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Im Herzen von Asien.

Zweiter Band.

„Einen Schritt weiter — und es kostet euch den Kopf!“ ([S. 225])

Im Herzen von Asien.

Zehntausend Kilometer
auf unbekannten Pfaden.

Von

Sven v. Hedin.

Mit 341 einfarbigen und bunten Abbildungen und 5 Karten.

Autorisierte Ausgabe.

Vierte Auflage.

Zweiter Band.

Leipzig:

F. A. Brockhaus.


1919.

Inhalt des zweiten Bandes.

Seite
Erstes Kapitel. Nach dem Anambaruin-gol   [1– 13]
Zweites Kapitel. Bei den Särtängmongolen und durch die Gobiwüste [24– 24]
Drittes Kapitel. Durch unbekanntes Land auf der Suche nach Wasser [25– 36]
Viertes Kapitel. Die Ruinen am alten Lop-nor [37– 50]
Fünftes Kapitel. Lôu-lan [51– 61]
Sechstes Kapitel. Ein Nivellement durch die Lopwüste [62– 76]
Siebentes Kapitel.Der wandernde See [77– 86]
Achtes Kapitel. Islam Bais Schicksal [87–103]
Neuntes Kapitel. Über die nördlichen Randgebirge nach dem Kum-köll [104–116]
Zehntes Kapitel. Die Zusammensetzung der Karawane [117–130]
Elftes Kapitel. Im Schneesturm über den Arka-tag [131–146]
Zwölftes Kapitel. Die ersten Tibeter [147–157]
Dreizehntes Kapitel. Das Hauptquartier [158–169]
Vierzehntes Kapitel. Aufbruch nach Lhasa [170–183]
Fünfzehntes Kapitel. Die ersten Nomaden [184–197]
Sechzehntes Kapitel. In kritischer Lage [198–209]
Siebzehntes Kapitel. In Gefangenschaft der Tibeter [210–227]
Achtzehntes Kapitel. Rückzug unter Bewachung [228–238]
Neunzehntes Kapitel. Die letzten Tagemärsche nach dem Hauptquartier [239–248]
Zwanzigstes Kapitel. Der Zug nach Süden [249–261]
Einundzwanzigstes Kapitel. Tibetische Truppen versperren uns wieder den Weg [262–279]
Zweiundzwanzigstes Kapitel. Der Nakktsong-tso [280–291]
Dreiundzwanzigstes Kapitel. Der Tschargut-tso [292–303]
Vierundzwanzigstes Kapitel. Die lange Reise nach Ladak [304–314]
Fünfundzwanzigstes Kapitel. Via dolorosa [315–326]
Sechsundzwanzigstes Kapitel. Der Tso-ngombo [327–339]
Siebenundzwanzigstes Kapitel. Vom Panggong-tso nach Leh [340–351]
Achtundzwanzigstes Kapitel. Ein Besuch in Indien [352–361]
Neunundzwanzigstes Kapitel. Über das Kloster Hemis heimwärts [362–370]
Register. [371–390]

Abbildungen.

Seite

„Einen Schritt weiter — und es kostet euch den Kopf!“ ([Titelbild])

[168.]

Die beladenen Kamele. [169.] Umladen. [170.] Lager in Nordtibet

8

[171.]

Das nach dem Passe des Akato-tag hinaufführende Tal. [172.] Bahnen eines Weges über den Paß. [173.] Ein Tal mit zwei Stockwerken

9

[174.]

Der Platz, an dem wir umkehrten

16

[175.]

Das Gewölbe im Tale. [176.] Die Kamele werden einzeln nach dem Hauptpasse hinaufgeführt. [177.] Die Quelle am 22. Dezember 1900

17

[178.]

Im Tale des Anambaruin-gol. Blick nach Nordwesten

28

[179.]

Blick nach Südosten vom Lager am Anambaruin-gol

29

[180.]

Im Tale des Anambaruin-gol aufwärtsführender Weg. [181.] Einer unserer mongolischen Führer. [182.] Die nach Dschong-duntsa hinunterführende Schlucht

32

[183.]

Mein mongolischer Führer

33

[184.]

An den Felsen von Dschong-duntsa

44

[185.]

Das Lager im Tale von Dschong-duntsa

45

[186.]

Unsere Kamele im Tale von Dschong-duntsa

48

[187.]

Das Lager in Lu-tschuentsa

49

[188.]

Die Karawane auf dem Eise des Lu-tschuentsa-Baches

56

[189.]

Sanddünen in der mittelsten Gobi. [190.] Terrasse nördlich von der Oase vom 1. Februar. [191.] Tränkung der Kamele am Brunnen im Lager Nr. 138

57

[192.]

Lager mitten in der Sandwüste

68

[193.]

Brunnen, in der letzten Oase gegraben

69

[194.]

Auf dem Wege nach Altimisch-bulak. [195.] Das angeschossene Kamelweibchen. [197.] Reinigung des Kamelskeletts. [197.] Aus der Oase Altimisch-bulak

69

[198.]

Prüfung des Nivellierinstruments bei Altimisch-bulak

69

[199.]

Meine Jurte in Chodai Kullus Oase. [200.] Chodai Kullu und sein wildes Kamel.[201.] Das geschossene Kamel

80

[202.]

Der erste Turm der untergegangenen Stadt

81

[203.]

Aussicht von dem Tora des Hauptquartiers. [204.] Das Haus beim Lager

88

[205.]

Der Lehmturm von der Südseite

89

[206.]

Der Turm von Nordost. [207.] Abbruch eines Turmes. [208.] Haus mit stehengebliebenen Türen

96

[209.]

Ausgrabungen im Buddhatempel. [210.] Schnitzereien in Pappelholz

97

[211.]

Geschnitzte Holzstücke aus den Ruinen

104

[212.]

Schagdur mit einigen seiner Funde. [213.] Das Haus, in welchem die Manuskripte gefunden wurden. [214.] Ausgrabungen in Lôu-lan

105

[215.]

Ausgrabungen in einem der Häuser von Lôu-lan

112

[216.]

Die Nivellierungskarawane. [217.] Lager am Wasserarm

113

[218.]

Ein Ausläufer des wandernden Sees. [219.] Mein Hirsch im Garten. [220.] Sirkin und Tschernoff mit den beiden kleinsten jungen Kamelen

120

[221.]

Im Schatten der Weiden am Seraiteich in Tscharchlik

121

[222.]

Ein Teil des Stallhofes unseres Serai

128

[223.]

Schereb Lama auf dem „Gelbohr“. [224.] Der Tag vor dem Aufbruch

129

[225.]

Unser Lager in Jiggdelik-tokai

136

[226.]

Der Tscharchlik-su bei der letzten, scharfen Durchbruchsbiegung

137

[227.]

Unser Lager in Unkurluk. Blick auf das Nebental

144

[228.]

Die am Ufer des Kum-köll aufgestapelten Kamellasten. [229.] Ankauf von Schafen bei den Hirten von Unkurluk

145

[230.]

Die Kamele am Ufer des Kum-köll

152

[231.]

Turdu Bais Zelt

153

[232.]

Eine angeschossene Orongoantilope

160

[233.]

Erlegter tibetischer Bär

161

[234.]

Berg beim Lager Nr. 16. [235.] Das Steinmal auf dem Knotenpunkte bei Lager Nr. 24. [236.] Weidende Kamele

168

[237.]

Sirkin mit meinem alten Reisekameraden von 1896. [238.] Endlich in einer Gegend mit gutem Wasser

169

[239.]

Eine magere Weide in dem großen Längentale. [240.] Die Kamele waten durch den Fluß. [241.] Flußübergang

176

[242.]

Die beiden Eisbänder im Tal. [243.] Bahnen eines Wegs

177

[244.]

Kosak Schagdur, der Verfasser und der Lama Schereb als mongolische Pilger

184

[245.]

Der Verfasser als mongolischer Pilger verkleidet

185

[246.]

Ein nächtlicher Überfall

192

[247.]

Die drei Pilger beim Aufbruche aus dem Hauptquartier

193

[248.]

Lager der drei Pilger

200

[249.]

Auf dem Wege nach Lhasa in strömendem Regen

201

[250.]

Ein junger tibetischer Hirt. [251.] Älterer Tibeter

208

[252.]

Eine Gruppe Tibeter. [253.] Der Lama im Gespräche mit Tibetern. [254.] Die tibetischen Reiter

209

[255.]

Die Tibeter schwangen ihre Lanzen und heulten wie die Wilden

216

[256.]

Zelte tibetischer Häuptlinge

217

[257.]

Tibetische Kavallerie

224

[258.]

Tibetische Soldaten

225

[259.]

Tibetische Soldaten. [260.] Von Sirkin erlegter Kökkmek. [261.] Gefrorenes Wild

232

[262.]

Hirten von Dschansung im Gespräch mit dem Lama im Lager

233

[263.]

Der Lama als Gehilfe beim Photographieren der Hirten

240

[264.]

Die Nomadenzelte in der Bergschlucht. [265.] Tibeterinnen. [266.] Unser Lager am Jaggju-rappga

241

[267.]

Das Lazarettzelt. [268.] Kalpets Bett auf dem Kamel. [269.] Der Leichenzug

248

[270.]

Der tote Kalpet auf seinem lebenden Katafalk

249

[271.]

Kalpets Grab

256

[272.]

Hladsche Tsering, das Mitglied des Heiligen Rates, seine Pfeife rauchend

257

[273.]

Die Gouverneure Hladsche Tsering und Junduk Tsering. [274.] Hladsche Tsering und Junduk Tsering

260

[275.]

Blick nach Westen am Strande des Tschargut-tso

261

[Bunte Tafel.] „... und jagten dann im wilden Laufe vor, hinter und durch die Zelte, als wollten sie uns niederreiten!“ Von Langlet

265

[276.]

Die Garde der tibetischen Gesandten am Tschargut-tso

272

[277.]

Im Kampf mit Wogen und Wind auf dem Tschargut-tso

273

[278.]

Unser Lager auf der Insel. [279.] Das südliche Felsufer unseres Gefängnisses. [280.] Die Zelte der Gouverneure

280

[281.]

Das Ufer des Boggtsang-sangpo

281

[282.]

Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92

288

[283.]

Gebirge im Norden des Lagers Nr. 92

289

[284.]

Die Anführer unserer Leibwache

296

[285.]

Das Tal des Boggtsang-sangpo

297

[286.]

Das Fischen im Boggtsang-sangpo. [287.] Die Yake werden beladen. [288.] Das Lager Nr. 103 am Quellbache

304

[289.]

Lager Nr. 109 im Westen des Lakkor-tso

305

[290.]

Das Gebirge auf der nördlichen Talseite bei Lager Nr. 114

312

[291.]

Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114

313

[292.]

Das Gebirge auf der südlichen Talseite bei Lager Nr. 114

320

[293.]

Das Nordufer des Tsolla-ring-tso.[294.] Lager an einem zugefrorenen Sumpfe

321

[295.]

Der Lama im Streit mit dem Anführer der Yakkarawane. [296.] Aussicht nach Südosten vom Lager Nr. 129. [297.] Die Umgebung des Lagers Nr. 133

324

[298.]

Offene Landschaft am Tsangar-schar. [299.] Geröllterrassen. [300.] Unser erster Lagerplatz am Tso-ngombo

325

[301.]

Doppelte Geröllterrassen

328

[302.]

Das Tempeldorf Noh

329

[303.]

Eine schwierige Passage am Ufer des Tso-ngombo. [304.] Blick nach Süden auf den mittelsten Tso-ngombo. [305.] Der mittelste Teil des Tso-ngombo

332

[306.]

Beförderung des Gepäcks auf einem improvisierten Schlitten über das Eis

333

[307.]

Das Boot als Schlitten auf dem Tso-ngombo. [308.] Der gefährliche Felsenpfad. [309.] Am westlichen Tso-ngombo

336

[310.]

Am Panggong-tso

337

[311.]

Gulang Hiraman, der Gesandte des Statthalters von Ladak, mit seinem Gefolge

340

[312.]

Gulang Hiraman auf seinem Pony

341

[313.]

Musikanten und Tänzer in Drugub. [314.] Lager vom 16. Dezember

344

[315.]

Kloster Dschova

345

[316.]

Tempelhof in Tikkse. [317.] Lamas in Tikkse mit ihrem Prior. [318.] Aussicht vom Kloster in Tikkse

348

[319.]

Leh, die Hauptstadt von Ladak

349

[320.]

Se. Exzellenz George Nathanael Lord Curzon, Vizekönig von Indien

352

[321.]

Ankunft der einzigen überlebenden Kamele in Leh

353

[322.]

Schneesturm auf dem Passe Sodschi-la

356

[323.]

Tempelhof in Hemis. [324.] Portal von Doggtsang Raspas Tempelsaal

357

[325.]

Doggtsang Raspa

360

[326.]

Lama in Maske. [327.] Der Prior von Hemis. [328.] Lama in Festkleidung

361

[329.]

Aus der Klosterküche in Hemis

364

[330.]

Trompetende Lamas. [331.] Posaunenblasende Lamas

365

[332.]

Lesender Lama. [333.] Ein Lama mit Gebettrommel. [334.] Lama, Trommel und Becken schlagend

368

[335.]

Im Schejoktal. [336.] Mein Reityak auf dem Wege nach dem Kara-korum. [337.] Der Kitschik-kumdan-Paß in der Nähe des Kara-korum

369

Karten.

[Mitteltibet.] Maßstab 1 : 2000000.

[Übersichtskarte] der Reise Sven v. Hedins, 1899–1902. Maßstab 1 : 14000000.

Erstes Kapitel.
Nach dem Anambaruin-gol.

Sechs Tage durfte ich mich im Hauptquartier in Temirlik ausruhen, wo die Eisberge um die Quellen herum beständig größer wurden und die Kälte bis auf −27 Grad sank. Von wirklicher Ruhe konnte freilich keine Rede sein, denn ich hatte tausend Dinge zu besorgen. Noch einmal wurde an diesem wichtigen Kontrollpunkte eine vollständige astronomische Beobachtungsreihe ausgeführt, die zuletzt aufgenommenen Platten wurden entwickelt, eine neue Post nach Kaschgar geordnet und alle Abrechnungen für die Karawane, die Verproviantierung und die Lohnzahlungen besorgt.

Ein Andischaner Kaufmann, der aus eigenem Antrieb in mein Lager gekommen war, um dort Geschäfte zu machen, starb an der gewöhnlichen schweren Bergkrankheit und wurde mit den üblichen Zeremonien begraben. An einem sonnigen Tage wurde der kranke Togdasin ins Freie gebracht, und alle Muselmänner sammelten sich um ihn, um durch allerlei Gebetformeln sein Übel zu verjagen; dabei opferten sie Allah auch einen Bock.

Viele Zeit verschlangen alle die Vorbereitungen zur bevorstehenden Expedition durch die östlichen Wüsten. Der Proviant, der nach meiner Berechnung für eine Reise von gegen 2000 Kilometer nötig war, wurde beiseite gestellt und in Kisten und Säcken auf den Sattelleitern der Kamele festgebunden. Meine kleine Jurte wurde gründlich repariert, die Kuppel mit rotem Filz und der Zylinder mit weißem bekleidet, so daß das Ganze aus der Ferne wie eine dänische Flagge aussah. Tscherdon erhielt gründlichen Unterricht in meteorologischer Beobachtungskunst, womit er schon auf dem Ausfluge nach dem Kum-köll hatte beginnen müssen. Er sollte während meiner Abwesenheit die Ablesungen besorgen und den Barographen und Thermographen im Gang halten.

Zurückgelassen wurden nur Tscherdon, Islam Bai, Turdu Bai und Ali Ahun; aber fünf Mann von den Jägern und Goldgräbern wurden angestellt, um ihnen bei dem Umzuge nach Tscharchlik zu helfen, wo der Amban und seine eingeborenen Beke versprochen hatten, sich ihrer anzunehmen. Dort hatten sie übrigens nichts weiter zu tun, als unsere Rückkehr abzuwarten, meine kostbaren Kisten und Aufzeichnungen zu hüten und die Tiere zu pflegen, damit diese in gutem Zustande wären, wenn ich im Frühling wiederkam. Islam sollte auch dafür sorgen, daß von Abdall aus zwei Kähne mit Rudern und Fischnetzen rechtzeitig nach dem zu den Kara-koschun-Sümpfen gehörenden See Tschöll-köll gebracht würden. Da wo sie untergebracht würden, sollte auf einer Düne ein weithin sichtbares Nischan (Wahrzeichen) errichtet werden, damit wir die Kähne finden könnten. Ich sah nämlich ein, daß es uns nicht möglich sein würde, jene Gewässer noch vor dem Schmelzen des Eises zu erreichen.

Die neue Expedition war folgendermaßen zusammengesetzt: der Kosak Schagdur, die Muselmänner Faisullah (Karawan-baschi), Tokta Ahun und Mollah aus Abdall (Führer nach Anambar-ula), Kutschuk, Chodai Kullu, Chodai Värdi, Ahmed und der kürzlich ausfindig gemachte Jäger Tokta Ahun, der, um Verwechslungen mit seinem Namensbruder vorzubeugen, Li Loje genannt wurde; er sprach chinesisch und mongolisch, hatte in Bokalik Pferde gestohlen und war ein bißchen verrückt. Elf Kamele trugen das Gepäck, und elf Pferde wurden zum Reiten benutzt; wir hatten also nur ein Reservepferd, beabsichtigten aber, falls es nötig sein sollte, bei den Mongolen neue Pferde zu kaufen. Drei Hunde, Jolldasch, Malenki und Maltschik, sollten uns begleiten. Da es meine Absicht war, den Gas-See auszuloten, mußte Turdu Bai ein paar Tage mit dem Boote mitkommen. Er wünschte die ganze Reise mitzumachen, bedurfte aber nach den Mühen, die er ausgestanden hatte, der Ruhe.

So brach denn der ersehnte Aufbruchstag, der 12. Dezember, an, und wir sollten Temirlik endgültig verlassen. Ich wurde geweckt, als es noch dunkel war; die Männer trieben die Pferde an, und die Kamele standen gebunden neben den ihrer wartenden Lasten. Der Tag graute; es wurde klar und hell, die Luft war still, der Himmel rein, und richtiges Frühlingswetter herrschte, als wir aufbrachen. Alle Kamele waren gleichmäßig beladen, aber die Lasten konnten mit Leichtigkeit so verteilt werden, daß einige Tiere für den Eistransport frei blieben ([Abb. 168], [169]).

Alle machte die jetzt bevorstehende Reise froh und angeregt. Ich selbst sehnte mich nach den Annehmlichkeiten des Wüstenlebens. Hagelstürme und Schneetreiben hatten wir dort nicht zu fürchten. Kälte erwartete uns freilich, da jetzt Mittwinter bevorstand, aber es würde eine trockene Kälte sein, die sich mit Brennholz mildern läßt. Schön war es auch, drei volle Wintermonate vor sich und demnach die Aussicht zu haben, daß die meisten Probleme der Exkursion gelöst sein würden, wenn die warmen Frühlingstage kamen. Wir waren aber auch darauf vorbereitet, daß sich die Arbeiten noch auf die wärmere Jahreszeit erstrecken könnten, und hatten deshalb leichte Sommerkleidung mitgenommen. Mein eigenes Gepäck umfaßte drei große Kisten mit Instrumenten, Büchern, Karten, Platten, Tage- und Marschroutenbüchern, Tabak, Kleidungsstücken, chinesischem Silbergelde usw.

Nach freundlichem Abschied von den Zurückbleibenden und dem armen Togdasin kommandierte ich „Marsch“, und nun läuteten die Karawanenglocken der langen, dunkeln Reihe der Kamele, die jetzt in königlicher Haltung von Sum-tun-buluk fortzogen, den „300 Quellen“, wie Temirlik von den Mongolen mit zwei tibetischen und einem mongolischen Worte genannt wird. Alle Kamele, sogar unser einziges Dromedar, das ein boshaftes Vieh war, betrugen sich gut. Der Gischt umgab die Lippen des Dromedars wie Seifenschaum und tropfte überall auf seinem Wege in großen Flocken auf die Erde. Daß es sich im ganzen dennoch manierlich betrug, war nicht sein eigenes Verdienst; hätte es nur gekonnt, so würde es schon Unfug angestiftet haben. Sein eines Vorderbein war am Packsattel festgebunden, so daß es, ohne im geringsten im Gehen gehindert zu sein, doch nicht laufen konnte. Mit dem unmittelbar vor ihm gehenden Kamel war es mittelst eines Strickes und einer Kette verbunden und konnte seine Nachbarn nicht beunruhigen, und sein Maul steckte in einer Halfter, die ihm nicht erlaubte, zu beißen. Prächtig sah er aus, dieser Veteran von Kaschgar, mit seinen funkelnden, wilden, kohlschwarzen Augen, die er, wenn er schlechter Laune war, manchmal so verdrehte, daß nur das Weiße zu sehen war.

Die Karawane als Ganzes betrachtet hatte sich gründlich ausgeruht und war in bestem Zustand; einige Kamele hatten nicht einmal Lasten getragen, seit sie vor mehr als einem Jahre nach Jangi-köll gekommen waren. Jetzt steckten sie auch in ihren Winterpelzen, wahren Dickichten von Wolle. Zwei der ruhigsten, größten Tiere trugen mein persönliches Gepäck; im übrigen hatten Mehl, Reis, Mais und Talkan (geröstetes Mehl) das größte Gewicht; aber die Vorräte verminderten sich täglich, und wenn wir die Gegenden erreichten, wo Eis und Brennholz mitgenommen werden mußten, würde schon Platz dafür frei sein.

Von Faisullah geführt und von seiner Reiterwache eskortiert, schritten die Kamele mit großen Schritten rüstig vorwärts.

Das Programm für die Wanderung, die auf diese Weise begann, war folgendes: Ich wollte über den Astin-tag und an ihm entlang ziehen, um seine orographische Struktur klarzulegen. Der Weg führte also nordostwärts nach einer Gegend, welche die Mongolen, die sich dort aufzuhalten pflegen, Anambar-ula (mit der Genetivendung Anambaruin), die Muselmänner aber Chan-ambal nennen; das letztere Wort ist eine Korruption des ersteren. Wir hatten 400 Kilometer dorthin, und von dort sollte es erst nach Norden durch einen unbekannten Teil der Gobiwüste und dann nach den nördlich davon gelegenen Bergketten hinaufgehen. Darauf wollten wir nach Westen ziehen und versuchen, nach der früher erwähnten Quelle Altimisch-bulak und den Ruinen in der Wüste zu gelangen, und schließlich durch die Wüste nach Abdall und Tscharchlik, dem nächsten großen Sammelplatz, wandern.

Die Reise nach Anambar, die ich in Kürze beschreiben werde, erforderte 17 Marschtage. Die beiden ersten führten uns über steinhart gefrorene Sümpfe mit knisterndem Salz und kantigen Lehmschollen nach einer Quelle im Norden des Gas-Sees. Am 14. Dezember machte ich mit einer ganz kleinen Karawane eine Exkursion nach dem See, dessen Tiefen ich im Boote zu loten beabsichtigte. Mir war gesagt worden, er sei so salzig, daß er nie zufriere. Ein Kulanpfad zeigte uns den besten Weg nach dem Ufer, wo das Erdreich trotz der Kälte so weich war, daß die Pferde bis an die Knie in den Schlamm einsanken. Hier und dort lagen Eisschollen, die wir als Brücken benutzen konnten, doch oft waren sie so dünn, daß die Pferde durch sie durchtraten und fielen. Es war keine leichte Sache, diesen tückischen Strand zu erreichen; aber schließlich gelang es uns und wir lagerten an dem Punkte, wo die in einem Bette vereinigten Quellbäche des Tschimentales in den See münden. Hier gab es süßes Wasser nebst Kamisch an den Ufern, und Feuerung hatten wir selbst. In einiger Entfernung zeigten sich fünf Yake. Es sollte gerade Jagd auf sie gemacht werden, als Tokta Ahun merkte, daß der eine gefleckt war, es sich hier also um zahme Tiere handelte. Sie waren wahrscheinlich aus dem nächsten Mongolenlager durchgebrannt.

Aus der Seefahrt sollte jedoch nichts werden, denn soweit der Blick reichte, war der Spiegel des Sees mit einer Eisdecke überzogen. Da wir aber das Boot einmal mitgenommen hatten, sollte seine eine Hälfte wenigstens als Schlitten dienen. Sein Holzrahmen gab vorzügliche Kufen ab, und in dieser leichten Equipage wurde ich von Tokta Ahun und Chodai Kullu schnell und vergnügt über den See gezogen. Das Eis war ungleichmäßig, bald höckerig, bald mit einer dünnen Wasserschicht bedeckt, bald von Rissen durchfurcht. Der Schlitten hüpfte über alle Hindernisse hinweg, und ich glaubte, ich würde ein paar Lotungslinien über den ganzen See bekommen. Doch auf einmal fing die Eisdecke an zu knacken und in Wellenbewegung zu geraten. Tokta Ahun brach ein und hätte ein Bad genommen, wenn er sich nicht noch rechtzeitig an dem Boote gehalten hätte.

Nach einer ruhigen Nacht am Ufer dieses seichten Salzsumpfes kehrten wir am nächsten Tage wieder um und trafen die Karawane an den Quellen von Julgun-dung ([Abb. 170]).

Während des Rasttages, den wir hier zubrachten, schickte ich Tokta Ahun nach dem Akato-tag hinauf, um zu erforschen, ob das sich im Nordosten unseres Lagers öffnende Tal von der Karawane passiert werden könne. Er kam am Abend mit dem Bescheid zurück, daß das Tal nach einem Passe hinaufgehe, von dem auf der Nordseite der Kette ein ebensolches Tal nach den unmittelbar südlich vom Astin-tag liegenden Ebenen hinabführe, daß dieser Weg also vorzüglich sei.

So brauchten wir am 17. Dezember nur seiner Spur zu folgen. Die Nacht war bis jetzt die kälteste in diesem Winter gewesen, −29,6 Grad kalt. Turdu Bai kehrte mit dem Boote nach Temirlik zurück.

Wir lassen diesen kümmerlichen Vegetationsgürtel, der der „Tamariskenquelle“ (Julgun-dung) ihren Namen gegeben hat, hinter uns zurück; der langsam nach dem Gebirge ansteigende Boden ist unfruchtbar und mit Schutt bedeckt. Wieder treten wir in die stillen Bergsäle durch ein 100 Meter breites Tor ein, wo eine 2 Meter tief eingeschnittene Rinne das Wasser abfließen läßt, das gelegentlich einmal auf diese trockenen Höhen herabregnet. Den ganzen Tag führte der Talgrund langsam aufwärts; er war so eben wie eine Asphaltstraße, machte aber scharfe Biegungen, in denen ich selten längere Peilungen als drei Minuten in derselben Richtung machen konnte, bis ein neuer Vorsprung die Aussicht auf die nächste Talbiegung verdeckte.

Das Material, aus dem der Akato-tag in dieser Gegend aufgebaut ist, besteht ausschließlich aus feinem gelbem Ton, der so locker ist, daß man schon mit der Hand Stücke davon abbrechen kann. Das Regenwasser hat also bei der Ausarbeitung des Terrains in wilde, phantastische Formen keine Schwierigkeiten zu überwinden. Unzählige kleine Täler und Hohlwege münden auf beiden Seiten mit dunkeln, oft nur meterbreiten Toren und lotrechten Wänden in dieses Tal ein. Alles ist steril, kalt und trocken. Auch das Haupttal ([Abb. 171]), dem wir folgen, ist manchmal so eng, daß ein paar von den Männern sich an den vorspringenden Ecken aufstellen müssen, damit die Kamele mit ihren Lasten nicht dagegenprallen.

Dann und wann öffnet sich der seltsame Hohlweg vor uns zu einer phantastischen Perspektive mit lotrechten, ja bisweilen überhängenden Kulissen. Heruntergestürzte Blöcke in jeder nur denkbaren Gestalt, wie Würfel, Kugeln und Tetraeder, liegen als Warnungszeichen mitten im Tale. Andere sind sichtlich auf dem Sprunge, herunterzufallen; man begreift nicht, was sie noch festhält; ein Windstoß oder ein leichter Regen würde genügen, um sie ins Rutschen zu bringen. Wir sind ordentlich beruhigt, wenn der ganze Zug an derartigen gefährlichen Stellen glücklich vorbeigekommen ist. Pyramiden, Mauern und Türme von Ton, Terrassen, Korridore und Grotten folgen einander in endloser Reihe. Die Karawane zieht mitten auf dem ebenen gelben Tonboden des Tales, auf dem die Kamele, wenn er feucht wäre, wie auf Eis ausgleiten würden, wo sie jetzt aber sicher gehen, ohne mit ihren weichen Fußschwielen eine Spur zu hinterlassen.

Allmählich nehmen die relativen Höhen ab, und das Tal verliert seinen Hohlwegcharakter. Bis an den Paß kamen wir nicht, lagerten aber in seiner Nähe. Überzeugt, daß wir nie im Leben hierher zurückkehren würden, verließen wir am Morgen in aller Frühe diesen stillen öden Lagerplatz. Tokta Ahun und noch einige waren vorausgegangen, um einen steilen, mühsam zu erklimmenden Abhang an der eigentlichen Paßschwelle mit Spaten zu bearbeiten ([Abb. 172]). Es wunderte mich, daß sie, statt in dem nach Norden führenden Haupttale hinaufzugehen, nach Osten in ein Seitental abgebogen waren, welches so schmal war, daß man an den Kamelen, wenn sie in den Biegungen warteten, nicht vorbeikommen konnte. Nun, der Führer würde wohl Bescheid wissen. Bald darauf befanden wir uns unter dem steilen Abhange des Passes, der schwierig aussah und auf dem die Spaten unter aufwirbelnden Staubwolken in voller Tätigkeit waren.

Jetzt mußte das erste Kamel heran, das sich mit einigen mühsamen Rucken hinaufarbeitete. Alle Männer schoben von hinten nach und stützten die Lasten. Einige Tiere fielen und mußten abgeladen werden, worauf ihre Lasten hinaufgetragen wurden. Das Kamel, das den viel Platz einnehmenden Holzvorrat trug, hatte es am schlimmsten, aber es machte seine Sache bis auf einen kleinen Kniefall gut.

Von dem Passe (3466 Meter) ging es nach Südosten, was mir sofort verdächtig vorkam; aber der Weg war ja rekognosziert, und Tokta Ahun stand dafür ein, daß das hinabgehende Tal, ebenfalls ein Hohlweg, bald nach Osten und Nordosten umbiegen und auf offenes Terrain führen würde. In den überraschendsten Zickzackbiegungen schlängelte es sich nach tiefer liegenden Gegenden hinunter.

Nur eine schwierige Passage erwarte uns noch, hieß es. Hier war das Tal wirklich so tief und eng, daß kaum ein Fußgänger sich hindurchzwängen konnte. Doch über die Halden auf der rechten Seite konnten wir die Kamele vorbeiführen.

Eine Strecke weiter machte jedoch der Zug Halt, und die Männer eilten an die Spitze. Der Korridor war hier so schmal, daß die Lasten auf beiden Seiten anstießen und die Kamele erst weiter konnten, nachdem die Wände mit Äxten bearbeitet worden waren. Unterdessen ging ich voraus und gelangte an eine Stelle, die noch schwieriger war. Der Hohlweg hatte sich wie eine schmale Rinne unter den Tonwänden der linken Talseite, die überhängende, gefährliche, zerrissene Gewölbe bildeten, eingeschnitten. Oberhalb des tiefen Grundes der Rinne gab es keinen Weg; wir mußten es dort unten versuchen. Doch gerade an dem schmalsten Punkte hatte kürzlich ein Bergrutsch stattgefunden. Gewaltige Blöcke und Tonstücke füllten die Passage aus und sperrten den Weg. Einige von ihnen konnten wir mit vereinten Kräften unter das Gewölbe rollen, und diejenigen, welche gar zu groß waren, wurden mit Spaten und Beilen zerstückelt. Die Seitenwände wurden erweitert, über die liegengebliebenen Bruchstücke bahnten die Pferde einen Weg, und die Kamele wurden vorsichtig und einzeln durch dieses Loch geführt, in welchem die Karawane im Falle eines neuen Bergrutsches lebendig begraben worden wäre. Am schwersten hatte es wie gewöhnlich das Brennholzkamel. Es blieb mitten im Loche stecken und machte eine so verzweifelte Anstrengung loszukommen, daß die Holzlast unter Lärm und Gepolter herunterfiel und ein paar Tonblöcke von den Wänden herabstürzten. Es sah unheimlich aus, als die ganze Gesellschaft in einer undurchdringlichen Staubwolke verschwand, und man konnte einen verhängnisvollen Bergrutsch befürchten.

Tokta Ahun machte ein klägliches Gesicht und gestand ein, daß er nicht bis an das Ende dieses heimtückischen Hohlweges geritten sei. Er war sehr niedergeschlagen, denn er pflegte darin sonst sehr gewissenhaft zu sein und völlig korrekte Auskunft zu geben.

Ich habe nie eine so eigentümliche Talform gesehen. Eigentlich sind es zwei Täler oder ein Tal mit zwei Stockwerken ([Abb. 173]). Das untere Stockwerk ist, von dem Boden des oberen gerechnet, 10 Meter tief und lotrecht eingesägt. Hierdurch entstehen auf den Seiten des unteren Tals Terrassen, die jedoch absolut unpassierbar sind. Auch das obere Tal wird nachher so eng, daß beide in ein tief in das Tonlager eingesägtes Tal verschmelzen, wo Dämmerung herrscht und man immerwährend in Gefahr schwebt, durch abstürzende Blöcke von ungeheuren Dimensionen erschlagen zu werden.

Wir schreiten mit unaufhörlichen Unterbrechungen vorwärts; bald müssen vorspringende Ecken weggehauen, bald hindernde Tonmassen aus dem Wege geräumt werden. Noch einige Schritte, und die Karawane macht Halt. Tokta Ahun meldet, daß das Tal gesperrt sei. Von den mehrere hundert Meter hohen Bergen auf beiden Seiten hatte ein Rutsch stattgefunden, der das Tal verstopfte. Doch temporäre Bächlein hatten sich unter dem herabgestürzten Material einen Durchgang gegraben, der einem Gletschertore glich; auf seiner Deckenwölbung würden wir wohl, falls sie nicht unter dem Gewichte der Kamele einstürzte, weiterziehen können.

Ich zog es jedoch vor, selbst zu rekognoszieren, bevor der Versuch gewagt wurde. Unweit dieser gefährlichen Brücke verschmälerte sich das Tal noch mehr und ging in eine zwei Fuß breite Spalte von 15 Meter Tiefe über. Schließlich wurde diese dunkel; heruntergefallene Blöcke bildeten ein Dach; der Abflußkanal des Wassers war hier unterirdisch und ähnelte einem steilen, gewundenen Grottengange, in welchem kaum eine Katze ihren Weg hätte finden können ([Abb. 174], [175]).

Jetzt war es klar: wir mußten umkehren. Die Karawane stand so zwischen den Tonwänden des Korridors eingeklemmt, daß das letzte Kamel rückwärtsgehen mußte, ehe Raum genug vorhanden war, daß es sich umdrehen konnte; ebenso wurde der Reihe nach mit den anderen verfahren. In der Dunkelheit ließen wir uns in einer kleinen Erweiterung nieder, wo man nicht vor gefährlichen Bergstürzen Angst zu haben brauchte. Die Tiere mußten fasten und dursten. Wie war diese seltsame Gegend finster, unheimlich und still! Dann und wann erklingt das schrille Läuten der Kamelglocken, wenn die Tiere den Kopf bewegen. Die Männer halten am Feuer Rat, und das Echo vervielfältigt ihre Stimmen; es klingt, als unterhalte man sich in einem Säulengange oder in einem Königssaale.

Es ist nicht angenehm, auf demselben Wege zurückzukehren, am allerwenigsten in einer Rinne, wo Tausende von Tonblöcken wie an einem Haare über unseren Köpfen hängen und die Kamele wie Käfer zu zerquetschen drohen. Hätte es in der Nacht einen größeren Bergsturz gegeben, so waren wir wie in einer Mausefalle gefangen gewesen.

Es kostete uns einen Tag, nach dem Punkte, wo das Tal sich geteilt hatte, zurückzukehren. Tokta Ahun und Mollah ritten inzwischen das Haupttal hinauf und kehrten abends mit der Nachricht zurück, daß sie nun wirklich einen Ausgang aus den verwickelten Labyrinthen des Akato-tag gefunden hätten.

Am 20. Dezember wurde ich geweckt, als es noch stockfinster war. Morgens wird jedoch weiter keine Beleuchtung spendiert als das freundliche, gemütliche Licht, welches das Feuer des Ofens, dessen Tür weit offen steht, ausströmt. Ein flackernder, roter Feuerschein verbreitet sich über das Innere der Jurte. Ich kleide mich schnell an und sehne mich bei der starken Kälte nach meinem heißen Tee.

168. Die beladenen Kamele. ([S. 2].)

169. Umladen während des Marsches. ([S. 2].)

170. Lager in Nordtibet. ([S. 4].)

171. Das nach dem Passe des Akato-tag hinaufführende Tal. ([S. 5].)

172. Bahnen eines Weges über den Paß. ([S. 6])

173. Ein Tal mit zwei Stockwerken. ([S. 7].)

Schon in dunkler Nacht waren einige der Leute voraus nach dem Passe hinaufgeeilt, um dort einen Weg anzulegen. Jetzt folgten wir dem rechten Tale, das wirklich zu einem Passe führte. Auch dieser war auf der letzten Strecke greulich steil, und die Kamele konnten nur mit Hilfe der Leute hinaufkommen ([Abb. 176]). Die umfangreiche Aussicht zeigte sofort, daß wir uns auf dem Hauptkamme der Kette befanden (3698 Meter). Im Norden zieht sich der endlose Rücken des Astin-tag hin, im Süden der Tschimen-tag, im Südosten die Einöden von Zaidam, und ostwärts erblickt man etwas, von dem man nicht sagen kann, ob es ein Gebirge, Wolkengebilde, Nebel oder nur ein Wüstenreflex ist. Der Akato-tag ist anders als alle übrigen Bergsysteme in Tibet. Er ist ein unentwirrbares Durcheinander von Hügeln und Tonkuppeln, die aufs wildeste von unzähligen, tiefen und engen Schluchten durchsägt werden. Es ist eine leblose, düstere Gegend.

Als wir auf ebeneren Boden hinuntergelangt waren, fanden wir einen Pfad, der von menschlichen Wanderern herrühren mußte. Der Sicherheit halber hatte ich jedoch schon am Morgen einige Leute mit sechs Pferden nach Julgun-dung zurückgeschickt, um mehr Eis zu holen, da unser Eisvorrat zu sehr zusammengeschmolzen war.

Tokta Ahun hatte von einem Passe, dem Kara-dawan, auf dem Wege nach Anambar gesprochen. Als wir jetzt das breite, ebene Tal zwischen dem Akato- und dem Astin-tag in nordöstlicher Richtung durchquerten, galt es, den Weg nach diesem Passe ausfindig zu machen.

Bald fanden wir den schon gestern gesehenen Pfad wieder, aber jetzt sah er bedeutend breiter aus. Die durch Abnutzung verursachte Einsenkung des Bodens war deutlich zu sehen, besonders da, wo das Erdreich hart war, obwohl der Zahn der Zeit schon sehr an ihr genagt hatte. Auf Hügeln und Vorsprüngen an den Seiten waren Iles (Wegzeichen) in Gestalt kleiner Steinhaufen errichtet. Ohne Zweifel ist diese Straße von mongolischen Lhasapilgern in Zeiten von Unruhe und Unsicherheit in den sonst von ihnen durchreisten Gegenden benutzt worden.

In einer Rinne, in welcher wir zwischen den Hügeln hinzogen, verloren wir diesen Weg, und auch auf den Anhöhen waren keine Steinhaufen mehr zu sehen. Wir zogen jedoch in dem Tale weiter, und freundliche Mächte führten uns zu einer in dieser unendlich wüsten Gegend unerwarteten Entdeckung, zu einer von vortrefflicher Weide umgebenen kleinen Quelle ([Abb. 177]).

Die Quelle ist salzig, aber die Eisschollen unterhalb derselben sind süß. Sie erstrecken sich 150 Meter weit in das Tal hinein, wo mit ihnen auch die Vegetation aufhört.

Nachdem wir endlich auf ebenes Land geraten waren, gerieten wir dort in ein Terrain, das viel schlimmer war als die labyrinthähnlichen Gänge der Täler. Der Boden besteht aus salzhaltigem Tone, der Kammern, Rücken und Schwellen bildet, welche so hart wie Ziegel sind und unsern nach Nordosten laufenden Weg unter rechten Winkeln kreuzen. Man erhält den Eindruck, daß die Oberschicht des Erdreiches sich ausgedehnt haben muß und sich infolgedessen wie die Schale eines einschrumpfenden Apfels in Runzeln gelegt hat. Die Rücken sind hohl, und alle Risse gähnen schwarz. Ihre Höhe beträgt einen Meter, die Zwischenräume drei Meter. Wir ziehen zwischen ihnen durch, zwei Männern folgend, die mit Spaten vorausgehen.

Auch an diesem Abend erreichten wir eine Quelle mit Weide. Hier ging einsam ein wildes Kamel spazieren. Während wir im Kamischdickichte lagerten, birschte sich Schagdur an das Tier heran. Der Schuß widerhallte dumpf in der Dämmerung, und ich ritt nach dem Platze hin, von dem der an einem Vorderbeine verwundete Einsiedler vergeblich zu entfliehen suchte. Chodai Kullu machte ein Lasso und warf dem Kamel die Schlinge um den Hals, worauf es zu Boden gerissen und geschlachtet wurde. Jetzt hatten die Leute frisches Fleisch für mehrere Tage, und das prächtige Fett in den Höckern wurde auch mitgenommen. Nach Spuren und Dung zu urteilen, besuchen die wilden Kamele diese Quelle im Sommer in großen Herden.

Einen herrlicheren Weihnachtsabend konnte man sich in diesen kalten, öden Gegenden kaum wünschen. Die Luft war ruhig, der Himmel klar und blau. Nachdem Feuerung eingesammelt, ein paar Säcke mit Eis gefüllt und das Kamelfell zu Kopfkissen zerschnitten worden war, brachen wir auf und folgten den ganzen Tag dem alten Wege, dessen Steinhaufen wir bei der Quelle wiedergefunden hatten. Der Weg wurde bisweilen von bis zu zwanzig parallelen Pfaden bezeichnet, welche Zeugnis davon ablegten, daß Karawanen mit Kamelen und Pferden hier in ganzen Reihen gezogen sind. Vielleicht schrieb er sich aus einer Zeit her, als die weiter östlich wohnenden Mongolen ihre Herden in Temirlik weiden ließen. Erst in der Dämmerung gelangten wir an den Fuß des Astin-tag und schlugen unsere Zelte in der Mündung eines zwei Ketten trennenden Tales auf.

Als wir das Lager fertig hatten, wurde ein munter sprühendes Weihnachtsfeuer angezündet, das einzige, was an das große Fest in der Heimat erinnerte. Um mir die wehmütigen Gedanken, die an diesem Tage stets auf mich einstürmen, zu verjagen, rief ich Schagdur und weihte ihn in meinen Plan ein, den Versuch zu machen, nach Lhasa zu gelangen. Er war Feuer und Flamme dafür und glaubte, es würde uns gelingen, wenn wir uns vorschriftsmäßige Tracht und zuverlässige mongolische Reisekameraden zu verschaffen wüßten. Von nun an unterhielten wir uns oft abends über diese waghalsige Reise. Das Gespräch wurde russisch geführt, damit die Muselmänner nicht merkten, wovon die Rede war.

Während der letzten Tage des Jahrhunderts lenkten wir unsere Schritte in den Tälern zwischen den parallelen Ketten des Astin-tag beständig nach Nordosten. Die Kälte war scharf, und der Wind hielt noch immer an und brachte manchmal Schnee, der jedoch nur in den schattigen Schluchten liegen blieb. Die Berge glänzten mit ihrem weißen Schneegewande zwischen den Wolken hervor. Das Terrain war günstig; wir passierten eine Menge kleiner abflußloser Becken, deren Boden sich nach Regen in bald verdunstende Miniaturseen verwandelten. Zerstreut stehende Steppengrasbüschel, Teresken und Jappkak versahen uns mit Brennmaterial. Von Wild sahen wir in diesen Tagen nur Kamelspuren und einzelne Raben, die uns folgten. Tokta Ahun, der hier ein weniger guter Führer war als in den Kara-koschun-Sümpfen, fand den Kara-dawan nicht, ich kam aber ohne Hilfe durch das Gebirge.

Als ich am 27. Dezember in dem fürchterlich kalten Wintermorgen aus meiner Jurte schaute, fand ich den Boden mit einer ziemlich hohen Schneeschicht bedeckt, und das Schneetreiben dauerte den ganzen Tag an. Der Wind verfolgte uns ebenso eigensinnig wie im Sommer im inneren Tibet. Am 29. Dezember schliefen wir bei Sturm ein, erwachten am folgenden Morgen bei Sturm, ritten den ganzen Tag durch heulende Sturmböen und lagerten am Abend im Sturme. Es weht und zieht in der Jurte, die auf allen Seiten verankert werden muß, um nicht umzukippen, in welchem Falle der erhitzte Ofen die Filzdecken in Brand setzen und meine kostbaren Kartenblätter in alle Winde fliegen würden. Wir sehnten uns nach der Wüste, wo die Luft, wenigstens während der kalten Jahreszeit, nicht in beständigem Aufruhr ist, sondern wo gewissermaßen Waffenstillstand herrscht.

Einige der Quellen, an welchen wir lagerten, haben chinesische Namen: Lap-schi-tschen, Ku-schu-cha und Ja-ma-tschan. An den letztgenannten knüpft sich die Erinnerung an eine blutige Episode. Im Sommer 1896, um die Zeit, als ich mich das vorige Mal in Nordtibet befand, kamen die Reste der in der Gegend von Si-ning geschlagenen Armee der aufrührerischen Dunganen an diese Quelle. Die Chinesen schickten ihnen von Sa-tscheo ein Kriegsheer entgegen; es kam zum Kampfe, eine große Zahl Dunganen wurden erschlagen, andere wieder als Gefangene nach Sa-tscheo gebracht. Massen von menschlichen Skeletteilen lagen noch an der Quelle. Fünfhundert Dunganen mit Frauen und Kindern entkamen. Sie hatten eine Anzahl Kamele, Maulesel und Pferde bei sich, die sie aus Mangel an Lebensmitteln verzehrten. Während dieser Unruhen wurde von Abdall eine Gesandtschaft nach Sa-tscheo geschickt, bestehend aus einem Chinesen, einem Dunganen und zwei Muselmännern, nämlich Islam Ahun, einem Verwandten Tokta Ahuns, und Erke Dschan, dem älteren Bruder des Nias Baki Bek, eines unserer Freunde in Kum-tschappgan. Als diese vier Männer durch das Astin-tag-Gebiet zurückkehrten, trafen sie dort mit den Dunganen zusammen und wurden von ihnen an der Ja-ma-tschan-Quelle getötet. Die 500 Dunganen zogen nach Abdall, wo sie durch ein ihnen entgegentretendes Heer gezwungen wurden, die Waffen zu strecken. Dann wurden sie nach Kara-kum, einer neuangelegten Kolonie, gebracht, wo sie noch heute in Frieden leben und den Beweis liefern, daß die Chinesen gegen ihre rebellischen Untertanen nicht immer barbarisch sind.

An der Ja-ma-tschan-Quelle steht eine 1½ Meter hohe Steinpyramide, welche eine Tafel mit chinesischen Schriftzeichen trägt — ob damit die Erinnerung an den kläglichen Sieg über eine Handvoll ganz erschöpfter Dunganen bewahrt oder ausgedrückt werden soll, daß diese arme Gegend zum Reiche der Mitte gehört, ist mir unbekannt.

Vor etwa 30 Jahren hielten sich in diesen Gebirgsgegenden oft dunganische Jäger auf. Die einzigen Spuren, die sie hinterlassen haben, waren einige Fuchsfallen, von den Muselmännern „Kasgak“ genannt. Diese sehen genau aus wie Gräber oder längliche Steinhaufen und bilden einen Tunnel; am inneren Ende hängt ein großer Stein so lose, daß er herunterfällt und den Fuchs erschlägt, der in die Falle kriecht, um sich ein in einer Schlinge hängendes Fleischstück zu holen. Durch den Verkauf von Fuchsfellen hatten diese Jäger einen ziemlich guten Verdienst.

In der Nacht auf den 31. Dezember hielt der Sturm mit furchtbarer Wut an. Die Stangen fielen von der Kuppel der Jurte herunter, und diese mußte provisorisch mit Stricken festgebunden werden. Das Feuer muß ausgehen, und man taut erst auf, wenn man in seinem warmen Pelzneste liegt; dann aber kann es draußen toben, soviel es will. Es war morgens trotz des klaren Himmels dunkel, und man hörte nur das Heulen des um die Ecken pfeifenden Windes. Das Jahrhundert endete in diesen Gegenden mit einem richtigen Säkularsturme. Das Reiten ist unter solchen Umständen eine Tortur. Man kämpft vergebens mit der Kälte und kann kaum die Lebensgeister wachhalten. Man wird schläfrig und betäubt, die Glieder erstarren sozusagen in der Stellung, die man zu Pferde einnimmt, und es bedarf einer Kraftanstrengung, um aus dem Sattel zu kommen. Die Neujahrsnacht war sehr kalt und sternenklar, und der Mond stand wie eine elektrische Bogenlampe am Himmel. Ich las die Bibeltexte und die Psalmen, die am letzten Abende des Jahres in allen Kirchen Schwedens gesungen werden, und wartete in meiner Einsamkeit die Wende des Jahrhunderts ab. Es ist ein großer Anblick, wenn das Jahrhundert in die Nacht der Zeiten hinabsinkt! Hier läuteten keine Kirchenglocken; nur der Sturm, dem der Wechsel der Jahrhunderte nichts anhaben kann, sang mit brausenden Orgeltönen seinen wehmütigen Trauermarsch.

Am 1. Januar 1901 stürzten mit unverminderter Kraft unerschöpfliche Kaskaden von Luft durch die Täler. Von einer kleinen Paßschwelle erblickten wir das gewaltige Bergmassiv des Anambaruin-ula. Der Anambaruin-gol ist ein Fluß, der hier die Astin-tag-Kette durchbricht, um in die Sandwüste hinauszugehen und dort zu sterben. Die Gegend pflegt oft, besonders im Sommer, von Mongolen besucht zu werden, und als wir nachher in einiger Entfernung ein grasendes Pferd umherlaufen sahen, nahmen wir fest an, daß wir jetzt mit Mongolen zusammentreffen würden. Das Tier betrachtete uns mit scheuen Blicken, als wir unsere Zelte in der Talweitung am Flußufer aufschlugen. Doch wie gründlich wir auch am nächsten Tage partienweise die Gegend abstreiften, von Mongolen war keine Spur zu entdecken; sie waren augenscheinlich schon lange fortgezogen.

Für uns war es eine Enttäuschung, sie nicht zu finden und auf ihre Auskunft über die Gegend verzichten zu müssen. Da wir jedoch Zeit hatten, beschloß ich, die Mongolen um jeden Preis ausfindig zu machen. Dieser Abstecher war auf 310 Kilometer zu veranschlagen; wir gingen dabei um den Gebirgsstock des Anambaruin-ula herum.

Um für die ersten Mongolen, die wir treffen würden, eine angenehme Überraschung in Bereitschaft zu haben, wollten wir das entlaufene Pferd mitnehmen. Es erwies sich aber als ganz unmöglich, das Tier einzufangen; nicht einmal mit Lasso und Treibjagd ließ es sich überrumpeln. Schließlich stürmte es talaufwärts davon. Es war in der Einsamkeit verwildert und so scheu wie ein Kulan.

Zweites Kapitel.
Bei den Särtängmongolen und durch die Gobiwüste.

Jetzt schritt unser Zug mehrere Tage lang gerade nach Osten. Den ersten Tag ging es ein großartiges, zwischen wilden, nackten Felswänden eingeschnittenes Tal hinauf, in welchem der Anambaruin-gol, mit blauschimmerndem, glattem Eise bedeckt, im Winterschlafe lag ([Abb. 178], [179], [180]). Einige Steinhütten zeigten, daß Mongolen das Tal dann und wann besuchten. Gerade unter dem Passe, der die östliche Grenze des Tales bildet, ließen wir uns in der Kälte nieder. Eine Herde von 12 Archaris kletterte geschickt und mit affenartiger Sicherheit auf einigen Felsvorsprüngen neben unserem Wege umher. Während sie die Karawane betrachteten, schlich sich Schagdur unter ihren sicheren Aussichtspunkt. Der Schuß rollte wie ein Echo zwischen den Bergwänden, und ein kolossaler Widder taumelte haltlos aus einer Höhe von 50 Meter herunter. Es wird von diesen wilden Schafen erzählt, daß sie, wenn sie auf ihren Felsenpfaden stolpern und ausgleiten, immer auf die Hörner fallen und dadurch die Wucht des Anpralls dämpfen. Schagdurs Opfer gehorchte diesem Gesetze sogar im Tode, denn er schlug mit den Hörnern polternd auf das Geröll auf. Unser Weg war lang gewesen, und im Lager war viel zu tun. Erst um Mitternacht kamen die Leute mit dem Archari, das sie auf ein Kamel geladen hatten, an. Es war mörderisch kalt in dem Winde, −28,5 Grad. Man glaubte, die Kälte in der klaren Nachtluft förmlich zittern zu sehen, und der Mond stand hoch und hell über den Schneefeldern der Gebirge.

Am folgenden Tag überschritten wir noch einen Paß und gelangten in die Gegenden des Gebirges, aus denen die Sommerflüsse südwärts nach dem Zaidambecken gehen. An einer Stelle sahen wir dessen Sandwüste zwischen isolierten, mächtigen Bergkomplexen.

So wanderten wir durch diese wilde Gebirgswelt nach Osten weiter. Wir hatten unter der Kälte und dem Winde zu leiden, es fehlte an Feuerungsmaterial, und ein paar Packleitern gingen darauf. Die Tiere hatten es auch nicht besser, denn die Weideplätze waren ebenso selten wie spärlich, und sogar die Quellen waren knapp. Den Kamelen macht es nichts aus, ein paar Tage zu dursten, die Pferde aber kauten Schnee, wenn sich ihnen weiter nichts bot. Im Norden erhebt sich das mächtige Massiv des Anambaruin-ula, im Süden ein kleinerer Bergrücken. Als es am 6. Januar Tag wurde, sahen wir offene Ebenen im Süden und Südosten und vor uns hatten wir jetzt das Hochlandbecken, das Särtäng heißt und von Särtängmongolen bewohnt wird, die mit den Bewohnern von Zaidam stammverwandt sind.

Fern im Osten sieht man den Bulungir-nor und die Wasserläufe, die sich in diesen kleinen See ergießen. Die vortrefflichen Weiden, die uns nach dem platten Lande zogen, waren jetzt freilich gelb, aber unsere Tiere würden sich nichtsdestoweniger dort sattfressen können, und wir wollten sie, obwohl es schon zu dämmern anfing, gern noch zum Abend erreichen. Einige schwarze Punkte hier und dort hielten wir für Zelte und Herden, aber die Entfernung war zu groß, um etwas deutlich erkennen zu können, und nach einer Weile hüllte sich das Land in Dunkelheit. Schagdur und Mollah sprengten voraus; eine Stunde später erhellte ein Feuer die Nacht; sie hatten augenscheinlich den Rand der Steppe erreicht und dort trockenes Gras und Gestrüpp in Brand gesteckt. Die langsam gehende Karawane brauchte noch zwei Stunden, um dorthin zu gelangen; als wir aber einmal da waren, durften die Tiere ungeknebelt die ganze Nacht grasen. In solchen Gegenden laufen sie nicht fort.

Als ich am folgenden Morgen geweckt wurde, hatten die Leute schon weiter im Süden einige Zeltlager entdeckt, nach denen wir unsere Schritte hinlenkten. Zuerst gelangten wir an drei Jurten, um welche herum große Herden von Rindern, Pferden und Schafen weideten. Eine alte Frau kam herausgelaufen und empfing uns ohne eine Spur von Furcht; sie fuhr, während sie schwatzte, ganz ruhig mit ihrer Handarbeit — Schnurdrehen — fort. Doch bat sie uns, ja nicht hier zu bleiben, denn hier seien nur Frauen und Kinder zu Hause; wir zogen deshalb weiter, bis wir drei andere Jurten erreichten, wo zwei Männer versicherten, daß wir willkommen seien und unsere Zelte bei ihnen aufschlagen könnten.

Wir hatten es gut bei diesen freundlichen, gastfreien Mongolen von Sando, die uns verkauften, was wir an Proviant brauchten, aber keine Karawanentiere abgeben konnten. Die Gegend war übrigens sehr spärlich bevölkert; nur einige wenige Jurten waren auf der Ebene zu sehen. Eine große Karawane war kürzlich nach dem Tempel von Kum-bum und eine zweite nach Sa-tscheo aufgebrochen. Die Mongolen, die noch hier waren, besuchten uns alle. Ich frischte bald das Mongolische, das ich auf meiner früheren Reise gelernt hatte, wieder auf, und überdies war Schagdur ein vorzüglicher Dolmetscher; es war ja seine Muttersprache, die er hier zu seiner Freude wiederfand.

Nach einigen angenehmen Rasttagen, während welcher die Kälte auf −32,5 Grad hinunterging, traten wir den Rückweg nach dem Anambaruin-gol an, diesmal aber auf der Nordseite des Gebirgsstockes gleichen Namens. In vier Tagen zogen wir nach Norden über diese Kette, welche die Fortsetzung des Astin-tag bildet. Wir lagerten zuerst am Bulungir-nor, wo die Wölfe rings um unser Lager heulten, nachher in bergigen Gegenden. Der Hauptpaß Scho-ovo (der kleine Obo) ist eine scharf ausgeprägte Schwelle, und besonders der Nordabhang ist ungeheuer steil. Die Kamele mußten, um nicht kopfüber in den Abgrund zu stürzen, einzeln geführt werden. Ein mächtiger Fluß rauscht im Sommer durch das nördliche Quertal und hat nur zu deutliche Spuren seiner aushöhlenden, einsägenden Tätigkeit hinterlassen. Rebhühner kamen in Menge vor, und ich lebte während der ganzen Reise durch den Anambar-ula von nichts anderem, obgleich wir Schaffleisch vollauf hatten.

Von dem kleinen, am Nordfuße des Gebirges liegenden Aule Scho-ovo an ging unser Weg nach Westen. Wir waren hier von der Stadt Sa-tscheo oder Tung-chuan (von den Muselmännern Dung-chan genannt) nur noch eine Tagereise entfernt. Vielleicht war es ein Glück, daß wir diesen Ort während der Unruhen in China, von denen wir allerdings nichts gehört hatten, nicht besuchten. Unser Führer war ein netter alter Mongole ([Abb. 181], [183]), der die Gegend ganz genau kannte, uns fünf Kamele bis nach dem Anambaruin-gol vermietete und uns einen reichlichen Vorrat von Gerste, soviel wir transportieren konnten, verkaufte. Der Boden war jetzt überall mit Schnee bedeckt, aber nicht so hoch, daß unsere Tiere sich nicht an den Lagerplätzen an Gras hätten sattfressen können. Er war auch von unzähligen Schluchten durchsägt, die bis zu 10 Meter tief waren und steile, schwer zu erklimmende Wände hatten. Der nächste Lagerplatz hieß Dawato; dort tobte ein verwünschter Wind, der vom Gebirge herabstürzte. Es scheint eine Art lokaler Föhn zu sein, denn er hörte sofort auf, als wir am nächsten Tag einen kleinen Paß überschritten hatten, und er erhöhte die Minimaltemperatur auf −16 Grad.

174. Der Platz, an dem wir umkehrten. ([S. 8].)

175. Das Gewölbe im Tale. ([S. 8].)

176. Die Kamele werden einzeln nach dem Hauptpasse hinaufgeführt. ([S. 8].)

177. Die Quelle am 22. Dezember 1900. ([S. 9].)

Am 18. Januar gelangten wir an das Tal von Dschong-duntsa, eine sehr breite, 50 Meter tief in mächtige Geröllbette eingeschnittene Furche ([Abb. 182]). Von dem Stocke des Anambaruin-ula gehen unzählige derartige Täler nach Norden, vereinigen sich nach und nach zu Hauptbetten und laufen in die Wüste hinaus, wo sie jedoch bald aufhören. Nur dadurch, daß wir eine kleine Schlucht, die in das obengenannte Haupttal ausmündet, hinuntergingen, konnten wir seinen Boden überhaupt erreichen ([Abb. 184], [185], [186]). Sie schlängelt sich wie ein Korridor, in dem das Echo hellklingt, zwischen lotrechten Geröllwänden hin. Sie hat ziemlich steiles Gefälle und wird immer enger und dunkler. Doch nach einer letzten Biegung wird es wieder hell, und das sonnenbeleuchtete Tal mit seiner Vegetation und seinem eisbedeckten Flusse strahlt uns wie durch eine geöffnete Pforte entgegen. Auf dem linken Ufer des Flusses lagerten wir in einer großartigen, phantastischen Natur.

Die Talmündungen, die vom Gebirgsstocke des Anambaruin-ula ausgehen, sind wahrhaft großartige, entzückende Gegenden. In einer von ihnen, die Lu-tschuentsa heißt, lagen in einem Walde von kleinen Weiden mächtige Eistafeln, an den Bachufern wuchs prachtvolles Gras, und Steinhütten und Gerstenfelder verkündeten, daß sich hier vor noch gar nicht langer Zeit Mongolen aufgehalten haben ([Abb. 187], [188]). Der Weg selbst ist um so schlechter, mit Riesenschluchten bis ins Unendliche und mit zahllosen kleinen Furchen dazwischen. Sie sind oft tief zwischen lotrechten Wänden eingeschnitten; das Ganze ist ein Meer von Geröll, malerisch, aber beschwerlich. Die Karawane verschwindet manchmal in diesen Rinnen und taucht an einer weniger steilen Stelle wieder auf.

Bei dem Lager am Gaschun-gol schoß Schagdur ein wildes Kamel. Diese Tiere kommen in der Gegend ziemlich häufig vor, bald nördlich von unserem Wege auf den untersten Abhängen des Gebirges und am Rande der Wüste, bald auch, merkwürdigerweise, in den südlichen Tälern, wo es meiner Meinung nach nicht schwer sein müßte, ganze Herden in Sackgassen, aus denen es keinen Ausweg gibt, hineinzutreiben. Wir sahen sie oft in Herden von 15–20 Tieren.

Am 24. Januar wurde die letzte Strecke bis Chan-ambal zurückgelegt, wo wir auf derselben Stelle wie vor drei Wochen lagerten. Nahe dabei trafen wir die einzige Karawane, die wir auf dieser ganzen viermonatigen Reise sahen, zwei Chinesen, die auf zehn Kamelen gedörrte und gefrorene Fische nach Sa-tscheo brachten. Sie kamen, wie sie sagten, aus Lovo-nur, d. h. Lop-nor. Ich wollte ein oder zwei Pakete ihrer Fische erstehen, aber sie weigerten sich hartnäckig, uns etwas zu verkaufen. Meine Leute schlugen vor, wir sollten uns ganz einfach nehmen, was wir brauchten, aber ich bin nicht für Gewalt und zog es vor, die Chinesen unbehelligt weiterziehen zu lassen.

Mit der Rückkehr an diesen Lagerplatz, der von Abdall gerechnet Nr. 131 war, hatten wir den Anambaruin-ula umgangen, aber den eigentlichen Zweck des ganzen Umweges, uns Kamele zu verschaffen, nicht erreicht. Wir hatten nicht einmal ein Pferd kaufen können, und unsere Karawane war durch den Umweg ermüdet worden. Die Kamele befanden sich noch in guter Verfassung, aber mehrere Pferde zeigten schon Symptome der Erschöpfung. Der Gewinn der Reise war, daß wir ein geographisch sehr merkwürdiges Land kennengelernt hatten.

Große Strecken unbekannten Landes lagen noch vor uns, und in der Zusammensetzung der Karawane mußte eine Änderung vorgenommen werden. Sechs Pferde, die nicht aussahen, als hätten sie noch Kräfte genug für zweimonatige Strapazen, wurden ausgeschieden, und alles, was sich entbehren ließ oder jetzt nicht notwendig war, von unserem Gepäck abgesondert, besonders alle Gesteinproben und Skelette. Mit dieser kleinen Karawane sollten Tokta Ahun und Ahmet nach Abdall zurückkehren. Ersterer hatte außerdem folgende wichtige Aufträge auszuführen. Mit den müden Pferden sollte er sich von Abdall nach Tscharchlik begeben und dort von Tscherdon und Islam Bai allerlei später für uns notwendige Proviantartikel erhalten, worüber ich ihm schriftlichen Befehl an die beiden mitgab. Sodann hatte er wieder nach Abdall zurückzukehren, um uns von dort aus entgegenzukommen, und den Postdschigiten, der der Verabredung gemäß während meiner Abwesenheit vom Generalkonsul in Kaschgar in Tscharchlik angelangt sein mußte, ebenfalls mitzunehmen. Der Dschigit sollte hierbei noch immer dafür verantwortlich sein, daß mir die Posttasche in unverletztem Zustande übergeben würde. Von Kum-tschappgan sollte Tokta Ahun drei volle Tagereisen am Nordufer des Kara-koschun entlangreiten, drei frische Pferde mitnehmen und in einer geeigneten Gegend ein Standlager errichten. Zwei Kähne und einige gut mit der Gegend bekannte einheimische Fischer hatte er ebenfalls mitzubringen.

Nachdem diese Hilfsexpedition einen guten, angenehmen Rastplatz ausgesucht, sollte sie dort eine Hütte bauen, ihre Netze auslegen und Enten fangen, damit wir, die aus der Wüste kommen würden, nach den Anstrengungen Obdach und Verpflegung vorfänden. Auf einem nach Norden weithin sichtbaren Hügel sollten sie zweimal täglich, um 12 Uhr mittags und nach Einbruch der Dunkelheit, ein Feuer anzünden, dessen Rauchwolken und Schein uns als Leuchtturm dienen könnten. An dem verabredeten Vereinigungspunkte drei Tagereisen nordöstlich von Kum-tschappgan mußten sie sich in spätestens 45 Tagen, vom 27. Januar an gerechnet, einfinden und sofort mit dem Signalisieren beginnen, sowie geduldig auf unsere Ankunft warten, falls wir aufgehalten werden sollten. Tokta Ahun war betrübt, daß er sich von uns trennen sollte, aber ich tröstete ihn damit, daß es sein Vorteil sein würde, wenn er seinen Auftrag gut ausführe.

So dezimiert, zogen wir am 27. Januar weiter, um die Wüste Gobi gerade nach Norden zu durchwandern. Wir marschierten also durch das Tal hinunter, das der Anambaruin-gol durch die Bergkette des Astin-tag geschnitten hat. An einer Flußbiegung standen drei von Äckern umgebene mongolische Steinhütten. Das Tal erweitert sich, die Berge auf seinen Seiten bilden isolierte Partien, Hügel und wellenförmiges Land, das schließlich in die Wüste übergeht. Auch der Fluß wird schwächer, seine Uferterrassen werden immer niedriger, seine Eisschollen immer dünner, und nur ein unbedeutendes Rinnsal rieselt noch unter ihnen. Der Schnee wird immer seltener, und es war deutlich zu beobachten, daß er bald ganz aufhören würde.

An dem Punkte, wo die letzten Eisschollen im Tale lagen, machten wir eine bedeutungsvolle Rast. Wo und wann würden wir das nächste Mal Wasser finden? Darüber schwebten wir in gänzlicher Ungewißheit. Der Sicherheit halber befahl ich, für 10 Tage Eis mitzunehmen. Die Eisdecke des Bettes wurde aufgebrochen und fünf Säcke mit dicken Scheiben gefüllt. Ein Sack reichte, unserer Ansicht nach, volle zwei Tage für Leute und Tiere.

Die schon vorher ansehnlichen Lasten der Kamele wurden hierdurch noch vergrößert, aber das Terrain war gut, und es ging eben und langsam bergab. Es ist herrlich, das Gebirge hinter sich lassen zu können und erst in einer freundlicheren Jahreszeit dorthin zurückzukehren.

Nur ich, Schagdur und Faisullah durften an diesem Tage reiten, doch sobald die Zugordnung in Gang gekommen war, sollten wir die vier Pferde abwechselnd benutzen.

Je weiter wir uns von der Bergkette entfernen, desto mehr schmelzen die Einzelheiten ihres Aufbaues zusammen; aber je weiter wir gelangen, desto deutlicher zeichnen sich dafür ihre beiden Rücken ab. Der hintere, den die Mongolen Tsagan-ula (das weiße Gebirge) nennen, erhebt sich hoch und dominierend mit seinem schön gezeichneten, schneebedeckten Kamme; der vordere, nördliche, den der Fluß durchbricht, steht schwarz da und hat gemäßigtere, sanftere Linien.

Das Terrain und die Landschaft verändern sich vollständig; das Geröll, das uns seit einem Monat zu schaffen machte, wird spärlicher und hört ganz auf, der Boden wird weicher, und wir können zwischen den Schneeflecken reiten, so daß die Pferde von den unangenehmen Schneesohlen, die sich unter den Hufen bilden, verschont bleiben. Hier und dort ist die aus Teresken und Tamarisken bestehende Steppenvegetation recht üppig. Im Norden versperren niedrige, rötliche Berge die Aussicht über das Wüstenmeer. Neben einem kleinen Hügel fanden wir einen vortrefflichen Platz für das Lager. Dürre Büschel versahen uns mit Kamelfutter und Feuerung, und in einer Spalte lag noch eine letzte Schneewehe, so daß wir den Eisvorrat nicht anzubrechen brauchten. Zwei wilde Kamele wurden von den Hunden in die Flucht gejagt, liefen aber so schnell längs des Fußes der Hügel hin, daß die Hunde, wie sehr sie sich auch anstrengten, so weit hinter ihnen zurückblieben, daß an ein Einholen gar nicht zu denken war.

Der nächste Tag brachte uns pfeifenden westlichen Sturm, der mit aufgewirbeltem Staub und schweren, grauen Wolken gesättigt war. Für die Pferde wurden einige Eimer Schnee über dem Feuer geschmolzen, die Kamele aber und die Hunde konnten sich selbst von den Schneewehen versehen. Wir näherten uns dem Fuße des Wüstengebirges. Die Steppenvegetation ist oft außerordentlich üppig. Sie besteht aus jenen holzigen, oft ziemlich hohen, Nadeln tragenden Sträuchern und Büschen, welche die Muselmänner „Tschakkande“ und „Köuruk“ nennen und die mit der gewöhnlichen Tamariske verwandt sind. Manchmal sind sie vertrocknet, und dann liegen ganze Wagenladungen vortrefflichen Brennmaterials bereit, so daß man oft in Versuchung gerät, nur um ihretwillen zu lagern.

Wir überschreiten ein sehr breites, aber wenig tief eingeschnittenes Bett, dem alle Gewässer der Gegend zuströmen. Das Bett geht nach Westnordwest, in der Richtung des Lop-nor-Beckens. Obwohl das Gefälle auf der anderen Seite außerordentlich stark wurde, war es für uns doch leicht, über den niedrigen Paß der Wüstenkette hinüberzukommen, auf dessen anderer Seite die Zelte zwischen weichen, trockenen und angenehmen Sanddünen aufgeschlagen wurden. Unterhalb des Passes begann jetzt auch „Suk-suk“ (Saksaul, Anabasis ammodendron) aufzutreten.

Während des Marsches am 29. Januar verloren wir uns wieder in einem Gewirr von nicht sehr hohen Bergen. Von neuem stießen wir auf einen deutlichen Weg aus früheren Zeiten. Am Boden war keine Spur mehr davon zu sehen; er war schon lange von der Zeit vertilgt worden, aber auf allen Hügeln und Vorsprüngen standen kleine Steinmale oder Wegzeichen, deren wir wohl 20 zählten. Gewöhnlich bestehen sie aus einer großen und einer kleinen Steinplatte, die sich aneinanderlehnen, oder auch aus einem würfelförmigen Steine, der zwei aufeinandergelegte runde Steine trägt. Daß es sich hier nicht um einen zufälligen Jägerpfad handelt, beweisen die Steinmale. Jäger finden sich überall zurecht und bleiben nicht ausschließlich auf bekannten Wegen, Steinmale aber sind nur für Reisende nötig, die sonst nicht wissen, wo der Weg geht. Wahrscheinlich war es die Fortsetzung des Weges, den wir schon im Astin-tag gesehen hatten, und ohne Zweifel ist er von Pilgern benutzt worden. Er wird wohl ziemlich alt sein; die Steinmale kann nur die Verwitterung vernichten, denn keine Stürme können sie hier mit Sand verschütten oder umwerfen.

Nachdem wir noch einen kleinen Paß überschritten hatten, lag das gelbe Meer der Wüste vor uns. Seine Dünenwellen sahen unheimlich und bizarr aus. In der letzten Talmündung wurde Rast gemacht. Man hat hier das Gefühl, sich an der Küste des Wüstenmeers zu befinden. Auf einer Anhöhe thronte ein letztes Steinmal. Saksaule wuchsen hier üppig und erreichten eine Höhe von 3 Meter.

Die letzten Ausläufer auf beiden Seiten dieser Talmündung sind zur Hälfte versandet. Die Dünen klettern hoch an ihnen hinauf. Sie versinken in die unbekannte Tiefe des Wüstenmeers. An Niederschlägen fehlt es in diesen Wüstenbergen nicht. Von Zeit zu Zeit fällt hier Regen, dessen Wasser sich zu einem Bach vereinigt, der, wenn auch von kurzer Dauer, doch eine bedeutende Wassermenge führen zu können scheint. Und daß er eine achtunggebietende Kraft besitzt, sehen wir an seiner sich zwischen kolossalen Sanddünen hinschlängelnden Rinne. Bald läuft diese nach Osten, biegt aber, wenn sie auf einen Sandberg stößt, nordwärts ab, bald nach Westen, um, von einer anderen Düne abgedrängt, wieder nach Norden zu gehen. Ohne einen solchen natürlichen Korridor wäre es ziemlich schwer gewesen, sich einen Weg durch diesen gewaltigen Flugsandgürtel zu bahnen, und man erstaunt, daß die Erosion stark genug ist, den Sand zu bekämpfen.

Den ganzen Tag ging ich zu Fuß voraus, um nicht in dem ewigen, eisigen Winde zu erfrieren. Dann und wann guckt eine zur Hälfte begrabene Saksaulpflanze aus dem Sande. Die gestern noch außerordentlich zahlreichen Spuren von wilden Kamelen und Antilopen haben ganz aufgehört; die scheuen Tiere wollen das Terrain überschauen und hüten sich vor einer so schmalen, gefährlichen Passage. Noch mehrere Kilometer vom Fuße des Gebirges entfernt liegen Granitstücke von Kubikmetergröße auf dem Sande. Weshalb liegen sie da? Weshalb begräbt sie der Triebsand nicht? Dies muß seinen Grund in den Bahnen haben, die der Wind beschreibt und die keine Ablagerung in der Nähe eines solchen Hindernisses zulassen.

Allmählich wird das Bett weniger ausgeprägt, sein Boden ist oft versandet, und die Dünen auf den Seiten erreichen nicht mehr die himmelstürmende Höhe wie am Fuße des Gebirges. Die kleine Wüstenkette, die wir in zwei Pässen überschritten haben, gleicht einem Wellenbrecher, der die Ausbreitung des Flugsandes nach Süden unmöglich macht. Sie schützt den nördlich vom Astin-tag liegenden Steppengürtel.

Schließlich hörte das Bett zwischen den Dünen auf, bildete vorher aber noch eine Erweiterung, die einem kleinen See glich, obwohl keine Spuren von Wasser entdeckt werden konnten. Im Norden dieser Bodensenkung erhob sich ein hoher Dünenwall, und von seinem Kamme erblickten wir das eigentliche Wüstenmeer in seiner ganzen, großartigen Öde; es sah ebenso aus wie in so vielen anderen Gegenden, in denen ich die Wüste Gobi durchwandert hatte. Nicht die kleinste Pflanze überschritt die Grenze; im Norden, Osten und Westen sah man nichts als Sand, Sand und wieder Sand ([Abb. 189], [192]).

Wie gewöhnlich in den Sandwüsten ging ich zu Fuß voraus, und nur langsam konnte die Karawane meinen schnellen Schritten folgen. Ich glaubte an mein altes Wüstenglück und war überzeugt, daß ich auch jetzt die Meinen durch die Gefahren der Dünenberge lotsen würde. Ich hatte das Fernglas bei mir, suchte die ebensten Flächen aus und freute mich über die Einsamkeit und die große Stille.

Das heutige Lager wurde mitten in der Sandwüste aufgeschlagen, wo ringsherum nichts als Sand zu sehen war.

Während des folgenden Tagemarsches wurden die Dünen immer niedriger und gingen schließlich in den darunterliegenden Lehmboden über, der in mehrere ungleiche Etagen von nach Norden abfallenden Terrassen ausgearbeitet ist. Am 1. Februar wurde diese Landschaftsform noch ausgeprägter ([Abb. 190]). Die Terrassen zeigen wie Finger nach Nordnordost und sind oft 50 Meter hoch. Gegen Abend erreichten wir zu unserer freudigen Überraschung wieder einen Steppengürtel, wo Kamisch und Tamarisken üppig wucherten und Spuren von Wölfen, Antilopen und Kamelen einander kreuzten. Ein Brunnen gab in einer Tiefe von 1,14 Meter salzhaltiges aber trinkbares Wasser ([Abb. 191]). Es quoll jedoch so langsam aus dem auf blauem Ton ruhenden Sandlager, daß es nur den Appetit der Kamele nach „mehr“ reizte.

Noch einen Tag erfreuten wir uns des Steppengürtels und folgten den Pfaden der wilden Kamele nach Norden. Sogar eine Gruppe knorriger Pappeln wurde passiert. Doch nur in einer von ihnen war noch ein Fünkchen Leben; die übrigen waren lauter geschlagene Helden.

Bei dem Lager, das hier aufgeschlagen wurde, es war Nr. 138, hatten wir alles, dessen wir bedurften, und wir verbrachten hier zwei sehr notwendige Ruhetage. Während ich eine Sonnenobservation machte, buken die Männer Brot und hielten große Wäsche. Ein sehr ergiebiger Brunnen spendete den Kamelen für lange Zeit Wasser. Sie tranken je sieben Eimer. Das Wasser war fast ganz süß, und dadurch, daß wir es in dem offenen Becken gefrieren ließen, konnten wir unseren Eisvorrat vergrößern.

Hinter diesem Punkte folgte wieder sterile Wüste, aus deren lockerem Lehmboden vom Winde sehr eigentümliche, bis zu 8 Meter hohe Kegel und Würfel geformt worden sind, die oft täuschende Ähnlichkeit mit Ruinen von Häusern und Mauern haben. Am Abend wurde ein wichtiger Punkt erreicht, und jetzt kam Mollahs Wegkenntnis zum erstenmal zur Geltung. Er war mehrmals mit Karawanen von Abdall nach Sa-tscheo und zurück geritten, hatte dabei stets den Astin-joll (den unteren Weg) durch die Wüste benutzt und kannte dort alle Brunnen und ihre Namen. An einem der letzteren, Atschik-kuduk (der salzige Brunnen), schlugen wir jetzt unsere Zelte auf. Er verdiente seinen Namen, denn das Wasser war selbst für die Kamele absolut untrinkbar. Spuren in dem feuchten, salzhaltigen Boden verrieten, daß vor gar nicht langer Zeit eine Karawane von Abdall nach Sa-tscheo hier vorbeigezogen war und ohne Zweifel Fische, welche die Chinesen sehr lieben, transportiert hatte.

Dieser Wüstenweg ist schon von Kosloff, Bonin und möglicherweise auch von Marco Polo bereist worden. Es war meine Absicht, ihn nur zu kreuzen und direkt nach Norden weiterzuziehen, aber die Klugheit gebot uns doch, uns nicht in unbekannte Wüstengegenden hineinzuwagen, ohne mit einem genügenden Eisvorrat versehen zu sein. Der nächste Brunnen im Westen war der Tograk-kuduk (Pappelbrunnen); dort sollte das Wasser nach Mollahs Versicherung gut sein. Wir begaben uns also dorthin und ruhten einen Tag, an dem ein bedeutender Eisvorrat von dem Brunnen geholt wurde ([Abb. 193]). Es war keine Kunst, die Säcke zu füllen, da die Kälte noch −27,5 Grad betrug. Bei Tage war es allerdings nur ein paar Grad kalt.

Als wir uns am 8. Februar nordwärts auf eine lange, ziemlich waghalsige Reise ohne Rasttage begaben, hatten wir also für Menschen und Tiere auf mindestens zehn Tage Wasser.

Durch dichtes Schilf, das von der Kälte gelb und dürr geworden ist und knisternd bricht, wenn wir hindurchschreiten, geht es einem unbekannten Lande entgegen, aus dem nie zuvor eine Kunde zur Kenntnis der Europäer und ebensowenig der Asiaten gelangt ist. Ich ging, wie gewöhnlich, weit voraus. Unzählige Spuren von wilden Kamelen und Antilopen zeigen sich in allen Richtungen, Kulane aber gibt es in dieser Gegend nicht; die Luft ist wohl zu dicht für ihren geräumigen Brustkorb. Auf einmal hört der Vegetationsgürtel auf und endet mit einem Labyrinth von Lehmkegeln, die tote Tamarisken tragen. In einer Bodensenkung, wo das Erdreich feucht aussah, hielt ich es für der Mühe wert, noch einen Brunnen zu graben. Im Norden erhob sich eine wohl 70 Meter hohe Terrasse. In eine ihrer Talmündungen wollten wir hineinziehen.

Die Karawanenglocken kommen immer näher. Die Weide war an dieser Stelle gut, und die Kamele sollten noch einmal eine stärkende Mahlzeit haben. Der Brunnen gab leidliches Wasser, und aus der Winterkälte machten wir uns wenig; sie wurde durch prächtige Feuer gemildert.

Ein passendes Tal lockte uns in seine Mündung hinein, und einen ganzen Tag ritten wir durch seine Rinne nach Norden. Der Boden hebt sich außerordentlich langsam, für das Auge geradezu unmerklich. Nach vorhandenen Karten von Innerasien müßte hier eine gewaltige Bergkette liegen, aber die Anhöhen, die wir jetzt auf allen Seiten sahen, waren so unbedeutend, daß sie kaum den Namen Berge verdienten. In einer kleinen Schlucht fand ich Stücke eines uralten Eisentopfes von sphärischer Form und einen Dreifuß, der unten einen Ring hatte. Offenbar waren hier in früheren Zeiten Chinesen oder Mongolen vorbeigekommen. Waren wir hier vielleicht wieder auf die Fortsetzung des Weges, den wir im Astin-tag gesehen hatten, gestoßen, oder war dies ein alter Weg nach Chami?

Daß wir uns in einer Gegend befanden, wo einstmals menschliche Verbindungsstraßen gelegen haben mußten, wurde uns während der folgenden Tagereise völlig klar. In dem breiten, offenen Tale, dem wir nach Norden folgten, zeigten sich nämlich oft Steinmale und Steinhaufen. Da, wo das Tal in flaches, wellenförmiges Terrain auslief, teilte sich der alte Weg. Eine Reihe von Steinmalen erstreckte sich nach Westsüdwesten, eine zweite nach Nordwesten. Der erste dieser beiden Wege hat wahrscheinlich nach den Ruinen geführt, die wir früher am Nordufer des Lop-nor gefunden hatten. Der zweite, den wir einschlugen und der nach Turfan zu gehen schien, führte uns auf einen niedrigen, rötlichschimmernden Kamm von ganz verwittertem Granit. Fern im Norden wurde die Aussicht durch eine etwas höhere Kette versperrt. Die Landschaft ist seltsam, öde, verlassen und stumm. Wie die Menschenspuren uralt sind, ihre Bedeutung verloren haben und nur noch in den Steinmalen als Erinnerungen aus vergangenen Zeiten dastehen, so sind auch die Bergketten hier auf dem Wege, vom Erdboden vertilgt worden. Wenn man an Tibet gewöhnt ist, kann man sich beinahe nicht entschließen, diese kleinen Landrücken Berge zu nennen. Sie sind zerfallende Ruinen von einstmals hohen Bergketten, welche jetzt durch die Einwirkung der in der Atmosphäre wirkenden Kräfte Stück für Stück zerstört werden. Doch denselben von Osten nach Westen gerichteten Parallelismus wie in Tibet finden wir auch hier wieder.

In einer geschützten Spalte auf der Nordseite des Kammes fanden wir eine liegengebliebene Schneewehe, die den Kamelen sehr zupasse kam. Vielleicht hat dieser Schnee sie vor dem Verdursten gerettet, denn zum Wasser hatten wir noch sehr weit.

Drittes Kapitel.
Durch unbekanntes Land auf der Suche nach Wasser.

Die ersten Anzeichen des Frühlings machten sich jetzt bemerklich, und die Winde waren nicht mehr ganz so schneidend kalt wie bisher. Die Minimaltemperatur stieg freilich selten über −20 Grad; aber unser langer Winter näherte sich doch seinem Ende. Im Juli des vorigen Jahres hatte er begonnen und ununterbrochen fortgedauert.

Am 11. Februar überschritten wir eine Bergkette von unbedeutender relativer Höhe. Wilde Kamele haben hier außerordentlich zahlreiche Spuren hinterlassen. Sie schienen oft nach der obenerwähnten Schneewehe, der keine weiteren folgten, zu gehen. Wahrscheinlich hat die Erfahrung die Tiere gelehrt, daß die geringe Schneemenge, die hier gelegentlich fällt, an jener Stelle die größte Aussicht hat, liegenzubleiben.

Am 12. gingen wir in einer fabelhaft öden Gegend, die nur selten durch eine Kamelspur belebt wurde, nach Nordnordosten. In der Ferne sieht man auf allen Seiten einzelne, niedrige Hügel, aber ziemlich lange Zeit ist es unmöglich festzustellen, in welcher Richtung der Boden fällt. Es gibt hier allerdings flache, gewundene Bachbetten, aber sie sind trocken wie Zunder, und oft hat es den Anschein, als müßten Jahrzehnte vergangen sein, seit sie zuletzt Wasser geführt haben. Der Blick reicht unendlich weit nach allen Seiten hin. Da keine Veränderung eintrat und keine Hoffnung vorhanden schien, daß wir hier Quellen oder Schnee finden könnten, schwenkten wir nach Nordwesten und Westen ab.

Die beiden folgenden Tagemärsche gingen nach Südwesten. Ich hielt mit dem Kurse immerfort auf Altimisch-bulak zu, da wir ja einen Bogen nach Nordosten gemacht hatten. Unsere Lage war kritisch; der noch vorhandene Eisvorrat reichte freilich für uns und die Pferde noch mehrere Tage, aber die Kamele konnten keinen Tropfen mehr bekommen, und unser ganzes Streben war darauf gerichtet, diese unermüdlichen Veteranen um jeden Preis zu retten. Die Spuren der wilden Kamele wurden nunmehr stets auf der Karte verzeichnet. Ich glaubte, daß man aus ihren Richtungen Schlüsse auf die Lage von Quellen und Weideplätzen würde ziehen können. Die Spuren gingen meistens nach Nordwesten oder Südosten. Im Südosten dehnen sich die Kamischsteppen am Astin-joll aus, die wir schon durchquert hatten, und im Nordwesten gab es wahrscheinlich Quellen, die nur den Kamelen bekannt waren. Ich ging meistens zu Fuß und ruhte mich nur zeitweise im Sattel aus. Wenn es wirklich darauf ankam, eine Situation zu retten, hatte ich keine Ruhe zum Reiten. Die Kamele sind unerschütterlich ruhig und geduldig; nachts liegen sie geknebelt, keinen Grashalm bietet ihnen diese wüste Gegend, aber noch haben wir Vorrat von der Gerste der Mongolen.

Am 16. Februar sah ich ein, daß wir, wenn wir eine Katastrophe vermeiden wollten, direkt nach Süden gehen und versuchen müßten, den Wüstenweg mit seinen salzigen Brunnen wieder zu erreichen. Vergeblich spähten wir nach einer liegengebliebenen Schneewehe umher. Wir mußten nach dem flachen Lande hinunter, wo wir wenigstens versuchen konnten, einen Brunnen zu graben. Ich erstieg einen Paß in einer unbedeutenden Kette. Die Aussicht war nichts weniger als ermutigend, denn auf allen Seiten zeigten sich kleine Landrücken; es war dieselbe Mondlandschaft wie immer, dieselben trockenen Hügel ohne eine Spur von Gras, aus dem man auf eine gewisse Feuchtigkeit des Bodens hätte schließen können.

In einem breiten Tale sahen wir 57 frische Kamelspuren. Sie sammelten sich fächerförmig von allen Seiten und vereinigten sich zu einer Heerstraße, die ohne Zweifel nach einer Quelle führte. Nachher sahen wir noch 30 Spuren, die alle nach der großen Heerstraße gingen. Wir machten einen Augenblick Halt und hielten Kriegsrat. Gewiß war es, daß es hier nach einer Quelle ging, aber wie weit war es dorthin? Vielleicht mehrere lange Tagemärsche. Würde es nicht besser sein, nach Altimisch-bulak, das wir wenigstens kannten, zu ziehen? Wir folgten diesen Spuren nicht, so verlockend sie auch waren. Ganz kürzlich waren sie wie helle Stempel in den Boden gedrückt worden, aber merkwürdigerweise ließen sich die Kamele selbst nicht sehen. Bis in die unendliche Ferne lag das Land leer und schweigend da. Es war, als ob unsichtbare Geister diese Spuren hervorgerufen hätten. Ganze Karawanen von wilden Kamelen waren hier kürzlich gezogen, aber kein Tier war zu erblicken. Die Spuren führten nach Norden, vielleicht nach der Pawan-bulak, einer Quelle, von der Abdu Rehim, wie er mir im vorigen Jahre mitgeteilt hatte, gehört, die er aber nicht besucht hatte.

17. Februar. Unsere Lage fängt an, recht bedenklich zu werden. Die Kamele haben seit zehn Tagen außer einigen Mundvoll Schnee, die wir vor einer Woche fanden, nichts zum Löschen ihres Durstes bekommen. Ihre Kräfte können nicht bis in alle Ewigkeit ausdauern.

Während unseres heutigen Marsches ließen wir die kleinen Ketten, die wir auf dem Zuge nach Norden überschritten hatten, der Reihe nach hinter uns zurück. Sie laufen eine nach der anderen im Westen aus und verschwinden dort spurlos; sie stehen also nicht einmal in fortlaufender Verbindung mit dem Kurruk-tag, obgleich sie zu demselben orographischen System gehören. Fern im Westen sahen wir die Ketten des Kurruk-tag; sie waren höher und größer als die bisher von uns überschrittenen. Da wir in ihrer Nähe größere Aussicht hatten Wasser zu finden als in der Wüste, richteten wir den Kurs dorthin und zogen nach Westen.

Nachdem ich die äußersten Vorsprünge des Gebirges hinter mir gelassen hatte, gelangte ich auf ganz ebenen salzhaltigen Boden hinunter, der jedoch auch Höcker in Gestalt von höchstens 2 Meter hohen Rücken und Anschwellungen hatte. Die Wüste erstreckt sich im Südwesten bis ins Unendliche, und auch im Nordosten wird ihr Horizont durch keine Berge verdunkelt.

Nachdem ich fünf Stunden zu Fuß gegangen war, wartete ich auf die Karawane. Das Terrain wurde nachher schlechter als die Sandwüste. Es waren dieselben Jardang oder Lehmrücken, die wir von der Lopwüste her kannten; hier aber waren sie bis zu 6 Meter hoch und 10 Meter breit. Sie haben eine nordsüdliche Richtung und liegen in unzähligen Reihen. Gäbe es nicht hie und da kleine Unterbrechungen durch Lücken, so wäre das Terrain vollkommen unpassierbar, denn ihre Seiten sind senkrecht. Wir müssen halbe, ja ganze Kilometer zwischen ihnen zurücklegen, ehe die nächste Lücke uns erlaubt, einige zehn Meter in unserer Richtung zu gehen. Hier nützt alle Geduld nichts; solch ein Terrain kann den Menschen zur Verzweiflung bringen.

Schließlich gelang es mir aber doch, uns aus diesem zeitraubenden Labyrinth hinauszulotsen. Bei dem zwischen einigen Hügeln aufgeschlagenen Lager war das organische Leben nicht einmal durch eine vom Winde verschlagene Tamariskennadel vertreten.

Todmüde krieche ich in meine Filzdecken und Pelze, habe aber noch lange nicht ausgeschlafen, wenn der Kosak mich weckt. Schon bei Tagesgrauen herrschte halber Nordsturm, der am Nachmittag in einen ohne Rast und Ruh heulenden und pfeifenden Buran erster Ordnung ausartete, und zwar in einen, der dicht am Erdboden hinfegt, Staub, Sand und kleine Steine mitweht und uns eiskalt gerade in die Seite schlägt. Wie man auch geht, immer wird man steif vor Kälte; die Hände schwellen auf und verlieren das Gefühl. Dies ist eine neue Unannehmlichkeit, die sich zu der Besorgnis um die Kamele und der Sehnsucht nach Wasser gesellt. Die Drangsale sammeln sich bösen Geistern gleich um unsere Karawane. Das Terrain ist abscheulich, unzählige Hügel müssen rechtwinklig gekreuzt werden.

Ich ging voraus und schleppte die Meinen 40 Kilometer weit mit. Unser Feuerungsvorrat war längst zu Ende, und kein Span war zu entdecken. Nichts weiter als Steine, Kies und Sand in dieser tückischen Mausefalle, die uns festhalten will und vor deren teuflischen Absichten wir unser Leben retten müssen. Die Kette, auf die mein Kurs gerichtet ist und an deren Fuße wir eine Quelle zu finden hofften, scheint zurückzurücken und vor uns zu fliehen. Sie verschwand jetzt vollständig im Nebel der Staubwolken; gegen Abend erschien sie daher unerreichbarer denn je. Die Kamele bewahrten trotz dieses forcierten Marsches ihre aufrechte, königliche Haltung und, obwohl sie keinen Stengel zu fressen, keinen Tropfen Wasser zu trinken bekamen, gingen sie doch mit hocherhobenem Kopfe und großen, nie unsicheren Schritten vorwärts.

Wir lagerten in der Dämmerung in einem offenen Tale, das keinen Schutz vor dem Sturm gewährte. Die Jurte bekam drei Überzüge von Filzdecken, aber der Ofen ließ sich aus Mangel an Brennholz nicht benutzen. Das bißchen Wärme, welches ich selbst, mein treuer Reisekamerad Jolldasch und das flackernde Licht verbreiten, wehen die Windstöße fort. Ein Sandwall wird rings um den unteren Jurtenrand aufgeworfen, aber trotzdem ist es drinnen so kalt wie in einem Keller. Von dem Eise sind nur noch einige Stücke übrig. Meine armen Begleiter begnügten sich mit einem Souper von einigen Stückchen Eis und Brot und krochen dann so schnell wie möglich unter ihre Filzteppiche; eine Holzlatte, die geopfert wurde, reichte nur zum Wärmen meines Tees.

Während draußen der Sturm die ganze Nacht tobte, schlief ich gut und ruhig in meinen Pelzen, fand es aber am Morgen des 19. Februars recht kalt, als ich ohne das gewöhnliche Morgenfeuer aufstehen mußte. Sobald ich nach einem Becher Tee und einem Stück Brot fertig war, eilte ich zu Fuß voraus. Wasser, Wasser! Das war der einzige Gedanke, der alle beherrschte; wir mußten um jeden Preis eine Quelle finden, denn die Kamele hatten seit zwölf Tagen nichts getrunken. Unsere Lage war wirklich kritisch; fanden wir kein Wasser, so würden die Kamele eines nach dem anderen sterben, gerade wie in der Wüste Takla-makan. Hier hatten wir jedoch den Vorteil, daß die Luft kalt und der Boden hart und eben war und uns erlaubte, die Gegenden in langen Tagemärschen zu durchmessen.

178. im Tale des Anambaruin-gol. Blick nach Nordwesten. ([S. 14].)

179. Blick nach Südosten vom Lager am Anambaruin-gol. ([S. 14].)

Ich hielt noch immer auf die Quelle Altimisch-bulak zu, deren Lage ich seit dem vorigen Jahre kannte. Doch nach Abdu Rehim sollte es östlich von ihr noch drei Quellen geben, und diese waren es, auf die ich jetzt hoffte und die ich suchte. Wie leicht aber konnten sie hinter Bodenerhebungen verborgen, hinter kleinen Kämmen versteckt oder tief in einer vom Wege aus unsichtbaren Bodensenke liegen. Wir konnten ahnungslos an ihnen vorbeigehen und uns wieder in dieses Meer von Einöden hineinverlieren. Sehr beeinträchtigt wurden wir auch durch den Sturm, der uns nur die allernächsten Gegenstände unterscheiden ließ. Entferntere Berge und Anhöhen verhüllte der Nebel; ich konnte mich daher nicht der Karten vom Vorjahre zur Orientierung bedienen. In der Takla-makan wußten wir wenigstens, daß wir stets an den Chotan-darja gelangen würden, gleichviel auf welchem Wege wir nach Osten gingen, und nach dem Zuge im Bett des Kerijaflusses mußten wir schließlich den Tarim erreichen, wenn wir nur nördlichen Kurs einhielten. Dort handelte es sich um Linien, hier aber um Punkte, an denen man in der staubgesättigten Luft leicht vorübergehen konnte, und hätten wir dies getan, so würden wir die Gegenden des Tarim nie wiedergesehen haben.

Mit steigendem Interesse beobachteten wir die oft ziemlich frischen Spuren der wilden Kamele, die nur im losen Sande vom Winde ausgelöscht, sonst aber deutlich waren. Man weiß, daß die Tiere vom Wasser kommen oder nach Wasser gehen und daß die Spur, ob man sie nach dieser oder jener Richtung hin verfolgt, früher oder später an eine Quelle führen muß. Aber es kann Tage und Wochen dauern.

Ich fühlte mich stets versucht, den Kamelpfaden zu folgen, und tat es mehrere Male. Sie sind sehr sonderbar. Ohne die geringste Veranlassung machen sie scharfe Biegungen im rechten Winkel; wenn sie mich aber gar zu sehr in die Irre führen, verlasse ich sie voller Ärger, aber nur, um bald auf einen neuen Pfad zu geraten. Im großen und ganzen liefen die Spuren von Norden nach Süden. Sah ich nach Norden, so erblickte das Auge eine rotbraune, sterile Bergwand, während im Süden nur die unabsehbare Wüste lag. Also war es am besten, westwärtszugehen und nach Abdu Rehims drei Quellen zu suchen.

Ich ging, als brennte es hinter mir, und ließ die Karawane weit hinter mir zurück. Meine in Schweden gemachten Stiefel hingen nach den 300 zu Fuß zurückgelegten Kilometern kaum noch in den Nähten zusammen, und meine Füße waren voller Blasen und schmerzten mich sehr. Schagdur, der mir sonst mein Reitpferd nachzubringen pflegte, ließ sich nicht blicken. Ich hatte beschlossen, nicht eher Halt zu machen, als bis ich Wasser gefunden hatte; ich wurde heute 36 Jahre alt und erwartete zum Abend eine angenehme Überraschung. Die Kamelspuren wurden nach Westen zu immer zahlreicher und bestärkten meine Hoffnung. Ich konnte jetzt keine zwei Minuten gehen, ohne eine Spur zu kreuzen.

Schließlich gelangte ich an einen niedrigen Bergrücken, der mich zwang, eine südwestliche und südsüdwestliche Richtung einzuschlagen; ich ging daher in ein ausgetrocknetes Bett hinunter, in dem kürzlich 30 Kamele gewandert waren. Da ich hier eine Tamariske fand und Fährten von Hasen und Antilopen erblickte, blieb ich eine Weile an einer geschützten Stelle stehen. Diese Tiere können sich nicht sehr weit vom Wasser entfernen.

Jetzt kam Schagdur, und wir beratschlagten. Im Süden zeigten sich mehrere Tamarisken; dorthin lenkten wir unsere Schritte. Der Boden war hier stark feucht, aber auch mit einer dicken Salzkruste überzogen, und der Brunnen, der gegraben wurde, als die Karawane dort angelangt war, lieferte eine konzentrierte Salzlösung. Wir gingen daher nach Südwesten weiter. Der Sturm schob von hinten nach.

Ich eilte mit Schagdur vorwärts. Mein Schimmel folgte mir von selbst wie ein Hund, und Jolldasch schnüffelte und suchte überall umher. Nun folgten wir der Spur einer Herde von 20 Kamelen. So kamen wir mitten vor einen Talschlund, der auf unserer rechten Seite zwischen 3 und 4 Meter hohen Terrassen gähnte. In dieser ziemlich breiten, trompetenförmigen Mündung vereinigten sich alle Kamelspuren der Gegend zu einem Bündel oder einer Heerstraße, die in das Tal hineinging. Ich folgte ihr und war noch nicht zehn Minuten gegangen, als ich Jolldasch an einer weißglänzenden Eisscholle saugen sah!

Wir waren gerettet und hatten einen neuen Haltpunkt gewonnen, an dem die Karawane sich für die nächste Wüstenstrecke kräftigen konnte!

Die Quelle war wie gewöhnlich salzig, aber die Eisscholle, die nur 12 Meter Durchmesser hatte und 10 Zentimeter dick war, war ganz süß. Merkwürdigerweise hatte die Quelle nicht mehr als zwei kleinen, auf niedrigen Kegeln wachsenden Tamarisken Leben gegeben.

Schagdur blieb erstaunt vor dem Eise stehen und glaubte fast, daß ich auf irgendeine geheimnisvolle Weise von dieser im Tale versteckten Quelle Kenntnis gehabt haben müsse, da ich direkt dorthingegangen war.

Oben auf der linken Uferterrasse erhob sich eine kleine halbmondförmige, einer Brustwehr oder einem Schirme gleichende Mauer, hinter welcher entschieden Jäger auf die wilden Kamele, die an der Quelle tranken, zu lauern pflegten.

Nun ließen wir uns nieder und zündeten ein Feuer an. Die Karawanenleute waren ebenfalls erstaunt und außerordentlich erfreut. Alle segneten diese rettende Eisscholle, von der wir mit neuen Eisvorräten nach Altimisch-bulak ziehen konnten. Erst aber bedurften wir einiger Rasttage nach dem Eilmarsche, dessen Wirkungen alle in den Beinen spürten. Faisullah und Li Loje gingen talaufwärts, um dort nach Weide auszuschauen, und kamen mit einigen dürren Stauden wieder, welche die Kamele sich gut schmecken ließen. Von dem Eise sollten sie erst fressen, nachdem sie sich von dem Marsche ausgeruht hatten, aber die Pferde durften sofort an seiner porösen Fläche knabbern.

Es war recht lustig, die Kamele abends mit kleingehackten Eisstücken zu füttern. Sie standen geduldig wartend im Kreise, und ein Stück nach dem anderen wurde zwischen ihren Zähnen zermalmt. Sie knabberten das Eis wie kleine Kinder Kandiszucker, und ihre Augen glänzten vor Freude und Zufriedenheit. Für uns wurden einige Säcke mit großen Eisscheiben gefüllt. Die Scholle war ergiebiger, als wir anfänglich geglaubt hatten und genügte überreichlich für unsere Bedürfnisse; aber die wilden Kamele, die sich während unseres Aufenthaltes der Quelle nahten, mußten unverrichteter Sache wieder umkehren.

Am 22. Februar legten wir nur 20 Kilometer zurück. Infolge des Nebels täuscht man sich unaufhörlich in der Entfernung. Wir lagerten in einer kleinen Oase von Tamarisken und Kamisch. Die Sträucher waren ziemlich dicht, aber trocken und lieferten uns Material zu größeren Feuern, als wir seit lange gehabt hatten.

Die Landschaft verändert sich von einem Tage zum anderen nur wenig und ist höchst einförmig. Alle Berge bleiben rechts liegen. Die Ausläufer des Kurruk-tag zeigen sich als abgebrochene Ketten, und wir passieren eine nach der anderen. Wir haben also gefunden, daß dieser Gebirgszug nach Osten hin immer niedriger und unbedeutender wird, ebenso wie das Land in jener Richtung steriler und die Quellen seltener und salziger werden.

Alles ist still und öde, nur der unermüdliche Wind fegt am Boden hin. Ich wanderte gedankenvoll durch dieses unbekannte Land und folgte mechanisch einer Ansammlung von Kamelspuren, die mich an eine neue Quelle mit einer weithin glänzenden Eisscholle führte. Hier treffen die Pfade der wilden Kamele gleich Radien aus allen Himmelsrichtungen zusammen. Auch hier durften unsere Tiere eine Weile grasen; ich ging unterdessen nach Südwesten weiter.

Als ich zwischen niedrigen Hügeln talaufwärts ging, einem ziemlich tief in den Boden eingetretenen Pfade folgend, erblickte ich ein großes, schönes Kamel, das mich in dem Gegenwinde nicht witterte. Ich blieb stehen und wartete auf die Karawane, um Schagdur Gelegenheit zu geben, es zu schießen. Teils brauchten wir Fleisch, teils wollte ich ein vollständiges Skelett und eine Haut haben. Doch die Hunde verjagten das Tier, und so entging es der Gefahr. Schagdur war in der Hoffnung, dort eine Beute erwischen zu können, an der Quelle geblieben.

Wieder kreuzten wir eine inselähnliche kleine Oase, wo die Tiere eine Stunde weiden durften, während ich meinen einsamen Spaziergang fortsetzte. Im Süden schimmerte es gelb aus dem Nebel, offenbar eine neue lockende Oase. In ihrem südlichen Teile erblickte ich 18 weidende Kamele und blieb wieder stehen, um auf die Karawane zu warten. Die wilden Kamele betrachteten die schwarze Reihe ihrer zahmen Verwandten mit unablässiger Aufmerksamkeit. Li Loje wurde zurückgeschickt, um Schagdur zu holen. Dieser kam atemlos an, war aber zu hitzig und schoß zu früh. Die Tiere verschwanden mit Windeseile in westlicher Richtung, und ich fürchtete, daß sie ihre Kameraden in Altimisch-bulak warnen würden und ich auf das Skelett verzichten müßte.

Wir lagerten an diesem herrlichen Platze, wo es Weide, Brennholz und Wasser im Überfluß gab. Es war die dritte von Abdu Rehims Quellen. Seine Angaben hatten sich als durchaus zuverlässig erwiesen.

24. Februar. Nach meinem Besteck und meinen topographischen Berechnungen müßte Altimisch-bulak in Westsüdwest 28 Kilometer von dieser Oase liegen. Ich führte also den Zug in dieser Richtung an, wurde aber von der nächsten, rechter Hand liegenden Bergkette gezwungen, einen westlicheren Kurs einzuhalten. Dies mußte die Kette sein, unterhalb welcher die Quelle von Altimisch-bulak liegt; hier konnte von einem Irrtum keine Rede sein. Wäre das Wetter nur klar gewesen, so hätten wir die Oase schon aus weiter Ferne erblicken müssen, nun aber verschwand alles im Staubnebel. Man hätte an der Oase vorbeigehen können, ohne sie zu sehen.

Doch mein Glücksstern lenkte meine Schritte, und die gelbe Weide schimmerte aus dem Nebel hervor ([Abb. 194]). Die Umrisse von fünf Kamelen zeichneten sich über dem Schilfdickicht ab. Schagdur entledigte sich seines Mantels und seiner Mütze und schlich sich dorthin. Mit dem Fernglase beobachtete ich den Verlauf der Jagd. Als der Schuß krachte, begann es sich im Schilfe zu regen, erst langsam, dann schneller, und schwarze Schattenrisse huschten über das Kamisch und verschwanden jenseits der Grenze der Oase. Es waren 14 Stück. Nach einem zweiten Schuß kam Schagdur triumphierend zu mir, um zu melden, daß er zwei Kamele erlegt habe. Das eine war ein junges Weibchen, das stehend photographiert und dann getötet wurde ([Abb. 195]). Das zweite war ein gewaltiges „Bughra“, das an dem Schusse sofort verendet war ([Abb. 196]). Sein Skelett und seine Haut sollten nach Stockholm gebracht werden.

180. im Tale des Anambaruin-gol aufwärtsführender Weg. ([S. 14].)

181. Einer unserer mongolischen Führer. ([S. 16].)

182. Die nach Deschong-duntsa hinunterführende Schlucht. ([S. 16].)

183. Mein mongolischer Führer. ([S. 16].)

Den Muselmännern imponierte es außerordentlich, daß es mir trotz des Nebels gelungen war, Altimisch-bulak zu finden. Die zurückgelegte Entfernung betrug den letzten Tag 31 Kilometer; ich hatte mich also nur um 3 Kilometer verrechnet, was nicht viel ist, da die Länge der berechneten Strecke 2000 Kilometer betrug. Hier knüpften sich die astronomischen und topographischen Beobachtungsreihen an die des vorigen Jahres an, und es konnte mit den vorhandenen Daten nicht schwer sein, die Ruinen wiederzufinden.

Meine Jurte wurde in demselben Dickicht von Tamarisken und Kamisch, wo sie das Jahr vorher gestanden hatte, aufgeschlagen. Die Kamele und Pferde durften grasen. Es war ein gesegneter, glücklicher Tag.

Die noch übrigen Tage des Februars verbrachten wir in Ruhe an den Quellen von Altimisch-bulak ([Abb. 197]). Daß beständig ein Wind ging und das Land ewig in Nebel gehüllt war, störte uns wenig, denn wir hatten alles, was wir brauchten, und unsere Zelte lagen vor dem Winde geschützt. Der Brennholzreichtum war unerschöpflich, und das Feuer in meinem Ofen erlosch erst spät in der Nacht, wurde aber schon frühmorgens, ehe ich aufstand, wieder angezündet. Die Muselmänner fanden das Fleisch des jungen Kamelweibchens vortrefflich, und unsere Karawanentiere sah man in zerstreuten Gruppen behaglich weiden.

Ein ganzer Tag wurde auf Generalrepetition mit den Nivellierinstrumenten und den Männern, die bei dem Präzisionsnivellement durch die Wüste meine Gehilfen sein sollten, verwendet ([Abb. 198]). Der Umfang der Oase wurde mit Schritten ausgemessen; der vertikale Fehler auf dieser Strecke von 2756 Meter betrug nur 1 Millimeter. Das Resultat prophezeite also Gutes für das große Nivellement durch die Wüste auf einer Linie von mehr als 80 Kilometer Länge.

Eine kleine Episode mit Chodai Kullu, der bisher innerhalb der Karawanengemeinschaft gerade keine hervorragende Rolle gespielt hatte, muß der Vergessenheit entrissen werden. Der Mann galt für einen geschickten Jäger und besaß eine eigene Flinte, aber in den 14 Monaten, die er bei uns war, hatte keiner ihn auch nur einem Hasen etwas zuleide tun sehen. Man glaubte nicht, daß er mit dem Gewehre umzugehen wußte, und es erregte daher keine Verwunderung, als er es eines Tages um einen Spottpreis an Li Loje verkaufte, in dessen Händen es ebenso unschädlich blieb. Bei der Rückkehr nach Jangi-köll im vorigen Jahre hatte er versichert, daß er in Altimisch-bulak ein Kamel erlegt habe, und nun drangen seine Kameraden in ihn, er solle ihnen die Reste dieses Tieres zeigen. Er machte Ausflüchte und beteuerte, die Tat bei einer anderen Quelle in der Nachbarschaft verübt zu haben. Daran wollten die anderen aber durchaus nicht glauben, da Chodai Kullu über die Lage dieser Quelle keine Auskunft geben konnte. Sie machten sich immer über ihn lustig. Er war ein verträglicher, phlegmatischer Mensch, linkisch und jovial, und seine Gesichtszüge trugen einen vorwiegend komischen Ausdruck.

Eines Morgens verschwand er vor Sonnenaufgang aus dem Lager, und die anderen, die den Tag über damit beschäftigt waren, das Skelett des von Schagdur erlegten Kameles zu reinigen, hatten keine Ahnung, wo er steckte. Sie vermuteten indessen, daß er auf die Jagd gegangen sei, denn eine Flinte fehlte.

In der Dämmerung fand er sich wieder ein und machte schon von weitem den Eindruck eines Triumphators. Wer wolle, könne ihn nach der Quelle begleiten und sich das Gerippe des im vorigen Jahre geschossenen Kamels ansehen, erklärte er ruhig. Die Quelle sei freilich in diesem Jahre ausgetrocknet, aber das Gerippe liege noch da, und was mehr sei, er habe auf seinem Streifzuge noch eine Quelle mit reichlichem Eisvorrat und Vegetation entdeckt. Dort habe er vier Kamele überrascht und ein Bughra geschossen. Während Chodai Kullu schmunzelnd umherging, war er in den Augen der anderen bedeutend gewachsen, und sie schämten sich sichtlich ihres offen ausgesprochenen Mißtrauens.

Nun wurde beschlossen, nach dieser Quelle zu ziehen, die ein geeigneterer, näherer Stützpunkt für die bevorstehenden Operationen gegen die Ruinen in der Wüste sein mußte. Sieben mit Eis gefüllte Tagare wurden wieder geleert, um die Kamele mit unnötigen Lasten zu verschonen.

Am 1. März sollte also Chodai Kullu seinen Ehrentag haben und uns den Weg nach der von ihm entdeckten Quelle zeigen. Er marschierte ganz selbstbewußt an der Spitze der Karawane unter fröhlichem Singen und mit einer so befriedigten Miene, als sei er Alleinherrscher über alle diese Wüsten und Oasen und ihre Bewohner, die wilden Kamele. Wir folgten seinen Schritten.

Der Weg führte nach Südwesten und Süden. Rasch haben wir die Oase vor uns ([Abb. 199]). Sie liegt so gut im Terrain versteckt, daß es unmöglich sein würde, sie zu finden, wenn man sie nicht kennte oder wie Chodai Kullu durch reinen Zufall dorthin geriet.

Während wir auf die anderen warteten, nahmen wir das erlegte Kamel genauer in Augenschein ([Abb. 200], [201]). Es lag in ganz natürlicher Stellung an dem Punkte, bis zu dem es noch hatte fliehen können, nachdem die heimtückische Kugel sein friedliches Weiden unterbrochen hatte, etwa hundert Schritte jenseits der Kamischgrenze der Oase. Wie verwundete und erschreckte Kamele zu tun pflegen, hatte es sein Heil gerade nach Süden, der Wüste zu, gesucht. Es war ein fettes, schönes Männchen. Eine Menge Zecken, die sich in seinem Pelze eingenistet hatten, zogen sich, nachdem das Blut erstarrt war, ratlos von dem Kadaver zurück.

Als die Temperatur in der Mittagsstunde auf +15 Grad stieg, fingen diese greulichen Milben wieder an, sich zwischen Büschen und Grashalmen zu bewegen. Sie kriechen in großer Anzahl innerhalb der Grenzen der kleinen Oasen umher, und man kann sich kaum vor ihnen schützen. Sie werden von den wilden Kamelen von einer Oase nach der anderen getragen und machen, in den Pelzen jener hängend, alle Reisen kostenlos mit.

Das Wasser der neuentdeckten Quelle, das in mehreren „Augen“ aus einem ziemlich tiefen Bett sprudelte, hatte eine Temperatur von +1,7 Grad und spezifisches Gewicht von 1,0232. Es ist so salzig, daß unsere zahmen Kamele sich durchaus nicht bewegen ließen, es zu kosten, was auch überflüssig war, da sich durch die Sonnenwärme kleine Süßwasserlachen auf der Oberfläche der Eisscholle gebildet hatten. Doch die wilden Kamele müssen im Sommer hiermit vorliebnehmen, ja vielleicht ziehen diese Wüstentiere das salzige Wasser dem süßen geradezu vor.

Das Eis war dick und rein, und neun Tagare wurden damit gefüllt. Die Oase kam uns wirklich außerordentlich gut zustatten. Sie lag den Ruinen 12 Kilometer näher und lieferte gute Weide, so daß ich alle drei Pferde und drei kränkliche Kamele unter Chodai Värdis Aufsicht hier zurücklassen konnte, während wir nach Süden aufbrachen.

Was die Verproviantierung des Mannes betraf, so erhielt er von unseren außerordentlich knappen Vorräten nur — eine Schachtel Zündhölzer, einen kleinen Eisentopf und ein bißchen Tee. Wasser hatte er in Überfluß, Fleisch konnte er von dem erlegten Kamel nehmen, mit den Zündhölzern konnte er sich Feuer anmachen, um seinen Tee zu kochen und seine Schnitzel zu braten. Nur ein kleines Mißgeschick traf ihn, wie er später erzählte, in der Einsamkeit. Als er am ersten Morgen erwachte, fehlten alle drei Pferde. Aus ihren Spuren sah er, daß sie sich auf eigene Hand nach Altimisch-bulak zurückbegeben hatten, weil dort das Gras noch besser war. Er mußte daher dorthin wandern und sie wieder holen und sie nachher strenger bewachen.

Am 2. März brach ich mit den sieben Kamelen auf und nahm das ganze Gepäck und die neun Eissäcke mit. In gewisser Beziehung wäre es besser gewesen, der Marschroute des vorigen Jahres von Altimisch-bulak nach den Ruinen, die dann leichter zu finden gewesen wären, zu folgen; aber auch auf diesem neuen Wege mußten wir sie finden können, obwohl man sie nicht eher sieht, als bis man dicht vor ihnen ist. Drei alte Steinmale zeigten, daß die Menschen, die einst die Ruinengegend bevölkerten, die kleine Oase gekannt haben. Wahrscheinlich haben sich von hier aus Jäger in den Kurruk-tag begeben.

Es dauerte nicht lange, bis wir merkten, daß wir uns dem Nordufer des ausgetrockneten Sees näherten. Erst verrieten zahlreiche Scherben von Tongefäßen das ehemalige Vorhandensein von Menschen in diesem Lande, darauf traten tote Tamarisken auf Kegeln und Hügeln auf, sodann die borstenähnlichen Stoppeln alter Kamischfelder und schließlich Schneckenschalen, letztere hier und dort in außerordentlicher Menge.

So sind wir denn wieder in der von Stürmen durchfurchten Tonwüste. Ich eilte zu Fuß weit voraus. Es war glühend heiß, und ich rastete eine Stunde in dem Schatten der überhängenden Tonscheibe einer Jardang. Als die Karawane mich eingeholt hatte, eilte ich weiter, bis ich einen geeigneten Lagerplatz erreichte. Doch auch hier mußte ich so lange warten, daß ich fürchtete, die Leute hätten meine Spur verloren. Toter Wald war in Menge vorhanden, und ich unterhielt mich damit, einen kolossalen Scheiterhaufen aufzustapeln, den ich dann anzündete. Von der Rauchsäule geleitet, kam endlich die Karawane in guter Ordnung herangezogen.

Viertes Kapitel.
Die Ruinen am alten Lop-nor.

Am Morgen des 3. März war es ziemlich kalt. Nach dem Besteck mußten wir von der Stelle, an welcher wir im vorigen Jahre auf die Ruinen gestoßen waren, noch 14 Kilometer entfernt sein. Es handelte sich nun um das Wiederfinden jener alten Häuser, in denen Menschen zu einer Zeit gewohnt hatten, in der das Klima und die Natur dieser Gegend noch ganz anders waren als jetzt und die Wüste keine Wüste, sondern ein reich bewachsenes Gebiet am nördlichen Ufer des von den Wassermassen des Kum-darja gebildeten Sees war. Wir schritten langsam vorwärts, nach allen Seiten umherspähend, um nicht an dem wichtigen Punkte, der jetzt Gegenstand einer gründlichen Untersuchung werden sollte, vorüberzugehen.

Gleich links von unserem Wege fand Schagdur die Ruinen zweier Häuser. Das östliche bildete ein Quadrat von 6,5 Meter Seiten, und seine 1 Meter dicken Mauern waren aus gebrannten Ziegeln in quadratischen Platten ausgeführt. Das aus Holz gebaute westliche Haus war schon sehr mitgenommen, aber man konnte sehen, daß es 26 Meter lang und ebenso breit wie das östliche gewesen war. In dem letzteren fanden wir eine kleine Kanonenkugel, einen kupfernen Gegenstand, der genau die Form einer Ruderklammer hatte, einige chinesische Münzen und zwei rote irdene Tassen.

Eine Strecke weiter, als wir uns nach meiner Karte in der unmittelbaren Nachbarschaft des Fundortes vom vorigen Jahre befinden mußten, machten Faisullah und ich mit den Kamelen Halt, während die anderen zur Erkundung der Gegend ausgeschickt wurden. Sie blieben mehrere Stunden fort, und da es kurz vor Sonnenuntergang war, beschloß ich, am Fuße eines Lehmturmes, der sich eine Stunde östlich von unserem Rastplatze erhob, zu lagern. In der Dämmerung langten wir dort an und befreiten zu zweit die Kamele von ihren Lasten, worauf ich mit Hilfe eines Seiles und einer Axt den Turm bestieg. Er war um ein Gerippe von Balken, Reisig und Kamisch herumgebaut, so daß ich oben auf der Spitze ein Signalfeuer anzünden konnte.

Die Ausgeschickten kehrten jetzt gruppenweise zurück. Einige hatten ein von mehreren Hausruinen umgebenes hohes „Tora“ (Lehmturm) gefunden und empfahlen jenen Platz als Hauptquartier. Sie brachten als Beweis etwas Schrot, eine verrostete eiserne Kette, eine kupferne Lampe, Münzen, Scherben und einen Krug mit.

Bei Sonnenaufgang lenkten wir unsere Schritte nach dem neuen „Tora“ ([Abb. 202]) und lagerten unmittelbar im Südwesten davon, um Schutz von ihm zu haben, wenn sich ein Sturm erheben sollte. Unter einer nach Norden überhängenden Lehmterrasse wurden auf einigen Balken die Eissäcke aufgestapelt; dort war unser „Gletscher“, unser Eiskeller.

Nachdem die Kamele sich eine Weile ausgeruht hatten, sollten sie zu ihren Kameraden nach der Quelle zurückgeführt werden. Dieses verantwortungsvolle Geschäft wurde Li Loje anvertraut. Er sollte über Nacht an dem Punkte bleiben, wo das Terrain nach dem Gebirge anzusteigen beginnt. Soweit sollte der alte Faisullah mitgehen und dafür sorgen, daß der Jüngling in unsere Spur kam, dann aber schleunigst wieder zu uns zurückkehren. Li Loje hatte sich im übrigen an folgenden Befehl zu halten: er sollte in zwei Tagen nach der Quelle gehen, zwei Tage dort bleiben und schließlich mit der ganzen Karawane und einem großen Eisvorrat in weiteren zwei Tagen zurückkehren.

Als die Kamele zwischen den Jarterrassen verschwunden waren, war uns jegliche Transportmöglichkeit abgeschnitten. Unser Lager mußten sie jedoch leicht finden können. Der Turm war weithin sichtbar ([Abb. 205]), und am 9. März wollten wir auf seinen Zinnen ein Leuchtfeuer unterhalten. Nach ihrer Ankunft mußten wir sofort nach Süden weiterziehen, und es galt daher, die uns zur Verfügung stehenden sechs Tage nach Möglichkeit auszunutzen. Den ersten Tag benutzte ich zu einer astronomischen Bestimmung, während sämtliche Leute die Nachbarschaft abstreiften und sich erst am Abend mit ihren Berichten und Beobachtungen wieder einstellten.

Ich kam nur noch dazu, von der Spitze des Turmes ein paar Aufnahmen zu machen, die ich beigefügt habe (s. auch I, Abb. 86) und die einen deutlicheren Begriff von der Gegend geben als alle Beschreibungen. Im Vordergrund sieht man meine Jurte, die durch einige Balken vor dem Umfallen geschützt ist ([Abb. 203]). Im Hintergrund leuchtet die Wüste gelb und gleichförmig mit ihren scharfkantigen Tafeln und Jardangs von Lehm. Hier und dort erhebt sich ein mehr oder weniger von der Zeit zerstörtes Haus ([Abb. 204]); in seinem Inneren wohnen nur Stille und Tod. Die einzigen lebenden Wesen, die sich in Sehweite befanden, waren ich selbst und mein Hund Jolldasch.

Es ist so still und feierlich wie auf einem Friedhof, der bis an den Horizont reicht. Man fühlt, daß das Leben hier einst in frischen Schlägen pulsiert hat, aber durch erbarmungslose Naturkräfte vernichtet worden ist. Der frühere Wald hat den Stürmen freies Feld gelassen, und die Sterne blicken auf Vergänglichkeit und Öde herab.

Es war unser erster Tag in dieser Gegend, die ich noch nicht hatte rekognoszieren können; ich wußte aber, daß ich vor einem großen, herrlichen Probleme stand. Würde diese geizige Erde, die sicherlich viele Geheimnisse zu verbergen hatte, mich etwas wissen lassen, das keine anderen Menschen auf Erden wußten? Würde sie uns einige ihrer Schätze schenken und mir auf die zahllosen Fragen, die gerade hier auf mich einstürmten, Antwort geben? Nun gut, ich würde jedenfalls tun, was ich konnte, um die schweigenden Ruinen zum Sprechen zu bringen, und mit ganz leeren Händen würden wir wohl nicht abzuziehen brauchen, wenn die Glocken das nächste Mal am Fuße des „Turmes der Stille“ läuteten. Ich hatte meinen ganzen ursprünglichen Reiseplan geändert und war auf Grund der von Ördek im vorigen Jahr gemachten wichtigen Entdeckung hierher zurückgekehrt. Dieser große Zeitverlust würde doch wohl nicht vergeblich gewesen sein?

5. März. Nach einer langen, ruhigen Nacht in diesem eigentümlichen Lager, das der frischen Quelle, die wir vor kurzem verlassen hatten, so unähnlich war und in dem uns nur der Eisvorrat am Leben erhalten konnte, machte ich einen Morgenspaziergang zwischen den Ruinen, während meine Leute schon damit beschäftigt waren, aus allen Kräften zu graben. Sie hatten das Eingeweide eines Hauses auf- und umgewühlt, aber nichts weiter gefunden als das Rad einer Arba und einige hübsch gedrechselte Pilaster. Im übrigen barg der Sand nur wertlose Dinge, die jedoch auch nicht jeglicher Bedeutung ermangelten, da sie stets zur Erklärung der Lebensweise der ehemaligen Bewohner beitrugen. Darunter waren rote Zeugstücke von derselben Sorte, wie sie die mongolischen Lamas noch heute tragen, Filzlappen, Büschel von braunen Menschenhaaren, Skeletteile von Schafen und Rindern, chinesische Schuhsohlen, ein Bleigefäß, merkwürdig gut erhaltene Stricke, Scherben von einfach ornamentierten Tongefäßen, ein Ohrgehänge, chinesische Münzen usw. In einem Hause, das wahrscheinlich als Stall gedient hatte, wurde ein dickes Lager von Pferde-, Rinder-, Schaf- und Kameldung durchgraben. Nur der Umstand, daß dieses Lager unter einer Schicht von Sand und Staub gelegen hat, macht es erklärlich, daß es nicht pulverisiert und vom Winde fortgetragen worden ist. Doch keine Schrift, nicht ein Buchstabe, der uns das Rätsel hätte lösen können; nur ein kleiner unbeschriebener, gelber Papierfetzen wurde gefunden. Ganz dicht beim Lager erhoben sich die Balken eines Hauses, in dessen Innerem wir jedoch nichts fanden.

Die Verhältnisse sind in diesem alten Orte ganz anders als in den Städten, die ich auf meiner vorigen Reise am Kerija-darja entdeckte. Dort liegen die Ruinen durch Sand geschützt, hier aber ist das Erdreich nackt. Was hier zurückgelassen oder vergessen worden ist, als die Einwohner von hier fortzogen, hat unbedeckt auf der Oberfläche des Bodens gelegen und ist vom Wetter und von den Winden angefressen und zerstört worden. Nur im Schutze der kleinen, höchstens 3 Meter hohen Lehmterrassen hat sich eine dünne Sandschicht angehäuft.

Der Turm, die imponierendste Ruine des Ortes, lockte mich besonders an, und ich ließ die Leute ihn in Angriff nehmen ([Abb. 206]). Er konnte ja, gleich einem Hünengrab, ein Geheimnis in seinem Inneren bergen. Es war jedoch gefährlich, an ihm zu rühren. Ein großes Stück seiner Spitze mußte erst mit Stricken und Stangen abgerissen werden; es stürzte herunter wie ein donnernder Wasserfall, ganze Wolken von braunem Staub aufrührend, der von dem ziemlich starken Nordostwind über die Wüste fortgewirbelt wurde ([Abb. 207]).

Sodann wurde von oben ein senkrechtes Loch, einem Brunnen vergleichbar, gegraben; einen Tunnel von der Seite zu machen, wäre ein zu großes Wagestück gewesen, denn der Turm war voller gefährlicher Risse, und sein trockenes, loses Material hätte leicht einstürzen können. Der 8,8 Meter hohe Turm war jedoch massiv und wurde nur von horizontalen Balken durchzogen, die den an der Sonne getrockneten Ziegeln Halt gaben. Nur bis zu 3 Meter Höhe von der Basis haben diese eine rötliche Färbung, als seien sie leichtem Feuer ausgesetzt gewesen.

Unterdessen zeichnete ich einen genauen Plan von dem Dorfe, dessen Häuser in einer Reihe liegen und stets von ungefähr Südosten nach Nordwesten gerichtet sind.

Einige Häuser sind ausschließlich aus Holz gebaut gewesen, und die senkrechten Wandplanken sind in Balkenrahmen, die unmittelbar auf dem Erdboden liegen, eingefügt gewesen. Bei anderen bestehen die Wände aus Kamischgarben, die mit Weiden zwischen Stangen und Pfosten eingeflochten sind. Schließlich sind noch ein paar Häuser von an der Sonne getrocknetem Lehm vorhanden.

Die meisten dieser alten Wohnungen sind eingestürzt, aber viele Balken und Pfosten stehen noch aufrecht, obwohl ihnen Wind und Sand recht übel mitgespielt haben ([Abb. 208]). Aus dem Aussehen des Bauholzes auf das Alter zu schließen, ist unmöglich. Wohl sieht es sehr alt aus und ist grau-weiß, rissig und zerbrechlich wie Glas, andererseits aber sollte man meinen, daß Stürme, Flugsand und Unterschiede von 80–90 Grad zwischen der niedrigsten Nachttemperatur des Winters und der höchsten Tagestemperatur in der Sommersonne das Material in verhältnismäßig kurzer Zeit ziemlich arg ruinieren können.

Drei Türrahmen standen noch. In einem von ihnen war sogar noch die Tür selbst an ihrem Platze, weit offen, wie sie der letzte Eigentümer beim Aufbruch nach einem anderen Wohnorte gelassen hatte. Sie war bis zur Hälfte in Sand und Staub gebettet.

Sämtliche Gebäude erheben sich auf kleinen Hügeln; daß sie aber ursprünglich auf ebenem Boden errichtet worden sind, davon ist man schon beim ersten Anblick völlig überzeugt, denn die Plattform des Hügels hat ganz dieselbe Fläche wie der Grundriß des Hauses. Die Teile des Bodens ringsumher, die das Bauholz nicht schützte, sind vom Wind ausgehöhlt worden und bildeten Einsenkungen. Da wohl 3 Meter von der Oberschicht des Lehmbodens weggehobelt worden sind, kann man sich denken, daß ziemlich lange Zeiträume verflossen sein müssen, seit das Dorf verlassen worden ist.

Um Faisullah den Weg nach dem Lager zu zeigen, zündeten wir am Abend einen gewaltigen Scheiterhaufen an. An der Basis des Turmes lagen Massen von Balken und Pfosten, die ihrerzeit einen Rundbau um ihn herum gebildet zu haben scheinen. Aus ihnen wurde ein Scheiterhaufen von riesenhaften Dimensionen aufgetürmt, und es war ein in hohem Grade phantastischer, großartiger Anblick, den alten, grauen Turm in feuerroter Beleuchtung, die die Wirkungen des Mondscheins beinahe ganz aufhob, zu sehen. Einige Leute schürten das Feuer mit langen Stangen, die anderen saßen niedergekauert am Fuße des Turmes. Dicke Rauchwolken und ganze Feuerwerke von Funken flogen nach Südwesten. In einer klaren Nacht mußte ein solches Feuer schon in einer Entfernung von mehreren Tagereisen sichtbar sein. Faisullah wurde auch durch seinen Schein auf den richtigen Weg geführt, nachdem er Li Loje geholfen hatte, die Spur nach der Quelle zu finden.

6. März. Als ich heute aufwachte, waren alle meine fünf Männer verschwunden, und ich mußte sehen, wie ich mit dem Feueranmachen und dem Essenkochen fertig wurde. Wir waren nämlich übereingekommen, daß es am klügsten wäre, wenn wir den ganzen Tag zum Auskundschaften einer besseren Stelle benutzten.

Die Leute sollten radial, jeder in einer anderen Richtung, gehen. Es wurde eine förmliche Treibjagd auf Ruinen, und die Leute interessierten sich so sehr dafür, daß sie viel zu lange aufblieben und sich beim Feuer darüber unterhielten. Sie hatten den ganzen Tag vor sich, und wenn sie sich vor Dunkelwerden nicht wieder einstellten, sollte ich sie mit einem Signalfeuer zurückrufen, dessen Holzstoß sie vor dem Aufbrechen aufzuschichten hatten. Schagdur hatte ich eine detaillierte Marschroute gegeben, die angab, wo der vorjährige Lagerplatz lag und wo die von Ördek gefundenen Ruinen zu suchen sein mußten.

Sonntagsruhe umgab mich auf allen Seiten, als ich erwachte; ich mußte an das Leben in der Laubhütte am Chotan-darja, als die Hirten in den Wald gegangen waren, denken. Ich photographierte mehrere Partien der Dorfruinen, nahm eine Mittagshöhe, beendigte die Planaufnahme und untersuchte die verschiedenen Schichten der Tonablagerungen.

Es waren ihrer sechs von verschiedener Dicke. Auffallend ist, daß einige Schneckenschalen und Pflanzenreste enthalten, andere aber nicht, was verschiedene klimatische Verhältnisse während verschiedener Perioden anzeigt. Vielleicht haben sich die von organischem Leben freien Schichten in salzigem Wasser gebildet. Da sich im alten See Lop-nor Sedimente von 9,6 Meter Dicke haben absetzen können, liegt die Vermutung nahe, daß der Kara-koschun, auch wenn die Ablagerung dort viel unbedeutender ist, eines Tages wird nach Norden zurückwandern müssen. Noch immer ist es derselbe See, der in die Nivellierung des Landes eingreift, aber er führt ein Nomadenleben; bald liegt er im nördlichen, bald im südlichen Teile der Wüste.

Mein Tag verlief in der Einsamkeit still und ruhig. Am Abend kamen die Kundschafter, vom Feuerschein geführt, einer nach dem anderen wieder. Schagdur traf erst um 9 Uhr ein; er war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, die anderen hatten die heißen Stunden gewiß verschlafen. Die Lehmterrassen hatten ihn in der Dunkelheit viele Purzelbäume machen lassen. Die Rinnen zwischen ihnen sehen wie schwarze Gräben aus, man kann ihre Tiefe nicht beurteilen und fällt infolgedessen oft wirklich in den Graben. Schagdur hatte sich daher gerade hinlegen und die Morgendämmerung abwarten wollen, als das Feuer aufgelodert war. Mein prächtiger Kosak hatte so lange gesucht, bis er sowohl das Ruinenlager vom vorigen Jahre wie Ördeks Fundort entdeckt hatte.

Der 7. März sollte zur Untersuchung des letzteren benutzt werden. Um 8 Uhr setzte ich mich mit allen Männern, außer Kutschuk, der für das Signalfeuer sorgen sollte, in Marsch. Schagdur war unser Führer.

Der Weg ging genau südlich von dem Lagerturme vom 3. März, in dessen Nähe wir eine tiefe Einsenkung kreuzten, die einem alten Kanale glich. Ein neues „Tora“ wurde entdeckt. Beinahe in jedem Dorfe der Gegend gibt es einen Lehmturm; hier und dort liegen Balken umher, die von dem Vorhandensein ehemaliger Häuser Kunde geben. Ein solcher Balken hatte 7,8 Meter Länge und 35 × 17 Zentimeter Stärke. Hier sind also in früheren Zeiten ebenso prächtige Pappeln gewachsen wie nur irgendwo in den Urwäldern des Tarim.

Das Terrain, auf welchem wir jetzt wanderten, ist sehr interessant und verdient eine flüchtige Beschreibung. Wir gehen nach Westnordwest und kreuzen alle Lehmterrassen auf und ab im Zickzack. In kleinen Gruppen stehen uralte Pappeln; ihre Gruppierung ist genau dieselbe wie am Kara-köll, am Tschiwillik-köll und an den unteren Armen und Wasserläufen des Tarim. Manchmal stehen sie in Linien, manchmal in Hainen. Wo sie fehlen, haben sichtlich Flußarme gelegen oder Seen sich ausgedehnt, und ihre Gruppierung zeigt den Verlauf der Ufer an. Sonst sind Kamischstoppeln außerordentlich häufig, aber nur 20 Zentimeter hoch. Die Stengel sind so von Staub und Sand durchdrungen, daß sie bei der Berührung wie Ton zerspringen, aber die Blätter, die jedoch seltener noch vorhanden sind, lassen sich noch biegen. Auch das Bauholz ist in dieser Gegend so voll Sand, daß es im Wasser untergeht.

So erreichten wir das Lager vom vorigen Jahre, das an den Kohlenhaufen von unseren Feuern leicht wieder zu erkennen war. Nach ein paar weiteren Kilometern waren wir an Ördeks Fundort. Hier fanden wir 8 Häuser, von denen nur drei so weit erhalten waren, daß ich von ihnen einen Plan aufnehmen konnte. Sie waren angelegt wie ein chinesisches Yamen (Amtslokal): ein Hauptgebäude und zwei große Flügelgebäude. Zwischen ihnen liegt ein viereckiger Hof, den im Südosten ein Plankenzaun mit einer Tür, deren Pfosten noch dalagen, einfriedigt.

Das ziemlich kleine Hauptgebäude ist entschieden ein Buddhatempel gewesen ([Abb. 209]). Hier war es, wo Ördek seinen Fund gemacht hatte; die Spuren seines Pferdes waren noch in einer Vertiefung zu sehen.

Die mitgenommenen Spaten wurden in den Sand gestochen, und nach einer Weile tauchte Buddha selbst auf, obwohl in wenig schmucker Inkarnation. Das Bild war von Holz und hatte noch Kopf und Arme. Ohne Zweifel war es nur das Gerippe einer tönernen Statue, die in gewöhnlicher Weise geschmückt und bemalt gewesen war.

Die beigefügten Bilder ([Abb. 210], [211]) geben dem Leser einen klareren Begriff von dem Aussehen der mitgebrachten Schnitzereien als alle Beschreibungen. Auf einige von ihnen will ich jedoch besonders aufmerksam machen. Auf einem Pfosten ist eine ganze Reihe stehender Buddhabilder dargestellt, auf einem anderen eine Reihe sitzender; jedes Bild hat über sich einen Heiligenschein, der einem Rundbogen gleicht. In einem Ornamente kommt zwischen Blättern und Ranken ein Fisch vor; seine Kiemendeckel und Schuppen sind vollkommen deutlich. Der Künstler würde nie auf den Gedanken geraten sein, einen so wenig dekorativen Gegenstand wie den Fisch in seinen Schnitzereien zu verwenden, wenn dieses Tier nicht von besonderer Bedeutung für die Gegend gewesen wäre und eines der wichtigsten Nahrungsmittel der Bevölkerung gebildet hätte. Es wäre ja sonst höchst unmotiviert, statt der Vögel Fische mit Girlanden und Blättern zu verflechten. Gäbe es nicht andere, unwiderlegliche Beweise dafür, daß die Dörfer am Ufer eines Sees gelegen haben, so könnte man eine dahinzielende Vermutung schon auf Grund des Vorkommens des Fisches in der Ornamentik aufwerfen. So wie das Land jetzt aussieht, wäre der Fisch das letzte Tier, an das man denken würde.

Die Lotosblume bildet in diesen Schnitzereien ebenfalls ein hervortretendes, dankbares Motiv, sowohl in langen Reihen auf ziemlich großen Planken wie auf Scheiben von 50 Quadratzentimeter, die zwischen jene eingefügt gewesen sind.

Noch ein Fund von großer Bedeutung wurde hier gemacht. Schagdur grub mit seinem Spaten Erde auf und durchsuchte diese, wobei ein kleines Holzbrett zum Vorschein kam, das mit Schriftzeichen beschrieben war, die wir nicht lesen konnten. Er achtete nicht darauf, sondern warf das Brettchen als wertlos beiseite, aber durch reinen Zufall nahm ich es auf, weil mir das Holz unglaublich wohlerhalten vorkam. Jeder Buchstabe war scharf und deutlich mit Tusche aufgetragen, aber die Schrift war weder arabisch noch chinesisch, weder mongolisch noch tibetisch. Was hatten diese geheimnisvollen Worte wohl mitzuteilen? Ich nahm das Brettchen und bewahrte es so sorgfältig wie Gold.

Die Belohnung von 10 Sär, die ich dem versprochen hatte, der zuerst etwas Geschriebenes, gleichviel in welcher Gestalt, finden würde, fiel also Schagdur zu ([Abb. 212]). Nachdem derselbe Preis für den nächsten derartigen Fund versprochen worden war, gruben die Männer mit verdoppeltem Eifer in dem friedlichen Innern des armen Tempels, siebten den Sand durch die Finger und untersuchten jeden Span von beiden Seiten, aber ohne Erfolg. Nur die Schnur eines Rosenkranzes, einige chinesische Kupfermünzen und eine Menge flacher irdener Schalen, die wohl mit Opfergaben vor die Götter gestellt worden waren, kamen zum Vorschein.

Wie anders ist dieses Land jetzt gegen früher! Kein vom Winde verwehtes Blatt, nicht einmal eine Wüstenspinne ist zu sehen; die Skorpione, die verdorrte Pappeln lieben, würden hier vergeblich Schlupfwinkel suchen. Der Wind ist die einzige Kraft, die in diesem erstarrten, totenstillen Reiche Geräusch und Bewegung verursacht. Man würde hier nicht eine ganze Woche bleiben können, wenn man nicht, wie wir, Verbindung mit einer Quelle hätte.

184. An den Felsen von Dschong-duntsa. ([S. 17].)

185. Das Lager im Tale von Dschong-duntsa. ([S. 17].)

Daß der kleine Tempel ein vollendetes Kunstwerk gewesen, geht aus all den kleinen und großen Schnitzereien, die wir ausgruben, deutlich hervor. Zu einem Ganzen zusammengefügt, haben sie mit ihren geschmackvoll und mühsam geschnitzten Ornamenten eine wahre Augenweide gebildet.

Und welch herrlicher Aufenthaltsort muß es gewesen sein, als der Tempel noch mit seiner zierlichen, wahrscheinlich ebenfalls bemalten Fassade prunkte und auf mehreren Seiten von dichtbelaubten Pappelhainen umgeben war, die nur durch Seebuchten, Kamischfelder und von gewundenen Kanälen bewässerte Äcker voneinander getrennt waren! Hier und dort lagen Dörfer zerstreut, und ihre Lehmtürme oder „Pao-tai“ waren hoch genug, um sich über den Wald zu erheben, damit sie mit ihren Signalfeuern in Kriegsgefahr von den Nachbardörfern aus gesehen werden konnten und die große Heerstraße, die hier vorbeiführte, anzeigten. Im Süden dehnte sich der gewaltige blaugrüne Wasserspiegel des Lop-nor aus, umrahmt von Hainen und mächtigen Schilf- und Binsenfeldern und reich an Fischen, Wildenten und Gänsen. Im Hintergrunde, gegen Norden, zeichnete sich wie jetzt bei klarem Wetter der Kurruk-tag ab, in welchem die hiesige Bevölkerung alle Quellen und Oasen, durch die früher sicherlich ein Weg nach Turfan führte, gekannt haben wird.

Wir Pilger einer späteren Zeit fühlten sofort, daß wir uns in einer Gegend befanden, die schöner und herrlicher als vielleicht irgendeine in dem heutigen Ostturkestan gewesen war. So künstlerisch und geschmackvoll verzierte Häuser gibt es jetzt in diesem Teile Asiens nicht, und das dichte, leuchtende Grün ließ die Architektur noch wirkungsvoller hervortreten.

Und jetzt! Nur unzählige Grabmale nach all dieser Herrlichkeit! Und warum? Weil der Fluß, der Tarim, sich ein anderes Bett grub und sein Wasser nach Süden schickte, um neue Seen zu bilden. Der alte See trocknete schnell aus, vielleicht schon in wenigen Jahren, der Wald und das Schilf lebten noch ziemlich lange von der Feuchtigkeit des Bodens, dann aber siechten auch sie allmählich dahin, wobei die Bäume, welche die längsten Wurzeln hatten, am zähesten waren; aber schließlich waren auch sie zum Tode verurteilt. Jetzt ist alles ein großer Friedhof, in welchem man jedoch auf den Grabinschriften von einer früheren, üppigen Vegetationsperiode liest.

Als wir, mit der Ernte des Tages zufrieden, mit dem Graben aufhörten, näherte sich die Sonne dem Horizont, und wir brachen auf. Der Wind erhob sich, der östliche Horizont war grau und düster, der Nebel verdichtete sich, ein heftiger Sturm schien im Anzug zu sein, und wir beschleunigten unsere Schritte, um das Lager noch vor Dunkelheit zu erreichen. Endlich tauchte der westliche Lagerturm auf, und nun mußten wir unseren Weg im Staubnebel selbst finden können. Der Wind fegte Sand- und Staubmassen durch die Rinnen; sie eilten vorwärts wie Wasser in seinem Bette, man glaubte förmlich zu sehen, wie der Wind an den Seiten und Rändern der Rinnen feilte, und man kann sich denken, welch kräftigen Bundesgenossen er in dem Flugsande hat, der das leicht zerstörbare Tonmaterial wie Sandpapier zerreibt.

In der Dämmerung erblickten wir den Schein von Kutschuks Signalfeuer, dessen Flammen immer höher aufloderten. Wir waren rechtzeitig zu Hause, ziemlich ermüdet von einem Spaziergange von 28 Kilometer, doch weniger von der Länge des Weges als von dem beschwerlichen Terrain. Wenn man den ganzen Tag hat dursten müssen, schmeckt ein großer Becher auf Eis gekühlten Wassers mit Zitronensäure und Zucker gar zu gut!

Am 8. durften alle ausschlafen. Der Buran war stärker geworden, die Luft war mit Staub gesättigt; heute wäre es unmöglich gewesen, die Tempelruine zu finden.

Durch die versprochenen Belohnungen angespornt, arbeiteten die Leute um das Lager herum mit ihren Spaten aus Leibeskräften, und jetzt sollten ihre Anstrengungen von einem Erfolg gekrönt werden, von dem ich kaum zu träumen gewagt hätte. Vergeblich hatten sie den Sand in vielen verlassenen Holzgebäuden untersucht, als sie ihre Aufmerksamkeit einem aus an der Sonne getrockneten Lehmziegeln erbauten Hause zuwandten, das einem Stalle mit drei Ständen glich ([Abb. 213]). Jedenfalls sah es im ganzen Dorfe am wenigsten verheißungsvoll aus. Aber gerade hier, in dem, von vorn gesehen, rechten Stande, fand Mollah einen kleinen zerknitterten Papierfetzen mit mehreren ganz deutlichen chinesischen Schriftzeichen.

Es ist nicht zuviel gesagt, daß der Inhalt dieses Standes nun buchstäblich durchgesiebt wurde. Zwei Fuß tief, unter Sand und Staub, stießen wir auf etwas, das ich einfach einen Kehrichthaufen oder eine Unratbucht nennen möchte, das aber diverse schöne Raritäten enthielt. Dort fanden wir Lumpen von Teppichen und Schuhzeug, Schafknochen, Körner und Stroh von Weizen und Reis, eine Menge Rückenwirbel von Fischen und unter all diesem Trödel — wohl ein paar hundert beschriebene Papierstücke nebst 42 Holzstäben, die der Form nach schmalen Linealen glichen und ebenfalls mit Schriftzeichen bedeckt waren.

Dieser Fund war ein Triumph. Sollte es übertrieben sein, ein so starkes Wort da zu gebrauchen, wo es sich nur um alte Papierblätter handelt? Nein, durchaus nicht! Ich sah voraus, daß diese Blätter ein kleines Stück Weltgeschichte enthalten und mir den Schlüssel zur Lösung des ganzen Lop-nor-Problems schenken würden. Die rein geographischen und geologischen Untersuchungen enthüllten wohl deutlich genug Tatsachen; sie zeigten, daß das Land früher so und so ausgesehen haben muß; hier in der Wüste hatte ja ein großer See sein Bett gehabt, und hier in den Ruinen hatten Menschen gewohnt.

Doch die Bruchstücke der Dokumente würden meinen mühsamen Untersuchungen Schwarz auf Weiß ihr Schlußzeugnis geben; sie würden den Stempel auf diese ganze Arbeit drücken, die seit Jahren Gegenstand meiner Arbeit und meiner Studien gewesen; sie würden erzählen, wann dieser See existierte und welche Menschen hier wohnten, unter welchen Verhältnissen sie lebten, mit welchen Teilen Innerasiens sie in Verbindung standen, ja vielleicht sogar, welchen Namen ihr Land führte. Dieses Land, das sozusagen vom Erdboden vertilgt worden ist, diese Menschen, deren Geschichte längst der Vergessenheit anheimgefallen und deren Geschicke vielleicht nicht einmal Annalen anvertraut worden sind, alles dieses würde, so hoffte ich, jetzt wieder ans Tageslicht gezogen werden. Ich stand vor einer Vergangenheit, die ich wieder ins Leben rufen würde. Wäre es auch nur ein kleines Volk, ein unbedeutender Staat gewesen, was machte das aus? Es war doch immer eine Lücke im menschlichen Wissen, die jetzt ausgefüllt werden würde.

Die Muselmänner hofften wie gewöhnlich Gold zu finden, aber ich hätte die zerrissenen, schmutzigen Brieffragmente nicht gegen große Schätze vertauscht.

Daß dies wirklich ein Kehrichtloch gewesen, ging daraus hervor, daß der Raum viel zu klein war, um als Zimmer habe dienen zu können, und daß alle Papiere nur Bruchstücke waren; sie waren zerrissen und fortgeworfen worden. Infolge dieses Umstandes hoffte ich auch, daß es lauter Lokalbriefe gewesen, deren Inhalt sich ausschließlich um die an diesem Orte herrschenden Verhältnisse drehen und für meine Studien von viel größerem Interesse sein würde als Folianten, die aus einer anderen Gegend stammten. —

Nach meiner Rückkehr nach Europa übergab ich dieses ganze Material dem gelehrten Sinologen Karl Himly in Wiesbaden, der es jetzt in Arbeit hat und seinerzeit eine besondere Abhandlung darüber veröffentlichen wird. Er machte schon bei der ersten Durchsicht mehrere interessante Entdeckungen und schrieb mir darüber unter anderem:

„Die vorhandenen Zeitangaben bewegen sich zwischen der Mitte des dritten und dem Anfange des vierten Jahrhunderts nach Christi Geburt. Der Fundort scheint einem wohlhabenden chinesischen Kaufmanne gehört zu haben, der allerlei Lieferungen besorgt, Wagen und Lasttiere vermietet und die Beförderung von Briefen nach Tun-huang (Scha-tschôu) und dergleichen übernommen hat. Zu den Reisen nach dieser Stadt wurden Pferde, Wagen und Rinder benutzt. Einmal scheint von einem Feldzug die Rede zu sein, doch ohne Angabe der Zeit. Unter den Ortsnamen finden wir auch den, der das Land, um das es sich hier handelt, bezeichnet hat: Lôu-lan. Die Bewohner müssen auch Ackerbau getrieben haben, denn in den Briefen ist sehr oft die Rede von Getreidemaßen, wobei auch zuweilen die Getreideart angegeben ist. Vielleicht hat an der Stelle, wo die Schriftstücke ausgegraben worden sind, ein altes Steuereinnehmerhaus oder eine Art Getreidebank, wo Korn aufgekauft oder als Pfand angenommen worden ist, gestanden. Eigentümlich ist das Papier, das manchmal auf beiden Seiten beschrieben ist, was jetzt in China weder beim Schreiben noch im Druck üblich ist.

„Jedenfalls ist die mitgebrachte Sammlung, die auch für die Chinesen von großem Interesse ist, derart, daß sie noch lange das Interesse der Männer der Wissenschaft in Anspruch nehmen wird.

„Einige Blätter enthalten nur Schreibübungen, andere sind abgebrochene Sätze, aber die Abweichungen von der jetzigen Schrift sind im ganzen nicht groß. Die Stäbe haben den Vorteil vor den Papierblättern, daß sie einen oder mehrere Sätze, die abgeschlossen sind, enthalten, z. B., daß eine Antilope geliefert, so und soviel Korn abgegeben worden, so und soviele Menschen für einen Monat oder länger mit Lebensmitteln versorgt worden sind.

„Der Beamte, der hier residiert hat, scheint eine nicht unbedeutende Provinz verwaltet zu haben, was aus folgendem Satze zu schließen ist: «Von dem angelangten Kriegsheere sind 40 Beamte an der Grenze (oder dem Ufer?) zu empfangen, und die Höfe sind zahlreich.» Er scheint auch zwei eingeborene Fürsten neben sich gehabt zu haben.

„Die meisten Zeitangaben sind aus den Jahren 264–270 n. Chr. Im Jahre 265 starb Kaiser Yüan Ti aus dem Hause Wei, und im Norden folgte die Tsin-Herrschaft unter Wu-Ti, der bis zum Jahre 290 regierte.

„Von den leserlichen Kupfermünzen sind die meisten sogenannte Wu-tschu-Stücke. Diese Prägung war während der Periode von 118 v. Chr. bis 581 n. Chr. in Gebrauch. Ferner sind darunter zahlreiche Huo-thsüan-Münzen, die auf Wang-Mang zurückgehen, der zwischen den Jahren 9 und 23 n. Chr. die Macht in Händen hatte. Die Bezeichnungen der gefundenen Münzen widersprechen also den Zeitangaben der Papierfetzen und Stäbe nicht.“

Schon diese vorläufigen Mitteilungen zeigen, welch wichtige Aufklärungen man von der von mir mitgebrachten Sammlung erwarten kann. Sie bringen ein neues Licht in die politische und physische Geographie des innersten Asien während der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt und zeigen, welch ungeheure Veränderungen dieser Teil der Welt in 1600 Jahren erlitten hat.

186. Unsere Kamele im Tale von Dschong-duntsa. ([S. 17].)

187. Das Lager in Lu-tschuentsa. ([S. 17].)

Der Name Lôu-lan kommt bei dem im 12. Jahrhundert lebenden arabischen Geographen Idrisi vor, und ein gelehrter Mandarin in Kaschgar, dem ich die Manuskripte zeigte, sagte mir, daß das Land um das jetzige Pitschan bei Turfan in alten Zeiten Lôu-lan geheißen habe. Im Verein mit den physikalisch-geographischen Untersuchungen, die ich in bezug auf die Wanderungen des Lop-nor-Sees ausführte, sind diese historischen Daten von unschätzbarem Wert. Sie geben nicht nur über das Land Lôu-lan am Nordufer des früheren Lopsees Auskunft, sondern verbreiten auch Licht über viele andere ungelöste Probleme in dieser Gegend, die auf halbem Wege zwischen China und dem Abendland liegt. Sie erzählen von regelmäßiger Post zwischen dem Lop-nor und Scha-tschôu, also von einer regelrechten Verbindungsstraße durch die Wüste Gobi. Der alte Weg von Korla längs des Ufers des Kontsche-darja, wo ich das vorige Mal eine ganze Reihe von Lehmtürmen (Pao-tai) und Festungen fand, erhält jetzt eine ganz andere Beleuchtung. Ich habe im ersten Bande S. 205–207 von den Ruinen in Jing-pen gesprochen — auch sie waren ganz gewiß eine wichtige Station auf dem alten Wege.

Daß in Lôu-lan Ackerbau hat getrieben werden können, ist von großem Interesse. Wie ist dies möglich gewesen? Vom Kurruk-tag kommt kein Bach, vom Himmel kein Tropfen Wasser. Das Klima wird sich verändert haben, sagt vielleicht jemand. Nein, durchaus nicht! Im Herzen eines Kontinents pflegt das Klima in anderthalb Jahrtausenden nicht solch kolossale Veränderungen zu erleiden. Kanäle müssen vom Flusse, dem Tarim oder Kum-darja, abgeleitet worden sein, Bewässerungskanäle von derselben Art wie überall in Ostturkestan. Getreidebanken gibt es noch jetzt in allen Städten Ostturkestans; sie stehen unter der Kontrolle der chinesischen Behörden und dienen zur gleichmäßigen Verteilung des Brotes unter die Eingeborenen. Ich fand allerdings nur 4 Dörfer, von denen das größte 19 Häuser hatte, aber es können noch mehr Ruinen in der Wüste liegen. Und wenn von Kriegsheeren, 40 Beamten und zahlreichen Höfen die Rede ist, hat man Grund, anzunehmen, daß Lôu-lan reich bevölkert gewesen ist. Die von uns gefundenen Ruinen würden dann von Amtslokalen und vornehmeren Wohnungen herrühren, und es ist ja auch wahrscheinlich, daß diese bei den Türmen gelegen haben, während die Hütten der Fischerbevölkerung an den Ufern lagen und natürlich in viel kürzerer Zeit zerstört worden sind.

9. März. Noch ein Tag blieb uns an diesem, ich hätte beinahe gesagt, heiligen alten Orte — jedenfalls einem Ort, an dem man von feierlicher Schwermut über die Vergänglichkeit alles Irdischen erfüllt wird und vor der Tatsache steht, daß Städte und Stämme von der Zeit wie Spreu vor dem Winde vom Erdboden verweht werden.

Als ich aufstand, waren die Leute schon ein paar Stunden bei der Arbeit gewesen und brachten nun ihre Funde in meine Jurte ([Abb. 214]). Diese bestanden wie gestern aus Papierfetzen und Holzstäben, alle aus dem nordöstlichen Stande des Lehmhauses; in den beiden anderen wurde nichts gefunden. Fischgräten, Skeletteile von Haustieren, unter anderen von Schweinen, Lumpen, einige Pinselstiele, eine Peitsche, das Skelett einer Ratte und diverse andere Raritäten kamen auch zum Vorschein. Ein völlig unbeschädigter roter Tonkrug wurde ausgegraben ([Abb. 215]). Er war 70 Zentimeter hoch und 65 Zentimeter breit und besaß keine Henkel. Wahrscheinlich ist er in einem Weidenkorbe mit Henkel, der in der Nähe lag, getragen worden. Scherben von derartigen Gefäßen sind außerordentlich häufig.

Nachmittags kam die Karawane von der Quelle. Die Pferde sahen kümmerlich aus, aber die Kamele waren fett geworden. Sie trugen 10 Tagare und 11 Tulume Eis, welcher Vorrat ziemlich lange reichen würde.

Fünftes Kapitel.
Lôu-lan.

Da ich annehme, daß es meine Leser interessieren wird, einige Auskunft über das Land, das obigen Namen trägt, zu erhalten und zu erfahren, was bisher durch chinesische Quellen darüber bekannt war, so will ich im Anschluß an meine Entdeckungen einige von fachkundigster Seite herrührende Mitteilungen anführen. Es sind meine Freunde die Sinologen Karl Himly in Wiesbaden und George Macartney in Kaschgar, die zu Worte kommen, und zwar in den beiden vornehmsten geographischen Zeitschriften der Welt.

Himly hat in „Petermanns Mitteilungen“ (1902, Heft XII) einen Aufsatz, betitelt „Sven Hedins Ausgrabungen am alten Lop-nur“ veröffentlicht, worin er das von mir mitgebrachte Material vorläufig analysiert und daraus mehrere interessante Schlüsse zieht. Er schreibt:

„Der Name Lop-nur ist nicht von den jetzigen (türkischen) Bewohnern erfunden, wie ja auch «nur» = See ein mongolisches Wort ist. Vor Mitte des 18. Jahrhunderts verlief hier die Grenze der Khalkha- und der Westmongolen oder Kalmücken. Von den Chinesen wird jetzt nach Hedins Erkundung das Gebiet des neugegründeten Ortes Dural so genannt, wo ein chinesischer «Amban» seinen Sitz hat. Nach den Ausführungen in Petermanns Ergänzungsheft betrachtete Hedin den etwas weiter südöstlich befindlichen Kara-köl als Überbleibsel des alten Sees. Dieser war aber längst vor der Mongolenzeit den Chinesen bekannt gewesen und hatte verschiedene teils chinesische, teils einheimische Namen: Yen-tsö (chinesisch «Salzsee»), Puthschang-hai («hai» chinesisch = Meer), Yao-tsö, Lôu-lan-hai usw.; Lôu-lan aber war der Name eines Landes, welches trotz seiner Kleinheit wegen seiner Lage zwischen dem nördlichen und dem südlichen Weg von China nach dem Westen schon zur Zeit der Kämpfe zwischen den chinesischen Kaisern aus dem Haus der Han und den Hiung-Nu seit dem zweiten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung eine für dasselbe zuweilen verhängnisvolle Rolle gespielt hat, indem es bald auf die eine, bald auf die andere Seite gedrängt wurde. Der berühmte Wallfahrer Hüan-Tschuang berührte 645 das Land auf seiner Rückreise aus Indien, nachdem er von Khoten aus die Wüste mit ihren damals schon in Trümmern liegenden Städten durchzogen hatte. Wenn schon die Wüste die Einwohner der Städte vertrieb und ihre Häuser verschüttete, mußte eine Vereinigung der Staubstürme mit den sich stauenden Gewässern die Gefahr noch vermehren. Nach dem Schuêiking-tschu sammelten sich die Gewässer des Sees nordöstlich von Schan-schan (Lôu-lan) und südwestlich von Lung-thschöng (Drachenstadt), welches im Zeitraum Tschi-ta (1308–11) durch eine Sturmflut zerstört wurde. Doch waren die Trümmer noch vorhanden.

„Vielleicht ist es nun diese alte Trümmerstätte, welche Hedin während seines letzten Aufenthalts in der Gegend des Lop-nur aufgefunden hat. Er begab sich nämlich, von einigen einheimischen Türken — Lopliks, die jedoch noch nie dort gewesen waren — und einem seiner Kosaken begleitet, von der Quelle Altimisch-bulak nach Süden und traf nach zwei kleinen Tagereisen in einer Entfernung von 81½ Kilometer vom Kara-koschun auf die Trümmer einer alten Stadt. Während von den meisten Häusern nur noch die Holzgerüste standen, war eines aus Lehm (oder Luftsteinen?) gebaut mit dicken Außen- und zwei Innenwänden, welche das Haus in drei Räume, einen breiteren mittleren und zwei kleinere an den Seiten teilten. In einem der letzteren wurden eine Menge Stäbe aus Tamariskenholz mit meist chinesischen Schriften und viele Papierfetzen, letztere teilweise auf einer, teilweise entgegen der jetzigen Sitte auf beiden Seiten beschrieben, unter einer Sand- (oder Löß-?)Schicht von höchstens zwei Fuß Dicke aufgefunden. Es befanden sich darunter auch kleine Klötzchen, welche gleichfalls beschrieben waren und meist augenscheinlich zum Zubinden bestimmte Vertiefungen zeigten. Daß diese Klötzchen als Deckel für darunter befindliche Briefschaften gedient hatten, war teils aus der Aufschrift zu entnehmen, teils hatten schon die im Januar 1901 von Stein am Niya-Flusse gemachten Funde an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriggelassen, wie man sich beim ersten Blick auf Tafel IX in seinem «Preliminary report on a journey of archaeological and topographical exploration in Chinese Turkestan» überzeugen kann. Unweit dieser Fundstelle fanden sich sehr wertvolle Holzschnitzereien mit geschmackvollen Verzierungen; die darunter vorkommenden Buddhabilder lassen auf das Vorhandensein eines Tempels schließen. In einem anderen Hause fanden sich Fischknochen in großer Menge, und unzählige Schnecken (Limnaea) lagen umher. Läßt dieser Umstand darauf schließen, daß hier das Ufer eines Sees war, so zeugte ein riesengroßes, aus fünf dicken Brettern bestehendes Rad vom Wagenverkehr zu Land. Die vier Türme aus Fachwerk, welche sich in der Umgebung fanden, mögen teils zur Verteidigung, teils am Weg als Feuer- oder Rauchtürme gedient haben, wie sie weit über das chinesische Reich zerstreut lagen, um vor dem herannahenden Feind zu warnen. Ein riesiger Wasserbehälter von rotem Ton, oben mit schmaler Öffnung versehen, hatte sich vollkommen erhalten.

„Unter den kleineren Fundstücken sind namentlich die Kupfermünzen bemerkenswert, die, bis auf eine chinesischen Ursprungs, auf eine bestimmte Reihe von Jahrhunderten hinweisen. Sie haben alle das bekannte viereckige Loch in der Mitte, an dem sie, zu Hunderten aufgereiht, an Stricken getragen zu werden pflegen. Die Bezeichnungen einer bestimmten Reihe von Jahren, welche frühestens im Jahre 376 n. Chr. begannen und vom Jahre 621 an nie mehr fehlten, finden sich auf keiner der Münzen. Die häufigste Aufschrift ist Wu tschu (5 Tschu oder 5/24 Liang oder Unzen) in alter Siegelschrift, in der die 5 einer römischen Zehn (X) ähnelt, und kommt von 118 v. Chr. bis 581 n. Chr. vor. Zuweilen haben die Münzen die Bezeichnung Huo-thsüan (nach Endlichers Übersetzung «Tauschmittel»), welche von 9–22 n. Chr. aus der Zeit des Wang-Mang angeführt wird. Eine Münze, in der das Loch ein längliches Viereck bildet, trägt die Aufschrift in Schriftzeichen, deren Erklärung der Zukunft vorbehalten werden muß.

Unter den anderen kleineren Gegenständen ist namentlich ein kleiner geschnittener Stein bemerkenswert, welcher den in Hedins Werk «Durch Asiens Wüsten» (erste Auflage, II, 33) abgebildeten «Gemmen aus Borasan» an die Seite zu stellen ist. Es heißt dort (II, S. 35) von der Fundstätte westlich von Khoten, die dortigen «Überreste einer hochentwickelten Kunstindustrie» beständen aus «kleinen Terracottagegenständen, Buddhabildern aus Bronze, Gemmen, Münzen usw., für den Archäologen von größter Bedeutung, da sie bewiesen, daß die durch griechischen Einfluß veredelte antike indische Kunst bis ins Herz von Asien gedrungen wäre». Hier nun handelt es sich augenscheinlich um einen Hermes, der als Gott der Wanderer seinen Weg durch Baktrien nach dem Innern von Asien gemacht hat. Kunstvolle dreikantige Pfeile oder flache kleinere, etwa für Geflügel bestimmte, beide von Bronze, Wirtel, ein mit Perlen usw. geschmückter Ohrring, Kupferdraht, eiserne Nägel, mit einem scharfen Gegenstand oben geöffnete Kaurimuscheln, Schellen (für die Pferde?) von Kupfer- und Messingblech, Bruchstücke von Glöckchen aus Bronze, Bernstein und Perlen aus solchem, kupferne Ringe, allerlei Gerät oder Bruchstücke davon aus verschiedenartigen Steinen oder Halbedelsteinen, worunter Nierstein (Nephrit) und Alabaster, verziertem grünem Glas usw., geben Kunde von der Bildungsstufe, auf welcher entweder der einheimische Gewerbefleiß stand, oder von dem Sinn, welchen man für die Erzeugnisse des fremden hatte.

„Hinsichtlich der Frage, um welchen Zeitraum es sich bei der Zerstörung des Ortes handeln dürfte und wie derselbe, d. h. die Stadt oder das Land, geheißen haben, sprechen die aufgefundenen Schriftstücke eine deutlichere Sprache. Sowohl auf den Stäben als auf den alten Papierfetzen kommt der Name Lôulan vor und zwar in einem Zusammenhang, der keinen Zweifel läßt, daß so der Ort der Bestimmung oder Aufbewahrung hieß. So stehen auf dem oberen Teile eines der Stäbe Angaben über nach Tun-Huang und Tsiu-Thsüan (Su-tschôu) abgesandte Briefe; auf dem unteren Teile ist der 15. Tag des 3. Monats im 6. Jahre des Zeitraums Thai-Schi, d. h. des 6. Jahres des Kaisers Tsin Wu Ti (270 n. Chr.) angegeben als Tag der Ankunft eines Briefes in Lôulan. Auf einem der Deckelklötzchen, welches die auf Tafel IX von Steins «Preliminary report» angegebene Gestalt hat, nur viel kleiner ist, finden sich der Fürst der See-Angelegenheiten und Frau (Tien-schi Wang Hou) in Lôulan als Empfänger angegeben. Die erste Zeitangabe ist vom Jahre 264, in welchem das Haus Wei das nördlichste der «drei Reiche» noch unter seiner Herrschaft hatte. Sonst finden sich noch die Jahre 266, 268, 269 und 270 angegeben, während sich unter den meist anscheinend mit Willen zerfetzten Papieren der Name Lôulan zweimal, wovon einmal aus einer geringfügigen Veranlassung des Inhalts, daß ein gewisser Ma aus Lôulan am 6. des 6. Monats nicht vorzusprechen brauche, und die Jahreszahl 310 in Verbindung mit der Stadt An-Si finden.

„Der Inhalt der verschiedenen schriftlichen Bemerkungen ist ein sehr verschiedenartiger. Es ist darin sonst noch von Getreidelieferungen, von Nachrichten aus Tun-Huang, Verkehr mit Kao-Tschang (dem alten Turfan), von gerichtlichen Verhandlungen usw. die Rede. Die Stäbe dienten augenscheinlich bald als Tagebücher, bald zu Mitteilungen oder Weisungen an Untergebene. Letzterer Art scheint ein abgebrochener kleinerer Stab gewesen zu sein mit der Mitteilung, daß von dem (pien? am Rand, an der Grenze, am Ufer?) angelangten Heer vierzig am Deich empfangene Anführer in den Gehöften Unterkunft finden könnten.

„Ein kleines Brettchen hat eine nicht chinesische Aufschrift, deren Schriftzeichen den Kharoshthi-Zeichen bei Stein (Taf. IX, X und XI bei Stein a. a. O.) ähneln, wie auch das Brettchen von zwei Deckeln von der auf Steins Tafel X veröffentlichten Art begleitet gewesen sein wird.

„Es ist nach dem allem kaum zu bezweifeln, daß hier das alte Lôulan war und am alten Lop-nur lag. Diese alte Stadt scheint Anfang des vierten Jahrhunderts vom Wüstensturm oder von den Gewässern, bezw. durch beide Gewalten zerstört worden zu sein. Man wird in der Nähe eine andere, die sogenannte Drachenstadt, gebaut haben, welche dann ihrerseits in den Jahren 1308–11 durch eine Sturmflut zugrunde ging.“

Mein alter Freund von all meinen Besuchen in Kaschgar, George Macartney, der ebenfalls ein gründlicher Kenner der chinesischen Sprache ist, hat in der Märznummer 1903 des „Geographical Journal“ folgenden Aufsatz erscheinen lassen, den ich hier mit seiner Erlaubnis in extenso mitteile. Einige der historischen Ereignisse, deren Schauplatz Lôu-lan gewesen, passieren hier Revue und zeigen, daß dieses Land einst eine gewisse Bedeutung gehabt hat. Im Verein mit den von Himly gegebenen Mitteilungen und Übersetzungen gibt uns Macartneys Aufsatz Gelegenheit, uns eine ziemlich deutliche Vorstellung von diesem zweitausendjährigen Königreich zu machen. Macartneys Artikel trägt den Titel. „Notices, from Chinese sources, on the ancient Kingdom of Lau-lan or Shen-shen“ (Nachrichten aus chinesischen Quellen über das alte Königreich Lôu-lan oder Schen-Schen) und lautet folgendermaßen:

„In dem Vortrag, den Dr. Sven Hedin in London am 8. Dezember 1902 vor der Königl. Geographischen Gesellschaft über seine dreijährigen Forschungen in Zentralasien hielt, gab er uns eine lebhafte Schilderung von den Ruinen einer alten Stadt am Ufer des alten Lob-nor. Unter den Funden, die er von dieser Örtlichkeit mitgebracht hat, finden wir eine Anzahl chinesischer Manuskripte, die als dem zweiten und dritten Jahrhundert n. Chr. angehörend identifiziert worden sind. Einige von diesen Manuskripten tragen nicht allein das Datum, sondern auch den Namen des Ortes, an welchem sie geschrieben worden sind. Dieser Name ist Lau-lan, und die Kenntnis dieser Tatsache ist von besonderem Interesse. Der Name Lau-lan selbst ist den modernen chinesischen Geographen wohlbekannt, aber bis jetzt sind offenbar weder sie noch Gelehrte in Europa imstande gewesen, mit einiger Genauigkeit die Lage des Landes, das einstmals diesen Namen getragen hat, zu bestimmen. Herr A. Wylie, ein hervorragender Chinaforscher, hatte diese Lage im Jahre 1880 seinen Berechnungen nach auf 39° 40′ nördl. Breite und 94° 50′ östl. Länge angenommen. Dies würde einen Fehler von ungefähr 250 engl. Meilen (etwa 420 Kilometer) bedeuten, wenn ich recht verstanden habe, daß der Platz, wo Dr. Hedin die den Namen Lau-lan tragenden chinesischen Manuskripte gefunden hat, ungefähr auf 40° 40′ nördl. Breite und 90° östl. Länge lag. [Diese Zahlen sind beinahe richtig. Hedin.] Eine genauere Feststellung der Lage von Lau-lan, die jetzt selbstverständlich möglich ist, kann, wie ich hoffe, hinsichtlich anderer benachbarter Länder, deren alte Namen bekannt sind, über deren Lage sich aber die heutigen Geographen noch die Köpfe zerbrechen, zu wertvollen Ergebnissen führen.

„Wenn wir die Geschichte der ersten Hankaiser, das Tsien-Han-shu [ich lasse die englische Schreibweise der chinesischen Namen unverändert. Hedin], und die Aufzeichnungen, welche Fa-Heen und Hsian-Tsang hinterlassen haben, studieren, finden wir viele Orte mit Entfernungen erwähnt, als deren Ausgangspunkt Lau-lan angegeben ist.

„So erwähnt das Tsien-Han-shu (geschrieben, in runden Zahlen, zwischen 100 v. Chr. und 50 n. Chr.) folgende Entfernungen: Von Wu-ni (Hauptstadt von Lau-lan) nach Yang-kuan, dem «südlichen Sperrtor», (augenscheinlich in der Richtung von Tun-huang) 1600 Li; nach Chang-an 6100 Li; nach dem Verwaltungssitze (der Name fehlt) des chinesischen Gouverneurs 1785 Li; nach Si-an-fu 1365 Li; nach Keu-sze (Ouigour) in nordwestlicher Richtung 1890 Li.

„In der Beschreibung seiner Reisen gibt Fa-Heen (im fünften Jahrhundert n. Chr.) folgende Entfernungen an: von Shen-shen oder Lau-lan nach Tun-huang, etwa 17 Tagemärsche, 1500 Li; nach Wu-e (Uigur?) 15 Tagereisen zu Fuß in nordwestlicher Richtung.

„Von Hsian-Tsang erfahren wir, daß Lau-lan, das er auch Na-po-po nennt, 1000 Li nordöstlich von Chem-to-na oder Nimo liegt.

„Aus dem Obigen ergibt sich auch, daß der Ort Lau-lan als Ausgangspunkt für die Bestimmung der Lage mehrerer anderer Orte dienen kann. Vielleicht können die obigen Angaben späteren archäologischen Forschern von Nutzen sein.