Karin Delmar

Gespräche im Zwielicht

*

Gebrüder Enoch / Verlag / Hamburg

Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten
Amerikanisches Copyright 1924 by Gebrüder Enoch,
Hamburg. Printed in Germany

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig

Eine Einleitung, die eigentlich das letzte
Gespräch ist und deshalb am Anfang und
am Schluß gelesen werden kann

Die Leute, die Kurt Georgi nicht näher kennen und ihm seine tadellose Erscheinung mißgönnen, werfen gerne die nachlässige Bemerkung hin, daß er doch in der Hauptsache nur dekorativ wirke und eine fatale Ähnlichkeit mit den unsäglich vornehmen Dandys habe, wie sie die englischen Familienblätter und die Plakate unserer Zigarettenfirmen schmücken.

Ja, ich darf nicht verschweigen, daß eine junge Dame, die ihn in einem Konzert mit verschränkten Armen an einer Säule lehnen sah, in den erstaunten Ruf ausbrach: »Also den gibt es wirklich!«

Aber ich darf auch nicht verschweigen, daß Kurt Georgi, als ich ihm diese frohbewegten Worte hinterbrachte, mit einem gar nicht dandyhaften, sondern sehr herzlichen und lauten Lachen den Kopf im Sessel hintenüberwarf und ein übers andere Mal »Reizend!« rief.

Denn er ist in Wirklichkeit gar kein Dandy.

Alles dies gehört natürlich durchaus nicht hierher, es soll nur einen Eindruck von dem jungen Manne geben, der, soeben zu mir ins Zimmer tretend, mir mit etwas übertriebener Feierlichkeit das Manuskript der Gespräche im Zwielicht überreicht, das ich ihm zur Durchsicht geliehen hatte.

Die Feierlichkeit hält nicht lange stand, er streift mit einem spitzbübischen Blick den kleinen Tisch, auf dem Kuchen und Zigaretten aufgebaut sind und fragt mit einer leisen, aber betonten Ängstlichkeit in der Stimme:

»Soll ich am Ende auch unter die Zwielichtfreunde in dem Buch eingereiht werden?«

»Keine Sorge,« antworte ich, »der Kreis ist geschlossen. Sie müssen zugeben, elf Freunde sind genug, das Publikum könnte die Geduld verlieren.«

»Und was schlimmer ist,« setzt er hinzu, »es könnte zwölf als ein Dutzend auffassen.«

Ich nicke. »Aber nicht wegen dieser furchtbaren Möglichkeit allein sind Sie ausgeschaltet worden. Es mußte ja auch einer außerhalb bleiben, um unbefangen urteilen zu können und mir dann –«

Georgi prallt einen Schritt zurück und hebt die Hände mit einer entsetzten Abwehrgeste hoch. Aber ich fahre unbeirrt fort: »Sie wissen doch, was vom Merker geschrieben steht: Er werde so bestellt, daß weder Haß noch Lieben das Urteil trüben, das er fällt. – Und ich dachte, Ihre wohltuend kühle Sachlichkeit –«

»Sachlichkeit!« wiederholt er empört, »für dieses harte und ungerechte Wort will ich mich bösartig rächen, und zwar am liebsten auf der Stelle durch eine peinlich sachliche Kritik.«

»Erst Kaffee trinken,« bitte ich, und er setzt schnell hinzu, während er zufrieden den Tisch überblickt: »Wobei ich nur nebenbei bemerken möchte, daß ich jeder Art von Bestechung zugänglich bin.«

»Ich weiß,« antworte ich, »und habe deshalb Ihre Lieblingskeks backen lassen, die ganz dünnen, die hauchzarten und zerbrechlichen, mit einem Wort, die Ästheten unter den Keks.«

»Reizend!« lacht Kurt Georgi, und seine länglich geschnittenen Augen werden ganz schmal vor Vergnügen:

»Diese Erzeugnisse einer überraffinierten Kultur sind gewiß so bekömmlich, daß selbst die zarteste Dame ein Dutzend davon verschlingen kann.«

»Nur elf, wie Sie wissen,« berichtige ich, »und außerdem – verschlingen, wie vulgär! Genießen sagt man, oder auf der Zunge zergehen lassen, wenn es sich um etwas so Ästhetisches und Delikates handelt.«

»Wie um Ihre Gespräche hier zum Beispiel,« bemerkt er mit einer Bewegung nach dem Manuskript hin. »Die haben entschieden etwas, was auf der Zunge zergeht, und außerdem –«

»O weh,« unterbreche ich ihn, »wir kommen nicht drum herum, Sie müssen erst Ihre Kritik loswerden, vorher schmeckt's Ihnen nicht. Aber hüten Sie sich, wer weiß, ob Sie nachher noch etwas bekommen.«

»Ich werde nicht zu ehrlich sein,« versichert er schnell.

»Darum möchte ich auch energisch bitten,« sage ich, »denn Sie wissen, ich gehöre zu den seltenen Menschen, die ehrlich genug sind, einzugestehen, daß ihnen Ehrlichkeit in den Tod verhaßt ist.«

»Wundervoll, wie Sie mir die Aufgabe erleichtern,« antwortet Georgi. »Aber ich hätte mir auch im anderen Fall kein Gewissen aus meiner Unehrlichkeit gemacht. Denn es ist doch wahrhaftig ganz und gar gleichgültig, was man in solchen Fällen sagt. Die Kritik kann noch so verneinend sein, der andere hört von allem nur das Ja. Noch dazu, wenn der andere eine Frau ist.«

»Der Anfang ist verheißungsvoll,« sage ich, und decke die Mütze über die Kaffeekanne, »kommen Sie also zur Sache!«

»Also,« holt Kurt Georgi aus, bequem zurückgelehnt und mit beiden Händen die Lehnen des Sessels umspannend, »fürs erste: Ich finde die Idee des Buches nett und originell. In elf zwanglosen Plaudereien sind elf junge Männer geschildert, die nur durch die Freundschaft zu einer Frau, also sozusagen durch eine Art Personalunion, miteinander verbunden sind.«

Ich nicke dankbar und er fährt fort: »Vor allem bewundere ich dabei, wie geschickt und zartfühlend Sie es verstanden haben, in diesen Gesprächen jede allzu prägnante Charakterschilderung der Freunde zu vermeiden. Das Buch hätte im anderen Fall leicht die Art eines Schlüsselromans, wenigstens für Ihren Kreis, annehmen können, und das wäre natürlich höchst unfair gewesen.«

Da ich diesmal kein Zeichen des Einverständnisses gebe, setzt er mit einem schnellen Blick nach den Keks und einer kleinen Neigung des Kopfes hinzu: »Wie gesagt, ich achte Ihre Zurückhaltung.«

»Sehr fein,« lobe ich. »Reden Sie nur weiter. Es ist geradezu ein exquisites Vergnügen, von Ihnen massakriert zu werden.«

Kurt Georgi lehnt den Kopf im Sessel hintenüber und schaut einen Augenblick sinnend zur Stubendecke hinauf. Dann spricht er vorsichtig, beinah tastend weiter:

»Nun könnte man ja auch sagen, und der intelligente Leser wird es zweifellos tun und damit das Verdienst Ihrer Zurückhaltung schmälern, man könnte sagen, daß Sie die Freunde nicht schärfer charakterisieren konnten. Zum Teil schon deshalb nicht, weil Sie sich darauf kapriziert haben, sie fast ohne jede Beziehung zur Außenwelt zu zeigen und alle in der gleichen Atmosphäre und vom gleichen Gesichtswinkel aus gesehen. Dieser Umstand hat unbedingt etwas, nun ja, sagen wir etwas Nivellierendes, und die jungen Männer, so verschiedenartig sie sein mögen, erscheinen daher alle wie Glieder einer –« Georgi deutet mit einer seiner überlebensgroßen Gesten einen weiten Kreis an – »wie Glieder einer großen Familie.«

»Die sie ja in einer gewissen geistigen Art auch wirklich sind,« werfe ich ein, doch er achtet nicht darauf und spricht lebhaft weiter, den Zeigefinger hebend:

»Nun kommt aber eine merkwürdige Erscheinung: Zwischen all diesen Köpfen schaut wie im Vexierbild ein Kopf hindurch; das eine Porträt wird sichtbar, das Sie wahrscheinlich nicht zu zeichnen beabsichtigten, und das nun, ich sage beileibe nicht ›deshalb‹, das nun das einzige von zwingender Ähnlichkeit geworden ist: das Porträt der Frau.«

»Lieber Freund,« sage ich, »wie ist das möglich? Nicht ein einziges Wort spricht die Frau in dem Buch über sich und ihre Empfindungen. Sie schweigt sich und ihr Leben ja geradezu tot, und mir scheint es jetzt sehr bezeichnend für das Wesen der Freundschaft zu sein, daß keiner der Freunde je diese Verschwiegenheit bemerkt.«

»Drollig,« lächelt Kurt Georgi und streift die Asche vorsichtig von seiner Zigarette, »drollig, daß wir oft am Schluß Tiefen in unseren Werken finden, von denen wir selbst nichts geahnt haben. – Aber hoffentlich ist Ihnen diese unvermutete Tiefe nicht peinlich, gnädige Frau, denn es ist ja sonst in dem Buch jede Spur von Gründlichkeit aufs Sorgsamste vermieden. Alle Dinge sind nur im Flug berührt, alle Fragen nur mit den Fingerspitzen angefaßt, alles schwebt sozusagen in der Luft. In einer sehr angenehmen, wohltemperierten, nur wenig parfümierten Luft, in der nicht gelacht und nicht geschrien wird, in der man nur lächelt und plaudert. – Und dann, gnädige Frau –«

Er setzt sich plötzlich im Sessel aufrecht und streckt mir mit einer verzweifelt flehenden Gebärde die Hände entgegen: »Was haben Sie sich um Gottes willen dabei gedacht, nicht eine Spur von Pikanterie in diese Gespräche zu mischen! Wie in aller Welt glauben Sie, ein Publikum zu finden, wenn Sie die erotischen Probleme mit einer so geradezu minutiösen Sauberkeit behandeln? Mein Gott, der Titel verpflichtet doch schon beinah! Ja, wenn Sie schon berühmt, oder wenigstens auf irgendeine sensationelle Art gestorben wären! – Man liest ja schließlich auch die Droste und Eichendorf und Hölderlin, und neuerdings ist bei den Obersnobs Klopstock wieder modern geworden und wird bald so bedeutend sein wie Goethe – aber lebend und unberühmt und weder pikant noch pervers! – Unmöglich!«

Und Kurt Georgi macht eine abschließende Handbewegung, die mich erledigt, und lehnt sich mit allen Zeichen der empörten Hoffnungslosigkeit im Sessel zurück.

»Vielleicht lockt der Titel,« versuche ich einzuwenden. »Oder wenn man einen himmelschreiend neuartigen Buchdeckel machte –«

»Nein, nein,« wehrt er ab, »uns bleibt nur zu hoffen, daß der eine oder der andere Ihrer eventuellen Leser in dem Umgehen jeder erotischen Pikanterie eine besonders prickelnde Nuance entdeckt. Ja, sehen Sie,« setzt er wie neubelebt durch diesen Hoffnungsstrahl hinzu, »das halte ich noch nicht für ganz ausgeschlossen.«

»Diesem verständnisvollen Leser möchte ich schon im voraus dankbar die Hand drücken,« sage ich lachend, »und ihn unter meine Freunde einreihen, denn er hat richtig erkannt, daß die ungesprochenen Worte meist die bedeutungsvolleren sind, daß sie noch wahrer zu reden verstehen und –« Ich stocke, denn Kurt Georgi blickt mir, den Kopf in die Hand gestützt, mit einem forschenden Blick in die Augen.

»Und noch feiner zu lügen,« setzt er langsam hinzu.

»Nein, nein,« winke ich ein bißchen nervös ab, »ehrlich werden ist gegen die Abrede und in dieser Atmosphäre so wenig angebracht wie Schreien oder große Worte machen in diesem Buch. Die Frau hier und dort ist nun einmal nicht für die großen Worte geschaffen, ebensowenig wie für die großen Erlebnisse.«

»Das weiß Gott,« nickt Georgi elegisch. »Dazu ist sie leider nicht trivial genug. Sie sitzt lieber wie die besonders kostbaren und zerbrechlichen Kunstwerke in den Museen unter einer Glasglocke oder von einer roten Schnur umgeben, die sie kaum bemerkbar, aber unüberwindlich von der Welt abschließt. Und da sie gewohnt ist, jede Arbeit im Leben von anderen für sich verrichten zu lassen, so läßt sie natürlich auch die anderen für sich erleben. – Was übrigens sicher der höchste Grad von Vornehmheit ist.«

»Lieber Georgi,« sage ich, »was heißt denn erleben? Müssen wir denn immer leibhaftig mitagieren und die Bombenrolle in dem Stück spielen? Muß es nicht auch Zuschauer geben, die entzückt oder schaudernd miterleben, was sich auf der Bühne begiebt?«

»Nein,« antwortet er, »auch der Zuschauer da unten muß ein eigenes Leben haben, wie könnte er sonst Schauer und Entzücken fühlen? Nur die Wonnen, die in unserem eigenen Empfindungsbereich liegen, können uns erregen, und nur der Schmerz, der unserem eigenen verwandt ist, rührt uns zu Tränen.«

»Und so weint im Grunde genommen jeder nur um sich selbst.«

»Und wenn ich eine Minute lang ehrlich sein darf,« fährt Georgi fort, »ich glaube auch gar nicht an dies vollkommen selbstaufgegebene Miterleben und an die lächelnde Gleichmäßigkeit der Frau in Ihrem Buch. Viel eher glaube ich, daß sie in diesen Gesprächen eine schwere Enttäuschung nicht totschweigt, wie Sie meinten, sondern totplaudert, was ja manchmal dasselbe bedeutet. Und noch eher glaube ich, und sage es, selbst auf die Gefahr hin, bei der Verteilung der Ästhetenkeks leer auszugehen, noch eher glaube ich, daß sie ein ganz raffinierter kleiner Racker ist. – Ja, ich würde vorschlagen,« und Kurt Georgi deutet das Folgende in seiner lebhaften Gebärdensprache an, »ich würde vorschlagen, an der roten Schnur in Manneshöhe eine Warnungstafel für geistreiche und gemütvolle junge Leute anzubringen: ›Hier liegen Fußangeln‹ –«

»Scht! Scht!« winke ich erschrocken ab, und er setzt schnell hinzu: »Es war natürlich von der Frau in dem Buch die Rede.«

»Das versteht sich,« antworte ich, »und ich bin glücklich über Ihr Urteil, so hart es ist. Denn daß diese Frau es vermocht hat, Furcht und Mitleid in Ihnen zu erregen, genau nach der altgriechischen Vorschrift für Kunstwerke, das spricht doch ungeheuer für mich und mein Buch. Es ist der kleine süße Kern, den ich aus Ihrer bitteren Kritik herausschäle, das Ja, daß ich trotz aller Verneinung höre. – Und nun sollen Sie doch unter die Freunde hier aufgenommen werden, und zwar nicht als letzter, sondern als erster im Dutzend. Ich will unser heutiges Gespräch als Einleitung in das Buch setzen, denn nach einem Vorwort habe ich schon lange verzweifelt gesucht. Da weiß der Leser doch gleich, woran er ist, und die Sache hat noch das Gute, daß die Einleitung zugleich als Schlußwort gelten kann.«

»Gott bewahre,« sagt Kurt Georgi entsetzt, »auf so etwas hätte man doch wenigstens vorbereitet sein müssen. – Aber,« setzt er nachdenklich hinzu, »wenn ich auf die ökonomische Ausschlachtung meiner geistigen Arbeit eingehe, welche Belohnung haben Sie mir zugedacht?«

Ich sehe ihm in die vor Schelmerei ganz schmal gewordenen Augen und muß unwillkürlich lächeln.

»Ja, ja,« nickt er, »hier wäre die beste Gelegenheit, eine Pikanterie anzubringen, wenn ich Ihnen diesen literarischen Rat erteilen darf.«

»Unmöglich!« sage ich und schiebe den kleinen Tisch mit Kaffee und Kuchen zwischen uns. »Was sollte der Leser von uns denken!«

Das typische Erlebnis

Wir haben lange geschwiegen, und es ist so still im Zimmer, daß das Ticken der Uhr schon anfängt, aufdringlich zu werden. Endlich hebt Frank Meinert den Kopf mit dem zerwühlten schwarzen Haar, und über sein blasses, meist etwas verdrossenes Gesicht geht langsam das halb verlegene, halb selbstironische Lächeln, das ich sehr an ihm liebe.

»Weiß der Himmel,« sagt er und wirft mit einer bei ihm ungewohnt lebhaften Bewegung das Zigarettenrestchen in die Aschschale, »in dieser fabelhaften Feiertagsstille kann ich mich unmöglich auf meine Leiden besinnen.«

»Schade,« antworte ich und schiebe ihm die Pralinés näher, »ich werde auf diese Weise nie erfahren, was Sie bedrückt und weshalb Sie sich seit ein paar Wochen so in den Wirbel des Weltlebens gestürzt haben, daß es fast keine festliche Veranstaltung in Hamburg gibt, bei der nicht Frank Meinert bleich, mürrisch und zerwühlt, ein Miniatur-Beethoven, in einer Saalecke hockt. – Oder sollte zwischen diesen Dingen kein Zusammenhang bestehen?«

Das Lächeln um Franks großen und nervös-beweglichen Mund wird lebhafter. »Ja,« sagt er und sucht sich bedächtig seine Lieblingspralinés heraus, »so ist meine Art zu leiden.«

»Vernünftig,« lobe ich, »aber leider nicht neu. Jeder, der etwas auf seine Leiden hält, führt sie an fashionable Betäubungsstätten. Ich hätte von Ihnen etwas Originelleres erwartet.« – »Ihr alter Fehler!« bemerkt er mürrisch und fährt nach einem kurzen Schweigen mit überraschend einsetzender Beredsamkeit und nervös flackerndem Gesicht fort:

»Sie leiden an einem fundamentalen Mangel an Menschenkenntnis. Ich bin kein Originalitätsfex, wie Sie hartnäckig annehmen. Und es spricht auch wieder einmal bedauerlich wenig für Ihren psychologischen Blick, wenn Sie glauben, daß ich im Trocadero oder beim Bösen-Buben-Ball oder etwa bei den Massenmorden der Harvestehuder Gesellschaft Betäubung gesucht habe.«

Und da ich ihn erwartungsvoll ansehe, fährt er langsamer fort: »Sie haben es wohl noch nie erfahren, wie innig man seinen Schmerz lieben kann, gerade inmitten der Vielen, denen man so unendlich überlegen ist.« Und leise setzt er hinzu: »Weil man zu den Auserwählten gehört, die leiden.«

»Lieber Freund,« sage ich und stütze den Kopf in die Hand, »selbst auf die Gefahr hin, Ihnen eine Glücksquelle zu verschütten: Glauben Sie wirklich, daß es nur die Auserwählten sind, die leiden?«

»Gewiß,« antwortet er eifrig, »denn zum wirklichen Unglücklichsein gehört ein Maß von seelischer Tiefe, das nur wenigen eigen ist. Wie natürlich zu jedem großen Gefühl. Nicht nur der Schmerz, auch das Glück will getragen sein.« Ich nicke: »Insbesondere das der anderen. An dem schleppen wir oft unglaublich schwer. Das eigene Glück soll sich nicht schwer tragen, sagt man.«

Frank Meinert ist aufgestanden und geht, seiner Gewohnheit nach heftig rauchend und ein wenig schlurfend, im Zimmer auf und ab.

»Aber die Fähigkeit zum Glück muß da sein,« sagt er vor sich hin, »die ganz gemeine Begabung dazu, und die ist es, die mir fehlt. – Das ist das merkwürdige bei mir, und ich habe schon unendlich viel darüber nachgedacht: Warum habe ich nur so gar kein Talent zum Leben?«

»Nicht so schlurfen!« bitte ich ein bißchen nervös und sage dann, während ich mir eine frische Zigarette anzünde: »Sie haben ja so viele andere Talente,« – und nach einer kleinen Pause – »wie weit ist eigentlich Ihr –.« – »Ä!« unterbricht er mich mit einer Gebärde des Ekels, »glauben Sie vielleicht, daß ich jetzt arbeiten kann?« Und mit ironisch übertriebenem Pathos die Arme reckend: »Ich bin augenblicklich in der Periode des Erlebens!«

»Natürlich,« nicke ich ihm zu, »die muß erst überwunden sein, und ich bin mir schon lange darüber klar, daß Arbeit wirklich nur etwas für die Leute ist, die nichts zu tun haben.«

Frank lächelt nachsichtig und läßt sich auf dem Klavierstuhl nieder, den er trotz seiner eminenten Unbequemlichkeit allen anderen Sitzgelegenheiten vorzieht, wie überhaupt sein Wesen zwischen Trägheit und dem Hang zur Selbstquälerei hin und her schwankt.

»Ihr Sarkasmus trifft mich nicht,« sagt er und öffnet langsam und zerstreut den Flügel, »es war natürlich nur von innerem, nicht von äußerem Erleben die Rede.« – »Ich kenne diese Unterscheidung gar nicht,« antworte ich, »was wir nicht innerlich erleben, erleben wir doch überhaupt nicht.« – »Erlauben Sie, wenn ich nächstens infolge der mangelhaften Treppenbeleuchtung in meiner Bude abstürzen und ein Bein brechen werde, dann nenne ich das ein äußeres und kein inneres Erlebnis.«

»Und ich nenne das einen Beinbruch, aber ein Erlebnis nenne ich es noch lange nicht. Dazu könnte es nicht einmal durch eine seelische Beziehung erhoben werden, wie zum Beispiel durch die Tatsache, daß Sie sich gerade auf den Weg nach einer gewissen kleinen Konditorei –«

Frank, der, wie es seine Gewohnheit ist, mit gesenkten Lidern gesessen hat, hebt plötzlich den Blick, und seine graugrünen Augen schillern feindselig zu mir herüber. Er greift ein paar harte Akkorde und wendet sich, plötzlich abbrechend, mit seinem spöttischsten Lächeln zu mir:

»Ihre diplomatischen Übergänge, fabelhaft geschickt! – Übrigens danke ich Ihnen für die Notbrücke, denn ich bin ja natürlich gekommen, um Ihnen zu erzählen.«

Er nimmt seine Wanderung durchs Zimmer wieder auf, und ich warte eine Weile vergebens.

»Nicht nur heute,« sagt er endlich hastig, »ich war in der letzten Woche schon ein paarmal deshalb hier. Sie wissen das natürlich! Frauen wissen bekanntlich immer alles. – Aber es ist jedesmal wie verhext, wenn ich hier sitze. So, als hätte ich das alles gar nicht erlebt, wovon ich sprechen will, oder irgendwo drüben an einem anderen Ufer. – Die Dinge werden ja immer unwirklich, sobald man sie ausspricht. Und ich habe auch schon geglaubt, damit fertig zu sein. Ich konnte schon darüber lächeln. – Ä, das sagt nichts, man lächelt immer darüber, aber es kam schon vor, daß ich eine Stunde lang nicht mehr daran dachte, und das ist weiß Gott schon viel. Da sagen Sie jetzt das eine Wort von der kleinen Konditorei, und alles ist wieder da, als wäre es niemals weg gewesen. Und es hilft kein Sichdagegenwehren, und es macht einen schwach und muskellos, und man fragt sich, ob man die verfluchte Quälerei nie los wird sein Leben lang.«

Und Frank Meinert steht einen Augenblick still und starrt vor sich hin, dann setzt er sich plötzlich ruhig und wie ausgelöscht auf seinen Stuhl.

»Frank,« sage ich leise, »schelten Sie nicht so auf Ihre Schmerzen, Sie fühlen doch daran, daß Sie leben.«

»Weiß Gott, ich fühl's!« stößt er heraus. »Aber glauben Sie vielleicht, daß ich großen Wert darauf lege?«

Ich antworte nicht und reiche ihm die Zigaretten hinüber, und er sagt mit einem träumerischen Blick, der sein häßliches Gesicht plötzlich schön erscheinen läßt: »Den hätte ich kennen mögen, der zuerst von allen Menschen den Entschluß gefaßt hat, freiwillig zu gehen. Welche unbegreifliche Erhabenheit lag in dieser Tat, als sie zum erstenmal geschah!«

Ich nicke, und wir sehen beide schweigend in die Wolken unserer Zigaretten. Endlich fährt er fort:

»Ich muß manchmal geradezu vor mich hinlächeln, wenn ich daran denke, daß der große Baumeister bei all seiner Klugheit eine Lücke in seinem Gebäude gelassen hat, ein kleines Loch, durch das wir still hinausschlüpfen können, wenn es uns da drinnen nicht mehr gefällt.«

»Ja, Frank,« sage ich nachdenklich, »das wäre eine schöne Einrichtung, wenn sie nicht so unvollkommen wäre. Wenn nicht die zweite Lücke fehlte, durch die wir still wieder hineinschlüpfen können, wenn es uns da draußen nicht gefällt.«

»Natürlich,« antwortet er, »Sie verlangen für jede Hintertür noch ein Hintertürchen! Ich finde, es ist schon fabelhaft tröstlich, daß man einfach weggehen kann, wie man von einem Ball geht, der anfängt langweilig zu werden, oder so.«

»Ach lieber Frank Meinert,« sage ich lachend, »wann hätten Sie das je getan? Wer sitzt bei jedem Fest bis zum Kehraus gähnend und fröstelnd und gelangweilt in einem Klubsessel und ist nicht wegzukriegen?«

»Nun ja,« gibt er mit einem nachsichtigen, fast zärtlichen Lächeln zu, »ich muß mich einer Art Trägheit schuldig bekennen, eines Mangels an körperlicher Initiative, wenn Sie wollen.« – »Ja,« seufze ich, »daher auch das Schlurfen. Und in Gesellschaften da sitzt sich's immer so gut im Klubsessel und draußen ist vielleicht scheußliches Wetter, da bleibt man eben. Und eigentlich tun Sie auch ganz recht daran, zu bleiben, denn wer kann wissen, ob nicht am Schluß etwas unglaublich Schönes, etwas fabelhaft Anregendes und Sensationelles kommt. Und deshalb, – sehen Sie, auch deshalb schon ist's besser, man wartet bis zum Schluß.«

Wir schweigen beide, und dann sage ich in die Dämmerung hinein, die inzwischen gekommen ist:

»Ist es denn wirklich zu Ende mit Margot und Ihnen? Ist's nicht wieder nur ein Hinziehen, wie schon so oft?« Er schüttelt den Kopf, und ich spüre es wieder einmal deutlich bis zum Schmerz, daß wir nie ärmer und hilfloser und verlogener sind, als wenn wir mit Worten trösten wollen. Und es ist ganz still im Zimmer, bis ich endlich sage:

»Wir erleben es alle einmal, und in jedem von uns wird etwas dadurch geknickt oder zerschlagen. Bei den Durchschnittsmenschen da heilt es schwer, es blutet nach innen, weil kein Ventil da ist. Aber bei Ihnen gibt es ein Ventil, Ihr Schmerz wird ausströmen und tönen, und dann wird aus Ihrer Arbeit erst das Werk geworden sein, das Sie uns schuldig sind. Und Sie wachsen über Ihre Schmerzen hinaus und fühlen doch, daß es die Schmerzen sind, die Ihr Leben reich gemacht haben.«

Er sieht mich zerstreut an und sagt nach einem kurzen Schweigen gequält: »Wenn ich nur wüßte, warum es immer so kommen muß.«

Und ich weiß, daß ich umsonst geredet habe. Und versuch's doch noch einmal: »Vielleicht gibt es einen Grund dafür, der tiefer liegt, als Sie ihn suchen. Vielleicht sollen Sie jetzt nicht glücklich sein, Frank Meinert, vielleicht sollen Sie nie auf die Art glücklich sein, weil Sie zu anderem bestimmt sind als zu einem bißchen Rausch, und dann im besten Fall zu lebenslänglichem, spießbürgerlichem Behagen. Dazu sind Sie dem Schicksal zu schade. Und mir auch, trotz Ihrer Sauertöpfigkeit und der verdrießlichen Grimassen, die Sie sich nicht abgewöhnen wollen.«

Er brütet noch immer vor sich hin, aber ein bißchen wetterleuchtet's schon in seinem unruhigen Gesicht. »Ich weiß, daß ich nie glücklich sein werde,« sagt er, »und ich weiß, daß ich einsam bleiben muß. Das ist merkwürdig bei mir, daß ich es von jeher gefühlt habe, schon als Kind zwischen all den Geschwistern. Und dies immer und immer wieder Enttäuscht- und Einsamwerden, das wird mein Schicksal bleiben, ich weiß es. Es ist mein typisches Erlebnis, wie Nietzsche sagt.«

Ich nicke und bin nun schon ganz beruhigt: Fürs erste hat Frank Meinert sein Spielzeug gefunden.

»Ob ich die Einsamkeit werde tragen können?« sagt er vor sich hin, »nur die Größten haben es gekonnt.«

»Es ist doch nur das äußere Einsamsein,« antworte ich. »Innerlich sind wir ja immer allein, nur daß wir's oft nicht wissen. Aber in den lichten Momenten, in denen wir das ganze Dasein als sinnlos, dunkel und verworren empfinden – denn das sind unsere lichten Momente, Frank Meinert –, da wissen wir, daß wir einsam sind, wie ein Wanderer in sturmdunkler Nacht. Da wissen wir auch, daß aus zweien niemals eins werden kann.«

»Ja,« nickt Frank langsam vor sich hin, »auf uns trifft das zu, weil wir Ganze sind. Halbe können vielleicht zu einem Ganzen verschmelzen, unsere Bestimmung ist es, allein und wir selbst zu bleiben. –

Weshalb lächeln Sie?« fragt er plötzlich mißtrauisch und gereizt. Ich bestreite, gelächelt zu haben und drehe das Licht an, um ähnlichen Irrtümern vorzubeugen. Und Frank sagt leise, den Kopf in die Hand gestützt: »So kommt man also früh zur Resignation.«

Jetzt lächle ich wirklich: »Ach nein, lieber Freund, so leicht kommt man nicht zur Resignation, wie Sie in diesem Augenblick glauben. Da müssen noch viele bittere Schmerzen durchgebissen und überwunden werden, ehe Sie dahin gelangen. Resignation, das ist die reifste Frucht an unserem Lebensbaum.«

»Und doch die bitterste,« sagt er, und wir schweigen beide.

Plötzlich sieht er nach der Uhr, steht mit einem Ruck auf und streckt mir seufzend die Hand hin: »Ich muß gehen. Es ist fabelhaft, wie in diesem Zimmer die Zeit versinkt! Schon die Tapete hat so etwas unglaublich Wohltuendes. Aber ich muß an die Arbeit.«

Ich nicke. »Man muß sich rühren, wenn man über Wasser bleiben will.«

Wir stehen einen Augenblick, und dann sagt Frank:

»Ob wohl alle Menschen ihr typisches Erlebnis haben?«

»Ich glaube wohl,« antworte ich, »aber die wenigsten sind sich dessen bewußt. Und es gibt auch viele Menschen, deren typisches Erlebnis ›Nichterleben‹ heißt.«

Und da er mich fragend ansieht, setze ich hinzu: »Das will ich Ihnen noch sagen, Frank, weil es vielleicht ein Trost für Sie ist: Nicht das Unglück, das uns trifft, schafft uns das bitterste Leid. Viel schwerer als das traurigste Erlebnis belasten uns die unerlebten Dinge, die Ahnung der tausend Möglichkeiten, für die wir uns bestimmt und gerüstet fühlen, und die sich uns niemals ereignen.«

Es ist eine Weile still im Zimmer, dann fragt Frank Meinert:

»Wann darf ich wiederkommen?«

»Sobald Sie wollen,« antworte ich.

»Dann darf ich Ihnen morgen ausführlich erzählen, wie das alles kam, mit Margot und mir?«

»Gewiß,« antworte ich und lächle erst, nachdem die Tür sich hinter ihm geschlossen hat.

»Hat sie wirklich so schöne Schultern?«

»Gnädige Frau,« sagt der sehr hübsche junge Mann, »ich möchte Ihnen für mein Leben gerne etwas sagen. Es quält mich, seit ich hier sitze und Sie ansehe, aber ich wage es nicht.«

»Ist es etwas so Schlimmes?« frage ich, »dann verschweigen Sie es lieber. Sie wissen, ich lasse mir meine Kaffeestunde nicht gerne stören.«

»Es ist nichts Schlimmes,« antwortete er, »aber es brennt mir auf der Zunge.«

»Dann hoffe ich, daß es eine brennend pikante Geschichte ist. Aber ich warne Sie, je amüsanter sie ist, um so schwerer werde ich sie für mich behalten können. Verschwiegenheit gehört nun einmal nicht zu den Tugenden, die ich von mir verlange, denn man muß auch sich selbst gegenüber in seinen Ansprüchen maßvoll sein.«

Georg Wendringer lacht: »Zum Glück beansprucht das, was ich Ihnen sagen will, keine Diskretion. Es ist nicht einmal neu, und eigentlich ist es nur ein Satz: – Gnädige Frau, Sie sind unglaublich schön.«

Ich muß hell herauslachen. »Ist das alles?«

»Ja,« sagte er, »das ist alles, und es ist eine wundervolle Befreiung, es gesagt zu haben. Und Sie sind nicht böse?«

»Ich weiß noch nicht,« antworte ich. »Es liegt natürlich eine Beleidigung darin, besonders in dem ›unglaublich‹, das eine böse Nebenbedeutung haben kann. Aber diesmal will ich's nicht so nehmen und Ihnen sogar gestehen, daß es für eine Frau nichts Wohltuenderes und Erwärmenderes gibt, als das Bewußtsein, schön gefunden zu werden. Alle Bewunderung für unsere Tugenden, ja sogar für unsere Liebenswürdigkeit und unseren Geist läßt uns kalt, denn sie ist nicht das Primäre.«

»Ich sehe, Sie sind nicht böse,« sagt er vergnügt, »dann darf ich mehr sagen.«

»Davon möchte ich abraten,« antworte ich, »jedes Mehr müßte den guten Eindruck stören, den Sie bis jetzt gemacht haben.« –

»So finden Sie also wirklich, daß für eine Frau Schönheit das Höchste und Begehrenswerteste ist?« fragt er kopfschüttelnd, »von Ihnen hätte ich das nicht gedacht.«

»Warum nicht von mir?« frage ich ein wenig erstaunt.

»Nun,« erklärt er mir, indem er versucht, seine langen Glieder in eine etwas bequemere Lage zu bringen, »ich hatte bis jetzt immer gefunden, daß nur die mehr klugen als schönen Frauen dieser Ansicht waren, während umgekehrt die mehr schönen lieber für klug –.« Hier lache ich so herzlich, daß er erschrocken innehält.

»Und da komme ich nun, mehr dumm als häßlich und doch immer noch klug genug, nicht klug sein zu wollen und werfe Ihr ganzes schönes Schema über den Haufen.«

»Habe ich wirklich so was Dummes gesagt?« fragte er kleinlaut.

»Ach nein,« beruhige ich ihn, »wenn ich von dem zweifelhaften Kompliment für mich absehe, war es sogar eine sehr feine Beobachtung; Sie dürfen sie aber nicht jeder Frau verraten, denn sie ist ein Messer, das auf beiden Seiten schneidet. Wahr ist es übrigens schon, die Frauen, die sich ihrer Schönheit bewußt sind, wollen für klug gelten, denn zwei Vorzüge sind mehr als einer, und man überschätzt bekanntlich den Wert dessen, was man nicht hat. Die Klugen sind klüger und wollen gern schön sein, denn sie wissen, was das bedeutet und welche Macht darin liegen kann. Kann – sage ich, denn es gibt sehr viel Schönheit, die ungenutzt verlorengeht.«

»Ja,« antwortet er nachdenklich, »ich kenne zum Beispiel eine junge Frau, die jeden Abend, wenn sie vorm Spiegel steht und ihr Haar bürstet, ›Schade, schade!‹ sagt.«

»Ich will nicht indiskret sein,« versichere ich, »welche Bemerkung man übrigens immer voraus schickt, wenn man eine große Indiskretion beabsichtigt, aber ich möchte mir doch die Frage gestatten: Hat die junge Frau Ihnen das selbst erzählt?«

»Ich muß mit Oskar Wilde antworten,« sagt Georg Wendringer, »eine Frage ist niemals indiskret, nur die Antwort kann es sein.«

»Gut geantwortet, Georg Wendringer und Oskar Wilde,« sage ich. »Und da das Fragen nicht indiskret sein kann, so frage ich also getrost weiter: Hat sie wirklich so schöne Schultern?«

»Ich glaube, ja,« antwortet Georg mit seinem verschmitzten Lächeln und setzt, plötzlich ernst werdend, hinzu: »Übrigens sind wir nur sehr gut befreundet ohne jeden erotischen Beigeschmack.«

Ich muß ein wenig ungläubig dreingeschaut haben, denn er fragt schnell: »Aber Sie glauben vielleicht nicht an Freundschaft zwischen Mann und Frau?«

»O Gott!« seufze ich, »seit meinem sechzehnten Jahr quält man mich mit dieser Doktorfrage.«

»So haben Sie gewiß genügend darüber nachgedacht und können mir das Resultat mitteilen.«

»Nein,« sage ich, »das werde ich nicht tun, denn ich habe mir geschworen, auf diese Frage nicht mehr einzugehen, seitdem ein vorlauter Jüngling mir auf meine Antwort hin die noch heiklere Frage gestellt hat: Und was ist es also, was zwischen uns beiden besteht?«

Georg lacht: »Ich hatte nicht die Absicht, Sie in eine solche Falle zu locken, aber ich möchte für mein Leben gern wissen, welche Antwort der naseweise junge Mann bekam.«

»Die Antwort, die ich allen jungen Männern gebe, sobald sie anfangen, naseweis zu werden. Ich habe gelacht, ihm die Zigaretten gereicht und gefragt, ob er sich nicht zum Abschied noch bedienen wolle.«

»Das war hart,« sagt Georg, »denn seine Frage lag so nah, die Gelegenheit war so günstig.«

»Was wäre denn Takt,« antworte ich, »wenn es nicht die Fähigkeit und der Wille wäre, gute Gelegenheiten ungenützt zu lassen.«

Georg seufzt: »Schweigen ist aber oft sehr schwer!« und sieht so bekümmert aus, daß ich lachen muß. – »Ja, es muß sehr schwer sein. Allein wenn ich bedenke, wie früh man sprechen lernt und wie spät erst schweigen.«

Georg schüttelt den Kopf: »Das stimmt nicht ganz, so hübsch es klingt. Denn es kann sich ja nur um das richtige Sprechen und das richtige Schweigen handeln, und das lernt sich wohl gleich schwer und ist im Grunde genommen dasselbe, denn eins ohne das andere ist wertlos und eben nicht das Rechte.«

»Natürlich,« stimme ich bei, »Ihre Gründlichkeit hat wieder mal recht, und ich muß es zugeben, trotzdem Sie mir damit meine schöne Sentenz einfach totgeschlagen haben. Es muß auch das rechte Schweigen sein, denn es gibt Menschen, die nur darum für verschlossen und abgründig tief gelten, weil sie einfach nichts zu sagen haben, und weil man sich gar nicht vorzustellen vermag, daß jemand wirklich so gar nichts zu sagen haben kann. Ihre ganze Klugheit besteht darin, zu verbergen, daß sie nichts zu verbergen haben, und es kann lange dauern, bis man dahinter kommt, daß nichts dahinter ist, und daß sie durch und durch oberflächliche Geschöpfe sind. Denn, so paradox es klingen mag, es gibt wirklich Menschen, die durch und durch oberflächlich sind.«

Georg lacht: »Sie haben heute Ihren paradoxen Tag, aber es klingt wieder sehr hübsch, und ich werde mich diesmal hüten, Ihre schönen Sentenzen zu zerstören, so leicht und verlockend es wäre.«

»Ich kenne aber noch eine andere Art von falschen Schweigsamen,« fahre ich fort, »das sind die, die in Gesellschaft mürrisch und verschlossen sind und selten den Mund auftun, außer zum Gähnen, weil es nur ein einziges Thema für sie gibt, und das ist ihre eigene Person. Wie gesprächig werden sie aber, wenn sie auf dies Thema kommen! Es ist ihnen gleichgültig, wer zuhört, es liegt ihnen auch nichts daran, sich in ein besonders gutes Licht zu setzen, ja, sie verleumden sich lieber, ehe sie eine Gelegenheit vorbeigehen lassen, von sich zu sprechen, und sie können in einer Viertelstunde mehr von sich preisgeben, als andere gerne plaudernde Menschen in Jahren.«

Georg zieht nachdenklich den Rauch seiner Zigarette ein, bläst ein paar Ringe und fragt dann: »Steckt nicht in den meisten von uns etwas von dieser Leidenschaft? Und bedeutet sie nicht eigentlich nur eine übergroße Ehrlichkeit?«

»Nun ja,« sage ich, »insoweit ein gewisser Mangel an Schamgefühl Ehrlichkeit bedeutet.« – »So meinte ich's nicht,« unterbricht er mich, »ich meinte die Ehrlichkeit, die darin liegt, kein Interesse heucheln zu wollen. Und ist es nicht fast immer Heuchelei, wenn wir vorgeben, es könne uns irgend etwas auf der Welt mehr interessieren als unsere eigene Person?«

Ich muß lachen, »eine Unterhaltung zwischen mehreren solcher Ehrlichkeitsfanatiker stelle ich mir sehr reizvoll vor. Übrigens müssen sie doch bedenken, daß wir mit jedem Wort, das wir sprechen, von unserer eigenen Person ausgehen und deshalb, streng genommen, immer nur von uns reden. – Das sollte selbst dem unersättlichsten auf diesem Gebiet genügen.«

Wir schweigen eine Weile, und ich sehe, daß Georg, trotzdem er scheinbar seine Rauchringe aufmerksam verfolgt, mit einem Entschluß kämpft. Plötzlich blickt er auf und sagt: »Verzeihen Sie, daß ich so zerstreut bin – aber – ich habe eine Bitte.«

»Zerstreutheit ist bekanntlich immer der höchste Grad von Aufmerksamkeit, nämlich für eine andere Sache,« antworte ich, »und deshalb dachte ich mir's gleich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Also – herunter damit.«

»Ja,« sagt er ein bißchen stockend, »es ist vielleicht eine sonderbare Bitte, aber Sie werden mich nicht mißverstehen: Ich möchte Sie für mein Leben gern mit meiner Freundin bekannt machen.«

Ich schweige einen Augenblick und frage dann, um Zeit zu gewinnen: »Ist es die junge Frau mit den schönen Schultern?«

Er nickt und seine blauen Augen blicken mich treuherzig ernsthaft an.

»Lieber Freund,« sage ich und drücke mein Zigarettenstümpfchen langsam aus, »was versprechen Sie sich für Ihre Freundin und mich davon?«

»Oh, sehr viel,« antwortet er lebhaft, »vor allem für Lilly. Sehen Sie, sie hat nicht den richtigen Verkehr, – wenigstens ich finde das, sie ist ja leider ganz zufrieden damit, aber ich hoffe, wenn sie Sie kennenlernt –«

»Hat sie denn den Wunsch geäußert?« frage ich und sehe, wie eine kleine Verlegenheit über sein ehrliches Gesicht schleicht.

»Das nun gerade nicht,« sagt er, »es ist eigentlich mehr ein Wunsch von mir. Aber ich bin sicher –«

»Ganz gewiß,« antworte ich, »aber wenn die junge Frau mit ihrem Verkehr zufrieden ist –«

»Aber ich sage Ihnen ja, ihr Verkehr ist nicht der richtige,« unterbricht mich Georg erregt. –

»Der Verkehr, mit dem man zufrieden ist, ist eigentlich immer der richtige,« antworte ich, »und vielleicht wäre ich ganz und gar der unrichtige. Sie überschätzen mich sicher, trotzdem Sie mir vor ein paar Minuten den Verstand so ziemlich abgesprochen haben.« – »Das habe ich nicht getan,« verteidigt er sich, »Sie wissen es recht gut, und was Sie jetzt sagen, entspringt wieder Ihrer übergroßen Bescheidenheit!«

»Bescheidenheit ist ein Ding, das ich überhaupt nicht kenne, weder bei mir noch bei anderen,« antworte ich, »und ich behaupte, es ist ein Wort, dessen Inhalt nicht existiert.«

»Das ist eine kuriose Behauptung,« kopfschüttelt Georg.

»Sehr einfach,« erkläre ich ihm, »entweder ein Mensch kennt seine Vorzüge nicht, dann ist seine Bescheidenheit nicht Bescheidenheit, sondern die selbstverständliche Folge seiner Selbsteinschätzung. Oder ein Mensch kennt seine Vorzüge, dann kann seine Bescheidenheit nichts anderes sein, als Heuchelei, im besten Falle Anstandsgefühl oder Rücksichtnahme auf Schwächere, alles, nur keine Bescheidenheit.«

»Auf diese Weise läßt sich alles aus der Welt wegdisputieren,« sagt Georg verstimmt, »aber ich bin optimistisch genug zu behaupten, –« – »Ich muß Sie noch weiter ärgern,« unterbreche ich ihn lachend, »und behaupte, daß es mit dem Optimismus fast dieselbe Sache ist. So sicher Sie nämlich in dem Moment unbescheiden sind, in dem Sie sich Ihrer Bescheidenheit bewußt werden, so sicher sind Sie nicht mehr optimistisch in dem Augenblick, in dem Sie sich so nennen. – Ich will das erst beweisen,« fahre ich fort, da er versucht, Einwendungen zu machen.

»Optimistisch sind Sie, solange Sie die Welt schöner und besser sehen, als sie ist. Sobald Sie aber wissen, daß Sie die Welt besser sehen, als sie ist, wissen Sie auch, daß sie eigentlich schlechter ist, als Sie sie sehen, und mit diesem Wissen stehen Sie schon auf der anderen Seite der Weltanschauung und können fast für einen Pessimisten durchgehen. – Und jetzt dürfen Sie antworten.«

Aber Georg ist verdrießlich: »Daß ich kein Pessimist bin, weiß ich, trotz Ihrer philosophischen Purzelbäume, und ich verwahre mich entschieden dagegen.«

»Weshalb denn?« frage ich, »mir sind die Pessimisten sehr viel lieber als die frischfröhlichen ›Lebensbejaher‹, wie es jetzt modern aber etwas unklar heißt. Nur über eins habe ich manchmal nachgegrübelt und weiß es nicht: Ist es das traurige oder das tröstliche Moment im Leben der Pessimisten und Skeptiker, daß Sie zum Schluß immer recht behalten?«

Georg sieht mich einen Augenblick schweigend an, dann sagt er:

»Sie haben mir noch keine endgültige Antwort auf meine Bitte gegeben, und ich müßte dümmer sein als ich bin, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß all Ihr Philosophieren nur den Zweck hatte, mich davon abzulenken. Aber ich bestehe darauf, daß Sie –«

»Lieber Herr Wendringer,« sage ich ein wenig gedehnt und greife nach dem Zigarettenetui, das ich ihm langsam hinüberreiche, »wollen Sie nicht –.«

Georg ist rot geworden, er springt auf.

»Jawohl – zum Abschied, ich verstehe.«

Aber schon im nächsten Augenblick geht ein spitzbübisches Lächeln über sein Gesicht. »Liebe gnädige Frau, ich war naseweis; aber ich hoffe, Sie machen mir das nicht zum Vorwurf, denn da bekanntlich die Bescheidenheit ins Reich der Fabel gehört, wäre es doch unbescheiden, zu verlangen, daß gerade ich –« – »Jawohl,« sage ich lachend, »und ich werde bis zu Ihrem nächsten Besuch darüber nachgrübeln, wie es kommt, daß es zwar keine Bescheidenheit gibt, daß sich aber an Dreistigkeit vorerst noch kein Mangel fühlbar gemacht hat.«

»Wann darf ich annehmen, daß Sie die Frage gelöst haben?« erkundigt sich Georg.

»Das kommt darauf an, wie hoch Sie meinen Verstand einschätzen,« antworte ich, und er verbeugt sich tief und sagt galant:

»Fast so hoch wie Ihre Schönheit.«

Was man von geschmackvollen Menschen
verlangen darf

Ich komme von Franz Lindners Trauung und steige langsam und nachdenklich die Treppe der eleganten schwiegerelterlichen Villa hinunter. Neben, vor und hinter mir drängt sich die Schar der übrigen Gäste, und plötzlich sagt jemand halblaut in der Nähe meines Ohres: »Eine schöne Leich'.«

Ich blicke ein wenig empört zur Seite und gerade in Doktor Paulsens blasses und scharfes Gesicht.

»Noch nicht auf der Treppe,« wehre ich ab. »Wissen Sie nicht, daß es guter Ton ist, erst vor dem Haus anzufangen?«

»Wohin gehen wir?« fragt er unten angelangt und sieht mir durch seinen Kneifer ernst und erwartungsvoll ins Gesicht. Ich muß lachen.

»Ich hatte die Absicht, allein zu gehen. Hab' allerlei durchzudenken und durchzufühlen. Ein Freund, der einem soeben endgültig aus der Hand geglitten ist, Sie verstehen –«

Paulsen zuckt die Achseln. »Ich erlaube mir zu bemerken, daß uns die Dinge meist nur aus der geöffneten Hand gleiten.«

»Nun ja,« antworte ich, »aber manchmal rät der Verstand, die Hand rechtzeitig zu öffnen.«

Paulsen verzieht das Gesicht zu einer wehmütig-spöttischen Grimasse. »Tja, ja, der Verstand!« bemerkt er tiefsinnig, und ich fahre fort:

»Übrigens können Sie auch mitkommen, denn wenn ich mir's recht überlege, sind Sie einer der wenigen Menschen, mit denen sich's fast ebensogut geht wie allein.«

Er zieht den Hut und streckt mir abschiednehmend die Hand hin: »Nach diesem Hymnus auf die Einsamkeit –«

»Ach, keine Fissimatenten,« sage ich und schiebe ihn mit dem Ellenbogen vorwärts, »kommen Sie mit. Sie wissen ja, es ist ein schönes Ding um die Einsamkeit, aber man muß einen haben, dem man sagen kann: ›Es ist ein schönes Ding um die Einsamkeit‹!«

»Gut und weise!« lobt er und geht langsam neben mir weiter. »Nur daß Sie mich damit zum Spiegel Ihrer schönen Gefühle erniedrigen! Und außerdem hätten Sie an Stelle des unpersönlichen Fürworts unbedingt ›die Frau‹ sagen müssen, denn wir Männer ertragen die Einsamkeit auch ohne Spiegel.«

»Das ist ein unliebenswürdiger Zug von euch,« behaupte ich, »und außerdem glaube ich's nicht. Ihr braucht euer Publikum so gut wie wir.«

»Ja,« antwortet er, »aber nur von Zeit zu Zeit. Verhältnismäßig selten. – Eine Frau kann aber nicht leben ohne Spiegel. Sie kann weder Kunst noch Natur allein genießen, sie braucht immer einen, der ihre Bewunderung bewundert. Ja, ich behaupte sogar, eine Frau allein in einem Zimmer, in dem sie weder gehört noch gesehen werden kann, hört auf zu existieren. Sie erlischt wie eine Kerze im luftleeren Raum.«

»Hören Sie, Paulsen,« sage ich und bleibe stehen, »wirken Trauungen immer so beunruhigend auf Sie? Dann hätten Sie mich doch lieber allein gehen lassen sollen, selbst auf die Gefahr hin, daß ich wie eine Kerze im luftleeren Raum verlösche.«

»Man muß sich austoben,« brummt er.

»Und damit scheint einer der seltenen Momente gekommen zu sein, in denen selbst der Mann ein Publikum braucht. Was hat Sie übrigens, wenn ich fragen darf, in diese erfrischende Stimmung versetzt? Vielleicht der famose Geistliche, gegen den Franz sich noch bis zum letzten freien Atemzug gewehrt hat und von dem er mir eben noch schnell und mit seiner wütendsten Grimasse zuflüstern mußte, daß er ein idiotischer Wanderprediger sei! Wobei mir nur eines unklar geblieben ist: warum gerade Wanderprediger?«

»Es fiel ihm wohl im Moment nichts Beschimpfenderes ein,« vermutet Paulsen. »Aber der ist ja nur nebenbei, gewissermaßen als ein Symbol dieser ganzen irrsinnigen Heiraterei.«

»Wieso irrsinnig?« frage ich sanft. »Ich habe noch nie eine Heirat gesehen, die – wenigstens von einer Seite aus – von so idealer Vernünftigkeit getragen war wie diese. Man könnte sagen, Herz und Verstand halten sich bei Franz die Wage, und sieht fast die zwei gleichstehenden Schalen vor sich. Von Gertruds Seite muß übrigens wirklich nur leidenschaftliche Liebe vorliegen, denn soviel ich mir auch den Kopf zerbreche, sogenannte Verstandesgründe für diese Heirat sind nicht aufzufinden.

Aber Paulsen, Sie können sagen, was Sie wollen und lächeln, wie Sie wollen, für euch Männer gibt es ja allerlei Glücksmöglichkeiten und allerlei Arten von Vernunftheiraten, aber für uns gibt es nur eine Art von Glück und nur eine Vernunftheirat, und das ist die Heirat aus Liebe.«

Paulsen lächelt grimmig: »Es gibt für euch Frauen nur einen absolut sicheren Weg zum Unglücklichwerden: das ist eine Heirat aus sogenannter leidenschaftlicher Liebe. Mit einem ungeliebten oder gleichgültigen Mann kann eine Frau ja ein ähnliches Ziel erreichen, aber der Weg ist nicht halb so sicher. Da gibt es noch Seitenpfade, in die sie abbiegen kann, womit ich nicht allein die illegitimen gemeint haben will. Frauenstimmrecht und Wohlfahrtspflege sind sogar extra dazu angelegte, gesellschaftlich sanktionierte Nebenstraßen. Für die leidenschaftlich liebende Frau gibt es aber keine Nebenstraßen, ihr Weg führt direkt und unbedingt in die Hölle.«

»Ja, Paulsen, denn eure Unzulänglichkeit schreit zu Himmel und Hölle. Aber selbst wenn Sie die Liebe als Vernunftgrund verwerfen, so müssen Sie doch zugeben, daß sie das einzig anständige Motiv zur Eheschließung ist.«

Aber Paulsen ist heute durchaus nicht in der Zugebelaune und erklärt verbissen:

»Ich will Ihnen etwas sagen, gnädige Frau, es gibt nur eine anständige Art von Liebe, und das ist die, von der's im Volksliede heißt: ›Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß‹, nämlich die heimliche, von der ›niemand nichts weiß‹. – Und wenn zwei Menschen es über sich gewinnen, mündlich und schriftlich und mit Blicken und Mienen stolz vor aller Welt zu verkünden, daß sie einander leidenschaftlich lieben und deshalb heiraten wollen, so nenne ich das eine unanständige Handlung. Von geschmackvollen Menschen sollte man verlangen dürfen, daß sie, wenigstens der Welt gegenüber, die Komödie der Vernunftehe aufrechterhalten.«

Hier muß ich so herzlich lachen, daß Paulsen mich durch seinen Kneifer erstaunt betrachtet, denn ihm ist's, wie immer, bitter ernst.

»Paulsen,« sage ich, »haben Sie wirklich keine Ahnung davon, wie viele Komödien uns durch diese Komödie erspart blieben? – Aber bis jetzt haben Sie nur um die Sache herumgeredet und mir immer noch nicht erzählt, warum Sie gerade heute Ihre Grantigkeit so wenig bändigen konnten, daß sie schon auf der Treppe mit Ihnen durchging? Und was sollte das heißen: ›Eine schöne Leich'‹?«

»Nun, das soll heißen, daß wir heute unseren guten Franz Lindner mit Harmoniumklängen und Feierreden sanft eingesargt und begraben haben. Nicht nur für uns, was selbstverständlich und nicht von Bedeutung ist, sondern auch für die Welt, und – wie ich fürchte, für ihn selbst.«

»Für einen Toten fand ich ihn unverhältnismäßig zufrieden und glücklich aussehend,« bemerke ich etwas trivial, und Paulsen fährt denn auch auf: »Ein Mann und noch dazu ein Künstler, der mit fünfundzwanzig Jahren zufrieden und glücklich aussieht, der gehört unbesehen zu den Toten, denn er ist das jämmerlichste von allen Geschöpfen.«

»Lieber Freund,« sage ich beschwichtigend, »ich hoffe, daß das nur einer Ihrer bekannten rethorischen Superlative ist, die wirklich immer superlativischer und rethorischer werden.«

Aber Paulsen schüttelt den Kopf. »Alles darf ein Künstler wollen,« sagt er nachdrücklich, »das Höchste und das Niedrigste, das Edelste und das Gemeinste, nur das armselige Glücklichsein, das darf er nicht wollen, das muß er den Philistern und den Weibern überlassen, sonst hat er ausgespielt – versungen und vertan.«

»Ich verstehe das nicht,« antworte ich. »Sollte eines Mannes großes, vielleicht überschwängliches Glück nicht auch Kunstwerke schaffen helfen?«

»Glück!« sagt Paulsen und verzieht das Gesicht, als habe er unversehens auf ein Pfefferkorn gebissen. »Nehmen Sie bitte das Wort einmal in die Hand, wie Schnee wird's darin zerfließen.«

Ich schüttle langsam den Kopf, aber er fährt fort: »Jawohl, ich kenne allerlei angenehme Dinge, die dem Glück zum Verwechseln ähnlich sehen. Erstens und vor allem befriedigte Eitelkeit, dann vielleicht noch Sorglosigkeit und Behagen. Ich kenne auch allerlei Räusche, aber immer, wenn man Glück dazu sagen will, zerfließen sie wie Schnee zu Wasser und zu Dreck. – Nein, das sogenannte überschwängliche Glück hat noch keine großen Werke geschaffen, und wenn dazu überhaupt ein Empfinden helfen kann, dann kann es nur ein überschwängliches Leid. Aber im allgemeinen bin ich der prosaischen Ansicht, daß die großen Werke keine Stimmungsprodukte sind, sondern Arbeitsprodukte.«

Wir schweigen einen Augenblick, dann fügt er hinzu: »Und wer arbeiten will, muß die Arme frei haben und ohne Verantwortung sein oder ohne Gewissen. Und wenn Kraft dazu gehört, die Einsamkeit zu ertragen, so gehört Größe dazu, sich als Künstler in der Zweisamkeit zu behaupten, die man bürgerliche Ehe nennt, und die meist alles andere als nur Zweisamkeit bedeutet.«

»Mag sein,« antworte ich nachdenklich. »Aber glauben Sie nicht, daß die Unzufriedenheit und innere Einsamkeit, die Ihnen zum Künstlertum unerläßlich scheinen, bei Franz schnell wieder die Oberhand gewinnen werden, sobald das Neue, das ihn jetzt noch berauscht wie alles Neue, alltäglich geworden ist?«

»Vielleicht,« nickt Paulsen. »Nur daß es dann nicht mehr die rechte Unzufriedenheit ist und nicht mehr die rechte Einsamkeit. Nicht mehr das Leid, das den Menschen erhebt, indem es ihn zermalmt. – Es wird die ganz alltägliche Qual sein, die einen feinnervigen Menschen im Zwang des immerwährenden Beisammenseins mit einem anderen zerreiben muß. Wie ja überhaupt die Frage, ob jemand in der Ehe unglücklich wird oder nicht, immer nur die Frage ist, wieviel er aushalten kann, im letzten Grund also nichts anderes als eine Nervenfrage.«

Ich nicke und lächle vor mich hin, denn Paulsens Art, die kompliziertesten Dinge auf die einfachste Formel zu bringen, amüsiert mich immer von neuem.

»Übrigens,« fährt er fort, »ist diese Frage absolut nebensächlich, und es ist möglich, daß wir Franzens Anpassungsgabe und Nervenstärke unterschätzen; vielleicht wird er sich bald wohl fühlen in der Philisterei, die er dann vornehmes Bürgertum nennen wird oder so ähnlich. Denn Leute, die ein bißchen journalistisch verseucht sind, finden bekanntlich immer ein rettendes Wort.«

Wir sind an der Alster angelangt und gehen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis ich endlich ein wenig kleinlaut frage: »So wäre also für den Künstler die Frage, glücklich oder unglücklich verheiratet? immer nur die Frage nach dem kleineren Übel und eine ungelöste, wie mir scheint.«

Paulsen nickt zerstreut und deutet nach der sonnenglitzernden Alster und den Gärten rechts und links, von denen der Duft herüberstreift.

»Da ist er wieder, der große Betrüger,« sagt er, »dem wir in unserer Dummheit jedes Jahr von neuem auf den Leim gehen.«

Ich sehe ihn fragend an, und er fährt grimmig fort: »Oder hat Ihnen der Frühling vielleicht schon einmal gehalten, was er Ihnen versprochen hat?«

»Nein, Paulsen,« sage ich, »er hat mir noch nie gehalten, was er mir versprochen hat. Aber vielleicht nur deshalb nicht, weil ich nie dumm genug war, ihm ganz zu glauben.«

»Tja, ja,« nickt Paulsen, und sein Gesicht verzieht sich wieder zu der wehmütig-spöttischen Grimasse, und nach einer kleinen Pause noch einmal langsam: »Tja, ja.«

»Ich weiß, Paulsen,« sage ich seufzend und reiche ihm die Hand zum Abschied, denn wir sind vor meinem Hause angelangt. »Ich weiß es schon lange, das Dümmste, was wir haben, ist allemal unser Verstand!«

Von klugen und törichten Jungfrauen,
himmelblauen Kleidern und schlechten
Gewohnheiten

Dufaure und ich laufen durch den Wald, das heißt wir laufen nicht so, wie die Kinder laufen, obwohl wir's gerne möchten, aber wir gehen auch nicht so kur- und promenadenmäßig, wie sich's für verheiratete und ernst zu nehmende Leute ziemt. Denn wir sind beide ungeduldig. Wir haben schon viel zu lange bei der Table d'hote stillsitzen müssen, und während die anderen Gäste in ihren Liegestühlen schmökern und gähnen, kommt über uns beide manchmal das fast unbezwingliche Verlangen, ziellos in der Welt herumzulaufen.

»Fast so, als ob wir vor etwas davonrennen müßten, dem wir doch nicht entgehen werden,« sagt Dufaure, und ich nicke nur und spreche dann weiter über das vorher begonnene Thema und höre plötzlich ganz erstaunt mir selbst zu, als wär's ein fremder Mensch, der da voll Eifer Vorträge über Kindererziehung und Volksaufklärung hält.

Und mitten drin fragt Dufaure ruhig und sanft: »Wollen wir nicht lieber von etwas sprechen, was Sie interessiert?«

Da lache ich und sage: »Sie sind ein feiner Seelenkenner, Hänschen Dufaure. Mir ist's wirklich im Moment vollkommen gleichgültig, ob das Volk aufgeklärt wird oder dumm bleibt.«

»Mir nicht,« sagt er, »aber ich glaube, selbst wenn Ihnen ernstlich darum zu tun wäre, kämen wir der Lösung nicht näher, solange Sie solchen Kuddelmuddel darüber reden wie eben jetzt. Denn – Verzeihung, das haben Sie wirklich getan.«

»Ach Hänschen,« seufze ich, »es ist doch unglaublich gleichgültig, was man redet. Wenn man nur nicht zu denken braucht.«

»Merkwürdig,« sagt er kopfschüttelnd, »diese Maßnahme der meisten, selbst der klügsten weiblichen Wesen, beim Sprechen das Denken auszuschalten! Übrigens begreife ich nicht, was es für Gedanken sein können, die Sie so quälen, denn daß Sie sich über die Kinder- und Volkserziehung keine Sorge machen, ist mir soeben klar geworden, während Sie so leidenschaftlich darüber sprachen.«

Und da ich schweige, fährt er fort: »Wenn ich ganz ehrlich sein soll, glaube ich überhaupt nicht, daß Sie sich über irgend etwas in der Welt Kummer machen. Mir scheint es so, als ob das Leben vor und hinter Ihnen läge wie ein schöngepflegter Park, durch den Sie in wundervollen himmelblauen Gewändern wandeln. Und über Ihnen schwebt so etwas wie ein Schutzgeist, der paßt auf Ihre himmelblauen Gewänder auf.«

»Hänschen,« sage ich, »Sie sind wirklich nicht dumm.«

»Wie hübsch, daß Sie das finden,« antwortet er, »noch hübscher, daß Sie's so überzeugend sagen, denn ich halte mich manchmal für verzweifelt dumm. Ja, wenn ich uns zwei so betrachte, scheint mir's immer, als wären wir die lebendige Illustration zu der Geschichte von der klugen Jungfrau und dem dummen Hans. – Sie kennen doch die Geschichte?«

»Nein,« sage ich, »aber mir scheint, Sie werden sie gleich erzählen, sie brennt Ihnen schon auf der Zunge.«

»Nur den Anfang,« sagt er zögernd, »denn die Geschichte hat noch keinen Schluß.«

»Sie wird auch keinen bekommen,« sage ich.

Und dann sehen wir uns einen Augenblick an, und dann frage ich, ob er gute Nachrichten von zu Hause habe.

»Ich danke,« sagt er, »die Kinder kommen täglich an die Luft und sehen gut aus. Und Baby hat jetzt den zweiten Zahn, und die Amme will fortgehen. Und der Große hat gestern zweimal gehustet, aber der Doktor sagt, es ist nichts. – Ich nehme an, daß Sie sich hierfür brennend interessieren.« – »Nicht so sehr für die Details,« antworte ich, und wir gehen eine Weile schweigend nebeneinander her, bis er plötzlich fragt:

»Wird Ihnen das Kleid nicht über, wenn Sie es immerfort tragen?« – »Welches Kleid?« frage ich erstaunt. – »Das himmelblaue,« antwortet er.

»Mein Gott, ob es mir über wird!« seufze ich. »Aus dem himmelblauen Gewand ist ja schon richtig eine Zwangsjacke geworden! Aber was nützt's, wenn ich auch heraus will, mein Schutzgeist zieht mir's immer wieder über den Kopf, und so hab' ich mich abgefunden und werde himmelblau ins Grab steigen, verlassen Sie sich darauf, Hänschen.«

»Daran glauben Sie also wie an ein unabwendbares Fatum, das Ihr Leben bestimmt?«

»Ich glaube, daß unsere Natur das Fatum ist, das unser Leben bestimmt, – ein unentrinnbares Fatum.«

»Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,« zitiert er, »aber wie wird es, wenn unsere Natur in Konflikt gerät mit der Natur und dem tiefsten Wesen eines anderen, das doch für ihn ebenso lebenbestimmend sein muß wie unseres für uns? Wenn zum Beispiel ein Mensch, der, sagen wir, vom Gesetz der Trägheit regiert wird, – ja, jetzt lachen Sie –,« unterbricht er sich, »aber seien Sie ehrlich: Heißt das, was wir Schutzgeist und Natur und Fatum nannten, nicht wirklich so ähnlich wie Trägheit?«

»Nennen Sie es so, wenn Sie wollen,« antworte ich, »und wenn Sie noch einen Namen dafür brauchen. Die meisten Menschen finden sich ja leichter mit einer Erscheinung ab, sobald sie erst einen Namen dafür gefunden haben. Und so hoffe ich, daß Sie sich endlich mit meiner Trägheit abfinden werden.«

»Hoffen Sie das ernstlich?« fragt er, und wir stehen einen Augenblick still und sehen einander in die Augen.

»Ja,« sage ich.

»Nein,« sagt er, »Sie hoffen es nicht, und Sie glauben es auch nicht. Denn Sie wissen, ich gehöre nicht zu den Menschen, die sich abfinden und sich abfinden lassen. –«

»Ich hoffe es doch,« antworte ich, »denn niemand kann mit dem Kopf durch die Wand, – es sei denn, er gehörte zur Kategorie derer, mit denen man Wände einrennt, und dazu habe ich Sie nie gezählt. – Aber jetzt sagen Sie mir bitte, wann wir heute Tennis spielen wollen. Vor sechs Uhr ist es gewiß zu heiß und um sieben geht es schon wieder zu Tisch.«

Statt aller Antwort fragt Dufaure: »Haben Sie eigentlich nie geritten?«

»Nein,« antworte ich, ein bißchen erstaunt, wie immer über seine sprunghafte Art. »Sie wissen ja, daß ich eine unnatürliche, ich möchte fast sagen eine traumartige Angst vor Pferden habe.« –

»Dann kennen Sie vielleicht auch nicht die eigentümliche Scheu, die manchmal ganz plötzlich und aus unaufgeklärten Gründen so ein Tier befällt. – Stellen Sie sich vor: es geht seelenruhig und brav bis zu einer bestimmten, ganz harmlosen Stelle. Aber an dieser Stelle macht es plötzlich kehrt, und keine Mühe, kein Schmeicheln und Drohen kann es bewegen, weiter als bis zu diesem Punkt zu gehen.«

»Ich habe schon davon gehört,« antworte ich, »und die Lösung dieses Rätsels wäre vielleicht ein wertvoller Beitrag zur Erforschung des pferdlichen Seelenlebens. Mir scheint sie übrigens nicht so schwierig wie Ihnen. Vielleicht ist der Punkt, vor dem die Scheu besteht, doch nicht ganz so harmlos wie Sie glauben. Es ist ja nicht gesagt, daß zwei Wesen darin gleich empfinden müssen.«

»Und wenn es nun gerade die Gefahr ist, die den Reiter lockt, wenn er nun gerade den Widerstand überwinden und diese – meinetwegen nicht harmlose Stelle erreichen will. Was dann?«

»Ja, was dann?« sage ich, »Sie sind ja Reiter, lieber Freund, nicht ich. Wäre ich der Reiter, dann umginge ich vielleicht die gefährliche Stelle – vielleicht, sage ich.«

»Das ist kein Heldenstück,« spottet er, »weder das Umgehen noch das Vielleichtsagen. Und wenn nun das andere ›Vielleicht‹ einträte, und Sie nicht so besonnen und weise wären, nicht so ganz kluge Jungfrau, was machten Sie dann?«

»Dann, ja dann machte ich wahrscheinlich eine große Dummheit, bei der ich den Kopf riskierte, oder doch wenigstens den Kragen, was auch peinlich sein kann.«

»Und das schöne himmelblaue Gewand, – ja, das wäre bitter.«

»Nein, Hänschen,« sage ich, »bitte zu bedenken, daß ich als Reiter kein himmelblaues Kleid trüge und also weit weniger zu riskieren hätte als die kluge Jungfrau, die außerdem bekanntlich noch eine kleine Öllampe in der Hand trägt, deren Licht sie treulich hütet. Ich glaube, so etwas kommt in der Bibel vor, und ich habe diese klugen Öllampenjungfrauen von jeher verabscheut.«

»Ja, nicht wahr?« sagt Dufaure ordentlich glücklich, »Sie finden also auch, daß Lampen, die nicht im richtigen Augenblick verlöschen, so recht eigentlich ihren Zweck verfehlt haben.«

»Ich möchte mir hierüber noch kein abschließendes Urteil gestatten,« antworte ich, »besonders deshalb nicht, weil der rechte Augenblick immer eine strittige Frage sein wird. Was aber die klugen Jungfrauen im Leben betrifft, so bin ich unbesorgt, denn ich habe die tröstliche Erfahrung gemacht, daß es gar keine gibt. Sogar unsere Tischgenossin, die alte und magenleidende Tante, die es so genau mit ihrer Diät nimmt, und die ich deshalb für das Ideal einer klugen und enthaltsamen Jungfrau hielt, hat neulich, als ihr der Lachs gereicht wurde, tief und schmerzlich aufgeseufzt: ›Einmal im Leben möchte ich mit gutem Gewissen sündigen dürfen.‹«

Wir lachen beide, und Dufaure behauptet, daß er das gute Gewissen von jeher für eine Erfindung der alten und magenleidenden Tanten gehalten habe.

»Haben Sie noch nicht bemerkt, daß es immer und ewig recht haben will, genau so wie die alten Tanten?« fragt er.

»Es hat auch immer recht,« antworte ich, »denn es spricht nur, wenn es recht hat, und das unterscheidet es von allen alten Tanten der Welt.«

Und nach dieser Feststellung setzen wir uns auf einen kleinen Rasenabhang und rauchen und starren in die Luft.

Auf einmal fragt Dufaure: »Spricht Ihr Gewissen nicht schon seit drei Wochen unaufhörlich mit Ihnen?«

»Nein,« sage ich und starre weiter in die Luft.

»Dann muß es recht gut erzogen sein,« behauptet er.

»Finden Sie, daß ich so in Sünden wate?«

»Nun,« antwortet er, »die äußere Korrektheit bedeutet oft nichts als die Inkorrektheit des Herzens. Aber vielleicht reagiert Ihr Gewissen nicht auf Unterlassungssünden.«

Ich muß unwillkürlich lächeln: »Worunter also in diesem Fall meine unterlassenen Sünden zu verstehen wären.«

Und da er mich schweigend und mit einem eigensinnigen Ausdruck ansieht, kann ich nicht anders, als ein altes Kinderlied zitieren, und ich sage leise in seine flackernden Augen hinein: »Hänschen, Hänschen, sei gescheit!«

»Ja,« antwortet er zwischen den Zähnen und, plötzlich aufspringend: »Weiß auch nicht, welcher Teufel mich manchmal packt und Ihnen den Spaziergang durch die himmelblauen Gärten stört.«

Mir kommt plötzlich eine drollige Kindheitserinnerung, und während wir weitergehen erzähle ich ihm:

»Als meine Schwestern und ich noch klein waren, hatten wir mal ein sonderbares Spielzeug. Daran muß ich jetzt denken, vielleicht weil Sie gerade vom Teufel sprachen. Es war ein sehr hübscher, harmlos aussehender Kasten, dessen Schloß schwer zu finden war. Und während man danach suchte, berührte man jedesmal eine geheime Feder, der Kasten sprang auf, und ein kleiner Teufel flog heraus. – Und wir erschraken jedesmal zu Tod, und einmal habe ich sogar vor Schrecken geweint. Und wir hatten es doch vorher gewußt, daß der Teufel darin saß und hätten doch die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können.«

»Ja,« sagt Dufaure, »wir hätten ja die Hände von dem gefährlichen Spielzeug lassen können. – Daß es nicht geschah, trotz des besseren Wissens, bestätigt mal wieder meinen schönen, aber traurigen Satz: ›Klugheit schützt vor Dummheit nicht.‹ Übrigens vermute ich, daß Ihre Tränen schnell getrocknet waren. Es gibt ja so viele Spielsachen auf der Welt, und der Teufel sitzt nicht in allen.«

»Sicher war ich schnell getröstet,« antworte ich, »besonders, weil ich als Kind oberflächlich genug war, nicht hinter jeder harmlosen Sache eine tiefe Symbolik zu wittern.«

»Verzeihen Sie,« sagt Dufaure, »die Symbolik lag hier so nahe. Aber um Sie zu versöhnen, will ich Ihnen auch etwas aus meinem Kinderleben erzählen, wenn Sie es hören wollen.« Ich nicke und er erzählt:

»Ich hatte als Kind neben vielen schlechten Gewohnheiten eine, die besonders fatal und gefährlich war, nämlich die Gewohnheit, mich immer selbst zu sehen und zu hören. Ich ging immer gleichsam neben mir her und beobachtete mich. Anfangs mag es eine gewollte Spielerei gewesen sein, aber dann wurde es zur Gewohnheit und schließlich zum Zwang. – Auch daß ich mich beobachtete, beobachtete ich und so immer weiter, so daß es war, als stünde ich zwischen zwei Spiegeln, die sich ineinanderspiegeln und in denen man sich unheimlicherweise in einer endlosen Reihe sitzen, stehen und bewegen sieht. Sie können sich nicht denken, wie qualvoll das war – und noch ist, denn es ist noch nicht vorbei. Noch keine Erregung, noch kein Erlebnis war stark genug, mich in mir selbst zu verlöschen, mich von mir selbst zu erlösen.«

Dufaure schweigt einen Augenblick und setzt dann langsam hinzu:

»Und ich sehne mich nach dieser Erlösung. Ich möchte mich selbst verlieren, – einmal im Leben.«

Wir stehen auf der kleinen Brücke und sehen hinunter, und unsere Hände liegen auf dem Gitter nahe beieinander, aber nicht so nahe, daß sie sich berühren. Und plötzlich sage ich in die Stille hinein, fast ohne es zu wissen und zu wollen, und meine Stimme klingt wie dünnes Glas, das im nächsten Augenblick zerbrechen kann:

»Ich möchte mich selbst finden, – einmal im Leben.«

Und dann sprechen wir gar nichts mehr. –

Von Märchen und Masken

Ein unbeschreiblicher Reiz liegt über der Alster, wenn sie an warmen Sommerabenden mit unzähligen kleinen Fahrzeugen übersät ist, wenn die Ruder- und Segelboote, Punts und Kanus lustig durcheinanderschießen, und junge Gestalten in bunten Sportgewändern einander zurufen und nicken und plaudern und lachen und flirten, als wäre die Welt ein großer Festplatz und Leben der entzückendste Sport.

Aber ein anderer, feinerer Reiz liegt über der Alster, wenn man an lieben Sommermorgenden langsam durch ihre stillen Kanäle fährt. Gärten rechts und links, Weiden, deren Zweige bis ins Wasser hängen, Schwäne, die sich langsam dem Boot nähern, und die ein leichter Ruderschlag wieder vertreibt. Hier und da Kinder in den Gärten und ein kleiner Hund, der ans Ufer kommt und bellt. Und wir gleiten an all dem vorbei, und es ist wie im Märchenland.

»Andersens Märchen,« sage ich, und Erich Halpern sieht nach dem Ufer hinüber und nickt. Er sitzt an der Spitze des Punts, in weißem Sportanzug mit bunter Krawatte und braunem Wildledergürtel, frisch, klug und hamburgisch aussehend. Langsam und wie zum Spiel läßt er das leichte Ruder durchs Wasser gleiten, während ich mir am Boden des Fahrzeuges zwischen den unzähligen bunten Kissen und Polstern mein bequemes Lager hergerichtet habe. –

»Hier müßte man Märchen erleben,« sagt er lächelnd.

»Märchen erlebt man nicht,« antworte ich ein bißchen faul und blicke den Wölkchen meiner Zigarette nach, »man erzählt sie höchstens seinen Freunden.«