Das Innere der Kathedrale von Mecheln am 15. Oktober 1914.

Sven Hedin

Ein Volk
in Waffen

Den deutschen Soldaten gewidmet.

Leipzig: F. A. Brockhaus. 1915.

Dieses den tapferen deutschen Soldaten und ihren Angehörigen gewidmete Büchlein ist ein Auszug aus dem gleichnamigen Werk Sven Hedins, das im März 1915 erscheinen wird. Diese große Ausgabe umfaßt etwa 500 Seiten mit ungefähr 250 Abbildungen und kostet geheftet 6, gebunden 10 M.

F. A Brockhaus.

Copyright 1915 by F. A. Brockhaus, Leipzig.

[Inhalt.]

Seite
Was ich will. Ein Vorwort [5]
1. Wo ist das Große Hauptquartier? [7]
2. Kriegsbilder auf der Fahrt [10]
3. Ein Franzose im Lazarett zu Ems [15]
4. Feldpostbriefe [18]
5. Verwundete und Gefangene [20]
6. Im Hauptquartier [25]
7. Der Kaiser [27]
8. Zur fünften Armee [33]
9. Beim Kronprinzen [37]
10. Hinter der Feuerlinie [40]
11. Im Schrapnellfeuer [43]
12. Madame Desserrey [46]
13. Morgengrauen [49]
14. Die »Brummer« bei Eclisfontaine [51]
15. Verhör französischer Gefangener [54]
16. Sturm auf Varennes [57]
17. Das Feldlazarett in der Kirche von Romagne [61]
18. Der letzte Abend beim Kronprinzen [65]
19. Longwy [67]
20. Ein Brief an den Kaiser [71]
21. Die Eisenbahn im Kriege [72]
22. Sedan — 1870! [80]
23. Bei der vierten Armee [83]
24. »Barbarische« Justiz [90]
25. Der Krieg in der Luft [91]
26. Deutsches Sanitätswesen im Felde [98]
27. Leben an der Front [102]
28. Die Feld-Telephonstation [105]
29. Am Scherenfernrohr [108]
30. Feldgottesdienst [110]
31. Nach Belgien [115]
32. Die 42-cm-Mörser vor Namur [119]
33. »Vandalismus« [122]
34. Generalgouverneur Exzellenz von der Goltz [124]
35. Antwerpen einen Tag nach seinem Fall [128]
36. Gäste des Generalgouverneurs [137]
37. An der Schelde [139]
38. Löwen [142]
39. Die weiße und die schwarze Marie [143]
40. Über Gent und Brügge nach Ostende [145]
41. Das Bombardement von Ostende [149]
42. Mein erster Abend in Bapaume [157]
43. An der Front bei Lille [161]
44. Die B(apaumer) Z(eitung) am Mittag [167]
45. Im Schützengraben [169]
46. Allerseelen [174]
47. »Lieb Vaterland, magst ruhig sein!« [179]
48. Kronprinz Rupprecht von Bayern [180]
49. Tommy Atkins in Gefangenschaft [183]
50. Die englische Lüge [185]
51. Heimwärts [189]

[Was ich will. Ein Vorwort.]

... Kein Schwede in verantwortlicher Stellung durfte eine Ahnung haben von meiner Reise an die deutsche Front. Unser Land gehört ja zu den neutralen Staaten, und auf seine Regierung durfte auch nicht der Schatten eines Verdachts fallen, daß ich in irgendeiner Art geheimer Mission reiste. Nein, der Anlaß war ganz einfach. Ich sagte mir: In der Entfernung von einigen Tagereisen wird der gewaltigste Krieg der Weltgeschichte ausgefochten. Dieser Krieg muß von grundlegender Bedeutung werden für die politische Entwicklung der nächsten fünfzig, hundert, vielleicht noch mehr Jahre. Seine Folgen müssen unbedingt das weitere Dasein der gegenwärtigen Generation bestimmen. Der Krieg von 1870/71 wurde der Beginn eines neuen Zeitalters in Deutschlands Entwicklung. Dasselbe wird in noch viel höherem Maße, im Guten oder Bösen, vom Krieg 1914 gelten! Alle politischen Probleme der nächsten Zukunft müssen ohne Zweifel ihre Wurzeln in diesem großen deutschen Krieg haben. Gehen beide kämpfenden Machtgruppen mit stark verringerten Kräften aus dem Streit hervor, so ist er in seinen erlöschenden Funken der Keim zu einem neuen, vielleicht noch mehr verheerenden Weltbrand. Siegt aber Deutschland auf der ganzen Linie, so wird die Weltkarte durchgreifende Änderungen erfahren, und Deutschland läßt dann in seiner blühenden Machtfülle keinen neuen Krieg mehr zu. Siegt Rußland, so ist das Schicksal Schwedens und Norwegens besiegelt! Wie der Krieg auch endet, müssen große und denkwürdige Ereignisse aus ihm hervorgehen. Wie lehrreich muß es also sein, ihn am Herde der die Zukunft umstürzenden Ereignisse, in den zerstörten Gegenden selbst zu studieren, wo die deutschen Soldaten das Schicksal ihres Landes und der ganzen germanischen Welt auf den Spitzen ihrer Bajonette tragen! Denn nur wer mit eigenen Augen gesehen, wie die Deutschen kämpfen, kann ganz verstehen, was für Deutschland in diesem Krieg auf dem Spiele steht. Meine Fahrt an die Front war also in erster Linie eine politische Studienreise.

Aber auch andere Absichten und Gedanken ließen mich Sehnsucht nach der Front empfinden. Ich wollte den Krieg als solchen sehen und kennen lernen, um auch für andere die Schatten- und die Lichtseiten des Krieges beschreiben zu können. Die Schattenseiten sind Haß, Vernichtung, verbrannte Häuser, vergeudete Ernten, Verwundete, Krüppel, Gräber, Trauer und Sorge. Aber auch Lichtseiten hat ein Krieg, der von einem einigen Volk ausgefochten wird, das leben und seine Selbständigkeit bewahren will. Das sind die Einigkeit, Opferwilligkeit und Siegesgewißheit der Deutschen. Und schließlich wollte ich mit eigenen Augen sehen, wie weit Zivilisation, Christentum und Friedensbestrebungen im Jahre 1914 nach Christi Geburt gediehen waren!

Im ersten Abschnitt des Krieges hatte die englische Presse die Deutschen barbarischer Grausamkeit gegen ihre Gefangenen und gegen verwundete Feinde beschuldigt. Keinen Augenblick hatte ich daran geglaubt, aber um der Germanen willen wollte ich die Verleumdung ausrotten und die Wahrheit zur Kenntnis der Allgemeinheit bringen. Kann man nichts anderes von einem Volk verlangen, das auf der Höhe der Kultur stehen will, so doch mindestens das eine: daß es seinem Gegner nicht Verbrechen vorwirft, die er nie begangen hat. Deutsche Proteste gegen die Beschuldigungen der feindlichen Zeitungen nützten natürlich nichts. Vielleicht glaubt man mir, wenn ich vor Gott beteuere, daß ich keine Zeile niederschreibe, die nicht Wahrheit ist, und nichts anderes schildere, als was ich mit eigenen Augen gesehen habe....


[1. Wo ist das Große Hauptquartier?]

Mit diesen Gedanken trug ich mich Anfang September; sie waren in mir selbst entstanden, ohne den Schatten eines Impulses von schwedischer oder deutscher Seite. Als ich meinen Beschluß gefaßt hatte, wandte ich mich an den deutschen Gesandten in Stockholm, Exzellenz von Reichenau, der mit größter Freundlichkeit meinen Wunsch an die betreffende Stelle in Deutschland weitergab. Nach acht Tagen erhielt ich die Antwort, mein Besuch an der Front werde willkommen sein. Schon am folgenden Tag, am 11. September, trat ich meine Reise ins Ungewisse an, und am 12. September ließ ich mich im Auswärtigen Amt in Berlin, Wilhelmstraße Nr. 76, melden.

Der Unterstaatssekretär Herr von Zimmermann, der den Minister des Äußeren in Berlin vertritt, solange Exzellenz von Jagow sich im Großen Hauptquartier aufhält, nimmt mich mit offenen Armen auf und teilt mir mit, das einzige, was er wisse, sei, daß ich mich nur geradeswegs zu Exzellenz von Moltke ins Große Hauptquartier zu begeben habe.

»Aber wo ist das Große Hauptquartier?« frage ich.

»Das ist Geheimnis«, antwortet Herr von Zimmermann lächelnd.

»Aber wie soll ich dann hinkommen?«

»Der Chef des Generalstabs, General von Moltke, hat Befehl gegeben, daß ein Automobil zu Ihrer Verfügung stehen soll. Sie können jederzeit aufbrechen. Als Begleiter erhalten Sie einen Offizier und einen Soldaten; Sie können in einer Tour Tag und Nacht fahren, aber auch selbst Weg und Reisezeit wählen. Mit einem Wort: Sie haben volle Freiheit.«

»Und dann?«

»Ihr weiteres Geschick hören Sie von Exzellenz von Moltke. Das einzige, woran Sie jetzt zu denken haben, ist, ihn aufzusuchen.«

»Und wo finde ich das Auto?«

»Darüber gibt Ihnen dieses Papier Bescheid.«

Herr von Zimmermann überreichte mir ein vom Großen Generalstab unterzeichnetes Blatt etwa folgenden Inhalts: »Der Inhaber dieses Zeugnisses ist berechtigt, sich des Relais des Kaiserlichen Freiwilligen Automobilkorps bis ins Große Hauptquartier zu bedienen. Was irgendwie seine Reise erleichtern kann, soll zu seiner Verfügung stehen.«

Das Freiwillige Automobilkorps hatte in der Friedrichstraße Nr. 243 sein Bureau; sein Chef war Dr. Arnoldi. Ich fand ihn in einem großen mit Offizieren und Ordonnanzen gefüllten Arbeitszimmer, dessen Tische mit Karten, Papieren und Telegrammen bedeckt waren, und wurde auch hier mit der größten Liebenswürdigkeit empfangen. Zunächst bekam ich eine Karte der großen Relaisstraße zu sehen. Und dann kam die Frage an mich: »Wollen Sie unabhängig von allen Bestimmungen oder wollen Sie Relais fahren, d. h. 700 Kilometer in 16 Stunden, 44 Kilometer die Stunde, in einer Tour?«

Ich dachte einen Augenblick nach und wählte dann: »unabhängig«. Denn wenn ich 16 Stunden reiste, hätte ich den letzten und sicherlich interessantesten Teil der Fahrt in dunkler Nacht zurücklegen müssen; ich war aber gekommen, um soviel wie möglich zu sehen. Die Wegstrecke von Berlin bis zum Hauptquartier mußte ein beständiges Crescendo sein: immer weiter vom Frieden fort — immer näher den Kampflinien. Ich glaubte in meiner Unschuld, die Landstraßen in Westdeutschland müßten von Soldaten und Fuhrwerken überschwemmt sein. Keine Spur davon! Es dauerte lange, bis man des Gedränges wegen langsam fahren mußte; und innerhalb Deutschlands geschehen ja alle Transporte per Bahn.

»Wer wird mein Chauffeur?«

»Ein Offizier, begleitet von einem Soldaten. Beide leisten ihre Dienstpflicht im Freiwilligen Automobilkorps.«

»Wer bestimmt den Offizier?«

»Ich; und ich denke eben an den Rittmeister von Krum aus Württemberg.«

Dr. Arnoldi drückt auf einen Knopf und fragt die eintretende Ordonnanz, ob Rittmeister von Krum in der Nähe ist. »Ja.« — »Bitten Sie ihn hierher zu kommen.« Und herein tritt in feldgrauer Uniform ein Offizier von vorteilhaftestem Aussehen und gewinnendem Wesen.

Rittmeister von Krum war aus dem aktiven Militärdienst ausgeschieden, aber bei Kriegsausbruch wieder unter die Fahnen getreten, und nach geltenden Mobilisierungsbestimmungen hatte er sein Automobil der Krone zur Verfügung gestellt. Er führt es selbst; der Soldat, der uns begleiten soll, ist in Friedenszeiten sein Chauffeur.

Am folgenden Tag war ich mit meinem Rittmeister unterwegs und equipierte mich feldmäßig von Kopf bis zu Fuß, von der Automobilmütze bis zu den Schnürstiefeln und Beinbinden, mit einem passend warmen Sportanzug, mit Pelzweste und Pelzrock, Regenmantel, warmem Filzhalstuch und einer Automobilbrille — die ich nie benutzt habe.

Der 15. September war der Tag des Aufbruchs. Rittmeister von Krum lenkte seinen Wagen selbst und mit bewundernswerter Sicherheit. Neben ihm saß der Chauffeur, ein Unteroffizier aus Württemberg namens Deffner, ich selbst auf dem Rücksitz des Autos. Auf dem Boden des Wagens lag mein Gepäck, zwei Taschen nur so groß, daß ich sie im Notfall selbst hätte tragen können. —


[2. Kriegsbilder auf der Fahrt.]

Felder und Wälder, Höfe und Städte fliegen vorüber, und der Geschwindigkeitsmesser zeigt auf 70 Kilometer.

Wannsee — Potsdam. Nichts deutet an, daß Deutschland eben seinen größten Krieg erlebt. Gewaltige Ladungen duftenden Heus werden von den Wiesen hereingefahren. Es gibt also noch Pferde in Deutschland, die anderes ziehen als Kanonen und Munition. Die Flügel der Windmühlen drehen sich knarrend und mahlen das Korn, das in Brot für Millionen von Soldaten und ihre Familien daheim verwandelt werden soll.

Wittenberg. Auf der Straße zieht ein Trupp Freiwilliger. Sie sehen fröhlich in die Welt hinaus, marschieren können sie mit taktfesten Schritten, und sie singen ein munteres, belebendes Soldatenlied. An der nächsten Straßenecke ein neuer Trupp, der vom oder zum Übungsplatz marschiert, junge, kräftige Männer von soldatischer Haltung; man sieht, wie sie sich darnach sehnen, ins Feld zu ziehen. Sie singen nicht, sie pfeifen eine gemütliche Melodie, die ganz lustig zwischen den alten wittenbergischen Häusern erklingt. Es sind Germanen. Sie sind nicht geboren, um von slawischen oder lateinischen Völkern besiegt zu werden. Ihre Väter sind von Tacitus besungen worden und haben im Teutoburger Wald gesiegt. Nun sind sie würdige Nachkommen der alten Germanen, die sich unter den deutschen Adlern zum Kampf für die Freiheit zwischen Rhein und Weichsel und jenseits der großen Stromtäler versammeln. Es ist gefährlich, Adler zu reizen; noch können sie ihre Horste verlassen und ihre Schwingen erheben! Jetzt hat Deutschlands Schicksalsstunde geschlagen, jetzt gilt es den Platz und die Zukunft der Germanen auf der Erde! Hört das Echo ihrer stahlfesten Schritte in Wittenbergs Straßen! So hallt es ähnlich in allen deutschen Städten, wo die Freiwilligen zu den Fahnen strömen! Es ist eine Völkerwanderung, deren gleichen die Welt noch nicht gesehen hat!

In Bitterfeld treffen wir ein, als gerade der Wochenmarkt in höchstem Flor steht: Vor den Verkaufsständen malerisches Leben, farbenreich, altertümlich und friedlich — kein Mensch kann hier ahnen, daß Deutschland im Krieg steht, und doch denken alle, auch die, die die kleinen Geschäfte des Tags besorgen, nur einen einzigen Gedanken, den Krieg. Auf der Straße vor der Stadt sehen wir Frauen, die in ihre Dörfer zurückwandern oder fahren, nachdem sie auf dem Markt ihre Ein- und Verkäufe gemacht haben. Bei den Braunkohlengruben vor Bitterfeld sind die Körbe der Luftbahnen in voller Fahrt und führen die Kohle in die Fabriken, wo Briketts daraus verfertigt werden.

Bei jeder Brücke, die wir passieren, über oder unter einem Bahngleis, stehen immer ein oder ein paar ältere Landsturmleute; sie tragen dunkelblaue Uniformen, abends und in der Nacht graue Mäntel. Sie stehen mit verschränkten Armen, das Gewehr wagerecht unter den linken Arm geklemmt, und gehen langsam und treu am Kopf der Brücke oder unter ihrer Wölbung, bis sie von Kameraden abgelöst werden. So oft das Auto mit seinem flatternden Kriegswimpel dahergefahren kommt, nehmen sie Stellung, Gewehr bei Fuß. Mindestens ein Armeekorps ist durch solchen Wachtdienst in der Heimat gebunden.

Auf der Hauptstraße in Halle ist reges Leben, denn hier ist die große Straße nach Merseburg und weiterhin nach dem westlichen Kampfplatz. Während wir uns in der Stadt aufhielten, sausten noch verschiedene Militärautomobile vorüber. Auch hier hängen in den Fenstern der Buchhandlungen große Kriegskarten, und davor stehen Gruppen von Schuljungen, die laut und wichtig von dem sprechen, was die kleinen Fähnchen andeuten — vom Krieg.

Wir zünden den Scheinwerfer des Automobils an und fahren aus Halle heraus, südlich an Merseburg vorüber auf der Straße nach Naumburg, immer im Saaletal. Der scharfe Lichtschein erhellt die Landstraße ein gutes Stück voraus. Die Schnelligkeit ist auf 40 Kilometer in der Stunde herabgesetzt. Die Laubbäume der Alleen werden von den Lampen von untenher beleuchtet; es sieht aus, als führe man durch einen unendlichen grünen Tunnel. In der Ferne, zu beiden Seiten der Straße, werden helle Perlenschnüre von glänzenden Lichtern sichtbar: die Fenster in Dörfern und Höfen, wo Väter und Mütter, Geschwister, Jungfrauen und Kinder bei der Abendlampe sitzen und zum zwanzigsten Male die Feldpostbriefe und -karten lesen, die Soldaten von der Front in Frankreich oder in Belgien nach Hause geschickt haben. Ihre Anzahl geht in viele Millionen. Was steht wohl in diesen oft schwer leserlichen Briefen? Ich habe einige von ihnen gelesen. Da erzählt der Soldat den Seinen, wie es im Quartier geht, wie das Essen nach den Strapazen des Felddienstes schmeckt, wie ihm zumute ist, wenn die Granaten in seiner Nähe krepieren und die Kameraden neben ihm fallen. Da steht auch, daß der Feind verloren ist und im Handumdrehen zurückgeworfen werden wird, wenn der General die Stunde für gekommen hält, um Sturm zu kommandieren. Da wird mit gutmütiger Achtung von den Franzosen als tapferen, ehrlichen Soldaten gesprochen und von den Engländern mit glühendem Haß. Und schließlich sagt oft genug der Soldat, es könne keine Rede davon sein, daß er in die Heimat zurückkehrt, ehe er verwundet und, was Gott verhüten wolle, kampfunfähig geworden und ehe der Sieg über die Feinde des Deutschen Reiches erfochten ist. Denn das wissen die Soldaten vom Veteran bis zum jüngsten Rekruten, daß Deutschland wohl bis an die Zähne gerüstet war in Erwartung des Krieges, daß aber der Kaiser und die Staatsmänner Deutschlands alles, was in ihrer Macht stand, taten, um ein Unglück abzuwehren, das die ganze Erde treffen und unerhörte Ströme von Blut und Tränen kosten mußte, ein namenloses Elend in verödeten Häusern und verwüsteten Dörfern, unzählige Nächte des Wartens und der Unruhe und lange Jahre trostloser Sorge und Trauer.

Der Wirt im Hotel »Zum mutigen Ritter« in Kösen leistet uns bei einer Tasse Tee Gesellschaft und berichtet, daß alle seine Badegäste auf einmal verschwanden, als der Krieg ausbrach; der ganze Hotelbetrieb stehe still. »Aber was tut das,« fügt er hinzu — »wenn wir nur siegen!«

16. September. Wenn man sich im Goethehaus zu Weimar in diese Welt großer, teurer Erinnerungen hineinversenkt hat und plötzlich wieder auf die Straße hinaustretend eine Schar Landsturmleute sieht, die nach dem Schießplatz marschiert, dann muß man sich die Augen reiben und sich zusammennehmen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Und dieses Volk, das einen Goethe hervorbrachte und jetzt mit glänzender Tapferkeit an einem halben Dutzend Fronten kämpft, ist von einer ganzen Presse, von einer ganzen Nation ein Volk von Barbaren genannt worden! —

Erfurt–Gotha. Links von uns steigen die dunklen, regenschweren, neblichten Höhen des Thüringer Waldes empor. Aber unser Weg führt durch behagliche Dörfer mit freundlichen Fachwerkhäusern; schreiende Gänse und gackernde Hühner tun ihr möglichstes, um von uns überfahren zu werden oder wenigstens unsere Fahrt aufzuhalten. Schnell ist Eisenach erreicht und hinter uns. Die Straße biegt nun scharf nach Südwesten ab, und in schön abgerundeten Windungen erklimmen wir die Höhen des Thüringer Waldes. Tiefer, dunkler, kühler Schatten; es duftet von feuchtem Erdboden und saftigen Nadeln; ab und zu erinnert die prächtige Gegend lebhaft an die Straße von Rawalpindi bis Kaschmir.

Marksuhl–Hünfeld in Hessen. An einem Tisch im Speisesaal des Gasthofs sitzt eine Krankenschwester, das Zeichen des Roten Kreuzes am Arm, und unterhält sich mit zwei Herren, offenbar Ärzten, denn sie sprechen von der Pflege verwundeter Soldaten. Eine Schar Jäger tritt ein, ihre Taschen voll Rebhühner und Hasen. Sie tragen grüne und braune Anzüge und kecke, federgeschmückte Filzhüte, auf der Schulter die Gewehre. Sie sprechen eifrig vom Krieg, diesem Krieg, der alle beschäftigt und alle waffentüchtigen Verwandten nach Westen oder Osten ruft.

Gelnhausen–Hanau. Unter uns fließen die trüben Wassermassen des Mains. Es regnet stark. Die Straßen sind aufgeweicht, aber doch immer gleich gut. Man merkt, daß man sich einer großen Stadt nähert, der Verkehr auf der Straße nimmt zu. Die Menschen wohnen dichter beieinander, und die Telegraphendrähte sammeln sich zu mächtigen Bündeln. Diese stummen Drähte, die doch immer sprechen und mehr wissen als wir — vielleicht durcheilt sie in diesem Augenblick die große Neuigkeit, auf die ganz Deutschland wartet? Wir hofften, sie in Kösen anzutreffen, vielleicht erwartet sie uns in Frankfurt?

17. September. Frankfurt. Der Tag brach in freundlicher Schönheit an, trotzdem schwere Wolken am Himmel segelten. Wir mußten erst zu einer Tankstelle, um Benzin aufzufüllen, und dann zum Immobilen Kraftwagendepot, wo immer alles vorhanden sein muß, was zur Reparatur der Kriegsautomobile erforderlich sein kann. Hier holten wir fünf Reservereifen, die rechts und hinten am Auto festgemacht wurden. Von Bezahlen ist natürlich keine Rede; die Autos gehen ja für Rechnung der Krone.

Endlich geht es weiter, und wir fahren durch Frankfurts lange Straßen und seine westlichen Vorstädte, die fast ganz aus Arbeiterwohnungen bestehen. Man denkt vielleicht, diese Arbeiter sympathisierten nicht mit dem Krieg, den Deutschland für seine Zukunft führt? Weit gefehlt! Sozialdemokratische Arbeiter haben ihren Jungen, die auf den Höfen richtige Schlachten liefern und sich Kluck und Hindenburg nennen, kleine Helme und Holzschwerter geschenkt. — Wiesbaden–Eiserne Hand. In Langenschwalbach stechen die feinen Hotels grell ab von den ernsten Fahnen des Roten Kreuzes und den verwundeten Soldaten, die schon auf dem Wege der Besserung sind und auf Balkons und in den Gärten sitzen, um Luft zu schöpfen. Dann windet sich die Straße jäh zu Höhen empor, wo die Luft klarer ist und gedämpfte Aussichten auf lachende Täler und waldbekleidete Hügel sich öffnen.

Nassau an der Lahn. Bezaubernd schön ist dieses Land, herrlich seine Straßen, majestätisch seine Wälder in ihrer dunkeln, stummen Einsamkeit. Auf dem Gipfel eines Hügels thront eine alte Festung. Das Volk ist freundlich und grüßt und winkt, wohin wir kommen, und ein junges Mädchen wirft eine rote Rose in unser Auto — nicht für uns, vermute ich, sondern als Gruß an ihren Verlobten, der draußen im Felde steht.

Die Lahn entlang — Ems. Wir lassen das Auto in einer Nebenstraße halten und bleiben auf dem Fußsteig entblößten Hauptes stehen, um einen Leichenzug passieren zu sehen. Der Tote ist ein Major, der seinen Wunden erlegen ist. Die Musikkapelle spielt einen langsamen Trauermarsch; zwei Fahnen wehen vor dem schwarzen sarkophagähnlichen Sarg, und diesem folgen die Mitglieder des Emser Kriegervereins, die Kampfgenossen, alle in Zylinder, langem Rock und schwarzer Halsbinde; den Schluß bildet eine Schar verwundeter Soldaten, Rekonvaleszenten, die im Kursaal einquartiert sind. Langsam bewegt sich der feierliche Zug nach dem Bahnhof, denn die Leiche des Majors soll in seine Heimat befördert werden. Nach einiger Zeit kam die Musikkapelle mit den Rekonvaleszenten zurück, aber diesmal spielte sie eine fröhliche, belebte Melodie. Das sei so Sitte bei Militärbegräbnissen, hörte ich; erst die Trauer und die Ehrung des Toten, dann die Rückkehr der Lebenden zum Leben und seinen täglichen Freuden.


[3. Ein Franzose im Lazarett zu Ems.]

Im Kurhaus mit seinen vielen prächtigen Zimmern werden achtzig Verwundete gepflegt, und man erwartete mehr. Viele der Schwerverwundeten lagen in ihren Betten; wer sich bewegen konnte, saß auf den Altanen, genoß die frische Luft und sehnte sich, das versicherte man mir überall, an die Front zurück.

Auch ein junger französischer Leutnant hatte, schwer verwundet, im Kurhaus Unterkunft gefunden. Mit welcher schändlichen Grausamkeit sollten nach den Meldungen der englischen Presse die Deutschen ihre französischen Gefangenen behandeln! Ich konnte daher dem Wunsche nicht widerstehen, mich zu erkundigen, was der Franzose selbst darüber zu sagen hatte. An seinem Zimmer war nichts auszusetzen, es lag unmittelbar gegenüber einem der sechs kleinen Räume, in denen König Wilhelm I. 1867–1887 Jahr für Jahr einige Zeit zubrachte. Der Verwundete wurde von einem deutschen Arzt gepflegt, der die besten Hoffnungen für seine Wiederherstellung hatte, und von zwei barmherzigen Schwestern, von denen die eine französisch sprach. Auf meine Frage, ob er mit der Pflege, die ihm in Deutschland zuteil wurde, zufrieden sei, antwortete der Leutnant aus überzeugtem Herzen heraus mit Ja!

Er lag in einem großen Bett, und sein Gesicht war kaum weniger bleich als die reinen weißen Bettlaken, aber er sah gut aus mit seinem kurzgeschorenen Haar, der edlen Nase, dem schwachen Schnurrbart über den feingeschnittenen Lippen, und seine schwarzen französischen Augen erzählten von Lebenslust und scharfem Verstand. Er berichtete, er sei im Juni von Guinea heimgekehrt und habe gerade vor der Hochzeit gestanden, als der Krieg ausbrach und ihn von der Braut und den Eltern wegriß. In dem Gefecht bei Rossignol in Belgien traf ihn die Kugel. Es war ein entsetzlicher Tag. Er kämpfte im Feuer der Granaten, Maschinen- und Handgewehre. Die Kugel drang ihm durch Knie und Unterschenkel. Er fiel und blieb die ganze Nacht auf dem Schlachtfeld liegen. Am nächsten Tag las ihn die deutsche Ambulanz auf, und er wurde etappenweise bis Ems befördert. Ende August war Kaiser Wilhelm in Ems gewesen, und als er erfuhr, daß ein verwundeter Franzose da sei, hatte er ihn besucht. Der Leutnant erzählte, der Kaiser habe sich in ausgezeichnetem Französisch nach seiner Verwundung und seinem Befinden erkundigt. Ich sagte ihm, ich würde wahrscheinlich binnen kurzem den Kaiser treffen und dann Seiner Majestät mitteilen, welchen Eindruck der hohe Besuch auf den Verwundeten gemacht habe. Als ich mich später des freiwillig übernommenen Auftrags entledigte, zeigte sich, daß der Kaiser sich sehr wohl des französischen Leutnants erinnerte und sich über seine voraussichtliche Genesung freute.

Feldküche.

Feldbarbier.

Schließlich fragte ich den Kranken, ob ich ihm einen Dienst erweisen könnte, soweit das von den deutschen Behörden erlaubt sei. Er schien auf diese Frage gewartet zu haben. Tag und Nacht hatte er über dem einzigen Gedanken gebrütet: wie können meine Eltern und meine Braut erfahren, daß ich lebe und es mir gut geht? ich bin ja in Feindesland und habe keine Postgelegenheit! Ich bat ihn um seine Adresse, und er schrieb in mein Tagebuch: Monsieur Verrier-Cachet, Horticulteur, 52 Rue du Quinconce, Angers, Marne et Loire. Bald darauf saß ich an einem Schreibtisch, berichtete auf offener Postkarte und in deutscher Sprache das Schicksal des Leutnants Verrier und schickte die Karte an meine Familie in Stockholm, die durch Vermittlung des französischen Gesandten die Nachricht an obenstehende Adresse befördern sollte. Und daß die Nachricht ans Ziel kam und große Freude bereitete, das weiß ich; denn ich habe später aus Verriers Elternhaus die herzlichsten Grüße erhalten.

Kleines Biwak.

Feldpostbriefe.

Oft bin ich seither schweren und zögernden Schritts durch Feld- und Kriegslazarette gewandert, besonders durch die Säle, in denen verwundete Franzosen, Engländer und Belgier lagen und die langsam verrinnenden Stunden zählten. Wie leicht hätte ich, der ich meine Freiheit und gesunde Glieder hatte, Postkarten in die Welt hinausschicken und sehnsüchtig Harrende von ihrer Unruhe erlösen können! Nichts ist so peinigend und schwer zu tragen wie die Ungewißheit über das Schicksal derer, die man liebt. Wenn in der Verlustliste der Name eines Sohnes, Bruders oder Ehemanns unter den Vermißten steht, ist das Leid für die Daheimgebliebenen größer, als wenn er gefallen wäre. Zwar besteht noch die Hoffnung, daß er am Leben sei, aber sie wird von unheimlichen Vorstellungen verdrängt: man sieht ihn verwundet, verblutend, einsam und verlassen in Nacht, Kälte und Durst. Oft habe ich mir Vorwürfe gemacht, daß ich solche Postkarten nicht schrieb. Aber ich tröstete mich damit, daß ich einmal kein Recht dazu hatte, mich in die Bestimmungen hineinzumischen, die die deutschen Militärbehörden über die Verbindung Verwundeter mit ihrer Heimat getroffen hatten, und dann waren ihrer auch allzu viele. Immer sah ich schon am Abend des Tages ein, daß das Wirken als barmherziger Bruder eine hoffnungslose Aufgabe gewesen wäre. Übrigens wurde vom Beginn des Oktober an allen Gefangenen, also auch den Verwundeten, der Briefwechsel mit ihrer Heimat gestattet, nachdem die französische Regierung den Grundsatz der Gegenseitigkeit anerkannt hatte. —

Wir betrachteten noch den Denkstein, der an die bedeutungsvolle, feste Antwort erinnert, die König Wilhelm am 13. Juli 1870, 9 Uhr 10 Minuten vormittags dem französischen Minister Benedetti gab, jene Antwort, die der Anlaß zum Französisch-Deutschen Kriege wurde. Und nun nach 44 Jahren standen wir wieder am selben Fleck! Nun war der Revanchegedanke zum Ausbruch reif geworden — soweit nicht andere böse Mächte Frankreichs Sehnsucht nach Rache für Elsaß-Lothringen benutzt haben, um selber daraus Vorteil zu ziehen und den Aufschwung aufzuhalten, den Deutschland inzwischen genommen hat. Denn ich habe genaue Kenner versichern hören, daß der Revanchegedanke in weiten Kreisen des französischen Volkes mit den Jahren im Abnehmen begriffen war. Eine nahe Zukunft wird entscheiden, wen die Verantwortung dafür trifft.


[4. Feldpostbriefe.]

Der Rhein in seiner gewaltigen Pracht. Wir kreuzen ihn auf einer langen Pontonbrücke, auf der die Wachtposten zahlreicher als sonst stehen, und sind in Koblenz. Da, wo die Mosel in den Rhein mündet, steht ein Reiterdenkmal des alten Kaisers Wilhelm; der Sockel trägt die denkwürdigen Worte: »Nimmer wird das Reich zerstöret, wenn ihr einig seid und treu.« Heute bewahrheitet sich dieses Wort vor Deutschland und der ganzen Welt.

Die Straße führt uns auf das rechte Ufer der Mosel, wo eine Steinbrücke in schönem Bogen von Ufer zu Ufer führt und ein paar Moseldampfer unter der Roten Kreuz-Flagge verankert liegen. Ein Gewirr von engen Gassen, wimmelnd von Straßenbahnen, Droschken, Karren und Volk und vor allen Dingen von deutschen Soldaten. Die Landschaft liegt unbeschreiblich schön an diesen ewigen Flußwindungen; eine Stadt nach der andern lugt hinter den Vorgebirgen hervor, und graue Häuser mit ihren schwarzen Schieferdächern und schöne Kirchen lösen sich von dem grünen Hintergrund.

Schließlich erreichen wir Treis, wo eine lustige Fähre, wie ich sie von den sibirischen Flüssen kenne, uns auf das linke Ufer hinüberführt. Dort setzten wir unsere schnelle Fahrt fort. Wir kamen an mehreren Militärzügen vorüber und begegneten auch einem Lazarettzug, dessen beide erste Wagen verwundete Franzosen beherbergten, die übrigen deutsche. Den Franzosen ging es weder besser noch schlechter als den Deutschen. Alle lagen auf Stroh. Die Schiebetüren in diesen zum Lazarett eingerichteten Güterwagen standen offen, um den Kranken frische Luft zu verschaffen.

In der Stadt Eller rasten wir einige Zeit in einem Wirtshaus, dessen Wirt, Herr Meinze, uns mit allem unterhält, was er vom Krieg weiß. Sein Töchterchen springt davon und bringt einen Brief, der eben vom Sohn der Familie angelangt ist, einem zweiundzwanzigjährigen Potsdamer Garde-Ulanen. Der Briefschreiber beklagt sich, daß er einen Monat lang kein Wort von zu Hause gehört habe. Er sei in einem Gefecht gewesen, in dem ein französischer Flieger eine Bombe auf eine Batterie herabwarf, drei Mann tötete und zwanzig verwundete. Über seine englischen Gegner spricht er mit großer Verachtung. Er vergißt, daß, man mag über die englische Leitung sagen was man will, die Soldaten doch tüchtig sind, große persönliche Tapferkeit zeigen und sich mit Löwenmut und Todesverachtung schlagen. Seinen Brief beginnt er mit den Worten: »Liebe Eltern und Schwester«, und am Schluß gibt er der Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland bald mit seinen Feinden fertig werden möge. Der bezeichnende Zug all dieser Feldpostbriefe ist die unbefangene Beurteilung der Lage und der blinde Glaube der Soldaten an die unüberwindliche Macht des Heeres und den schließlichen Sieg. Wenn ich falle, das bedeutet nichts — ob ich bei dem Triumphzug der heimkehrenden Krieger durch das Brandenburger Tor dabei bin oder nicht, was tut's? — aber Deutschland soll siegen, wenn nicht früher, doch sobald die Frühlingsblumen aus meinem Grab hervorwachsen!


[5. Verwundete und Gefangene.]

Der nächste Weg nach Trier. — »Nach Wittlich?« fragt Rittmeister von Krum in einem Dorf, als er des Wegs nicht sicher ist. — »Nach Paris!« antworten ein paar muntere Mädchen, die uns die Richtung zeigen. Als wir endlich vor dem »Trierischen Hof« in Trier haltmachten, war es bereits dunkel. Wir waren durchnäßt und wollten uns nur trocknen, um dann die Reise nach Luxemburg fortzusetzen. Da aber der unbarmherzige Regen mehr zu- als abnahm und in Luxemburg kein Zimmer zu bekommen war, beschlossen wir, zu bleiben, wo wir waren. Im Restaurant wimmelte es von Offizieren, und auf den Straßen gingen die Soldaten in ihren grauen Mänteln. »Wo ist das Große Hauptquartier?« fragten wir bald hier, bald da. Keiner wußte es. Einige meinten, es sei in Luxemburg, andere, es sei nach Belgien verlegt. Nun, dachten wir, wir werden schon allmählich hinkommen.

Im »Trierischen Hof« waren wirklich noch ein paar Zimmer frei, in denen wir es uns bequem machten. Mein prächtiger Freund Krum erzählte mir, daß in Kriegszeiten alle Offiziere das Recht haben, sich einzuquartieren, wo sie wollen. Ein Zimmer mit Frühstück soll kostenlos zu ihrer Verfügung stehen; Mittagessen und sonstige Beköstigung müssen sie bezahlen. Der Offizier hat nur eine gedruckte Quittung auszufüllen, die er dem Wirt beim Aufbruch statt klingender Münze übergibt. Gegen diese Quittung bekommt der Wirt von der betreffenden Militärbehörde sein Geld, doch nicht die gleiche Summe wie in Friedenszeiten, denn die Taxe wird niedriger angesetzt als unter normalen Verhältnissen. Dasselbe gilt von Pferden, Wagen und allem, was im Krieg gebraucht wird; es wird von besonderen Kommissionen abgeschätzt und mit Quittungen bezahlt. In Trier war kein Auto aufzutreiben, nicht einmal eine Droschke, da alle Pferde fort waren. Als daher unser Wirt ein Telegramm erhielt, sein leicht verwundeter Sohn sei gegen 3 Uhr nachts zu erwarten, konnte er kein Fahrzeug auftreiben, um ihn abzuholen. Unser Automobil durften wir ihm nicht leihen; schließlich fand er das Auto eines Arztes und traf seinen Sohn bei ganz gutem Humor.

In besserem Gang waren die Straßenbahnen, und einer solchen bedienten wir uns, als wir am Abend die Horn-Kaserne aufsuchten, in der sonst das Infanterieregiment Nr. 29 von Horn liegt. Jetzt war das ganze Regiment im Feld und die Kaserne ein Lazarett. Sie kann tausend Soldaten aufnehmen, aber nur fünfhundert Verwundete, denn diese brauchen mehr Raum und Platz für Ärzte und Krankenwärter; außerdem werden mehrere Zimmer als Operationssäle, Baderäume usw. in Anspruch genommen. Bei unserem Besuch waren nur 220 Plätze belegt; 150 von ihnen hatten Franzosen inne. Sechs Ärzte und ein Oberarzt, dazu eine ganze Schar von Rote-Kreuz-Schwestern pflegten die Verwundeten.

Mit einigen jungen Ärzten schritten wir durch einen langen Korridor und besahen zunächst einige Operationssäle, die beim Ausbruch des Krieges in aller Eile hergerichtet und dann, soweit möglich, ganz modern ausgerüstet worden waren. Die Operationstische standen in der Mitte der Zimmer, die Wasserleitungen, Becken, Apparate, eine Masse chirurgischer Instrumente, alles in bester Ordnung. Wände und Boden dieser Säle waren mit Ölfarbe gestrichen. Es wurden hier im Durchschnitt fünfzehn Operationen am Tage vorgenommen. Ähnlich waren mehrere andere Kasernen in Trier in Krankenhäuser umgewandelt worden.

Dann betraten wir einen großen Saal mit deutschen Verwundeten. Alle waren vergnügt und munter, befanden sich vortrefflich und konnten sich keine sorgsamere Pflege denken, als sie in diesem Lazarett erhielten. Nur wurde ihnen die Zeit allzu lang; sie mußten immer an ihre Kameraden in den Schützengräben denken, sehnten sich in den Krieg zurück und hofften, bald wieder auf die Beine zu kommen, d. h. diejenigen, die wußten, daß sie nicht Krüppel fürs Leben waren!

In einem andern Saal wurden französische Soldaten gepflegt. Auch hier unterhielten wir uns mit einigen Patienten. Sie waren alle höflich und mitteilsam, ließen aber den fröhlichen Lebensmut der Deutschen vermissen, was ja auch kein Wunder war, da sie sich in Feindesland befanden und von aller Verbindung mit der Heimat abgeschnitten waren. Einer von ihnen war bei Rossignol verwundet worden, wie Leutnant Verrier, den er aber nicht kannte. Er hatte einen Schuß durch die linke Hand und durch das linke Bein, das der Arzt hatte amputieren müssen. Bei seiner Verwundung hatte er die Kraft und die Geistesgegenwart gehabt, bis zu einem Graben zu kriechen, wo er vor Wind und Wetter und Feuer geschützt war; einige Fetzen aus seinem Mantel hatte er um seine Wunden gewickelt. Tags darauf fanden ihn deutsche Sanitätssoldaten, legten ihm den ersten ordentlichen Verband an und trugen ihn ins nächste Feldlazarett, von wo er vor kurzem mit der Eisenbahn ins Trierer Kriegslazarett transportiert worden war.

Der andere Soldat hatte zwei Nächte auf dem Feld gelegen und unsagbar an Durst gelitten. Einige Male hatten Deutsche, die an ihm vorüberkamen, ihm Wasser und Schokolade gegeben. Schließlich hatte man Gelegenheit gefunden, ihn in das Verwundetenlager zu bringen. Wie sein Kamerad sprach er seine Dankbarkeit aus über die Behandlung, die ihm in Trier zuteil wurde, und aus mehreren Betten in der Nachbarschaft erscholl Zustimmung. Die beiden deutschen Ärzte, die uns begleiteten, erzählten, die französischen Verwundeten wollten gewöhnlich das Lazarett nicht verlassen, da sie wie einfache Gefangene behandelt werden, sobald sie wieder auf die Beine gekommen sind. Diese Auffassung ist ganz natürlich und wird sicher von allen Verwundeten geteilt, welcher Nation sie auch angehören mögen, denn es ist behaglicher, in seinem warmen Bett zu liegen und auf alle Weise gepflegt zu werden, als in einer Baracke zu wohnen oder in einem Gefangenenlager inmitten von Senegalnegern, Marokkanern und Indern!

Schließlich kamen wir in ein Zimmer, in dem drei französische Offiziere lagen. Einer von ihnen, der einen Lungenschuß hatte, schlief gut und ließ sich durch unsere Unterhaltung nicht stören. Der andere hatte einen gefährlicheren Lungenschuß, wurde immer von einem bösen Husten geplagt, der ihm bei jedem Anfall den Kopf vor- und rückwärts warf. Sein Zustand wurde für kritisch angesehen; auch wenn man die Adresse seiner Angehörigen gewußt hätte, wäre es keine Freude gewesen, sie von seinem Befinden zu unterrichten. Der dritte, ein großer, wohlbeleibter Kapitän, hatte mehrere Jahre im südlichsten Marokko Dienste getan und war an Kämpfe mit den Tuaregs in der Sahara gewöhnt. Aber dieser Krieg war doch etwas ganz anderes. »Terrible!« Von seiner afrikanischen Garnison her war er in diesen furchtbaren Krieg gerufen worden. In einem Gefecht in Belgien hatte eine Kugel ihm den rechten Fuß zerschmettert, während eine andere ihm ein paar Finger abriß. Er meinte sich zu erinnern, daß ihm bereits auf dem Schlachtfeld seine Wunden von deutschen Sanitätssoldaten oder Ärzten sorgsam verbunden worden seien; dann war in einem Feldlazarett sein Verband erneuert worden. Als verhältnismäßig Leichtverwundeten hatte man ihn nach Luxemburg gebracht und jetzt nach Trier. Wahrscheinlich wußte er, daß er, sobald er geheilt war, mit all den Vorteilen seines Ranges in Gefangenschaft gehalten und außerdem die Hälfte des Soldes bekommen würde, den er in seiner Heimat bezog. Nun lag er da, der Kapitän mit den freundlichen Augen, der Adlernase und dem Vollbart, und versicherte jovial und gutmütig, daß er über absolut nichts zu klagen habe, nur über das Geschick, das ihm versage, noch weiter für sein Land zu kämpfen. Aber er trug sein hartes Schicksal als Philosoph und als Mann. Ein Lächeln umschwebte seine Lippen, und er war dankbar für die Hilfe, die er empfing, und für das Interesse, das ihm die unbekannten Gäste erwiesen.

Die jungen Ärzte, die uns führten, berichteten, daß die deutschen Soldaten sich immer und ohne Ausnahme an die Front zurücksehnten, soweit ihr Zustand solche Gedanken nicht einfach unmöglich machte. Bei den Franzosen sei die Stimmung eine andere: »Alles — nur nicht zurück an die Front!« Auch das ist aus psychologischen Gründen ganz natürlich. Nichts drückt den Soldaten so nieder und demoralisiert ihn so, wie eben die Gefangenschaft. Er spielt die Rolle des Schwächeren, er lebt ausschließlich von der Gnade anderer, seine Kraft ist erschöpft, seine Initiative gelähmt und seine Kampflust vergebens. Da sagt er, um persönliche Vorteile zu gewinnen und aus einer an und für sich widrigen Situation das Beste herauszuschlagen, manches, was er jenseits der Feuerlinie niemals gesagt hätte. Deshalb würde man jedem Heere unrecht tun, wenn man seinen Kampfwert nach den Aussagen der Gefangenen beurteilen wollte.

Hierin findet man vielleicht auch die Erklärung für das Faktum, daß in dem Trierer Lazarett, wenigstens in der Horn-Kaserne, die Sterblichkeit unter den Franzosen viel größer war als unter den Deutschen. Die Wunden der Deutschen heilen leichter und schneller als die der Franzosen, und das psychologische Moment ist dabei von unverkennbarer Wirkung. Der deutsche Soldat kann Zeitungen lesen und mit seinen Angehörigen Briefe wechseln. Der französische Soldat ist ganz und gar von der äußeren Welt abgeschnitten, ein Nachteil, von dem bis Ende September auch die in Frankreich gefangenen Deutschen betroffen wurden. (Vergl. oben S. 18.) Und ein Gefangener, der nichts von dem Gang des Kampfes erfährt, leidet doppelt unter dem Eindruck, besiegt zu sein. Diese trostlosen Gedanken wirken auf seinen Zustand zurück und vermindern seine Widerstandskraft, er wird Fatalist und vermag nicht gegen den Tod anzukämpfen. Er gibt alles verloren und hofft nicht einmal auf Wiederherstellung und Heimkehr.


[6. Im Hauptquartier.]

Als wir am Morgen des 18. September Trier verließen, waren wir über die geographische Lage des Hauptquartiers genau so wenig unterrichtet wie in Berlin. Wieder fuhren wir über die Mosel und warfen einen Blick hinauf auf die Höhen, wo am 4. August Franzosen in Zivil den Luftschiffern, die die deutsche Mobilisierung erkunden wollten, Lichtsignale gegeben hatten. Bei der Flugstation machten wir halt und betrachteten die »Tauben« in ihrem »Taubenschlag« von Zelttuch.

Dann nehmen wir Abschied von der Mosel. Links haben wir bereits die Straßen nach Metz und Saarbrücken hinter uns, und nicht weit nach Süden liegt die Grenze Lothringens. Hinter Wasserbillig kreuzen wir den kleinen Fluß Sauer und sind damit im Großherzogtum Luxemburg. An einem Eisenbahngleis hält uns ein unendlich langer, leerer Zug auf; er fährt nach Deutschland, um Soldaten zu holen. Das Volk in Luxemburg mustert uns mit gleichgültigen Blicken. Es ist vorbei mit dem Grüßen und freundlichen Winken. Hier grüßt niemand, und niemand verrät seine Gedanken — freundliche Gedanken können es gerade nicht sein.

Schließlich schlängelt sich unser Weg in ein schönes Tal hinab. Auf dessen Grund liegt ein Teil der kleinen und lieblichen Stadt Luxemburg.

Nunmehr aber beginnen wir zu suchen, denn ohne Zweifel ist hier das Hauptquartier. Wachtposten mit geschultertem Gewehr stehen an den Eingängen zu allen Hotels, überall werden Soldaten sichtbar, Offiziere eilen in Automobilen vorüber. Auf einem Markt sind große Zelte für Pferde aufgeschlagen, und vor ihnen stehen pfeiferauchende Wachtposten. Und auf einem andern Markt stehen ganze Reihen von Kraftwagen, beladen mit Benzin und Öl in zylindrischen Gefäßen.

Bei unsern Nachforschungen müssen wir die militärische Ordnung beobachten und fahren daher auf das Haus zu, wo der Generalstab sich einquartiert hat, und das unter gewöhnlichen Verhältnissen eine Schule ist. Krum geht hinauf und kommt bald mit dem Bescheid zurück, daß wir uns bei Oberstleutnant von Hahnke zu melden haben. Der schickt uns zum Generalstabschef Exzellenz von Moltke, der eben mit seiner liebenswürdigen schwedischen Gemahlin am Mittagstisch im »Kölnischen Hof« sitzt. Frau von Moltke steht im Dienste des Roten Kreuzes und war in dieser Eigenschaft zu kurzem Besuche in Luxemburg eingetroffen. An ihrem Tische fühlte ich mich fast wie daheim, ich war ja so oft in ihrem gastfreien Hause in Berlin gewesen. Ruhig, als wäre er im Manöver, zündete sich der General seine Zigarre an und unterrichtete sich genau über meine Pläne und Wünsche. Ich möchte die Front sehen, erklärte ich ihm, soweit mir das überhaupt erlaubt werden könne, und ich hätte die Absicht, zu schildern, was ich mit eigenen Augen vom Krieg sehen würde. Wenn möglich, wollte ich einen Eindruck von einer modernen Schlacht gewinnen; auch hoffte ich Gelegenheit zu finden, die okkupierten Teile von Belgien zu besuchen.

Der General dachte eine Weile nach. Die Erlaubnis zum Besuch der Front hatte ich bereits erhalten; es blieb also nur noch zu bestimmen, wo ich am besten meine Studien beginnen konnte. Die Armee des Kronprinzen war die nächste und in ein paar Stunden zu erreichen. Der General erklärte sich also bereit, alles für meine Reise ordnen zu lassen; binnen kurzem sollte ich über das Programm näheres hören. »Sicher sind Sie natürlich nicht innerhalb des Operationsgebietes, es ist nicht weit bis dahin, wenn Sie genau aufpassen, hören Sie den Kanonendonner von Verdun.«

Im Lauf des Tages wurde mir ein vom Generalstabschef unterzeichneter »Ausweis« zugestellt. Er enthielt die Erlaubnis, dem Gang der Ereignisse bei den verschiedenen Truppenteilen des Heeres beizuwohnen, ferner die Bitte an alle Kommandobehörden, mir das weiteste Entgegenkommen zu bezeigen und mich mit Rat und Tat zu unterstützen. Dieses Papier war ein »Sesam öffne dich«; es gab mir fast unbeschränkte Bewegungsfreiheit.

Das Große Hauptquartier ist das Herz der Armee, oder richtiger sein Gehirn; hier werden alle Pläne entworfen, von hier gehen alle Befehle aus. Ähnlich verhält es sich auch in Frankreich, Rußland und Österreich. Deshalb ist das Große Hauptquartier ein unerhört verwickelter Apparat mit einer im voraus bis ins einzelne festgestellten Organisation. Wenn sich so ein Apparat in einer kleinen Stadt wie Luxemburg niederläßt, werden alle Hotels, Schulen, Kasernen, alle öffentlichen Gebäude und viele Privathäuser für die Einquartierung in Anspruch genommen. Das Land, das Gegenstand der Invasion ist, kann nichts tun, als sich in sein Schicksal finden. Aber nichts wird ohne weiteres genommen, alles wird nach dem Krieg ersetzt. In einem Hotel war das Kriegsministerium einquartiert, in einer Schule der Generalstab, in einem Privathaus das Bureau des Automobilkorps usw. General Moltke wohnte im »Kölnischen Hof«, der Reichskanzler und der Minister des Äußeren in einem äußerst eleganten Privathaus, die meisten Herren vom Stab und vom Gefolge des Kaisers im Hotel Staar, wo auch mir ein Zimmer zur Verfügung stand.

Wenn ich mich aus leichtbegreiflichen Gründen nicht weiter beim Großen Hauptquartier aufhalten kann, so muß ich doch etwas über Einen Mann sagen, den ich dort traf, und den ich für eine der größten und merkwürdigsten Gestalten der Geschichte, den mächtigsten und imposantesten Herrscher unserer Zeit, und außerdem für einen der genialsten und interessantesten Menschen halte.


[7. Der Kaiser.]

Als Wilhelm II. im Juni 1913 sein fünfundzwanzigjähriges Regierungsjubiläum als Deutscher Kaiser feierte, schrieb ich in einer deutschen Zeitung u. a. folgende Worte über ihn, die zum großen Teil bereits in Erfüllung gegangen sind: »Durch seine starke und mächtige Persönlichkeit drückt Wilhelm II. dem Zeitalter, dem er angehört, sein Gepräge auf. Bisher geschah dies im Zeichen des Friedens. Was die Zukunft im Schoße trägt, weiß niemand, aber so viel wissen wir, daß keine fremde Macht Deutschlands Ehre und Sicherheit zu nahe treten darf. Und wenn unfreundliche Götter einmal blutige Runen an seinen Himmel schreiben, dann wird der Kaiser tätig und impulsiv wie in den Tagen des Friedens seine Legionen ins Feuer führen, und die goldenen Adler seines Helms werden ihnen den Weg zu neuen Siegen zeigen.«

Es wird wohl auch für alle Zeiten in der Geschichte als unerschütterliches Faktum bestehen bleiben, daß Kaiser Wilhelm im Lauf eines Vierteljahrhunderts sein möglichstes tat, um die Unwetter des Krieges von Deutschlands Grenzen fernzuhalten. Mehr als einmal hat der Ausbruch eines Krieges an einem Haar gehangen, und alle sind darin einig, daß des Kaisers persönliches Eingreifen eine Katastrophe abgewendet hat. Noch vor nicht langer Zeit war der Weltkrieg näher als die Mitwelt ahnte — auch damals gab die Friedensliebe des Kaisers den Ausschlag. Viele tadelten ihn deswegen und nannten seine Haltung unentschlossen und nachgiebig. Aber auch hier wird das Urteil der Geschichte zu seinen Gunsten ausfallen. Währenddessen rüstete sich Deutschland für die blutigen Ereignisse, an deren bevorstehendem Ausbruch kein klar sehender Mensch zweifeln konnte. Auf die Dauer war der Kampf für die Erhaltung des Friedens hoffnungslos. Das sah niemand deutlicher als der Kaiser selbst, und deshalb hat er während seiner ganzen Regierungszeit daran gearbeitet, die Streitkraft des Reiches zu Wasser und zu Land zu stärken. In dieser Stunde schwimmt die Flotte wie ein gigantisches Monument auf dem Meere, ein Monument der klugen und klaren Voraussicht ihres Urhebers. Denn der Kaiser selbst ist es, der im Verein mit seinem unübertrefflichen Großadmiral Tirpitz die schwimmenden Festungen geschaffen hat, ohne welche Deutschlands Lage verzweifelt gewesen wäre, als England mit seiner Kriegserklärung kam.

Gleich bei meiner Ankunft in Luxemburg hatte ich die Ehre, für den nächsten Tag 1 Uhr bei Kaiser Wilhelm zu Mittag eingeladen zu werden. Die meisten Gäste wohnten im Hotel Staar, und die Automobile sollten von dort rechtzeitig abgehen. Ich fuhr mit dem Generaladjutanten Exzellenz von Gontard. Der Kaiser wohnte im Haus des Deutschen Gesandten und hatte seine Privaträume eine Treppe hoch. Im Erdgeschoß war die Kanzlei, wo gewaltige Karten über die Kriegsschauplätze auf Staffeleien aufgestellt waren; daneben war der Speisesaal, ein ganz kleiner Raum.

In der Kanzlei versammelten sich die Gäste, alle in einfacher Uniform ohne allen Zierat. Ich selbst war in Alltagskleidung. Unter dem Gefolge des Kaisers fand ich ein paar alte Bekannte, den Generaladjutanten von Plessen und Admiral von Müller, der aus Smaaland stammt und so gut Schwedisch spricht wie Deutsch. Im übrigen bemerkte ich die Exzellenzen und Adjutanten von Treutler, Frhr. von Marschall, von Mutius, Generalarzt Dr. von Ilberg, den Fürsten Pleß und von Arnim. Wir waren also zehn Mann.

Punkt 1 Uhr wird die Tür des Vestibüls geöffnet, und Kaiser Wilhelm tritt mit festen, ruhigen Schritten herein. Aller Augen richten sich auf die mittelgroße, kraftvoll gebaute Gestalt. Es wird vollkommene Stille, man fühlt: eine große Persönlichkeit ist ins Zimmer getreten. Der ganze, sonst so anspruchslose Raum hat eine unerhörte Bedeutung erhalten. Hier ist die Achse, um die sich die Weltereignisse drehen. Hier ist das Beratungszimmer, von dem aus der Krieg geleitet wird. »Deutschland soll zermalmt werden«, sagen seine Feinde. »Magst ruhig sein«, sagt das deutsche Heer zu seinem Vaterland. Und hier steht in unserer Mitte sein oberster Kriegsherr, ein Bild der Mannhaftigkeit, Entschlossenheit und offenen Ehrlichkeit. Ihn umkreisen die Gedanken der ganzen Welt; er ist Gegenstand der Liebe, blinden Vertrauens, der Bewunderung, aber auch der Furcht, des Hasses und der Verleumdung. Ihn, der den Frieden liebt, umrast der größte Krieg der Geschichte, und um seinen Namen tobt der Kampf. Ein Mann, der in einem stammverwandten Reiche einen so unsinnigen Haß und so schändliche Schmähungen hat erwecken können, muß in Wahrheit ein sehr bedeutender Mann sein, denn sonst würden ihn seine Verleumder in Frieden lassen und die Schalen ihres Zornes über einen andern ausleeren, der mehr zu fürchten ist. Aber alles, was Verleumdung, Feigheit und Weiberklatsch ausdenken kann, ergießt sich über sein Haupt. Seine Absichten werden verdreht, seine Worte mißdeutet, seine Handlungen zu Verbrechen gestempelt. Aber in ganz Deutschland, im ganzen deutschen Heer erklingt sein Lob. Bei den Feldgottesdiensten und in allen Kirchen Deutschlands, an Wochen- und Feiertagen wird brünstig für sein Wohlergehen gebetet. »Magst ruhig sein!« können die Soldaten ihrem Kaiser sagen; und sie ihrerseits wissen, daß er niemals seine Pflicht versäumt, und daß er nie zurückweichen wird, ehe Deutschlands Zukunft gesichert ist.

Es ist kein Kaiser Karl V., kein Imperator, der in die Kanzlei tritt. Es ist ein Offizier in der denkbar einfachsten Uniform, einem kurzen, graublauen Waffenrock mit doppelten Knopfreihen, dunkeln Beinkleidern und gelben Feldstiefeln. Nicht einmal das kleine schwarz-weiße Band des Eisernen Kreuzes schmückt ihn. Aber es ist eine fesselnde und gewinnende Persönlichkeit, ein höflicher und freundlicher Weltmann. Seine scharfe Auffassung und sein glänzendes Charakterisierungsvermögen verraten den Beobachter und Künstler, sein kluges Sprechen den Staatsmann, seine energische Haltung, seine ausdrucksvollen Bewegungen und prächtigen Schlachtenschilderungen den Feldherrn, sein verbindliches Wesen Bescheidenheit und Menschenfreundlichkeit, und seine männlichen, befehlenden Worte den Herrscher, der an Gehorsam gewöhnt ist. Glücklich das Volk, das besonders in unruhigen Zeiten einen Herrscher besitzt, der das Vertrauen aller genießt, und an dessen Beruf niemand zweifelt.

Aber es ist auch ein Paar Augen, die eine wunderbar magnetische Kraft haben und alle fesseln, sobald der Kaiser hereintritt. Es ist, als würde der ganze Raum heller, wenn man den ruhigen blauen Augen des Kaisers begegnet. Seine Augen sind merkwürdig ausdrucksvoll. Sie erzählen vor allem von unerschütterlicher Willenskraft und eiserner Energie. Sie erzählen von Wehmut über die Blindheit derer, die nicht einsehen wollen, daß er nur das will, was Gott gefällig und seinem Volke nützlich ist. Sie erzählen auch von sprudelndem Witz, von durchdringendem Verstand, dem nichts Menschliches fremd ist, und von unwiderstehlichem Humor. Sie erzählen von Ehrlichkeit, Wahrheitsliebe und einer Aufrichtigkeit, die niemals den Blick abirren läßt, der einem fest und unerschütterlich durch Mark und Bein dringt.

Das Gefühl von Verzagtheit, das man vielleicht gehabt hat, während man auf den mächtigsten und merkwürdigsten Mann der Erde wartete, verschwindet spurlos, sobald der Kaiser nach einem mehr als kräftigen Handschlag und herzlicher Begrüßung zu sprechen begonnen hat. Seine Stimme ist männlich, militärisch, er spricht außerordentlich deutlich, ohne eine einzige Silbe zu verschlucken. Er sucht nie nach einem Wort, sondern trifft immer den Nagel auf den Kopf, oft mit sehr kräftigem Ausdruck. Er begleitet seine Rede mit hastigen und ausdrucksvollen Bewegungen des rechten Arms, während der linke in Ruhe bleibt. Seine Rede fließt spannend und interessant dahin. Sie wird oft von blitzschnellen Fragen unterbrochen, die man sich bemühen muß, ebenso schnell und klar zu beantworten, und gelingt einem das, so kann man des Kaisers Zufriedenheit bemerken. Er ist äußerst impulsiv, und seine Rede ist eine Mischung von Ernst und Scherz. Eine kluge Antwort oder eine lustige Anekdote lösen bei ihm ein herzliches Lachen aus, das auch seine Schultern erschüttern kann.

Auf Befehl des Kaisers gingen wir in den Speisesaal. Admiral von Müller saß links, ich rechts von dem hohen Wirt, ihm gegenüber der Generaladjutant von Gontard.

Der Mittagstisch war einfach gedeckt. Der einzige Luxus war die goldene Klingel, die vor dem Kuvert des Kaisers stand, und mit der er klingelte, sobald ein neues Gericht hereingetragen werden sollte. Das Mittagessen war ebenso einfach: Suppe, Fleisch mit Gemüse, Nachspeise und Früchte mit Rotwein. Ich bin selten so hungrig gewesen, als nachdem ich von des Kaisers Tisch aufgestanden war! Nicht wegen der geringen Anzahl der Gerichte, sondern weil niemals eine Pause im Gespräch entstand, bis die Klingel zum letztenmal erscholl, alles sich erhob, und die feldmäßig uniformierten Lakaien unsere Stühle wegrückten. Der Kaiser sprach fast die ganze Zeit mit mir. Er knüpfte an meinen letzten Vortrag in Berlin an, dem er beigewohnt hatte; Tibet, wo ich so unruhige Zeiten erlebte, werde wohl bald das einzige Land auf der Erde sein, das Ruhe habe. Dann sprach er von der Weltlage und den Stürmen, die über Europa hinbrausen. Mich freute besonders, zu hören, mit welcher Achtung und Sympathie sich der Kaiser über Frankreich aussprach. Er beklagte die Notwendigkeit, die ihn gegen seinen Wunsch gezwungen habe, sein Heer gegen die Franzosen zu führen, und er hoffte, daß die Zeit kommen werde, da Deutsche und Franzosen gute Nachbarschaft halten könnten. Auf dieses Ziel habe er sechsundzwanzig Jahre hingearbeitet, und er hoffe, daß eine ganz neue Ordnung der Dinge aus dem gegenwärtigen Krieg hervorgehen werde. Eine Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich werde mit Notwendigkeit ein unerschütterliches Bollwerk für den zukünftigen Frieden schaffen. Erst aber den Sieg über die unübersehbaren Heere, die vier Großmächte gegen Deutschlands Grenzen und die deutschen Besitzungen in fremden Weltteilen werfen, dann ein ehrenvoller und nach allen Seiten hin Sicherheit schaffender Friede und schließlich der große und festgebaute Weltfriede. Vor allem setzt der Kaiser sein Vertrauen in Gott, aber er verläßt sich auch blind auf das deutsche Volk und seine große, herrliche Armee. Er vertraut auf die glänzende Tapferkeit und die Todesverachtung der Soldaten und auf das Offizierkorps, das sie zu Wasser und zu Lande führt.

Wenn die Franzosen eine Ahnung von der wirklichen Denkweise des Kaisers hätten, würden sie ihn ganz anders beurteilen als jetzt. Und niemand wird wohl glauben, daß ich die Verantwortung auf mich nehmen könnte, dem Kaiser andere Urteile in den Mund zu legen als die, die er wirklich gefällt hat und die ich selbst von ihm gehört habe. Das hieße die Gastfreundschaft, die ich an der Front genossen habe, übel lohnen.

Schloß in Stenay, Hauptquartier des deutschen Kronprinzen.
(Vgl. [Seite 37].)

Französische Gefangene.

Das zerstörte Dun an der Maas.
(Vgl. [Seite 41].)

Auf dem Tisch in der Kanzlei standen Zigarren und Zigaretten und ein brennendes Licht. Hier wurde die Unterhaltung lebhaft fortgesetzt, in Ernst und Scherz, Erzählungen von Kriegsgreueln und lustige Anekdoten wechselten ab, bis der Kaiser sich verabschiedete, mir eine glückliche und lehrreiche Reise wünschte und in seine Zimmer hinaufging, wo gewiß ganze Berge von Papieren und Briefen, Rapporten und Telegrammen ihn erwarteten.

Alles Gerede, daß der Kaiser unter dem Krieg gealtert sei, daß der Krieg mit all seiner Mühe und Unruhe seine Kräfte und seine Gesundheit verzehrt habe, ist Dichtung. Sein Haar ist nicht stärker ergraut als vor dem Krieg, sein Gesicht hat Farbe, und er ist so wenig abgezehrt und mager, daß er im Gegenteil von Leben und Kraft strotzt. Ein Mann von Kaiser Wilhelms Art ist in seinem Element, wenn die Macht der Verhältnisse ihn zwingt, alles was er besitzt und vor allem sich selbst zum Nutzen und zur Ehre seines Reiches einzusetzen.


[8. Zur fünften Armee.]

Der neue Begleiter, den mir General Moltke für die Fahrt in das Hauptquartier des Kronprinzen gegeben hatte, hieß Hans von Gwinner und war ein Sohn des großen Bank- und Bagdadbahndirektors in Berlin; lebhaft und energisch lenkte er selbst sein Automobil. Bald saß ich an seiner Seite, während der uns begleitende Soldat im Wagen Platz nahm.

In strömendem Regen ging es aus der Stadt hinaus. Der Weg war schlüpfrig, aber wir fuhren mit rasender Geschwindigkeit. Wir waren spät aufgebrochen und wollten noch vor Anbruch der Nacht ans Ziel kommen; sonst war man nicht sicher vor Franktireurs. Bei der fünften Armee hatte man neulich einen Trupp Franktireurs gefangen genommen und ohne Pardon erschossen.

Unser Weg führt nach Westen. Bei Redingen überschreiten wir die Grenze von Französisch-Lothringen. »Karabiner laden«, ruft der Leutnant hastig dem Soldaten zu. Ich sehe mich unwillkürlich um, vermag aber nichts Ungewöhnliches zu bemerken; es war auch nur eine Vorsichtsmaßregel, aber der Befehl klang eigentümlich, als ich ihn zum erstenmal hörte. Im ersten französischen Ort, Longlaville, sah man zahlreiche Spuren von deutschen Granaten, aber die Fabriken und ihre hohen Essen waren geschont. Auch in der Mitte und an den Seiten der Landstraße hatten die Granaten gewaltige Löcher gerissen, und so mancher Baum war von einem Kanonenschuß gefällt. Von einigen Häusern ist nicht viel mehr übrig als die Mauern; von andern hat ein Streifschuß nur das Dach weggerissen. Die Bahn an der Außenseite der Landstraße ist übel zugerichtet, und hier und da sind ihre Schienen wie Stahldraht aufgewickelt. Auf den Kirchtürmen ist oft das Dach abgedeckt, eine besondere Vorliebe der Franzosen, um offenen Spielraum für die Maschinengewehre und Beobachtungspunkte für die Offiziere zu schaffen, die die deutschen Artilleriestellungen und die Wirkung des französischen Feuers erkunden sollen.

»Wo geht der Weg nach Longwy?« fragt Gwinner. — »Geradeaus.« Die Antworten sind stets höflich, wenn auch die Wut im Herzen klopft. Eins der beiden detachierten Forts von Longwy bleibt rechts liegen, und bald darauf sind wir in der kleinen Fabrikstadt, die in einem Tal gelegen und rings von Höhen umgeben ist. Auf einer dieser Höhen liegt die Festung Longwy, die gleich zu Anfang des Kriegs nach äußerst heftiger Beschießung von den Deutschen mit Leichtigkeit eingenommen wurde. Tot und verlassen sah die Stadt keineswegs aus, denn ein großer Teil der Einwohner war zurückgekehrt, nachdem der Krieg weiter nach Westen vorgerückt war, und das Leben fing wieder an so gut wie es ging in seine alten Bahnen zurückzukehren.

Vor der Stadt standen die nackten, schwarzen Mauern eines ausgebrannten Hauses; aus seinen Fenstern hatte man auf deutsche Truppen geschossen, die deswegen nach Kriegssitte das Gebäude in Brand steckten. Überall, wohin man sich wendet, Spuren des Kriegs: auf den Äckern und an den Grabenrändern fortgeworfene französische Tornister und Uniformstücke; im Straßengraben ein umgestürztes Automobil, rücksichtslos beiseite geschoben, um nicht den Verkehr zu stören; ein Stück weiter ein Motorlastwagen. Hier Trümmer von Gewehren und Munitionswagen, dort halbmondförmige Wälle zum Schutz für Feldkanonen. Ein Grab mit Holzkreuz, dann wieder eins — eine ganze Reihe von Gräbern — Soldatengräber! In der Mitte der Straße ein paar mit Regenwasser gefüllte Granatlöcher; sie können gefährlich werden, wenn man sie in der Schnelligkeit für seichte Pfützen hält; aber Gwinner kennt diese Straße schon. Rechts und links vom Wege tiefe, schmale Schützengräben mit kleinen Wällen als Brustwehr und Gewehrstütze. Die Soldaten sind jetzt fort, und stumm liegen diese Äcker, auf denen vor einem Monat 300000 Mann gekämpft haben! Auf manchem Feld wurde die Ernte von deutschen Truppen geborgen. An den Grabenrändern, in Wäldchen und Gebüschen sieht man niedrige, aus Zweigen und Ästen gebaute Hütten, in denen die französischen Soldaten vor Regen und Kälte Schutz suchten. Die deutsche Infanterie dagegen hat Zelte, und jeder Soldat trägt auf seinem Tornister eine Zeltbahn.

Unser Weg führt durch ein Stück Wald. Die Franzosen wissen ihre Stellungen in waldigem Gelände sehr geschickt zu halten. Sie verstecken Maschinengewehre in den Baumkronen. Von Flüssen durchzogene Täler und Waldgegenden betrachten daher die Deutschen als schwer zu erobern. Auf offenerem Gelände wie im mittleren und südlichen Frankreich läßt sich leichter im Sturm vorgehen.

Die Hauptstraße von Longwy sieht trostlos aus. Eine lange Strecke weit kein Haus mehr, nur Ruinen, Schutthaufen, nackte Mauern mit gähnenden Fensteröffnungen. Nur an den Brücken schultern deutsche Wachtposten ihr Gewehr, sonst kein Mensch! Die Stadt Noërs ist niedergebrannt und ihr Kirchturm zusammengeschossen, da ein Maschinengewehr von dem Platz aus gesungen hat, wo sonst die Glocken zum Abendgebet rufen. Aber nirgends Leichen, keine gefallenen Soldaten, keine toten Pferde; alle sind von den Deutschen begraben worden, damit sie nicht die Luft verpesten und Seuchen hervorrufen. Doch an die Heimsuchungen des Krieges erinnert noch genug. Längs einer Hecke eine Reihe Strohhütten, weiterhin umgeworfene Wagen, mit denen die Franzosen versuchten, die vortreffliche, zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzte Chaussee zu sperren. Nebenher läuft die Telegraphenlinie, die von den Verteidigern zerstört, dann aber wieder von deutschen Telegraphenarbeitern instand gesetzt wurde. —

In Marville wird der Verkehr lebhafter. Gleich neben der Straße auf einem Felde hat eine Proviantkolonne ihre mit bogenförmigen Zeltdächern versehenen Wagen im Viereck aufgestellt. Sie rasten, und die Leute haben ihre Lagerfeuer für die Nacht angezündet. Um die Wagenburg stehen Wachtposten.

Eine Strecke weiter hat wieder eine Proviantkolonne von einfacheren Wagen haltgemacht. Sie dürfen des Verkehrs wegen nicht auf der Straße halten; auch ist es leichter, eine gesammelte Kolonne zu bewachen und wenn nötig zu verteidigen. Hier überholen wir einen Motoromnibus mit Feldpost für die fünfte Armee; er donnert mit gewaltigem Lärm auf der harten Chaussee einher. Nun wird die Straße wieder von einer Proviantkolonne eingeengt, die noch in Bewegung ist. Da müssen wir langsamer fahren, damit die Pferde der eskortierenden Reiter nicht scheu werden und mit dem Auto zusammenstoßen. —

Schon haben wir Montmédy erreicht, dessen kleine Festung sich ergeben hat, ehe sie beschossen wurde. Bevor aber die Besatzung abzog, sprengte sie den Eisenbahntunnel, der durch den Berg führt. Die Deutschen gingen deshalb sofort daran, eine neue Eisenbahn um den Berg herum zu legen; mit diesem Bau waren französische Gefangene noch beschäftigt. Ein wunderlicher Anblick, diese Soldaten in ihren blauen und roten Uniformen arbeiten zu sehen, bewacht von deutschen Soldaten in feldgrauer Uniform und mit geschultertem Gewehr.

Gegen Abend klärt sich das Wetter auf, und die Sonne geht rot unter wie eine glühende Kugel. Ihre letzten Strahlen treffen einen Transport französischer Gefangener, die müde und gebeugt nach Montmédy wandern, bewacht von deutschen Soldaten.

Nun wird vor uns das Maastal sichtbar und die kleine Stadt Stenay.


[9. Beim Kronprinzen.]

Wir halten vor dem Haus des Armeeoberkommandos. Hier traf ich einen meiner Freunde aus dem Großen Hauptquartier, den Landrat und Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Maltzahn, der zu den persönlichen Freunden des Kronprinzen gehört. Er teilte mir mit, daß ich erwartet werde und mich beeilen müsse, um bis zum Abendessen um acht Uhr fertig zu sein. Wir fuhren also bis zu dem kleinen französischen Schloß, wo der Kronprinz Quartier genommen hatte.

Militärisch uniformierte Lakaien nahmen meine Bagage in Empfang und führten mich in mein Zimmer im ersten Stock, neben den Privatgemächern des Kronprinzen. Bald darauf klopfte der diensthabende Hofmarschall Kammerherr von Behr, ein freundlicher junger Mann von feinem und ansprechendem Aussehen, an meine Tür, um mich zum Abendessen zu holen. Wir gingen durch das obere Vestibül auf die Treppe hinaus und wurden von deren Absatz aus Zeuge einer schönen Zeremonie: Im Hausflur stand eine Anzahl Offiziere in einer Reihe, ihnen gegenüber etwa zwanzig Soldaten. Dann erschien der Kronprinz, groß, schlank, aufrecht, in weißem Waffenrock mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse und trat sichern Schrittes zwischen beide Reihen. Ein Herr des Gefolges trug ihm eine Schachtel mit Eisernen Kreuzen nach. Der Kronprinz nahm eins und überreichte es dem nächsten Offizier, dankte ihm für die Dienste, die er Kaiser und Reich geleistet habe, und gratulierte mit kräftigem Handschlag dem neu ernannten Ritter. Nachdem die Offiziere ihre Orden für bewiesene Tapferkeit erhalten hatten, kam die Reihe an die Soldaten; das Zeremoniell war dabei dasselbe wie bei den Offizieren.

Nachdem die Ritter des Eisernen Kreuzes fort waren, gingen wir ins Vestibül hinab. Hier kam mir der Kronprinz entgegen und hieß mich in seinem Quartier und auf dem Kriegsschauplatz herzlich willkommen. Bei dem Essen waren folgende Herren zugegen: der Chef des Stabs der fünften Armee, Exzellenz Generalleutnant Schmidt von Knobelsdorf, Kammerherr von Behr, Generaloberarzt Professor Widenmann, die Majore von der Planitz, Müller und Heymann, Leutnant von Zobeltitz und einige Mitglieder des Stabs, die von der Arbeit im Felde später zurückkehrten und am Ende des Tisches Platz nahmen.

Was man beim deutschen Kronprinzen ißt? Nun, hier ist der Speisezettel: Kohlsuppe, Pfefferfleisch mit Kartoffeln, Entenbraten mit Salat, Früchte, Wein, Kaffee und Zigarren. Und wovon spricht man an seinem Tisch? Nun, das ist kaum möglich zu erzählen, denn wir bewegten uns so gut wie über die ganze Erde. Der Kronprinz begann, wie der Kaiser, mit Tibet, und von da aus hatten wir ja bloß einen Katzensprung über den Himalaja bis zu den Palmen im Hugli-Delta, zu den Pagoden in Benares, zum silbernen Mond über dem Tadsch-Mahal, den Tigern in den Dschungeln und dem kristallklaren Widerhall der indischen Wogen an den Klippen von Malabar Point bei Bombay. Wir sprachen von alten, unvergeßlichen Erinnerungen, von gemeinsamen Freunden, die zu Feinden geworden. Und wir sprachen vom Krieg und seinen Greueln und von den furchtbaren Opfern, die er fordert. »Das hilft nichts,« sagte der Kronprinz, »das Vaterland fordert alles von uns, und wir wollen, wir müssen siegen, wenn auch die ganze Welt gegen uns zu Felde zieht.« —

»Ist es nicht wunderlich, daß hier eine so große Ruhe herrscht? Wir leben ja heute abend wie im tiefsten Frieden, und doch haben wir bloß ein paar Stunden Wegs bis zu den Feuerlinien!« sagt mein erlauchter Wirt, nachdem er einen kurzen, präzisen und befriedigenden Rapport angehört hat, den ein eingetretener Offizier mit lauter Stimme vortrug.

»Ja, Kaiserliche Hoheit, ich hatte mir das Oberkommando einer Armee wie einen summenden Bienenkorb vorgestellt und finde nun in Wirklichkeit nicht einen Schimmer von Unruhe oder Nervosität, überall nur Ruhe und Sicherheit. Was ich aber am liebsten sehen möchte, das wäre eine Schlacht, denn ich vermute, daß ich mir ebenso wie die meisten andern Laien eine ganz falsche Vorstellung davon mache.«

Der Kronprinz lächelt und antwortet: »Ja, Schlachtenmaler wie Neuville und Detaille haben in unsern Tagen wenig Gelegenheit, ihre Kunst anzuwenden. Von den Kämpfenden sieht man nicht viel, da sie sich im Gelände und in den Schützengräben verborgen halten, und es ist gefährlich, einem Bajonettangriff zu nahe zu kommen, wenn man nicht dienstlich dort zu tun hat. Im großen und ganzen wächst der Abstand zwischen den Kämpfenden mit der Vervollkommnung der Feuerwaffen. Wer die beste Artillerie hat, hat die beste Aussicht, zu siegen. Für uns ist die feldgraue Uniform ein großer Vorteil, wir verschwinden im Gelände, während die grellfarbigen Uniformen der Franzosen auf weite Entfernung hin sichtbar sind. Eine Schlacht zu sehen ist fast unmöglich, nicht einmal der Heerführer, der sie leitet, sieht viel davon. Seine Leitung geschieht durch Rapporte, Ordonnanzen und Telephon. Als Zuschauer auf einer Anhöhe in der Nähe Aufstellung zu nehmen ist nicht anzuraten. Man kann da ziemlich sicher sein, daß man für einen Beobachter gehalten wird, der das Artilleriefeuer leitet und deshalb das Ziel der feindlichen Schrapnells ist. Sie werden jedoch bei Ihrem Besuch hier Gelegenheit bekommen, so viel zu sehen, wie überhaupt gesehen werden kann.«

Wie die Stimmung beim Kronprinzen von Deutschland war! Fröhlich, jugendfrisch und ungezwungen. Man merkte nichts von höfischer Steifheit, sogar der General, der sonst die strengste Disziplin aufrechterhielt, war von dem herrschenden kameradschaftlichen Geiste angesteckt. Eine Folge der gewaltigen Arbeitslast, die auf ihm ruhte, war jedoch, daß er für gewöhnlich später als die andern zu Tisch kam. Das Abendessen und das Zusammensein nachher zog sich bis gegen 11 Uhr hin. Das waren die einzigen Stunden, wo man sich in Ruhe traf, denn tagsüber waren alle bei ihren Arbeiten, und der Kronprinz übernahm dann an den dazu geeigneten Orten an der Front die Oberleitung.


[10. Hinter der Feuerlinie.]

21. September. Frühzeitig wird geweckt, denn um sieben Uhr war Frühstück, bei dem sich alles um den Kronprinzen versammelte. Dann bat mich der Kronprinz, ihn in das Haus des Generalstabs zu begleiten, wo ein »Feldzugsplan« für mich entworfen werden solle. Der General hielt es für das Richtigste, daß ich erst einmal das Artilleriefeuer bei Septsarges sähe. Drei Offiziere erhielten entsprechende Aufträge. Major Matthiaß war Leiter der Fahrt, ein Soldat Automobilführer.

Das Auto ist fertig und wir nehmen Platz. Mit rasender Geschwindigkeit fahren wir nach Süden, und ich will nicht leugnen, daß sich meiner jetzt eine steigende Spannung bemächtigte. Denn das hier war kein Manöver, sondern der Krieg selbst, der größte Krieg, der jemals auf Erden ausgefochten wurde, und wir waren an der Westfront, den Franzosen gegenüber, die mit Recht als die besten Soldaten unter Deutschlands Widersachern angesehen wurden. Von Minute zu Minute näherten wir uns der Feuerlinie, und wenn das Auto an den Kurven die Geschwindigkeit verlangsamte, hörte man die Kanonade immer deutlicher, diese dumpfen schweren Schüsse, von denen die Erde erzitterte. —

Die Straße ist voll von Proviantkolonnen, die nach Süden ziehen, von unzähligen Bagagewagen, die leer nach Norden fahren, um bei irgendeiner Eisenbahnstation neuen Proviant zu holen; von frischen Truppen, jungen, kräftigen Soldaten, die direkt aus Deutschland kommen. Aber fröhlich und guter Dinge sind sie alle; sie singen lustige Soldatenweisen, rauchen ihre Pfeifen und ihre Zigarren, lachen und schwatzen, als zögen sie hinaus zu einem ländlichen Volksfest. In Wirklichkeit aber ziehen sie hinaus, um die Lücken zu füllen, die das Feuer der Franzosen in die Reihen ihrer Kameraden gerissen hat. Sie sind Ersatztruppen, aber ich finde kein einziges Gesicht, das ein Vorgefühl des nahen Todes verrät. Den Kanonendonner hören sie deutlicher als wir, denn das Surren des Automobils übertönt alle anderen Laute. Aber sie scheinen an der dumpfen Musik Gefallen zu finden, und doch ist ihr Platz weit vor den Artilleriestellungen!

Wir rasen durch Dun. Man kann kaum von mehr als einer Straße in dieser kleinen, schön gelegenen Stadt an der Maas reden. Aber wie furchtbar ist sie verwüstet! Ein wehmutsvoller Trost, daß ihre Häuser von der eigenen Artillerie der Franzosen zusammengeschossen wurden, um den Deutschen den Aufenthalt in Dun so ungemütlich wie möglich zu machen. Dun ist jetzt Etappenort mit Etappenkommandantur, Etappenlazarett, Etappenmagazin und großem Lager von Waffen und Munition. Bis hierher reicht die Eisenbahn unter preußischem Betrieb; hier werden auch die Vorräte aus den Eisenbahnwagen umgeladen und vom Troß weiterbefördert.

Nun merkt man, daß wir uns dem Feuer nähern. Die ganze Straße wimmelt von Militär. Hier eine Schar Verwundeter, Kopf, Hand oder Arm verbunden; dort eine Munitionskolonne, eine endlose Reihe Wagen, sie sind voll beladen mit grober Munition, Granaten für die 21-cm-Mörser bei Septsarges und seine Nachbardörfer an der Front. Jedes Gespann von sechs Pferden samt dem zweiteiligen Munitionswagen erfordert sechs Soldaten. Drei reiten auf den linksgehenden Sattelpferden, zwei sitzen auf dem Bock der vorderen Wagenhälfte und einer nach rückwärts gewendet auf der hinteren Wagenhälfte. Sie haben Mauserpistolen links im Gürtel, die Säbel der Reiter sind links am Sattel befestigt. Was tut es, daß die Uniformen der Leute so schmutzig sind wie der Lehm und der Schlamm des Feldes; das ganze Gespann ist doch höchst malerisch mit seinen starken, schweren Geräten, seinen Deichseln, Lederriemen, Seilen und seinem ganzen Geschirr. Ein Reiter singt, ein anderer pfeift, ein dritter schreit ein widerspenstiges Nebenpferd an; hinten auf einem Wagen sitzen ein paar und drehen Zigaretten, bei der rumpelnden Bewegung des Wagens gar nicht so einfach. Zuletzt kommt die Feldküche der Mannschaft mit Proviant und einigen Bündeln Holz. Und immer klingt es in unsern Ohren, dies ewige »Tramp, Tramp«, wenn die Kolonnen vorbeiziehen, ein niemals versiegender Strom von Kriegern, Pferden, Proviant und Munition.

Endlich haben wir die Spitze der großen Kolonne erreicht. Hier reiten ein paar Offiziere, der Kolonnenführer und seine nächsten Leute. Sie grüßen. Kaum haben wir sie verlassen, da sind wir schon am Ende einer neuen Munitionskolonne; ihre Wagen sind mit je drei Soldaten bemannt und von vier Pferden gezogen, von denen nur das vordere linke beritten ist.

An den Straßenseiten fallen zahllose große, tiefe Löcher auf. Hier hat das Feuer ordentlich gehaust. Das sehen wir nur allzu gut, sobald wir wieder an die Maas herunterkommen, da, wo das Dorf Vilosnes so schlimm mitgenommen wurde. Aber mitten in der Verwüstung blüht das Soldatenleben: da halten Proviantkolonnen mit unzähligen Wagen, rasten große Abteilungen von Ersatztruppen, die sich ungeniert auf dem nassen Erdboden rings um ihre Gewehrpyramiden herum ausgestreckt haben, reiten Feldgendarmen in grünen Uniformen und werden die gefallenen Bagagepferde ersetzt, denn in Vilosnes haben die Deutschen ein Pferdedepot eingerichtet.

Nun donnern die Kanonen mächtig, und wir haben nicht mehr weit bis zu den deutschen Batterien. Noch ist keine Gefahr. Die unzähligen Granatlöcher um uns stammen nicht aus den letzten Tagen. Seitdem hier die Granaten fielen, sind die Deutschen weiter vorgerückt. Aber wir sind unmittelbar hinter den Feuerlinien; deshalb häufen sich hier alle Vorräte, die zur Ernährung von Menschen nötig sind, sowie Pferde, Kanonen und Gewehre. Mitten im Schlamm der Äcker, Felder und Wiesen haben die Proviantkolonnen und Feldlazarette ihre Biwaks. Nirgendwo auch nur ein handgroßer Fleck, wo man einen trockenen Schlafplatz für die Nacht herrichten könnte! Vermutlich schlafen die Leute auf den Wagen, soweit der Raum reicht. Abgehärtet und frisch wie sie sind, klagen sie nicht, sie singen nur.


[11. Im Schrapnellfeuer.]

Beim Dorf Dannevoux, das voller Ersatztruppen ist, kommen wir dem Feuer noch näher.

Sechs Kilometer weiter liegt Septsarges. Der Weg dorthin ist schon im Schußbereich der französischen Batterien, und von Zeit zu Zeit schlagen Granaten neben ihm ein. Aber wir fahren noch im Schutz einer schwachen Geländewelle im Süden, und es ist ein Glück, daß eine Panne uns zum Halten zwingt, während wir noch in Deckung sind; denn ein kleines Stück weiter vorn wird man von den französischen Beobachtungsposten gesehen und zieht dann mit aller Wahrscheinlichkeit das Feuer auf sich; die französische Artillerie ist so eifrig, daß sie ihre Munition auf einen einzigen Menschen verschwendet.

Das Auto ist wieder in Ordnung. »Schnell über die Höhe!« kommandiert Major Matthiaß. Leichter gesagt als getan, denn der Landweg ist schmal und ein vollständiges Moorbad, worin schwere Wagen bodenlos tiefe Furchen hinterlassen haben. Links im Süden werden zwei französische Fesselballons sichtbar; ein keineswegs behagliches Gefühl, denn sie stehen mit den Batterien unter ihnen in telephonischer Verbindung. Es wirkt auch gerade nicht ermunternd, am Wegrand Holzkreuze auf frischen Gräbern zu sehen. Dort im Graben ein totes Pferd — der Granatlöcher sind schon so viele, daß wir ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenken — neben der Straße eine Kolonne, die Hafer für die Pferde der Mörserbatterie gebracht hat. Schon sind wir in nächster Nähe der ersten Batterien mit je vier dieser gewaltigen Brummer. Zwischen zwei solchen Stellungen fahren wir während des Feuerns durch. »Laden!« kommandiert ein Hauptmann — »Fertig zum Feuer!« — gleich darauf »Feuer!« — alle vier Schüsse gehen fast gleichzeitig los. Blitzschnell fährt ein Feuerbüschel aus der Mündung. Ein Schuß erdröhnt, daß man sich die Ohren zuhält und das Land ringsum erzittert, und dann hört man das eigentümliche, unheimliche Pfeifen, wenn die Projektile in die französischen Stellungen hinübersausen. Jeder Mörser hat einen Schutzschild; bei den Kanonen findet die Bedienung in Erdhöhlen Deckung, falls das Feuer der Franzosen der Batterie allzu hart zusetzen sollte.

In Septsarges standen auch die Feldküchen bereit mit ihren rauchenden Schornsteinen. Tagsüber wird das Essen gekocht, und sobald es dunkel ist, fahren die Feldküchen in die Nähe der Schützengräben, wobei sie immer soviel als möglich im Gelände Deckung suchen. Die Mannschaften in den Schützengräben wissen, wo die Küchen zu finden sind, und begeben sich im Schutz der Dunkelheit dahin, um sich ihre Blechtöpfe mit siedender Fleischbrühe füllen zu lassen.

Im Dorf erkundigten wir uns bei ein paar Offizieren nach dem Stand der Dinge und fuhren dann bis zu einem geschützten Platz, wo wir unsern Wagen verließen. Darauf gingen wir weiter hinauf nach Süden, wobei wir die nächste Mörserbatterie links und eine Position von Feldartillerie rechts hatten. Auch die Mannschaften der Feldartillerie hatten sich neben den Kanonen Erdhöhlen gegraben und mit Zweigen, Stroh und Laub gedeckt, um sich vor französischen Fliegern zu verbergen. Vom Automobil aus gingen wir etwa achthundert Meter auf das französische Feuer zu. Die Schützengräben sind zwei ziemlich parallel laufende, einige hundert Meter voneinander entfernte Linien. Hinter ihnen sind die Artilleriestellungen, ebenfalls in zwei fast parallelen Linien. Wir bewegten uns also jetzt zwischen den deutschen Artilleriestellungen und den deutschen Schützengräben, d. h. in dem Gebiet, das das Ziel der französischen Artillerie war. Wir beobachteten daher alle Vorsichtsmaßregeln, die sich aus dem Gelände ergaben. Unser Ziel war ein Beobachtungsstand oben auf der Anhöhe, wo ein paar Artillerieoffiziere unbeweglich wie Bildsäulen bei ihren auf Holzstativen ruhenden Scherenfernrohren standen. Sie leiteten das Feuer der Mörserbatterie und meldeten mittels Telephon, wo die Granaten einschlugen, ob die Schüsse zu niedrig oder zu hoch gingen, zu weit rechts oder zu weit links vom Ziel, das nach den Meldungen der Patrouillen und Flieger festgelegt wird.

Unten gingen wir noch einigermaßen sicher, da wir nicht von der französischen Front aus gesehen werden konnten. »Achten Sie auf die Telephondrähte!« rief Matthiaß, der an der Spitze ging, als wir einige Leitungen im Grase überschritten. Nun erreichten wir etwa die Mitte des Abhangs, wo uns die Franzosen von mehreren Punkten aus sehen konnten, und stiegen dann in einen langen Laufgraben hinab, der bis in die Nähe des Beobachtungspostens führte. Der Graben war wenig mehr als einen Meter tief und wir mußten stark gebückt gehen, um nicht gesehen zu werden. Infolge der Abschüssigkeit des Terrains war zwar das meiste Wasser abgelaufen, was aber noch vorhanden war, genügte, um den Boden des Grabens in einen graubraunen Lehmbrei zu verwandeln, worin man mit schweren Sohlen ausglitt und bis zur Mitte des Schienbeins einsank.

Die Beobachter stehen oben in ihren Mänteln auf der Spitze des Hügels, eine niedrige, kurze Brustwehr vor sich. Im allgemeinen ist man auf solch einem Punkt nicht gerade willkommen, denn man kann die Aufmerksamkeit der Franzosen wecken und die Beobachter in Lebensgefahr bringen. Sie grüßten denn auch nur kurz und fuhren fort, das französische Feuer zu beobachten, unbeweglich wie Bildsäulen. Wir gingen den letzten Abschnitt im Gänsemarsch, damit es wenigstens von den gerade gegenüberliegenden Batterien aus scheinen sollte, als käme bloß ein Mann und wir nicht zerstreut auf der Spitze des Hügels mehr Bewegung verursachten. Auf den Hacken sitzend, beobachteten wir das Land im Süden in der Richtung nach Malancourt und orientierten uns so gut es ging. Der Major erklärte gerade, welche Höhen, Wälder, Dörfer und Chausseen von den Deutschen genommen worden waren und wo die französischen Stellungen begannen, als ein Schrapnell in unserer unmittelbaren Nähe explodierte, gleich links von uns. »Deckung!« rief Major Matthiaß und warf sich der Länge nach hinter der Brustwehr nieder. Wir waren kaum seinem Beispiel gefolgt, als drei neue Schrapnells in etwas weiterer Entfernung niedergingen. Offenbar hatte uns der französische Beobachter doch gesehen und das Feuer einer Batterie gerade auf uns einstellen lassen. Wir hielten es daher für das klügste, einen sichreren Platz aufzusuchen. Zunächst gingen wir wieder zu der Mörserbatterie hinab. Während der nächste Schuß geladen wurde, entwarf ich die beigefügte, sehr unvollkommene Skizze, aber es verlangt wohl niemand, daß man Geistesgegenwart und Kaltblütigkeit zu ausführlichen Zeichnungen hat, wenn man jeden Augenblick mit Schrapnells überschüttet werden kann. Das Bild zeigt das Mörserrohr, gesenkt zum Laden, rechts auf einer Trage ruht ein Geschoß.


[12. Madame Desserrey.]

Es war noch hell, als ich nach Stenay zurückkam. Am Eingang des Schlosses saß der Kronprinz und ruhte sich aus; er war eben vom Tagesdienst zurückgekehrt. Später machte ich noch einen Spaziergang durch die Stadt. Bei den Maasbrücken wurde ich von den Wachtposten angehalten, die mich bestimmt aber höflich aufforderten, meinen Ausweis vorzuzeigen. Es ist ja nicht weiter verwunderlich, daß ich ihnen verdächtig vorkam, da ich ein Skizzenbuch unter dem Arm trug. Bloß einer von ihnen, ein ehrenwerter Landwehrmann, erklärte querköpfig, mein Ausweis sei nicht genügend. »Also der Generalstabschef General Moltke imponiert Ihnen nicht?« »Nein, der Ausweis muß von der fünften Armee abgestempelt sein«, antwortete er. Ein paar Kameraden von ihm retteten die Situation, nachdem sie den Ausweis gelesen und versichert hatten, daß General Moltke ihnen genüge.

Nach einem kurzen Besuch im Lazarett, das in einer französischen Artilleriekaserne eingerichtet war, kehrte ich um und blieb erstaunt am Eingang eines Ladens stehen, in dem Soldaten aus und ein gingen. Da ich hörte, wie ein paar Soldaten verzweifelte Anstrengungen machten, sich mit den Inhaberinnen des Ladens zu verständigen, erbot ich mich zum Dolmetsch. Es war ein Geschäft für Damenartikel, Weißwaren, Schnürleiber, Spitzen, Taschentücher, Strümpfe, Parfüms, Seife und andere nützliche Toilettengegenstände. Die Inhaberin, Frau Desserrey, war seit drei Jahren Witwe und lebte mit ihren drei Kindern und einer Schwester von diesem kleinen Geschäft. Die Soldaten im Laden wollten Hemden kaufen, und Madame Desserrey wollte ihnen begreiflich machen, daß sie ihnen alles, was sie verlangten, nähen wolle, wenn sie ihr den Stoff dazu schafften. Mit diesem Bescheid waren die Soldaten zufrieden, kauften ein paar Schachteln Seife und zogen ihrer Wege. Ich fragte Madame Desserrey, ob der Krieg sie nicht ruiniert habe, doch hatte sie bisher noch keinen Verlust gehabt; sie hoffte, über den Herbst und Winter hinwegzukommen und bald den Krieg beendet zu sehen.

»Und wie finden Sie die deutschen Soldaten?« fragte ich.

»Sie haben mir und den Meinen nicht das geringste getan, sind immer höflich und nehmen sich nichts heraus. Was sie von meinem Lager brauchen konnten, haben sie gekauft und ehrlich bezahlt; ich könnte ein großes Geschäft machen, wenn ich nur neue Waren aus Luxemburg erhielte. Ich und noch drei andere sind die einzigen, die hier ihre Läden offenhalten; alle übrigen haben geschlossen und sind beim Herannahen der Deutschen geflohen.«

Im Laden standen zwei Strickmaschinen, daran saßen die achtzehnjährige Blanche Desserrey und ihre vierzehnjährige Schwester und strickten Strümpfe für die deutschen Soldaten, während ihr elfjähriger Bruder draußen auf der Treppe saß und dem Soldatenleben zusah. Fräulein Blanche war bezaubernd, sah aber leidend aus und hatte einen wehmütigen Zug in ihren schwarzen Augen und einen Hoffnungsanker an ihrer Brosche. Ich fragte sie, ob sie viele Freunde draußen im Krieg habe. Ja, antwortete sie und sie sehne sich nach ihren Freunden, die aus der Stadt geflüchtet seien. »Wie entsetzlich ist nicht dieser Krieg!« rief sie, »welches Unglück für alle!« Dann fragte sie, ob man auch heute an der Front hart kämpfe; sie hatte den Kanonendonner am frühen Morgen gehört. Ja, man kämpfte erbittert, Deutsche und Franzosen, und mancher tapfere und vielversprechende junge Mann starb für sein Vaterland. Fräulein Blanche nähte nicht nur für Soldaten, sie träumte auch die schönsten Träume, und ihr Herz war rein und ohne Falsch; sie war liebenswürdig und konnte obendrein lachen inmitten aller Einquartierungssorgen und beim Strümpfestricken, ja man merkte, daß sie die Freude zu den vergänglichsten Dingen in dieser Welt zählte. Die deutschen Soldaten, die hereinkamen, betrachteten sie mit Interesse und begegneten ihr achtungsvoll. Sie selbst versicherte, sie habe nie Anlaß gehabt, sich über ihr Benehmen zu beklagen; sie ahnte aber nicht, daß sie auch den Stärksten mit einem Blick ihrer Augen entwaffnen konnte.

»Soyez comme l'oiseau,
Penché pour un instant
Sur les rameaux trop frêles,
Il sent plier la branche,
Mais il chante pourtant,
Sachant qu'il a des ailes.«

Blanche Desserrey hätte die Heldin eines rührenden Romans abgeben können!

Ich für meinen Teil hatte keine Zeit für Romane. Als ich auf die Straße hinaustrat, schlug die Uhr des Kirchturms ihre sechs alten französischen Schläge, und ich begab mich auf mein Zimmer, um einige Aufzeichnungen zu machen. Plötzlich klopfte es. »Herein!« rief ich mit Korporalstimme. Und herein trat der Kronprinz, mit einem großen Buche unter dem Arm. Ich bat meinen hohen Gast, auf dem Sofa Platz zu nehmen; dort saßen wir denn und plauderten, bis es Zeit wurde, sich für das späte Mittagessen zurechtzumachen.

Brummer im Feuer bei Septsarges.
(Vgl. [Seite 46].)

Das Buch aber, das der Kronprinz gebracht hatte und das er mich bat, als Andenken zu behalten, hieß »Deutschland in Waffen« und enthielt, neben Beiträgen aus verschiedenen Federn, eine Reihe von hervorragend gut ausgeführten und wiedergegebenen farbigen Darstellungen der verschiedenen deutschen Truppengattungen im Dienst, im Manöver und im Krieg und der deutschen Kriegsflotte auf hoher See. Der Kronprinz selbst hat das Werk unter dem Beistand hervorragender Meister herausgegeben.

General Feldmarschall von Haeseler. General von Mudra am Scherenfernrohr.
Bei Eclisfontaine.
(Vgl. [Seite 57].)


[13. Morgengrauen.]

22. September. Während des Essens machte mir der Kronprinz den Vorschlag, den Major Matthiaß zu begleiten, den der Dienst nach Eclisfontaine rief. Von dort aus sollte der Sturm auf Varennes und die umliegenden Dörfer unternommen werden, die die Deutschen schon einmal in Besitz gehabt, dann aber aus taktischen Gründen wieder geräumt hatten.

½4 Uhr wurde ich geweckt. Ich zündete mein Licht an, öffnete das Fenster und sah in die Nacht hinaus. Es war pechdunkel, nur einige Sterne schimmerten durch die Baumkronen des Parks hindurch — lautlose Stille, nur der langsame Schritt der Wachen war zu vernehmen.

Um 4 Uhr saß ich einsam beim Frühstück. Ein Soldat begleitete mich mit einer Laterne zur Wohnung des Majors Matthiaß, wo das Automobil mit einem jungen Leutnant und einem Soldaten wartete. Wir nahmen, in Pelze gehüllt, Platz und rollten zur Stadt hinaus. Vor uns her die hellen Lichtbündel des Scheinwerfers; in so früher Morgenstunde reichten sie aber nicht weit. Dichter Nebel lagerte auf der Erde. Wir fuhren daher behutsam, schon weil die Straße jetzt voll wandernder Kolonnen war. Der Verkehr auf der Etappenlinie funktionierte auch während der Nacht. Nimmt denn dieser ewige Zug niemals ein Ende? Wahrhaftig, Deutschland scheint unerschöpflich an lebender Kraft und Material.

In dem Nebel erscheinen die Bäume wie Spukgestalten, die Posten stehen. Noch seltsamer nehmen sich in dieser ungewöhnlichen, malerischen Beleuchtung die Kolonnen aus. Die Reiter, den Mantel über den Schultern, sitzen auf geduldigen, schnaufenden Pferden und träumen; einer nach dem andern taucht aus dem Nebel auf, je nachdem das Licht der Scheinwerfer auf sie fällt. Ein Pferd scheut vor dem Licht und vor dem Surren der Maschine, sein Reiter schreckt aus seinen Träumen empor; er schüttelt sich, setzt sich im Sattel wieder zurecht, und der Zug geht weiter. Neue Reiter tauchen auf, immer einer nach dem andern, unzählige Pferdehufe trappeln die Straße daher, und die Räder der schweren Bagagewagen knirschen und ächzen in dem Morast, der sich an ihnen festsaugt und in unförmigen Klumpen wieder herunterfällt.

Da wird neben der Straße ein rotgelber Schein sichtbar. Wir kommen näher — er wird stärker und farbiger: es ist das Lagerfeuer eines Biwaks, von dem sich müde Soldatengestalten als scharfe Silhouetten abheben. Sie kochen etwas über dem Feuer, vielleicht Kaffee oder Tee, und mancher von ihnen raucht schon seine erste Pfeife. Ebenso dunkel und nebelverhüllt wie die Nacht, die sich noch um sie ausbreitet, ist das Geschick, das sie heute erwartet! Es liegt in der Luft, daß heute etwas bevorsteht, ein neuer Kampf an der Front. Aber für die Soldaten ist das nichts Neues, nichts Ungewöhnliches oder Aufregendes. Für sie ist es das tägliche Brot, denn an der Front wird immerfort gekämpft, und das Schicksal ruft sie hinaus in das Feuer. Vielleicht ist es ihnen bestimmt, gerade heute zu fallen und die Anzahl der Gräber und Holzkreuze an den Straßengräben zu vermehren. Vielleicht war diese dunkle Nacht die letzte in ihrem Leben! Zum letztenmal haben sie wenigstens gut geschlafen; das Biwakfeuer verbreitete eine freundliche und behagliche Wärme.

Neue Feuer werden sichtbar; um alle bewegen sich Gruppen von Soldaten, Soldaten und immer wieder Soldaten. An einer Stelle müssen wir eine Weile halten, da wir mit dem ungebärdigen Pferd eines Reiters zusammengeraten sind. Hier hören wir die kriegerischen Stimmen der Nacht von allen Seiten: das Knarren der Wagen, das Klirren der Waffen, das Getrampel der Pferde, die Unterhaltung der Mannschaften und die strengen Kommandorufe der Führer. Es sind Truppen, die an die Front marschieren.


[14. Die »Brummer« bei Eclisfontaine.]

Um ½7 ist Eclisfontaine erreicht. Der Nebel hängt in Fetzen und Draperien, bald leichter, bald dichter, ist aber hartnäckig und trotzt noch immer der aufgehenden Sonne. Es ist heute ein bedeutungsvoller Tag für die Deutschen; sie wollen angreifen und nach Varennes vorrücken. Nur der Nebel hindert sie, und es geht schon auf 8. Die Infanterie soll schon im Vorrücken sein und an der äußersten Front in heftigem Kampf stehen. Die Artillerie muß noch warten, ehe sie ihre Stellungen vorschieben kann. Doch von den Plätzen, wo die Batterien jetzt stehen, beginnen sie ihren Morgengesang. Die Schüsse fallen aus verschiedenen Richtungen immer häufiger. Ganz nahe dem Dorf sind Feldhaubitzen und schwere Mörser. Die Schüsse, die schwächer und dumpfer klingen, kommen von französischer Seite. Manchmal hört man vier und sechs Schüsse fast zu gleicher Zeit; dann vergeht eine Pause bis zur nächsten Salve.

Ein Offizier begleitet mich die Chaussee entlang durch das Dorf. In einem kleinen Haus laufen alle Drähte des Feldtelephons zusammen; hier sitzt ein halbes Dutzend Offiziere an einem langen Tisch, Telephonhörer am Ohr und Karten vor sich. Hier sammeln sich von der Front die Meldungen über den Verlauf der Schlacht, über Veränderungen der französischen und deutschen Stellungen und über die daraus sich ergebenden Wünsche und Bedürfnisse.

Mit Freund Matthiaß gehe ich ein Stück weiter nach Südwesten bis zu dem Punkt, von wo aus die Generalität die deutschen Operationen leitet. Das Gelände steigt bis zu diesem Punkt langsam an; er hat eine dominierende Lage und erlaubt einen vortrefflichen Ausblick über das ganze Gebiet, auf dem der Kampf tobt. Hier steht der kommandierende General von Mudra; in seiner Gesellschaft auch der 78jährige Feldmarschall von Haeseler, der jetzt kein Kommando hat, aber dem Wunsch nicht widerstehen konnte, in der Nähe seines alten Korps zu sein, dort, wo es für Deutschlands Ehre kämpft. Von mehreren Offizieren umgeben, standen die beiden Generäle den ganzen Tag mitten auf der Landstraße. Unmittelbar neben der Straße stand auf seinem Holzstativ ein Scherenfernrohr, und an diesem Fernrohr ein Hauptmann, der unablässig seine Beobachtungen meldete. Von Zeit zu Zeit trat der kommandierende General selbst ans Fernrohr.

Der Ort, auf dem wir standen, war nicht ganz ungefährlich. Ein Soldat in der Nähe der Telephonstation erhielt eine Gewehrkugel in den Rücken, eigentümlicherweise ohne verwundet zu werden; er fiel nur infolge des Stoßes oder vielleicht vor Schreck um. Die Kugel, die aus weiter Entfernung kam, hatte ihre Kraft eingebüßt. Ein anderer wurde leicht verwundet, ebenfalls von einer Gewehrkugel. Drei Schrapnells explodierten ganz in unserer Nähe, aber in allzu großer Höhe, um lebensgefährlich zu sein.

Von einem Punkt in der Nähe von Eclisfontaine hatte man eine vortreffliche Aussicht nach Südwest in der Richtung auf Varennes. Hier saß, wohlbeleibt und jovial, auf einem Stuhl mitten auf der Landstraße der Divisionsgeneral Graf Pfeil. Seitdem der Nebel fast spurlos verschwunden war, traten auch die Umrisse des Argonner Waldes hervor. In einer Entfernung von drei Kilometern nach Varennes zu steigt das Gelände zu einem flachen Kamm an, der ein paar deutsche Feldartilleriebatterien schützt, die von hier aus mit bloßem Auge leicht sichtbar sind. Gleich links von diesen Stellungen geht die deutsche Infanterie vor. Durchs Fernglas sieht man die Soldaten in stark gebückter Stellung vorrücken, um solange als möglich von der Höhe geschützt zu sein, die die Kanonen deckt. Wahrscheinlich haben aber die Franzosen die Infanterie schon gesichtet; unaufhörlich explodieren Schrapnells über ihren Linien; ein weißes Wölkchen nach dem andern taucht auf, und aus seiner Mitte schießt ein Blitz hervor. Einmal zählten wir acht solcher Wölkchen, die gleichzeitig über den Soldaten schwebten und sie mit einem Regen von Bleikugeln überschütteten. Zuweilen schlagen in ihrer Nähe auch Granaten ein, leicht erkennbar an den dunkelgrauen Säulen von Erde, Lehm und Pulver, die entstehen, sobald sie auftreffen.

Gleich südlich von der Höhe im Südwesten und durch diese unsern Blicken entzogen, liegen starke Kräfte der deutschen Infanterie in langen Schützengräben. Diesseits der Batterien sieht man im Gelände zwei halbmondförmige dunkle Flecke, die sich im Fernrohr in Soldaten auflösen; sie sitzen und liegen, haben aber Gewehr und Bajonett zur Hand, um die Kanonen gegen einen Überrumplungsversuch zu schützen. Die Kanonen sind in die Erde eingegraben, durch Erdwälle gedeckt und nach der Feuerseite zu stark maskiert. Heute morgen war noch keine französische Infanterie und Kavallerie zu sehen; auf der feindlichen Seite kämpfte bloß Artillerie, die nach Aussage der deutschen Offiziere vortrefflich schoß; nur waren die Geschosse oft sogenannte Blindgänger, die nicht explodieren.

Plötzlich donnert es um uns von allen Seiten, auch von hinten; eine Batterie von vier 21-cm-Mörsern ist bis zum Dorfe vorgerückt und steht nur hundert Meter von uns entfernt. Der Boden zittert bei jedem Schuß. Die vier Schüsse fallen rasch hintereinander, nur ein paar Sekunden Pause ist zwischen ihnen. Dann hört man eine halbe Minute oder länger über sich ein zischendes, singendes Pfeifen und sieht unwillkürlich nach oben. Doch sieht man die Geschosse nur, wenn man hinter dem Mörser möglichst in der Verlängerung der Flugbahnfläche steht. Die vier Geschosse fahren gemeinsam durch die Luft und singen den gleichen Gesang in gleich hohem Ton. Zuweilen scheint er zu ersterben, aber nach einer Weile ist er wieder deutlich vernehmbar; das kommt vielleicht von der Windrichtung. Die Mörsergeschosse brauchen ein paar Minuten bis zum Ziel; der Höhepunkt ihrer Flugbahn liegt Tausende von Metern über der Erde — eine schwindelerregende Reise für diese zentnerschweren Geschosse. Die Geschosse der Feldkanonen, die gewöhnlich auf nur drei Kilometer Entfernung eingestellt werden, kommen in einer halben Minute ans Ziel.

Die vier »Brummer« der Batterie warfen ein ums andere Mal ihre schweren Granaten zu den Franzosen hinüber; jeder Schuß sollte wer weiß wie vielen Menschen den Tod bringen. Doch schien ihre Hauptaufgabe zu sein, den Gegner aus Varennes zu vertreiben, das nur sechs Kilometer südwestlich von Eclisfontaine liegt.

Am Abend fragte ich einen der Beobachter, was das heutige Feuer wohl koste. Er machte schnell eine Berechnung für 24 Batterien Feldhaubitzen und 8 Batterien schwere Kanonen und Mörser; die Durchschnittskosten für jeden Schuß berechnete er auf 50 Mark, die Anzahl der Schüsse auf zwölftausend; das macht 600000 Mark für einen einzigen Tag und für einen ganz kleinen Teil der deutschen Front! Andere aber meinten, die Berechnung sei in jeder Beziehung zu hoch. Auf alle Fälle verbraucht die Artillerie ungeheure Summen in einem Krieg wie diesem, wo sie die Hauptwaffe ist. —


[15. Verhör französischer Gefangener.]

Zwei deutsche Soldaten mit geladenem Gewehr und aufgepflanztem Bajonett eskortieren französische Gefangene nach Eclisfontaine. Die meisten sehen gleichgültig aus, und ihr Blick verrät nur den einen Gedanken: Nun ist alles verloren, nun ist es aus mit uns! Andere sehen tief niedergeschlagen aus und haben geweint. Die Kraft ihrer Arme ist Frankreich entzogen, jetzt, wo sie am meisten gebraucht werden.

Ich war gerade in Gesellschaft des Brigadegenerals Bernhard, als die Franzosen in ihren blauen Waffenröcken und den weiten roten Pumphosen daherkamen; die Uniformen waren abgerissen und schmutzig, kein Wunder, wenn man Tage und Nächte im Schützengraben gelegen hat. General Bernhard trat zu ihnen und kommandierte Halt; dann ließ er sie einen Halbkreis bilden und begann, sich mit mehreren zu unterhalten. Einer war in Auxerre ausgehoben und am elften Mobilisierungstag über Bar-le-Duc nach Varennes transportiert worden, wo er seitdem gestanden hatte. Man macht ein Verzeichnis der Gefangenen und gewinnt so wertvolle Auskünfte über die Zusammensetzung der feindlichen Truppen, über Regimenter, Brigaden und Armeekorps und ihre Stellung an der Front. Der General fragte auch die Gefangenen, wie es mit ihrer Verpflegung stünde; die Antworten lauteten sehr ungleich. Die meisten waren zufrieden; nur einige behaupteten, sie hätten in der letzten Woche nur zweimal warmes Essen bekommen, da sie zufällig weit entfernt von der nächsten Feldküche gestanden hätten.

Schließlich wurde an die Gefangenen die Frage gerichtet, ob sie Tagebücher hätten, und acht oder neun antworteten: Ja! Die Bücher wurden dem General übergeben, der sie behielt. Auch dadurch gewinnt man wichtige Aufschlüsse über die feindlichen Truppenbewegungen, oft aus scheinbar bedeutungslosen Aufzeichnungen, die nur der Fachmann zu deuten weiß. General Bernhard las uns später aus einem dieser Tagebücher das letzte Stück vor, das der Gefangene tags vorher geschrieben hatte. Da stand u. a.: »Die Preußen beschießen Varennes. Sie schießen gut, heute nacht traf eine ihrer Granaten den General X., als er sich eben niedergelegt hatte.« General Bernhard sagte, die französischen Gefangenen benähmen sich immer höflich und aufmerksam und beantworteten alle Fragen korrekt und wahrheitsgetreu. In den meisten Fällen redeten sie ihn »mon général« an und bewiesen damit, daß sie über die deutschen Rangabzeichen orientiert waren, auch bei der gleichmachenden Felduniform. Und der General sprach zu den Gefangenen ohne jede Spur militärischer Strenge und ohne die Überhebung, die Rang und Macht leicht einflößen können.

Während des Verhörs wandte sich ein französischer Unteroffizier mit blondem Vollbart an mich und fragte: »Was wird man mit uns tun?« Ich antwortete: »Man wird Ihnen warme Suppe und Brot geben, und Verwundete werden ärztlicher Hilfe überantwortet.« Der Mann sah mich fragend und erstaunt an, offenbar im Zweifel, ob das wirklich wahr wäre. Dann wies er auf einen seiner Kameraden, der einen blutenden Streifschuß am Nacken hatte. Ein deutscher Leutnant übergab ihn sofort einem Sanitätssoldaten.

So bekam ich auch jetzt in unmittelbarer Nähe des Schlachtfeldes eine Bestätigung dessen, was ich früher im Lazarett gesehen hatte: daß die französischen Gefangenen bei den Deutschen eine in jeder Hinsicht humane und wohlwollende Behandlung erfahren, und ich will im Namen der Wahrheit feierlich erklären, daß die gegenteiligen Behauptungen gewisser feindlicher Blätter niedrige Lüge und schändliche Verleumdung sind. Wenn einmal der Tag des Friedens kommt und die französischen Gefangenen nach Hause zurückkehren, werden sie selbst dafür Zeugnis ablegen können. Vielleicht werden einige von ihnen sich auch an Eclisfontaine erinnern.

Später kamen neue Scharen von Franzosen. Sie waren beim Bajonettangriff der Deutschen gefangen genommen worden. Einer war am 5. August aus Konstantinopel heimgerufen worden, ein anderer berichtete, er sei Reservist, und es beginne an Leuten zu mangeln. Mit ihnen unterhielt sich der Feldmarschall und sein vortrefflicher Adjutant Rechberg, der ein beneidenswert gutes Französisch sprach.

In einer Gruppe waffenloser Franzosen befand sich auch ein Hauptmann. Er hatte einen Schuß durch den Schenkel, hinkte stark und stützte sich auf zwei Soldaten; er hatte ein vornehmes und offenes Aussehen. Als seine Schar verhört werden sollte, wurde ihm ein Stuhl angeboten, denn er sah sehr bleich aus.

»Schmerzt die Wunde sehr, mon capitaine?« fragte ein deutscher Offizier.

»Nein, gar nicht, sie ist ganz unbedeutend«, antwortete er.

»Haben Sie im Kampf große Verluste erlitten?«

»Keine besonderen, wir können alle Lücken ausfüllen.«

»Sie sehen müde aus, es ist Ihnen sicher in der letzten Zeit schlecht gegangen?«

»Nein, durchaus nicht, ich habe keine Not gelitten.«

»Es tut Ihnen leid, unter den Gefangenen zu sein?«

»Ja«, antwortete er schwer und bestimmt und ohne aufzusehen.

Er gehörte nicht zu denen, die die Gefangennahme demoralisiert. Als das Verhör geschlossen war, grüßte er und verschwand mit seiner blauroten Schar an der nächsten Straßenkrümmung.


[16. Sturm auf Varennes.]

Nach und nach merkt auch der Uneingeweihte gewisse Veränderungen in der Situation. Die Artilleristen reiten mit ihren prächtigen Gespannen zu den zwei Batterien im Südwesten mit dem Argonner Wald im Hintergrund. Eine Munitionskolonne folgt ihnen. Die Kanonen haben eine Weile geschwiegen; jetzt wird aufgeprotzt, die Pferde vorgespannt, die Munition in die Wagen gepackt, die Bedienung springt auf ihre Plätze, die Reiter in die Sättel, und als alles fertig ist, rollen die Batterien in einem schönen Bogen in voller Fahrt davon und verschwinden bald hinter der Anhöhe. Westlich davon sieht man neue Schützenlinien in südwestlicher Richtung zum Sturm vorgehen. Man hört deutlich das unbehagliche schnarrende Geräusch der Maschinengewehre bei der Infanterie. Die Angreifer haben Gelände gewonnen und rücken in neue Stellungen vor.

Ich gehe zum Beobachtungsplatz zurück. Der alte Feldmarschall, der schon 1870 mitgekämpft hat und nun das Recht hätte, müde zu sein, hat sich endlich bewegen lassen, auf einem Rohrstuhl Platz zu nehmen. Da sitzt er nun, lebt in seinen Erinnerungen auf und kann die Augen nicht vom Kampf und von den weißen Schrapnellwolken abwenden. Sein Blick ist streng und ernst, sein Gesicht von tiefen, scharfen Falten und Runzeln gefurcht, sein graues Haar hängt um ihn wie eine Mähne. Er scheint am liebsten mit sich allein zu sein, aber wenn man ihn anredet, ist er voller Leben. In stattlicher, militärischer Haltung steht General von Mudra an seinem Scherenfernrohr und beobachtet. Den roten Kragen auf dem sonst hellblaugrauen Mantel hat er in die Höhe geschlagen, in der Hand hält er eine Karte der Gegend, links trägt er eine Feldtasche mit Karten, Aufzeichnungen, Feder, Zirkeln und dergleichen.

Eine dritte Batterie deutsche Feldartillerie ist vorgerückt und hat sich eine neue Stellung gesucht. Und eine dritte Linie Infanterie folgt den beiden ersten und stürmt in der Richtung auf Varennes. Die Mannschaften springen mit gesenktem Bajonett in stark zerstreuter Ordnung, um dem feindlichen Feuer ein weniger kompaktes Ziel zu geben, und verschwinden hinter der nächsten Anhöhe — Gewehrfeuer knallt im Tal, begleitet vom Geknatter der Maschinengewehre — nach ein paar Minuten laute Hurrarufe: eine neue feindliche Stellung ist genommen!

Die kleine Aktion, die nur ein Glied in einer Kette ist, verursacht lebhafte Bewegung in Eclisfontaine. Zuerst fahren die Wagen des Feldlazaretts in voller Fahrt dahin, wo der Kampf stattgefunden hat; dann ziehen einige Kompanien Infanterie vorüber, um die Lücken auszufüllen. Kleine Patrouillen von Ulanen mit wagrecht gehaltenen Lanzen reiten im Galopp nach Varennes. Schließlich fährt die Feldküche vorüber mit rauchenden Schornsteinen; die Köche sitzen auf den Küchenwagen.

Auf den Abhängen südlich sieht man kleine Gruppen von acht oder zehn Mann mit Bahren und einem Schäferhund, der verstreute und vergessene Verwundete in den Gräben und Furchen suchen muß. Sobald er einen Verwundeten gefunden hat, bleibt er stehen und ruft durch Bellen die Sanitätssoldaten mit der Bahre herbei.

Das Artilleriefeuer der Franzosen hat nachgelassen, da sie ihre Stellungen in dem Maße, wie die Deutschen vorrückten, weiter zurückverlegen mußten.

Varennes, die kleine Stadt, in der Ludwig XVI. am 22. Juni 1791 erkannt und gefangen genommen wurde, um nach Paris zurückgeführt zu werden, steht nun in hellen Flammen, und eine braungelbe Rauchsäule steigt aus seinen brennenden Häusern empor. Auch Cheppy brennt und weiterhin Bourcuilles. Der Kirchturm von Cheppy reckt seine trotzige Spitze aus dem Gewölk von Rauch und Funken empor.

Westlich liegt das weite Tal, das von der Aire durchflossen wird, einem Nebenfluß der Aisne. Varennes liegt an der Aire, die im Osten den berühmten Argonner Wald begrenzt. Nach Süden zu durch das Tal stürmen württembergische Truppen; ein Teil ihres rechten Flügels zieht durch die Ausläufer des Argonner Waldes. Man erkennt ihr Vorrücken ganz deutlich durch das Scherenfernrohr, das jederzeit zu meiner Verfügung steht. Um aber die kleinen weißen mörderischen Buketts zu sehen, die entstehen, wenn die Schrapnells gerade über den Württembergern explodieren, dazu braucht man kein Fernrohr. Das Feuer wird von deutschen Schrapnells erwidert, die in weiterer Entfernung und mehr nach links sichtbar werden.

Eine Munitionskolonne, die hinter der flachen Anhöhe südlich Schutz gefunden hat, erhält Befehl, vorzurücken. Der nächste Weg wäre, nach Südwesten die Chaussee zu verfolgen, auf der ich mich den ganzen Tag aufgehalten habe. Aber dieser Weg ist gefährlich; die dunkle Linie der Kolonne wäre von den neuen französischen Stellungen aus sichtbar und würde ein vortreffliches Ziel geben, außerdem das Feuer auf die deutsche Oberleitung lenken. Die Kolonne hatte sich eben auf der Chaussee in Bewegung gesetzt, als ihr Führer den Befehl erhielt, hinter den großen Mörsern zu fahren. Die Kolonne führte leichte Munition für Gewehre und Maschinengewehre. Dahin, wo Munition gebraucht wird, fahren sie erst in der Nacht. Doch tritt selten oder nie Patronenmangel ein, da die Patronentaschen der Verwundeten und Gefallenen von ihren noch kampffähigen Kameraden geleert werden.

Eine Batterie leichte Haubitzen wird jetzt im Norden der Chaussee sichtbar. Ihre Gespanne schwenken mit ihren Feldstücken in schönem Bogen nach Süden. In Westsüdwest springen sechs Granaten in einer Entfernung von zwei Kilometern. Sie waren für die dort kurz vorher vorrückenden Württemberger bestimmt. Aber jetzt ist keine Seele mehr auf dem Platz, außer vielleicht einem zurückgebliebenen Sanitätssoldaten.

Um 6 Uhr zählte ich acht brennende Dörfer, von denen jedoch eins links vom Argonner Wald und im Operationsbereich des benachbarten Armeekorps lag. Wie viel verwüstete Häuser, wie viel vernichtetes Privateigentum! Zwar wird die Bevölkerung sich und ihre transportfähige Habe rechtzeitig in Sicherheit gebracht haben; aber wie mag es in den tausend Wohnungen aussehen, wenn die Menschen zurückkehren! Kann man ohne tiefes Mitgefühl mit den unschuldigen Leuten sein, die am meisten unter dem Krieg zu leiden haben? Und ist man ein Feind Frankreichs, wenn man eine Ententepolitik verurteilt, die so namenloses Unglück über die nordöstlichen Provinzen der Republik gebracht hat? Wer mit eigenen Augen all diese Folgen des Krieges, Kummer, Armut und Vernichtung sah, müßte sich selbst verachten, wenn er nicht laut die Politik verurteilte, die allein an all diesem Unglück Schuld trägt!

»Aber warum rückt nicht auch die Armeeleitung vor?« fragte ich, nachdem die Truppen sechs oder sieben Kilometer vor der letzten Linie Stellung genommen hatten.

»Weil man die Telegraphen- und Telephonleitungen nicht sofort verlängern und das ganze System von Verbindungen mit der neuen Frontlinie ändern kann.«

Am folgenden Tag wurde Varennes genommen und damit die ganze Maschinerie ein Stück weiter nach Südwesten vorgeschoben.

Aber nun begann der heutige Tag zur Neige zu gehen; die Sonne näherte sich den Wipfeln des Argonner Waldes. Ein lehrreicher Tag für mich! Von der Tätigkeit an der deutschen Front hatte ich eine klare Vorstellung bekommen, von den Franzosen aber nichts anderes gesehen als ihr Feuer und die Gefangenen. Ich hatte die unglaublich sichere und ruhige Leitung des deutschen Oberkommandos bewundert. Es war wie ein Spiel, das unter gewissen Voraussetzungen gewonnen werden mußte. Und wenn all diese Voraussetzungen im voraus gegeben und bekannt waren, dann hegte niemand den geringsten Zweifel am Ausgang. Und die Voraussetzungen waren: ausgezeichnetes Menschenmaterial, wirkliche Ritter ohne Furcht und Tadel, ein Volk, das in Friedenszeiten willig ist, genug und mehr als genug für die Verteidigung des Reiches zu opfern und, wenn der Krieg ausbricht, bereit ist, auch das Leben zu opfern zur Verteidigung der Heimat für seine Freiheit und seine Ehre, eine Ausbildung, die genügend lang ist, um die einzelnen Soldaten und die großen Truppenverbände unwiderstehlich zu machen, und ein Material, bei dessen Anschaffung man weder geschachert noch kompromisselt hat. Der Ausgang des Tageskampfes erweckte daher keine Verwunderung. Man hörte keine Glückwünsche, keinen Jubel — man sprach davon wie von der natürlichsten Sache der Welt!


[17. Das Feldlazarett in der Kirche zu Romagne.]

Auf der Rückfahrt nach Stenay müssen wir gerade vor dem Feldlazarett halten. Der Stabsarzt steht auf der Straße und gibt seine Befehle über Behandlung und Verteilung der neu angekommenen Verwundeten. Ich werde ihm vorgestellt, und er will mich nicht loslassen, ehe ich das Feldlazarett gesehen habe. »An die Front kommen, den Krieg studieren und das Lazarett in Romagne nicht sehen, nein, Herr Doktor, das geht nicht! Sie haben den ganzen Tag gesehen, wie die Verwundeten von der Feuerlinie hereinkommen, nachdem sie ihre erste provisorische Pflege auf dem Schlachtfeld erhielten. Sie haben den Hauptsammelplatz bei Eclisfontaine gesehen. Nun müssen Sie auch die dritte Etappe sehen, das Feldlazarett hier.«

Und damit führte mich der Stabsarzt in die kleine, schöne, alte katholische Kirche. Die Sonne war untergegangen, und Dämmerung breitete sich über Frankreich. Es war dunkel in der Kirche, aber noch waren die kostbaren gemalten Fenster zu unterscheiden, und vorn am Altar brannte ein einsamer Leuchter, der die Dunkelheit eher vermehrte als verminderte. Achtzig verwundete Deutsche lagen hier. Die Kirchenbänke waren paarweise zusammengestellt, so daß sie mit den Rückenlehnen geräumige Kisten bildeten, die mit Stroh gefüllt waren. In jedem solchen Bett lag ein schwer verwundeter Soldat. Die Bänke reichten aber nicht für alle. Die übrigen lagen an den Wänden auf aufgeschüttetem Stroh. Jeder hatte seine Decke, und der Zwischenraum zwischen den Lagern war so groß, daß Arzt und Sanitätssoldaten ungehindert an jedes Bett herantreten konnten. Sobald es der Zustand der Patienten erlaubt, werden sie weiter nach Deutschland geschickt, um neuen Verwundeten Platz zu machen. Nur die lebensgefährlich Verletzten, die den Transport nicht ertragen, bleiben da, um in Frieden zu sterben oder, wenn möglich, zu Krüppeln geheilt zu werden.

Am Altar, im Schein des Leuchters, waren mehrere junge Ärzte mit einem eben angekommenen Patienten beschäftigt, der sich einer Operation unterziehen mußte. Ein Licht wurde herbeigeschafft, und der Stabsarzt führte mich von Bett zu Bett und berichtete unermüdlich über die verschiedenen Fälle. Die Pforten der Kirche waren geschlossen; von draußen hörte man das Gerassel der Kolonnen und das Trappeln der Pferde. Aber eine seltsame, fast unheimliche Stille herrschte hier im Innern; man fühlte, daß hier ein Kampf zwischen Leben und Tod ausgefochten wurde. Schwere Atemzüge, aber keine Klagen, ab und zu ein Seufzer, aber kein Jammern. Keiner zeigte sich schwächer als der andere, keiner störte die Ruhe der Kameraden. Die meisten schliefen oder schienen zu schlafen, todmüde von den Kämpfen des Tages.

Wir schreiten von einem Bett zum andern und flüstern, um nicht die Schlafenden zu wecken und nicht die feierliche Stimmung zu stören. Achtzig Helden, die heute mit Freuden ihr Blut für ihr Land geopfert haben! Noch schlummern sie unter den Eisernen Kreuzen — bald werden viele von ihnen unter den Holzkreuzen auf dem Kirchhof zu Romagne schlummern. Hier einer, der einen Schuß durch das empfindlichste Organ des Unterleibes erhalten hat. Er ist so bleich wie seine sonnenverbrannte, in den Schützengräben verwitterte Haut es zuläßt, und sein Puls ist am Verlöschen, aber seine Augen stehen offen, und sein Blick wandert weit von der Erde in unbekannte Länder. Andere Bilder sieht er jetzt als vor kurzem in den Schützengräben. Welch himmelweiter Unterschied! Nach der Unruhe draußen an der Front versinkt er schon in die große lange Ruhe. Mitten unter seinen Kameraden kam er mir so einsam und verlassen vor, und ich mußte der Verwandten daheim denken, die noch hofften und nun bald weinen sollten. »Er lebt nicht bis zum Sonnenaufgang?« fragte ich den Stabsarzt. »Nein, er beginnt schon zu erkalten.«

Ein Schulgebäude in unmittelbarer Nähe der Kirche war ebenfalls Feldlazarett. In allen Zimmern, wo sonst französische Kinder Liberté, Egalité, Fraternité lernen, lagen nun verwundete Deutsche. Ein Schulzimmer war zum provisorischen Operationssaal geworden. Im Feld muß man sich helfen, so gut man kann. Und man leistet das denkbar Mögliche mit dem, was gerade zu Gebote steht. Ein paar junge Chirurgen standen, weiß gekleidet, an einer auf hohen Böcken stehenden Tischplatte, auf die ein lebensfrischer, schöner junger Soldat gelegt wurde. Beide Füße waren ihm durchschossen, aber er war noch froh und munter und rief seelenruhig: »Schneiden Sie mich nicht.« Eine barmherzige Schwester, die einzige, die so nahe an der Front war, denn sonst herrscht im Operationsbereich des Feldheers ausschließlich militärische Organisation, löste den ersten Verband, der mit dem ausgetretenen Blut zu einer festen Masse zusammengebacken war. Es tat weh, als der Verband abgerissen und die Wunde entblößt wurde. Aber der Soldat biß die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Das linke Bein war über dem Fußgelenk zerschmettert; selbst ein Laie konnte erkennen, daß es eine sehr schlimme Wunde war. Im Augenblick konnte nichts getan werden; er bekam eine Schiene und einen neuen Verband und dankte herzlich dafür, daß man so gut zu ihm war. Dann wurde er von zwei Sanitätssoldaten in ein freies Bett getragen und schien entschlossen, nur zu schlafen und alles zu vergessen. »Wird er seine Füße behalten?« fragte ich den Arzt. »Bei dem einen ist keine Gefahr, aber der andere, den wir eben verbunden haben — nun, in drei Tagen werden wir sehen. Ich werde schon mein Bestes tun —« und er schüttelte den Kopf.

Die verwundeten französischen Gefangenen waren auf Strohlagern in einem Vorratsraum untergebracht; hier sollten sie die erste Pflege erhalten und dann in ein Lazarett gebracht werden. Sie waren gerade dabei, Brot und eine nahrhafte warme Suppe zu essen. Und sie aßen mit glänzendem Appetit und waren allem Anschein nach guten Muts; ein paar waren geradezu lustig und lachten über ihre Scherze. Auf meine Frage nach ihrem Befinden antworteten sie: »Wenn es uns die letzten vierzehn Tage so gut gegangen wäre wie jetzt, dann wäre es uns gar nicht schlecht gegangen.«

Draußen auf der Straße stand eine große Schar verwundeter Deutscher und Franzosen, die Pflege suchten. An der Front wurde immer noch gekämpft, neue Scharen von Verwundeten waren im Lauf der Nacht zu erwarten, die Ärzte kamen nicht zur Ruhe. Die Franzosen standen in einem Haufen für sich. Ich trat an einen von ihnen heran; er hatte den ganzen Kopf verbunden; man sah wenig mehr als Augen und Nase. Auf meine Frage, wo er verwundet sei, zeigte er mit der linken Hand auf die linke Scheitelhälfte und dann auf die Unterseite des rechten Unterkiefers. Ich fragte den Stabsarzt, ob es möglich sei, daß der Mann stehen und gehen, sehen und hören könne, nachdem ihm ein Schuß senkrecht durch den Kopf gegangen war. Er antwortete, man habe den Verwundeten noch nicht untersucht, aber es kämen die merkwürdigsten Verwundungen vor. Die Kugeln schlagen in den armen Menschenleibern, die oft die erstaunlichsten Prüfungen bestehen müssen, die seltsamsten Wege ein.

Die Franzosen, versicherte der Stabsarzt, seien bewundernswert geduldig. Sie könnten wer weiß wie lange warten, ohne ein Wort oder eine Miene der Ungeduld. Wenn der Arzt einen Franzosen behandeln wolle, sei es obendrein fast Regel, daß der Verwundete sage: »Meine Kameraden brauchen die Hilfe nötiger; ich kann warten.« Oder: »Behandeln Sie bitte erst den Mann da — er ist Familienvater, und seine Frau lebt in kümmerlichen Verhältnissen.« Das gleiche Urteil habe ich auch von andern deutschen Ärzten gehört.

Ordonnanzen.

Kaffeeküche im Felde.

Die Kirche in Longwy mit durchschossenem Gewölbe und erhaltener Kanzel.
(Vgl. [Seite 68].)

So folgt die Barmherzigkeit in Gestalt der Heilkunst den Spuren des grauenvollen Krieges. Was sind all diese Ärzte, Assistenten, Sanitätssoldaten, Schwestern anderes als rettende Engel, die mit dem Engel des Todes um das Leben der Verwundeten kämpfen! Was sind die Krankenautomobile, Bahren und die eifrigen Schäferhunde anderes als der Verblutenden Freunde und Bundesgenossen, die die Ernte auf den blutigen Feldern bergen. Hier geht die Versöhnung getreulich mit dem Krieg Hand in Hand, wie das Symbol des Roten Kreuzes die Farben des Bluts mit dem Sinnbild der christlichen Liebe vereint.


[18. Der letzte Abend beim Kronprinzen.]

23. September. Den Tag verbrachte ich in Dun an der Maas, das durch die Beschießung besonders seitens der Franzosen sehr gelitten hatte. Gegen ½6 Uhr kehrte der Kronprinz mit seinen Herren von Romagne zurück; ich sollte ihn in Dun erwarten. Ich ging über die Brücke zur Stadt hinaus, als eben die vornehmen Automobile mit der Bezeichnung »Generaloberkommando der fünften Armee« in voller Fahrt dahergerast kamen. Beim Chauffeur auf dem ersten saß der Kronprinz im Mantel mit rotem Kragen. Er gab mir ein Zeichen, aufzusteigen, und ich nahm hinter ihm Platz. Er unterhielt sich eine Weile mit den Offizieren; dann ging es weiter. Aber langsam, denn wir begegneten gerade einem Infanterieregiment. Die Mannschaften faßten ihre Helme an der Spitze, hoben sie in die Höhe und stimmten ein Hurra an, als gelte es einen Bajonettangriff auf einen französischen Schützengraben; es galt aber dem Chef der fünften Armee und dem Erben des Reichs. Wir fuhren wie durch ein brausendes Meer von donnernden Hurrarufen, bis zu den letzten kleinen Gruppen von zwei und drei Mann. Zuletzt stand noch ein einsamer Wachtposten an der Straße; auch er schrie aus Leibeskräften! Als dann der Kronprinz wieder seine Automobilbrille aufsetzte und den Mantelkragen hochschlug, war er nicht mehr zu erkennen, am wenigsten von den Reitern, die auf ihre Pferde aufzupassen hatten. Aber, so versicherte er mir, nichts freue ihn mehr, als sich so von den Soldaten geschätzt und verstanden zu sehen; sei es doch die vornehmste Pflicht eines Fürsten, sich des Vertrauens seines Volkes würdig zu zeigen, und für ihn kein größeres Glück, als so zum deutschen Volk zu stehen.

Bei Tisch war die Stimmung so fröhlich und ungezwungen wie gewöhnlich, trotzdem man begeisterte Reden, Trinksprüche und Hurrarufe hätte erwarten können. Varennes war genommen worden, und die Nachricht von Weddigens Tat auf dem Meer war eingelaufen. Aber man hielt keine Reden und rief auch nicht Hurra. Der Kronprinz nahm die Neuigkeiten mit derselben würdigen Ruhe auf, er freute sich, verzog aber keine Miene, nur seine Augen bekamen einen feuchteren Glanz. Die Unterhaltung drehte sich dann eine Weile um die Frage, ob die Unterseeboote gegenüber den schwimmenden Festungen die gleiche Bedeutung erhalten würden wie die 42-cm-Mörser gegenüber den Landbefestigungen. Dann sprach man von andern Dingen, und die Stimmung war kameradschaftlich und gemütlich wie immer an diesem Tisch. Die unerschütterliche Ruhe der Deutschen, besonders der Oberbefehlshaber, gegenüber den Erfolgen hat mich oft in Erstaunen und Bewunderung versetzt. Sie nehmen die Erfolge als die natürlichste Sache von der Welt, und wenn ein Erfolg Woche für Woche ausbleibt, so bewahren sie dieselbe Ruhe in dem Bewußtsein, daß er kommen wird und kommen muß! Die Oberleitung weiß, was sie zu tun hat, um das Ziel zu erreichen; alle andern, vom Feldmarschall bis zum Rekruten, hegen blindes Vertrauen zu ihr, und das ganze deutsche Volk vertraut ebenso blind dem Heer und der Flotte. Solch ein Volk kann nicht besiegt werden! Alles geht mit mathematischer Genauigkeit und Notwendigkeit. Daher diese Sicherheit und Ruhe, und daher war am Tisch des Kronprinzen die Stimmung nicht aufgeräumter als sonst.

Gleich vor Dun, auf der nördlichen Seite der Straße nach Romagne, liegt ein einsames Grab, das Kreuz mit Kränzen überschüttet. Dort ruht ein Hauptmann, der mit seiner kleinen Schar inmitten des Feuers aushielt, als die Franzosen ihre eigene Stadt beschossen, und schließlich auf seinem Posten fiel. Sein Andenken war unter der Besatzung von Dun ebenso frisch wie die Blumen auf seinem Grab, die stets erneuert wurden. Und er war bloß einer unter Millionen! Dem Deutschen scheint es die einfachste Sache von der Welt, sein Blut hinzugeben und zu sterben. Nein, ein solches Volk kann nicht besiegt werden!

Während des Essens kam der Generaloberarzt Professor Widenmann; er hatte im Lazarett nach unserm Freunde Freiherrn von Maltzahn gesehen, dem ein Automobilunglück zugestoßen war. Das Auto war an einer Straßenwendung gestürzt und kam mit seiner ganzen Schwere auf von Maltzahns Brust zu liegen. Ein paar Rippen waren ihm gebrochen, dazu ein Beinbruch, eine Gehirnerschütterung und der allgemeine Chock. Sein Zustand war sehr beunruhigend, aber der Arzt hoffte auf seine Wiederherstellung. Professor Widenmann wird mir unvergeßlich sein. Er hatte die ganze Welt bereist, war wohlbekannt in Afrika und nahe am Gipfel des Kilimandscharo gewesen, als Wind und Wetter ihn zwangen, umzukehren. Wir hatten gemeinsame Freunde nah und fern und unterhielten uns noch lange, nachdem die andern ihre Zimmer aufgesucht hatten, an diesem letzten Abend, den ich beim Kronprinzen des Deutschen Reichs verlebte.


[19. Longwy.]

Bei der Ausfahrt hatte ich Longwy nicht besichtigen können, dessen oberer Teil, in Vaubans Festung gelegen, so furchtbar durch den Krieg gelitten hat, während die Fabrikstadt im Tal der Chiers unbeschädigt blieb. Ich fuhr also bei der Rückkehr ins Große Hauptquartier am 24. September hinauf und über die beiden Festungsgräben und bis zu dem Tor, das eine Erinnerungstafel an Vauban schmückt. Jetzt wehte darüber die deutsche Flagge.

Der Wachtposten forderte meinen Ausweis. In den Tunnelgängen schulterten mehrere Posten ihr Gewehr; nach innen zu haben sie ihre Wohnungen und ihre Küche. An den Mauern kleben große Plakate: »Armée de Terre et armée de Mer« und darunter zwei sich kreuzende Trikoloren; »Ordre de mobilisation générale« mit allem, was dazu gehört, und schließlich die Bekanntgabe, daß Sonntag den 2. August 1914 der erste Mobilisierungstag sei. Diese Order kostet Frankreich Ströme seines edelsten Blutes, zerstört seine nordöstlichen Provinzen und hat die kleine Stadt innerhalb der Mauern in einen einzigen Schutthaufen verwandelt.

Am Anfang der Hauptstraße, die Longwy durchschneidet, standen einige französische Arbeiter und nahmen das Pulver aus französischen Handgranaten heraus, um sie unschädlich zu machen. Kein Erdbeben hätte diese Straße in ihrer ganzen Länge schlimmer verwüsten können als die Granaten. Nicht ein einziges Haus ist stehengeblieben. Als die Artillerie des Invasionsheers Longwy zu beschießen begann, wurde den Einwohnern befohlen, den Ort zu verlassen, und die meisten zogen ihres Wegs. Einige jedoch wollten bleiben; von ihnen wurden etwa sechzig, darunter mehrere Frauen, unter den Ruinen begraben.

In der Kirche eine Verwüstung ohnegleichen: die Wölbungen des Seitenschiffs eingestürzt, an den übrigen klafften gewaltige Löcher von Granaten, deren Splitter über die Säulen herabgeregnet sind und tiefe Furchen in sie gerissen haben. Von den bunten Glasfenstern sind kaum einige Splitter übrig; nur von den Bleieinfassungen sieht man hier und da noch Spuren. Aber die Kanzel, von der aus die christlichen Wahrheiten verkündet wurden, ist unberührt geblieben, und hätte ein Priester dort während der Beschießung gestanden, wie der griechische Patriarch in Konstantinopel, als die Türken die Hagia Sophia stürmten, so wäre ihm nicht ein Haar gekrümmt worden, und man würde von einem Wunder gesprochen haben. Vor dem Frieden des Hochaltars schreckten die Granaten nicht zurück; er war ein Trümmerhaufen auf dem Boden des Chors, und eine dicke Schicht Kalkstaub bedeckte ihn. Im Langschiff war es nicht möglich, vorwärts zu dringen, denn die Orgel mit ihren abgeplatteten Pfeifen und die Chöre mit ihren Bänken und Brüstungen bildeten einen einzigen Haufen von Gerümpel, Brettern, Bewurf, Ornamentbruchstücken, Betstühlen und kirchlichen Geräten, alles fast bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert.

Der untere Teil der festen Kirchenmauern ist verhältnismäßig verschont geblieben, und gerade hier sind die rechteckigen Bilder in Hochrelief aus der Leidensgeschichte Jesu. Unter einem, das vollständig unbeschädigt geblieben ist, standen die Worte: »Jésus tombe pour la deuxième fois.« Das Gesicht des Erlösers drückt unsagbaren Schmerz aus, wie unter der Last des Kreuzes und der Sünden der Menschen. O Eitelkeit der Welt! Auf einer Steintafel liest man die gut erhaltene Inschrift: »Hanc ecclesiam Ludovici XIV jussu et pecunia procurante Vauban erectam primar. benedixit lapidem 22 martii 1683« ... usw. Nun waren die Orgeltöne verstummt, und von der Kanzel erklangen keine Trostworte mehr; durch die offenen Wölbungen klagte nur noch der Wind: »Alles ist eitel.«

Draußen war die Verwüstung ebenso. Hier stand das Skelett eines Automobils, dort lag das Gerippe eines Zweirads ohne Räder unter Haufen von Tornistern und Uniformstücken, zerbeulten Blechtöpfen, Säbelscheiden, Gewehrkolben und — Pfeifen, Kinderspielsachen, Farbenkästen und Holztieren, Leitungsrohren, Balkongeländern und Gittern, Stühlen und Tischen, alles in einem Wirrwarr von Steinen, Ziegeln und Schutt. Pompeji ist weniger verwüstet als diese Stadt, und mein altes Lou-lan im Herzen der Wüste, wo die Vernichtung ebenso viele Jahrhunderte ihre Ernte gehalten hat wie in Longwy Tage, sieht weniger trostlos aus als Vaubans befestigte Stadt!

In den Straßen war es spukhaft still, nur hier und da tickte es in den Fugen, und mit einem scharrenden Laut fielen kleine Steine von den Mauern. Der Wind rumorte in den aufgerissenen flachen Dächern, und die herunterhängenden Dachrinnen nickten wie festgebundene Schlangen. Hier und da an einer Ecke war noch ein Straßennamen zu lesen: »Rue des Ecoles« oder »Rue Stanislas«.

Im Schutt lagen noch Postkarten, gebleicht und zermürbt von Sonne und Regen. Ich hob eine auf und las die Adresse: »Monsieur Crombez, Subsistant au 164 de Ligne, Longwy-haut.« Die Karte enthielt nur die Worte: »Le Mans, 22. August. Lieber Kamerad. Ich bin glücklich nach Mans gekommen und habe meine Zeugnisse dem Chef direkt geschickt. Hoffentlich habe ich bald das Vergnügen, Dich wiederzusehen. H....« Ob dieser Crombez jemals den Gruß seines Kameraden erhalten und das schöne Bild auf der Karte gesehen hat, das den Zusammenfluß der Huisne und Sarthe darstellt? Oder steht er in den Verlustlisten als tot oder vermißt?

Den kleinen Markt vor der Kirche bekränzt ein Viereck von Bäumen. Viele von ihnen waren niedergeschlagen und lagen nun da, ein Haufen Reisig und Brennholz. Auf diesen Markt hinaus ging auch die hohle, zertrümmerte Fassade eines Hauses, über dessen Portal man die Worte »Hôtel de Ville« zu erkennen glaubte und die Jahreszahl 1731. Sein Vestibül mit Eingang zum Bureau de Police war ein einziger Kehrichthaufen von Kleiderfetzen, Möbeln und Papier. Das Polizeiarchiv lag umhergestreut; darunter die ganze Auflage einer kleinen Schrift: »Traité pour l'éclairage au gaz de la ville de Longwy, du 9 Janvier 1912 au 23 décembre 1961.« Sie sollte also für ganze fünfzig Jahre gelten. Bei der Drucklegung des Heftes ahnte noch niemand, daß das Gas schon 1914 verlöschen würde. Die Blätter raschelten, wenn der Wind durch die öden Räume strich.

Der untere Stadtteil zeigte dagegen keine andern Spuren vom Krieg als wenige deutsche Uniformen. Das deutsche Militär wanderte seelenruhig durch die Straßen der eroberten Stadt, in deren Zentrum die Zivilbevölkerung ganz zahlreich war.

Kurze Zeit darauf fuhr ich über die Grenze nach Luxemburg und erreichte bei Sonnenuntergang wieder die Hauptstadt des kleinen Großherzogtums.


[20. Ein Brief an den Kaiser.]

Durch den Hofmarschall Freiherrn von Reischach erhielt ich am 25. September eine Einladung zur Mittagstafel des Kaisers für 1 Uhr. Unter den Anwesenden waren außer dem Hofmarschall die Herren von Plessen, von Gontard und von Buch, letzterer deutscher Gesandter in Luxemburg; ferner der Feldprediger des Kaisers und einige Adjutanten. Am Vormittag war die Nachricht von Prinz Oskars Krankheit eingetroffen; er hatte sich durch Überanstrengung eine Art Herzkrampf zugezogen. Ich erwartete daher, den Kaiser niedergeschlagen zu finden, aber keine Spur davon. In jugendlicher, militärischer Haltung trat er herein, hieß mich wieder mit kräftigem Händedruck willkommen und nahm einen Brief aus der Tasche, den er mich aufmerksam zu lesen bat, während er sich mit seinen Herren unterhielt. Der Brief war direkt an den Kaiser gerichtet; ein Feldwebel, der neben Prinz Joachim gestanden hatte, als dieser verwundet wurde, schilderte darin, wie tapfer und vorbildlich sich der Prinz benommen hatte. Der Bericht war einfach und ohne jeden Wortprunk, aber er zeigte, wie fest und tief die Treue wurzelt, die das deutsche Heer mit seinem obersten Kriegsherrn verbindet; sie macht die beiden zu dem festen und unerschütterlichen Felsen, auf dem das Deutsche Reich erbaut ist. Als der Kaiser zurückkam und mich fragte, was ich von dem Briefe dächte, antwortete ich bloß: »Es muß Ew. Majestät eine Freude sein, solche Grüße aus den breiten Schichten des Volks zu erhalten.«

»Ja,« antwortete er, »nichts freut mich so sehr wie die Beweise von der Treue des Volks und seinem unmittelbaren Zusammenhang mit meiner Armee. Einen Brief wie diesen verwahre ich unter meinen wertvollsten Papieren.«

Dann sprachen wir von Prinz Oskars Krankheit. Im Zusammenhang damit äußerte der Kaiser: »Nun ist auch Hohenzollernblut geflossen. Ich habe sechs Söhne und einen Schwiegersohn im Krieg, und von den vielen deutschen Fürsten, die an der Front kämpfen, haben schon mehrere ihr Leben für Deutschlands Sache geopfert.« Im übrigen drehte sich die Unterhaltung um meine Erlebnisse bei der fünften Armee und die Kriegsereignisse.

Den Beschluß des Tages bildete ein Abendessen beim Reichskanzler von Bethmann-Hollweg.


[21. Die Eisenbahn im Kriege.]

26. September. Kurz vor 9 sollte ich auf dem Bahnhof sein und den Zug benutzen, der ein Weimarer Landsturmbataillon nach Charleville beförderte. Aber über Nacht war der Fahrplan geändert worden, der Landsturmzug ging erst später; dagegen stand ein Munitionszug zur Abfahrt nach Sedan bereit, zweiundzwanzig offene, mit Planen bedeckte Wagen und ein paar geschlossene. In dem einen der letzteren nahm ich Platz. Meine Nachbarn waren Bedeckungsmannschaften, zehn oder zwölf Mann Ersatzreserve; sie kamen von Mainz und hatten in diesem Zug acht Tage und acht Nächte zugebracht! Unser Wagen hatte sich aus dem Nordosten Deutschlands hierher verirrt; er trug die Bezeichnung: »Preuß.-Hess. Staatseisenbahnen, Nord-Ost«, und in meinem Abteil hing eine Karte über die Bahnstrecke Berlin-Memel.

Eine menschenfreundliche Seele im Hotel Staar hatte mir geraten, Proviant mitzunehmen, da es mehr als zweifelhaft sei, ob ich unterwegs etwas Eßbares auftreiben könnte. Also wurden mir mit dem übrigen Gepäck vier tüchtige Butterbrote mit Schinken und Käse, drei Eier und zwei Flaschen Mineralwasser ins Kupee gebracht.

Dann ging es hübsch langsam los, aus dem Luxemburger Bahnhof heraus, an einem stehenden Zug vorüber, der mit plaudernden, rauchenden, lachenden Soldaten vollbepackt war, die ausgezeichneter Stimmung zu sein schienen. Die Fahrt ging an gemütlichen Dörfern, Höfen und Wäldern vorüber, an Wiesen mit grasenden Rindern, Feldern mit pflügenden Bauern, an Landstraßen und Chausseen mit langen Baumreihen. In Luxemburg gab's keine zusammengeschossenen Häuser, keine obdachlosen Menschen. Wohl war die Einquartierung deutscher Truppen wenig angenehm, aber die Luxemburger haben alles bei Heller und Pfennig ersetzt bekommen.

Auf den Straßen keine Truppen, keine knarrenden Kolonnen. Wie das kommt, so nahe der Front? Nun, soweit die Eisenbahnen gehen und in Zusammenhang mit dem deutschen Eisenbahnnetz stehen, besorgen sie den ganzen Transport bis zum Beginn der Etappenstraßen, wo es keine Eisenbahnen gibt. Deshalb sieht das Land zu beiden Seiten der Bahn so idyllisch aus, und das einzige, was an den Krieg erinnert, ist der Trubel an den Haltestellen und die Posten, die die Bahn bewachen und oft so dicht stehen, daß der eine den andern sehen kann. Deutsche Eisenbahntruppen besorgen den Betrieb und Landsturm die Bewachung.

Unser Gleis führt über Mamer und Kapellen. Das Gelände ist schwach gewellt, nach allen Seiten breiten sich flache, sonnenbestrahlte Felder. Zwischen zwei Stationen halten wir. Warum? Auf dem Nebengleis kommt ein gewaltiger Zug mit lauter leeren Güterwagen; keine Menschenseele ist darin, man hört, wie leer sie sind; mit hohler Resonanz rasseln sie vorüber; sie haben irgendeiner Armee Verstärkungen gebracht und gehen nun nach Luxemburg zurück, um neue Mannschaften zu holen. —

Sterpenich! Wir sind also in Belgien. Die Landschaft ist die gleiche, auch hier deutsche Wachtposten, auch hier pflügende Bauern auf den Äckern wie in Luxemburg. Nicht einmal die Zollrevision erinnert uns daran, daß wir ein neues Land betreten: der Krieg reißt alle Schranken nieder.

In Arlon halten wir länger. Im Südwesten hört man Kanonendonner; ob er aber von Verdun oder vom Argonner Wald herkommt, können meine Reisekameraden nicht entscheiden; er klingt dumpf, aber deutlich.

Zuweilen fährt der Zug mit gewöhnlicher Geschwindigkeit, aber bald bereut er das und fährt wieder langsam, als ob die Last von Toten, die er in Form von Geschossen mit sich führt, die Erschütterung nicht vertrüge. Der Bahnkörper liegt nun hoch, und wir fahren auf einer Brücke über eine Landstraße. Unten steht ein Soldat mit einem Gewehr und sieht zum Zug hinauf.

Da plötzlich ein Dorf, zusammengeschossen und eingeäschert, nur noch aus kahlen Mauern bestehend, die zwischen Bäumen hervorlugen. Eine Allee ist zum Teil umgehauen, auch die Bäume am Rande eines Gehölzes in der Nähe der Bahn sind gefällt. Wohl um die Bewachung zu erleichtern und Attentaten vorzubeugen? Nein; weiterhin sind die Stämme aufgestapelt, ein Güterzug wartet auf sie; sie sollen als Bahnschwellen dienen.

»Langsam fahren!« steht an scharfen Kurven auf großen Schildern; die deutschen Lokomotivführer fühlen sich noch nicht so heimisch. Doch ist der Verkehr nicht besonders lebhaft; man begegnet nur wenigen Zügen auf dieser zweispurigen Bahn.

Lavaux — Cousteumont — Hamipre, kleine Stationen; die Soldaten sitzen in guter Ruh, rauchen Zigarren und lesen die neuesten Zeitungen. Longlier-Neufchateau, eine größere Station; vom Kupeefenster aus werden einige zerstörte Häuser sichtbar. Bei Libramont geraten wir dicht neben einen gewaltigen Truppenzug, der wie wir Sedan zum Ziel hat. Der ganze Zug ist laubgeschmückt, als ging es zu einem Sommerfest. Draußen zwischen den Wagenfenstern liest man mit Kreide geschriebene Sprüchlein, die von der guten Laune der Passagiere zeugen, z. B. »Auf zum Mittagessen nach Paris; steht schon bereit«, und andere derartige Scherze. Unter fröhlichem Singen und Lachen rollt der Zug seinem unbekannten Schicksal zu.

Nach einstündigem Aufenthalt kommt die Reihe wieder an uns, und wir fahren über Felder, auf denen duftende Hafergarben wie Soldaten in Reih' und Glied stehen. Eine Brücke ist zu Beginn der Invasion gesprengt worden, offenbar um den Bahnverkehr zu stören, der unter ihrem Bogen hindurchführt. Nun sind Eisenbahnbautruppen damit beschäftigt, sie wieder herzustellen. Sonst sieht man von der Bahn aus in Belgisch-Luxemburg nicht viel von den Wirkungen des Kriegs.

Von Libramont aus geht die Fahrt endlich nach Südwesten. Auf einer kleinen Station halten wir wiederum unmittelbar neben einem Truppenzug und gleiten langsam an ihm vorüber. Im Wagen dritter Klasse haben die Soldaten Tornister, Gewehre, Waffenröcke und Patronentaschen aufgehängt, alles in malerischer, kriegerischer Unordnung. Einige Leute liegen auf den Bänken und schlafen, andere sitzen, die Beine übereinandergeschlagen, rauchen, lesen, plaudern oder betrachten das Leben draußen. In den Kupees erster und zweiter Klasse fahren Offiziere und Unteroffiziere. Es ist Kavallerie; den Schluß des Zuges bilden die Güterwagen mit den Pferden, in jedem Wagen sechs, je drei und drei mit den Köpfen gegeneinander; von der mittleren Wagenöffnung mit den Schiebetüren sind sie durch Balken getrennt, die an kurzen Ketten hängen; an den Balken sind ihre Halfter festgemacht. Zwischen den Balken, also in der Mitte des Wagens, steht auf Böcken ein Tisch mit zwei Bänken. Hier sitzen ein paar Leute, die gerade mit ihrem Mittagessen beschäftigt sind.

Bertrix! Wieder eine Stunde Aufenthalt. Ein leerer Zug aus Sedan verursacht die Verzögerung. Durch das Fenster fängt man unfreiwillig kleine Brocken von der Unterhaltung der Soldaten auf. »Hast du gehört, daß die Belgier in der Nähe von Arlon eine geheime Funkenstation haben sollen, der man noch nicht auf die Spur gekommen ist?« — »Auf alle Fälle war das eine Glanzleistung von Weddigen.« — »Aber die Verluste zu Land sind viel größer als die zur See. Der Untergang eines Unterseebootes bedeutet zwanzig Mann, ein Sturm zu Land aber zehn- oder hundertmal mehr.« — »Ist es wahr, daß Reims erobert ist?« — »Der rechte Flügel scheint ein gutes Stück zurückgegangen zu sein.« — Alle Gerüchte gedeihen üppig an den Bahnstationen.

Der Stationsvorsteher kommt in mein Abteil, um mir Gesellschaft zu leisten. Er erzählt mir, daß die Steinbrücke, über die wir vorher gefahren sind, am 19. August von den Belgiern gesprengt worden sei, als hier heiß gekämpft wurde. »Wir Eisenbahner,« fügt er hinzu, »wir müssen hier sitzen und dürfen den Kanonendonner nur aus der Ferne anhören. Ins Feuer, wie die andern, dürfen wir nicht.« — »Aber Ihre Arbeit ist doch ebenso wichtig; wie stände es mit dem Feuer an der Front, mit der Verpflegung und den Ersatztruppen, wenn Sie nicht den Eisenbahnbetrieb in Ordnung hielten!« — »Gewiß, aber es ist eine fürchterliche Geduldprobe.«

Endlich kommt der erwartete Zug heran. »Haben Sie keine neuen Zeitungen?« rufen Wachtposten und Eisenbahnarbeiter, als wir langsam vorüberfahren. »Ich habe schon alle weggegeben, die ich hatte«, antworte ich. Aber ich finde noch eine Nummer der Trierischen Zeitung, und am nächsten Ort, wo mehrere Soldaten beieinander stehen, werfe ich sie hinaus. Wie eifrig die Leute die Neuigkeiten verschlingen; einer liest vor, die andern hören zu.

Hier begegnen wir einem lustigen Zug: einige Wagen sind als Reparaturwerkstätten eingerichtet. Da stehen Hobelbänke und Schleifsteine, da liegen Sägen, Meißel, Äxte und Hämmer herum. Andere Wagen sind gestopft voll von Zweirädern, Schubkarren, Spaten, Spießen, Äxten und Hacken und andern Werkzeugen, die man bei Pionierarbeiten, Barrikaden und Schützengräben braucht. Hinter einem langen Tunnel öffnet sich eine herrliche Landschaft, stärker gewellt als die bisherige; unter uns kreuzen sich mehrere große Landstraßen. An der nächsten senkt sich der Bahnkörper jäh herab. Unten ist eine Wachtstube, in der mehrere Landstürmer nach der Arbeit ausruhen und die Stunde abwarten, wo ihre Kameraden abgelöst werden sollen. Eine Schar graugekleideter Arbeiter geht, den Spaten auf der Schulter, die Strecke entlang. An einer kleinen Haltestelle stehen etwa vierzig graue und blaue Soldaten um ihre Gewehre herum. Es nimmt auch nie ein Ende mit den Soldaten! Welche Massen werden nicht allein an den Eisenbahnlinien verbraucht.

Die Sonne geht unter. Hinter einem neuen Tunnel öffnet sich im Tal unter uns die Aussicht auf den gewundenen Flußlauf der Semois. Neue Scharen zurückkehrender Arbeiter. »Noch zwanzig Kilometer bis zur französischen Grenze«, erklärt der eine; ein anderer zeigt in der Nähe eines zerstörten Dorfes auf eine Anhöhe, wo mehrere Massengräber zu liegen scheinen. Die Dämmerung schreitet weiter und geht in Nacht über. Schade, daß man die Aussicht auf dieses herrliche Land verliert. Die Bahn wendet sich in vielen Kurven, bald steigend, bald fallend. Beim Ansteigen geht es hoffnungslos langsam, der Zug quält sich, und das Holz der Wagen seufzt unter der Schwere seiner Last.

Wieder ein Tunnel in Sicht; an seinem Eingang eine kleine Hütte, in der einige Landstürmer sich eben ihr Abendbrot bereiten. Der Zug fährt so langsam, daß wir einige Worte mit ihnen wechseln können. Dann geht's hübsch sachte in die dunkle Öffnung hinein. Die Lokomotive stöhnt und keucht aus Leibeskräften, der Tunnel füllt sich mit Rauch, und man schließt die Fenster. Es geht immer langsamer. Nun kann die Maschine es nicht mehr schaffen, da stehen wir!

Einer meiner Reisekameraden holt in der Finsternis eine kleine Lampe hervor, die die Stimmung erhöht. Der Rauch wird kompakter und dringt in das Kupee herein; wenn das noch lange dauert, ersticken wir alle. Ich öffne einen Augenblick das Fenster und sehe hinaus — nur Nacht und Rauch, aber durch den Rauch sieht man die Funken, die von der Lokomotive sprühen, die neue Kraft zu sammeln scheint. Unser Zug ist mit Munition beladen, und sollte sie gerade hier im Tunnel in die Luft fliegen, dann bekommen die Eisenbahntruppen in den nächsten Tagen viel zu tun!

Die Lokomotive prustet wieder und fängt an, sich zu bewegen. Vorn wird ein Licht sichtbar, vermutlich die Mündung des Tunnels. Nein, nur eine Laterne, deren Schein vom Rauch gedämpft wird. Eine Weile später wieder ein Licht, als ob es endlich tagen wollte; es ist aber nur der Feuerschein der Maschine. Hört denn dieser ewige Tunnel niemals auf? Mehr als eine halbe Stunde sind wir darin. Da wird es endlich heller, und wir atmen wieder frische Luft. Aber vom Tag ist nicht mehr viel übrig; die Dämmerung verwischt die Umrisse der Landschaft, und über der Erde schwebt der Halbmond gelb und spöttisch.