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Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. Uneinheitliche Schreibweisen (zum Beispiel ehrfurchtsvoll / erfurchtsvoll, hilflos / hülflos, nämlich / nemlich, San Franzisko / San Francisko, Sofa / Sopha, um's Himmels willen / ums Himmelswillen / Ums Himmels willen) wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Diese Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus. Zusätzlich findet sich eine [Liste der vorgenommenen Änderungen] am Ende des Textes.
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Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. Uneinheitliche Schreibweisen (zum Beispiel ehrfurchtsvoll / erfurchtsvoll, hilflos / hülflos, nämlich / nemlich, San Franzisko / San Francisko, Sofa / Sopha, um's Himmels willen / ums Himmelswillen / Ums Himmels willen) wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Diese Änderungen sind im Text gekennzeichnet. Zusätzlich findet sich eine [Liste der vorgenommenen Änderungen] am Ende des Textes.
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TROTZKOPF ALS
GROSSMUTTER
VON SUSE LA CHAPELLE-ROOBOL
AUTORISIERTE ÜBERSETZUNG
AUS DEM HOLLÄNDISCHEN VON
ANNA HERBST
MIT 8 TONBILDERN VON WILLY PLANCK
Siebenunddreissigstes bis zweiundvierzigstes Tausend
STUTTGART
GUSTAV WEISE VERLAG
A. g. XIII.
Druck von Carl Hammer (Inh. Wilhelm Herget), Stuttgart.
„Großmama, Onkel Heinz ist noch immer nicht da. Wir werden gewiß zu spät an die Bahn kommen.“
„Nein, Irma, du hast Zeit genug, die Fahrt dauert kaum zehn Minuten.“
„Ich hab' solche Sehnsucht nach den Cousinen aus Amerika. Was für einer herrlichen Zeit gehen wir entgegen, nicht wahr, Großmütterchen?“ Und in ausgelassener Fröhlichkeit flog das schlanke, siebzehnjährige Mädchen mit dem schönen, blonden Kraushaar und den dunkelblauen Augen der alten Dame um den Hals.
Mit innigster Liebe schaute die verwitwete Frau Ilse Gontrau ihre Enkelin an. Ihr feines, schmales, von schneeweißem Haar umrahmtes Antlitz trug einen wehmütigen Ausdruck, der jedoch durch ein freundliches Lächeln verklärt wurde.
„Ja, Kind, auch ich bin sehr glücklich, daß Tante Marianne und Onkel Fritz aus Amerika zurückkommen und hier Wohnung nehmen wollen; ich sehne mich sehr danach, die Kinder kennen zu lernen.“
„Ist es nicht unbegreiflich, Großmama, daß Onkel Fritz die beiden Mädchen und den kleinen Karl allein vorausschickt und die drei gar noch in Paris gewesen sind? So 'ne große Reise und solch junge Mädchen!“
„Das hat auch mich in Erstaunen versetzt, liebe Irma. Aber ich denke, wir werden uns noch über vieles wundern. Amerikanische Mädchen sind so ganz anders erzogen als deutsche.“
„Ah, da kommt Onkel Heinz,“ rief Irma, die einen Wagen rollen hörte, und eilig lief sie hinaus.
„Wir wollen gleich gehen, Onkel, es ist schon spät.“
„Nur ruhig,“ versetzte die tiefe Stimme eines alten Mannes, „wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, Jungfer Ungeduld. Ich muß erst einen Augenblick aussteigen, weil mein Fuß nicht so lange in derselben Stellung aushalten kann.“
„Macht die Gicht dir wieder zu schaffen?“
„Ja, natürlich, meine alten Knochen benehmen sich wieder schauderhaft.“
Brummend stieg der Professor aus dem Wagen, humpelte, auf einen Stock gestützt, durch den Flur und trat in das von der Sonne hell erleuchtete Zimmer.
Die Jahre waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen, sie hatten seine kraftvolle, breitschultrige Gestalt etwas gebeugt. Das faltige, von schlohweißem Haar und Bart umrahmte Antlitz zeigte oft einen barschen Ausdruck, denn es machte ihm Vergnügen, sich als launischen Brummbären aufzuspielen, aber die von buschigen, schwarzen Brauen beschatteten Augen konnten noch ebenso schalkhaft und humoristisch durch die goldene Brille gucken wie in jungen Jahren.
Von der Gicht gezwungen, die ihn oft wochenlang an den Sessel festbannte, hatte er sich vor längerer Zeit pensionieren lassen. Obwohl er mit Vorliebe behauptete, ganz überflüssig in der Welt zu sein und keinem Menschen etwas nützen zu können, so wußten seine Freunde, wenn sie auch niemals eine derartige Anspielung wagen durften, doch nur zu gut, daß er vielen unentbehrlich war und es in der ganzen Stadt keinen so hilfsbereiten, wohltätigen Mann gab wie den alten Professor Fuchs. —
„Guten Abend, Frau Ilse,“ sagte er, während Irma sich den Hut aufgesetzt hatte und vor Ungeduld zitternd neben ihm stand.
„Sie sind doch noch ausgestiegen? Warum machen Sie sich unnütz müde?“
„Papperlapapp, ich bin kein im Sterben liegendes Jungfräulein. Müde machen! Es ist nicht mehr als recht und billig, daß einer, der den ganzen Tag nichts tut, wenigstens seinen alten Beinen Bewegung macht.“
„Ja,“ entgegnete Frau Ilse zustimmend, denn sie kannte seine kleine Schwäche, bei dem unschuldigsten Widerspruch hitzig aufzufahren; „aber müssen Sie nun nicht gehen?“ fügte sie freundlich hinzu.
„Ach ja, Onkel,“ schmeichelte Irma.
„Na, kleine Kröte, dann komm nur. ‚Kröte‘, das sagte ich auch immer zu deiner Mutter. Und nun wollen wir die Kinder meines andern Lieblings abholen. Wir werden alt, Frau Ilse!“
„Wir sind alt, Onkel Heinz, das Leben hat beinahe mit uns abgerechnet.“
„Unsinn, der Teufel ist alt! Vorwärts, Kind! Auf Wiedersehen, ich komme nochmal mit zurück.“
„Natürlich,“ stimmte Frau Ilse bei. Sie hörte ihn durch den Flur stapfen, den Wagenschlag zuwerfen und die Droschke fortfahren. Nun lehnte sie den Kopf an die Schlummerrolle des Lehnsessels, um wie gewöhnlich um diese Stunde etwas zu ruhen. Jetzt, vor all der Unruhe, die ihrer wartete, hatte sie das doppelt nötig. Aber trotzdem sie die Augen geschlossen hielt und die tiefe Stille, nur unterbrochen von dem regelmäßigen Ticken der schönen, altmodischen Standuhr, geradezu zum Schlummern aufforderte, vermochte Frau Ilse doch nicht einzunicken.
Unwillkürlich schweiften ihre Gedanken in die Vergangenheit zurück, und alle Ereignisse der letzten fünfundzwanzig Jahre zogen an ihrem Geist vorüber. Am Anfang stiegen nur heitere, lichte Bilder vor ihrer Seele auf: der stetig wachsende Erfolg Ruths, ihrer ältesten Tochter, die als Sängerin immer mehr Lorbeeren erntete und sich in der von ihr erwählten Laufbahn sehr glücklich fühlte. Dann kam die Verlobung Mariannes, ihres sanften, lieben Blondköpfchens mit Fritz, dem Sohne ihrer alten Freundin Rosi. Dies Glück war freilich mit Trauer gemischt, da Marianne ihrem Gatten nach San Franzisko folgen mußte. Aber in dem Bewußtsein, daß reiches Glück ihr Kind erwartete, hatten Ilse und Leo sich darein ergeben und ihrem Liebling, unter Tränen lächelnd, Lebewohl gesagt.
Auch als Ruth, die ihre Studien in Berlin und später in Paris fortsetzte, nach einiger Zeit Herz und Hand einem berühmten Geigenkünstler schenkte, hatten die Eltern freudig ihre Einwilligung gegeben. Zwar klagte Frau Ilse, daß ihre Töchter so bald schon das elterliche Nest verließen, doch ihr alter Freund, der Professor, so schwer ihm selbst auch die Trennung von seinen beiden kleinen Kröten fiel, bewies ihr lachend, daß nun die Zeit gekommen sei, ihre Memoiren zu beginnen, und Leo, ihr Gatte, sagte ernsthaft, sie hätten kein Recht, sich zu beklagen. Die Kinder folgten ihrer Bestimmung und täten nichts anderes, als was ihre Eltern auch vor Zeiten getan, sie hätten nur Ursache dankbar zu sein, daß beide den Mann geheiratet, den sie liebten. Ilse, mit ihrem elastischen, lebhaften Charakter, stark in der Liebe ihres Gatten und ihrer Freunde, lernte es, sich ins Unabänderliche zu schicken, und klagte nicht, daß sie mit ihren Kindern in Amerika nur brieflich verkehren und auf diese Weise erfahren konnte, daß ihre Enkel solch liebe Schätzchen seien. Ruth und ihr Mann weilten meist im Auslande oder in den großen Städten Deutschlands, doch dann und wann verbrachten sie einige Wochen bei ihren Eltern, und als sie erst einen Sohn und später ein Töchterchen bekamen, konnte Großmutter Ilse wenigstens diesen Enkeln ihre Liebe beweisen und die Freude genießen, sie von Zeit zu Zeit bei sich zu haben.
Dann waren traurige Tage gekommen. Das Glück, das Ilse so lange treu geblieben, schien sie zu verlassen, und auch sie mußte die Erfahrung machen, daß in jedem Leben Tränen ebenso notwendig sind wie Freude, um uns zu tüchtigen, gereiften Menschen zu machen. Die Freundschaft zwischen den Althoffs und Gontraus verminderte sich mit den Jahren nicht; im Gegenteil, als auch Nellies Pflegetochter Annie sich mit einem Prediger vermählte und die Stadt verließ, hatten sich die beiden Freundinnen noch inniger an einander geschlossen, und es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht zusammen kamen. Nun fing Nellie, die nie kräftig gewesen war, an zu kränkeln, wollte das aber vor Fred verbergen, der nach Annies Hochzeit wieder mehr denn je von der sorgenden Liebe seiner Frau abhängig geworden war. So merkte er nichts, und selbst vor Ilse verstand Nellie zu verheimlichen, wie elend sie sich oft fühlte. Endlich, während eines ungewöhnlich strengen Winters, fing sie an zu husten, anfangs wollte sie nichts darauf geben, bis der Doktor ihr das Ausgehen entschieden verbot. Die gute Nellie, die immer nur an andere und nie an sich gedacht hatte, wurde ernstlich krank, und als der Frühling seinen Einzug hielt, erlöste ein sanfter Tod sie von ihrem Leiden. Bis zum letzten Augenblick sorgte sie nur um ihren Fred und beklagte schmerzlich, daß er so einsam und traurig zurückbliebe. Hoffnungslos kniete der Direktor an ihrem Sarge und konnte sich nicht vorstellen, wie er ohne sein liebes, treues Frauchen leben solle; täglich ging er zu ihrem Grabe, schmückte es mit frischen Blumen und fühlte sich namenlos unglücklich. Am liebsten weilte er bei Gontraus, wo er mit Ilse stundenlang über seine geliebte Nellie reden konnte. Auch Ilse war untröstlich über den Verlust ihrer Freundin; sie hatte sie treu gepflegt und doch machte sie sich jetzt Vorwürfe, daß sie nicht genug für sie getan und dem sanften, aufopfernden Wesen die Liebe und Hingebung nicht mehr gelohnt hatte. Auch sie fand Trost in Althoffs Gesellschaft und wurde nicht müde ihn zu beklagen und mit ihm zu leiden.
Doch die Zeit ist das beste Heilmittel für alle Wunden, und so geschah es denn auch, daß der Direktor ab und zu seinen täglichen Spaziergang nach dem Friedhof versäumte, auch wieder über andere Dinge redete und nicht mehr so häufig zu Gontraus kam. Eines Abends, als Ilse mit Leo und Onkel Heinz aus einem Konzert heimkehrte, fanden sie eine gedruckte Anzeige vor, die ihr von der Verlobung Dr. Althoffs mit Frau Gebel, der Witwe eines Regierungsrates, Mitteilung machte.
Ilses Enttäuschung kannte keine Grenzen. Heftig warf sie den Brief auf die Erde und erklärte es für eine Schmach, daß Althoff Nellie, seine engelhafte Frau so rasch vergessen habe. Sie wollte ihn nie wiedersehen.
„Das ist doch übertrieben, liebste Ilse,“ sagte Leo. „Bedenke doch, wie Fred von seiner Frau gehegt, gepflegt und verwöhnt war und wie einsam und unglücklich der arme Mann sich nun fühlen mußte. Wenn er aufs neue häusliche Gemütlichkeit und Glück sucht, darfst du ihn wirklich nicht beurteilen.“
„Verehrte Frau,“ fügte der Professor in seinem gewohnten spöttischen Ton hinzu, „nicht alle Männer sind schon in der Wiege zu alten Junggesellen oder vertrockneten Bücherwürmern bestimmt!“
Ihre Worte gossen aber nur Oel ins Feuer. Der Trotzkopf der Jugendzeit, der sich jetzt so selten zeigte, daß man seine Existenz beinahe vergessen hatte, kam wieder einmal zum Vorschein.
„Unsinn,“ rief sie heftig, „natürlich müßt ihr ihm die Stange halten; die Männer sind sich alle gleich, herzlose Egoisten, welche die Liebe einer Frau nicht verdienen und sie nur zu schnell vergessen.“
„Aber Ilse,“ wandte Leo ein.
„Schweig still, du würdest es gerade so machen, wenn ich gestorben wäre,“ klagte sie weinend.
„Das weißt du wohl besser, Liebste,“ nahm Gontrau ernst das Wort. „Aber wir dürfen andere nicht gleich verurteilen, wenn sie unter Umständen anders handeln, als wir an ihrer Stelle getan hätten. Wenn auch nicht alle Männer imstande sind, nur einmal im Leben und für immer zu lieben, so ist es doch sehr gut möglich, daß ihre Zuneigung warm und echt ist.“
„Kein einziger Mann besitzt die Fähigkeit, nur einmal im Leben zu lieben,“ erklärte Ilse, noch immer zürnend, „ausgenommen der meinige,“ fügte sie plötzlich hinzu, den traurigen, vorwurfsvollen Blick bemerkend, mit dem Leo sie anschaute, und sie schmiegte den Kopf an seine Schulter.
Professor Fuchs sah die beiden an, und als Ilses Blick dem seinen begegnete, meinte sie einen eigentümlichen Ausdruck darin zu lesen und fragte:
„Na, Herr Professor, Sie sind natürlich wieder nicht meiner Meinung?“
Aber statt der streitsüchtigen Antwort, die sie zu hören erwartete und auf die gewöhnlich ein hitziger Wortwechsel folgte, erwiderte Onkel Heinz milde:
„Nein, Frau Gontrau, denn ich weiß, daß es Männer gibt, die ebenso treu wie eine Frau zu lieben vermögen, ihr ganzes Leben lang, selbst ohne Gegenliebe und ohne die Hoffnung, jemals glücklich zu werden.“
Gedankenvoll starrte er vor sich hin, und sein Antlitz zeigte denselben Ausdruck, der Ilse jetzt nicht mehr — wie vor vielen Jahren — in Bestürzung versetzte, der sie jetzt nur mit Mitleid erfüllte, warum, wußte sie selbst nicht zu sagen.
Wenn Frau Ilse bei ruhigerer Überlegung auch zugeben mußte, daß Direktor Althoffs Benehmen zu entschuldigen war, so empfing sie ihn doch mit sehr kühler Höflichkeit, als er ihr seine Braut vorstellte. Instinktiv fühlten beide, daß die alte Freundschaft aufgehört hatte, und obwohl sie sich dann und wann sahen, war doch von dem früheren herzlichen Verkehr keine Rede mehr. Ilse konnte es Fred nicht verzeihen, daß er Nellies Platz von einer andern einnehmen ließ. Als es sich nach einiger Zeit herausstellte, daß seine zweite Frau lange nicht so liebevoll und sanft war wie die verstorbene, daß der Direktor recht schön unter dem Pantoffel stand und von Verhätscheln und Verwöhnen keine Rede war, empfand sie nicht das geringste Mitleid mit ihm, sondern erklärte, daß er nur ernte, was er verdient hatte.
Wieder vergingen viele Jahre. Die Enkel in San Franzisko wurden groß und schrieben nette deutsche Briefchen an Großpapa und Großmama Gontrau. Ruths Sohn, der jetzt im vierzehnten Jahre stand, fing an, eine so überraschende musikalische Begabung zu zeigen, daß seine Eltern stark daran dachten, auch ihn die Künstlerlaufbahn einschlagen zu lassen. Da geschah etwas Schreckliches und der schwerste Schlag, der sie treffen konnte, beugte Ilse für eine Zeit völlig nieder.
Obwohl fast sechzig Jahre alt, stand Professor Gontrau doch noch in voller Manneskraft und kam seinen vielen Amtsgeschäften mit Eifer und Treue nach. Ihm und Ilse schwanden die Jahre fast unmerklich dahin, und beide sahen für ihr Alter wunderbar jung und frisch aus. Das kam von dem vielen Glück, das ihnen das Schicksal bescherte, und von der großen Liebe, mit der sie sich gegenseitig umgaben. Da zog sich Gontrau, der nie krank gewesen war, eine Erkältung zu, die er anfänglich vernachlässigte. Sie hatte eine schwere Lungenentzündung zur Folge, die ihn innerhalb einer Woche dahinraffte. So schnell und heftig hatte die Krankheit zugenommen, daß Ruth und ihr Mann, die in Paris weilten, kaum Zeit fanden, an das Sterbebett ihres Vaters zu eilen, und erst ein paar Stunden vor seinem Hinscheiden eintrafen. Sie waren tief betrübt; ihre Kinder, Gustav und die kleine Irma, weinten heiße Tränen, weil der liebe Großpapa, an dem sie so zärtlich hingen, von ihnen ging. Fritz und Marianne schrieben aus San Franzisko trostlose Briefe.
Im Kreise der Rechtsgelehrten, zu dem Professor Gontrau gehörte, herrschte große Betrübnis, aber kein Schmerz war mit der starren Verzweiflung zu vergleichen, die sich Ilses bemächtigt hatte. Von allen Seiten wurden ihr Zeichen der Teilnahme entgegengebracht. Ruth und die Kinder blieben wochenlang bei ihr. Die Tochter bot allem auf, um ihre Mutter zu trösten. Professor Fuchs zeigte in seiner eigenartigen Weise, wie innig er mit der Witwe fühlte. Flora Werner kam selbst vom Lande herein und war so herzlich, daß Onkel Heinz, der sie immer noch überspannt gefunden und sich nie viel aus ihr gemacht hatte, sich ganz mit ihr aussöhnte. Doch alles war vergebens, Ilse wollte keinen Trost gelten lassen. Bis dahin noch eine hübsche, stattliche Dame hatte sie sich im Laufe weniger Monate in eine alte Frau mit schneeweißem Haar verwandelt; die früher so lebhaften Augen starrten erloschen aus dem bleichen, hager gewordenen Antlitz, die stets so beschäftigten Hände lagen tagelang müßig im Schoß!
Mit Tränen in den Augen hatte Ruth sie oft umarmt und angefleht, sich um aller derer willen, die sie so innig liebten, doch ein wenig aufzuraffen.
„Ich kann nicht, Kind,“ lautete die traurige Antwort, „selbst wenn ich wollte. Glaube mir, das beste für mich wäre, wenn ich deinem teuren Vater bald folgen könnte.“
Mit zusammengezogenen Brauen und einem Gesicht, das sich je länger je mehr verdüsterte, bemerkte Onkel Heinz, der fast täglich in dem Gontrauschen Hause weilte, diese traurige Veränderung. Anfangs hatte er das größte Verständnis für Ilse gehabt und nicht gewußt, wie zart er mit ihr umgehen sollte. Allmählich aber sah er die Sachen mit andern Augen an und beschloß einmal ein ernstes Wort zu reden.
„Wissen Sie, Frau Gontrau,“ begann er, als er mit ihr allein war, „woraus wir, meiner Ansicht nach, Trost schöpfen können, wenn wir unsre Liebsten verloren haben?“
Ilse schlug die brennenden Augenlider auf und schaute ihn fragend, mit einem Schimmer von Interesse an.
„Wenn wir in ihrem Geiste weiterleben,“ fuhr der alte Mann fort, „wenn wir genau dasselbe tun, womit wir sie glücklich machten, als sie noch bei uns weilten.“
„Vielleicht,“ versetzte Ilse mit bitterm Lächeln.
„Sie aber tun das nicht,“ fuhr Onkel Heinz erbarmungslos fort. „Oder glauben Sie, der gute Gontrau würde sich darüber freuen, wenn er wüßte, daß Sie sich so gehen lassen, sich sogar gegen die Liebe Ihrer Kinder gleichgültig zeigen und auf dem besten Wege sind, Ihre Gesundheit zu zerstören und sich aufzureiben?“
„Zum Glück weiß er das nicht.“
„Sind Sie dessen ganz sicher? Und selbst wenn dem so wäre, der Gedanke, in dem Geist und Sinn unserer lieben Verstorbenen weiter zu leben, ist ein festes, köstliches Band, das uns mit ihnen verbindet. Jedenfalls finde ich Sie in Ihrem Leid ganz besonders egoistisch und undankbar.“
Ilse stand auf, ihre trüben Augen fingen an zu funkeln, etwas von ihrer alten Natur wurde wach in ihr, und sie rief entrüstet: „Wie dürfen Sie es wagen, so zu mir zu sprechen? Ich verlange nichts, als daß man mich mit meinem Schmerz allein läßt! Egoistisch, undankbar! Wie sollte ich Ursache haben, dankbar zu sein, ich, über die das größte Leid gekommen ist, das eine Frau treffen kann!“
Onkel Heinz ließ sich jedoch nicht abschrecken; er war schon froh, daß er sie aus ihrer Apathie aufgerüttelt hatte, und fuhr ruhig fort:
„Egoistisch, weil Sie nur an sich denken und ganz vergessen, daß es Ihre Pflicht ist — und nichts weiter als Ihre Pflicht und Schuldigkeit — für Ihre Kinder zu leben und ihnen durch doppelte Liebe den Vater zu ersetzen. Undankbar, weil Sie all das Gute nicht erkennen, was Ihnen noch geblieben ist. Wer sind Sie denn, Frau Ilse, und auf welchen Standpunkt stellen Sie sich eigentlich, um so viel vom Leben fordern zu dürfen?“
„Ich?“ stammelte sie verständnislos.
„Ja, Sie,“ wiederholte er heftig. „Alle Segnungen, die ein Menschenleben glücklich gestalten können, sind Ihnen zu teil geworden. Sie haben eine sorgenlose Jugend genossen, waren schön und gesund, durften den Mann heiraten, den Sie unaussprechlich liebten. Ihre Kinder haben Ihnen nie eine trübe Stunde bereitet; auch an irdischen Glücksgütern fehlte es nicht. Mehr als dreißig Jahre waren Sie mit Ihrem Manne vereint und haben die denkbar größte Seligkeit erfahren.“
„Ja, aber eben gerade deshalb ist es jetzt so fürchterlich,“ schluchzte Ilse. „Gerade weil ich meinen Mann so geliebt habe, so glücklich mit ihm gewesen bin, kann ich ihn nicht entbehren, und es ist so trostlos, ohne ihn leben zu müssen. Aber davon wissen Sie nichts, das können Sie nicht verstehen.“
Onkel Heinz lächelte traurig.
„Nein, das kann ich natürlich nicht verstehen; aber wissen Sie, Frau Gontrau, was ich außerdem auch nicht verstehe? Daß Sie sich niemals die Frage vorgelegt haben, in welchen Beziehungen Sie denn so viel besser, weiser und liebenswürdiger sind als andre, um so bevorzugt zu werden. Denn ich sage Ihnen, tausende schmachten nach dem Glück, das Ihnen mühelos in den Schoß gefallen ist. Tausende müssen im Leben sich begnügen, die reichbesetzte Tafel anderer zu sehen, und lernen, sich neidlos an fremdem Glück zu freuen, ohne daß ihnen von den begehrenswerten Schätzen das Geringste zu teil wird.“
Seine Stimme klang seltsam bewegt, was ihr nicht entging; und als sie durch ihre Tränen zu ihm aufschaute, sah sie, daß er ganz gerührt war. Freundlich reichte sie ihm die Hand und flüsterte:
„Sie haben Recht, ich will mich zusammennehmen.“
Und sie hielt Wort. Zwar wurde sie nicht mehr die alte Ilse, die sie früher gewesen war, aber sie lernte, sich in das Unabänderliche schicken, zehrte vom Glück, das sie früher besessen hatte, und konnte dankbar sein für das, was ihr geblieben war. Niemand, selbst Ruth nicht, erfuhr, was der alte Professor mit ihr verhandelt hatte. Ihre Kinder schrieben die günstige Veränderung der alles heilenden Zeit zu.
Einige Jahre später baten Ruth und ihr Gatte, Heinrich von Holten, Großmama Ilse, ihr Töchterchen Irma auf unbestimmte Zeit in ihr Haus zu nehmen. Durch ihren Beruf gezwungen, waren sie viel auf Reisen und konnten nie lange an einem Ort verweilen. Dies unstäte Leben mußte die Erziehung des heranwachsenden Mädchens ungünstig beeinflussen. Mit Gustav war das etwas anderes; der Knabe spielte bereits so meisterhaft Klavier, daß er seine Eltern nicht nur begleitete, sondern sich schon selber öffentlich hören ließ. Irma aber war nicht künstlerisch veranlagt, für sie paßte dies ruhelose Leben nicht. Mit welcher Freude Frau Ilse die Bitte ihrer Tochter erfüllte, läßt sich denken. Sie fühlte sich oft sehr einsam, und nun, wo die hübsche, lustige Irma ihr Gesellschaft leistete, erwachte wieder viel von ihrer früheren Lebenslust.
Alle diese Ereignisse zogen an Ilses Geist vorüber, während sie in ihrem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer saß. Sie erkannte, wie sie es eigentlich Onkel Heinz verdankte, daß sie nun mit Freuden der Ankunft ihrer unbekannten Großkinder entgegensah, und sich auf die spätere Heimkehr von Fritz und Marianne aus dem fernen Lande freuen konnte; und ein Gefühl der Dankbarkeit gegen ihren alten Freund erfüllte sie. —
Unterdessen waren Professor Fuchs und Irma auf dem Bahnhof angelangt und schritten ziemlich ungeduldig auf dem überdachten Bahnsteig hin und her, um die Ankunft des Zuges zu erwarten.
„Glaubst du, daß wir sie schnell herausfinden, Onkel?“ fragte Irma.
„Aber natürlich, sie werden Lärm genug machen.“
„Ich bin so schrecklich neugierig; wenn der Zug nur erst käme, es ist nicht mehr auszuhalten!“
Ein schriller, langgezogener Pfiff in der Ferne, ein immer lauter werdendes Getöse verriet, daß die Wartezeit ein Ende hatte.
„Ruhig!“ mahnte Onkel Heinz, als Irma ihn mitten ins Menschengewühl hineinziehen wollte. „Glaubst du, mir macht's Vergnügen, auf meinen schmerzenden Fuß getreten zu werden? Wir bleiben hier stehen, dicht neben dem Eingang, da müssen sie vorbeikommen, und wir können sie nicht verfehlen.“
Irma wäre lieber weitergegangen, aber sie nahm sich zusammen, reckte sich, so viel sie konnte, und bemühte sich, mit ihren scharfen Augen die Erwarteten zu entdecken.
„Ach, ich fürchte, sie sind nicht da,“ flüsterte sie enttäuscht.
„Ich glaube, du bist meine Cousine Irma von Holten,“ sagte plötzlich eine helle Stimme in reinstem Deutsch dicht neben ihr, und vor ihr standen zwei junge Mädchen mit einem Knaben von etwa zehn Jahren.
„Maud! Agnes!“ rief Irma erfreut, „seid ihr's wirklich? Ach wie schön, daß wir euch gefunden haben.“
Sie war doch etwas verlegen und warf rasch einen Seitenblick auf die Amerikaner. Die beiden Mädchen waren groß und schlank, trugen sehr einfache Reisekostüme von dunklem Stoff, gut, aber ohne jede Verzierung gearbeitet, um den Hals einen weißen Kragen mit einer hübsch geschlungenen Krawatte. Irma fand, daß sie jungenhaft aussahen, besonders Maud, deren dunkles Haar kurz geschnitten war. Beide trugen Filzhüte mit einem breiten glatten Band und einer steif aufrechtstehenden Hahnenfeder. Der Knabe sah allerliebst aus. Er war klein für sein Alter, hatte aber ein kluges, verschmitztes Gesicht. Mit seinem langen Beinkleid, seiner kurzen Jacke und hohem Hut glich er einem Herrn en miniature. Alle drei schienen ihren Handkoffer mit Vergnügen selbst zu tragen; in ihrer Kleidung wie in ihrem Äußern lag etwas höchst Korrektes, und sie sahen durchaus nicht ermüdet und abgespannt aus.
„Sie müssen Onkel Heinz sein,“ sagte Maud, auf den Professor zutretend, „Vater und Mutter haben uns so viel von Ihnen erzählt, daß wir sie überall herausfinden würden.“
„Na, na, ihr Taugenichtse, eure Eltern haben mich seit zwanzig Jahren nicht gesehen, was können sie da noch von mir behalten haben?“ fragte der Professor, dessen Antlitz vor Freude strahlte.
„O,“ nahm der kleine Karl das Wort, „Sie sind gewiß nur ein bißchen weißer geworden, aber den Spitzbart und das lustige Gesicht haben Sie wohl immer gehabt.“
„Nu hör' mir einer so 'nen Junker Naseweis an, was sagst du zu so 'nem Dandy, Irma?“
Die Amerikaner waren so zutraulich und liebenswürdig, daß es Irma nach kaum fünf Minuten schien, als hätten sie sich schon seit Jahren gekannt.
An der Treppe, die vom Bahnsteig hinunterführte, bot Agnes Onkel Heinz den Arm, und der kleine Junge lief voraus, öffnete die Türen des Wartesaales und sah sich sofort nach dem Wagen um. Dienstfertig riß er den Schlag auf, half den jungen Damen und Onkel Heinz beim Einsteigen und kletterte, da im Innern kein Platz mehr für ihn war, auf den Bock; das alles tat er mit einer Gewandheit und Selbstverständlichkeit, als ob er zwanzig und nicht zwölf Jahre alt wäre.
„Aber wir vergessen ja das Gepäck,“ rief Irma, „wo sind eure Koffer?“
„Wir haben nichts weiter als unser Handgepäck,“ entgegnete Maud.
„Nichts als diese kleinen Köfferchen, und damit habt ihr eine solche Reise gemacht?“
„Nun, was brauchen wir mehr? Ein gutes, handfestes Reisekostüm, eine seidene Bluse und ein heller Rock, das genügt. Wäsche kann man an jedem Ort kaufen oder waschen lassen. Viel Gepäck auf der Reise ist unpraktisch.“
Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Hause der Frau Gontrau. Die Doppeltüre öffnete sich, noch ehe der Kutscher klingeln konnte. Bebend vor Rührung stieg Irma zuerst aus und ging ins Vorzimmer. Dort stand Großmutter Ilse und hieß ihre Enkelkinder mit Tränen in den Augen willkommen.
„Liebste, beste Großmutter! Sehen wir dich endlich?“ riefen die Mädchen, und alle drei eilten zu gleicher Zeit auf sie zu.
Während einiger Minuten hörte man nichts als unterdrücktes Schluchzen, Liebkosungen und einzelne Ausrufe. Endlich beruhigten sich die Gemüter ein wenig und entzückt schaute Ilse die Kinder an.
„Sehen Sie mal, Onkel Heinz,“ rief sie erregt, „ist Maud nicht ihrem Vater wie aus den Augen geschnitten? Und Agnes, du gleichst auf ein Haar deiner lieben Mutter, auch so blond und sanft. Wann kommen eure Eltern, liebe Kinder?“
„In sechs Wochen etwa, Großmama. Wir müssen erst ein Haus mieten und einrichten.“
„Wem seh ich ähnlich, Großmama?“ fragte Karl.
„Das weiß ich noch nicht, mein lieber Junge.“
„Die Mutter sagt,“ nahm Maud das Wort, „daß er viel vom Großvater hat,“ und sie schaute nach einem lebensgroßen Porträt Leos, das an der Wand hing.
Das gab Ilse einen Stich ins Herz. Ach, wie oft hatte Leo sich auf das Wiedersehen mit seinen Kindern und Enkeln gefreut; wie innig hatte er gewünscht, daß sein Schwiegersohn Fritz einen Wirkungskreis in ihrer Nähe finden und seinem Adoptivvaterlande Lebewohl sagen möchte. Nun, wo sich sein Wunsch erfüllte, konnte er sich nicht mehr daran erfreuen. Verräterisch bebten die Lippen der alten Frau, da bemerkte sie, wie Onkel Heinz sie ernst und ermutigend anschaute. Der Gedanke, daß er nur zu gut verstand, was in ihr vorging, gab ihr Kraft; tapfer schluckte sie die Tränen hinunter und sagte heiter:
„Aber Kinder, ihr müßt ja totmüde sein. Irma, führe sie nach oben und zeige ihnen ihre Zimmer, dann können sie sich vor dem Abendessen etwas ruhen.“
„Nicht nötig, Großmama,“ fiel Agnes lebhaft ein. „Wir haben heute nacht im Zuge herrlich geschlafen und es uns ganz bequem gemacht. Das Einzige, was uns nottut, ist etwas zu essen. Nicht wahr, Maud? Nicht, Karl?“
„O, dann gehen wir gleich zu Tisch,“ schlug Ilse vor. „Folgt mir nur ins Eßzimmer, Kinder. Kommen Sie, Onkel Heinz!“
Lachend nahm sie den Arm des alten Herrn und schritt voraus, während Irma sich im Stillen wunderte, wie man länger als zwanzig Stunden in einer Tour reisen und dann erklären konnte, nicht müde zu sein.
Bald war die ganze Familie gemütlich um die Abendtafel versammelt. Der Tisch war festlich gedeckt mit einem weißen Tuch, in das mit feiner, blauer Baumwolle Figuren und Sprüche eingestickt waren, und zeigte Überfluß an wertvollem, altdeutschem Porzellan, schön geschliffenem Kristall, Blumen und Früchten. An dem altmodischen kupfernen Kronleuchter waren alle Kerzen entzündet und auf dem Buffet von Eichenholz standen sogar ein paar Flaschen Sekt in Eis.
Die amerikanischen Gäste taten dem Festmahl die größte Ehre an, und alle schwatzten lustig und lebhaft durcheinander.
„Kinder,“ fragte Ilse im Laufe des Gesprächs, „wie gefällt euch Paris?“
„Herrlich, Großmama. Eine großartige, fröhliche Stadt. Entzückend mit all den großen Plätzen und Parks, dem vielen Grün und der Blumenpracht. Jetzt war es ganz besonders schön, denn Flieder und Kastanien standen in vollster Blüte.“
„Herrscht nicht ein schrecklicher Trubel dort?“
„Nein, bei uns geht's lebhafter zu, da gibt's viel mehr Lärm und Hasten, und die Menschen haben mehr zu tun, aber in Paris ist alles eleganter, reicher.“
„War's euch nicht angst, so ganz allein in der großen fremden Stadt?“ fragte Irma neugierig.
„Ganz allein?“ rief Karl lachend; „wir waren doch zu dritt.“
„Ja, aber ihr seid doch so jung und wart fremd und hattet keine Bekannten, die euch herumführen und euch alles zeigen konnten.“
Maud lachte. „Wir kannten niemand; Tante Ruth hat, glaube ich, an einige Familien geschrieben, sich unserer anzunehmen. Aber wir fanden es so umständlich, erst Besuche zu machen, das nahm uns Zeit, und es gab doch so viel zu sehen.“
„Das ist schade,“ meinte Ilse. „Ohne Begleitung konntet ihr doch nicht in die Theater gehen, und dadurch habt ihr viel verloren.“
„Ich verstehe dich nicht, Großmama, wir sind in verschiedenen Theatern gewesen.“
„Allein?“
„Wir drei und manchmal wir beide, wenn es für Karl zu spät wurde.“
„Ihr beiden jungen Mädchen allein, des Abends, im Pariser Theater,“ sagte Ilse erstaunt, „wußten eure Eltern das?“
„Natürlich, Großmama. Wir gehen immer allein aus, überall hin. Alle amerikanischen Mädchen tun das, und niemand findet etwas darin.“
„Ich würde das nicht wagen,“ gestand Irma.
„Was bist du für ein Dummchen,“ fuhr Maud fort. „Wie umständlich und lästig ist es, immer von irgend jemand abhängig zu sein. Wir sind's gewöhnt, alles allein und selbständig zu besorgen. Und das ist wirklich das einzig Richtige.“
„Aber Kinder,“ fragte Ilse, „habt ihr in Paris denn nie eine unangenehme Begegnung gehabt?“
„Nicht ein einzigesmal, Großmama,“ versicherte Agnes. „Niemand achtete auf uns, ruhig und still, den Reiseführer in der Hand, gingen wir unsres Weges. Hatten wir was zu fragen, wiesen die Leute uns stets freundlich und höflich zurecht. Wir waren immer sehr einfach gekleidet, und jeder sah gleich, daß wir Fremde waren.“
„Nun,“ nahm die Großmutter wieder das Wort, „ich versichere euch, daß in meiner Jugend niemand so was gewagt hätte. Und ich war noch ein kecker Tollkopf, aber davor wäre mir doch bange gewesen. Was sagen Sie dazu, Onkel Heinz?“
Der alte Herr hatte behaglich schmunzelnd zugehört.
„O!“ meinte er, „mir gefällt das alles ausgezeichnet; Sie wissen ja, daß ich auf die übertriebenen Formen und Komplimente nichts gebe. Ich bin für die amerikanischen Mädchen. Und da nun gerade der Sekt eingegossen wird, schlage ich vor, sie leben zu lassen.“
Fröhlich stimmte jeder in dies Lebehoch ein; aber nun war es spät geworden, und man trennte sich. Die jungen Gäste wurden auf ihre Zimmer geführt, und bald herrschte tiefste Stille im ganzen Hause.
Am nächsten Morgen sandte die strahlende Maisonne Lichtfunken durch die Stäbe der heruntergelassenen Jalousien in Irmas Zimmer, und endlich gelang es ihr, das junge Mädchen aufzuwecken. Irma richtete sich auf und schaute umher in dem hübschen Gemach mit den hell bezogenen Möbeln und den weißen, mit blauen Schleifen aufgenommenen Gardinen. Sie rieb sich die Augen, nickte den Bildern ihrer Eltern und ihres Bruders, die auf dem Schreibtisch standen, einen Morgengruß zu und dann, ohne daß sie sich recht darauf besinnen konnte, fiel ihr ein, daß gestern abend etwas sehr Nettes passiert war. Ach ja, die Ankunft der amerikanischen Cousinen! Sie sah nach der Uhr und merkte mit Schrecken, daß es schon sehr spät war und sie die Zeit verschlafen hatte. Eilig sprang sie aus dem Bett und kleidete sich an.
Bei Großmama schadete das nichts, die machte kein böses Gesicht, wenn sie ein bißchen spät herunterkam, aber was würden die amerikanischen Cousinen denken? Irma war ein recht verwöhntes Kind, ein verzogenes Püppchen; da sie aber so liebenswürdig, sanft und herzlich war, ließ Großmutter Ilse ihr in ihren kleinen Liebhabereien und Neigungen, die sie nur noch bezaubernder machten, ihren freien Willen. Sie war nicht eitler als die meisten jungen Mädchen, obwohl sie wußte, daß sie ein reizendes Gesichtchen hatte, mit blauen Vergißmeinnichtaugen und einer Fülle krausen goldblonden Haares. Sie hielt sehr darauf, nett angezogen zu sein, und brauchte viel Zeit zur Toilette, aber das Resultat war dann auch stets ein so befriedigendes, daß die Großmutter, selbst wenn sie zuweilen über solche Zeitvergeudung schalt, sich heimlich gestehen mußte, daß das kleine Ding unwiderstehlich reizend aussah.
Denselben Gedanken hatten auch die amerikanischen Cousinen, als Irma nun endlich in einem blau und weiß gestreiften Morgenkleide sich zu ihnen gesellte, und der kleine Karl, der sich bereits im Zimmer seiner Schwestern befand, erklärte Irma für das schönste Mädchen, das er je gesehen.
„Dummer Junge!“ rief sie lachend, aber geschmeichelt fühlte sie sich doch. „Was ist das mit euch?“ fuhr sie fort, erstaunt erst die beiden Mädchen ansehend und dann im Zimmer umherblickend.
Maud und Agnes waren, wie Karl, bereits zum Ausgehen gerüstet, bis auf Hut und Handschuhe. Aber auch das Zimmer war schon völlig fertig, die Betten gemacht, die Waschtische in Ordnung gebracht, überall Staub gewischt, ja Agnes war beschäftigt, den Pflanzen, die auf dem Balkon standen, Wasser zu geben.
„Warum habt ihr das alles selbst besorgt?“ fragte Irma verwundert.
„Das sind wir so gewöhnt.“
„Aber dazu sind doch die Dienstmädchen da.“
„Gewiß,“ versetzte Maud, „doch wir lieben es nicht, uns bedienen zu lassen. Was wir selbst tun können, tun wir auch selber. Bei uns haben wir keine Bedienten in dem Sinne, wie ihr das versteht. Zu gewissen Arbeiten, die wir nicht verrichten können, kommen Leute stundenweise jeden Tag; dann gehen sie wieder. Sie werden fast als unsres Gleichen angesehen. Die Mutter erzählte uns, daß es hier ganz anders ist, aber so rasch können wir uns daran nicht gewöhnen.“
Großmutter Ilse erwartete das junge Volk im Eßzimmer, dessen weit offenstehende Glastüren in den Garten führten. Nach dem Frühstück wurde ein Tagesprogramm entworfen. Die Mädchen wollten sich am liebsten gleich nach einer passenden Wohnung umsehen. Sie ersuchten Großmama und Irma nachzudenken, welches Stadtviertel das geeignetste wäre, damit sie keine unnötigen Wege zu machen brauchten.
„Aber erst,“ erklärte Maud, „muß ich zwei Briefe schreiben, oder besser, du, Agnes, schreibst den an unsre Eltern, das erspart Zeit. Den andern muß ich selbst erledigen.“
Sie wurde dabei rot, und Irma forschte lachend:
„Ist er so wichtig, daß du ihn nicht bis zum Nachmittag aufschieben kannst?“
„Ja,“ versetzte Maud, „denn dieser Brief ist für meinen Verlobten bestimmt.“
Großmama und Irma machten erstaunte Gesichter.
„Du bist schon Braut, mein Kind?“ fragte erstere. „Und davon erfuhr ich nichts. Das ist doch nicht auf der Reise zustande gekommen?“ fügte sie hinzu, fürchtend, daß ihre Enkelin ohne Wissen der Eltern einen unüberlegten Schritt getan haben möchte.
„Nein, Großmama,“ erwiderte Maud ruhig. „John und ich, wir sind schon fast ein Jahr verlobt. Er ist eine Waise, Vater und Mutter haben es vom ersten Tage an gewußt. Der Vater hielt es für besser, nicht darüber zu reden, denn es dauert noch ein Jahr, bis John fertig ist und wir heiraten können. Daher haben wir nichts davon in unseren Briefen erwähnt, aber ich wollte es dir natürlich gleich mitteilen.“
„Und was ist dein Bräutigam?“
„Im Augenblick Heizer auf einer Lokomotive.“
„Was!“ riefen Ilse und Irma, im höchsten Grade erstaunt, wie aus einem Munde.
„Heizer auf einer Lokomotive,“ wiederholte das junge Mädchen mit größter Gemütsruhe.
„Ist er denn ein Arbeitsmann?“ fragte Irma kleinlaut.
Maud fing an zu lachen.
„Hab' nur keine Angst. Mein John ist Ingenieur und wird übers Jahr zweiter Direktor einer großen Dampfmaschinenfabrik. Aber er muß auch praktisch lernen und daher dient er eine Zeitlang als einfacher Arbeiter.“
„Ein gewöhnlicher Heizer,“ nahm Irma das Wort, und ihre blauen Augen wurden immer größer vor Verwunderung, „mit 'nem Arbeitskittel und schwarzem Gesicht und schmutzigen Händen?“
Maud ärgerte sich ein bißchen, Agnes aber brach in lustiges Gelächter aus.
„Was bist du doch für ein dummes Gänschen, Irma; wenn er sich gewaschen und umgezogen hat, sieht ihm niemand seine Beschäftigung an. John geht nicht in seinem Arbeitsrock in Gesellschaft.“
„Überdies,“ fiel Maud ein, „ist ein Arbeiter bei uns gerade so gut ein Gentleman wie jeder andere, es kommt nur auf die Persönlichkeit an. Uns ist gelehrt, daß keine Arbeit schändet.“
„Da hast du ganz recht,“ meinte Ilse, „aber du mußt es meiner kleinen Irma nicht übelnehmen, daß sie etwas erstaunt ist. Sind die Sitten und Gebräuche in Amerika auch anders, im Grunde genommen haben wir doch dieselben Ansichten. So willst du uns also bald wieder verlassen, Maud?“
„In einem Jahr kommt John, um mich zu holen, Großmama.“
„Und du, Agnes.“
„O, du behältst mich zunächst bei dir, vielleicht für immer; ich habe keinen Verlobten in Amerika.“
Die jungen Mädchen schrieben ihre Briefe, und dann gingen sie mit Irma auf Wohnungssuche. Ilse wollte nach einem Wagen schicken, Maud aber erklärte, sie fände es bequemer zu Fuß zu gehen, dann könnten sie sich besser umschauen. Die Großmama mußte den Gedanken, sie zu begleiten, aufgeben, denn sie fürchtete die Anstrengung, auch bedurften ihre energischen Enkelinnen ihres Rates nicht, denn sie wußten genau, was sie brauchten. So konnte sie ihnen die Sache getrost überlassen. Irma ging zum Vergnügen mit. Sie gesellte sich zu Agnes, während Maud und Karl vorauswanderten, und eifrig beratschlagten. Die deutsche Cousine wunderte sich immer mehr und mehr über den Takt, die Ruhe und Geschäftskenntnisse, welche die fremden jungen Mädchen an den Tag legten. Sie erkundigten sich nach allem, sprachen mit Hauseigentümern und Verwaltern, machten solche praktische Bemerkungen, daß sogar die Männer sie erstaunt betrachteten, und endlich glückte es ihnen, dicht vor der Stadt ein geräumiges, von einem hübschen Garten umgebenes Haus zu mieten. Maud schlug vor, der Besitzer solle noch denselben Abend mit dem Kontrakt zu Frau Gontrau kommen, da die Sache eile. Das Haus konnten sie sofort beziehen, es sah sehr gut erhalten aus und bedurfte nur geringer Reparaturen.
„Ich glaube, daß ich arg dumm bin,“ sagte Irma seufzend, als sie, munter plaudernd, den Heimweg antraten. „Erst fand ich es sehr komisch, daß ihr allein herkamet und ein Haus für eure Eltern mieten solltet. Meinen Eltern würde es nie einfallen, mir einen solchen Auftrag zu geben. Ich würde es auch nicht können, denn noch nie in meinem Leben bin ich handelnd aufgetreten.“
„Dann wird es hohe Zeit,“ fand Maud. „Wie alt bist du eigentlich, Irma?“
„Siebzehn.“
„Agnes ist achtzehn, und ich werde nächstens zwanzig.“
„O, du kommst mir wie dreißig vor,“ rief Irma, „das heißt,“ fuhr sie erschrocken fort, „nicht in deinem Äußern, denn mit dem hübschen kurzen Gelock siehst du wie sechzehn aus, aber in deinem Tun und Lassen. Du bist so schrecklich verständig, ganz wie eine Frau.“
„Das will ich meinen,“ sagte Maud ruhig.
„Mach nur nicht so ein erschrecktes Gesicht, Irmachen,“ nahm Agnes freundlich das Wort. „Du brauchst nicht handelnd aufzutreten; du bist gerade so ein liebes, hübsches, kleines Ding, das sein Leben lang verhätschelt und beschützt werden muß.“
„Das möchte ich auch. Mir ist so bange vor emanzipierten Frauen.“
Maud mußte lachen. „Wir sind nicht emanzipiert. Wir haben nur gelernt, uns wenn nötig selbst zu helfen und unabhängig und frei aufzutreten, wo es gerade angebracht ist.“
„Aber ich will nicht unabhängig auftreten,“ beharrte Irma. „Wenn ich mal heirate, will ich von meinem Manne ganz abhängig sein, ihn als mir überlegen betrachten, als meinen Herrn und Gebieter; er aber muß mich verwöhnen, verhätscheln und in mir das kostbarste und schönste Wesen sehen, das ihm anvertraut ist. Er muß mich geradezu anbeten.“
„Das würde mir nicht genügen,“ erwiderte Maud und ihre Mundwinkel zuckten verächtlich. „Ich will meinem Manne Gefährtin und Helferin sein, keine Puppe, kein Schmuckstück.“
Irma antwortete nichts, sie nahm den Arm ihrer jüngeren Cousine. Ohne recht zu wissen weshalb, fühlte sie sich mehr zu Agnes hingezogen — ob das kam, weil diese sie schon zweimal schön und unwiderstehlich genannt hatte? Sie gestand sich das selbst nicht ein, fand Maud auch sehr lieb, aber die war drei Jahre älter und — Braut. Da war es wohl natürlich, daß sie sich mit Agnes inniger befreundete.
Die Mädchen baten Großmutter Ilse, nach dem Mittagessen das Haus mit ihnen zu besehen, ehe es endgültig gemietet wurde. Onkel Heinz, der sich erkundigen wollte, ob die Reisenden gut geschlafen hätten, schloß sich ihnen an. Beide waren höchst befriedigt, Ilse, weil das Haus nur ein Viertelstündchen von ihrer Wohnung entfernt lag, und der Professor, weil die Zimmer so geräumig, hoch und luftig waren. In heiterer, fast ausgelassener Stimmung durchschritten und besichtigten sie sämtliche Räume, und die Mädchen erzählten schon, wie sie alles einrichten wollten, als Ilse plötzlich erschrocken ausrief:
„Aber Kinder, wann geht ihr denn zu eurer Tante Elisabeth?“
Der kleine Karl schnitt Irma ein Gesicht, daß sie losprustete, Agnes sonniges Antlitz trübte sich und Maud sagte:
„Aber Großmama, dazu haben wir doch vor der Hand keine Zeit; es eilt auch nicht.“
„Doch, liebes Kind; sie ist die einzige Schwester deines Vaters.“
„Papa konnte Tante Elisabeth nie leiden; er machte sich nichts aus ihren Briefen,“ ergänzte Karl.
„Und doch hat er sicher gesagt, daß ihr gleich nach eurer Ankunft sie besuchen sollt,“ beharrte Ilse. „Was meinen Sie, Onkel Heinz?“
„Ach, was sollen die Kinder bei so 'ner langweiligen alten Jungfer?“
„Siehst du wohl, Großmama! Onkel Heinz muß es doch wissen,“ riefen die Mädchen wie aus einem Munde.
„Nein, Onkel Heinz weiß es nicht,“ erklärte Ilse bestimmt, dem Professor einen unzufriedenen Blick zuwerfend. „Denken Sie doch, wie einsam Tante Elisabeth ist! Seit dem Tode eurer Großmutter, der alten Frau Rosi Müller, lebt sie ganz allein. Nun sind die Kinder ihres einzigen Bruders aus Amerika gekommen, und es würde mehr als unartig und herzlos sein, wenn ihr sie nicht aufsuchen wolltet.“
„Großmama hat recht,“ pflichtete Maud bei, „morgen früh wollen wir zu ihr gehen.“
„Ich geh' aber nicht mit,“ rief Irma, „ich hab' keine Lust, getadelt zu werden wie ein kleines Kind. Jedesmal, wenn ich zu Fräulein Müller komme, muß ich anzügliche Bemerkungen hören, bald über meine Frisur, dann über meine Toilette, ja, einmal hat sie sich sogar herausgenommen mir zu sagen, daß du mich verziehst, Großmama.“
„Da hat sie aber vollkommen recht,“ stimmte Ilse lachend zu. „Du wirst mitgehen, Irma, schon um deinen Cousinen den Weg zu zeigen.“
„Ja,“ flüsterte Agnes, „komm nur mit, nachher lachen wir zusammen über die ‚old maid‘.“
Das Haus wurde gemietet, und während des ganzen übrigen Nachmittags und Abends stellten die Mädchen lange Listen von allem auf, was sie zur Einrichtung brauchten, denn sie wollten so bald wie möglich mit ihren Einkäufen beginnen. —
Pastor Adolf Müller war ungefähr sechs Jahre, nachdem sein Sohn Fritz sich mit Marianne Gontrau verheiratet hatte und nach San Franzisko gezogen war, gestorben. Rosi und ihre einzige Tochter Elisabeth hatten das freundliche Pfarrhaus verlassen müssen und waren nach einem andern Stadtteil übergesiedelt. Dort hatten sie eine Wohnung ganz nach ihrem Geschmack gefunden — ein düsteres, ziemlich großes Haus mit zwei Stockwerken, einem langen Korridor und einer Küche. Die dunkel tapezierten Zimmer wurden mit schweren, massiven Mahagonimöbeln ausgestattet. Rosi liebte helle Farben und neumodisches Mobiliar nicht, und Elisabeth teilte ihren Geschmack. Die Schränke, Tische und Stühle waren so glänzend poliert, daß ein Spiegel überflüssig schien, obgleich einer in schwarzem Rahmen über dem Kamin hing. Nirgends war ein Stäubchen zu entdecken, und alles stand fein säuberlich an der Wand in Reih und Glied, denn Rosi ärgerte sich über die verrückte Sitte, im Salon alles bunt durcheinander zu stellen. Die Kissen und gepolsterten Sitze der Sessel und Sophas waren mit riesigen gefältelten Schonern bedeckt, denn die beiden Damen, die wenig ausgingen, sich außer in der Kirche nie an öffentlichen Orten zeigten und selten Besuch bei sich sahen, beschäftigten sich vorzugsweise mit Handarbeiten. Durch die Heirat der Kinder wurde der Umgang mit der Familie Gontrau aufrecht erhalten, da aber auf beiden Seiten keine große Sympathie herrschte, nahm der Verkehr auch im Laufe der Jahre nicht zu. Rosi billigte es nicht, daß Ilses älteste Tochter Ruth einen Künstler geheiratet hatte, daß sie selbst Konzerte gab und viel mit Künstlern, ja sogar mit Schauspielern verkehrte. Leo und Ilse ertrugen Rosis beschränkte Ansichten um der Kinder willen, hüteten sich aber vor einem intimen Umgang.
Diese Umgebung war sicher nicht geeignet, um aus Elisabeth, die an sich schon ein steifes, zurückhaltendes Wesen besaß, ein fröhliches, liebenswürdiges Menschenkind zu machen. In ihrer Jugend hatte sie unter dem Druck gelebt, der seit Fritzens Flucht aus dem Elternhause jahrelang auf Rosi und Adolf lastete. Als später alles zum Guten ausschlug und Fritz als ein tüchtiger, vermögender self-made man aus der Fremde heimkehrte, galten alle Liebe, alle Aufmerksamkeiten ihm, und die bescheidene Elisabeth, die sich stets bemüht hatte, ihrer Mutter in strengster Pflichterfüllung nachzueifern, war ganz in den Hintergrund getreten. Der Pastor sah das wohl ein, er hatte aber nie viel zu sagen gehabt. Er bemühte sich, Rosi klar zu machen, daß sie Elisabeth in die Gesellschaft einführen müßten, damit sie ihre Jugend genießen könne. Rosi war nicht seiner Meinung; je stiller und unbeachteter ein junges Mädchen seinen Weg ging, desto besser. Ein ernster Mann wüßte es zu schätzen, wenn er ein Mädchen heiratete, das unbekannt und unbesprochen durch die Welt ging und dessen Tugenden im eignen Hause zur vollen Geltung kamen. Aber trotzdem erhielt Elisabeth nie einen Heiratsantrag. Anfangs war sie darüber unglücklich und beneidete ihre, in dieser Hinsicht bevorzugten Freundinnen.
Als die Jahre vergingen und die Aussichten immer mehr schwanden, wurde sie verbittert. Nachdem der Vater gestorben und sie mit der Mutter die düstere, kasernenartige Wohnung bezogen hatte, ergingen sich beide in lieblosen Gedanken und scharfen Äußerungen. Die eine verurteilte die Mütter, die alles daran setzten, ihren Töchtern einen Mann zu kapern, und die andre brach den Stab über die Mädchen, die den jungen Leuten nachliefen und dadurch ein Schandfleck ihres Geschlechtes wurden.
Solange die Mutter lebte, die mit ihr fühlte und für die sie sorgen konnte, verknöcherte Elisabeth noch nicht ganz, aber als sie nach ihrem Tode allein auf der Welt stand, wurde sie die unangenehme, bissige alte Jungfer, die sich für nichts interessierte als für die Sauberkeit und Ordnung in ihrem Haushalt, für einige Wohltätigkeitsbestrebungen, die mit echter Menschenliebe und Selbstverleugnung wenig zu schaffen hatten, für ihre Sammlung von Häkelmustern und für die Gesundheit ihrer Katze, ihres Kanarienvogels und ihres Hundes. Sie wurde geizig, mißtrauisch und klatschhaft; die Leute mieden und verlachten sie. Nur wenige hatten Mitleid mit ihr und sahen ein, daß sie wohl eine verrückte alte Jungfer, aber doch eigentlich ein beklagenswertes Geschöpf war, verdorben durch Erziehung und häusliche Verhältnisse. Ilse Gontrau, die selbst viel gelitten — erst durch Nellies Tod und dann vor allem durch den Verlust ihres geliebten Leo — urteilte milder und konnte es nicht leiden, wenn Elisabeth Müller von allen, besonders von den Männern und dem jungen Volke verspottet und lächerlich gemacht wurde. Sie sah in ihr eine arme Verlassene, an der das Glück mitleidslos vorübergegangen war. Wenn sie auch zugeben mußte, daß der Gegenstand ihres Mitleids höchst unsympathisch war; wenn sie auch für ihre guten Absichten stets unangenehme Redensarten zu hören bekam, sie blieb fest in ihren Bemühungen und gab sich daher auch jetzt erst zufrieden, als die Mädchen mit Karl sich am nächsten Morgen auf den Weg zu Tante Elisabeth machten.
„Brr!“ sagte der kleine Junge, „was für 'ne Straße! Das ist ja rein zum Gruseln.“
„Dort wohnt die Tante, in dem Haus mit den Spionen und den grünen Rollläden,“ belehrte Irma.
„Nicht verlockend,“ meinte Maud. „Warum steht bei dem herrlichen Wetter nirgends ein Fenster auf?“
„Damit kein Staub hineinkommt.“
„Glaubst du, Irma, daß sie uns was Leckeres anbieten wird?“ fragte Karl.
„Selbstverständlich. Aber wenn sie es tut, Kinder, nur nicht danken. Sie wagt gewiß nicht, es zu unterlassen, in der stillen Hoffnung, daß wir dankend ablehnen werden. Denn geizig ist sie!“
„So wird sie mir wohl keine Zigarre anbieten?“
„Kleiner Affe!“ rief Irma lachend, „darf er denn rauchen, Agnes?“
„Nein, Papa hat's ihm streng verboten, trotzdem tut er es manchmal doch.“
„Still, nicht klatschen,“ flüsterte Karl mit einem besorgten Blick auf Maud, die jedoch nicht acht gegeben hatte, sondern ihr ganzes Interesse der großen, dunkel gestrichenen Haustüre und den mit Rollläden und doppelten Vorhängen versehenen Fenstern widmete.
Sie zogen die Klingel und mußten lange warten. Endlich öffnete sich die Tür und ein bejahrtes Dienstmädchen mit sauren Mienen, in einem dunkelblauen Wollkleide mit kurzen Ärmeln und einer großen Leinenschürze, erschien in derselben.
„Ist Fräulein Müller zu Hause?“ fragte Irma.
„Ja, gnädiges Fräulein,“ lautete die Antwort mit einem keineswegs freundlichen Blick auf die kleine Gesellschaft.
„Nun, dann können wir wohl eintreten.“
„Nicht so rasch, bitte, ich weiß doch nicht, ob das Fräulein empfangen will.“
„Dann fragen Sie, aber so lange brauchen wir doch nicht hier auf der Matte zu stehen.“
„Wen soll ich melden?“
„Mich kennen Sie doch, Fräulein Irma von Holten? Und dann sagen Sie, daß die Nichten und der Neffe aus Amerika da sind.“
„So,“ erwiderte die Magd mit einem mißtrauischen Blick auf die Fremdlinge. „Treten Sie unterdes nur ein, aber bitte die Füße gut abzuputzen, draußen ist es schmutzig.“
„Ach, so was, die Straße ist knochentrocken,“ murmelte Irma, während sie den Cousinen und Karl voranging in den Salon.
„Was für ein freches Geschöpf,“ sagte Agnes.
„Wart' nur, Kind, das ist erst das Vorspiel, die Herrin ist noch ganz anders. Aber findet ihr es hier nicht außerordentlich gemütlich?“
Maud und Karl prusteten los, während Agnes sich neugierig umschaute.
Es war ein großes Gemach, aber es roch dumpfig und feucht, als ob es lange nicht gelüftet worden wäre. Vor dem hohen, breiten Fenster, das auf einen Hof hinausging, hingen schwere, dunkle Übergardinen. Dunkel waren auch Tapeten und Möbel, die wie Soldaten in Reih und Glied an den Wänden standen. Das goldene Sonnenlicht, die fröhlichen Farben der ersten hellen Sommertage waren sorgfältig ausgesperrt; hier schien alles düster, winterlich, feucht und bedrückend.
Maud, Karl und Irma hatten jedes auf der Kante eines Stuhles Platz genommen, ohne den Mut zu finden, ihn auch nur ein wenig von der Wand zu rücken.
Niemand kam.
„Brr,“ machte Irma, „hier bekommt man fast Lust, etwas ganz Tolles zu begehen, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.“
„Weißt du, was hier das Hübscheste ist?“ fragte Agnes, mit dem Fuß über den Boden gleitend.
„Nun?“
„Der Boden, das schönste Parkett kann nicht besser sein.“
In der Tat war der Linoleumteppich so glatt gebohnt, daß man bei jedem Schritt in Gefahr geriet, zu fallen.
„Herrlich zum Tanzen!“ rief Irma, und plötzlich sprang sie auf, faßte Agnes um die Taille und walzte mit ihr durch das Zimmer.
„Haltet ein, das dürft ihr nicht,“ bat Maud erschrocken, die beiden aber hörten nicht und Karl, von ihnen angesteckt, wurde nun auch ausgelassen, fing an mit den Fäusten auf dem Tisch zu trommeln und mit lauter Stimme zu singen:
„Come boys, push along
And let us all be gay.“
„Mein Gott, was geht hier vor?“ ertönte plötzlich eine angsterfüllte Stimme. Die Türe wurde geöffnet und Tante Elisabeth, durch den Lärm in ihrem sonst so stillen Hause zu Tode erschreckt, schaute hinein, gefolgt von der nicht minder entsetzten Grete.
„Das sind keine Amerikaner, gnädiges Fräulein,“ rief letztere, „das sind Wilde. Der Junge wird das Haus noch einreißen.“
Die Mädchen ließen sich los, und lachend wandte Irma sich dem alten Fräulein zu.
„Seien Sie nicht böse, Fräulein Müller. Wir machten ein Tänzchen, um uns die Zeit zu vertreiben, da Sie sich gar nicht sehen ließen. Dies sind Ihre Nichten Maud und Agnes, und der Bengel da ist Karl.“
„Vorgestern sind wir angekommen, liebe Tante,“ sagte Maud freundlich, „und hoffen, daß du froh bist, uns zu sehen.“
„Seid willkommen, ihr Mädchen,“ entgegnete die Tante und gab jeder einen Kuß. Karl reichte sie die Hand; vor dem Knaben mit seinem Schelmengesicht und den übermütig blitzenden Augen hatte sie buchstäblich Furcht. „Aber ich muß doch sagen, daß ihr eine sonderbare Manier habt, Besuche zu machen. Ist das Mode in Amerika?“
„Nein, Tante,“ erwiderte Agnes lachend. „Da ist nur dein gebohnter Fußboden schuld. So köstlich glatt, das verlockt unwiderstehlich zu einem Tänzchen. Wenn du das Zimmer ausräumst, kannst du im Winter hier eine herrliche Tanzgesellschaft geben.“
„So, die geb' ich aber nicht,“ klang es ziemlich gereizt zurück. „Grete, sieh mal nach, ob keine zu argen Schrammen im Boden sind, und reib' auch den Tisch ab, der Junge hat mit seinen warmen Händen Flecken darauf gemacht.“
Eine unbehagliche Stille entstand. Maud fühlte sich durch diesen mehr als unfreundlichen Empfang beleidigt. Irma und Agnes traten sich unter dem Tisch auf die Füße und wechselten beredte Blicke. Karl aber, dem es sofort klar wurde, daß er seine Tante nicht ausstehen könne, sann auf einen neuen Streich, mit dem er sie ärgern wollte. Tante Elisabeth betrachtete ihre Nichten neugierig und eingehend. Die Mädchen mißfielen ihr dank ihrer höchst einfachen Kleidung nicht; diese war ihr lieber wie Irmas Toilette, die immer höchst elegant und nach der neuesten Mode war. Aber daß Maud ihr Haar kurz geschnitten trug, fand sie lächerlich.
„Warum trägst du dein Haar wie ein Junge?“ fragte sie.
„Weil ich es bequem und praktisch finde, Tante.“
„Aber doch auch, weil es dir gut steht?“ meinte Irma.
„Jawohl, stünde es mir schlecht, so würde ich es nicht tun.“
„Ihr habt nette Kostüme an,“ fuhr Tante Elisabeth fort. „Geht ihr immer so dunkel und einfach gekleidet?“
Maud biß sich auf die Lippen; dies unhöfliche Ausfragen ärgerte sie, Agnes versetzte aber lachend:
„O nein, das sind unsre Reisekleider, und es ist bequem, wenn die ganz einfach sind. Aber bei feierlichen Gelegenheiten geben die amerikanischen Frauen und Mädchen viel auf Toilette. Wenn wir wieder kommen, wirst du uns in großer Gala sehen, Tante.“
„Das ist nicht nötig,“ erwiderte Fräulein Müller steif. „Ich gebe nichts darauf; ich halte nur auf Einfachheit und Tüchtigkeit. Doch nun erzählt mir, wie es euren Eltern geht und wann sie hier eintreffen!“
Die Mädchen berichteten dies und das von ihrer Reise, ihrem Aufenthalt in Paris und ihren Plänen, wie sie das Haus, welches sie hier gemietet hatten, einrichten wollten. Das berührte Tante Elisabeth unangenehm. Ihr kaltes Antlitz mit den regelmäßigen Zügen und dem tadellos gescheitelten, noch dunklen Haar ward immer länger und länger. Es mißfiel ihr im höchsten Grade, daß so junge Mädchen allein aus einem andern Erdteile — und gar noch über Frankreich — nach Deutschland reisten und das für das Natürlichste und Einfachste von der Welt hielten. Sie selbst war in ihrem ganzen Leben nie über einige Meilen im Umkreis ihres Geburtsortes herausgekommen, und sie verurteilte jeden, der ihren engherzigen Ansichten nicht beipflichtete. Diese Kinder hatten sicher die Abenteuerlust vom Vater, ihrem Bruder Fritz geerbt, der auch mit fünfzehn Jahren aus dem Elternhause entlief, weil er sich der heiligen Zucht und Ordnung nicht fügen wollte, die dort dank dem strengem Regiment ihrer Mutter herrschten. Als sie im Lauf der Unterhaltung merkte, daß die Mädchen von ihren Eltern nicht mehr als Kinder, sondern als gleichberechtigte erwachsene Menschen behandelt wurden, fing sie an, mit der Neugierde einer unverbesserlichen alten Jungfer allerhand unbescheidene Fragen zu stellen. Wieviel Miete sie für das Haus zahlten? Wie groß das Einkommen ihres Vaters wäre? Wieviel Kleidergeld sie erhielten? Ob ihr Vater hier auf demselben Fuße leben könnte wie in Amerika? &c. &c.
Irma amüsierte sich köstlich über die Art, wie Maud und Agnes, ohne unhöflich zu sein, mit großem Takt auf all diese Fragen ausweichende Antworten gaben; und Tante Elisabeth mußte zu ihrem Ärger erfahren, daß sie keine kleinen Kinder, die sie nach Herzenslust ausforschen konnte, vor sich hatte, sondern ein paar kluge, verständige Mädchen, die nicht mehr sagten, als sie für richtig hielten.
„Tante,“ ließ Karl sich plötzlich vernehmen, „darf das Fenster nicht geöffnet werden?“
„Wozu, mein Junge?“
„Ich finde, daß es hier so abscheulich riecht.“
Die alte Dame wurde rot.
„Du kannst deine Bemerkungen für dich behalten, lieber Neffe,“ sagte sie giftig. „Das Fenster — bleibt geschlossen. Ich habe keine Lust, mich dir zu Liebe zu erkälten.“
Wieder setzte sie ihre Unterhaltung mit Maud fort. Karl sah nach Irma hin, die ihm lächelnd zunickte.
„Tante,“ fing er von neuem an.
„Was, kleiner Kerl?“
„Ich hab solchen Durst. Hast du nicht ein Glas Limonade oder Obst für uns?“
„Ein gut erzogenes Kind fordert nicht, sondern wartet, bis ihm etwas angeboten wird,“ entgegnete die Tante streng. „Sind alle Kinder in Amerika so ungesittet und schlecht erzogen wie dieser Junge, Nichte Maud?“
Aber nun war's mit Mauds Selbstbeherrschung vorbei.
„Nein, Tante,“ versetzte sie scharf. „Bei uns sind die Kinder, gerade wie Karl, sehr gut und gesittet erzogen, und die Leute sind gastfrei und freundlich, so daß sie sich wundern, wenn sie bei andern das gerade Gegenteil sehen.“
Noch nie hatte Irma Maud so nett gefunden, wie in diesem Augenblick. Agnes und Karl freuten sich diebisch. Tante Elisabeth wurde dunkelrot. Am liebsten hätte sie den frechen Kindern die Tür gewiesen, aber bei reiflicher Überlegung hielt sie es doch für besser, so zu tun, als hätte sie den Stich nicht verstanden. Mit sauersüßer Miene sagte sie daher zu ihrem Neffen:
„Du möchtest also ein Stück Kuchen haben, mein Jungchen?“
„Davon hab' ich doch nichts gesagt,“ verteidigte sich Karl, doch auf einen Wink von Maud schwieg er. Die Tante schloß ein Fach des schweren Mahagonibuffets mit schwarzer Marmorplatte auf und holte eine Blechbüchse heraus. Sie bot den Mädchen an, die dankend ablehnten, und der kleine Junge zog ein Gesicht beim Anblick der altbackenen, trocken gewordenen Stückchen Sandkuchen, aber probieren wollte er sie doch.
„Willst du noch eins?“ fragte die Tante, zuschauend, wie er mit langen Zähnen daran kaute.
„Nein, danke, es ist eine Kunst das hinunterzuwürgen, ohne dabei zu trinken.“
„Wir müssen gehen,“ nahm Maud rasch das Wort, bevor Fräulein Müller zu antworten vermochte. „Großmama wird nicht wissen, wo wir geblieben sind.“
Ein steifer Abschied folgte. Im Korridor jagte Karl der Tante noch einen Todesschreck ein, indem er die Miez, die um die Türe guckte, beim Anblick der Fremden aber scheu zurückhuschte, anzischte. Doch lief die Geschichte ohne weiteres Unglück ab.
„Was für ein Wesen!“ rief Agnes entrüstet, als sie auf der Straße waren. „Nie wieder geh' ich zu ihr.“
„Das werden wir doch wohl müssen,“ seufzte Maud. „Sie ist Papas einzige Schwester, aber glücklicherweise mag er sie auch nicht.“
„Du hast ihr's ordentlich gegeben,“ sagte Irma, „und über den Karl hätte ich mich beinahe totgelacht.“
„Na wart' man,“ brummte Karl, „so 'nen Ekel gibt's nicht noch mal auf der Welt! Aber wenn ich wieder komme, kann sie was erleben; entweder steck' ich das Haus an oder tue sonst etwas, das die ganze Wohnung auf den Kopf stellt.“
Ilse machte ein ärgerliches Gesicht, als die Mädchen ihr erregt ihre Erlebnisse bei Tante Elisabeth schilderten. Sie versuchte zu beschwichtigen und behauptete, daß die Kinder übertrieben, aber Onkel Heinz, der auch bei Gontraus speiste, lachte laut und rief:
„Unsinn, die Kröten haben recht; die Müller ist eine unausstehliche alte Jungfer. Ihr Mädchen, heiratet um's Himmels willen, denn nun seht ihr, was aus einem Frauenzimmer wird, das keinen Mann kriegt.“
„Aber Herr Professor,“ wandte Ilse ein. „Was setzen Sie da wieder den Kindern für dummes Zeug in den Kopf? Als ob eine unverheiratete Frau nicht auch ein nützliches Glied der Gesellschaft sein könnte. Die Ehe erhöht nicht ihren Wert, das kann einzig und allein ihre Persönlichkeit tun.“
„Unsinn,“ brummte der alte Herr. „Eine alte Jungfer ist ein Unding — sie entspricht nicht ihrer Bestimmung.“
„Und ein alter Junggeselle, Onkelchen?“ fragte Agnes schalkhaft, beide Hände um seinen Arm schlingend.
„Der ebensowenig, mein Kind, aber der verdient wenigstens dein ganzes Mitleid.“
„O, was für 'ne Logik! Daß du nicht geheiratet hast, ist doch deine eigene Schuld, während Tante Elisabeth wahrscheinlich nichts dafür kann. Vielleicht hat nie jemand um sie geworben.“
„Doch, sie kann dafür,“ behauptete Onkel Heinz, dem das Widersprechen noch immer ein Bedürfnis war. „Solch unangenehme Geschöpfe wie sie, kommen schon als alte Jungfer auf die Welt. Ich rat euch noch mal, Kinder, hütet euch davor, macht, daß ihr heiratet, damit man euch nicht in einen Topf werfen kann mit solchen Wesen, die, nur weil sie Unterröcke tragen, sich für berechtigt halten, Frauen genannt zu werden.“
„Ich will's nicht hören, daß Sie so zu meinen Enkelinnen reden,“ rief Ilse, ehrlich entrüstet. „Ich sage euch im Gegenteil, ihr Mädchen, heiratet nicht, außer wenn ihr das Glück habt, den Mann zu finden, den ihr von ganzer Seele und mit ganzem Herzen zu lieben imstande seid. Eine alte Jungfer braucht durchaus kein lächerliches Wesen zu sein. Ich kenne viele, die gerade so hoch, ja noch höher stehen als manche verheiratete Frau. Das müssen doch auch Sie zugeben, Professor, wenn Sie gerecht sein wollen.“