Anmerkungen zur Transkription

Im Original gesperrter Text ist so dargestellt.

Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am [Ende des Buches].


GESTALTEN
DER WILDNIS

CHARLES G. D. ROBERTS

GYLDENDAL'SCHER VERLAG A. G. BERLIN


Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Balder Olden.
Umschlag- und Titelzeichnung: A. Behrmann und G. Kirchbach.
Zeichnungen im Text von K. Hansen-Reistrup.

Alle Rechte vorbehalten.

1921
Druck: Gyldendal'scher Verlag A. G., Abt. Buchdruckerei
Berlin SW 68


INHALT

Seite
Wie der »Oberst« zu Gallaghers kam [7]
Der See-Tiger [25]
Eindringlinge [42]
Ismael in den Schierlingstannen [57]
Ein Jahr ohne Kaninchen [71]
Unter gespenstischen Lichtern [86]
Stromfahrt durchs Feuer [101]
Mütter des Nordens [122]
Ein bedrängter Hausvater [132]
Puck im Zwielicht [150]
Schläfer im Schnee [164]

Wie der »Oberst« zu Gallaghers kam

Die Mannschaft in Gallaghers Lager war nur klein. Acht Paar Fäuste außer Boß und Koch.

Die weitabgelegene und eng begrenzte Waldfläche, die sie abzuholzen hatten, lag in dem Tal, in dem der wilde Ottanoonstrom aus einem Teich entspringt. Aus unerforschlichen Gründen haben die Holzfäller es das »Zwei-Seen-Tal« genannt. Heute, es war heiliger Abend, war viel Unzufriedenheit im Lager, die der große Tim Gallagher, der wohlwollende Boß, nicht beruhigen konnte. Selbst Jimmy Dillyhunt, der findige Koch, wurde ihrer nicht Herr, so beredt er auch den Plumpudding schilderte, den er für morgen vorbereitete. Einen Plumpudding mit viel Rosinen, der in heißer, würziger Sauce dampfte! Was die Jungens brauchten, war frisches Fleisch. Das ewige: Salzfleisch, Pökelfleisch, Salzfleisch, Pökelfleisch hatten sie satt bis zum Hals. Sie hatten für Weihnachten auf Gänsebraten gerechnet und zwar auf viel. Und wenn es nicht Gans war, dann frischen Rostbraten, recht blutig und saftig und braune Sauce dazu, soviel, daß die Kartoffeln drin schwammen.

Und jetzt wieder Pökelfleisch! Anscheinend gab es davor kein Entrinnen.

Der kleine Pat Nolan brachte das Empfinden Aller zum Ausdruck, als er brummte:

»Wenns nicht eine Sünde wär', möchte ich sagen, daß ich Schweine hasse! Ich habe soviel davon im Bauch, daß ich im Schlafen schon grunze!«

Der Boß hatte keine Schuld, noch viel weniger Jimmy Dillyhunt. Ein ganz unerwarteter Schneefall, Sturm auf Sturm, Orkan auf Orkan hatten die Waldwege plötzlich so tief vergraben, daß man aus den weitabgelegenen Bauernhöfen keine frischen Vorräte beziehen konnte. Wann diese Vorräte, frisches Fleisch und Gemüse, die Zufriedenheit und gute Laune in den Holzfällerlagern erhalten, zu beschaffen waren, wußte niemand.

Um die Geschichte noch schlimmer zu machen, waren die großen Seeforellen, die das Jahr zuvor noch den Zwei-Seen-Teich bevölkerten, durch eine Bande von Dynamitwilderern glatt ausgerottet worden. Um allem die Spitze aufzusetzen, waren Elen und Renntier anscheinend in Geschäfte verwickelt, die sie irgendwo anders festhielten. Während der letzten vier oder fünf Tage waren zwei der Männer immer unterwegs, um ein Elen oder Renntier zu schießen oder vielleicht einen Bären im Winterschlaf zu erlegen. Aber nicht ein armseliges Kaninchen hatten sie nach Hause gebracht.

An diesem Nachmittage also hatten die Burschen zeitig aufgehört zu arbeiten, um den heiligen Abend zu feiern und sich recht bequem und behaglich ihrem Mißvergnügen zu überlassen. Um den warmen Ofen gelagert, oder schlemmerhaft in die Koje verkrochen, verwandten sie alles was sie an Geist besaßen, darauf, Tim Gallagher, den Boß, zu necken, oder auf dem fleißigen und vielgeplagten Jimmy Dillyhunt herum zu hacken.

Mit dieser Art Zeitvertreib schafften sie sich ein bißchen Aerger vom Herzen. Es war wirklich unterhaltend, zu sehen, wie Jimmy sich beim Brotkneten in Hitze bringen ließ, wie er endlich sein mehlverkleistertes Gesicht zeigte und schreckliche Beleidigungen gegen die Vorfahren seiner Gegner ausstieß, oder wie er die beiden teigigen Fäuste hob, auf und ab sprang und jeden seiner Quäler zum blutigen Boxkampf herausforderte. Da Jimmy nicht nur ein erstklassiger Boxer, sondern vor allem ein mehr als vorzüglicher Koch war, wurden diese Kämpfe aber immer in elfter Stunde durch eine Entschuldigung verhindert. Man durfte es nicht zulassen, daß ein Koch wie er sich ernsthafter Gefahr aussetzte.

Der Boß seinerseits wurde aus zwei gewichtigen Gründen niemals wütend. Erstens war er verträglich und liebte es, wenn die Jungens ihren Spaß hatten, selbst auf seine Kosten. Außerdem hatte kein Mensch die Absicht, ihn wirklich zu ärgern. Es war eine weit verbreitete und tief begründete Ueberzeugung: wenn Tim Gallagher wirklich einmal wütend würde, wäre es für jemand sehr unangenehm – und dieser jemand würde nicht Tim sein.

Wenn also wirklich einmal (es geschah nicht oft) die Neckerei der Jungens ihm unangenehm wurde, legte der Boß sein verwittertes Gesicht in gewisse Falten, und sofort verlor selbst Eph Babcock jeden Stachel. So sehr auch Tim Gallaghers Autorität angetastet werden konnte: es genügte, daß er ein ernsthaftes Gesicht machte, sie wieder aufzurichten. An diesem heiligen Abend aber fanden die Burschen, obwohl sie nur ins Lager gekommen waren, um zu schimpfen, daß selbst Schimpfen und Jimmy ärgern seinen Reiz verlor. Der lange Eph und Evan Morgan, die an diesem Morgen gejagt hatten, waren mit leeren Händen zurückgekommen. Alles versank in Melancholie. Sie fingen an, zu besprechen, was sie gern zu essen hätten, wenn Tim Gallagher sie nicht so kurz hielte, und wenn sie einen Koch hätten, dessen Kopf keine Teigkugel wäre.

»Der Teufel hole deinen Plumpudding, Jimmy,« sagte der lange Eph, und dann fiel ihm ein, daß Jimmy Dillyhunt französischer Abstammung war.

»Gib uns was von deiner patty dee foy grass, oder Froschragout.«

»In dem Topf, den ihr kriegt, ist sowas drin,« antwortete Jimmy in einem Englisch, das kein bißchen ausländisch klang.

»Was ich möchte,« murmelte Pat Nolan in einem Ton von Verklärung, »das wäre gebratener Truthahn mit Trüffeln und Austern, wie wirs damals in Frederikstown hatten. Ob ich sowas je wieder in die Futterlade bekomme?«

Bei dieser Vorstellung litt jeder Tantalusqualen, und sogar der Boß schimpfte: »Hör auf, Pat!«

»Jungens,« schrie Evan Morgan mit einem seligen Blick in den Augen, so wie seine Waliser Vorfahren dreingeschaut haben müssen, wenn sie unter den Türmen von Harlech dem Klang der Harfen lauschten – »Jungens, hat je einer von euch so einen saftigen Bärenschinken gegessen, einen Bärenschinken mit Blaubeeren?«

»Meinst du, du allein,« schimpfte Sam Oulton aus seiner Koje mit einer Stimme, die unter den Qualen der Erinnerung giftig klang.

»Sei gut, Sammy,« ulkte Eph Babcock, der lange Mann aus Androscoggin, »häng heut Nacht deine Strümpfe 'raus. Wenn sie nicht schmutzig sind, kommt vielleicht der heilige Nikolaus und wirft dir ein Stück Bärenschinken 'rein.«

Der schwere Körper des Boß, der gleichgültig auf der Ofenbank lungerte, saß plötzlich kerzengerade da. Gallagher hatte ein scharfes Ohr, und er hörte nicht auf das Geschwätz seiner Leute.

»Aufgepaßt, Jungens,« sagte er, »irgend jemand kommt!«

Durch den Schnee vor dem Tor kamen Schritte, schwer, aber schlürfend und unsicher.

Daß ein Besucher, ein einsamer Fußgänger in dieser Jahreszeit den Weg zu einem so abgelegenen und einsamen Lager wie dem Gallaghers fand, war etwas Unerhörtes. Die Holzfäller sind meistens abergläubisch. Sie dachten sofort an den Klabautermann oder an ein schreckliches Schneegespenst. Das Haar stand ihnen zu Berge, totstill wurde das Lager.

Aber Eph Babcock war in erster Linie neugierig. Obwohl auch er abergläubisch war, hätte er der Abwechslung halber selbst Beelzebub willkommen geheißen. Er tat einen Schritt auf die Tür zu. Pat Nolan lag es auf den Lippen, zu schreien: »Geh' nicht!« Aber er beherrschte sich.

Eph stieß die Tür weit auf.

Im nächsten Augenblick lief er mit einem halbunterdrückten Schrei zurück und langte nach seinem Gewehr, das an seiner Bettstelle lehnte, gerade hinter dem Sitz des Boß.

Schnurstracks in den Raum, geblendet vom Lampenlicht, aber nicht erschreckt durch den Anblick menschlicher Gesichter, kam mit wiegendem Schritt ein riesiger schwarzer Bär.

Als er das Ende des langen Tisches erreicht hatte, hob sich der seltsame Gast auf die Hinterfüße und so stand er da, eine mächtige Gestalt wie Tim Gallagher, die großen Pelzpfoten demütig über der breiten Brust gekreuzt. Flehend blickte er um sich, dann begann er zu keuchen wie ein Motor, denn in der rauchigen Luft fing seine Nase einen rätselhaften, aber im ganzen höchst erfreulichen Duft auf.

Jimmy Dillyhunt ließ sein Taschenmesser einschnappen und kroch bescheiden hinter seinen Kochherd. Er empfand, wie wertvoll das Leben eines Kochs war. Die übrigen Burschen, die natürlich nicht erschrocken, aber beim Erscheinen eines gänzlich Fremden in ihrer Mitte etwas verlegen waren, hatten sich im Augenblick höchst bescheiden in ihre Kojen zurückgezogen. Alle, außer Evan Morgan. Der konnte sie nicht erreichen und stand deshalb sehr aufrecht und respektvoll, kein bißchen herausfordernd, in der nächsten Ecke – das heißt, in der Ecke, die für ihn die nächste war, nicht für den Bären. Alle Aexte waren draußen, und die einzigen Flinten, außer der Eph Babcocks, standen in der Tür unmittelbar hinter dem Bären. Evan Morgan sah sie nachdenklich an, aber sie schienen ihm zu weit weg. Nur der Boß war nicht überrascht. Er behielt seinen Platz und betrachtete kaltblütig den Gast.

Vielleicht zehn Sekunden lang stand der Bär bewegungslos und schien den überraschten Augen in diesem Kreis größer als ein Elefant. So still war es, daß das Rascheln einer Maus im Dach wie Gepolter klang. Einen Augenblick sah der Bär bestürzt aus. Dann fielen seine Augen auf einen großen Blechtopf, der nahe vor ihm auf dem Tisch stand. Vor zwei Minuten noch war der Topf voll dampfender Bohnen gewesen, die Jimmy gerade in ein anderes Gefäß geleert hatte. Jetzt war außer ein paar Bohnen nur der verführerische Duft zurückgeblieben.

Gierig, aber doch mit einer gewissen Schüchternheit, streckte der Bär seine mächtige Pfote aus, zog den Topf zu sich und begann ihn auszulecken, wobei er ein höchst unmanierliches Geräusch machte. In diesem Augenblick hatte Eph Babcock sein Gewehr erreicht, riß es vom Haken und hob es an die Schulter. Aber bevor er den Drücker berühren konnte, fiel ihm eine gewichtige Hand auf den Arm.

»Halt, wart!« befahl der Boß in einem leisen, aber sehr bestimmten Ton. Er glaubte, daß der enge Raum kein gutes Feld für einen Kampf auf Tod und Leben sei.

Babcock hielt an und wartete, obwohl er der Meinung war, der Boß sei närrisch geworden. Er nahm das Gewehr von der Schulter, sah in das Magazin und machte ein Gesicht wie ein Schaf.

»Nicht geladen!« murmelte er in einem Ton von Entschuldigung, aber ohne zu sagen, ob sie dem Boß oder dem Bären galt.

»Wir sollen wohl den schönen fetten Schinken verlieren, den Evan gemeint hat!« protestierte Sam Oultons Reibeisenstimme aus einer Koje heraus. Aber ein verhaltenes Brummen kam aus der ganzen Reihe von Betten, denn alle stellten fest, in welch peinlicher Lage Eph Babcock war. Er hatte keine Patronen, und jeder konnte sehen, wo die Patronen waren. Wohl gefüllt hingen zwei Gürtel an einem Haken.

Auf Oultons Widerspruch gab der Boß keine Antwort. Anscheinend war er durch den Bären zu abgelenkt, um auf irgend etwas anderes zu achten. Die meisten der Burschen in ihren Betten konnten sich jetzt nicht mehr verhalten, ihre Ratschläge zu geben, wie irgend ein anderer die Patronen greifen und sie Eph Babcock hinüberreichen könnte. Aber keiner der zweifellos guten Ratschläge wurde ausgeführt. Denn gerade in diesem Augenblick wurde das Verhalten des Gastes so bemerkenswert, daß jeder vergaß, was er selbst hatte sagen wollen.

Als er den Topf leergeschleckt hatte, sah der Bär auf und winselte. Es war klar, daß er Bohnen gern fraß und mehr davon wünschte. Er schien schlichte Hausmannskost zu schätzen, und das entlockte den Helden in den Kojen lange Seufzer der Erleichterung.

Der Bär schwankte unruhig von einem Fuß auf den andern, dann nahm er den Topf in seine Vorderpfoten, machte Kehrt und marschierte geradeswegs auf Jimmy Dillyhunt zu. Es war eine rührende Bitte, aber Jimmy schien sie absolut nicht zu verstehen. Mit dem Messer um sich fuchtelnd, protestierte er laut gegen die besondere Beachtung, die er unter seinen Kameraden nicht verdiene. In fliegender Eile gab er seinen Platz hinter dem Kochherd auf und erreichte die Gesellschaft Evan Morgans in dessen Ecke. Evan, der gerade im Begriff war, seine Selbstbeherrschung wieder zu erlangen, grunzte unliebenswürdig: »Warum so eilig, Jimmy?« Aber Jimmy brachte keine Antwort heraus.

Enttäuscht über das plötzliche Verschwinden eines Menschen, von dem er so viel erwartet hatte, ließ der Bär seine allzu leere Schüssel auf den Boden fallen. Das laute Klirren erschreckte ihn, und er sprang mit einem Hops zur Seite, wie ein Mädchen, das beinahe in eine Pfütze getreten wäre. Dabei aber bekam er den großen Topf mit Bohnen zu sehen, den Jimmy zum Aufwärmen vorn auf den Herd gestellt hatte. Wie gut sie rochen! Mit einem Brummen tiefer Befriedigung nahm er ein Maul voll.

Nun waren die Bohnen, ganz gewiß ein vorzügliches Gericht, nicht für ihn angerichtet. Sie waren heiß. Der Bär war erschreckt und schmerzlich berührt, als er merkte, wie heiß sie waren. Die Augen geschlossen und die Kinnbacken verkrampft, versuchte er, sie im Maul zu behalten. Aber es war zuviel für ihn. Mit einem lauten »uuh« spuckte er sie auf den Boden. Und dann warf er einen erbärmlichen Blick rund um sich, während er bald mit der einen, bald mit der anderen Tatze wehleidig seine Nase rieb. Sein Blick rührte Pat Nolan, dem gutherzigen kleinen Iren schien er ein berechtigter Vorwurf.

»Ich hab das nicht gemacht, ich nicht!« murmelte er im Ton herzlichen Bedauerns. »Es war ein gemeiner Witz, natürlich von Jimmy. Mindestens hätt' er dich warnen sollen.«

Irgend etwas in Pats Stimme schien dem Bären zu sagen, daß er bei ihm die Teilnahme finden würde, die bei dem ganzen Empfang bisher gefehlt hatte. Halb im Zweifel, aber nicht ohne Hoffnung, watschelte er quer durch den Raum auf Nolans Koje zu.

»Hab ich dir nicht gesagt, daß ich's nicht war!« protestierte Nolan leidenschaftlich. »Heiliges Ofenrohr, kann keiner von euch Kerls was tun, daß er mich in Ruhe läßt?«

»Das Gewehr rüber, Eph!« zischte Sam Oulton, der in seiner Koje krampfhaft herumgestöbert hatte. »Ich hab ein paar Patronen gefunden!«

Der Boß wollte dazwischen treten und ebenso Evan Morgan, der von Bären mehr verstand als die übrigen Holzfäller zusammen. Aber Eph Babcock hatte das Gewehr schon ergriffen, und eifrige Hände reichten es hinüber in Oultons Koje. Doch auch der Bär hatte es gesehen, und unter einem Chorus von Rufen des Staunens sprang er sofort danach. Gerade als die Flinte in Oultons Koje ankam und Oulton die Hände ausstreckte, um sie zu greifen, kam auch der Bär. Er war schneller, streckte seine schwere, schwarze Pfote aus und packte die Flinte. Oulton verschwand wieder in seinem Bette wie der Kopf einer Schildkröte in ihrer Schale. Der Bär aber nahm das Gewehr mit einem Ausdruck von Triumph über die Schulter und salutierte, stramm wie ein Soldat.

»Gott sei Dank, daß sie nicht geladen ist, Sammy,« piepste Shorty Johnson mit Fistelstimme aus dem Bett nächst der Tür. »Der Herr Oberst hätt' uns alle damit aus dem Lager 'rausgejagt.«

Der Boß und Evan Morgan – und auch der kleine Pat Nolan, der allmählich gemerkt hatte, daß mit diesem Bären was Besonderes los war, erlaubten sich, zu lachen. Die anderen aber blickten völlig verblüfft auf die unbegreifliche Vorstellung, die der schreckliche Gast ihnen gab. Für sie war es nur Zeichen einer übernatürlichen, also natürlich teuflischen Intelligenz. Sie hätten sich nicht mehr gewundert, wenn der Bär jetzt zur Tür gegangen wäre, den Patronengürtel heruntergenommen und die Waffe geladen hätte, die er so geschickt über der Schulter trug. Aber als er nicht aufhörte zu salutieren, den Rücken zur Tür, fingen sie an, zu Verstand zu kommen. Auch Sam Oulton erschien wieder auf der Bildfläche. Ohne zu bemerken, daß der Boß und Evan Morgan grinsten, steckte er den Kopf vor und schrie:

»Jetzt, Jimmy! Jetzt ist der Moment! Rasch, Mensch, setz' den Topp Bohnen draußen in den Schnee! Er geht hinterher. Dann können wir ihn draußen umbringen.«

Aber Jimmy hatte keine Eile, in die Bresche zu springen, obwohl die Bohnen eigentlich sein Ressort waren.

»Geh du und setz den Topf 'raus, Kleiner,« schlug er hinter dem Rücken des Boß vor, »du bist der nächste!«

»Halt den Mund, Jimmy,« unterbrach Pat Nolan, »wozu ein so freundliches Biest umbringen? Schau, was er sich für Mühe gibt. Er macht Kunststücke!«

»Der Teufel soll die Kunststücke holen!« schnarrte Sam, »der gibt frisches Fleisch für einen ganzen Monat!«

Aus mehr als einer Koje kam Widerspruch gegen Oultons blutdürstige Aeußerung, so plötzlich schlug die Stimmung im Lager um. Evan Morgan widersprach sogar sehr deutlich.

»Kannst du immer nur an deinen verdammten Bauch denken?« fragte er.

Sam Oulton wurde wütend.

»Was ihr Kerls braucht, ist 'ne Saugflasche,« schimpfte er. »Wenn das Lager ein verdammter Kindergarten geworden ist, dann werd ich das Biest allein umbringen!«

Und er tauchte, aber noch mit einer gewissen Vorsicht, aus dem Versteck seiner Koje auf.

Jetzt schien dem Boß, der die Situation allmählich verstanden hatte, sein Augenblick gekommen. Das Gewehr über der Schulter, stand der Bär noch immer da und salutierte. Aber es sah aus, als wartete er auf etwas.

»Marsch!« sagte der Boß mit scharfer Stimme.

Sofort marschierte der Bär vorwärts, mit strammen, aber vorsichtigen Schritten, quer durch den Raum und direkt durch die Gruppe, die der Boß, Evan Morgan, Eph Babcock und Jimmy Dillyhunt bildeten. Der Boß und Evan erwarteten ihn ruhig. Aber Eph und Jimmy drückten sich ängstlich auf die andere Seite des Tisches.

»Halt!« kommandierte der Boß, ehe der Bär zu nahe gekommen war.

Der Bär machte Halt und jeder stieß einen Seufzer aus.

»Jetzt, Sammy,« begann der Boß im Ton eines Orakels. »Jetzt laß das Geschwätz von Umbringen. Hast du keine Augen im Kopf? Es ist ein zahmer Bär, das ist er! Und glückselig, daß er zu Freunden kommt. Der ist lang genug im Wald 'rum geirrt. Gib acht, was für ein famoser Kerl das ist. Achtung!«

Auf das plötzliche, scharfe Kommandowort hin stand der Bär stramm. Aber er versuchte es zu rasch. Die Flinte fiel aus seiner breiten Pelzpfote und ratterte auf den Boden. Er zuckte nervös und klemmte die Augen zusammen, als erwartete er einen Hieb.

Zweifellos hatte Tim Gallagher recht. Es war ein dressierter Bär, der gekommen war, um Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Entzückt wie Kinder, sprangen die Männer aus ihren Betten.

»Famos ist der Oberst! Tu ihm nichts, weil er die Flinte hingeworfen hat, Tim!« schrie Johnson.

»Vielleicht studier' ich einen Ringkampf mit ihm ein,« sagte Eph, »das wär' was für den heiligen Abend!«

Oulton kroch verdrießlich in die Tiefe seiner Koje zurück und biß ein extra großes Stück Kautabak ab, um seine Zunge zu bändigen. Er sah ein, daß er zu sehr in der Minorität war.

Mittlerweile war Jimmy, dem sein Mißtrauen leid tat, in seinen Kochraum zurückgekehrt. Jetzt trat er vor und trug in der Hand ein langes Stück herrlicher Speckrinde. Der Bär roch es und öffnete die Augen. Er merkte, daß er für den Unfall mit dem Gewehr nicht bestraft werden sollte. Erst starrte er den Leckerbissen an, danach Jimmys dunkles Gesicht, und dann streckte er hoffnungsvoll, aber noch ungewiß die Pfote aus. Als Jimmy seiner Bitte nicht nachkam, glaubte der Bär, er müßte etwas ganz Besonderes tun, um den Preis zu bekommen, etwas sehr Schwieriges und Ungewöhnliches. Mit Gewinsel ließ er sich nieder, legte die Nase zwischen seine Beine, dann hob er langsam sein breites Hinterteil und stand endlich schön und elegant auf dem Kopf. Ein paar Sekunden lang balancierte er so; dann kam er langsam und grunzend auf allen Vieren zurück, nahm die aufrechte Haltung wieder ein und wandte sich schmeichelnd an Jimmy.

Das ganze Lager jubelte vor Entzücken.

»Gib's ihm, Jimmy! Du kannst es selbst nicht besser! Er hat's weiß Gott verdient! Mach' ein friedliches Gesicht, Jimmy, er hat Angst! Guter alter Oberst!« kamen Beifallsrufe von jedem einzelnen, ausgenommen Sam Oulton.

Jimmy gab die Speckrinde, und der Bär nahm sie vorsichtig in seine Krallenpfote.

»Leicht wie ein Damenhändchen!« schrie Pat Nolan in seiner Begeisterung.

Von diesem Augenblick an gestaltete sich der Abend zu einem Ehrenbankett. Gallaghers Lager bereitete dem Oberst – denn dieser Name, den Johnson gewählt hatte, blieb – einen Gala-Empfangsabend. Der Oberst war ein Bär von seltsamen und vielfachen Talenten und dabei von einem kindlichen Glauben an die Menschheit. Dies rührende Vertrauen in jedermanns Wohlwollen rührte die großherzigen und rasch bewegten Holzfäller, daß sie den Bären bald vergötterten, wie Kinder ein Baby. Es wurde ein schwerer Vorwurf gegen Eph Babcock, daß er im ersten Augenblick ungerechtfertigten Entsetzens nach seinem Gewehr gerannt war.

»Eph,« sagte Pat Nolan, »hättest du nur ein Haar auf seinem Kopf gekrümmt, es täte mir leid, aber dann hätt' ich dir mit dieser Hand hier die Därme aus dem Bauch gerissen!«

»Und das hätt' ich auch verdient, Pat,« gab liebenswürdig der Mann aus Androscoggin zu. Außer Oulton waren alle vergnügt. Der aber, beleidigt und zornig, sprach den Abend über nicht ein Wort; er schenkte den schönsten Kunststücken des Bären kaum einen Blick. Daß er trotzdem voll Interesse war, wußte das ganze Lager.

Das war eine große Sache für Gallaghers Lager!

Der Oberst war der erste, der das Fest abbrach. Jeder mußte zugeben, daß er das Recht dazu hatte, denn er allein hatte ja die Kosten getragen. Er wollte schlafen und zeigte das an, indem er rings in den Ecken einen Platz suchte, um sich niederzulegen.

Im dicken Fell an seinem Hals zeigte eine abgeschabte Stelle, daß er früher ein Halsband getragen hatte. Aus einem alten Geschirr-Riemen machte der Boß ihm ein neues und führte ihn, der sanft gehorchte, zu einem Schuppen, der dem Lager als Schmiede diente. Ein großer Arm voll Stroh wurde aus der Scheuer gebracht, und der Oberst ließ sich darin nieder, mit einer Miene wie der verlorene Sohn, der heimkehrt und sich dessen freut.

Am nächsten Morgen verordnete der weise Boß, daß der Oberst vor dem Mittagessen das Haus nicht betreten dürfe. Seine Absicht dabei war, eine gewisse Frische des Interesses für das Fest zu bewahren, daß die Männer sich amüsierten und nicht wieder anfingen, über den Mangel an frischem Fleisch zu schimpfen. Den ganzen Morgen lang, wie gewöhnlich an Sonn- und Feiertagen, beschäftigten sie sich irgendwie im Lager. Wuschen, flickten, rauchten im Haus oder balgten sich draußen im Schnee herum.

Als der Oberst gleich nach dem Frühstück herausgelassen wurde, war noch niemand im Freien, sonst wäre er zweifellos »zuhause« geblieben, um mit seinen Freunden zu spielen. Da er niemanden traf und keine Erlaubnis bekam, das Haus zu betreten, durchforschte er sorgfältig das ganze Gehöft, erschreckte die Pferde, indem er an der Stalltür herumschnüffelte, und dann watschelte er gemächlich in den Wald.

»Er wird bald zurückkommen,« sagte Gallagher, »der Oberst ist ein braver Kerl, wenn man ihn richtig behandelt.«

Und Gallagher hatte recht. Er verstand Menschen und Obersten. Etwa um halb zehn Uhr morgens, als Eph Babcock und Johnson vor der Tür des Lagers einen Ringkampf aufführten, sah man den Bären oben am Waldrand auftauchen. Darin war sonst nichts Auffallendes. Aber seine Bewegungen waren so merkwürdig, daß die beiden Kämpfer gleichzeitig voneinander ließen und hinauf starrten. Ihr Ruf brachte das ganze Lager vor die Tür.

»Er scheint sich gut zu amüsieren, ganz allein!« bemerkte Evan Morgan von der Schwelle her.

»Durchaus nicht allein,« verbesserte der Boß.

»Also wahrhaftig, der Teufel soll mich frikassieren, wenn er nicht ein großes Stachelschwein bei sich hat!« rief Babcock.

»Und das Stachelschwein jagt ihn,« schrie Pat Nolan voll Staunen.

Er hatte recht, wenigstens in gewissem Sinne. Der Oberst torkelte und kullerte von einer Seite auf die andere, wie ein riesiger, neugeborener Hund, vor dem wütenden Stachelschwein, das ihm nachrückte, jeden Stachel aufgerichtet, daß es wie ein großer Binsenkorb aussah. Der Oberst kam rückwärts aufs Lager zu, als wünschte er, daß seine Freunde das neue Spielzeug sähen, dies drollige, böse, kleine Tier, das er im Wald aufgegabelt hatte.

»Er wird sich die Pfoten voll Stacheln machen,« rief Johnson, »und wir haben dann eine Satansarbeit, bis wir sie 'rauskriegen, Tim; ich bin froh, daß es dein Bär ist und nicht meiner!«

Sam Oulton machte ein Gesicht, als ob die eben eröffnete Aussicht ihm nicht unangenehm wäre.

»Reg' dich nicht auf, Kleiner,« raunte der Boß, »er macht sich nicht zum Narren, er weiß, wie man mit einem Stachelschwein umgeht.«

Tatsächlich gab der Oberst wohl acht, daß er den gefährlichen Stacheln nicht zu nahe kam. Wie zum Spaß streckte er bald die eine, bald die andere Pfote aus und stieß gegen das kleine Tier, aber niemals so, daß es zu einer Berührung kam.

Das Stachelschwein war sichtbar in unglaublicher Wut über diesen Quälgeist. Ein Stachelschwein ist nicht nur furchtlos, sondern auch sehr dumm, und wenn es sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, läßt es sich nur durch den Tod oder ein gutes Fressen davon abbringen.

In diesem Falle hatte das Stachelschwein sich entschlossen, den Oberst zu verfolgen. Zweifellos in der Hoffnung, ihm die Haut mit seinen Stacheln zu zeichnen. Da der Oberst sich auf das Lager zurückzog, kam auch das Stachelschwein ins Lager, gleichgültig, was daraus wurde. Ein altes Stachelschwein, das in seinem Leben schon einiges mitgemacht hat, würde in seinem Zorn ein verschanztes Heer angreifen.

Jimmy Dillyhunt fand seinen Augenblick gekommen. Als des Obersten Flucht das Stachelschwein schon auf fünfzig Meter ans Lager herangebracht hatte, sprang er plötzlich, mit einem Schüreisen bewaffnet, vor. Er stieß den erstaunten Oberst zur Seite und traf das Stachelschwein auf die Spitze seiner stumpfen Nase. Der Wald aufgerichteter Stacheln sank zurück. Mit einem Zucken seiner stämmigen, kurzen Beine überrollte es sich und war mausetot.

Der Oberst setzte sich auf seine Keulen und starrte Jimmy bewundernd an. Die übrigen Zuschauer brüllten Beifall, in ausgewählten Worten, die sich aber nicht wiedergeben lassen. Jimmy nahm das leblose Tier vorsichtig an seinen unbewaffneten Vorderpfoten und trug es fort.

»Großartiges Essen, ein Stachelschwein, wenn's richtig gekocht wird!« sagte er, grinste triumphierend und verschwand in seinem Heiligtum.


Es war allerdings nur ein Stachelschwein, aber ein extra großes und fettes, und Jimmy verstand die Kunst, zu »strecken«. Mit einer Menge von Klößen machte er ein Gulasch daraus, in dem er – es muß zugegeben werden – auch ein gewaltiges Stück Salzfleisch, kleingehackt, unterbrachte. Da schon sehr wenig Stachelschwein sehr viel Geschmack gibt, schmeckte auch das Schweinefleisch im Gulasch danach, und niemand hatte Grund, sich zu beschweren. Das Mittagessen wurde ein nie dagewesener Erfolg.

Bei diesem Festmahl wanderte der Oberst hinter den Gästen auf und ab und dankte feierlich für die Leckerbissen, die jeder ihm eifrig zusteckte. Endlich kam er zu Sam Oulton, dem er bisher, wegen Mangel an Entgegenkommen, aus dem Wege gegangen war. Es entstand eine Pause, jeder wartete ab, was der unberechenbare Sammy tun würde.

Oulton blickte auf des Obersten vertrauensvollen Kopf, der neben seinem Ellbogen erschien. Er zögerte, grinste liebenswürdig, aber etwas dämlich, dann wischte er sich mit dem Aermel seinen Mund, hob seine große, blecherne Kaffeetasse und sprang entschlossen auf.

»Herr Bä … ich wollte sagen, Herr Oberst!« rief er. »Das ist ein richtiges Weihnachten für Sie und Viele! Sie sind der einzige wirkliche Kavalier in diesem Lager, denn Sie sind der Einzige in der Gesellschaft, der Bildung genug hat, seinen Freunden ein Weihnachtsgeschenk zu machen!«

Und dann leerte er seine Blechtasse aufs Wohl des Obersten!


Der See-Tiger

Durch die breiten, tief-grünen Wellen, deren Kämme eine milde Brise streichelte, kam die Orca-Kuh friedlich herangewälzt, und an ihrer Seite schwamm das Kalb. Von Zeit zu Zeit rieb es sich an der Mutter, als sei es ängstlich vor den weiten, gefährlichen Meereswogen, und suchte Schutz unter ihren mächtigen Flossen. Die Orca-Kuh aber, unter allen Müttern der Wildnis eine der besorgtesten und treuesten, drängte ihr Junges von Zeit zu Zeit mit der großen Flosse an seine Seite oder streichelte es zärtlich mit seiner ungeheuren runden Schnauze.

Sie war gut 19 bis 20 Fuß lang, die große Orca. Ein Seemann oder Fischer, dessen Auge zufällig auf sie fiel, hätte sie »Mord-Wal« genannt. Er hätte sie sofort und unter allen Angehörigen ihrer Wal- und Tümmler-Familie herausgekannt, an der riesigen Rückenflosse, die nicht viel weniger als fünf Fuß hoch über dem breiten und massiven Schwanze über ihrem Rücken stand, an den beiden auffallenden weißen Streifen ihrer schwarzen Flanke und an der scharf gezeichneten Linie ihres milchweißen Bauches, der sorglos auf dem Rücken einer Welle ruhte. All dies waren Anzeichen von Gefahr, die kein Wissender übersehen hätte.

Das Kalb der Orca hatte wenig Grund zur Sorge, solange es sich nahe seiner Mutter hielt. Denn dies schnellste und wildeste aller Waltiere fürchtete kein schwimmendes Geschöpf, höchstens ihren riesigen Vetter, den Pottfisch oder Pottwal. Nur zwanzig Fuß lang, attackierte und tötete sie durch die Wildheit ihres Angriffs sogar den großen Tranwal, den man den »richtigen« Wal nennt. Obwohl der viermal so lang ist und vielfach ihr Gewicht hat. Den Menschen hätte sie gefürchtet, doch hatte sie nie seine Macht kennen gelernt. Arm an Tran, hatte ihre Familie den Menschen nie zu einer so schwierigen und gefährlichen Jagd verlockt. Wohl gab es Haie, die ihr an Größe ebenbürtig waren oder sie übertrafen, aber kaum einen, der ihr an Wildheit, Schnelle und List gleichkam. So durfte sie in sorgenloser Behaglichkeit durch die glatte, unbewegte See faulenzen, gleichgültig gegen die Brandung an den gelben Klippen zu ihrer Rechten und die offene Weite des Ozeans zu ihrer Linken. Alle Aufmerksamkeit, die sie nicht auf die kindlichen Reize ihres Kälbchens verwandte, widmete sie der Aufgabe, die durchsichtigen Tiefen unter sich abzusuchen, denn dort verbarg sich der große Tintenfisch, ihre häufige Beute.

Ganz plötzlich tauchte sie unter; es entstand kein anderer Laut, als das dumpfe Gurgeln des Wassers, das sich über ihr schloß. Tief unten in der Dunkelheit hatte sie einen blassen, trägen Körper erspäht. Es war ein See-Polyp, der töricht genug gewesen, sein Standquartier zwischen den Felsen auf dem Meeresgrund zu verlassen und fremde Jagdgebiete aufzusuchen. Bevor er Zeit gefunden hatte, auch nur an Flucht zu denken, war er in den mächtigen Kinnbacken des Mordwals. Einen Augenblick lang zitterten seine acht langen Fühlhörner verzweifelt und tasteten an die Lippen des Jägers. Dann verschwanden sie, das ganze Tier war mit einem Schluck vertilgt und verschwunden. Friedlich kehrte die Orca zum sonnenhellen Meeresspiegel zurück, zu ihrem ängstlichen Kalb, das nicht flink genug war, der Mutter auf ihrem Jagdzug zu folgen. Sie war nicht zwei Minuten lang abwesend gewesen und nicht einen Augenblick außer Gesicht, aber der Instinkt des Jungen traute dem milden blauen Element nicht, daß für ein Baby voll von Gefahren war.

Der Polyp, obwohl ein stattlicher Geselle, hatte für den großen Mordwal nicht mehr bedeutet, als einen leichten Imbiß, nur den Erreger für seinen gewaltigen Appetit. Jetzt suchte das Auge der Orca lebhafter in den Tiefen. Auf einmal bekam die blau-grüne Tiefe des Wassers einen helleren, metallischen Schimmer, kaum dreißig Fuß unter dem Meeresspiegel erschien die weiße Linie eines Riffs und fing das Licht. Hier sonnte sich ein breites flaches Tier, das einem großen Pilz nicht unähnlich war, mit flügelartigen Flossen, die wohl zwölf Fuß im Durchmesser hatten, und einem langen Schwanz, der einer Peitsche glich. Seine kalten, unbewegten Augen starrten empor und bemerkten den Körper des Mordwals! Mit einem kaum wahrnehmbaren Schwung der schwarzen Flossen glitt es von seinem Riff und floh in die Tiefe.

Aber der riesige Rochen war nicht schnell oder verstohlen genug, um dem Blick seines Feindes zu entgehen. Wieder tauchte die Orca, diesmal ohne Geräusch zu vermeiden, und so plötzlich, daß ihre breiten Schaufelflossen auf das Wasser aufknallten. Wie ein Senkblei stieß sie in die Tiefe. Der Rochen, der sie sah, geriet in Panik. Er wich zur Seite aus und schoß wieder empor, in rasender Eile und mit einem herrlichen Schwung. Mit der Gewalt dieses Auftriebs warf er seinen ganzen schwarzen, bebenden Leib schlank in die Luft, wo er sich drehte und eine Sekunde lang tropfend hing, als hätte ihn der Wahnsinn seiner Angst ein neues Element erobern lassen. Dem nervenschwachen Kalb war das ein schreckliches Wunder, darüber die Sonne fast erlosch. Aber der heftige Ausflug in die Luft dauerte nur diesen einen Augenblick lang und war so nutzlos, wie er kurz war. Als die flachen schwarzen Flossen laut klatschend wieder auf die Flut prallten, fing die streitbare Orca ihre Beute auf, ergriff sie und zog sie hinunter. Es war kein Kampf, der Rochen war machtlos gegen seinen gewaltigen Gegner – nur ein kurzes blind-wütiges Toben in schäumenden Wellen, dann blutiger Schimmer im Grün der See.

Das war jetzt ein ausreichendes Mahl gewesen, selbst für einen Appetit wie den der Orca. Unbenutztes Ueberbleibsel davon trieb umher und sank unter, um die zahllosen Gassenkehrer von Krabben zu nähren, die in den Ritzen und Höhlen des überspülten Riffs lungerten. Die Orca blieb, für eine halbe Stunde etwa, wo sie war, wälzte sich friedlich in dem hellen Wasser über dem Felsen, säugte und liebkoste ihr Kalb und verdaute ihr Mahl. Dann setzte sie friedvoll die Reise fort, aber landeinwärts gerichtet, bis sie nur noch eine halbe Meile weit von der Kette kleiner Inseln und bröckliger Vorberge war, die jene gefährliche Küste umschlossen.

Es war noch nicht voller Mittag und das wolkenlose Sonnenlicht fiel fast senkrecht auf den Meeresspiegel, durchleuchtete die See bis zu erstaunlicher Tiefe. So etwa in halber Höhe des durchsichtigen Glanzes schwamm sorgenlos ein großer Tintenfisch. Sein schneller, spitzer Körper war etwa sechs Fuß lang und an seiner breitesten Stelle, nämlich dem Kopf, hatte er einen Durchmesser von 12–14 Zoll. Aus diesem formlosen Kopf wuchs ein Bündel von Fühlhörnern, wie Blätter aus einer Mohrrübe wachsen, etwa zehn an Zahl und jedes so lang wie der ganze Körper des Tieres. Körper und Fühlhörner waren von gleicher blasser, schmutzig-gelb-grüner Farbe mit bräunlichen Flecken – eine Farbe, die ihren Träger in dieser sonnenbestrahlten See fast unsichtbar macht. Die Bewegung dieser Sepia war nach rückwärts. Sie geschah nicht durch Arbeit der Fühlhörner, sondern dadurch, daß ein großer muskulöser Sack unter den Fühlhörnern ein Maß Wasser aufsaugte und mit Macht wieder von sich stieß. So sah es aus, als atmete der Fisch das Wasser ein und blies sich damit selbst von der Stelle.

Nach dem Festessen, das die Orca sich mit dem gewaltigen Rochen geleistet hatte, war sie durchaus noch nicht hungrig. Aber der saftige Bissen, den dieser Tintenfisch bot, war eine Versuchung, der sie nicht widerstand. Leicht niedertauchend, schoß ihr schwerer, aber fein geformter, schwarz-weißer Körper in die schimmernde Flut. Doch der Tintenfisch blickte auf und sah sie, bevor sie ihn erreicht hatte! Im selben Augenblick schlossen seine zehn losen Fühlhörner sich zu einem harten Bündel, das seine Bewegung nicht hinderte. Seine blassen Flanken zogen sich mächtig zusammen, er stieß Wasser aus und schoß davon, schneller als ein Torpedo aus dem Lauf fliegt. Und zugleich stieß er aus einer Drüse in jenem Sack, dessen Arbeit ihn bewegte, eine Masse schwarzer Flüssigkeit, die sofort eine gewaltig-dunkle Wolke erzeugte und seine Flucht ermöglichte. Außerhalb dieses Verstecks wechselte er die Richtung und floh einer tiefen Höhle auf dem felsigen Grund zu, in der er sich vor den Kinnbacken seiner Feindin sicher wußte.

Die Orca wühlte sich furchtlos in die tintige Wolke hinein, aber im tiefen Dunkel verlor sie jede Spur der ersehnten Beute. Ja, für einen Augenblick verlor sie sich selbst. Hierhin und dorthin ließ sie ihre mächtigen Kinnbacken schnappen, aber immer vergeblich. Was sie erfaßte, war leeres, gefärbtes Wasser. Endlich schnellte sie wieder aus dem Schwarzen in's durchsichtige Grün. Aufwärts spähend erblickte sie so Entsetzliches, daß sie mit fast titanischer Anstrengung an die Oberfläche zurückkehrte. So leidenschaftlich war der Stoß ihrer mächtigen Flanke, daß die Wasser der Tiefe wie unter den Schrauben eines Dampfers aufkochten.

Das Kalb hatte seiner Mutter erst in die Tiefen folgen wollen, hatte sich dann aber vor der schwarzen Wolke gefürchtet, in der die Mutter verschwand. Angstvoll war es an die Oberfläche zurückgekehrt und schwamm dort ziellos, sehnsüchtig umher, als ein wandernder Haifisch es erblickte.

Der Hai wußte wohl, mit wem er es zu tun hatte. Er spähte rundum nach der Mutter, denn gegen eine Mutter-Orca wollte er nicht unhöflich sein. Aber es war keine Mutter in Sicht. Er verstand das nicht. Aber er war toll vor Hunger, und eine solche Gelegenheit war unwiderstehlich. Mit einem Ruck schnellte er gegen das Kalb, warf sich, ihm zur Seite auf den Rücken, um die Beute zu fassen, und zeigte dabei seinen hellen weißen Bauch. Das Kalb verzagte beinahe, als es einen schwarzen, dreieckigen mit unzählbaren Zähnen bedeckten Rachen sah, der sich plötzlich vor ihm auftat. Im letzten Moment riß es sich los und schwamm im großen Bogen dorthin, wo die Mutter niedergetaucht war.

Wieder schleuderte der Hai sich heran, aber um seine seltsam vorgebaute Kinnlade brauchen zu können, mußte er sich abermals auf die Seite drehen, und das Orca-Kalb besaß schon das Fluchtvermögen seines Stammes. So mißglückte der Angriff zum zweiten Mal. Bevor der Hai ihn zum dritten Male wiederholen konnte, erspähte er die Mutter, die aus den grünen Tiefen emporschoß. Und obwohl er gut 25 Fuß lang war – wohl fünf Fuß länger als die Orca – wandte er sich und floh, sein Leben zu retten.

Ein Blick beruhigte die Mutter: ihr Kleines war unverletzt! Dann machte sie sich an die Verfolgung des Angreifers, mit einer Geschwindigkeit, die seine Flucht ganz vereitelte. Nicht fünfzig Meter weit war er gekommen, als sie schon, mit offenem Rachen, über ihm war. Er warf sich krampfhaft zur Seite, und so glückte es ihm, dem ersten Angriff auszuweichen. Mit dem Mut der Verzweiflung wand er sich unter sie, drehte sich zum Biß, kam an den Bauch der Feindin und bohrte seinen dreieckigen Rachen ein. Aber sie hatte schon halb pariert, und er fand keinen wirklichen Angriff. Wohl riß er ihr Haut und Tran aus dem Leib, aber seine Zähne erreichten kein lebenswichtiges Organ. Die tobende Mordwal-Mutter fühlte die Wunde kaum. Unter ihrer Heftigkeit sprühte und dampfte es in der Luft, sie fing den Schwanz des Hais an seiner Wurzel und zermalmte ihn zwischen den Kinnbacken.

Wenn überhaupt von einem Kampf die Rede sein konnte, war dies schon das Ende. Ein paar Minuten lang hielt das Toben noch an, warf sich das verfärbte Wasser meterhoch. Aber alles Kämpfen war auf einer Seite. Die Orca riß und preßte und zerrte das Leben aus dem Körper ihres besiegten Gegners. Als sie von ihm abließ, sank eine zermalmte Masse langsam in die Tiefen. Wieder barg sie das verängstete Kalb unter ihrer Flosse, säugte es, und dann schwamm sie ruhig dem tiefen Kanal zu, der sich zwischen den Inseln und dem Ufer hinzog, und in dem sie etwas saftigen Tintenfisch zu finden hoffte, um sich für den einen zu entschädigen, der ihr so rücksichtslos entronnen war.

Die Brise, die bisher sanft wie mit Katzenpfoten das Wasser gestreichelt hatte, bekam jetzt einen kräftigen Zug, stark genug, um die Oberfläche des Wassers tief purpurn zu färben. Sie trieb an der Küste entlang, zwischen Klippen und Eiland, ein kleines Boot vor sich her, dessen einziges Segel im Sonnenglanz leuchtete.

Zwei Fahrgäste waren in dem zerbrechlichen Fahrzeug, ein Mann am Steuer, der eine große Shag-Pfeife rauchte, und ein seidiger, brauner Jagdhund, der am Fuß des Mastes kauerte. Es war eine schwierige Küste und ein gefährliches Wasser für solch eine Nußschale. Aber der Mann war ein tüchtiger Sport-Segler, und er wußte, daß zwischen dem Hafen, den er verlassen hatte, etwa fünfzehn Meilen weit zurück an der Küste, und dem Hafen, den er erreichen wollte, ein Dutzend Meilen weiter nordwärts, mehr als ein Zufluchtsort lag, den er anlaufen konnte, falls ein plötzlicher Sturm sich im Osten erheben würde. Zwar war dies Wasser ihm fremd, aber er hatte eine gute Seekarte. Es war sein besonderes Vergnügen, unbekannte Gewässer abzusegeln, nur in der Gesellschaft seines treuen Hundes, der stets mit ihm einverstanden war, wenn es galt, einen interessanten Platz zu besuchen.

Gardner war also ein vorzüglicher Segler, sein Auge erkannte jedes Wetter-Symptom, und er hatte den Instinkt, der durch Ruderpinne und Segelleinen den Puls des Windes fühlt. Aber von Naturwissenschaft wußte er ein bißchen weniger als es einem Mann zu wünschen war, der die bevölkerte See zu seinem Spielplatz macht. Von dem Stamm der Walfische und ihren verschiedenen Abarten wußte er nur das Wenige, was er über den großen furchtbaren Tran-Wal gelesen und was er von dem lustigen und harmlosen Tümmler gesehen hatte. Daher kam es ihm nicht in den Sinn, daß er sich zurückhaltend benehmen müßte, als er den gewölbten schwarzen Rücken und das gewaltige Haupt der Orca sah, die lässig durch die Wellen strich. Wäre er ein Habitué dieser Wasser gewesen, – er hätte dem Schnabel seines Schiffes schleunigst eine andere Richtung gegeben, nur um die Orca zu überzeugen, daß er ihr Privatleben nicht zu stören beabsichtige! So aber geschah es, daß er näher heran segelte, um zu sehen, was für eine Art von Fisch oder Tier es war, dies schwarz-weiße Geschöpf, das von seiner Nähe so gar keine Notiz nahm.

In einer Entfernung von 80 oder 100 Meter bekam Gardner einen verrückten Einfall. Hier war gute Gelegenheit für einen Schuß, das unbekannte Tier würde eine wertvolle Trophäe abgeben. Er dachte nicht daran, was er anfangen sollte, wenn er diese Trophäe erst besaß. Er überlegte sich nicht, daß er mit seinem leichten Gewehr kaum eine schmerzhafte Wunde in die Tranmasse schicken konnte, die alle edleren Organe des See-Ungeheuers schützte. Er wußte nicht einmal, daß ein toter Wal auf den Grund sinkt, daß er mithin auch für den besten Schuß keinen Lohn zu erwarten hatte. Ueber ihm war einfach der Zwang, zu töten. Er warf ein Knie über das Steuerruder, um seinen Kurs zu halten, nahm das Gewehr hoch und feuerte auf einen Punkt hinter der großen Flosse der Orca – irgendwohin, wo er das Herz vermutete. Während er schoß, sprang sein Hund auf, denn er merkte, daß etwas Aufregendes geschah, legte seine Pfoten auf den Bootsrand und bellte wütend gegen das fremde schwarze Ungeheuer, das durch die Wellen rollte.

Zu Gardners Erstaunen zeichnete das Ungeheuer selbst überhaupt nicht auf den Schuß, aber unter seiner Flanke begann sofort eine wilde Bewegung. Irgend etwas dort schlug wie wahnsinnig auf das Wasser, das Ungeheuer selbst schwang sich zur Seite und starrte mit großer und ängstlicher Aufmerksamkeit auf dieses Etwas. Sie schlug mit ihrer Flosse sanft dorthin, als wollte sie das Etwas beruhigen, und dann sah Gardner, es war das Waljunge, das er geschossen hatte. Da fühlte er Gewissensbisse. Hätte er das Kalb gesehen, so hätte er weder auf die Alte noch auf das Junge geschossen, denn er war nicht einfach grausam, sondern nur gedankenlos. Ein paar Sekunden lang starrte er unentschlossen vor sich hin, dann beschloß er, das Kalb – in der Annahme, daß es tötlich verwundet war – von seinen Qualen zu befreien. Er zielte sorgfältig und schoß noch einmal. Das Echo warf den Knall von den Klippen einer Insel zurück, die kaum hundert Fuß weit ablag.

Diesmal hatte Gardner gut getroffen. Ehe noch die Echos der Entladung verhallt waren, lag das Kalb still und begann dann, langsam zu sinken. Ein paar Sekunden lang herrschte Ruhe, nur durch das erregte Bellen des Jagdhundes gestört. Die Orca schwamm langsam rund um den Körper ihres Jungen, anscheinend versicherte sie sich, daß es tot war. Dann wandte sie ihre kleinen Augen auf das Boot. Es dauerte nur einen Augenblick, aber in diesem Augenblick erkannte Gardner, daß er einen abscheulichen Fehler begangen hatte. Unwillkürlich wandte er sein Boot gegen die felsige Insel.

Während er das Steuerruder herumwarf und in Hast sein Segel freimachte, sah er, wie das Wasser unter dem schwarzen Körper der Orca aufschäumte. Sie war gut 100 Meter weit von ihm weg, aber so mächtig war ihr Ansturm, daß es war, als sei sie im Augenblick auch schon über ihm. Mit Geheul sprang der Hund in den Bug. Da das Boot in diesem Augenblick mit seiner Breite dem schrecklichen Angriff zugekehrt war, behielt Gardner seinen Sitz und gab noch einen verzweifelten Schuß ab, direkt in's Gesicht der anstürmenden Bestie. Ebenso gut hätte er mit Erbsen schießen können.

Das Gewehr fiel ihm vor die Füße, im Augenblick war es, als hätte ein Schnellzug das Boot gerammt. Es wurde aus dem Wasser gehoben, seine ganze Seite war zerschmettert, während Gardner schlank über die Spiere flog. Als er niederfiel, hörte er zum letzten Mal seinen braunen Hund heulen. Um nicht in das Segel verwickelt zu werden, das auf ihn niedersackte, tauchte Gardner unter und schwamm an fünfzehn Fuß weit unter dem Wasser. Seinem Tauchen und dem Umstand, daß das Segel ihn vorübergehend versteckt hatte, dankte er zweifellos sein Leben. Er war ein Meisterschwimmer, und in wahnsinniger Eile strebte er jetzt auf die Insel zu, mit Paddelschlag, den Kopf fast immer unter Wasser. Die Orca bemerkte zunächst seine Flucht nicht. Der unglückliche Hund hatte durch sein Gebell ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, ihn hatte sie ergriffen und in dem Augenblick, in dem er ins Wasser fiel, zermalmt. Dann hatte sie ihre Wut gegen das Wrack des Bootes gerichtet, sie hatte es zerrissen, zu Brennholz gemacht, indem sie es in ihren mächtigen Rachen nahm und schüttelte, wie ein Terrier eine Ratte schüttelt. Nach diesen Taten kehrte sie sich zur Insel hin, und jetzt fielen ihre todbringenden Augen auf die Gestalt des schwimmenden Mannes.

Ihr Ansturm war wie der eines Torpedos, aber Gardner legte schon seine tobenden Hände auf das Riff. Dies Riff, eine Felsnase, die kaum zwölf Zoll breit war, wurde grade noch von der See überwaschen. Er fühlte, daß hier kein Zufluchtsort war. Aber grade über ihm, etwa in seiner halben Höhe, lag eine Grotte im Felsen, die wunderlich ausgemeißelt war, als sollte eine Bildsäule darin aufgestellt werden. In verzweifelter Hast rettete er sich in dies dürftige Versteck, zog seine Beine dem Körper nach, machte sich in der Grotte so flach wie möglich. In diesem Augenblick schon flogen Schaum und Sprühregen über ihn her, denn mit furchtbarer Gewalt warf sich sein Verfolger gegen den Felsen zu seinen Füßen.

Gardner schauerte und es fiel ihm schwer, wieder Luft in seine verkrampften Lungen zu bekommen. Er hatte schon manches Rennen geschwommen, aber keines wie dies. Vorsichtig drehte er sich um, und während er noch flach wie eine Muschel auf dem Boden lag, starrte er hinunter und zitterte vor Angst, sein Feind könnte zum zweiten Mal einen so wahnsinnigen Sturm versuchen, diesmal vielleicht mit besserem Erfolg.

Aber die Orca schien den Versuch nicht wiederholen zu wollen. Die Gewalt ihres Angriffs war furchtbar gewesen und hatte wohl auch ihr den Atem verschlagen. Jetzt schwamm sie ruhig vor dem Felsen auf und ab, ein grausamer und schrecklicher Belagerer. Gardner sah in ihre kalten, kleinen Augen und zitterte vor dem intelligenten und unversöhnlichen Haß, der darin flammte.

Als er sich soweit erholt hatte, um seine Lage zu überdenken, mußte er zugeben, daß sie nahezu verzweifelt war. So weit er auch nach den Seiten und nach oben die Klippen abfühlte, fand er keine Zacke und keinen Griff, mit Hülfe deren er hoffen konnte, die Spitze des Felsens zu erklettern. Wie lange sein rachsüchtiger Feind die Belagerung fortsetzen würde, konnte er nicht beurteilen. Aber wenn er bedachte, wieviel Leid er ihm zugefügt hatte, wie sachlich seine Art der Belagerung war und wie furchtbar die Wut seines Angriffs, hatte er wenig Anlaß, zu hoffen, daß er seinen Posten bald verlassen würde. Er wußte, daß die Orca in diesen belebten Wassern reichliche Nahrung finden würde. Aber so reich dies Meer auch an tierreichem Leben war, wußte er doch, daß ein Schiff hier nur selten auftauchen würde. Die Küstenschooner mußten hier einen weiten Bogen machen, der unsichtbaren Riffe und unterirdischer Strömungen wegen. Seine Insel war sicher nur eine halbe Meile weit vom Strand, unter gewöhnlichen Umständen für ihn eine leichte Schwimmübung. Aber selbst wenn der Belagerer ihn verließ, hatte er keinen Schutz gegen die Gier der riesigen Haie, die in diesen Insel-Kanälen ihr Wesen trieben. Er war der vollen Glut der Sonne ausgesetzt – der Felsen fühlte sich unter seinen Händen schmerzhaft heiß an – und so fragte er sich, wie lange es dauern würde … Bald würden seine Beine unter dem Gewicht des Körpers einknicken, er würde vorwärts torkeln, direkt in den Rachen seines lauernden Feindes. Dann beruhigte er sich über diese Gefahr, denn er bemerkte plötzlich, daß die Sonne bald hinter seinem Riff verschwinden und ihn im Schatten lassen würde. Was die Hitze anbetraf, konnte er es also bis zum nächsten Morgen ruhig aushalten. Aber dann? Blieb das Wetter schön, wie sollte er dann die unerträglich lange Glut des Vormittags überstehen, ehe die Sonne zum zweiten Mal hinter der Klippe verschwand? Er begann, um Sturm und undurchdringlichen Nebel zu beten. Aber dabei hielt er plötzlich inne, es wurde ihm bewußt, in welcher Klemme er war. Kam ein Sturm, dann war zu dieser Jahreszeit anzunehmen, daß es ein Südost war; in diesem Falle würden die ersten brandenden Seen ihn von seinem Sitz herunterwaschen. So beschloß er endlich, sein Gebet ganz allgemein zu halten und der Vorsehung keine zweifelhaften Ratschläge zu geben.

Unwillkürlich kramte er in seiner Tasche herum, zog ein Paket durchnäßten, triefenden Tabaks nebst einer Büchse nasser Streichhölzer hervor. Unter den Streichhölzern waren ein Paar Wachszünder, und er hatte eine dürftige Hoffnung, daß er sie nur sorgfältig zu trocknen brauchte, um vielleicht einen Funken zu schlagen. Er breitete sie mit dem Tabak auf den heißen Stein zwischen seinen Füßen. Seine Pfeife hatte er bei der Katastrophe verloren, aber in seiner Tasche fanden sich Briefe, und mit diesen, die er gleichfalls trocknen wollte, konnte er sich vielleicht Zigaretten drehen. Das Unternehmen gab ihm etwas zu tun und half ihn so über den endlosen Nachmittag hinweg. Zuletzt aber mußte er feststellen, daß keins der Wachshölzer ihm einen Funken geben würde. Aergerlich warf er die nutzlosen Ueberbleibsel in's Meer.

Ganz unerwartet kam die Nacht, wie immer in diesen Breiten, und das Mondlicht verzauberte die langen Wellen in leuchtendes Glas. Die ganze Nacht über schwamm die Orca vor dem Felsen auf und ab, bis die Eintönigkeit ihrer Bewegung den Gefangenen hypnotisierte, daß er seine Augen gegen die Felsspitze richten mußte, um dieser Hypnose zu entgehen. Seine tötliche Angst war, er könnte in seiner Schwäche einschlafen und aus der Grotte herausfallen. Die Beine wurden ihm schwer, aber in der Nische war kein Raum, sich niederzusetzen, oder auch nur einigermaßen bequem zu kauern. In seiner Verzweiflung entschloß er sich endlich, seine Beine über den Felsen herunterbaumeln zu lassen, wo die Feindin sie freilich erschnappen konnte, wenn sie wieder einen ihrer wilden Luftsprünge wagte. Sobald er sich bewegte, schwamm sie näher und starrte ihn mit unverändertem Haß an. Aber sie versuchte nicht, ihren Luftangriff zu wiederholen. Gardner nahm an, daß sie zu einem zweiten Zusammenprall mit dem Felsen keine Lust hatte.

Endlich erschöpfte sich diese endlose Nacht. Der Mond war schon lange hinter der Klippe verschwunden, der samtne Purpur des Nebels wurde dünn, die Sterne erblaßten. Dann erwachte der unendliche Glanz eines wolkenlosen tropischen Morgens über der See, die schimmernde Fläche des Wassers schien sich der Sonne entgegenzuwerfen. Gardner riß seine letzte Kraft zusammen, um die Feuerprobe zu bestehen, die jetzt auf ihn wartete.

Um sich auf diese Feuerprobe vorzubereiten, zog er seinen leichten Rock aus und heftete daran ein Stück Bindfaden, das sich in seinen Taschen fand. Dann warf er den Rock hinab und tauchte ihn tief in's Wasser. Die Orca schnellte vor, um zu sehen, was er tat, aber er zog den triefenden Rock wieder empor, ehe sie ihn schnappen konnte. Dieser Einfall war beinahe eine Offenbarung, denn indem er seinen Kopf und Körper feucht hielt, hätte er der Hitze länger trotzen können und vielleicht auch die äußersten Qualen des Durstes mildern.

Ein gütiges Schicksal hatte es jedoch gewollt, daß seine Prüfung bald zu Ende ging. Es war vielleicht 9 Uhr morgens, da klang irgendwo hinter der Insel ein gleichmäßiges, gedämpftes Tschug, Tschug, Tschug, Tschug, für Gardners Ohren die göttlichste aller Melodien. Im Augenblick hatte er sein weißes Hemd über den Kopf gezogen und hielt es in zitternden Händen. Ein Augenblick verging und es kam eine mächtige vierzig Fuß lange Motorbarke in Sicht. Sie war kaum hundertfünfzig Meter weit fort und machte gewaltigen Lärm, aber Gardner schrie wie ein Wilder und schwenkte sein Hemd in die Luft, bis es ihm glückte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Sie nahm die Richtung auf seinen Felsen, aber gleich darauf setzte der Motor aus und die Barke schwenkte wieder zur Seite. Der Führer hatte gesehen, daß Gardner belagert war.

Es waren drei Mann in der Barke. Einer rief den Gefangenen an.

»Was gibt's?« fragte er kurz.

»Ich habe gestern dem Biest sein Kalb geschossen!« rief Gardner zurück. »Es hat mein Boot zerschlagen und mich auf diesen Felsen gejagt.«

Einen Augenblick war Schweigen in der Barke. Dann sagte der Kapitän: »Wenn einer was erleben will, braucht er sich nur mit einem Mordwal einzulassen.«

»Ich bin auch schon darauf gekommen, daß es eine Dummheit war,« gab Gardner zur Antwort. »Aber es war gestern morgen, und jetzt bin ich fertig. Kommt her und nehmt mich auf.«

Auf der Barke wurde Rat gehalten. Die Orca setzte ihren Patrouillengang vor dem Felsen fort, als wäre so ein Ding, wie ein vierzig Fuß langes Motorboot, nicht der Mühe wert, sich darum zu kümmern.

»Du mußt noch ein bißchen länger zappeln!« schrie der Kapitän. »Wir gehen in den Hafen zurück und holen eine Walfisch-Kanone. Wir haben eine schwere Büchse an Bord, aber es hat keinen Sinn, sie damit zu ärgern. Denn wenn der erste Schuß nicht richtig sitzt, macht sie in zehn Minuten Brennholz aus unserem Boot. In einer Stunde sind wir wieder zurück, hab' keine Angst.«

»Dank!« sagte Gardner, und in einem weiten Bogen verschwand die Barke hinter der Insel.

Diese eine Stunde schien dem Gefangenen entsetzlich lang. Er hatte Zeit, seine kühltropfende Jacke zu segnen, ehe er wieder das Tschug, Tschug, Tschug des Motors hinter seinem Kerker hörte. Diesmal hielt das Boot, kaum daß es in Sicht war, geradewegs auf die Orca. In seinem Bug, der anmutig über die Wellen tanzte, bemerkte Gardner eine seltsame Kanone – eine Art Elefantenbüchse auf drehbarer Lafette. Jetzt nahm die Orca Notiz von der Tatsache, daß das Boot direkt auf sie hielt. Sie unterbrach ihr ruheloses Patrouillieren und schien zu überlegen, ob sie das Boot angreifen sollte oder nicht. Die Schrauben arbeiteten rückwärts, bis die Barke zum Stillstand kam, und der Kapitän am Bug richtete die Waffe. Es war ein mächtiger Knall. Das See-Ungeheuer warf sich halben Leibes aus dem Wasser und fiel mit gewaltigem Klatschen wieder zurück. Eine Sekunde lang tobte es wie irrsinnig im Halbkreis, prellte dann mit dem Kopf gegen die Klippe und sank dann, zwei Faden tief, auf ein zackiges Riff.

»Ist es tief genug, um herunterzuspringen?« fragte der Kapitän, als die Barke langsam beidrehte.

»Reichlich,« sagte Gardner, schwang sich steifbeinig aus seiner Grotte und kletterte die Felsen hinab.


Eindringlinge

Der See war halb ausgetrocknet. Sein weiter Spiegel lag unbewegt unter widerstandslos brennender Sonne, ein mattes, rauchiges Orange, in das der Widerschein der Wolken grüne Lichter warf. Sein fernes westliches Ufer, mit niederen Fichten bestanden, hing zackig und schwarz gegen die Wolken. Sein östliches Ufer lag, fernher schimmernd, glatt und nackt. Nur ein Dickicht aus Weiden und Pappeln zeichnete die Mündung eines dort einfließenden Stroms. Alles kam zusammen, ein Bild unbeschreiblich trauriger Schönheit zu bilden: fließend düstere Farben, die Leblosigkeit des umragenden Horizonts, die matte Ruhe der Wasserfläche.

Plötzlich erschien ein schwarzer Punkt – nein zwei schwarze Punkte waren es – im Bleiglanz des Seespiegels, die sich aus dem Dunkel des westlichen Ufers gelöst hatten. Seite an Seite schoben sie sich rasch durch die Flut, brachen mit langen, sanft verlaufenden Kräusellinien eine Straße zum Mittelpunkt des Sees. Die glühende Sonne verriet, daß diese beiden Punkte die Köpfe schwimmender Elentiere, einer Kuh und eines Bullen, waren. Bis auf die dunklen, ungeschlachten, aber schönen Köpfe, deren lang ausgreifende Schnauzen durchs Wasser schnitten, waren ihre Körper ganz bedeckt. Die gewaltigen Geweihe des Bullen lagen flach auf dem Seespiegel über unsichtbaren, machtvoll arbeitenden Schultern. In den Augen des Tierpärchens lag eine fragende Angst, gepeinigte Wildheit wie vor einer Panik. Dieser Ausdruck berührte seltsam in den Augen der stolzen Herren der Wildnis, die gerade in dieser Jahreszeit, wenn die riesigen Bullen brünstig sind, alle Kreatur ringsum zum Kampfe fordern. Aber über sie war die einzige Angst, die beugen konnte, plötzlich gekommen: die Angst vor dem Unbekannten. Das Pärchen hatte sich gerade auf dem offenen Landstreifen zwischen dem Kiefernwald, durch den es wechselte, und dem Ufer, an dem es badete und Lilienwurzeln fraß, aufgehalten, als die Angst mit aller Gewalt über sie kam, sie in den gelben Spiegel des Sees jagte, am anderen Ufer Zuflucht zu suchen. Wovor sie flohen, wußte keines. Seit Tagen schon war die Kuh unruhig, der Bulle zornig und mißtrauisch. In der Luft lag die Ahnung einer dunklen, neuen Gefahr, die unwiderstehlich näher kam. Durch irgendeine mystische Fernwirkung war diese Angst aus Staunen, Furcht und Entsetzen des kleineren Wilds in die Nerven der großen, sonst unerschütterlichen Elentiere übergesprungen.

Im Glanz dieses Oktobermorgens war das Geheimnisvolle nahgerückt – war fühlbar geworden, ohne daß es aufgehört hätte, ein Geheimnis zu sein. Als die Kuh allein am Ufer stand und ihrem Gefährten rief, machte der Gedanke sie zittern, irgend etwas Anderes, Unbekanntes, nicht ihr Männchen, könnte dem Schrei ihrer Sehnsucht folgen. Der Bulle kam dann plötzlich, wachsam, geräuschlos, als fürchte er einen Hinterhalt oder eine schreckliche Ueberraschung. Wie ein Schatten war sein stolzer, schwarzer Körper an ihrer Seite, indes ihre Schreie noch durch die Stille nachechoten.

Während die Beiden ihre zarten, liebenden Schnauzen eng aneinanderlegten, war ein Rotbock aufgesprungen, entsetzt, aber unentschlossen, wohin er fliehen sollte. Die Beiden starrten ihm nach, als wäre der gewohnte Anblick eines rennenden Bocks plötzlich ein Ereignis geworden. Der seltsame Schrecken, den der Bock erregt hatte, war kaum vergessen, als ein Fuchs eilig aus den Büschen brach. Als er das Elenpaar, ganz ineinander versenkt, schwarz und geheimnisvoll, am Ufer stehen sah, nicht achtend, welche Augen es sehen könnten, kam der Fuchs angeschlichen und setzte sich, ein Dutzend Schritte fern, abwartend auf seine Keulen. Seine klugen Augen waren voll Erwartung, als bilde er sich ein, ihr sorgloses Vertrauen bilde eine Zuflucht, die ihm selbst Rettung war. Zu anderer Zeit hätte das stolze Liebespaar seine Annäherung zornig abgewiesen, aber heute erwiderten sie seinen fragenden Blick mit noch größerer Angst. Aus ihren Augen schloß der Fuchs, daß auch hier keine Hilfe warte. Unruhig spähte er über seine Schulter ins Fichtendunkel, aus dem er gekommen war, kam langsam auf seine Füße und trottete zum Wasser hin. Mit gespanntem Blick folgten ihm die Beiden, sahen, wie sein Trott in den Galopp verzweifelter Flucht überging, bis er den Schutz des Walddickichts gefunden hatte. Der Anblick so plötzlicher Panik an einem Tier von der Klugheit des Fuchses nahm ihnen die letzte Nervenkraft. Viele Füchse hatten sie gesehen, doch keinen, der sich so benahm. Was hatte er von ihnen gewollt? Warum hatte er sie so forschend angesehen? Und warum war er geflohen?

Zitternd drängten sie sich aneinander, starrten in die dunkle Wildnis, in der der Fuchs verschwunden war. Dort war auch ihr Heim, ihr sicheres, wohlbekanntes Versteck, dem sie kein Vertrauen mehr schenkten. Welcher Verrat mochte sich in den schweigenden Schatten vorbereiten?

So scharf die Augen der Elentiere waren, sie entdeckten nichts. Plötzlich aber fingen ihre großen Ohren, weither, durch unendliches Schweigen den Widerhall eines geisterhaften Lautes. Vielleicht war es das Schleichen vieler Füße. Dann sahen sie aus den Tiefen ganz schwarzer Waldschatten ein Grün leuchten, ein Züngeln blasser Feuer, vielleicht das Glühen fremder Augen. Endlich kam eine Brise aus dem Forst, so leicht, daß sie kaum die langen Zotteln an des Bullen Hals bewegte. Sie trug eine Witterung, die ihnen fremd, aber unbeschreiblich drohend war. Vor diesem letzten Zeichen von Gefahr zerbrach ihr Widerstand völlig. Zitternd drückten sie sich, immer Seite an Seite ins Wasser. Die Augen in den Forst versenkt, schwammen sie ins Leuchten hinaus.


Acht riesige Wölfe zählte das Rudel, dazu einen, der kleiner und zarter gebaut war, der aber trotzdem einen gewissen Einfluß auf seine Kameraden hatte. Die acht waren so ungeschlachte Gesellen, wie man sie in der östlichen Wildnis nicht erwartet hätte. Sie stammten vom gewaltigen Alaskawolf ab, hatten lange Rachen und lange Flanken, einen breiten Schädel, schwere Schultern, und jeder von ihnen war stark genug, die Kehle einer Elenkuh mit einem einzigen Biß zu zerreißen.

Mit der Ausnahme eines Einzigen hatten sie jedoch niemals Alaska noch ein Elen gesehen, auch nicht die wilden Ströme, die nordwärts rollten, noch die unbegrenzten Felder vereisten Schnees. Sie waren südlich vom St. Lorenzstrom geboren, und auf der Suche nach weiteren Einsamkeiten, als ihre Heimat sie bot, kamen sie nordostwärts gezogen. Auf seltsame Art hatte diese große und kampftüchtige Gesellschaft sich mitten im kultivierten Osten gebildet.

In einem Dorf in Nord-Vermont war vor Jahren ein großer, grauer Wolf aus einer reisenden Menagerie entsprungen, war tagelang mit Toben und Brüllen gehetzt worden. Aber er war klug. In seinem langen und unermüdlichen Galopp hatte er sich nicht einmal unterbrechen lassen, ehe zwischen ihm und seinen Verfolgern viele Meilen lagen und er einen Forst fand, der wild genug schien, ihn zu verbergen. Hier hatte er in weiser Zurückhaltung nur Rehe und Hasen gejagt, aber nie ein Geschöpf belästigt, das er unter dem Schutz des Menschen glaubte. Dank dieser Vorsicht ahnte kein Mensch sein Dasein. Später begegnete er, nahe dem Dorfe, einer langschnauzigen, wolfsähnlichen Bastardhündin, die er bewog, ihren Herrn zu verlassen und sein wildes Leben zu teilen, nach dem sie immer Sehnsucht empfunden hatte. Treu hatte sie an seiner Seite gejagt und ihm zwei Junge geschenkt, schwerknochige Welpen, die stark und wild wie ihr Erzeuger wurden, aber nicht vorsichtig wie er, sondern wild und unbezähmbar in ihren Trieben. Sie gehorchten ihrem Vater und Herrn, weil sie ihn fürchteten und seine Ueberlegenheit anerkannten, sie achteten das heiße, zähe Temperament ihrer schlanken Mutter. Als aber die Zeit verging und das Wild seltener wurde, ließen sie sich nicht zurückhalten, um die Dörfer zu streifen, und so zogen sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich. Als ein paar junge Pferde und viele Schafe ihr Opfer geworden und einige unschuldig in Verdacht geratene Hunde erschossen waren, rief der weise Alte sein Rudel zusammen und führte es ostwärts.

Die Reise war lang und von Gefahren umdroht. Manchmal gab es wenig Wild, und das Rudel lernte den Hunger kennen. Manchmal fanden sie kein waldiges Land, um ihre Reise zu verbergen, manchmal, wenn sie gezwungen waren, sich an der Herde irgendeines Dorfes zu vergreifen, schwärmten die Bauern mit Hunden und Flinten und Flüchen gegen sie aus, daß die Vorsicht des Alten begründet war. So erreichten sie endlich die wilden Gebiete der sicheren Tannenforste, der Seen und wilden Wasserstürze, die Grenzen von Maine, mit Neu-Braunschweig und Quebeck. Auf dieser Reise hatten sie Gehorsam und Vorsicht gelernt.

Nie hatte diese Wildnis in ihren schrecklichsten Träumen eine Heimsuchung wie dies Rudel geahnt. Keine Erinnerung an irgendeine Plage wie diese lebte in den Pelz oder Federn tragenden Bewohnern der östlichen Wildnis. Von Wölfen hatte man überhaupt nur eine Art dunkler, ererbter Ueberlieferung, und da handelte es sich nur um die kleinen, östlichen Nebelwölfe, die wohl tapfere Jäger, aber kaum einen Alp bedeuteten. Kein Bär oder Renntier hatte sich jemals um den Nebelwolf gekümmert, der seit einem halben Jahrhundert hier nicht mehr aufgetaucht war. So entstand die Panik, so kam es, daß lange Zeit kein Geschöpf dieser Region den Weg der Eindringlinge kreuzte.

Das Land, in das sie eindrangen, beherbergte Bären, und es war unvermeidlich, daß das Rudel mit ihnen zusammenstieß. Eines Tages streiften sie geräuschlos auf der frischen Spur eines Rehes – geräuschlos, wie der weise Führer es sie gelehrt hatte –, da stießen sie plötzlich auf ein großes, schwarzes Tier, das mitten in der Rehspur stand und einen verfaulten Baumstumpf absuchte. Sie hielten, bildeten einen Halbkreis, das Fell auf ihren starken Nacken und Schultern sträubte sich wie Bürsten.

Der Bär schien gleichfalls überrascht. Ein alter, mißlauniger Einzelgänger, hatte er vom Einzug der schrecklichen Bastarde weder etwas gehört noch gespürt, hätte sich auch kaum um ihr Erscheinen bekümmert. Er war kein Opfer nervöser Panik. Sich umwendend, um den Eindringlingen sein Gesicht zu zeigen, hockte er sich auf die Keulen, brummte aus tiefer Kehle, hob eine große Tatze mit langen, scharfen Krallen und blickte seine Gegner furchtlos an. Er war zu jedem Kampf bereit, aber ebenso bereit, Frieden zu halten, wenn man ihm seine Ruhe ließ. Ameisen, Käfer, Beeren und verrottete Baumstämme waren ihm zu wichtig, als daß er Kampf um Kampfes wegen gesucht hätte.

Die Wölfe waren nicht hungrig und fühlten, daß der Bär keine leichte Beute war. Unentschlossen warteten sie ab, ob ihr Führer ein Zeichen zum Angriff gäbe. Der aber saß mit hängender Zunge im Mittelpunkt der Schlachtreihe und zeigte keine Hast. Er studierte den Feind; als begabter Feldherr besaß er das Talent, abzuwarten. Dieses Talent fehlte dem Bären. Als er zu wissen glaubte, daß die hageren Fremden seine Waldkäfer-Jagd nicht stören wollten, wandte er sich wieder dem Baumstamm zu und spaltete mit einem Griff seiner großen Tatze einen ganzen Block. In diesem Augenblick stieß das kleine, schneidige Bastardweibchen wie eine Schlange vor und schnappte nach seinen Hinterfüßen, um ihm die Sehne zu zerreißen. Mit solcher Leichtigkeit und Schnelligkeit aber drehte er sich und schlug nach ihr, daß sie kaum ein Maul voll Pelz in den Zähnen hielt und dem furchtbaren Schlag mit genauer Not noch entging. Daß sie ihm nicht ganz entkommen war, bewies ein langer, blutiger Riß an ihrer Seite. Im Augenblick war das ganze Rudel zum Angriff übergegangen. Als der Leiter aber seine Gefährtin gerettet sah, rief er die wilde Brut wieder zurück. Die Jungen gehorchten, denn sie sahen jetzt, mit welcher Art Feind sie es zu tun hatten. Nur einer von ihnen war schon zu weit vorgedrungen. Ein sausender Schlag hatte ihn vor die Brust getroffen, warf ihn mitten unter seine Brüder, zerbrochen das Genick, zerfetzt die Gurgel. Als er zuckend und geifernd lag, kam der Vater zu raschem Entschluß. Solange gewöhnliches Wild in der Nähe war, schien es zwecklos, das Rudel auf einen so gewaltigen Gegner zu hetzen und schwere Opfer zu bringen. Mit scharfem Befehl rief er sein Volk zusammen, führte es im Lauf seitab und nahm die Spuren des Rehs wieder auf. Den Leichnam ließ er zurück, gleichgültig, was aus ihm werden mochte. Der Bär sah ihnen zornig nach, bis sie außer Sicht waren. Dann wandte er sich zu dem toten Körper, beschnüffelte ihn, drehte ihn mit der Tatze um und kehrte endlich zu seinen Käfern zurück. Wolf oder Hund war nicht nach seinem Geschmack. Das Rudel machte indes erregt und zornig seine Beute. Ueber dem warmen Wildpret vergaß es sein mißlungenes Abenteuer, der verlorene Bruder war bald vergessen. Immerhin war man um eine Lehre reicher.

Ein paar Tage später kamen die Wölfe zum sonnendurchglühten See, aus dem dunklen Schatten der Tannen sahen sie voll Verwunderung die ersten Elentiere ihres Lebens.

Vor kurzem noch hätten die Wölfe diese ungeschlachten Gestalten als eine Art übertrieben großen Rehwildes betrachtet und sich ohne Zaudern an die Verfolgung gemacht. Jetzt aber erinnerten sie sich des Bären. Sie trauten diesen beiden hochschultrigen Geschöpfen nicht, ihren gespaltenen Hufen und ihren nichtssagenden Gesichtern. So warteten sie auf das Zeichen ihres Führers, und der Führer war auch diesmal nicht eilig, es zu geben.

Welch unerwartete Kräfte mochten in diesen Riesen stecken, die dem gewöhnlichen Wild so ähnlich und doch so unähnlich waren? Als die beiden Elen jedoch, von dem Unsichtbaren geängstigt, ins Wasser gingen, durch die orangegelbe Flut schnitten, entschloß er sich, sie als Jagdbeute zu betrachten.

Allein zog er auf Kundschaft aus, bis er bestimmt wußte, wohin das Paar sich gewendet hatte. Als dann der kürzeste Weg gefunden war, kehrte er in den Waldschatten zurück, und einen Augenblick später war das Rudel in voller Hatz.

Die Elentiere hatten das andere Ufer erreicht, machten aber noch keinen Halt. In ihrer fiebrigen Angst setzten sie schwarz und triefend den Marsch fort – wenn ein Elentier einmal läuft, läuft es lange. In ihrem weit ausholenden scheinbar mühelosen Trott, der aber Meilen frißt, folgten sie ihrer Angst, bis der Orangeschimmer weit hinter ihnen lag, das schwach bewaldete Hinterland sie aufnahm. Sie hatten nur einen Zweck – sich vor den grünen Augen, den schleichenden Schritten im Tannenwald zu retten. Daß ihr Weg sie geradezu in den Bann dieser grünen Augen und schleichenden Schritte führte, ahnten sie nicht.


Die Nacht war angebrochen, der Mond, dreiviertel voll, zeitig erschienen. In einem Versteck aus Hollunderbüschen, einer Art Insel im offenen Land, lagen zwei Jäger, die in dieses Tal gedrungen waren, um Elen zu jagen. Der eine, ein Riese von Kerl, nach seinem Anzug zu schließen wahrscheinlich der Führer, trug außer dem Gewehr eine Axt und ein langes Rohr aus Birkenrinde, das wie eine Trompete aussah. Es war Brunstzeit. Wohl versteckt, aber doch mit freiem Ausblick auf die Steppe, hatten die beiden es sich für eine lange, ereignislose Wartezeit bequem gemacht. Adam Moore, der Führer, nahm sein Birkenrohr an die Lippen und orgelte den seltsamen Lockruf der Elenkuh, der hart und formlos, aber unbeschreiblich wild und einsam klingt. »Bei Gott, Adam,« murmelte Rawson, »Sie treffen den Ton!« Moore dankte für so viel Anerkennung; dieser kaltäugige, abgehärtete Engländer, der in jedem Winkel der Welt großes Wild gejagt hatte, gehörte zu den wenigen Sportsleuten, auf deren Anerkennung er Wert legte. Nach kurzer Pause stieß er seinen Lockton zum zweitenmal aus, dann legte er das Instrument über seine Kniee und wartete. Die Luft war unbewegt. Unter blauweißem Mondschein schien die lautlose, unbegrenzte Wildnis zu Glas erstarrt. Dann aber kam von fern her das Geräusch brechender Aeste, kam näher und näher. »Dacht' ich mir, Adam,« flüsterte Rawson. Er hob sein Gewehr auf ein Knie. Moore legte die große Hand auf seinen Arm:

»Hören Sie! Zwei!«

Auf gute Schußweite wurden die Flüchtlinge sichtbar, verhetzt und erschöpft. Das Geweih des Bullen war herrlich! Aber Rawson sah nur die Angst der Prachttiere, und unwillkürlich ließ er sein Gewehr fallen. In ihrer Angst vor Unbekanntem kamen die Flüchtlinge geradenwegs auf das Dickicht zu, dachten nicht an die Schrecken, die dort auf sie lauern mochten. In ihrem Weg lag ein Baumstumpf, den ein vergangenes Hochwasser hergetragen und zurückgelassen hatte. Der Bulle umging ihn. Die Kuh aber, fast blind vor Erschöpfung, stolperte darüber, fiel mit einem klagenden Schrei auf ihre Schnauze und lag da, als fürchte sie nicht länger ihr Schicksal. Als die Gefährtin nicht mehr an seiner Seite ging, blieb auch der Bulle stehen und beschnüffelte sie gesenkten Hauptes. Er berührte sie mit seiner Schnauze, stieß sie mit dem scharfen Geweih, um sie zu neuer Anstrengung zu zwingen. Dann stand er trostlos neben ihr, blickte den Weg hinab, den sie gekommen.

»Gutes Wild!« flüsterte Rawson mit glänzenden Augen.

Im nächsten Augenblick rauschte es heran, unsere Gestalten huschten durch das Mondlicht.

»Wölfe, Hochlandswölfe!« schrie Moore. Er war im Westen gewesen und kannte die Sorte.

»Acht Stück!« Er warf das Rohr fort und griff zum Gewehr. Wild von langer Hatz, zögerten die Wölfe keinen Augenblick, sondern sprangen wie besinnungslos auf ihre Beute, ihr grauer Führer eine halbe Länge vor der Front. Im Näherkommen glühten die nackten, weißen Fangzähne und kalten Augen im Mondlicht. Der gehetzte Bulle rührte sich nicht. Als das Leittier jedoch nach seiner Gurgel sprang, zuckte er zurück und schlug mit scharfen Hufen furchtbar um sich. Diese unbekannte Art von Verteidigung überraschte das Leittier; in vollem Sprung prallte es gegen die wirbelnden Hufe und blieb mit zerschlagenem Schädel liegen. Gleich darauf knallte Rawsons Gewehr, ein zweiter Wolf fiel. Die übrigen aber hingen an Flanke und Schultern des tapferen Bullen und versuchten, ihn niederzureißen. Noch einmal feuerte der Engländer, ohne der Wirkung zu achten. Dann sprang er rasend vor Kampflust, dem Bullen zu Hilfe, schwang sein Gewehr wie eine Keule. Moore, der nicht mehr schießen konnte, weil er Gefahr lief, Rawson zu treffen, griff zur Axt und folgte ihm in langen Sätzen. Als Rawson seinen Kolben auf den Rücken eines Wolfs schmetterte, der im Genick des Bullen hing, sah er ein kleineres, schmaleres Tier, das ihn von der Seite beschlich. Instinktiv brüllte er »Kusch« und gab dem Angreifer einen wütenden Fußtritt unter die Schnauze. Wäre er weniger mit seinem Kampf beschäftigt gewesen, dann hätte er mit Erstaunen gesehen, daß der neue Angreifer winselnd den Schwanz zwischen die Beine zog, ihn umschlich und in seltsamer Ergebenheit vor ihm liegen blieb. Ganz plötzlich hatte ein Befehl aus menschlicher Kehle alte Dressur in dem Hundebastard wieder lebendig gemacht.

Ihres weisen Führers beraubt, kehrten die jungen Wölfe nun alle Wut gegen die neuen Angreifer. Für Minuten hatte Rawson Not, sich gegen die Sprünge einer flammenäugigen Bestie zu decken, die er nur mit kurzen, wütenden Stößen bekämpfen konnte, weil der Raum für einen tötlichen Schlag fehlte. Zugleich aber führte der Riese seine Axt mit so furchtbarer Wirkung, daß die Zahl der Angreifer schon auf drei geschmolzen war. Einen von diesen erledigte der Bulle, der, blutüberströmt, aber nun im Kampf von seiner dunklen Angst befreit, die hämmernden Vorderhufe so blindwütend brauchte, daß er Freund und Feind gleich gefährlich wurde. Das Glück wollte es, daß er Rawsons Gegner traf, der sich jetzt heulend gegen ihn kehrte. Dadurch fand Rawson Zeit zu einem vollen, sausenden Schlag, der den Kampf beendete. Von den beiden letzten Wölfen erlag einer, der Moore von der Seite angesprungen hatte, seiner sausenden Axt. Beim Klang seines Todesröchelns zog der letzte überlebende sich zurück, zögerte einen Augenblick und gab dann die verlorene Schlacht auf. Als er floh, den Bauch an der Erde, schwang Moore noch einmal die Axt. Sie pfiff von der Faust eines erfahrenen Hinterwäldlers gelenkt durch die Luft, und zerschmetterte dem Flüchtling das Rückgrat. Der Riese sprang nach, ergriff noch einmal die Waffe und gab dem winselnden Tier den Gnadenschlag.

Die arme Kuh war inzwischen wieder zu Atem gekommen und stellte sich mühsam auf die Füße. Sie zu schützen, nahm der Bulle seine Retter an. Rawson entging mit knapper Not seinem Angriff.

»Wir sind nicht länger beliebt,« lachte er und zog sich in sein Dickicht zurück. Da sprang die Bastardhündin, die er fast vergessen hatte, mit unverkennbar hündischer Demut an ihm empor. Er betrachtete sie einen Augenblick voll Erstaunen, erkannte sie dann und verstand.

»Scher dich weg und sei dankbar für dein ganzes Fell!« kommandierte er: »Ueberläufer!«

Er wollte seinem Befehl mit dem Gewehrkolben Nachdruck geben, aber Moore widersprach:

»Nicht wegjagen!« sagte er. »Bin froh, daß Sie sie nicht wollen. Jetzt behalte ich sie selbst. Ist mehr wert, als ein Dutzend meiner elenden Köter ohne Nase und Appell. Sie hat übrigens ihre Lektion hinter sich! Die geht nicht wieder zu den Wölfen über!«


Ismael in den Schierlingstannen

Er war wirklich ein Ismael. Seine Zähne und Krallen waren gegen jedes Geschöpf der Wildnis, ob groß oder klein, und jedes andere Geschöpf der Wildnis war gegen ihn – die Schwachen in nie ruhender Angst, und selbst die Stärkeren in einem Haß, dem Furcht sich beimischte. Der Bär sogar, der so herablassend höhnisch auf viel größere Feinde blickte, bequemte sich, ihn mit wachsamer Feindseligkeit zu betrachten. Ganz gleichgültig war nur das riesige Elen-Tier. Es stolzierte durch den Forst und beachtete seine Existenz nicht.

Und doch war dieses Geschöpf, dem es glückte, einen so gewaltigen Tribut an Furcht und Haß zu erheben, wie dieser Ismael aus den Schierlingstannen, nicht größer als ein Fuchs. Unter den Waldleuten und den Trappern war er unter verschiedenen Namen bekannt. Meist nannte man ihn den »Fischer«, obwohl es im Dunkel liegt, warum er so genannt wurde. Seine Tüchtigkeit im Fischen war bei weitem nicht so groß wie die des Waschbären, und mit der Geschicklichkeit solcher Meister, wie Mink und Otter, konnte er sich nicht vergleichen. Auch unter dem Namen »schwarze Katze« war er bekannt, obwohl er weder schwarz, noch eine Katze war. Daß er so unpassende Namen trug, ist jedoch weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick schien. Er gehörte nicht zu denen, die sich einer peinlichen und sorgfältigen Beobachtung fügen. Was die Menschen dann und wann von ihm zu sehen bekamen, war nur geeignet, Irrtümer zu erregen.

Als ein Mitglied der großen und gefürchteten Mustela-Familie besaß dieser Ismael aus den Schierlingstannen ganz die blitzhafte Gewandtheit und den wilden Mut seines kleinen Vetters, des Wiesels, aber zugleich die unerbittliche List und die erstaunliche Muskelkraft seines größeren Stammesgenossen, des verhaßten Vielfraßes, den man auch den »indianischen Teufel« nennt. Obwohl von der scharfen, grausamen Schnauze bis zum Ende seines hübschen, buschigen Schweifes keine drei Fuß lang, war er durch unglaubliche Gewandtheit und die Wut seines Angriffs selbst dem stärksten Fuchs und jedem Hund, der nicht mindestens zweimal so groß war, ein überaus gefährlicher Gegner. Die wenigen Feinde, die er als überlegen an Kraft anerkennen mußte, konnte er im allgemeinen durch List besiegen.

Im tiefen Dickicht der Schierlingstannen hatte Ismael seine Zuflucht, dort, wo die tiefen, immergrünen Bäume Winters wie Sommers die Sonne abschließen, wo geborstene und faulende Baumstämme die Erde zu einem Labyrinth gewundener Schleichwege und unübersehbarer Verstecke machen. Hier war sein eigentliches Gebiet, denn er konnte wie ein Eichhörnchen klettern, und es war ihm gleichgültig, ob er auf dem Erdboden marschierte, oder in den bebenden Spitzen der Tanne. Doch gab es, dank seiner allzu großen Jagdtüchtigkeit, im Schierlingswald nicht mehr allzu viel Wild, und so mußte er seine Beutezüge weit über Land führen. Da er geräuschlos wie ein Mink und unermüdlich wie ein Wolf lief, legte er zwischen Abend- und Morgenrot ungeheure Entfernungen zurück. Irgendwelche Grenze erkannte er nicht an. Ganz unparteiisch brach er in alle Reservate ein und forderte jeden anderen Waldfrevler zum Wettbewerb an Kraft und Arglist heraus. Den ganzen Tag aber schlief er im tiefen, grünen Schatten der Schierlingstannen, zusammengeknüllt wie eine friedliche Katze, die in einem Heiligenschrein ruht. Sein ungeheurer Kraftaufwand forderte lange Ruhe. Und das war ein Glück für alle anderen Waldtiere, denn so konnten sie den ganzen Tag ungehindert durch den Tannenwald ziehen und ihren verstohlenen Geschäften nachgehen, ohne an den schrecklichen Schläfer in dem Baum zu denken. Verschwand aber die Sonne, dann fürchteten sich selbst die schnellen Waldmäuse vor seiner Nachbarschaft. Und die wilden Kaninchen, die auf Ismaels Speisezettel eine Hauptrolle spielten, flohen den wegsameren Hartholzwäldern zu, um ihre Mondscheinfeste zu feiern. Das Wiesel sogar, dieser unversöhnliche Mörder aller Brut, versagte es sich, im Schierlingswald zu jagen. Denn es wußte, Ismael würde es nicht nur hetzen – etwa in blinder Freude an dem schwierigen Sport –, nein, er würde auch sein zähes, sehniges Fleisch, das trocken wie eine Peitschenschnur ist, herunterwürgen, dies Fleisch, das kein anderer Forsträuber berührte, solange ihn nicht verzweifelter Hunger trieb.

An einem Frühlingsabend – das Licht des aufgehenden Mondes versilberte die dünne Spitze, ehe noch der letzte Sonnenstrahl im Nebel verschwunden war – wachte Ismael mit ungewöhnlichem Appetit auf. Ein bißchen hastig kroch er aus seinem Lager und gönnte sich nicht, wie sonst, die Zeit, an dem langen, schräg liegenden Baumstumpf, hinter dem seine Höhle lag, hinzuscheuern. In der vergangenen Nacht hatte er ausschließlich von Kaninchen gelebt, und Kaninchenfleisch hat seine Eigenart, der Hinterwäldler sagt, »es hält nicht vor«. Man wird sofort wieder hungrig, auch nach einem noch so herzhaften Kaninchenmahl, so daß man sehr häufig essen muß, wenn man von diesem Fleisch leben will. Vielleicht ist das eine Fürsorge der Natur, die hindern will, daß das fruchtbare Geschlecht der Kaninchen die ganze Erde überschwemmt.

Als Ismael auf seiner Treppe auftauchte, hallte eine dumpfe, hohle Stimme plötzlich durch die Baumspitze. Diese Stimme war schrecklich, und sie klang ganz nahe, aber dennoch war es fast unbestimmbar, woher sie kam. Ismael kannte ihr Drohen sehr gut. Aber ohne sich daran zu kehren, sprang er den schiefen Baumstamm hinab. Für ihn hatte die große Horneule, der Schrecken aller kleineren Räuber, keine Bedeutung.

Zufällig aber war dieser fremde Marodeur ein Neuankömmling, eingewandert aus den wenig besiedelten Distrikten südlich des Ottanoon-Tales, wo »Fischer«, die Nachbarschaft und Gewohnheiten der Menschen fürchten, selten sind. Die Eule kannte Ismael nicht. Ihre blassen, starren Augen sahen eine pelzumkleidete Gestalt am Baum hinuntergleiten. Als auf diesen huschenden Körper ein Strahl des Mondlichts fiel, schloß die Eule ihre Schwingen über den Rücken und stieß geräuschlos nieder. Gerade da blickte Ismael mit tiefem Knurren auf. Mit einem heftigen Satz sprang er zur Seite, es war für ihn kein schwieriges Abenteuer. Ismaels geschmeidiger Hals reckte sich und seine langen Zähne senkten sich tief in die gepolsterten Schenkel der Eule. Zwar bekam er nur ein Maul voll dauniger Federn, aber der verletzte Vogel ließ rasch von einer so gefährlichen Begegnung ab. Ismael spuckte gewaltig, um sein Maul von dem zähen, würgenden Gefieder zu befreien.

Dann trat er in großer Geschwindigkeit seinen Marsch an. In der Nachbarschaft hatte er kein Wild zu erwarten, deshalb war er in Eile, und wie er so in langen, geräuschlosen Sprüngen auszog, war er eine schöne Verkörperung von Kraft, Gliederbeherrschung und Schnelligkeit. Um aber keine Gelegenheit zu versäumen, die irgendein Jagdzufall ihm in den Weg führen konnte, hielt er im Laufen die Nase hoch und achtete auf jede Witterung. Als er den Schierlingswald verlassen hatte, geriet er in ein Gebiet von jungem Nachwuchs, in ein Dickicht aus halbhohen Kiefern, vermischt mit Birken, Pappeln, Ahorn und Weichseln. Hier nahm er ganz unerwartet eine scharfe Witterung auf. Er stand still wie vor einem Schuß, erstarrte im Augenblick zur Unbeweglichkeit, hielt die Schnauze hoch, und seine scharfen Nüstern prüften die Luft in jeder Richtung. Die Witterung kam von einem Stachelschwein und war so frisch, so einladend, daß er wußte: das stachlige Nagetier war nicht weit. Seine unermüdlichen Augen spähten die Umgebung ab. Endlich, in die Höhe blickend, bemerkte er einen dunklen Ball, der sich im schlanken Ast einer Birke wiegte.

Nun ist das Stachelschwein eine Beute, auf die sich die meisten Waldjäger nur ungern einlassen. Seine todbringenden Stacheln sind scharf wie Nadeln und mit dünnen Widerhaken so besetzt, daß sie sich, einmal ins Fleisch eingedrungen, immer weiter bohren, bis sie ein Zentrum des Lebens erreichen. Wiesel, Fuchs oder Luchs setzen sich dieser Gefahr nur aus, wenn der Hungertod sie bedroht. Aber Ismael hatte seine eigene Art, mit Stachelschweinen umzugehen und er wußte, daß das Fleisch unter diesem gefährlichen Panzer kräftig und wohlschmeckend ist. Ehe das stumpfsinnige Stachelschwein seine Nähe auch nur ahnte, saß er schon auf der Birke, weit draußen auf dem wiegenden Ast.

Der dünne Ast bog sich unter seinem Gewicht, als Ismael vorsichtig darauf hinschlich. Das Stachelschwein wunderte sich, daß es plötzlich so viel schwerer wurde, und zog sich auf einen weniger gefährdeten Punkt zurück. Aber ehe es seinen Weg noch halb gemacht hatte, stand es plötzlich, nur ein paar Zoll weit, dem schweigenden, todbringenden Gesicht Ismaels gegenüber.

Im Augenblick stand jede Stachel zur Verteidigung auf. Aber die Lage auf dem schwankenden Ast war so schwierig, daß das Tier sich nicht sofort in jene Kugel aus spitzen Nadeln verwandeln konnte, vor der alle seine Feinde sich fürchten. Krampfhaft versuchte es, sein nacktes, ungeschütztes Gesicht zwischen den Pfoten zu verbergen. Die Erscheinung vor ihm schlug zu rasch zu. Ismaels Kopf schnellte vor, schnell und geradeaus wie das Maul eines Rattlers, bohrte sich unter die drohende Front der Widerhaken und grub in die Nase des Stachelschweins seine unwiderstehlichen Fangzähne.

Im selben Augenblick begann Ismael, der alle nur möglichen Gefahren dieser Lage kannte, auf dem Zweige rückwärts zu kriechen. Das Stachelschwein kämpfte darum, sich zu wenden, um den Feind mit seinem mächtigen Schwanz niederzuschlagen, aber es wurde allzu heftig fortgerissen. Es wehrte sich mit den Pfoten, hielt sich mit aller Kraft zurück und trachtete, seine blutende Nase freizubekommen. Aber da war jede List und jeder Widerstand zu schwach, so unwiderstehlich zerrte Ismael.

Bis jetzt war das Abend-Zwielicht in seiner geisterhaften Mischung aus Sonnenuntergang und erstem Mond ganz ohne Stimmen gewesen. Nur der friedliche Ruf eines Nachtfalken klang manchmal hoch über dem violetten Gewölk der Abendnebel. Jetzt brach in diesen Frieden ein jammervolles Gewirr von Tönen, halb unterdrückt und dennoch verzweifelt. Nur wer unmittelbar unter dem Baum stand, hätte den Kampf mit ansehen können. Aber das heftige Brechen von Zweigen, atemlos stöhnende Seufzer, das Knirschen von Klauen, die unbarmherzig aus der Rinde gerissen wurden, waren beredte Künder des Trauerspiels. An der Gabel des Astes angekommen, krallte Ismael seine kräftigen Hinterläufe in den Stamm ein, und mit einem plötzlichen Ruck brachte er das Stachelschwein um seinen Halt, schlug es mit Gewalt gegen einen tiefer liegenden Ast. Halb ohnmächtig und von Entsetzen gepackt, legte das Opfer all seine Stacheln zurück und suchte krampfhaft nach einem Halt. Ismael ließ es diesen Halt beinahe finden, aber als die Beute so ausgestreckt und verteidigungslos hing, gab er die Nase frei und schnappte nach der Gurgel. Sofort erlahmte der Widerstand und hörte im Augenblick ganz auf. Als das Tier bewegungslos hing, ließ es Ismael los, und der Körper fiel in die Tiefe. Voll Angst, irgendein anderer Räuber könnte ihm zuvorkommen, folgte Ismael ihm nach, wälzte ihn sorgfältig auf den Rücken – denn er wußte, daß die unteren Teile unbeschützt waren – und dann begann er sein Mahl.

Nachdem er gefressen hatte, so viel er konnte, ließ er die Ueberbleibsel achtlos für den nächsten Hungrigen zurück, mit dem ganzen Selbstvertrauen eines immer erfolgreichen Jägers. Er selbst begab sich in die Krone einer nahen, hochstämmigen Buche. Hier machte er sich an eine sorgfältige Toilette, putzte seinen schönen Pelz, bis auch nicht eine Spur des blutigen Abenteuers zurückblieb. Dann verließ er die Buche und schlich durch die mondsilbrige Stille, so wach und jagdlustig, als hungerte er seit vielen Stunden.

Durch diese Stille kam jetzt das leichte Plätschern eines laufenden Wassers. Als hätte dieser Laut eine Erinnerung in ihm geweckt, schwenkte er scharf zur Seite, und in ein paar Sekunden erreichte er eine kleine grasige Halde am Ufer eines seichten Baches, der sanft über die Kiesel plätscherte. Ismael war nicht durstig. Er schenkte dem Wasser keine Aufmerksamkeit, sondern kroch schnüffelnd durch Gras und Kräuter, bis er plötzlich gefunden hatte, wonach er suchte. Da stürzte er sich hinein, überschlug sich wieder und wieder und biß in einer Art von Wollust um sich. Was er gefunden hatte, war ein Beet mit Katzenkraut, ein Gewürz, für das er die halb wahnsinnige Leidenschaft der Katzen selbst fühlte.

Als Ismael sich an dieser Kostbarkeit genug getan hatte, ging er stromabwärts, die Nase hoch, wie immer. Aber die Schärfe seiner Witterung hatte im Augenblick durch das Gewürz gelitten. So geschah es, daß Ismael, als er einen schweren verfaulten Baumstamm umschlich, geradezu in eine große schwarze Bärin hinein rannte, die im Moder nach Käfern grub. Die Bärin machte mit ihrer riesigen Tatze einen furchtbaren Angriff, und nur durch einen blitzschnellen Seitensprung entging Ismael einem bösen Schicksal. Wütend und feindselig umschlich er den Stamm und erschien plötzlich auf der andern Seite, knurrte giftig und duckte sich, als wollte er dem großen Tier an die Kehle fahren. Doch war er keineswegs wahnsinnig; als die Bärin mit zornigem Brummen nach ihm schlug, duckte er sich zur Seite und verschwand wie eine Schlange im Unterholz.

Unter den Aesten eines Tannen-Dickichts hinkriechend, stieß er fünf Minuten später auf etwas, das warm und lebendig war und zusammengeknüllt auf dem Boden lag. Ismaels Nase hatte diesmal versagt – vielleicht weil die Brut der wilden Tiere bisweilen, gleichsam zu ihrem Schutz, keine Witterung gibt –, und seine Augen hatten gleichfalls versagt, weil die unbewegte kleine Gestalt in Farbe und Linie ganz in ihre Umgebung verschmolz. Die Ueberraschung war für Ismael nicht überwältigend. Seine geübten Zähne fuhren sofort und ohne Ueberlegung nach der Gurgel des neuen Opfers. Es erklang ein scharfes Wimmern, voll Ohnmacht und Sehnsucht, dann kämpften hilflose Glieder einen tragisch-kurzen und matten Kampf. So sorgsam die Mutter es versteckt hatte, das Rehkalb war allzu früh dem Schrecken der Wildnis erlegen.

Ismael liebte Wildpret fast noch mehr als Stachelschwein. So trank er gierig das warme Blut, obwohl er nicht gerade hungrig war, und brachte es sogar fertig, noch einen soliden, kleinen Nachtisch zu sich zu nehmen. Bei dieser angenehmen Beschäftigung versäumte er es doch nicht, nach der alten Rehkuh zu wittern, denn er wußte, daß ihre messerscharfen Hufe und ihre Mutterverzweiflung selbst ihm gefährlich werden konnten. Plötzlich dröhnte und krachte etwas durch die Aeste. Es war jedoch nicht die Hindin, die in das Dickicht einbrach, es war die große, schwarze Bärin. Sie hatte ihn verfolgt, und jetzt war sie da, ihm seine Beute abzunehmen. Eine oder zwei Sekunden lang war Ismael blind vor Zorn, stemmte sich über das Wildpret, und so gefährlich war die Wut, mit der er den Eindringling anfletschte, daß es schien, als würde die Ungleichheit ihrer Kampfmittel ausgeglichen. Aber die Bärin kümmerte sich nicht um diesen Zorn. Sie polterte vorwärts und schlug plötzlich nach dem kleinen braunen Tier, das so unverschämt war, ihr Widerstand zu leisten.

Der Hieb fiel natürlich in die Luft, denn Ismael war wie ein Schatten verschwunden. Aber gleich darauf fühlte die Bärin einen stechenden Schmerz in den großen Muskeln über ihrer Ferse. Wie der Blitz fuhr sie herum und schlug abermals. Aber wieder war Ismael verschwunden. Laut knurrend duckte er sich, zwölf Fuß weit fort von ihr, als forderte er sie zur Verfolgung auf.

Die Bärin jedoch, so böse sie war, ließ sich nicht verlocken. Ihre Wunde war wohl schmerzhaft, aber nicht gefährlich, denn der Rachen ihres Gegners war viel zu schmal, um ihren großen pelz-geschützten Gliedern ernsthaften Schaden zu tun. An Gewandtheit aber, das wußte sie, konnte sie sich mit dem durchtriebenen kleinen Gegner nicht messen. Vor allem war sie hungrig. In ihrem Lager, unter der Felsnase eines nahen Bergrückens, hatte sie zwei helläugige, lustige Bärenjunge liegen, und der Appetit dieser Jungen stellte Anforderungen an ihre Brüste, denen sie mit einer Nahrung aus Waldkäfern und wilden Knollen kaum entsprechen konnte. Das Fleisch der Rehkitze war für sie ein Gottesgeschenk. Unfreundlich brummend, machte sie sich an die Mahlzeit, hielt aber dabei einen wachsamen Blick auf den Feind.

Nun traf es sich durch Zufall, daß Ismael von dem Lager unter der Felsnase und seinen verwöhnten Inhabern wußte. Aus sicherem Hinterhalt hatte er alles beobachtet, vor Bosheit mit den Zähnen knirschend, aber doch nicht wagemutig genug für das gefährliche Abenteuer, dort einzudringen. Jetzt war seine Wut stärker als jeder Gedanke an Vorsicht. Trotzdem verließ die Schlauheit ihn nicht ganz. Er machte einen zweiten drohenden Vorstoß gegen seine Gegnerin, um sich ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu versichern, und dann drehte er sich zur Seite, als hätte die Wut ihres Gegenangriffs ihn gelähmt. Er verzog sich nicht allzu schnell, und in einer Richtung, die entgegengesetzt zu der des Bärenlagers war. Pfiffig hielt er sich im Mondlicht der offenen Wiese, die Augen der alten Bärin folgten ihm aufmerksam, bis er unter dem Schatten verschwand.

Endlich, als er sicher war, daß kein Auge mehr ihm folgte, machte er Kehrt, beschrieb einen kurzen Umweg und eilte dann schnurstracks zur Felsnase.

Das Lager der alten Bärin lag in einer kleinen Höhle mit engem Eingang, gerade dort, wo die geneigte Fläche aus Schiefergestein, die einen Ausläufer des Blauberges bildet, plötzlich abbricht und einen tiefen Hohlweg überschattet. Dort, etwa fünfzehn Fuß unter dem Schiefer-Vordach lief ein halb zerborstenes Riff, das zum Eingang der Höhle führte. Auf diesen Eingang fiel jetzt ganz unbewölkt das Licht des Mondes und tauchte die Spitzen der Tannen im Tal darunter in schneeiges Weiß.

Es war zweifellos eine gefährliche Sackgasse, ohne Hintertür zum Entweichen, aber Ismael zögerte nicht. Er wußte, daß die alte Bärin weit fort war, in dem Dickicht auf der anderen Seite des Felsens, und ihr gestohlenes Mahl verzehrte. So glitt er an dem Schieferdach hin, einen Augenblick lang stand sein dunkler, biegsamer Schatten verräterisch im Licht. Dann schlüpfte er in die Höhle. Die beiden schwarzen, glänzenden Bärenjungen, die vielleicht die Größe einer Hauskatze hatten, fingen gerade an, hungrig zu werden. Im Hintergrund der Höhle zusammengekauert, wimmerten sie sich gegenseitig an, ihre kleinen, spitzen Ohren mühten sich ab, die schlürfenden Fußtritte der heimkehrenden Mutter zu hören. Ihre hellen, schalkhaften, kleinen Augen hingen sehnsüchtig an dem Flecken von Licht, der den Eingang zu ihrer Behausung füllte. Plötzlich sahen sie nicht die große Gestalt ihrer Mutter, hinter der alles Licht verschwand, sondern einen kleinen flinken Schatten, der mit zierlichem Sprung hereinkam. Und da wußten sie, daß dies springende Geschöpf ein Todfeind war, daß es sie deshalb mit so grausam gierigen Augen anstarrte, und beide erhoben sie ein schrilles, jammervolles Hilfegeschrei.

Wie es unter so persönlich gearteten, so hoch entwickelten Tieren wie den Bären oft vorkommt, waren die beiden Jungen in ihrem Temperament ganz verschieden. Eins von ihnen stellte sich tapfer der Gefahr, sein weiches Pfötchen fuhr zum Schlag empor, und die dünnen, schwarzen Ränder seiner Lippen fletschten sich mutig über den dünnen Zähnen. Das andere erstarrte im Blick der nahen, drohenden Augen, es zitterte bang und verlor alle Kraft, sich zu bewegen.

Dies unglückliche kleine Geschöpf war es, auf das Ismaels Auge zuerst fiel. Mit einem Sprung saß er an seiner Kehle, drehte es auf den Rücken und begann wild, das Blut zu saugen. In diesem Mord war die Wollust befriedigter Rache, und darüber vergaß Ismael alle Vorsicht.

Eine Sekunde später wurde Ismael durch ein schwaches Kratzen und Nagen an seinem Hinterbein gestört. Das andere Bärenjunge, von jenem Schlag, der die Gefahr nicht abwägt, war seinem kleinen Bettgenossen tapfer zu Hilfe gekommen. Mit triefenden Backen und furchtbarem Knurren sprang Ismael zur Seite, um sich auf den machtlosen Angreifer zu werfen. Im selben Augenblick aber fingen seine Ohren das Schleichen rascher Schritte draußen in dem Felsen. Mit einer blitzschnellen Bewegung, als wäre sein Körper ganz aus stählernen Federn, kam er bis zum Eingang zur Höhle. Dort aber erreichte ihn auch die Bärenmutter, atemlos vor Hast. Kaum beim Mahl, war plötzlich instinktive Angst über sie gekommen, sie hatte diese Angst nicht abschütteln können – jetzt war sie da! Ihre furchtbare Tatze traf Ismael mit aller Wucht ins Gesicht, trieb ihm den Kopf zwischen die Schultern und klebte ihn an den Felsen. Dann traf die andere Tatze, wie ein Rammklotz, auf seine schlanken Lenden. Aber selbst in Todesnot arbeiteten seine Zähne noch, schnappte er wild und furchtbar um sich. Freilich, in ein oder zwei Sekunden war alles vorbei, lag er ohne Atem, eine formlose Masse aus Blut und Pelz, zu Füßen der Siegerin.

Die alte Bärin nahm Abstand und warf noch einen langen Blick auf den Kadaver, dann hastete sie wimmernd vor Angst in ihr Lager. Das unverletzte Junge kam ihr entgegen gekrabbelt. Mit hastigem Lecken und Beschnüffeln überzeugte sie sich, daß ihm nichts fehlte, dann wandte sie sich zu dem toten. Heulend beroch sie es, liebkoste es mit ihrer Zunge, bewegte es zärtlich mit der Tatze. Vielleicht eine volle Minute dauerte es, bis sie ganz begriffen hatte, daß es tot war. Als sie an der Wahrheit nicht länger zweifeln konnte, hörte sie auf zu jammern. Mit dem starren kleinen Leichnam im Maul verließ sie die Höhle und legte ihn sorgsam auf eine steil abfallende Felsecke. Als hätte sie ihm eine Art Beerdigung zugedacht, ließ sie den Körper langsam den Felsen hinabgleiten. Er fiel schneller und schneller, überschlug sich und blieb endlich in den Zweigen einer alten Pechtanne hängen, die, wohl fünfzig Fuß tiefer, gleichsam gewartet hatte, ihn aufzunehmen.

Die Mutter gönnte sich nicht die Zeit, diesen Fall zu beobachten. Heftig wandte sie sich um und warf sich noch einmal auf die Ueberreste Ismaels. Da schlug und bearbeitete sie diese mit ihren Tatzen, bis sie an kein Geschöpf mehr erinnerten, das je die Wildnis durchstreift hatte. Sie dachte nicht daran, sein widerwärtiges, zähes Fleisch zu verzehren – sie war wählerisch im Essen, liebte Honig und Früchte und reine Nahrung. Als sie an dem Kadaver ihre ganze Wut ausgetobt hatte, schleuderte sie ihn rechts über die Felsnase, dann zog sie sich in die Höhle zurück, um das Kleine zu säugen, das ihr geblieben war. Was von Ismael übrig geblieben war, fiel in einen Hohlweg hinab, der viel begangen war. Dort balgten sich vielleicht um sein Fleisch ein paar neidische alte Füchse oder Wildkatzen, vielleicht bot er – noch unrühmlicher – ein lang ausgedehntes Fest für aasfressende Käfer und Schmeißfliegen.


Ein Jahr ohne Kaninchen

Es war das Hungerjahr – für alle fleischfressende Kreatur der nördlichen Wildnis ein Jahr voll nie unterbrochenen Lauerns, hellster Wachsamkeit, ungeahnt heftiger Fehde. In diesem Jahre brach jede Schonung, jeglicher Vertrag.

Denn es war das Jahr ohne Kaninchen! Was kaum einmal in Jahrzehnten vorkommt, ihre schwärmenden Rudel waren auf rätselhafte Art verschwunden, als hätte eine Pestilenz sie ausgerottet oder als hätte eine Laune unbekannter Mächte sie ins Exil verstoßen. Seitdem herrschte Anarchie in der Wildnis, denn das Kaninchen ist dort die letzte Auskunft, der große Erhalter des Friedens. Das Kaninchen ist es, das unter den gefährlich selbständigen und unleitbaren Jägern und Räubern dem Leben eine gewisse Gleichmäßigkeit gibt. Auf seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit, auf den Vorrat an Nahrung, den es mit der Legion seiner lebendigen Körper bietet, sind alle anderen Leben angewiesen. Die leichte Jagd auf Kaninchen befriedigt den Blutdurst der Raubtiere. Dank dieser mühelosen Jagd können die Raubtiere des Waldes sich nutzlose Kämpfe ersparen, und indem sie eins das Leben der anderen schonen, vermeiden sie Gefahren und unnützes Blutvergießen. Denn, mit Ausnahme mancher Männchen in der Brunstzeit, suchen nur wenige Raubtiere den Kampf um des Kampfes willen. Mit einem Gegner von annähernd gleicher Tüchtigkeit lassen sie sich nur dann ein, wenn es die Verteidigung ihrer Jungen gilt. Ein zu kostspieliger Sieg ist ja meist so schlimm wie eine Niederlage. Er schwächt auch den Sieger, daß er dem nächsten Feind, den der Zufall über seinen Weg führt, zur leichten Beute wird.

Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn man unter den größeren Tieren manchmal so etwas wie Waffenstillstand beobachten kann, soweit er die hilflosen Jungen angeht. Es handelt sich da nicht um Wohlwollen, es ist einzig und allein die Frage kühler Ueberlegung. Werden aber ihre Jungen bedroht, dann sind selbst die Schwachen gefährlich, die Starken von unversöhnlichem Rachedurst. Im allgemeinen gilt deshalb unter gleich Starken das Beschleichen von Brutplätzen nicht als gute Jagd. Die Gefahr ist zu groß für den Gewinn. Als jedoch die Kaninchen verschwunden waren, hatte sich alles geändert. Da wurde jede Jagd gute Jagd.

Man kann sich schwer vorstellen, daß diese kleinen, huschenden, schlau-äugigen Tierchen im Haushalt der Wildnis eine so bedeutsame Rolle spielen. Dennoch war kein Tier so stark oder hochmütig, daß es bei ihrem Verschwinden gleichgültig geblieben wäre. Der Mensch sogar wurde davon betroffen; denn jetzt kamen die Füchse und die Wildkatzen seiner Siedlung nahe, pürschten sich an die Hühnerhöfe und die Weideplätze abgelegener Farmen. Auch die großen Pflanzenfresser, Hirsche, das Renntier und sogar das gewaltige Elen wurden von der plötzlich einreißenden Anarchie ergriffen. Jetzt mußten Elen und Renntier ihre Jungen mit einer Wachsamkeit behüten, wie nie zuvor. Die schwächeren Tiere aber bekamen Feinde, die sie bisher kaum beachtet hatten, die aber grausam gefährlich wurden.

Von allen Bewohnern der Wildnis war der Bär am wenigsten betroffen. Er hatte nie mehr als einen gleichgültigen Seitenblick für ein so geringes Wesen wie das Kaninchen gehabt, und solange er im Forst Wurzeln, Früchte und Schwämme, Maden und Käfer, Ameisen und Honig fand, spielte Fleischnahrung für ihn kaum eine Rolle. Wurde aber einmal der Hunger auf Fleisch mächtig in ihm, dann liebte er große Jagd auf Rehe, Schafe oder eine verlaufene Färse. Aber trotz all ihrer Unabhängigkeit mußten selbst die Bären auf das Verschwinden des Kaninchens Rücksicht nehmen. Sie bekamen Furcht, sich allzu weit von ihrem Lager zu entfernen, denn in ihrer Abwesenheit konnte ein besonders kühner Fuchs oder Luchs oder Fischer eindringen und die Jungen töten.

Die Luchse waren es andererseits, die am meisten zu leiden hatten. Sie und die Wiesel waren die eifrigsten Kaninchenjäger, dem Luchs aber fehlte die Anpassungsfähigkeit des Wiesels. Der Luchs geht seinen von Alters her bestimmten Weg; obwohl er viel wilder und auch viel kampftüchtiger ist als sein kleiner Vetter, die Wildkatze, ist er doch dem Menschen und all seinem Beginnen gegenüber besonders scheu. Statt mit Fuchs und Wildkatze die Bauernhöfe zu umschleichen, blieb der Luchs, wo er einmal war, hungerte oder ging auf gefährliche Jagd.

Fast auf der Spitze eines steilen und felsigen Hügels, im Herzen eines Zedern-Dickichts, hatte eine weise alte Luchsmutter ihr Lager. Die Oberfläche des Hügels war ein Wirrwarr aus verknorrten Birken und Schierlingstannen, in brüchige Felsblöcke eingekeilt, das Lager aber eine Höhle mit engem Eingang, nahe der Spitze. Hier glaubte die Mutter der Wildnis ihre Brut wohl versorgt. Alle Zugänge zu der Höhle waren eng und schwierig, und nur ein kühner Feind hätte diesen gefährlichen Eingang betreten, solange er nicht ganz sicher war, ob die Mutter zurückkehren würde. So wagte sie es, was in dieser gefährlichen Zeit nur wenige Mütter wagten, weit hinaus auf Beute zu schweifen. Und das war gut. Denn ihre getigerten, samtigen Kätzchen waren derbe und hungrige Kinder, deren Säuglingsgewinsel schon einen herben, streitlustigen Klang hatte, selbst da sie noch blind im Nest krabbelten. Die Mutter mußte tüchtig jagen, um für die Ansprüche dieser geliebten Brut Milch genug in den Brüsten zu haben.

Im Gegensatz zu den meist glücklicheren Müttern der Wildnis hatte sie ganz allein für ihre Familie zu sorgen. Ihr zügelloser Gatte durfte nicht einmal wissen, wo das Familienversteck lag, sonst war es möglich, daß er sich in einer Anwandlung unväterlicher Gier aus dem eigenen Nachwuchs ein Festmahl machte. Für gewöhnlich sah sich dies wilde und verschlafene Ehepaar, ausgenommen in der Brunstzeit, nur selten. In diesem Hungerjahr aber trafen sie sich häufig zu gemeinsamer Jagd auf irgendein Wild, mit dem sie einzeln nicht fertig werden konnten. War das Glück ihnen günstig, dann konnten sie zusammen vielleicht einen Bock zur Strecke bringen. Aber kaum hatten sie sich brav daran gesättigt und die Ueberreste im Dickicht verborgen, floh das Weibchen in angstvoller Hast zu ihrem Lager. Das Männchen stellte sich, als wollte es ihr folgen; aber da wandte sie sich mit so drohender Wut gegen ihn, daß er zurücksprang, sich auf seine Keulen setzte, seine noch bluttriefenden Lippen schleckte und sie so unschuldig anblickte wie ein Kätzchen seinen Herrn, nachdem der Kanarienvogel verschwunden ist. Die erfahrene Mutter aber ließ sich nicht täuschen. Ueber ihre graue Schulter zurückäugend, knurrte, spuckte und zischte sie, bis die gefährliche Erscheinung ihres Gatten außer Sicht war. Dann schwenkte sie von ihrem Wechsel ab und schlug eine entgegengesetzte Richtung ein. Ihr Eheherr aber hatte viel zu viel Liebe zu seinem Fell, als daß er es gewagt hätte, ihr zu folgen.

Als die Luchsmutter eines Tages von solch einem Ausfluge heimkehrte, bald wie ein Lichtstrahl durchs Dickicht gleitend, dann wieder in großen, geräuschlosen Sprüngen, fühlte sie plötzlich etwas wie eine dumpfe Vorahnung. Vielleicht war sie länger als gewöhnlich fort gewesen. Mit gespanntem Körper schlich sie voran, hinein in das Gewirr aus Blöcken und Felsen. Kaum am Ziel, fing ihre Nase eine scharfe, fremde Witterung, und ein Streifen rötlich-gelben Fells verschwand unter einem Busch. Schnell wie der Blitz war auch sie in diesem Busch – aber da war nichts mehr! Um die nächste Ecke jedoch bog ein großer Fuchs. Sie zauderte einen Augenblick. Besinnungslos vor Wut, war sie nahe daran, ihn zu verfolgen, ihn mit ihren furchtbaren Krallen in Stücke zu reißen – dann war die Mutterliebe stärker. Sie eilte zu ihrem Lager, schnüffelte hinein, wimmernd vor Angst und Sehnsucht.

Die Kätzchen waren alle da, ungestört, und drängten sich an ihre Zitzen, als sie es fühlten und rochen, daß die Mutter sich über sie beugte. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich den Wünschen der Jungen zu widmen. Der Gedanke an ihren Feind ließ sie nicht ruhen. In aller Hast beleckte sie die Kleinen, um sie ein wenig zu beruhigen, dann ließ sie sie wieder allein, und hinter ihr klang hell der Jammer von Hunger und Enttäuschung.

Sorgfältiges Abschnüffeln belehrte die Mutter bald, daß der Fuchs kaum auf zehn Fuß weit an den Einschlupf herangekommen war. Aber für ihr liebendes Herz war das schon mehr als genug. Der Feind hatte aufgeklärt, er hatte das Versteck gefunden, in dem sie ihren Schatz verbarg! Es war ein Feind, den sie fürchtete, denn er war stärker als sie selbst, und ganz außer sich vor Wut und Angst suchte sie jeden Winkel und jeden Spalt auf dem Hügel ab. Natürlich fand sie nichts als Moschus-Duft, den er so freigebig zurückzulassen pflegt. Der Zufall aber wollte es, daß sie am Fuße des Hügels, fast unmittelbar unter ihrem Lager, einen anderen Eindringling entdeckte. Ein schwarzer Bär grub dort Wurzeln aus der fetten Erde zwischen den Felsen. Sein Besuch war so harmlos wie möglich, er dachte nicht einmal an junge Luchse. In den Augen der sorgenden Mutter aber spionierte auch er den Weg zum Versteck ihrer Kleinen auf!

Natürlich kann auch der stärkste Luchs den Kampf mit einem Bären nicht wagen. Eine Mutter aber ist Mutter, und dies ist das große Wunder unserer Schöpfung. Der Bär wühlte aufmerksam Moos und Gras durcheinander und dachte an keine Gefahr, als wie ein Wirbelwind Klauen und Zähne und wildes Fauchen ihm ins Genick kamen. Er war völlig überrascht, blutete schwer und schlug vergeblich mit seinen schweren Pranken über die Schulter. Jeder Schlag hätte seinen wütenden Angreifer getötet, aber nicht ein Mal traf er; kaum daß er ein Stückchen armseliges Fell berührte. Im nächsten Augenblick floh er, und von Entsetzen gepackt, tobte er durch die Zedern. Die Luchsmutter saß ihm im Nacken, biß und kratzte, bis ein niedriger Zweig sie abschüttelte. Worauf sie eine Pause machte, um die langen, schwarzen Haare, die sie so eifrig ausgerissen hatte, aus ihren Zähnen zu spucken und dann mit erleichtertem Herzen zu ihrem Lager zurückzukehren.

Der Bär rannte drauf los, aber sein Entsetzen wich allmählich einem Gefühl von Entrüstung, bis dieses jedes andere Gefühl unterdrückte. Da machte er Kehrt und trottete langsam auf der eigenen Spur zurück. Er wollte den unverschämten Wegelagerer aufspüren und erledigen!

Als er den Hügel erreicht hatte, änderte er abermals seine Absicht. Schließlich: war es der Mühe wert, der Hexe aufzulauern? Sie schien reichlich listig zu sein. So wechselte er zur anderen Seite des Hügels und tobte dort seine Wut aus, indem er einen alten Baumstamm zu Splittern riß.

Obwohl ein winziger Gegner ihn ruhmlos in die Flucht geschlagen hatte, war das Abenteuer für den Bären nicht allzu wichtig. Seine Wunden waren leicht und bald vergessen. Etwas anderes war es für die Luchsmutter. Ihre Sicherheit war dahin! Sie fühlte, daß beide, Fuchs und Bär, hinter ihren Jungen her waren, durfte sich nicht mehr aus dem Bau wagen, um zu jagen. Nahe dem Lager aber gab es, dank ihrem guten Ruf, selten ein Stückchen Wild zu sehen. So konnte sie nichts mehr tun, als in unermüdlicher Geduld auf wilde Hühner und Waldmäuse zu lauern. Dabei wuchs ihr Hunger, der Vorrat kostbarer Milch in ihren Brüsten wurde geringer, indes die Jungen, deren Augen sich gerade öffneten, in ihrer Gier immer dringlicher wurden.

Etwa drei Tage nach dem Besuch des Bären und des Fuchses tauchte eine riesige Elen-Kuh in der Gegend jener Höhle auf, die suchte, wie die Luchsmutter es jüngst getan hatte, Ruhe und Sicherheit. Sie langte auf der andern Seite des Hügels an und ahnte nichts von der Luchsin, die in ihrem Buschversteck, nahe der Spitze, auf der Lauer lag. Sie war schwarz und grimmig und sah sehr gefährlich aus, die große Elen-Kuh. Sicher konnte sie mit einem einzigen Schlag ihrer gespaltenen Vorderhufe auch die größte Katze zusammenschmettern. Deshalb dachte die Luchsin auch nicht daran, mit ihr selbst anzubinden. Aber sie wußte genau, weshalb die schwarze Pflanzenfresserin dies Versteck aufsuchte, und hoffnungsvoll leckte sie ihre schnurrbärtigen Lippen.

Bei Tagesanbruch gebar die Elen-Kuh ein langbeiniges, zitterndes Kalb und bettete es in das zarte Moos am Fuße des Felsens. All ihre Schmerzen waren im Augenblick vergessen, lang und zärtlich beleckte sie das Neugeborene, bis sein zartes Fell trocken war und dunkel glänzte. Als dann der warme Tag erwachte, krabbelte es auf seine schwachen Füße und machte den ersten Versuch, zu säugen. Es war so lächerlich mager und klapprig, dickköpfig und gliederschwach! Die wackligen Beine konnten das Gewicht des Körpers kaum tragen, nach zwei oder drei Minuten sank es wieder ins Moos zurück. Und da lag es, blickte mit sanften, neugierlosen Augen um sich, indeß die Mutter es mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit betrachtete. Für sie war dieses Kälbchen das Einzige im ganzen grünen Forst, das wirklich schön war …

Ein Raschellaut, aber anders als der von fallendem Laub oder Gezweig, kam plötzlich an ihr wachsames Ohr. Scharf wandte sie den Kopf. Da hockte, keine hundert Fuß weit ab, der Bär am Zedernstamm, wühlte Erde und hatte das Maul voll heller, gelber Pilze. Ein Bär! Unter allen nur möglichen Feinden war das der furchtbarste! Mit einem harten Schrei, einer Art heiseren Gebrülles, stürzte sie gegen ihn!

Der Bär war überrascht und erschrak beim Anblick des schwarzen Unwetters, das auf ihn niederging. Er war kein besonders großer Bär, aber sie war eine besonders große Elen-Kuh. Falls er imstande war, nachzudenken – eine Frage, in der die Gelehrten sich scharf widersprechen – dann überlegte er vielleicht, daß dieser Hügel keine besonders glückliche Gegend für ihn war. Zu viele Mütter und kaum genug Pilze. Jedenfalls beschloß er, eiligst zu verschwinden. Und diesen großen Entschluß führte er so geschwind aus, daß es ihm gelang, einen gewaltigen Abstand hinter sein Hinterteil und diese furchtbar schmetternden Hufe zu legen. Da empfand er, daß er sich mit einiger Berechtigung Glück wünschen dürfe.

Die Luchsin hatte aus ihrem hohen Versteck den wilden Angriff der Elen-Kuh auf den Bären beobachtet, und ihre blassen, runden Augen standen in Flammen. Unhörbar verließ sie ihr Versteck – das schwache Opfer ließ keinen Schrei hören. Viel zu erfahren, viel zu geschickt im Töten war die Luchsin! Sie wünschte keinen Kampf, der die Aufmerksamkeit der Mutter von der Verfolgung des Bären abzog. So verließ das unglückliche Kalb dies Leben, dem es eben erst seine Augen geöffnet hatte und wußte nicht, wie ihm geschah. Die Luchsin schleppte ihre widerstandslose, aber noch zitternde Beute eilig den Felsen hinauf. So rasch wie irgend denkbar mußte sie das Kälbchen aus dem Bereich seiner Mutter bringen.

Für ein Tier ihres Gewichts, nicht mehr als vierzig armselige Pfund, war die Luchsin bewundernswert stark, und dabei war sie leidenschaftlich in ihrem Entschluß. Dies Beutestück würde es ihr möglich machen, im Bau zu bleiben, bis die Jungen die Zeit der völligen Hülflosigkeit überwunden hatten. Nichts konnte sie mehr in die Ferne locken. Aber trotz aller verzweifelten Anstrengungen war das armselige Kälbchen mit seinen langen, schleppenden Beinen so unhandlich, daß sie nur gefährlich langsam über die brüchigen Felsen klettern konnte.

Als die Elen-Kuh erfaßt hatte, daß der Bär ihr entronnen war, machte sie eilends kehrt. Das leichte Moos flog unter ihren gespaltenen Vorderhufen, so schnell eilte sie zu ihrem Kalb zurück. Dann fiel sie in einen schlendernden Trott, dachte nichts Böses mehr und war stolz darauf, den Feind so tapfer vertrieben zu haben. Da war das Junge nicht mehr auf seinem Platz! Einen gewaltigen Satz tat sie vorwärts, ihre lodernden Augen suchten die ganze Fläche des Hügels ab, und da sah sie mit einem Blick nach der Höhe, was geschehen war!

Als diese schwarze Rachegestalt donnernd auf sie zutobte, strengte die Luchsin sich verzweifelt an, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Der Abhang war an dieser Stelle so steil, daß ein Elen ihn kaum erklettern konnte. Aber die verzweifelte Mutter schnellte sich dennoch empor, und ihre vorgeworfenen Hufe trommelten zu beiden Seiten des toten Kälbchens auf die Felsen. Im Augenblick verzagt, ließ die Luchsin ihre Beute fahren und duckte sich mit bösem Fauchen. Dann sah sie, daß der Gegner zu kurz gesprungen war, stieß wieder vor und senkte die Zähne aufs neue in die Gurgel des Opfers.

Von ihrem wilden Sprung war die Mutter heftig auf die Keulen zurückgefallen. Ohne den Stoß zu beachten, nahm sie einen neuen Anlauf, und dann ging's abermals zum Angriff. Diesmal war sie weniger ungestüm, und die Luchsin, die über die Schulter des Kälbchens nach ihr äugte, war ohne Angst. Aber in Wirklichkeit war die weiße alte Elen-Kuh nie so gefährlich wie gerade jetzt. Sie, die schon so manches Lebensjahr, so manche Gefahr triumphierend überstanden hatte, sie wußte, wie ihre Kraft am besten zu brauchen war. Und bei dem ersten Sprung schon hatte sie gesehen, daß ihrem Jungen nicht mehr zu helfen war. Rache war alles, woran sie denken konnte!

Bei diesem Angriff stemmte sie die beiden Hinterbeine ein und prallte in einem wundervoll berechneten Stoß vor. Die Luchsin wurde völlig überrumpelt. Nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren, klammerte sie sich mit aller Kraft auf ihren Stützpunkt, in wütendem Zorn, mit zitternden Ohren. Diesmal hatte sie sich gänzlich verrechnet. In der nächsten Sekunde schon traf sie die Wucht eines der stampfenden Vorderhufe, trieb ihren Kopf zwischen die Schultern – und da torkelte ihr zäher Körper, kraft- und willenlos über das tote Kälbchen hin.

Abermals fiel die Elen-Kuh zurück, denn es war ihr auf dem festen Abhang nicht möglich, festen Fuß zu fassen, dann wiederholte sie den wundervollen Sprung. Diesmal stampfte sie die beiden Körper ineinander und ließ sie den Abhang hinunterkollern. Klar und unerbittlich in ihrer Wut, fegte sie das Opfer sorgfältig zur Seite, trampelte seine Reste in die Erde.

Als die Rache ganz vollzogen war, kehrte sie um, beschnüffelte minutenlang zärtlich ihr Junges, und aus ihrer zottigen Kehle kamen tiefe Schmerzenslaute. Stundenlang stand sie noch so, das Haupt gesenkt, bewegungslos, bis der letzte Sonnenschein dahin war und der Wald im tiefen Schwarz lag. Dann ging der Mond auf, warf sein weißes Licht über die Baumspitzen und breitete sich wie eine blasse Hand über den Felsen, bis er das traurig-grausame Schauspiel am Fuße des Hügels beleuchtete. Da war es, als verstünde die Elen-Kuh plötzlich, daß das Geschick sich unerbittlich vollzogen hatte. Sie hob das schwere Haupt, sog die Nachtluft mit vollen Lungen ein, und lautlos verschwand sie in den Zedern.

Ein oder zwei Stunden später pürschte sich vorsichtig der Bär wieder heran. Erst versteckt, hatte er seine letzte Gegnerin abziehen sehen, mit einem Ausdruck, als würde sie in diesem Forst nie wieder erscheinen. Hocherstaunt kam er jetzt angetrottet, um eine Erklärung für dies Wunder zu suchen. Die Erklärung war ganz nach seinem Geschmack. Für die zerstampften Reste der Luchsin hatte er nur ein verächtliches Grunzen, aber gesegneten Hungers machte er sich über das herzhafte Mahl her, das ihm das Elen-Kalb bot. Glückselig saß er auf seinen Keulen und genoß dies Fest, vielleicht mit einem Gedanken daran, wie doch die Bären unter allen Geschöpfen der Wildnis die glücklichsten seien. Das wäre zumindest eine kluge und richtige Betrachtung gewesen, hätte er sie nur anstellen können, und nicht mehr als der gebührende Dank für jene Mächte, die seine Art so großmütig bevorzugt haben.

Die kleinen Luchse in ihrem Lager, Säuglinge, die jetzt über allen Begriff hungrig wurden und jammervoll weinten, schienen einem langsamen und erbärmlichen Lebensende geweiht. Doch so grausam ist die Natur nur selten. Voll Neugier, zu wissen, ob auf dem Hügel etwas Neues passiert sei, kam der Fuchs durch die schwarzen Schatten geschlichen! Aus dem Dickicht heraus beobachtete er den Bären bei seinem Festmahl und begriff. Weiter durchforschte er das Hügelland und hörte das Jammern der Kätzchen. Sich diesen Ton zu erklären, fiel ihm nicht schwer. Noch eine kurze Erkundung, dann tauchte er in die Höhle unter. Ein paar Schreie, die schwach aber tapfer klangen, und nun war auch der Jammer von Hunger und Einsamkeit verklungen. Der Fuchs war viel zu sachlich, um mit seinen Opfern zu spielen und sie zu quälen, wie irgend ein Katzentier es getan hätte. Er tat sie auf einmal ab und schickte sich schleunigst an, sie in seinen Bau zu schleppen. Denn obgleich er selbst einen tüchtigen Imbiß wohl brauchen konnte, dachte er zuerst an sein Weibchen und seine Kinder, denen er mit ganzem Herzen ergeben war.

Jetzt, da die schreckliche Luchs-Mutter den Hügel nicht länger beherrschte, fing das kleinere Waldvolk wieder an ihn mit Vorsicht zu besuchen. In der Nachbarschaft des verlassenen Lagers hielten sie sich freilich nicht gerne auf, denn die Höhle im Gipfel konnte leicht einen neuen, gefährlichen Mieter finden. Von den beiden Körpern am Fuße des Felsens waren bald nur noch ein paar sauber und weiß geputzte Knochen übrig, dann verödete der Ort. Ein paar wilde Hühner und Spechte wurden seine einzigen Besucher.

So endete der Sommer. Als die Ahorn-Aeste sich langsam in herbstliches Gelb kleideten, erschienen wieder ein paar Kaninchen, einzeln und in Paaren, ein furchtsames, auseinander gestreutes Volk. Sie ließen sich nieder, und da die Zahl ihrer Feinde geringer geworden, vermehrten sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit, als wäre es ihr einziges Ziel, die Erde zu bevölkern. Bald horchten ihre langen Ohren, äugten ihre scharfen Augen wieder durchs Dickicht, empfindliche Nüstern witterten jeden Windhauch, und flockige, weiße Spiegel hoppelten aus dem goldigen Farrenkraut. Zwar liebten die Kaninchen den Zedernwald mit seinem feuchten und schwarzen Moos, seinen halb versteckten Teichen nicht, aber ein paar besonders abenteuerfrohe Gesellen unter ihnen streiften überall hin.

An einem frischen Oktobermorgen, als die Birkenbäume schon ganz in Gold getaucht zwischen den grauen Felsen des Hügels standen, streifte ein tapferer Kaninchen-Rammler am Fuße des Hügels hin und stöberte jenes Häuflein weißer Knochen auf. Erst erschrak er gewaltig und suchte mit großen Sätzen Zuflucht im Dickicht. Aber da die Knochen keine feindliche Haltung einnahmen, fühlte er sich bald beruhigt. Als er sie lange genug angestarrt hatte, kam er zur Ueberzeugung, sie seien harmlos. Mit verständnisloser Neugier umsprang er sie, dann ließ er sich wie ein Wachtposten auf dem Spiegel nieder, die langen Ohren in närrischer Wachsamkeit gespitzt. Nichts wäre ihm weniger in den Sinn gekommen, als die Tatsache, daß er und die Seinen verantwortlich waren für dieses Häuflein bleichender Gebeine.


Unter gespenstischen Lichtern

In jene ungeheure Tiefe drang nie ein Strahl von Licht, sie lag eine halbe Meile unter der wild gepeitschten grünpurpurnen Fläche des Ozeans und ihren milchweißen Schaumkämmen. Die seltsamen Bewohner dieser Tiefen konnten nicht bis zu den sonnenbestrahlten Flächen emporsteigen, durften nie erfahren, wie es dort oben war. Sie waren für gewaltigen Druck gebaut, unter dem sie geboren waren – bei einer Reise zum Licht wäre ihr Gerüst zerstört, wären ihre Eingeweide nach außen gedreht, ihre Augen aus den Höhlen gerissen worden, und die zerbrechlichen Gewebe ihres Körpers hätten zerfallen müssen. So lebten sie ihre Jahre hin, ohne zu wissen oder zu ahnen, was Sonne ist, in einer Ruhe, die auch der wildeste Orkan nicht stören konnte.

Und doch waren diese Tiefen nicht in völlige und ewige Dunkelheit versenkt. Dann und wann verbreitete ein Schwarm zarter Infusorien vom Stamm jener Lebewesen, die nachts an der Oberfläche der See leuchten, ein Fleckchen nebelhaften Schimmers. Dann und wann kam ein blasser, trügerischer Schein, der immer wieder verlosch und wie ein Atemzug neu auflebte, von den weithin gebreiteten Büschen jener seltsamen pflanzenähnlichen Geschöpfe, die man Seelilien nennt. Und aus dem weiten Beben des tangbestreuten Meeresgrundes stieg ein seltsam phosphoreszierendes Leuchten auf, das die Dunkelheit bekämpfte. So herrschte für Augen, die empfindlich genug waren, diese leichten Bewegungen wahrzunehmen, etwas wie gespenstisches Zwielicht, das sich zumindest in Lichtflecken über das Bett der Tiefsee hinzog.

Neben diesem unruhigen Schimmer, der stets an seiner eigenen Schwäche hinzusterben schien, tauchte ab und zu ein Schwarm von Glühwürmern auf, die unter irgend einem Riff oder einem Busch von Lilien erstrahlten, um Sekunden später wieder zu verlöschen. Oft auch entflammten ein paar bescheidene Lämpchen in blauen oder violetten Farben, die sich in sanfter Bewegung rechts und links neigten, als ob ein unsichtbarer Träger das grausige Dunkel mit ihnen absuchte. Auf beiden Seiten dieses unkenntlichen Geschöpfs schimmerten blasse, lichte Büschel, helle Augen leuchteten auf, wurden größer und verschwanden. Manchmal bewegte sich durch das Dunkel etwas wie ein anderes Wesen, gleichsam das Gespenst eines Lichts; zwei lichte Büschel wehten von seiner Nase, seine Flossen schimmerten wie durchsichtige Nebel, und auf jeder Seite trug es eine doppelte Reihe sanft glühender Punkte. Oft folgte ihm eine größere Gestalt, geisterblaß, der Kopf gewaltig groß und lang, der Körper bebend und stürzte sich wie zur Flucht ins Gewirr der Seelilien. Gespenstische Lichter hasteten immer, in irgendwie phantastischer Form durch das lautlose Dunkel. Ueber einem Ding, das wie ein riesiger flacher Stein aussah, schwebte, zwei Fuß hoch, ein Büschel violetter Flammen, gleichsam eine Aureole zartleuchtender Gewebe, die wie Flaum aus einem Keim schwachen Lichts erwuchsen. Diese leuchtende Blüte hing, das verriet ihre duftige Durchsichtigkeit, an der Spitze eines dünnen Rohrs, das leise schwankte, obwohl in dem umgebenden Wasser keine Bewegung war. Diese Stütze aus Rohr schien aus einem flachen Felsstück zu wachsen, dessen schwärzliche Ränder im bewegten Schatten des Schlammes ringsum verschwanden. Die schöne kleine Flamme zitterte manchmal, manchmal zerrte sie an ihrer Stütze, manchmal verblaßte sie bis zur Unsichtbarkeit, um dann wieder in hellerem Glanz aufzustrahlen, im ganzen hatte sie eine Lebhaftigkeit, für die sich kein Anlaß zeigte.

Plötzlich erspähte einer der gespenstigen Fischkörper mit doppelter Linie glühwurmartiger Punkte auf den Seiten und riesigen weißlichen Augen die zitternde Flamme und nahm Richtung, sie zu erforschen. Der Besucher war klein, kaum einen Fuß lang und schien deswegen mit einiger Bescheidenheit aufzutreten. Doch als er näherkam, glaubte er, dies kleine violette Licht sei etwas, das man nicht nur mit Behagen essen, sondern auch ohne Gefahr in Besitz nehmen könnte. Er beeilte sich, daß nicht irgend ein hungriger Wanderer ihm zuvorkäme. Abgesehen von seiner seltsamen Beleuchtung machte er den Eindruck eines gewöhnlichen Fischleins aus höher gelegenen Wassern. Aber im Sturm auf das Flammenbüschel tat er einen erschreckend weiten Rachen auf, einen Rachen, aufgerissen bis zum Scheitel seines langen Kopfes!

Die kleine Flamme entwischte zur Seite und beugte sich zierlich zum Grund, als hätte sie Augen und wollte dem Angriff geschickt ausweichen. Gleich darauf geschah etwas Entsetzliches. Der flache, schwarze Block, der die Flamme getragen hatte, klaffte auf. Es tat sich eine Höhle auf, mit langen Zähnen bewehrt, die alle nach innen strebten. Der tollkühne Gespensterfisch war gefangen. Mit Schnappen schloß die Höhle sich; rechts und links schimmerten, wo sie gewesen war, zwei blasse, kalte Totenaugen. Ihr Phosphoreszieren dauerte nur eine Sekunde oder zwei, dann schien der schwarze Stein wieder eine leblose Platte wie zuvor, an der Augen wie dumpfe Warzen saßen. Und wieder stieg das violette Flämmchen sanft empor, zitterte und bewegte sich grundlos wie zuvor.

Plötzlich aber ging die Flamme aus, verlöschte ganz. Eine Reihe harter Stöße hatte die Wasser durchzuckt. Auch alle die anderen Lichtchen in der Nachbarschaft verlöschten plötzlich, die Glühwurmbüschel, die flimmernden Punkte und Sterne, die suchenden Augen und gespenstigen Lichtbüschel, ja selbst das bläßliche Leuchten der unerschütterlichen Seelilien war nicht mehr. Nichts war mehr zu sehen als die Nebelflecken der Infusorien und trügerischer Schein über dem Schlammbett. Irgendwo im Dunkel, viel zu weit, um sichtbar zu sein, aber nahe genug, sich schrecklich fühlbar zu machen, tobte eine Schlacht von Giganten. Für all die kleineren Wesen der Unterwelt hieß das »Licht aus und nicht gerührt!« Selbst jener große Steinblock von Kreatur, der doch sieben oder acht Fuß lang war und gut zwei Fuß breit – dort wo sein Höllenmund sich geöffnet hatte, wünschte die Aufmerksamkeit dieser Kämpfer nicht auf sich zu lenken. Er hielt seinen zarten, violett schimmernden Köder gut versteckt und freute sich, unter allen Steinblöcken auf dem Meeresgrund am wenigsten beachtet zu sein. Allmählich verschwand die Unruhe, wieder lag das Wasser in schwerer Ruhe. Als erste Tiefseebewohner, die Vertrauen faßten, suchten die Seelilien das Dunkel, das eine unwiderstehliche Lockung für alle Arten zartlebender Organismen war, die ihr zuschwammen oder zuwehten, um von den fleischgierigen, immer hungrigen Blumen verschlungen zu werden.