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Original-Einband


GRÖSSERES BILD

Sven Hedin

Bagdad
Babylon
Ninive

Leipzig: F. A. Brockhaus · 1918

Copyright 1918 by F. A. Brockhaus, Leipzig.

Seiner Hoheit
Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg

in Erinnerung an
unvergeßliche gemeinsame Kriegsfahrten und Reisen

in Verehrung und Dankbarkeit

zugeeignet

vom Verfasser.

Inhalt.

Seite
Erstes Kapitel. Die Türkei im Weltkrieg [1]
Zweites Kapitel. Aleppo [8]
Drittes Kapitel. Eine mißglückte Autofahrt [18]
Viertes Kapitel. Mein neuer Feldzugsplan [36]
Fünftes Kapitel. Auf den Wellen des Euphrat [41]
Sechstes Kapitel. Unter Nomaden und armenischen Flüchtlingen [52]
Siebentes Kapitel. Deutsche Artillerie auf dem Wege nach Bagdad [73]
Achtes Kapitel. Im Reich der Palmen [83]
Neuntes Kapitel. Mein Einzug in Bagdad [103]
Zehntes Kapitel. Bagdad einst und jetzt [118]
Elftes Kapitel. Sommertage in „Dar-es-Salaam“ [145]
Zwölftes Kapitel. Zwei Deutsche: von der Goltz und Moltke [181]
Dreizehntes Kapitel. Kut-el-Amara [191]
Vierzehntes Kapitel. Meine Fahrt nach Babylon [211]
Fünfzehntes Kapitel. Bibel und Babel [234]
Sechzehntes Kapitel. Die Ruinen Babylons [247]
Siebzehntes Kapitel. Eine deutsche Studierstube am Euphrat [276]
Achtzehntes Kapitel. Samarra, die Hauptstadt des Kalifen Mutawakkil [284]
Neunzehntes Kapitel. Die Karawane des Herzogs [300]
Zwanzigstes Kapitel. Die Königsstadt Assur [314]
Einundzwanzigstes Kapitel. Erlebnisse auf einer Etappenstraße [327]
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Mosul [342]
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Ninive [364]
Vierundzwanzigstes Kapitel. Die Keilschrift und die älteste Bibliothek der Welt [375]
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Über Mardin zurück nach Aleppo [385]
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Assyrien und Babylonien [401]

Türkische Soldaten auf dem Wege nach Nesibin, Mosul und Bagdad.

Erstes Kapitel.
Die Türkei im Weltkriege.

Stockholm, 7. Mai 1917.

Wer dieses Buch in der Erwartung zur Hand nimmt, eine ausführliche Schilderung des Anteils der Türkei am Weltkrieg zu finden, wird schon, ehe er bis Bagdad gekommen ist, enttäuscht ausrufen: Aber das ist ja kein Kriegsbuch! Das ist ja nur eine Reisebeschreibung!

Er hat vollkommen recht. Nicht der Krieg lockte mich zu neuen Abenteuern. Davon hatte ich an den europäischen Fronten genug gesehen. Diesmal sehnte ich mich vor allem danach, die Weltreiche des Altertums, Assyrien und Babylonien, und die Ergebnisse der modernen Forschung auf diesem ehrwürdigsten Boden der Erde kennen zu lernen. Ich wollte die altberühmten Städte sehen, die der Spaten der Archäologen jetzt aus vieltausendjährigem Schlummer geweckt hat.

Den Leser an der überreichen Fülle meiner Eindrücke teilnehmen zu lassen, ist die vornehmste Aufgabe dieses Buches. Bald aber wird er merken, daß meine Reise in kriegerischer Zeit vor sich ging. Er hört den Schritt marschierender Soldaten und sieht deutsche Batterien in türkischen Diensten den königlichen Euphrat hinabfahren. Der Kanonendonner von Kut-el-Amara dringt an sein Ohr, und ich kann ihm einige Mitteilungen über den Vormarsch der Engländer in Mesopotamien nicht ersparen. Doch diese Gegenwartsbilder ziehen nur flüchtig vorüber vor dem machtvollen Hintergrund des Altertums.

Den Kampf der Osmanen gegen Rußland kann ein Schwede nicht aufmerksam genug verfolgen. Denn er berührt die Zukunft seiner Heimat näher, als viele meiner Landsleute zugeben wollen. Bisher war Rußland auch unser Erbfeind — die nächste Zukunft wird zeigen, ob der jetzige Umsturz den Erbfeind in einen Freund verwandelt hat. Seit Karl XII. den Europäern die Augen für die moskowitische Gefahr öffnete und die Vernichtung des slawischen Großstaates als das unumstößliche politische Ziel seiner Nachbarn bezeichnete, haben Schweden und die Türkei das gleiche Lebensinteresse gehabt. Der Sieg des einen war auch des andern Vorteil, die Niederlage des einen auch der Schaden des andern. Schwedens Mißgeschick gab den russischen Zaren stets die Hände im Süden frei. Türkische Niederlagen sicherten ihnen den Rücken vor gefährlichen Feinden, wenn sie es für angebracht hielten, ihre Aufmerksamkeit auf unsre Grenzen zu richten.

Das Gemeinsame in den politischen Bedürfnissen Schwedens und der Türkei hat dennoch nicht vermocht, sie zu förderlicher Zusammenarbeit zu vereinen, nicht einmal da, wo es nur die Abwehr galt. Und doch hat die geographische Lage beider, die die Flanken des moskowitischen Reiches umfaßt, jedem von ihnen mit oder gegen seinen Willen eine außerordentlich wichtige Rolle aufgezwungen. Schweden hält Rußland vom Meere ab und sperrt seine Verbindungen mit Westeuropa. Das bisherige Rußland — unter dem Zepter des Zaren — hat unser bloßes Dasein stets als einen erstickenden Druck empfunden; die Lehren des Weltkrieges haben diese Wahrheit nur bestätigt. Rußlands auswärtige Politik will diese Fesseln sprengen. Andrerseits kann die künftige Sicherheit Schwedens und der Türkei zu keinem billigeren Preise errungen werden, als durch Verwirklichung der Pläne Karls XII.! Denn die neue Staatsform, mit der Rußland soeben die Welt überrascht hat, gibt keinerlei Bürgschaft für die Zukunft. Nichts könnte törichter sein, als blind auf ihren Bestand zu vertrauen!

Halil Pascha,
der Nachfolger des Feldmarschalls von der Goltz.
Mit eigenhändiger Unterschrift.


GRÖSSERES BILD

Die Stellung der Türkei zur westeuropäischen Frage im modernen Sinn ergab sich, als die Moskowiter ohne historisches Recht den Weg nach dem Bosporus und den Dardanellen einschlugen und ohne Umschweife erklärten, ihr Ziel sei „Zarigrads (Konstantinopels) Befreiung“! Zur selben Zeit wollte Karl XII. alle Kräfte sammeln zum gemeinsamen Kampf gegen einen Feind, dessen Charakter und Entwicklungsmöglichkeiten er wie kein andrer vor oder nach ihm mit prophetischem Blick durchschaute. Vergebens aber rief er Schweden, Polen und Türken auf. Sein Plan kam nicht zur Ausführung, nicht zum wenigsten weil westeuropäische Mächte den Russen Helferdienste leisteten. Nach Karls XII. Tode war Schweden wie Polen und die Türkei durch innere Zwistigkeiten geschwächt, die Rußland und England — damals wie jetzt in brüderlicher Eintracht — anfachten und schürten. Polen verschwand. Schweden wurde einstweilen durch Gustav III. gerettet. Den Türken aber öffnete der verhängnisvolle Vertrag von Kütschük-Kainardschi (1774) die Augen über die dunklen Pläne, die schon Zar Peter der Große im Schilde führte. Damals schon begann der Marsch über türkische Gebiete, die dem Vordringen Rußlands nach dem Mittelmeer im Wege lagen.

Der Plan der Entente, die Mittelmächte in dem jetzt tobenden Weltkrieg zu zerschmettern, hat seine Wurzeln in der Balkanhalbinsel. Über das Ziel der Russen waren die Osmanen im klaren: sie wußten, daß sich England und Rußland, um ihre Absicht durchzusetzen, über türkisches Gebiet hinweg die Hand reichen mußten, und daß alles aufgeboten werden sollte, sich freie Bahn zu erzwingen. Für beide Teile handelte es sich also um einen Kampf auf Leben und Tod. Als daher die Hohe Pforte vor der Wahl stand: Krieg oder Untergang? gab es für sie kein Bedenken mehr. Zum erstenmal nach zweihundert Jahren lebten Karls XII. Gedanken wieder auf, und aufs neue erhob sich das Ziel, an das er Schwedens ganze Kraft gesetzt hatte. Diesmal waren auch die Nachbarn im Westen auf dem Posten. Nur Karls XII. eigenes Land fehlte in der Reihe — vom Geist des Eisenkopfs war bei den Nachkommen seiner Helden wenig mehr zu spüren. Immerhin wirkte Schweden durch seine geographische Lage.

Tatsächlich hatten die Türken keine andere Wahl, wenn sie am Leben bleiben wollten. Die neutrale Türkei hätte dasselbe tragische Schicksal getroffen wie das verfolgte, ausgehungerte, erwürgte Griechenland, dessen einziges Verbrechen war, daß es dem weltzerfleischenden Kampfe fernbleiben wollte. Dann hätte Konstantinopel jetzt eine russische und englische Besatzung, wie sich Athen der englischen und französischen erfreut.

Hätte sich der Türkei im Laufe des Weltkriegs jemals eine Spur von Zweifel oder Ermüdung bemächtigt, so sorgte der russische Ministerpräsident Trepow in seiner Dumarede vom 2. Dezember 1916 dafür, daß sie aufs neue zu eisernem Widerstand zusammengeschmiedet wurde. Er gestand nämlich, eine mit Großbritannien, Frankreich und Italien im Jahr 1915 geschlossene Übereinkunft habe „definitiv Rußlands Recht auf die Meerengen und auf Konstantinopel festgestellt“. Sein oder Nichtsein stand also für die Türken auf dem Spiele.

Wer nun geglaubt hat, das neue Rußland werde auf solche Kriegsziele verzichten, erlebte eine große Enttäuschung. Die erste Revolutionsregierung wenigstens verharrte bei dem Anspruch auf die Dardanellen und Konstantinopel, und der Minister des Äußeren Miljukow übernahm in unveränderter Form den „russischen Reichsgedanken“, den Trepow in die Worte gefaßt hatte: „Die Schlüssel zum Bosporus und zu den Dardanellen, Olegs Schild über dem Tor Konstantinopels — das ist der Jahrhunderte alte innerste Traum des russischen Volkes zu allen Zeiten seines Daseins.“

Die junge Türkei hatte also Grund genug, dem Umschwung der Dinge in Rußland, den sie — selbst ein Kind der Revolution — an sich mit Befriedigung begrüßt hatte, größtes Mißtrauen entgegen zu bringen. Als unlängst der Großwesir Talaat Pascha der Presse seine Gedanken darüber mitteilte, tat er das mit den wohlüberlegten Worten: „Wir sehen indes mit Bedauern, daß der Gedanke der Revolution von aggressiven Absichten durchaus nicht frei ist. Miljukows ‚ehrenvoller‘ Friede setzt eine Lösung der türkischen Frage zugunsten Rußlands voraus! Ob die russischen Liberalen diese alte Lehre von Angriff und Feindseligkeit billigen, wissen wir nicht. Wenn aber das russische Volk das verhängnisvolle Erbe des Zarismus als Richtschnur nimmt, dürfte es zwecklos sein, von Frieden zu reden.“ —

Was hat im übrigen die Türkei dadurch gewonnen, daß sie unerschütterlich den Kurs beibehielt, den sie bei Beginn des Krieges einschlug? Nun, sie hat ihr eigenes Dasein für eine Zeitspanne gesichert, deren Weite wir noch nicht überblicken können. Indem sie die Verbindung zwischen Rußland und England verhinderte, hat sie wirksam zum Zusammenbruch des Zarenreichs beigetragen. Rußlands Kraft ist in Auflösung begriffen — kein Staat kann zu gleicher Zeit mit Erfolg Krieg führen und eine Revolution durchmachen. In diesem ungeheuern Kampfe, der nun seinem Ende zugeht, können die Moskowiter die Osmanen nicht mehr aufs Knie zwingen. Auch die zufällige Überlegenheit Englands in Mesopotamien wird daran nichts ändern. Denn die Entscheidung des Weltkriegs fällt auf den Schlachtfeldern Europas; außerdem erzittert das englische Weltreich selbst in seinen Grundfesten. Der Dienst, den die Türkei indirekt Deutschland geleistet hat, muß daneben auch in Anschlag gebracht werden. Großbritanniens Zusammenschluß mit Rußland über die Dardanellen und den Bosporus hinweg war eine der Voraussetzungen für die Zerschmetterung Deutschlands. Bei Gallipoli wurde dieser Traum zuschanden.

Die russische Revolution verlief anders, als Englands Selbstsucht erwartet hatte. Damit war eine der letzten Karten ausgespielt — es gelang England nicht wie einst im Jahre 1808, Rußland auf Kosten anderer zu kaufen. Jetzt ist es zu spät! Die Legionen Großbritanniens verbluten vergeblich an der deutschen Westfront, immer drohender erhebt sich das Gespenst des Hungers aus den Wogen des Atlantischen Ozeans. Der Sturz des russischen Zaren besiegelte Englands Mißerfolg und entschied den Ausgang des Weltkrieges! Deutschland rechnet nicht mehr mit den Slawen, sie sind matt gesetzt. Das Riesendrama, das schon drei Jahre lang über die Weltbühne geht, beginnt seinen letzten Akt. Wir haben erlebt, wie Königreiche vernichtet, Kronen in Stücke zerschlagen und Verfassungen zerrissen wurden. Überall gärt es, auch in neutralen Ländern, die jetzt in der Stunde der Entscheidung besser täten, ihre Ruhe zu bewahren.

Mitten in diesem hoffnungslosen Durcheinander steht Deutschland unerschütterlich fest, wie der Fels im aufgewühlten Meer. Die Sturmwogen, die von allen Seiten hereinbrechen, zerschellen an seinen Klippen zu Schaum. Habt acht! Der Vorhang rauscht zum letzten Male empor. Hindenburg tritt auf. Dann wird die gewaltige Kampfgruppe, die seit dem Feldzug gegen Rumänien zu einer in der Weltgeschichte unerhörten Vollkommenheit ausgebildet wurde, ihre Ernte einbringen. Der Krieg wird zur Ruhe gezwungen werden. Frieden soll wieder auf dieser gemarterten, zerfleischten, vergrämten Erde herrschen! Stark und mächtig wird Deutschland der neuen Zeit entgegengehen. Dann darf auch das osmanische Volk des Dankes gewiß sein für seine ehrenvolle Teilnahme am Freiheitskampf der Germanen.

Die Grabmoschee Salhein in Aleppo.

Zweites Kapitel.
Aleppo.

Am 15. März 1916 war ich mit Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorff, dem neuernannten Militärattaché der deutschen Gesandtschaft in Persien, von Konstantinopel abgereist. Ein Dampfer hatte uns vom Goldenen Horn nach Haidar-Pascha an der asiatischen Küste gebracht, und in sieben Tagen erreichten wir mit der Bahn Aleppo.

Zweimal hatten wir den Zug verlassen müssen, denn die Strecke der Bagdadbahn bis Aleppo war noch nicht ganz ausgebaut. Zwischen Bosanti und Gülek im Taurus war zwar schon ein gewaltiger Tunnel durchs Gebirge gebohrt, er sollte aber erst im Herbst dem Verkehr übergeben werden. In Bosanti hatten uns zwei deutsche Offiziere in türkischen Diensten, Oberstleutnant Vonberg und Major Welsch, die auf dem Wege nach Bitlis waren, ein Kriegsautomobil zur Verfügung gestellt, das uns auf steilen und weiten, ohne Brustwehr über schwindelnden Abgründen hängenden Zickzackwegen über die 1300 Meter ansteigenden Höhen des Taurus nach Gülek beförderte. Auf der Talfahrt durcheilten wir die Pylae Ciliciae, den hohlwegartigen Engpaß des Tales Tarsus-tschai, durch den Xerxes und Darius, Cyrus der Jüngere und Alexander der Große vorrückten, und in späteren Zeiten Harun-er-Raschid und Gottfried von Bouillon. Das Wetter war nicht eben einladend gewesen, es wechselte anmutig zwischen Land- und Platzregen. Dabei wimmelte die aufgeweichte und schlüpfrige Straße von Kamelkarawanen, die Baumwolle von Adana brachten, von Lastautos, requirierten Bauernwagen, Ochsenfuhrwerk mit Kriegsmaterial, marschierenden Soldaten und Reitern. Am meisten bemitleideten wir die Züge gefangener Sikhs, die von Bagdad her zu Fuß nach ihrem Bestimmungsort in Kleinasien wandern mußten, einen Stock in der Hand, den Brotbeutel auf dem Rücken, die Uniformen zerrissen und die Turbane zerlumpt. Welche Qual für die Söhne des Sonnenlandes Indien, dem kalten Regen auf den Höhen des Taurus schutzlos preisgegeben zu sein! Kleine Gesellschaften reisender Türken mit Eseln, Kühen und — aufgespannten Regenschirmen boten dagegen einen lustigen Anblick.

In der Mitte zwischen Bosanti und Gülek, in dem offenen Gebiet des Taurus, das Schamallan-han genannt wird und ringsum von spärlich bewaldeten Bergen umgeben ist, lag eine deutsche Automobilstation, wo man uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft aufnahm und eine Nacht trefflich beherbergte. In dem welligen Kesseltal war eine ganze Stadt emporgewachsen von gelben, grauen und schwarzen Zelten oft riesiger Ausdehnung, Schuppen und Reparaturwerkstätten. Mannschaftsbaracken und Offizierszelten. Deutsche und türkische Flaggen wehten darüber. Von Gülek aus hatten wir Tarsus besucht, den Geburtsort des Apostels Paulus, ein sehr langweiliges Städtchen.

Zwischen Mamure und Islahije waren die Tunnel ebenfalls schon fertig, aber nur eine Feldbahn führte hindurch. Diese Strecke über den Amanus und durch das 300 Meter breite, zwischen Basaltklippen sich öffnende Amanische Tor, durch das einst König Darius zog, um seinem Gegner Alexander in den Rücken zu fallen, mußten wir auf der Landstraße in einem „Jaile“ zurücklegen, einem hohen, überdeckten, kremserähnlichen Fuhrwerk, das Wilamowitz „Leichenwagen“ taufte, als ob er geahnt hätte, daß er von seiner Reise nach Persien nicht mehr zurückkehren werde. Man sitzt nicht, sondern liegt in dieser merkwürdigen Fahrgelegenheit, polstert sich den Boden so gut wie möglich mit Stroh und nachgiebigem Gepäck aus und freut sich, wenn das „gerüttelt Maß“ nicht allzureichlich ausfällt. Für mich war diese Fahrt noch dadurch besonders denkwürdig, daß auf ihr meine wohlversorgte große Proviantkiste aus Konstantinopel spurlos verschwand. Das immer trostloser werdende Regenwetter hatte uns schließlich gezwungen, in einem elenden Krug zu Islahije bei einem griechischen Wirt Georgios Vassili ein etwas romantisches Nachtlager zu bestehen, und schließlich hatte uns ein Pferdetransportzug in einem Viehwagen um 1 Uhr nachts glücklich nach Aleppo gebracht.

Hier sollte ich nun abwarten, was das Oberkommando der türkischen Armee über mein weiteres Schicksal beschließen würde. Minister Enver Pascha hatte mir die Erlaubnis zur Reise durch Kleinasien bis nach Bagdad nur unter der Bedingung erteilt, daß Feldmarschall von der Goltz, der von Bagdad aus die 6. Armee befehligte, keine Bedenken dagegen habe; er allein wollte die Verantwortung für meine Sicherheit nicht auf sich nehmen, da wilde Beduinenhorden die Wege unsicher machten. Das endgültige Ergebnis des Depeschenwechsels zwischen Konstantinopel und Bagdad sollte mir in Aleppo gemeldet werden.

Aleppo, das Haleb der Araber, nach Smyrna und Damaskus die größte Stadt Vorderasiens, ist Hauptstadt eines Wilajets, eines Gouvernements, das das ganze nördliche Syrien umfaßt und im Osten vom Euphrat begrenzt wird. Die Einwohnerzahl soll 200 bis 250000 betragen; davon sind zwei Drittel Mohammedaner, 25000 Armenier, 15000 Juden, ebensoviele Griechen, die übrigen Lateiner, Maroniten und unierte Syrer. In der Altstadt herrscht noch der arabische Stil vor, der nach der Straße zu nur öde Mauern zeigt. Doch finden sich auch dort schon solide Steinhäuser mit Erkern, Balkonen und eingebauten Altanen, und die neuen Stadtteile an der Peripherie haben eine fast europäische Bauart. Mit ihrem unaufhörlich hin- und herwogenden orientalischen Verkehr bieten Aleppos Straßen wundervolle Bilder; noch lieber aber verirrt man sich in die dunkeln Labyrinthe der Basare, deren kleine, enge Kaufläden mit Teppichen und Stickereien, Gold und Silberschmuck, Pantoffeln und Lederwaren und all dem Kram angefüllt sind, der von Europa eingeführt wird.

Graf Wichard von Wilamowitz-Möllendorf.

Der Krieg hatte zwar den Handel ziemlich lahm gelegt; der Han Wesir, ein Gebäude aus dem 13. Jahrhundert, war fast leer geräumt. Dennoch herrschte in den Basaren noch immer lebhafter Betrieb. Selbst französische Weine, Konserven, Lichte usw. konnte man kaufen, da die Vorräte der Küstenstädte noch nicht erschöpft waren, so daß ich meine verschwundene Proviantkiste leicht ersetzen konnte. Manche Artikel aber stiegen unerhört im Wert. Für Petroleum forderte man das Zwanzigfache des Friedenspreises, und das türkische Papiergeld stand tief im Kurs: in Konstantinopel galt ein türkisches Pfund 108 Piaster, in Aleppo nur 90, in Jerusalem sogar, wie man mir versicherte, nur 73 (ein Piaster hat einen Wert von etwa 18 Pfennig). In manchen Gegenden weigerte sich die Landbevölkerung überhaupt Papiergeld anzunehmen; ich hatte mich glücklicherweise in Konstantinopel mit einer größeren Summe in Gold und Silber versehen.

In der Mitte der Stadt erhebt sich die Zitadelle auf einer uralten, wahrscheinlich künstlich geschaffenen Anhöhe. Vom Rundgang des Minaretts dort oben hat man eine wundervolle Aussicht über das Häusermeer der Stadt mit seinem sparsamen Grün und die Straßen, die wie die Speichen eines Rades von diesem Mittelpunkt ausgehen, auf das weite, hügelige, graugelbe Gelände und das Tal des Kuwekflusses, wo Platanen, Silberpappeln, Walnußbäume, Oliven und vor allem Pistazien in den Gärten grünen.

Aleppos Hauptsehenswürdigkeit ist die „große Moschee“ Dschami-kebir oder Dschami-Sakarija. Sie hat ihren Namen vom Vater Johannes des Täufers, Zacharias, dessen Grab im Innern hinter vergoldetem Gitter gezeigt wird, und wurde von den Omaijaden an einer Stelle errichtet, wo vordem eine von der Kaiserin Helena gestiftete christliche Kirche stand. Ihr gegenüber erhebt sich die Dschami-el-Halawije, die ebenfalls ein Abkömmling einer von der Kaiserin Helena erbauten Kirche sein soll. Ihr Inneres zieren Pilaster und Chornischen mit Akanthusmotiven und ein „Maschrab“, eine Gebetsnische, von künstlerischem Wert. Vor der Stadt liegt die vornehme Begräbnisstätte Ferdus mit zahlreichen Heiligengräbern und den charakteristischen Grabsteinen: immer zwei aufrecht stehend als Sinnbilder des Lebens, dazwischen ein liegender als Sinnbild des Todes. Die Ecken des liegenden Steins haben schalenförmige Vertiefungen: darin sammelt sich das Regenwasser, und die Vögel kommen, um zu trinken und den Schlaf der Toten mit ihrem Gesang zu versüßen. Als ich den Friedhof besuchte, küßte eine alte Türkin weinend die Steine der Heiligengräber, um, wie sie sagte, Schutz zu erflehen für ihren Sohn, der an der Front gegen die Russen kämpfte.

Eine andere, teilweise verfallene Grabmoschee trägt den Namen Salhein. Über ihren Denkmälern erhebt sich ein sehr hübsches Minarett.

Arabischer Junge in Aleppo.

Vor der Stadt liegt auch die Moschee Scheik-ul-Hussein; ihre Gebetsnische birgt einen Stein, der nach der Versicherung Rechtgläubiger alljährlich am 10. Oktober, dem Todestage des schiitischen Heiligen Hussein, blutet. Nördlich von Aleppo träumt zwischen Anhöhen das Derwischkloster Scheik Abu Bekr, eine viereckige Halle unter einer Kuppel, im Innern ausgestattet mit prächtigen Skulpturen und Fayencen; zahlreiche große Fenster werfen helles Licht auf die Farbenpracht der Kunstwerke. Im Hof spiegeln Zypressen ihr ewiges Grün in einem klaren Wasserbecken; daneben schlummert unter einem von Kletterpflanzen umsponnenen Grabmal eine Prinzessin. Hier hausen die betenden Derwische von der Brüderschaft der Mutevelli-Derwische, deren Hauptsitz Konia ist. Auch die tanzenden Derwische haben in Aleppo ein Haus.

Vor dem Krieg war in Aleppo eine deutsche Kolonie von ungefähr 300 Köpfen. Jetzt war ihre Anzahl bedeutend gesunken. Von den beiden deutschen Schulen war die katholische vor vier Jahren gegründet und in einem vornehmen, hundertundfünfzig Jahre alten arabischen Hause untergebracht; sie beschäftigte sechzehn Lehrer und acht Borromäerinnen (barmherzige Schwestern) und hatte zur Zeit meines Besuches 220 Schüler, die nur deshalb ein geringes Schulgeld zahlen mußten, weil sonst der Unterricht nicht als etwas Erstrebenswertes gegolten hätte. Im ganzen sollen 400 Borromäerinnen an den verschiedenen Fronten stehen. Die protestantische, noch jüngere Schule wird von 110 türkischen, deutschen, jüdischen und armenischen Mädchen besucht; sie gehört den Kaiserswerther Diakonissen, die auch in Smyrna, Beirut und Jerusalem Schulen und in Konstantinopel ein großes Krankenhaus eingerichtet haben. Aus Kairo und Alexandria wurden sie während des Krieges vertrieben. Andere Lehranstalten in Aleppo stehen unter der Leitung der Franziskaner und Jesuiten, der Sacré-Coeur- und St. Josephsschwestern.

Das gesellige Leben der Deutschen hat seinen Mittelpunkt im Hause des Herrn Koch, dessen Gattin als Schwester Martha mir zuerst bei Feldmarschall von der Goltz begegnete, als er noch Generalgouverneur in Brüssel war. Ihr gastliches Heim, das sich seit dreißig Jahren so manchem Reisenden aufgetan hat, wurde auch mir jetzt eine Freistätte, und hier im Kochschen Hause entschied sich mein nächstes Reiseschicksal.

Einige Tage nach meiner Ankunft in Aleppo brachte mir der Adjutant Neschad Paschas, des dortigen Etappeninspektors, den Bescheid Enver Paschas, ich könne nach Bagdad reisen und wohin ich sonst wolle. Ich hatte nur den Weg zu wählen. Aber eben darin lag die Schwierigkeit. Eine gewisse Vorsicht war durch die kriegerischen Ereignisse auf jeden Fall geboten. Schon in Konstantinopel hatte ich gehört, die Russen seien in Persien ziemlich stark. Kirmanschah hatten sie genommen. Bagdad war also nicht mehr weit. Im Norden war Erserum gefallen, und wenn es dem Großfürsten Nikolai gelang, nach Diarbekr vorzustoßen, und die Engländer, die sich allerdings bei den Dardanellen blutige Köpfe geholt hatten, etwa eine Landung im Golf von Alexandrette erzwangen, um sich mit den Russen zu vereinen, schlugen die Wellen des Krieges rettungslos hinter mir zusammen. Andererseits hatte uns schon auf der Fahrt nach Aleppo ein Eisenbahningenieur, ein Kroate, versichert, Bagdad sei von den Engländern besetzt; das war natürlich leeres Gerede, denn dann hätte der Feldmarschall auf dem Rückzug nach Westen sein müssen. Enver Paschas Telegramm strafte all diese Etappengerüchte Lügen. In Islahije schließlich hatte es geheißen, die Russen kämen Mosul immer näher. Ob ich überhaupt Bagdad erreichen würde, erschien also immerhin etwas unsicher, und doppelt unsicher war ich daher über den Weg, den ich einzuschlagen hatte. Mein Reisekamerad Graf Wilamowitz sollte eine Trainkolonne den Euphrat entlang führen; ihm und dem Obersten von Gleich, dem neuen Stabschef bei von der Goltz, konnte ich mich auf ihrem 800 Kilometer langen Ritt anschließen. Aber es gibt nichts Einförmigeres als die ewigen Wüsten an den Ufern des Euphrat. Da war es doch reizvoller, über Nesibin nach Mosul zu fahren, die Ruinen von Ninive zu sehen, von dort auf einem „Kellek“, einem Floß, den Tigris hinabzutreiben und die Altertümer von Nimrud und Assur zu besuchen. Freilich machten die Schammarbeduinen, die wegen ihrer Überfälle berüchtigt sind, den Weg bis Mosul unratsam, wenn ich nur auf den Schutz meines Kutschers angewiesen blieb. Auch waren die Nebenflüsse des Euphrat, die vom Armenischen Gebirge herkommen, zu reißenden Strömen angeschwollen. Aber die eigentliche Regenzeit war ja schon vorüber; in ein paar trocknen Tagen mußten sie wieder fallen. Ich beschloß also, meinem alten Glück zu vertrauen und mich von Aleppo aus gleich ostwärts zu wenden. Frau Koch hatte bereits einen „Arabatschi“, einen Hauderer, gefunden, der mir für 30 türkische Pfund (555 Mark) eine Viktoria und einen Jaile vermieten wollte, und ich beriet gerade mit dem deutschen Etappenkommandanten Rittmeister von Abel, Direktor Hasenfratz und Inspektor Helfiger von der Bagdadbahn und andern deutschen Freunden, wie Wagen und acht Pferde mit der Bahn nach Ras-el-Ain befördert werden könnten, als zwei junge deutsche Offiziere in türkischen Diensten ins Zimmer traten. Der eine von ihnen, Major Reith, hatte als Chef einer Automobilkolonne den Auftrag, die Verkehrsmöglichkeiten auf der Straße zwischen Ras-el-Ain und Mosul zu untersuchen, der andere, sein Bruder, sollte ihn als Arzt begleiten. Major Reith hatte kaum von unsern Beratungen gehört, als er rief: „Aber warum so viel Zeit und Geld verschwenden? Kommen Sie mit mir! Ich habe reichlich Platz für Sie und auch für Ihr Gepäck, und in drei Tagen sind wir in Mosul!“

Diesem verführerischen Vorschlag zu widerstehen, wäre übermenschlich gewesen. Eine günstigere Gelegenheit konnte sich mir ja gar nicht bieten. Also auf nach Mosul!

Pferdebeförderung über den Dschirdschib.

Drittes Kapitel.
Eine mißglückte Autofahrt.

Meine bisherigen Reisekameraden waren bereits aufgebrochen: Graf Wilamowitz mit Oberst von Gleich den Euphrat entlang, Vonberg und Welsch nach Ras-el-Ain, wo sie drei Tage auf Pferde und Wagen für die Fahrt nach Bitlis warten mußten, so daß ich ihnen am nächsten Tag noch einmal begegnete. Major Welsch sah ich einige Monate später wieder; Oberstleutnant Vonberg aber sollte von Bitlis nicht mehr zurückkehren: er starb dort am Flecktyphus.

Am 28. März schlug auch für uns die Stunde des Aufbruchs. Das Wetter war herrlich geworden, für unsere Autofahrt nach Mosul mußten die Straßen ausgezeichnet sein. Major Reiths fünf Automobile, zwei Personen- und drei Lastwagen, wurden auf offenen Loren verladen, und am Vormittag setzte sich unsre Kolonne mit neun Chauffeuren und einem türkischen Dolmetscher in Bewegung. Die Lastautos enthielten reichliche Vorräte an Benzin und Öl, Ersatzteile, Gummiringe, Werkzeug, Spaten, Zelte, Tische, Stühle, Betten und Proviant.

Zuerst brachte uns die Bahn nach Muslimije zurück. Dann wandte sie sich nach Osten durch wenig bebautes Land, wo nur hier und da die zusammengedrängten Kuppeldächer eines Dörfchens sichtbar wurden. Diese bienenstockartigen Hütten aus an der Sonne getrocknetem Lehm finden sich überall da, wo anderes Baumaterial, Holz oder Stein, fehlt. Weiter entfernt von der Bahnstrecke, wo Kalkstein zu Tage tritt, sind auch die Dorfhäuschen aus Stein und ihre Dächer flach. Fast ohne Ausnahme liegt auch die kleinste dieser Ansiedelungen auf dem Abhang oder am Fuß eines „Tell“, einer nackten Anhöhe, deren durchweg regelmäßige, flach konische Form aus dem ebenen Gelände einsam hervorragt. Solch ein Tell birgt die Geschichte des betreffenden Dorfes; er reicht bis in die Morgendämmerung der assyrischen und hethitischen Zeit zurück, beginnt vielleicht vor den frühesten menschlichen Urkunden und war auf alle Fälle schon uralt, als mazedonische Hopliten und Hypaspisten, die schweren Fußtruppen und leichter beweglichen Schildträger, durch diese Gegenden vorrückten. Eine Quelle, ein Bach oder auch nur die Nähe von Grundwasser reizten zur Ansiedelung, die dann durch Jahrtausende fortgelebt hat. Alte Häuser stürzten ein; Schutt und Unrat häuften sich auf; aber die nachkommenden Geschlechter bauten auf demselben Platze weiter, und so wuchs der Tell schichtweise zu einem Hügel empor.

Um die Dörfer herum breiten sich Äcker aus, auf denen die Fellachen, die festansässigen Bauern, mit Ochsen pflügen, und Frauen und Kinder in buntzerfetzter Kleidung unserem Zuge offenen Mundes nachschauen. Sonst ist der weiche rote Erdboden gewöhnlich mit Gras und Kräutern bewachsen, und seine Einförmigkeit wird nur selten durch eine wandernde Kamelkarawane unterbrochen. Neben der Eisenbahn wirken die prächtigen Tiere wie Anachronismen. Wie gut, daß es noch Gegenden gibt, wo die Menschen ohne das „Schiff der Wüste“ verloren wären!

Die Stationsgebäude sind feste Blockhäuser. Auf dem Bahnsteig von Akdsche-Kojunli wartet eine Kompagnie Rekruten auf ihren Zug. Der Ort liegt am Sadschur, einem Nebenfluß des Euphrat, und sein trübes Wasser verrät, daß in seinem Quellgebiet Regen gefallen ist. Ein bedenkliches Vorzeichen! Fern im Norden leuchten die Gebirge Armeniens, die zum Taurus gehören, unter ihrer Schneedecke.

Am Nachmittag stiegen wir in Dscherablus am Euphrat aus.

Hier begrüßten uns der türkische Etappeninspektor des Flußweges, Oberst Nuri Bei, und Kapitänleutnant von Mücke, der berühmte Kommandant der „Ayesha“, jetzt Chef der Euphratfluß-Abteilung, die nicht weit vom Bahnhof am Ufer große Werften und Werkstätten angelegt hat. Eine kleine Stadt von deutschen und türkischen Häusern war hier erstanden, und auf der Werft waren deutsche Matrosen beim Bau gewaltiger Boote von 12 Meter Länge, 4 Meter Breite und einer Tragkraft von 25 Tonnen; sie sollten Kriegsmaterial den Euphrat abwärts nach Risvanije bringen, von wo eine Feldbahn es nach Bagdad schaffte. Die türkische Werft liegt 25 Kilometer weiter flußaufwärts in Biredschik. Dort baut man seit alter Zeit Euphratboote, sogenannte Schahtur, die 6 Meter lang und 2½ Meter breit sind und auf dem Wasser gewöhnlich paarweise zusammengebunden werden. Das Holz liefern die Gebirgsgegenden oberhalb Biredschik. Flußabwärts ist Holz sehr selten; was an solchen Booten oder Fähren dort hinunter kommt, wird daher gewöhnlich an seinem Bestimmungsort verkauft. Kapitänleutnant von Mücke wollte aber versuchen, die zahllosen Boote, die von Dscherablus ausgingen, zu retten, indem er sie durch deutsche Lotsen mit Motorbooten wieder an ihren Ausgangspunkt zurückbefördern ließ. Die ganze Stromstrecke bis Feludscha beträgt über 1000 Kilometer, ein einzelner Lotse kann sich daher nicht mit ihr vertraut machen. Deshalb sollte sie in zehn Teilstrecken zerlegt und im Herbst eine genaue Karte des ganzen Stromlaufs hergestellt werden, denn dann ist die Schiffahrt am schwierigsten. Jetzt war der Strom im Steigen, aber der Wasserstand wechselte; am 28. März war er schon fast einen Meter höher gewesen als jetzt; nach der bevorstehenden Schneeschmelze erwartete man, daß er wieder um anderthalb Meter steigen werde. Ein während des Hochwassers aufgenommenes Kartenbild würde leicht irreführen, da alle Untiefen, Sandbänke und Riffe dann überschwemmt sind und die Wassermenge bei niedrigem Wasserstand sich zu dem bei Hochwasser verhält wie 1:12. Obendrein sollten an den Ufern Signale angebracht werden mit Angaben über den Verlauf der tiefen Stromrinne und über alles, was der Euphratschiffer wissen muß.

Gleich oberhalb der Werft liegen die Ruinen einer uralten Stadt, die George Smith 1876 entdeckt hat. Auf einer Reise durch Syrien und Mesopotamien im Jahre 1879/80 kam auch Professor Sachau aus Berlin nach Dscherablus — er nennt es Dscherâbîs —, dem Europus der Römer, dem alten Karkemisch, mit dessen Namen die Erinnerung an einen glänzenden Sieg verknüpft ist. Hier schlug Nebukadnezar im Jahr 605 v. Chr., ein Jahr nach Ninives Fall und ein Jahr vor seiner Thronbesteigung, den Pharao Necho. Dieses Ereignisses gedenkt auch die Bibel; zum Propheten Jeremias geschah das Wort des Herrn: „Wider Ägypten. Wider das Heer Pharao Nechos, des Königs in Ägypten, welches lag am Wasser Euphrat zu Karchemis, das der König zu Babel, Nebukadnezar, schlug im vierten Jahr Jojakims, des Sohnes Josias, des Königs in Juda.“

Als Sachau in Dscherablus eintraf, hatte der englische Konsul Henderson in Aleppo gerade seine Ausgrabungen begonnen. Sie deckten zwei Kulturperioden auf: die uralte hethitische mit künstlerisch ausgeführten Reliefs, breiten Treppen und massiven Häusern, und die römische. Noch bei Ausbruch des Weltkrieges waren englische Archäologen hier an der Arbeit gewesen. Jetzt stand ihr Wohnhaus leer, ihre Betten waren requiriert. Funde und Sammlungen hatte die türkische Regierung versiegeln lassen, damit sich niemand daran vergreife. Durch einen Spalt in der Holztüre sah ich Skulpturen, Vasen usw. auf Regalen und auf dem Boden aufgestellt. Von den größeren Skulpturen draußen auf dem Hof sind, fürchte ich, einige durch die Beduinen beschädigt worden. Seit Dscherablus ein so wichtiger Punkt auf der Etappenstraße nach Bagdad geworden ist, haben Türken und Deutsche die strengsten Maßnahmen zum Schutz der ausgegrabenen Altertümer getroffen. Das Ruinenfeld war auch in bestem Zustand. Da standen in langen Reihen die aus der Erde gegrabenen mächtigen Steinplatten, geschmückt mit Löwen und Greifen und den Bildern assyrischer Könige. Ein etwa einen Meter langer geflügelter Löwe trug außer seinem eigenen Kopf noch den eines Mannes mit eigentümlicher Zipfelmütze oder Krone. Die Grundmauern alter Häuser traten deutlich hervor, oft auch die Einteilung der Räume.

Oberhalb dieses Ruinenfeldes erhebt sich ein Hügel mit Spuren einer Akropolis, und von hier aus bietet sich eine herrliche Fernsicht. Flußabwärts verliert man den Euphrat zwischen seinen ziemlich hohen Ufern bald aus den Augen. Unmittelbar unter uns springt die Brücke der Bagdadbahn von Ufer zu Ufer, und weiterhin liegt eine Flottille von Kähnen, die mit dem erwarteten Schneewasser in wärmere Gegenden fahren soll.

Als die Dunkelheit unsern Studien im Freien ein Ziel setzte, versammelten wir uns an Kapitänleutnant von Mückes Tisch in der Offiziersmesse. Hier berichtete nun der Held der „Ayesha“, ein glänzender Vertreter des Offizierkorps der deutschen Marine, selbst über seine märchenhaften Abenteuer, wie er auf der nördlichsten Kokosinsel von der „Emden“ an Land ging, mit seinem kleinen Schoner über den Indischen Ozean das Rote Meer erreichte und sich in blutigen Kämpfen mit Araberstämmen durchschlug, bis der Weg nach Konstantinopel frei war.

Auch hier in Dscherablus gingen allerhand Etappengerüchte um, die befürchten ließen, daß sich die Russen von Norden her näherten. Teile einer türkischen Division waren auf dem Marsch nach Mosul, also auf dem Wege, den wir morgen mit dem Auto einschlagen sollten, überfallen worden; offenbar hatten die Russen die Eingeborenen aufgewiegelt, um den Verkehr auf der Etappenstraße zu stören. Die Türken hatten natürlich die Kurden in die Flucht gejagt. Aber war die Straße nun wieder frei?

Die Antwort auf diese Frage gab ein Telegramm aus Kut-el-Amara, das mir in diesem Augenblick ein Matrose überbrachte: „Habe bereits Großes Hauptquartier benachrichtigt, daß keinerlei Bedenken gegen Ihre Herreise vorliegen. Freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Goltz.“

Wenn der Feldmarschall „keinerlei Bedenken“ hatte, mußten mir auch die bedrohlichsten Etappengerüchte gleichgültig sein.

Spät am Abend begleitete uns Kapitänleutnant von Mücke zum Bahnhof. Unsere Automobile waren schon nach Ras-el-Ain vorausbefördert, um sich dort reisefertig zu machen; am andern Morgen sollten wir wieder zu ihnen stoßen.

Gegen Mitternacht rollte unser Zug langsam nach Osten der 950 Meter langen Euphratbrücke zu, die mit zehn eisernen Bogen auf neun Steinpfeilern das gewaltige Flußbett überspannt. Die Nacht war sternenhell. Vor ihren Blockhäusern standen die Bahnwärter mit bunten Laternen unbeweglich wie Statuen. Bald begannen Räder und Schienen zu singen und zu donnern, die Brücke war erreicht, und im matten Schein der Sterne breitete der majestätische Strom seinen weiten Spiegel zu unsern Füßen aus. Dann stieg die Geschwindigkeit; die Bahn lief am Fuß von Anhöhen entlang und kletterte zwischen ihnen mit merkbarer Steigung auf das öde, einförmige Flachland zwischen Euphrat und Tigris hinauf.

Als ich am Morgen erwachte, waren wir schon fast am Ziel. Weit bis zum Horizont dehnte sich das Land eben wie eine Tischplatte oder doch nur ganz schwach gewellt. Hier und da verstreut zeigten sich schwarze Nomadenzelte und trieben Hirten ihre Herden auf die grüne Steppe. Der Himmel strahlte in sonniger Klarheit, der Tag versprach heiß zu werden; nur im Norden schwebten über den Bergen weiße Wolken, und weit im Süden stand der Dschebel (Bergrücken) Abd-el-Asis da wie ein hellblauer Schild. Wir überschritten einen kleinen Flußarm und waren im nächsten Augenblick in Ras-el-Ain.

Die fünf Autos warteten in Ras-el-Ain schon auf uns, und Major Reith brannte darauf, seinen Auftrag so schnell wie möglich auszuführen. In der türkischen Etappenkommandantur versicherte man uns obendrein, die Wege seien gut und trocken und die beiden Arme des Dschirdschib, die wir einige Kilometer östlich von Ras-el-Ain zu passieren hatten, jetzt ganz schmal. Also los!

Das ganze elende Dorf war auf den Beinen, als unsre Kolonne zur Abfahrt bereit stand. Vorauf die beiden Personenwagen, der erste ein Benz, von Major Reith selbst gelenkt, mit Dr. Reith, einem Chauffeur und mir als Passagieren; hinterdrein die drei Lastautos. ¾10 Uhr setzten wir uns in Bewegung. Die Straße hätte nicht besser sein können, das Gelände war eben oder ging in sehr flachen Wellen, und nach 17 Minuten waren wir schon am ersten Arm des Dschirdschib. Die Furt war ein paar hundert Meter nördlich von der Straße. Die Personenwagen brausten schäumend durch das Wasser und waren bald wieder auf dem Trocknen, aber die Lastautos fuhren auf der steilen, linken Uferterrasse fest, und es kostete unsere vereinten Anstrengungen, sie wieder freizumachen.

Nun bogen wir vom Damm der Bagdadbahn allmählich nach links ab, den Telegraphenstangen nach, die unsere einsame Straße verfolgten. Wir überholten einen Wanderer, einen Jaile und eine Karawane von Mauleseln. Sonst sahen wir an Lebewesen nur in einiger Entfernung einen Wolf, dem der Major vergeblich ein paar Kugeln nachschickte.

Schon nach 22 Minuten hatten wir auch den zweiten Flußarm des Dschirdschib erreicht. Er führte kaum drei Kubikmeter Wasser, sein Bett war hart und voller Kies, und die Uferböschung flach. Dieses Hindernis wurde also ohne Schwierigkeit genommen. Als wir dann aber in einen Hohlweg mit weichem Boden gerieten, fuhr ein Lastauto so gründlich fest, daß wir mit Spaten und Hebeln drei Stunden schwer zu arbeiten hatten.

In nordöstlicher Richtung ging es weiter, dem Gebirge von Mardin entgegen. Wie ein breites gelbrotes Band zog sich die Straße in leichten Krümmungen durch die grüne Steppe. Lerchen, Wildgänse, Falken und Geier beherrschten die Luft; auf der Erde sah man nur zahllose Löcher von Feldmäusen und hier und da die Reste eines gefallenen Kamels oder Maulesels. Ein türkischer Offizier, der uns auf seinem Jaile begegnete, berichtete uns, der Weg vor uns sei gut; zwei schwierige Stellen habe man ausgebessert, da Enver Pascha in Bagdad erwartet werde. Bei dem Dorfe Arade rasteten drei deutsche Soldaten, die vor einem Monat aus Bagdad aufgebrochen waren; dort sei es, versicherten sie, schon damals bedeutend wärmer gewesen als jetzt hier bei Arade.

Beim nächsten Dorf — Bunas mit Namen — standen mehrere Zelte, deren Bewohner ihre Rinder- und Schafherden zusammentrieben. Hier lebten Fellachen, Ackerbauer, und Beduinen, Nomaden, durcheinander, die eintönige Steppe wurde daher nicht selten durch bestelltes Feld unterbrochen. Die Dörfler starrten verwundert unsren vorbeisausenden Autos nach, von denen das erste die türkische — weißer Halbmond und Stern in rotem Feld —, das zweite die deutsche, schwarzweißrote Flagge führte.

Schon legte sich Abendstimmung über die Landschaft. Die Sonne verbarg sich hinter den Wolken. Einige Araber zu Pferde zeigten uns den Weg, der fast geradeaus nach Norden führte, wo die Berge von Mardin immer schärfer hervortraten. In dem Dorf Abd-el-Imam zeigten sich prächtige Gestalten, besonders Frauen in roten Trachten, zwischen den Hütten. Schließlich kamen wir über eine kleine neuerbaute Steinbrücke, eine seltsame Erscheinung in dieser Gegend, und an einem Tell ohne Dorf vorüber und bogen ¼7 Uhr etwa 50 Meter seitwärts von der Straße ab. Hier sollte unser erstes Nachtquartier auf dem Wege nach Mosul sein.

In militärischer Ordnung wurde unser Lager aufgeschlagen. Unsere Wagen- und Zeltburg — links die drei Lastautos, rechts die Personenwagen, vorn zwei Zelte und hinten die offene vierte Seite nach der Wüste zu — bildete einen kleinen Hof, in dessen Mitte bald ein Feuer brannte. Mit dem Dolmetsch Gabes waren wir insgesamt zwölf Mann. Im Handumdrehen waren die beiden Offizierzelte aufgerichtet, die Betten fertiggemacht, die Zeltstühle um eine Kiste gestellt, Büchsenkonserven, Suppe, Fleisch und Gemüse, gekocht, und bald saßen wir beim Schein einer Karbidlampe um unsern Abendbrottisch, während die Mannschaft es sich in malerischen Gruppen am Lagerfeuer bequem machte. Dann wurde die Lampe ausgelöscht, die Zigaretten angezündet, und wir lauschten noch eine Weile den frischen Gesängen der Chauffeure.

Am 30. März waren wir schon um ½6 Uhr zum Aufbruch fertig. Da erhob sich plötzlich aus Nordwest ein rasender Sturm, und kalter Regen peitschte die Steppe. Heraus mit den Regenmänteln! Und nun vorwärts zum Aufmarsch der Kolonne auf der Straße! Das erste Lastauto zog an, aber der Erdboden war bereits so feucht, daß die Räder nicht recht faßten. Noch einmal losgekurbelt! Man hörte ein betäubendes Knattern und Schleifen — und plötzlich stand die Maschinerie still. Die Chauffeure sprangen herunter, und eine kurze Untersuchung ergab als Resultat: das Auto ist ein Wrack, die nötigen Ersatzteile können nur aus Scham-allan-han am Taurus beschafft werden — und das kann ein paar Wochen dauern!

Nun kam das zweite an die Reihe. Es fuhr an, ratterte und krachte — und dann stopp! Genau derselbe Schaden wie beim ersten! Auch dieser Wagen war also erledigt. Der Major biß die Zähne zusammen über dies Mißgeschick; aber nur nicht den Mut verlieren! Umladen, und dann mit dem Rest der Kolonne weiter!

Das dritte Lastauto wurde bis an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit, die drei Tonnen betrug, beladen; genügenden Vorrat an Benzin, Proviant, Öl und Wasser mußten wir mitnehmen, außerdem Betten, Kleider, Zelte und anderes. Die beiden Wracks blieben fast mit ihrer ganzen Last zurück. Darunter befanden sich mein Zelt, meine Proviantkiste und mein Primuskocher mit Kessel. Drei Chauffeure, Conrad, Buge und Lopata, und der türkische Dolmetsch Gabes sollten das unfreiwillige Depot bewachen und auf Ersatzteile warten. Waffen, Geld und Proviant hatten sie genug.

Gegen 1 Uhr war endlich alles fertig, und nachdem wir noch eine gründliche Regendusche von Nordwesten her erhalten hatten, fuhren wir los. Bei Tell-Ermen, einem großen Dorf mit Trümmern von Kirchen und Moscheen, kamen wir auf die alte Straße von Urfa nach Nesibin, den Heerweg Alexanders des Großen. Nordwärts führte ein anderer Weg über Mardin nach Diarbekr und Bitlis. Schon trat Mardin auf dem Gipfel eines Bergrückens immer deutlicher hervor. Aber wir kamen nur langsam vorwärts. Der nasse Erdboden klebte an den Rädern und bildete weiche Ringe von rotem, plastischem Lehm. Bei dem Dorfe Deguk am Westufer eines kleinen Flußbettes mußten wir die ganze männliche Bevölkerung aufbieten, um die Wagen das ziemlich steile Ostufer hinaufzuschieben.

Es regnete nicht mehr. Wenn wir nur erst an Nesibin vorüber und von dem Gebirge fort wären, wo die Niederschläge am stärksten sind! Dann wird sich das Wetter wahrscheinlich aufhellen. Aber bis dahin geht es noch entsetzlich langsam! Das Benzauto fährt voraus, muß aber immer wieder auf das Lastauto warten, das schnaufend herankommt; man hört, wie der Motor sich aufs äußerste anstrengt. Wir lassen es ein Stück voranfahren, folgen ihm, haben es bald überholt und warten wieder. So geht es in einem fort, bis wir endlich das kleine Dorf Bir-dava erreicht haben.

Einige Dorfbewohner laufen herbei und winken eifrig. Mein mangelhaftes Türkisch muß nun zur Verständigung dienen.

„Halt!“ rufen die Leute, „ihr könnt nicht weiterfahren. Gleich östlich vom Dorf ist eine Senkung, die der Regen in einen Sumpf verwandelt hat. Da sinken eure Wagen bis zu den Achsen ein, und ihr kriegt sie nie wieder los.“

„Wie weit geht der Moorboden?“ frage ich.

„Etwa drei Stunden nach Osten. Weiter kennen wir die Gegend nicht. Aber bis Nesibin wird es wohl nicht anders sein.“

„Gibt es weiter nördlich oder südlich keinen Weg?“

„Nein, die Senkung erstreckt sich sehr weit nach Norden und Süden.“

„Hat es in der letzten Zeit viel geregnet?“

„Nein, noch gestern war der Weg bis Nesibin ganz trocken. Heute aber ist er durch Regen unmöglich geworden.“

„Wie lange dauert es gewöhnlich, bis der Boden trocken wird?“

„Einen oder zwei Tage, wenn die Sonne scheint.“

„Glaubt ihr, daß es noch mehr Regen geben wird?“

„Das weiß Gott allein. Auf alle Fälle müßt ihr hier warten; denn eure schweren Wagen würden im Schlamm versinken.“

Dorfbewohner schleppen unser Auto durch den Schlamm.

Einen Versuch wollten wir dennoch wenigstens mit dem kräftigen Benzauto machen. Die Straße führte unmittelbar nördlich an den kleinen elenden Lehmhütten von Bir-dava vorüber, dann senkte sich das Land zu einer flachen Mulde, an deren tiefster Stelle ein gemauerter Brunnen stand; er war jetzt von einer Wasserlache umgeben. Hinab kamen wir ganz gut. Als es aber wieder aufwärts ging, blieben wir rettungslos in dem zähen Lehm stecken. Unsere Chauffeure und einige Männer aus dem Dorf mußten aus Leibeskräften arbeiten, um uns wieder nach Bir-dava hinaufzubringen. Für heute blieb uns nichts anderes übrig, als hier auf ein besseres Morgen zu warten.

Die drei Wagen wurden nebeneinandergestellt, daneben das schwarze Zelt des Majors, das kaum unsre Betten faßte. Darüber brach die Nacht herein. Die Mannschaft hatte ihr Lager im Lastauto hergerichtet, und ihr Teekocher brannte lustig zwischen den Benzinfässern. Aber heute sangen die Chauffeure nicht, die Anstrengungen des Tages hatten sie übermüdet. Einer von ihnen, namens Lundgren, war schwedischer Abkunft, aus Umeå, aber in Deutschland geboren; die andern hießen Hofmeister, Buschkötter, Ludwig und Bodak — lauter tüchtige, prächtige Männer, die für solch eine Reise wie geschaffen waren.

Der Himmel sah bedenklich aus, nur ein einziger Stern blitzte zwischen den zerfetzten Wolken. Ich lag noch eine Weile wach und lauschte der wunderbaren Stille der Wüste, die nur hier und da von Hundegebell in der Ferne oder von den Lauten eines Nachtvogels unterbrochen wurde. Ich hörte meine Uhr unter dem Kopfkissen ticken und die langen, tiefen Atemzüge meiner beiden Reisekameraden. Dann schlief auch ich ein.

Gegen 11 Uhr aber erwachte ich durch einen furchtbaren Sturzregen. Schwere Tropfen platschten draußen in neu entstandene Wasserlachen und trommelten auf die Zeltbahnen. Und das Trommeln dauerte die ganze Nacht mit unverminderter Heftigkeit! So oft ich erwachte, hörte ich dieses trostlose Rauschen, das uns mindestens auch für den nächsten Tag den Weg nach Osten versperren mußte.

Am Morgen spannten wir bei immerfort strömendem Regen die Zelttür zu einem Dach auf, das von zwei Stangen getragen wurde, und frühstückten auf dieser luftigen Veranda Eier und Schinken, die wir auf einem Primuskocher gebacken hatten. Nach Norden zu lag die freie Steppe vor uns, aber von den nahen Bergen war keine Spur mehr zu sehen. Schwere Wolken schwebten über der Erde, und wer das Zelt verließ, sank fußtief in den roten Schlamm ein.

Gegen Mittag hörte der Regen eine Weile auf. Da kamen auch schon die Dorfleute neugierig heran, und ein altes runzliges Weib bat um Medizin für ihren Sohn, den seit einigen Tagen starker Kopfschmerz und Fieber plagten. Dr. Reith gab ihr etwas für den Kranken. Vor kurzem war in Bir-dava der Flecktyphus ausgebrochen und hatte von den fünfunddreißig Einwohnern sieben weggerafft. Für Geld und gute Worte brachte man uns etwas armseliges Reisig zu einem Feuer, dessen Glut wir in einem eisernen Kessel ins Zelt trugen, um in der feuchten Kälte nur ein gewisses Gefühl von Wärme und Trockenheit zu gewinnen. Kleine zerlumpte Kinder sammelten Konservenbüchsen und leere Flaschen, und die Dorfhunde wurden immer frecher auf der Suche nach Abfällen. Sogar eine Maus quartierte sich unter unsern Kisten und Säcken ein und entwischte uns immer wieder, so oft wir auch Jagd auf sie machten.

Schließlich begann es wieder zu regnen. Man hörte und sah, wie ein Regenschauer nach dem andern wolkenbruchartig über die Steppe daherkam. Sogar in unserm Zelt waren wir nicht mehr sicher. Die Chauffeure mußten ringsherum einen Kanal graben und einen Erdwall aufwerfen, um uns vor Überschwemmung zu schützen. Vor dem Eingang bauten sie eine Brücke aus Planken des Lastautomobils. Das ganze Feld war ein einziger Sumpf, denn es dauerte lange, bis das Regenwasser den Lehm durchdrang, dessen Oberfläche glatt war wie Seife. Ein tragikomisches Schauspiel bot eine vorüberziehende kleine Karawane von Mauleseln: die auf den schwer beladenen Saumsätteln sitzenden Araber hatten ihre schwarz- und braungeränderten Mäntel über den Kopf gezogen, und der Regen floß nur so von ihnen und ihren Tieren herunter. Die endlich hereinbrechende Dämmerung wirkte fast wie eine Erlösung. Wir bereiteten mit möglichster Langsamkeit unser Abendessen und überließen uns einer neuen Nacht.

Gegen Mitternacht weckte mich wiederum ein fast tropischer Regenguß aus dem Schlaf. Feine Wassertropfen sprühten durch das Zelttuch auf uns herab, und einige Stunden später regnete es so kräftig herein, daß Dr. Reith in das Unwetter hinaus mußte, um den Schutzlappen des Zeltfensters an der Windseite wieder festzubinden, der aufgegangen war.

Am Tage wurde es nicht besser. Die Zelttür mußte geschlossen bleiben, denn der Wind stand gerade gegen sie; wir frühstückten auf meinem Bett und saßen da wie Schiffbrüchige auf kleiner Klippe in einem Meer von Schlamm; der Zeltgraben stand ebenfalls bis an die Ränder voll Wasser. Die schmutzigen Hunde wurden immer kecker, da wir sie nicht verfolgen konnten. Dazu kam die erschreckende Nachricht, daß der Kranke von gestern über Nacht gestorben sei — wir hatten also den Flecktyphus als nächsten Nachbarn!

Später am Tage sahen wir denn auch, wie sich ein kleiner Leichenzug nach dem Friedhof bewegte, der in einiger Entfernung südöstlich von unserm Zeltplatz lag. Auf einer Bahre trug man den Toten langsam dahin. Am Grabe sprachen die Begleiter Totengebete; bald reckten sie die Hände in der Richtung nach Mekka empor, bald sanken sie in dem fürchterlichen Schlamm neben der Leiche nieder. Endlich wurde der Tote in die Erde gesenkt, abermals Gebete gesprochen und das Grab zugeschaufelt. Ich glaube, die Zeremonie dauerte ein paar Stunden. Dabei regnete es unaufhörlich, und die groben Mäntel der Fellachen glänzten von Wasser. Nach vollbrachter Arbeit ging das Trauergefolge ebenso langsam nach Haus, wie es gekommen war.

Während der Flecktyphus-Epidemie in Aleppo haben deutsche Ärzte die Beobachtung gemacht, daß Europäer für Ansteckung weit empfänglicher sind als Eingeborene. Auch hat sich während des Krieges gezeigt, daß die Krankheit bei russischen Soldaten und Kosaken einen milden Verlauf nimmt, weil sie an Ungeziefer gewöhnt sind. Je älter der Patient ist, um so schwerer kommt er durch.

Einem türkischen Soldaten, der gen Westen ritt, gab der Major einen Brief mit, worin er die zurückgelassenen Chauffeure über unsre Lage unterrichtete. Sonst zeigte sich kein Reisender, der kühn genug gewesen wäre, den Kampf mit den Elementen aufzunehmen.

Bei Dunkelwerden hörte der Regen auf. Da brachte „Lohengrin“ — wie Lundgren von den Kameraden genannt wurde — das Teewasser ins Zelt und meldete, im Norden sei eine Reihe Feuer sichtbar. Was mochte das sein? Biwakfeuer? Doch nicht etwa russische? Aber das war unmöglich, dann hätten wir etwas von einem Rückzug der Türken merken müssen. Diese waren aber im Vormarsch. Nach der Karte lag in jener Richtung, nur 10 Kilometer entfernt, Mardin, das sich seit gestern hartnäckig hinter dem Regenschleier verborgen hatte; die Feuer waren nichts anderes als die Lampen in den Häusern dieser Stadt. Wir konnten uns also ohne Sorge in unserm Gefängnis zur Ruhe begeben und den Regenschauern lauschen, die am Abend mit vermehrter Heftigkeit einsetzten.

Am nächsten Tag dasselbe Bild! Man steht auf, wäscht sich, kleidet sich an, öffnet einen Spalt der Zelttür, frühstückt und hat den ewig langen Tag vor sich. Ich habe Bezolds „Ninive und Babylon“ und „Moltkes Briefe aus der Türkei 1835–39“ bei mir, aber die Ruhe zum Lesen fehlt. Man wartet in sehnsüchtiger Qual, daß irgendetwas geschehe, uns aus dieser hoffnungslosen Lage zu befreien. Volkstypen zu zeichnen ist auch unmöglich; Leute mit Flecktyphus bringenden Läusen ins Zelt hereinlassen — das fehlte noch! Im Dorfe geht das Leben seinen alltäglichen Gang. Frauen treiben von den Feldern Schafe und Ziegen herein oder holen in Lehmkrügen Wasser am Brunnen. Der Himmel ist blauschwarz. Zuweilen grollt unglückverheißend und dumpf der Donner in den Bergen. Und das ist Mesopotamien im April, wo ich Frühlingswärme erwartet hatte, Trockenheit und Skorpione! Aber wir waren ja freilich in einer Höhe von 550 Meter und am Fuß eines Gebirges, wo der Winter noch nicht gewichen war. Nachmittags um 5 Uhr zeigte das Thermometer nur 10 Grad, eine Temperatur, die wir nach den warmen Sonnentagen in Aleppo als Kälte empfanden.

Drei Soldaten kamen von Ras-el-Ain zu Fuß; sie hatten unsre verunglückten Automobile und das Zelt der Chauffeure gesehen. Ein paar andere zogen in entgegengesetzter Richtung. Sie waren schon 20 bis 30 Kilometer östlich von Nesibin in das Moorbad geraten, das bis hierher reichte, und sie gaben uns die tröstliche Versicherung, daß mindestens zwei Tage warmer Sonnenschein nötig seien, um das Land wieder zu trocknen.

Am Nachmittag trat einen Augenblick die Sonne hervor, und mit ihr in Nordnordwest die alte Festung von Mardin auf dem Gipfel des Bergkammes; unmittelbar darunter die Häuser wie Schwalbennester an den Böschungen, dazwischen die armenischen und syrischen Kirchen und weißen Minarette. Aber bald verschwand wieder alles unter schwarzen Wolkenmassen und neuen Regenschauern.

Eine verzweifelte Lage! Wären wir nur einen Tag früher aufgebrochen, so wären wir bereits in Mosul! Die ganze Strecke ist nur 320 Kilometer lang, für ein Auto zwei Tage Fahrt. Nun saßen wir in diesem elenden Gefängnis und konnten weder vor- noch rückwärts. Proviant hatten wir ja noch für acht Tage, nur Brot und Wasser gingen zu Ende. Aber an letzterem war ja kein Mangel — wir brauchten nur ein Stück Segeltuch aufzuspannen, um die Kannen gefüllt zu erhalten.

Am Morgen des 3. April weckte uns die Meldung, die Sonne scheine. Wirklich! Der halbe Himmel blau und hell, und über die andere Hälfte segelten freundliche weiße Frühlingswolken. Wir kleideten uns in aller Eile an und rasierten uns sogar aus lauter Feststimmung. Für vier Soldaten, die von Ras-el-Ain dahergewandert kamen, kauften wir bei der Dorfbevölkerung einige Brote, denn sie hatten nichts mehr zu essen, da sie während der Regentage hatten liegen bleiben müssen.

Mardin von Südosten gesehen.

Dann beobachteten wir mit zunehmender Spannung, wie die Regenlachen zusammenschrumpften und die Ackerschollen rings um unsern Lagerplatz immer deutlicher hervortraten. Kurz nach Mittag war alles Wasser auf der Erdoberfläche verschwunden. Nur um Zelt und Autos herum war der von uns und den Chauffeuren zerstapfte Lehmschlamm noch fußtief. Die Mistkäfer aber schienen dem guten Wetter noch kein Vertrauen zu schenken, so eilig rollten sie ihre Erdklümpchen daher.

Nun zeigte sich auch wieder Leben auf der Straße. Eine Karawane von fünfzig mit Munition beladenen Kamelen zog nach Nesibin, und ein türkischer Offizier kam mit seinem Diener von Westen geritten. Wir luden ihn in unser Zelt ein und bewirteten ihn mit Kakao und Keks. Der Türke war Leutnant Ahmed Dschemal, von kurdischer Abkunft, als Kompagnieführer auf dem Marsch nach dem Irak; morgen sollte er in Nesibin sein. Der Major bat ihn, eine Depesche nach Schamallan-han mitzunehmen, die Ersatzteile für die verunglückten Automobile bestellte, und vom Kaimakam von Nesibin acht Jailewagen zu verlangen, die schleunigst hierhin kommen sollten, um unser schweres Gepäck zu holen. Jeder dieser Wagen konnte bei schlechtem Weg 200 Kilogramm fassen und so das Auto mit seiner Last von 3000 Kilogramm um die Hälfte erleichtern. Als der Leutnant hörte, daß unser Brot zu Ende sei, schenkte er uns aus seinem reichen Vorrat einige herrliche türkische Kommißbrote. Bald kam auch seine Kompagnie dahermarschiert, gegen 100 Mann, leicht bepackt und in vortrefflicher Verfassung. Ihnen folgten eine Stunde später Packpferde mit Waffen, Munition usw., und zuletzt zwei Gepäckwagen. Die Leute waren die vier Tage im Platzregen marschiert und bis auf die Haut durchnäßt; aber bis Bagdad wurden sie wohl wieder trocken!

Ahmed Dschemal war mit seiner Truppe kaum abmarschiert, als sich über den Bergen neue Wolkenmassen sammelten. Wir hatten zu früh gejubelt. Die blauen Flecke am Himmel verschwanden, und es wurde dunkler und dunkler, und plötzlich stürzte ein neuer Platzregen, zur Abwechslung mit Hagel vermischt, auf uns herab. In wenigen Minuten waren Ackerfurchen und Zeltgraben wieder mit Wasser gefüllt und das ganze Land ein unermeßlicher Sumpf. Es wurde 3 Uhr, 5 Uhr, 6 Uhr — der Regen rauschte mit Erbitterung herunter. Als er um 7 endlich aufhörte, hatte sich eine neue Nacht auf die Erde gesenkt und unsre Hoffnungen auf baldige Befreiung begraben.

Obgleich es am andern Morgen nicht mehr regnete, war die Straße hoffnungslos. Ein vorüberreitender türkischer Soldat versicherte, ein fester Kiesweg am Fuß des Gebirges entlang verbinde Mardin mit Nesibin; auf diesem Wege hätten die Türken noch vor fünf Tagen Geschütze nach Osten transportiert; diese Richtung sollten wir einschlagen. Ehe der südliche Weg trocken werde, könnten wir noch einen Monat oder länger hier liegen bleiben! Sofort schickten wir die Chauffeure aus, um den nördlichen Weg zu untersuchen. Sie fanden ihn — noch schlechter als den unsrigen!

Da der Schlamm um uns her lebensgefährlich wurde, verlegten wir unser Zelt etwa 20 Meter nordwärts von der Straße, zogen neue Kanäle und Wälle, bauten zwischen Zelt und Wagen eine Brücke und luden die Benzinfässer aus, um sie beim ersten Sonnenschein über die gefährliche Senkung zu rollen, am liebsten gleich 6 Kilometer weit, damit das Auto schneller vorwärts komme.

Vergebliches Bemühen! Um 5 Uhr goß es wieder in Strömen. Man sah, wie sich die Regenzentren am Gebirgsrand im Osten und weiter südlich bildeten, nach Westen zogen, über unserem Lager haltmachten und ihre Wolkenmassen über uns ausbreiteten. Es war, als beeile sich jedes einzelne Wassermolekül, das aus dem Mittelmeer und dem Persischen Meerbusen aufstieg, ausgerechnet nach der Gegend zwischen Ras-el-Ain und Nesibin zu kommen und dort niederzugehen, wo wir in dem roten Lehm, dem vorzüglichsten Terrakottamaterial, so elend gestrandet waren!

Nachdem wir noch einen Tag im Sumpf gelegen hatten, war die Geduld des Majors erschöpft. Am Morgen des 6. Aprils fragte er mich plötzlich, ob ich Lust hätte, mit ihm allein nach Ras-el-Ain zurückzukehren.

„Ja, mit Wonne, wenn wir nur von Bir-dava fortkommen!“

„Dann fahren wir jetzt gleich mit dem Benz und nehmen nur das Unentbehrlichste mit. Was zurückbleibt, lasse ich nach Mosul und Bagdad schaffen, sobald die Straßen besser sind.“

„Aber glauben Sie, daß das Auto in dem Schlamm und Regen vorwärtskommt?“

„Wir mobilisieren jedes Dorf bis zur Eisenbahn!“

Und so geschah es. Wir ließen die Chauffeure bis auf Hofmeister bei Dr. Reith zurück, der wohl oder übel sich in das Schicksal ergeben mußte, auf unsrer Schlamminsel bei dem zurückgelassenen Gepäck auszuharren. Vor unsern Benz spannten wir zunächst die männliche Bevölkerung von Bir-dava, soweit sie sich anwerben ließ, und mit vereinten Kräften zogen und stießen wir unsern Wagen bis zum nächsten Dorf, wo eine neue Abteilung Fellachen requiriert wurde. So ging es zum Verzweifeln langsam, aber sicher, von Ort zu Ort; denn Zugtiere waren nirgends aufzutreiben. Wo die Bevölkerung phantastischen Kriegslohn forderte, halfen uns türkische Soldaten aus der Verlegenheit.

Das Auto wird an Bord einer Fähre geholt.


GRÖSSERES BILD

Bis zu den beiden verunglückten Lastautos blieb der Regen unser treuer Begleiter. Am 8. April endlich klärte sich das Wetter auf, die Wege wurden wieder fahrbar, und wir durften unsern Wagen endlich wieder seiner eigenen Motorkraft überlassen. Schwierigkeiten machten nur noch die beiden Arme des Dschirdschib, die durch den tagelangen Platzregen zu reißenden Strömen angeschwollen waren. Über den ersten brachte uns eine Fähre, die zum Truppentransport zur Stelle war; und durch den zweiten zog uns eine Koppel Ochsen von einer türkischen Trainkolonne. Motor, Ochsen und Chauffeur hatten dabei aber ein so gründliches Bad genommen, daß wenigstens die ersteren streikten. Wir mußten daher noch einmal militärischen Vorspann nehmen, diesmal von Pferden, und so fuhren wir sechsspännig in pechfinstrer Nacht endlich wieder am Bahnhof von Ras-el-Ain vor.

„Kapitän“ Mohammed am Steuerruder.

Viertes Kapitel.
Mein neuer Feldzugsplan.

Ein Feldzugsplan im wörtlichen Sinne war es nun eigentlich nicht, denn daran war mir auf den grundlosen Feldwegen nach Bir-dava und zurück die Lust vergangen. Aus den zwei Tagen, in denen ich Mosul hatte erreichen sollen, waren zwei Wochen Ungemach geworden. Wenn doch einmal alles zu Wasser werden sollte — warum sich dann nicht lieber diesem Element ganz anvertrauen und noch einmal solch eine fröhliche Stromfahrt versuchen, wie ich sie schon zweimal vor Jahr und Tag im Innern Asiens auf den Fluten des Tarim und des Brahmaputra unternommen hatte?

Der Euphrat war mir noch so gut wie fremd. Im Mai 1886 hatte ich ihn zum erstenmal gesehen. Damals war ich auf dem englischen Dampfer „Assyria“ vom Persischen Meerbusen in den Schatt-el-Arab hineingefahren und einige Tage später nach Korna gekommen, wo am Zusammenfluß des Euphrat und Tigris das Paradies gelegen haben soll. Dann war ich im November 1905 bei einem kurzen Aufenthalt in Erserum bis in die Nähe der Quelle des Frat-su oder Euphrat geritten. Jetzt hatte mich mein Schicksal zum drittenmale an diesen gewaltigen Strom geführt, der in der Geschichte der Menschheit älter ist als Nil und Brahmaputra. Ließ ich diese Gelegenheit, ihn gründlich kennen zu lernen, ungenutzt vorübergehen — wer weiß, ob sie jemals wiederkehrte!

Am 9. April saß ich wieder in der Bahn, die mich von Aleppo nach Ras-el-Ain gebracht hatte, und ich fühlte mich wie befreit aus langer Gefangenschaft, als ich endlich wieder die mächtig wogende Wasserstraße vor mir sah, die mich jetzt — dazu war ich fest entschlossen — meinem Ziel, der Stadt der Kalifen, entgegenführen sollte. In Dscherablus verabschiedete ich mich von Major Reith und war bald wieder in der deutschen Marinestation am Euphrat. Kapitänleutnant von Mücke war vor einigen Tagen nach Konstantinopel gefahren, statt seiner empfingen mich nun sein Vertreter, Schiffsbaumeister Schneider, und acht deutsche Flieger und Artillerie-Offiziere, die sich in den nächsten Tagen zur 6. Armee nach Bagdad begeben sollten.

Sofort machte ich mich an die Vorbereitung meiner Euphratfahrt. Etappeninspektor Oberst Nuri Bei überließ mir einen einheimischen Doppelschahtur, und bald fanden sich zwei Schahturtschis, Ruderer, bei mir ein, um die Löhnung für die Reise zu vereinbaren. Dem Ustad oder Kapitän bewilligte ich zwei türkische Pfund, die anderen Schiffer erhielten je ein Pfund und zwar für die Strecke bis Der-es-Sor, wo die türkische Besatzung von Arabern abgelöst werden sollte. Als Sicherheitswache sollte mich ein Gendarm begleiten; gegen einen Überfall durch Beduinen hätte der aber wohl schwerlich viel ausgerichtet.

Auf der Werft war alles in lebhafter Tätigkeit. Kräftige deutsche Matrosenfäuste schwangen die Äxte, Türken und Araber sägten und hämmerten. Ein Boot nach dem andern wurde fertiggestellt, auf einen Wagen geladen, zum Ufer hinabgerollt und dem Strom übergeben. Jedes erhielt einen Namen nach irgendeinem berühmten Ereignis des Weltkriegs. Auf einer Flottille solcher Boote oder Fähren verstaute gerade eine Fliegerabteilung ihre Tauben und Doppeldecker; bald sah ich sie den Strom hinab schwimmen und bei der ersten Biegung verschwinden. Man hatte mich freundlichst eingeladen mitzufahren; aber mir lag jetzt vor allem daran, meine völlige Unabhängigkeit zu bewahren.

Auf andere Fähren schob eine bayerische Batterie unter Major von Schrenk, deren Train wir am Dschirdschib begegnet waren, ihre 15-cm-Haubitzen und Munitionswagen. Jedes dieser plumpen, aber praktischen Fahrzeuge trug 25 Tonnen, wurde aber nur bis zu 18 beladen und faßte vier volle Munitionswagen und eine bedeutende Menge loser Munition. Mehrere Tage noch sollte die Verladung dauern, und der Batterieführer wollte warten, bis auch sein letzter Schahtur reisefertig war.

Für meine Fahrt den Euphrat abwärts hatte ich einen starken türkischen Doppelschahtur, dessen beide Hälften mit Stricken fest zusammengekoppelt wurden. Seine Länge betrug 6,58 Meter, seine Breite 5. Hinten wurde ein Steuer angebracht, vorn an jeder Seite ein Ruder. Reserveruder durften natürlich auch nicht fehlen. Gewöhnlich rechnet man auf die Fahrt bis Feludscha zwei Wochen. Ich brauchte aber längere Zeit, da ich die Reise dazu benutzen wollte, eine Karte des Stromes aufzunehmen; die Nächte über mußte ich also vor Anker gehen. Deshalb wollte ich an Bord einigermaßen bequem wohnen, und der Zimmermann Murat mußte mir nach einem Papiermodell das Fahrzeug entsprechend einrichten. Die linke Fähre erhielt ein Holzdeck, das vorn und hinten für Kapitän und Ruderer Raum ließ. Auf Deck wurde eine 3 Meter lange und 2 Meter breite Hütte aufgeschlagen, deren schmale Vorderwand in Angeln ging und sich nach oben aufklappen ließ. Tagsüber diente diese als Sonnendach für meinen Arbeitstisch; nachts wurde sie herabgelassen. Das übrige Mobiliar bestand aus Feldbett und zwei Kisten. Proviant, den ich in Dscherablus gekauft hatte, wurde unter Deck verstaut. Ein Fenster in der Steuerbordseite ermöglichte mir im Stehen den freien Ausblick auf den Strom, ein zweites kleineres Fenster wurde gegenüber so angebracht, daß ich auch im Liegen hinaussehen konnte. Beide wurden mit Gardinen versehen. Ein niedriges Regal unter dem Fenster des Steuerbords enthielt Waschgeschirr, Seife und alles das, was zur Pflege des äußeren Menschen unentbehrlich ist. Ein Querbrett an der schmalen Wand trug Fernrohr, Thermometer, elektrische Lampe, Metermaß, Stearinkerzen, Zigaretten, Zündhölzer und meine kleine Bibliothek. Letztere bestand nur aus drei Büchern, die aber zur Not für ein ganzes Menschenleben ausreichten: der „Assyrischen und Babylonischen Geschichte“ von Bezold, einer „Praktischen Grammatik der osmanisch-türkischen Sprache“ von Wahrmund und dem Buch der Bücher, der Bibel, die ich noch nie mit solchem Interesse gelesen habe als auf dieser Fahrt in das Land der babylonischen Gefangenschaft. Meine greisen Eltern hatten sie mir bei meinem letzten Abschied von Stockholm mit auf die Reise gegeben.

Hussein am Steuerbordruder.

Ich hatte den 12. April als Tag der Abreise bestimmt, nicht etwa um dem 13. auszuweichen, denn diese Zahl hat mir auf meinen Reisen in Asien immer Glück gebracht, nur weil ich vor Ungeduld brannte, endlich fortzukommen. Schon früh am Morgen erklangen die Hammerschläge und rasselte die Säge; die Wände der Hütte wuchsen an ihren Pfosten hinauf; etliche kurze Bretter fügten sich zu einem Tisch zusammen, und ein bodenfester Stuhl baute sich daneben. Als alles fertig war, schien vom hellen, wolkenfreien Himmel die untergehende Sonne auf den Euphrat herab. Der Strom war nach den heftigen Regenfällen der letzten Wochen und infolge der Schneeschmelze, die jetzt Tag für Tag zunahm, noch immer im Steigen. Die Wassermasse, die sich unter der Brücke hindurchwälzte, berechnete man auf 1200 Kubikmeter in der Sekunde; das konnte noch ganz anders kommen, denn einmal in den letzten Jahren hatte man 2000 Sekundenkubikmeter gemessen. Die Reise war also nicht ohne Gefahr, auch wenn mein tapferer Gendarm alle Beduinen und sonstigen Wegelagerer in die Flucht trieb, und von den mancherlei Abenteuern auf den Wellen und an den Ufern des Euphrat darf ich dem Leser in den folgenden Kapiteln einiges berichten.

Nur noch ein paar Worte über die Besatzung meiner Fähre. Mein „Kapitän“ Mohammed war ein Türke aus Biredschik im stattlichen Alter von achtzehn Jahren. Seit acht Jahren hatte er, erst als Gehilfe seines Vaters, dann als eigener Herr, gegen hundert Reisen nach Der-es-Sor gemacht, und Arabisch sprach er so geläufig wie Türkisch. Hussein am Steuerbordruder war noch drei Jahre jünger, aber trotz seiner Jugend schon zwanzigmal zu Schiff in Der-es-Sor gewesen; der sechzehnjährige Kerif am Backbordruder nur siebenmal. Diese Stadt bezeichnete die Grenze der Ortskenntnis der türkischen Schiffer. Beide Jungen waren ebenfalls Osmanen aus Biredschik und radebrechten wenigstens etwas Arabisch. Der vierte im Bunde war der Gendarm Mahmud, ein Türke aus Urfa von zweiundvierzig Jahren, der zwanzig Jahre im Heer des Großsultans gedient hatte, seit Beginn des Weltkrieges in Biredschik stand und mit seinem grau gesprenkelten Bart wie ein Greis aussah. In seinem grauen, groben Soldatenmantel, das Gewehr über der Schulter, präsidierte er in martialischer Haltung auf der Steuerbordfähre, wo sich die kleine Mannschaft einzurichten hatte. Was mir fehlte, war nur ein Dolmetscher, um mich mit meinen eignen Leuten leicht zu verständigen — ein heilsamer Zwang, mein mangelhaftes Türkisch durch eifrigstes Studium zu vervollkommnen.

Meine Fähre am Ufer der Silman-Araber.

Fünftes Kapitel.
Auf den Wellen des Euphrat.

Es war ½6 Uhr nachmittags, als ich mich von meinen deutschen Freunden in Dscherablus, von Rittmeister von Abel, der dienstlich dorthin gekommen war, von Major von Schrenk und seinen Offizieren, und von Nuri Bei verabschiedete.

„Jallah! Bismillah rahman errahim!“

Auf dieses Kommando stieß meine Fähre vom Ufer ab, wurde sogleich vom Strom erfaßt, und bald waren Dscherablus und die deutsche Marinestation außer Sehweite. Ich war, wie so oft auf meinen Entdeckungsfahrten, allein mit meiner Arbeit unter wenigen eingeborenen Begleitern.

Unaufhaltsam trägt die starke Strömung meine Fähre gen Süden. Die schmale Vorderwand meiner Hütte ist als Sonnendach hochgeklappt; Kartenblatt, Kompaß und Uhr vor mir, sitze ich an meinem Schreibtisch und zeichne unsere Fahrtrichtung und die Formen der Ufer ein. Die steilen Bergfronten, die Klippen und Sandbänke, die grasbewachsenen Inseln, die Wiesen, Dörfer und Zelte, Lehmhäuser und Hügel, die Ergebnisse der Tiefen- und Geschwindigkeitsmessungen, sogar die weidenden Herden, alles wird in die Karte eingetragen. Selten ist die Richtung fünf Minuten lang die gleiche; gewöhnlich muß ich nach zwei, drei Minuten neue Peilungen machen, und ich habe kaum Zeit, zwischen den einzelnen Beobachtungen eine Zigarette anzubrennen. Ein Fernrohr ermöglicht mir, das Leben der Nomaden an den Ufern zu beobachten und die Eigentümlichkeit des beständig wechselnden Landschaftsbildes genauer zu studieren. Kleine Entenscharen flattern dicht über der Oberfläche des Flusses vor uns her. In der Ferne schreit der Kuckuck, und von den Ufern her klingen die Glocken der Schafherden. Wenn es ganz ruhig ist, hört man an der Oberfläche des Wassers ein Brodeln und Zischen, wie wenn Wasser eben zu kochen beginnt. Dieser Laut begleitete mich mehrere Tage und verschwand erst, als Luft und Wasser wärmer geworden waren. Tag und Nacht bin ich auf dem Flusse; ich bin eins mit ihm, lebe sein Leben und fühle, wie er arbeitet und sich rührt, um weit im Süden bis zur Küste vorzudringen und im Meere seine Freiheit zu gewinnen.

Das Land ringsum ist eine ungeheure Miozänkalksteinplatte, die bis unterhalb Hit am Euphrat und bis Samarra am Tigris reicht und nicht nur Nordsyrien bedeckt, sondern auch el-Dschesire, die Insel, oder das Land zwischen den beiden Brüderströmen, das ungefähr dem alten Assyrien entspricht. Ihre Höhe beträgt bis 500 Meter, so daß man von einer Hochebene sprechen kann. Wo im Süden die tertiäre Kalksteinschale aufhört, beginnt reines Schwemmland, dessen alluviale Ablagerungen eine bedeutende Tiefe erreichen. Vermehrt durch den Schlamm, den beide Ströme mit sich führen, schieben sich diese Ablagerungen immer weiter in den Persischen Meerbusen vor. 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung lag die chaldäische Stadt Suripak an der Küste, jetzt sind ihre Ruinen 210 Kilometer von ihr entfernt! Noch zur Zeit Sardanapals mündeten Euphrat und Tigris jeder für sich in den Persischen Golf. Der Schatt-el-Arab, zu dem sich beide jetzt vereinen, ist also einer der jüngsten Ströme der Welt. Dies Alluvialland entspricht dem alten Babylonien, dem Irak-Arabi der Gegenwart. In seinem subtropischen Klima gedeihen Zuckerrohr, Reis und Datteln, und in naher Zukunft sollen hier reiche Baumwollernten eingebracht werden.

Durch diese Kalksteinplatte arbeitet sich der Euphrat in zahllosen kleinen Windungen nach Südosten. Wo das Gestein dem Ansturm des Stromes getrotzt hat, und dieser sich daher auf etwa 100 Meter Breite zusammendrängt, fallen die Ufer schroff ab; in den oft alabasterweißen Wänden hat das Wasser in jahrtausendelanger Arbeit schalenförmige Vertiefungen und gigantische Felsentore, Grotten und Höhlen, Löcher und Klüfte ausgewaschen, in denen Raubvögel und Dohlen horsten. Hier und da scheint die Natur mit der Überlegung des Menschengeistes geschaffen zu haben; steile Treppen mit gewaltigen Stufen führen die Uferwände empor, oder man glaubt mächtige Kais zu erkennen, die das Wasser eindämmen sollen. Meist ist die Erosionsterrasse bei konkaven Uferstrecken ein oder mehrere Meter hoch, senkrecht und sogar überhängend; Wurzelfasern von Kräutern und Sträuchern reichen ins Wasser herunter, und ab und zu stürzen Erdklumpen klatschend ab. Man hört und sieht, wie der Fluß sein Bett unablässig formt, am konkaven Ufer bricht er ab und reißt er nieder, und die Wellen schäumen um Felsblöcke, die herabgestürzt und an seichten Stellen liegen geblieben sind; am konvexen Ufer baut er auf, manche flachen, unfruchtbaren Anschwemmungen können erst gestern oder vorgestern entstanden sein. Auf diesen Strecken lassen sich nur hier und da schmale Uferstreifen bewässern und bebauen.

Dann wieder schiebt sich die Kalksteinschale rechts und links mehrere hundert Meter zurück, so daß der Strom bei Hochwasser eine Breite bis zu 800 Metern gewinnt und sich wie eine Meeresbucht vor uns ausdehnt, deren Weite und Richtung kaum erkennbar ist. Die Gipfel der Höhen schimmern grün, hier und da ist Lava drübergebreitet. Oft tragen die beherrschenden Höhen auch Ruinen von Festungen und Türmen, von denen aus die Völker des Altertums wahrscheinlich herannahende Kriegsgefahr meldeten. Auf dem weiten Uferland weiden Ziegen, Schafe und Rinder, der Reichtum der Nomaden; Klippen und Landzungen springen als schaumumwirbelte Wellenbrecher in den Strom vor, auf breiten Schlammbänken sitzen Möwen und Meerschwalben wie Perlenreihen und steigen bei unserem Nahen mit gellenden Schreien in die Luft. Oft teilt sich auch der Strom durch langgestreckte Inseln, die das Hochwasser jetzt überspült; Sträucher und Steinhütten, die über die Oberfläche hervorragen, verraten dem Steuermann der Fähre ihre Nähe. Erst wenn das Wasser fällt, werden sie wieder zu richtigen Inseln.

Während der ganzen Stromfahrt bietet der Durchbruch des Euphrat durch diese Kalksteinplatte eine Fülle charakteristischer Formen, und ich habe das großartigste Naturtheater vor mir, das sich denken läßt; in wechselnden Szenerien kommt mir die Landschaft entgegen, während ich selbst in tiefster Ruhe das köstliche Schauspiel genieße. Kletterte ich die Uferwände hinan, so sähe ich nur eine öde, endlose Steppe; man braucht sich nur wenige Kilometer vom Euphrat zu entfernen und sieht keine Spur mehr von der Nähe dieses prächtigen Flußtals.

In den ersten Tagen ging meine Stromfahrt so langsam vor sich, daß ich schon daran verzweifelte, auf diesem Weg überhaupt Bagdad zu erreichen. Ein oder zwei, höchstens drei Meter in der Sekunde war bei ruhigem Wetter die Durchschnittsgeschwindigkeit meiner Fähre; das machte in der Stunde 4 bis 7 Kilometer, an sich ein ganz erfreuliches Tempo. Da aber meine Arbeit an Bord Tageslicht erforderte, mußten wir die ruhigen Nächte über still liegen; außerdem machten uns Nebel und die Frühlingsboten, Regen und Sturm, so viel zu schaffen, daß wir immer wieder in den Schutz der steilen Uferwände flüchten und halbe Tage lang vor Anker gehen mußten. Bei 13 und 14 Grad Luftwärme fror ich im Schatten meines Sonnendachs. Der Wind pfiff quer durch meine Hütte, und durch die Dachritzen tropfte der Regen auf Bett und Schreibtisch, bis ich ein kleines, grünes Zelt darüber nagelte, das ich auf meiner unglücklichen Autoreise von Major Reith erhalten hatte; mein eigenes großes, weißes Zelt hatte bei dem übrigen Gepäck in Bir-dava bleiben müssen. Erst am 17. April machte sich der Frühlingsanfang mit 24 Grad Wärme bemerkbar. Trotzten wir dem Wind, so trieb die Fähre regellos von einem Ufer zum andern, drehte sich wie eine Nußschale, so daß Ruderer und Steuermann machtlos waren, trieb auch wohl auf erst in der Nähe erkennbare Schlammbänke, und einmal mußten wir sie sogar wieder in ihre beiden Hälften zerteilen, um nur wieder flott zu werden. Wenig aber fehlte, und sie hätte mitsamt ihrer Besatzung ein vorschnelles Ende in den strudelnden Wassern des Euphrat gefunden.

Das war am 18. April, als wir Rakka hinter uns hatten und eine Strecke weit unterhalb das Dorf Säbcha am Fuße der Kalkwand in Sicht kam. Säbcha ist eine Poststation auf dem Wege von Aleppo nach Bagdad.

Der Strom war in den letzten Tagen über einen Meter gestiegen. Seit einer Weile wehte Ostwind. Die Sonne verschwand hinter undurchdringlichem Gewölk, und über uns begann der Donner zu grollen in immer kürzeren Zwischenräumen und immer lauter. Die Luft war drückend schwül, und alle Anzeichen deuteten daraufhin, daß eine rasende Entladung bevorstand. Die Arbeiter an den Schöpfwerken blickten prüfend zum Himmel, spannten die Ochsen aus und trieben sie zu den Zelten. Schon begann auch der Regen auf das Dach meiner Hütte und das ölgetränkte grüne Zelt niederzuprasseln.

Es fehlten gerade noch vier Minuten an ½6. Ich hatte eine neue Peilung genommen, die zeigte, daß wir S 40 W fuhren. Langsam glitten wir am rechten Ufer hin und streiften eine kleine, grasbewachsene Insel, die sich bei niedrigem Wasserstand mit dem Festland vereinigen mußte. In einer Viertelstunde hoffte ich am Han, dem Postwirtshaus, von Säbcha zu sein.

Da hörte ganz plötzlich der Regen auf. Der Donner verstummte, und einen Augenblick herrschte unheimliche Stille. Nur einen Augenblick! Die nun folgenden zwanzig Minuten aber werde ich niemals vergessen. Sie brachten das fürchterlichste, wildeste Naturschauspiel, das ich jemals erlebt habe, und ich habe doch ziemlich viel dergleichen mitgemacht. Erst fielen vereinzelte, schwere Tropfen, dann schmetterte ein Platzregen herunter, wie ihn nur die Tropen kennen. Gleichzeitig brauste ein betäubender Orkan über den Strom. Die Fähre stutzte wie vor Schreck, stand einen Augenblick still, dann drehte sie sich so, daß die Backbordhälfte mit der Hütte leewärts lag und somit als Windfang und Segel wirkte. Und sofort trieben wir in reißender Schnelligkeit quer durch die Strömung zum linken Ufer hin. Der Euphrat mochte hier etwa vierhundert Meter breit sein, und diese weite Fläche hatte sich in wenigen Minuten mit gewaltigen, schaumgekrönten Wogen bedeckt, deren Kämme immer höher emporspritzten und über die Reling der leeren Luvfähre stürzten. In dieser Hälfte unsres Fahrzeuges stieg das Wasser beunruhigend an, und ich berechnete schon mit Entsetzen den Augenblick, da sie untersinken und die andere Hälfte nebst Hütte und allem mit sich in die Tiefe reißen mußte.

Der furchtbare Druck des Sturms auf die Hütte trieb außerdem die Backbordfähre so hart leewärts, daß die Reling ganz auf die Wasseroberfläche zu liegen kam. Nur noch ein paar Finger breit tiefer, und wir waren verloren! Es knackte und knallte in dem dünnen Holzwerk der Hütte, als wollte sie jeden Augenblick bersten und in die Luft fliegen, und zwischen den Planken der Luvwand spritzte der sturmgepeitschte Regen in wagerechten Strahlen herein. Ich raffte Karten, Bücher usw. zusammen aufs Bett und barg sie unter Decke und Regenmantel. Dann stemmte ich mich mit aller Kraft gegen die Luvwand, um ihren Widerstand gegen den Wind zu verstärken. Ein heftiger Knall — das Zelttuch draußen ist losgerissen! Eben flattert ein Zipfel am Fenster vorüber; ich greife zu und habe ihn fest. Naß bis auf die Haut halte ich nun das wie ein Notsignal hin und her klatschende Zelt, stemme dabei die Schultern immerfort gegen die Wand, obgleich ich unter dem Luftdruck kaum atmen kann, und jage so mit der Fähre in rasendem Tempo — ja, wohin? Keine Möglichkeit einer Orientierung! Durchs Fenster sah ich nur in ein graues Chaos von Wogen und Schaumkämmen, die mit erbitterter Wut gegen die Hütte hämmerten und die Luvfähre mit Wasser zu füllen drohten. Ob wir wohl noch ein Ufer erreichten, ehe die Fähre bis zum Rande voll war und sank oder von den Wogen zerschmettert wurde? Trieben wir parallel mit der Hauptrichtung des Stromes, dann mußte sie untergehen, ehe wir an Land waren. Der Sturm war aus Südwest gekommen, und in derselben Richtung strömte dieser Teil des Flusses. Später zeigte sich glücklicherweise, daß die Gleitkraft der Wassermasse eine Ablenkung hervorrief, wodurch unsere Richtung genau östlich wurde.

Betäubendes Donnern und Tosen ringsum; der Regen geht in Hagel über, Eisklumpen knallen gegen die dünne Wand der Hütte, als würden wir von einer Menschenmenge mit Steinwürfen bombardiert. Die Hagelkörner zischen ins Wasser wie Flintenkugeln und ballen sich auf der Fähre zu kleinen weißen Inseln zusammen; einige, die ich später maß, hatten einen Durchmesser von achtzehn bis zwanzig Millimeter. Der Aufenthalt im Freien mußte lebensgefährlich sein. Meine Leute waren schon bei den ersten Vorboten des Sturms unter Deck gekrochen; ging die Fähre unter, so mußten alle vier Mann wie in einer Mausefalle ertrinken.

Araber mit seiner jungen Frau.


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Endlich trat etwas Dunkles aus dem Nebel hervor: Tamariskenbüsche am linken Ufer. Wir waren also quer über den Euphrat gejagt, nicht aufwärts gegen den Strom. Eben kroch mein Kapitän Mohammed aus seinem Versteck hervor und brachte durch sein Schreien auch die anderen auf die Beine. Es war auch die höchste Zeit! In wenigen Sekunden mußten wir an Land geschleudert werden — das Vorderteil der Fähre zerriß schon die Wurzeln der Tamarisken, die wie Vorhänge von der zwei Meter hohen, senkrechten Erosionsterrasse herabhingen und das Dach der Hütte fegten. Mahmud schwang sich an einer Tamariske aufs Ufer hinauf, Kerit folgte ihm, rutschte aber aus und bis an die Schultern ins Wasser hinein. Im selben Moment prallte die Fähre heftig auf, der Stoß wurde aber von dem Wurzelwerk aufgefangen. Schon war auch Hussein an Land und schlang ein Seil um einen festen Ast. Die Fähre schaukelte und schlingerte, riß sich aber nicht mehr los. Schnell war das Zelt gerettet und zusammengepackt.

Nun ließ die Heftigkeit des Sturmes bald nach. Regen und Hagel hörten ebenso plötzlich auf, wie sie gekommen waren. Das Zentrum des Unwetters zog in nordwestlicher Richtung weiter. Es war dreizehn Minuten vor 6; die ganze Geschichte hatte nur zwanzig Minuten gedauert. Das Thermometer zeigte 22 Grad. Die Erde war noch weiß von Hagelkörnern, die jedoch bald wegschmolzen.

Es dauerte eine Weile, bis wir uns von dem Schreck erholt hatten. Nach und nach wurde die Luft ganz ruhig, glättete sich die eben noch so aufgeregte Wasserfläche, und man hörte nur das stille Brausen der ersterbenden Wogen. Mahmud begab sich nach dem nächsten Nomadenzelt, um Holz, Brot und Joghurt zu holen. Die anderen sammelten Tamariskenzweige und machten mit vieler Mühe ein Feuer an; dann entkleideten sie sich und trockneten ihre Sachen. Auch in meiner Hütte war alles so durchnäßt, daß Bettzeug und Decken an Stangen ums Feuer zum Trocknen aufgehängt werden mußten. Schließlich schöpften meine Leute das Wasser aus der Steuerbordfähre. Welch ein Glück, daß ich zwei zusammengebundene Schahtur hatte! Einer allein mit freier Hütte wäre ohne Zweifel gekentert. Die leere Steuerbordfähre hatte meinem Fahrzeug die nötige Festigkeit gegeben, um einen solchen Sturm auszuhalten.

Es dunkelte. Am nordöstlichen Himmel flammten unter einer pechschwarzen, am Hinterrand scharf begrenzten Wolkenbank blaue Blitze und erhellten den Strom und die Tamarisken am Ufer, daß sie wie friedlose Geister mit bittend ausgestreckten Armen erschienen. Nach dem Lärm, der eben noch unsere Ohren erfüllt hatte, lag mir die friedvolle Stille der Nacht geradezu beklemmend auf der Brust. Ich atmete auf, als endlich die Schakale ihr übliches Abendlied anstimmten, das auf dem einen Ufer mit langgezogenem Geheul begann, gleichsam im Bogen auf das andere übersprang und bald wie Hohngelächter, bald wie der Hilferuf bangender Kinder klang, und dazwischen der traurige Schrei eines Esels vom anderen Ufer herübertönte.

Diese zyklonartigen Stürme, die von Zeit zu Zeit über Mesopotamien hinziehen, sind der Schiffahrt auf dem Euphrat äußerst gefährlich, und wenn ich weiterhin an wracken Booten vorüberkam, begriff ich nur zu gut, wie solche Schiffbrüche vor sich gegangen waren. Noch vor einigen Wochen wurde Kapitän Pfeffer, einer meiner Bekannten aus Dscherablus, als er mit seiner Flottille von großen, mit Munition und Gewehren beladenen Fähren bei Rakka vor Anker lag, von einem Zyklon überrascht. Der Sturm kam ohne jedes warnende Vorzeichen wie ein Dieb in der Nacht, meterhohe Wellen füllten die Fahrzeuge mit Wasser, und drei davon sanken; ein Deutscher, ein Photograph aus Metz, ertrank dabei. Ein ähnliches Schicksal konnte auch der Fliegerabteilung, die zwei Tage vor mir Rakka verlassen hatte, oder der bayrischen Batterie des Majors von Schrenk, die ungefähr am 15. April von Dscherablus hatte aufbrechen sollen, beschieden sein. Wie ich aber später hörte, erreichte sie der Sturm, der meine Fähre fast zum Kentern gebracht hatte, nicht; sein Zentrum war also ganz scharf begrenzt gewesen.

Chesney’s Fähre auf dem Euphrat.
(Aus: „Narrative of the Euphrates Expedition“.)


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Auch aus älterer Zeit finde ich solch ein Ereignis beschrieben, das mit meinem Erlebnis die größte Ähnlichkeit hat. In den Jahren 1835/37 untersuchte Oberst Francis Rawdon Chesney im Auftrag der englischen Regierung die Schiffahrtsverhältnisse auf dem Euphrat und Tigris. Am 21. Mai 1836, mittags ½2 Uhr, wurde seine Expedition von einem Zyklon überfallen, der ebenso plötzlich daherbrauste, wie der von mir erlebte, ebenso mit plötzlicher Finsternis einsetzte, nur fünfundzwanzig Minuten dauerte und einen der beiden Dampfer Chesneys, den „Tigris“, versenkte, wobei vier Offiziere, elf Artilleristen und Matrosen und fünf Eingeborene ums Leben kamen. Der Sturm preßte den Dampfer so stark nieder, daß die offenen Kajütenfenster unter Wasser gerieten. Schon war der Befehl gegeben: Rette sich wer kann! als sich für einen Augenblick die Dunkelheit erhellte und das Ufer ganz nahe schien. Sofort hieß es wieder: Jeder auf seinen Posten! Aber im nächsten Augenblick herrschte wieder schwarze Nacht, und eine Minute später war das Schiff gesunken. Ebenso schnell wie er kam, war der Zyklon wieder vorüber, und seine Spur war ebenso schmal gewesen, wie ich es beobachtet hatte. Chesney, der sich mit zwanzig Mann von dem sinkenden Schiffe hatte retten können, will Hagelkörner von anderthalb Zoll Dicke gemessen haben; das erscheint mir etwas übertrieben, und seine Meinung, solche Zyklone über dem Euphrat seien „äußerst selten“, widerlegt sich wohl durch meine Erfahrungen.

Chesneys Schilderungen liest man noch heute mit größtem Interesse. Daß damals an den Ufern des Euphrat noch Löwen vorkamen, hört man mit einigem Erstaunen; im übrigen ist noch alles so, wie er es beschrieb; man erkennt die Orte Der-es-Sor, Ana und Hit deutlich wieder, sogar den Hügel von Babel, wo damals noch keinerlei Ausgrabungen begonnen waren, und die Karte des Euphrat, die sich in seinem Werk „Expedition for the survey of the rivers Euphrates and Tigris in the years 1835–1837“ (London, 1850–68) findet, ist so gewissenhaft ausgeführt, daß sie noch während dieses Weltkrieges benutzbar war; man brauchte nur in die vergrößerte Kopie die Änderungen des Stromlaufs während der letzten achtzig Jahre einzuzeichnen. Die von ihm angegebenen Namen der Berge, Hügel, Ruinen, Landzungen usw. stimmten alle, nur die Ortsnamen waren andere; denn man nennt die Orte am Ufer nach dem Scheich des Stammes, der dort zeltet. Die Namen wechseln daher alle Menschenalter.

Chesneys Expedition hatte die Aufgabe, die Möglichkeit einer schnelleren Überlandverbindung mit Indien zu untersuchen. Der Euphrat wurde bis Meskene schiffbar gefunden, für nicht zu tief gehende Dampfer sogar bis Biredschik; bis zum Golf von Alexandrette wäre dann nur noch eine kurze Strecke zu überwinden gewesen. Chesney versichert, die Araber an den Ufern des Euphrat und ebenso die türkische Regierung hätten die geplante Eröffnung eines neuen Handelsweges zwischen Indien und Europa freudig begrüßt. Aber ein Menschenalter blieb das Projekt unausgeführt, und dann machte der Bau des Suezkanals die Euphratstraße für England überflüssig.

Beduinenzelt am Euphratufer.

Sechstes Kapitel.
Unter Nomaden und armenischen Flüchtlingen.

Wenn Sturm oder Gegenwind mich zwangen, auch am Tage den Schutz steiler Uferwände aufzusuchen oder am Lande festzumachen, gaben mir diese meist unfreiwilligen Aufenthalte, die meine Geduld auf harte Proben stellten, gleichwohl willkommene Gelegenheit, meinen Proviant zu vervollständigen und dabei das Leben der Nomaden an den Ufern des Euphrat aus nächster Nähe kennen zu lernen.

Gleich am zweiten Tage der Stromfahrt mußten wir bei dem Zeltdorf Hammam längere Zeit liegen bleiben, und in Begleitung Kerits, der als arabischer Dolmetsch diente, und des Gendarmen Mahmud begab ich mich zu den zwanzig schwarzen Zelten am Fuß der Uferhöhe, die das Dorf bildeten. Drei halbwilde Hunde empfingen uns, die Einwohner selbst aber verschwanden wie Ratten in ihren Zelten. Fürchteten sie sich vor uns? Ja, erklärte Mahmud, „sie halten uns für Werber, die Rekruten sammeln“. Und mit dieser Vermutung schien er recht zu haben. Denn als ich auf das vornehmste Zelt, das des Häuptlings, zuging, traten mir zwei Araber in offenbarer Bestürzung entgegen, und diese wich erst, als sie hörten, daß wir nichts anderes im Schilde führten, als Eßwaren zu kaufen. Sie waren vom Stamm der Beni-Said-Araber, die in dieser Gegend sechzehn Dörfer hatten. Die Männer trugen weiße, weite Beinkleider, über den Schultern bunte Mäntel und auf den Köpfen schwarze Lappen, die von zwei weichen Ringen auf dem Scheitel festgeklemmt wurden. Auf Kissen und zerlumpten Matten saßen fünf würdige Weißbärte inmitten des großen länglichen Zeltes und rauchten Nargileh und Zigaretten, die sie selber drehten. Mit vornehmer Lässigkeit erhoben sie sich und luden mich ein, unter ihnen Platz zu nehmen. Nachdem wir uns eine Weile unterhalten und uns gegenseitig mit gleichem Interesse angestaunt hatten, brachte ich mein Anliegen vor: ob sie uns Eier und saure Milch verkaufen wollten? Erst machten sie Schwierigkeiten und versicherten, sie brauchten ihren kärglichen Vorrat selber; die verführerischen Töne einiger türkischer Silbermünzen lockten aber bald die Frauen aus ihrem Versteck hervor. Ich tat natürlich so, als sähe ich sie gar nicht, sondern widmete meine ganze Aufmerksamkeit dem, was sie herbeischafften. Hier kam eine mit zwei, dort eine mit fünf, eine dritte mit einem ganzen Haufen Eier; ich kaufte fünfzig und bezahlte für je drei den verlangten Preis von zwei Metalliks. Andere brachten Milch und Joghurt in Büchsen, und es zeigte sich bald, daß die Leute viel mehr entbehren konnten, als wir brauchten.

Nomadenfrauen bei Hammam.


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Beni-Said-Araber.


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Der Frauen anfängliche Scheu war nach Abschluß des Handels spurlos verschwunden, und ich konnte nun sie und ihre grellfarbige, malerische Kleidung mit Muße betrachten. Ihre dunkelblauen Mäntel, die gewöhnlich ein bauschiger Stoffgürtel um den Leib hielt, waren nach vorn zu offen und ließen ein rotes oder weißes westenartiges Unterkleid vorschimmern. Füße und Arme waren frei. Die Armgelenke zierten hübsche Silber- oder Messingringe, den Hals wertlose Perlenschnüre. Ihr Haar war in starke Zöpfe geflochten, und um den Scheitel schlangen sich schwarze Turbanschleier. Alle Frauen hatten die Unterlippe blaugrün bemalt, ebenso das Kinn. Diese Bemalung entstellte sie keineswegs, im Gegenteil vermittelte das kräftige Blaugrün vortrefflich das Dunkelblau der Mäntel mit dem bronzenen Braun der Gesichter. Woher diese Sitte? Auf diese Frage antworteten sie nur: „Das ist bei uns von altersher so Brauch.“ Einige Frauen trugen kleine braungebrannte Kinder auf dem Rücken oder an der Brust. Unter den jüngeren fielen mehrere durch echte, ungepflegte Wüstenschönheit auf.

An den weiten Ufern des Euphrat genießen diese Nomaden eine unbegrenzte Freiheit. Wenn die Steppe rings um das Dorf abgegrast ist, ziehen sie mit Zelten und Herden zu neuen Weidegründen. Sie starren von Schmutz und Ungeziefer, Frauen wie Männer, und ihre buntscheckige Kleidung ist verschlissen und zerlumpt, voller Flecken von Fett und Schafblut und vom Ruß des Lagerfeuers geschwärzt. Das kümmert sie nicht. Abgehärtet von Wind und Wetter fühlen sie sich stark und gesund; ihre Bedürfnislosigkeit macht sie leichten und frohen Sinnes; doch der Neugier huldigten sie mit naiver Unbefangenheit, und selbst die Kinder waren uns wildfremden Gästen gegenüber gar nicht blöde; Knaben und Mädchen sprangen übermütig aus und ein und trieben ihren Scherz mit uns. Fähren wie die meinige sahen sie ja alle Tage vorbeitreiben; höchstens daß ihnen solch eine Hütte darauf neu war. Mehrfach schon hatte sie spielenden Knaben als Zielscheibe für ihre Schleuder gedient, und die kleinen barfüßigen Mädchen am Strande pflegten ohne Schüchternheit nach dem Woher und Wohin unserer Fahrt zu fragen. Nur einmal, bei dem Dorf Sedschere, am 15. April, machten wir Aufsehen und störten sogar ein Leichenbegängnis: das ganze Gefolge überließ den Toten sich selbst und eilte ans Ufer, um uns vorüberfahren zu sehen.

Die Zelttücher der Nomaden sind aus grober, schwarzer Ziegenwolle; sie ruhen auf mehreren in einer Reihe aufgestellten, senkrechten Stangen, fallen nach beiden Seiten ab und sind mit Stricken festgemacht. Ringsum ist das Zelt mit Reisigbündeln umgeben, die als Brennmaterial benutzt und immer erneuert werden. Das Innere ist durch Wände von Schilfmatten in verschiedene Räume eingeteilt. Der vornehmste, das Empfangs- und Konversationszimmer, liegt in der Mitte, links der Stall für Schafe und Kälber, rechts Vorratsraum und Küche. Dort bereitete eine alte Frau in einem Topf über dem Feuer das erfrischende Getränk „Airan“ aus Wasser und gegorener Milch. Die Milch wird in Ziegenfellen aufbewahrt, die an den Zeltstangen hingen. Milch und Brot ist die Hauptnahrung dieser Nomaden; seltener wird ein Schaf aus der Herde geopfert. Mit diesem ihrem Reichtum sind sie sehr sparsam, wie ich am nächsten Tage erfahren sollte.

Sale, ein Lamm an der Brust haltend.

Die Abenddämmerung hatte meiner Arbeit ein Ziel gesetzt, und ich ließ meine Fähre bei drei schwarzen Zelten am linken Ufer halten. Ihre Bewohner kamen uns entgegen und begrüßten uns auf europäische Art durch Handschlag. Wir folgten ihrer Einladung und ließen uns in einem der Zelte im Kreise um das Feuer nieder, das mit stachligen Rasenstücken genährt wurde, die draußen aufgehäuft waren. So oft ein neuer Arm voll in die Glut geworfen wurde, flammte die Lohe hoch empor und beleuchtete prächtig diese Kinder der Wüste, die wettergebräunten Hirten, die dunkelblauen Trachten der Weiber und das zerlumpte Durcheinander der lärmenden Kinder. Sie waren vom Stamme al-Murat; ihre Nachbarn auf dem anderen Ufer gehörten zum Stamm der Bobani. Der Winter 1915/16, erzählten sie, sei sehr hart gewesen, und es sei reichlich Schnee gefallen; vor fünf Jahren habe das Flußeis sogar Menschen und Tiere getragen. Unsere neugierigen Wirte wurden nicht müde, sich über unseren Besuch zu wundern, uns anzustarren und auszufragen, und als ich am Abend in meiner Hütte Tee trank, leisteten sie mir vom Ufer aus Gesellschaft. Ich kaufte von ihnen weiches Brot und Joghurt, aber ein Fettschwanzschaf wollten sie nicht herausrücken, d. h. sie verlangten dafür 150 Grütsch oder anderthalb türkische Pfund (fast 30 Mark), einen drei- oder viermal zu hohen Preis, der jeden Handel unmöglich machte.

Araberinnen vor einem Zelt.

Zwei Tage später hatte ich damit mehr Glück. Wir waren beim Dorfe Dibse vorübergefahren, dessen Ruine auch unter dem Namen El-Burdschi, d. h. die Burg, bekannt ist. Hier lag in alter Zeit die berühmte Stadt Thapsacus, die ehemals die Ostgrenze des Salomonischen Reiches bezeichnete (1. Buch der Könige, 4, 24). Gleich oberhalb des Ortes ist noch heute eine Kamelfurt, durch die seinerzeit der jüngere Cyrus und Alexander der Große den Euphrat überschritten. Hinter Dibse waren wir an einer Stelle gelandet, die den Namen Oasta führte. Hier wohnten die Araber des Oäldästammes. Ihnen gegenüber sollen die Hamidije-Araber ihre Weideplätze haben, und weiter abwärts am rechten Ufer folgt der Stamm Hamed-el-Feratsch. Hochgewachsene Männer in braun- und weißgeränderten, sackähnlichen Mänteln empfingen uns mit dem Gruße „Salam“. Sie erwarteten das diesjährige Hochwasser erst in vierzehn Tagen; nach zwei Monaten schrumpfe dann der Fluß zur Bedeutungslosigkeit zusammen. Ihre Schafherden scheren sie Mitte Mai; dann kommen die Händler von Aleppo hierher, um die Wolle aufzukaufen. Für klingendes türkisches Silber erstand ich hier ein prächtiges Fettschwanzschaf; einer der Araber zog sofort blank und schnitt mit einem Hieb die Weichteile bis zu den Halswirbeln durch, daß das Blut über das Gras spritzte. Kerit tauchte die Hand in das rauchende Blut und malte ein paar breite, rote Streifen über das Vorderteil der Fähre — jedenfalls ein uralter Opferbrauch, der die unheimlichen Mächte des Wassers besänftigen und den Schiffern eine glückliche Fahrt schenken soll. Mit sicherer Hand zog der Araber das Schaf ab, entfernte die Eingeweide und zerschnitt kunstvoll das Fleisch; Fett, Niere, Herz und Leber wurden für sich gelegt. Die Fleischstücke ließ ich an der Hinterwand meiner Hütte aufhängen, mit Ausnahme derer, die zum abendlichen Gastmahl meiner Besatzung bestimmt waren.

Araber am Euphrat.


GRÖSSERES BILD

Nachdem die uns begleitenden Araber zu ihren Zelten zurückgekehrt waren, machten meine Leute am Ufer Feuer, und nun begann ein emsiges Kochen und Schmoren. Für mich wurden die Schafsnieren am Spieß über der Glut gebraten. Jede Schafschlachtung ist in Asien ein festliches Ereignis. Die Männer bleiben länger als gewöhnlich sitzen, verzehren unglaubliche Mengen Fleisch, plaudern und singen und schweigen bloß, so lange sie essen. —

Neben den schwarzen Zelten der Araber zeigten sich an den Ufern des Euphrat oft Hunderte weißer Zelte. Das waren die Lager der armenischen Flüchtlinge. Mehrfach war ich diesen Unglücklichen schon begegnet, wenn ich tagsüber oder am Abend an Land ging. Einmal, in der Nähe der Festung Dschabar, hatte ich eine Schar von ihnen, meist Frauen und Kinder, die auf dem Wege nach Der-es-Sor und Mosul waren, mit allem bewirtet, was sich an Brot, Eiern und Fleisch an Bord meiner Fähre fand. Genauer lernte ich ihr Elend erst kennen, als ich am 18. April das Städtchen Rakka erreichte, das am Fuß einer isolierten, fünfgipfligen Gebirgspartie liegt.

Zwischen Inseln hindurch, die bald aus Schlamm bestanden, bald mit Gras bewachsen oder mit Flugsanddünen bedeckt waren, näherten wir uns dem größten Ort, den ich bisher am Euphrat angetroffen hatte. Bei Rakka erreicht eine Karawanenstraße von Urfa her den Strom, der hier sehr breit ist und so gerade läuft, daß die Ufer keine Erosionsterrassen haben. Diese entstehen nur bei Windungen, wo der beständige seitliche Druck des Wassers sie bildet. Auf dem rechten Ufer weidete eine Herde von etwa hundert Kamelen; wahrscheinlich war sie für die Transportkolonnen bestimmt, die die Verbindung mit der mesopotamischen Front aufrechterhielten.

Am linken Ufer waren zahlreiche Frauen bei der Wäsche beschäftigt, während Kinder im Wasser planschten, und Sakkas, Wasserträger, ihre Ledersäcke füllten und auf Eseln nach der Stadt beförderten, die einzige Wasserleitung, die Rakka besitzt.

Armenische Flüchtlinge bei meiner Fähre.

Mohammed und Hussein blieben bei der Fähre als Wache, während Mahmud, das Gewehr am Riemen über der Schulter, und Kerit mich nach der Stadt begleiteten. Sie liegt zwölf Minuten vom Ufer entfernt, damit das Hochwasser, dem das flache Land ausgesetzt ist, nicht bis zu den Häusern dringt.

Mein Ziel war das Amtszimmer des Kaimakam. Gendarmen empfingen uns am Tor und führten uns über den inneren, viereckigen Hof die Treppe hinauf zu einer Galerie oder Veranda und von dort in das Empfangszimmer des Gouverneurs. Es war mit einfachen Matten belegt und mit Sofas und Stühlen möbliert. Viele Besucher warteten, Militärs und Zivilisten. Der Kaimakam, ein alter Mann mit weißem Vollbart, klobiger Nase, freundlich träumerischen Augen und rotem Fes, saß vor einem mit Bergen von Briefen und Akten beladenen Schreibtisch. Sein Dolmetsch stand daneben wie ein angezündetes Licht.

Nachdem der Kaimakam meinen türkischen Paß durchgesehen, sich über meine Reisepläne unterrichtet und mir die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz mitgeteilt hatte, bat ich um die Erlaubnis, Antiquitäten von Rakka kaufen zu dürfen. Die kleine Stadt, die jetzt zum großen Teil von ihrem Handel mit den in der Umgegend wohnenden Anese-Arabern lebt, liegt auf dem Platz, wo ehemals die alte Festung Nicephorium stand. Als Avidius Cassius im Jahre 164 n. Chr. gegen das Partherreich vorrückte, fand er an der Euphratlinie hartnäckigen Widerstand, doch konnten Europus, Nesibin, selbst die Hauptstadt der Parther, Ktesiphon, und viele andere Städte, darunter die Feste Nicephorium, der überlegenen Kriegskunst der Römer nicht widerstehen. Rakka ist auch dadurch berühmt, daß der Kalif Harun-er-Raschid hier den Sommer zu verbringen pflegte. Meinem Wunsch nach Altertümern durfte übrigens der Gouverneur nicht stattgeben, da die Ausfuhr verboten ist.

Hauptstraße in Rakka.

Während ein alter Offizier mit dem Kaimakam eilige Geschäfte erledigte, unterhielt ich mich mit dem französischen Dolmetscher. Er war ein Armenier aus Konstantinopel und mit einer großen Schar von Landsleuten über Aleppo und Meskene nach Rakka gekommen, wo sie seit sechsunddreißig Tagen festgehalten wurden. Wir sahen ihre Zelte am rechten Stromufer, das von Frauen und Kindern wimmelte. Man schätzte ihre Zahl auf 5000; sie waren aus Gegenden an der kaukasischen Front ausgewiesen worden. Der Dolmetsch, der ein treffliches Französisch sprach, hatte dem Kaimakam seine Dienste angeboten und war sofort angestellt worden.

Vor zwanzig Tagen, erzählte er mir, sei ein deutscher Offizier auf einem Schahtur angekommen und habe um die Erlaubnis gebeten, an die ärmsten Armenier 30 Pfund in Silber austeilen zu dürfen; der Kaimakam sei selber bei der Verteilung zugegen gewesen. Auf meine Bitte, dem Beispiel des Deutschen folgen zu dürfen, erwiderte aber der Kaimakam, er sei für das Angebot herzlich dankbar und habe an sich nichts dagegen. Aber er habe vom Wali in Urfa gerade ein Telegramm erhalten, das verbiete, ohne dessen Erlaubnis Gaben an die Ausgewiesenen zu verteilen.

Ich suchte nun den Basar auf, um meinen Proviant mit Brot, Käse, Apfelsinen und Salz zu bereichern. Ein armenischer Arzt aus Eriwan, der seit vielen Jahren in Rakka ansässig war, begleitete mich durch die staubigen Straßen der langweiligen Kleinstadt. Nach seiner Versicherung zählte die armenische Kolonie von Rakka gegen anderthalb Tausend Personen.

Auf unserem Wege folgte uns ein Heer armer Kinder und Frauen auf den Fersen, lauter Armenier, und als ich an einem Bäckerladen vorüberkam, auf dessen Tischen große Haufen frischer, runder Brote aufgestapelt lagen, konnte ich mir das Vergnügen nicht versagen, den ganzen Ladeninhalt aufzukaufen und an die Hungernden zu verteilen. Sie stürmten von allen Seiten auf mich ein, stießen sich, schrieen, fielen zu Boden, traten aufeinander und zerrten an meinen Kleidern, um nur ihres Anteils nicht verlustig zu gehen, dann zerstreuten sie sich, jeder mit seinem Fang zufrieden. Es war eine Herzensfreude sie essen zu sehen, und mit schmerzlicher Teilnahme dachte ich an die Fünftausend, die auf dem anderen Ufer verschmachteten. Aber wenn ich auch alles, was ich hatte, an die Ärmsten verteilte — für so viele hätte es doch nicht entfernt gereicht.

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Holoß Bachmakdjan, 14jährige Armenierin aus Erserum.

Die Verfolgungen der Armenier, vor allem die Grausamkeiten gegen unschuldige Frauen und Kinder, gehören zu den dunkelsten Kapiteln des Weltkrieges. Sie übertrifft nur die Grausamkeit, mit der zwei Millionen in Rußland ansässiger Deutschen bei Kriegsausbruch in die Pesthöhlen Sibiriens verschleppt wurden, um dort das Schicksal der unglücklichen Opfer aus Ostpreußen zu teilen. Was aber die Engländer über die armenischen Massaker in die Welt hinausposaunen, ist ungeheuer übertrieben und fordert den Widerspruch heraus. In seiner Oberhausrede vom 6. Oktober 1915 behauptet Lord Bryce, die Türkei wolle ihre nichtmohammedanische Bevölkerung ausrotten, weil sie die Einheit des Staates störe und sich nicht immer der Unterdrückung füge. Die Türkei zählt über 21 Millionen Einwohner; mehr als ein Viertel davon sind Christen und Juden. Die Juden, die fast eine Million zählen, haben von den Türken nichts auszustehen gehabt, im Gegensatz zu Rußland, wo sie der empörendsten Verfolgung ausgesetzt waren, und die Christen in Syrien und anderen Teilen der Türkei leben mit den Herren des Landes in gutem Einvernehmen, sind wenigstens während dieses Krieges in keiner Weise von ihnen behelligt worden. Die Armenier bilden nur etwa den vierten Teil der gesamten Christenheit des türkischen Reichs.

Lord Bryce leugnet, daß sich die Armenier jemals ungesetzlich gegen ihre Regierung gezeigt hätten. Aber eine Broschüre von Arnold J. Toynbee in Oxford, die eben jene Rede des Lords enthält, versichert, daß 250000 Armenier über die russische Grenze desertiert seien, die jetzt „die einzige Hoffnung und Stütze der armenischen Rasse“ bildeten! Die 750000 Armenier, die (nach einer andern Stelle derselben Broschüre!) in Transkaukasien leben und russische Untertanen sind, gehören wohl nicht zur armenischen Rasse? Nach der zuverlässigsten Bevölkerungsstatistik von Armenien in „Petermanns Mitteilungen“ (42. Bd. 1896) sind es sogar 958000. Lord Bryce will nur von „vereinzelten“ Deserteuren gehört haben und behauptet, das Freiwilligenkorps, das zu Anfang des Krieges dem russischen Heer so wertvolle Dienste leistete, habe nur aus russischen, im Kaukasus wohnenden Armeniern bestanden. Darüber können nur die türkischen Behörden zuverlässige Aufklärung geben. So harmlos, wie der Lord sie schildert, haben sich die Armenier bei früheren Gelegenheiten nicht erwiesen, weder im türkischen noch im russischen Asien. Die Massaker des Jahres 1896 verursachte der wahnsinnige Versuch der Armenier, die Ottomanische Bank in Konstantinopel zu stürmen, und das Blutbad, das 1903 die Tataren in Baku unter den Armeniern anrichteten, war die Folge der politischen Morde, die letztere an russischen Beamten verübt hatten. Die Tataren glaubten, sich durch Hinschlachtung der Armenier einen Dank von Rußland verdienen zu können; dieses ließ sie auch gewähren, und als es endlich eingriff, waren die Greuel schon vorüber. Als ich Ende November 1905 in Nachitschewan weilte, hatten die Armenier, wie ich in meinem Buche „Zu Land nach Indien“ (1. Bd., S. 95 f.) berichtet habe, im Tatarendorf Ikran vierzig Männer, Frauen und Kinder niedergemacht, und in Nachitschewan selbst war ein Tatar von ihnen erschossen worden, als er unter freiem Himmel sein Abendgebet verrichtete. Darauf töteten die dortigen Tataren einen Armenier, und nun ging die Blutrache weiter.

Lord Bryce ist zweifellos ein Ehrenmann — so are they all, all honourable men! Aber was er von den schrecklichen Grausamkeiten bei Räumung des kaukasischen Kriegsgebiets vor der Besetzung durch die Russen erzählt, stimmt schlecht zu den übrigen Angaben der genannten Broschüre. 800000 Armenier, sagt Lord Bryce, hätten bei dem Transport nach südlicheren Gegenden den Tod gefunden. In der Broschüre aber heißt es (S. 15 der dänischen Übersetzung) von den 1200000 Armeniern des türkischen Reichs sei gut wie die Hälfte „systematisch niedergemetzelt“ worden. Wenn nun wirklich 250000 nach Rußland flohen und die Hälfte der Zurückbleibenden getötet wurde, so ergäbe das etwa 475000, aber keineswegs 800000! Ganz abgesehen davon, daß 5000 sich nach Port Said retteten und zahlreiche in türkischen Diensten blieben. Allein aus der Stadt Mersina sollen nach Lord Bryces Brief an die Presse vom 26. November 1915 25000 Armenier nach Süden verschickt worden sein! Nur schade, daß diese Stadt bei Kriegsausbruch bloß 22000 Einwohner zählte, unter denen — nach Baedeker und „Petermanns Mitteilungen“ — überhaupt keine Armenier waren!

Ebenso leichtfertig ist die Statistik, die das armenische Patriarchat der Kollektivnote der europäischen Gesandten beifügte, um nach Artikel 61 des Berliner Vertrags die Durchführung von Reformen in den von Armeniern bewohnten Wilajets zu erzielen. Darnach sollten in den betreffenden Gebieten ebensoviele Armenier (780700) wie Mohammedaner (776500) wohnen. Tatsächlich bildeten die ersteren nur den sechsten Teil der Bevölkerung.

Der Zweck dieser Falschmeldungen ist ja klar: die Deutschen sollen die Schuldigen sein! Sie haben ja niemals etwas gegen diese Grausamkeiten getan, obgleich sich die Türkei der Autorität Deutschlands ohne weiteres gefügt hätte! Woher weiß der Verfasser jener Broschüre, daß Deutschland niemals einen solchen Schritt getan hat? Ich kann ihm versichern, daß er in einem fürchterlichen Irrtum befangen ist, und ebenso falsch ist sein Glaube, als ob Deutschland in der Türkei nur so zu befehlen habe! Die Türkei ist aus eigenem Entschluß, ihrer eigenen Sicherheit wegen in den Krieg eingetreten, nicht Deutschland zu Gefallen. Die schändliche Behandlung Griechenlands beweist ja, daß sie beim besten Willen nicht einmal neutral hätte bleiben können!

Hirten von Kal’at Rebei.


GRÖSSERES BILD

Von gleichen Widersprüchen wimmelt eine Denkschrift von 700 Seiten, die im Oktober 1916 dem englischen Parlament zuging: „The Treatment of Armenians in the Ottoman Empire 1915–1916. Documents presented to Viscount Grey of Fallodon by Viscount Bryce“. Hier hören wir plötzlich aus dem Munde des amerikanischen Zeitungskorrespondenten Henry Wood — was Lord Bryce bei seiner Rede vom 6. Oktober 1915 keineswegs noch unbekannt war —, daß die Armenier in offenem Aufruhr gegen die Türken standen, Wan und mehrere andere Städte besetzt hatten und eine selbständige Regierung zu bilden beabsichtigten! Mit vollem Recht hatte die türkische Regierung die Kriegsgesetze gegen die Empörer angewandt, die sie obendrein noch vorher gewarnt hatte! Aus Erserum, Trapesunt, Siwas, Charput, Bitlis und Diarbekr sind nach jener Denkschrift (S. 12) etwa eine Million Armenier deportiert worden. Aber diese Wilajets hatten vor dem Kriege überhaupt nur gegen 600000 armenische Bewohner! Die Wilajets Erserum, Bitlis und Wan, die jetzt im Bereich der russischen Linien liegen, sollen nach den Untersuchungen des Patriarchats im Jahre 1912 580000 Armenier gezählt haben; tatsächlich waren es nur 331000! Im Mai 1916 soll es (nach S. 664 des Blaubuchs von Bryce) nur noch 1150000 überlebende Armenier gegeben und die Zahl der Hingeschlachteten mindestens 600000 betragen haben, also nicht mehr 800000, wie er ein Jahr vorher behauptete! Das armenische Patriarchat zählt insgesamt 2100000 Armenier im türkischen Reich, die türkische Regierung nur 1100000! Lord Bryce nimmt also einen Mittelwert von etwa 1600000 an, neigt aber mehr zu 2000000, weil er sie für seine obige Rechnung braucht! Nach der Schätzung von Lynch gab es aber in ganz Asien nur 2100000 Armenier; und nach der von Selenoy-Seydlitz aus dem Jahre 1896 2600000. Das ergäbe einen Mittelwert von 2350000. Davon müssen aber die 958000 Armenier, die in Rußland, und die 50000, die in Persien wohnen, abgezogen werden. Bleiben also für die Türkei nur 1350000 übrig. 150000 Armenier wohnen außerdem in Konstantinopel und Smyrna; diese Annahme Lord Bryces stimmt mit sicheren Quellen überein. Das ergäbe zusammen 1500000 Armenier im ganzen türkischen Reich, eine Ziffer, die auch in der Denkschrift von Lord Bryce (S. 11) angeführt wird und ganz mit der Berechnung Professor Philippsons im Jahre 1915 übereinstimmt.

Zieht man von dieser Gesamtzahl die der überlebenden 1150000 ab, so können nicht 6 oder 800000 oder gar über eine Million Armenier umgekommen sein, sondern nur etwa 350000. Die von den Engländern behaupteten Zahlen bestehen also in keiner Weise zu Recht. Nur das wollte ich damit bewiesen haben.

Schuschanik Pambuchian, 20jährige Armenierin aus Erserum.


GRÖSSERES BILD

Grausamkeiten sind verabscheuenswert, wo, von wem und warum sie auch verübt werden, und kein Ehrenmann kann sie billigen. Aber wenn man zu ihrer Beleuchtung die Statistik heranzieht, ist das wenigste, was man verlangen muß, deren Richtigkeit!

Und haben obendrein nicht gerade die Engländer das Recht verwirkt, die Armenier vor der Welt zu vertreten? Lord Kitchener berichtete mir einst, wie er die Ruhe im Sudan nur dadurch herstellte, daß er die ganze waffenfähige Bevölkerung des Landes ausrottete, und französische Quellen enthalten haarsträubende Bilder von den Konzentrationslagern in Transvaal, wo Burenfrauen und -kinder zu Zehntausenden verhungerten! Und schreit nicht das Schicksal Irlands zum Himmel? In einem unbarmherzigen Krieg, der 150 Jahre lang dauerte, wurden zwei Drittel der irischen Bevölkerung ausgerottet. Nur ihre große Fruchtbarkeit rettete die irische Rasse vor völligem Untergang. „Als die Engländer“, sagte kürzlich der Ire Georges Chatterton-Hill in der Zeitschrift „Ord och Bild“ (1916, S. 561 ff.) „sie nicht durch direkten Mord vernichten konnten oder durch Gesetze, die die ganze Nation außer Landes treiben sollten, versuchten sie eine andere Methode, die sie auch in Indien erprobt haben: den organisierten Hunger. Und diese Methode erwies sich als sehr wirksam. In siebzig Jahren, von 1841–1911, sank die Bevölkerungsziffer Irlands von 8196597 auf 4381951! Während der drei Jahre der sogenannten großen Hungersnot (1846–1848) starben über eine Million Menschen in Irland an Hunger inmitten lachender Getreidefelder! In diesen drei Jahren wurde aus Irland an Nahrungsmitteln (Getreide und Rindvieh) für nicht weniger als 50 Millionen Pfund unter dem Schutz englischer Bajonette nach England ausgeführt, um Steuern für den englischen Staat und Pacht für die abwesenden englischen Grundbesitzer zu bezahlen. Die folgenden drei Jahre (1849–1851) starben weiterhin etwa 400000 Menschen an Entbehrungen.“

Wenn die angeblichen „Beschützer der kleinen Nationen“ unter den 380 Millionen Menschen, die durch die Laune des Geschicks unter ihren „Schutz“ gekommen sind, nicht genügend Spielraum für ihre menschenfreundliche Betätigung finden, so sollten sie doch wenigstens, statt bei den Mittelmächten, zuerst bei ihren nächsten Verbündeten anklopfen! In Rußland ist weit mehr zu bessern als in der Türkei! Das Telegramm, das der Generalsekretär des Verbandes der unterdrückten Völker Rußlands, Baron Friedrich Ropp, am 21. Dezember 1916 an Lloyd George richtete, fand diesen offenbar zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt! Vielleicht wird die revolutionäre Regierung Rußlands selbst auf diesen erschütternden Notschrei hören?

Vartiter Pambuchian, 18jährige Armenierin aus Erserum.

Auch in neutralen Ländern hat man Broschüren und Bücher über die Leiden der Armenier geschrieben und die Regierungen interpelliert. Ich zweifle nur, ob hier die reine, unverfälschte Menschenliebe am Werke ist. Denn diese macht keinen Unterschied zwischen Armeniern und Belgiern einerseits und — Ostpreußen, Polen und russischen Juden andrerseits! Neben der Religionsheuchelei ist nichts so verabscheuenswert wie der Schwindel, der unter der Maske der Barmherzigkeit nichts anderes als politische Geschäfte treibt und die Leiden anderer ruchlos ausbeutet, um politische Gegner, die Türken und ihre Verbündeten, verhaßt zu machen!

Die kriegerischen Vorgänge an der kaukasischen Front haben dazu gezwungen, die Zivilbevölkerung zu entfernen, besonders weil diese sich offen mit dem Feinde verbündete und gegen die eigene Regierung aufstand. Brutaler Eifer untergeordneter Behörden ist zu Grausamkeiten ausgeartet, zu denen — daran zweifle ich nicht — die Regierung in Konstantinopel keine Befehle gegeben hatte. Die gebildete Welt darf aber erwarten, daß die türkische Regierung weiterem Blutvergießen ein Ende macht, durch nachdrücklichen Schutz des unglücklichen armenischen Volkes sich unvergänglichen Ruhm erwirbt, ihre Feinde dadurch entwaffnet und ihre Freunde mit noch stärkeren Banden an sich knüpft. Sie muß dafür sorgen, daß die Klagen in den Bergen Armeniens verstummen.

Einfahrt nach Der-es-Sor.

Siebentes Kapitel.
Deutsche Artillerie auf dem Wege nach Bagdad.

In der Nacht nach dem im fünften Kapitel geschilderten Abenteuer hatte sich der Sturm nochmals aufgerafft, und er blies auch den folgenden Tag, den 19. April, so ungestüm und regellos, daß mir nichts übrig blieb, als bei Säbcha im Schutz der Tamariskengebüsche zu verweilen und mir und meinen übermüdeten Leuten Ruhe zu gönnen.

Unter dichten Weißdornbüschen, geschützt vor dem Wind, hatten sie sich am Ufer hingestreckt und freuten sich in der Morgenfrische der Wärme, die ein knisterndes Feuer ausströmte. Ich fühlte mich an Bord am wohlsten, hatte es mir mit Hilfe dicker Winterkleider einigermaßen behaglich gemacht und lag lesend auf meinem Bett, als ich auf einmal Schritte auf der Laufplanke hörte und ein junger Europäer vor meiner Hütte erschien. Zu meiner größten Überraschung war der Ankömmling ein Landsmann von mir, Nils de Maré, Major in persischen Diensten. Am Abend vorher war er mit Major Pousette und sechzehn Österreichern, die aus russischer Gefangenschaft in Taschkent entflohen waren und sich durch Persien hatten durchschlagen können, in Säbcha angelangt. Sie hatten meine Fähre ankommen sehen, und da de Maré überzeugt war, daß ich mich darauf befände, hatte er seine Begleiter nach Meskene und Aleppo vorausfahren lassen. Dann brach der Orkan aus, und meine Fähre war im Sturmnebel verschwunden. Mit einem persischen Diener hatte sich der Major in einem gebrechlichen Fahrzeug aufgemacht, um meine letzte Spur zu suchen, und er war jetzt nicht wenig erstaunt, mich völlig wohlbehalten in meiner Hütte zu finden, die er höchstens als ein trauriges Wrack anzutreffen gefürchtet hatte.

Ich ließ dem willkommenen Gast auftischen, was das Haus vermochte. Das war nun leider wenig, und Apfelsinen und Zigarren mußten die Dürftigkeit unseres Mahles vergolden. De Maré war auf der Heimreise nach Schweden; er hatte den Rückzug über Kirmanschah nach Chanikin mitgemacht und in den Kämpfen mit den nachdrängenden Russen so viel erlebt, daß die Stunden unseres Beisammenseins nur so verflogen.

Um 4 Uhr nachmittags saßen wir noch immer über seine persischen Kartenskizzen gebeugt, als plötzlich Mahmud herbeigesprungen kam mit der Meldung, eine große deutsche Fähre sei im Anzug. Und richtig! Nur wenige hundert Meter flußaufwärts kam ein großer, schwerer Prahm im heftigen Wind gerade auf uns zu, als ob er mein leichtes Fahrzeug in den Grund bohren wollte. Aber er steuerte mit tadelloser Sicherheit nahe vorbei und landete unter dichtem Tamariskengebüsch ein Stück weiter abwärts. Auf der Längsseite der Fähre stand in großen Buchstaben ihr Name „Möve“. Sie war also die Vorhut der bayrischen Batterie, die einige Tage nach mir Dscherablus verlassen hatte. Bald kam auch die ganze Flottille an der letzten Biegung des Stromes vor, die „Emden“ mit ihren verdeckten Munitionswagen, die „Hella“ unter Gesang ihrer Besatzung, „Mohammed Reschid V.“ mit starkem Tiefgang infolge seiner schweren Last an Geschützen und Granaten, und schließlich ein türkischer Doppelschahtur von der Größe des meinigen, das Admiralschiff des Majors von Schrenk, das unter Flaggengruß, Winken und Hurrarufen der Offiziere an mir vorüberfuhr. Wenige Minuten später durfte ich den Major und seine Kameraden vor meiner Hütte begrüßen, und am Abend führte Leutnant Schmidt mich und meinen Landsmann mit einer Laterne durch stachliges Tamariskengebüsch zum Lagerplatz der Deutschen, wo wir uns beim Licht des Mondes und einer Karbidlampe zum gemeinsamen Abendbrot niederließen und im Austausch unsrer Erlebnisse während der letzten Woche reizende Stunden verbrachten. De Maré verabschiedete sich um 9 Uhr, um mit seinem persischen Diener nach Säbcha zurückzukehren; er konnte aber sein Boot im Dunkeln nicht finden und verbrachte daher die Nacht, in meinen Mantel gehüllt, am Lagerfeuer, um am frühen Morgen endgültig aufzubrechen.

Vier von den neunzehn deutschen Fahrzeugen fehlten noch; sie waren in der Nähe von Rakka auf Sandbänke getrieben, und der Major wollte nun hier warten, bis er alle wieder beisammen hatte. Da am andern Morgen der Wind noch ebenso heftig wehte, der Euphrat in weißbraunen Wogen rollte und das Wetter so rauh war, daß man sich seiner Winterkleider und des Ledermantels aufrichtig freute, beschloß auch ich den Tag in Gesellschaft meiner deutschen Freunde zuzubringen.

Am Vormittag wurden auf einer Anhöhe in der Nähe des Lagers zwei Masten aufgestellt, um den Nachzüglern Signale zu geben, und ein Rundblickfernrohr schaute nach ihnen aus. Zwei türkische Doppelfähren kamen bald in Sicht und erhielten ihre Plätze am Ufer angewiesen. Von den zwei übrigen deutschen machte die „Bavaria“ am meisten Sorge. Sie war schwer befrachtet, und da der Euphrat in der Nacht bedeutend gesunken war, saß sie wahrscheinlich auf ihrer Sandbank um so fester und mußte entladen werden, um nur wieder loszukommen. Nach stundenlangem Ausspähen meldete endlich Leutnant Max Kirchmair, daß über der Zeile von Tamarisken und Wasserwerken, die in dem flachen Lande die Windungen des Euphrat kenntlich machten, eine deutsche Flagge langsam vorrückend zu sehen sei. Sie kam näher und näher, und endlich wurde das Fahrzeug selbst sichtbar: es war „Kaiser Wilhelm II.“ Ein Seil flog ans Land, und mit starken Tauen wurde das schwere Fahrzeug festgemacht.

Nach einer weiteren Stunde kam endlich auch die „Bavaria“ in Sicht. Von dem starken Strom getrieben, schien sie auf ihren Vorgänger anrennen zu wollen. Da sprang ein Mann der Besatzung, ein Seil in der Hand, in das mehrere Meter tiefe Wasser, verschwand einen Augenblick unter der Oberfläche, tauchte dann wieder auf und schwamm flugs ans Land, um die „Bavaria“ oberhalb des „Kaiser Wilhelm“ zu vertäuen.

So hatten sich die neunzehn deutschen Fahrzeuge wie Schildkröten am Lande festgebissen, und in dem Tamarisken- und Hagedorngebüsch des Ufers entwickelte sich ein Lagerleben, dessengleichen die Station Säbcha wohl schwerlich vorher gesehen hatte. Deutsche Artilleristen lagen gruppenweise um die Feuer, plauderten und sangen bei siedenden Kesseln und schöpften mit großen Kellen Suppe in ihre Eßschüsseln. Dazwischen bildeten türkische Soldaten und Ruderer, die lebhaft über die bevorstehende Fahrt nach Der-es-Sor berieten, mit ihrer orientalischen Kleidung bunte Farbenkleckse. Unteroffiziere gingen hin und her und erteilten Befehle für den Abend, die Nacht und den Aufbruch am andern Morgen. Bei den Fahrzeugen, wo mancherlei instand zu setzen war, erklang der Schlag der Hämmer und das Zischen der Sägen, und Äxte zersplitterten die Tamariskenstämme, die den himmelan lodernden Flammen der Lagerfeuer verfallen waren.

Major von Schrenks Schahtur war überaus praktisch eingerichtet. In seiner Mitte standen zwei türkische Zelte mit je drei Betten; am Tage wurden die Betten zusammengepackt, die Zelte abgenommen, nur das Stangengerippe blieb stehen. Auf leichten Tischen lagen Bücher, Karten und Fernstecher, und Zeltstühle sorgten für ausreichende Bequemlichkeit.

Am nächsten Morgen wollten wir zusammen aufbrechen. Es war Karfreitag, der 21. April. Der Fluß war am Tage wieder 20, in der Nacht 42 Zentimeter gestiegen. Schon kurz vor ½5 Uhr ließ ich die Haltetaue meiner Fähre lösen und fuhr voraus. Kurz vor 5 Uhr ging die Sonne in strahlender Klarheit auf und beleuchtete auf den Wassern des Euphrat das ungewöhnliche Schauspiel, wie sich die Fahrzeuge der deutschen Artilleristen eins nach dem andern vom Ufer lösten, stromabwärts zogen und bei der nächsten Biegung verschwanden; das Admiralschiff bildete wieder den Schluß.

Auf den Rat vorüberfahrender Araber war ich in einen schmalen Sund eingebogen, der die erste Stromwindung abschnitt. So überholte ich die deutschen Boote bis auf zwei. Bei einer scharfen Biegung nach Südosten trieb mich aber der hartnäckige Wind in einem Dickicht überschwemmter Tamarisken am linken Ufer auf Grund, und bei der nächsten Windung nach Nordwesten preßte er meine Fähre gegen eine Landzunge am rechten Ufer. Hussein versuchte krampfhaft mit dem Ruder abzustoßen; mit gewaltigem Krach zerbrach es, und das schnell gefaßte Reserveruder blieb im zähen Grundschlamm stecken. Während dieses Aufenthalts schwamm die ganze deutsche Flottille an mir vorüber; als wir dann aber den Wind im Rücken hatten, überholte ich wieder zwei Gruppen meiner deutschen Reisegesellschaft, die auf der sonst eintönigen Fahrt eine angenehme, spannende Abwechslung brachte. Die am schwersten beladenen Fahrzeuge fuhren am schnellsten, denn sie hatten bedeutenden Tiefgang und wurden von Wasserschichten getragen, die der Wind nicht beeinflußte. Meine leichte Fähre schwamm wie eine Nußschale auf der Oberfläche, ein Spielzeug jedes Windes; oft wenn ich am Schreibtisch saß, drehte sich die Landschaft um mich herum wie eine Scheibe um ihre Achse. Außerdem hatten die Deutschen stämmige Kanoniere an Bord, die den eingeborenen Ruderern fleißig halfen. So mußte ich es bald aufgeben, mit den Vorauseilenden gleichen Schritt zu halten. Dafür konnte aber mein kleineres Fahrzeug schmale Seitenarme benutzen und seinen Weg mehrfach abkürzen.

Mein neuer „Kapitän“ Sale Abdul Mohammed (in der Sonne das Gesicht verziehend).

Aus den Gebüschen am Ufer erhoben sich zahlreiche Krähenschwärme mit heiserem Geschrei; Schafherden und viele Zeltdörfer bedeckten das Uferland. Eine zeitlang schwamm eine Gruppe stolzer Pelikane vor uns her; die Tiere ließen uns nicht aus den Augen; sobald wir ihnen aber näherkamen, erhoben sie sich mit klatschenden Flügelschlägen und streuten einen Regen von Wassertropfen herab. An diesem Tag sahen wir auch die erste Heuschrecke; sie ließ sich auf den Rand der Fähre nieder, Kerit schlug sie tot und schalt wie ein Rohrspatz auf das Ungeziefer, das das Brot des Volkes auffresse; dann aber kamen sie zu Hunderten, und Kerit mußte sie wohl oder übel sitzen lassen.

In der Gegend El-Hamma durchschneidet der Euphrat den kleinen Bergrücken il-Bischri, und die jäh abfallenden Bergwände rücken erst auf dem rechten, dann auch auf dem linken Ufer wieder eng an den Fluß heran, nur schmale Streifen Wiese oder bebautes Feld an ihrem Fuße freilassend. In diesem wunderschönen Hohlweg drängt sich der Euphrat auf etwa 100 Meter Breite zusammen. Rechts auf der Höhe stehen die alten Doppelmauern und Türme der Feste Halebije, und auf dem Berggipfel drüben die stolzen Ruinen des Kastells Selebije. Der Grundriß von Halebije ist ein Dreieck, dessen eine Seite direkt am Ufer liegt; die beiden andern treffen in einem Turm zusammen, dessen Zinnen sich hoch über die ganze Festung erheben.

Allzu schnell treten die Kalksteinwände wieder zurück, und der Fluß verbreitert sich. Rechts liegt die Poststation Tibni, über ihr auf einem Hügel die Ruine gleichen Namens; der Ort ist ein „Kischla“, eine Garnison mit geringer Besatzung. Auf einer kleinen Insel prangen die Weiden in frischem Frühlingsgrün, und bei dem Dorf Issyf Pascha am linken Ufer stehen wieder Zelte armenischer Flüchtlinge.

So wechseln die Landschaftsbilder unaufhörlich. Der Tag geht zur Neige, und die Berge breiten tiefe Schatten über das Tal. Heute aber denke ich noch nicht an Landung; die „Aleman“, versichert mir ein Araber am Ufer, meine deutschen Reisegefährten, seien weit voraus. Fern in Ostsüdost blitzt ein helles Licht; jedenfalls der Scheinwerfer der deutschen Schiffe, der uns den Weg zeigen soll. Er gibt mir die Möglichkeit, sichere Peilungen zu machen, und von Stunde zu Stunde kommen wir dem Lichtzeichen näher. Es ist ½9 Uhr. Da donnert das Megaphon uns die Warnung vor einer Sandbank entgegen, wir sollten den Kurs direkt auf eine schwimmende Laterne zu halten. Die Ruder knirschen, als die Fähre über den Strom hinübergezwungen wird. Aber es gelingt, und wir landen glücklich unter den deutschen Fahrzeugen, von denen nur zwei noch fehlen. Der Küchenwagen an Bord der „Möve“ brodelt noch und bewirtet mich mit trefflicher Erbsensuppe.

Am andern Morgen waren die Deutschen vor Sonnenaufgang aufgebrochen. Ich wartete noch auf Windstille, als das kleine Avisoboot „Blitz“ mit zwei Artilleristen an Bord heransauste, um Erkundigungen über die Weiterfahrt der Flottille einzuziehen. Es kam von der „Bavaria“, die in einem schmalen Flußarm festgelaufen war, wo der Wind auch meine Fähre im Kreise gedreht hatte. Während die beiden Gäste mit mir frühstückten, kam die „Bavaria“ mit dem noch vermißten Doppelschahtur schon vorübergefahren und verschwand hinter dem nahen Dorf El-Busera. „Blitz“ machte sogleich wieder fertig und jagte ihr nach. Um 9 Uhr stießen auch wir vom Lande ab. Die deutschen Kameraden sah ich aber erst am Abend wieder bei den hellbraunen Lehmhäusern und den fünf weißen Minaretts der kleinen arabischen Stadt Der-es-Sor, die sich in dem üppigen Grün von Weiden und Platanen, Kastanien und Walnußbäumen mit ihren zahlreichen Wasserschöpfwerken und ihrer auf Steinpfeilern ruhenden, verkehrsreichen Holzbrücke überaus schmuck ausnimmt.

Der-es-Sor.

Diesem Ziel der heutigen Tagereise hatte ich mit Spannung entgegengesehen. Denn hier war eine Telegraphenstation. Welche Nachrichten aus der lärmvollen Welt mochten dort vorliegen?

Keine Siegeskunde empfing mich zum Osterfest 1916, wohl aber eine erschütternde Trauerbotschaft: Vor drei Tagen, am 19. April, war Feldmarschall von der Goltz, nach der Rückkehr von einer Inspektionsreise nach Kut-el-Amara, in Bagdad am Flecktyphus gestorben! —

Straße in Der-es-Sor.

Der-es-Sor ist der offizielle türkische Name der Stadt; gewöhnlich sagt man nur Ed-Der, d. h. das Kloster. Sor bezeichnet das Land zwischen Palmyra, Ed-Der, Chabur, Sindschar, Nesibin und Rakka. Nach Sachau beträgt die Einwohnerzahl gegen 5 bis 6000, nach M. von Oppenheim gegen 6 oder 7000 Mohammedaner und 700 Christen. Die Stadt, deren Straßen in besserem Zustand waren als die Bagdads, und das ganze Gebiet zwischen Rakka und Ana wird von einem Mutessarrif, einem Gouverneur, regiert, der unmittelbar dem Ministerium des Innern in Konstantinopel untersteht. In Friedenszeiten lagen in Der-es-Sor ein Bataillon regulärer, auf Mauleseln berittener Infanterie und eine größere Abteilung Saptije zu Pferd; diese Truppen mußten die Anese-Beduinen in der syrischen Wüste und den Schammarstamm in Mesopotamien im Zaume halten. Das hinderte nicht, daß mit diesen ein lebhafter Handel getrieben wurde, und Der-es-Sor ist ein wichtiger Knotenpunkt auf den Karawanenstraßen zwischen Aleppo und Bagdad, Damaskus und Mosul.

Nachdem ich ein Telegramm und einen Brief nach Hause auf die Post gegeben hatte, suchte ich einen der größeren Hans der Stadt auf, wo, wie ich erfahren hatte, eine Landsmännin, Frau Major Erikson, wohnte. Ich fand die junge, liebenswürdige Dame in Gesellschaft von vier deutschen Herren aus Persien, die sie von Bagdad auf der üblichen Karawanenstraße den Euphrat entlang nach Konstantinopel begleiteten. Die Reise bis Der-es-Sor war sehr beschwerlich und langwierig gewesen. Überschwemmungen hatten zu weiten Umwegen auf ungebahntem Gelände gezwungen, und an einigen Stellen hatte man die Pferde, Maulesel und Wagen auf Fähren über hindernde Wasserläufe befördern müssen. Frau Erikson pflegte die Nächte in ihrem wohlverschlossenen Wagen zuzubringen, auf dessen Kutscherbock ein großer kluger Rattenfänger grimmig Wache hielt.

Major von Schrenk wirbt in Der-es-Sor Ruderer.

Den Abend dieses ereignisvollen Tages verbrachten wir in einem türkischen Wirtshaus in Gesellschaft des Majors von Schrenk und seiner Offiziere, sowie der der Fliegerabteilung, die ich ebenfalls hier getroffen hatte. Beim Abschied übergab mir Frau Erikson einen Brief an ihren Gatten, der in deutschen Diensten damals in Kasr-i-Schirin stand; beim Vorrücken der Russen kam er allmählich nach Chanikin an der persisch-türkischen Grenze. Da ich ihn nicht traf, schickte ich ihm den Brief durch einen deutschen Offizier. Erst nach meiner Abreise kam auch Major Erikson nach Bagdad — doch nur um zu sterben. Er liegt auf dem christlichen Friedhof vor der Kalifenstadt begraben, seine irdische Hülle soll aber seinerzeit nach Schweden gebracht werden.

In Der-es-Sor wechselten die Deutschen und ich die türkische Begleitung. Ich mietete drei junge, kaum zwanzigjährige Araber, alle drei stattliche, gut gekleidete, sonnenverbrannte Kerle von kräftigem Körperbau. So zuverlässig wie die Türken waren sie nicht, aber — wenn sie wollten — in ihrem Handwerk überaus gewandt, voll Heiterkeit, ja Übermut und zu allerhand Streichen aufgelegt, die mancherlei Kurzweil gaben. Mein neuer „Kapitän“ Sale Abdul Mohammed trug seinen schönen Kopf mit dem roten, gelbgepunkteten Turban stolz wie ein Königssohn, sang den ganzen Tag und hielt unter seinen Kameraden Mannszucht wie ein Alter. Wenn seine Eitelkeit mit im Spiele war, arbeitete er musterhaft. Die beiden Ruderer, Said Ahmed und Hussein Ali, erschienen in langen, dünnen Kaftans, bauschigen weißen Beinkleidern, Leibgürteln aus Tuch und spitzen Pantoffeln. Ihr ganzes Gepäck bestand aus einem Bündel mit Brot, Eiern und Gurken. Der neue Gendarm hieß Hussein Ben Mohammed, und ein Freipassagier namens Asis Ben Ibrahim fand sich auch noch hinzu; er mußte sich natürlich verpflichten, mit zuzugreifen, wenn Not an Mann war. Die einheimische Besatzung der deutschen Kriegsfähre erhielt keine Löhnung, sondern genügte an Bord ihrer militärischen Dienstpflicht. Die Türken als Angehörige einer kriegerischen Nation fügten sich dem ohne weiteres; die Araber aber kniffen mit Vorliebe aus, und es machte nicht geringe Mühe, die nötige Anzahl kundiger Schiffer aufzutreiben. Und als wir am Ostersonntag die Anker lichteten, gab es für die kurze Reise nach Ana, das zweite Drittel der Flußfahrt, ein tränenreiches Abschiednehmen von den Angehörigen, als ginge es direkt in den Schützengraben und ins Granatfeuer.

Unter Palmen am Euphratufer.

Achtes Kapitel.
Im Reich der Palmen.

Noch zwei Tage hielt ich mit dem deutschen Geschwader gleichen Schritt, dann aber gab ich das Rennen auf und ließ die so angenehme Reisegesellschaft im Stich. Ihr lag daran, so schnell wie möglich flußabwärts zu kommen, und sie konnte die geselligen Abendstunden durch Schlafen am Tage einbringen. Meine Arbeit aber erforderte angestrengte Aufmerksamkeit über Tag und Ruhe bei Nacht. Bei dem Dorf Do-er verabschiedeten wir uns, und am Morgen des 25. Aprils lag meine Fähre wieder einsam am Ufer. Als die Sonne über dem Horizont heraufstieg, stand ich auf dem Gipfel des nächsten Kalksteinfelsens. Vor mir breitete sich die Wüste aus, flach, öde und unfruchtbar. Kleine Stücke hübsch geschliffenen Feuersteins lagen überall umher. Kein lebendes Wesen war zu sehen. Bald trieb mich die zunehmende Hitze wieder hinab zu dem kühlen Strom unter den Schatten meines Zeltdaches. Der Frühling hatte endlich gesiegt; gestern Mittag zeigte das Thermometer über 25 Grad im Schatten, und bei der kleinen Stadt Mejadin hatten uns die ersten Palmen daran erinnert, daß wir uns wärmeren Gegenden näherten. Noch standen sie vereinzelt, aber am folgenden Tage zeigten sich bei dem Dorfe Rawa die ersten Palmenhaine, und abwärts von Ana, das ich am 27. April erreichte, bilden diese köstlichen Oasen den herrlichen, das Auge immer wieder entzückenden Schmuck des Euphratufers. Mit ihrem Auftreten wird zugleich die Schiffahrt gefährlicher, denn die Bewässerung der Palmengärten erfordert umfangreiche, oft weit in den Strom vorstoßende, die Fahrstraße einengende Wasserschöpfwerke.

Das erste Wasserschöpfwerk.

Schon am fünften Tag meiner Euphratfahrt, dann am 18. April kurz vor dem Dorfe Säbcha, war ich an den ersten, noch primitiven Schöpfwerken, Denkmälern einer tausendjährigen Tradition, vorübergekommen. Damit sich das Berieselungswasser über das Ufer verbreiten kann, muß es ziemlich hoch hinaufbefördert werden; dazu eignet sich nur ein Ufer, das sich etwa drei Meter über den Wasserspiegel erhebt und senkrecht ausgewaschen ist. Wo es fehlt, muß es künstlich geschaffen werden. Die Schöpfeinrichtung besteht aus einem kunstlosen Holzgerüst, in dessen Oberteil ein Seil über eine Rolle läuft. Nach dem Wasser zu hängt daran ein großer Ledersack; das innere Seilende wird von einem Zugtier — Ochse oder Pferd — oder durch Menschenkraft landeinwärts gezogen und so der Wassersack emporgewunden. Seine Öffnung ist durch ein Holzkreuz aufgespannt, damit er sich ordentlich füllen kann, und wenn er oben ankommt, ergießt er durch einen rüsselartigen, durch eine zweite Rolle und ein dünneres Seil regulierten Fortsatz seinen Inhalt in den Anfang des Bewässerungskanals, ein kleines, aus Weidenruten geflochtenes, mit Lehm gedichtetes Becken. Nach fünfzehn oder zwanzig Schritt kehrt das Zugtier um, der Sack sinkt durch seine Schwere wieder hinab und füllt sich aufs neue. So geht das den ganzen Tag. Häufig zwingt die Laune des Flusses dazu, die Schöpfmaschine zu verlegen. Steigt der Strom und überschwemmt er die Ufer, so können Tiere und Menschen ruhen; die befruchtende Flut findet von selbst ihren Weg zu den Äckern, und die eigentlichen Bewässerungskanäle stehen dann wie schmale Hafendämme über der weiten Wasserfläche.

Das Wasser wird mit Hilfe von Ochsen oder Pferden gehoben.

Die knarrende Musik dieser Wasserhebewerke hatte mich von Tag zu Tag begleitet, und ihre derben Holzgerüste glichen besonders bei Nacht den Skeletten vorweltlicher Tiere. Bald sah ich auch zwei, drei Säcke an jedem Holzgestell auf- und abwärts steigen; jeder Sack hatte sein Zugtier und seine menschliche Bedienung, und jede Rolle knirschte ihre eigene Melodie.

Im Bezirk Chreta sah ich das erste Paternosterwerk. Pferde mit verbundenen Augen drehen ein wagerechtes Rad; dessen Zähne greifen in ein senkrechtes Rad, über das die Kette mit den Wassereimern läuft. Solch eine Einrichtung heißt Näura oder Dolab, während die einfachere mit den Ledersäcken Dschird genannt wird. Nicht weit hinter Do-er stand mitten in der Strömung ein einsamer Pfeiler aus gebrannten Ziegeln. Sale behauptete, das sei der Rest eines alten Turmes; wahrscheinlicher aber war es das Überbleibsel eines der großen Wasserschöpfwerke, wie ich sie bald in vollem Betrieb zu sehen bekam.

Wasserschöpfwerk.

Am Morgen des 26. Aprils war der Fluß wieder um 20 Zentimeter gestiegen, und von den überschwemmten Weizenfeldern waren am Abend feuchte Nebel und Myriaden von Mücken aufgestiegen, so daß ich zum erstenmal mein Moskitonetz hatte gebrauchen müssen. Wir glitten in ruhiger Fahrt an der schroffen Bergwand Baghus vorüber und kamen dann an eine große, mit Gras und Gebüsch bewachsene Insel, die den Euphrat in zwei Arme teilte. Wir bogen links ein und sahen hier zum erstenmal die Wasserkraft selbst zum Heben des Wassers ausgenutzt. Eine Steinmauer war in den Fluß hineingebaut; ihre Spitze bildete ein großes Rad von etwa acht Meter Durchmesser. In der Peripherie des Rades hingen längliche Tontöpfe, die bei der Umdrehung das Wasser schöpften und in eine Rinne entleerten, die rechtwinklig von dem über den Kamm der Mauer laufenden Kanal ausging. Jetzt stand das Rad still, weil das Wasser über seine Achse gestiegen war; fließt es unter der Achse, dann dreht der Strom das Rad Tag und Nacht, und unermüdlich ergießen die Schöpfeimer ihren kostbaren Inhalt in die Kanalrinne, wenn auch immer etwas daneben fließt, sobald sich der Schöpfeimer bei der Umdrehung zu neigen beginnt. Das Rad ist aus rohem Treibholz zusammengezimmert, die Speichen sind krumm und schief, aber wenn es nur halbwegs rund ist, erfüllt es seine Aufgabe.