Sophie Hoechstetter
Kapellendorf
Kapellendorf
Roman
von
Sophie Hoechstetter
München u. Leipzig
bei Georg Müller
1908
I.
Erste Jugend.
Dort, wo immer der Wind weht, ein zärtlicher Sommerwind, der den Thymian berührt und heiße Luftwellen über das reifende Korn streifen läßt, dort, wo Herbst- und Frühlingsstürme die Melodie von Fernweh und Heimweh singen und die einzigen Töne des Lebens zu bringen scheinen — in der weiten Flurhochebene alten weimarischen Landes liegt die Wasserburg Kapellendorf.
Ein früher Barockbau von fürstlicher Größe steht geborgen hinter dem Wassergraben. Noch über dem hohen Hause erhebt sich in gerader Einfachheit die Kemenate. Auf der andern Seite schaut der Normannenturm ins Dorf. Vor dem Tor beschatten Pappeln den Weg. Im Burghof schmiegen sich Linden an die Schloßmauern.
In dem kleinen verfallenen Mauergärtlein vor der Kemenate saßen an einem Vorfrühlingsabend zwei Kinder. Man ließ der Fünfzehnjährigen und dem Burschen Klemens dies glückliche Vorrecht gern. Niemand war daran gelegen, ihre Entwicklung zu beschleunigen. Ihnen beiden schien in ihren innersten Gedanken das Erwachsensein für sie selbst wie eine Art von Erniedrigung. Sie hatten es im Instinkt, daß junge Unmittelbarkeit besser ist als die Weisheit derer, die sie verloren.
Klemens rauchte. Nicht, weil es männlich war, sondern weil es ihm so gut schmeckte wie Äpfel und Birnen. Die gab es noch nicht. Er bot Leonore eine Zigarette an — das Dutzend kostete einen Groschen und die Frühlingsluft verwehte ihre Bitterkeit bald.
„So vor der Konfirmation, es ist ja dumm, das weiß ich. Aber die Großeltern fänden es gewiß ungut.“
„Du bist doch kein Fräulein, Leonore, und der Pastor pafft den ganzen Tag. Als ob es was anderes wäre, Zigaretten zu rauchen als Kaffee zu trinken. Borniert einfach.“
Leonore nahm eine Zigarette. Erstens liebte sie sie ebenso wie Äpfel und Birnen, zweitens konnte sie nicht wohl ihrem Freunde sagen, daß sie nicht immer der Konfirmation und der Religion so überlegen war wie in den Gesprächen mit ihm.
„Dankmar ist wirklich nett, daß er mit dem Vetter nach Weimar ging. Er langweilt sich doch zum Sterben dabei.“
„Ach, Dankmar. Den haben wir doch gern. Der ist viel ritterlicher als du, Klemens. Da geht er mit diesem unsäglichen Menschen, mit diesem Frauenzimmer von einem Gymnasiasten. Es hätte doch viel besser gepaßt, wenn der statt meiner ein Mädchen geworden wäre.“
„Ja, Leonore, es ist schade, daß du ein Mädchen bist. Mußt einmal heiraten und so — das ist wirklich schade um dich.“
„Zum Heiraten werden doch nur die Prinzessinnen gezwungen, Klemens.“
„Aber weißt du, wenn die Mädchen ein gewisses Alter haben, dann ist es nicht hübsch, sie bleiben ohne Mann. Weil man ihnen doch die Beweggründe dafür nicht ansieht. Viele mögen das mit den kleinen Kindern nicht, das ist begreiflich, völlig begreiflich. Ich möchte es auch nicht.“
„Meinst du vielleicht, alte Junggesellen sind netter als alte Jungfern?“
„Darüber habe ich mich noch nicht besonnen; wenn ich einmal alt bin, möchte ich wohl Söhne haben.“
„Wenn nur die Konfirmation vorbei wäre; weißt du, der hiesige Pastor, der sagt immer in seiner Rede: ‚Und ihr, meine Teuern, denen sich nun die Pforten der Jugend geschlossen haben, meine lieben Jungfrauen, denkt nicht, der Reichtum und die Ehe seien das wahre Glück.‘ Das muß man sich so stillschweigend sagen lassen. Als ob man das vom Leben wollte — Geld — Geld — einen Mann — na.“
„Er sagt es zu den Landmädchen. Vielleicht ist es da nötig, obwohl sie doch tun, was sie mögen. Aber ich finde es gänzlich inopportun, daß man dich von so einem Pfarrer konfirmieren läßt.“ Der junge Landwirt war noch nicht lange vom Gymnasium fort und liebte Worte der Bildung.
„Ja, weißt du, wir müssen Rücksichten auf die andern Leute nehmen. Doch sag mal, Klemens, wenn du schon heiraten müßtest, würdest du da mich heiraten? Ich meine, sehe ich aus wie eine, die mal geheiratet sein will?“
„Aber behüte, nein. Kein bißchen. Und das ist doch sehr einfach: Wir würden einander doch nie heiraten. Ich denke es mir entsetzlich zwangvoll, jemand zu heiraten. Dann schon eine ganz Fremde vor der man sich sowieso geniert. Da geht es dann in einem. Nun stell dir bloß vor, ich gehe weg, wenn du konfirmiert wirst; nein das halt ich nicht aus, wenn du zur Beichte gehen sollst und so. Denk bloß, all das Feierliche. Nein, das könnten wir doch unmöglich miteinander haben. Wir könnten nie mehr einander gern haben, wenn wir so eine Komödie aufgeführt hätten.“
„Du bist auch verpflichtet, jemand zu heiraten, der es gern will.“
„Wieso?“
„Nun, als Kavalier verpflichtet. Das gehört sich. Wenn ich ein Mann wäre, ich würde allen den Hof machen, allen, die beiseite stehen. Weißt du, die Frauen sind so, die wünschen sich das. Sie sind meist so arm. Ich kann mir doch noch eine Zigarette nehmen — ja, die Frauen müssen das haben, sonst kommen sie sich häßlich und armselig vor. Das tut einem doch leid. Das verstehst du noch gar nicht. Du müßtest viel mehr Kavalier gegen Charlottchen sein.“
„Gegen die Tante?“
„Die Tante — die Tante. Sag doch lieber gleich die Muhme, die Ahne. Sobald ich konfirmiert bin, nenne ich sie Cousine.“
„Und die Großmutter nennst du dann wohl dein Enkelein?“
„Du tust so unwissend. ‚Großmama‘ klingt sehr schön. Das ist wie — nun ja, unsere Wasserburg würden wir auch nicht eine Villa heißen. Eine Großmutter ist eine Königin. Aber eine Tante? Das scheint mir gerade, als nennte ich sie eine Kammerjungfer. Es ist würdelos. Frauen müssen Jugend oder Würde haben ...“
Klemens fragte ein wenig ängstlich: „Leonore, müssen wir nun hinein zu dem Onkel?“
„Ach, der fragt glücklicherweise nicht viel nach uns, und bald reist er wieder. Sag mal, Klemens, wie kommen denn wir zu solchen Verwandten? Der Onkel, der färbt seinen Bart und sein Haar. Das sieht man, so pechschwarze Haare gibt es gar nicht.“
„Er ist Ire, da gibt es das vielleicht.“
„Nein, er färbt sie. Mir graut es vor dem, ich mag gar nicht essen, wenn er mit am Tisch sitzt. Die Großeltern, die sehen nicht so, wie das ist. Wie den nur eine Tante von uns heiraten mochte?“
„Ja — und besonders, da sie zuerst einen andern lieb gehabt hat.“
„Woher weißt du denn das?“
„Von Papa. Der andere war ein Findelkind, das haben die Großeltern erzogen. Als der Findling Student war, hat er die Tante lieb gehabt. Sie kam aber in eine englische Pension, und da hat sie, glaube ich, auf dem Schiff den Onkel Warren kennen gelernt, den sie dann heiratete. Da war der Student sehr böse und hat sich recht undankbar gegen die Großeltern benommen, und dann ist er fort.“
„Hat dir das dein Papa so ohne weiteres erzählt?“
„Bewahre. Einmal, da sang Papa ein paar Verse.“
„Dein Vater singt?“ fragte Leonore erschrocken.
„Du meinst wohl Choräle und Psalmen?
Mein Vater singt schöne, leise Lieder und spielt auf der Gitarre dazu. Nun, da war einmal ein fremdes Lied — ich habe es wieder vergessen, obwohl es mir so gefiel. Ich fragte, von wem das Lied sei, und da sagte Papa, ein Pflegebruder von ihm hätte es gemacht. Es war ein ganzes Buch voll Verse da, als er fort in die Welt ging. Sie haben nie mehr von ihm gehört; aber das Buch müsse wohl noch hier irgendwo liegen, meinte Papa.“
„Dann werden wir es auch finden. Ich suche morgen. Vielleicht haben wir der unbekannten und verstorbenen Tante ihren schlechten Geschmack zu entschuldigen. — Was sagen wir nun, wenn dieser Enterich von einem Vetter uns fragt, wo wir gewesen sind. Er dachte doch, ich hätte Stunden.“
„Wir mußten uns von dem geistreichen Umgang erholen,“ sprach der Ökonomiepraktikant. „Weißt du, womit mich heute der Vetter George unterhalten hat? Von den Schönheiten der griechischen Sprache. Er ist witzig, auf Ehre. Denn die Schönheiten der griechischen Sprache haben mich von dem Gymnasium erlöst. Hätte ich sie begriffen, so müßte ich heute noch Pennäler sein ...“
„Kinder, wo findet man euch denn?“
„Hier, Dankmar.“ — Ein junger Mensch kam raschen Schritts. Er hatte den Kopf voll brauner Locken wie ein Lützowjäger. — „Wie war es denn, Dankmar?“
Dankmar Kurtzen setzte sich auf einen Mauerstein. „Euer Vetter hat mich gefragt, ob ich ein wirklicher Graf sei. Ob ich im Almanach de Gotha stünde. Sonst haben wir nichts geredet. Meint ihr vielleicht, ich gebe mein schüchternes Verhältnis zur englischen Sprache preis? Und noch eine Neuigkeit, Kinder — nächstens kommt eure Cousine Clemence. Für mehrere Monate. Nun müssen wir alle repräsentieren lernen.“
Sie wurden eifrig. O, die englische Cousine kam — und alle sollten wohl nun tun, als seien sie erwachsen! Was sollte man da machen, wie?
Doch Leonore wurde abgerufen. Die Trägerinnen der beliebtesten Thüringer Namen: Linda und Lydia Wolgezogen, die Töchter des Kohlenhändlers Wolgezogen, Hildegard Fernkäse, die Tochter des Kaufmanns Fernkäse, und Alieze Schulze, die Tochter des Herrn Lehrers, waren zwecks Erledigung einiger Äußerlichkeiten um eine abendliche Unterredung eingekommen.
Diese Freundinnen ihrer Jugend hatten sich unter den Linden im Schloßhof eingefunden; um diesen Beratungsplatz baten sie ausdrücklich, da es ihnen unter den Augen der Frau Oberförster und Großmutter nicht wohl war. Sie fühlten sich Leonore etwas entfremdet; seit diese nicht mehr in die Schule ging, sondern beim Pfarrer und bei ihrer Tante Unterricht hatte, war das Band innigen Verstehens zwar nicht gerissen, aber doch gelockert.
Linda, Lydia, Hildegard und Alieze unterbreiteten das Anliegen: ob man künstliche oder natürliche Kränze zur Konfirmation tragen sollte, ob die Zopfschleifen schwarz oder weiß zu sein hätten, und ob Leonore etwa einen Umhang anziehen würde, weil der Palmsonntag doch so früh fiele.
Leonore gähnte. Sie sagte, ihre Tante mache ihr das alles, sie nähe ihr auch das Kleid — nein, es sei noch nicht fertig, sie hätten ja diese Woche Besuch gehabt, ach, aber das wäre doch so einerlei mit den Zopfschleifen und so, sie nähme eine rote.
Linda, Lydia, Hildegard und Alieze lächelten ungläubig. „Im Ernst“ möchte Leonore sprechen.
„Nun ja, im Ernst, es ist doch keine Trauerfeier, wenn wir konfirmiert werden, ich nehme eine rote Schleife.“
Hildegard, Lydia, Linda und Alieze lächelten wieder. Aber diesmal glitzerte das Lächeln nur in ihren Augen, geheimnisvoll wie ein Freimaurerzeichen. Und wie es mit den Kränzen sei.
„Ich setze keinen Kranz auf.“
„Was?“ rief Lydia. „Keinen Kranz? Du willst keinen Kranz aufsetzen? Nee, so grad wie e Hund willst du gehn?“
Die Genossinnen erschraken. Drei Augensignale lichterten über Lydia hin.
„Ein Hund ist ein schönes Tier,“ sprach Leonore, „aber ich setze keinen Kranz auf, weil der Pfarrer schon sowieso immer von Brautkränzen redet. Eigentlich könnte mir eine von euch einen Gefallen tun.“
„Gern sind wir dazu bereit.“
„Nun also: Ihr wißt doch, wenn ein Waisenkind dabei ist, so sagt der Pfarrer jedesmal, daß es zu beklagen sei und denen, die sich seiner erbarmt, zu Dank verpflichtet. Ich mag das nicht hören — und selbst darum bitten mag ich auch nicht. Wer tut’s?“
Die Freundinnen blickten einander fassungslos an. Dann erhielt Linda, welche die Klügste war, einen Puff von ihrer Nachbarin. Linda faßte sich: „Die Pfarrer müss’ spreche was in ihren Büchern steht. Da kann ma nichts ändern. Das sind so Bräuche —“
„Gott, doch nicht jedes Wort ist ein Brauch. Das an das Waisenkind soll doch eine Freundlichkeit sein. Ich mag sie aber nicht, denn dann heulen alle, als ob ich ein Verdammtes wäre. Seht ihr denn nicht ein, daß ich das nicht mag?“
Nein, weder Linda noch Lydia noch Alieze, von Hildegard gänzlich zu schweigen, sahen es ein. „Da kann ma sich nicht einmischen.“
„Na, dann tut es mein Vetter.“
Die Freundinnen gaben sich das Freimaurerzeichen. „Ooch — dein Vetter? Der ist wohl dei Bräutgam?“ sagte Alieze, „steckst ja immer mit ihm zusammen.“
„Mein Vetter ist er,“ sagte Leonore hochmütig und kalt.
Dieser Ton veränderte den Ton der Freundinnen. Lydia sagte: „Dein Onkel aus England das ist ein feiner Herr, sprech’ch. Und so freindlich.“
„Woher kennst du denn meinen Onkel?“
„Gelle Linda, er hat unserer Milda eine Brosche geschenkt. Fein, sprech’ch.“
„Der Milda? Mein Onkel?“
„Ich höre schon, du hast’s nich neet’g so zu schreien; zu meiner Milda hat dein Onkel gesprochen, sie därf nach England kumme, wenn sie will. Das Reisegeld, das schickt er ihr. Weil die Milda so anstell’g is, so ein feines Mädchen. Joe, in seinem Hause, da gäbe es wohl eine Stelle fir meine Milda.“
Linda unterbrach die Schwester. „Dein Onkel hat gesprochen, was die deitschen Mädchen sin, das sin die besten.“
Leonore wurde das Lob des Onkels langweilig. „Na, wißt ihr sonst nichts?“
„Ob du weiße oder schwarze Handschuhe anziehst, möchten wir wissen.“
„Nun ja, an die Rechte einen schwarzen und an die Linke einen weißen, denn sie weiß nicht, was die Rechte tut.“
Hatte die rote Zopfmasche Lydia und Hildegard abgestoßen, der mangelnde Kranz Linda entfremdet, so raubte diese Blasphemie von dem schwarzen und weißen Handschuh Aliezens letztes sympathisches Verstehen. Vier Augenpaare gaben sich das Freimaurerzeichen. — —
**
*
Gott sei Dank, sie sollte in kein Pensionat kommen. Der Großvater wollte es nicht. Sie könne ja beim Pastor Stunden nehmen und bei der erwarteten Cousine besser Englisch lernen. Und auch, nun müsse sie sich nicht gleich mit Wirtschaften abgeben. Das hätte noch Zeit.
O, was war der Großvater für ein Mann. Drei Tage voll Entsetzen lagen hinter Leonore. Charlottchen hatte sie wieder Tante genannt, die Großmutter alles weniger als verehrt. Denn diesen beiden war es eingefallen, sie in eine Pension tun zu wollen. O was war der Großvater für ein Mann. Und was war Dankmar Kurtzen für ein Freund. Er hatte der Tante und der Großmutter gesagt: Meine Damen, ich könnte Ihnen nie wieder die Hand küssen, wenn Sie Leonore fortschickten. Da mußte die Großmama sehr lachen.
Leonore ging mit gehobenen Empfindungen. Wie erbärmlich fielen doch die Aliezen, Lindas und Hildegards aus dem Dorf ab neben Dankmar. Auch neben Klemens. Der hatte erklärt, er würde in jedes Pensionat einen Warnbrief vor Leonore schreiben, so daß man sie einfach nicht nehme.
Ja, Leonore hatte Ursache, mit gehobenen Gefühlen zu gehen, und sie wanderte hinaus vors Dorf, zu einem kleinen Hause, das ein gebrochenes Dach hatte und das noch einen Freund umschloß: den alten Einwaldt. Er war früher Lehrer gewesen, und Leonore schätzte seine Bildung sehr hoch. Jetzt beschäftigte er sich mit der Bienenzucht und las freigesinnte Zeitschriften, woran er Leonore teilnehmen ließ. Er hatte einen Sohn, doch der war zu Leonores Freude nicht da, sondern gehörte in Berlin einer Gemeinschaft an, die neue Moralen erfand und verfaßte, wie der Lehrer sagte.
Diesem alten Einwaldt mußte die Gefahr, der Leonore entronnen war, mitgeteilt werden. Er war in seinem Garten und trippelte um das Bienenhaus.
„Ach Sie sind’s, Lenorchen, ma hat Sie ja garnich mehr gesehen.“
Leonore erzählte die Gründe. Eifrig, ja geradezu dramatisch trug sie die Gefahr vor, der sie entronnen war.
Der Alte nahm teil. „Was hätte mich das geschmerzt, wenn Sie fortgemacht wären, Lenorchen.“
„In so dummen Mädchenschulen, was lernt man denn da? Ein Aff’ wird man. Erzählen Sie mir doch weiter, Herr Einwaldt, von neulich, wissen Sie. Wir sind gerade bei dem Archäopteryx stehen geblieben. Ich weiß noch alles. Kommen wir jetzt nicht bald zu den Menschenaffen?“
„Ach du liebe Zeit, Sie haben zu große Eile. Mit den Vögeln hört doch eine Entwicklung auf. Itze müssen wir schon langsam wieder zurückgehn und mit einer andern Familiche anfangen.“
„Sie haben gut reden von Eile. Sie wissen alles, und ich weiß so wenig. Wie heißt das Äfflein, das Tonleitern singen kann und auf zwei Beinen laufen und das aussieht wie ein mageres Seiltänzerkind?“
„Das ist der Gibbon.“
„Nun ja, also, von dem will ich hören, und von den Schimpansen. Die sind fein, die haben so treuherzige Gesichter. Mancher Mensch könnte froh sein, wenn er so aussähe.“
Indessen, der alte Einwaldt war heute nicht auf Schimpansen gestimmt. Die Tageszeitung, die er hielt, hatte ihm einen großen Ärger durch eine okkulte Geschichte gemacht, die in gläubigem Ton erzählt war. Er schob sein Käppchen hin und her, spuckte verächtlich aus und sagte: „Die Menschen wollen oder sollen mit Gewalt wieder dumm werden. Nun fängt man gar von neuem an, an Gespenster und Halluzinationen zu glauben. Ich bin froh, daß ich nicht mehr lang mittun muß.“
„Aber, Herr Einwaldt, es ist doch etwas sehr Interessantes, daß ein Mensch solche Erscheinungen haben kann.“
„Noch keiner hat aber damit etwas anderes gesehen, als was sowieso zu sehen möglich ist. Du liebe Zeit, Goethe hat ja einmal ein hibsches Frauenzimmerchen vor seinem Gartenhause den Weg kehren sehen. Ja, mein liebes Lenorchen, das wird wohl öfter passiert sein, daß ein hibsches Frauenzimmerchen sein Wesen da draußen trieb und seine Bossen mit ihm hatte.“
Das Gespräch ging noch eine Weile. Dann sagte Leonore: „Wissen Sie, Herr Einwaldt, wir machen uns jetzt eine Sternwarte. Graf Kurtzen hat es uns gesagt, wir können im Normannenturm so etwas einrichten, wie der alte Weigel einmal in Jena, so daß man am Tage die Sterne sieht. Das wird fein.“
„Zerbrecht Euch nur nicht Arm und Bein dabei.“
„Wir können alle klettern. Aber nun muß ich heim. Ja. Guten Abend —“
Nach Tisch traf Leonore die Freunde auf dem Mauergärtlein. Klemens war sehr aufgeregt — er hatte das Buch des Studenten gefunden. In der Bibliothek war es in einem Schrank gewesen. Klemens brannte darauf, die Sachen den Freunden mitzuteilen.
Sie sahen das alte Schreibheft an, als wäre es ein Mysterienbuch. In Kapellendorf, hier an dieser Stelle hatte jemand die aufregendsten Dinge erlebt. Eine geheimnisvolle Geburt — eine unglückliche Liebe. Und nun wußte niemand mehr, wohin der Träger dieser Geschehnisse gegangen war. Nur dieses schwarze Heft zeugte noch von seiner Existenz.
Sie blätterten darin: Zigaretten 1,80 Mark, eine Krawatte 2,50 Mark, Bücher 0,50 Mark. — O — es war ein Ausgabebuch? Ja, wirklich, außer solchen Notizen fand sich nur ein schwulstiges Gedicht. Und einige Briefmarken. Eine Thurn und Taxis von gelber Farbe, eine grüne Bayern zu zwölf Kreuzern und ein Wertstück des Kirchenstaates, zweifarbig und so neu, daß es niemand über seine Unechtheit zu täuschen vermochte.
„Ich nehme den Kirchenstaat, wenn wir teilen,“ erbot sich Graf Kurtzen großmütig. Denn er hatte Freude an dem Gedicht. Er nahm das Buch, lehnte sich an die Mauer und sagte: „Meine Herrschaften, ich gestatte mir, Ihnen etwas zu deklamieren.“ Und mit grollender Knabenstimme begann er zu lesen:
Wie rot diese Mitternacht ist.
Dein Schloß erglüht wie der heilige Gral,
Mein Wille fliegt über brennende Täler,
Mein Herz ist ein einziges Wundenmal,
Der Weltenbrand unser Vermähler.
Wie rot ist die Mitternacht,
Die letzte Mitternacht, Jolanthe.
Siehst du das Flammenmeer sich dehnen,
Ein Brautbett so rubinenrot und warm
Zur Hochzeit, die wir lang ersehnen,
Halt ich dich, Liebste, bald im Arm.
Warum kommst du nicht, ich warte so sehr,
Hast du mich nicht vom Tode errettet?
Hast du mich nicht so liebesschwer
In deinem Schoße gebettet?
Willst du den Weg nicht wagen?
Du weißt, ich darf nicht in das Schloß vom heil’gen Gral,
Ich kann die Not nicht mehr ertragen,
Erlöse mich doch aus des Wartens Qual.
Komm doch zu mir, Jolanthe,
Es ist die letzte, rote Mitternacht.
Meinen Hilferuf verlöscht die Glut,
Die Glut verbrennt meinen sehnenden Mund.
Gib mir dein Blut, trink du mein Blut,
Dann werden wir beide gesund.
Die Arme streck’ ich über den Weltenbrand
Die Arme, die sehnenden Arme,
Über Not und Tod gib mir die Hand,
Du Liebeswarme.
Wie rot die Mitternacht ist,
Die letzte Mitternacht, Jolanthe.
Die Götter sind tot,
Nur unsere Not,
Unsere Liebesnot glüht über Berg und Tal
Als unerlöstes Wundenmal.
Kommst du noch nicht, Jolanthe?
Es ist die letzte, rote Mitternacht.
Mein Herz verbrennt,
Mein Herz zerbricht,
Hörst du mich immer nicht,
Die meine Seele kennt?
Vom roten Himmel fällt das rote Blut
Mein rotes Blut,
Mein letztes Gut.
Wie rot ist die Mitternacht,
wie rot — —
— — die Mitternacht.
Die beiden Jungen konnten sich gar nicht fassen vor Lachen: „Er war schon wieder getröstet, der Kaspar Mühlfund — er hat alle Weltenbrände überlebt. Herrgott, hat der Mensch einen Dusel gehabt.“
Doch Leonore wurde nachdenklich. Wie war das alles wunderlich und seltsam. Was hatte dieser Mensch gewußt, das ihn schreien ließ vor Qual und Glück? Denn, so widerspruchsvoll es ihr schien, sie dachte, dieser Student muß glücklich gewesen sein — er muß etwas gewußt und gekannt haben, das verbrannte ihn, und er lächelte dabei und rotes Blut fiel vom Himmel.
„Leonore, willst du die Bayern oder die Thurn und Taxis?“
Das rief sie in die Wirklichkeit zurück. Sie hatte beide alte Marken nicht — und die Wahl mußte überlegt werden.
**
*
Die Cousine Clemence war gekommen. Leonores staunende Augen hingen an ihrem Gesicht. — Leonores staunendes Herz dachte: ich begreife, warum der Student schrie vor Glück und Verlangen, wenn ihre Mutter dieser Tochter einst glich.
Es war nicht die Wahrnehmung, daß die Cousine Clemence die Kleider einer Königstochter trug; daß aus den Koffern der Cousine Clemence Seide und Juchten die Fülle kam; daß die Cousine bläulich schwarzes Haar hatte, eine silberne Louis quinze-Toilettegarnitur, und viele andere bewunderungswürdige Dinge; auch nicht, daß sie jeden Morgen und Abend kalt baden mußte und daß der Parfüm von Schirasrosen sie umgab. Das war es nicht — obwohl es immerhin etwas war. Obwohl es immerhin etwas war, daß die Woche sieben Hemden von Spinnwebdünne von Clemences Zimmer in den Waschhof getragen wurden. Das war es nicht.
Aber die Cousine Clemence hatte einen Mund und Augen, die sahen aus, als läge in und auf ihnen das Herzeleid der Welt. Die Cousine Clemence ging, als wandelte sie zwischen Zypressen und steinernen Malen über ein heiliges Feld. Die Cousine Clemence sprach nicht viel. Wenn sie etwas sagte, so klang es wohl im Augenblick fremdartig und seltsam, wiederholte man es sich aber, so blieben es sehr einfache Worte. Leonore wußte: die Cousine Clemence wollte nicht sprechen. Sie wollte nicht so sprechen, wie sie gekonnt hätte.
Die Cousine Clemence saß bei Großmama und Charlottchen. Sie sprach nicht viel, sie stickte an einer Pointlace-Arbeit. Sie lächelte nie und sie redete nicht viel mit Leonore. Die wußte auch nichts zu antworten — sie spielte nicht Tennis, nicht Golf, sie war noch nicht im Ausland gewesen und hielt keinen Kindergottesdienst. Alles, was Clemence fragte, mußte mit nein beantwortet werden. Die Cousine Clemence ging früh am Abend in ihr Zimmer. Von der Kemenate aus konnte man dann wohl ein Licht bei ihr brennen sehen. Im Mauergärtlein wurde dann von der Cousine gesprochen. Jeden Abend.
Leonore liebte die schweigsame schöne Cousine. Leonore wußte, sie trug ein großes Herzeleid. Was für ein Herzeleid? O Gott, nein, niemand konnte es geben, der sie nicht liebte. Auch war sie fromm, was die einsam aus langen Tagen ragende Frage nach dem Kindergottesdienst bewies. Nein, sie konnte nicht um einen verlorenen Gott trauern. Aber was hat man sonst für Herzeleid?
„Dort, wo die grauen Nebelberge ragen,
Fängt meines Heimatlandes Grenze an —
Und jene Wolken, die nach Mittag jagen,
Sie grüßen Frankreichs fernen Ozean.
Eilende Wolken — Segler der Lüfte,
Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte,
Grüßet mir freundlich mein Jugendland.“
Rührend und schrecklich schön umgab das Lied die Cousine, die in Seidenkleidern von seltsam verblaßten Farben durch die Gärten und den Schloßhof von Kapellendorf ging, als wandelte sie zwischen Zypressen und steinernen Malen über ein heiliges Feld —
Da stand der Normannenturm. Leonore hatte sich unterrichtet. Die Kelten, dieses Volk, dessen Heidenaltäre noch heute aus der Erde ragen, dieses Volk, dem die Mistel heilig war und das seltsame Formeln für eine große Trauer hatte, war von der Normandie und der Bretagne aus herüber nach England gekommen, hatte die dänische Herrschaft zerbrochen und seine Wahrzeichen aufgerichtet: die Normannentürme. Leonore war glücklich, so fühlte sich die Cousine doch nicht ganz einsam hier. Leonore wagte kaum ein Wort an die Cousine. Ein Lindenblatt, das sie einmal hatte fallen lassen, lag in Leonores Tabernakel, nebst einem Bleistift von grüner Farbe, den ihr die Cousine erst geliehen, sodann geschenkt hatte.
„Warum ist denn Eure Cousine so still und traurig?“ fragte Dankmar Kurtzen.
Klemens antwortete, sie sei wohl zu stolz, um mit Unerwachsenen zu reden.
O, machte Leonore, und das drückte aus: Ihr könnt sie nie verstehen — ich allein weiß — —
„Heimweh kann es nicht sein,“ meinte Kurtzen, „sie war ja ein Jahr in Leipzig mit dem Herrn Warren. Da hat sie sich sehr gut amüsiert.“
Wie — die Cousine — die Cousine, durch deren Herz die Melancholie einer sozusagen historischen Trauer zog, hatte sich in Leipzig a—a—müsiert? — „Wer sagt denn das, Dankmar?“
„Sie selbst.“
Wohl, sie hatte sich amüsiert. Sie wußte nicht, was das Wort hieß — sie wollte sagen, Leipzig ist eine ganz nette Stadt, sie wollte niemand kränken. — „Du, Dankmar, du könntest ihr doch ein wenig den Hof machen. So — so wie ein Page, das ist doch — das muß doch eigentlich sein.“
Kurtzen lachte laut. „Herrgott, was hast du doch für ein Stilgefühl, Leonore. Du hast übrigens recht, das gehört sich. Ich will’s mal tun.“
„Ja,“ sagte Leonore langsam, „sie kommt aus einem Land, in dem auf den Burgen —“
Leonore konnte nicht ausdrücken, wie sie sich das Leben der Clemence vorstellte — denn das nie Erlebte geschah, die Cousine kam in das Mauergärtlein um die Kemenate.
Leonore errötete, als die Cousine erschien. Kurtzen sprang auf. Nur Klemens behielt einen schönen Gleichmut.
„O mein gnädigstes Fräulein, welche Freude —“
„Ich wußte nicht, daß Sie hier Ihren geheimen Platz haben!“ sagte Clemence und lächelte ein wenig.
Das Lächeln entflammte Leonore. Sie sagte: „Hier sieht man weit über das Land, und dort steht der Normannenturm. Wir sind oft des Abends da —“
„Ja, man sieht weit,“ fand Clemence, und sie setzte sich auf einen Mauerrand. „Man sagt immer, in Deutschland wird so viel gesungen. Hier höre ich nie jemand singen, warum tun Sie es nicht?“
„Weil wir darauf warten, daß Sie es tun möchten, gnädiges Fräulein.“
Was Dankmar sich traute. Leonore hätte es nie über die Lippen gebracht, und er sagte es in aller Ruhe.
„O, ich habe nur eine kleine Stimme. Verstehen Sie ein englisches Lied?“
„Nein, gnädiges Fräulein. Aber hören, mitempfinden kann ich es wohl.“
„Dann will ich lieber ein deutsches Lied singen, das ich von meiner Mutter weiß. Sie kennen es wohl, denn es ist von hier.“
Nein, niemand kannte, was Clemence sang:
Mein Land liegt still, und hinter den Eichen,
Die unsere Liebe sah’n, versinkt im Schweigen
Mein letzter Tag.
Führe mich du,
Führe mich du, die ich einst gekannt
Mit sanfter Hand
Zur letzten Ruh.
Führe mich du
Durch Nacht und Traum
In unserer Jugend Land zurück.
Gib mir den letzten, letzten Blick,
Gib mir die Hände,
Wir wissen’s kaum,
Was einst uns trennte.
Führe mich du,
Führe mich du, die ich einst geliebt,
Zu jener Ruhe, die kein Schmerz mehr trübt.
Führe mich du,
Führe mich du.
Es war eine leise, klagende Melodie, die sich hinzog wie ein Volkslied, das weit und schwermütig sich dehnt wie die weiten Wiesen im Abendscheine — eine kunstlose Melodie, die sich bei dem letzten „Führe mich du“ erhob und in Sehnsucht stehen zu bleiben schien, und die Wiederholung wie ein vertieftes, verklingendes Echo gab.
Nie hätte Leonore vor halbfremden Menschen so gesungen. Nie hätte Leonore ihre Stimme vor Menschen weinen lassen. Aber sie liebte die Cousine. Sie dachte sich nichts dabei, daß die Cousine den Grafen Kurtzen aufforderte, mit ihr ins Zimmer zu gehen und sie auf dem Klavier zu begleiten.
Für Leonore und Klemens war keine Aufforderung erlassen. Leonore saß still und dachte an ferne Dinge. Klemens aber plauderte: „Das Lied ist natürlich von dem Studenten. Wenn ich doch seinen Namen wüßte. Er war ein Findelkind — sie nannten ihn Mühlfund, weil man ihn droben neben der alten Windmühle ausgesetzt fand. Der Vater meinte, er wird seinen Namen später geändert haben.“
Was kümmerte das Leonore. Sie dachte nur: die Cousine ist unglücklich — sie hat etwas Schweres erlebt — ein Schicksal. Und sie ist so schön.
**
*
Leonore hatte gerade mit dem alten Einwaldt eine wichtige Unterredung über Tod und Unsterblichkeit gehabt und kam angeregt und ein wenig eilig über die Gemüsegärten nach dem Schlosse zu. Man brauchte nicht zu wissen, wo sie gewesen war — es könnte die Großeltern kränken, denn sie hielten den alten Einwaldt für einen Spötter. Diese Meinung wollte Leonore gewiß bald berichtigen, aber vorerst ging sie doch zu dem alten Einwaldt wie Nikodemus zum Herrn.
Sie kam an der Gartenfrau vorüber, die raufte das Unkraut auf den Gemüsebeeten aus. Dabei seufzte sie so vernehmlich, daß Leonore stehen blieb und sagte: „Ja, Frau Zeine, was haben Sie denn?“
Frau Zeine war eine echte Thüringerin, darum hatte sie das Bedürfnis, es mit Gesten und Seufzen kundzutun, daß sie ein Kummer drücke. Das kannte Leonore an den Leuten. Aber Frau Zeine war sonst eine freundliche Frau, die den Kopf oben behielt, und so fragte Leonore noch einmal.
Frau Zeine rang sichtlich mit Entschlüssen. Sie warf die Unkrautstauden leidenschaftlich heftig nach dem Haufen, zog ihr Kopftuch zurecht, richtete sich auf und sah Leonore an.
„Nun, was ist es denn?“
Frau Zeine sprach: „Ich muß mei Herze erleichtern. Wenn ich so die Arde hacke, sprach ich for mich, die Leite habens in Mitteln, die kenn was tun. Sprach ich for mich, was die alten Leite sin, die derfen das nicht erfahren. Hat doch ihr Herze an den seligen Freilein, was nune gestor’m is, gehang. Das fremde Freilein verstaht unsereens nich, wo die zu Hause is, da kenn sie nich ordentlich sprache. Und was der Herr Klemens is, so is er e Spaßvogel, immer voll Bossen. Mit denn kann’ch nichts Arnsthaftes sprache. Das Freilein Leonore hat e Herze für unsereens, zu der kunnt’ch sprache, aber sie is so jung, joe — ich waß nich —“
Frau Zeine hielt inne und sah ratlos auf Leonore. Leonore aber sah ratlos auf Frau Zeine. „Ich verstehe nicht recht, Frau Zeine, was wollen Sie mir denn sagen?“
„Ich waß nicht, ich ferchte, Sie sin zu jung da derfier.“
Leonore machte eine Geste. Diese Bewegung drückte aus: ich kenne das Leben. Ich weiß alles. Ich bin jung, ja — ich bin deshalb dazu vorhanden, die Großeltern und die Cousine zu schützen. „Nun reden Sie ordentlich, Frau Zeine. Was haben Sie?“
„Ich ho nichts. Aber ich bin doch der Milda seine leibliche Tante. — Ach, was sich das Mächen härmt, das is nicht zu sprachen.“
„O die Milda? Was fehlt denn der Milda?“
„A Hamführer fehlt der Milda,“ sagte Frau Zeine mit Entschluß.
Leonore setzte sich auf den Rain. Sie lachte. „Auf einen Heimführer kann sie mit ihren siebzehn Jahren schon noch warten.“
Die Zeine richtete sich gerade auf. „Der Milda hat ma ein Malöhr angetan, der Milda hat ma ihr Kränzche genumme, die Milda kummt in Schimpf und Schande.“
Leonore mißfiel diese Offenbarung sehr. „Davon will ich nichts wissen, davon schweigen Sie nur.“
„Hätt’ch schune. Aber wo es der Herr Onkel aus den Auslande is — da därf ich sprache.“
„Mein Onkel?“
„Ich schweere. So wahr ein Gott im Himmel lebt, joe!“
„Ist das wahr?“
„Ich schweere.“
„Warten Sie, Frau Zeine, ich schicke Ihnen meinen Vetter. Das sind Männerangelegenheiten.“
„Ja, leider Gott’s,“ sprach Frau Zeine und begann wieder die Erde zu hacken.
Leonore durchquerte den Gemüsegarten, die Straße, den Ökonomiehof. Klemens war gerade beim Heuabladen. Sie rief ihn an: „Klemens, geh in den Garten zu der Zeine. Und dann komm zu mir ins Mauergärtlein. Geh rasch, c’est une affaire bien terrible.“
„Mit der Zeine?“
„Ja, mit der Zeine.“
Klemens sah in Leonores verstörtes Gesicht. „Ja, ich komme dann gleich zu dir in den Garten —“
Dort wartete Leonore. Das sind Männerangelegenheiten, hatte sie zu der Zeine gesagt — sie wußte nicht, woher ihr das Wort eingefallen war. Sie dachte flüchtig: über so etwas redet man doch nicht mit einem Jungen. Doch nein — die Großeltern, die durften das nicht erfahren.
Klemens kam. „Du weißt wohl, was es ist?“
„Ja, die Zeine schwört, es sei wahr.“
Klemens sagte: „Ich werde an den Onkel schreiben. Die Zeine bringt morgen einen Brief von der Milda, denn die weiß nicht, wo sich der Mann aufhält. Ich will es einmal niederschreiben, was ihm zu sagen ist.“ Klemens Steingruben kritzelte in seinem Taschenbuch; Leonore wartete in Geduld.
„Ich übersende hiermit ein Schreiben, das mir anvertraut wurde. Ich hoffe trotz allem, was vorgefallen ist, daß jemand, der mit meiner Familie verwandt ist (wenn auch nicht wirklich), sich als Gentleman benehmen wird. Ich erwarte das, um wieder mit Achtung sein zu können
Ihr Verwandter
Klemens Steingruben.
P. S. Ich sorge dafür, daß weder die Großeltern noch die verehrte Cousine von dieser undiskutierbaren Affäre erfahren.“
Diese Zuschrift bekam Leonore zu lesen. „Sehr gewandt hast du dich ausgedrückt, Klemens.“
„Ja, nun müssen wir eben abwarten.“
Was sie von dem Onkel erwarteten, ahnten sie nicht recht. Jedenfalls aber eine Tat. Über seine erste verloren sie kein Wort. Nur war es ausgemacht, bis die Erwiderung des Onkels eintraf, mußte man dafür sorgen, daß kein Gerücht ins Haus kam. Frau Zeine schwor, die einzige Mitwisserin „seiner Milda“ zu sein — und „seine Milda farchte den Vater wie das Feier“.
Leonore wich und wankte nicht aus dem Zimmer. Sie hatte eine alte Nähdecke hervorgezogen. Gut, da saß Leonore und nähte. Die Großmutter, Charlottchen, die Cousine, sie durfte man als geborgen vor gräßlichen Mitteilungen erachten. Der Großvater ging wohl einmal in den Wald; aber da war keine Sorge. Dem Oberförster nahte sich keine Zeine, keine Milda, kein Ungefragter. Klemens besorgte den Außendienst, den er sehr wichtig nahm, obwohl man nicht recht klar wußte, worin er bestand. Wenn um fünf Uhr nachmittags Leonore zur Posthilfsstelle ging, die Sachen abzuholen, fand er sich ein und wich und wankte nicht.
Es war ja schlimm, aber Opfer mußten gebracht werden. Leonore und Klemens konnten nicht mehr des Abends in das Mauergärtlein und von herrlichen Zukünften reden. Dafür ging jetzt Dankmar zur Zeit der Dämmerung mit der Cousine Clemence ins Freie. Wunderlich blieb es, daß er seine Freunde nie fragte, warum sie nicht mitkämen.
Tage voll der äußersten Spannung vergingen. Leonore befand sich zu jeder Poststunde im Posthause bei dem ehemaligen „Freund“ Arno Heyne und wartete der Dinge, die dem Postsack entsteigen sollten.
Indessen kam nie ein Brief, der den Verwandten die Achtung vor dem Onkel wiedergab, sondern eines Sommertages ging Milda Wolgezogen, umgeben von Linda und Lydia, geführt von Herrn Wolgezogen über die Flur hin nach Kötschau — nach Groß-Schwabhausen.
„Sie macht nach Leipzig in eine feine Stelle. Der Herr Onkel hat sie ihr verschafft. Achtzig Dahler — joe, da muß ma zugreifen, sprech’ ich,“ sagte Herr Wolgezogen.
Milda schwieg und sah an Leonore vorüber.
Eine solche Lösung war in jedem Sinne unbefriedigend. Leonore dachte an ein zweites Schreiben. Doch fand Klemens, bei aller Humanität könne man Milda nicht gänzlich freisprechen. Immerhin, sozusagen, wäre es Milda möglich gewesen, dieser Sache zu entgehen. Selbstverständlich — den Onkel würde man nur mehr Sie nennen und Herr Warren, und überhaupt aus seiner Mißachtung kein Hehl machen. Hoffentlich aber sah man ihn in diesem Erdendasein nicht wieder.
Wenn die Tragödie der Milda Wolgezogen einen in jedem Sinn unbefriedigenden Ausgang genommen hatte, so traten jetzt in Kapellendorf Zustände ein, welche die Lust an Tragödien gänzlich zu befriedigen imstande waren. Es erschien eines Tages ein Mann namens Demetrius Schrutz, ein man konnte sagen in jeder Beziehung wohlgebildeter Mann, der das Kätchen von Heilbronn für die moderne Bühne bearbeitet hatte und auf vielen Bänden als Verfasser stand.
Wenn Leonore und ihre Freunde vielleicht geglaubt hatten, daß Verfasser von so viel Büchern herrlich und in Freuden lebten, so entriß sie Demetrius Schrutz diesem Wahne. Denn Demetrius Schrutz hatte eine Gefolgschaft von sehr ärmlichen Personen und gedachte mit diesen in Kapellendorf ohne Rücksicht auf den nahen Wettbewerb der Weimarer Hofbühne ein Sommertheater zu errichten. Demetrius besaß auch eine schöne Frau und ein kleines Kind. Diese waren, wie er selbst, mit Geschmack, ja mit Genie gekleidet, und wenn Demetrius nur Stücke für zwei Personen aufgeführt hätte, würde Herrliches zu erwarten gewesen sein. Indessen — auch die ärmliche Gefolgschaft tat mit. Sie bestand aus einer sentimentalischen Liebhaberin für verzweifelte Fälle, welche taub war und die rührenden Augen der Tauben hatte. Ein verwitterter junger Liebhaber war bereit, Marquis, Grafen, Hausbesitzer, Lebemänner und Intriganten darzustellen, ein jugendlicher Held übte sich einstweilen im Ausfahren des Demetriusschen Kindes. Der Komiker der Truppe hatte sechzig Jahre hindurch Zeit gehabt, den Humor des Lebens auszukosten, und litt an der Gicht. Es gab noch ein Wesen mit einem bleichen Kartoffelgesicht, das man stets häkelnd sah, und endlich fehlte nicht die „Anstandsdame und das Fach der Mütter,“ Frau Margarete Wachenhusen, geborene Freiin von Blumauer, Enkelin eines Grafen aus altfranzösischem Geschlecht, ja aus dem königlichen Blut der Valois oder Bourbonen, genau wußte sie es nicht mehr.
Sie war es, die der Stimme ihrer Herkunft folgend, in Kapellendorf das Schloß aufgesucht hatte. Das heißt, Waldhüters im Erdgeschoß vermieteten einen melancholischen Raum an diese darstellende Künstlerin, die mit wenig Gepäck und großer Beredsamkeit eingezogen war.
Die geborene Freiin von Blumauer, durch Mesalliance zu einer Frau Wachenhusen geworden, hatte zwischen Treppe und Türangel der Frau Oberförster Wolfferstorff einen Antrittsbesuch abgestattet, ihre Lebensgeschichte erzählt und um ein wenig altes Leinen gebeten, zur Vervollkommnung ihres Kostüms als Grillparzers Ahnfrau. Zugleich bot sie drei Sperrsitze an, und ehe Frau Wolfferstorff noch Einsprüche erheben konnte oder nur eine Ansicht äußern, war die geborene von Blumauer nebst der Leinwand unter Zurücklassung von drei fettigen Pappstückchen verschwunden.
Im Wohnzimmer wurde beredet. War nicht die Ahnfrau ein klassisches Stück? War nicht ihre Darstellerin eine geborene Freiin von Blumauer? Sah man etwa täglich den Adel für die Öffentlichkeit Theater spielen?
Nein, wenn Charlottchen schon Schaubühnen dieser Art nicht liebte, Leonore und Klemens konnten ja dies eine Mal hin. Der lieben Enkelin Clemence dürfte man natürlich die dritte Pappkarte nicht anbieten? Aber Fräulein Clemence wollte nichts außer acht lassen, was sie in der deutschen Sprache vervollkommnen konnte. Damit die Großeltern aber doch auch etwas von dem Genuß hätten, lief Leonore in die Bibliothek und holte den Band Grillparzer mit der Ahnfrau, um sie vorzulesen.
Dann ging man endlich ins Theater. In der zur Zeit noch leeren Scheuer des obern Gasthauses hatten unter der Direktion von Demetrius der Komiker, welcher seit sechzig Jahren den Humor des Lebens studierte, der zu allem brauchbare Jüngling, der verwitterte Liebhaber und ein Zimmermann aus dem Ort die Bühne errichtet. Mehrere Petroleumlampen verbreiteten einen gar übeln Geruch, so daß es vorläufig draußen an der Kasse, die unter einem blühenden Lindenbaum stand, ein angenehmerer Aufenthalt war.
Der Graf Kurtzen bot der schönen Clemence den Arm. Er sagte einen Satz, den er sicher irgendwo gelesen hatte: „Zwar ist diese Anhöhe mit dem Lindenbaum und der Scheuer nicht der heilige Hügel von Baireuth, aber Ihre Anwesenheit, mein allergnädigstes Fräulein, erhebt ihn über alle Gralsburgen.“
Dies sagte der achtzehnjährige, pausbackige Graf Dankmar ungefähr so, wie Kinder reden, wenn sie Erwachsene spielen. Die Cousine Clemence aber errötete, und als nun das Zeichen zum Anfang gegeben wurde, schritt sie voll Würde an Kurtzens Arm in den Saal.
Da stand eine Reihe von Holzstühlen, dicht vor den Petroleumlampen der Rampe, das waren die Sperrsitze, und wer sich darauf befand, brauchte nur zwei Schritte zu machen, dann war er mitten unter den Schauspielern. Leonore und Klemens unterhielten sich zunächst damit, daß sie sich umwandten und auf die Ränge hinter sich sahen. Da waren die Frau Lehrer, die Frau Gutsverwalter usw., und im Dämmer des Saales verschwindend die Freundinnen und Freunde Leonores aus der Schule; auch einige Burschen und Männer.
Nun setzte die Ouvertüre ein. Das heißt, der Jüngling, der zu allem brauchbar war, saß zur Seite der Bühne auf einer großen Theaterkiste und blies auf einer Okarina grell und schwermütig das Lied an den Abendstern. Niemand von den Zuhörern wußte das recht zu würdigen. Wenn man auf der in A-dur gestimmten Okarina ein Stück in einer andern Tonart spielen muß, so gehört dazu ein Raffinement. Es ist eine Leistung, die nur wenige schätzen können. Als das Lied an den Abendstern aus war, erfolgte eine lange Pause. Es galt nun, zu warten, ob nicht noch jemand käme. Und wirklich, das Warten wurde belohnt. Der Tierarzt aus Weimar, dem es nicht darauf ankam, durch eine Nacht heimwärts zu wandeln, wollte sich nach einer an einer Kuh vollzogenen Operation noch dem Erhabenen hingeben und nahm einen Sperrsitz ein, den Platz neben Leonore.
Sogleich ertönte eine neue Ouvertüre. Da ein Herr gekommen war, der lustig aussah, spielte der junge Mann munter und vergnügt Lützows wilde, verwegene Jagd. Der Tierarzt bezog die Ovation sogleich auf sich. Und beim zweiten Vers sang er herzhaft in einem wohlgeschulten Männergesangsbariton den Text mit.
Leonore mußte wider Willen lachen, und der wohlbekannte Tierarzt meinte, eigentlich müßten die Leute draußen um den Baum spielen, die Preziosa zum Beispiel und dazu Okarina blasen. Ob Fräulein Leonore das gefiele? Ja, dann konnte man es sich mal leisten. Wie? Ja gewiß, wenn Fräulein Leonore nur wolle.
Leonore erschrak vor den Anträgen des Tierarztes. Was würden die Damen zu Hause sagen, wenn sie den Tierarzt zu solchen Exzessen veranlaßte?
Demetrius fürchtete unterdessen, der Herr auf dem Sperrsitz möchte der Kunst Thaliens noch weiter Konkurrenz durch die Kunst des Gesanges machen, und da es nun schon eine halbe Stunde über der festgesetzten Zeit war, ging der Vorhang auf. Leonore fand nicht sogleich Zusammenhänge zwischen dem gelesenen und dem dargestellten Stück. Doch war im weitern Verlauf des Abends noch einige Ähnlichkeit zu finden. Es schien dann alles sehr rührend, obzwar die Taube mit den schmerzlichen Augen einen Räuber vorstellen mußte und das Auftreten der geborenen von Blumauer sehr kurz war.
In den Pausen ging man um den Lindenbaum, der Tierarzt folgte Kurtzens Beispiel und bot Leonore den Arm. Sie dachte: muß ich schon ein Frauenzimmer vorstellen, so will ich es auch richtig machen; und der Tierarzt staunte über die verwegene Konversation, die Fräulein Wolfferstorff hervorbrachte.
Sie erzählte ihm von der gebotenen Freiin von Blumauer, daß diese ein Bastard von Orleans sei, wie sie sagte, daß Demetrius Schrutz ein Genie wäre, das nur zum Vergnügen mit einer so elenden Truppe zöge.
Der erschrockene Tierarzt kaute noch an dem Bastard von Orleans. Er wußte nicht, daß Leonore darunter das Ergebnis einer Mesalliance verstand. Doch nach und nach begann er zu ahnen, daß Leonore ihn nicht in unaussprechbare Dinge hatte einweihen wollen.
Als die Vorstellung aus war, bat er den Direktor heraus. Jaromir-Demetrius sah freundlich auf den wohlgekleideten Gönner. „Mein Herr,“ sagte der Tierarzt, „Ihr Spiel entzückt uns. Daß Graf Kurtzen getreu der Tradition seines hohen Hauses ein eifriger Beschützer der freien Künste ist, dürfte Ihnen bekannt sein. (Demetrius verbeugte sich vor dem errötenden Dankmar). Miß Warren, der vorgestellt zu werden Sie hiermit die Ehre haben, wünscht ein Stück deutscher Romantik zu sehen. Fräulein Wolfferstorff fände es sehr hübsch, wenn das im Freien dargestellt würde. Die Preziosa verstehen Sie. Also, wenn es Ihnen gefällig ist, kommen Sie in die Schenke zu einer Flasche Wein nachher — ich begleite nur erst die Damen heim, dann besprechen wir das Geschäftliche.“
Wohl, Demetrius würde in die Schenke kommen. Das weimarsche Land hielt seine Tradition, es war den Künsten ein Gönner.
Leonore besann sich ängstlich, wie sie den Doktor Zorn, den Tierarzt, von diesem Aufsehen erregenden Plan abbringen konnte. Aber die Cousine Clemence kam ihr zuvor: „Es ist ein charmanter Plan, Herr Doktor,“ sagte sie eifrig. „Ich freue mich sehr, sehr.“ Leonore wunderte sich; sie hatte gar nicht gewußt, daß die beiden einander kannten.
Der Tierarzt bot Clemence den Arm, nun hatte Leonore ihre beiden Freunde wieder.
Kurtzen fragte: „Du, Leonore, hast du auch dem Tierarzt gesagt, daß er deiner Cousine den Hof machen soll?“
„Aber Dankmar — einem Fremden! Ich bitte dich. Du gehörst doch zu uns, und wir kennen einander. Der Tierarzt ist aber erwachsen, der tut es von selbst.“
„Es ist nicht schicklich, ohne weiteres einer Dame den Arm zu bieten. Der Bursche nimmt sich Frechheiten heraus,“ sagte Graf Kurtzen.
„Aber du hast es doch auch getan, Dankmar?“
„Das ist etwas ganz anderes — ich bin mit euch allen befreundet.“ —
Am andern Tag erschien der Tierarzt im Schloß. In full dress erschien der Tierarzt, im schönsten five o’clook tea-Rock — man mußte unwillkürlich in Modeworten denken, wenn man ihn so ansah. Der Tierarzt erfüllte das Zimmer mit Lustigkeit und Lachen. Auch roch er nach Chypre. Und Clemence wurde angesteckt von der Heiterkeit des Tierarztes. Sie roch nach White rose. Dieser Zusammenklang von Düften erweckte in Leonore ein unbestimmtes Mißtrauen.
„Ich hoffe, das gnädige Fräulein unterstützt meine Bitte,“ sagte der Tierarzt und machte zu Leonores Ergötzen im Sitzen nach vier Seiten hin kleine Verbeugungen. „Es ist, wir wollen durch die hiesigen Schauspieler die Preziosa von Pius Alexander Wolff mit der Musik von Karl Maria von Weber aufführen lassen. Ich habe schon alles geordnet. Nun wäre meine Bitte: Kein geeigneterer Platz dürfte sich finden, als unten der Schloßhof. Die Bäume, die alten Mauern, alles ist vortrefflich geeignet. Wir würden wegen der Feuersgefahr von Pechfackeln absehen. Wir würden —“
Die Anwesenden hörten noch vieles. Alles war schon fertig bedacht. Der Oberförster hatte noch kein Wort sagen können, da stand schon die bisher so stille und scheue Clemence neben ihm und legte ihre Lilienhand auf seinen Rockärmel. „Bitte, bitte, nicht nein sagen, Großpapachen?“
Leonore mißfiel diese Schelmerei aus Modejournalen. Doch der Großvater war von solchen Tönen, welche die schöne Enkelin noch nie angeschlagen hatte, ganz verblüfft. „Macht dir denn das so viel Spaß, Kind?“
Hierauf erwiderte Clemence: „Du hast es erlaubt, Großpapachen. Du bist der netteste Großpapa von der Welt.“
Gut — also die Preziosa würde im Schloßhof aufgeführt werden. Auch das würde ja mit der Zeit und Gottes Hülfe einmal überstanden sein, sagte der Großvater, der kein Freund von in Flitter gekleideter Armut war. —
Leonore mußte annehmen, die Cousine verstand wirklich die deutsche Sprache nicht so genau oder ihre Kunstbegeisterung war so groß: denn die bisher so gemessene Clemence redete jetzt unablässig davon, daß der Tierarzt ein reizender Mensch sei. Jeden Abend kam so sicher wie der Tageswechsel der reizende Mensch, rannte in full dress mit Clemence im Schloßhof umher, roch nach Chypre, lachte, zog Drähte von Baum zu Baum, schleppte Steine in die Mitte und plauderte unablässig mit Clemence.
Leonore hatte ein unklares Mißfallen an der Art der beiden. Zugleich aber war es doch eine große Lockung, auch bei den Vorbereitungen zu helfen. Nur Dankmar Kurtzen beteiligte sich nicht. An ihn kamen jetzt immer geheimnisvolle Sendungen, mit denen er sich ganze Abende lang einschloß.
Mittags benutzte Margarete Wachenhusen, geborene von Blumauer, die Drähte zu einem schrecklichen Zweck: sie trocknete an ihnen die gelblichen Leinwandfetzen, mit denen sie ihr krankes Bein verband.
Nun endlich — die Preziosa kam in den Schloßhof, die Großeltern bewunderten die Kostüme, die Frau Wachenhusen aus bei ihnen gesammelten Kleidern entworfen hatte, die Großeltern bewunderten die Lichter und das Geschrei und die einsame Okarina.
Die geladenen Honoratioren waren bemüht, das Gratisvergnügen schön zu finden, und Leonore beschloß, der sentimentalischen Tauben, die, weil Frau Demetrius die Preziosa spielte, einen Zigeuner darstellen mußte, demnächst ein anonymes Geschenk zu machen.
Der Tierarzt wich keinen Augenblick von Clemences Seite. Graf Kurtzen schien über alles, was um ihn vorging, erbittert zu sein.
Als die Schauspieler fort waren, trank man unten noch ein Glas Waldmeisterwein. Leonore fühlte sich sehr angeregt und wähnte, mit Rittern und Edelfrauen in alten, unnennbaren Tagen auf einem Schloß der Normandie des Lebens Feste zu feiern. Man trennte sich nur schwer, als endlich der letzte Lampion erlosch.
Dieser Tag würde allen noch lange in Erinnerung bleiben, sagte der Pfarrer zu Oberförsters, denn er war ein wohlerzogener Mann und wußte, was sich schickt.