Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1919 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr gebräuchliche Schreibweisen, Schreibvarianten sowie fremdsprachliche Passagen bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Das [Register] wurde dem zweiten Band entnommen und am Ende des Textes eingefügt.

Die Bandnummerierung im Umschlagbild wurde vom Bearbeiter hinzugefügt. Dieses Bild wurde in die Public Domain eingebracht. Ein Urheberrecht wird nicht geltend gemacht. Das Bild darf von jedermann unbeschränkt genutzt werden.

Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original gesperrt gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt erscheinen.

Im Herzen von Asien.

Erster Band.

Im Herzen von Asien.

Zehntausend Kilometer
auf unbekannten Pfaden.

Von

Sven v. Hedin.

Mit 341 einfarbigen und bunten Abbildungen und 5 Karten.

Autorisierte Ausgabe.

Vierte Auflage.

Erster Band.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.


1919.

Meinen deutschen Studiengenossen
gewidmet.

Vorwort zur ersten Auflage.

Das Buch, das ich hiermit den Freunden der geographischen Forschung auf Gnade und Ungnade übergebe, widme ich in der deutschen Ausgabe aus treuer Anhänglichkeit meinen deutschen Studiengenossen.

Es ist meine erste und teuerste Pflicht, unter denjenigen, welche bei vielen vorhergehenden Gelegenheiten meine Pläne mit verständnisvollem Interesse und mit Wärme erfaßt haben, Sr. Majestät König Oskar von Schweden und Norwegen, der mit gewohnter Freigebigkeit meine Reise ermöglichte, meine aufrichtigste Dankbarkeit zu bezeugen.

Auch Sr. Majestät dem Kaiser von Rußland bin ich zu großem Dank verpflichtet für die Unterstützung, die er die Gnade hatte mir zuteil werden zu lassen. Die Kosakeneskorte, die mir der Kaiser zur Verfügung stellte, war für mich von unschätzbarem Wert. Selten habe ich solche Treue und solchen Gehorsam gefunden wie in den Jahren, die ich mit diesen Kosaken zusammen verlebte. In Verbindung hiermit muß ich auch dem russischen Kriegsminister General Kuropatkin dafür danken, daß er mir infolge seiner hohen Stellung die Reise in mehr als einer Beziehung erleichterte.

Sehr zu Dank verpflichtet bin ich allen meinen Landsleuten, die in freigebiger Weise einen ansehnlichen Teil der notwendigen Mittel zur Reise beisteuerten, während ich aus Eigenem das Honorar meiner früheren Reisebeschreibung für meine neuen Forschungen auf asiatischem Boden verwendete.

Mein Buch erhebt nur den Anspruch, ein in großen Zügen angelegtes Tagebuch meiner Erfahrungen und Erlebnisse im Herzen von Asien und eine Beschreibung jener Gebiete zu sein, die ich auf einer Wanderung von über 10000 Kilometern durchquert habe. Diese Länder sind vor mir noch nie besucht und noch weniger beschrieben worden und verdienen daher Aufmerksamkeit. Ich habe versucht, einen Begriff davon zu geben, wie man in der großen Einsamkeit Asiens lebt und wie die Tage dort vergehen. Durch Asien wandelt man nicht auf Rosen. Die Mühe findet jedoch ihren Lohn in dem Bewußtsein, das Wissen der Menschheit vergrößert zu haben. Die wissenschaftlichen Resultate der Reise berühre ich in diesem Buche nur flüchtig, da sie einem besonderen Werke vorbehalten sind, dessen Herausgabe die Freigebigkeit des schwedischen Reichstags ermöglicht hat. Auf die hochverdienten Reisenden, die vor mir oder gleichzeitig mit mir Asien bereist haben, habe ich in meinem Werke selten Bezug genommen, um auf dem mir zur Verfügung stehenden Raume den Verlauf meiner eigenen Reise ausführlicher schildern zu können.

Die absoluten Höhen hat Herr Dr. Nils Ekholm ausgerechnet. Die beigegebenen Karten können nur als vorläufige betrachtet werden. Mit Benutzung meines großen Kartenmaterials hat Hauptmann Byström sie in sehr verdienstvoller Weise, die viele Mühe gekostet hat, ausgeführt. Schwedische Künstler haben durch naturgetreue, wohlgelungene Bilder zum Schmucke der Arbeit beigetragen. Allen diesen Herren sage ich meinen herzlichen Dank für ihre Mitarbeit.

Meine Mutter ist mir eine unermüdliche Korrekturleserin gewesen; sie hat meinen guten Namen vor vielen Schnitzern bewahrt!

Sven v. Hedin.

Inhalt des ersten Bandes.

Seite
Vorwort [VII–VIII]
Einleitung   [1–  7]
Erstes Kapitel. Über den ersten Paß des Kontinents   [8– 17]
Zweites Kapitel. Vorbereitungen zur Wüstenfahrt [18– 24]
Drittes Kapitel. Die Schiffswerft in Lailik [25– 35]
Viertes Kapitel. Zweitausend Kilometer auf dem Tarim [36– 46]
Fünftes Kapitel. Der verzauberte Wald [47– 58]
Sechstes Kapitel. Vierzig Kilometer zu Fuß [59– 69]
Siebentes Kapitel. Friedliche Heiligengräber [70– 80]
Achtes Kapitel. Der große, einsame Tarim [81– 89]
Neuntes Kapitel. In schwindelnder Fahrt flußabwärts [90–100]
Zehntes Kapitel. Der Jumalak-darja auf dem Wege durch die Sandwüste [101–111]
Elftes Kapitel. Im Kampf mit dem Treibeise [112–125]
Zwölftes Kapitel. Wir frieren fest und gehen ins Winterquartier [126–138]
Dreizehntes Kapitel. Eine französische Visite [139–147]
Vierzehntes Kapitel. Ins Herz der Wüste Takla-makan [148–158]
Fünfzehntes Kapitel. Das endlose Wüstenmeer [159–173]
Sechzehntes Kapitel. Dreihundertvierzig Kilometer in 30 Grad Kälte [174–180]
Siebzehntes Kapitel. Zwischen vergessenen Gräbern und ausgetrockneten Flußbetten [181–192]
Achtzehntes Kapitel. Die Ankunft der burjatischen Kosaken in Turasallgan-ui [193–200]
Neunzehntes Kapitel. Der Kurruk-tag und der Kurruk-darja [201–213]
Zwanzigstes Kapitel. Das gelobte Land des wilden Kamels [214–224]
Einundzwanzigstes Kapitel. Der frühere See Lop-nor [225–236]
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Fünfundzwanzig Tage im Kahn [237–251]
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Gefährliche Wasserfahrten [252–265]
Vierundzwanzigstes Kapitel. Die letzte Reise der Fähre [266–277]
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Poesie im innersten Asien [278–285]
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Aufbruch nach Tibet [286–299]
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Über den Tschimen-tag, Ara-tag und Kalta-alagan nach dem oberen Kum-köll [300–313]
Achtundzwanzigstes Kapitel. Fünftausend Meter über dem Meere [314–329]
Neunundzwanzigstes Kapitel. Eine lange Seefahrt [330–343]
Dreißigstes Kapitel. Über stürmische Seen und himmelhohe Berge [344–360]
Einunddreißigstes Kapitel. Aldats Tod [361–371]
Zweiunddreißigstes Kapitel. Ein trügerisches Feuer [372–380]
Dreiunddreißigstes Kapitel. Über sechs Pässe [381–396]
Register. [397]

Abbildungen.

Seite

Porträt des Verfassers (Titelbild)

[1.]

Das englische Faltboot auf dem Panggong-tso in Westtibet. [2.] Islam Bai. [3.] Brücke oberhalb Gultscha

8

[4.]

Meine erste Karawane

9

[5.]

Meine Kamelkarawane. [6.] Rast in der Oase Nagara-tschalldi

16

[7.]

Oase Nagara-tschalldi

17

[8.]

Durch die Furt des Kisil-su

24

[9.]

Nikolai Fedorowitsch Petrowskij. [10.] Die Kosaken Sirkin und Tschernoff

25

[11.]

Ein Seiltänzer in Kaschgar

32

[12.]

Aufbruch der ersten Karawane aus Kaschgar

33

[13.]

Übergang über einen Kanalarm unterhalb Kaschgar

40

[14.]

In der Wüste zwischen Terem und Lailik

41

[15.]

Kurze Rast in der Wüste. [16.] Das Zelt meiner Leute in Lailik. [17.] Transport der Fähre nach dem rechten Flußufer

48

[18.]

Bau der schwarzen Kajüte

49

[19.]

Die Werft. [20.] Tänzerinnen und Musikanten beim Abschiedsfest in Lailik. [21.] Frauen und Kinder unserer Bootsleute auf dem Wege zur Fähre

56

[22.]

Die Fähre aus dem Jarkent-darja

57

[23.]

Der Verfasser an seinem Arbeitstisch an Bord der Fähre

64

[24.]

Lager am Strand

65

[25.]

Das Innere meines Zeltes auf der Fähre. [26.] Hirtenhütte in der Nähe des Masar-tag. [27.] Kasim beim Fischfang

72

[28.]

Unser Lager bei Kurruk-aßte

73

[29.]

Kasim mit seinem Fang. [30.] Eingeborene am Ufer des Tarim. [31.] Begräbnisplatz am Sai-tag

80

[32.]

Der Jarkent-darja am Sai-tag. [33.] Falkner mit Jagdadler. [34.] Die Fähre an der Mündung des Aksu-darja

81

[35.]

Landung an der Mündung des Aksu-darja

88

[36.]

Unser Nachtlager bei Ala Kunglei Busrugvar

89

[37.]

Kähne auf dem mittelsten Tarim. [38.] Der See Koral-dungning-köll. [39.] Der Jumalak-darja von Koral-dung aus gesehen

96

[40.]

Besuch des Beks von Schah-jar in Tschimen

97

[41.]

Frühstücksrast auf dem Jumalak-darja. [42.] Rekognoszierender Kahn

104

[43.]

Ördek und Palta als Lotsen

105

[44.]

Drohender Schiffbruch

112

[45.]

Kähne auf dem unteren Tarim. [46.] Tokkus-kum. [47.] Dorf Al-kattik-tschekke

113

[48.]

Treibeis auf dem unteren Tarim. [49.] Blick vom rechten Tarimufer flußaufwärts. [50.] Die Fähre an der Mündung des Ugen-darja

120

[51.]

Begrüßung Parpi Bais und Islam Bais

121

[52.]

Kleine gebundene Dünen bei Karaul. [53.] Verlassene Hütten am Seit-köll. [54.] Unser Hauptquartier Tura-sallgan-ui

128

[55.]

Winterquartier in Jangi-köll mit meinen Leuten

129

[56.]

Zusammentreffen mit dem Franzosen Bonin

136

[57.]

Bonin im Hauptquartier. [58.] Parpi, Palta und Islam auf den äußersten Dünen des Sandmeeres am Jangi-köll

137

[59.]

Sandsturm in der Wüste

144

[60.]

Abstieg über den steilen Abfall einer Sanddüne

145

[61.]

Das endlose Wüstenmeer

152

[62.]

Karawane auf dem Astin-joll. [63.] Hirtenhütten in Schudang. [64.] Das alte Bett des Tschertschen-darja

153

[65.]

Eine alte Tograk am Tschertschen-darja. [66.] Auf dem Eise des Tschertschen-darja. [67.] Am Ufer des Tschertschen-darja

160

[68.]

Sattma in Araltschi. [69.] Tränken der Pferde. [70.] Schilfhütten in Scheitlar

161

[71.]

Meine Kosaken Tschernoff, Sirkin und Schagdur. [72.] Meine burjatischen Kosaken Tscherdon und Schagdur (mit tibetischer Jagdbeute)

168

[73.]

Basch-tograk. [74.] Tamariskendickicht. [75.] Der Teich bei Kurbantschik

169

[76.]

Tal zwischen Kurbantschik und Budschentu-bulak. [77.] Tograk-bulak. [78.] Ruine bei Jing-pen

176

[79.]

Tschernoffs wildes Kamel. [80.] Eines unserer zahmen Kamele

177

[81.]

Eisschollen in der Oase Altimisch-bulak

184

[82.]

Abdu Rehims Beute

185

[83.]

Gebäude auf Tonsockeln. [84.] Tschernoff und Abdu Rehim bei einem Tora in der Wüste. [85.] Aufrechtstehender Türpfosten

192

[86.]

Der Platz von Ördeks Entdeckung. [87.] Einige von Ördeks Trophäen

193

[88.]

Ein Tschappgan auf dem Kara-koschun. [89.] Im Schilf unterhalb Kum-tschappgan

200

[90.]

Nordufer des Sees Kara-koschun

201

[91.]

Transport der Kähne über Land

208

[92.]

Hütten bei Jekken-öi. [93.] Flußmessung bei Schirge-tschappgan. [94.] Brücke über den Ilek

209

[95.]

Unsere Kähne auf dem Ilek. [96.] Pappeln am Ufer des Ilek. [97.] Im Schilfe auf dem Suji-sarik-köll

216

[98.]

Unsere Kähne bei einem Nachtlager. [99.] Brücke bei Tikkenlik. [100.] Der Kalmak-ottogo-Arm

217

[101.]

Jugend am Ufer des Tarim. [102.] Malenki und Maltschik. [103.] Dünen auf dem rechten Tarimufer

224

[104.]

Gewaltige Sanddünen am rechten Tarimufer

225

[105.]

Sandsturm auf dem Beglik-köll

232

[106.]

Die Fähre sitzt auf dem Tuwadaku-köll im Schilfe fest. [107.] Frauen und Kinder in Tscheggelik-ui. [108.] Stall in Tscheggelik-ui

233

[109.]

Die umgebaute Fähre

240

[110.]

Der Bau der Pontonfähren. [111.] Sattma in Abdall. [112.] Die Pontonfähren auf dem Wege nach Abdall

241

Bunte Tafel. In brennendem Schilfe. Von Ljungdahl

244

[113.]

Tokta Ahun und seine Mutter. [114.] Tamarisken bei Tattlik-bulak

248

[115.]

Frauen und Kinder der Loplik. [116.] Das Gerüst meiner Jurte

249

[117.]

Hauptquartier bei Mandarlik (Blick talabwärts)

256

[118.]

Lager bei Mandarlik (Blick talabwärts). [119.] Landschaft oberhalb von Mandarlik. [120.] Hauptkamm des Tschimen-tag, oberhalb von Mandarlik

257

[121.]

Aufbruch ins tibetische Hochgebirge

264

[122.]

Zwei gefangene Kulanfüllen. [123.] Die Kulanfüllen von vorn gesehen. [124.] Ein Parallelkamm des Arka-tag, von Lager Nr. 19 aus gesehen. [125.] Einige unserer Pferde im südlichen Quertale (3. August 1900)

265

[126.]

Aussicht vom Passe nach Ost zu Nord (3. August 1900)

272

[127.]

Aussicht vom Passe nach Norden (3. August 1900)

273

[128.]

Rast der Karawane während Tscherdons Rekognoszierung (3. August 1900)

280

[129.]

Auf der höchsten Bergkette der Erde

281

[130.]

Allgemeines Trocknen an der Sonne

288

[131.]

Gletschermassiv im Südwesten vom Lager Nr. 27

289

[132.]

Aussicht nach Süden vom Lager Nr. 28 aus

296

[133.]

Bugsierung eines Kamels über den Fluß. [134.] Fester Boden unter den Füßen. [135.] Ein glücklich über den Fluß gebrachtes Kamel

297

[136.]

Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. August 1900), Aussicht nach Nordosten

304

[137.]

Salzsee bei Lager Nr. 35 (27. August 1900), Aussicht nach Südosten

305

[138.]

Meine Jurte im Lager Nr. 35 (27. August 1900), Aussicht nach Norden

312

[139.]

Der Fischberg. [140.] Der Fischberg vom See aus

313

[141.]

Blick vom See aus nach Westen. [142.] Blick vom See aus nach Osten

320

[143.]

In Todesgefahr

321

[144.]

Lagerplatz im tibetischen Hochland. [145.] Umbetten des kranken Aldat. [146.] Ein im Schlamm versinkendes Kamel

328

[147.]

Turdu Bai auf einem Berge in der Nähe des Lagers Nr. 54

329

[148.]

Tscherdons Yak

336

[149.]

Ein erbeuteter Yak. [150.] Ein junger Kulan. [151.] Kopf und Seitenfransen des Yaks

337

[152.]

Blick nach Süden von Aldats Begräbnisplatz

344

[153.]

Lager Nr. 60 in 5111 Meter Seehöhe

345

[154.]

Unser Lager in Togri-sai am 8. Oktober. [155.] Die Kamelkarawane. [156.] Das Illwe-tschimen-Gebirge aus dem Tschimental

352

[157.]

Obo beim Lager Nr. 71 im untern Togri-sai

353

[158.]

Aus dem Hauptquartier in Temirlik

360

[159.]

Das Hauptquartier bei Temirlik

361

[160.]

Tscherdon und Schagdur mit ihrer Beute

368

[161.]

Die Packpferde am Ufer des Ajag-kum-köll

369

[162.]

Der Kalta-alagan von Süden (Lager am 15. und 16. November)

376

[163.]

Der Kalta-alagan von Süden (Lager am 15. und 16. November)

377

[164.]

Turdu Bai und Kutschuk mit dem zusammengelegten Faltboot

384

[165.]

Der Verfasser im Faltboot auf dem Ajag-kum-köll

385

[166.]

Islam Bai und Kutschuk stoßen vom Lande ab

392

[167.]

Das nach dem Passe Gopur-alik hinaufführende Tal

393

Karten.

[Höhenprofil] der Reiseroute.

[Tarim und Wüste Takla-makan.] Maßstab 1 : 2000000.

[Osttibet.] Maßstab 1 : 2000000. Nebenkarte: Faksimile eines Originalblattes meiner Karte des Tarimflusses. Maßstab 1 : 35000.

Einleitung.

Am Johannistage des Jahres 1899, als der nordische Sommer in seiner größten Schönheit prangte, brach ich zum vierten Male von Stockholm nach dem Herzen von Asien auf, zu neuen Forschungen und Abenteuern im fernen Osten. Die Schiffe im Hafen waren reich mit Flaggen geschmückt, sie feierten das Johannisfest. Nur meine Eltern, Geschwister und nächsten Freunde standen am Ufer, als der Dampfer „Uleåborg“ langsam den Stockholmer Strom hinabglitt. Welche Schicksale und Entbehrungen ich auch während der folgenden drei Wanderjahre zu erdulden gehabt, ich habe keinen schwereren Tag erlebt als diesen ersten; denn eine weit größere Entschlossenheit als nachher täglich erforderlich ist, gehört dazu, sich von der Umgebung loszureißen, mit der man von Kindheit an durch die heiligsten Bande des Lebens verknüpft ist.

Auf dieser Reise führte ich viel schwereres Gepäck mit als auf meinen früheren; es wog nicht weniger als 1130 Kilogramm und war in 23 Kisten verteilt, von denen die meisten eigens so angefertigt waren, daß sie von einem Pferde bequem paarweise transportiert werden konnten. Meine Ausrüstung war auch jetzt sehr vollständig. Damit der Leser einen Begriff davon hat, wie man für eine Asienreise ausgerüstet sein muß, will ich hier die wichtigsten Gegenstände aufzählen.

Um mit den astronomischen Instrumenten zu beginnen, so benutzte ich diesmal einen Universalreisetheodoliten und drei Chronometer. Diese Instrumente sind unter allen Umständen die empfindlichsten und erfordern die liebevollste Sorgfalt. Sie nahmen auf der Reise nicht den geringsten Schaden und kamen unversehrt wieder heim.

An topographischen Instrumenten war ich versehen mit: Nivellierfernrohr mit Meßstangen und anderem Zubehör, Nivellierspiegel, Bandmaßen, Kompassen, Diopterkompaß mit Prisma zur Ablesung der Winkel, Meßtisch mit Stativ und Diopter.

Ich nahm auch zwei Strommesser mit, vorzügliche Apparate, die bei unzähligen Gelegenheiten gebraucht wurden und sich auch beim Rudern für Distanzmessungen erfolgreich verwenden ließen.

Die meteorologische Ausrüstung bestand aus einem Hypsometer mit 5 Kochthermometern, einem Aspirationspsychrometer, ein paar Aktinometern, einem Anemometer, einem Regenmesser und einer großen Anzahl gewöhnlicher Thermometer, Quellenthermometer, Maximum- und Minimumthermometer, Thermometer zur Untersuchung der Bodentemperatur usw. Das Kgl. Nautisch-Meteorologische Institut in Stockholm hatte mir einen Tiefseethermometer überlassen. Einen Barographen und einen Thermographen mit vierzehntägigem Gang hatte ich eigens herstellen lassen. Diese selbstregistrierenden Apparate waren mir zur Kontrolle von unschätzbarem Nutzen und arbeiteten vortrefflich. Ein großer Vorteil war, daß ihre Glasgehäuse so dicht schlossen, daß weder Sandstürme, noch atmosphärischer Staub ihren Gang im geringsten beeinflußten.

Drei Aräometer ließen nichts zu wünschen übrig, als daß die Skalen den sehr salzigen Seen Tibets hätten besser angepaßt sein müssen.

Nicht weniger als 58 Brillen hatte ich bestellt. Sehr wenige von ihnen kamen wieder ganz nach Hause. Besonders die Schneebrillen, grau und blau in verschiedenen Nuancen und mit ungeschliffenen Gläsern, fanden bei meinen Karawanenleuten und anderen Eingeborenen reißenden Absatz.

Dieselben Waffen, die mich 1893–97 begleitet hatten, leisteten mir auch jetzt Dienste. Ich hatte sie als Geschenk von dem Direktor der Waffenfabrik zu Husqvarna erhalten, der jetzt so gütig war, mich mit vier weiteren schwedischen Offiziersrevolvern und einer Menge kleinerer Revolver, die hauptsächlich zu Geschenken an die Eingeborenen bestimmt waren, sowie mit reichhaltiger Munition auszurüsten. Da die vier Kosaken, die mir Seine Majestät der Zar auf die Reise mitgab, mit den neuen russischen Magazingewehren versehen waren, besaßen wir ein ziemlich starkes Arsenal, 10 Gewehre und wenigstens 20 Revolver.

Daneben wurden natürlich unzählige Sachen mitgenommen, die ich hier nicht aufzählen kann. Ein paar verdienen jedoch besonders erwähnt zu werden: ein zusammenlegbares Bett, das mir im Sommer die behaglichste Ruhe verschaffte; im Winter und in Tibet schlief ich auf der Erde. Mit großer Zufriedenheit denke ich auch an „James’ Patent Folding Boat“ zurück ([Abb. 1]). Es bestand aus zwei Hälften, die beim Gebrauche zusammengesetzt wurden und eine sehr leichte Last für ein Pferd ausmachten; sogar ein Mann allein konnte es tragen. Sein Zubehör bestand aus zwei Rudern mit Klammern, Mast und Segel und zwei Rettungsbojen. Dieses kleine Fahrzeug war nicht nur von großem Nutzen, sondern bereitete mir auch eine sehr angenehme Abwechslung in der Einförmigkeit des Karawanenlebens. Dank ihm konnte ich in den tibetischen Seen Lotungen vornehmen, was vorher nie geschehen war; auch während der Flußreise leistete es mir große Dienste. Es erweiterte mein Arbeitsfeld und trug mich über Seen, die ich sonst nur vom Ufer aus hätte ansehen können. Einmal setzte dieses leichte, flinke Fahrzeug die ganze Karawane über einen tibetischen Fluß, dessen Umgehung uns großen Zeitverlust verursacht hätte.

Die photographische Ausrüstung erwies sich in jeder Hinsicht als vortrefflich. Dieselbe Watson-Camera, die fast ein Jahr im Flugsande der Wüste Takla-makan begraben gelegen, begleitete mich auch jetzt. Außerdem hatte ich eine kleine Veraskopcamera, ein ganz vorzügliches Instrument, einen Kodak Junior und einen Daylightkodak von Eastman. Es spielte keine Rolle, daß letzterer meinen Erwartungen nicht entsprach, da die drei anderen während der ganzen Reise vortrefflich funktionierten. Die Linsen waren die vorzüglichsten, die zu haben waren; als Glasplatten, die die schwerste Nummer meines Gepäcks ausmachten, benutzte ich Edwards „Antihalo“. Mit allem, was zum Entwickeln, Fixieren und Kopieren gehört, war ich ebenfalls ausgestattet und den größten Teil der aufgenommenen Platten (etwa 2500) entwickelte ich im Laufe der Reise selbst. Nur 700 Platten waren bei der Heimkehr noch nicht entwickelt. Sie wurden immer in verlöteten Blechkasten verwahrt. Allerdings kostete das Entwickeln der Bilder Zeit, aber ich fand, daß die Arbeit in hohem Grade an Interesse gewann, denn es versteht sich von selbst, daß es ein angenehmes Gefühl der Sicherheit gibt, wenn man weiß, daß die Platten gelingen und die Apparate dicht sind. Übrigens muß sich die Expositionszeit nach den Lichtverhältnissen richten, die in Ostturkestan und in Tibet sehr verschiedenartig sind. Da ich eine so vollständige photographische Ausrüstung hatte, kam ich selten dazu, Zeichnungen zu machen, und hatte auch selten Zeit dazu; meist sind ja auch Photographien infolge ihrer absoluten Treue wertvoller.

Hier sei auch erwähnt, daß eine Menge Kleinigkeiten, wie Messer, Dolche, Ketten, Uhren, Kompasse, Spieldosen usw. mitgenommen wurden, die zu Geschenken an die Eingeborenen bestimmt waren. Ein Eskilstuna-Messer erster Güte wird im innersten Asien weit höher geschätzt als ein viel wertvolleres Geldgeschenk. In vielen Fällen sind derartige Kleinigkeiten besser als Scheidemünze und selbstverständlich billiger.

Papier zum Kartenzeichnen, Tage- und Notizbücher, Schreibmaterial, Tintenpulver und dergleichen hatten ebenfalls ein achtunggebietendes Gewicht, aber ich bedurfte dieser Sachen für eine Karte von 1149 Blättern und für ein Tagebuch von 4500 Seiten!

Zur Verwahrung und Beförderung der empfindlicheren Sachen hatte ich sechs Koffer von Korbgeflecht mit wasserdichtem Futteral bestellt. Sie waren leicht und sehr stark und nahmen keinen Schaden, während Holz- oder Eisenkisten gründlich beschädigt wurden. Ferner wurde mir eine dauerhafte Kiste mit 300 Glasröhren für naturgeschichtliche Präparate geliefert.

Die Proviantfrage wurde außerordentlich befriedigend gelöst. Alle Waren (acht Kisten) hielten sich vorzüglich; besonders delikat waren die Schildkröten-, Kaiser- und Ochsenschwanzsuppe, die, fertig in Dosen, nur gewärmt zu werden brauchten. Um eine Schaf- oder Antilopenfleischsuppe schmackhaft und kräftig zu machen, war Liebigs Fleischextrakt unschätzbar und sehr praktisch, da er sich leicht mitnehmen ließ.

Alles war für eine Reise von zwei Jahren berechnet und reichte daher nicht aus. Aber bis in die Lop-nor-Gegend stand ich von Zeit zu Zeit mit Europa in Verbindung und konnte somit im Sommer 1901 Verstärkung erhalten, nicht nur an photographischem Material und Konserven, sondern auch für meine Kasse.

Meine Bibliothek war nicht groß; sie bestand aus: Bibel, Gesangbuch und einem Büchlein mit dem Titel „Parole für den Tag“, das ein Band zwischen mir und den Meinen in der Heimat bildete, ferner aus Supans „Grundzüge der physischen Erdkunde“, Geikies „The great Ice Age“ und Hanns „Handbuch der Klimatologie“, Kerns „Der Buddhismus und seine Geschichte in Indien“, Rhys Davids „Buddhism“, ein paar wissenschaftlichen Nachschlagebüchern, sowie aus Odhners schwedischer Geschichte und ein paar Werken schwedischer Dichtkunst. Alle Karten, welche Reisende über das innerste Asien veröffentlicht hatten, wurden in einer besonderen Mappe verwahrt. Ich konnte demnach ihre Routen sorgfältig vermeiden und Gegenden aufsuchen, wo ich der erste war.

Ein so bedeutendes Gepäck 5300 Kilometer weit auf der Eisenbahn als Passagiergut mitzunehmen, hätte natürlich große Kosten verursacht. Mich aber kostete es nicht eine Kopeke. Seine Majestät der Zar hatte meinem Reiseplane großes Interesse entgegengebracht und mir für Rußland freie Reise und für mein Gepäck Fracht- und Zollfreiheit bewilligt.

In Petersburg genoß ich vom 26.–30. Juni 1899 wieder die Gastfreundschaft unseres Gesandten Reuterskiöld. Wie leid tat es mir, als ich eine Woche später von seinem plötzlichen Hinscheiden hörte! Unserem neuen Gesandten in Rußland, dem Grafen Aug. Gyldenstolpe, bin ich für die große Bereitwilligkeit, mit der er sich sowohl damals als auch während der drei folgenden Jahre meiner Interessen liebevoll angenommen hat, größten Dank schuldig. Er hatte die Güte, es so einzurichten, daß ich, außer der freigebigen Unterstützung, die ich von meinem Freunde Emanuel Nobel erhalten hatte, auch das ganze Reisegeld auf bequeme Weise in Taschkent erheben konnte. In Petersburg hatte ich auch die Freude, täglich mit meinem alten Wohltäter und Freunde, dem berühmten Polarforscher Professor Freiherrn A. von Nordenskiöld zusammenzutreffen. Zu tiefer Trauer für alle, die ihn liebten und bewunderten, und zu unersetzlichem Verluste für die Wissenschaft und unser Vaterland wurde auch er während der Zeit, in der ich fern von der Heimat weilte, dahingerafft.

Ich werde den Leser nicht mit einer Beschreibung der Fahrt durch Rußland und Westasien ermüden. Dem Plane dieses Buches gemäß muß ich an bekannten Orten vorübereilen und den Leser so schnell wie möglich nach dem eigentlichen Schauplatze neuer Erfahrungen und geographischer Entdeckungen führen. Während der letzten Zeit, bevor ich Stockholm verließ, hatte ich angestrengt gearbeitet, und es war daher eine wahre Erholung, sich in dem bequemen Abteil ausstrecken zu können, ungestört durch Korrekturen, Telephon und Zeitungen und Tausende von Bagatellen, die in einem zivilisierten Staate unsere Zeit und unsere Gedanken in Anspruch nehmen. Es war schön, Träumen und Plänen freien Lauf lassen zu können und zu fühlen, daß man sich mit jeder Minute dem Ziele näherte.

Die Fahrt ging über Moskau, Woronesch und Rostow am majestätischen Don und weiter nach Wladikawkas, denselben Weg, den ich bei meiner ersten Reise 1885 zurückgelegt hatte. Von da führte der Weg über das langweilige Petrowsk und über die weite Fläche des Kaspischen Meeres nach Krasnowodsk, einem der trübseligsten Orte, die man sich denken kann.

Kriegsminister General Kuropatkin hatte die große Freundlichkeit gehabt, telegraphisch in Krasnowodsk Befehl zu erteilen, daß mir zur Reise nach Andischan ein ganzer Eisenbahnwagen zur Verfügung gestellt werde. In diesen wurde all mein Gepäck verstaut, und ich selbst hatte es so bequem wie in einem Hotel. Da mein Wagen der letzte im Zuge war, konnte ich von seiner hinteren Plattform aus den Blick über die öde Landschaft schweifen lassen. Ich hatte die Schlüssel zum Wagen und war von den übrigen Leuten im Zuge vollkommen isoliert. Daher konnte ich bei der drückenden Hitze so leicht gekleidet als nur denkbar umhergehen und mich ab und zu im Toilettezimmer an einer Dusche erfrischen.

Am 7. Juli verließen wir nachmittags 5 Uhr die Küste des Kaspischen Meeres, rollten in den asiatischen Kontinent und verloren uns in der öden Steppe. Um Mitternacht fiel die Temperatur, die mittags in Krasnowodsk 37 Grad im Schatten betragen hatte, auf 28 Grad, und die Lebensgeister, die in der Hitze eingeschlummert waren, wachten wieder auf. Am Nachmittag des 8. Juli erreichten wir Aschabad, wo ich Oberst Svinhufvud traf, den ich von meiner vorigen Reise her kannte und der hier Bahnhofsinspektor war.

Ich muß eine kleine Episode von meinem neuen Zusammentreffen mit diesem sympathischen, heiteren Finnen einschalten. Ich bat ihn, nach Merw Auftrag zu geben, daß mein Wagen dort vom Zuge abgekoppelt und bei der ersten Gelegenheit an einen nach Kuschk bestimmten Zug angehängt werde. Auf der Reise durch Transkaspien war ich nämlich auf den Gedanken gekommen: warum sollte ich mir nicht das berühmte Kuschk und die Grenze gegen Herat ansehen, da auf meiner Fahrkarte doch klar und deutlich geschrieben stand: „Mit allerhöchster Erlaubnis wird Dr. Sven Hedin freie Reise und freie Gepäckbeförderung auf allen russischen Bahnen in Europa und Asien bewilligt“!

Oberst Svinhufvud lächelte freundlich, nahm aus seinem Taschenbuch ein Telegramm vom Kriegsministerium und las. „Im Falle, daß Dr. Sven Hedin beabsichtigt, sich nach Kuschk zu begeben, teilen Sie ihm mit, daß dieser Weg allen Reisenden verschlossen ist.“

Damit war die Sache entschieden. In meinem Herzen dachte ich, daß das russische Kriegsministerium sehr klug handelt, wenn es einen Punkt, der in strategischer Hinsicht von großer Bedeutung ist, so scharf bewacht. Ich erfuhr auch, daß diese Seitenbahn nicht einmal Russen offen steht; nur Militärpersonen, die nach der Festung Kuschk kommandiert sind, dürfen sie benutzen.

Am 9. Juli, um 2½ Uhr morgens, waren wir in Merw, von wo die neue Bahnlinie südwärts nach Kuschk abgeht. In der Oase Tschar-dschui mit ihrer lebhaften Station war die Ankunft unseres Zuges das große Ereignis des Tages. Gleich hinter der Station Amu-darja rollte der Zug auf der gewaltigen Holzbrücke über den gleichnamigen Fluß, was volle 26 Minuten dauerte. Als ich 1902 zurückkehrte, war die neue Eisenbrücke fertig.

Nach kurzer Fahrt war ich in Samarkand mit seinem reichen Vegetationsgebiete, das ich am Morgen des 10. Juli verließ. Hinter Dschisak hatten wir die einförmige, ebene Steppe zu kreuzen. Die Stationen heißen nach Generalen, die in der Geschichte des Landes eine Rolle gespielt haben, Tschernajewa, Wrewskaja usw. Schließlich rollt der Zug über den Sir-darja, und man ist in Taschkent, der Hauptstadt Turkestans, mit ihrem großen, lebhaften Bahnhofe, dessen Bedeutung noch größer wird, wenn in ein paar Jahren die Bahnstrecke Orenburg-Taschkent fertig ist.

Nach einem Besuche beim Generalgouverneur und bei alten Freunden und nachdem ich im Observatorium meine Chronometer verglichen hatte, verließ ich am Abend des 12. Juli Taschkent wieder.

Hinter Tschernajewa fährt der Zug das Ferganatal hinauf. Im Süden zeigte sich die turkestanische Bergkette, die bald in den Alai mit seinen schneebedeckten Kämmen und Gipfeln übergeht. In Dörfern oder wo Wege die Bahnstrecke kreuzen, haben sich manchmal Sarten versammelt; sie haben sich noch nicht ganz mit der seltsamen, schnellen „Maschina“, die auf dem „Temir-joll“ (Eisenbahn) dahinsaust, befreundet. Um 9 Uhr erreichten wir Andischan, den Endpunkt der zentralasiatischen Eisenbahn.

Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, war es mir eine große Freude, meinen alten treuen Diener Islam Bai ([Abb. 2]) dastehen zu sehen, ebenso ruhig und sicher wie sonst; im blauen Chalate mit der von König Oskar von Schweden verliehenen goldenen Medaille auf der Brust. Er war sich gleich geblieben, sah gesund und kräftig aus, war aber freilich älter geworden, und sein Bart war ergraut; er selbst meinte, er sei ein Greis geworden. Ich begrüßte ihn herzlich; dann unterhielten wir uns drei Stunden lang, teils über seine vier Monate lange Heimreise von Urga im Jahre 1897, teils über die bevorstehende Reise. Islam erfaßte meine Pläne mit dem lebhaftesten Interesse. Es war mir eine Beruhigung, ihm jetzt das ganze Gepäck anvertrauen zu können, das er auf Arben (Wagen) nach Osch führte. Von diesem Tage an wurde er wieder mein Karawan-baschi (Karawanenführer); er kannte von früher her genau meine Reisegewohnheiten und Wünsche und besorgte alles, was zur Karawanenausrüstung gehörte. — Armer Islam Bai! — Mit den schönsten Hoffnungen traten wir zusammen jene lange Reise an, die für ihn auf so beklagenswerte, unglückliche Weise enden sollte!

Erstes Kapitel.
Über den ersten Paß des Kontinents.

In Osch verlebte ich zwei sehr angenehme Wochen bei Oberst Saizeff, meinem vortrefflichen Freunde aus Pamir, und im Kreise seiner liebenswürdigen Familie. Er war jetzt Ujäsdnij natschalnik (Distriktschef) über den Distrikt Osch, der 175000 Einwohner zählt, während seine Hauptstadt von 35000 Sarten, 150 Russen und 800 Mann Garnison bewohnt ist. Die einzige Unbequemlichkeit während meines Aufenthalts in Osch war eine heftige Augenentzündung. Doch ich verlor nicht viel durch diesen unfreiwilligen Arrest, denn Islam Bai ordnete unterdessen das Gepäck, stellte die Karawane zusammen, mietete Diener, ließ zwei Zelte anfertigen und besorgte die notwendigen Einkäufe. Einmal besuchten Saizeff und ich Islam in seinem Heim, einer einfachen, ärmlichen Lehmhütte in der Sartenstadt, wo er auf eigenem Grund und Boden mit seiner Frau und fünf Kindern wohnte, unter die ich Goldmünzen und andere Geschenke verteilte, um sie über die bevorstehende Trennung von dem Gatten und Vater zu trösten. Auf der vorigen Reise hatte Islam monatlich 25 Rubel erhalten; jetzt wurde sein Lohn auf 40 erhöht, was für einen Asiaten, der überdies ganz freie Station hat, eine bedeutende Summe ist. Der Lohn des ersten Jahres wurde als Vorschuß Oberst Saizeff eingehändigt, der davon monatlich 10 Rubel an Islams Familie auszahlte.

1. Das englische Faltboot auf dem Panggong-tso in Westtibet. ([S. 2.])

2. Islam Bai. ([S. 7.])

3. Brücke oberhalb Gultscha. ([S. 10.])

4. Meine erste Karawane. ([S. 10.])

Als ich mich ganz wiederhergestellt fühlte und alles bereit war, wurde die Abreise auf den 31. Juli 1899 festgesetzt. Die Karawane brach frühmorgens auf und lagerte im Dorfe Madi. Nach einem glänzenden Diner bei Oberst Saizeff verließ ich nachmittags Osch, begleitet von meinen Wirten und verschiedenen jungen Damen und Offizieren. In einem Haine bei Madi waren die Zelte aufgestellt, und der Min-baschi der Gegend hatte eine geräumige Jurte (Zelt) mit Stühlen und Tischen hergerichtet, die unter den Delikatessen des Dastarchans (Imbiß) beinahe brachen. In der Dämmerung kehrten meine russischen Freunde nach Osch zurück. Erst jetzt war ich von der Zivilisation abgeschnitten und fühlte, daß ich mich wieder auf der Reise befand. Als abends 9 Uhr die erste Reihe meteorologischer Ablesungen gemacht wurde, war ich wieder im alten Gleise und gedachte der 1001 Nächte, die ich vor nicht langer Zeit unter ähnlichen Verhältnissen im Herzen des großen, öden Asiens verlebt hatte! Jetzt aber bewohnte ich ein prächtiges Zelt aus doppeltem, wasserdichtem Segeltuch, das mit Teppichen geschmückt und mit dem Feldbett und meinen Instrumentkisten möbliert war. Gesund und herrlich war es, wieder im Freien im Zelte zu wohnen, vor mir ganz Asien und eine Welt von Hoffnungen auf neue, wichtige Entdeckungen!

Islam hatte zwei nette junge Hunde, die wirklich hübsch zu werden versprachen, angeschafft; der eine, ein Hühnerhund, hieß Dowlet (Reichtum), der andere, ein asiatischer Wilder von gemischtem Blute, hörte auf den Namen Jolldasch (Reisegefährte). Sie wurden an mein Zelt angebunden, um allmählich daran gewöhnt zu werden, daß sie dessen treue Wächter sein müßten, was nicht viele Tage dauerte. Ich hatte diese Hunde so lieb, daß mir später ihr Verlust den tiefsten Schmerz bereitete.

Die Karawane bestand aus Islam Bai als Führer, Kader Ahun und Musa, Dschigiten (Kuriere) aus Osch, die für 15 Rubel monatlich angeworben waren, und vier Karakeschen (Pferdewärtern), welche die 26 Pferde begleiteten, die ich für 8 Rubel pro Stück für die ganze Wegstrecke bis Kaschgar (450 Kilometer) gemietet hatte. Die Leute hatten zwei Zelte, um welche das Gepäck ganze Bastionen bildete. Die ersten Tagereisen, soweit die neuangelegte Fahrstraße reicht, zog ich es vor, im Wagen zu fahren.

Am Morgen des 1. August dauerte es ziemlich lange Zeit, bis die Karawane marschfertig war. Es handelte sich darum, die Kisten und sonstigen Lasten genau abzuwägen, so daß sie paarweise gleiches Gewicht hatten und bequem auf dem Packsattel des Pferdes lagen.

Gleich hinter Madi wird die Landschaft durch die ersten Aule (Zeltdörfer) von Ferganakirgisen inmitten großer Herden von Schafen, Ziegen, Rindern, Kamelen und Pferden belebt. Besonders die Frauen mit ihren roten Gewändern, ihren Schmucksachen und hohen, weißen Kopfbedeckungen erregen Aufmerksamkeit. In Bir-bulak mit seinen russischen Häusern und Aulen machten wir den ersten Halt.

Die nächste Tagereise führte uns über den kleinen Paß Tschiger-tschig. Kirgisische Reiter griffen in lange, an der Deichsel befestigte Seilschlingen vor den Pferden meines Phaethons, und munter ging es die Paßhöhe hinauf. Aber die Fahrt abwärts, wo es viel steiler ist und der Weg in unzähligen Zickzackkrümmungen hinläuft, ist recht waghalsig. Würde nicht das eine Hinterrad gebremst, so würde der Wagen schneller hinabrollen, als es für den Fahrenden gut wäre.

Das klare Wasser des Baches Ile-su rauscht herrlich zwischen Steinen und Büschen dahin und bildet oft schäumende Kaskaden. Das Tal öffnet sich, vor uns zeigt sich Gultscha mit seinen leicht zu zählenden russischen Häusern, dem Fort mit einer Sotnja (100 Mann), den Kasernen, der letzten Telegraphenstation und dem Basare, umgeben von schlanken Pappeln. Der kleine Ort liegt am rechten Ufer des Kurschab- oder Gultscha-darja, der ziemlich wasserreich ist, obgleich die Tiefe 80 Zentimeter nicht übersteigt.

Der am rechten Ufer des Gultscha-darja weiterführende Weg ist vortrefflich, obgleich er bergauf und bergab geht; er wird aber auch jährlich sorgfältig unterhalten und muß jeden Frühling ausgebessert werden, weil er, namentlich an den Pässen, durch Lawinen und durch die Schneeschmelze zerstört wird. Die Brücken sind aus Holz und befinden sich an schmalen Stellen, bei denen eine einzige Spannung genügt ([Abb. 3]). Welch ein Unterschied gegen die schlechten, schwankenden Stege, die für die Bedürfnisse der Kirgisen genügten und die ich während meines früheren Besuches kennen lernte. Seitdem hat der Weg strategische Bedeutung erhalten; er geht durch das Alaital nach Bordoba (Bor-teppe) und von da über den Kisil-art und Ak-baital nach Pamirskij Post. Man kann jetzt den ganzen Weg fahren und Proviant, Bauholz usw. auf Karren nach den Ufern des Murgab bringen; selbst mit Artillerie kann man nun das öde Gebiet von Pamir durchkreuzen. An mehreren Stellen, wie Bordoba und Kara-kul, hat man steinerne Stationsgebäude erbaut. Sie liegen im Terrain so maskiert, daß man ahnungslos daran vorbeireiten würde, wenn man ihre Lage nicht kennte. Sie enthalten heizbare Zimmer mit Proviant usw., wo Reisende und Dschigiten im Winter oder bei Schneestürmen eine erwünschte Freistatt finden sollen. Die kleinen Herbergen und Hütten, in denen ich im Februar 1894 übernachtete, waren eingegangen.

Hier und da steht noch eine Pappel (Terek). Der Artscha (Wacholder) beginnt an den Abhängen aufzutreten. Wir sehen viele, gar nicht scheue Rebhühner. Bei Kisil-kurgan (rote Festung) steht ein kleines Lehmfort, wo die Kirgisen uns Tee vorsetzten. Ein wenig davon entfernt rastete ich im Schatten eines herrlichen Pappelhains, um die Karawane zu erwarten, und erfreute mich im Wagen des schönsten Schlafes, den ich seit langem genossen. Er war mir auch nötig, denn des bewegten nächtlichen Lebens und des Lagerlärms war ich noch ungewohnt. Doch nach einer Stunde weckten mich Rufe und Pfiffe: unsere stattliche Karawane marschierte vorbei ([Abb. 4], [5]). An der Spitze ritt ein Mann auf einem Esel und führte die drei Pferde, welche meine kostbaren Instrumentkisten trugen. Die übrige Karawane ist in drei Abteilungen geteilt, jede von einem Dschigiten überwacht, während einige Männer zu Fuß gehen, um die Lasten, die herunterrutschen oder nicht im Gleichgewicht sind, zurechtzurücken. Kader Ahun reitet hinterdrein; ihn begleitet ein neuangeschaffter, noch angebundener Karawanenhund. Fröhlich klingen die Glocken und geben ein gellendes Echo. Der lange Zug verschwindet hinter einem Hügel, taucht wieder auf und entschwindet wieder meinen Blicken, indem er langsam einen steilen Hang hinabzieht. Aber bald hole ich ihn ein.

Der Weg wird steiniger und zieht sich große Strecken lang auf der Höhe steil abfallender Schuttkegel und Geröllhügel hin, deren Basis vom Flusse bespült wird. Wo Nebentäler einmünden, öffnen sich malerische Perspektiven in das Gebirge hinein. Immer noch kommen Pappeln und Sträucher vor, die Steigung nimmt ein wenig zu, immer häufiger zeigen sich Stromschnellen, und immer lauter rauscht der Fluß. Bei der Talweitung Kulenke-tokai sieht man am rechten Flußufer einen sehr schönen Pappelhain, wo die Kirgisen freundlicherweise eine Jurte für uns aufgeschlagen hatten, da sich hier gerade keine Nomaden befanden, in deren Zelten wir hätten rasten können. Ich zog jedoch vor, die Ankunft der Karawane abzuwarten, um in meinem eigenen „Hause“ zu wohnen.

An diesem Punkte brachten wir den ersten Ruhetag der Reise zu. Es war ein herrlicher stiller Platz, denn die Pferde waren nach Jeilaus (Weideplätzen) in der Nachbarschaft gebracht worden. Der Himmel war trüb, die Temperatur angenehm. Abwechselnd wehte es talaufwärts und talabwärts, und wie eine Einweihungshymne klang es, wenn der Wind in den Kronen der dicht belaubten Bäume rauschte. Man konnte träumen und diesen wohlbekannten Lauten lauschen, die an so manche Ereignisse von früheren Reisen erinnerten. Ich sah in Gedanken den kommenden Jahren entgegen, in deren Schoße so viele seltsame Ereignisse und Abenteuer, so viele harte Schicksale und Entbehrungen, Verluste, Siege und Entdeckungen schlummern sollten! Noch hatte ich das Gefühl der Einsamkeit nicht völlig überwunden, aber die Zeit stählt das Gemüt, und der Mechanismus des Karawanenlebens geht bald seinen vorgeschriebenen Gang. Der Unterschied gegen die zwei vorhergehenden Jahre war recht schroff. Nach dem Aufenthalte im Weltgetümmel und in zivilisierten Verhältnissen war es ein seltsames Gefühl, wieder fort und vergessen zu sein, von der eigenen Sehnsucht verurteilt, im innersten Asien zu verschwinden. Noch am Abend sang es melancholisch in den Pappeln, und in dem unermüdlichen Rauschen des Flusses glaubte ich die alte, wohlbekannte Mahnung zur Geduld, die schließlich zum sicheren Siege führe, wiederzuhören. Jetzt erschien das Ziel noch fern und dunkel, aber jeder Tag würde mich ihm einen Schritt näher führen, und kein Tag würde ohne neue Erfahrungen und Forschungsgewinne vergehen. Still und verlassen lag das Biwak da; kein Rauch deutete auf Feuer, keine Menschen zeigten sich, denn meine Leute gaben sich in der Jurte dem Schlafe hin, nur der Fluß und der Wind störten die feierliche Stille.

Kurz nach Mitternacht fiel Regen, der lustig auf die Zeltleinwand trommelte. Es klang gemütlich und führte gegen Morgen eine ziemlich fühlbare Abkühlung herbei. Die unerwartete Dusche brachte Leben ins Lager, und die Leute waren sofort auf den Beinen, um das draußen stehende Gepäck unter Dach zu bringen.

Gleich hinter dem Lager überschreiten wir ein paarmal den Fluß und halten uns dann meistens auf dem rechten Ufer. Bei Sufi-kurgan läßt man links das Terektal liegen, das nach dem Passe Terek-davan hinaufführt, über den ein näherer, aber schwerer passierbarer Weg nach Kaschgar geht. Oberhalb dieses Tales ist die Wassermenge des Hauptflusses geringer, doch wird das Tal wieder breit, und sein gleichmäßig abfallender Boden hebt sich grau ab gegen die roten Terrassen von Sand, Geröll und Ton, welche das Bett zwischen ihren lotrechten Wänden einschließen. Dann passieren wir am linken Ufer einen kleinen, sanften Bergrücken auf dem Passe Kisil-beles, wo wir im Schatten massiger Artschas rasten. Es ist recht frisch, es geht ein lebhafter Wind, und auf den Bergkämmen fällt leichter Regen. Das Lager dieses Tages wurde in dem offenen Tale Bosuga aufgeschlagen. Wie gestern legten wir 39 Werst zurück; noch sind Werstpfähle längs des Weges angebracht.

Meine Hündchen Dowlet und Jolldasch waren klassische Wesen; sie waren erst ein paar Monate alt und konnten so weite Strecken noch nicht laufen. Wir hatten sie daher in einem Weidenkorbe hinten an meinem Wagen festgebunden. Anfangs waren sie über diese Art zu reisen so erstaunt, daß sie sich ganz still verhielten; bald aber hatten sie sich daran gewöhnt, und Dowlet, der den besten Platz haben wollte, hielt Jolldasch im Zaume und schalt ihn aus, wenn er nicht gehorchte; der Ärmste winselte beständig ganz jämmerlich. Wenn sie im Lager aus ihrem Gefängnis herausgelassen wurden, waren sie überselig und liefen wie die besten Freunde miteinander, aller Beißereien im Korbe vergessend. Schon jetzt fühlten sie sich im Lager heimisch und schliefen nachts neben meinem Bette. Sie hielten recht gute Wacht und bellten wie toll bei dem geringsten verdächtigen Geräusch. Ihre Mahlzeiten nahmen sie stets bei mir ein und entwickelten dabei einen beängstigenden Appetit.

Die Nacht auf den 6. August war recht kalt, und die Minimaltemperatur fiel auf 1 Grad unter Null. Ich mußte Pelz, Filzdecken und Mütze auspacken Die Luftverdünnung dagegen belästigte mich nicht im geringsten, doch merkte man an der sich bei anstrengenden Bewegungen einstellenden Atemnot, daß hier das herrschte, was die Eingeborenen „Tutek“ nennen, das Gefühl, welches man auf Hochpässen empfindet. Der Weg folgt dem Talldikbache aufwärts, manchmal im Bachbette selbst, das man verläßt, um die Abhänge hinaufzuklettern. Nachdem wir verschiedene Nebentäler passiert, beginnt der eigentliche Anstieg, der nicht sehr steil ist, da der Weg in zahllosen Zickzackwindungen angelegt ist. Das Gestein ist schwarzer, stark gefalteter Schiefer. Auf der Höhe des Talldikpasses steht ein mit einem Geländer umgebener Pfahl; zwei gußeiserne Tafeln an demselben verkünden, daß der Paß 11800 Fuß (3617 Meter) hoch ist, 88 Werst von Gultscha liegt und daß der Weg angelegt worden ist, als A. B. Wrewskij Generalgouverneur und N. J. Korolkoff Gouverneur waren. Die Wegarbeiten begannen am 24. April 1893 und endeten am 1. Juli desselben Jahres unter Leitung des Majors Grombtschewskij. Auf der anderen Seite, nach dem Alaitale zu, ist der Abstieg weniger steil. Kein einziger Wacholder überschreitet den Paß; auf der Alaiseite sind die Abhänge ganz unbewaldet.

Am oberen Sarik-tasch verabschiedete ich meinen Arabatschi (Kutscher) und gab ihm ein anständiges Trinkgeld und einen Dolch; er hatte sich gut geführt und den Wagen wohlbehalten bis ins Alaital gebracht. Von jetzt an ritt ich und weihte einen ungarischen Feldsattel aus Budapest ein. Bald sind wir im eigentlichen Sarik-tasch, wo das Paßtal des Talldik in das große, breite Alaital einmündet; dann biegen wir nach Osten ab, die letzten Werstpfähle hinter uns zurücklassend. Im Süden dehnt sich das großartige Gebirgssystem des Transalai aus; die gewaltigen Bergriesen stehen in kreideweißem, hellblauschimmerndem Schneegewande da, und die meisten der höchsten Gipfel sind wolkenumkränzt. Besonders im Westen sind die Wolken zahlreich, und der Pik Kauffmann ist daher unseren Blicken verborgen. Das Alaital ist breit, offen und reich an Weiden, auf denen hier und dort zahlreiche große Agile (Hürden) mit gewaltigen Herden zu sehen sind. Im Osten wird das Tal von Bergen versperrt, über welche der flache Paß Tong-burun führt, der die Wasserscheide und die östliche Schwelle des Alaitales bildet. Alle Augenblicke kreuzen wir flache Ausläufer vom Alai, die sich nach Süden nach dem Zentrum des Tales hinziehen; ein solcher ist der Katta-sarik-tasch. Hinter diesem überschreiten wir den Fluß Schalwa mit einem großen, steinigen Bett, aber wenig Wasser. Vom Transalai mündet hier das ebenso steinige Tal Mäschallä. Diese Talwege und Flüsse vereinigen sich nach und nach, nehmen mehrere andere auf und bilden allmählich ein Haupttal, dessen Fluß Kisil-su heißt.

Unser Rasttag in Äilämä, wo wir auf dem Wege nach Kaschgar die beste Weide für die Pferde finden sollten, war gerade nicht angenehm, denn es regnete in Strömen und der Herbst der Ferganaberge hatte sichtlich schon seinen Einzug gehalten; doch wir mußten uns damit trösten, daß man es bei solchem Wetter unter Dach besser hat als im Sattel.

Der 9. August war ein herrlicher Tag, und der Regenvorrat der Wolken schien jetzt für einige Zeit erschöpft zu sein. Wir stiegen langsam nach dem Tong-burun-Passe hinauf, einem breiten Bel (Paß), der nach Ansicht der Kirgisen kaum als ein Paß zu betrachten ist. Dennoch bezeichnet die kleine Steinpyramide auf der gleichmäßig abgerundeten, flachhügeligen Höhe eine sehr wichtige geographische Grenzmarke, indem sie den höchsten äußersten Ostrand des Alaitales bildet und die Wasserscheide zwischen dem Aralsee und dem Lop-nor, also eine wichtigere Grenze als selbst der Talldik ist, der nur das Gebiet des Sir-darja von dem des Amu-darja trennt. Von diesem Punkte an fällt das Terrain nach dem Lop-nor ab. Der Abstieg wurde den Pferden sauer, einige Lasten rutschten und verursachten Aufenthalt. Die Berge zur Rechten, die östliche Fortsetzung des Transalai, sind uns ganz nahe; sie sind in Schnee gehüllt und die Spitzen von Wolken bedeckt. Hier und da wachsen kleine Wacholder in den Spalten, und die Sor oder Steppenmurmeltiere (Arctomys bobac) sind unzählbar. Am Eingange ihrer Erdhöhlen auf den Hinterbeinen sitzend, betrachten sie die Karawane und verschwinden, sobald man sich ihnen nähert, mit größter Gewandtheit unter schrillem Pfeifen.

Von der Vereinigungsstelle des Kisil-su mit dem Kok-su gelangen wir über mehr oder weniger tiefe Rinnen zum breiten, tiefeingeschnittenen Tale des Nuraflusses, auf dessen linkem Ufer ein Begräbnisplatz liegt, der unter dem Namen Ak-gumbe bekannt ist. Der Nura war jetzt größer als der Kisil-su, sein Wasser ebenso rot wie das des „Roten Flusses“ und recht unangenehm zu durchreiten, da man die tückischen Rollsteine in dem trüben Wasser nicht sehen konnte und mein Pferd daher beinahe kopfüber in die wilde Flut gestürzt wäre. Nicht weit von hier vereinigen sich Nura und Kisil-su zu einem ansehnlichen Flusse, dessen Bekanntschaft wir bald machen werden. Der Pfad ist ein stetes Bergauf und Bergab, bis man von einem letzten Passe in der Tiefe die weißen Mauern der russischen Grenzfestung Irkeschtam mit ihren Türmen und Kasernen, in denen Kosaken Wacht halten, erblickt.

Irkeschtam ist nicht nur eine Grenzfestung gegen China, sondern auch eine Zollstation; der Vorsteher dieser, Herr Sagen, war ein alter Bekannter von mir von einem früheren Besuche in Kaschgar her. Er war ein großer Tierfreund und hielt eine Menagerie, bestehend aus einem Wolfe, einigen Füchsen und einem Bären, der in einer Hütte mitten auf dem Hofe angebunden war. Einige Zeit nach meinem Besuche war es dem Petz gelungen, sich von seinen Banden zu befreien; er machte einen Besuch im Zimmer der Dschigiten, zum großen Schrecken der Bewohner. Das Abenteuer hatte für Petz ein verhängnisvolles Ende, da die Männer ihre Zuflucht auf das Dach nahmen, von wo aus sie ihren Feind zu Tode bombardierten.

Eine halbe Stunde von Irkeschtam gelangen wir an den „Roten Fluß“, der sehr wasserreich und mehr als 80 Zentimeter tief war. Wir sind jetzt auf chinesischem Boden, und das „Himmlische Reich“ dehnt sich vor uns bis an den Stillen Ozean aus. Der Pfad führte nach dem Tor-pag-bel hinauf. Die ganze Landschaft ist eine öde Sand- und Kiesebene, von Bergen umschlossen, den Ausläufern des Pamirgebirges, die auf beiden Seiten immer niedriger werden und in Geröll- und Kiesrücken und Hügel übergehen. Doch kommt noch immer anstehendes Gestein vor. Wir steigen in das Jegintal hinab, das ein ziemlich wasserreicher Fluß durchströmt, an dessen linkem Ufer ein chinesisches Fort erbaut ist.

Unser Zug schreitet das Tal hinunter, das immer enger wird. Ein schmaler Vegetationsgürtel von Pappeln, Weiden, Sträuchern und Gras begleitet jedes Ufer; er verbreitert sich nach dem Vereinigungspunkte mit dem Kisil-su zu. Die Gegend heißt Nagara-tschalldi ([Abb. 6], [7]) und ist die herrlichste Oase auf dem ganzen Wege nach Kaschgar.

Unser Lager befand sich nur ein paar hundert Meter unterhalb des Zusammenflusses des Flusses von Nagara-tschalldi und des Kisil-su. Ohne Unfall zog unsere Karawane nach einem Rasttage am 12. August über den Fluß, der zwar wasserreich war, sich aber doch ohne Gefahr überschreiten ließ. Es freute mich, die Wassermenge noch groß zu finden, denn der Kisil-su ergießt sich in den Jarkent-darja, und selbst wenn nur ein geringer Teil des Wassers den Hauptfluß erreicht, würde schon dieser mit dazu beitragen, unsere Fähren nach der Lop-nor-Gegend hinab zu tragen, wohin ich mich auf diese bequeme Weise zu begeben gedachte.

In einer großen Talweitung liegt die viereckige Lehmfestung Ullug-tschat, der äußerste Vorposten der Chinesen gegen die russische Grenze. In Semis-chatun, wo ebenfalls ein kleiner Kurgan (Festung) lag, galt es, den Fluß zum letztenmal zu überschreiten. Doch dies ging nicht so leicht wie bisher. Er strömte in einem einzigen Bette dahin und war dazu im Laufe des Tages so gewachsen, daß die Wassermenge wohl 80–100 Kubikmeter in der Sekunde betrug. Dumpf und schwer wälzte sich die trübrote Wassermasse durch das Bett, tiefe Rinnen verbergend.

Erst versuchte Islam Bai die Furt. Er kam ein gutes Stück vorwärts, geriet dann aber in tiefes Wasser und nahm ein gründliches Bad, ehe er sich nach dem anderen Ufer hinüberretten konnte. Kader, der es an einer anderen Stelle probierte, ging es noch schlechter; er kam in eine tückische Rinne, wo das Pferd nicht festen Fuß fassen konnte und in schwindelnder Fahrt von dem Strome, aus dem nur noch die Köpfe des Pferdes und des Mannes hervorguckten, fortgerissen wurde. Glücklicherweise hatte ich selbst den Transport des Kodaks, den sonst Kader zu tragen pflegte, übernommen. Nun bestieg einer von den Karawanenleuten nackt ein ungesatteltes Pferd, und indem er es suchen, tasten und ausprobieren ließ, gelang es ihm schließlich, eine gute Furtschwelle ausfindig zu machen. Auch die anderen Leute entkleideten sich nun und führten die Karawane in kleinen Abteilungen hinüber, zuletzt die Pferde, welche meine Instrumente und die photographische Ausrüstung trugen, wobei jedes Pferd einzeln geführt und von drei nackten Reitern begleitet wurde, die bereit waren, zuzugreifen, wenn das Pferd fallen sollte. Man empfindet natürlich große Unruhe, wenn man die Kisten schwanken und bald rechts, bald links ins Wasser tauchen sieht, während das Pferd gegen die unerhörte Kraft der gewaltigen Wassermasse ankämpft, die gegen dasselbe drückt und preßt; denn die Furt führt größtenteils aufwärts gegen die Strömung, die schäumend um die Brust des Pferdes wirbelt. Ist der Reiter ungeübt, so wird ihm schwindlig und es scheint ihm, als stürme das Pferd derart vorwärts, daß das Wasser wie um den Vordersteven eines Dampfers kocht, und unwillkürlich hält er die Zügel an, obwohl das Pferd ganz langsam geht ([Abb. 8]). Auf dem linken Ufer wurden die Lasten wieder in Ordnung gebracht und ein provisorisches Trocknen der nassen Sachen vorgenommen. Wir lagerten in der Nähe eines kirgisischen Auls bei Jas-kitschik und konnten nun dem Kisil-su, der von hier an südlich von unserer Straße fließt, ohne allzu großes Bedauern Lebewohl sagen.

Es war ein schöner, kühler Abend; in der stillen Nacht ertönte aus der Ferne gedämpftes Glockenklingen von der großen Kamelkarawane herüber. Es erweckt bei unseren Hunden einen Sturm der Entrüstung, aber es klingt herrlich und imposant und markiert den majestätischen, ruhigen Gang der Kamele. Immer heller ertönen die Glocken, immer deutlicher hören wir die Rufe und den Gesang der Karawanenleute. Sie ziehen im Dunkel der Nacht mit Lärm und Stimmengewirr an uns vorbei; dann erstirbt das Geräusch wieder langsam in den Bergen.

5. Meine Kamelkarawane. ([S. 10.])

Kader Ahun. Islam Bai. Musa.

6. Rast in der Oase Nagara-tschalldi. ([S. 15.])

7. Oase Nagara-tschalldi. ([S. 15.])

Die letzten Tagereisen nach Kaschgar führen durch eine recht einförmige Landschaft; die Berge nehmen an Höhe ab, bis ihre äußersten Vorposten sich in der Ebene verlieren. Am 13. August überschritten wir den Mäschrabdavan, auf dessen Höhe sich eine kleine Festung und drei mit Lappen behängte Masare (Heiligengräber) erheben. Ehe wir Kandschugan erreichten, überfiel uns ein so heftiger Platzregen, daß wir Halt machen und so schnell wie möglich die Zelte aufschlagen mußten. Es nützte uns jedoch nichts, denn sowohl wir wie die Sachen wurden gründlich durchnäßt; es klatschte unter den Stiefeln in dem Lehmboden, und als ich endlich ins Zelt kam, wo die triefenden Kisten durcheinander standen, fühlte ich bei der Kälte eine große Unlust, und der Pelz war gar nicht überflüssig; 12,6 Grad um 5½ Uhr nachmittags ist hier in dieser Jahreszeit etwas ganz Abnormes.

Am 15. ritten wir bis an das Dorf Min-joll, und am 16. traten wir die letzte Tagereise bis Kaschgar an. Beim Dorfe Kalta kamen mir der Generalkonsul Petrowskij und einige andere in Kaschgar wohnende Russen, von einer Kosakeneskorte geleitet, entgegen.

Zweites Kapitel.
Vorbereitungen zur Wüstenfahrt.

In Kaschgar blieb ich vom 17. August bis zum 5. September, um die Karawane, die mich durch die Wüsten des innersten Asiens begleiten sollte, endgültig auszurüsten. Ich brauche nicht zu erwähnen, daß mein alter vortrefflicher Freund Generalkonsul Petrowskij ([Abb. 9]) mir auch diesmal in jeder Weise behilflich war. Er stellte mir seine reiche Erfahrung und seinen in Ostturkestan beinahe allmächtigen Einfluß vollständig zur Verfügung, und ohne seinen Beistand wäre vieles kaum ausführbar gewesen.

Die erste Angelegenheit, die wir in Angriff nahmen, war die Einwechslung meiner Reisekasse (11500 Rubel) in chinesisches Silbergeld. Eine Jamba galt damals in den Basaren Kaschgars 71 Rubel, aber der Markt ist so wenig umfangreich, daß ein Einkauf von 161 Jamben sich so fühlbar machte, daß der Wert einer Jamba in ein paar Tagen auf 72 Rubel stieg. Eine Jamba hat 50 Sär zu 16 Tenge, von denen jeder in 50 Pul zerfällt. Ein Sär entspricht 37 Gramm Silber und hat einen Wert von 3,09 Mark; es zerfällt auch in 10 Miskal von je 10 Pung zu 10 Li. Der Kurs unterliegt großen Schwankungen, und die Jamba wiegt selten genau 50 Sär, und da man auf chinesisches Geld angewiesen ist, muß man stets eine chinesische Wage zur Hand haben. In Ostturkestan sind kürzlich runde Silbermünzen von höchstens 8 Tenge Wert eingeführt worden, die neben den gewöhnlichen chinesischen Silberklümpchen — einer sehr unbequemen Geldsorte — im Lande gangbar sind. Ein alter geriebener Makler, Isa Hadschi, besorgte die Umwechslung und schaffte das Silbergeld an, und als die ganze Transaktion fertig war, stellte es sich heraus, daß es ihm gelungen war, uns nur um 36 Rubel zu bemogeln. Für mich war es aber doch ein außerordentlich gutes Geschäft, denn der Wert der Jamba stieg bald darauf schnell. Sich mit einer Reisekasse, die 300 Kilogramm wiegt, zu schleppen, ist gerade nicht angenehm, aber es bleibt einem keine Wahl. Die Jambastücke wurden auf die Kisten, die nicht täglich geöffnet zu werden brauchten, verteilt, und so konnte man doch wenigstens sicher sein, daß nicht alles Geld auf einmal gestohlen werden würde. Der Betrag reichte jedoch kaum für die halbe Reise aus, und ich mußte nachher mehr Silbergeld beschaffen.

Die andere Angelegenheit, die Islam Bai besorgte, waren verschiedene Einkäufe für die Ausrüstung und den Proviant. Auch eine Menge Chalate, Zeugstoffe, Tücher und Mützen wurden angeschafft, die zu Geschenken an die Eingeborenen bestimmt waren. Islam kaufte auch 14 außergewöhnlich schöne und große Kamele und ein Dromedar. Mit Ausnahme von zweien, die alle Strapazen überstanden, waren die Tiere dem Untergange geweiht, aber die Dienste, die sie mir treu und geduldig geleistet, waren hundertmal den Preis wert, den sie gekostet. Führer der Kamelkarawane wurde Nias Hadschi, der sich trotz seiner Wallfahrt zum Grabe des Propheten als ein Erzschelm erwies. Unter den übrigen Dienern, die vorläufig angestellt wurden, will ich besonders Turdu Bai aus Osch nennen, einen alten Weißbart, der es an Ausdauer mit jedem der jüngeren Leute aufnehmen konnte und an Treue und Tüchtigkeit alle die anderen Mohammedaner, Islam inbegriffen, übertraf; er war der einzige, der die ganze Reise mitmachte. Faisullah, ebenfalls ein russischer Untertan, gab Turdu Bai in den genannten guten Eigenschaften nur wenig nach, konnte mich aber nur anderthalb Jahre begleiten. Beide waren Spezialisten in der Behandlung der Kamele und gehörten daher später immer zum „Stabe“ der Kamelkarawanen. Ein Kaschgarjunge, Kader, wurde mitgenommen, weil er der arabischen Schrift kundig war.

Für die nächste Zukunft wurde der Reiseplan so bestimmt, daß die ganze Karawane nach Lailik am Jarkent-darja ziehen sollte. Dort mußte eine Teilung stattfinden. Ich selbst wollte mich mit einigen der Leute und einem kleinen Teile des Gepäcks von der Strömung den Jarkent-darja oder Tarim hinabtragen lassen, während die Hauptmasse der Karawane auf der großen Straße über Maral-baschi, Aksu und Korla ziehen sollte, um mit mir irgendwo im Lop-nor-Gebiete zusammenzutreffen, wo sich nach Verabredung auch die beiden burjatischen Kosaken Ende Dezember einfinden sollten. Petrowskij hielt es für gewagt, die ganze große Karawane und die bedeutende Silbermenge ohne Bedeckung durch ganz Ostturkestan zu schicken, und stellte mir aus dem Konsulatskonvoi die zwei semirjetschenskischen Kosaken Sirkin und Tschernoff ([Abb. 10]) bis zum Zusammentreffen mit den burjatischen Kosaken zur Verfügung, welches Anerbieten ich dankbarst annahm. Während der folgenden Jahre gaben mir diese beiden Männer täglich Beweise von einer Treue und Tüchtigkeit, die alle Diener, die ich je gehabt, in den Schatten stellte.

Mit dem Konsul traf ich noch das Übereinkommen, daß meine im Herbst und Winter in Kaschgar eintreffende Post viermal von Dschigiten nach der Lop-nor-Gegend zu bringen sei, wo es von ihrer eigenen Klugheit abhängen würde, mich aufzufinden. Der Kurier sollte seinen Lohn erst dann von mir erhalten, nachdem er die Post abgeliefert und seinen Auftrag redlich ausgeführt hatte. Der Plan mißlang nie, und man kann sich denken, wie angenehm es für mich war, auf diese Weise mit den Meinen und der Außenwelt, wenn auch selten, in Verbindung zu stehen.

So verflossen die Tage unter allerlei Arbeit, die durch Besuche und Einladungen zum Mittagessen unterbrochen wurde. Ziemlich oft war ich bei meinem alten Freunde, dem englischen politischen Agenten Macartney, zu Gaste, dessen früher einsames Heim jetzt von einer jungen Gattin verschönt wurde. Es freute mich, den alten Eremiten Pater Hendriks, sowie Herrn und Frau Högberg wiederzusehen, die zur schwedischen Missionsstation zwei neue Mitglieder zugezogen hatten. Chan Dao Tai und Tsen Daloi gehörten zu meinen alten Bekannten, aber Tso Daloi war eine neue Erscheinung; er versah uns mit zwei Durgas, die dafür zu sorgen hatten, daß die Dorfbevölkerung der Karawane alles lieferte, was sie brauchte, natürlich gegen angemessene Vergütung. Auch einen „Kunstgenuß“ hatte ich, da auf dem Markte ein asiatischer „Blondin“ vor dem massenhaft herbeigeströmten Publikum seine Künste auf dem Seile zeigte ([Abb. 11]).

Ich war nicht der einzige Reisende, der sich in diesen Tagen in Chinas westlichster Stadt befand; am 21. August langte nämlich Oberst McSwiney dort an, in dessen Gesellschaft ich im Jahre 1895 bei der Pamirgrenzkommission so manchen frohen Tag verlebt hatte. Am Tage darauf trafen zwei französische Reisende ein, Herr St. Yves und ein junger Leutnant, die nach einigen Tagen über Pamir wieder heimkehrten.

Als alle Einkäufe besorgt waren, wurden die Lasten noch einmal geordnet, abgewogen und dann an einer Art Holzleitern befestigt, deren Oberenden paarweise aneinander gebunden waren, so daß sie leicht auf das liegende Kamel gehoben und ihm wieder abgenommen werden konnten.

Nachdem ich von meinen Freunden in Kaschgar Abschied genommen, brach ich am 5. September gegen 2 Uhr nachmittags auf ([Abb. 12]). Jetzt begann die eigentliche Reise und die große, lange Einsamkeit. Noch eine Umarmung, ein letztes Lebewohl, dann ziehen wir bei dem dumpfen, bedeutungsvollen Klange der Glocken, die gleich dem Ticken des Sekundenpendels den Gang der Zeit und die uns dem Ziele zuführenden Schritte angeben, an der westlichen Stadtmauer entlang nach Kum-därwase, wo ich von den Europäern Abschied nahm. Wir hatten gerade die Brücke erreicht, unter der sich das in Farbe und Dicke an eine Hagebuttensuppe erinnernde Wasser des Kisil-su hinwälzte, als der Himmel sich im Nordwesten verdunkelte und schwere, dichte Regenvorhänge sich von den Bergen an ausbreiteten; der Tag war heiß und schwül gewesen und hatte nichts Gutes verkündet. Da kamen die ersten heftigen Windstöße, und zugleich begann ein Platzregen von ungeheurer Gewalt. Auf dem sonst lebhaften Wege sah man nur ab und zu einen Wanderer, weil die Menschen schleunigst in den nächsten Gehöften und Serais Schutz gesucht hatten. Diese waren jedoch für unsere große Karawane zu klein, und es blieb uns also keine andere Wahl, als unseren Weg fortzusetzen. Das Unwetter hielt mit unverminderter Kraft anderthalb Stunden an; ein Blitz nach dem anderen durchzuckte den Himmel in grellem Zickzack von blendendem blauweißem Feuer, und die Donnerschläge krachten mit entsetzlichem Gepolter, stärker als ich es je zuvor gehört. Die Kamele und Pferde nahmen jedoch die Sache ruhig auf, und langsam schritten wir nach Süden zwischen den Weiden hin und trösteten uns damit, daß wir nicht nasser werden konnten, als wir schon waren.

War der Regen unangenehm gewesen, so waren seine Folgen noch schlimmer. Lange Strecken weit lag der Weg unter Wasser, und der lehmhaltige Boden von feinem Staube war so glatt, daß es den Kamelen mit ihren flachen, weichen Fußschwielen schwer wurde, sich auf den Beinen zu halten; sie glitten aus, stolperten, glitschten, und immer wieder wurde der Marsch dadurch aufgehalten, daß ein Kamel gefallen war. Oft fallen sie so nachdrücklich, daß sie alle viere von sich strecken, als hätte ihnen ein unsichtbarer Riese ein Bein gestellt, und dabei poltert die schwere Bürde zu Boden, daß der Schlamm hoch aufspritzt. Von allen Seiten hört man schreien und rufen, die Karawane macht Halt, die Männer eilen herbei, um das Kamel wieder aufzurichten oder es erst von der Last zu befreien und dann wieder zu beladen; die Folge davon ist, daß wir in dem heimtückischen Schlamme wie die Schnecken vorwärtskommen. Am schlimmsten ist es da, wo der Weg uneben ist oder kleine Hügel bildet; dort müssen mit Spaten Tritte in die Erde gegraben werden.

Die erste Tagereise von Kaschgar, die eigentlich eine Kleinigkeit hätte sein müssen, war also durchaus nicht leicht. Nie hatte ich diese Stadt unter ungünstigeren Umständen verlassen. Es war, als hätte eine höhere Macht unseren Aufbruch den unbekannten Gefahren entgegen mit himmlischen donnernden Kanonenschüssen salutieren und uns mit einem überwältigenden Knalleffekt daran erinnern wollen, daß man nicht ungestraft unter Ostturkestans Pappeln wandelt. Für die Zukunft aber sollte ich einen wirklichen Platzregen so bald nicht wiedersehen — als er das nächste Mal eintrat, war es in der Nähe von Lhasa, nach zwei Jahren!

Inzwischen wurde es dunkel, und in den Basargäßchen waren die Papierlaternen schon angezündet. Gleich hinter der chinesischen Stadt war die Straße beinahe eine Stunde weit vollständig überschwemmt, und wie in einem seichten Flußbette plätscherten wir zwischen Gärten, Feldern und Lehmmauern dahin. Die Alleen waren nur als schwarze Schattenrisse zu erkennen, aber der Regen hatte aufgehört, der Weg war jetzt besser, und die Kamele konnten festen Fuß fassen. Es war jedoch schon spät, als wir in unserem provisorischen Lager im Dorfe Musulman-natschuk zur Ruhe kamen, nachdem wir des Silbergeldes halber bei dem Gepäck Nachtwachen aufgestellt hatten.

Den Weg nach Lailik kannte ich zum größeren Teile von 1895 her und will ihn daher nur sehr kurz beschreiben. Der Tagemarsch am 6. September führte uns durch eine ziemlich spärlich bewohnte, aber recht gut angebaute Gegend. Von Chan-arik an war der Weg durch eine üppige Allee von Maulbeerbäumen, Weiden und Pappeln begrenzt, die dichten, tiefen Schatten spendeten. Die Pappeln werden geköpft, um nicht in die Höhe zu wachsen, und bilden am oberen Teile des Stammes ein massiges Bündel aufwärtsstrebender Zweige. Auf weite Strecken hin vermag kein Sonnenstrahl durch das dichte Grün zu dringen, unter dessen kühlem Gewölbe es sich außerordentlich angenehm reitet. Der Weg glich an solchen Stellen einem Tunnel, durch welchen die Kamele, an einen Zug von lauter Güterwagen erinnernd, mit ruhigem, gleichmäßigem Gange hinschreiten und sich von dem grünen Hintergrund malerisch abheben. Es liegt etwas Feierliches über dem Marsche einer solchen Karawane dem Tode entgegen, der die meisten Kamele mit Gewißheit irgendwo in den Wüsten des fernen Ostens oder in den Berggegenden Tibets erwartet. Die Glocken läuten ihre abgemessene melancholische Melodie, welche unwillkürlich an eine Beerdigung erinnert; doch mit philosophischem Blick und ruhiger Haltung messen die prächtigen Tiere den Weg mit langen, langsamen Schritten unter ihren im Verhältnis zu ihren Kräften nicht schweren Lasten. Die Silberkamele tragen die schwersten Lasten, besonders ein Matador, dem allein 40 Jamben zuerteilt worden sind. Die Lasten sind ausgeglichen, und Unterbrechungen des Marsches kommen nicht mehr vor; nur hin und wieder muß, ohne daß das Kamel deshalb stehen zu bleiben braucht, eine Leiter etwas nach der einen oder anderen Seite hinübergerückt werden. Die Kamele haben starken Appetit und brandschatzen Weiden und Pappeln im Vorbeigehen, oft auf Kosten des Nasenstrickes. Wenn dieser zu hart angespannt wird, reißt er in der Mitte an seinem schwachen Punkte, wo seine beiden Hälften mit einer dünneren Schnur zusammengebunden sind, welch letztere reißt, ehe die Nase des Tieres hat Schaden nehmen können.

Jeder Mann unserer Gesellschaft hat seinen bestimmten Platz im Zuge und seine bestimmte Aufgabe bei der Aufrechterhaltung der Ordnung. Voran reiten die beiden Durgas aus Kaschgar, dann kommt Faisullah auf dem ersten Kamele, an dessen Seite Nias Hadschi ein Pferd reitet; auf dem sechsten Kamele hockt der junge Kader, und hinter dem siebenten reitet Islam. Die zweite Abteilung wird von Turdu Bai geführt, in ihrem „Kielwasser“ reitet Musa. Die Kosaken decken die Flanken; ich reite gewöhnlich hinterdrein. So geht es vorwärts durch Gärten und Dörfer, zwischen Mais- und Weizenfeldern hindurch, über Kanäle mit oder ohne Brücken ([Abb. 13]), über öde Steppen und kleine Sandfelder, wo vereinzelte, gleichsam verirrte Dünenindividuen von ungefähr 3 Meter Höhe ihre steilen Abhänge nach Osten kehren ([Abb. 14]). Im Dorfe Jupoga, unserer nächsten Raststelle, suchte man in mehreren Bassins das kostbare Wasser des großen Kanals Chan-arik aufzufangen.

Am 8. September erhielten die Tiere ihren ersten Ruhetag; ihre Packsättel waren seit Kaschgar nicht abgenommen worden, und man muß genau nachsehen, damit auf dem Rücken oder an den Seiten der Höcker, wo der mit Stroh gestopfte Sattel oder ein Teil der Last dicht anliegen und drücken kann, keine Scheuerwunden entstehen.

Nach einer ganz sternenklaren Nacht erscheint die Morgenluft beinahe kalt; die Minimaltemperaturen sind in beständigem Fallen begriffen, aber die Tageswärme steigt allmählich, je mehr wir uns von den gut bewässerten Vegetationsgebieten und den Bergen entfernen. Unterwegs hatten die Dorfbewohner mehrmals Dastarchane aufgetischt in Gestalt von Zucker- und Wassermelonen, in der Hoffnung auf ein anständiges Trinkgeld, eine Artigkeit, die auf die Dauer recht lästig wird.

Das Dorf ist bald zu Ende; dann folgt die hügelige Steppe, wo wir zahlreichen Landleuten begegnen, die den Ertrag ihrer Äcker und Gärten auf Eseln, Kühen und Pferden nach dem Markte in Jupoga bringen. Dann und wann wird die Steppe von einer unfruchtbaren Dünenreihe durchkreuzt; dazwischen sieht man Schafherden, Mais- und Baumwollfelder, trockene, jämmerliche Kanäle, die nur selten von der letzten Flut aus dem Chan-arik noch am Boden feucht sind. Rechts vom Wege zieht sich ein Gürtel hübsch blühender Tamarisken hin, eine wehmütige Erinnerung an das Heidekraut unserer Wälder. Die staubige Landstraße geht allmählich in einen Pfad über und zeigt damit an, daß der Verkehr nach Osten hin abnimmt. Am Rande von Terem finden wir wieder den langen Bewässerungskanal Chan-arik mit 4 Meter breitem, gänzlich trockenem Sandboden und kleinen Brücken, die verraten, daß hier von Zeit zu Zeit auch Wasser fließt. Um den langen Wüstenmarsch des nächsten Tages, den ich schon von früher her kannte, abzukürzen, ritten wir durch das ganze Dorf und lagerten uns bei dem letzten nach der Wüste zu liegenden Gehöfte.

Am 10. September machte ich, für eine Zeit von mehreren Monaten, die letzte Reise zu Lande. Die Temperatur fiel während der Nacht auf 8,3 Grad, was einem nach einem Tage von über 30 Grad im Schatten grimmig kalt vorkommt. Als ich aufstand, war der größere Teil der Karawane schon marschfertig. Der Tag war heiß, der Marsch lang und ermüdend, und die Wassermelonen, die wir mitgenommen hatten, fanden reißenden Absatz. Steppen- und Wüstengürtel wechseln ab, die Dünen sind bald schwach mit Tamarisken bewachsen, bald völlig nackt; die ersteren heißen „Kara-kum“, die letzteren „Ak-kum“, was schwarzer und weißer Sand bedeutet ([Abb. 15]). Die Nachbarschaft des Flusses macht sich schließlich bemerkbar, indem kleine Gruppen von Pappeln (Tograk) auftreten und nach und nach immer frischer und laubreicher werden, je mehr wir uns der großen Wasserstraße nähern.

Bei der Poststation Lenger wurden wir von einigen neugierigen Chinesen begafft und in der Dämmerung erreichten wir die breite mächtige Flut des Jarkent-darja. Der Fluß war hier in Arme geteilt, von denen der linke, an dessen Ufer wir hinzogen, viel zu seicht war. Wir zogen daher noch eine Weile in der Dunkelheit nach Norden weiter; von den Tritten der Kamele knisterte und krachte es in den trockenen Zweigen des Unterholzes und des Gesträuches. Das Terrain wurde jedoch nicht besser, und als sich das silberne Horn des Mondes im Walde versteckte, machten wir aufs Geratewohl Halt und schlugen, ziemlich müde von der dreizehnstündigen Reise, am Ufer unser Lager auf.

Endlich hatten wir den Fluß erreicht. Nun begann eine neue Abteilung der Reise und dazu eine Reisemethode, die ich bisher noch nicht erprobt hatte.

8. Durch die Furt des Kisil-su. ([S. 16.])

9. Nikolai Fedorowitsch Petrowskij,
Wirklicher Staatsrat, kaiserlich russischer Generalkonsul in Kaschgar. ([S. 18.])

10. Die beiden Kosaken Sirkin und Tschernoff. ([S. 19.])

Drittes Kapitel.
Die Schiffswerft in Lailik.

Jetzt folgte eine knappe Woche für die Vorbereitungen zu der langen Flußreise. Islam hatte in Merket eine längere Unterhandlung mit Beks und Kemitschi (Fährleuten). Ich hatte gefürchtet, daß die Chinesen Mißtrauen gegen mein Vorhaben hegen würden und daß die Erfahrungen der Wüstenreise des Jahres 1895, deren Ausgangspunkt Merket ebenfalls gewesen, die Dorfbewohner abschrecken würden, uns beim Aufbrechen zu helfen. Denn damals war der Bek zum Dao Tai gerufen, verhört und getadelt worden, weil er mir nicht einen zuverlässigen Führer mitgegeben. Nun aber hatte Merket einen neuen Bek erhalten, dem der Dao Tai Befehl erteilt hatte, uns weiterzuhelfen und uns wie vornehme Leute zu behandeln. Islam kehrte denn auch bald mit dem Bescheid zurück, daß ein Fährmann uns sein Fahrzeug für 1½ Jamba zu verkaufen bereit sei.

Mit dem Kosaken Sirkin unternahm ich eine Probefahrt in dem englischen Segeltuchboote auf dem kleinen, abgeschnürten Flußarme, an dessen Ufer unser Lager aufgeschlagen war. Auch von Mast und Segel machten wir Gebrauch. Bei der schwachen Brise kam die vortreffliche kleine Jolle gut vorwärts; sie schien ein ziemlich sicheres Boot zu sein. Bei einem kleinen Nebenarme führten wir das Boot nach dem Hauptflusse hinaus, wo es ruhig und elegant, aber ziemlich schnell dahinglitt. Nur unbedeutende, langsam tanzende Wasserringel waren auf der Oberfläche des Flusses zu sehen und von Stromschnellen war nichts zu hören. Es war ein Genuß, sich so forttragen zu lassen, ein Vorgefühl des Behagens, womit die Flußfahrt später auf Hunderte von Meilen hin verknüpft sein sollte. Die Vereinigungsstelle des Seitenarms mit dem Hauptflusse schien noch fern zu sein, und wir hielten es für an der Zeit umzukehren. So schleppten wir denn das Boot in dem weichen, zähen Lehm bis an unseren Seitenarm. Doch auch in diesem herrschte eine Strömung, die kräftig genug war, um das Flußaufwärtsrudern zu schwer zu machen. Sirkin ging daher an Land und holte einen Mann und zwei Pferde. Mitten im Wasser reitend, zog er das Boot an einem Stricke nach. Manchmal blieb das Pferd in dem zähen Lehme beinahe stecken, und die Tiefe war stellenweise bedenklich groß. Einmal erreichte das Pferd den Grund nicht mehr; es wurde von der Strömung fortgerissen und war nahe daran sich zu überschlagen; der Reiter sprang ab und schwamm auf das Boot zu, das ich ihm entgegensteuerte. Doch ihm erschwerte die Kleidung die Bewegungen, und gerade als er nach dem Ruder griff, das ich ihm hinhielt, versank er ganz im Wasser. Endlich gewann er jedoch Halt am Bootrande und hätte die kleine Jolle beinahe umgerissen, als er sich hineinschwang. Alles ging so schnell vor sich, daß ich kaum dazu kam, mich zu beunruhigen. Doch was hätte es für ein Unglück geben können, wenn mein Kosak einen Starrkrampf bekommen hätte oder des Schwimmens unkundig gewesen wäre! Am Ufer war das Pferd, das seinen eigenen Weg geschwommen war, nahe daran, in dem zähen Schlamme umzukommen, aber es arbeitete sich ebenfalls wieder heraus. Sirkin war nach dem Bade ganz matt und angegriffen, aber seine kleine Schwimmtour hatte so einladend ausgesehen, daß ich mich entkleidete und ein erfrischendes Bad nahm.

Unser Versuch, wieder nach dem Lager zu kommen, war also gescheitert; glücklicherweise waren aber einige unserer Leute am Ufer flußabwärts gegangen, um uns zu suchen. Sie mußten uns vom Ufer aus an einer langen Leine ziehen, während ich das Boot mit dem einen Ruder in der Stromrinne hielt.

Das Lager bot bei unserer Ankunft ein lebhaftes Bild dar. Die Zelte waren von einer ganzen Volksversammlung von Besuchern umgeben ([Abb. 16]). Ich fand dort viele alte Freunde von 1895 wieder, Lailiks On-baschi (Bezirkshauptmann, eigentlich Chef von 10 Mann) und Örtängtschis (Gastwirte), verschiedene Bewohner von Merket und Frauen in langen Hemden von dünnem, rotem Zeuge mit ihren Kindern auf dem Arme.

Nachdem die Unterhaltung sich eine gute Weile um jene unglückliche Wüstenreise gedreht, wurden die Flußreise und die Fährfrage Gegenstand einer Diskussion. Um die Sache abmachen zu können, ritt ich mit einem großen Gefolge nach der Fährstelle zwischen Lailik und Merket, wo die von Islam vorgeschlagene Fähre lag. Ich fand sie vorzüglich, von kernfesten, ungehobelten Planken, die von mächtigen eisernen Krampen zusammengehalten wurden, neu erbaut und ganz dicht. Sie kam mir nur ein bißchen groß und schwer vor, was hier oben gewiß vorteilhaft ist. Doch wer konnte wissen, ob der Fluß überall gleich tief und wasserreich wäre, und viel wahrscheinlicher war es, daß es schwierig sein könnte, diesen schweren Koloß wieder flott zu machen, wenn er mit Unterwasserbänken in allzu innige Berührung gekommen wäre. Die Frage wurde mit den Lailiker Fährleuten von allen Gesichtspunkten aus erörtert; die meisten rieten uns, das „Schiff“ zu nehmen, wie es war.

Der Beschluß, der gefaßt und schon am folgenden Morgen ins Werk gesetzt wurde, bestand darin, das Schiff nach einem Punkte am rechten Ufer, unserem Lager gerade gegenüber, zu bringen ([Abb. 17]). Wir mußten eine Schiffswerft anlegen, wo eine Ausrüstung und Rekonstruktion mit wirklichem Vorteil stattfinden konnte. Bei unserem Lager auf dem linken Ufer ließ sich dies nicht machen, denn dort floß nur ein Seitenarm, der vom Hauptflusse durch eine tiefliegende, feuchte Schlammzunge, hinter der das Wasser zunächst seicht war, getrennt war. Auch das rechte Ufer war insofern ungeeignet, als es infolge der Erosion des Flusses eine anderthalb Meter hohe steil abgeschnittene Wand bildete. Häkim Bek aus Merket bot neunzig Landleute auf, die mit ihren Spaten einen nicht allzusteilen Abhang herstellten, auf den Bretter gelegt wurden; auf dieser Unterlage wurde die Fähre unter Gesang und Geschrei mit vereinten Kräften aufs Trockene gezogen. Der Bek, dessen Adern reicher an chinesischem als an muhammedanischem Blute waren, stand die ganze Zeit über mitten auf der Fähre; sie wurde dadurch gerade nicht leichter, aber er imponierte durch seine hohe Gegenwart, hielt eine lange Rute in der Hand, klatschte und schlug nach allen Seiten und kommandierte wie ein Zirkusdirektor. Die Kinder des Wüstenrandes verdoppelten ihre Kräfte, und der schwere Prahm wurde ruckweise auf ebenen Boden gezogen, wo er zwischen den Hagedornbüschen auf einigen Querbalken ruhte.

Als wir soweit gekommen waren, überlegten wir eine Weile, denn jetzt sollte der Beschluß gefaßt werden, der für den Ausgang der ganzen Reise wichtig sein konnte. Ein Mann erzählte nämlich, daß der größere Teil der an Lailik vorüberströmenden Wassermasse sich in einem breiten, seichten Arme in die kleinen Seen von Maral-baschi ergieße, deren Wasser durch Kanäle auf die Felder dieser Oase geleitet werden. Das eigentliche Bett des Jarkent-darja dagegen habe einen östlicheren Lauf nach Tschahrbag zu und sollte nur wenig Wasser in einem schmalen Bette mit großem Gefälle haben. Infolge dieser Aufklärungen wurde für den Anfang beschlossen, die oberste Planke an den beiden Längsseiten und die entsprechenden Teile vorn und hinten zu entfernen, wo dann mittelst der eisernen Zapfen neue Querhölzer festgemacht werden sollten. Für den Fall, daß wir infolge zu geringer Wassermenge die große Fähre würden im Stiche lassen müssen, wurde eine kleine Reservefähre gebaut. Zu dieser wollten wir im Notfalle unsere Zuflucht nehmen, damit wir die Flußreise nach dem Lop-nor, die ich um jeden Preis ausführen wollte, nicht abzubrechen brauchten.

Um jeden Augenblick vom Lager nach der Werft hinüberkommen zu können, mieteten wir eine der Fähren, die die Verbindung zwischen den Ufern auf dem Wege von Lailik nach Merket aufrechthalten. Ich befand mich meistens bei der Werft, um die Arbeit zu überwachen und die Fähre so zu bekommen, wie ich sie wünschte, bequem und gemütlich, wie mein schwimmendes Heim für lange Monate sein mußte.

Die Werft entwickelte sich allmählich zu einer Werkstatt, wo frisch gearbeitet wurde ([Abb. 19]). Schreiner aus Merket und sachverständige Leute aus Jarkent versammelten sich hier mit ihren Werkzeugen und verdienten so gut wie kaum je zuvor. Eine Schmiede mit einer kleinen, aus Ziegelsteinen aufgemauerten Esse und einem Blasebalge wurde zwischen den Büschen angelegt, und die Funken sprühten von den eisernen Krampen, die gerade gehämmert wurden. Der Bek war allgegenwärtig und führte mit milder Hand das Regiment über die, welche an der Arche zimmerten.

Aus dünnen Planken von trockenem, starkem Pappelholz sollte das Vorderdeck der Fähre gebaut werden, eine Plattform, auf der mein Zelt aufgeschlagen werden sollte und von deren vorderem Teile aus ich einen freien Ausblick auf den Fluß haben würde.

Hinter dem Vorderdeck wurde aus Stangen und Zweigen das Gerippe einer würfelförmigen Kajüte erbaut, die ich anfänglich zum Schlafzimmer für mich bestimmte; sie mußte in den kalten Herbstnächten leichter warm zu halten sein als das Zelt ([Abb. 18]). Sie erhielt jedoch schon während des Ganges der Arbeit eine ganz andere Aufgabe zu erfüllen, indem sie als photographische Dunkelkammer eingerichtet wurde. Drei kleine, mit Scheiben versehene längliche Fensterrahmen wurden in die Wände der Kajüte eingesetzt. In den einen Rahmen, mitten in der Wand, die an das Zelt grenzte, kamen dunkelrote Glasscheiben. Wenn ich nachts an diesem Fenster mit Entwickeln beschäftigt war, wurde draußen ein Stearinlicht davor, d. h. in das Zelt hinein, gestellt; vor Zug und Wind wurde die Flamme teils durch das Zelttuch, teils mittelst einer Holzkiste, die es wie ein Schilderhaus umgab, geschützt.

Die beiden anderen Fenster mit weißem Glase wurden an der Außenwand und an der Hinterwand angebracht; wenn man aufrecht stand, hatte man bei Tag durch sie die Aussicht auf den Fluß und das rechte Ufer; sie waren aber so eingerichtet, daß sie beim Entwickeln vollständig bedeckt werden konnten. An der Hinterwand lief eine niedrige Bank entlang, auf der vier ziemlich große, eigens zu photographischen Zwecken gekaufte Zuber mit reinem Wasser standen. Was das Waschen der Platten anbetraf, so wurde folgende praktische Einrichtung getroffen. Auf der vorderen Backbordecke des Kajütendaches wurde auf eine verstärkte Plattform ein Bottich gestellt, von dessen Boden ein Gummischlauch in die Kajüte hinabführte und in einen Samowar mündete, unter dessen Hahn ich die Platten bequem abspülen konnte. Wenn der Samowar gefüllt war, wurde der Zufluß mittelst einer Klemme am Schlauche abgesperrt, und wenn der Bottich leer wurde, brauchte ich nur der Wache zuzurufen, ihn wieder zu füllen. Das Flußwasser, das stets trübgrau von Schlamm und Staub ist, war natürlich für photographische Zwecke unbrauchbar, doch ganz kristallklares Wasser zu finden, war keine Kunst; es gab solches längs des ganzen Weges flußabwärts in kleinen, abgeschnürten Uferlagunen. Dagegen konnte das gebrauchte Waschwasser nicht entfernt werden; es überschwemmte nach meinen Arbeitsnächten den Boden der Fähre und machte am nächsten Morgen ein Ausschöpfen notwendig. Mich selbst belästigte der feuchte Boden der Kajüte gar nicht, denn ich hielt mich meistens im Zelte auf, dessen Fußboden einen Meter über dem Boden der Fähre schwebte.

Als das Holzgerippe der Kajüte fertig war, wurde es mit einer doppelten Schicht von schwarzen Filzmatten, die festgenagelt wurden, bekleidet; auch die Türöffnung konnte mit an ihrem oberen Teile befestigten Filzvorhängen verdeckt werden. Noch in der Mitte des September war die Hitze in der schwarzen Kajüte bei Tag unerträglich; es dauerte aber nicht lange, bis der Herbst dafür sorgte, daß dieser Unannehmlichkeit abgeholfen wurde. Bei Tage hatte ich dort selten zu tun, es sei denn, um zum Trocknen aufgestellte Platten zu überwachen oder Instrumente und andere im Laboratorium verwahrte Sachen zu holen.

In der Mitte des Schiffes, hinter der Kajüte, wurden etwas Proviant, ein paar Sättel und die Sachen der Leute aufgestapelt; für meine Diener war reichlich Platz im Achter der Fähre, wo eine kleine, runde Herdplatte von Lehm aufgemauert wurde, die Küche. Da es im Spätherbst und noch mehr im Anfang des Winters sehr kalt wurde, zündeten die Männer dort ordentliche Scheiterhaufen an.

So kleideten sich denn nach und nach meine Pläne in die Gestalt der Wirklichkeit, und schneller, als ich es zu hoffen gewagt, lag das stolze Drachenschiff fertig auf seinem Bette und sehnte sich, in sein Element zurückkehren zu dürfen. Während seiner Instandsetzung waren wir auf anderen Gebieten auch nicht untätig gewesen. In der Schmiede schmiedete Sirkin ein Paar fester Anker oder richtiger Dregganker mit sechs Armen, die uns später oft von großem Nutzen waren; namentlich war der kleinere Anker, der für die englische Jolle bestimmt war, jedesmal nötig, wenn die Geschwindigkeit des Wassers mitten im Flusse gemessen wurde und das Boot also still liegen mußte. Die kleinere Fähre wurde auch bald fertig. Ziemlich beunruhigend war es, zu sehen, wie der Wasserstand mit jedem Tage, der dahinging, ein paar Finger breit fiel; wir beeilten uns aber desto mehr und hofften, daß, wenn es uns nur gelänge, glücklich an den schmalen Stellen bei Maral-baschi vorbeizukommen, wir auch bis ans Ende des Flusses gelangen würden.

Während der letzten zwei Tage in Lailik wurden alle Vorbereitungen abgeschlossen. Das Gepäck wurde geordnet, und es handelte sich jetzt darum, nur das Allernotwendigste mitzunehmen, das jedoch drei große Kisten füllte. Als alles fertig war, erhielten die Schmiede und Schreiner, die uns behilflich gewesen, reichlichen Lohn; der Bek aber war zugegen und sah zu, daß keine unberechtigten Forderungen gestellt wurden. Am 15. September liefen beide Fähren von Stapel; mit der größeren machte ich eine kleine Probefahrt, die in jeder Hinsicht befriedigend ausfiel. Es war ein Festtag für die Dörfler der ganzen Gegend, die sich bei der Werft massenweise versammelten, um dem feierlichen Stapellaufe beizuwohnen. Alle brachten „Geschenke“ in natura mit, Schafe, Hühner, Eier und Brot, Melonen, Trauben und Aprikosen; auf diese Weise wurden wir auf mehrere Tage verproviantiert. Abends veranstaltete ich den Vornehmeren des Dorfes und unseren Arbeitern ein Gastmahl; es gab Reispudding und Schaffleisch, Tee und Obst, und während der Mahlzeit hatten wir Tafelmusik von unserem großen Symphonion. In der Dunkelheit wurden zwischen den Zelten Papierlaternen aufgehängt, und nun ertönten die bizarren Töne der Nagara (Trommel), Dutar (zweisaitige Gitarre) und anderer Saitenspiele schwermütig durch die klare, stille Nacht und riefen meine alten Erinnerungen aus dieser Gegend wieder ins Leben. Auch 1895 hatte ich eine bedeutungsvolle Reise mit Lailik und Merket als Ausgangspunkt angetreten. Doch wie verschieden waren die beiden Reisen. Damals waren wir nach dem unheimlichen, mörderischen Wüstenmeere aufgebrochen, jetzt schlugen wir eine Richtung ein, wo wir wenigstens nicht an Wasser Mangel leiden würden. Und dieselben Spielleute weihten auch die neue Reise ein, und Tänzerinnen in langen weißen Hemden, die dicken schwarzen Zöpfe über den Rücken herabhängend, mit kleinen Zipfelmützen und nackten Füßen tanzten zum Takte der Musik ihren stoßweisen, langsamen Kreistanz. Sie wurden am Tage darauf photographiert, nahmen sich aber im Tageslicht weniger vorteilhaft aus als bei dem verschönernden Lichte der Lampions ([Abb. 20]).

Noch ein Tag wurde Lailik geopfert wegen verschiedener Messungen und zur Feststellung einiger Werte, die uns späterhin von Nutzen sein konnten. Mit Bandmaßen wurde längs des rechten Ufers, dessen scharf abgeschnittener Rand 2½ Meter über der Wasserfläche lag, eine Basislinie von 1250 Meter Länge abgesteckt. Um diese Strecke zu treiben, brauchte die Fähre 26 Minuten, die kleine Jolle 22 Minuten 17 Sekunden; der Unterschied beruhte darauf, daß sich die Fähre nicht während der ganzen Zeit in der stärksten Strömung halten ließ, in deren Sauggebiete man jedoch die kleine Jolle leicht festhalten konnte. Die Strömung betrug also auf dieser Strecke zirka 50 Meter in der Minute oder etwas über 80 Zentimeter in der Sekunde. Um die gemessene Wegstrecke in gewöhnlichem Marschtempo zurückzulegen, brauchte ich 13 Minuten 45 Sekunden und machte im Durchschnitt 1613 Schritte; also waren 64 von meinen Schritten 50 Meter. Die Wassermenge des Flusses betrug hier bis zu 98,2 Kubikmeter in der Sekunde, die Maximaltiefe war 2,74 Meter (ganz dicht am rechten Ufer), das Bett war 134,70 Meter breit, und die größte Stromgeschwindigkeit betrug 0,893 Meter in der Sekunde. Für die Karte nahm ich als Norm an, daß 1 Minute Drift 50 Meter Weglänge und 1 Millimeter auf der Karte entspräche; es versteht sich aber von selbst, daß die Drift später bedeutend variierte, was auf die berechneten Entfernungen jedoch nicht einwirkte, da ich auf der ganzen Fahrt täglich mehrmals die Stromgeschwindigkeit maß.

Der Orientierung halber teile ich auch die wichtigsten Dimensionen der Fähre mit. Sie war 11,51 Meter lang, 2,37 Meter breit und 0,83 Meter hoch, wovon 0,23 Meter unter der Wasserlinie lagen, wenn das Schiff volle Last hatte und bemannt war. Bei 20 Zentimeter Wassertiefe mußten wir also festfahren, was auch täglich geschah. Die Reservefähre war 6 Meter lang und 1 Meter breit. —

Der 17. September war der große Tag der Abreise, und in früher Morgenstunde wurde die Karawane beladen. Die Kosaken und Nias Hadschi erhielten Auftrag, sie über Aksu und Korla nach Argan am untersten Laufe des Tarim zu führen, wo sie nach dritthalb Monaten eintreffen mußten und wo es uns nicht schwer werden konnte, durch Kuriere voneinander Nachrichten zu erhalten. Sie hatten Empfehlungsbriefe von Generalkonsul Petrowskij an die Aksakale (Konsularagenten) der beiden genannten Städte und ein paar gewaltige Pässe vom Dao Tai mit und wurden von ein paar chinesischen Untertanen, gewöhnlich muhammedanischen Beks oder Gendarmen, von Stadt zu Stadt eskortiert. Sirkin erhielt den Auftrag, ein kurzgefaßtes Tagebuch zu führen; er und Tschernoff bekamen ein Geldgeschenk und sollten, solange sie die Karawane eskortierten, ganz freie Station haben, so daß sie bei der Rückkehr nach Kaschgar ihren stehengebliebenen Lohn ohne Abzug einstreichen konnten.

Die Kamele befanden sich in bestem Wohlsein und hatten sich in dem jungen Walde fettgegrast. Auf dem Wege nach Lop sollten sie mit der größten Sorgfalt gepflegt und nicht überanstrengt werden; wir waren der Ansicht, daß sie beim Eintreten des Winters in wenigstens ebenso guter Verfassung wie jetzt sein und den Feldzügen in den Sandwüsten ohne Schwierigkeit entgegengehen könnten. Nias Hadschi erhielt 4½ Jamben zum Unterhalt der ganzen Karawane und zum Einkaufen großer Vorräte an Reis, Mehl und anderen Dingen, deren wir später bedürfen würden. Sirkin sollte über die Ausgaben der Karawane Buch führen. Als alles fertig war, nahmen sie Abschied, schwangen sich auf den Sattel und verschwanden langsam im Unterholz, bis das Glockengeläute nach einer Weile in der Ferne erstarb.

Mich begleiteten nur Islam, Koch, Bedienter und Faktotum in einer Person, und Kader, der eigentlich ein muhammedanischer Schreiber war, meistens aber als Islams Laufbursche fungierte. Die Besatzung der Flottille bestand aus vier mit langen, starken Stangen bewaffneten Männern (Sutschi, Wassermännern oder Kemitschi, Boots- oder Fährmänner). Einer hatte seinen Platz im Vorderschiffe, zwei im Achter der großen Fähre. Von ihnen wurde ununterbrochenes Aufpassen verlangt, denn an Stellen mit starker Strömung und scharfen Ecken zeigte die Fähre Neigung, gegen den stark unterwaschenen Uferwall zu stoßen, und dann mußte rechtzeitig von den Stangen Gebrauch gemacht werden. Der vierte Kemitschi führte die kleine Fähre und ging an der Spitze der Flottille, um die Tiefe zu untersuchen und uns vor seichten Stellen zu warnen; diese Fähre war vollgeladen mit Proviant, Mehl, Reissäcken und Früchten. Die Fährleute, die sich die ganze Zeit über vortrefflich führten, hatten 10 Sär (30 Mark) im Monat und alles frei, doch war es nicht leicht, sie zu überreden, mit nach Lop zu kommen; sie hegten eine kindische Furcht vor diesen fernen Gegenden, von denen sie noch nie hatten reden hören.

11. Ein Seiltänzer in Kaschgar. ([S. 20.])

12. Aufbruch der ersten Karawane aus Kaschgar. ([S. 20.])
Von links nach rechts: die beiden Kosaken Tschernoff und Sirkin, der junge Kader, der Verfasser und Islam Bai.


GRÖSSERES BILD

Nun wurde die letzte Hand an die Ausrüstung und Möblierung der Fähre gelegt, das Gepäck an Bord gebracht und das Küchengeschirr in der Nähe des Herdes auf dem Achterdeck geordnet. Das Zelt wurde auf der Plattform aufgeschlagen, seine herabhängenden Säume an den Außenrändern des Bretterfußbodens festgenagelt und im Inneren ein in munteren Farben gehaltener Teppich ausgebreitet. Das Möblement wurde so eingerichtet, daß das Feldbett an die Backbordlängsseite gestellt wurde und an seinem Fußende eine der Kisten stand; die beiden anderen standen auf der Steuerbordseite und dienten auch als Tische, auf denen stets eine Menge Instrumente, Karten und andere Dinge in malerischer Unordnung umherlagen. Am vorderen Rande der Plattform, in der Zeltöffnung selbst, hatte ich meinen aus der Proberöhrenkiste bestehenden Arbeitstisch, dessen Untergestell ein Koffer mit Winterkleidern bildete. Das Futteral des großen photographischen Apparates diente mir als Arbeitsstuhl. Öffnete ich die hintere Zelttür, so hatte ich freien Zutritt zum Kajütendach, auf dem allerlei Sachen, die nicht vom Wind fortgeweht werden konnten, wie Segel und Ruder, Strommesser u. dgl., aufbewahrt wurden. Hier war auch das Wetterhäuschen aufgestellt. Es umschloß den Baro- und Thermographen, die Maximal- und Minimalthermometer, das Psychrometer und drei Aneroide. Der Windmesser stand obendrauf; doch was er während der Flußreise mitzuteilen hatte, war von geringer Bedeutung, denn das Flußtal war durch Wälder und hohe Ufer geschützt, die den Wind zum großen Vorteile für den ungestörten Gang des Schiffes abhielten. Was Baro- und Thermograph auf vierzehntägigen Streifen aufzeichneten, war von größerem Interesse: man sah deutlich, wie das Barogramm das langsame Abfallen des Flusses nach Osten angab, während die gezähnte Linie des Thermogrammes immer niedriger wurde, je weiter der Herbst vorschritt und je mehr der Winter herannahte.

Die Fähre lag dem linken Ufer so nahe, als es die hier angehäufte Sandbank erlaubte. Doch um dorthin zu gelangen, mußte man eine ziemliche Strecke in dem seichten Wasser waten. Mit aufgekrempelten Kleidern zog eine ganze Karawane von Dörflern und Kindern zum letzten Lebewohl hinaus und bestürmte uns noch einmal mit Geschenken, die eiligst bezahlt wurden ([Abb. 21]).

Das Bild, das sich dem Blicke an Bord darbot, war so ansprechend und urgemütlich, daß ich die, welche im Wasser stehen blieben und uns lautlos die große Wasserstraße hinunterziehen sahen, beinahe bedauerte. Sie hatten den Vorbereitungen mit skeptischer Miene zugesehen und waren erstaunt darüber, wie gut sich schließlich alles gestaltet hatte. Es war Punkt 2 Uhr, als ich Befehl zum Aufbruch gab. Die Fährleute stießen das Schiff mit ihren langen Stangen in die Stromrinne hinaus, die Ufer glitten vorbei, und nach der ersten Biegung verschwanden die erinnerungsreichen Gegenden von Lailik und Merket.

Ich ließ mich sofort am Schreibtische nieder, wo ich monatelang wie festgenietet sitzen sollte; hier hatte ich meine Kommandobrücke und meinen Observationsplatz ([Abb. 23]). Ein Stück weißes Papier lag bereit; das erste Kartenblatt, Kompaß, Uhr, Diopter, Zirkel, Feder, Messer, Gummi, Fernglas usw., alles war zur Hand, und der Tisch stand so weit vor in der Zeltöffnung, daß ich sowohl nach vorn wie nach den Seiten freie Aussicht auf die Landschaft hatte. Jolldasch und Dowlet fühlten sich vom ersten Augenblick an völlig heimisch; während der heißen Stunden des Tages lagen sie keuchend unter Deck, in der Dämmerung aber kamen sie hervor und leisteten mir im Zelte Gesellschaft.

Wenn der Leser sich wundert, weshalb ich eigentlich diese Flußreise unternahm, und fragt, welchen Gewinn in geographischer Hinsicht ich von ihr erwartete, so antworte ich, daß dies erstens der einzige Weg durch ganz Ostturkestan war, den ich noch nicht kannte, und daß zweitens bisher noch nie eine Karte vom Laufe des Tarim aufgenommen worden war. Von Maral-baschi bis Jarkent waren Pjewzoff, ich und noch ein paar andere Reisende auf dem Karawanenwege am Flusse hingezogen, zwischen Schah-jar und Karaul waren Carey und Dalgleish und später auch ich durch die Uferwälder gegangen, und längs des untersten Teiles des Laufes war zuerst Prschewalskij, dann Prinz Heinrich von Orléans und Bonvalot, Pjewzoff, Littledale und zuletzt ich entlang gewandert. Aber die Wege und Stege, die dem Flusse folgen, berühren nur hin und wieder seine Krümmungen: die Wege sind, als wären sie zwischen den äußersten Kurven der Flußbiegungen auf einem der Ufer gezogen worden. Durch sie erhält man keinen Begriff von dem Verlaufe, dem Aussehen und den sonstigen Eigentümlichkeiten des Flusses. Unsere Kenntnis des Tarim war bisher auf derartige flüchtige Beobachtungen von geringem Werte gegründet gewesen. Als ich schließlich meine große Karte vom Tarim fertig hatte, fand ich, wie unähnlich ihr das bisherige Bild des Flusses war. Es war dies eine geographische Eroberung, die der Monate, die ihr geopfert worden, wohl wert war. Nie ist die Karte eines außereuropäischen Flusses so genau aufgenommen worden. Und wie interessant war es, das ganze Leben des Flusses so eingehend zu studieren, sein Steigen und Fallen, sein von verschiedenen Ursachen herrührendes Pulsieren, seine launenhaften Formationen und sein wechselndes Aussehen in verschiedenem Terrain! Nicht allein, daß ich so in täglicher, ununterbrochener Arbeit Material zu einer außerordentlich eingehenden Monographie über den größten Fluß des innersten Asien sammelte und einen Weg wählte, dem bisher noch nie jemand gefolgt war, sondern ich machte auch eine so idyllische, so angenehme Reise wie noch nie. Wenn man gewohnt ist, zu Pferd zu reisen oder die Gegenden von dem Rücken eines sich wiegenden Kameles aus zu betrachten, ist es ein Genuß sondergleichen, sich von der Strömung eines ruhigen, friedlichen Flusses befördern zu lassen, die ganze Zeit an seinem Arbeitstische im Schatten zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen, die sich selbst aufrollt wie ein ständig wechselndes Panorama, dem man wie von seiner abonnierten Theaterloge aus folgt und zusieht. Und es war ein großer Genuß, die ganze Zeit zu Hause zu sein, sein Arbeitszimmer, seine Schlafstube und seine Instrumente Tag und Nacht bei sich zu haben und sein Haus wie eine Schnecke durch das ganze innerste Asien mitzunehmen.

Meiner Ansicht nach hatte ich es weit besser und gemütlicher als auf einem europäischen oder amerikanischen Flußdampfer. Denn erstens war ich allein und brauchte mich vor niemand zu genieren. Wenn es mir zu heiß wurde, konnte ich mich entkleiden und vom Schreibtische direkt ins Wasser springen, was auf einem europäischen Dampfer nicht üblich ist, und ich konnte bleiben, wo und wie lange ich wollte, wenn wir an einer Stelle vorbeiglitten, die in irgendeiner Beziehung einladend aussah. Meine Mahlzeiten wurden mir am Schreibtische serviert, wann es mir paßte, und wenn sie auch weniger lukullisch waren als die europäischen, so haben mir diese dagegen selten so gut geschmeckt wie die an Bord meiner eigenen Fähre. Frisches Wasser und eine Luft, die der balsamische Duft der Pappeln alle Augenblicke erfüllte, hatten wir reichlich zur Verfügung. Ich hatte Bilder von denen, welche ich liebte und für die ich betete, in meiner Nähe aufgestellt und begegnete täglich ihren Blicken, die mich auf meiner einsamen Wanderung mit ihrer Liebe und guten Wünschen begleiteten, und es war herrlich, sich außer Hörweite der Verleumdung und der eingebildeten Klugheit zu wissen, welche der Unternehmungslust ebenso treu und sicher folgen wie die Delphine im Kielwasser eines Schiffes. Auf den provisorischen Tischen, die jedoch ihren Zweck vollständig erfüllten, lagen Bücher; ich hatte aber selten Zeit, darin zu lesen, denn jede Minute war von Arbeiten, die getan werden mußten, in Anspruch genommen. Und diese Arbeiten interessierten mich in solchem Grade, daß der Fluß doppelt so lang hätte sein können.

Viertes Kapitel.
Zweitausend Kilometer auf dem Tarim.

Unwiderstehlich trug die langsam und schwer dahingleitende Wassermasse unser Schiff auf ihrem breiten Rücken vorwärts; daß wir ebenso schnell wie die Strömung trieben, sah man leicht an den Treibholzstücken auf dem Flusse, die uns stundenlang begleiteten. Es war warm und still. Nur dann und wann ertönte das Gurgeln eines Wasserwirbels oder das Rauschen des Wassers gegen einen an einer Sandbank hängengebliebenen Baumzweig; ab und zu wurde die Stille von den Stangen unterbrochen, wenn die Fährleute, vom Avisomann Kasim gewarnt, sie ins Wasser stießen, um einer Untiefe auszuweichen.

Wir waren noch nicht lange unterwegs, als auch schon Gruppen von Landleuten und Frauen mit ihren Melonen, Schafen und anderen Dingen die Ufer garnierten. Aber dies lockte uns nicht mehr; wir wollten nicht bleiben und brauchten keine Verstärkung unserer mehr als reichlichen Verproviantierung. Der Tarim macht die tollsten Krümmungen; nacheinander treiben wir nach Nordwesten, Südosten, Norden, Nordwesten und Nordosten. Schon lange Strecken vorher sieht man an den Grenzlinien des Waldes, wo sich der Flußlauf seinen Weg im Terrain gesucht hat. Bei Kalmak-jilgasi hatten sich eine Menge Leute versammelt. Da wir auch hier nicht hielten, liefen sie uns mit ihren Gaben nach, wateten schließlich an einer seichten Stelle in den Fluß ([Abb. 22]), kletterten auf die Fähre und legten ihre Waren auf dem Vorderdeck neben meinem Arbeitstische nieder. Es stellte sich heraus, daß es Frauen, Kinder und Verwandte unserer Bootsleute waren, die uns so überlistet hatten. Es gab keinen anderen Ausweg als anzunehmen, sich zu bedanken und zu bezahlen, was ich um so freigebiger tat, als ich es war, der die vier Männer ihren Familien entrissen hatte.

Nach halbstündiger Fahrt saßen wir zum ersten Male fest, aber der Stoß war so schwach, daß man das Stillstehen der Fähre kaum bemerkt haben würde, wenn man nicht gesehen hätte, wie das Wasser auf beiden Seiten an uns vorbeiströmte. Die Leute sprangen ins Wasser und machten die Fähre ohne Schwierigkeit durch Schieben wieder flott. Bei jedem Festsitzen benutzte ich die Gelegenheit zum Messen der Stromgeschwindigkeit. In den konkaven Kurven ist die Uferterrasse bis zu 3 Meter hoch, und oft fallen große Lehm- und Sandklumpen plumpsend herunter. Noch bedurfte es keines Führers; die Fährleute kannten mehrere Tagereisen stromab den Namen jeder Uferstrecke und jeder Waldpartie. Die Namen sind stets in einer oder der anderen Beziehung bezeichnend und lehrreich. So heißt eine von einer scharfen Biegung gebildete Halbinsel Araltschi, weil sie beinahe einer Insel gleicht; eine Waldgegend Tonkuslik, weil dort Wildschweine vorkommen; ein schmaler Teil des Flusses Kalmak-jilgasi (Mongolenpassage), weil in alten Zeiten Mongolen an den Ufern gewohnt haben sollen. Bei einer nach ihrem Erbauer Muhammed Ili-lenger genannten Poststation an dem großen Karawanenwege, der uns hier bei einer Biegung nach links nahe ist, hat der Fluß vor zwei Jahren auf eine kurze Strecke seinen Lauf verändert; das alte Bette heißt Eski-darja (der alte Fluß). Solche Launenhaftigkeiten des Flußbettes wurden oft beobachtet und stets auf der Karte eingetragen. In den verlassenen Betten bleiben gewöhnlich kleine, klare Wasseransammlungen (Köll = See) stehen.

Abends wurde man von dem starken Sonnenlicht in den westlichen Biegungen und der glänzenden Straße, die auf der Wasserfläche zitterte, etwas belästigt, ging es aber nach Norden oder Osten, so war die Beleuchtung herrlich.

Die Proviantfähre gewährte mit all ihrem Gemüse und ihren Melonen einen ländlichen Anblick; dort gackerten Hühner und krähte ein Hahn — ihre Aufgabe war, mich mit frischen Eiern zum Frühstück zu versehen. Einige Schafe hatten ihre Freistatt auf der großen Fähre in einem kleinen Gehege auf dem Achterdeck, wo sie in schönster Ruhe ihr Futter verzehrten. Doch ihre Tage waren gezählt; das erste wurde in Gasanglik geschlachtet, wo wir die Nacht blieben.

Wenn die Tagereise zu Ende ist, muß zuerst die Fähre festgemacht werden, damit sie während der Nacht nicht ins Treiben gerät ([Abb. 24]). Die Leute bringen am Ufer ihr Lager in Ordnung, um ein Feuer herum, auf dem bald die Teekannen summen und das Abendessen bereitet wird. Ihre Betten bestehen aus einer Unterlage von Filzmatten (Kigis) und das Deckbett bildet der Schafpelz (Pustun). Ich saß lange an meinem Schreibtisch und arbeitete in der stillen Nacht. Die Ruhe wurde nur unterbrochen durch Sandrutsche an den Biegungen, wo die Erosion ihre Minierarbeit ausführt. Manchmal klatscht es auf, als wäre ein Krokodil ins Wasser gegangen, doch solche Tiere gibt es im Tarim glücklicherweise nicht. Die Mücken waren lästig, bald aber würde ihnen die Nachtluft zu kalt für ihr Spiel. Der Mond goß sein Silberlicht über die breite Wasserstraße aus, die sich im Norden wie eine Gasse öffnete.

18. September. Der erste Morgen an Bord war frisch und kühl. Ich schlief stets in meinem Zelte, und es war schön, nicht vor Skorpionen, die an den Ufern ziemlich häufig sind, auf der Hut sein zu müssen. Eine Folge der Strömungsverhältnisse am Lagerplatze war, daß sich im Laufe der Nacht eine Menge Sand und Schlamm um die Fähre herum anhäufte und die Männer eine gute Weile arbeiten mußten, um sie loszumachen. Währenddessen trank ich meinen Morgentee; erst um 9 Uhr waren wir flott und glitten wieder den großen Fluß hinab, der hier jedoch noch recht einförmig war. Nur wenn man an den steilen Ufern (Jar oder Kasch = Strandterrasse, vgl. Jarkent, Kaschgar) vorbeistreicht, die mit jungen Pappeln, Gesträuch und jungen Hagedornhecken bekleidet sind, deren Wurzeln aus dem Uferwalle herauswachsen und ins Wasser hinabhängen, kann man manchmal recht hübsche Partien passieren.

Unsere Kemitschi sind ausgezeichnete Leute, die sich vorzüglich anlassen. Sie heißen Kasim Ahun, Naser Ahun, Alim Ahun und Palta; ein fünfter Mann, Kasim-on-baschi, begleitete uns nur die ersten Tage, um im Anfang mitzuhelfen. Alle sind ebenso mit dem Manövrieren der Fähre wie mit den Eigentümlichkeiten des Flusses vertraut und können es in den meisten Fällen schon der Form der Ufer und dem Kochen und Ringeln des Wassers auf der Oberfläche ansehen, wo es tief oder seicht ist. Oft werden die Sandbänke mitten im Flusse durch Treibholz, Pappelstämme, Reisigbündel und Schilfgarben, die in Drift geraten und hängengeblieben sind, angegeben. Liegt eine tückische Sandbank dicht unter der Oberfläche, so verrät sie sich doch gewöhnlich dadurch, daß das Wasser über ihr ruhig ist und dann gleich unterhalb der Bank eine Stromgasse bildet.

Ich unterscheide in der Folge zwischen konkavem und konvexem Ufer; das konkave ist dasjenige, welches direkt der von der Zentrifugalkraft bestimmten Erosionskraft der Wassermasse ausgesetzt ist und wo die 2 oder 3 Meter hohe Uferwand da lotrecht abgeschnitten ist, wo die Hauptmasse des Wassers strömt, wo wir also die größte Tiefe und die stärkste Geschwindigkeit finden. Das konvexe Ufer hingegen tritt in einer Biegung auf, sei es nach rechts oder nach links, und wird von den Eingeborenen fälschlich „Aral“ oder „Araltschi“ (Insel) genannt. Es ist eine flache, halbmondförmige, scharf markierte oder stumpfe Anhäufung von Schlamm, den seichtes, langsamfließendes Wasser hier während der Hochwasserperiode abgesetzt hat. Hätten wir die Reise anderthalb Monate früher angetreten, so wären diese Schlamminseln überschwemmt gewesen, der Weg wäre etwas kürzer und die Geschwindigkeit größer geworden. Schon jetzt war der Fluß so bedeutend gefallen, daß die noch vorhandene Wassermenge nur die eigentliche Erosionsfurche des Flusses füllte, die überall dicht an den konkaven Ufern hinläuft, d. h. zu alleräußerst in allen Krümmungen nach rechts und links, wodurch die Länge des Weges größer wird und das Abschneiden der äußersten Biegungen unmöglich gemacht ist. Für eine genaue Kartenaufnahme des Tarim war jedoch dieser Umstand ein Vorteil, denn die seichten Stellen lagen nun offen da, und man bekam einen deutlichen Begriff von der Plastik des Bettes.

In den Gegenden, wo wir uns jetzt befanden, war der Lauf des Flusses noch einigermaßen gerade, und ich machte in 25 Minuten nur eine Peilung. Aber bald änderten sich die Verhältnisse, und die Pausen zwischen den Peilungen überstiegen selten 3 oder 4 Minuten. Ich konnte kaum die Aufzeichnungen abschließen, bis wieder eine Peilung gemacht werden mußte, und die Kompaßnadel schwankte von einer Zahl zur anderen.

Der Fluß fällt nicht regelmäßig, sondern ruckweise, so daß um die Schlamminseln und die Halbinseln herum scharf markierte Erosionsränder entstehen. Doch sowie der Schlamm getrocknet ist, fällt er ab und man hört ihn überall ins Wasser plumpsen.

Eine vorspringende Landspitze heißt „Tumschuk“. Unterhalb einer solchen entsteht gewöhnlich eine Unterwasserbank, die bei noch niedrigerem Wasserstande freigelegt ist. Für uns waren solche Stellen die schlimmsten. Fuhren wir trotz aller Anstrengungen der Leute fest, so sprangen sie sofort ins Wasser und schoben uns flott. Das Aufgrundstoßen war bei dem weichen Boden so unmerkbar, daß ich gewöhnlich erst dann etwas davon gewahr wurde, wenn die Männer riefen „Laiga tegdi“ (ist auf den Lehm geraten), „Toktadi“ (ist stehengeblieben) oder „Turdi“ (hat sich festgefahren), „Tüschdi“ (ist abgeglitten, eigentlich fiel). „Mangdi“ oder „Mangadi“ (es geht) sind Ausrufe, welche verkünden, daß wir die Fahrt wieder aufgenommen haben. Stieß das Vorderteil auf, so drehte sich die Fähre im Kreise herum und der Kopf wurde einem so schwindlig wie in einem Karussell. Die Landschaft veränderte ihr Aussehen in einem Augenblick, und die Sonne schien verrückt geworden zu sein; eben hatten wir sie im Rücken, und nun stand sie vor dem Vorderschiffe.

Die Erscheinungen im Flusse, welche ständig wiederkehren, bezeichnen die Eingeborenen mit besonderen Namen. Kleine Strömungsanzeichen über einer Untiefe heißen „Kainagan-su“ (kochendes Wasser) oder „Kainagan-lai“ (kochender Schlamm). Wenn der Fluß sich teilt, spricht man einfach von dem linken und rechten Flußarme; ist der eine kleiner, heißt er „Kitschik-darja“ (kleiner Flußarm) oder „Partscha-darja“ (Flußteil); eine Sackgasse heißt „Bikar-darja“ und ein verlassener Arm „Eski“- oder „Kona-darja“, und wenn er eine isolierte Wasseransammlung enthält, „Köll“. Wenn der Fluß sich teilte, schwebten wir gewöhnlich in der größten Ungewißheit darüber, welchen Arm wir wählen sollten, und wir machten dann nicht selten Halt, um die Stelle mit der Jolle genauer zu untersuchen und zu peilen.

Im Vorderschiff hat mein Freund Palta ([Abb. 25]) seinen Platz; mit nackten Beinen und bereitgehaltener Stange saß er da, beobachtete aufmerksam den Fluß und folgte genau der von Kasim im Avisoboot angegebenen Richtung. Gewöhnlich sang er in schwermütigen Rhythmen ein Lied von den Abenteuern eines Königs, interessierte sich aber, ebenso wie seine Kameraden, stets sehr für das Navigieren und das Leben an Bord.

In einer Linksbiegung berührten wir die Landstraße nach Maral-baschi und sahen von fern die Pappeln an dem Stationshause Meinet. Ein Mann saß auf einer Landspitze und erwartete uns, um Grüße von der Karawane auszurichten. Die Kosaken hatten ihn gebeten, uns einen Napf Milch zu bringen, den wir im Vorbeifahren auffingen; er muß aber lange auf uns gewartet haben, denn die Milch war schon sauer.

Bei Besch-köll (die fünf Seen) wurde eine Flußmessung vorgenommen. Das Bett war 86,4 Meter breit und hatte 2,22 Meter größte Tiefe, die Geschwindigkeit betrug 42,4 Meter in der Minute, und die Wassermenge belief sich auf 84,7 Kubikmeter in der Sekunde.

Am 19. September wurden neue Erfahrungen in der Flußschiffahrt gemacht. Von frühmorgens an wehte eine lebhafte, frische Nordwestbrise, und wir fanden bald, daß sie die Fahrt der Fähre nicht nur in hohem Grade hemmte, sondern sie an breiten Passagen mit langsamer Strömung und Gegenwind auch gänzlich zum Stillstehen brachte. Das Zelt und die schwarze Kajüte gaben einen Windfang ab, und die kleine Proviantfähre, der jeglicher Oberbau fehlte, hatte jetzt stärkere Fahrt.

Der Lauf des Flusses ging eine gute Weile nach Norden, und der Nordwestwind, der 3,71 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde hatte, war uns hinderlich. Die Männer mußten unaufhörlich auf der Steuerbordseite stoßen und schieben, um einen Anprall an das rechte Ufer zu verhindern. Ein heftiger Windstoß entführte mein schönes Kartenblatt, das aber weit davon mit der Jolle wieder aufgefischt wurde; es war zu kostbar, um den Göttern des Flusses geopfert werden zu können.

13. Übergang über einen Kanalarm unterhalb Kaschgar. ([S. 23.])

14. In der Wüste zwischen Terem und Lailik. ([S. 23.])

Als wir später nach Osten und Südosten umbogen, hatten wir den Wind mit uns, und die Fähre ging 21 Meter schneller als die Strömung, die heute 38,4 Meter in der Minute betrug. Bei der nächsten Biegung nach Nordwesten war der Wind so heftig, daß wir halten mußten. Es ist klar, daß die Karte ein falsches Bild von dem Flusse geben würde, wenn man nicht stets den Einfluß des Windes auf den Gang der Fähre berücksichtigte. Doch dies ließ sich sehr leicht dadurch erreichen, daß während der Fahrt der Unterschied zwischen der Geschwindigkeit der Strömung und der des Schiffes gemessen wurde.

Bei Schäschkak, wo wir lagerten, hatte das Ufer eine Höhe von 2,3 Meter. Wir mußten eine kleine Treppe in seine Wand graben, um eine bequeme Verbindung zwischen der Fähre und dem Lande zu haben. Hier wohnen vier Hirtenfamilien, die 200 Schafe, sowie Ziegen und Kühe besitzen. Sie sind auch Ackerbauer und bauen Mais und Weizen bei den Hütten; die Felder bewässert ein gegrabener Kanal. Daß selbst diese schmalen Bewässerungskanäle den Fluß brandschatzen, versteht sich von selbst. Die Hirten mußten uns alles, was sie über den Fluß wußten, mitteilen und erzählten uns auch, daß ihre Waldgegend Hirschen, Antilopen, Wildschweinen, Wölfen, Füchsen, Luchsen, Hasen und Fasanen als Aufenthaltsort diene; Tiger gebe es dagegen hier nicht.

Bei diesem Lager betrug die Breite des Flusses nur 42,6 Meter und die Wassermenge 67,16 Kubikmeter, was ein bedenkliches Fallen in einem Tage verriet. An den jetzt herannahenden Herbst denkend, begann ich zu fürchten, daß wir noch nicht bis ans Ende des Flusses gelangt sein würden, wenn uns der Winter in seine Eisbande schlüge, und es kam sehr darauf an, in Zukunft möglichst viel aus jedem Tage zu machen. Die Hirten sagten, es sei beinahe zwei Monate her, daß das Wasser seinen höchsten Stand gehabt habe, und der Fluß friere in dieser Gegend nun wohl in 75 bis 80 Tagen zu. Das Eis bleibe 2½ bis 3 Monate liegen und im Frühling könne man an mehreren Stellen zu Fuß durch das Bett waten.

Als ich am folgenden Morgen erwachte, sah der Himmel unheilverkündend aus. Die Nacht war die kälteste gewesen, die wir bisher gehabt (+2,9 Grad), und die Luft war mit den Vorboten des Herbstes beladen, die das Gelbwerden des Laubes verursachen. Es lag wie eine Dämmerung über der Erde. Doch dies waren weder Wolken noch Nebel, sondern feiner Flugsand, der von einem Sarik-buran (gelber Sturm) über den Boden hingeführt wurde, von welchem Sturme man aber an Bord nichts merkte, weil die Fähre im Windschutz unter der Uferwand lag. Die Landschaft sah düster aus, und die Tamarisken und Schilfdickichte der Ufer verschwanden schon auf eine Entfernung von nur 200 Meter im Nebel. Die Fährleute glaubten mit Recht, daß es schwer sein würde, bei diesem Winde zu treiben, und wir beschlossen abzuwarten, wie das Wetter sich gestalten würde.

Jetzt und später oft benutzte ich die unfreiwillige Ruhe zum Segeln mit der englischen Jolle, die jedoch für diesen Sport eigentlich nicht bestimmt war, da sie weder Kiel noch Steuer hatte. Sie konnte also nur bei günstigem Wind benutzt werden; ein im Achter festgebundenes Ruder diente als Steuer. Bei dem starken Winde flog sie fast wie eine Ente über das Wasser, und das Wasser zischte förmlich um den Vordersteven. Ich segelte flußaufwärts und hielt mich außerhalb der Strömung; die Ufer eilten an mir vorüber, ich wurde wie über große, offene Seen zwischen den niedrigen Schlamminseln hingetragen, das Wasser kochte um das Boot herum, und der Wald verschwand im Windstaube. Nach mehrstündiger, herrlicher Fahrt meinte ich, es sei nun Zeit, umzukehren. Ich nahm Mast und Segel ab und suchte die Strömung auf, um mich von ihr heimtreiben zu lassen. Dies ging jedoch nicht so leicht, wie ich gehofft; der Wind war so heftig, daß die Oberströmung gehemmt wurde und daher äußerst langsam war. Doch auch hiergegen gab es guten Rat; nur einen Fuß unter der Oberfläche war die Strömung ebenso stark wie gewöhnlich, und als ich die Ruder so festband, daß die Blätter vertikal ins Wasser herabhingen, trieb das Boot mit der Schnelligkeit der Unterströmung flußabwärts.

An einer Stelle, wo ich zu landen beabsichtigte, war der Boden außerordentlich tückisch; er gab nach, und ich versank bis zu den Hüften und wäre noch tiefer eingesunken, wenn ich mich nicht rechtzeitig am Bootrande festgehalten hätte. Endlich tauchte das weiße Zelt der Fähre aus dem Staubnebel auf, und ich legte an ihrer Seite an. Um schnell zur Hand zu sein, wenn sie gebraucht würde, lag die Jolle stets am Achter angebunden im Schlepptau der Fähre. Man konnte mit ihr jeden Augenblick an Land gehen, ohne mit der großen Fähre anlegen zu müssen. Islam Bai pflegte sich in ihr ans Ufer rudern zu lassen, wo er dann stundenlang den Wald durchwanderte und oft mit Fasanen und Wildenten zurückkehrte. Für ihn war die Flußreise recht einförmig, und er ergötzte sich daher oft an kleinen Jagdausflügen.

Am 21. September war das Wetter andauernd herbstlich und so unfreundlich und kalt, daß man die Winterkleider hervorholen mußte. Der Himmel war so finster und staubtrübe, als wäre er mit Regenwolken bedeckt. Es war, wie gewöhnlich, der östliche Wind, der den Staub mitführte; der Westwind ist stets klar und rein. Den ganzen Tag hielt der Ostwind an. Der Karawane war er sicher willkommen, uns aber war er es nicht, denn er wirkte sehr nachteilig auf den Gang der Fähre ein: hatten wir ihn mit uns, so ging es zu schnell, und hatten wir ihn entgegen, zu langsam, und sobald sich der Fluß schlängelt, hat man den Wind von allen möglichen Seiten. Die stauberfüllte Luft beschränkt den Umfang der Aussicht. Wo der Fluß für eine Weile gerade ist, verschwindet seine breite Wasserfläche wie in weiter Ferne, und man kann nicht, wie bei klarem Wetter, von den dunkeln, waldigen Landspitzen darauf schließen, nach welcher Seite die nächste Kurve abbiegt.

In gewaltigen Krümmungen ging es weiter den Tarim hinunter. In einer scharfen Biegung unterhalb von Scheitlik, wo der Fluß nach Süden umschwenkt, wurden 6 Meter Tiefe gemessen, und die Strömung war trostlos langsam. Hätte ich nicht die Karte vor mir gehabt, so hätte ich aus dem Flusse gar nicht mehr klug werden können, denn er fließt nach allen Himmelsrichtungen. Im großen ganzen geht er nach Nordosten, doch nicht selten treiben wir eine Weile nach Südwesten.

Dowlet leistet mir treu Gesellschaft, Jolldasch aber bleibt unter Deck. Er hat Schläge bekommen, weil er einen unverschämten Besuch bei der Proviantniederlage gemacht hat, und schämt sich jetzt. Wenn sich aber Männer und Herden und besonders Hunde an den Ufern zeigen, kommt er wie ein Pfeil hervorgeschossen, um Dowlet vom Vorderdecke aus bellen zu helfen. Mir machten die Gesellschaft der Hunde und auch ihre Streiche an Bord großes Vergnügen; sie hatten sich vollständig an unsere Art zu reisen gewöhnt und streiften wie kleine Hausgeister umher. Wenn ihnen die Ufer verdächtig erschienen, standen sie ganz vorn auf dem Vorderdeck und verübten entsetzlichen Lärm, und sobald wir uns für die Nacht lagerten, warteten sie nicht, bis die Landebrücke, eine Planke, ausgelegt worden, sondern sprangen an Land, um einander spielend im Walde zu jagen. Beim Abendessen leisteten sie mir Gesellschaft und schliefen stets im Zelte.

Das Wasser war jetzt so kalt, daß die Männer nicht unnötigerweise hineinsprangen. In ruhigen Krümmungen (Bulung) und im Walde waren die Mücken schrecklich lästig und zudringlich. Es ist eine Art kleiner grauer Mücken, die man nicht eher sieht, als bis sie einem zu Leibe gehen und stechen; sobald es aber ein bißchen weht, sind sie fort. So hat selbst die Windstille ihre Schattenseiten.

Am Ufer sahen wir eine große Schar Männer mit ihren Pferden; sie waren abgestiegen und schienen uns zu erwarten. Es stellte sich heraus, daß es der Bek von Aksak-maral war, der sich auf dem Wege nach Merket befand und die Gelegenheit benutzte, einen Dastarchan aufzutischen, den wir uns aus Höflichkeit gefallen lassen mußten.

Auch an diesem Abend wurde der Fluß gemessen. Wir machen gewöhnlich etwas vor Sonnenuntergang Halt, damit wir fertig werden, ehe die Dämmerung in Dunkelheit übergeht, und der Lagerplatz wird stets so gewählt, daß alles Wasser in einem schmalen Bette von großem Gefälle, an dessen Ufer es Brennholz gibt, vereinigt ist.

Zur Messung ist das kleine Boot mit seinen Rudern nötig, ferner der Anker mit seinem Tau, eine lange Stange, Strommesser, Bandmaß, Uhr und Notizbuch; Islam oder einer der Fährleute helfen dabei. Die Breite wird direkt mit dem 50 Meter langen Bandmaße gemessen; ist der Fluß breiter, so wird in den Grund eine Stange als Merkzeichen gestoßen. Nachher wird auf einer Reihe von in gerader Linie liegenden Punkten die Tiefe gemessen, und an denselben Punkten in zwei oder mehreren verschiedenen Tiefen die Geschwindigkeit des Wassers festgestellt. Beim Lager von Att-pangtsa betrug die Wassermenge 59,1 Kubikmeter in der Sekunde. Der Fluß nimmt also immerzu ab, was jedoch für das Auge nicht sichtbar ist; jeder Teil des Bettes enthält ungefähr ebensoviel Wasser wie bisher, aber die Geschwindigkeit nimmt ab.

Am Morgen des 22. September flog eine Anzahl Gänse in wohlgeordneter Phalanx nach Südwesten; wahrscheinlich ist Indien ihr Ziel. Am rechten Ufer geht vom Flusse ein schmaler Kanalarm ab, der eine in der Nähe liegende Mühle treibt. Er zeigt das eigentümliche Verhältnis, daß das Land hier niedriger ist als die Oberfläche des Flusses, selbst bei dessen gegenwärtig niedrigem Wasserstande.

Zwischen den Bäumen des linken Ufers erblickten wir einige Wanderer; sie schienen auf uns zu warten. Bald erkannten wir Sirkin, Nias Hadschi und den On-baschi von Ala-aigir. Sie wurden aufgefordert, uns nach diesem Orte, wo die Karawane seit ein paar Tagen der Ruhe pflegte, zu begleiten. Da sie an Wasserreisen nicht gewöhnt waren, machte ihnen die Abwechslung viel Vergnügen.

Der Tograkwald war bedeutend größer als bisher, und manchmal glitten wir unter schattigen Gewölben so still und feierlich wie eine Prozession hin. Der Wald stand am üppigsten auf dem konkaven Ufer der scharfen Krümmungen, wo das Wasser sich das ganze Jahr hindurch den Wurzeln nähert.

Als wir vor Ala-aigir vorbeifuhren, mußten unsere Männer wieder an Land gesetzt werden; nun erst waren wir endgültig von der Karawane abgeschnitten. Sie erhielten Auftrag, Parpi Bai, meinen alten treuen Diener von meiner ersten Reise durch Asien, der jetzt in Kutschar wohnte, nach Karaul zu schicken, um dort unsere Ankunft zu erwarten.

In der Togluk (Verdämmung) genannten Gegend blieben wir die Nacht. Sobald ich den Lagerplatz ausgewählt und „Halt“ gerufen habe, stößt Palta seine lange Stange in den Grund, stemmt den Fuß gegen einen Querbalken und zwingt mit seiner ganzen Schwere das Achter der Fähre, sich in einem Bogen nach dem Ufer hinzudrehen, wo einer der Leute mit dem Tau in der Hand an Land springt.

In einer scharfen Biegung gerieten wir in den Wirbel der Gegenströmung und hatten alle Mühe wieder herauszukommen; die 5 Meter langen Stangen erreichen nicht den Grund, und der Wirbel versucht uns festzuhalten. Es bleibt uns kein anderer Ausweg, als mit einem Tau an Land zu rudern und dann die Fähre so weit zurückschleppen, bis sie wieder in der Strömung ist.

Darauf erreichen wir den Punkt, wo sich der Fluß in zwei Arme teilt. Der linke, kleinere heißt Kona-darja; durch ihn strömt Wasser nach Maral-baschi; der rechte, Jangi-darja, ist das Hauptbett des Flusses und soll sich erst vor vier Jahren gebildet haben. Aksak-maral gerade gegenüber vereinigen sich beide Betten wieder. Der Jarkent-darja hat also auch hier einen Schritt nach rechts getan, und wir sollten bald finden, daß das Flußbett immer veränderlicher wurde, je weiter wir flußabwärts kamen. Diese Veränderlichkeit erreicht ihr Maximum im Lopgebiete, wo das Flußbett periodenweise wie ein Pendel hin und her schwankt, was mit Veranlassung zu der wechselnden Lage des Lop-nor gibt.

Gleich unterhalb des Hauptarmes, der auch Kötteklik heißt, weil an seinen Sandbänken Treibholz und Stücke von verdorrten Pappeln in großer Menge hängengeblieben sind, rasteten wir eine Weile. Die Fährleute erklärten, wir seien einer gefährlichen Stelle, von der wir in der letzten Zeit viel reden gehört, ganz nahe. Schon in Lailik hatte man uns gesagt, daß im Kötteklik ein etwa 10 Meter hoher Wasserfall sei; jetzt schrumpfte er freilich auf einen Meter zusammen, wir würden aber doch, um glücklich hinüberzukommen, 30–40 Mann zur Hilfe brauchen. Die einzig mögliche Art weiterzukommen sei, das ganze Gepäck an Land zu bringen und die Fähre über den Fall zu ziehen. Der On-baschi von Ala-aigir wurde daher beauftragt, etwa 20 Mann aufzutreiben und sich am nächsten Morgen in aller Frühe mit ihnen einzustellen.

Der ruhige, klare Tag war noch nicht weit vorgeschritten, und ich beschloß daher, mit der Fähre bis an den Wasserfall zu gehen, um die Stelle genauer in Augenschein zu nehmen. Wir glitten flußabwärts, zwischen Holmen von Treibholz hindurch, wo die Strömung stark und der Durchgang oft so eng war, daß die Fähre nur eben hindurchkam. Einen großen Teil des Weges mußten die Männer, im Wasser gehend, die Fähre schleppen, damit sie sich nicht festklemmte, und dennoch fuhr sie nicht selten an einem gesunkenen Pappelstamme fest. Blieb sie mit irgendeinem Punkte des Vorderteiles hängen, so drehte sie sich ganz herum. Es veranlaßte allgemeine Heiterkeit und eifriges Rufen, wenn die vordersten Männer ganz unvermutet in tiefes Wasser gerieten und ein gründliches Bad nahmen, ehe sie den Rand der Fähre ergreifen und über die Reling klettern konnten.

So erreichten wir eine Stelle, wo das Wasser mit beunruhigendem Getöse brauste und rauschte. Die Männer erklärten, dies sei der erste Katarakt (Scha-kurun). Er sah sehr unschuldig aus, und seine Schwelle war nicht höher als 10 Zentimeter. Die Fähre glitt leicht hinüber, ohne sich im mindesten auf die Seite zu legen. Zwei folgende Fälle waren ebenso unbedeutend. Einer hatte freilich tiefes Wasser, aber ein paar Meter weiter unten war er wieder sehr seicht, weil das Wasser den Boden unter dem Wasserfalle aushöhlt und dann gleich wieder ablagert.

Nachdem wir über diese „gefährliche“ Stelle hinweg waren, nahm der Fluß sein altes Aussehen wieder an, war jetzt aber schmal und tief. Die Fähre hatte die ganze Zeit über vortreffliche Fahrt. In einer scharfen Krümmung ging es so schnell und das Schiff steuerte so energisch dem konkaven Ufer zu, daß wir es nicht aufhalten konnten, sondern gegen das Ufer prallten und sofort stehenblieben. Meine obere Tischkiste wäre über Bord geschleudert worden, wenn Palta sie nicht noch rechtzeitig festgehalten hätte.

Als wir bei einer einsamen Pappel in der Gegend von Kötteklik-ajagi lagerten, langte unser On-baschi mit 20 Reitern an. Sie waren ganz verdutzt, daß wir ohne ihre Hilfe über die Fälle gekommen, und mußten nun wieder nach Hause zurückkehren.

Der Bek von Aksak-maral kam auf Besuch und wurde, da er in der Gegend gut Bescheid wußte, eingeladen, uns ein paar Tage zu begleiten. Unsere Art zu reisen interessierte ihn außerordentlich, er glaubte jedoch, daß es während der Hochwasserperiode mit großen Schwierigkeiten verbunden gewesen wäre, die Flußreise zu machen. Man hätte dann keine Stangen finden können, die bis auf den Grund reichten, und die Fähre wäre steuerlos mit der heftigen Strömung getrieben und in den Biegungen mit solcher Wucht angeprallt, daß die Kisten vom Deck herabgeglitten wären. Ein anderer Nachteil während einer früheren Jahreszeit wäre die Hitze gewesen, und vor allem die Mücken, die noch im Herbst sehr lästig waren. Wir hatten also die günstigste Jahreszeit gewählt.

Der Jangi-darja oder Kötteklik-Arm hatte bloß noch 36,9 Kubikmeter Wasser in der Sekunde; 22,7 Kubikmeter, die durch den Kona-darja nach Maral-baschi gehen, hatten wir verloren. Sollte es uns gelingen, mit der Fähre weiterzukommen, wenn sich der Fluß noch einmal teilte?

Fünftes Kapitel.
Der verzauberte Wald.

Am 24. September machten wir eine lange, interessante Fahrt auf einem neugebildeten Arme des Jarkent-darja. Wir brachen früh auf, nachdem wir Abschied von Kasim-on-baschi genommen hatten, der jetzt nach Lailik zurückkehrte und einen Teil des Lohnes der übrigen Leute mitnehmen mußte. Diese Vorschüsse sollten an die Familien oder Eltern der Männer abgeliefert werden.

Schon am Anfang ist der Fluß sehr tief und schmal, kaum 20 Meter breit, und die Breite verringert sich später noch mehr. Nun führte uns das Wasser in einen schwierigen, ungemütlich schmalen Durchgang, der mit Treibholz überfüllt war. Oft war der fahrbare Kanal so eng, daß die Fähre beide Seiten streifte und mit größter Behutsamkeit manövriert werden mußte, um ihr Anprallen zu verhüten, was bei der hier herrschenden starken Strömung, die sehr oft schäumende Strudel bildete, hätte kritisch werden können. Auf jeder Ecke stand ein Mann mit einer langen Stange und hielt das Schiff von den Gestrüpphaufen ab, und Kasim diente mit der kleinen Fähre als Lotse. Die Jolle hatten wir an Bord, da sonst ein verräterisch lauerndes Treibholzstück ihr dünnes, sprödes Segeltuchgewebe hätte zerfetzen können. Am schlimmsten war es, wenn wir im schnellen Fahren zwischen zwei Treibholzhaufen sitzenblieben, ohne daß wir die Katastrophe verhindern konnten. Da mußten wieder alle Mann ins Wasser und schieben, brechen und beim gemeinschaftlichen Anfassen singen und das vor uns liegende Fahrwasser untersuchen.

Der Strom war zu einem unbedeutenden Flüßchen zusammengeschrumpft, und es war Gefahr vorhanden, daß es uns nicht gelingen würde, alle Hindernisse zu besiegen, die unserer sicher noch warteten, ehe wir den Aksu-darja und den eigentlichen Tarim erreichten. An einigen Stellen teilt sich der Fluß um wirkliche, bewachsene Inseln, und man zerbricht sich den Kopf, ob einer der Arme trägt oder ob wir steckenbleiben und die Fähre werden zurückschleppen müssen.

Schließlich erweiterte sich der Fluß, und man hat eine ausgedehnte Aussicht nach Nordosten, wo sich eine einsame hohe Düne, Karaul-dung (Wachthügel), erhebt. Vor sich hat man ein großes Haff oder seeartige Erweiterung des Flusses, der jedoch bald wieder schmal wird. Wir wählen einen Arm rechts herum, waren aber noch nicht weit gekommen, als wir uns auch schon oberhalb einer Stromschnelle mit nur 6 Zentimeter Wasser gehörig festfuhren.

Wir versuchten die Fähre zu schieben und zu schleppen, aber vergebens; sie stand wie auf dem Grunde festgesogen. Alles schwere Gepäck wurde an Land gebracht und Kisten und Proviant am Ufer aufgetürmt; dann schoben wir mit vereinten Kräften, doch nur, um die Fähre noch tiefer in den Lehm hineinzuschieben. Nun wurde der Bek beauftragt, aus dem in der Nähe liegenden Aksak-maral Leute herbeizuschaffen. Einige seiner Diener hatten uns den ganzen Tag am Ufer reitend begleitet, und der Bek konnte sich also zu Pferd schleunigst nach dem Dorfe begeben. Er kam nach ein paar Stunden mit 30 Leuten zurück, die aus allen Kräften zugriffen. Ich ging mit gutem Beispiel voran, und unsere Bemühungen waren von Erfolg gekrönt: die Fähre glitt ruckweise über die Stromschnellen, aber nur, um eine Strecke weiter unten wieder unverbesserlich festzusitzen.

Da standen wir nun wieder, und ich überlegte schon, ob dies der gefürchtete Punkt wäre, an dem wir von unserem Heim Abschied nehmen müßten. Was sollten wir dann anfangen? Die kleine Fähre reichte nicht entfernt für das Gepäck aus, und von der Karawane waren wir abgeschnitten. Es wäre uns wohl nichts weiter übriggeblieben, als eine neue Schiffswerft anzulegen, Schreiner und Schmiede aus Aksak-maral kommen zu lassen und eine neue, kleinere und leichtere Fähre zu bauen. Doch ich zitterte vor dem Zeitverluste, da ich wußte, daß das Wasser tagtäglich fiel, und der Gedanke, daß die stolze Tarimfahrt schon hier vielleicht unterbrochen werden müßte, schmerzte mich.

Nein! Wir mußten über diese seichten Stellen hinweg, wo es keine tieferen Stromfurchen gibt, wo das Wasser vielmehr über die ganze Breite auf seichtem Grunde brodelt. Wir drehten die Fähre ein paarmal im Kreise herum; hierdurch wurde der Tonboden so aufgelockert, daß wir weiterschieben konnten und endlich über die Schnellen hinauskamen.

15. Kurze Rast in der Wüste. ([S. 24.])

16. Das Zelt meiner Leute in Lailik. ([S. 26.])

17. Transport der Fähre nach dem rechten Flußufer. ([S. 27.])

18. Bau der schwarzen Kajüte. ([S. 28.])

Unterhalb dieser war es wenigstens so tief, daß die Fähre eine gute Strecke weit trieb, bis wir die letzten und größten Schnellen erreichten, deren Schwelle 20 Zentimeter hoch war und wo das Wasser einen geradlinigen Katarakt von Ufer zu Ufer bildete. Hier betrug die Tiefe überall wenigstens ½ Meter, und die Strömung war so reißend, daß die Männer ein Kentern der Fähre befürchteten. Der Sicherheit wegen wurde wieder das ganze Gepäck an Land getragen; ich blieb allein an Bord, um mit in den schäumenden Wasserfall hinunterzugehen, was die Leute für sehr bedenklich hielten, da sie glaubten, daß das Schiff in den kochenden Wirbeln unterhalb des Falles umschlagen würde. Sie zogen die Fähre bis an den Punkt, wo die Wassermasse sich über die Schwelle wälzte, und ließen sie los, nachdem sie ihr die rechte Richtung gegeben; sie glitt so artig wie nur möglich über die Schwelle. Als sie mitten darüber schwebte, fiel die vordere Hälfte klatschend auf das Wasser, während die hintere von dem nachdrückenden Wasser emporgehoben wurde. Gleich unterhalb des Falles wurde Halt gemacht.

Die Mücken waren am Abend eine schreckliche Plage. Sie traten in ungeheuren Mengen auf, und vergebens versuchte man, sie sich vom Leibe zu halten. Sie sind widerwärtige Quälgeister, besonders wenn man die Hände voll Arbeit hat und halbnackt sein muß, um jeden Augenblick in den Fluß springen zu können. Es scheint, als warteten sie nur darauf, daß man komme, und man wundert sich, wovon sie leben, wenn man nicht da ist.

Am anderen Tage fing der Ostwind wieder an. Der Wind und die Mücken sind unsere schlimmsten Feinde. Allen beiden konnten wir nicht entgehen, denn wenn es abends still ist, so wird man von den Mücken gepeinigt, und bleiben diese aus, so geschieht es, weil es windig ist. Weht es aber, so wird die Drift der Fähre gehemmt, und wird es gar zu toll, so müssen wir lange Zeit stilliegen und auf Windstille warten. Wir sehnen uns jetzt nur nach dem Punkte hin, wo unser Flußarm sich wieder mit dem Kona-darja vereinigt, wo wir mehr Wasser unter die Fähren zu bekommen hoffen und Hirten an den Ufern wohnen. Längs des neuen Armes fehlen die Menschen, denn er hat sich sein Bett durch frühere Einöden gegraben.

Schließlich wurde der Wind zu unangenehm, und wir wollten nicht länger auf diese Weise mit uns scherzen lassen. In einer einladenden Gegend auf dem rechten Ufer, wo einige alte Pappeln im Sande wuchsen, lagerten wir, und ich beschloß, nicht eher weiterzugehen, als bis der gräßliche Wind aufgehört hätte. Der Ort hieß Kum-atschal und lag in der Wildnis. Doch wir hatten genügende Vorräte, darunter vier Schafe, Hühner, Gemüse usw., und Brot wurde jeden Morgen am Lande auf dem Lagerfeuer gebacken.

Eine Gans, die ursprünglich zum Proviant gehörte und bei Kasim auf der Avisofähre hauste, machte allmählich Karriere und wurde ihres tadellosen Betragens halber zur Schiffsgans ernannt. Sie war eine klassische Erscheinung und watschelte frei auf der großen Fähre umher; sie besuchte mich häufig im Zelte und war so zahm, daß sie kam, wenn man sie rief. Nie machte sie einen Versuch, uns durchzubrennen, obwohl sie eine gefangene Wildgans war, der man allerdings die Flügel beschnitten hatte; bei den Lagerplätzen schwamm sie auf dem Flusse umher, kehrte aber stets von selbst wieder nach ihrer Schlafstelle an Bord zurück. Sie war lange bei uns; ich kann mich im Augenblick nicht darauf besinnen, wo wir sie verloren, aber wir werden ihr im Laufe der Erzählung wohl wieder begegnen. Vielleicht träumte sie dann und wann von den Palmen und den Mangobäumen an den Ufern des Ganges, wenn sie ihre freien Kameraden auf der Reise nach Indien über den Wald hinsausen hörte.

Als die Dämmerung kam, wurde die schwarze Kajüte eingeweiht und der Abend dem Entwickeln der Platten gewidmet. Alle die kleinen Löcher, durch die schwaches Licht eindrang, wurden verstopft und die Fenster mit schwarzen Filzmatten verhängt. Zuber und Bottiche wurden mit klarem Wasser aus einem See in der Nähe gefüllt und ein Licht im Zelte dicht vor dem roten Fenster angezündet. Das Atelier war auf diese Weise ausgezeichnet, und es gefiel mir darin so wohl, um so mehr als die Platten gut ausfielen, daß ich beschloß, noch den folgenden Tag zu bleiben und mit der Arbeit fortzufahren; wir konnten den Tag mit gutem Gewissen opfern, denn der Wind wehte noch ebenso eigensinnig.

Ich arbeitete bis 3 Uhr früh und war daher ein wenig verdrießlich, als Islam mich am 27. September um 7 Uhr weckte. Als er mir aber mitteilte, daß das Wetter ruhig und schön sei, sprang ich pfeilschnell auf und gab Befehl, den Anker zu lichten.

Hier wurde der Bek entlassen und zog mit seinen Leuten, die nun nicht länger gebraucht wurden, sondern nur am Proviantvorrate zehren halfen, wieder heim. Nur einer von ihnen, Muhammed Ahun, der ein Jäger (Pavan) war und die Gegend gut kannte, fuhr mit uns weiter.

In einer Kurve mit gewaltiger Strömung wurde die Fähre dicht an das rechte Ufer getrieben, wo ein paar Meter davon im Flusse eine absterbende Pappel stand und dem Brodeln des Wassers um ihren Stamm herum lauschte. Wir wurden sie zu spät gewahr, und die Leute konnten das Schiff nicht rechtzeitig abbringen; es rieb sich knirschend an dem Stamme entlang, und die mächtigen Zweige hätten beinahe das Zelt heruntergefegt, begnügten sich aber damit, nur ein Stück davon abzureißen. Das meteorologische Häuschen schwebte einen Augenblick in der größten Gefahr, doch gelang es mir noch, es zu retten.

Endlich mündet von links das breite, jetzt trockene Bett des Kona-darja ein, der von Maral-baschi kommt, aber nur im Hochsommer Wasser führt.

Ist es windstill, so kann man an dem Muster und der Zeichnung der Wasserringel sehen, wo die Strömung geht; doch wenn es wie heute weht, so verschwindet diese wegweisende Zeichnung unter der leichten Kräuselung der kleinen Wellen. Man fühlt sich ordentlich erleichtert, wenn die Wassermasse des Flusses in einer einzigen Biegung strömt, man ungehindert und ohne Anstrengung auf tiefem Wasser an der Jar(Ufer)wand entlang gleitet und von Ufer und Wald geschützt wird.

Im großen betrachtet geht der Jarkent-darja hier nach Nordosten, bisweilen richtet sich sein Lauf aber nach Norden, Ostnordost oder sogar nach Ostsüdost. Diese Strecken bilden die phantastische krumme Linie von Biegungen und Windungen; in diesen Krümmungen schlängelt sich noch dazu die Strömung von einem Ufer zum anderen, und alle diese Verhältnisse tragen dazu bei, unseren Weg zu verlängern.

Heute war keine Spur von Menschen oder Vieh an den Ufern zu sehen. Ein Adler und einige Raben waren die einzigen Geschöpfe, die Leben in die feierliche Stille des Waldes brachten. Dagegen sah man im Ufersande frische Spuren von Wildschweinen und Rehen, die zum Trinken an den Fluß gekommen waren. Die Hunde kamen heute auf die revolutionäre Idee, ohne weiteres ins Wasser zu springen und an Land zu schwimmen. Sie folgten dann aber der Fähre, indem sie treu am Ufer nebenherliefen und gelegentlich Wildschweine oder andere Bewohner des Dschungels wütend anbellten. Als sie dessen müde wurden, schwammen sie wieder nach der Fähre zurück und wurden auf das Achterdeck hinaufgezogen. Dieses Manöver, das der Besatzung viel Spaß machte, wiederholte sich von nun an täglich. Anfänglich konnten die Hunde abgestorbene Pappelstämme mitten im Flusse oder im Grunde steckengebliebene Treibholzstücke durchaus nicht leiden. Sie legten den wütendsten Unwillen gegen diese an den Tag und bellten sie unerbittlich an. Nach und nach gewöhnten sie sich aber daran und ließen das Treibholz in Frieden.

Die Mücken waren derart lästig, daß wir an einem bewaldeten Ufer nicht lagern konnten, sondern Ufer mit Ak-kum (weißer Sand) aufsuchen mußten, wo die Leute das Holz zum Lagerfeuer von weither zu holen hatten. Um mich ein wenig vor den blutdürstigen Insekten zu schützen, rauchte ich wie eine Lokomotive und schmierte mir das Gesicht mit Baumöl ein.

Abends saß die ganze Besatzung auf dem flachen Ufer um ein Feuer von Treibholz und debattierte lebhaft darüber, ob wir noch das Lop-Gebiet erreichen würden, ehe der Fluß zufröre. Auch ich hätte dies gar zu gern wissen mögen, doch ich hatte keine Zeit, mich darüber zu beunruhigen. Wir mußten möglichst gleichen Schritt mit der jetzigen Wassermenge des Flusses halten, so daß deren Abnahme während der Nächte und Rasttage nicht zu großen Vorsprung gewann und uns das Wasser schließlich ganz im Stiche ließ. Ich rechnete hauptsächlich auf den Wasserzuschuß des Aksu-darja; kämen wir nur so weit, so würden wir uns schon weiter helfen.

28. September. So glitten wir denn Tag für Tag auf dem großen, ruhigen Flusse dahin, und die Karte entwickelte sich nach und nach unter meinen Augen. Die Wassertiefe wird an jedem Lagerplatze gemessen, und zwar der Sicherheit halber nach zwei verschiedenen Methoden. Einerseits wurde an einer geschützten ruhigen Stelle ohne Strömung eine Meßstange in den Grund gestoßen, andererseits wurde eine solche in die lotrechte Uferwand eingerammt, an deren äußerstem Ende ein Lot an einer mit Teilung versehenen Leine, von der ich das Steigen oder Fallen des Wassers direkt ablesen konnte, in den Fluß hinabhing.

Noch waren die Ufer unbewohnt und still; doch sahen wir ein paar Hirtenhütten (Söre), die gewöhnlich nur aus einem Dache auf vier Stangen bestehen und mit Reisig und Zweigen bedeckt sind. Sie ließen darauf schließen, daß die Gegend doch zu gewissen Zeiten von Menschen aufgesucht wird, die wieder fortziehen, sobald die Weide knapp wird.

Der Fluß verändert heute sein Aussehen nicht. Stattlich fließt er in dem majestätischen Schweigen des Waldes in unbedeutendem Gefälle dahin und hält sich meistens in einem einzigen Bette mit Tiefen, die bis zu 7 Meter betragen. Wir wurden daher nicht durch Festsitzen aufgehalten, und lautlos und mit guter Geschwindigkeit glitt die Fähre auf ihrer langen Reise durch Ostturkestan weiter.

Schon vom vorigen Lagerplatze an sind die Ufer mit einem dichten, prachtvollen Walde von alten, ehrwürdigen, knorrigen Pappeln besetzt, deren grüne, verschlungene Kronen jetzt ins Rote und Gelbe zu spielen beginnen; es ist, als kleideten sie sich zu einem lustigen Herbstkarneval in bunte Gewänder. Die Leute von Lailik hatten nie einen solchen Wald gesehen und machten ihrem Erstaunen und Entzücken in lebhaften Ausrufen Luft. Sie nannten den Wald „Östäng-bag“, den „Baumgarten am Kanale“, wie die bewässerten Parke und Haine der Oasen gewöhnlich genannt werden. Sie hatten recht; es war ein Genuß für das Auge, diesem farbenprächtigen Uferschmucke zu begegnen, und in dem lautlosen Schweigen, das den ganzen Tag herrschte, konnte man glauben, in einem Triumphwagen von unsichtbaren Nixen und Elfen auf einer Straße von Saphiren und Kristall durch einen verzauberten Wald gezogen zu werden. Es war so still, daß man kaum zu sprechen wagte, um nicht den Zauberbann zu brechen. Feierlich standen die Pappeln in zahlreichen Reihen, wie sie in vielen hundert Jahren die Ufer bekränzt; aufrecht standen sie da wie Könige und spiegelten ihre Kronen aus falbem Herbstgold in dem lebenspendenden Flusse, der Nährmutter der Wälder, der Herden und Hirsche und des Königstigers, dem größten Gegensatze des Wüstenmeeres. Da stehen sie in einer dunkeln Mauer, würdevoll und still, als lauschten sie einer Hymne, die zwischen den Ufern zum Lobe des Allmächtigen leise erklingt, einer Hymne, die auch Wanderer und Reisende vernehmen können, wenn nur ihr Gemüt für die Größe der Natur empfänglich ist. Die Pappeln stehen da, als hätten sie sich nur deshalb hier aufgepflanzt, um dem merkwürdigen Flusse zu huldigen, ohne den ganz Ostturkestan eine einzige ununterbrochene Wüste sein würde. Sie huldigen dem Tarim in andächtiger Ehrfurcht, wie dem Ganges die Brahminen und die altersschwachen Pilger huldigen, die nach Benares eilen, nur um an den Ufern des heiligen Stromes zu sterben.

Der Wald dehnt sich bis dicht an den Uferrand aus, aber den Erdwall bedeckt dichtes gelbes Kamisch (Schilf) und über demselben bildet das Buschholz ein ganz undurchdringliches Dickicht, wo nur Wildschweine durch dunkle Gänge, in die nie ein Sonnenstrahl fällt, hindurchkommen können. Zu oberst bildet der Wald eine grünende Mauer, die oft so dicht ist, daß die Stämme nur selten durch das Laubwerk schimmern. Die Kronen sind wie mit Sepia gepudert in Farbentönen, die schreiend wären, wenn die unklare Luft sie nicht dämpfte. Doch so wie es jetzt ist, bilden sie einen dem Auge angenehmen Farbenübergang zu dem blaugrauen Gewölbe des Himmels. All diese Pracht der Natur und der Farben wiederholt sich auf beiden Seiten und spiegelt sich im Wasser wider, und dennoch kann man sich nicht satt daran sehen.

Nur an den konvexen Ufern, wo das Hochwasser flache Sand- und Schlammanschwemmungen abgelagert hat, tritt der Wald zurück; an dem konkaven Ufer streichen wir unter den Pappeln hin, die sich nicht selten über den Fluß lehnen, und wie in einem Parke gleitet die Fähre unter laubreichen Gewölben in kühlem Schatten vorwärts. Es ist, als streckten die Waldgötter Friedenszweige über unser Schiff aus und segneten seine wunderbare Reise — denn eine Reise auf dem Wasser quer durch Ostturkestans Sandwüsten ist ohne Zweifel wunderbar; niemand hätte wohl geglaubt, daß man das innerste Asien zu Schiff durchkreuzen könnte.

So gleiten wir Stunde um Stunde auf dem Spiegel des dunkeln Flusses weiter durch den schlafenden Wald, auf einer venezianischen Straße, wo die Paläste in Bäume verwandelt sind und die Kais aus goldig glänzendem Schilfe bestehen. Der Ruder bedarf es hier nicht; die Strömung selbst sorgt für unser Weiterkommen, und die Gondoliere schlafen der Reihe nach auf ihrem Posten, doch stets die Stange fest in der Hand. Alles ist so still, und unbewußt wird man von der Märchenstimmung beeinflußt. Man erwartet beinahe, Waldnymphen den ungestörten Frieden benutzen zu sehen, um, auf Pappelzweigen schaukelnd, ihren Spiegelbildern im Wasser zuzunicken, und man würde sich nicht wundern, wenn tief im Walde plötzlich ein Hirtengott auf der Flöte zu blasen anheben würde.

Doch wie schweigend wir auch dahingetragen werden, wir überraschen doch keine Gestalten aus der Märchenwelt. Nur dann und wann werden von einem leichten Windhauch vertrocknete Blätter von einer überhängenden Pappel losgerissen, um vom Wasser nach Osten weitergetragen und vernichtet zu werden. Es sind die Waldgötter, die unseren Weg bestreuen, wie die Hindus dem Ganges Opfergaben von gelben Blumen darbieten; es sind die Pappeln, die bald sterbend im Winterschlafe erstarren und vorher dem Tarim, der ihnen die Nahrung für ihr Sommerleben geschenkt, einen Teil des Geschenkes zurückgeben wollen; man muß dabei an die verachtete Kaste der Leichenverbrenner denken, welche die Asche der Toten in den heiligen Ganges streut.

Unsere Wasserstraße war unglaublich krumm. In einer Biegung mußten wir, um 180 Meter in unserer Hauptrichtung nach Nordosten zurückzulegen, einen Weg von 1450 Meter machen, wobei wir einen Kreis beschrieben, an dessen Vollständigkeit nur ein Neuntel der Peripherie fehlte. Bald gehen wir nach Nordosten, bald nach Südwesten und verlieren wieder, was wir eben gewonnen haben. Nur äußerst selten streckt sich der Fluß eine kleine Strecke weit gerade aus, meistens windet er sich wie eine Schlange im Grase. Diese zahlreichen Krümmungen machen, daß ich unausgesetzt die Angaben des Kompasses aufzeichnen und die Tausende von kleinen Stückchen des Laufes auf der Karte eintragen muß, damit diese absolut zuverlässig werde.

Gegen Abend hatten die Mücken, wie gewöhnlich, Ball und Souper; ich wehrte mich, so gut ich konnte, mit dem Baumöle, die Besatzung aber, die stets nacktbeinig ging, wurde arg gepeinigt. Unaufhörlich ertönten Klatsche, die anzeigten, daß eine Mücke auf irgendeinem nackten Teile des Körpers plattgeschlagen wurde, und man konnte die Ausrufe „Annangnißke“, „Kissingnißke“ oder „Kaper“ hören, alles Worte, die durch Nichtübersetzung bedeutend gewinnen.

Als wir bei Jallgus-jiggde lagerten, wurde am Ufer um das Feuer herum Kriegsrat gehalten. Muhammed Ahun, der Jäger, der allein von uns die Gegend kannte, meinte, der Fluß werde in zwei Monaten zufrieren. Wir beschlossen, um noch mehr Zeit zu ersparen, morgens, sobald es hell würde, aufzubrechen, alle Mahlzeiten, das Abendessen ausgenommen, an Bord einzunehmen und auch das Brot morgens auf dem Achterdeckherde zu backen. Die Männer von Lailik waren mit warmen Tschapanen, Pelzen und Stiefeln schlecht versehen; daher wollten wir ihnen in Masar-alldi oder Awwat besorgen, was sie noch brauchten.

Der Jäger teilte uns mit, daß 3 oder 4 Kilometer rechts vom Jarkent-darja das trockene Flußbett Chorem liege, dasselbe, in welchem ich 1895 Süßwassertümpel gefunden hatte. Im Südosten dieses Bettes dehnt sich das unabsehbare Wüstenmeer aus.

Die Flußmessung ergab 28,6 Kubikmeter Wasser; wir können mit der Wassermasse nicht gleichen Schritt halten, sie überholt uns nachts, und wir bleiben hinter ihr zurück. Führen wir ununterbrochen Tag und Nacht, so würden wir theoretisch stets dieselbe Wassermenge haben, wenn nicht die Verdunstung und das Einsickern in den Boden für das Verlorengehen eines guten Teiles derselben sorgten.

29. September. Jetzt gab es nachts viel Tau; schon gleich nach Sonnenuntergang begann er zu fallen, und morgens war das Vorderdeck so naß wie nach einem Regen.

Der Morgen sah vielversprechend aus; der Fluß machte nicht so tolle Krümmungen wie gewöhnlich, und die Luft war ganz still. Aber diese vorteilhaften Umstände veränderten sich um die Mittagszeit völlig, da eine frische Brise einsetzte und der Flußlauf sich wieder außerordentlich schlängelte. In Biegungen, wo die Erosion des Wassers am größten ist, betrug die Tiefe mehrmals bis zu 9 Meter, und da hier an der Oberfläche Gegenströmung herrscht, kam es ein paarmal vor, daß wir ganz einfach in diesen Föll oder Bulung liegen blieben. Unter gewöhnlichen Verhältnissen geht die Fähre infolge ihrer Geschwindigkeit darüber hinweg, bei Gegenwind aber kann sie es nicht, und dann bleibt weiter nichts übrig, als einige Leute an Land zu schicken, um uns mit einem Tau loszuschleppen oder uns mit der Jolle zu bugsieren.

Bei Tusluk-kasch passierten wir ein Hirtenlager und erstanden für 48 Tenge (9 Mark) ein Schaf. Diese Hirten wohnen wie auf einer Insel, die von einer gewaltigen Krümmung gebildet wird, der zu einem vollständigen Kreise nur ein Zwölftel Peripherie fehlt. Die Flußwindungen sind schuld daran, daß der von uns zurückgelegte Weg über doppelt so lang wird als die Luftlinie. Heute rückten wir nur 8,36 Kilometer vor, trieben aber 19,38 Kilometer bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 38 Meter in der Minute.

Infolge der verminderten Schnelligkeit und der größeren Tiefen nimmt das Wasser an Klarheit zu. Um die Durchsichtigkeit zu bestimmen, konstruierte ich ein sehr einfaches Instrument, das aus einer runden, glänzenden Metallscheibe und einem senkrecht daran befestigten, mit Teilung versehenen Arme bestand. Die Tiefe, in welcher die Scheibe unter dem Wasser noch deutlich unterschieden wurde, ließ sich an dem Arme direkt ablesen.

Wie langsam es auch ging, stets war es ein großer Genuß, wie auf der Veranda einer Sommerfrische vom größten Komfort umgeben zu sitzen und sich die Landschaft entgegenkommen zu lassen. Doch nicht einen Augenblick durfte ich meinen Posten verlassen, um mir die Beine zu vertreten. Selten dauerte eine Richtung länger als 10 Minuten; die gewöhnliche Pause zwischen den Kursänderungen betrug 2 oder 3 Minuten, und man mußte immer mit dem Kompasse folgen. Ich war in diesem Teile des Jarkent-darja so an den Beobachtungstisch gefesselt, daß wir um 1 Uhr, wenn die meteorologische Ablesungsreihe aufgezeichnet werden sollte, eine Weile am Ufer anlegen mußten. Neben mir lag eine Kladde, worin die Aufzeichnungen des Tages mit Bleistift notiert wurden, um abends, nachdem wir Lager geschlagen, mit Tinte in das Tagebuch eingetragen zu werden. In den ärgsten Krümmungen folgten die Peilungen so dicht aufeinander, daß ich mir kaum dazwischen eine Zigarette anzünden oder sie, wenn sie ausgegangen, wieder anstecken konnte, und das Teegeschirr, das Islam eben gebracht, mußte auf seiner Kiste so lange auf mich warten, bis das erquickende Getränk kalt geworden war.

Die Karte aber wurde hübsch, und es machte mir großes Vergnügen, daran zu arbeiten. Sie ist in so großem Maßstabe angelegt, daß alle Einzelheiten hervortreten: die Linie, welche die Drift der Fähre bezeichnet, ist in den Wasserweg eingetragen, so daß man sieht, wo wir am rechten oder linken Ufer entlang gefahren sind, wo wir mitten auf dem Flusse getrieben und wo wir ihn gekreuzt haben. Die markierten Jarufer, die der größten Erosion (die Grunderosion ist gleich Null oder wird von der Sedimentablagerung ausgeglichen) ausgesetzt sind, sind mit scharfgezeichneten schwarzen Linien angegeben, die Alluvialhalbinseln treten als weiße Halbmonde hervor, Holme, Bänke und kleine Wasserarme, alles ist angegeben. Pappelwald wird mit kleinen Kreisen bezeichnet, Kamisch mit kleinen Pfeilspitzen, Gebüsche und Dickichte mit Punkten, Tamarisken mit Widerhaken, Sanddünen mit schrägen Schraffen. Wo die Ufer, wie heute, lichten Wald tragen, ist jede Pappel auf der Karte eingetragen; ich würde bei einem neuen Besuche jeden einzelnen Baum wie einen alten Bekannten, einen Freund aus einer glücklichen, angenehmen Zeit, wiedererkennen können!

Das heutige Lager hieß Kijik-tele-tschöll (Einöde des Antilopen-Weidenbaumes). Hier gab es keine Hirten, doch schwaches Hundegebell verkündete, daß sie nicht besonders weit sein können. Die Wassermenge betrug 27,8 Kubikmeter.

19. Die Werft. ([S. 28.])

20. Tänzerinnen und Musikanten beim Abschiedsfest in Lailik. ([S. 30.])

21. Frauen und Kinder unserer Bootsleute auf dem Wege zur Fähre. ([S. 33.])

22. Die Fähre auf dem Jarkent-darja. ([S. 36.])

Während der Nacht auf den 30. September fiel das Wasser wieder um 2,1 Zentimeter; daher los vom Ufer in der kalten Morgenluft und weiter den Fluß hinunter, nach Osten hin! Heute trat endlich unser alter Masar-tag aus der ein wenig klarer werdenden Luft hervor und war leicht erkennbar; sein höchster Gipfel war in ungefähr Nordosten zu sehen. Der Berg trat nur in schwachen Umrissen hervor, die jedoch im Laufe des Tages deutlicher wurden, so daß man schließlich Schluchten und Vorsprünge und die braunrote Farbe unterschied. Nachdem der Masar-tag seinen Platz in der Landschaft eingenommen, brachte er auch einige Abwechslung hinein und bildete das Thema des Tagesgesprächs. Man zerbrach sich den Kopf darüber, wie weit es bis dahin sein könnte, ob wir ihn noch vor Abend oder, wie ich vermutete, erst in ein paar Tagen erreichen würden. Eine lange Strecke hatten wir den Berg gerade vor uns, darauf rechts und dann links von der Fähre; am tollsten aber war es, als wir ihn hinter dem Achter hatten und uns wieder von ihm entfernten. Erst wenn man eine derartige Landmarke hat, die alles andere überragt, wird einem ganz klar, wie sich der Fluß schlängelt.

Das Terrain wird öder; der Wald hat aufgehört, und auf beiden Seiten des Flusses dehnt sich Gras- und Kamischsteppe aus, wo nur selten eine junge Pappel ihre Krone über verschmähten Weideplätzen erhebt. Unsere Jäger nehmen Spuren von Hirschen und anderen wilden Tieren wahr. Islam Bai brandschatzte selten anderes Wild als wilde Gänse und Enten; es war zwar sein Ehrgeiz, einmal einen Hirsch zu schießen, doch gelang es ihm nie. Er war alt geworden; auf der vorigen Reise hatte er besseres Jagdglück gehabt. Was mich betrifft, so habe ich nicht einmal das Leben einer Krähe auf meinem Gewissen. Ich feuerte auf der ganzen Reise keinen Schuß ab, und der geladene Revolver, den ich für einen etwaigen Überfall immer bei der Hand hatte haben wollen, lag tief unten in einer meiner Kisten verpackt; in welcher, wußte ich gewöhnlich nicht.

Der Kasim der Avisofähre entdeckte auf einem öden Ufer ein verlassenes, verirrtes Lamm, das wir an Bord nahmen, um es dem ersten besten Hirten zu übergeben; es hätte sonst gewiß nicht lange auf den Wolf zu warten brauchen.

Der Ostwind tat uns gelegentlich großen Abbruch, aber die Krümmungen waren nicht ganz so unberechenbar wie gestern. Ein eigentümlicher Zug an dem Bau des Flußbettes war, daß die Jarwände des Ufers viel auffallender waren als bisher und sich 4 und 5 Meter über die Wasserfläche erhoben. Sechs Meter lange Stangen erreichten meistens den Grund nicht, und um die Tiefe zu messen, mußten wir zwei zusammenbinden. Bisweilen waren beide Ufer gleich hoch, ohne eine Spur von Anschwemmungen; dies war natürlich nur an geraden Stellen der Fall. Wir glitten dann wie in einem Korridor dahin, vor dem Winde geschützt, aber ohne viel von der umgebenden Landschaft zu sehen.

Die mittlere Geschwindigkeit dieses Tages war 35 Meter in der Minute und bei dem in namenloser Gegend gelegenen Lager Nr. 12 betrug die Wassermenge genau 25 Kubikmeter, 2,8 Kubikmeter weniger als zuletzt. In der Luftlinie hatten wir 11,2 Kilometer, in Wirklichkeit 18,2 Kilometer zurückgelegt, ein viel günstigeres Verhältnis als gestern.

Mit jedem Tage wuchs die Spannung, ob wir, ehe der Fluß sich mit Eis bedeckte und uns in seinen unerbittlichen Banden finge, ans Ziel gelangen würden oder nicht.

Sechstes Kapitel.
Vierzig Kilometer zu Fuß.

In der Nacht auf den 1. Oktober fiel das Wasser noch um 1,7 Zentimeter. Im Norden zeigten sich schwache Umrisse, die man für aufsteigenden Nebel hätte halten können, wenn ihr gezähnter Rand nicht die Bergkette des Tien-schan angekündigt hätte. Der Masar-tag stand immer deutlicher vor uns; seine Lichter und Schatten und sein ganzer Bau zeichneten sich mit jeder Stunde schärfer ab. Ich saß bequem an meinem Schreibtische und trug den Gebirgsstock auf der Karte ein, wobei die kulminierenden, leicht erkennbaren Spitzen mit römischen Ziffern bezeichnet wurden.

Jetzt sind wir dicht bei dem nächsten Ausläufer des Berges, der auf dem Ufer selbst steht, so daß sein Fuß vom Wasser bespült wird. Dieser ungewöhnliche Anblick brachte eine angenehme Abwechslung in die Landschaft. Man hätte erwarten sollen, hier am Fuße der Felsen Schnellen und Fälle zu finden, doch es gab hier keine; der Fluß floß ebenso ruhig wie gewöhnlich dahin und machte nur einen Bogen nach Südosten, um dem Berge auszuweichen und dessen südliche Basis zu umgehen.

Wir biegen längs des Berges um. Am Ufer erscheinen Hütten und Menschen, auf einem Abhange vier Gumbes (Mausoleen), ein alter Guristan (Begräbnisplatz). Bei den Hütten von Kurruk-asste machten wir Halt ([Abb. 28]).

Der Begräbnisplatz, der auch ein heiliger Masar war, hieß Hasrett Ali Masar, welcher Name auch zur Bezeichnung des ganzen Berges dient. Der trockene Flußarm, der unmittelbar unter dem Masar hinläuft, ist derselbe Kodai-darja, den ich 1895 besuchte. Seit zehn Tagen lag das Bett trocken, raubte uns also kein Wasser mehr; doch von Mitte Juli bis zum 20. September hat es als Abfluß für einen Teil des Wassers des Jarkent-darja gedient, welches aber zum großen Schaden mehrerer Dörfer am Wege nach Aksu, die von diesem Arme ihr Berieselungswasser erhalten, viel weniger war als sonst.

Der Fluß zeigt also hier, wie sehr oft während seines Laufes, eine Tendenz, nach rechts überzufließen. Um diesem für das nächste Jahr vorzubeugen und die Ernte zu retten, hatte der chinesische Amban (Distriktsvorsteher) von Maral-baschi befohlen, quer über das Bett des Jarkent-darja einen Damm zu bauen, um das Wasser in den Kodai-darja abzuleiten. Fünf Mann lagen nun in Kurruk-asste, um ein Depot von 1000 Balken und Stämmen, die aus dem nächsten Walde auf Arben hierher gebracht worden waren, zu bewachen, und sobald der Fluß genügend gefallen war, sollten Leute aus der ganzen Gegend aufgeboten und der Damm gebaut werden. Zu unserem Glücke konnte die Arbeit erst nach einem Monat beginnen. Es mußte uns also gelingen können, einen so großen Vorsprung zu gewinnen, daß die Absperrung des Jarkent-darja auf unsere Reise nicht mehr einwirken konnte.

Wir beschlossen, in Kurruk-asste wenigstens einen Tag zu bleiben und der On-baschi des Ortes wurde beauftragt, sich sofort nach dem Basar von Tumschuk zu begeben, um dort Pelze und Stiefel für die Leute aus Lailik zu kaufen. Er sollte uns auch einen Vorrat von Reis, Mehl und Gemüse besorgen und am Abend des nächsten Tages wieder hier sein. Leider konnte keiner der Unseren ihn begleiten, da es in der ganzen Gegend nur ein Pferd gab, ich verließ mich aber auf den Mann und gab ihm Geld zu den Einkäufen.

Nachdem ich bis morgens 3 Uhr Platten entwickelt und dann ordentlich ausgeschlafen hatte, wurde der Tag zu dem sehr notwendigen Ausruhen bestimmt. Im allgemeinen hatte ich während der Flußreise einen sechzehnstündigen Arbeitstag, und von dem ständigen Stillsitzen am Tische tat mir oft der Rücken weh. Schön war es daher, während des Rasttages eine Fußwanderung zu machen ([Abb. 26]) und das Hasrett-Ali-Masar-Gebirge zu ersteigen, um von einer seiner Höhen herab die Gegend ringsumher zu betrachten: die unendliche Steppe, die gelbe Wüste mit ihren hohen, unheimlichen Dünenwellen, die auch hier Takla-makan genannt wird, den sich schlängelnden Fluß, der von meinem hohen Aussichtspunkte aussah wie ein Graben oder ein feines blaues glänzendes Band durch die Steppe.

In der Dämmerung wurde eine Flußmessung vorgenommen, die das glänzende Resultat ergab, daß wir jetzt 53,7 Kubikmeter Wasser in der Sekunde unter unserer Flottille hatten, also mehr als doppelt soviel wie bei der letzten Messung. Wir verdankten diesen reichlichen Zuschuß den beiden Armen des Jarkent-darja oberhalb Kurruk-asste, die aus einigen von dem Überschußwasser von Maral-baschi gespeisten Seen kommen.