The Project Gutenberg eBook, Erinnerungen eines Achtundvierzigers, by Stephan Born

Note: Images of the original pages are available through the Google Books Library Project. See [ https://books.google.com/books?id=6f0SAAAAYAAJ&hl=en]

Anmerkung zur Transkription

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; diese wird hier in Normalschrift dargestellt. Antiquaschrift wird in der vorliegenden Ausgabe kursiv dargestellt. Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.


Erinnerungen
eines Achtundvierzigers

Erinnerungen
eines
Achtundvierzigers

Von

Stephan Born

Mit dem Bildnis des Verfassers

Leipzig
Verlag von Georg Heinrich Meyer
1898


Vorwort.

Ich begreife vollständig, wenn man beim Anblick dieser Blätter sich fragt, wie ich dazu komme, meine „Erinnerungen“ zu schreiben und der Öffentlichkeit zu übergeben. Mein Name wurde zwar in den Berliner Zeitungen der Jahre 1848 und 1849 häufig genannt, ich stand dort kurze Zeit im Vordergrunde der großen Bewegung, aus welcher schließlich nach gewaltigen Kämpfen Neu-Deutschland hervorgehen sollte, ich war namentlich einer der Gründer und Leiter der damals entstandenen, jetzt mächtig auftretenden Arbeiterpartei. Ich gehöre jedoch in Deutschland schon lange zu den Verschollenen, sogar Vergessenen. Weshalb aus dem Grabe wiedererstehen? Wesentlich nur aus dem Grunde, weil man jetzt die Geschichte des Jahres 1848 zu schreiben beginnt, weil andere mich ausgegraben, meine damalige Thätigkeit darstellen und beurteilen und dabei Wahres mit Falschem vermengen. Ein sozialdemokratischer Schriftsteller hat mich sogar zum Helden eines in Arbeiterblättern erschienenen Romans gemacht. Es werden alljährlich zum 18. März Erinnerungsblätter an das Jahr 1848 ausgegeben, in denen mit Vorliebe von mir in jenem Jahre gehaltene Reden oder Zeitungsartikel neu abgedruckt werden. Ich habe keinen Grund, den Inhalt jener Reden und Artikel jetzt zu verleugnen, ich könnte sie sogar heute noch unterzeichnen, obgleich ich in dem seither abgelaufenen halben Jahrhundert in mancher Beziehung ein anderer geworden bin. Das damals Gesprochene und Geschriebene ist mir das Zeugnis einer unverkennbaren Einheit in meiner Gesamtentwicklung.

Es ist nicht eigenes Interesse, das mich dazu führt, richtig zu stellen, was in unrichtiger Kenntnis der Verhältnisse und in völliger Unkenntnis meiner Person da und dort in neuester Zeit von mir gesagt und auch gefabelt worden ist. — Was liegt an einem einzelnen, an einer kleinen Schraube in dem großen, geheimnisvollen Schiffe, welches der Menschheit Geschicke durch aller Zeiten Ozeane trägt? — Ich schreibe vielmehr, um etwas Licht zu verbreiten über Menschen und Dinge, die ich in jenen Bewegungsjahren genau kennen gelernt, um einen bescheidenen Beitrag zu liefern zur Geschichte des Werdens einer neuen Zeit, und damit auch die Legendenbildung, die schon in voller Thätigkeit ist, einigermaßen zu stören, wenn es auch unmöglich ist, sie ganz zu verhindern.

So weit es sich machen ließ, habe ich für meine Darstellung die Form leichter Unterhaltung gewählt. Es schien mir diese Form dem Zwecke am besten zu entsprechen, den ich im Auge hatte. Ich habe in diesen Aufzeichnungen das nur berücksichtigt, was Beziehungen zum öffentlichen Leben, zu den Kulturzuständen der Zeit hat, von der ich spreche. Meine ausführliche Biographie zu geben, dazu fehlt mir die Berechtigung.

Basel, im Januar 1898.

B.


Inhalt.

Seite

Vorwort

[v]

1.

Thronwechsel in Preußen

[1]

2.

Vorschule des Lebens

[8]

3.

Der Berliner Handwerkerverein. Das Rütli

[21]

4.

Wanderschaft. Robert Blum in Leipzig. Reise nach Brüssel und Paris

[33]

5.

Friedrich Engels. Der Kommunistenbund. Heinrich Heine

[43]

6.

Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen

[54]

7.

Ein Winter in Brüssel. Karl Marx

[67]

8.

1848. Die Februarrevolution in Paris. Aufstandversuche in Brüssel. Frau Marx. Reise nach Paris

[75]

9.

Ein Besuch in den Tuilerien

[91]

10.

Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der Freischarenzug nach dem badischen Oberland

[100]

11.

Heimkehr nach Berlin. Die Berliner nach dem 18. März

[114]

12.

Die Arbeiterpartei. Der Zeughaussturm

[131]

13.

Praktische Sozialpolitik

[143]

14.

Der erste deutsche Arbeiterkongreß. „Die Verbrüderung“

[162]

15.

In Leipzig. Bakunin

[171]

16.

Erschießung Robert Blums in Wien. Steigende Aufregung in Deutschland

[180]

17.

Reise nach Heidelberg und nach Köln

[190]

18.

Nach Dresden gewählt. Kämpfe um die Reichsverfassung

[201]

19.

Der Maiaufstand in Dresden. I

[211]

20.

Der Maiaufstand in Dresden. II

[219]

21.

Zug nach Freiberg. Richard Wagner

[231]

22.

Flucht nach Böhmen

[243]

23.

Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz. I

[254]

24.

Erste Flüchtlingsjahre in der Schweiz. II

[267]

Nachwort

[287]


I.
Thronwechsel in Preußen.

Es war im Sommer 1840. Ich stand in der Vollkraft der Flegeljahre. Meine Eltern hatten mich aus dem Gymnasium genommen, weil sie schon für einen Sohn auf der Universität Sorge tragen mußten und es nicht fertig gebracht hätten, einen zweiten Sohn studieren zu lassen. Man hatte mich zu einem kinderlosen Oheim nach Löwenberg in Schlesien geschickt, der über meine Zukunft entscheiden sollte. Zum Kaufmann — das war mein Oheim — und er hatte schon einen anderen Neffen zu sich in die Lehre genommen — schien ich nicht geeignet. Ich kümmerte mich viel zu sehr um brotlose Künste, und was noch schlimmer war, um öffentliche Dinge, d. h. um Dinge, die mich nichts angingen; ich las mit Eifer alle Zeitungen, die in meine Hände kamen, in wenigen Wochen hatte ich daheim in meiner Vaterstadt gar noch alle Romanschätze der Leihbibliothek — es waren meist Räubergeschichten von Kramer und Spieß — verschlungen, und wenn ich nun auf den grünen Wiesen meines Oheims die Zickelfelle bewachte, die dort zum Trocknen ausgelegt waren, um dann in eine Handschuhfabrik nach Grenoble gesandt zu werden, betraf man mich oft bei dem Absingen politischer Lieder, wie „Noch ist Polen nicht verloren“ oder gar der Marseillaise.

Was sollte ich werden? Das war die ernste Frage, die meinen Oheim beschäftigte. Da wurde in einem Abendgespräch von einem dritten Neffen des braven Mannes gesprochen, der Schriftsetzer geworden und nach Paris gegangen war. Von ihm war ein Brief eingelaufen, den ich eben vorgelesen hatte. Ich könnte wohl auch Buchdrucker werden, ließ ich mich schüchtern vernehmen.

— Warte bis das Schützenfest vorüber ist, dann schicken wir dich nach Berlin. Dein dort studierender Bruder mag sich fürs erste nach einem Lehrherrn für dich umsehen. — So lautete die Antwort meines gutherzigen Oheims.

Ich war es zufrieden.

Das bevorstehende Schützenfest hatte für ihn eine ganz besondere Bedeutung. Mein Oheim war in jenem Jahre Schützenkönig und sollte demnächst mit der im Orte seit alten Zeiten üblichen Feierlichkeit an der Spitze des prächtigen Zuges nach dem Festplatz geleitet werden.

Als ich bei meiner Ankunft aus der Heimat zum erstenmale in den gewölbten Flur seines stattlichen Hauses getreten, war mir eine an der weißen Wand befestigte Schützenscheibe aufgefallen, mit ihren vielen Pflöcken, deren jeder das Loch verschloß, das die Kugel sich durch das Holz gebohrt hatte, und zugleich einen schmalen Zettel mit dem Namen des Bürgers festhielt, der den Schuß gethan. Genau im Centrum steckte ein Pflock mit dem Namen meines Oheims. Er hatte „den Punkt herausgeschossen“, wie der Volksausdruck die geschickte oder vom Zufall begünstigte That bezeichnete.

Es war ein Glücksschuß gewesen und er erwies sich zugleich als die erwünschteste Unterbrechung schwerer, sorgenvoller Tage. Einige Wochen vorher hatte nämlich der so unversehens vom Schicksal zu großen Ehren ausersehene Schütze den ersten seiner drei Pflegebefohlenen, den er in sein stilles Haus aufgenommen, einen noch unbärtigen Jüngling, mit einer großen Fracht Kleesamen nach Hamburg gesandt. Der Junge sollte dort eine ziemlich beträchtliche Summe für die Ware in Empfang nehmen und heimbringen. Doch Tage um Tage vergingen und keiner brachte das geringste Lebenszeichen von ihm. Wie konnte er nur so hartnäckig schweigen? War er krank geworden? War er beraubt worden oder gar umgekommen? Mit dieser Sorge im Herzen ging mein trefflicher Oheim, als die Reihe an ihn kam, an den Stand und schoß — zu seiner nicht geringen Verwunderung den Punkt aus der Scheibe. Es war ein Meisterschuß. Der Zeiger machte seine Luftsprünge vor dem Ziel, Pauken und Trompeten verkündeten das große Ereignis über den weiten Platz, die Dienstmädchen mit den Kindern verließen eilig die Buden, in welchen um den Gewinn von Pfefferkuchen gewürfelt wurde; alles umdrängte glückwünschend den Helden des Tages. Am Abend, da kein besserer, ja auch nur annähernd so guter Schuß gethan wurde, proklamierte man den bei der Bevölkerung sehr beliebten alten Herrn zum Schützenkönig und geleitete ihn nach allen hergebrachten Regeln und Formen in sein geräumiges Haus am Marktplatz, in dessen Vorhalle nun die Scheibe als eine auf spätere Geschlechter zu vererbende Trophäe aufgehängt wurde.

An demselben Abend aber — welch wunderbares Zusammentreffen! — langte der ersehnte Neffe mit dem in Hamburg für den Kleesamen eingenommenen Gelde an. Er hatte die ihm übertragene Aufgabe pünktlich erfüllt; an die Ratsamkeit, von Zeit zu Zeit etwas von sich hören zu lassen, hatte er nicht gedacht. Die gehobene Stimmung, in welche dieser doppelte Glücksfall den neuen Schützenkönig versetzte, fand ihren glänzenden Ausdruck in der Fülle des Weines, der seinem Ehrengeleit gereicht wurde. Es war eine endlose Reihe leerer Flaschen, die am andern Morgen unter der eben aufgehängten Ruhmesscheibe sich befanden. In der guten Stadt am Bober, unweit der kriegsberühmten Katzbach, genoß man in jener Nacht eines festen Schlafes.

Ohne jeden Stolz auf die bewiesene Geschicklichkeit, für die er die volle Ehrengebühr nur lächelnd auf seine Schultern nahm, hatte mein Oheim in letzter Zeit oft beim Abendgespräch jenes ereignisreichen Tages gedacht, denn es nahte der andere, wichtige Tag, wo er als Schützenkönig auf den Festplatz geleitet werden und sein glorreiches Amt in andere Hände niederlegen sollte. Für die Ausfüllung der großen Lücke im Weinkeller war gesorgt worden, die Tante hatte eine Anzahl Torten gebacken und backen lassen, sie waren unerläßlich für die würdige Ausfahrt des Schützenkönigs.

Doch es sollte anders kommen, als man erwartet hatte.

Am frühen Morgen stellten sich die Mitglieder der Schützengilde ein. Sie boten in ihren pomphaften Uniformen einen glänzenden Anblick dar, dessen komische Seite mir trotz der Bewunderung nicht entging, die ich für die wunderlich aufgeputzte, heroische Erscheinung eines meiner Vettern, eines schlichten Färbermeisters hegte, der bei dieser Gelegenheit mit dem vollen Bewußtsein seiner Mannesschönheit und seiner bis dahin freilich noch in Verborgenheit schlummernden kriegerischen Tugenden mir gewaltig imponierte. Die ganze Truppe trug grüne, rot eingefaßte Schwalbenschwänze, frisch gewaschene, weiße Beinkleider, auf dem Haupte einen Tschako mit himmelanstrebendem, steifem Federschmuck. Die Musik stimmte die pathetischsten Akkorde an, der gleich einem Bajazzo ausstaffierte Schuster Reimschüssel — er war noch nüchtern, denn die Glocke hatte eben erst acht geschlagen — schwenkte kunstvoll seine kurz geschäftete goldgestickte Fahne um Haupt und Glieder, und der Herr Bürgermeister, die Herren Stadträte und die ehrenwerten Offiziere der Gilde traten in das bekränzte Haus, begrüßten den Schützenkönig, der zwar keine Krone auf dem Haupte, doch eine schwere silberne Kette auf der Brust trug. Man schüttelte sich die Hände, man trank den von den weißgekleideten Nachbarstöchtern dargebotenen Wein und aß ein Stück Torte nach dem andern. Dann ordnete man sich in Reih’ und Glied, um an der Spitze des draußen aufgestellten Zuges den Marsch nach dem Schützenplatz zu beginnen.

Da geschah etwas Unerhörtes.

Eben war das Kommando zum Abmarsch erschollen, als ein Postbote eiligst über den Platz rannte, und hoch über seinem Haupte einen großen Brief haltend, diesen atemlos dem Bürgermeister überreichte. „Der König ist gestorben,“ ging plötzlich ein Gemurmel durch die Reihen. Und so war es in der That. Die Anzeige war eben eingetroffen, daß Seine Majestät Friedrich Wilhelm III. das Zeitliche gesegnet hatte.

Das Schützenfest, erklärte nun das Stadtoberhaupt, ist bis auf weiteres verschoben. Die Reihen der Gilde lösten sich auf. Mein Oheim, der Schützenkönig, wurde von einigen Herren wieder in sein Haus zurückgeleitet. Die Herren waren so freundlich, noch ein Glas Wein anzunehmen, die Torten aber waren bis auf ein einziges Stück aufgegessen, und dieses eine Stück, das man niemand anzubieten wagte, bekam ich.

II.
Vorschule des Lebens.

Noch vor der Abhaltung des so unversehens unterbrochenen Schützenfestes mußte ich meine Reise nach Berlin antreten. Auf preußischem Boden existierte noch keine Eisenbahn. Der schwer belastete Frachtwagen meines Oheims, der von zwei starken Pferden im Schritt nach der Hauptstadt gezogen wurde, brauchte mehrere Tage für den weiten Weg. Man hatte mir einen Sitz neben dem Platz des Kutschers zurecht gemacht, den dieser übrigens nicht benutzte, da er, der Überlieferung seines Berufes getreu, immer zu Fuß neben her ging, behaglich seinen Stummel rauchend, mit der Peitsche knallend, und bald singend, bald pfeifend mit den Pferden sich unterhielt. Man hatte mir für die lange Fahrt mancherlei Eßbares mitgegeben und auch etwas Geld in die Westentasche gesteckt. Ich kam fröhlicher Dinge bei meinem Bruder in Berlin an. Dieser war um mein leibliches wie um mein geistiges Wohl sehr besorgt und nur mit Rührung kann ich an die zwei oder drei Jahre fruchtbarer Anregungen, wenn auch zahlreicher Entbehrungen denken, die ich unter seiner liebevollen Führung verlebt habe. Er stand im dritten Jahre seiner medizinischen Studien und war ihnen mit Leib und Seele ergeben. Er hatte für mich eine Lehrlingsstelle gefunden und, was bei einem Studenten sich leicht erklärt, in einer Buchdruckerei, deren sich viele Doktoranden zum Druck ihrer Dissertation bedienten, wobei mir alsbald das bißchen Latein, das ich vom Gymnasium mitbrachte, recht zu statten kam. Bevor er mich in das Joch spannen ließ, gönnte er mir jedoch noch einige Tage, damit ich von der Reise mich ausruhen und mir Berlin ansehen könne.

War ich einige Wochen vorher in der Provinz Zeuge der Ankündigung des Todes Friedrich Wilhelms III. gewesen, so hatte ich nun in der Hauptstadt Gelegenheit, der seinem Nachfolger Friedrich Wilhelm IV. dargebrachten Huldigungsfeier von der Straße aus, so weit dies einem grünen Jungen gestattet war, beizuwohnen. Mein Bruder blieb zu Hause. Er wollte wegen eines Monarchen, der schon seine Absicht angekündigt hatte, das absolute Regiment seines Vaters fortzusetzen, keine Stunde an der Arbeit verlieren, die in jenen Tagen seine ganze Zeit in Anspruch nahm. Im Jahre 1840 waren die deutschen Studenten noch sehr liberal, sie standen zum Volke und dieses brachte von vornherein dem König, der sich vielleicht für einen akademischen Lehrstuhl geeignet hätte, dem jedoch alle Regenteneigenschaften abgingen, keine Sympathien entgegen. Er galt für einen geistreichen Kopf, nicht aber für einen König; dazu fehlte ihm schon die äußere Erscheinung. Zu Pferde, namentlich, wenn er einen leichten Trab anschlug, nahm er sich recht schwerfällig aus. Seine Gestalt war nichts weniger als soldatisch. Dennoch interessierte er sich in hohem Grade für militärische Dinge. Die Reformen, die er bald nach seinem Regierungsantritt in der Bekleidung des Heeres veranlaßte, die Ersetzung des unförmlichen Tschakos durch den Helm, des Schwalbenschwanzes durch den Waffenrock, mußten allgemeinen Beifall finden; unter seiner Regierung erhielt die Infanterie auch das Zündnadelgewehr. Auf die Stimmung im Volke übten diese Neuerungen indessen kaum einen Einfluß. Nach langem gesicherten Frieden interessierte man sich blutwenig für militärische Dinge, die Unzufriedenheit über den Fortbestand der Zensur, über die Zurückweisung der allgemeinen Forderung, dem Lande eine Volksvertretung zu geben wuchs zusehends und durchdrang die weitesten Kreise, als die junge Lyrik mit Dingelstedt, Gottschall, Hofmann v. Fallersleben, Prutz, besonders mit Georg Herwegh einen in Deutschland ungewohnten politisch-revolutionären Ton anschlug. Die neuen Gedichte, obgleich verboten, wanderten von Hand zu Hand und erhitzten die Gemüter. Der geistreiche König konnte dagegen nichts thun. Sein Schwager, Zar Nikolaus, hatte andere Waffen gegen aufrührerische Poeten, er verschickte sie nach Sibirien. Friedrich Wilhelm IV., da er nichts Ernstes gegen den Liberalismus zu unternehmen vermochte, mußte ihm schrittweise nachgeben und das war sein Verhängnis. Persönlich von hoher litterarischer Bildung, konnte er anstandshalber es nicht verhindern, daß Berlin bald nach seinem Regierungsantritt ein liberales, litterarisches Centrum für Deutschland zu werden begann. Die oben genannten Poeten fanden sich sämtlich in seiner Hauptstadt ein, er ließ sich sogar durch den Professor Schönlein den gefeierten Sänger der „Gedichte eines Lebendigen“ vorstellen. Heine hat dieser Audienz in boshaften Versen gedacht, er sah hier den Marquis Posa vor dem König Philipp. Friedrich Wilhelm IV. hatte nun aber nichts von einem Philipp, er suchte den jungen Poeten durch ein paar schlechte Witze zu verblüffen; er werde, sagte der König boshaft, in Berlin so gute Spätzle nicht zu essen bekommen, wie in dem lieben Schwabenland. Als Herwegh in seinem jugendlichen Posaeifer nun doch von Königsberg aus sich vermaß, den König zu apostrophieren, ließ dieser ihn des Landes verweisen. Schillers Marquis Posa steckte noch stark in den Köpfen der damaligen Generation. Nicht viel später erlaubte sich der Verfasser der „Vier Fragen“ in einer Audienz Friedrich Wilhelm IV. zuzurufen: „Es ist der Fluch der Könige, daß sie die Wahrheit nicht hören können.“ Friedrich Wilhelm IV. nahm dies natürlich sehr übel.

Im Jahre 1840 begann man in Berlin, wo bisher das Theater und vielleicht ein neuer Roman der Frau v. Paalzow oder der Gräfin Ida Hahn-Hahn die Kosten der Unterhaltung trug, mehr und mehr mit politischen Dingen sich zu beschäftigen. Am Tage der Huldigungsfeier bemerkte man davon noch wenig. Auf dem ungeheuren Platz zwischen Schloß und Museum war nur der vordere Teil stark besetzt, da standen in feierlichem Aufzug die Mitglieder der staatlichen und der städtischen Behörden, die Generalität, die Professoren der Universität, die richterlichen Kollegien, die Abordnungen aus den Provinzen u. s. w. Die Berliner Einwohnerschaft aber schien gar nicht neugierig, sie war nicht zahlreich vertreten, es blieb ein großer, leerer Raum von der prächtigen Granitschale inmitten des Lustgartens bis zum Museum. Ich sah unbehelligt dem sich abspielenden Vorgang aus ziemlicher Nähe zu; ich erkannte den König, als er auf dem Balkon erschien, ich verstand jedes Wort seiner Rede, in welcher er versprach, dem Wohle seines Volkes sein ganzes Leben zu widmen und mit der Versicherung schloß: „Das gelobe und schwöre ich!“ Der Volkswitz hatte schon in den nächsten Tagen dieses feierliche Gelöbnis in die Worte umgewandelt: „Dat jloob ick schwerlich,“ der König, der ja dem Witz nicht abhold war, lachte, als er dies erfuhr.

Ich habe mir vorgenommen, meine persönlichen Erlebnisse nur so weit zu berühren als sie zu öffentlichen Dingen in Beziehung stehen oder doch einen Beitrag zu dem kulturhistorischen Bilde jener Zeit zu liefern vermögen. Dies ist der Fall mit meiner Lehrzeit als Schriftsetzer. Sie dauerte nicht weniger als fünf Jahre. So lernte ich früh einen wunden Fleck in den damals herrschenden sozialen Einrichtungen kennen und wurde ich unmittelbar zu kritischen Betrachtungen über dieselben veranlaßt. Die Kunst, Buchstaben an einander zu reihen, in Zeilen, Kolumnen und Platten zu schließen, zu korrigieren, abzulegen u. s. w. erlernt ein halbwegs intelligenter Knabe sicher in zwei Jahren. Giebt man dem Lehrherrn als Lohn für seinen Unterricht, den er in der Regel nicht selber übernimmt, noch ein Jahr drein, so wären es drei Dienstjahre, die der auszubildende Jüngling auf sich zu nehmen hätte. Einen jungen Menschen fünf Jahre an die Kette zu legen, um ihn während der letzten drei Jahre als fertigen Arbeiter für eine lächerlich geringe Entschädigung auszubeuten, war ein schreiender Mißbrauch, zu dem sich der andere gesellte, daß es im damaligen Berlin Buchdruckereien gab, die gar keine Gehülfen, sondern nur Lehrlinge hielten. Eine derselben hielt deren zwölf. Diejenige, in welcher ich die Ehre hatte, in die Geheimnisse der schwarzen Kunst eingeführt zu werden, hatte deren sechs. Nur ein einziges Mal hatte sie auf einige Monate mehrere Gehülfen am Setzkasten. Mit diesen geriet ich einmal in einen lebhaften Konflikt, als ich in meinem Idealismus mich weigerte, einem alten Trunkenbold Schnaps zu holen. Wenige Jahre später stand ich an der Spitze der Berliner Buchdrucker, um den Anstoß zur Aufhebung verschiedener Mißbräuche und einer fortschreitenden Verbesserung ihrer Lage zu geben. Den verderblichen Branntwein hat die allgemeine Kulturentwickelung mit der Hebung des Lebensstandes der Arbeiter in weiten Kreisen derselben durch das gesellige Bier ersetzt.

Die Buchdruckereibesitzer — es war die Minderzahl — welche ihren Kollegen durch die billige Arbeit der Lehrlinge eine gewissenlose Konkurrenz machten, gingen übrigens nicht ganz straflos dabei aus. Denn von Zeit zu Zeit stellte sich Arbeitslosigkeit ein, ihren Lehrlingen aber hatten sie nichtsdestoweniger den kontraktlich festgesetzten Thaler wöchentlich auszuzahlen. Mit einem Thaler wöchentlich sollte ich meinen Unterhalt bestreiten?

Wenn Ebbe in der Kasse eingetreten war, und das geschah häufig genug, wurde man Vegetarianer bis der Postbote die heißersehnte, aber aus leicht erklärlicher Rücksicht auf die Eltern, niemals geforderte Hilfe aus der Heimat brachte. Und was that mir alle Entbehrung? Es gab für mich in jenen Jahren so viele „Geistesfreuden.“ Für die Erweiterung meiner Kenntnis der zeitgenössischen Litteratur sorgte die große Leihbibliothek von Berends. Von meinem studierenden Bruder erhielt ich täglich fördernde Anregung. Er riet mir, in freien Stunden als Hospitant gewisse Vorlesungen an der Universität mit anzuhören, und das that ich mit religiösem Eifer. Mittags von 12 bis 2 war die Druckerei geschlossen, die nicht weit vom Universitätsgebäude und nicht weit vom Hause des Professors Magnus sich befand, in welchem dieser seine Vorlesungen hielt. Wozu brauchte ich zwei Stunden zu meinem Mittagessen? Eine genügte vollkommen, die andere widmete ich den Studien. So hörte ich zunächst bei Magnus Physik, bei Werder Psychologie, bei Ranke Geschichte. Auch eine Abendstunde von 6 bis 7 war für die Universität bestimmt. Und dazu kam das Theater, das königliche Schauspielhaus, zu dem Herr v. Sommerfeld mir seine Freikarten häufig abtrat. Herr v. Sommerfeld, ein ehemaliger Offizier, war Herausgeber einer wöchentlich erscheinenden Theaterzeitung, die bei uns gedruckt wurde, und deren Satz ich in der Regel besorgte. Wir wurden bekannt, weil ich mir hie und da erlaubte, seinen nicht selten sehr holperigen Stil einigermaßen zu glätten. Das nahm der gute Mann gar nicht übel, er wußte mir vielmehr Dank dafür, ja er übertrug mir einigemale eine mit Freuden aufgenommene Stellvertretung als Rezensent. Man frage mich nicht, was ich als solcher geleistet. Ich zeichnete nicht, meine Sünden gingen also auf Rechnung des Herrn v. Sommerfeld. Selbstverständlich ist es, daß ich, ein unerfahrener Jüngling, ebenso wenig wie er zu dem Amte eines Theaterkritikers berufen war. Das hatte nichts zu sagen. Unsere Theaterzeitung spielte in Berlin keine Rolle, sie schlief auch sehr bald ein.

Aber ich hatte Blut geleckt, ich hatte mich gedruckt gesehen.

Mein Bruder hatte im Jahre 1843 seine Studien vollendet und sein Staatsexamen ehrenvoll bestanden. Er ließ sich als Arzt in einer Provinzialstadt nieder, und ich mußte von nun an, immer noch Lehrling in einer kleinen Buchdruckerei, seiner geistigen Führung entbehren. Er empfahl mich der Fürsorge seines studentischen Umgangskreises, dem ich auch treu blieb, bis der letzte der Freunde sich seinen Doktorhut erworben und sein eigenes Heim sich geschaffen hatte. Eines jungen Mediziners, der später sich um die Einrichtung von Vereins- und Armenärzten in Berlin ein Verdienst erwarb, erinnere ich mich besonders, weil er nach meines Bruders Abreise meine schriftstellerischen Versuche mit wachsamem Auge verfolgte. So holte er mich an einem Sonntag zu einem längeren Spaziergang ab, um mit mir mein jüngstes Opus, das ihm zu Gesicht gekommen, ernsthaft zu besprechen. Dickens war damals der geschätzteste Erzähler, und so hatte ich, wahrscheinlich von diesem großen Meister angeregt, eine Novelle, meiner Meinung nach in des beliebten Engländers Weise, verbrochen. Ich weiß von meiner Schöpfung nur noch, daß die Handlung dem Berliner Volksleben entnommen war. Sonderbarerweise hatte sie in einer Zeitschrift Aufnahme gefunden, deren Herausgeber, ein Dr. Julius Lasker, vielleicht ein Verwandter des späteren Abgeordneten dieses Namens, sie für würdig der Ehre des Drucks erachtete. Diese Zeitschrift, wenn ich nicht irre, hieß „Der Freimüthige“. Die Kritik meines Freundes richtete sich nun hauptsächlich gegen meine offenbare Unkenntnis des wirklichen Lebens; er machte mich darauf aufmerksam, daß die paar Leute, mit denen ich in den wenigen freien Stunden, über die ich verfügte, freundschaftlich verkehrte, mir vom Berliner Volksleben auch nicht die geringste Anschauung gaben und daß man wohl merke, daß ich meine ganze Weisheit nur aus meiner Lektüre geschöpft hatte. Das sah ich sofort ein und so zog ich aus dieser Unterhaltung mit einem wohlmeinenden Kritiker eine nützliche Belehrung. Von dem Inhalt meiner ersten und einzigen „Novelle“ weiß ich nichts mehr, nicht einmal ihres Titels erinnere ich mich. Ich habe nichts aufgehoben, nichts gesammelt von den jugendlichen Erzeugnissen meiner Feder, auch nicht eine Broschüre, die ich gegen das Ende meiner Lehrzeit geschrieben und die einen Zipfel der sozialen Frage lüftete. Ich hatte das Manuskript an Otto Wigand in Leipzig geschickt, der damals, zu Beginn der politischen Bewegung, eine große Anzahl Broschüren verlegte und mich nach wenigen Tagen mit einem gedruckten Exemplar meiner Arbeit überraschte. Auch von diesem Opus weiß ich nichts Näheres anzugeben. Daß es von einem Handwerker sei, sagte der Titel. Ich habe es seit dem Jahre seines Erscheinens nicht wieder gesehen. Daß es nicht Eitelkeit war, die mich zu schriftstellerischer Produktion antrieb, möchte ich aus dem Umstande schließen, daß ich mich als Autor nicht nannte, daß ich gar keinen Wert auf die Erhaltung jener auffallenderweise ohne alle Schwierigkeit untergebrachten Dokumente aus meinem Jugendleben legte. Es war wohl wesentlich der Drang nach Bethätigung der wogenden Jugendkraft, der mich zur Feder greifen ließ; eine gewisse bestechende Frische und Wärme der Darstellung mochte wohl die rasche Annahme der von mir angebotenen Arbeiten und ihre Drucklegung erklären.

Die von Otto Wigand gedruckte Broschüre brachte mir das erste Honorar ein, ein wichtiges Ereignis im Leben eines jungen Mannes. Mit jener Broschüre, deren Titel ich nicht einmal angeben kann, betrat ich zum erstenmale das Gebiet der sozialen Frage, damit aber auch das Gebiet einer ruhelosen Thätigkeit, die mich die nächsten Jahre beschäftigte, mir die Mitwirkung an dem Werden einer großen sozial-politischen Partei gestattete, meinen Namen in den Jahren 1848 und 1849 an die Oberfläche des öffentlichen Lebens brachte, mich ins Exil führte und mir schließlich nach langer Verschollenheit, aus der ich nicht hervortrat, zu diesen „Erinnerungen“ die Veranlassung gab. Lorenz von Steins Buch — „der Sozialismus und Kommunismus in Frankreich“, auch dasjenige von Friedrich Engels über „die Lage der arbeitenden Klassen in England“ mochten mir den Anstoß zur Verfolgung dieser Richtung gegeben haben.

III.
Der Berliner Handwerkerverein. Das Rütli.

Friedrich Wilhelm IV. wollte das absolutistische Regiment, das er von seinem Vater geerbt hatte, nicht aufgeben. Er glaubte im Geiste des wohlwollenden Despotismus des achtzehnten Jahrhunderts regieren zu können. Dem von allen Seiten bis an seinen Thron dringenden Ruf nach einer Verfassung schenkte er kein Gehör. Kein Blatt Papier, so erklärte er, solle sich zwischen ihn und sein Volk drängen. Wollte er bei dieser Politik Herr der Situation bleiben, so mußte er seinen Standpunkt auf das energischste verteidigen, unerbittlich jede liberale Regung verfolgen. Dazu aber besaß er nicht Charakter genug. Der Revolution wäre seine Regierung in keinem Falle entgangen, doch wäre er männlich ihr erlegen. Dies sollte nicht sein. Er suchte dem kommenden Sturm auszuweichen, indem er zu halben Maßregeln griff, und so stärkte er die öffentliche Meinung in ihren weitest gehenden Forderungen. Er bewilligte Büchern von mindestens zwanzig Bogen Umfang die Censurfreiheit und erreichte damit nur, daß der Ruf nach vollständiger Abschaffung der Censur nur um so lauter ertönte. Er bewilligte statt der verlangten Volksvertretung mit beschließender Stimme provinzielle Vertretungen mit beratender Stimme; er mußte nachträglich einen Schritt weiter thun und aus den Provinzial-Landtagen den sogenannten vereinigten Landtag hervorgehen lassen.

Lauter halbe Zugeständnisse, für die er statt Dankes nur immer heftigere Angriffe und Erbitterung erntete. Die theologische Richtung, der er huldigte, die theologisierende Diplomatie und Generalität, von der er umgeben war, machte ihn vollends in hohem Grade unpopulär. Es wehte ein pietistischer Wind bei Hofe und ermutigte die protestantischen Synodalbehörden zu strengerer Ausübung der ihnen zustehenden Disziplinargewalt. Damit wurde Öl ins Feuer gegossen. Bei alledem wurde, weil man nicht für bildungsfeindlich gelten wollte, in vollständiger Verkennung aller Verhältnisse die Eröffnung von Arbeiter-Bildungsvereinen gestattet, die natürlich zu Sammelpunkten für alle Nüancen des damaligen Liberalismus sich gestalteten. Der Berliner Handwerkerverein in der Sophienstraße, der im Jahre 1843 gegründet wurde, war eine Bildungsstätte für heranwachsende Revolutionäre, nicht bloß des Arbeiterstandes, sondern aller Berliner Gesellschaftskreise. So wie ich im Sommer des Jahres 1845, zwanzigjährig, von meiner fünfjährigen Knechtschaft losgesprochen wurde, trat ich in den Handwerkerverein ein und während anderthalb Jahren war ich nun eines seiner rührigsten Mitglieder. In dem Vereine wurden belehrende Vorträge gehalten. Die Beantwortung der eingelaufenen Fragen gab zu Diskussionsübungen Gelegenheit. Der Verein hatte seinen Männerchor, sogar einen Kreis junger Poeten aus dem Handwerkerstande. Mein erstes Auftreten mit einem Liede „der Bettelmann“, zu dessen sentimentaler Melodie ich den Text gedichtet hatte, war, wie alles, was der politischen Stimmung der Zeit Ausdruck gab, von ungeheurem Erfolg. Der vor der Pforte des Palastes singende Bettelmann war das Volk, dem in der letzten Strophe zugerufen wurde, um die Freiheit dürfe man nicht betteln, man müsse sie sich erkämpfen. Das Gedicht war recht gering, seine Wirkung aus dem angegebenen Grunde trotzdem sehr groß. Etwas besser, wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, waren die Verse, mit denen ich einige Monate später Berthold Auerbach im Handwerkerverein begrüßte. Dem Bettelmann wäre damals in keinem Falle vom Censor das „imprimatur“ erteilt worden, der Gruß an Berthold Auerbach erschien Ende 1845 in den poetischen Jahresheften des Handwerkervereins. Er ist nicht in meinem Besitz. Der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten“, dem ich zwanzig Jahre später im Bade Tarasp begegnete, erinnerte sich noch wohl des Huldigungsabends, der ihm im Handwerkerverein bereitet worden war, als höflicher Mann natürlich auch meiner poetischen Ansprache.

Begründer und Präsident des Vereins war damals ein städtischer höherer Beamter, ein wohlwollender Mann, gemäßigter Liberaler, der sein Hauptaugenmerk darauf richtete, daß der politisch oppositionelle Geist, der unter uns herrschte, nicht in zu hellen Flammen aufschlug und die Regierung zum Einschreiten veranlaßte. Die eigentliche Seele des Handwerkervereins aber war Julius Berends, ein junger Theologe, der nach seinem ersten Auftreten auf der Kanzel wegen seiner bei den geistlichen Vorgesetzten mißliebig aufgenommenen Betrachtungen über die Bergpredigt kalt gestellt worden war und nun mit seinem Freunde Krause eine kleine Buchdruckerei betrieb, in welcher er selbst am Preßbengel stand. Diese Association war nicht von langer Dauer. Krause druckte vom Jahre 1848 an die damals entstandene „Nationalzeitung“, welcher Schöpfung mehrere Mitglieder des Handwerkervereins, wie Ehrenreich Eichholz, Hermann Lessing und der Assessor Volkmar nahe standen. Die Redaktion übernahm Dr. Zabel, den ich als Oberrevisor mancher von mir gesetzten Doktordissertation kennen gelernt, die er auf Anordnung der Universität auf die Korrektheit ihres Lateins zu prüfen und eventuell zu korrigieren hatte, ein Liebesdienst, der von den Studenten nicht, wie er es verdiente, dankbar aufgenommen wurde; denn die armen Jungen hatten dafür zwei Thaler für den Druckbogen zu entrichten. Herr Zabel aber erwies sich an der „Nationalzeitung“ als ein eben so gewandter Redakteur wie er in seiner früheren Stellung ein tüchtiger Lateiner gewesen war.

Durch Berends wurde ich in die damaligen litterarischen Berliner Kreise eingeführt. In der Hinterstube eines Cafés am Gendarmenmarkt machte ich die Bekanntschaft Hoffmanns von Fallersleben, des unverwüstlichen Liedersängers; in einem Restaurant an der Spittelbrücke wurde ich in das „Rütli“ aufgenommen, das eine Anzahl junger Poeten, Journalisten und Künstler in geselligem Verein zusammenfaßte. Da kamen Titus Ulrich, ein Epigone der Weltschmerzdichtung, Ernst Dohm und Rudolph Löwenstein, einige Jahre später Redakteure des „Kladderadatsch“, der Komponist Truhn, der Bildhauer Tod, der Karikaturenzeichner Scholz, der lange Saß und verschiedene andere zusammen, deren Namen mir nicht mehr gegenwärtig sind, weil sie im Strom der bald eingetretenen politischen Bewegung versanken und dann nicht mehr ans Tageslicht gelangten.

Es ist überhaupt auffallend, wie gering die Zahl derjenigen war, die, obgleich sie vor 1848 als Führer der litterarischen Opposition die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten und als kommende Männer angesehen wurden, im Revolutionsjahre sich in irgend welcher Weise hervorthaten. Ich erinnere an Bruno Bauer, an Max Stirner und den Kreis lärmender Persönlichkeiten in ihrer Umgebung, die durch ihren offenen Umgang mit emanzipierten Weibern die Blicke auf sich zogen. Nur Edgar Bauer sah man noch in den ersten Monaten des Revolutionsjahres. Er suchte den enthusiastischen Jüngling Schlöffel an sich heranzuziehen, der berufen schien, einst einen Camille Desmoulins zu spielen, sein junges Leben aber bald im Großherzogtum Baden im ersten Gefecht der Aufständischen gegen die preußischen Truppen verlor. Jener Edgar Bauer gab zu Anfang der vierziger Jahre gemeinsam mit dem Elsässer Alexander Weill, der damals Berlin besucht hatte, einen Band Novellen heraus. Sie wurden bei meinem Lehrherrn gedruckt, deshalb hatte ich Bauer einigemal die Korrektur zu bringen. Schon beim Eintritt in sein Zimmer wurde ich durch die obszönen Lithographien verblüfft, die er an die Wand geklebt hatte; auch die Unterhaltung, die er mit mir während des Lesens der Korrektur begann, hatte einen widerwärtigen Charakter. Ich faßte von da ab eine unüberwindliche Antipathie gegen den Menschen, der denn auch, wie ich nachher erfahren, in einem Sumpf versunken ist. Aber auch die Männer im Handwerkerverein, welche berufen schienen, beim Eintritt einer Umwälzung auf der politischen Bühne eine Rolle zu spielen, gelangten zu dieser Ehre nicht. Berends, der wohl mit Glanz in die Nationalversammlung gewählt wurde, blieb ohne Einfluß und fast unbeachtet als parlamentarischer Volksvertreter. Alle diese freisinnigen Vereinsredner, die so großes Verdienst um die Vorbereitung der Ereignisse von 1848 sich erworben hatten, waren eben doch nur Gefühlspolitiker, zur Lösung praktischer Aufgaben fehlte ihnen die Vorschule und der politische Blick. Runge allein machte unter ihnen eine Ausnahme, er war später ein vorzüglicher Verwalter der Finanzen der Stadt Berlin.

Unter den Arbeitern, die zu den Zierden des Handwerkervereins gehörten, ist mein unvergeßlicher Freund, der Goldschmied Bisky als erster zu nennen. Wir schlossen uns eng zusammen. Er war nur wenige Jahre älter als ich, auch ein Stück Poet, seine Freiheitslieder wurden wegen ihres markigen Tons gern gehört und im Album des Handwerkervereins abgedruckt. Er war eine schöne, männliche Erscheinung, mehr als dies: ein goldner Charakter, ein ganzer Mann. In den Verein kam auch ein später in einen politischen Prozeß verwickelter junger Kaufmann Neo mit seinen geistvollen Schwestern, wie denn Frauen und Mädchen an den Vortrags- und Vergnügungsabenden reich vertreten waren. Da wurde manche Blume umflattert, die infolge der nun kommenden politischen Ereignisse einsam verblühen sollte.

In dem Berliner Handwerkerverein atmete man in jenen Tagen den Lebensodem einer für Deutschland nahenden neuen Geschichtsepoche.

In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts, nach den Kriegen gegen Napoleon, trat eine Wandlung im öffentlichen Geiste ein. Die besten Männer der Nation erstrebten eine stärkere Einheit als sie der deutsche Bundestag darbot, eine Volksvertretung und die Verantwortlichkeit der Regierungen in den bisher absolutistisch beherrschten Ländern. War es damals die studierende Jugend, welche in vorderster Reihe in der freiheitlichen Bewegung stand, so wurde sie im Jahre 1848 durch die vorwärts drängende Jugend der arbeitenden Klassen in die zweite Reihe gedrängt, um teilweise ihren Standesinteressen sich gefangen zu geben und in deren Dienste die Reaktion zu unterstützen. Als charakteristisches Merkmal des Jahres 1848 ist für Deutschland der Eintritt der arbeitenden Klassen in die politische Welt zu betrachten. Das wurde anfangs von dem für Erlangung der Bundeseinheit und eines modernen Verfassungslebens eintretenden bürgerlichen Ständen nicht klar erkannt, es kam diesen erst nach und nach zu vollem Bewußtsein, nachdem aus den anscheinend harmlosen Arbeiter-Bildungsvereinen eigentliche Arbeitervereine hervorgegangen waren, die als ihre Aufgabe die Verteidigung spezieller Arbeiterinteressen darlegten. Diese Interessen gelangten in den neu gebildeten Vereinen nicht von vornherein zu vollem Verständnis der Beteiligten. Eine von der Wissenschaft längst überholte Zunftmeierei, verführte noch viele junge Köpfe zu Forderungen, die sich in den meist sehr der Zeit vorauseilenden sozial-politischen Programmen sonderbar genug ausnahmen. Doch genügten wenige Jahre zur Klärung der Geister, es entstand die sozialdemokratische Arbeiterpartei.

Dieser Entwicklungsgang konnte schon in den Jahren 1845 und 1846 in dem Berliner Handwerkerverein von schärferen Beobachtern vorausgesehen werden. Von Paris in die deutsche Heimat zurückkehrende, wandernde Handwerksburschen, wurden die Apostel einer neuen, der sozialistischen Lehre. Der Handwerkerverein konnte ihnen nicht verschlossen werden. Vorsichtig tastend, suchte ein solcher Sendling, namens Mäntel, Mitglieder für seine geheime Verbindung anzuwerben. Man warnte vor ihm, man hielt ihn für einen Lockspitzel. Damit that man ihm unrecht. Er wandte sich namentlich an die jüngeren, nicht viel über zwanzig Jahre zählenden Vereinsmitglieder. Durch den Schuhmacher Hetzel, einen unruhigen Kopf, den er gewonnen hatte, wurde ich in seine Geheimnisse eingeweiht. Er gehörte nicht der Richtung des in der Schweiz aufgetretenen Schneiders Weitling an, welcher in verschiedenen Schriften die Grundlinien zu einem ihm vorschwebenden utopistischen Gleichheitsstaat gezeichnet hatte, der mir als ein pures Luftgebilde durchaus nicht imponierte; er sprach vielmehr von einer geheimen Arbeiterverbindung, welche auf dem Boden der zunächst zu erlangenden politischen Freiheit die Befreiung des Proletariats von den Fesseln des Kapitalismus sich zur Aufgabe gestellt habe. Ich fühlte aus dem, was Mäntel ziemlich verworren darlegte, den Grundgedanken heraus, daß er die Ansicht vertrat, der historische Werdegang einer sich ankündenden neuen Zeit solle im Auge behalten werden, es handle sich nicht um einen aus dem Haupte eines Schneidergesellen, wie Weitling hervorgegangenen neuen Staat, sondern um die Unterstützung einer aus den gegebenen Verhältnissen mit historischer Notwendigkeit entstehenden Partei, welche in ihrer Weltanschauung den Alltags-Liberalismus nur als eine zu überwindende Zwischenstufe ansah und ihn theoretisch überholt hatte.

Dies leuchtete mir vollkommen ein. Ich hörte Mäntel ruhig an, ohne mich des Weiteren ihm gegenüber zu etwas anderem als zur Diskretion, zu verpflichten, woraus sich die Thatsache erklärt, daß ich selbst meinem Freunde Bisky von dem Gehörten keine Mitteilung machte. Schon seit einiger Zeit trug ich mich mit dem Gedanken, mir die Welt anzusehen: Ich hatte eine unwiderstehliche Sehnsucht, Paris kennen zu lernen. Schon seit Monaten hatte ich mir von meinem wöchentlichen Verdienst etwas für die Reise zurückgelegt. Meine zwei älteren Brüder, der älteste hatte sich bald nach der Abreise des zweiten, der als Arzt in die Provinz gegangen war, in Berlin niedergelassen, trugen das Ihre zu den Kosten der Reise bei und so durfte ich mich auf den Weg machen.

IV.
Wanderschaft. Robert Blum in Leipzig. Reise nach Brüssel und Paris.

Ich war frohen Mutes. Die Freunde im Rütli hatten mir einige Empfehlungen mitgegeben, unter anderen eine solche an Friedrich Engels in Paris. Der Sängerchor des Handwerkervereins hatte mir am Abend vorher ein Abschiedsständchen gebracht. Wie konnte es mir nun anders als gut gehen? Und es ging nicht schlecht. War ich doch kein verwöhntes Muttersöhnchen. Das damals noch neue Lied „Was braucht man Vieles, um glücklich zu sein“? war mein Leiblied geworden; ich stand ohne jede Anstrengung auf der Höhe der Lebensweisheit seines Verfassers. Das will sagen, daß ich das Leben in keiner Weise kannte und das, was ich als Weisheit ansah, nur die Unerfahrenheit eines eben aus dem Neste fliegenden jungen Zeisigs war. Nur eine wertvolle Eigenschaft war mir für die angetretene Fahrt von der gütigen Natur mitgegeben: die Lust und die Kunst zu lernen. Diese habe ich bis in mein hohes Alter nicht eingebüßt.

Nach Leipzig, wo ich zuerst Rast machte, war mir eine Empfehlung an Robert Blum mitgegeben worden, der sich in weitern Kreisen durch seine politischen Reden bekannt gemacht, auch nach außen hin als Präsident eines sogenannten Redevereins viele Beziehungen angeknüpft hatte und allgemeiner Verehrung sich erfreute. Ich würde ihn abends an der Theaterkasse finden, hatte man mir gesagt. Robert Blum war Kassierer am Leipziger Stadttheater. Er nahm meine Empfehlung freundlich auf, musterte mit wohlwollendem Blick meine jugendliche Gestalt, erkundigte sich nach seinen Berliner Freunden und lud mich ein, mir das Stück anzusehen, das eben gegeben werden sollte. Von dem Stück weiß ich nichts mehr, doch ist mir das joviale Gesicht des Theaterkassierers, aus dessen hellen Augen männliche Energie leuchtete, nicht mehr aus der Erinnerung verschwunden. Wenige Jahre später, und der tapfere deutsche Volksmann fiel als Märtyrer des ersten Freiheitstraumes, den er mitgeträumt. Ich habe seine Witwe in Wabern bei Bern gekannt und sein Söhnchen Hans Blum hat damals auf meinen Knieen sich geschaukelt.

Von meinen nächsten Stationen nenne ich Brüssel. Ich war in einem kleinen, von einem Deutschen geführten Gasthof eingekehrt. Meine Finanzen waren sehr auf die Neige gegangen und ich fragte den Wirt nach dem Preise der Fahrt nach Paris. Die Eisenbahn nach der französischen Hauptstadt war eben eröffnet worden. Er sagte mir, daß die Messagerie bei herabgesetzten Preisen noch bis zum Jahresschluß ihre Fahrten fortsetzen werde; wenn ich einen Platz auf der Imperiale, neben dem Kondukteur nähme, so käme ich noch billiger nach Paris als mit einem Billet dritter Klasse der Eisenbahn. Ich überzählte meine Reichtümer. Wenn ich bescheiden haushielt, so langte es. Wäre ich in Brüssel geblieben, so hätte ich sicher in der Stadt der Nachdrucker Beschäftigung gefunden und mir die Kosten einer Reise nach Paris leicht erarbeiten können. Doch das Verlangen, die berühmteste Stadt des modernen Europa zu erreichen, hatte sich bei mir bis zur Leidenschaft gesteigert. Ich wollte nicht bleiben. Leider war jedoch die Rechnung des biedern Landsmannes etwas größer ausgefallen, als ich erwartet hatte, und als ich mit verlegenem Gesicht mich doch anschickte, die Reise anzutreten, da trat der Sohn des edlen Vaters an mich heran und fragte mich, ob er mir nicht meinen kleinen Koffer tragen dürfe. Es war ein Junge von etwa dreizehn Jahren, ich nahm sein Anerbieten, das ich als den Ausfluß eines gutmütigen Herzens ansah, dankbar an. Der dienstfertige Junge forderte aber, als wir am Ziel angelangt waren, mit so großem Geschrei einen Franken Trägerlohn, daß ich, um keinen Skandal zu erregen, ihm die für mich in diesem Augenblick sehr kostbare Summe einhändigte. Es blieb mir noch ein Frank für die Reise von Brüssel bis Paris in der Tasche. Gegessen hatte ich zum Glück. An der Grenze gab es einen kleinen Halt. Ich hatte nichts Verzollbares. Ich opferte hier die Hälfte meines noch vorhandenen Geldes, also einen halben Franken für ein Glas warme Milch und ein Stück Brot. Das stärkte mich für die Weiterreise. „Was braucht man Vieles, um glücklich zu sein?“ Es war mitten im Winter und grimmig kalt. Der Kondukteur an meiner Seite hüllte sich in einen großen Schafpelz, ich existierte nicht für ihn. Er hätte mir wohl eine der Pferdedecken anbieten dürfen, die in seiner Nähe unter der Plane lagen; er dachte nicht daran, und ich bat ihn nicht darum, weil ich ihm schließlich ein Trinkgeld hätte geben müssen. So kam ich halb erfroren und mit 50 Centimes in der Tasche in dem ersehnten Paris an. Von Mäntel war mir ein Haus angegeben worden, in dem man mich gut aufnehmen werde: Rue du Temple No. 47.

Ich nahm meinen kleinen Koffer und fragte mich bis zur Rue du Temple No. 47 durch. In einer Viertelstunde war ich am Ziel. Der Portier erklärte mir, ich sei wohl nicht am rechten Ort, es sei hier kein Gasthaus. Ich war bei diesen Worten gewiß sehr erschrocken, denn der Portier, nachdem ich ihm den Namen dessen genannt, zu dem ich zu gehen gedachte, sagte mir tröstend, es sei vielleicht Rue vieille du Temple, wo dieser wohne. Auch dort, wohin ich mich hoffnungsreich begab, wohnte der Mann nicht, den ich suchte. Man nannte mir Rue neuve du Temple, und als ich herzklopfend, weil der Gesuchte wiederum sich nicht dort befand, nach einer andern Straße fragte, die etwa auf das Wort Temple ausging, schickte man mich ins Faubourg du Temple und schließlich, da auch dort das richtige Haus nicht war, nach dem Boulevard du Temple. Da war ich endlich, nach zweistündigem, ängstlichem Suchen, erschöpft vor Müdigkeit und Hunger, im rettenden Hafen angelangt. Vertraute deutsche Laute drangen mir entgegen, man gab mir zu essen und zu trinken und wies mir ein kleines Zimmer an. An seinem Geburtstag, deshalb weiß ich noch das Datum, dem 28. Dezember 1846 landete der nun Zweiundzwanzigjährige in Paris, reich an Hoffnungen und — einen halben Franken in der Tasche. Der angebliche Gesinnungsgenosse, an den ich von Berlin aus gewiesen war, ein gewisser Heidecker, der dies gleiche kleine Hôtel garni bewohnte, war nicht zu Hause. Als ich mich ein wenig erholt hatte, führte man mich noch in derselben Nacht zu ihm in ein Wirtshaus nahe dem Père la Chaise, wo ich in einen deutschen Gesangverein trat und als ersten Lohn für meine Reiseausdauer meinen unerfahrenen Geist mit der wichtigen Entdeckung bereicherte, daß man in Paris auch den Wein aus Wassergläsern trinke.

Man sang, trank und politisierte, die sozialistische Note beherrschte die Unterhaltung. Auf dem Heimwege und in den nächsten Tagen wurde es mir immer klarer, daß schon in diesem engeren Kreise meiner Landsleute, worüber niemand sich allzusehr verwundern wird, eine große Einigkeit nicht herrschte. Störenfried war wie immer die Eitelkeit, der Ehrgeiz. Es fehlt niemals an Individuen, die es nicht erwarten können, bis sie kraft ihrer besonderen Fähigkeiten an die Spitze einer Vereinigung gelangen; gelingt ihnen das nicht so rasch, wie sie es wünschen, so säen sie Zwiespalt, sammeln ihre Anhänger zu einem Sonderbund, und aus einem Vereine werden zwei. Das geschieht häufig unter den deutschen Arbeitern im Auslande. Heidecker, wie es sich bald herausstellte, war seit kurzem einer sozialistischen Gruppe beigetreten, die sich unter Karl Grün gebildet hatte, und Karl Grün, der Übersetzer Proudhons, machte lebhafte Propaganda für dessen Evangelium, an dessen Spitze zwar die Worte standen: „La propriété c’est le vol,“ das jedoch der neu aufkommenden Marxischen Schule und den Programmen aller anderen kommunistischen Vereine den Krieg erklärte. Konnte Proudhon sich auf seine umfassenden nationalökonomischen Studien stützen, so stand seinem Übersetzer nur die Schablone Hegel’scher Dialektik zu Gebote. Karl Grün war, was ich bei unserer ersten Zusammenkunft sogleich bemerkte, eher ein Ästhetiker von der Sorte, welche Goethe mit den Worten gekennzeichnet: „Legt ihr nichts aus, so legt ihr doch was unter“. Er hat ein ungenießbares Buch über Schiller geschrieben. Er war ein „Belletrist“, um mich eines zu jener Zeit gebräuchlichen Ausdrucks zu bedienen, im übrigen ein liebenswürdiger Mann — in keinem Falle ein Nationalökonom. So machte er denn keinen rechten Eindruck auf einen jungen Menschen, der wie ich, nach Aufklärung über die Probleme des Tages strebte, der die Wassersuppe der damaligen phrasenhaften Ästhetik entschieden verschmähte. Heidecker hatte mich zu ihm geführt. Es kam nun zwischen uns beiden bald zu einem Bruch. Ich verließ das Hôtel garni auf dem Boulevard du Temple, nahm Wohnung in einem andern Stadtteil, so daß ich nicht allzuweit von dem Atelier war, in dem ich durch einen glücklichen Zufall bald Beschäftigung gefunden hatte. Von der Berührung mit Friedrich Engels hatten mich die Grünianer fern halten wollen. Ich machte ihn in wenigen Tagen ausfindig, schloß mich ihm mit jugendlichem Eifer an, und wir wurden eng befreundet. Darüber im nächsten Kapitel. Hier noch ein Wort über meine typographische Thätigkeit in Paris. Meine Aufgabe war, in einem für den Druck der neu gegründeten Nordbahn und Paris-Lyon-Mittelmeerbahn die einzelnen Teile der Aktien zusammenzusetzen und dann während des Druckes, von einer der zehn Handpressen zur andern gehend, die Nummern zu ändern. Das Atelier war in einem Nebengebäude eines dem Hause Rothschild gehörenden Palastes in der Rue Lafitte eingerichtet worden, Druckherr war — der homöopathische Arzt der Frau Baronin Rothschild, dem man auf diese Weise einen hübschen Nebenverdienst zukommen ließ. Er hatte mit der Straßburger Buchdrucker-Firma Silbermann einen Vertrag abgeschlossen, die das Nötige besorgte. Er erschien von Zeit zu Zeit auf einige Minuten im Atelier, pour faire acte de présence, grüßte und entfernte sich lächelnd. Die Arbeit ging bei dem damaligen Stande der Buchdrucker-Technik langsam genug von statten, und um so langsamer, als es hie und da dem Verwaltungsrat der beiden Bahnen, d. h. Herrn von Rothschild gefiel, ganze Partieen der fertig gewordenen Aktien, weil deren Farbe nicht zusagte, einstampfen zu lassen und sie durch neue Exemplare in anderer Farbe zu ersetzen. Daß der junge Sozialist zu der Verschwendung des assoziierten Großkapitals, deren Zeuge er war, seine stillen Glossen machte, daß er schon damals an das manchesterliche Dogma nicht glauben wollte, die Privatgesellschaften arbeiteten billiger als der Staat, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Die Verschwendung mit dem Gelde der Aktionäre, welche von den französischen Finanz-Mächten beim Bau der ihnen vom Staat überlassenen Eisenbahnen geübt wurde, machte sehr bald einer kleinlichen Sparsamkeit Platz, da die Inhaber der Aktien deren Kurs durch Erteilung möglichst hoher Dividenden zu heben suchten. Man muß bekanntlich in Frankreich Billets erster Klasse nehmen, will man dort nur die Bequemlichkeit der Reise genießen, die in Deutschland und der Schweiz in den Wagen zweiter Klasse geboten wird.

V.
Friedrich Engels. Der Kommunistenbund. Heinrich Heine.

Friedrich Engels war in Paris vom Januar bis zum Herbst des Jahres 1847 mein einziger Umgang. Wir brachten die Abende fast ausschließlich zusammen zu und am Sonntag machten wir häufig gemeinsame Ausflüge in die Umgegend der französischen Hauptstadt. Er war um fünf Jahre älter als ich und nahm mich gewissermaßen in die Lehre. Ich hatte schon in Berlin sein Buch über die Lage der arbeitenden Klassen in England gelesen. Das bot Unterhaltungsstoff dar, er entwickelte vor mir die Grundzüge der Nationalökonomie, ich hörte ihn gern sprechen, ich war ein leicht fassender Schüler. Er führte mich in den Kommunistenbund ein. Engels und Marx glaubten an den Kommunismus. Bis zu den letzten Konsequenzen ihrer Kritik der bestehenden Gesellschaftsordnung vorgehend, sahen sie bei der zu erwartenden Aufhebung des Einzelbesitzes, der ihnen die Quelle aller Ungerechtigkeit auf Erden war, den Gesamtbesitz als die unausweichliche Folgerung ihrer Geschichtsauffassung und ihres daraus entstandenen sozialen Systems an. Ob die anderen Mitglieder des Kommunistenbundes an die Möglichkeit des Kommunismus glaubten? Die Frage klingt sonderbar genug, ich kann sie doch nicht bejahen, obgleich ich selber noch vor Ablauf eines Jahres den Kommunismus, wie wir später sehen werden, in einer von mir verfaßten Broschüre gegen einen seiner Angreifer verteidigte.

Was einen jungen Menschen meiner Natur für die Marx-Engels’sche Lehre zunächst einnahm, das war der wissenschaftliche Grund und Boden von dem sie ausgeht. Sie erkennt das historisch Gewordene als das Notwendige an, kennzeichnet in einleuchtender Weise die verschiedenen Produktionsformen, welche einander in der Kulturentwicklung der Menschheit ablösen und nach gewissen Zeitabschnitten immer weiteren Kreisen die Bahn zur Freiheit und materiellen Unabhängigkeit öffnen; sie weist darauf hin, wie in unserer Zeit die herrschende Produktionsform, die der freien Konkurrenz, schließlich zum Krieg aller gegen alle geworden und zweifellos einer neuen Produktionsform Platz machen müsse, welche die ungehinderte Ausbeutung des Privateigentums, die zum Massenelend führe, durch Begründung des ausschließlichen Kollektiveigentums und der kommunistischen Gesellschaft ablösen müsse, die gewissermaßen den Abschluß aller wirtschaftlichen Kämpfe ausmachen und die Aufhebung der Klassengegensätze herbeiführen werde. Ob wir nun im Jahre 1847 die Lehre von der unvermeidlichen Verelendung der Massen und besonders die kommunistische Schlußfolgerung, die uns gewissermaßen als eine Krönung der gesamten Kulturarbeit von Jahrtausenden erscheinen mußte, gläubig hinnahmen? Was mich betrifft, so arbeitete ich mich in das kommunistische Glaubensbekenntnis, nicht mit dem Verstande, aber mit ganzer Seele hinein, ich ließ keinen Widerspruch aufkommen, weil er mich in das Nichts zurückgeworfen hätte, mein ganzer Witz wurde der Bekämpfung der aufsteigenden Zweifel dienstbar gemacht. Es ging mir wie allen denen, welche im Glauben allein sich glücklich fühlen und denen dabei der Spott gegen die Nichtgläubigen nicht ausgeht. Von einer wirklichen Überzeugung aber, daß der Kommunismus allein den Abschluß der gewaltigen wirtschaftlichen Bewegung unserer Zeit, ja, aller Zeiten bilden müsse, war schon deshalb nicht die Rede, weil man sich gar nicht bestrebte, sie zu gewinnen. Man glaubte.

Nun stand ich doch mit zweiundzwanzig Jahren auf einer Bildungsstufe, welche eher zur Skepsis geneigt macht. Wie sah es aber bei der Mehrzahl der Mitglieder des Kommunistenbundes aus? Wie Leute aus dem Volke die Predigt des Herrn Pfarrers, der ihnen persönlich Vertrauen einflößt und ja ein braver Mann ist, so nahmen auch die jungen Kommunisten die Lehre von der Aufhebung des Privateigentums und seine Ersetzung durch das Kollektiveigentum ohne viel Kopfzerbrechen hin. Für sie handelte es sich, und das beschäftigte sie vor allem andern, um eine Besserung ihres materiellen Daseins, die ja auf Grund der Entwicklungsgeschichte der Menschheit doch einmal kommen mußte. Daran glaubten sie und das mit Recht. Zu welchem letzten Ziel die ihnen vorgetragene Theorie führte, ob dies auch erreichbar sei, das machte ihnen keine Sorge. Anders sollte es werden und besser. Das leuchtete ihnen ein. Und dann übt ja, um es nicht zu vergessen, das Geheime, das Verbotene einen ganz besondern Reiz auf den Menschen aus, namentlich, wenn er allein steht und für sein Thun nicht das Wohl von Weib und Kind abzuwägen hat. Man vergesse auch nicht, welchen Einfluß die Atmosphäre in Paris auf uns ausüben mußte. Man atmete den Hauch der großen Revolution und des Juliaufstandes, deren Denksäule auf dem Platz errichtet worden war, auf dem die Bastille gestanden. Die Pariser Arbeiter bildeten damals schon, was in Deutschland nirgends der Fall war, einen ausgesprochenen Gegensatz zur herrschenden Bourgeoisie, den die Unvernunft Guizots, sie von allen politischen Rechten hartnäckig auszuschließen, aufs höchste trieb. Die Blindheit dieses gelehrten, jedoch allem Verständnis für seine Zeit unzugänglichen Ministers brachte denn auch die revolutionäre Gesinnung der Pariser Bevölkerung rasch zur Reife. Man fühlte, daß die Dinge einer Entscheidung entgegentrieben, und in weniger als einem Jahr war in der That der Thron Louis Philipps zusammengestürzt, und fast der ganze europäische Kontinent stand in Flammen. Das Vorgefühl der kommenden Ereignisse zog uns, wie leicht erklärlich von den Spekulationen über das letzte Ziel der Bewegung der arbeitenden Klassen um so mehr ab, als die Marx’sche Lehre entgegen derjenigen der Utopisten den politischen Sieg der Arbeiterpartei, ihre vor allen Dingen zu gewinnende politische Herrschaft als die Vorbedingung der wirtschaftlichen Umwälzung bezeichnete.

Der Kommunistenbund hatte keinen andern als einen propagandistischen Zweck. Er löste sich also während der politischen Umwälzung des Jahres 1848 auf. Wozu ein Geheimbund, sobald das Vereinsrecht und die Preßfreiheit als Grundrechte der Nation anerkannt wurden, und das allgemeine Stimmrecht, wenn auch im einzelnen mit gewissen Beschränkungen, zur Anwendung gelangte? Eines drängte sich mir schon mit greifbarer Deutlichkeit im Anfang meiner Beteiligung an politischen Dingen auf: das war die Erkenntnis, daß mit der Gleichberechtigung aller die Gleichheit noch lange nicht erreicht ist, daß sie überhaupt unerreichbar ist, weil die Menschen in ihrer Begabung, ihrem Temperament, ewig ungleich sind. Wie die Natur nicht zwei absolut gleiche Ähren in einem Kornfeld hervorbringt, so weisen auch die politisch-gleichberechtigten Mitglieder einer Gesellschaft nicht zwei gleiche Menschen auf.

Engels, der mir mein selbständiges Auftreten in Berlin im Jahre 1848 nie vergeben hat, machte mir den Vorwurf, ich hätte es im Revolutionsjahre „mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu eilig gehabt.“ Ich werde später auf diese ganz ungerechtfertigte Beschuldigung zurückkommen. Im Jahre 1847, als wir in Paris als die besten Freunde lebten, hatte er wohl bemerkt, daß er selber auf die eigentlichen Arbeiterkreise keinen Einfluß auszuüben vermochte. Er war denn doch der reiche Bourgeoissohn, der allmonatlich seinen Wechsel von seinem Vater, dem großen Fabrikherrn in Barmen erhielt; die Sorge des Lebens trat nie an ihn heran, er hatte nichts von einem Arbeiter an sich und war vollkommen in seinem Recht, wenn er eine Maske nicht anlegte, die ihm schlecht gestanden hätte. Als es sich in einer Sitzung des Geheimbundes darum handelte, einen Abgeordneten zum Centralkomitee in London zu ernennen, machte man mich zum Vorsitzenden. Ich merkte, daß es sehr schwer fallen würde, Engels, der seine Ernennung wünschte, durchzubringen; es regte sich eine starke Opposition gegen ihn. Ich erlangte nur seine Wahl, indem ich der Regel zuwider, nicht diejenigen, welche für den Vorgeschlagenen, sondern diejenigen, welche gegen ihn waren, zum Erheben der Hand aufforderte. Dieses Präsidial-Kunststück erscheint mir heute als ein Greuel. „Das hast Du gut gemacht,“ sagte Engels, als wir heimgingen. Ich aber hatte an jenem Abend zum erstenmale die Erfahrung gemacht, daß die Ungleichheit der Menschen nicht bloß in der Ausübung der Gewalt der Starken über die Schwachen, in den staatlichen Einrichtungen zu suchen ist, sondern auch in den Menschen selber liegt, daß die Ungleichheit zwar mit der steigenden Kultur immer mehr von ihrer Schärfe verlieren muß, nie aber ganz verschwinden wird. Ein ähnlicher Abstimmungsmodus wie der, von welchem ich eben erzählte, wird heute zwar von keinem Arbeiterverein zugelassen werden. Die Macht der Begabteren oder auch der Rührigeren über die minder Begabten und minder Rührigen bleibt deshalb doch eine ungeheure — nicht bloß bei den Arbeitern, sondern bei allen politischen Verbindungen. Wir in der Schweiz wissen etwas davon zu erzählen, wie z. B. die Namen der für diese und jene Wahl aufzustellenden Kandidaten im stillen Hinterzimmer eines Cafés von wenigen Parteiführern gewogen, erlesen, auf die Liste gebracht und schließlich in öffentlicher Versammlung durch Mehrheitsbeschluß durchgesetzt werden. Ein anderer Modus ist nicht zu finden, woraus nur zu folgern ist, was ich oben gesagt, daß die Gleichberechtigung noch lange nicht die Gleichheit in der Praxis ist. Man kann seine Glossen darüber machen, wenn die Männer im Hinterstübchen, welche die Partei-Vorsehung spielen, sich einmal auffallend geirrt haben; ändern kann man es nicht, daß sie die Macht an sich reißen und ausüben und daß die andern sie gewähren lassen.

Erfahrungen solcher Art führten natürlich nicht sogleich zu einer folgerichtigen Anwendung, doch blieben sie in meinem Gedächtnis haften und waren in späterer Zeit nicht ohne Einfluß auf meine Stellung zu jeder Parteipolitik. Der Knecht einer solchen bin ich niemals gewesen. Dazu war ich viel zu sehr Idealist und Individualist.

Ein ausgesprochener Individualist trotz seiner kommunistischen Lehre war auch Engels. Wir konnten deshalb doch sehr leicht mit einander verkehren, weil wir beide ganz unabhängig von einander waren, ich mit meinem bescheidenen, doch für meine Bedürfnisse ausreichenden, er mit seinem bei weitem größeren Einkommen. Für die schönen Künste, besonders für Musik, hatte er keinen Sinn, er glich in dieser Beziehung meinem spätern Freunde Rüstow, der die Trommel als das einzige musikalische Instrument bezeichnete, das er verstehen und das ihn erfreuen könne. Es kam Engels niemals der Gedanke, mir die Kunstschätze von Paris zu zeigen; ich besuchte ohne ihn die Galerieen des Louvre; er sah sich im Theater des Palais Royal die tollsten Possen an, ich bewunderte im Théâtre français die Rachel als Phèdre. Das hielt er wahrscheinlich für abgeschmackt. Er beschäftigte sich damals ausschließlich mit historischen Studien, deren Ergebnisse er in seinen späteren Schriften glücklich verwertete. Seinen näheren Umgang bildete noch in jenem Jahre ein im Quartier Breda wohnender Maler aus der rheinischen Heimat, Namens Ritter, der in Paris für einen dortigen Bilderhändler echte Niederländer malte, dabei aber natürlich kein Krösus wurde, jedoch mit der lustigen Picarde, die sich zeitweise an ihn gefesselt, ein vergnügtes Dasein führte.

Der zeitgenössischen Litteratur zu folgen, bot mir ein Cabinet de lecture im Palais Royal die Mittel, das neben französischen und englischen auch die wichtigsten deutschen Zeitungen hielt und über eine ziemlich große Bibliothek verfügte. Dort saß ich eines Tages, tief versunken in die Weisheit eines Journalisten, als plötzlich in dem stillen Saal eine ungewöhnliche Bewegung sich kund gab. Ein Mann in vorgeschrittenen Jahren war eingetreten, bei dessen Erscheinen ein halbes Dutzend Leute dienstfertig ihm entgegen eilten. Man reichte ihm den Arm, man führte ihn zu einem bequemen Sessel, in den er sich niederließ, man gab ihm die Augsburger Allgemeine Zeitung. Ich betrachtete ihn staunend und teilnehmend. Das eine Auge war geschlossen, das andere schien unbeweglich, es folgte nicht den Worten des Zeitungsblattes, sondern dieses wurde vor dem Auge hin- und hergeschoben. Über dem blassen Angesicht lag der Zauber still getragenen Leidens und geistiger Verklärung. Ist das, was ihn unter so viel Schwierigkeiten zum Lesen jenes Blattes geführt, wohl die Anstrengung wert, die er dabei sich auferlegt? mußte ich unwillkürlich mich fragen. Er legte jetzt das Blatt beiseite und erhob sich. Wieder trat eine allgemeine Bewegung im Saale ein. Einer der Herren reichte ihm den Arm und begleitete ihn hinaus, andere folgten bis an den Ausgang des Saales, er nickte dankend, sie verbeugten sich, er verschwand. Wer mochte der Mann sein? Diese Frage beschäftigte, beunruhigte mich lange. Ich entschloß mich endlich, den Saaldiener nach dem Namen jenes kranken Besuchers zu fragen. C’était Monsieur Henri Heine, raunte er mir ins Ohr. Ich war todeserschrocken. Heine fuhr damals noch aus, er war noch nicht an die „Matratzengruft“ gefesselt, von der aus er uns mit seinen erschütternden Lazarusliedern beschenken sollte.

VI.
Reise in die Schweiz. Der Sonderbundskrieg. Karl Heinzen.

Im Oktober desselben Jahres erhielt ich vom Centralkomitee in London den Auftrag, die „Gemeinden“ in Lyon und der Schweiz zu besuchen und sie durch einige Vorträge in die neue Phase der sozialen Entwicklung einzuführen und auf die kommenden Ereignisse vorzubereiten. Am Himmel kündigten dunkle Wolken den Sturm des heraufziehenden Sonderbundskrieges an. Die Eisenbahn reichte bis Orleans. In einem Hofe des Börsenviertels zu Paris drückte ich Engels zum Abschied die Hand, ich nahm einen der vier Plätze in der hinteren Abteilung der großen fünfspännigen Diligence ein; sie fuhr auf den Bahnhof, dort wurde unser, von seinen Rädern befreiter Wagen, den wir deshalb nicht zu verlassen hatten, auf die Plattform eines Eisenbahnwagens durch eine Winde gehoben, an den Zug angehängt, und fort ging es nach der berühmten Stadt an der Loire. Im Nu wurde dort unsere Diligence samt ihrem lebendigen Inhalt wieder auf ihre vier Räder gebracht und das bereit stehende Gespann eingehängt; im Galopp ging es über den Marktplatz, wo ich einen Blick auf das Standbild der Jungfrau werfen konnte, und nun rollten wir durch das gesegnete Burgund der volkreichen Stadt am Zusammenfluß der Saone und Rhone zu.

Ich war in Lyon angekündigt, ein freundlicher Empfang war mir dort wie überall gesichert, wo ich meine Mission zu erfüllen hatte. In wenigen Tagen konnte ich meine Reise nach Genf fortsetzen. Bis dahin hatte ich, wenn ich von dem Hügelland am Fuße des Riesengebirges absehe, in der Welt nur ebenes Flachland betreten. Auf der Fahrt von Lyon über St. Julien nach Genf eröffnete sich mir ein bis dahin ungekannter Reichtum landschaftlicher Schönheiten. Ich wollte nun nicht etwa ein maschinenhaft arbeitender Reiseprediger sein, ich suchte und fand Beschäftigung. Damit auf mich selbst gestellt, blieb ich mehrere Wochen in Genf. Die fremde Stadt mit ihrer damals noch wohl erhaltenen, auf große historische Erlebnisse hinweisenden, eigentümlichen Physiognomie, in der sich strenge Ehrbarkeit, herber Patriotismus mit französischer Frivolität paarten, der große, blaue See, eine meinem unerfahrenen Auge völlig neue Erscheinung, die Alpen, der Montblanc! — warum sollte ich hier nicht länger verweilen? An den schönen Herbstabenden machte ich, mit meinen neuen Freunden spazieren gehend, sie mit meiner neuen Weisheit bekannt, es war dies ein peripatetischer Unterricht wie ein anderer. An Sonntagen bestiegen wir den Salève, ich war glücklicher als je vorher und so zog ich erst nach vier Wochen frohen Mutes in die Neuchâteler Berge nach la Chaux-de-Fonds, in das große, damals schon nahe an 20 000 Seelen zählende Uhrenmacherdorf.

Der Kanton Neuchâtel war damals noch durch Personalunion mit dem preußischen Königshause verbunden und besaß infolgedessen noch manche Institution, die an diese Union erinnerte. In keinem Teile der Schweiz wurde das Verhalten der Fremden, namentlich der deutschen Arbeiter, die nach dem Beispiel der französischen sich in sozialistischen Vereinen zusammenfanden, mit einem polizeilich so wachsamen Auge verfolgt wie dort. Das führte zu heimlichen, nächtlichen Zusammenkünften in den Schlüften des Jura. Etwa zwanzig Minuten von der Stadt biegt links von der bis St. Imier sich fortsetzenden Landstraße ein schmaler Pfad zu einem, erst in seiner unmittelbaren Nähe wahrnehmbaren Spalt im Gebirge. Tritt man hier ein und verfolgt zwischen zwei hohen Felswänden die geheimnisvolle Enge, so gelangt man nach einer Weile in einen fast kreisrunden, von steilen Wänden eingefaßten großen Saal, wo der Zugangsstelle gegenüber wiederum ein enger Pfad sich öffnet, der in einen zweiten Felsenrundbau führt; und so wiederholt sich diese eigentümliche Erscheinung bis an die Wasser des Frankreich vom Schweizerland trennenden, in vielen überraschenden Windungen seinen rauhen Weg sich suchenden, überaus malerischen Doubs.

In dem ersten oder zweiten jener abseits von jeder bewohnten Ortschaft liegenden, wenig bekannten Thalkessel versammelten sich die jungen Leute, die mich freundlich aufgenommen hatten, gern in hellen Mondnächten. Dort suchte sie kein Diener der staatlichen Ordnung, dort erbauten sie sich an dem Worte ihrer Führer, dort klang ihr männlicher Gesang, von Spähern ungehört, in die himmlisch reine Luft. Als ich nach einigen Tagen von ihnen Abschied nahm, begleiteten sie mich bis auf die Höhe des Mont des Loges, der das Thal von la Chaux-de-Fonds von dem ackerbautreibenden Val de Ruz trennt, und nachdem ich einige hundert Schritte abwärts gezogen, begrüßte mich ihr deutsches Lied von einem Felsenvorsprung herab, auf dem sie sich aufgestellt, zum letztenmal. Ich winkte in froher Überraschung ihnen meinen Dank zu und eilte den Fußpfad abwärts, der mich ins Thal, an das Schloß Valangin und nach Neuchâtel brachte.

Mein Lebensgang wollte es, daß ich mehrere Jahre später nach la Chaux-de-Fonds in die Redaktion des „National Suisse“ eintrat, und dann, nach einer kurzen Lehrthätigkeit in Schaffhausen, nach Neuchâtel in ein Schulamt berufen wurde. Neuchâtel war damals ein unabhängiger Schweizer Kanton. Da geschah es eines Tages, daß ich mit Professor Desor, meinem Freunde und Kollegen an der Akademie, mich zum Mittagessen auf dem Landgute des Herrn Lardy, des Vaters des jetzigen schweizerischen Gesandten in Paris, befand. Herr Lardy, der in der alten preußisch-neuenburgischen Zeit Polizeioberster gewesen war und, obgleich politisch von der herrschenden radikalen Partei getrennt, doch einen herzlichen Umgang mit einzelnen, ihm sympathischen Mitgliedern dieser Partei pflegte, erzählte beim Nachtisch in erheiternder Weise von seiner Amtsthätigkeit gegenüber den rebellischen deutschen Arbeitern, die in den letzten Jahren vor 1848 im Jura sich eingenistet hatten und die er, getreu dem ihm von höchster Stelle erteilten Befehl eifrigst verfolgte. Ich war sein Gast und hörte ihm selbstverständlich zu, ohne den Vorhang zu lüften. Erst auf der Heimfahrt, mit Desor allein in dessen lustig dahin trottendem Einspänner, erzählte ich diesem von den geheimnisvollen Beziehungen, die vor etwa fünfzehn Jahren, von uns beiden unbewußt, zwischen mir und dem braven Herrn Lardy existiert hatten und in denen nichts von der Jugendromantik in den jurassischen Bergen steckte, von denen ich eben gesprochen. Jetzt hat sie längst der Tod abgerufen, Herrn Lardy und Freund Desor, und die Jugendromantik weht auch nur noch an seltenen Tagen beschwichtigend um mein schneeweißes Haupt.

Meine nächste Station war Bern. Der Sonderbundskrieg konnte in den nächsten Tagen ausbrechen und ich wollte doch mindestens dem Auszug der Truppen beiwohnen und dem Gang der Dinge, die mich so sehr interessierten, nahe sein. Ich sah kurz nach meiner Ankunft in der Bundesstadt die bernische Artillerie ins Feld ziehen. Ich erfreute mich an dem Anblick der langen Reihen von Geschützen, an der fröhlichen Mannschaft und der meist kräftigen Bespannung. Hie und da sah man den Bauer, der die Pferde gestellt, in seiner unkriegerischen gelben Kutte auf deren Rücken. Der Mann fürchtete die feindliche Kugel weniger als den Verlust seines Gauls, von dem er sich nicht trennen mochte. Auf den wohlgesinnten Zuschauer, und ein solcher war ich, machte dieses militärische Bild einen erhebenden Eindruck. Der Krieg war, Dank der weisen Führung des Generals Dufour, nicht blutig, die aufrührerischen, jesuitenfreundlichen Kantone wurden durch die gegen sie aufgebotene Übermacht rasch zur Kapitulation gezwungen. Das einzige Gefecht bei Gislikon forderte nur wenige Opfer, nach drei Wochen war alles beendet und der Landmann, der seine Zugtiere dem Feinde entgegengeführt, brachte sie wohlbehalten wieder heim und konnte jetzt sorglos den herbstlichen Acker mit ihnen bestellen.

Die Schweiz war damals der Zufluchtsort vieler Verfolgter aus allen Ländern Europas, England ausgenommen. Zu den Charakterköpfen, die sie beherbergte, gehörte auch der deutsche, politische Schriftsteller Karl Heinzen. Der Mann hatte viel Bitteres erlebt. Von der Universität Bonn relegiert, hatte er sich nach Batavia anwerben lassen, von wo ihm indessen bald die Rückkehr ermöglicht wurde. Er fand eine Anstellung, erst im Steuerfach, dann bei der Aachener Feuerversicherungsgesellschaft und schrieb außerdem in die zu jener Zeit oppositionell redigierte „Leipziger Allgemeine Zeitung“, aber auch in die radikale „Rheinische Zeitung.“ Beide Blätter, obgleich sie wie alle deutschen Drucksachen unter Censur standen, wurden ihrer Haltung wegen unterdrückt, worauf Heinzen in einem Buch „die preußische Bureaukratie“, das schon bei seinem Erscheinen konfisziert wurde, seiner Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen Ausdruck gab. Mit einer Anklage bedroht, floh er in die Schweiz, von wo aus er eine Anzahl der grobkörnigsten Pamphlete nach Deutschland versandte. Heinzen schrieb über alles und jedes, was ihm mißfiel — und was mußte seiner Freiheitsliebe damals nicht mißfallen? — Er schrieb über alles, was ihm Gelegenheit zur Entfaltung eines rücksichtslosen Angriffs bot. Er fiel nicht bloß über die Monarchie her, wodurch er sich später in Amerika, wo er nach vielen harten Bedrängnissen sich schließlich niederließ und den „Pionier“ herausgab, den Übernamen „der Fürschtekiller“ zuzog; er wandte sich auch gegen die sozialistischen Arbeiterverbindungen und deren Führer, mit ganz besonderer Streitgier gegen die Kommunisten. Ich besitze keine Zeile mehr von dem, was dieser überhitzte Schriftsteller in die Welt gesandt; ich erinnere mich nur, daß eine von ihm ausgegangene Schrift gegen die Kommunisten mich sehr gegen ihn einnahm und zu einer ihm gewidmeten Antwort veranlaßte.

Ich hatte in der Buchdruckerei Reber Beschäftigung gefunden, ich setzte dort mit Zustimmung des „Herrn Prinzipals“ die von mir in den Abendstunden gegen Heinzen verfaßte Schrift. Herr Reber, obgleich ein ausgesprochener Konservativer, ließ sie auf seiner Presse gegen Entrichtung des gebräuchlichen Preises drucken, und ich versandte sie nach London zu weiterer Verbreitung. Ich habe kein Exemplar meines Opus für spätere Tage aufbewahrt. Nicht einmal der Titel dieser Verteidigungsschrift des Kommunismus ist mir im Gedächtnis geblieben. Einmal gedruckt, hatte sie für mich keinen Wert mehr. Heinzen hatte in seinem Angriff wahrscheinlich die bekannten Argumente gegen den Kommunismus angewendet. Er hatte in dem, was er sagte, eben so wahrscheinlich recht; doch da ihm alle von der Entwicklungsidee ausgehende Schulung fehlte, so bot er dem Angriff schwache Seiten genug dar, die ich dann ohne Zweifel mit Wonne gegen ihn ausbeutete, ohne deshalb in seinen hanebüchenen Stil zu verfallen, den ich eben so wenig bei ihm wie bei anderen jemals zu bewundern vermochte. So stelle ich mir jetzt, nach fünfzig Jahren, diesen litterarischen Waffengang vor, der mir in seinen Einzelheiten nicht mehr gegenwärtig ist. Heinzen, wie fast alle politischen Schriftsteller jener Zeit, hatte keine Ahnung von der Wendung im Volksleben, die mit dem Auftreten der arbeitenden Klassen als Partei in allernächster Zeit beginnen sollte. Ich, ohne alle Menschenkenntnis und ohne alle Erfahrung, schoß mit der Verteidigung des Kommunismus weit übers Ziel hinaus und war trotz der erworbenen historischen Weltanschauung, soweit es das supponierte Zukunftsbild betraf, noch tief in Wolkenkuckucksheim zu Hause.

Zur näheren Charakteristik Karl Heinzens sei es mir übrigens gestattet, folgende Anekdote aus den von mir herausgegebenen „Erinnerungen v. I. D. H. Temme“ (Leipzig, Ernst Keil 1883) hier mitzuteilen: „Einmal brachte hier in Zürich,“ erzählt Temme, „ein Freund mir eine Nummer der Zeitschrift, „der Pionier,“ die Heinzen in Boston herausgab. Lesen Sie, sagte mein Freund, zunächst die erste Seite, und schlagen Sie erst dann das Blatt um. Ich las die erste Seite. Sie war ganz angefüllt mit einem offnen Brief an mich. Die New-Yorker Staatszeitung brachte damals gerade einen Roman von mir. Das hatte den höchsten Zorn Heinzens erregt, da die New-Yorker Staatszeitung eine andere Politik verfolgte, als er. Der offene Brief war eine donnernde Philippika gegen mich und schloß mit folgendem Rat: Ich höre, daß Sie, um mit den Ihrigen leben zu können, auf Romanschreiben angewiesen sind. Aber ehe Sie Ihre Produkte einem Schandblatte, wie die New-Yorker Staatszeitung überlassen, sollten Sie sich eine Kugel durch den Kopf schießen. — Ich mußte herzlich lachen über den Zorn, der diesen liebenswürdigen Rat eingegeben hatte, und über die wunderliche Logik, die er enthielt. Und nun, sagte mein Freund, schlagen Sie das Blatt um! Ich schlug um, und auf der zweiten Seite druckte Heinzen eine meiner Novellen nach.“

Ich habe seit jener Verteidigung des Kommunismus gegenüber einem originellen Schriftsteller, der in einem Bilde jener Zeit nicht übergangen werden darf, nichts mehr über dieses Thema geschrieben. War mit diesem Glaubensmanifest auch mein Glaube erschöpft? Durch die Widerlegung der erhobenen Einwürfe war ich denn doch wohl mehr oder weniger zu der Einsicht gelangt, daß der Gedanke, es müsse die eingetretene Bewegung gegen die Herrschaft des Kapitals notwendig zur Aufhebung des Privateigentums und seiner Umwandlung in gemeinsames Eigentum führen, nicht so ganz selbstverständlich sein könne, wie ich angenommen und gepredigt hatte. Viele Fragen wurden nun in meinem Geiste angeregt, aber ich kam mit ihnen noch nicht zu einem Abschluß. Entwickelte die Menschheit sich in der That ausschließlich nach rein mechanischen Gesetzen, die ihr mit Naturnotwendigkeit den nicht zu vermeidenden Weg vorschrieben? Sind mit der materialistischen Weltanschauung allein alle welthistorischen Erscheinungen zu erklären? Ist ein so kompliziertes Wesen wie der Mensch, mit seinen teils auf Vererbung, teils auf Erziehung und dem Milieu beruhenden Tugenden und Lastern, mit seinem Individualismus und seinem Herdensinn, ein Wesen, in welchem sich die widersprechendsten Anlagen und Eigenschaften zu einem persönlichen Charakter einigen, der es von seinem Nachbar so auffallend unterscheidet — ist angesichts der sich unserer Beobachtung aufdrängenden Thatsache der unendlichen Teilung der Arbeit, welche die Natur den Menschen in deren gesellschaftlichem Zusammenschluß ohne Vernichtung ihres Einzelcharakters auferlegt hat, eine mathematische Formel angebracht, an der man nicht zu mäkeln hat? Weil der Starke dem Schwachen sein Gesetz auferlegte, ihn zum Zweck der Häufung seines Privateigentums ausbeutete und so die Klassengegensätze schuf, müßte deshalb das Privateigentum aufgehoben werden? Suchte die Menschheit nicht vielmehr einen Weg, der zur Verminderung, schließlich zur Aufhebung aller den Schwachen beeinträchtigenden Gegensätze führte, ohne die persönliche Freiheit der Idee der Gleichheit zu opfern?

Ist überhaupt die Gleichheit jemals erreichbar, ohne der Natur des Menschen Gewalt anzuthun? Und gelänge es wirklich, das Privateigentum völlig aufzuheben und die absolute Gleichheit einzuführen, würde die Natur des Menschen sich dann nicht nach erlittenem Zwange rächen und eine furchtbare Revolution herbeiführen?

Diese Fragen fingen an, mich gerade damals zu beschäftigen, wo ich in die Nähe von Karl Marx gelangen sollte, und durch des Meisters Ideen mich meiner Zweifel siegreich zu entledigen gedachte. Doch — Marx sprach damals mehr von der sich ankündigenden politischen Umwälzung, die er ganz richtig als die Vorbedingung der sozialen Umwälzung erkannt hatte, denn von dieser selbst.

VII.
Ein Winter in Brüssel. Karl Marx.

Ich kam wieder durch deutsche Lande. Ich ging von Bern ohne Aufenthalt über Basel nach Straßburg, von dort mit dem Dampfschiff, das zu jener Zeit in Straßburg seinen Ausgangspunkt hatte, nach Köln und dann weiter nach Brüssel, das gewissermaßen das geistige Centrum der kommunistischen Verbindung bildete. Dort lebte Karl Marx. Ich war gespannt darauf, ihn kennen zu lernen. Ich fand ihn in einer höchst bescheiden, man darf wohl sagen ärmlich ausgestatteten kleinen Wohnung in einer Vorstadt Brüssels. Er nahm mich freundlich auf, befragte mich über den Erfolg meiner propagandistischen Reise, machte mir ein Kompliment über meine Broschüre gegen Heinzen, in welches seine Frau einstimmte, die mich freundlich willkommen hieß, und wie sie ihr Lebenlang den innigsten Anteil an allem nahm, was ihren Mann interessierte und beschäftigte, so war sie auch nicht ohne besonderes Interesse für mich, der ich ja für einen hoffnungsvollen Jünger der Lehre ihres Mannes angesehen wurde.

Marx, so wurde mir später erzählt, hatte als Bonner Student seine Frau auf einem Ball kennen gelernt; Fräulein von Westphalen, dies war ihr Mädchenname, gehörte einer preußischen, finanziell etwas zurückgekommenen Junkerfamilie an. Marx liebte sie und sie teilte seine Leidenschaft. Sie heirateten sich, gewiß nicht ohne Überwindung mancher Schwierigkeiten seitens der Familie von Westphalen. Diese Liebe bestand alle Proben eines ununterbrochenen Lebenskampfes. Ich habe selten eine so glückliche Ehe gekannt, in welcher Freud’ und Leid, das letztere in reichlichstem Maße, geteilt, und aller Schmerz in dem Bewußtsein vollster, gegenseitiger Angehörigkeit überwunden wurde. Ich habe auch selten eine in ihrer äußern Erscheinung wie in ihrem Herzen und Geiste so harmonisch gestaltete Frau gekannt, die bei der ersten Begegnung so sehr für sich eingenommen hätte wie Frau Marx. Sie war blond, ihre Kinder, damals noch klein, waren dunkelhaarig und dunkeläugig wie ihr Vater. Des letzteren in Trier lebende Mutter gab einen Beitrag zu den Bedürfnissen des Haushaltes, die Feder des Schriftstellers mußte wahrscheinlich für die Haupteinnahme sorgen. Marx hatte wohl die Bekanntschaft einiger freisinniger Politiker in Brüssel gemacht, doch kam es zwischen ihm und seinen Freunden, meist Ausländern, nicht zu einem wirklich geselligen Verkehr, und weder er noch seine Frau schienen einen solchen zu vermissen. Frau Marx lebte in den Ideen ihres Mannes, sie ging dabei ganz und gar in der Sorge für die Ihrigen auf und war doch so himmelweit von der strumpfstrickenden, den Kochlöffel rührenden deutschen Hausfrau entfernt. Mehrere Jahre später fügte sie am Schluß eines Briefes, den sie mir aus London geschrieben hatte, die Trauernachricht hinzu, durch welche innere Entrüstung ein wenig hindurchklang, daß ihre so treue und unverdrossene Magd, die gewissermaßen als ein Mitglied der Familie betrachtet wurde, sie verlassen habe.

In Brüssel wurde alljährlich am 29. November der Jahrestag der polnischen Revolution des Jahres 1830 von den dort lebenden polnischen Emigranten festlich begangen. Die städtische Verwaltung hatte dazu regelmäßig einen Saal im Rathause hergegeben. Diesesmal — geschah es im Vorgefühl der großen politischen Ereignisse, welche, von Frankreich ausgehend, sich über einen beträchtlichen Teil Europas verbreiten sollte? — waren für den 29. November besondere Festlichkeiten vorhergesehen, und deshalb lud man auch Vertreter anderer Nationalitäten als nur der polnischen, zu dem öffentlichen Akt auf dem Rathause ein. Unter den französischen Flüchtlingen war es ein Blanquist aus Marseille, Namens Imbert, der mit einer Rede auftreten sollte; unter den Deutschen war Marx dazu berufen. Er wollte der Einladung sich entziehen, wahrscheinlich wohl, weil er in einer zu bunten Gesellschaft hätte auftreten müssen — Graf Merode, ein bekannter Führer der belgischen Ultramontanen, hatte den Vorsitz bei der Feier — dann stimmte auch seine ganze politische Anschauung nicht recht zu dem Geiste, der in der polnischen Kolonie herrschte. Engels, der seit kurzem von Paris nach Brüssel übergesiedelt war, hätte ihn wohl ersetzt, aber — er war aus Paris ausgewiesen worden, und als die Regierung deshalb von einem Mitgliede der äußersten Linken interpelliert worden war, antwortete der Minister, es seien keine politischen Gründe gewesen, die zu dieser Ausweisung geführt hätten. Die Sache war durch alle Zeitungen gegangen, und Engels weigerte sich, mit seinem Namen jetzt hervorzutreten. Was zu seiner Ausweisung geführt hatte, war in der That nicht politischer Natur. Er hatte, von dem oben genannten Maler Ritter davon unterrichtet, daß ein französischer Graf X. sich von seiner Maitresse getrennt, ohne in irgend einer Weise für sie zu sorgen, diesem Grafen gedroht, die ganze Sache an die Öffentlichkeit zu bringen, wenn er seine Menschenpflicht gegen die Verlassene nicht zu erfüllen gedenke. Der Graf wandte sich mit einer Beschwerde an den Minister, und der Minister wies den Fremden mit seinem Freunde Ritter aus.

Eine ganz ablehnende Antwort sollte aber dem polnischen Festkomitee nicht gegeben werden, und so forderte Marx mich auf, an seine Stelle zu treten. Ich war über diesen Vorschlag nicht wenig bestürzt; ich stellte ihm vor, daß ich dazu wohl zu jung sei. Das half nichts, und ich hielt die obligate Rede. Sie erregte nicht geringes Aufsehen. Keine Seele war auf die Idee gekommen, daß jemand bei einer solchen Gelegenheit, an dem der polnischen Revolution gewidmeten Gedenktage, im Brüsseler Rathaus eine Rede halten könnte, in welcher der nicht allzuweit entfernte Übergang von der politischen zur sozialen Revolution schließlich angedeutet wurde. Die äußerste Linke im Saal — auch hier gab es eine solche — klatschte stürmischen Beifall, die vornehme Gesellschaft auf den vorderen Stuhlreihen und auf den Präsidialsitzen war verschnupft, die Zeitungen suchten die Sache zu vertuschen, doch hatte ein Brüsseler Korrespondent in deutschen Zeitungen einen Alarmruf ausgestoßen, so daß selbst mein braver Freund Bisky mir erschrocken schrieb, ob ich denn die Absicht habe, mir den Rückweg ins Vaterland geradezu abzuschneiden? — Diese Befürchtung war nun freilich ganz grundlos. Nur noch wenige Monate, und die Welt hatte ein ganz anderes Aussehen.

In Brüssel existierte damals ein deutscher Verein, der sich zumeist aus Arbeitern und jungen Angestellten in Fabriken und Handelshäusern zusammensetzte. Er war von Mitgliedern des Kommunistenbundes ziemlich stark durchsetzt. Kommunismus und Kommunisten waren übrigens nur Worte, die niemand banden, über die man thatsächlich kaum sprach. Viel näher lag die in Frankreich immer entschiedener sich geltend machende Bewegung für die Reform des Wahlgesetzes. Mit Spannung verfolgte man die dortige Entwicklung der Dinge, man ahnte einen entscheidenden Schlag. Die Tagespolitik war also der Gegenstand unseres ausschließlichen Interesses. Nebenher sorgte jener Verein für etwas Unterhaltung. Karl Wallau, mit dem ich die von Herrn von Bornstedt herausgegebene Brüsseler Deutsche Zeitung setzte — er gehörte auch zum engern Bund —, besaß eine schöne Baritonstimme und sang an den Vereinsabenden gern gehörte, deutsche Lieder; andere musikalische Beiträge blieben nicht aus, es fehlte natürlich auch nicht an Deklamatoren, auch junge deutsche Damen wurden eingeführt, und man tanzte bisweilen. An der Schwelle des sturmerfüllten, geschichtlich so inhaltschweren Jahres 1848 versammelte man sich sogar zu einem gemeinsamen Abendessen. Ein von mir verfaßtes, ich brauche es nicht erst zu sagen, sozial-politisches Festspiel wurde aufgeführt. Unter den Anwesenden befand sich Marx mit seiner Frau und Engels mit seiner — Dame. Die beiden Paare waren durch einen großen Raum von einander getrennt. Als ich zu Marx herankam, um ihn und seine Frau zu begrüßen, gab er mir durch einen Blick und ein vielsagendes Lächeln zu verstehen, daß seine Frau eine Bekanntschaft mit jener — Dame auf das strengste ablehne. In Fragen der Ehre und Reinheit der Sitten war die edle Frau intransigent. Die Zumutung, auf diesem Gebiet ein Zugeständnis zu machen, wenn eine solche an sie gestellt worden wäre, hätte sie mit Entrüstung zurückgewiesen. Die Hochachtung, die ich für sie gehegt, wurde durch dieses Intermezzo sehr gesteigert. Es war jedenfalls überkühn von Engels, durch die Einführung seiner Maitresse in diesen meist von Arbeitern besuchten Kreis an einen, den reichen Fabrikantensöhnen so oft gemachten Vorwurf zu erinnern, daß sie die Töchter des Volkes in den Dienst ihrer Freuden zu ziehen wissen. Noblesse oblige. Engels hat für das arbeitende Volk so Bedeutendes geleistet als Schriftsteller und als Führer, sein Name steht so fest auf den Gedenktafeln seiner Partei, daß die Achtung vor denen, deren Sachwalter er bis dahin und dann sein Leben lang mit großem Ernst und vielem Erfolg gewesen ist, ihm hier eine durch alle Umstände gebotene Zurückhaltung hätte auferlegen sollen. In Fragen des Ewig-Weiblichen oder Unweiblichen war er jedoch sehr sterblich.

VIII.
1848. Die Februarrevolution in Paris. Aufstandsversuche in Brüssel. Frau Marx. Reise nach Paris.

Durch den oben erwähnten französischen Flüchtling Imbert, der in Brüssel im Besitz einer Fayencefabrik war, dazu einer tüchtigen Frau, einer lebhaften Marseillerin sich erfreute, die seine republikanischen Grundsätze teilte, sie jedoch mit ungebrochener katholischer Glaubenstreue vereinigte, hatten wir Fühlung mit der Bewegungspartei in Frankreich. Mitte Februar war er heimlich nach Paris gereist und als er zurückkehrte, versicherte er uns, daß es diesmal zu einem ernsten Aufstand kommen werde und wir uns auf große Ereignisse gefaßt zu machen hätten. Er hatte seine Kenntnis von den sich vorbereitenden Dingen an der Quelle geschöpft, von wo aus die Bewegung in Fluß gebracht wurde.

So jämmerlich ist nie eine Monarchie gefallen, wie diejenige Louis-Philippes. Der verblendete König brauchte nicht einmal das von der äußersten Linken geforderte allgemeine Stimmrecht zu bewilligen; er brauchte nur zu rechter Zeit zu der von der gemäßigten Linken beantragten Erweiterung des bisherigen Stimmrechts seine Zustimmung zu geben und die Dinge hätten bis an sein Lebensende ausgehalten. Sein Nachfolger that dann den weiteren Schritt und die Dynastie der Orleans existierte vielleicht heute noch auf dem französischen Thron. Wie ganz anders die europäischen Verhältnisse sich in diesem Fall gestaltet hätten! Nicht bloß die Weisheit, auch die Thorheit der Fürsten steht im Dienste der geschichtlichen Entwicklung.

Am Abend des 24. Februar 1848 standen in Brüssel ein halbes Dutzend deutscher Jünglinge auf dem Perron des Bahnhofes, der nach Paris führenden Linie. Sie waren fast allein. Kein Zug war seit den Morgenstunden aus der französischen Hauptstadt angelangt, keine Nachricht über die Unruhen, die dort ausgebrochen waren. Die redlichen Einwohner der belgischen Hauptstadt waren doch wohl etwas schwerblütige Leute, die erst warm werden mußten, ehe sie sich in Bewegung setzten. Die Neugierde nach dem, was vielleicht in Paris vorgefallen, plagte sie augenscheinlich nicht. Wir paar Deutsche waren, wie gesagt, fast allein auf dem Perron, wir, die Ausländer; doch nein, noch zwei Personen, ein Herr und eine Dame, standen dort stumm und mit sorgenvollem Blick in einer Ecke. Auch sie warteten auf einen Zug, der, wenn auch nicht von Paris, so doch von der französischen Grenze bald eintreffen mußte. Sie warteten augenscheinlich auf Nachrichten aus Frankreich. Manchmal fiel von ihnen ein düsterer Blick auf uns, wenn wir in fröhlicher Unterhaltung die Vermutungen und Hoffnungen aussprachen, die wir auf die Neuigkeiten setzten, die nun nicht lange mehr ausbleiben konnten. Sie errieten unsere Gedanken. Sie thaten plötzlich einige Schritte vorwärts, denn ein langer Pfiff hatte die Annäherung des erwarteten Zuges angekündigt. Noch einen Augenblick, und er war im Bahnhof. Bevor er noch vollständig gehalten, sprang der Zugführer ab und rief mit gellender Stimme: „Le drapeau rouge flotte sur la tour de Valenciennes, la république est proclamée.“

Vive la république! ertönte es wie aus einem Munde aus unserer Mitte. Der Herr und die Dame aber, welche auch auf Neuigkeiten gewartet hatten, erblaßten und zogen sich eilig zurück. Es war, wie ein Bahnhofsbeamter uns sagte, der französische Gesandte, General Rumigny, mit seiner Gemahlin.

Mit der sinkenden Nacht wurde das große Ereignis in der ganzen Stadt bekannt. Die Cafés, die Bierhäuser in allen Gassen, namentlich auf dem altertümlichen großen Rathausplatz, füllten sich, überall erklang die Brabançonne und die Marseillaise; die friedsamen, verrosteten Stammgäste — Brüssel besaß zu allen Zeiten ein zahlreiches Philistertum — konnten ihre Plätze nicht behaupten, eine neue, begeisterte Bevölkerung war plötzlich wie aus der Erde gewachsen, und halb verschüchtert, halb erstaunt oder aus ihrem zopfigen Traumdasein aufgerüttelt, sahen die Alten offnen Mundes dem Treiben der Jugend zu. Ich erinnere mich eines bildschönen, Lütticher Advokaten, Namens Tedesco, der in einem der großen Cafés, dem Versammlungsort der wohlhabenden Gesellschaft, auf einen Tisch stieg und die ihm nach vom Platz hereingestürmte Menge mit einer glühenden Rede in flammende Begeisterung versetzte. Fort zog er von einem der großen Cafés in das andere, und die Menge umdrängte überall den unwiderstehlichen Feuergeist. Immer neue Massen zog er an, die er mit seinem Wort elektrisierte, und das Vive la république, mit welchem er jedesmal seine Rede schloß, erschallte als ein donnerndes Echo in der Volksbrandung, die auf den großen Plätzen immer gewaltigere Wogen schlug. Man hätte glauben mögen, daß in dieser Nacht das junge Königtum in Belgien vom Sturm vernichtet werden müßte.

Doch es sollte anders kommen, als man hatte erwarten dürfen. Auf dem neu errichteten belgischen Thron saß ein kluger Staatsmann, der sein Schifflein kaltblütig und weise durch die tosenden Wellen steuerte. Er rief seine liberalen Minister, die einflußreichsten Mitglieder der liberalen Kammer, er rief den Bürgermeister und den Gemeinderat von Brüssel zu sich und sagte zu den Herren: „Das Land hat mich zu seinem König erwählt und ich habe als König stets den Willen des Landes geehrt, keine ernste Klage hat sich bisher gegen meine Regierung erhoben. Wozu Blut vergießen? Wenn das Land den Wunsch ausspricht, daß ich die mir anvertraute Krone niederlege, so werde ich dies ohne Sträuben thun. Um meinetwillen sollen nicht Bürger gegen Bürger mit Waffen sich bekriegen. Man sage mir ein Wort und ich gehe.“

Die anwesenden Volksabgeordneten und Vertreter der Hauptstadt waren von diesen Worten tief bewegt, und wie man am Abend vorher auf Straßen und Plätzen die Republik hatte hochleben lassen, so riefen sie jetzt: „Vive le roi!“ In Belgien standen die Dinge denn doch anders als in Frankreich. Louis Philippe, der Sohn des Königsmörders Philippe-Egalité, war ein Hemmschuh der freiheitlichen Entwicklung des Landes geworden. König Leopold von Belgien hingegen war das Muster eines konstitutionellen Herrschers. Der koburgische Prinz verstand es, das Volk, an dessen Spitze er gestellt war, mit wunderbarem Geschick zu behandeln, er war sehr populär und er hatte seine Popularität nicht durch Anwendung schnell verbrauchter Künste, sondern durch verständiges Eingehen auf den besonderen Charakter seines Volkes und durch Einsicht in die Forderungen seiner Zeit erworben. Er konnte nichts Vernünftigeres thun, als seinen Willen kundgeben, freiwillig zurückzutreten, wenn er damit dem Wunsche seines Landes entgegenkomme.

Als am nächsten Tage die Worte des Königs bekannt wurden, hatte er seine Sache, auch der Gesamtbevölkerung gegenüber, schon halb gewonnen. Wohl war in der Nacht von den republikanischen Gesellschaften alles auf einen in Szene zu setzenden Aufstand vorbereitet worden, doch fehlte der revolutionäre Hauch in der Hauptstadt. Ein paar leidenschaftliche Reden genügten denn doch nicht, einen König heute zu vertreiben, gegen den gestern noch kein Vorwurf sich erhoben hatte. Wohl füllten am Abend sich die Straßen und Plätze, die von den revolutionären Klubs getroffenen Anordnungen machten den Eingeweihten sich bemerklich, aber es kam nicht zum Barrikadenbau. Ehe damit noch begonnen wurde, rückte militärische Macht heran. Auf dem Rathausplatz erschien ein Regiment Infanterie in breitester Front; vor der Truppe der Oberst mit einem Tambour. Der Infanterie zur Seite stürmte eine Schwadron Dragoner heran. Die Aufruhrakte wurde verlesen. Nach dem dritten Trommelschlag sollte von den Waffen Gebrauch gemacht werden, wenn der Platz nicht geräumt würde. Auf die erste und zweite Warnung erscholl aus der dichten Menge ein schrilles Pfeifen, ein furchtbares, höhnisches Geschrei. Sie wich nicht vom Platze.

Der dritte Trommelschlag ertönte.

Es fiel kein Schuß. Mit gefälltem Bajonett drängte die Infanterie unaufhaltsam vorwärts, die Reiter sprengten an einer Seite des Platzes, dicht beim Trottoir heran, und die Menge ergriff die Flucht. Ich stand mit Engels auf dem Trottoir, vor dem Eingang in eines der vielen Cafés; zu meiner Rechten war Wilhelm Wolf, einer der beliebtesten unter den in Brüssel lebenden Deutschen. Da drängt plötzlich ein Reiter auf ihn ein, langt sich vom Roß herab, das auf das Trottoir gelangt ist, den kleinen Wolf, indem er ihn fest am Kragen packt und schleppt ihn mit sich fort. Im Nu war es geschehen, im Nu war er verschwunden. Wilhelm Wolf war damals etwa 40 Jahre alt. Er hatte in Breslau Philologie studiert, und die Verfolgungen, die er sich als Burschenschafter zugezogen, trieben ihn ins Ausland. In Brüssel ernährte er sich durch Privatunterricht in den alten Sprachen. Nach der Märzrevolution zog er mit Marx nach Köln. Er wurde sehr geschätzt als Mitarbeiter der „Neuen Rheinischen Zeitung,“ in welcher er namentlich durch seine Darstellung der bäuerlichen Verhältnisse in Schlesien sich auszeichnete.

Die belgische Regierung, nachdem sie so leicht den ersten Versuch eines Aufstandes niedergeschlagen hatte, beschloß, es zu einem zweiten Putsch nicht kommen zu lassen. Wenn sie gleich mit Verhaftungen unter den Landesangehörigen vorsichtig sein mußte, so hatte sie doch freie Hand gegenüber den Ausländern. Wir wurden durch Freunde von der Absicht der Regierung unterrichtet, die namhaftesten aus unserem Kreise zu verhaften und über die Grenze zu senden. Ein Brüsseler Bürger, der außerhalb der Stadt ein ziemlich einsames Haus bewohnte, bot uns für die nächste Nacht seine Gastfreundschaft an. Marx, Engels und ich begaben uns nach Sonnenuntergang zu dem wackern Mann. Wir wurden freundlich aufgenommen. Ein Abendessen erwartete uns, und für jeden von uns war ein Lager bereitet.

Die Regierung des Herrn Roger, der damals am Ruder war, wollte kein Aufsehen erregen, bei Tage hatten wir keine Verhaftung zu befürchten. Wie es sich übrigens nur zu bald zeigte, hatte sie es fürs erste nur auf Marx abgesehen, den sie nicht mit Unrecht als die Seele der deutschen Emigration ansah. In nächster Nacht — er hatte sich nicht mehr von den Seinen entfernen wollen — klopfte es ungestüm an seine Hausthür. Er ließ öffnen. Man kündigte ihm seine Verhaftung an. Die eingetretenen Polizisten forderten ihn auf, ihnen zu folgen. Marx fügte sich, ohne ein Wort zu verlieren, in das Unvermeidliche. Seine Frau jedoch geriet außer sich. Wohin man ihren Mann bringe, fragte sie in namenloser Angst und Aufregung. Man gab ihr keine Antwort und ließ sie allein. Der armen Frau bemächtigte sich nun ein entsetzlicher Gemütszustand. Sie konnte das, was über sie gekommen, nicht fassen. Verzweiflung im Herzen, händeringend ging sie in ihrem Zimmer auf und ab. Allein sein hier mit ihren Kindern, und ihr Mann im Gefängnis! Einem plötzlichen Impuls folgend, setzte sie hastig den Hut auf, warf ein Tuch über die Schultern, eilte die Treppe hinab. Jetzt war sie draußen auf der Straße.

Nach welcher Richtung sollte sie sich wenden? Da, etwa dreißig Schritt von ihrem Hause entfernt, erblickt sie einen Polizisten. Sie stürzt auf ihn zu. Es war einer von denen, die in ihre Wohnung gedrungen waren, die die Verhaftung vorgenommen. „Wo haben Sie meinen Mann hingeführt? Sagen Sie mir, wo er jetzt ist,“ schrie sie ihn an. — „Sie wollen es wissen?“ fragte der Polizist. — „Ich muß es wissen,“ antwortete sie; „zeigen Sie mir das Haus, führen Sie mich zu ihm.“ — „Folgen Sie mir,“ antwortete der Diener der öffentlichen Wohlfahrt und Gerechtigkeit. Sie folgte ihm.

Der Mann führte sie in ein altes, hohes Haus, durch einen schmalen, langen Gang. Es wurde ihr eng auf der Brust, der Atem ging ihr aus. Ihr ahnte Unheil. Jetzt schloß er eine Thür auf, stieß sie in einen kärglich beleuchteten Raum und schloß wieder hinter ihr zu. Ein tolles Gelächter empfing die taumelnd Eingetretene, eine Schar der unheimlichsten weiblichen Wesen umringte sie. Man betrachtete sie mit frecher Neugier. Eine Fremde! eine Unbekannte! ein neuer Gast! erschallte es um sie her. Und wieder brachen sie in ein tolles Gelächter aus. Jetzt wußte die unglückliche Frau, in welche Gesellschaft man sie gestoßen. Ein gräßlicher Schrei entrang sich ihrer Kehle, ein Schrei, durch den selbst die verlorenen weiblichen Wesen, in deren Mitte sie sich befand, tief erschüttert wurden. Plötzlich schwiegen sie. Hier war etwas Unerhörtes geschehen, das fühlte eine jede. Das war eine anständige Frau, die man zu ihnen, dem Gassenkehricht der Menschheit, gesperrt. Sie hielten erschrocken mit ihren schmutzigen Scherzen inne, sie schwiegen. Wie hat das kommen können? Nach und nach wagte die eine und die andere sich an die schluchzende, in Thränen vergehende Unbekannte mit einem beruhigenden Wort heran. „Rührt mich nicht an! Fort!“ erscholl es ihnen entgegen.

Das war eine grausige Nacht, die sich mit all ihren Schrecken und Schmerzen tief in die Seele eingrub. Als die Wintersonne endlich am Horizont erschien, öffnete sich jenes unnennbare Gefängnis. Die in so verbrecherischer Weise Beleidigte nahm alle ihre Kraft noch zusammen, um bei einem, im Hause anwesenden höheren Beamten wegen der ihr angethanen Schmach Klage zu erheben.

„Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum,“ sagte er. „Ich werde die Sache näher untersuchen.“ — „Das war ein sehr bedauerlicher Irrtum,“ sagte auch der Minister des Innern, als er in der Kammer wegen des Vorgefallenen interpelliert wurde. Und damit war für die offizielle belgische Welt die Sache abgethan.

In der Stadt wurde am andern Morgen die Verhaftung von Karl Marx schnell bekannt. Ich eilte in sein Haus, und dort erzählte mir Frau Marx unter unaufhaltsamen Thränen, wie das zugegangen, und alles Entsetzliche, was ihr selbst in der vergangenen Nacht widerfahren war.

Bald erschien auch unser vortrefflicher Freund, ein Brüsseler junger Gelehrter, Namens Gigot der in der Stadtbibliothek ein Amt als Paläograph bekleidete. Er erklärte sich bereit, sich nach den Absichten der Regierung bezüglich des Verhafteten zu erkundigen. Er war überzeugt, daß Marx in wenigen Tagen wieder entlassen sein, und daß man ihm die Wahl des Landes, in welches er nun überzusiedeln gedenke, freistellen werde. Dies bestätigte sich in der That. Wenn er, wie dies jetzt kaum zu bezweifeln sei, Paris wähle, so rate er Frau Marx, ihm dorthin mit den Kindern vorauszugehen, ich sollte mich ihr zur Begleitung anschließen, die Magd solle indessen mit seinem eigenen Beistand den Brüsseler Haushalt auflösen und dann nach Paris folgen. Frau Marx war mit diesem Rat einverstanden. Sie traf im Laufe des Tages, nachdem sie es noch erlangt hatte, von ihrem Mann im Gefängnis Abschied nehmen zu dürfen, alle Vorbereitungen zur Abreise. Ich hatte meine Angelegenheiten bald geordnet und meinen Koffer gepackt.

Gigot, von dem ich eben gesprochen, bewährte sich nun als ein zuverlässiger Freund, und kurz vorher hatte sich Marx, als uns von dem erwähnten Brüsseler Bürger in seinem Hause für die Nacht ein Asyl bereitet worden war, so bitter über Gigot ausgesprochen, daß es darüber zwischen ihm und Engels zu einer peinlichen Szene kam, deren Schilderung ich unterlasse. Es gab einen Menschen, den Marx geradezu haßte, und das war der Vater des Nihilismus und Anarchismus, der Russe Bakunin. Dieser hatte am 29. November auf der in Paris von den Polen veranstalteten Feier zur Erinnerung an ihre Erhebung des Jahres 1830 — auch dort waren diesesmal Nichtpolen zugezogen worden — eine Rede gehalten, welche den russischen Botschafter zu einer Beschwerde bei der französischen Regierung veranlaßte, die Bakunin in Folge dessen sofort eine Ausweisung zukommen ließ. Er kam nach Brüssel, er suchte eine Anknüpfung mit uns, Marx wich ihm aus, Gigot that dies nicht. Bakunin war ihm eine interessante Persönlichkeit und man sah ihn öfter in dessen Gesellschaft. Daß er, der sich um die grauen, sozialistischen Theorien überhaupt wenig kümmerte, und wesentlich von der rein humanitären Seite der Arbeiterbewegung sich angezogen fühlte, Marx Bakunins wegen nicht vernachlässigte, das bewies er in jenen Tagen, wo seine persönliche Intervention der schwer heimgesuchten Marx’schen Familie nützlich sein konnte.

Einen Abschiedsbesuch hatte ich in Brüssel zu machen, im Hause unseres französischen Freundes Imbert. Er war abwesend, er war am Tage vor dem Ausbruch der Revolution nach Paris gegangen und nicht mehr zurückgekehrt. „Mein Mann ist Gouverneur der Tuilerien,“ sagte mir Frau Imbert freudestrahlend. „Gouverneur der Tuilerien,“ wiederholte sie. „Sie müssen ihn besuchen. Bringen Sie ihm meine Grüße und die unserer Kinder. Sie treffen ihn im Pavillon des Prinzen Joinville. Da hat er seinen Wohnsitz aufgeschlagen.“

Wunderbarer Wechsel der Dinge! Louis-Philippe, seine Söhne und Enkel im Exil, und Monsieur Imbert, der Exilierte von gestern, Gouverneur der Tuilerien. Gewiß wollte ich ihn besuchen.

Ich geleitete Frau Marx und ihre drei Kinder nach Paris. Sie war nicht wie Frau Imbert, voller Glück und Freude. Ihre Gedanken waren bei ihrem Manne. Sie war angegriffen von den Erlebnissen der letzten Tage und eine drückende Traurigkeit lagerte auf ihren reinen Zügen. Wir gaben uns die Hand und trennten uns, als sie ihr provisorisches Heim erreicht hatte. Provisorisch war alles bis dahin für sie gewesen, ein festes Heim hatte sie mit ihren Kindern noch nicht gekannt. Doch am nächsten Tage schon war sie mit ihrem Manne wieder vereint.....

Und auf den Straßen von Paris sah man noch viele Barrikaden, als wir in die Stadt fuhren. Überall wogte ein neues, frisches Leben. Fortwährend große Aufzüge von Männern oder auch Frauen, die sich nach dem Rathause begaben, wo die provisorische Regierung ihren Sitz aufgeschlagen, um ihr die Huldigung des Volkes darzubringen. Wohin man auch gelangte, überall traf der schöne Klang desselben Liedes das Ohr; es war nicht die Marseillaise, die das Volk aufgegeben hatte, ehe sie noch hoffähig geworden beim weißen Zaren und den weißen Mönchen in Nordafrika; es war der Gesang der Girondins, der jetzt einzig und allein die Lüfte erschütterte. Auch die patriotischen Lieder haben ihren Auf- und Niedergang.

Mourir pour la patrie,

C’est le sort le plus beau,

Le plus digne d’envie.

IX.
Ein Besuch in den Tuilerien.

Am Tage nach meiner Ankunft machte ich dem Gouverneur der Tuilerien, meinem so unversehens vom Fayence-Fabrikanten in Brüssel zu einem hohen Staatsposten beförderten Freunde Imbert einen Besuch. Das lange Gitter vor dem Tuilerienhofe lag am Boden, im übrigen war das große Königsschloß unversehrt. An allen Eingängen stand die sakramentale Inschrift: Propriété nationale, die gleich einem Schutzengel wirkte. Das monumentale Gebäude, an welchem seit der Katharina von Medici so viele weltgeschichtlich hervorragende Fürsten gebaut hatten, machte trotz seiner Ausdehnung und mancherlei Einzelschönheiten keinen imposanten Eindruck. Heinrich IV. hatte den ersten Bau durch Hinzufügung des Pavillon de Flore vergrößern und durch eine Galerie längs des Seineufers mit dem Louvre verbinden lassen. Ludwig XIV. ließ daß Schloß teilweise erhöhen, setzte dem Pavillon de l’ Horloge ein plumpes Dach auf und fügte dem Ganzen einen neuen, geschmacklosen Pavillon hinzu, von welchem aus Napoleon I. eine zweite Galerie zu errichten begann, die dazu bestimmt war, noch eine Verbindung mit dem Louvre herzustellen, jedoch erst unter Napoleon III. vollendet wurde.

Die Tuilerien waren nach tapferer Verteidigung durch die Schweizer von den Pariser Sektionen am 10. August 1792 erstürmt worden, und Ludwig XVI. mußte sich mit seiner Familie in den Schutz der Nationalversammlung begeben. Im Palast der Bourbonen hielt alsdann der Konvent seine Sitzungen. Später bewohnte ihn Napoleon als erster Konsul und als Kaiser. Ihm folgte Ludwig XVIII., Karl X. und Louis-Philippe, der letztere gleich seinem Vorgänger zur Flucht aus dem Schlosse der Könige Frankreichs gezwungen. Nun aber thronte darin seine irdene Herrlichkeit, der Steingutfabrikant Imbert, und empfing ohne alle Zeremonie den geringsten der Sterblichen, der ihm herzliche Grüße von Frau und Kindern brachte.

Die Tuilerien sind nicht mehr. Nicht einmal die berühmte „eine letzte Säule“ zeugt von entschwundener Pracht. Die Kommunarden haben den ausgedehnten Palast, an den so zahlreiche, erhabene und gemeine historische Erinnerungen sich knüpften, angesichts des deutschen Siegers, der die befestigte Stadt in seine Gewalt gebracht, in Brand gesteckt, und jetzt ist die Stelle, auf welcher der Palast sich erhoben hatte, dem Erdboden gleich.

Ich fragte nach dem Herrn Gouverneur. Ein ehemaliger Fürstendiener, der in den Dienst der Republik übergegangen war, geleitete mich in die Appartements des Prinzen Joinville, in denen Freund Imbert seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte. Imbert empfing mich mit einem freudigen Ausruf. Seine neue Würde hatte ihn durchaus nicht stolz gemacht. Er umarmte mich voll Herzlichkeit, ließ sich von mir erzählen, wie ich zuletzt die Seinen angetroffen und wie es allen Freunden in Brüssel ergehe. Ich erzählte, was ich erlebt, und er erzählte seine Erlebnisse.

Ich mußte mit ihm frühstücken. Der Herr Gouverneur läutete. Ein Diener trat ein. „Monsier le gouverneur est servi,“ lauteten seine Worte. Wir traten in einen Saal nebenan. Für den Gast wurde auf einen Wink ein zweites Couvert aufgelegt. Wir aßen aus der Küche des Prinzen Joinville, wir tranken den Wein aus seinem Keller, und ich muß es ohne zu erröten gestehen, wir hatten in unserm verhärteten Gemüt nicht einmal die Empfindung einer damit begangenen Missethat. Die Herrlichkeit aber dauerte für unseren Freund Imbert nicht lange. Nach einigen Wochen war in den Pariser Zeitungen zu lesen, daß der Posten eines Gouverneurs der Tuilerien einem General übertragen worden sei. Ob die Republik sich in anderer Weise gegen Imbert dankbar erwiesen, das ist mir nicht bekannt geworden.

Die junge Republik war dankbar gegen ihre Begründer und Verteidiger. Davon sollte mir, als ich eben aus den Tuilerien getreten war und im Schloßhof mich umsah, ein unvergeßliches Beispiel vor Augen geführt werden. Aus den zu ebener Erde gelegenen Räumen des alten Palastes traten wohl an die zweihundert der sonderbarsten Gestalten, die einem auf Erden begegnen können. Barrikadenkämpfer, so sagte man, und sie stellten sich auf vorausgegangene Anordnung in zwei Gliedern auf.

Viktor Hugos ausgezeichneter Roman „Notre Dame de Paris“ ist dem modernen Geschlecht leider unbekannt. Sie wüßten sonst, was es heißen will, wenn ich sage, ich hätte lauter Gestalten aus der Cour des Miracles vor mir gesehen. Was eine ungeheure Stadt an menschlichem Bodensatz, an vollständig gescheiterten Existenzen besitzt, das kommt an Tagen eines Volksaufstandes, auch wenn er aus den sittlich gesundesten Kreisen der Bevölkerung hervorgegangen, an die Oberfläche, nicht um zu kämpfen und das Leben für den Sieg einer hohen Idee einzusetzen, sondern um auf den Augenblick zu warten, wo es ohne Gefahr etwas zu gewinnen giebt. Während des Kampfes wagt jenes „Lumpenproletariat“ — der Ausdruck rührt von Marx her — sich nicht hervor. Wenn die Kämpfenden ihre Pflicht erfüllt haben, Sieger und Besiegte sich todmüde hinlegen, dann ist die Stunde für die Niedrigsten der Niedern, für die unrettbar Verlorenen herangerückt, dann kommen die Schlachtenhyänen, wie man sie im ernsten Kriege genannt hat, und vollziehen ihr nächtliches Werk. Als die Tuilerien eingenommen waren, gab es natürlich ein arges Drunter und Drüber. Ein Teil derjenigen, welche den alten Königssitz gestürmt hatten, — die jungen Idealisten nämlich — blieb wohl die Nacht über auf dem eroberten Platz und schützte ihn. Am frühen Morgen schrieb man dann an alle Thüren das mahnende Wort „Propriété nationale.“ Aber es waren nach und nach doch wenig achtungswerte Elemente über den seines Gitters beraubten offnen Schloßhof durch die zertrümmerten Fenster in die unteren Räume des langgestreckten Gebäudes eingedrungen, und denjenigen, welche mit ihrer Beute nicht verschwanden, war es eine so wonnige Empfindung, einmal ihre Glieder auf zusammengetragenen Polstern im Königspalast auszustrecken. Viele von ihnen zogen freiwillig am andern Morgen wieder ab, abends aber waren die verführerischen Räume im Erdgeschoß wieder gefüllt. Es ging nicht gut an, die Leute erbarmungslos in die Nacht hinauszujagen. Endlich aber mußte Ordnung geschafft werden, und so wurde den Eindringlingen angekündigt, daß sie am nächsten Tage das Nationaleigentum der Tuilerien auf Nimmerwiederkehr zu verlassen hätten.

Und so befanden sie sich nun in zwei Gliedern aufgestellt im Schloßhof. Es waren fast alles Leute, die das kräftige Jugendalter überschritten und das, was man den redlichen Kampf ums Dasein zu nennen berechtigt ist, schon hinter sich hatten. Der Alkohol, den Zola in seinem Roman „l’ Assommoir“ mit allen seinen giftigen Wirkungen gewissermaßen als eine mystisch-diabolische Persönlichkeit uns dargestellt, hatte auf die meisten der blöden Gesichter seine Signatur eingegraben. In Fetzen gehüllt, standen die verlotterten Gesellen da, das Unzusammengehörendste an zerrissenen und schmutzigen Kleidungsstücken auf dem Leibe. Dazu waren sie noch mit einzelnen Waffenstücken aus allen Trödlerläden von Paris behängt. Ein ganzes Gewehr, mit dem man noch einen Schuß hätte abgeben können, hatte niemand aufzuweisen; der eine blickte stolz auf einen verbogenen Säbel, der andere wies ein Stück von einer Lanze auf, oder gar nur eine Säbelscheide, eine Patrontasche. Sehr imposant nahm sich einer der Tapfern mit einem Helm auf dem Kopfe als einziges Stück einer soldatischen Ausrüstung aus.

Vor diese Spottgestalten trat nun ein General, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist. Er hatte den Auftrag, sie zum freiwilligen Aufgeben ihrer Schlafstellen in den Tuilerien zu bewegen. „Bürger,“ redete er sie an, „Ihr habt um das Vaterland Euch wohl verdient gemacht, und das Vaterland, das so viel Schmerzen zu stillen, so viel Wunden zu heilen hat, es gedenkt auch Eurer, der glorreichen Verteidiger seiner in blutigen Kämpfen errungenen und stets wieder bedrohten Freiheit, das Vaterland vergißt Euch nicht, Euch, die ärmsten seiner Söhne, die seiner Fürsorge Würdigsten. Ihr müßt dies Haus verlassen, das noch vor wenigen Tagen der Sitz eines stolzen Königs war, den Ihr vertrieben habt, weil er den Volkswillen nicht zu beachten verstand; dies Haus gehört jetzt der Nation. Sie allein hat jetzt darüber zu verfügen. Geht zurück in jenen Saal, aus dessen Fenstern unsere ruhmvolle Tricolore Euch grüßt. Dort harren Eurer mehrere Eurer Mitkämpfer. Lege ihnen jeder von Euch freimütig seine Wünsche dar, sie sollen Euch gewährt werden. Nicht Geld, das Ihr verachtet und dessen Annahme Euch peinlich wäre, bietet die Republik Euch an; doch möchte sie nicht, daß ihre Verteidiger, die ihren Leib dem Feinde entgegengeworfen, und dabei das eingebüßt haben, womit der Tapfere seine Blöße bedeckt, zerfetzt einhergehen. Was jeder von Euch an ehrbaren Kleidungsstücken braucht, das erkläre er ohne Scheu vor jenen dazu bestellten Männern. Es soll ihm gereicht werden. Euch alle aber fordere ich auf, angesichts des klaren Himmels, der auf unsere junge Freiheit herniederstrahlt, in den Ruf einzustimmen: „Es lebe die Republik!““

„Vive la république!“ erscholl es aus aller Munde. Die Schlacht war ohne Blutvergießen, ohne jede Gewaltanwendung, durch eine einfache Rede gewonnen. Die ungebetenen Gäste, nachdem sie ihre Wünsche hatten aufschreiben lassen — nur wenige verlangten eine vollständige Kleidung, die meisten begnügten sich mit der Erneuerung des einen oder anderen Gegenstandes — verließen ihre ihnen lieb gewordene Schlafstätte, und es wurde ohne Verzug für die Wiederherstellung der Tuilerien in ihren früheren Stand gesorgt.

Als ich in die Stadt zurückkehrte, begegnete ich einem Zuge der Pariser Wäscherinnen, die im Begriff waren, wie die Dames de la Halle es schon gethan, der provisorischen Regierung zu gratulieren. Auf ihrem ganzen Wege erklang wieder das Mourir pour la patrie. Es war trotz dieses Hymnus auf den Schlachtentod ein heiterer Festzug, er wurde in den Straßen mit den lebhaftesten Zurufen begrüßt, alles kicherte, lachte, die Augen strahlten und flammten, und Witzpfeile flogen hin und her.

Von den fremden Nationalitäten hatten schon die Polen, die Amerikaner und die Italiener die provisorische Regierung in glänzendem Aufzug begrüßt. Die Deutschen, die zahlreichsten in Paris niedergelassenen Ausländer, brauchten längere Zeit, um sich zu einem gemeinsamen, politischen Akt zu organisieren. Endlich am 6. März, erklärten sie sich bereit, dem Beispiel der anderen Nationalitäten zu folgen.

X.
Die Deutschen in Paris. Georg Herwegh und der Freischaarenzug nach dem badischen Oberland.

Die Deutschen bilden bekanntlich die zahlreichste Fremdenkolonie in Paris. Im Faubourg St. Antoine allein sollen in jener Zeit 20,000 deutsche Arbeiter gewohnt haben. Der Gedanke, an die provisorische Regierung eine Abordnung der Deutschen in Paris mit einer Adresse an das französische Volk zu senden, ist von Herrn Adalbert von Bornstedt, dem in einem früheren Kapitel dieser Erinnerungen erwähnten Herausgeber der Deutschen Brüsseler Zeitung ausgegangen. Dieser ehemalige preußische Offizier kam zu Georg Herwegh, dem Dichter der Lieder eines Lebendigen, der damals seinen Wohnsitz in der französischen Hauptstadt aufgeschlagen hatte, und forderte ihn auf, einen Adreßentwurf auszuarbeiten und ihn einer im Saal Valentino einzuberufenden Versammlung der deutschen Landsleute zur Annahme vorzulegen. Herwegh willigte ein. Es sei mir gestattet, diese Adresse hier im Auszug wiederzugeben.[A] Sie ist bezeichnend für die Stimmung, die in jenen Tagen selbst ungewöhnlich intelligente, aber nicht zu politischen Dingen berufene Menschen beherrschte. Die Adresse beginnt mit einem großen Irrtum:

„Der Sieg der Demokratie für ganz Europa ist entschieden, Gruß und Dank vor allem dir, französisches Volk! In drei großen Tagen hast Du mit der alten Zeit gebrochen und das Banner der neuen aufgepflanzt für alle Völker der Erde. Du hast endlich den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht, die Licht und Wärme bis in die letzte Hütte verbreiten soll. Die Stimme des Volkes hat zu den Völkern gesprochen, und die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfeld treffen sie zusammen, zu kämpfen den letzten unerbittlichen Kampf für die unveräußerlichen Rechte jedes Menschen. Die Ideen der neuen französischen Republik sind die Ideen aller Nationen, und das französische Volk hat das unsterbliche Verdienst, ihnen durch seine glorreiche Revolution die Weihe der That erteilt zu haben, u. s. w.“

Als eine ungeheure Selbsttäuschung erscheinen uns heute diese Sätze. Gewiß war der 24. Februar 1848 ein großes historisches Datum, gewiß hat die Erhebung der Stadt Paris, die Vertreibung der Dynastie Orleans, die Ausrufung der zweiten französischen Republik andere Völker Europas zur Empörung gegen die ihnen auferlegte absolutistische Gewalt geführt; gewiß hat Frankreich zum zweitenmal den Anstoß gegeben zu einer großen Bewegung, welche in ihrem vielfach durch vorherzusehende Hindernisse gehemmten Verlauf endlich zu weitgehenden politischen Veränderungen geführt haben. Den Widerstand, dem die Volkserhebung des Jahres 1848 begegnen mußte, hat jedoch der Verfasser jener Adresse nicht vorhergesehen, er scheint ihn kaum geahnt zu haben. In Preußen und in Österreich und den anderen deutschen Staaten ist die Republik nicht ausgerufen worden, weil die republikanische Idee nicht im Volke lebte; die Polen versuchten es nicht einmal, sich gegen den russischen Despotismus zu erheben, der Zar hielt das Land durch seine Truppenmacht so gefesselt, daß es sich nicht zu rühren wagte, er konnte sogar im Jahre 1849 die bis dahin siegreiche Revolution in Ungarn niederschlagen, welche Österreich nicht zu bewältigen vermochte. Und in Frankreich wählte das Volk, „das den Funken der Freiheit zur Flamme angefacht,“ den Prinzen Louis Napoleon zum Präsidenten der Republik, der das junge, seiner Pflege anvertraute Kind in der Wiege erdrosselte.

Durch die Herwegh’sche Adresse ging ein kosmopolitischer Zug, der zu dem gesteigerten nationalen Bewußtsein, das in der Bewegung des Jahres 1848 bei allen Völkern Europas sich kundgab, in grellem Widerspruch stand. Der Kosmopolit ist stets der Düpierte. In der Adresse heißt es: „Die Völker sehen der Zukunft freudig entgegen. Vereint auf einem Schlachtfelde treffen sie zusammen.“ Das Gegenteil ist eingetroffen, nicht die Völker, sondern die in ihrer Herrschaft bedrohten Dynastien, die über die militärischen Kräfte der Völker verfügten, traten vereint auf einem Schlachtfelde gegen die Völker auf. Das war der erste Akt der mit dem Jahre 1848 begonnenen neuen Zeit. Langsam trat eine Wendung in freiheitlichem Sinne in dem großen Drama ein, das sich bis zum Frankfurter Frieden vor uns abspielte, nicht im Geiste der Völkerverbrüderung, die damals von Poeten aller Zungen um mindestens ein Jahrhundert zu früh besungen wurde, sondern in dem nationaler Ausschließlichkeit. Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn waren damals nichts anderes als geographische Begriffe. Die Völker, die sich verbrüdern sollten, mußten erst durch schwere Kämpfe ihr politisches Dasein sich erringen. Es hat ein Vierteljahrhundert und gewaltige Kriege gebraucht, ehe Deutschland und Italien selbständige Nationen wurden. Noch immer zittert der Boden, auf dem ihre Neugestaltung sich erhebt und ein zweites Vierteljahrhundert hat ihre ganze Fürsorge für das mit ihrem Blut Errungene gefordert. Noch immer sind es nationale Fragen, in Österreich-Ungarn, in Griechenland, auf der Balkanhalbinsel, im ganzen Orient, welche die Politik unserer Tage beherrschen. Noch immer sind wir weit entfernt von der Verwirklichung jener schon lange vor 1848 von Béranger und Alfred de Musset gesungenen Lieder zur Verherrlichung der Völkerverbrüderung. Ja, die Franzosen sind zur Stunde viel ausschließlicher national gesinnt als alle anderen Völker.

Sie waren im Jahre 1848 nichts weniger als kosmopolitisch gesinnt. Das konnte man schon aus der Antwort erkennen, welche Crémieux im Namen der provisorischen Regierung auf die ihr am 8. März von den Deutschen überreichte Adresse erteilte. Nach einer Angabe des Moniteur, der jene Adresse in ihrem Wortlaut veröffentlichte, waren es 6000 Deutsche gewesen, welche an dem Zuge zum Stadthause teilgenommen hatten. Ich war natürlich auch dabei. In seiner Antwort auf die Adresse sagte Crémieux: „Ein Vaterland der Philosophie und der hohen Studien, kennt euer Deutschland sehr wohl den Wert der Freiheit, und wir sind versichert, daß es sie aus eigener Kraft und ohne andere fremde Hilfe zu erobern wissen wird, als diejenige des lebendigen Beispiels, das wir dem Volke geben.“ Schon in diesen Worten lag die leicht verständliche Andeutung, daß die junge Republik alles vermeiden wollte, was sie in den Augen der Monarchen kompromittieren und eine Koalition gegen Frankreich herbeiführen konnte. An eine solche Koalition war fürs erste nun freilich nicht zu denken, denn die Monarchen hatten bald im eigenen Hause genug zu thun. Der Friedensgedanke aber herrschte vor. Im Schoße der provisorischen Regierung wurde er mit Entschiedenheit von Lamartine vertreten, und sogar viel weiter nach links stehende Mitglieder derselben, wie Louis Blanc und der Arbeiter Albert, achteten einzig und allein auf die Stürme, die im Innern der Republik aus sozialistischen Kreisen sich ankündigten, infolge der eingetretenen Arbeitslosigkeit von Woche zu Woche sich drohender näherten, so daß selbst die Eröffnung der Nationalwerkstätten den gegen die Bourgeois-Republik gerichteten blutigen Juni-Aufstand nicht verhindern konnte, der den Untergang der Republik überhaupt nach sich ziehen sollte.

Unter dem allgemeinen Stillstand der Geschäfte, der in Frankreich eingetreten war und namentlich die arbeitende Bevölkerung von Paris schwer heimsuchte, litten besonders die deutschen Arbeiter, die man eher als die einheimischen aus den Werkstätten entließ. Die Begeisterung, welche die nun einander folgenden Aufstände in Wien und Berlin sowie im Großherzogtum Baden hervorriefen, führte zu dem unglückseligen Gedanken, der von Herrn Adalbert von Bornstedt ausgehend, an Herwegh herantrat, eine deutsche demokratische Legion zu sammeln und sie zur Unterstützung Heckers nach Baden zu führen. Herwegh widerstand anfangs dieser Zumutung, doch ging er schließlich auf den Vorschlag ein, indem er die militärische Führung sachverständigen Personen, ehemaligen Offizieren überließ und die 850 Mann zählende Legion nur als politischer Berater begleitete. Vergebens, daß er sich später auf diese Thatsache berief. Die Unternehmer des Zuges brauchten einen bekannten und populären Namen und dazu mußte derjenige des mit dem Lorbeer geschmückten Dichters ihnen dienen. Dieser Zug an der Spitze der deutschen demokratischen Legion von Paris bis nach dem badischen Oberland, wo das Gefecht bei Dossenbach dem Abenteuer ein Ende machte, wurde geradezu verhängnisvoll für Herwegh, denn die durch Augenzeugen und die gerichtlichen Verhandlungen gründlich widerlegte Fabel, daß er in einem von seiner mutigen Frau über die Schweizergrenze geführten Einspänner unter dem Spritzleder sich versteckt gehalten, wurde geflissentlich von der Reaktion und gedankenlos von der indifferenten Menge verbreitet, sogar von gelehrten Historikern ohne Kritik, ohne Quellenangabe in ihren Schriften festgenagelt.

Verhängnisvoll sagte ich, wurde dieser Zug mit der Pariser deutschen Legion, die über dem Rhein das republikanische Banner entfalten sollte, für den hochbegabten Dichter. Die über seine Flucht nach der Schweiz verbreitete Fabel, die zu widerlegen er zu stolz war, versetzte sein Gemüt in tiefe Verbitterung und drängte ihn mehr und mehr von seiner Heimat, drängte den Dichter von seinem Urquell ab. Hieraus erklärt sich seine lange Unproduktivität. Mir war es manchmal — ich stand in Zürich in freundlichstem Verhältnis zu ihm und seiner Familie — als suchte er Vergessen in dem unausgesetzten Studium von Werken aus den verschiedensten wissenschaftlichen Gebieten. Das ewige Lesen und Lesen ließ ihn nicht zur Produktion gelangen, und er hatte doch in seiner Nähe das schönste Beispiel fortgesetzter Produktivität an Richard Wagner, den er nicht selten sah. Der langjährige, fast ausschließliche Verkehr mit Italienern, Franzosen und Russen konnte auch nicht befruchtend auf den versiegenden Quell poetischer Schöpfung wirken. Es vergingen Jahre, bis er durch die Übersetzung der Lustspiele Shakespeares für die vortreffliche Bodenstedt’sche Ausgabe des britischen Dichters aus seiner nur durch einzelne Zeitgedichte unterbrochenen Passivität heraustrat. Da aber setzte ein früher Tod seinem neu erstandenen Schaffen ein nur zu rasches Ende.

Noch einige Worte über Herwegh: Er hielt es für möglich, in Deutschland die Republik herzustellen. „Ihr habt ein paar gute Tage gehabt in Berlin,“ schreibt er einem seiner dortigen Freunde, „aber bei allem Heroismus echt deutsche Tage. Ihr habt zu kämpfen aufgehört in einem Augenblick, wo ein Ruf „au château!“ für euch und Deutschland alles entschieden hätte; man macht allerdings die Republik, ein Dutzend Menschen reicht dazu hin, und wenn sie nur eine Viertelstunde von diesen aufrecht erhalten wird, so wird sie von Millionen für lange Zeiten aufgenommen. Die Bourgeoisie fügt sich in alles.“

Für Frankreich mochte die Bemerkung richtig sein, daß man die Republik machen könne. Das ist in der That in der Februar-Revolution geschehen. Einige geheime Gesellschaften haben die ihnen durch den Doktrinarismus und die Verkehrtheiten eines Guizot geschaffene Gelegenheit benutzt, um Louis-Philippe mitsamt seinen Ministern aus Frankreich zu vertreiben. Wie lange aber hat die zweite Republik gedauert? Wenn die dritte sich seit dem September 1870 bis heute erhalten hat, so ist dies wesentlich dem Umstande zuzuschreiben, daß die alten Dynastien in Frankreich keinen einzigen zugkräftigen Prätendenten mehr stellen konnten. Der französischen Bourgeoisie und dem Landvolk ist aber auch die Staatsform sehr gleichgültig geworden, sie haben sich beide in die Republik jetzt eingelebt, die Bourgeoisie, weil sie in der Republik wie in der Monarchie ihre Interessenherrschaft zu wahren vermag, der Bauer, weil er seiner Natur nach sich stets in die gegebenen Verhältnisse schickt. Sollte die sozialistische Arbeiterpartei, was übrigens durchaus nicht wahrscheinlich ist, noch einmal einen Massenaufstand für ihren Idealstaat wagen, so würde sie wieder eine furchtbare Niederlage erleiden. Das morsche Königtum konnte in Frankreich durch eine Handvoll entschlossener Männer vernichtet werden, das wird aber nicht das Schicksal der Bourgeois-Republik sein. Sie wird nicht durch das Schwert beseitigt werden, es sei denn nach einem unglücklichen Kriege, sie geht durch die sozialen Reformen, zu denen sie sich nach und nach herbeilassen muß, einer Umwandlung entgegen, durch welche der heutige schroffe Gegensatz zwischen Bourgeoisie und Arbeiterbevölkerung sich fortschreitend abschwächt, so daß auf dem natürlichen Wege der Entwicklung eine neue Gesellschaft entsteht, die zwar, soweit Menschen blicken können, niemals dem Ideal des Sozialphilosophen, jedoch den jeweiligen Bedürfnissen der Zeit und den vorhandenen Mitteln zur Befriedigung dieser Bedürfnisse entsprechen wird. Welche Gestalt diese Gesellschaft erhält, das kann uns heute wenig kümmern, denn es wäre thöricht, entfernten Geschlechtern ihre Aufgabe heute abnehmen zu wollen. In Deutschland aber, um zu dem Ausgangspunkt dieser Betrachtung zurückzukehren, denkt heute, ein halbes Jahrhundert nach den Umwälzungen des Jahres 1848, keine revolutionäre Partei daran, die Republik durch einen Handstreich zu „machen“.

Ein anderer großer Irrtum Herweghs und der damaligen demokratischen Partei geht aus demselben, kurz nach dem verunglückten Feldzug der Pariser deutschen Legion an einen Berliner Freund geschriebenen Briefe hervor. Da heißt es: „Ihr bildet Euch doch nicht ein, mit dem König von Preußen einen Krieg gegen Rußland zu führen!“ Kein politisch denkender Mensch in Deutschland hat vernünftigerweise nach der Märzrevolution an einen Krieg mit Rußland gedacht. — „Ihr bildet Euch doch nicht ein, ohne Polen, auch das wenige, was Ihr errungen, zu erhalten? Ihr verratet Polen oder Ihr werdet Republikaner! Frankreich wird nicht ruhig zusehen, es wird Polen zu Hilfe eilen, aber es wird nicht bis dahin gelangen, es wird in Deutschland hängen bleiben, in dem alsdann feindlichen Deutschland, und die alte Geschichte geht wieder los, Frankreich ist verloren, Ihr seid verloren, Polen ist verloren, und die Geschichte wird endlich gerecht sein und Euch von den Kosaken fressen lassen.“

Ist es möglich, mehr falsche Prophezeiungen in einem Zug aneinander zu häufen, als in diesen wenigen Zeilen ausgesprochen sind? Frankreich hat während der abgelaufenen letzten fünfzig Jahre keinen Schritt gethan, um Polen zu befreien, und wir sehen am Ende dieses Jahrhunderts den Präsidenten der französischen Republik und den Selbstherrscher aller Reußen sich brüderlich umarmen, wir sehen die Pariser die glänzendsten Feste zu Ehren der Allianz der demokratischen Republik mit der absolutesten aller Monarchien veranstalten, weil sie sich mit der Hoffnung tragen, unter gewissen, eines Tages vielleicht eintretenden Verhältnissen dem neu erstandenen deutschen Reich die Provinzen Elsaß und Lothringen wieder abzunehmen, ja vielleicht die alte, von dem ersten Napoleon erworbene Rheingrenze bis zur Mündung des deutschen Stromes zu gewinnen.

Ich habe niemals mich aufs Prophezeien eingelassen, ich habe auch niemals in den Fesseln der Erinnerung an die erste französische Revolution gelegen, einer Erinnerung, die in jenen Tagen noch viele Köpfe beherrschte und sie zu dem Glauben verleitete, die Dinge müßten genau so wiederkehren, wie sie von 1789 bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts sich gestaltet haben. Das Kleben an den Ereignissen jener Zeit, die das Mittelalter bis auf wenige Überreste begraben, Europa eine neue Gestalt und einen neuen Inhalt gegeben haben, hat, wie ich nur zu häufig beobachtet habe, viele ihrer Meinung nach am weitesten vorgeschrittene, von allen Vorurteilen sich frei dünkende Leute dazu geführt, daß sie stets nach rückwärts blickten, statt nach vorwärts, daß sie von der angelernten Bewunderung für die Gewaltmenschen der Schreckenszeit sich nicht frei machen konnten, von denen die meisten mir stets als recht feige Gesellen erschienen sind, weil sie aus Angst, für gemäßigt zu gelten und deshalb abgeschlachtet zu werden, den Nachbar abschlachten ließen. Neue historische Ereignisse beschäftigen die Gemüter jetzt, man ist im Besitz der großen Errungenschaften der französischen Revolution, denkt aber nicht mehr daran, die Danton und Robespierre, die Schurken des tribunal révolutionnaire, die für ein lumpiges Taggeld jeden Angeschuldigten zum Tode verurteilten, denkt nicht daran, die Marat, Fouquier-Tinville und Henriot als Lehrmeister der Weltgeschichte zu betrachten.

Fußnote:

[A] Briefe von und an Georg Herwegh. Herausgegeben von Marcel Herwegh. Paris, Leipzig, München, Albert Langen.

XI.
Heimkehr nach Berlin. Die Berliner nach dem 18. März.

Am 13. März 1848 wurde in Wien das Metternich’sche Regiment zertrümmert. Wie ein Kartenhaus brach es zusammen, umgeblasen von dem lauten Freiheitsruf der aufgeregten Bevölkerung. Es bedurfte zu aller Welt Erstaunen keines langen blutigen Kampfes, um die Herrschaft eines Staatsmannes niederzuwerfen, der in Europa für allmächtig galt, weil er seinen verderblichen Einfluß auf sämtliche Monarchen ausübte, die auch nichts anderes wünschten, als seinem Rat, der nicht selten ein Befehl wurde, mit ganzer Seele nachzukommen. Metternich war ihnen die Vorsehung des Königtums von Gottes Gnaden. Und doch hatte sich in Wien, wo er als unbeschränkter Herr waltete — der Kaiser war ja geistig unmündig — als das Volk sich erhob, keine Hand ernstlich für ihn gerührt. Die Mitglieder des kaiserlichen Hauses haßten ihn, weil er sie zu seinen Handlangern degradiert hatte, seine Kollegen im Ministerium und die alten Generäle haßten ihn, weil er ihnen wie jedem andern gegenüber der alleinige Gebieter war, alle höheren und mittleren Staatsbeamten lachten sich ins Fäustchen, als sie ihren Herodes gedemütigt und die Flut der Empörung ihn verschlingen sahen. Das Wiener Volk stieg auf die Gasse und seinen wildesten Zornesausbrüchen trat ein so geringer Widerstand entgegen, daß es mit einem Hohngelächter den Götzen der europäischen Reaktion aus seinem Tempel vertreiben konnte. Niemand hatte geglaubt, daß Fürst Metternich, die Säule der reaktionären Gewalten Europas, so schwach fundiert war, daß er am Tage der großen Prüfung wie ein Strohhalm in sich zusammenknicken mußte.

Die Leichtigkeit des Triumphes sollte später den Siegern verhängnisvoll werden.

In Berlin wurde am 18. März das Schicksal der absoluten Monarchie für immer entschieden. Hier saß ein Mann auf dem Throne, der bei allem Witz, den er in seinem engsten Hofzirkel entfaltete, bei allem mannigfaltigen Wissen, das er in sich aufgenommen, in allen politischen Fragen einen beschränkten Gesichtskreis hatte und eine auffällige Unkenntnis des Geistes seiner Zeit, ihrer treibenden Ideen, sowie der Menschen und Zustände verriet, mit und in denen er lebte. Man hat mit gutem Grund ihn den „Romantiker auf dem Thron der Cäsaren“ genannt. Schade, daß ihn das Schicksal nicht zu einem Poeten gemacht, er wäre der Rival eines Clemens Brentano und Zacharias Werner oder eines Geschichtsschreibers wie Görres geworden. Er war eben so anormal angelegt wie sie und deshalb zum König, zum Haupte einer Nation in einer gärenden Zeit wie die seine durchaus nicht berufen. Er hat eine klägliche Rolle auf dem Throne der Hohenzollern gespielt.

Als ich einige Tage nach dem 18. März in Berlin eintraf, wurde ich von dem Bilde, das sich hier meiner Beobachtung darbot, aufs Höchste überrascht. In Paris hatte ich eine fröhlich erregte Bevölkerung gesehen, die noch bis tief in den März von der Siegesstimmung nichts eingebüßt hatte, die am Abend des 24. Februar sie zu den lautesten Kundgebungen hinriß. In Berlin war schon wenige Tage nach dem 18. März von dem Revolutionsrausch, der in Wirklichkeit ja ganz Deutschland ergriffen hatte, kaum noch etwas zu merken. Der Rausch hatte sich rasch verflüchtigt. Die Leute sahen ernst darein, als fürchteten sie die Zukunft. Die Selbstdemütigung des Königs, als er auf den Balkon trat, um der Aufforderung des unten auf dem Platze drohend versammelten Volkes nachzugeben und vor den von den Barrikaden aufgehobenen Leichen den Hut zu ziehen, sein Ritt durch die Straßen der Stadt hinter der, von dem berüchtigten Geheimpolizisten Stieber vor ihm hergetragenen schwarz-rot-goldenen Fahne, die bekannt gewordene Thatsache, daß er während des Kampfes zwischen Bürgern und Soldaten in Thränen zerflossen, daß er während des Volksaufstandes, ein ganz gebrochenes Gemüt, gewollt und nicht gewollt und sich vollständig unköniglich benommen, alles das ließ eine gehobene Stimmung nicht aufkommen. Die Bevölkerung schwankte zwischen Hohn und Mitleid, sie ahnte auch, daß die Demütigung, welche Friedrich Wilhelm IV. erfahren hatte, sich bald in Trotz verwandeln und einen um so hartnäckigeren Widerstand gegen die Volkswünsche hervorrufen werde. Hatte man doch schon nach den ersten Tagen die alten feudalen und hochkirchlichen Ratgeber in der Umgebung des nach Potsdam übergesiedelten Monarchen sich wieder einstellen sehen. Ein Ruf nach der Republik, wie er in einigen süddeutschen Landschaften vorübergehend erschallt war, hatte sich in Norddeutschland, speziell in Berlin nicht vernehmen lassen. Man möchte sagen, das preußische Volk fühlte sich im Innern selbst gedemütigt, daß ein Nachfolger Friedrichs des Großen so wenig Mark in den Knochen hatte.

An Paris erinnerte mich nur die mit Kreide an den Eingang zum Palais des Prinzen von Preußen, späteren Kaisers Wilhelm, geschriebenen Worte „National-Eigentum.“ Wache hielten davor zwei Männer der im Nu gebildeten Bürgerwehr, welche den Dienst des zurückgezogenen Militärs versah. Sie trug keine Uniform, doch war sie mit Infanterie-Gewehren bewaffnet. Die Bürgerwehr nahm ihren Dienst sehr ernst. Zu ihr hatten sich wesentlich die bürgerlichen, wohl liberal, doch keineswegs revolutionär gesinnten Elemente der Hauptstadt gemeldet. Der weiter nach links stehende Handwerkerverein, von dem ich in einem früheren Kapitel gesprochen, bildete ein besonderes Bataillon. Wenn die Nacht hereinbrach, marschierten Abteilungen der Bürgerwehr durch die Straßen in ganzer Breite derselben, um jede Ansammlung von Volksmassen zu verhindern. Verdächtige, sogenannte „Bassermann’sche Gestalten“ wurden von den Hütern der öffentlichen Ordnung manchmal nicht eben sanft beiseite gedrückt. Die Bürgerwehr sorgte für die Ruhe der Stadt, für Ordnung auf den Straßen und öffentlichen Plätzen.

Mit der gewissermaßen aus der Erde emporgeschossenen Bürgerwehr waren sogleich nach der vom König ausgesprochenen Verheißung einer Verfassung das durch dieselbe erst zu verbürgende, von der liberalen Bevölkerung in Aussicht genommene Recht der freien Presse und das freie Vereins- und Versammlungsrecht ohne weitere Formalitäten ins Leben getreten.

Um den Censor, den alten Geheimrat John, ein kleines Männchen mit einem wie aus Holz geschnitzten Köpfchen, das sich bemühte, einen recht wohlwollend durch die großen Brillengläser anzuschauen, denn er ahnte wohl schon lange, daß sein Reich bald zu Ende gehen sollte, und er wollte doch nicht, daß er in der Erinnerung der jungen Generation als ein Torquemada der Litteratur gelten sollte, um dieses innerlich längst geknickte Werkzeug der hohen Reaktion kümmerte sich keine Seele mehr. Bevor er noch auf Befehl der Märzregierung seine traurige Bude schloß, konnte man an allen Straßenecken der Hauptstadt große Plakate lesen, unter denen nicht selten auch mein Name sich fand, und durch welche ohne vorausgegangene hochobrigkeitliche Erlaubnis die Leser auf diesen oder jenen Mißstand aufmerksam gemacht, vor dieser oder jener sich vorbereitenden reaktionären Maßregel gewarnt, oder zu dieser oder jener Versammlung eingeladen wurden.

Die politischen Parteien gruppierten sich schnell in Vereine, auffallend genug für ein Land, in welchem das freie Vereinsrecht bis dahin nicht existiert hatte. Neben den alten zwei Zeitungen, der Vossischen und der Spenerschen, entstanden eine Reihe anderer Tagesblätter, von welchen einige nach kurzem Dasein verblichen, andere, wie die „Nationalzeitung“ und die „Kreuzzeitung“, sich bis heute erhalten haben. Die „Kreuzzeitung“ war sehr bald nach der Märzrevolution erschienen, so rasch hatte die Hofpartei, die Partei der Junker und der Hochkirchlichen, sich kampfbereit gesammelt und ihre Fahne aufgepflanzt. Aber auch eine Arbeiterpartei stand bald auf dem Plan und ihr Organ „das Volk“, erschien dreimal wöchentlich in Berlin. Ich allein schrieb das ganze Blatt, von der ersten bis zur letzten Zeile, ich hatte und ich suchte auch keine Mitarbeiter.

Die Elemente zu einer Arbeiterpartei waren zumeist in den Genossenschaften vorhanden, die in einem und demselben Gewerbe einer Kranken-, Invaliden- und Witwenkasse oder einer Unterstützungskasse für die reisenden „Kollegen“ angehörten. Nach der Märzrevolution aber fühlte der einzelne sich sofort als das Glied eines großen und wichtigen Lebenselementes im Staate, und die verwandten Gruppen suchten und fanden bald einen Zusammenschluß. Jung, voller Thatkraft und voll Glaubens an die Macht der werbenden Ideen, war ich überall anzutreffen, wo es galt, eine Bewegung, die nur auf den ersten Anstoß wartete, in Fluß zu bringen.

Wenn ich eben vom Glauben an die werbenden Ideen sprach, so muß ich von vornherein hier feststellen, daß ich nun, wo ich in den Strom des öffentlichen, politischen Lebens — ich sage nicht, mich stürzte, sondern geriet, von allen Spekulationen in die Ferne plötzlich mich befreit fühlte, die Dinge anschaute, wie sie sich dem Auge darboten, mit den gegebenen Verhältnissen rechnete und vor allen Dingen das nächste Ziel im Auge behielt, das sich nur erreichen ließ, wenn man an manches Vorurteil nicht rührte, dies sogar mit in den Kauf nahm, wollte man irgend etwas leisten. Dieses Ziel — und darin war ich ganz Marxianer und ein zuverlässiger Schüler des Meisters — ging darauf hin, die auf den Sieg des liberalen Bürgertums gerichteten Anstrengungen, d. h. dessen Bestrebungen, um seine in Deutschland erst zu schaffende Herrschaft im Staate nach Kräften zu unterstützen und dabei zunächst auf eine zu erlangende Organisation des arbeitenden Volkes als Vorbedingung der aus ihr sich zu gestaltenden Arbeiterpartei hinzuwirken. Dieses von der Natur der Dinge gegebene Programm drängte sich meiner Einsicht in die Verhältnisse ganz von selber auf. Weggewischt waren für mich mit einem Male alle kommunistischen Gedanken, sie standen mit dem, was die Gegenwart forderte, in gar keinem Zusammenhang. Man hätte mich ausgelacht oder bemitleidet, hätte ich mich als Kommunisten gegeben. Der war ich auch nicht mehr. Was kümmerten mich entfernte Jahrhunderte, wo jede Stunde mir dringende Aufgaben und Arbeit in Fülle darbot!

Unter den Arbeitern der Stadt Berlin bildeten die Maschinenbauer und die Buchdrucker gewissermaßen die tonangebenden, um nicht zu sagen aristokratische Elemente. Buchdrucker war ich ja selber von Hause aus, wenn ich gleich seit meinem zweiten Aufenthalt in Paris dem Winkelhaken entsagt und dafür berufsmäßig die Feder geführt hatte. Schon zu Anfang des Jahres 1848 hatte ich eine Korrespondenz für ein süddeutsches Blatt übernommen; in Berlin wurde der Journalismus meine regelmäßige Beschäftigung. Außer meinem eigenen, oben genannten Blatte, schrieb ich Korrespondenzen aus der Hauptstadt für die von Marx in Köln gegründete „Neue Rheinische Zeitung“. Den Berliner Buchdruckern galt ich bei alledem als einer der Ihrigen. Sie waren es, die zuerst von allen anderen Arbeitern, auf eine Besserung ihrer Lage bedacht, eine Lohnerhöhung forderten. Ich wohnte ihrer ersten Versammlung bei, sie wählten mich zum Vorsitzenden und zum Präsidenten des leitenden Ausschusses. Ihre Forderungen waren durchaus gerecht, und charakteristisch für jene Zeit ist es, daß es einer politischen Revolution bedurfte, ehe man überhaupt daran denken konnte, diese gerechten Forderungen zu erheben. Ohne sie wäre die Polizeigewalt sofort eingeschritten, die Aufstellung eines durch die Drohung eines Ausstandes unterstützten Tarifs wäre als staatsgefährlich nicht gestattet worden. Den Wortführern der Arbeiter hätte man einfach als Volksverführern den Prozeß gemacht, im mildesten Falle wären sie ausgewiesen worden.

Der durchschnittliche wöchentliche Verdienst eines Setzers oder Druckers betrug zu jener Zeit 3½ Thaler oder 13 Fr. 15 Cent. In Paris betrug er schon seit dem Jahre 1843 mehr als das doppelte: 28 bis 35 Fr. Dabei war die Arbeitszeit in Berlin auf 13 bis 14 Stunden, in Paris auf 10 Stunden täglich festgesetzt. Dies einzige Faktum genügt heute jedem, der diese Zeilen liest, um die auf eine kleine Erhöhung des Tarifs und eine geringe Verminderung der Arbeitszeit gerichteten Forderungen der damaligen Buchdrucker als gerechtfertigt anzuerkennen. Ähnlich wie um die Buchdrucker stand es damals um sämtliche Arbeiter. In Frankreich, von England gar nicht zu reden, standen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer als freie Kontrahenten gegenüber. In Deutschland, das in seiner gewerblichen Entwicklung noch weit zurück war und wo die Großindustrie kaum erst die zartesten Sprossen aufwies, herrschte vor fünfzig Jahren noch eine Art patriarchalischen Verhältnisses. Der Arbeitgeber betrachtete sich in der Regel dem Arbeitnehmer gegenüber als ein Wohlthäter, dem dieser sein Brot verdanke und der ein himmelschreiendes Unrecht begehe, wenn er sich so weit vergesse, mit Forderungen hervorzutreten, gewissermaßen die Annahmebedingungen für das ihm erwiesene Gute zu stellen. Wie in der Politik noch die letzten Strahlen des unter Friedrich dem Großen und Joseph II. blühenden Systems des wohlwollenden Despotismus die besseren unter den deutschen Fürsten verklärten, so herrschte dasselbe System des patronalen Despotismus in der Führung der Gewerbe. Der Arbeiter selber betrachtete sein Verhältnis zum Prinzipal gewissermaßen als ein Unterthanen-Verhältnis.

Der Sturm des Jahres 1848 hatte diese Art Glaubensartikel, denn als solcher hatte diese Anschauung in den Köpfen beider Parteien Wurzel gefaßt, mit einem Schlage vernichtet. Als die Buchdruckereibesitzer sich anfangs auf keine Unterhandlungen einlassen wollten, weil sie diese so zu sagen als eine Entwürdigung ihrer bisher innegehabten Stellung ansahen, und es infolge dessen zum Ausstande kam, hatte ich den klugen Einfall, als Präsident der Buchdrucker dem Herrn Handelsminister Pieper — bis dahin war er ein angesehener Breslauer Kaufmann — persönlich in seinem Palais in der Wilhelmstraße meine Aufwartung zu machen, ihm die bevorstehende Niederlegung der Arbeit in allen Berliner Buchdruckereien anzukündigen und ihn zu versichern, daß wir seinem guten Rat gern Gehör schenken würden. Herr Pieper, ein Manchestermann vom reinsten Wasser, der über die alten, an dem vermeintlich patriarchalischen Verhältnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern haftenden Vorstellungen längst hinaus war, empfing mich mit größter Liebenswürdigkeit, bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen, setzte sich in die andere Ecke desselben und gab, nachdem er mich angehört, sogleich Befehl, Herrn von Decker, den Geheimen Ober-Hofbuchdrucker — er hatte auch sein Palais dicht nebenan in der Wilhelmstraße — zu bitten, er möchte die Güte haben, einen Augenblick zu dem Herrn Minister für Handel und Gewerbe zu kommen. Herr von Decker — die Familie stammt aus Basel — erschien nach wenigen Minuten. Er verbeugte sich vor Sr. Exzellenz viel, viel tiefer und förmlicher, als ich in solchen Dingen noch wenig bewanderter Jüngling es gethan. Der Herr Minister nannte meinen Namen und die Ursache meines Besuches. Ich habe nie einen Menschen so erstarrt, so wie aus allen Wolken gefallen gesehen. Herr von Decker stammelte ein paar unverständliche Worte. Er hatte vielleicht von dem Minister einen großartigen Auftrag für die Geheime Ober-Hofbuchdruckerei erwartet, jedenfalls war er darauf nicht gefaßt, ein Frage- und Antwortspiel gemeinsam mit einem so jungen Mann, einem solchen Nichts wie ich, bestehen zu müssen. Es kochte in ihm und seine Augen nahmen einen finstern Ausdruck an. Die Unterredung hatte indessen kein ungünstiges Ergebnis. Herr von Decker, was seine Person betrifft, sagte nicht nein zu den Forderungen der Gehilfen. Innerlich wütend war er aber doch, als er sich höflichst empfahl. Ein solches Rencontre! War’s möglich! Waren dies die Folgen des 18. März? Der gute Mann — ich möchte ihm durchaus nicht Übles nachreden — war gewiß ein höchst achtungswerter und liebenswürdiger Charakter. Er hatte — und das beweist auf das Schlagendste, daß er kein echter Basler mehr war — mit einer berühmten Opernsängerin sich vermählt. Das hätte sein republikanischer Ahnherr niemals gethan.

Es kann nicht meine Absicht sein, eine Geschichte der Lohnkämpfe der Berliner Buchdrucker zu geben. Eine solche existiert übrigens schon, wenn ich nicht sehr irre. Einige Zeilen mögen genügen, um den von mir berührten Gegenstand zum Abschluß zu bringen.

Am 28. April wurde die Arbeit allgemein eingestellt, und dies dem Publikum durch Maueranschlag angekündigt. Schon am nächsten Tage erhielt ich infolge der Vermittlungsbemühungen des Stadtmagistrats die Zusicherung, daß die Angelegenheit endgiltig bis zum 1. Juni geregelt sein sollte. Die Buchdruckereibesitzer gaben das Versprechen, keinen Gehilfen wegen seiner Teilnahme an der Arbeitseinstellung zu entlassen, und so kehrten diese am 1. Mai zur Arbeit zurück. Kaum hatten sie jedoch ihre Offizinen wieder betreten, als ihnen in mehreren derselben ein Schein zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, durch welchen sie erklären sollten, daß sie ihren in der Übereilung gethanen Schritt bedauerten und gern zurücknehmen möchten, daß sie auch, indem sie zu ihrer Pflicht und an ihre Arbeit zurückkehrten, auf ihr Ehrenwort versprechen, sich eines ähnlichen Auftretens in Zukunft zu enthalten. Einige der einsichtsvolleren Buchdruckereibesitzer, wie die Herren Decker und Reimer, hatten es ihrer unwürdig erklärt, eine solche Zumutung an ihre Gehilfen zu stellen. Bei ihnen und in den Zeitungsdruckereien wurde weitergearbeitet. Bei denen, welche ihre Gehilfen nur als reuige Sünder wieder aufnehmen wollten, sollte die Arbeit sofort wieder eingestellt werden. Von dem zu unterzeichnenden Zerknirschungsversprechen hatte der Vorstand der Gehilfen schon am Samstag den 30. April Kenntnis erhalten. Ohne Verzug mußten die Gehilfen, welche am Montag Morgen sich wieder auf ihren Plätzen einstellen sollten, eine Warnung erhalten, und auch das Publikum mußte von dem Vorgefallenen unterrichtet werden. Das Schriftstück war rasch abgefaßt, doch wo und wie sollte es eben so rasch gedruckt werden? Es blieb mir nichts übrig, als mit einigen Gehilfen noch an demselben Abend nach Charlottenburg zu gehen, und eine dort befindliche kleine Druckerei, in welcher ein zweiter Bruder Bruno Bauers sein Wochenblättchen herstellen ließ, zu unserem Zweck zu benutzen. Die eigentliche Besitzerin dieser auf das kärglichste ausgestatteten typographischen Anstalt, eine Lehrerswitwe, sträubte sich lange genug, uns ihr kostbares Gut zu so fragwürdiger Benutzung zu öffnen, schließlich gab sie freundlichem Zureden nach. In der Nacht wurde dann ein Anschlagzettel zustande gebracht, der in der Geschichte der Buchdruckerkunst als ein Unikum seine Stelle finden darf. Nicht nur einzelne Zeilen, sondern einzelne Worte mußten aus verschiedenen Schriftgattungen zusammensetzt werden, weil das vorhandene Material zu einem einheitlichen Satz nicht reichte. Das Ding nahm sich sehr komisch aus, doch es wirkte. Um 5 Uhr morgens hatten sich auf geschehene Anordnung zehn Gehilfen am Brandenburger Thor eingefunden, welche die Zettel in Empfang nahmen und an den ihnen angewiesenen Stellen anklebten. Die Folge davon war, daß wiederum die Arbeit eingestellt wurde. Der vom Geiste des 18. März erleuchtete Magistrat sandte jedoch schon tags darauf einen Stadtrat in die angekündigte Buchdrucker-Versammlung unter den Zelten. Er bat die Gehilfen, an die Arbeit zurückzukehren, indem er ihnen ankündigte, daß die Prinzipale den verhängnisvollen Schein zurückgezogen hätten. Der Ausstand war damit wieder beendigt. Bis zum 1. Juni kam es dann auch zu einer vorläufigen Verständigung über den Gegenstand des Streites. Eine mäßige Erhöhung des Tarifs war die Frucht dieser Bewegung, die sich bald darauf über ganz Deutschland verbreitete und nach einem Jahre unter dem Druck der eingetretenen politischen Reaktion zum Stillstand gebracht wurde, um später doch durch die Gründung eines allgemeinen Gewerk-Vereins in der ursprünglich von mir in Aussicht genommenen Organisation einen festen Boden zu erlangen. Der aus jenen ersten Anfängen hervorgegangene deutsche Buchdrucker-Verein hat, soviel mir bekannt geworden, bisher als solcher seine volle Unabhängigkeit nach allen Seiten hin gewahrt, ohne in das Recht der freien Bestimmung seiner einzelnen Mitglieder einzugreifen.

XII.
Die Arbeiterpartei. Der Zeughaussturm.

Der eben geschilderte Lohnkampf der Buchdrucker, an dessen Spitze ich gestanden hatte, bildete übrigens für mich nur eine Episode in jenem Bewegungsjahr. Wie es gekommen ist, daß ich überall so rasch ins Vordertreffen, an die exponiertesten Stellen kam, das kann ich heute nicht mehr sagen. Ich erinnere mich nur, daß ich von vielen Gewerkschaften ersucht wurde, den Vorsitz in ihren konstituierenden Versammlungen zu übernehmen, daß ich in vielen freisinnigen politischen Klubs freiwillig oder auf Verlangen der Anwesenden das Wort ergriff, sodaß ich wohl eine gewisse Gewandtheit als Redner besessen haben mochte. Im konstitutionellen Klub, an dessen Spitze die Herren Crelinger und Wilhelm Jordan standen, erachtete man es in der Anfangszeit für angemessen, mich mit einigen anderen Personen meiner sozialpolitischen Richtung zu einer Sitzung einzuladen, zu der ich mich denn auch einfand und wo ich zu meiner Überraschung vom Präsidenten mit einer feierlichen Anrede empfangen wurde, die ich, ohne meinem Standpunkt etwas zu vergeben, geschickt genug beantwortete. Von derselben Seite wollte man mich auch auf die Liste der Kandidaten für das Frankfurter Parlament setzen, was ich mit der Begründung ablehnte, daß ich das vorgeschriebene Alter noch nicht erreicht hätte. Ich erwähne dies nur, um darauf hinzuweisen, daß man bei aller Unklarheit, die noch in den Köpfen herrschte, doch schon die Ahnung von der Macht hatte, welche in der arbeitenden Klasse lag, und sich deshalb früh bemühte, diese für sich zu gewinnen. Als ich dann wenige Wochen darauf nach dem Polizeipräsidium geladen wurde, wo man mir in höflicher Weise die Mitteilung machte, daß ich binnen vierundzwanzig Stunden die Stadt Berlin zu verlassen hätte, und diese Neuigkeit sich wie ein Lauffeuer in den Abendversammlungen verbreitete, ergriffen alle Parteien sofort Partei für mich, Gemäßigte wie Demokraten sandten noch vor Mitternacht Abordnungen an den Polizeipräsidenten v. Minutoli, um gegen diese offenkundige Erneuerung der alten Willkürherrschaft, die man mit dem 18. März begraben zu haben glaubte, einen lebhaften Protest zu erheben. Herr v. Minutoli that, als wisse er von dieser Maßregel nicht das geringste. Er erklärte mich sogar für ein sehr nützliches Mitglied der Berliner Bevölkerung in einer Zeit, wo man nicht allzuviel Leute besitze, die einen glücklichen Einfluß auf die beschäftigungslosen Arbeiter auszuüben vermöchten; es verstände sich ganz von selbst, daß meine Ausweisung sofort rückgängig gemacht werde. Das Ergebnis der nächtlichen Intervention der Berliner politischen Klubs beim Polizeipräsidenten wurde mir auch ohne Verzug mitgeteilt. Ich war keinen Augenblick um den Ausgang dieses polizeilichen Reaktionsversuches in Sorge gewesen. In der That wurde ich bald mit meinem Freunde Bisky, der sich wieder in Berlin eingefunden hatte, nachdem er sich von einer im Barrikadenkampf erhaltenen Wunde in seiner Pommer’schen Heimat erholt hatte, zu einer vom Minister v. Patow mit Mitgliedern des Berliner Stadtrats berufenen besonderen Sitzung eingeladen, in welcher über Aufhebung der nach dem Muster von Paris eingerichteten sogenannten Nationalwerkstätten beraten wurde. Man hatte nämlich mehrere tausend Arbeitslose auf Kosten des Staates und der Stadt in der Nähe von Berlin damit beschäftigt, daß man sie eine Anzahl Sandhügel abtragen und an anderer Stelle aufschütten ließ, ein in keiner Weise durch irgend ein Bedürfnis gebotenes Unternehmen, auf das man eben nur gefallen war, weil man nichts Gescheiteres wußte. Daß das Ganze nur eine Komödie war, hatten die Arbeiter bald bemerkt. Sie thaten deshalb so gut wie nichts, schaufelten so wenig wie möglich, eben nur etwas zu ihrer Belustigung, nahmen jedoch vergnügt den Lohn für ihre scheinbare Arbeit in Empfang. Es wurde deshalb beschlossen, da man das Geld der Steuerzahler nicht geradezu vergeuden durfte, sich nach einer einigermaßen nutzenbringenden Beschäftigung für die „Rehberger“ umzusehen. Die Änderungen, die hier vorgenommen werden mußten, waren natürlich ohne Unruhen nicht durchzusetzen.

Bei dieser Gelegenheit ging mir eine Aufklärung über die Lehre auf, daß nach der Ablösung des dritten Standes der vierte, derjenige der Arbeiter, zur Herrschaft gelangen solle, und daß damit alle Klassengegensätze endgiltig aufhören würden. Es zeigte sich nun aber schon der fünfte Stand hinter dem vierten, derjenige der nicht gelernten Arbeiter, der bloßen Handlanger oder Tagelöhner, denen gegenüber die gelernten eine Art Aristokratie bildeten. Erst hinter diesem fünften Stande kam das Lumpenproletariat als sechster. Und Marx hatte gemeint, das Lumpenproletariat werde man eben erbarmungslos ausrotten müssen. Das schien mir leichter gesagt als gethan, es war auch nicht sein Ernst, wie es denn auch nicht mit der humanen Weltanschauung in Einklang zu bringen war, die schließlich doch mehr oder weniger in allen Gesellschaftsklassen herrschte. Die Humanität war aber schwerlich als eine aus der herrschenden Produktionsform zu erklärende ideologische Form anzuschauen.

Ob nun die materialistische Weltanschauung, der zufolge die gesamte Entwicklung der menschlichen Gesellschaft nur von der Magenfrage abhänge, ob die Meinung, daß alle von dieser Gesellschaft ausgegangenen geistigen Schöpfungen nur ein Ausfluß materiellen Bedürfnisses der herrschenden Klasse seien, wirklich auf Wahrheit beruhte? Jene Behauptung erschien mir jetzt nicht mehr als ganz und gar unanfechtbar. Doch hinderte die Einsicht, daß hinter der vierten aufstrebenden Klasse schon eine fünfte stehe, und auch der entstehende Zweifel an der Richtigkeit der materialistischen Weltanschauung mich nicht, an der Organisation des vierten Standes mitzuarbeiten, ohne dabei die Thatsache aus den Augen zu verlieren, daß der Sieg des dritten Standes, dessen liberales Programm erst dem vierten die Wege bahnen konnte, allem vorangehen müsse. Deshalb enthielt ich mich möglichst aller heftigen Ausfälle gegen die Bourgeoisie, als geschlossene Klasse existierte sie ja in Berlin und in ganz Ostdeutschland noch nicht, wo die moderne, gewerbliche Entwicklung eine diesen Namen verdienende Großindustrie noch nicht geschaffen hatte.

Das Wort „Klassengegensätze“ hatte damals, an den wirklichen Zuständen Deutschlands gemessen, kaum eine Berechtigung. Wenn man wenige Gewerbe, die der Maschinenbauer, der Buchdrucker und noch einige andere ausnahm, so gab es wohl Arbeitgeber und Arbeitnehmer, der Meister aber war in der Regel nichts anderes als ein ehemaliger Geselle. Es waren zwei Altersstufen vorhanden, keine zwei Klassen. In den Köpfen herrschten dabei noch die Vorstellungen von den verschiedenen Standesstufen, die aus dem Zunftwesen in die Zeit der Gewerbefreiheit sich hinübergerettet hatten, der Geselle war, wie oben schon gesagt, dem Meister nach dessen patriarchalischen Anschauungen untergeordnet, doch war ihm der Weg zur Meisterschaft, solange das Handwerk nicht fabrikmäßig betrieben wurde, nicht verschlossen. Vorherrschend war in den Städten Deutschlands im Jahre 1848 — einige Punkte im Rheinland ausgenommen — das Kleinbürgertum, das sich aus Handwerkern und Krämern zusammensetzte, und den breiten Mittelstand bildete. Dieser kleinbürgerliche Mittelstand war durchwegs liberal und schloß sich in liberaler Gesinnung den sogenannten Honoratioren, Kaufleuten und Beamten an, deren Bildung sich mit einer längeren Herrschaft des Absolutismus nicht vertrug und deshalb mit dem eigentlichen Volk des Mittelstandes die Umwälzung des 18. März als eine Erlösung aufnahm. Deutschland wäre noch eine kurze Zeit im Stande der vertrauensseligen politischen Unschuld geblieben, in welchem es sich vor dem 18. März und auch in den nächsten Tagen befand, wenn nicht die „kleine, aber mächtige Partei“ der Junker sofort mit entschiedenem Klassenbewußtsein aufgetreten wäre und rücksichtslos die Reaktion in Szene gesetzt hätte. Der feudale Adel sah seine Interessen bedroht und er wartete keinen Tag, um sich zu einer festen Phalanx zusammenzuschließen. Die absolute Monarchie gab er als unhaltbar auf, in der konstitutionellen Monarchie aber, die nicht mehr zu umgehen war, wollte er seinen maßgebenden privilegierten Platz behaupten. Das ist ihm, genau genommen, bis zur heutigen Stunde gelungen.

Die Stadt Berlin hatte nach dem 18. März nur noch einen großen Tag, denjenigen, an welchem die gesamte Bevölkerung sich zu einer Huldigung für die Opfer des Freiheitskampfes einmütig zusammenfand. Es war am 4. Juni. Endlos war der Zug, der auf dem Gendarmenmarkt und den benachbarten Straßen sich ordnete, um nach dem Friedrichshain zum Grabe der Kämpfer des 18. März zu ziehen. In warmen Worten wurde denen, welchen das Morgenrot einer neuen Zeit in das brechende Auge geleuchtet, der Dank des Vaterlandes dargebracht. Mit mehreren andern war ich an jenem denkwürdigen Tage zum Sprecher bei dem feierlichen Akt bestimmt worden. Für den Studentenverein sprach Gaudenz von Salis, ein Enkel des Dichters, mit hinreißender Glut. Ich habe ihn in der Schweiz einige Jahre darauf wiedergesehen. Die Flügel schienen ihm beschnitten. Er ist früh gestorben. Es haben manche von uns nach den schönen Tagen heißen Kampfes sich in die darauf folgenden Jahre stillen Furchenziehens im Gleichmaß des Alltagslebens nur schwer gefunden.

Daß die von der junkerlichen Partei organisierte Reaktion früh in Thätigkeit trat und ihr jedes Mittel, das zum Ziele führte, recht war, davon gab der Sturm auf das Zeughaus, der zu einer Zeit sich vollzog, wo auch nicht das geringste Anzeichen das Herannahen eines revolutionären Ereignisses ankündigte, den vollen Beweis. Bei eintretender Nacht verbreitete sich in der Stadt die Nachricht, daß einige hundert Leute aus der untersten Schicht der Bevölkerung in das Zeughaus eingebrochen seien und dasselbe plünderten. Der Kommandant der Bürgerwehr, Herr Rimpler, ließ den Generalmarsch schlagen, rasch waren die Bataillone zusammen getrommelt, ich schloß mich dem des Handwerkervereins an, das ohne Verzug zum Zeughaus marschierte und vor dessen Thor in der Gießhausgasse und auf einem Platz in der Nähe des Gießhauses aufgestellt wurde. Aus dem Thore des Zeughauses und aus dessen niederen Fenstern flohen die Plünderer mit Waffen bepackt, die ihnen von unserer Seite abgenommen und aufgeschichtet wurden. Es waren darunter auch neuerfundene Zündnadelgewehre, die damals noch als Staatsgeheimnis betrachtet wurden. An der Stelle, wo unser Bataillon Wache hielt, konnte keines dieser Gewehre fortgeschleppt werden. Unsere Wirksamkeit beschränkte sich darauf, dem Gesindel seinen Raub abzunehmen. War das geschehen, so ließen wir die Burschen laufen. Sie gefangen zu nehmen, hielten wir nicht für unsere Aufgabe, sondern für diejenige der Polizei, die ja im Hintergrunde des Schauplatzes zahlreich genug vertreten war. Sie mochte unter den scheu Abziehenden manches Individuum erkennen, das schon durch ihre Hände gegangen war. Als das Bataillon spät in der Nacht entlassen wurde und ich auf dem Heimweg alles, was ich bei diesem Zeughaussturm beobachtet hatte, einer Prüfung unterzog, konnte ich mich des Verdachtes nicht erwehren, daß ich hier einem von der Reaktion ausgeheckten und in Szene gesetzten politischen Schachzug beigewohnt hatte. Daß die Leute, welche die Thore des Zeughauses mit Balken eingerammt hatten, oder durch die eingeschlagenen Fenster eingestiegen waren, und darauf mit Beute beladen abzogen, hier nicht aus freiheitlicher Begeisterung gehandelt hatten, etwa in der Absicht, die Revolution, die zu versumpfen drohte, zu Ende zu führen, davon überzeugte man sich auf den ersten Blick. Wer allein konnte aus diesem fatalen Ereignis Nutzen ziehen? Die von allen Seiten sich ankündende Reaktion. In der That erhob sich am nächsten Tage der Vertreter des Kriegsministeriums zu einer nicht ohne Eindruck bleibenden Rede, in welcher er auf die aus den Märzereignissen hervorgegangene Zügellosigkeit der Massen hinwies, die am Staatsgut sich vergriffen hätten, und sogar die Geheimnisse des Staates dem Auslande zugänglich machten. Er wies auf die Notwendigkeit der Rückkehr zu strengeren Regierungsmaßregeln hin.

Daß der Zeughaussturm von der Regierung zu ihren Zwecken ausgebeutet werden würde, war ja vorauszusehen. Fern lag mir jedoch der Gedanke, daß das Ministerium selber von den Machinationen etwas wußte, die eine Gruppe entschlossener Reaktionäre auf eigene Faust gesponnen hatte. Den Verdacht, daß man es hier mit einem bestellten und bezahlten politischen Streich zu thun gehabt, konnte ich nicht mehr unterdrücken, und so sprach ich ihn auch in meinem Blatte, „Das Volk“, ungescheut aus.

Einige meiner ältesten Freunde, wie z. B. Ehrenreich Eichholz, der später die Redaktion der Weserzeitung übernahm, machten mir bittere Vorwürfe über meinen, die politischen Gegner einer so unerhörten Handlung bezichtigenden Artikel; das betrübte mich, aber ich hatte doch richtig beobachtet. Denn als ich einige Jahre später in Zürich lebte, und dort mit dem Historiker, Professor Adolph Schmidt, der alsdann von Zürich nach Jena berufen wurde, in Freundschaft verbunden war, kam eines Tages zufällig die Rede auf den Zeughaussturm. Ich erzählte ihm, daß ich wegen meiner Beurteilung dieses Zwischenfalls manche brave Seele verletzt hatte. „Lassen Sie es gut sein,“ erwiderte Professor Schmidt, „Sie hatten vollkommen recht. Der Bürgerwehrkommandant Rimpler, der nach jenem Zeughaussturm seine Entlassung nahm, hat mir die Dokumente über diesen Fall zu späterer, eventueller Benutzung übergeben, sie sind noch in meinem Verwahrsam. Der Zeughaussturm war ein von der Reaktion eingefädeltes Manöver. Die den Beweis hierfür abgebenden Dokumente sollen der Öffentlichkeit nicht vorenthalten bleiben.“

XIII.
Praktische Sozialpolitik.

Die Organisation der Arbeiter zu einer starken, geschlossenen Partei, so verstand ich meine Aufgabe, mußte der Organisation der Arbeit, zu welcher auch der vageste Plan nicht vorhanden war und auch nicht vorhanden sein konnte, vorausgehen. Zu jener Organisation habe ich durch Berufung des ersten deutschen Arbeiterkongresses nach Berlin den Grundstein gelegt. Diesem Kongreß ging die Bildung eines Centralkomitees voraus, in welchem ich zum Vorsitzenden ernannt wurde und das dazu bestimmt war, den Mittelpunkt einer über ganz Deutschland sich ausbreitenden Arbeiter-Verbindung zu bilden. In dem Statut hieß es: „Wir nehmen unsere Angelegenheiten selbst in die Hand, und niemand soll sie uns wieder entreißen.“ Organ des Centralkomitees war die von mir gegründete, weiter oben genannte sozialpolitische Zeitschrift: „Das Volk“, die dreimal wöchentlich seit dem 1. Juni erschien. Meine Einsicht in die wirkliche Lage und die Mittel, welche dem Sieger über das absolutistische Regiment nach dessen Beseitigung zu Gebote standen, hinderte mich, Politik ins Blaue hinein zu treiben, wie soviele andere es thaten. Der Vorschlag des jungen Schlöffel, auf revolutionärem Wege eine Änderung des oktroyierten Wahlgesetzes zu erringen, wurde von mir bekämpft, weil ich eingesehen hatte, daß die Reaktion, die ihre Streitmittel mit überraschender Schnelligkeit gesammelt hatte, nur auf den Versuch einer neuen Erhebung wartete, um sie mit den in der Nähe von Berlin zusammengezogenen militärischen Kräften niederzuschlagen und das für die Freiheit Errungene wieder zu vernichten. Der Schlöffel’sche Plan kam infolge der Opposition, die er von mir und meinen Freunden erfuhr, nicht zur Ausführung. Zur Kennzeichnung meiner Auffassung der damaligen Lage mögen übrigens einige Zeilen aus dem Programm meiner Zeitschrift dienen. „Das Volk“, so erklärte ich in seiner ersten Nummer, habe den Zweck, einerseits das Bürgertum zu unterstützen im Widerstand gegen die Aristokratie, im Kampfe gegen die noch aufrecht gebliebenen Institutionen des Mittelalters, gegen die Mächte von Gottes Gnaden, andererseits dem kleinen Gewerbetreibenden wie dem Arbeiter beizustehen gegen die Macht des Kapitals und immer voran zu schreiten, wo es gelte, dem Volke ein irgend noch vorenthaltenes politisches Recht zu erkämpfen, damit es die Mittel erhalte, sich die soziale Freiheit, die unabhängige Existenz um so schneller zu erringen.

Der Stubengelehrte wird immer leicht zum Doktrinär und als solcher sieht er nur einen einzigen Weg, der zu dem vermeintlichen Ziele führt. Die Sorge um ein letztes ideales Ziel überließ ich kommenden Jahrhunderten; mein Ziel ging nicht über das zunächst zu Erringende hinaus, nämlich, ich habe es oben angegeben, aus der formlosen, ungefügen Masse nach Überwindung der zunächst sich entgegenstellenden Schwierigkeiten eine geordnete Armee zu bilden, welche einem aller Welt verständlichen und ausführbaren Programm gehorchte. Engels hat gegen mich den Vorwurf erhoben, „in den Veröffentlichungen der von mir begründeten Organisation seien die Auffassungen des kommunistischen Manifestes mit Zunfterinnerungen und Zunftwünschen, Abfällen von Louis Blanc und Proudhon, Schutzzöllnerei u. s. w. durcheinander geworfen.“ Dieser Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Ich konnte es nicht verhindern, daß sich in der allerersten Zeit auch solche Stimmen in unseren Versammlungen vernehmen ließen, die, nach dem Beispiel der Kleinmeister, die Gewerbefreiheit und die Handelsfreiheit als die Quelle alles Unheils betrachteten und ihre sehnsüchtigen Blicke nach dem wirtschaftlich überwundenen Zunftwesen zurückwandten. Giebt es ja heute, nach einem halben Jahrhundert, noch eine Partei, die dasselbe anstrebt. Weder im „Volk“ noch in der „Verbrüderung“, die ich herausgab, und über deren Inhalt ich allein zu bestimmen hatte, findet sich jedoch eine Zeile mit wirtschaftlich reaktionärer Tendenz. Engels, der es mir nicht verzeihen konnte, daß ich arbeitete, ohne vorher bei ihm, dem päpstlichen Staatssekretär in Köln, Verhaltungsbefehle einzuholen, hat mich zu jener Zeit ruhig gewähren lassen, nicht mit einem Wink mir ein Zeichen seines Mißfallens kund gegeben. Erst viele Jahre später, als die persönlichen Verbindungen aufgehört hatten, rückte er mit dem weiteren Vorwurf heraus, „ich habe es mit meiner Verwandlung in eine politische Größe etwas zu eilig gehabt und mich mit den verschiedenartigsten Krethi und Plethi verbündet, um nur einen Haufen zusammen zu bekommen.“ Ich sehe aus diesen Worten, daß er mich trotz langen persönlichen Verkehrs sehr schlecht gekannt hat. Ich hatte damals, mit dreiundzwanzig Jahren, auch nicht entfernt die Absicht, mich „in eine politische Größe“ zu verwandeln. Was ich that, geschah auf den Impuls meines jugendlichen Idealismus hin, der mich freilich nicht hinderte, die Dinge und die Menschen zu sehen, wie sie in Wirklichkeit waren, sodaß ich meinen Mitarbeitern nichts zumutete, was sie nicht zu leisten vermochten. Mit ehrenwerter Unparteilichkeit nimmt Franz Mehring in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ mich gegen die Engels’schen Beschuldigungen in Schutz. „Wollte Born,“ sagt er, „die Arbeiter als Klasse organisieren, so mußte er mit dem Gedankenkreise rechnen, in dem sie sich vorläufig erst bewegen konnten, und er hat es wenigstens nicht an Eifer fehlen lassen, sie über ihren Horizont hinauszuführen ... Entschieden trat Born aller Zünftelei entgegen; er sagte, es sei keinem Staat, der einmal die Großindustrie eingeführt habe, mehr möglich, zu einer schon niedergegangenen Produktionsweise zurückzukehren, ohne sich zu ruinieren oder eine ganz untergeordnete Stellung in der Reihe der europäischen Staaten einzunehmen.“ Daß der Gedanke Louis Blancs, durch die Gründung von Produktiv-Genossenschaften und staatliche Unterstützung derselben einer neuen Produktionsform vorzuarbeiten, als das Nächstliegende bei vielen Leuten und auch bei uns Anklang fand, kann niemand auffallen. Dieser Gedanke drängte sich zunächst allen auf, die sich mit sozialen Fragen beschäftigten. Er wurde von der „Verbrüderung“ nicht bekämpft, es geschah von meiner Seite sogar vieles, um die Gründung solcher Genossenschaften zu empfehlen. Und schließlich hat Lassalle diesen Gedanken wieder mit Eifer aufgenommen. Er hat freilich deshalb auch von Marx’scher Seite harte Angriffe erfahren müssen.

Dies, was Louis Blanc betrifft.

Wie ich damals über Proudhon dachte, davon möge ein Artikel Zeugnis ablegen, den ich bei dem Scheitern der von ihm gegründeten Volksbank veröffentlichte. „Wir haben diesem Unternehmen“, sagte ich, „durchaus keinen Beifall zugeklatscht, und wenn sein Untergang uns auch betrübt, so überrascht er uns doch nicht, denn wir haben diesen Ausgang fast mit Sicherheit erwartet, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil eine Idee, sie mag noch so groß und wahr sein, niemals da ohne weiteres zur Ausführung gebracht werden kann, wo die Elemente zur Ausführung nicht in hinreichendem Maße vorhanden sind. Wir haben immer die Organisation der Arbeiter über die Organisation der Arbeit gestellt, immer die politische Emanzipation der arbeitenden Klasse vorausgesetzt, ehe wir eine größere, in alle Gesellschaftskreise greifende Ausführung sozialer Ideen für möglich hielten... In die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft, dieser stets lebendige, stets sich erneuernde, schöpferische Organismus ebensowenig hineinzwängen, wie man einer um sich greifenden Verarmung mit Volksbanken entgegenwirken kann, die ihre Fonds aus den Taschen der Armen nehmen müssen. Wir fragen, welche Zukunft, welche Lebensfähigkeit hatte die Volksbank, wenn sie zu Grunde gehen mußte — wegen eines Prozesses des Herrn Proudhon? Mit der Volksbank wollte Proudhon die neue Welt aufbauen, in der Volksbank ruhte seine Lösung der sozialen Frage, und wegen sechs Monate Gefängnis und einiger tausend Franken Strafe, wozu Bürger Proudhon verurteilt wurde, ist die Welt wieder um ihren Heiland und ihren Erlöser geprellt. Wir können ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken, denken wir an die kleinen Eitelkeiten, die der großen Volksbewegung die Wege lichten wollten, ihr als die Josuas der Neuzeit im Prophetengewande voranziehen, nicht aber, um selbst mit dreinzuschlagen, das zackige Schwert zu führen, nein — um sich bewundern zu lassen. Da kommt Herr Considérant, ein Prophet zweiten Ranges, und will Herrn Proudhon die Erfindung der Volksbank streitig machen. Wie erbärmlich dieser kleine Krieg zwischen zwei Persönlichkeiten zu einer Zeit, wo die ganze Welt mit Entwürfen schwanger ist, die Erde bebt von den Tritten zweier großen Heeresmassen, die mit rasender Kampflust einander näher rücken und sich bald das Weiße der Augen zeigen werden, zu einer Zeit, wo eine in Ungarn von Dembinski oder Bem gewonnene Schlacht mehr wert ist als sämtliche gedruckten und ungedruckten Werke der Bürger Proudhon und Considérant zusammen, in einer Zeit, in welcher die größten Berühmtheiten sich an einem einzigen Tage abnützen.“

Das hier Mitgeteilte ist charakteristisch für meine damalige Denk- und Ausdrucksweise, und ich weiß es Herrn Franz Mehring Dank, daß er es in seinem Geschichtswerk angeführt hat. Der Satz „in die Zwangsjacke eines Systems läßt sich die menschliche Gesellschaft nicht hineinzwängen,“ beweist zugleich, welchen Eindruck das im Sommer 1848 erschienene „Kommunistische Manifest“ auf mich hat machen müssen. Das Manifest war freilich schon kurz vor der Februarrevolution als „ausführlich theoretisches und praktisches Parteiprogramm“ des Bundes der Kommunisten abgefaßt. War es nun praktisch, in jenen ersten Tagen der sozialen Bewegung von einem Ziel zu sprechen, das heute, nach fünfzig Jahren, noch niemandem in einem nur einigermaßen bestimmten Bilde sich darstellt? Ist überhaupt die Ersetzung des Privateigentums durch ein Gesamteigentum, oder wie man später sich ausdrückte, durch die „Verstaatlichung aller Arbeitsmittel“ die Lösung, die als unbestreitbares Ergebnis der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse sich uns aufdrängt? Und angenommen, die wissenschaftliche Betrachtung der Entwicklung des wirtschaftlichen Lebens der Menschheit hätte zu diesem nicht mehr abzuweisenden Ergebnis geführt, so konnte es sich dabei ja doch nur um ein aus dem Nebel weit entfernter Zukunft sich ankündigendes Resultat geschichts-philosophischer Forschung handeln, aber nicht um etwas, was mit den Bedürfnissen der Gegenwart irgend welchen Zusammenhang hatte. Engels hat in seinem Buch „die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ den Kommunismus, weil er ihn aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung der Menschheit als den Endpunkt der heutigen Bewegung zu erkennen glaubte, noch zu erleben gehofft. Er steckte als Beurteiler der Welt, in der er lebte, in großer Unklarheit. Von seinen wiederholten Prophezeiungen über den bevorstehenden Zusammenbruch dieser schnöden Welt ist auch keine in Erfüllung gegangen, wenngleich er den Termin für diesen Zusammenbruch von Zeit zu Zeit etwas hinausrückte. Was mich betrifft, so beschränkte sich im Lauf der Jahre mein Blick in die Zukunft auf die Erkenntnis, daß ohne Zweifel der bisherige Eigentumsbegriff wie in allen vergangenen Zeiten eine fortschreitende Wandlung in dem Sinne erfahren werde, daß durch den Willen des Volkes gewisse, nicht mehr aufrecht zu erhaltende, auf dem Kollektivbesitz von Aktiengesellschaften beruhende Unternehmungen, wenn die Notwendigkeit es dringend zum Besten der Gesamtheit erfordert, in den Besitz der Gesamtheit, d. h. des Staates, übergehen werden. Dieser Prozeß hat längst begonnen, in monarchischen, wie in republikanischen Staaten, und wie die Straßen und Brücken, die Posten und Telegraphen, die Schulen, die Museen und Bibliotheken, die städtische Beleuchtung, Parks und Erholungsanstalten, die Spitäler und mannigfaltigen Einrichtungen zum Besten des Gemeinwohls sich mehr und mehr im Geist unserer Zeit ausdehnen und vervollkommnen und immer neue Zweige der verschiedensten Einzelunternehmungen sich in Unternehmungen der Gemeinden oder Staaten umwandeln, wie man in der Schweiz Gemeindekäsereien und in Dorfgemeinden aller Länder gemeinsame Bäckereien besitzt, so werden sicher sehr viele andere der gemeinsamen Ausbeutung zugängliche Unternehmungen nach und nach in die Leitung einer größeren oder geringeren Gemeinsamkeit übergehen. Der Kampf aller gegen alle, wie er aus dem manchesterlichen Dogma des „freien Spiels der wirtschaftlichen Kräfte“ sich entwickelt hat, wird nicht ewig dauern, werden ihm ja doch schon von Jahr zu Jahr, sogar in der Bourgeois-Gesetzgebung Schranken gesetzt. Daß daraus aber in noch so entfernter Zeit sich die Aufhebung des bürgerlichen oder Privateigentums — beide, sich nicht ganz deckende Ausdrücke wechseln im „kommunistischen Manifest“ ab, — ergeben müsse, ist im höchsten Grade unwahrscheinlich. Dieser Überzeugung sind, wie aus so vielen ihrer Kundgebungen hervorgeht, auch die meisten Führer der sozialdemokratischen Partei. Sie gehen deshalb mit Recht auf die Aufforderung nicht ein, doch mit einem klaren Bilde von ihrem Zukunftsstaat ihre Anhänger wie ihre Gegner zu erfreuen. Zur Zeichnung eines solchen Bildes, wenn sie dazu nicht die phantastischen Farben eines Romanschreibers wählen wollen, fehlt es an jeglichem positiven Material. Die sozialdemokratischen Führer haben sich auch nach manchen Schwankungen über die Frage, ob sie an der Reformarbeit sich beteiligen sollen, die auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung möglich ist, schließlich zur Beteiligung an derselben entschlossen. So werden sie schrittweise aus Sozialrevolutionären zu Sozialreformern.

In einem Lande wie die Schweiz, wo nahezu die letzten Konsequenzen demokratischen Staatslebens gezogen worden sind, wo zum allgemeinen, geheimen Stimmrecht die Wahl der Regierenden und der Richter durch das Volk gekommen ist, die Volksabstimmung über neue Gesetze und die Volksinitiative in der Gesetzgebung Regel geworden, fällt es der sozialdemokratischen Partei gar nicht ein, sich als eine revolutionäre Partei auszuspielen. Hier regiert das mehr oder weniger gut informierte, durch den Stimmzettel seinen Willen kundgebende Volk. Vor einigen Jahren erklärte ich in einem in Basel gehaltenen Vortrag über die soziale Bewegung, daß, wenn jemals die Gefahr eintreten sollte, daß die Weissagung von der allgemeinen Verelendung d. h. von der schließlichen Aufsaugung des gesamten Besitztums der mittleren Volksschichten durch Millionen besitzende Kapitalisten sich zu erfüllen drohte, so daß es im Lande schließlich nur Krösusse und Bettler gäbe, wir zuverlässig die Mittel finden würden, solcher Kalamität durch unsere Gesetzgebung vorzubeugen. Ich fühlte, als ich diesen Satz aussprach, daß die Versammlung mit mir in vollstem Einverständnis sich befand. Der letzten Konsequenz der Lehre vom „freien Spiel der wirtschaftlichen Kräfte“ würde jedes Volk, auch wenn es nicht im Besitz des Referendums und der Initiative ist, durch gesetzliche Maßregeln vorzubeugen wissen. In den nordamerikanischen Freistaaten, wo die ganze Bevölkerung fieberhaft dem Gotte Dollar nachjagt, und wo es der Association der Geldmächte, den das ganze wirtschaftliche Leben der Nation umklammernden Ringen des Großkapitals gelungen ist, den Staat und die ihrer Ausbeutung überlieferten arbeitenden Klassen ihren Zwecken dienstbar zu machen, kann und wird diesen Ringen durch die Reform der Gesetzgebung das Handwerk gelegt werden. Wer aber möchte behaupten, daß der trockne, alle Ideologie verachtende Amerikaner deshalb bis zur Aufhebung des Privateigentums vorgehen werde?