eigenem Gutdünken in der Welt umhertummelt — Gott übrigens mochte wissen, woher ihresgleichen das Geld nahm. Es schien ebenso natürlich, daß man in Paris gewesen war wie eines Abends im Café Dronningen in Kristiania. — Für diese Art von Menschen war es weiß Gott ein Leichtes, von Selbstvertrauen zu sprechen. Ein kleiner Liebeskummer in Paris, den sie in Rom vergaß, das war vielleicht das Schwerste, das sie durchgemacht. Und nun fühlte sie sich so verteufelt keck und übermütig und erfahren, daß sie meinte, das ganze Leben ertragen zu können.
Ihre Figur war eigentlich unschön, obgleich sie ein frisches Antlitz hatte mit wunderbaren Farben.
Am meisten reizte es ihn aber, mit Franziska Jahrmann zu plaudern. Sie sprühte jetzt vor Lebendigkeit, war jedoch von Ahlin und Heggen völlig in Anspruch genommen. Unterdes verzehrte Jenny Winge Spiegeleier mit trockenem Brot und trank kochend heiße Milch dazu.
„Hier scheint mir verdächtiges Publikum zu verkehren,“ wandte Helge sich an sie. „Die reinen Verbrechertypen alle miteinander, finde ich.“
„O ja, hier findet man Menschen von jeder Sorte. Sie dürfen nicht vergessen, Rom ist eine moderne Großstadt. Es gibt viele Leute, die in Nachtschicht arbeiten. Und dieses Lokal ist eines der wenigen, die um diese Stunde noch geöffnet sind. Sind Sie nicht hungrig? Ich werde mir jetzt schwarzen Kaffee kommen lassen.“
„Halten Sie immer solange aus?“ Helge sah nach der Uhr. Es war um die vierte Stunde.
„Aber nein“, sie lachte. „Nur hin und wieder. Wir sehen uns den Sonnenaufgang an und essen dann zusammen unser Frühstück. Heute Abend ist es nun Fräulein Jahrmann, die nicht nach Hause will.“
Helge wußte selber kaum, weshalb er sitzen blieb. Man trank irgendeinen blaugrünen Likör, der ihn ganz taumelig machte, indes die anderen lachten und plauderten. Um ihn her schwirrten Namen von Menschen und Orten, die er nicht kannte.
„Nein, hört mal, Douglas mit seinen Moralpredigten, kommt mir nicht damit! Ihr müßt nämlich wissen — eines Morgens waren wir allein oben im Aktsaal, er und der Finne. Ihr entsinnt euch doch, Lindberg und ich, und wir beide gingen hinunter, um etwas Kaffee zu trinken — es war im Juni vergangenen Jahres. Als wir zurückkamen, saß Douglas da, das Mädel im Arm. Nun, wir taten, als sei nichts vorgefallen. Er lud mich aber seitdem nie mehr zum Tee ein.“
„Herrgott,“ meinte Jenny, „war es denn so gefährlich?“
„Mitten im Frühling — in Paris,“ lachte Heggen. „Laß dir’s gesagt sein, Cesca: Norman Douglas war ein feiner Kerl — du darfst nicht das Gegenteil behaupten, und geschickt; er zeigte mir einige wunderhübsche Sachen von den Befestigungswerken draußen.“
„Ja — und besinnst du dich auf das Bild vom Père Lachaise — mit den violetten Perlenkränzen links unten?“ sagte Jenny.
„Ja gewiß, das war verflucht hübsch — und das kleine Mädchen am Klavier.“
„Ach, aber stellt euch doch vor, das häßliche Modell,“ sagte Franziska wieder. „Es war obendrein die fette, ältliche, mit dem hellen Haar. Und dabei hat er sich doch so tugendhaft angestellt.“
„Er war es auch,“ sagte Heggen.
„Pah. Und ich war eben im Begriff, mich aus diesem Grunde in ihn zu verlieben.“
„Ah so, das ändert die Sache allerdings erheblich.“
„Ja, er hatte oftmals um mich angehalten,“ sagte Franziska gedankenvoll. „Und ich hatte mich eigentlich entschlossen, Ja zu sagen. Nun war es freilich ein Glück, daß ich es nicht tat.“
„Hättest du ihm dein Jawort gegeben,“ meinte Heggen, „so hättest du ihn niemals mit dem Modell im Arm zu sehen bekommen.“
Franziskas Antlitz veränderte sich mit einem Male vollständig. Ein blitzartiges Zucken lief über die weichen Züge. Dann lachte sie:
„Ach — ihr seid alle miteinander gleich — ich traue nicht einem von euch, basta. Per bacco.“
„So dürfen Sie nicht denken, Francesca.“ Ahlin hob einen Augenblick den Kopf.
Sie lachte wieder.
„Ach, ich will mehr Likör haben, Herrschaften.“
Gegen Morgen ging Helge an Jennys Seite durch dunkle, ausgestorbene Straßen. Einmal machte die Gesellschaft vorn Halt. Auf einer Steintreppe hockten zwei halbwüchsige Burschen. Franziska und Jenny sprachen mit den Jungen und gaben ihnen Geld.
„Bettler?“ fragte Helge.
„Ich weiß es nicht — der große sagte, er trüge Zeitungen aus.“
„Die Bettler hierunten sind wohl im Grunde nur Simulanten?“
„Ich weiß nicht — einige vielleicht — oder die meisten. Viele schlafen jedoch auf der Straße, sogar mitten im Winter. Mancher ist verkrüppelt.“
„Ich sah es in Florenz. Es ist ein Skandal, daß Leute mit so scheußlichen Wunden oder furchtbar verunstaltet umhergehen und betteln dürfen! Das Armenwesen müßte sich dieser Jammergestalten annehmen.“
„Ich weiß nicht recht. Es ist nun einmal so hier unten. Wir Fremden können ja nicht darüber urteilen. Es geht ihnen vielleicht besser so — sie verdienen mehr auf diese Art.“
„Auf dem Piazzale Michelangelo beobachtete ich einen Bettler ohne Arme — die Hände saßen ihm oben auf den Schultern. Ein deutscher Doktor, mit dem ich zusammen wohnte, sagte, er besäße eine Villa bei Fiesole.“
„Na also, ist das nicht sehr gut?“
„Daheim bei uns lernen die Krüppel arbeiten,“ wandte Helge ein, „so daß sie sich auf ehrliche Weise durchschlagen können.“
„Zu einer Villa reicht es aber kaum,“ sagte sie und lachte.
„Dennoch — ist etwas Demoralisierenderes denkbar, als davon zu leben, daß man seine Verkrüppelungen zur Schau stellt?“
„So oder so, das Bewußtsein, daß man ein Krüppel ist, wirkt sicher immer demoralisierend.“
„Trotzdem, — davon zu leben, daß man das Mitleid der Leute anruft —.“
„Wer ein Krüppel ist, weiß ja doch, daß er bemitleidet wird und Hilfe annehmen muß — von Menschen oder Gott.“
Jenny stieg ein paar Treppenstufen hinan und hob den Zipfel eines Türvorhanges in die Höhe, der einer schlottrigen Matratze ähnlich sah. Sie standen in einer winzig kleinen Kirche.
Auf dem Altar brannte Licht. Der Schein brach sich mannigfaltig in den Messingstrahlen des Glorienkranzes über dem Monstranzschrank, flimmerte unruhig auf Leuchtern und Metallgegenständen und ließ die Papierrosen in den Vasen auf dem Altar blutigrot und goldgelb erglühen. Ein Priester las, mit dem Rücken gegen das Publikum, lautlos in einem Buche; ein paar Chorknaben huschten hin und her, neigten und bekreuzten sich und machten Bewegungen, deren Sinn Helge nicht verstand.
Sonst war der kleine Kirchenraum dunkel — in zwei Seitenschiffen flackerten winzige Nachtlämpchen, an dunkelleuchtenden Metallketten vor Bildern schwebend, die noch düsterer erschienen als die Dunkelheit.
Jenny Winge kniete auf einem Rohrschemel nieder. Sie legte ihre Hände gefaltet vor sich auf das Pult und beugte den Kopf leicht hintenüber, so daß ihr Profil sich scharf gegen den weichen Goldglanz der Lichter abhob, der in dem hochgestrichenen Haarschopf flimmerte und sanft über die schlanke nackte Wölbung des Halses hinfloß.
Heggen und Ahlin holten sich lautlos ein paar Rohrstühle herbei, die um eine der Säulen übereinandergestapelt waren.
Dieser stille Gottesdienst vor Tagesgrauen war eigentlich seltsam und stimmungsvoll. Gram folgte gespannt jeder Bewegung des Priesters am Altar. Einer der Chorknaben hängte ihm ein weißes Tuch mit einem goldenen Kreuz über die Schultern. Jetzt nahm der Priester die Monstranz vom Schrank über dem Altar, wandte sich um und hielt sie hoch ins Licht. Die Knaben schwenkten die Weihrauchkessel; kurz darauf drang scharfer, süßlicher Rauch zu ihnen hinüber. Helge wartete jedoch vergebens auf Musik oder Gesang.
Jenny kokettierte augenscheinlich ein wenig mit dem Katholizismus, indem sie niederkniete. Heggen starrte geradeaus auf den Altar, er hatte den einen Arm um Franziskas Schulter gelegt — sie war eingeschlummert und hatte sich an ihn geschmiegt. Ahlin konnte er nicht sehen, er saß hinter einer Säule und schlief sicher ebenfalls.
Seltsam war es, hier mit diesen wildfremden Menschen zu sitzen. Helge fühlte sich einsam — aber jetzt schmerzte dieser Gedanke nicht. Jene freie, glückliche Stimmung vom vergangenen Abend kehrte zurück —. Er betrachtete die anderen, die beiden jungen Mädchen. Jenny und Franziska — er wußte nun ihre Namen, viel mehr aber auch nicht. Und keine von ihnen ahnte, was es für ihn bedeutete, hier zu sitzen, was er nun alles zurückgelassen hatte, all die schmerzlichen Kämpfe daheim, vor denen er geflohen. Niemand kannte die Hindernisse, an denen er sich müde gearbeitet, die Fesseln, die ihn eingeschnürt hatten. Eine wundersame, fast hochmütige Freude erfüllte ihn bei diesem Gedanken, und seine Augen ruhten mit nachsichtigem Mitleid auf den beiden Frauen. So junge Dinger wie Cesca und Jenny, unverbraucht und frisch, mit kleinen unumstößlichen Ansichten hinter den weißen, glatten Jungmädchenstirnen. Zwei frische hübsche Mädels, die ihren geraden Weg durchs Leben schritten, hier und da, wie zum Zeitvertreib, wohl ein kleines Steinchen beiseite räumen mußten, von Schicksalen wie dem seinen aber nichts wußten.
Er fuhr auf, als Heggen seine Schultern berührte, und errötete; er war eingenickt.
„Nun, Sie haben auch einen kleinen Schlummer getan, wie ich sehe“, sagte Heggen.
Draußen standen die hohen stillen Häuser in der grauen Dämmerung — schliefen mit geschlossenen Läden in allen Stockwerken. In einer Seitenstraße ratterte eine klappernde Straßenbahn vorüber, eine Droschke holperte über das Steinpflaster, und hier und da schlich eine verfrorene, schläfrige Gestalt den Bürgersteig entlang.
Sie bogen in eine Straße ein, an deren Ausgang man den Obelisk vor der Trinitat dei-Monti-Kirche erblicken konnte — er hob sich weiß gegen des Pincio schwarze Steineichen ab. Nicht eine Menschenseele war zu sehen und nicht ein Laut zu hören außer ihren eigenen Schritten auf den Steinen und dem Rieseln einer kleinen Fontäne in irgend einem Hofe. Und weit entfernt durch die Stille plätscherte der Springbrunnen auf dem Monte Pincio gegen das steinerne Becken. Helge erkannte den Ton wieder, und als sie dem Laut nachgingen, schoß in ihm ein feiner zarter Strahl von Glückseligkeit auf — es war, als erwarte ihn seine eigene Freude vom verflossenen Abend da droben an dem springendem Quell unter den Steineichen.
Er wandte sich an Jenny, ohne zu ahnen, daß seine Augen und seine Stimme für seine kleine Freude baten:
„Hier oben stand ich gestern abend und sah die Sonne untergehen. Es war so wunderlich. Jahrelang habe ich dafür gearbeitet — mein Wunsch war es, Archäologe zu werden. Aber nach meinem zweiten Examen mußte ich die Lehrtätigkeit ergreifen. Immer habe ich auf den Tag gewartet, an dem ich hierher kommen würde — mich gleichsam darauf vorbereitet. Und doch — als ich dann hier stand, so plötzlich — war ich gänzlich unvorbereitet.“
„Ja,“ meinte Jenny, „ich verstehe das sehr gut.“
„Uebrigens, als ich gestern aus dem Zug gestiegen war, da sah ich es gleich alles vor mir liegen: die Ruinen der Termen, die schweren, gelben, von der Sonne überfluteten Mauerreste, und mitten unter ihnen die großartigen Neubauten mit Kaffees und Kinematographen, die Straßenbahnen auf dem Platz, die Anlagen und die herrlichen Springbrunnen mit ihren übervollen Wasserbecken ... Die alten Mauern inmitten der modernen Häuserblocks und das Getriebe der Stadt ringsumher — gerade das fand ich so schön.“
„Ja,“ sagte sie mit fröhlicher Stimme und nickte. „Ich liebe es auch sehr.“
„Und dann ging ich hinab. Altertum und Neuzeit vereint! Ueberall Springbrunnen, rieselnd und rauschend und plätschernd. Ich ging geradenwegs zum St. Peter; es dunkelte, als ich dort ankam, und ich stand und betrachtete die beiden Fontänen auf dem Platz. Hier in der Stadt springen sie wohl die ganze Nacht hindurch.“
„Die ganze Nacht — fast überall hört man Springbrunnen. Die Straßen hier sind ja so still des Nachts. Dort, wo wir wohnen, Franziska und ich, ist eine kleine Fontäne unten im Hof. Wir haben einen Balkon vor unseren Zimmern, und wenn es abends milde ist, sitzen wir draußen und lauschen dem Rinnen bis in die tiefe Nacht hinein.“
Sie hatte sich auf das Steingeländer gesetzt. Helge Gram stand am gleichen Ort wie am Abend vorher und sah wieder über die Stadt mit ihren Höhenzügen im Hintergrund, den grauweißen und verwitterten. Und der Himmel spannte sich darüber so hell und klar wie über dem Hochgebirge. Er sog die reine, eiskalte Luft in vollen Zügen ein.
„Nirgends auf der Welt,“ sagte Jenny, „ist der Morgen so wie hier in Rom. Ich habe das Gefühl, als schlafe die ganze Stadt — einen Schlaf, der leichter und leichter wird — und plötzlich ist sie erwacht, ausgeruht und frisch. Heggen meint, es käme von den Fensterläden; da sind keine Scheiben, die das Morgenlicht einfangen.“
Sie hatten den Rücken dem Morgengrauen und dem goldenen Himmel zugewandt, gegen den sich die Pinienkronen des Medicigartens und die beiden kleinen Türme der Kirche mit den Wimpeln auf der Spitze hart und scharf abzeichneten. Noch war die Sonne nicht aufgegangen. Die graue Häusermasse dort unten aber begann langsam Farben auszustrahlen — es schien, als würde das Mauerwerk auf zauberhafte Weise von innen her mit Farben durchleuchtet; einige Häuser glühten in tiefem Rot auf, bis dies ganz langsam in einen rosenfarbenen Schein überging, andere schimmerten gelblich, andere wieder weiß. Die Villen draußen auf dem dunklen Höhenzug des Monte Mario erhoben sich leuchtend aus den braunen Grashängen und schwarzen Zypressen.
Bis plötzlich draußen von den Höhen hinter der Stadt ein Blinken kam wie von einem Stern; da war doch eine Fensterscheibe, die den ersten Sonnenstrahl eingefangen hatte. Das dunkle Laub dort drüben flammte auf wie das Gold von Oliven.
Eine kleine Glocke drunten in der Stadt begann zu läuten.
Cesca lehnte sich müde an ihre Freundin:
„Il levar del sole.“
Helge bog den Kopf weit zurück und starrte in das kühle Blau der Himmelskuppel. Jetzt schoß ein Sonnenstrahl hervor, die höchste Spitze der Wassersäule des Brunnens streifend. Die Tropfen da droben funkelten azurblau und golden.
„Ah — Gott segne Euch alle miteinander, ich bin so schauderhaft müde,“ sagte Franziska und gähnte so laut sie konnte. „Uuh, so kalt. Jenny, erfrier dir deinen zarten Körperteil nicht auf den kalten Steinen — nun will ich zu Bett — subito.“
„Ja, müde.“ Heggen gähnte. „Wir wollen heim, Herrschaften. Das heißt, ich trinke erst eine Tasse kochende Milch auf meiner Latteria. Gehen wir also?“
Sie schlenderten die Spanische Treppe hinab. Helge betrachtete all die kleinen grünen Blättchen, die zwischen den weißen Steinstufen hervorlugten.